Krankengeschichten1895-005/1925/2
  • S.

    C

    Katharina . . .

    In den Ferien des Jahres 189* machte ich einen Ausflug in die
    Hohen Tauern, um für eine Weile die Medizin und besonders die
    Neurosen zu vergessen. Es war mir fast gelungen, als ich eines
    Tages von der Hauptstraße abwich, um einen abseits gelegenen
    Berg zu besteigen, der als Aussichtspunkt und wegen seines gut
    gehaltenen Schutzhauses gerühmt wurde. Nach anstrengender
    Wanderung oben angelangt, gestärkt und ausgeruht, saß ich dann,
    in die Betrachtung einer entzückenden Fernsicht versunken, so
    selbstvergessen da, daß ich es erst nicht auf mich beziehen wollte,
    als ich die Frage hörte: „Ist der Herr ein Doktor?“ Die Frage
    galt aber mir und kam von dem etwa achtzehnjährigen Mäd-
    chen, das mich mit ziemlich mürrischer Miene zur Mahlzeit
    bedient hatte und von der Wirtin „Katharina“ gerufen worden
    war. Nach ihrer Kleidung und ihrem Betragen konnte sie keine
    Magd, sondern mußte wohl eine Tochter oder Verwandte der
    Wirtin sein.

    Ich antwortete, zur Selbstbesinnung gelangt: „Ja, ich bin ein
    Doktor. Woher wissen Sie das?“

    „Der Herr hat sich ins Fremdenbuch eingeschrieben, und da
    hab ich mir gedacht, wenn der Herr Doktor jetzt ein bißchen
    Zeit hätte, – ich bin nämlich nervenkrank und war schon ein-

  • S.

    111


    mal bei einem Doktor in L. … , der hat mir auch etwas gegeben,
    aber gut ist mir noch nicht geworden.“

    Da war ich also wieder in den Neurosen, denn um etwas
    anderes konnte es sich bei dem großen und kräftigen Mädchen
    mit der vergrämten Miene kaum handeln. Es interessierte mich,
    daß Neurosen in der Höhe von über 2000 Metern so wohl ge-
    deihen sollten, ich fragte also weiter.

    Die Unterredung, die jetzt zwischen uns vorfiel, gebe ich so
    wieder, wie sie sich meinem Gedächtnisse eingeprägt hat, und
    lasse der Patientin ihren Dialekt.

    „An was leiden Sie denn?“

    „Ich hab’ so Atemnot, nicht immer, aber manchmal packt’s
    mich so, daß ich glaube, ich erstick’.“

    Das klang nun zunächst nicht nervös, aber es wurde mir
    gleich wahrscheinlich, daß es nur eine ersetzende Bezeichnung
    für einen Angstanfall sein sollte. Aus dem Empfindungskomplex
    der Angst hob sie das eine Moment der Atembeengung unge-
    bührlich hervor.

    „Setzen Sie sich her. Beschreiben Sie mir’s, wie ist denn so
    ein Zustand von ‚Atemnot‘?“

    „Es kommt plötzlich über mich. Dann legt’s sich zuerst wie
    ein Druck auf meine Augen, der Kopf wird so schwer und sausen
    tut’s, nicht auszuhalten, und schwindlich bin ich, daß ich glaub’,
    ich fall’ um, und dann preßt’s mir die Brust zusammen, daß ich
    keinen Atem krieg’.“

    „Und im Halse spüren Sie nichts?“

    „Den Hals schnürt’s mir zusammen, als ob ich ersticken sollt!“

    „Und tut es sonst noch was im Kopfe?“

    „Ja, hämmern tut es zum Zerspringen.“

    „Ja, und fürchten Sie sich gar nicht dabei?“

    „Ich glaub’ immer, jetzt muß ich sterben, und ich bin sonst
    couragiert, ich geh’ überall allein hin, in den Keller und hinunter
    über den ganzen Berg, aber wenn so ein Tag ist, an dem ich

  • S.

    112

    das hab', dann trau' ich mich nirgends hin, ich glaub' immer,
    es steht jemand hinter mir und packt mich plötzlich an.“

    Es war wirklich ein Angstanfall, und zwar eingeleitet von den
    Zeichen der hysterischen Aura oder, besser gesagt, ein hysteri-
    scher Anfall, dessen Inhalt Angst war. Sollte kein anderer Inhalt
    dabei sein?

