Karl Abraham 1877-1925 1926-081/1926

Jones, Ernest, Freud, Sigmund (1926-081/1926): Karl Abraham 1877-1925

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    Karl Abraham

    1877—1925

    Es kann kein Zweifel sein, daß der Tod Karl Abrahams der härteste
    Schlag ist, der bisher die Psychoanalyse getroffen hat. Wir haben eine
    ganze Anzahl anderer wertvoller Mitarbeiter verloren, auch einen Gruppen-
    präsidenten, deren Namen unsere Erinnerung immer festhalten wird. Die
    psychoanalytische Bewegung hat Schicksalsschläge von anderer Art erfahren,
    bei einem derselben auch einen Präsidenten eingebüßt. Aber bei aller Ein-
    schätzung dieser Verluste dürfen wir doch sagen, keiner von ihnen bedeutete
    für die Psychoanalyse dasselbe wie der jetzt von uns Betrauerte. Denn
    Karl Abraham war zugleich ein Meister der Theorie und der Praxis
    unserer Wissenschaft, einer der ersten Eroberer auf unserem Forschungs-
    gebiet, ein Führer und Organisator höchster Ordnung, ein treuer Freund,
    Mitarbeiter und Helfer für alle. Die nachfolgende Darstellung seines Lebens
    und seiner Tätigkeit soll zeigen, welche Gründe wir haben, seinen Verlust
    so schwer zu empfinden.

    *

    Sein Lebenslauf gestaltete sich in folgender Weise: Er wurde am 3. Mai
    ı877 in Bremen geboren, war also erst 48 Jahre alt, als er starb. Er
    stammte aus einer alten jüdischen Familie, die durch lange Zeiten in ver-
    schiedenen Städten Norddeutschlands geblüht hatte. Er hatte einen älteren
    Bruder, aber keine Schwester. Den Schulunterricht genoß er in seiner
    Heimatstadt bis zum Jahre 1896 und wandte sich dann der Medizin zu.

    In seinen späteren Schuljahren entwickelte Abraham eine besondere
    Neigung zur Philologie und vergleichenden Sprachkunde. Wenn es die
    Umstände gestattet hätten, hätte er sich wahrscheinlich diesen Studien
    ausschließlich gewidmet, sein Interesse für sie hielt durch sein ganzes
    Leben an, und sicherlich verfügte er über eine ungewöhnliche Begabung
    in dieser Richtung. Er beherrschte außer seiner Muttersprache Englisch,

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    Spanisch, Italienisch und Raeto-Romanisch, er führte Analysen in den
    ersten beiden dieser Sprachen durch und konnte seinen Vortrag auf dem
    Internationalen Psychologischen Kongreß zu Oxford frei in Englisch halten.
    Er besaß aber auch eine ziemliche Kenntnis des Dänischen, Holländischen
    und Französischen, die er in seiner Kindheit sprechen gehört hatte. Er
    war durchaus vertraut mit der altklassischen Literatur und während der
    Gymnasialstudien seiner Kinder benützte er die Gelegenheit, seine Bezie-
    hungen zu ihr wieder zu beleben. Jeder, der den Kongreß im Haag, ı920,
    mitgemacht hat, wird sich der Überraschung erinnern, als Abraham die
    Gäste in einer wohlgesetzten lateinischen Rede begrüßte. "
    Er verfolgte seine medizinischen Studien an den Universitäten Würzburg,
    Berlin und Freiburg i. Br. Die erste dieser Städte scheint er sehr lieb-
    gewonnen zu haben, wählte sie vielleicht darum zum Versammlungsort
    des ersten rein deutschen psychoanalytischen Kongresses. Sein Doktordiplom
    erhielt er 1901 an der letztgenannten Universität. Während der Studienzeit
    fesselte die Biologie sein Interesse, was für seine spätere Arbeit und für
    seine ganze wissenschaftliche Einstellung entscheidend wurde. Von Freiburg
    aus machte er seine erste Bekanntschaft mit der Schweiz, welches Land er
    später vor allen anderen lieben lernte. Die Leute in der Schweiz und ihre
    Lebensweise erregten sein Wohlgefallen, aber wahrscheinlich zogen ihn
    in erster Linie die hohen Berge an als ausgesprochener Gegensatz zu den
    Niederungen seiner Heimat. Er wurde, sobald sich ihm die Gelegenheit
    dazu bot, ein leidenschaftlicher Alpinist und unternahm eine ganze Anzahl
    von erstklassigen Bergbesteigungen. Ganz wie Segantini, der kurz vor
    Abrahams erster Reise nach der Schweiz gestorben war, und dessen
    Persönlichkeit ihn so mächtig gefesselt hat, zog er das Oberengadin allen
    anderen Örtlichkeiten vor, und er kehrte immer wieder und wieder dorthin
    zurück. Noch seine letzten Ferien im Sommer ı925, von denen wir alle so

    viel Erholung für ihn erhofften, verbrachte er dort und konnte um diese,

    Zeit noch mehrere ziemlich anstrengende Touren durchführen. Es war ein

    "langgehegter Wunsch von ihm, sich dort oben — in der Nähe von Sils
    Maria — ein Häuschen zu bauen, und der letzte Brief, den er geschrieben,
    beschäftigte sich noch mit dieser Absicht.

    Noch während er in Freiburg war, bemühte er sich um eine Anstellung
    im Burghölzli bei Zürich, einerseits um so in die von ihm geliebte Schweiz
    zu kommen, anderseits aber weiler mit Bleulers psychiatrischen Arbeiten
    bekanntgeworden war und sie besonders hoch einschätzte. Er mußte indes
    einige Jahre warten, bevor dieser Wunsch in Erfüllung gehen konnte und
    nahm zunächst im April ı901 den Posten eines Assistenzarztes in der Ber-
    liner Irrenanstalt Dalldorf an. Er arbeitete dort durch nahezu vier Jahre und

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    Karl Abraham 157

    erwarb sich ein gründliches Wissen in der klinischen Psychiatrie. Seinem
    dortigen Chef, Prof. Liepmann, bewahrte er auch später große Achtung.
    Zwei wissenschaftliche Arbeiten aus jener Zeit beziehen sich auf Liep-
    manns eigenstes Gebiet, das der Aphasie und Apraxie. Im Dezember 1904
    erhielt er zu seiner großen Befriedigung eine Stellung am Burghölzli mit
    dem Titel eines Assistenten der Züricher Psychiatrischen Klinik. Dort erfuhr
    sein Interesse die endgültige Richtung auf die Psychologie und dort wurde
    er durch Bleuler und Jung mit den Veröffentlichungen von Freud
    bekannt. Aus dieser Zeit rührt auch sein erster Beitrag zur Psychoanalyse,
    ein Vortrag auf der Jahresversammlung der Deutschen Psychiatrischen
    Gesellschaft in Frankfurt /9/. Der Zufall wollte, daß er achtzehn Jahre
    später in der nächsten Nähe derselben Stadt zum letztenmal vor der
    Öffentlichkeit erscheinen sollte, als Präsident des IX. Internationalen Psy-
    choanalytischen Kongresses,

    In die gleiche Zeit fällt auch ein anderes Ereignis, welches zur Haupt-
    quelle seiner für ihn so charakteristischen Lebensbejahung wurde und dem
    er zum großen Teile die Energie und ungeteilte Freudigkeit zu danken
    hatte, mit der er sich seiner Arbeit widmen konnte. Seine Anstellung in
    Zürich traf mit seiner Verlobung zusammen; nachdem seine Stellung dort
    sich immer mehr gefestigt hatte, konnte er im Januar 1906 an Heirat
    denken. Die Wahl seiner Lebensgefährtin erwies sich als eine außer-
    ordentlich glückliche; er fand in ihr eine Kameradin, die sein Leben bis
    ins Letzte mit ihm teilte und ihm an Frohsinn nicht nachstand. Ende
    des Jahres 1906 wurde ihnen in Zürich eine Tochter, wenige Jahre später
    in Berlin ein Sohn geboren.

    Abraham hatte gehofft, sich für ständig in der Schweiz niederlassen zu
    können, mußte aber bald einsehen, daß ein Ausländer dort wenig Aussicht
    auf eine regelrechte psychiatrische Karriere hatte. Er mußte sich also um
    eine andere Niederlassung umsehen. Sein Entschluß fortzugehen wurde
    sicher noch durch die unbehagliche Atmosphäre beschleunigt, die sich aus
    der Spannung zwischen Bleuler und Jung ergab. Er gab also im Novem-
    ber 1907 seine Stellung auf. In den gleichen Monat fiel auch sein erstes
    Zusammentreffen mit Professor Freud, den er in Wien aufsuchte; das
    letzte Zusammentreffen beider fand im August 1924 auf dem Semmering
    statt. Die Unterredungen, die damals zwischen ihnen stattfanden, zeitigten
    eine wichtige Arbeit /11/, auf die wir noch später zurückzukommen haben
    werden. Die damals angebahnten persönlichen Beziehungen entwickelten
    sich zu einer bis zum Ende ungetrübten Freundschaft. Abraham gehörte
    dem kleinen Kreise derjenigen an, die Professor Freud regelmäßig während
    seiner Sommerferien aufzusuchen pflegten. Bei einer dieser Gelegenheiten

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    organisierte er eine gemeinsame Reise in den Harz, eine ihm wohlvertraute
    Gegend.

    Im Dezember 1907 ließ Abraham sich in Berlin nieder und eröffnete
    seine psychoanalytische Privatpraxis. In der ersten Zeit fand er einige Unter-
    stützung durch Professor Oppenheim, dessen Frau mit ihm verwandt
    war, und arbeitete auch eine Weile an Oppenheims neurologischer Poli-
    klinik; ihre verschiedene Einstellung zu der Freudschen Lehre brachte
    aber in wissenschaftlicher Hinsicht bald eine Entfremdung der beiden Männer
    zustande. Eine dauerndere Unterstützung gewährte ihm dann Dr. Wilhelm
    Fließ, den Abraham einige Jahre später kennenlernte und sehr hoch
    einschätzte; Fließ hat sich auch in Abrahams letzter Krankheit an seiner
    Behandlung beteiligt.

    Abraham war also der erste wirkliche Psychoanalytiker in Deutschland
    geworden; die wenigen, die, wie Muthmann, Warda u. a., nur ein kleines
    Stück Weges mit der Freudschen Lehre gegangen waren, haben ja auf
    diesen Namen kaum ein Anrecht. Er begann sofort in privaten Zusammen-
    künften und Vorträgen im eigenen Hause andere Ärzte für seine Arbeit
    zu interessieren. Von allen jenen, die er zu dieser Zeit an sich zog, blieb
    aber nur ein einziger, Koerber, der Psychoanalyse bis zum heutigen
    Tage erhalten. Er versuchte auch einige Jahre hindurch, den Gegenstand
    in den Sitzungen der verschiedenen medizinischen Vereinigungen zu ver-
    treten, wobei er als Einzelner einer starken und feindseligen Opposition
    mit großem Mute und besonderer Standhaftigkeit Trotz bot. Trotz dieser
    Eigenschaften aber und trotz seines charakteristischen Optimismus mußte
    schließlich sogar Abraham die Aussichtslosigkeit eines solchen Unternehmens
    einsehen. Schon aber begannen bessere Zeiten anzubrechen. Im Herbst des
    Jahres 190g stieß Eitingon, der ebenfalls im Burghölzli gearbeitet hatte,
    in Berlin zu ihm; von da an hatte Abraham einen Mitarbeiter nach
    seinem eigenen Herzen.

    Im März des Jahres ıgıo wurde die „Internationale Psychoanalytische
    Vereinigung“ formell gegründet und im gleichen Monat die „Berliner
    Psychoanalytische Vereinigung“ gebildet. Sie war die erste der Zweig-
    vereinigungen, der dann im April und Juni die Wiener und Züricher
    Gruppe folgten; allerdings hatten in den beiden letztgenannten Orten
    zwanglose Gruppen schon lange vor der Berliner bestanden. Von den neun
    ursprünglichen Mitgliedern (unter ihnen Warda, der erste Arzt, der selb-
    ständig für die Freudsche Lehre eingetreten war) gehören heute nur
    mehr zwei, Eitingon und Koerber, der Gesellschaft an. Wir werden
    später noch Gelegenheit haben, auf die Bedeutung Abrahams für die
    Berliner Gruppe einzugehen, hier sollen nur einige einfache Tatsachen

  • S.