    „Denken Sie was, immer dasselbe, oder sehen Sie was vor sich,
    wenn Sie den Anfall haben?“

    „Ja, so ein grausliches Gesicht seh ich immer dabei, das mich
    so schrecklich anschaut, vor dem fürcht' ich mich dann.“

    Da bot sich vielleicht ein Weg, rasch zum Kerne der Sache
    vorzudringen.

    „Erkennen Sie das Gesicht, ich mein', ist das ein Gesicht, was
    Sie einmal wirklich gesehen haben?“ – „Nein.“

    „Wissen Sie, woher Sie die Anfälle haben?“ – „Nein.“ – „Wann
    haben Sie die denn zuerst bekommen?“ – „Zuerst vor zwei
    Jahren, wie ich noch mit der Tant' auf dem andern Berg war,
    sie hat dort früher das Schutzhaus gehabt, jetzt sind wir seit
    eineinhalb Jahren hier, aber es kommt immer wieder.“

    Sollte ich hier einen Versuch der Analyse machen? Die Hypnose
    zwar wagte ich nicht in diese Höhen zu verpflanzen, aber vielleicht
    gelingt es im einfachen Gespräche. Ich mußte glücklich raten.
    Angst bei jungen Mädchen hatte ich so oft als Folge des Grausens
    erkannt, das ein virginales Gemüt befällt, wenn sich zuerst die
    Welt der Sexualität vor ihm auftut.1)

    1)Ich will den Fall hier anführen, in welchem ich dies kausale Verhältnis zuerst
    erkannte. Ich behandelte eine junge Frau an einer komplizierten Neurose, die wieder
    einmal nicht zugeben wollte, daß sie sich ihr Leiden in ihrem ehelichen Leben ge-
    holt hatte. Sie wandte ein, daß sie schon als Mädchen an Anfällen von Angst ge-
    litten habe, die in Ohnmacht ausgingen. Ich blieb standhaft. Als wir besser bekannt
    geworden waren, sagte sie mir plötzlich eines Tages: „Jetzt will ich Ihnen auch
    berichten, woher meine Angstzustände als junges Mädchen gekommen sind. Ich habe
    damals in einem Zimmer neben dem meiner Eltern geschlafen, die Tür war offen
    und ein Nachtlicht brannte auf dem Tische. Da habe ich denn einige Male gesehen,
    wie der Vater zur Mutter ins Bett gegangen ist, und habe etwas gehört, was mich
    sehr aufgeregt hat. Darauf bekam ich dann meine Anfälle.“

  • S.

    113

    Ich sagte also: „Wenn Sie’s nicht wissen, will ich Ihnen sagen,
    wovon ich denke, daß Sie Ihre Anfälle bekommen haben. Sie haben
    einmal, damals vor zwei Jahren, etwas gesehen oder gehört, was
    Sie sehr geniert hat, was Sie lieber nicht möchten gesehen haben.“

    Sie darauf: „Jesses ja, ich hab’ ja den Onkel bei dem Mädel
    erwischt, bei der Franziska, meiner Cousine!“

    „Was ist das für eine Geschichte mit dem Mädel? Wollen Sie
    mir die nicht erzählen?“

    „Einem Doktor darf man ja alles sagen. Also wissen Sie, der
    Onkel, er war der Mann von meiner Tant’, die Sie da gesehen haben,
    hat damals mit der Tant’ das Wirtshaus auf dem **kogel gehabt,
    jetzt sind sie geschieden, und ich bin schuld daran, daß sie ge-
    schieden sind, weil’s durch mich aufgekommen ist, daß er’s mit
    der Franziska hält.“