    Karl Abraham 159

    erwähnt werden. Er führte den Vorsitz in dieser Gesellschaft von ihrer
    Gründung an bis zu seinem Tode. Er widmete ihr seine beste Arbeitskraft
    und ihre Interessen standen jederzeit bei ihm obenan. Er war unermüdlich
    in seinem Zeitaufwand für sie, in seiner Tätigkeit als Führer und Kritiker.
    Fast alle seine wichtigen Arbeiten legte er zuerst der Vereinigung vor.
    Alles in allem hielt er in den ı5 Jahren seiner Präsidentschaft, von denen
    er einige infolge des Krieges und seiner Krankheit ferngehalten war, nicht
    weniger als 46 Vorträge; in einem Jahr allein (1923) zwölf. Seine Fähig-
    keiten als Lehrer und Heranbilder von Analytikern konnten sich auch
    außerhalb der Gesellschaft betätigen. Er führte eine ganze Reihe Lehr-
    analysen durch; zu seinen hervorragendsten Schülern zählen, außer einigen
    ältern Mitgliedern der Berliner Gruppe, Helene Deutsch, Edward Glover,
    James Glover, Melanie Klein, Sändor Radö und Theodor Reik. Als sich
    später zeigte, daß es gewisse Nachteile mit sich brachte, wenn die Mitglieder
    der Gruppe von ihrem Vorsitzenden analysiert werden, wurde diese Schwierig-
    keit in glänzender Weise dadurch gelöst, daß im Jahre ı920 Hanns
    Sachs nach Berlin übersiedelte und zum offiziellen Lehranalytiker bestimmt
    wurde, was für Abraham eine große Erleichterung bedeutete. Überdies
    pflegte Abraham in hingebender Weise die Vortragstätigkeit und erwarb
    sich auch in dieser Hinsicht große Verdienste in Berlin. Sein erster vier-
    wöchiger, im Rahmen der Vereinigung gehaltener Kurs wurde im März ıgıı
    abgehalten; von da an hatte er einen hervorragenden Anteil an allen von
    der Vereinigung, später vom Lehrinstitut veranstalteten Unterrichtskursen.
    Abraham beteiligte sich auch, wenn auch bei weitem nicht in dem
    Maße wie Eitingon, an der Gründung und Erhaltung der Berliner
    Poliklinik. Er beteiligte sich eifrig an der Auswahl der geeigneten Kandi-
    daten, der Ausbildung der Zugelassenen, insbesondere der Ausländer, und
    war in organisatorischen Angelegenheiten immer zur Hilfe bereit. Seine
    Zeit war natürlich zu sehr in Anspruch genommen, als daß er auch eine
    tägliche Arbeitsleistung am poliklinischen Institut hätte auf sich nehmen
    können.

    Ebenso intim waren auch Abrahams Beziehungen zur „Internationalen
    Vereinigung“. Er war einer von den fünf oder sechs Personen, die an
    allen bisher abgehaltenen Kongressen teilgenommen haben. Der erste
    Kongreß, im April 1908, wurde zwar von Jung einberufen, -umfaßte aber
    vorwiegend österreichisch-ungarische Mitglieder. Abraham war einer der
    drei „Ausländer“, die dort das Wort ergriffen (die anderen waren Jung
    und der Schreiber dieser Zeilen). Auf jedem Kongreß hielt er einen Vortrag,
    mit Ausnahme des letzten, auf dem er durch seine Krankheit behindert
    und die Pflichten seiner Präsidentschaft zu sehr in Anspruch genommen

  • S.

    160 Ernest Jones

    war. Dies ist eine Höchstleistung, in der ihm nur Professor Freud und
    Ferenczi gleichkamen. Diese acht Kongreßvorträge gehören zu seinen
    wertvollsten Beiträgen zur Psychoanalyse, wir werden sie bald alle zu be-
    sprechen haben, wenn wir an die Würdigung seiner wissenschaftlichen
    Arbeit gehen. Auf und nach dem Münchner Kongreß, ı913, führte er
    die Opposition gegen Jung und wurde nach dessen Rücktritt von den
    Beiräten der Internationalen Vereinigung bis zur Abhaltung des nächsten
    Kongresses zum provisorischen Präsidenten ernannt. Er hatte bereits alle
    Vorbereitungen zu einem Kongreß getroffen, der im September 1914 in
    Dresden stattfinden sollte; dann aber kam die große Störung durch den
    Krieg und er blieb interimistischer Präsident, bis der nächste Kongreß ı918
    in Budapest abgehalten werden konnte. Auf dem VII. Kongreß, ı922,
    wurde Abraham Sekretär der Internationalen Vereinigung, und 1924 auf
    dem VIII. Kongreß wählte man ihn unter allgemeiner Zustimmung zum
    Präsidenten, in welcher Würde er ein Jahr später auf dem IX. Kongreß
    einstimmig bestätigt wurde.

    Abraham gehörte auch zu den ständigen Mitarbeitern des „Zentral-
    blattes“ und der „Zeitschrift“ und von ıgıg an auch zur Redaktion der
    letzteren. Seine Tätigkeit beschränkte sich aber auf eine allgemeine Anteil-
    nahme an der Leitung und auf die Beistellung von Kritiken und Original-
    arbeiten. Nachdem Jung die Redaktion des Jahrbuches niedergelegt hatte,
    wurden Abraham und Hitschmann seine Nachfolger, die im Jahre 1914

    den VI. Band des Jahrbuches herausbrachten. Die Einstellung des Jahr-
    buches mit Kriegsausbruch machte dieser Tätigkeit ein Ende.

    Fast durch die ganze Dauer des Krieges diente Abraham in Allenstein
    in Ostpreußen als Chefarzt der Psychiatrischen Station des XX. Armeekorps.
    Die Erfahrungen, die er dort sammelte, verwertete er für seinen Beitrag
    zur Psychologie der Kriegsneurosen /57/ und auch zwei andere sehr wichtige
    Arbeiten [52, 54] stammen aus dieser Zeit. Der Krieg brachte ihm eine
    Schädigung seiner Gesundheit, die möglicherweise die letzte Ursache seines
    Todes wurde. Zu Ende seiner Dienstzeit zog er sich eine schwere Dysenterie
    zu, von der er sich nur langsam wieder erholte. Es stellten sich später immer
    noch Rezidive ein, das letzte im Frühling ı924. Aber dann schien seine
    Gesundheit endlich wieder hergestellt. Im Mai des letzten Jahres aspirierte
    er zufällig einen kleinen Fremdkörper, der vielleicht infiziert war. Denn
    etwa zwei Wochen später bekam er einen Anfall von septischer Broncho-
    pneumonie, der beinahe zum tödlichen Ausgang geführt hätte. Davon blieb
    ihm eine begrenzte Bronchiektasie, die sich nicht mehr zurückbildete.
    Nach einer mehrwöchentlichen Erholung im Engadin nahm er die Aufgabe
    auf sich, den Kongreß in Homburg zu leiten, aber dies ging offenbar über

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    Karl Abraham 161

    seine Kräfte. Er schien sich zwar im Herbst besser zu befinden, machte
    sogar Versuche, seine Berufsarbeit wieder aufzunehmen. Aber sein Zustand
    verschlechterte sich, es traten Komplikationen hinzu, die sich nicht auf-
    klären ließen, im November mußte er eine Klinik aufsuchen. Vierzehn
    Tage später wurde eine schwere Operation bei ihm unternommen, die nicht
    den gehofften Erfolg brachte. Seine Kräfte ließen allmählich nach, bis er
    am Weihnachtstag ı925 seinem Leiden erlag. Während seiner langen und
    schmerzlichen Krankheit scheint er niemals am günstigen Ausgang gezweifelt
    zu haben und machte optimistische Pläne bis zu seinem Ende. Seine Lebens-
    zähigkeit, die Stärke seines Willens und seine körperliche Elastizität waren
    ganz außerordentlich und setzten seine Ärzte in Erstaunen. Mehr als einmal
    schien es im Verlaufe seiner Krankheit unmöglich, daß eine menschliche
    Konstitution dem Ansturm des Leidens standhalten könnte. Aber sein Mut
    und sein Lebenswille hielten aus, bis er seinen letzten Atemzug getan hatte.

    *

    Um mir einen frischen und einheitlichen Eindruck von Abrahams
    wissenschaftlicher Leistung zu verschaffen, habe ich alle seine Arbeiten
    von neuem durchgelesen und versuche nun, Rechenschaft über sie zu geben.
    Bei einer solchen Überschau kommt es natürlich nicht darauf an, die ein-
    zelnen Aufsätze im Detail zu referieren. Meine Bemerkungen sollen sich
    sowohl auf die Quantität als auf die Qualität und den Inhalt derselben
    beziehen.

    Abraham war kein Vielschreiber und der Gesamtumfang seiner Ver-
    öffentlichungen ist weit geringer als man, wenn man ihre Bedeutsamkeit
    kennt, erwarten sollte. Seine gedruckten Publikationen (wobei seine nur
    mündlichen Mitteilungen außer acht gelassen werden) bestehen in vier
    kleinen Büchern mit zusammen weniger als 300 Seiten und 49 anderen
    Aufsätzen, die ungefähr 400 Seiten füllen. Hiezu kommt noch wenigstens
    eine nachgelassene Arbeit. Mehrere dieser Aufsätze sind nur ein oder zwei
    Seiten lang, nur fünf überschreiten die Anzahl von 20 Seiten. Diese Tat-
    sache hängt offenbar mit dem Charakter von Abrahams Schriften zusammen,
    der uns vielleicht am auffälligsten entgegentritt, mit der bemerkenswerten
    Knappheit und Präzision seines Stils. Abraham gebrauchte nie ein Wort
    zu viel, wenn er etwas zu sagen hatte, jeder Satz war voll von Sinn und
    dieser Sinn hatte seinen Ausdruck mit unzweideutiger Klarheit gefunden.
    Er hatte ein starkes Gefühl für das Greifbare, hielt sich strenge an die
    klinischen Tatsachen und ließ sich niemals in vage Spekulationen ein.
    Diese Eigenschaften im Verein mit einem ungewöhnlichen Maß von Ob-
    jektivität dienten ihm auch, wenn er die Arbeiten anderer kritisierte. Die

    Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse, XII/2. 2

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    162 Ernest Jones

    Sammelreferate, die von ihm herrühren /T5, 16, 51, 73], waren direkt
    Vorbilder ihrer Gattung und sind unschätzbar für den, der eine rasche
    Orientierung in der Psychoanalyse sucht. Dieselben Eigenschaften zeigte
    er auch in den Referaten für das Zentralblatt und für die Zeitschrift,
    welche keine Aufnahme in der Bibliographie gefunden haben. Abraham
    war ein Meister der Darstellung und ragte besonders hervor in der schwie-
    rigen Leistung der Mitteilung von Krankengeschichten. Wir wissen alle,
    wie mühselig es ist, sich in einen Fall hineinzufinden, über den ein
    anderer berichtet. Ein solcher Bericht fällt leicht so unvollständig aus,
    daß man nichts von ihm hat oder er ist so ausführlich und verwirrend,
    daß unsere Aufmerksamkeit erlahmt. Abrahams klarer und glatter Stil und
    sein Gefühl für das Wesentliche machten es ihm möglich, den Leser auf
    ein oder zwei Seiten in das Wesen eines Falles einzuführen und die
    klinischen Tatsachen, auf welche er seine Schlüsse stützte, waren immer
    ebenso interessant wie lehrreich. In der Gabe, etwas klar und anziehend
    darzustellen, fand er nur wenige unter den psychoanalytischen Autoren,
    die sich mit ihm messen konnten. Diese Vorzüge sind natürlich um so
    wertvoller, wo es sich um so verwickelte Sachverhalte handelt.