    „Ja, wie sind Sie zu der Entdeckung gekommen?“

    „Das war so. Vor zwei Jahren sind einmal ein paar Herren
    heraufgekommen und haben zu essen verlangt. Die Tant’ war
    nicht zu Haus’ und die Franziska war nirgends zu finden, die
    immer gekocht hat. Der Onkel war auch nicht zu finden. Wir
    suchen sie überall, da sagt der Bub, der Alois, mein Cousin: ‚Am
    End’ ist die Franziska beim Vatern.‘ Da haben wir beide gelacht,
    aber gedacht haben wir uns nichts Schlechtes dabei. Wir gehen
    zum Zimmer, wo der Onkel gewohnt hat, das ist zugesperrt. Das
    war mir aber auffällig. Sagt der Alois: ‚Am Gang ist ein Fenster,
    da kann man hineinschauen ins Zimmer.‘ Wir gehen auf den
    Gang. Aber der Alois mag nicht zum Fenster, er sagt, er fürcht’
    sich. Da sag ich: ‚Du dummer Bub, ich geh hin, ich fürcht’
    mich gar nicht.‘ Ich habe auch gar nichts Arges im Sinne ge-
    habt. Ich schau hinein, das Zimmer war ziemlich dunkel, aber
    da seh ich den Onkel und die Franziska, und er liegt auf ihr.“

    „Nun?“

    „Ich bin gleich weg vom Fenster, hab’ mich an die Mauer
    angelehnt, hab’ die Atemnot bekommen, die ich seitdem hab’, die

  • S.

    114

    Sinne sind mir vergangen, die Augen hat es mir zugedrückt und
    im Kopfe hat es gehämmert und gebraust.“
    „Haben Sie’s gleich am selben Tage der Tante gesagt?“
    „O nein, ich hab nichts gesagt.“
    „Warum sind Sie denn so erschrocken, wie Sie die beiden bei-
    sammen gefunden haben? Haben Sie denn etwas verstanden? Haben
    Sie sich etwas gedacht, was da geschieht?“
    „O nein, ich hab’ damals gar nichts verstanden, ich war erst
    sechzehn Jahre alt. Ich weiß nicht, worüber ich so erschrocken bin.“
    „Fräulein Katharin‘, wenn Sie sich jetzt erinnern könnten, was
    damals in Ihnen vorgegangen ist, wie Sie den ersten Anfall be-
    kommen haben, was Sie sich dabei gedacht haben, dann wäre
    Ihnen geholfen.“
    „Ja, wenn ich könnt‘, ich bin aber so erschrocken gewesen,
    daß ich alles vergessen hab‘.“
    (In die Sprache unserer „vorläufigen Mitteilung“ übersetzt,
    heißt das: Der Affekt schafft selbst den hypnoiden Zustand, dessen
    Produkte dann außer assoziativem Verkehre mit dem Ich-Bewußt-
    sein stehen.)
    „Sagen Sie, Fräulein, ist der Kopf, den Sie immer bei der Atem-
    not sehen, vielleicht der Kopf von der Franziska, wie Sie ihn
    damals gesehen haben?“
    „O nein, der war doch nicht so grauslich, und dann ist es ja
    ein Männerkopf.“
    „Oder vielleicht vom Onkel?“
    „Ich hab‘ sein Gesicht gar nicht so deutlich gesehen, es war
    zu finster im Zimmer und warum sollt‘ er denn damals ein so
    schreckliches Gesicht gemacht haben?“
    „Sie haben Recht.“ (Da schien nun plötzlich der Weg verlegt.
    Vielleicht findet sich in der weiteren Erzählung etwas.)
    „Und was ist dann weiter geschehen?“
    „Nun, die zwei müssen Geräusch gehört haben. Sie sind bald
    herausgekommen. Mir war die ganze Zeit recht schlecht, ich hab

  • S.

    115

    immer nachdenken müssen, dann ist zwei Tage später ein Sonn-
    tag gewesen, da hat’s viel zu tun gegeben, ich hab den ganzen
    Tag gearbeitet und am Montag früh, da hab ich wieder den
    Schwindel gehabt und hab erbrochen und bin zu Bett geblieben
    und hab’ drei Tage fort und fort gebrochen.“

    Wir hatten oft die hysterische Symptomatologie mit einer
    Bilderschrift verglichen, die wir nach Entdeckung einiger bilinguer
    Fälle zu lesen verstünden. In diesem Alphabet bedeutet Erbrechen
    Ekel. Ich sagte ihr also: „Wenn Sie drei Tage später erbrochen
    haben, so glaub ich, Sie haben sich damals, wie Sie ins Zimmer
    hineingeschaut haben, geekelt.“