    Wenn wir uns nun zum Inhalt seiner Arbeiten wenden, so müssen wir
    bei der Schätzung ihrer Bedeutsamkeit immer den Zeitpunkt ihrer Ent-
    stehung in Betracht ziehen. Sehr vieles von dem, was er gelehrt hat, ist
    heute so sehr Gemeingut geworden, daß es uns schwer fällt, seine Origi-
    nalität zu erkennen. Aber das ist nur ein neuer Beweis für die durch-
    gängige Richtigkeit seiner Befunde. Man kann seine Schriften im allge-
    meinen in vier Gruppen teilen. Da sind zuerst jene bahnbrechenden
    Arbeiten, die ich eben angedeutet habe, z. B. „Die psychosexuellen
    Differenzen der Hysterie und der Dementia praecox“ /I1J, „Die psycho-
    logischen Beziehungen zwischen Sexualität und Alkoholismus“ /12/, „Die
    Stellung der Verwandtenehen in der Psychologie der Neurosen“ /13] und
    sein Buch „Traum und Mythus“ /r4/. Daran reihen sich eine Anzahl von
    schönen und formvollendeten Studien, klassische Arbeiten, die man immer
    wieder mit Vergnügen und Gewinn lesen wird, wie der Aufsatz „Über
    hysterische Traumzustände“ /77/, „Giovanni Segantini“ /30), „AmenhotepIV.“
    [34], „Über Einschränkungen und Umwandlungen der Schaulust“ /437,
    „Über Ejaculatio praecox“ /54/), „Zur Psychoanalyse der Kriegsneurosen“
    [5s7}, „Äußerungsformen des weiblichen Kastrationskomplexes“ /67J. An
    dritter Stelle seien angeführt jene seine originellsten Arbeiten, die wert-
    volle und dauernde Bereicherungen unseres Wissens bedeuten, wie die
    „Untersuchungen über die früheste praegenitale Entwicklungsstufe der Libido“
    [52] und seine zwei Bücher „Versuch einer Entwicklungsgeschichte der

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    Karl Abraham 163

    Libido auf Grund der Psychoanalyse seelischer Störungen“ /105/ und
    „Psychoanalytische Studien zur Charakterbildung“ /106/. Als vierte und
    letzte Gruppe fasse ich eine große Anzahl von kürzeren Artikeln zusammen,
    die alle unsere Kenntnis der psychoanalytischen Theorie und Praxis er-
    läutern, bestätigen oder erweitern.

    Wenn wir Abrahams Schriften als Ganzes überschauen, fällt uns vor
    allem deren außerordentliche Vielseitigkeit auf. Sie erstrecken sich über
    das ganze Gebiet der Psychoanalyse und lassen nur wenige Stellen des-
    selben unbeleuchtet. Selbst solche Themen, die er am seltensten behandelt
    hat, _ wie Homosexualität, Traumdeutung, Erziehung, werden in seinen
    Schriften über andere Dinge so häufig gestreift, daß man die Überzeugung
    gewinnen kann, auch hierin sei keines der in Betracht kommenden Probleme
    seinem Interesse entgangen.

    Die Reichhaltigkeit seiner Schriften läßt es zweckmäßig erscheinen, sie
    in verschiedene Gruppen einzuteilen. Unserer Absicht wird es genügen,
    fünf solcher Gruppen aufzustellen.

    I) Zur Psychologie der Kindheit mit Einschluß der kindlichen Sexua-
    Jität. — Die ersten zwei psychoanalytischen Arbeiten /9, 10/ Abrahams
    beschäftigten sich mit den infantilen Traumen. Er bemühte sich von allem
    Anfang an zu zeigen, daß nicht das Trauma an sich, sondern die Reaktion
    des Kindes gegen dasselbe das Entscheidende sei. Er wies nach, daß das
    wiederholte Erleben sexueller Traumen für manche Kinder geradezu eine
    Art ihrer Sexualbetätigung darstelle, eine Einsicht, die bis dahin den Psy-
    chologen ebenso wie den Kriminalisten entgangen war. In demselben
    Zusammenhang behandelte er unter besonderem Bezug auf die traumatischen
    Neurosen die unbewußten zur Selbstbeschädigung oder zur Tötung führenden
    Impulse gegen die eigene Person, ein Gegenstand, auf den er in der Folge
    wiederholt zurückkam. Diese Impulse würden wir heute vielleicht eher
    einer Feindseligkeit gegen das eigene Ich oder gegen ein aufgegebenes
    Objekt, das dem Ich einverleibt wurde, zuschreiben. Er führte sie auf
    unbewußten Masochismus zurück.

    Von diesen seinen ersten Schriften gehen wir direkt zu einigen seiner letzten
    und vielleicht bedeutsamsten analytischen Beiträgen über. Ich meine seine Ar-
    beiten über die praegenitalen Phasen der Libido. Schon im Jahre ı913 verrät
    uns der Titel einer Mitteilung an die Berliner PsA. Vereinigung /41J, daß die
    Beziehungen zwischen Nahrungstrieb und Sexualtrieb seine Aufmerksamkeit
    erweckt hatten; im Jahre ıgı6 folgte dann in derselben Richtung die
    Arbeit, die als eine seiner beiden glänzendsten Leistungen bezeichnet
    werden kann /52). Auf Grund eines erstaunlich reichen Beobachtungs-

    ı"

  • S.

    164 Ernest Jones

    materials, an dem er zeigen konnte, wie infantile orale Gewohnheiten
    sich bis in das späte Alter erhalten, in dem ihre erotische Natur durch
    direkte Selbstwahrnehmung bestätigt werden kann, gelang es ihm, Freuds
    Annahme einer oralen Phase der Libido vollauf zu bestätigen. Er ging
    von den Freudschen Begriffen „praegenital “und „kannibalistisch“ aus und
    bereicherte unsere Kenntnis dieser Entwicklungsphasen außerordentlich,
    insbesondere in Bezug auf die Erscheinungen, die sich im späteren Leben
    davon ableiten. Die wichtigen Beziehungen, die er zwischen Oralerotik
    einerseits und Schlaf und Sprache anderseits aufzeigte, sind in dieser Ver-
    bindung bemerkenswert. Viele Eßstörungen werden auf eine ähnliche
    Quelle zurückgeführt. Er unterschied zwischen den Fällen, in denen eine
    Trennung der zwei Formen der Mundbetätigung (Nahrungsaufnahme und
    Sexualität), die zuerst so eng verbunden sind, zustande gekommen war und
    jenen, in denen diese Verbindung bestehen blieb; er zeigte, daß die er-
    wachsenen Lutscher usw. zu der ersteren Gruppe gehören, d. h. sich in
    einem vorgeschritteneren Entwicklungsstadium befinden als die Personen,
    welche an neurotischen Störungen der Eßfunktion erkrankt sind. Die
    klinischen Teile dieser Abhandlung über manisch-depressives Irresein werden
    in einem anderen Zusammenhang später behandelt werden.

    Die Fortsetzung dieser Arbeit, welche, erst vor einem Jahre erschienen,
    die Form eines Buches /ro5/ annahm, bietet einen solchen Reichtum
    an Gedanken und Forschungsresultaten, daß ihr eine Inhaltsangabe nicht
    gerecht werden kann. Sie it Abrahams bedeutungsvollster Beitrag zur
    Psychoanalyse. Er teilt darin die drei Hauptstadien der Libidoentwicklung in
    je zwei Unterstufen: oral (1. Saugen, 2. Beißen); anal-sadistisch (1. Zerstören
    und Ausstoßen, 2. Beherrschen und Zurückhalten); genital (1. Partialbesetzung
    oder phallisch, 2. Objektbesetzung). Keine dieser Unterabteilungen ist ganz
    von Abraham gefunden worden; aber die eingehende, ausführliche Art, in
    der er sie analysierte und ihre genauen Verbindungen untereinander zeigte,
    bildet ein Meisterstück, für immer von hohem Rang in der psychoanalyti-
    schen Literatur. Mit van Ophuijsen gemeinsam klärte er die Probleme
    der Objektbeziehungen des Kindes auf der Saugstufe (Einverleibung, Aus-
    stoßung usw.) auf und warf überhaupt ein helles Licht auf die dunkeln
    Probleme des praegenitalen Sexuallebens.

    Unter den anderen Beiträgen zum Studium der Kindheit mögen erwähnt
    werden: sein Artikel „Einige Bemerkungen über die Rolle der Großeltern
    in der Psychologie der Neurosen“ /40/, „Psychische Nachwirkungen der
    Beobachtung des elterlichen Geschlechtsverkehrs bei einem neunjährigen
    Kinde“ /42, vgl. auch 43, II. Teil}, „Zur narzißtischen Bewertung der
    Exkretionsvorgänge in Traum und Neurose“ /63], und eine Reihe hübscher

  • S.

    Karl Abraham 165

    Beobachtungen über infantile Sexualtheorien /83, 94, 110, auch 38, 85
    und 93) gehören zu dieser Gruppe.

    I) Zur Sexualität. — Abrahams Interesse für die praegenitale Entwick-
    lung umfaßte auch das Studium der Partialtriebe, aus denen sich die Sexu-
    alität des Erwachsenen entwickelt. In einem frühen Artikel „Bemerkungen
    zur Analyse eines Falles von Fuß- und Korsettfetischismus“ /18] zeigte er,
    wie die Riech- und Schaulust, sowie sadistische Tendenzen einen komplizierten
    Verschränkungs- und Verschiebungsprozeß durchlaufen, bis sie zur Produk-
    tion einer manifesten Perversion führen.

    Sein längster Einzelaufsatz handelte „Über Einschränkungen und Um-
    wandlungen der Schaulust bei den Psychoneurotikern nebst Bemerkungen
    über analoge Erscheinungen in der Völkerpsychologie“ /43/. Auf Grund
    eines reichen Beobachtungsmaterials, auf welches er seine Folgerungen
    aufbaute, behandelt er hier die verschiedenen Formen der Angst und andere
    Störungen in Bezug auf die Sehfunktion, sowie die neurotischen Erkran-
    kungen des Sehorgans selbst. Er führte die neurotische Lichtscheu auf
    Verschiebungsvorgänge zurück, die von einer ambivalenten Einstellung zu
    den elterlichen Genitalien, besonders denen des Vaters, ausgehen; ein Fall
    von Hysterie und zwei Fälle von Dementia praecox werden in Verbindung
    damit beschrieben und die therapeutischen Resultate dargestellt. Weitere
    Themen in demselben Artikel sind: Augenschmerzen und andere neurotische
    Symptome, die symbolische Bedeutung der Dunkelheit, Geister- und Sonnen-
    phobie und eine Anzahl von Problemen, die der angewandten Psycho-
    analyse angehören und die an geeigneter Stelle in diesem Zusammenhang
    Erwähnung finden werden.

    Ein Aufsatz, der mitten im Kriege geschrieben wurde, „Über Ejacu-
    latio praecox“ /54/ löste viele Probleme, die sich auf diesen Gegen-
    stand beziehen. Er zeigte hier, indem er seine Ansichten wieder durch
    Beispiele aus seiner reichen klinischen Erfahrung illustrierte, wie dieses
    Symptom von einer Fehlentwicklung der Urethralerotik ausgeht. Keinesfalls
    stellt es aber einfach eine Fixierung an diese Form der Sexualität dar, da
    es in der Onanie nicht vorkommt, sondern hängt mit einigen Zügen der
    Objektbeziehung zusammen. Die Feigheit, welche für dieses Zustandsbild
    charakteristisch ist, und die Angst, das Weib zu schädigen, weisen auf
    verdrängten Sadismus hin. Diese Patienten haben eine narzißtische Über-
    schätzung des Penis als Harnorgan, wünschen in Gegenwart der Frauen
    zu urinieren und reagieren auf die Geringschätzung, welche diese dem
    Vorgang gegenüber zu zeigen scheinen, in feindlicher Art mit dem Impuls,
    auf sie zu urinieren. Enttäuschte Liebe zur Mutter und infolgedessen

  • S.

    166 Ernest Jones

    Feindseligkeit ihr gegenüber liefern den Schlüssel zum Verständnis der
    Situation, wie so oft bei den Problemen, die Abraham studierte.

    Ein anderer außerordentlich wertvoller Aufsatz beschäftigt sich mit der
    entgegengesetzten Seite dieser Einstellung, d. h. mit der Feindseligkeit der
    Frau dem Manne gegenüber, wie sie im weiblichen Kastrationskomplex,
    nach Abrahams Bezeichnung, zum Ausdruck kommt /67J. Dieser Beitrag,
    der besonders reichhaltig und gedankenvoll ist, ist die Grundlage unseres
    Wissens von diesem dunkeln Gegenstand und hat bereits den Weg zu
    späteren wichtigen Untersuchungen eröffnet. Abraham diskutiert zuerst
    die verschiedenen Arten, wie das Mädchen auf die Anschauung, daß es
    „kastriert worden ist, reagiert, den Ersatz des Peniswunsches durch den
    Wunsch nach einem Kinde (Freuds letzter Beitrag auf dem Homburger
    Kongreß liefert hier die Bestätigung) usw.; dann unterscheidet er zwei
    neurotische Typen, die sich indessen nicht scharf trennen lassen. Sie ent-
    stammen einerseits der Verdrängung des Wunsches, in positivem Sinne die
    Rolle des Mannes zu übernehmen, anderseits der Verdrängung des Wunsches,
    sich durch die Kastration des Mannes zu rächen; er nannte sie die Wunsch-
    erfüllungs- und die Rachetypen. Diese Neurosenformen stellte er den mehr
    positiven Erscheinungen in der Charakterbildung gegenüber, wobei die
    erstere der weiblichen Homosexualität entspricht, die zweite einer archai-
    schen sadistischen Reaktion. Der T’riebimpuls beim zweiten Typus ist der,
    den Penis des Mannes abzubeißen oder zumindestens seine Potenz zu ver-
    ringern, indem er den Mann durch Frigidität und in anderer komplizierter
    feindseliger Art enttäuscht, was ihn in eine verächtliche Situation bringen
    soll. Diese Einstellung gipfelt logischerweise in einer starken Gering-
    schätzung des Penis und des Mannes überhaupt. Abraham zeigte die Ver-
    bindung dieses Komplexes mit verschiedenen neurotischen Symptomen, wie
    Vaginismus, Enuresis, neurotische Konjunktivitis usw. und wies auch auf
    die mannigfachen Wege hin, wie er die Objektwahl der Frauen beein-
    Aussen kann. Schließlich stellte er dar, wie solche Frauen ihre komplex-
    bedingten Reaktionen auf ihre Kinder übertragen.

    Abrahams Beiträge zur analytischen Aufklärung der Liebesbeziehungen im
    gewöhnlichen Sinne des Wortes sind weniger eingehend. In einer seiner ersten
    Arbeiten /13/ zeigt er, wie Verwandtenehen oft Ausdruck einer Inzestfixie-
    rung sind, eine Tatsache, die für die erbliche Übertragung neurotischer
    Dispositionen von Bedeutung ist. In Verbindung damit wies er auch (zu
    gleicher Zeit wie Ferenczi) auf die Rolle hin, die solche Fixierungen in
    der Ätiologie der psychischen Impotenz und Frigidität spielen. Einen anderen
    Ausdruck der Fixierung glaubte er in der übertriebenen Tendenz zur Mono-
    gamie zu sehen. Einige Jahre später publizierte er ein Gegenstück zu dieser

  • S.

    Karl Abraham 167

    Studie, in welchem er die entgegengesetzte Erscheinung der neurotischen
    Exogamie behandelte /45J. Verschiedene andere Artikel /20, 22, 23, 53,
    97, 98, 107, 112] beschäftigen sich auch mit dem Thema der Inzestfixie-
    rung, das natürlich in allen seinen analytischen Arbeiten ausführlich be-
    rücksichtigt wurde. Andere Arbeiten über rein sexuelle Gegenstände sind:
    „Über sadistische Phantasien im Kindesalter“ /21/, „Eine besondere Form
    sadistischer Träume“ /337, „Über Ohrmuschel und Gehörgang als erogene
    Zone“ /46], „Zur Bedeutung der Analerotik“ /48/, „Ergänzung zur Lehre
    vom Analcharakter“ /70/ die später erwähnt werden und eine Anzahl
    kürzerer Arbeiten /66, 86, 88, 89, 103].

    ID Klinische Themen. — Wie bei einem Kliniker vom Range
    Abrahams zu’erwarten, waren seine Beiträge auf diesem Gebiete von
    besonderer Wichtigkeit. Der erste kennzeichnet einen Wendepunkt in un-
    serer Erkenntnis der Psychologie der Dementia praecox /T1/ und die Diffe-
    renzierung zwischen Neurosen und Psychosen im allgemeinen. Man muß
    sich darüber wundern, daß ein Psychiater von Beruf, wie er es war,
    später niemals wieder zu diesem Gegenstande zurückkehrte; wahrscheinlich
    war es deshalb, weil sein Interesse auf diesem Gebiete auf den Versuch
    konzentriert war, eine andere Psychose zu enträtseln. Eifersüchtige Züricher
    Kollegen beschuldigten ihn zu Unrecht, in dieser Abhandlung seine Dankes-
    schuld Jung gegenüber nicht genügend anerkannt zu haben, aber die
    Ereignisse haben klar gezeigt, daß Jung die Hauptidee des Aufsatzes, die
    nach Abrahams eigener Erklärung aus einem Gespräche mit Freud (seinem
    ersten) stammte, niemals annahm. Diese Idee war, daß Störungen der
    Ichfunktionen rein sekundär gegenüber Störungen auf libidinösem Gebiete
    sein können. Eine Einsicht, die es ermöglicht hat, Freuds Libidotheorie
    zur Erklärung der Dementia praecox heranzuziehen. Nachdem er die Beziehung
    zwischen Sublimierung und Übertragung erörtert hatte, wies er darauf hin,
    daß die Dementia praecox die Fähigkeit für beide verringert und daß die
    sogenannte Demenz einfach das Resultat dieser Umstände ist. Die Libido ist
    dabei von den Objekten abgezogen — im Gegensatz zur Hysterie, wo eine
    übertriebene Objektbesetzung stattfindet — und auf das Ich übertragen.
    Er führte auch den Verfolgungs- und Größenwahn darauf zurück; letzterer
    sei der Ausdruck der autoerotischen Selbstüberschätzung (später NarziBmus
    genannt). Im Gegensatz zur Hysterie ist die psychosexuelle Eigentümlich-
    keit der Dementia praecox eine Entwicklungshemmung in der Phase des
    Autoerotismus und eine daraus folgende Tendenz zur Regression auf dieselbe.

    Abrahams wichtigster Beitrag zur Psychopathologie sind vielleicht
    seine drei systematischen Arbeiten über manisch-depressives Irresein. Der

  • S.

    168. Ernest Jones

    glänzende Artikel Freuds auf demselben Gebiete und die überraschende Art,
    in der er den Schlüssel zum ganzen Problem fand, haben zweifellos die
    Anerkennung, die Abraham verdiente, etwas geschmälert, wie immer,
    wenn ein Genie neben ein Talent gestellt wird. Ein rein zufälliger Um-
    stand kam hinzu: „Trauer und Melancholie* wurde nämlich zu einer Zeit
    geschrieben, da Freud sich darin noch nicht auf einige wertvolle Funde
    berufen konnte, die Abraham kurz vorher gemacht hatte, obwohl Freuds
    Arbeit infolge der Kriegsverhältnisse tatsächlich erst ein Jahr später als
    diese veröffentlicht wurde. Keine Arbeit Abrahams spiegelte seine wissen-
    schaftlichen Charakterzüge, sowohl seine Fähigkeiten als auch seine Be-
    grenzungen besser als diese über das manisch-depressive Irresein. Es war auch
    dieses Studium, das ihn offenbar stärker anzog als irgend ein anderes,
    obwohl es wahrscheinlich ist, wie der Titel von zweien dieser drei Ar-
    beiten andeutet, daß er sich mehr für die Aufklärung interessierte, welche
    man aus dieser Krankheit für gewisse frühe Stadien der Libidoentwicklung
    gewinnen kann, als für die klinischen Fragen selbst.

    In seiner ersten Arbeit (Ansätze etc., 26), die am Weimarer Kongreß
    im Jahre ıgıı vorgetragen wurde, ging Abraham von der Annahme aus,
    daß Depression in einer ähnlichen Beziehung zur Trauer stehe wie die
    Angst zur Furcht, und kommt zum Schlusse, daß die Lebensverneinung
    das Resultat eines Verzichtes auf das sexuelle Ziel darstellt. Er berichtet
    sechs Fälle, in welchen er immer klinische und psychologische Züge fand,
    welche denen der Zwangsneurose sehr verwandt sind. So zeigten die
    Patienten viele charakteristische Symptome dieses Zustandes im sogenannten
    freien Intervall und in beiden Krankheiten besteht eine gegenseitige
    Lähmung von Liebes- und Haßtendenzen. Im manisch-depressiven Irresein
    zeigt die Libido eine überwiegende Haßeinstellung. Es ist, wie wenn der
    Patient sagte: „Ich kann die Menschen wegen meines Hasses nicht lieben;
    das Ergebnis ist, daß ich gehaßt werde; deshalb bin ich deprimiert und
    hasse wieder.“ (Wiederkehr des verdrängten Sadismus.) Das Schuldgefühl
    sowie das Gefühl der Versündigung entsprechen verdrängtem Hasse. Die
    Verarmungsidee ist ein Ausdruck derselben Tatsache. (Geld-Liebe.) In der
    Manie bewältigen die Komplexe die Hemmungen und der Patient kehrt
    zu dem unbekümmerten Zustand der Kinderzeit zurück. Abraham
    berichtet über die guten Wirkungen seiner therapeutischen Bemühungen
    und meint, sie ließen die Hoffnung rechtfertigen, daß es der Psychoanalyse
    vorbehalten sein werde, die Psychiatrie von dem Alp des therapeutischen
    Nihilismus zu befreien.

    Seine Behandlung dieser klinischen Fragen ist in dem zweiten Beitrag
    („Untersuchungen über die früheste praegenitale Entwicklungsstufe der

  • S.

    Karl Abraham 169

    Libido“ 52), mehr beiläufig, aber um nichts weniger wichtig. Er erkannte
    hier die orale Fixierung in der Melancholie klar und konnte eine Anzahl
    klinischer Züge auf dieser Grundlage aufklären. Die Nahrungsverweigerung
    ist z. B. durch die Regression zu der alten Verbindung von Essen und
    Oralerotik verursacht; ebenso die Angst zu verhungern. Ebenso konnte er
    die Unterschiede zwischen manisch-depressivem Irresein und der nahe
    verwandten Zwangsneurose in den Ausdrücken der praegenitalen Libido-
    organisation formulieren. In diesem Zustand mit seiner anal-sadistischen
    Fixierung ist die Einstellung gegenüber dem Objekt die des Beherrschens,
    dagegen in jenem die der Vernichtung durch Verschlingen (spätes orales
    Stadium). Der überraschendste Zug der Melancholie, die starken Selbst-
    vorwürfe und Selbstherabsetzungen betrachtet Abraham als Selbstbestrafung,
    verursacht durch die Zurückweisung der verdrängten kannibalistischen
    Strebungen. Er hatte darin teilweise recht, denn eine bestimmte Anzahl
    dieser Symptome entstammt einem solchen Schuldbewußtsein, aber es
    gelang ihm nicht, eine weit wichtigere Beobachtung zu machen, die nach
    Freud „nicht einmal schwer anzustellen ist“: diese Anklagen sind haupt-
    sächlich gegen das Urbild des verlorenen Liebesobjekts gerichtet, das im
    Ich aufgerichtet worden war. In einem späteren Aufsatze schildert er, wie
    schwierig es ihm fiel, diesen Punkt zu verstehen, als er ihn zuerst in
    Freuds Artikel las, und gab eine persönliche Erklärung für seine
    Hemmung; es ist kaum anzunehmen, daß die Erklärung eine vollständige
    war. Für einen Mann von einem starren ethischen Maßstab wie dem
    seinem war es sicherlich leichter, die Tatsache zu erfassen, daß eine Per-
    son sich selbst schweres Leid als Bestrafung für feindliche Wünsche gegen
    ein Liebesobjekt zufügt, als zu glauben, daß sie eigentlich das Abbild dieses
    Liebesobjektes weiter quält.