    „Ja, geekelt werd’ ich mich schon haben“, sagt sie nachdenk-
    lich. „Aber wovor denn?“

    „Sie haben vielleicht etwas Nacktes gesehen? Wie waren denn
    die beiden Personen im Zimmer?“

    „Es war zu finster, um was zu sehen und die waren ja beide
    angezogen (in Kleidern). Ja, wenn ich nur wüßte, wovor ich
    mich damals geekelt hab‘.“

    Das wußte ich nun auch nicht. Aber ich forderte sie auf,
    weiter zu erzählen, was ihr einfiele, in der sicheren Erwartung,
    es werde ihr gerade das einfallen, was ich zur Aufklärung des
    Falles brauchte.

    Sie berichtet nun, daß sie endlich der Tante, die sie verändert
    fand und dahinter ein Geheimnis vermutete, ihre Entdeckung
    mitteilte, daß es darauf sehr verdrießliche Szenen zwischen Onkel
    und Tante gab, die Kinder Dinge zu hören bekamen, die ihnen
    über manches die Augen öffneten, und die sie besser hätten nicht
    hören sollen, bis die Tante sich entschloß, mit ihren Kindern und
    der Nichte die andere Wirtschaft hier zu übernehmen und den
    Onkel mit der unterdes gravid gewordenen Franziska allein zu
    lassen. Dann aber läßt sie zu meinem Erstaunen diesen Faden
    fallen und beginnt zwei Reihen von älteren Geschichten zu er-
    zählen, die um zwei bis drei Jahre hinter dem traumatischen Momente

  • S.

    116

    zurückreichen. Die erste Reihe enthält Anlässe, bei denen derselbe
    Onkel ihr selbst sexuell nachgestellt, als sie erst vierzehn Jahre
    alt war. Wie sie einmal mit ihm im Winter eine Partie ins Tal
    gemacht und dort im Wirtshause übernachtet. Er blieb trinkend
    und kartenspielend in der Stube sitzen, sie wurde schläfrig und
    begab sich frühzeitig in das für beide bestimmte Zimmer im
    Stocke. Sie schlief nicht fest, als er hinaufkam, dann schlief sie
    wieder ein und plötzlich erwachte sie und „spürte seinen Körper“
    im Bette. Sie sprang auf, machte ihm Vorwürfe. „Was treibens
    denn, Onkel? Warum bleibens nicht in Ihrem Bette?“ Er ver-
    suchte sie zu beschwatzen: „Geh', dumme Gredel, sei still, du
    weißt ja nicht, wie gut das is.“ – „Ich mag Ihr Gutes nicht,
    nit einmal schlafen lassen’s einen.“ Sie bleibt bei der Türe stehen,
    bereit, auf den Gang hinaus zu flüchten, bis er abläßt und selbst
    einschläft. Dann legt sie sich in ihr Bett und schläft bis zum
    Morgen. Aus der Art der Abwehr, die sie berichtet, scheint sich
    zu ergeben, daß sie den Angriff nicht klar als einen sexuellen
    erkannte; danach gefragt, ob sie denn gewußt, was er mit ihr
    vorgehabt, antwortete sie: Damals nicht, es sei ihr viel später
    klar geworden. Sie hätte sich gesträubt, weil es ihr unangenehm
    war, im Schlafe gestört zu werden und „weil sich das nicht
    gehört hat“.

    Ich mußte diese Begebenheit ausführlich berichten, weil sie für
    das Verständnis alles Späteren eine große Bedeutung besitzt. –
    Sie erzählt dann noch andere Erlebnisse aus etwas späterer Zeit,
    wie sie sich seiner abermals in einem Wirtshause zu erwehren
    hatte, als er vollbetrunken war u. dgl. m. Auf meine Frage, ob
    sie bei diesen Anlässen etwas Ähnliches verspürt wie die spätere
    Atemnot, antwortet sie mit Bestimmtheit, daß sie dabei jedesmal
    den Druck auf die Augen und auf die Brust bekam, aber lange
    nicht so stark wie bei der Szene der Entdeckung.

    Unmittelbar nach Abschluß dieser Reihe von Erinnerungen
    beginnt sie eine zweite zu erzählen, in welcher es sich um Ge-
     

  • S.