    Seine dritte und vollständigste Studie über das Problem /705) trug Freuds
    epochemachendem Artikel voll Rechnung und Abraham konnte alle Resul-
    tate Freuds in den Einzelheiten bestätigen und sogar einige davon ergänzen.
    Er stellte die Objekteinverleibung, auf die Freud aufmerksam gemacht
    hatte, mit dem Impuls zu verschlingen, der aus dem Oralstadium stammt,
    zusammen, und entwickelte in Verbindung damit einige interessante An-
    sichten über den Introjektionsprozeß überhaupt. Die Tatsachen, daß der
    Melancholische im freien Intervall zum Niveau der Zwangsneurose (d. h.
    zum anal-sadististischen Stadium) vorrücken kann, ferner daß — ein wesent-
    licher Unterschied zwischen den beiden Erkrankungen — der Melancho-
    liker seine Objektbesetzung aufgibt, während der Zwangskranke sie bei-
    behält (Freud), brachte ihn zu der Folgerung, daß die anal-sadistische
    Phase zwei Phasen umfassen muß (vgl. oben). Er meinte, daß die Unter-

  • S.

    170 Ernest Jones

    scheidungslinie zwischen diesen beiden Phasen von großer praktischer Be-
    deutung für die Psychiatrie sein könnte, da sie den Punkt angibt, wo die
    wirkliche Objektbeziehung einsetzt und so auf eine der hauptsächlichsten
    Unterschiede zwischen Neurose und Psychose hinweist. Er suchte die Ätio-
    logie des manisch-depressiven Irreseins in einer starken konstitutionellen
    Oralerotik, mit einer speziellen Fixierung an diese Phase, durch schwere
    Enttäuschungen in der Beziehung zur Mutter verursacht; er unterschied
    zwischen Täuschungen dieser Art, soweit sie sich vor, während und nach
    der Ödipusphase ereignen. Der Haß des Melancholikers ist hauptsächlich
    gegen die Mutter gerichtet, aber an einer späteren Stelle bemerkt Abra-
    ham, daß ein Stück davon sich ursprünglich auf den Vater bezog,
    da in dieser Störung eine ungewöhnliche Tendenz zur Inversion des
    Ödipuskomplexes vorhanden ist. Dieser Zug und die Ambivalenz in Bezug
    auf beide Eltern führt zu komplizierten Introjektionsformen; er konnte
    zwischen Anklagen, die von einem dieser Liebesobjekte gegen das Ich aus-
    gehen und solchen, welche vom Ich gegen das Objekt gerichtet werden,
    unterscheiden; die letzteren sind natürlich die wichtigen und charak-
    teristischeren.

    Abraham zog eine interessante Parallele zwischen Melancholie und
    den Vorgängen der archaischen Trauer, wie sie von Röheim beleuchtet
    wurden. Er warf ferner ein klares Licht auf den dunkeln Gegenstand des
    merkwürdigen Ablaufes im manisch-depressiven Irresein.

    Er betrachtete die Objekteinverleibung in der oralen Phase als teilweise
    bestimmt durch die Bemühung, es vor Vernichtung zu bewahren und
    meinte, daß dann, wenn sich die sadistische Rachsucht ausgetobt hat, das
    Liebesobjekt auf analem Wege wieder ausgestoßen wird. Er zeichnete ein
    Bild dessen, was er die „Urverstimmung“ der Kinderzeit, den Vorläufer
    der späteren Melancholie, nannte, und meinte, daß Kranke, die eine Manie
    ohne vorangehende Melancholie zeigen, noch damit beschäftigt sind, die
    Urverstimmung und das gesteigerte sexuelles Begehren, das — wie es besonders
    die primitiven Trauerriten zeigen — der Trauerarbeit folgen kann, abzu-
    schütteln.

    In einer frühen Arbeit „Über hysterische Traumzustände“ /17/ brachte
    Abraham dieses von Löwenfeld beschriebene Syndrom mit Freuds
    Arbeit über hysterische Anfälle in Beziehung und führte seinen Ursprung
    auf verdrängte Onaniephantasien zurück. Solche Patienten verweilen im
    Stadium der Vorlust, weil die Endlust mit Angst verbunden ist. Er be-
    richtet sechs Fälle dieser Art. In einem von diesen konnte er das Symptom
    der Makropsie auf eine Regression zur Kindheit zurückführen. Sein Stu-
    dium dieser Zustände zeigte eine Verbindung zwischen Auto- und Hetero-

  • S.

    Karl Abraham 171

    suggestion auf, da er nachweisen konnte, daß die Anfälle entweder ganz
    spontan oder in Gegenwart von Personen, von denen sich die Patienten
    hypnotisch beeinflußt fühlen, auftreten. Mehrere von Abrahams kurzen
    Artikeln galten dem Thema des Phantasielebens und seine hübsche Analyse
    „Vaterrettung und Vatermord in den neurotischen Phantasiegebilden“ /76]
    ist hier besonders erinnernswert.

    Abraham publizierte zwei Artikel über lokomotorische Angst /39 und 44);
    er hatte selbst in seiner Jugend unter leichten Symptomen dieses Zustandes
    gelitten. Er zeigte, daß der sexuelle Ursprung der Angst dadurch bewiesen
    werden kann, daß man sie therapeutisch zurückverwandelt, wo dann dieselben
    Patienten einen ungewöhnlichen Genuß in der (aktiven und passiven) Be-
    wegung finden. In demselben Artikel beleuchtete er das bekannte Symptom
    der „Angst vor der Angst“, indem er es mit der Verdrängung der Vorlust
    in Zusammenhang brachte.

    Seine Kriegserfahrungen ermöglichten es ihm, die Anschauung vom
    narzißtischen Ursprung der Kriegsneurosen, wie sie der Autor dieses Artikels
    ausgesprochen hatte, unabhängig zu bestätigen /57/, wie dies Ferenczi
    kurze Zeit nachher gleichfalls tat. Man hat der psychoanalytischen Arbeit oft
    den Vorwurf der Subjektivität gemacht; deshalb möge dieser Fall als Be-
    weis des Gegenteils angeführt werden. Beobachter, die sich völlig neuen
    Problemen gegenübersahen, in verschiedenen Ländern, durch die Kriegs-
    verhältnisse voneinander abgeschnitten, untersuchten dieselben Fragen und
    kamen zu denselben wesentlichen Ergebnissen. In einer Diskussion über
    Ferenczis Arbeit über den Tic sprach Abraham die interessante An-
    sicht aus, daß diese Krankheitsform ein Konversionssymptom auf der anal-
    sadistischen Phase darstellt, das den Symptomen der Konversionshysterie
    auf phallischer Phase entgegengestellt werden kann. |

    Abrahams Beiträge zu therapeutischen Themen waren wenige, aber
    wichtige. Der hauptsächlichste war sicher seine Studie „Über eine besondere
    Form des neurotischen Widerstandes gegen die psychoanalytische Methode“
    /58]. Es sind meistens Zwangsneurotiker, die einen hohen Grad narziß-
    tischen Trotzes zeigen; sie versuchen, der Übertragung dadurch auszuweichen,
    daß sie sich mit dem Analytiker identifizieren. Sie bestehen darauf, ihre Analyse
    selbst zu leiten, welche Tendenz Abraham mit anal-sadistischen Reaktionen
    in Zusammenhang bringt. Das Onanieverbot spielt in der Ätiologie solcher Fälle
    eine wichtige Rolle. Abraham erörtert in lehrreicher Art die spezielle thera-
    peutische Technik, die bei diesem schwierigen Typus angebracht erscheint.
    Sein Artikel „Zur Prognose psychoanalytischer Behandlungen in vorge-
    schrittenem Lebensalter“ /62/ darf in dem Satze zusammengefaßt werden,
    daß die Prognose mehr vom Alter der Neurose (d. h. dem Alter des

  • S.

    172 Ernest Jones

    Patienten, in dem die Neurose schwer wurde), als vom aktuellen Alter des
    Patienten abhängt. Immerhin sind spezielle Maßregeln in diesen Fällen in
    vorgeschrittenem Lebensalter notwendig; so z. B. ein aktiveres Verhalten
    und Nachhilfe von seiten des Analytikers. In diesem Zusammenhange mag
    auch die klare Art erwähnt werden, mit der er den Wert von Freuds Rat,
    die Patienten nicht zu ermuntern, ihre Träume vor der Analyse aufzu-
    schreiben, dargetan hat /37/. Abrahams Arbeit über die Behandlung
    psychotisch Erkrankter ist die beste, die wir bisher besitzen und er muß
    sicherlich als ein Pionier auf diesem schwierigen Gebiete betrachtet werden.
    Er zeigte einen seltenen Skeptizismus und kritische Ehrlichkeit im Bericht
    seiner Resultate /26, 105/, und wies auf aufschlußreiche Kriterien (z.B. passa-
    gere Symptome) hin, die bestimmen ließen, im welchem Ausmaß eine wirk-
    liche Veränderung im geistigen Zustande der aktuellen, therapeutischen
    Bemühung des Arztes zuzuschreiben ist. Er zeigte, daß manisch-depressives
    Irresein in günstigen Fällen durch Analyse entscheidend beeinflußt werden
    kann und erwartete weitere Fortschritte in dieser Richtung.

    Für die Probleme des Alkoholismus und der Süchtigkeiten hatte Abraham
    ein besonderes Interesse. Die Arbeiten, die er in seiner präanalytischen Zeit,
    abgesehen von denen, die ihm offenbar durch die Interessen seines Lehrers
    nahegelegt wurden, schrieb, handelten fast nur über Giftwirkungen /3 und 4).
    Sein früher Artikel über „Die psychologischen Beziehungen zwischen Se-
    xualität und Alkoholismus“ /12] ‘zeigte die wesentliche Natur der Verbindung
    zwischen den beiden und begründete unser ganzes späteres Wissen über
    diesen Gegenstand. Der einzige wirklich wichtige spätere Beitrag, der zu
    dem Thema geliefert wurde, betraf die innere Beziehung zwischen Alko-
    holismus und Homosexualität, auf welche Beziehung Abraham — seltsam
    genug — nur mit Bezug auf die Frauen verwiesen hatte. Er erkannte
    auch die homosexuelle Basis des alkoholischen Eifersuchtswahnes nicht,
    den er nur als Verschiebung der Schuld auf den Partner auffaßte. Er
    zeigte aber, daß es das Motiv zum Trinken war, durch Aufhebung der
    Verdrängungen und Sublimierungen zeitweilig die Potenz zu erhöhen und
    daß der Alkohol ferner den Trinker durch Verringerung seiner Potenz
    betrügt. Er enthüllte auch die unbewußte Gleichsetzung des Alkohols mit
    dem Samen und der Spritze mit dem Penis. Die Verbindung zwischen
    Morphinismus und verdrängter Sexualität wurde in demselben Beitrage
    ebenso betont wie an späteren Stellen /17, S. 14; 52, S. 84/, wo die orale
    Grundlage des Rauchens und des Morphinismus dargestellt wurde.

    Die zahlreichen Mitteilungen über klinische Themen /24, 31, 32, 36,
    49, 55, 68, 71, 90, 97, 104, III] enthalten meistens wichtige Beobach-
    tungen und Anregungen. Man kann bemerken, daß Abrahams Interesse

  • S.