    117

    legenheiten handelt, wo sie auf etwas zwischen dem Onkel und
    der Franziska aufmerksam wurde. Wie sie einmal, die ganze
    Familie, die Nacht auf einem Heuboden in Kleidern verbracht
    und sie infolge eines Geräusches plötzlich aufwachte; sie glaubte
    zu bemerken, daß der Onkel, der zwischen ihr und der Franziska
    gelegen war, wegrückte und die Franziska sich gerade legte. Wie
    sie ein anderes Mal in einem Wirtshause des Dorfes N-
    nachteten, sie und der Onkel in dem einen Zimmer, die Fran-
    ziska in einem andern nebenan. In der Nacht erwachte sie plötz-
    lich und sah eine lange weiße Gestalt bei der Türe, im Begriffe,
    die Klinke niederzudrücken: „Jesses, Onkel, sein Sie’s? Was wollen’s
    bei der Türe?“ – „Sei still, ich hab’ nur was gesucht.“ –
    „Da geht man ja bei der andern Tür heraus.“ – „Ich hab’
    mich halt verirrt“ usw.

    Ich frage sie, ob sie damals einen Argwohn gehabt. „Nein,
    gedacht hab’ ich mir gar nichts dabei, es ist mir nur immer auf-
    gefallen, aber ich hab’ nichts weiter daraus gemacht.“ – Ob sie
    bei diesen Gelegenheiten auch die Angst bekommen? – Sie glaubt,
    ja, aber diesmal ist sie dessen nicht so sicher.

    Nachdem sie diese beiden Reihen von Erzählungen beendigt,
    hält sie inne. Sie ist wie verwandelt, das mürrische, leidende
    Gesicht hat sich belebt, die Augen sehen frisch drein, sie ist er-
    leichtert und gehoben. Mir aber ist unterdes das Verständnis
    ihres Falles aufgegangen; was sie mir zuletzt anscheinend planlos
    erzählt hat, erklärt vortrefflich ihr Benehmen bei der Szene der
    Entdeckung. Sie trug damals zwei Reihen von Erlebnissen mit
    sich, die sie erinnerte, aber nicht verstand, zu keinem Schlusse
    verwaltete; beim Anblicke des koitierenden Paares stellte sie sofort
    die Verbindung des neuen Eindruckes mit diesen beiden Reihen
    von Reminiszenzen her, begann zu verstehen und gleichzeitig
    abzuwehren. Dann folgte eine kurze Periode der Ausarbeitung,
    „der Inkubation“, und darauf stellten sich die Symptome der
    Konversion, das Erbrechen als Ersatz für den moralischen und

  • S.

    118

    physischen Ekel ein. Das Rätsel war damit gelöst, sie hatte sich
    nicht vor dem Anblick der beiden geekelt, sondern vor einer
    Erinnerung, die ihr jener Anblick geweckt hatte, und alles er-
    wogen, konnte dies nur die Erinnerung an den nächtlichen Über-
    fall sein, als sie „den Körper des Onkels spürte“.

    Ich sagte ihr also, nachdem sie ihre Beichte beendigt hatte:
    „Jetzt weiß ich schon, was Sie sich damals gedacht haben, wie
    Sie ins Zimmer hineingeschaut haben. Sie haben sich gedacht:
    Jetzt tut er mit ihr, was er damals bei Nacht und die anderen
    Male mit mir hat tun wollen. Davor haben Sie sich geekelt, weil
    Sie sich an die Empfindung erinnert haben, wie Sie in der Nacht
    aufgewacht sind und seinen Körper gespürt haben.“

    Sie antwortet: „Das kann schon sein, daß ich mich davor ge-
    ekelt und daß ich damals das gedacht hab‘.“

    „Sagen Sie mir einmal genau, Sie sind ja jetzt ein erwachsenes
    Mädchen und wissen allerlei —“

    „Ja, jetzt freilich.“

    „Sagen Sie mir genau, was haben Sie denn in der Nacht
    eigentlich von seinem Körper verspürt?“

    Sie gibt aber keine bestimmtere Antwort, sie lächelt verlegen
    und wie überführt, wie einer, der zugeben muß, daß man jetzt
    auf den Grund der Dinge gekommen ist, über den sich nicht
    mehr viel sagen läßt. Ich kann mir denken, welches die Tast-
    empfindung war, die sie später deuten gelernt hat; ihre Miene
    scheint mir auch zu sagen, daß sie von mir voraussetzt, ich denke
    mir das Richtige, aber ich kann nicht weiter in sie dringen; ich
    bin ihr ohnehin Dank dafür schuldig, daß sie soviel leichter mit
    sich reden läßt als die prüden Damen in meiner Stadtpraxis, für
    die alle naturalia turpia sind.

    Somit wäre der Fall geklärt; aber halt, die im Anfalle wieder-
    kehrende Halluzination des Kopfes, der ihr Schrecken einjagt,
    woher kommt die? Ich frage sie jetzt danach. Als hätte auch sie
    in diesem Gespräche ihr Verständnis erweitert, antwortet sie

  • S.

    119

    prompt: „Ja, das weiß ich jetzt schon, der Kopf ist der Kopf
    vom Onkel, ich erkenn’s jetzt, aber nicht aus der Zeit. Später,
    wie dann alle die Streitigkeiten losgegangen sind, da hat der
    Onkel eine unsinnige Wut auf mich bekommen; er hat immer
    gesagt, ich bin schuld an allem; hätt’ ich nicht geplauscht, so
    wär’s nie zur Scheidung gekommen; er hat mir immer gedroht,
    er tut mir was an; wenn er mich von weitem gesehen hat, hat
    sich sein Gesicht vor Wut verzogen und er ist mit der gehobenen
    Hand auf mich losgegangen. Ich bin immer vor ihm davonge-
    laufen und hab’ immer die größte Angst gehabt, er packt mich
    irgendwo unversehens. Das Gesicht, was ich jetzt immer sehe, ist
    sein Gesicht, wie er in der Wut war.“

    Diese Auskunft erinnert mich daran, daß ja das erste Symptom
    der Hysterie, das Erbrechen, vergangen ist, der Angstanfall ist
    geblieben und hat sich mit neuem Inhalte gefüllt. Demnach
    handelt es sich um eine zum guten Teil abreagierte Hysterie.
    Sie hat ja auch wirklich ihre Entdeckung bald hernach der Tante
    mitgeteilt.

    „Haben Sie der Tante auch die anderen Geschichten erzählt,
    wie er Ihnen nachgestellt hat?“

    „Ja, nicht gleich, aber später, wie schon von der Scheidung
    die Rede war. Da hat die Tant’ gesagt: Das heben wir uns auf,
    wenn er Schwierigkeiten vor Gericht macht, dann sagen wir
    auch das.“

    Ich kann verstehen, daß gerade aus der letzten Zeit, als die
    aufregenden Szenen im Hause sich häuften, als ihr Zustand auf-
    hörte das Interesse der Tante zu erwecken, die von dem Zwiste
    vollauf in Anspruch genommen war, daß aus dieser Zeit der
    Häufung und Retention das Erinnerungssymbol verblieben ist.

    Ich hoffe, die Aussprache mit mir hat dem in seinem sexuellen
    Empfinden so frühzeitig verletzten Mädchen in etwas wohlgetan;
    ich habe sie nicht wiedergesehen.

  • S.

    120

    Epikrise

    Ich kann nichts dagegen einwenden, wenn jemand in dieser
    Krankengeschichte weniger einen analysierten als einen durch
    Err-
    aten aufgelösten Fall von Hysterie erblicken will. Die Kranke
    gab zwar alles, was ich in ihren Bericht interpolierte als wahr-
    scheinlich zu; sie war aber doch nicht imstande, es als Erlebtes
    wiederzuerkennen. Ich meine, dazu hätte es der Hypnose bedurft.
    Wenn ich annehme, ich hätte richtig geraten, und nun versuche,
    diesen Fall auf das Schema einer akquirierten Hysterie zu redu-
    zieren, wie es sich uns aus Fall B ergeben hat, so liegt es nahe,
    die zwei Reihen von erotischen Erlebnissen mit traumatischen
    Momenten, die Szene bei der Entdeckung des Paares mit einem
    auxiliären Momente zu vergleichen. Die Ähnlichkeit liegt darin,
    daß in den ersten ein Bewußtseinsinhalt geschaffen wurde,
    welcher, von der Denktätigkeit des Ich ausgeschlossen, aufbewahrt
    blieb, während in der letzteren Szene ein neuer Eindruck die
    assoziative Vereinigung dieser abseits befindlichen Gruppe mit dem
    Ich erzwang. Anderseits finden sich auch Abweichungen, die nicht
    vernachlässigt werden können. Die Ursache der Isolierung ist nicht
    wie bei Fall B der Wille des Ich, sondern die Ignoranz des Ich,
    das mit sexuellen Erfahrungen noch nichts anzufangen weiß.