    Karl Abraham 173

    für Zwangsneurosen größer gewesen zu sein scheint, als das für Hysterie.
    Ein klinischer Artikel über die Lehren Coue&s [r15], der mir gegenwärtig
    nicht vorliegt, soll aus dem Nachlaß Abrahams zu gleicher Zeit wie
    dieser Artikel veröffentlicht werden.

    IV. Allgemeine Themen. — Seine Charakterforschung war weitaus die
    wichtigste Arbeit allgemeiner Natur, die Abraham zur Psychoanalyse
    beitrug. Zwei von den drei Studien wurden einzeln veröffentlicht und
    dann alle drei in einem Band publiziert /706/. In seinem Artikel über den
    Analcharakter förderte Abraham die ausgiebige Arbeit, die bereits über
    diesen Gegenstand geleistet wurde, weiter und fügte eine Reihe frischer
    Beobachtungen von beträchtlichem klinischen und charakterologischen Werte
    bei. Wir wollen besonders auf die zwei Typen von außerordentlicher Ge-
    fügigkeit und ebensolchem Trotz, die beide in derselben Person vorhanden
    sein können, hinweisen, die er unterschied. Er zeigte auch, wie die beiden
    Typen auf die analytische Situation reagieren :. der zweite produziert einen
    Widerstand, der jenem in anderer Verbindung beschriebenen /58, siehe
    oben/, charakteristischen sehr ähnlich ist, während der erste darauf besteht,
    daß der Analytiker die ganze Arbeit selbst leiste; in beiden Fällen ist das
    Resultat der Versuch der Ablehnung, auf freie Assoziationen einzugehen.
    Auch die Einzelheiten der Regression von der genitalen zur Analstufe
    werden in klarer Art behandelt.

    Die zweite Arbeit „Beiträge der Oralerotik zur Charakterbildung“ war
    eine der originellsten Beiträge Abrahams zur Psychoanalyse. Die indirekten
    Wirkungen der Oralerotik im späteren Leben werden zum großen Teil
    durch ihre Verbindung mit der Analexotik hervorgerufen und Abraham
    zeigte hier, wie ursprünglich die dreifache Beziehung zwischen den Tätig-
    keiten des Erlangens, Behaltens und Ausgebens ist, deren Ökonomie bei
    verschiedenen Personen variiert. Direkte Befriedigung der Oralerotik ist
    natürlich dem Erwachsenen in einem beträchtlichen Ausmaße erlaubt, so
    daß die Sublimierung geringer ist als bei anderen erogenen Zonen.
    Die typischeste Form der Sublimierung scheint der Charakterzug des
    Optimismus zu sein, den Abraham selbst in einem hohen Grade besaß;
    diesem steht die Ernsthaftigkeit und der Pessimismus gewisser analer
    Typen, besonders derjenigen, die mit einer frühen Enttäuschung der Oral-
    erotik verknüpft sind, gegenüber. Wenn diese Enttäuschung während der
    zweiten Beißphase des Oralstadiums vorfällt, wird das spätere Liebesleben
    durch starke Ambivalenz infolge der hartnäckigen kannibalistischen und
    feindlichen Haltung gegenüber der Mutter charakterisiert sein. Abraham
    warf auch ein helles Licht auf die Genese und gegenseitige Beziehung

  • S.

    174 Ernest Jones

    anderer Züge der oralerotischen Verschiebungsprozesse, besonders Habsucht,
    Neid, Sparsamkeit, Geiz und Ungeduld.

    Der dritte Aufsatz dieser Reihe behandelte die Charakterentwicklung
    auf der genitalen Stufe und beschäftigt sich so mit den Problemen der
    Normalität. Abraham entsagt jedem Versuch, absolute Normen in dieser
    Richtung aufzustellen und setzt die Unmöglichkeit eines solchen Versuches
    ausführlich auseinander: nichtsdestoweniger gab er uns einen sehr wich-
    tigen Gesichtspunkt durch die Untersuchung, welche von den praegenitalen
    Zügen am spätesten aufgegeben werden. Er fand, daß der strengste Weg,
    die genitale Normalität festzustellen, der sei, das Ausmaß genau zu be-
    stimmen, in dem der einzelne seinen Narzißmus und seine Ambivalenz-
    einstellung, die sich durch die meisten früheren Stadien erhält, überwunden
    hat. In der Erörterung der Wichtigkeit der zielgehemmten Gefühle von
    genitaler Abkunft für eine befriedigende soziale Beziehung zur Außenwelt
    verweilt Abraham mit Nachdruck auf der Notwendigkeit der Liebe in
    der Kindheit und den schädlichen Wirkungen, die entstehen können, wenn
    das Kind zu wenig von dieser wichtigen Nahrung erhält.

    In Verbindung damit mag vielleicht Abrahams Versuch, das Problem
    der Trauer zu lösen, erwähnt werden /705/. Auch diese hat seiner Meinung
    nach eine wichtige Beziehung zu oralen Einstellungen. Während Freud
    die allmähliche, schmerzvolle Zurückziehung des Ichs vom Liebesobjekt
    unter den Anforderungen der Realität betont, schenkte Abraham der
    Einverleibung dieses Objektes mehr Aufmerksamkeit und meinte, diese
    gehe durch orale Mechanismen vor sich. (Es ist aber jedenfalls zweifel-
    haft, ob dies ein regelmäßiger Prozeß innerhalb der Trauerarbeit ist.)

    Als allgemeiner Beitrag zur Psychoanalyse müssen auch die zahlreichen sozia-
    len Beziehungen, die zu Abrahams Arbeit über den weiblichen Kastrations-
    komplex gehören, erwähnt werden /67 siehe oben). Diese werden in Zu-
    kunft soziologisch von großer Wichtigkeit sein und in ihrer Weiterent-
    wicklung wird der Anteil Abrahams an ihrer Aufspürung nicht ver-
    gessen werden.

    Abrahams Beiträge zu unserer Kenntnis der individuellen Symbolik
    sind ziemlich zahlreich und sind größtenteils bereits in den allgemeinen
    gesicherten Besitz der Wissenschaft übergegangen. Es seien von ihnen
    hervorgehoben: Haus und Garten als Symbole der Mutter, neues Haus
    als das für eine fremde Frau oder für kleines Kind /25 und 96), Schlange
    als Symbol des Penis des Vaters, mit Todesangst als Ausdruck der väter-
    lichen Drohung /32/; Spinne als Symbol der gefürchteten Mutter /80);
    seine schöne Analyse des „Dreiweges“ in Verbindung mit der Ödipussage
    ebenso wie die der Nummer drei /76 und 82; Dunkelheit (oder alle

  • S.

    Karl Abraham 175

    Mysteriöse und Dunkle) als ein Symbol für den Mutterleib (mit Einschluß
    der Eingeweide) /43/. Abraham bestätigte Stekels Beobachtungen über
    die determinierende Kraft des Namens /28/, ohne hier viel Neues hinzu-
    zufügen. Er brachte auch mehrere Beiträge zur Psychopathologie des All-
    tagslebens, sowohl in seinen klinischen Arbeiten zerstreut, als auch in
    besonderen kleinen Veröffentlichungen (z. B. 78 und 79).

    V. Angewandte Psychoanalyse. — Abrahams erste Arbeit auf
    diesem Gebiete war von historischer Bedeutung /T4/, denn sie eröffnete den
    Weg für viele spätere Forschungen, die in Anwendung der Psychoanalyse
    auf die Mythologie von Otto Rank, Theodor Reik und anderen aus-
    geführt wurden. Sie war natürlich hauptsächlich durch die Ödipusanalyse
    in der „Traumdeutung“ angeregt worden. Indem er den Versuch, Träume
    und Mythen, die ja beide Produkte der menschlichen Phantasie sind, zu
    vergleichen, rechtfertigte, zeigte er die weitgehenden Verbindungen zwischen
    den beiden. Bei beiden ist das Wesentliche der Phantasie eine Wunsch-
    erfüllung und die Wünsche in beiden sind unbewußt und infantil. Die
    Egozentrizität des Einzelnen in dem einen entspricht der Egozentrizität
    des Volkes im anderen Phänomen. Die Erscheinungen der Zensur, Ver-
    drängung und der Wortneubildungen sind beiden gemeinsam, ebenso die
    Mechanismen der Verdichtung, Verschiebung und sekundären Bearbeitung.
    Er erläuterte diese Ergebnisse durch eine Nebeneinanderstellung einiger
    Traumanalysen mit einer sehr interessanten Studie über Prometheus und
    den Mythus vom Göttergetränk; dabei wurde die sexuelle Natur dieses,
    Nektar, Soma und Ambrosia, klar dargestellt. Abraham, der seine
    philologischen Kenntnisse gut zu verwerten wußte, wies auf die Ähnlich-
    keit zwischen den ethymologischen und psychoanalytischen Gesichtspunkten
    hin und zeigte, wie unsere Kenntnis der Symbolik von der Forschung
    auf dem einen ebensowohl als von der auf dem anderen Gebiete abgeleitet
    werden könnte. Seine Schlußfolgerung war: „Mythen sind Überbleibsel aus
    dem infantilen Seelenleben des Volkes und Träume stellen die Mythen
    des Einzelnen dar.“ Die allgemeine Gültigkeit des Determinismus im
    Seelenleben wurde mit Nachdruck behauptet. Das Buch ist mit außerordent-
    licher Geschicklichkeit geschrieben und zeigt Abrahams Klarheit und Ein-
    fachheit im besten Lichte; obwohl sein Inhalt jetzt in psychoanalytischen
    Kreisen zur Gänze bekannt ist, ist es doch noch ein Vergnügen, es wieder
    zu lesen und die Fähigkeit Probleme klarzustellen, die Abraham in hohem
    Maße besaß, zu genießen.

    Abrahams nächste Arbeit auf diesem Felde, ebenfalls in Buchform.

    war seine interessante Studie über Segantini /30).

  • S.

    176 Ernest Jones

    Es war das erstemal, (nach Freuds „Leonardo“), daß ein Versuch
    gemacht wurde, die Persönlichkeit eines Malers zu analysieren und in den
    Einzelheiten die unbewußten Neigungen des Malers mit seiner Themen-
    wahl, Komposition und Darstellungsart zu verknüpfen. Er zeigte den
    enormen Einfluß, den die Mutter des Malers auf dessen Leben und Werk
    ausübte, und konnte in den Einzelheiten die ambivalente Einstellung
    von Haß und Liebe, die der Maler ihr gegenüber hatte, nachweisen. Wir
    haben hier wiederum eine Studie der „bösen Mutter“. Die Schlußseiten
    dieses Buches enthalten eine bemerkenswerte Vorahnung der Freudschen
    Konzeption des Todestriebes in seiner Erforschung der unbewußten Motive,
    die zur Selbstzerstörung führen. Abrahams Interesse in dieser Studie
    galt offenbar eher der Psychologie des Künstlers als der Psychologie der
    Kunst selbst, aber in einer späteren Arbeit /700/, die leider nie publiziert
    wurde, behandelte er die Frage der Tendenzen in der modernen Kunst
    vom psychoanalytischen Gesichtspunkte aus.

    Abrahams Analyse Amenhoteps IV. (Echnaton) /34/ ist nicht nur an
    sich interessant, sondern als die erste Gelegenheit bemerkenswert, bei der
    gezeigt wurde, wie eine Kenntnis der Psychoanalyse zur Klärung rein
    historischer Probleme beitragen konnte. Es mag als verzweifeltes Unter-
    nehmen erschienen sein, die Psychoanalyse von jemanden unternehmen zu
    wollen, der vor etwa dreiundzwanzig Jahrhunderten starb, aber Abrahams
    sorgfältige Studie hatte nichts Hypothetisches an sich und die Ergebnisse,
    die er fand, werden kaum anfechtbar sein. Echnaton, „der erste Große
    im Reiche des Geistes, von dem die Geschichte der Menschheit meldet“,
    war ein Vorläufer der christlichen Verkünder der Lehre der Liebe und
    ein Revolutionär der Moral, der seinen Haß nur für seinen Vater reser-
    vierte. Abraham konnte zeigen, wie alle Neueinführungen, Bilderstürme
    und Reformen Echnatons direkt auf die Wirkungen des Ödipuskomplexes
    zurückgeführt werden konnten.

    Abrahams umfassende Erziehung und allgemeine Bildung werden in
    vielen seiner psychoanalytischen Studien gut verwertet. In seiner bis in
    Einzelheiten gehenden Erforschung der Schaulust /43, siehe oben) erläuterte
    er seine allgemeinen Ergebnisse mit Hilfe einer Menge von mythologischem
    und folkloristischem Material. Sein Vergleich von Glaubens- und Furcht-
    erscheinungen in Bezug auf die Sonne und die Geister in diesem Aufsatz
    war geradezu vollendet und darin war auch klar die Ambivalenz der Motive
    nachgewiesen, welche die Menschheit dazu führte, den Vater auf den
    Himmel zu verpflanzen. (Erhöhung und Verbannung in eine Entfernung.)
    In demselben Artikel lieferte er einen lehrreichen Beitrag zu unserer
    Kenntnis der Sublimierung in Wissenschaft, Philosophie und Religion,

  • S.

    Karl Abraham 177

    indem er zeigte, wie die beständige Beschäftigung mit Lösungsversuchen
    von Fragen, die nicht beantwortet werden können, wie die, welche mit
    dem Ziel des Lebens, der Länge des Lebens und des Zustandes nach dem
    Tode zu tun haben, größtenteils das Ergebnis unbewußter Verschiebung
    von Fragen sind, die nicht beantwortet werden dürfen oder die man zu
    beantworten nicht wagt.

    Derselbe weite Umfang seiner Bildung kam in einer Anzahl kurzer
    Artikel auf dem Gebiete angewandter Psychoanalyse zum Ausdruck, wie
    etwa in dem Aufsatze über die Bedeutung der „Versöhnungstag“riten /64J,
    den Bemerkungen über die russische Sekte der Joniverehrer /25/, der klugen
    Analyse der Einzelheiten in der Ödipusmythe /76 und 827 und vielen
    anderen [29, 56, 59, 64, 69, 84]. Die letzte von Abraham publizierte
    Arbeit /95/, eine sehr interessante Studie über einen Hochstapler, dem er
    begegnet war, war ein gedankenreicher Beitrag zu einem der Hauptprobleme
    der Kriminologie.

    Zusammenfassung. — Versucht man in einigen Worten die wesent-
    lichen Charakteristika in Abrahams Schriften zusammenzufassen, wird
    man von dem Merkmal der Vielseitigkeit, das in der vorliegenden Über-
    sicht für sich selbst spricht und der allgemeinen Vorzüglichkeit, die in
    seinen Schriften im Durchschnitt hervortritt, ausgehen; kaum etwas von
    dem, was er schrieb, war von nur ephemerem Werte und seine Arbeit
    ‚war durchaus gekennzeichnet durch die wertvollen Eigenschaften der
    Nüchternheit, des vorsichtigen Skeptizismus und des klaren Urteils.

    Diese Gleichmäßigkeit in der Art darf vielleicht mit einem wichtigen
    Zug in Abrahams Denkweise, nämlich seiner beständigen biologischen
    Orientierung in Beziehung gebracht werden. Diese gab ihm einen gefestig-
    ten Hintergrund für seine ganze Arbeit und lieferte ein Kriterium, an
    dem die innere Wahrscheinlichkeit oder Gültigkeit jedes allgemeinen Er-
    gebnisses gemessen werden konnte. Man darf den Gedanken aussprechen:
    in mannigfacher Art wird Abraham in der Psychoanalyse vermißt
    werden; die aber, welche die schwerwiegendsten Konsequenzen für die
    Zukunft haben mag, wird mit diesem Zuge in Verbindung stehen. Die
    Psychoanalyse ist noch nicht zu dem entscheidendsten Wendepunkt ihrer
    Entwicklung gelangt, obwohl sie andere, vorläufige, glücklich hinter sich
    hat. Doch der wird kommen; wahrscheinlich innerhalb der nächsten
    zwanzig Jahre, wenn sich die Frage der Eingliederung der Psychoanalyse
    in das allgemeine Gefüge der Wissenschaft ernsthaft erheben wird. Da
    wird die schwerste Probe an die junge Wissenschaft herantreten, denn
    viel wird von der Entscheidung abhängen, ob sie durch einen Prozeß
    partieller Annahme und beständiger Verdünnung absorbiert werden wird

    Int. Zeitschr. £. Psychoanalyse, XII/2. 12

  • S.

    178 Ernest Jones

    oder ob sie genügende Lebenskraft zeigen wird, ihre wesentlichen Eigen-
    schaften beizubehalten und sie den anderen Wissenszweigen zu verleihen,
    mit denen sie in Berührung kommt. Gerade in dieser Aufgabe, die vor
    uns liegt, wären Abrahams charakteristische Eigenschaften unzweifelhaft
    von besonderem Werte gewesen, denn er besaß einen weiten und gesunden
    Überblick über Wissenschaft und Leben als ein Ganzes, der in einem
    seltenen Grade mit einer besonderen Erkenntnis gerade der Tiefen der
    psychoanalytischen Wahrheiten verbunden war.

    Wenn man seine originellen Beiträge studiert, wird man überrascht das
    Übergewicht von Themen konstatieren, die sich auf die praegenitalen Ent-
    wicklungsstufen, mit Einschluß der Autoerotik und der Partialtriebe und
    auf das Element des verdrängten Hasses, besonders der Mutter gegenüber,
    beziehen. Das letztere erscheint immer wieder in seinen Arbeiten und
    überwiegt bei weitem seine Beiträge auf dem Gebiete der Liebe, der Über-
    tragung und verwandter Probleme. Es ist in gleicher Art bemerkenswert,
    daß ein Kliniker von erstem Rang wie er, ein Mann, dem der klinische
    Gesichtspunkt immer als der vorherrschende galt, weniger zu unserer
    Kenntnis rein klinischer Probleme, wie etwa der Fragen der Übertragungs-
    neurosen oder selbst der Psychosen (trotz seiner Arbeit über das manisch-
    depressive Irresein, welche die hervorragendste auf diesem Gebiete war),
    beitrug, als zu den genetischen Problemen der Libidoentwicklung. Es ist
    wahrscheinlich, daß man ihn länger wegen seiner genetischen Arbeiten, als
    wegen seiner Schriften auf klinischem Gebiete, in Erinnerung behalten wird.

    Wollte man Abrahams wichtigstes Einzelwerk auswählen, trotzdem
    man nie die Mannigfaltigkeit seiner Beiträge zu allen Richtungen der
    Psychoanalyse vergessen wird, so wäre es wahrscheinlich das über Oralerotik.
    Hier sind ihre mannigfaltigen Äußerungsformen vollständig beschrieben,
    ihre innere Entwicklung ebenso wie ihre Auswirkung bis in die folgenden
    libidinösen Phasen dargestellt, ihre Verbindung sowohl zur Liebe als auch
    zum Haß gezeigt; ihre klinische Bedeutsamkeit mit Bezug auf Alkoholis-
    mus, Gifte und besonders auf das manisch-depressive Irresein wird uns
    vor Augen geführt; schließlich wird vor uns ein aufschlußreiches Bild der
    wesentlichen Rolle, welche sie in der Charakterbildung spielt, aufgerollt.
    Vielleicht die hervorragendste Lehre, die wir Abraham verdanken, ist die
    der großen Wichtigkeit der Saugperiode und der schwerwiegenden Folgen,
    die Haß gegenüber der Mutter während dieser Phase für das spätere Leben
    haben kann.

    *

    Es erübrigt uns, etwas über Karl Abrahams Persönlichkeit, über seine

    persönliche Bedeutung für die Psychoanalyse zu sagen. Wir haben versucht,

  • S.

    Karl Abraham 179

    eine objektive Schätzung dafür zu gewinnen, was Abrahams wissenschaft-
    liche Arbeit für die Entwicklung unserer Kenntnis geleistet habe. Aber
    Abrahams Wert geht noch weit darüber hinaus. Eine einzige Erwägung
    mag uns hier den Weg zur richtigen Einsicht führen. Nicht nur daß seine
    Tätigkeit für den Fortschritt der Psychoanalyse in Berlin und in Deutsch-
    land überhaupt verantwortlich war, sondern ihr Einfluß brachte es auch
    allmählich dahin, daß Berlin in vielen Hinsichten der Mittelpunkt der
    ganzen internationalen psychoanalytischen Bewegung wurde. Das Geheimnis
    dieses Ergebnisses zu kennen, heißt Abraham verstehen. Denn die über-
    ragende Stellung, die er in der Psychoanalyse gewann, war nicht zum
    allergeringsten Teil das Ergebnis seines persönlichen ehrgeizigen Strebens,
    sie stellte sich vielmehr automatisch als die Folge seines inneren Wertes
    her und darin lag die Größe des Mannes.

    Es gibt Menschen, die zur Führerschaft geboren sind. Es liegt in ihrer
    Natur, andere zu beherrschen und zu leiten. Abraham zählte nicht zu diesen.
    Noch ganz zuletzt erschien es ihm, wie ich aus einer Bemerkung auf dem
    Homburger Kongreß schließen muß, befremdend, daß er eine so hervor-
    ragende Stellung einnehmen sollte; er meinte, das liege nicht in seiner
    Natur und es wurde ihm nicht leicht, diese unleugbare Tatsache gelten zu
    lassen und sich mit ihr zu befreunden. Sein großer Einfluß über seine
    Arbeitsgenossen und die Rolle, die er unter ihnen spielte, stammten nicht
    von seinem eigenen Bestreben, sich vor anderen auszuzeichnen, sondern
    ruhten auf einem weit festeren Grunde: sie waren die Folge einer Über-
    legenheit, die sich Anerkennung erzwingen mußte. Auf welchen Eigen-
    schaften beruhte diese Überlegenheit?

    Die Antwort auf diese Frage läßt sich nur durch die Lösung einer Anti-
    nomie geben. Die auffälligsten von Abrahams Charakterzügen waren eine
    erfrischende Jugendlichkeit und ein unverwüstlicher Optimismus. Nun sind
    das nicht gerade die Eigenschaften, die geeignet sind, anderen unbedingtes
    Zutrauen einzuflößen; auch ist es nicht gewöhnlich, daß sie mit skeptischer
    Vorsicht und ruhiger, nüchterner Urteilskraft gepaart sind, gerade jenen
    Charakteren, die uns an Abrahams wissenschaftlicher Arbeit in die
    Augen springen mußten. Und doch treffen beide Beschreibungen auf
    Abrahams Persönlichkeit zu. Wenn man dieses Paradoxon verstehen kann,
    hat man sich den Weg zum Verständnis von Abrahams Wesen erschlossen.

    Selbst hinter den Zügen, die den großen persönlichen und sozialen Reiz
    Abrahams ausmachten, verbargen sich andere, ernstere, die den wirk-
    lichen Kern seines Charakters bildeten. Er war ungewöhnlich jugendlich
    in seinem Wesen und konnte sich unter Umständen sogar knabenhaft ge-
    bärden; unzweifelhaft witzig zu Zeiten, war doch ein gewisser ruhiger, trok-

    12°

  • S.

    180 Ernest Jones

    kener, oft sehr überlegener Humor eher charakteristisch für ihn. Seine
    Persönlichkeit wirkte gleichmäßig anziehend auf Frauen, wie einnehmend
    auf Männer, ein Ausdruck von Frische und Kraft machte ihn zum liebens-
    würdigsten Kameraden und Gesellschafter. Sein Benehmen war immer
    gleichmäßig heiter, höflich und freundlich. Aber diese Eigenschaften durfte
    man nicht mißbrauchen. Hinter ihnen verbarg sich eine Festigkeit, die ge-
    gen die Verlockungen von Mann und Weib gleich undurchdringlich war.
    Er konnte es sich leisten, freundlich und gefügig im Umgang mit anderen
    zu sein, gerade weil er sich völlig in der Hand hatte; da er sicher war,
    daß er keinem Einfluß von innen oder außen in ungebührlicher Weise
    verfallen würde, blieb er zuversichtlich in jeder Lage. Die letzte Wurzel
    dieser Zuversicht war seine vollendete Selbstbeherrschung.