    how should one treat such an occurrence in childhood?

    In
    dieser Hinsicht ist der Fall Katharina ein typischer; man findet
    bei der Analyse jeder auf sexuelle Traumen begründeten Hysterie,
    daß Eindrücke aus der vorsexuellen Zeit, die auf das Kind wir-
    kungslos geblieben sind, später als Erinnerung traumatische Gewalt
    erhalten, wenn sich der Jungfrau oder Frau das Verständnis des
    sexuellen Lebens erschlossen hat. Die Abspaltung psychischer
    Gruppen ist sozusagen ein normaler Vorgang in der Entwicklung
    der Adoleszenten, und es wird begreiflich, daß deren spätere Auf-
    nahme in das Ich einen häufig genug ausgenützten Anlaß zu
    psychischen Störungen gibt. Ferner möchte ich an dieser Stelle
    noch dem Zweifel Ausdruck geben, ob die Bewußtseinsspaltung

  • S.

    121

    Katharina
     


    durch Ignoranz wirklich von der durch bewußte Ablehnung ver-
    schieden ist, ob nicht auch die Adoleszenten viel häufiger sexuelle
    Kenntnis besitzen, als man von ihnen vermeint und als sie sich
    selbst zutrauen.

    Eine weitere Abweichung im psychischen Mechanismus dieses
    Falles liegt darin, daß die Szene der Entdeckung, welche wir als
    „auxiliäre“ bezeichnet haben, gleichzeitig auch den Namen einer
    „traumatischen“ verdient. Sie wirkt durch ihren eigenen Inhalt,
    nicht bloß durch die Erweckung der vorhergehenden traumati-
    schen Erlebnisse, sie vereinigt die Charaktere eines „auxiliären“
    und eines traumatischen Moments. Ich sehe in diesem Zusammen-
    fallen aber keinen Grund, eine begriffliche Scheidung aufzugeben,
    welcher bei anderen Fällen auch eine zeitliche Scheidung ent-
    spricht. Eine andere Eigentümlichkeit des Falles Katharina, die
    übrigens seit langem bekannt ist, zeigt sich darin, daß die Kon-
    version, die Erzeugung der hysterischen Phänomene nicht un-
    mittelbar nach dem Trauma, sondern nach einem Intervalle von
    Inkubation vor sich geht. Charcot nannte dieses Intervall mit
    Vorliebe die „Zeit der psychischen Ausarbeitung“.

    Die Angst, an der Katharina in ihren Anfällen leidet, ist eine
    hysterische, d. h. eine Reproduktion jener Angst, die bei jedem
    der sexuellen Traumen auftrat. Ich unterlasse es hier, den Vor-
    gang auch zu erläutern, den ich in einer ungemein großen An-
    zahl von Fällen als regelmäßig zutreffend erkannt habe, daß die
    Ahnung sexueller Beziehungen bei virginalen Personen einen
    Angstaffekt hervorruft.1)


    1)[Zusatz 1924:] Nach so vielen Jahren getraue ich mich die damals beobachtete
    Diskretion aufzuheben und anzugeben, daß Katharina nicht die Nichte, sondern die
    Tochter der Wirtin war, das Mädchen war also unter den sexuellen Versuchungen
    erkrankt, die vom eigenen Vater ausgingen. Eine Entstellung wie die an diesem
    Falle von mir vorgenommene sollte in einer Krankengeschichte durchaus vermieden
    werden. Sie ist natürlich nicht so belanglos für das Verständnis wie etwa die Ver-
    legung des Schauplatzes von einem Berge auf einen anderen.