    Dasselbe gilt auch für seinen auffälligsten Charakterzug, für das, was
    seine Freunde seinen unheilbaren Optimismus zu nennen pflegten. Er
    blieb immer voll guter Hoffnung, so düster und unheilvoll die Lage auch
    zu sein schien und diese gute Stimmung brachte es im Verein mit der
    Zuversichtlichkeit, die sie beförderte, wirklich oft dahin, daß ein besserer
    Ausgang erreicht wurde, als man zunächst für möglich gehalten hätte.
    Ein starker Wirklichkeitssinn hielt in der Regel seinem Optimismus die
    Wage, so daß dieser nur seine auffrischenden Wirkungen äußern konnte.
    Doch ereignete es sich ein- oder zweimal in seinem Leben, daß ihm sein
    Optimismus einen Streich spielte und seine sonst vollkommene Stabilität
    beeinflußte.

    Hinter Abrahams kühler und höflicher Korrektheit ließ sich bald eine
    ungewöhnlich große Reserve entdecken. Aber vielleicht wußten selbst von
    seinen Freunden nur wenige, wie stark diese war. Sie fühlten nur, daß
    es bei ihm irgendwo eine Schranke gab, über die man nicht hinausgelangte.,
    Für alle praktischen Zwecke des Lebens hatte sich Abraham eine besonders
    feste und widerstandsfähige seelische Verfassung geschaffen, deren Tiefen
    aber nicht zu ergründen waren, vielleicht nicht einmal für ihn selbst.

    Niemand, der ihn kannte, entging dem Eindruck, daß er zu den Menschen
    gehörte, denen eine ganz außergewöhnliche Fähigkeit zur Sublimierung
    eigen ist und daß sein Trieb- und Gefühlsleben eine ungewöhnlich hohe
    Entwicklungsstufe erreicht hatte. Es ist kein Zufall, daß wir gerade ihm
    die Lehre verdanken, das beste Merkmal für die Höhe der seelischen
    Entwicklung sei die Überwindung des Narzißmus und der Ambivalenz.
    Wenige Menschen würden die Probe so bestanden haben wie er, wenn
    man diesen hohen Maßstab an sie anlegte.

    Es war Abraham gelungen, seine egozentrischen Regungen in: ganz
    ungewöhnlichem Ausmaße zu beherrschen und zu verarbeiten, so daß er sich

  • S.

    Karl Abraham 181

    dem einen Ziel seines Lebens, der Förderung der Psychoanalyse, ganz
    ungeteilt widmen konnte. Es war unmöglich, bei ihm die Spur irgend
    eines persönlichen Ehrgeizes zu finden, von einer Ausnahme abgesehen,
    die gerade geeignet ist, die Regel zu bestätigen. Denn diese etwas befremdende
    Ausnahme war der Wunsch, eine Dozentur an der Berliner Universität
    zu erwerben, der ja offenbar wiederum der Psychoanalyse zugute kommen
    sollte. Seine Berliner Kollegen wissen am besten, wie vollkommen er sich
    mit den Interessen der Berliner Psychoanalytischen Vereinigung identifizierte,
    von dem Augenblick an, da er sie gründete, im März ıgıo, bis zum
    Zeitpunkt seines letzten Erscheinens daselbst, am g. Mai des vorigen
    Jahres. Wie seine seltenen Gaben als Lehrer, Forscher und Vortragender
    sich als unentbehrlich für die Entwicklung der Gesellschaft erwiesen, so
    fiel noch eine größere Bedeutung auf seine Befähigung zum Führer, von
    der wir noch zu sprechen haben.

    Die Ausschaltung seiner rein persönlichen Interessen im Verein mit der
    ihm natürlichen Klugheit verlieh ihm eine ungewöhnliche Fähigkeit,
    Probleme, Personen und Ereignisse in objektiver und überlegener Weise
    zu betrachten. Daher stammte die bemerkenswerte Nüchternheit seines
    Urteils, aber auch noch ein anderer Vorteil. Er gewann auf diese Weise
    eine Leichtigkeit und Sicherheit des Umganges, die es ihm möglich
    machten, mit seinen Nebenmenschen in ungewöhnlicher Offenheit zu ver-
    kehren, so daß ihm niemand übel nehmen konnte, was er von ihm zu
    hören hatte. Alle Zurechtweisungen und Einwendungen, die von ihm aus-
    gingen, erschienen so von einer rein persönlichen Grundlage auf den
    Boden der Objektivität gehoben, und diese seine Einstellung verfehlte
    selten ihre Wirkung, Erregungen zu unterdrücken und eine vernünftige
    Auffassung der Sachlage herbeizuführen. Er war bei aller Höflichkeit fest,
    und wenn er einmal seinen Entschluß gefaßt hatte, unbeugsam, aber
    dabei nie im geringsten anmaßend; seine ruhige Entschiedenheit wirkte
    an und für sich als Autorität. Er war der angenehmste Mitarbeiter, wie ich
    reichlich zu erfahren Gelegenheit hatte, wenn wir in der Leitung der Inter-
    nationalen Vereinigung oder in anderen Beziehungen gemeinsam zu wirken
    hatten; wenn man ihm einen Vorschlag machte, zeigte er sich immer zugäng-
    lich und man durfte sicher sein, nicht auf subjektive Widerstände bei ihm
    zu stoßen. Jede seiner Erwiderungen oder Einwendungen war klar, knapp
    und bestimmt. Diese Eigenschaften machten ihn natürlich auch zu einem
    bewundernswerten Schiedsrichter in allen Gegenständen persönlicher oder
    wissenschaftlicher Meinungsverschiedenheit. Mit einem Wort, seine Fähig-
    keit zu voller Objektivität war die Begründung für die Tüchtigkeit seines
    Urteils wie auch für die Klugheit in allen seinen menschlichen Beziehungen.

  • S.

    182 Ernest Jones

    Ambivalenz war seiner Natur in jedem Sinne fremd. Es schien, daß
    er nicht hassen konnte. Es kam vor, daß er gewisse Personen nicht
    mochte, zumeist mit der unpersönlichen Begründung, daß er ihre Tätigkeit
    als schädlich für die Analyse ansah. Aber auch in solchen Fällen war von
    Haß keine Rede. Er schien sich sogar zuzeiten in merkwürdiger Weise
    über die Stärke feindseliger Regungen bei anderen Personen hinwegzu-
    setzen. Ich erinnere mich, wie er manchmal eine friedliche Diskussion mit
    einem anderen führte, der vor Wut und Rachsucht vergehen wollte, offenbar
    völlig unbekümmert um dessen Aufregung und von der Hoffnung erfüllt,
    daß ein besonnener Gedankenaustausch die Lage verändern würde. Selbst
    in ernsthaften Streitigkeiten blieb er zwar unerschüttert, verlor aber nie
    seine Selbstbeherrschung. Er konnte in liebenswürdigster Weise gefällig
    sein, bereitwillig Hilfe leisten, aufopfernd Liebe schenken; er konnte auch
    hartnäckigen Widerstand bieten, sich energisch zur Wehre setzen; aber er
    konnte nicht hassen. Demzufolge konnte er auch keinen Haß bei anderen
    hervorrufen, obwohl er gelegentlich Kritik und Widerstand erregte. Er
    hatte seine Gegner, es fehlte ihm nicht an eifersüchtigen Rivalen, aber
    er hatte eigentlich keine Feinde.

    Abrahams tiefes Selbstvertrauen war so auf der Solidität seines eigenen
    Seelenlebens begründet. Bei der vollen Ausgeglichenheit seines Trieblebens
    und der Sicherheit seiner Selbstbeherrschung — bei leichter Neigung zur
    Strenge — konnte er ohne weiteres seinen angeborenen Neigungen freien
    Lauf lassen, denn er wußte, sie würden ihn nicht auf Wege führen, mit
    denen er nicht voll einverstanden war. Wenn wir von ihm sagen, daß er
    ein normaler Mensch war, so gebrauchen wir Worte, die dem Uneinge-
    weihten kühl klingen mögen, aber für den Psychoanalytiker umso viel
    mehr bedeuten.

    Wir können nun verstehen, wie es unausweichlich wurde, daß Abraham
    zur Rolle eines Führers in der Psychoanalyse gelangte, und warum ihm in
    dieser Stellung so großer Erfolg beschieden war. Seine unermüdliche
    Energie, seine Unerschrockenheit, sein tapferes und unerschütterliches
    Selbstvertrauen spornten alle anderen an und schenkten ihnen das Zutrauen,
    das für die Durchführung schwerer Aufgaben unerläßlich ist. Sein unge-
    wöhnlicher Scharfsinn befähigte ihn, Inkorrektheiten oder Übergriffe in
    einer eindrucksvollen, kühlen Weise bloßzustellen und phantastische Aus-
    schreitungen bei anderen niederzuhalten. Die gleichmäßig wohlwollende
    und dabei unpersönliche Einstellung, die ihm eigen war, machte es ihm
    möglich, solche Kritik zu üben, ohne die betreffende Person zu verletzen
    oder zu entmutigen. Wenn er zu der Leistung eines Kollegen Stellung
    nahm, so hatten seine gütige und heitere Auffassung im Verein mit seiner

  • S.

    Karl Abraham 183

    optimistischen Stimmung immer die Folge, die beste Seite der Leistung
    zu betonen. Während er die Arbeit kritisierte, pflegte er ihre Schwächen
    unmerklich zu modifizieren und das Ganze in das günstigste Licht zu
    stellen. Die Folge war, daß er imstande war, aus seinen Kollegen und
    Schülern immer das Beste herauszuholen. Und für diese wurde es immer
    klar, daß sie an Abraham eine Stütze hatten, an die sie sich lehnen
    konnten, eine objektive Instanz, an die sie sich fast niemals vergebens zu
    wenden brauchten.

    Wir kommen so zu den beiden so wertvollen Eigenschaften in Abrahams
    Charakter, die nach meinem Urteil am bezeichnendsten für ihn waren, seine
    Furchtlosigkeit und seine Ehrlichkeit. Es ist ja allgemein bekannt, wie viel
    Mut und Zähigkeit er entfaltete, als er, ein einsamer Pionier sich überall
    von Feindseligkeit umringt fand; nur der, der sich in einer ähnlichen Lage
    befunden hat, kann die richtige Schätzung dafür haben. Aber wenige -
    wissen, daß er in die Lage gekommen ist, noch weit entscheidendere
    Beweise für seine Unerschrockenheit angesichts unliebsamer Folgen seiner
    Handlungsweise abzugeben. Ich weiß, daß er mehr als einmal in seinem
    Leben sich der Gefahr aussetzte, die Freundschaft ihm nahestehender
    Personen zu verscherzen, dadurch, daß er unerschüttert bei seinen Ent-
    schließungen blieb, auch wenn er sich dadurch Mißverständnissen aussetzte.

    Die Rechtlichkeit ging Abraham über alles. Wahrhaftigkeit und Recht-
    schaffenheit waren so eng mit seiner Natur verwachsen, daß er ohne
    Zaudern und Bedenken immer nur tat, was er als das Richtige empfand
    und sich durch nichts von seinem Wege abbringen ließ. Diese seine außer-
    ordentliche Korrektheit rief bei allen, die ihn kannten, ein solches Gefühl
    von Zutrauen hervor, daß sie wie auf einen Fels auf ihn zu bauen
    pflegten. Im Gewirre menschlicher Leidenschaften und dem Getümmel
    aufeinanderprallender Gegensätze rings um ihn, bewahrte er immer un-
    erschüttert seine Festigkeit. Und das war vielleicht sein größter Wert für
    die Psychoanalyse. Karl Abraham war in Wahrheit ein Held in der
    Wissenschaft, ein Ritter ohne Furcht und Tadel.

    Ernest Jones