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SEPARATABDRUCK
aus der
INTERNATIONALEN ZEITSCHRIFT FÜR ÄRZTLICHE PSYCHOANALYSE
herausgegeben von Professor S. Freud, redigiert von Dr. S. Ferenczi und Dr. O. Rank.
I. Jahrgang 1913. Verlag von Hugo Heller & Co. in Leipzig und Wien I. Bauernmarkt 3.
Abonnementspreis ganzjährig M 18.– = K 21.60.
Märchenstoffe in Träumen.
Von Sigm. Freud.
Es ist keine Überraschung, auch aus der Psychoanalyse zu erfahren,
welche Bedeutung unsere Volksmärchen für das Seelenleben unserer Kinder
gewonnen haben. Bei einigen Menschen hat sich die Erinnerung an ihre Lieb-
lingsmärchen an die Stelle eigener Kindheitserinnerungen gesetzt; sie haben
die Märchen zu Deckerinnerungen erhoben.Elemente und Situationen, die aus diesen Märchen kommen, finden sich
nun auch häufig in Träumen. Zur Deutung der betreffenden Stellen fällt den
Analysierten das für sie bedeutungsvolle Märchen ein. Von diesem sehr ge-
wöhnlichen Vorkommnis will ich hier zwei Beispiele anführen. Die Bezie-
hungen der Märchen zur Kindheitsgeschichte und zur Neurose der Träumer
werden aber nur angedeutet werden können, auf die Gefahr hin, die dem
Analytiker wertvollsten Zusammenhänge zu zerreißen.I.
Traum einer jungen Frau, die vor wenigen Tagen den Besuch ihres
Mannes empfangen hat: Sie ist in einem ganz braunen Zimmer.
Durch eine kleine Tür kommt man auf eine steile Stiege,
und über diese kommt ein sonderbares Männlein ins Zimmer,
klein, mit weißen Haaren, Glatze und roter Nase, das im
Zimmer vor ihr herumtanzt, sich sehr komisch gebärdet und
dann wieder zur Stiege herabgeht. Es ist in ein graues Ge-
wand gekleidet, welches alle Formen erkennen läßt. (Kor-
rektur: Es trägt einen langen schwarzen Rock und eine graue
Hose.)Analyse: Die Personenbeschreibung des Männleins paßt ohne weitere
Veränderung*) auf ihren Schwiegervater. Dann fällt ihr aber sofort das
Märchen von Rumpelstilzchen ein, der so komisch wie der Mann im
Traume herumtanzt und dabei der Königin seinen Namen verrät. Dadurch
hat er aber seinen Anspruch auf das erste Kind der Königin verloren und
reißt sich in der Wut selbst mitten entzwei.*)Bis auf das Detail kurzgeschnittener Haare, während der Schwiegervater das
Haar lang trägt.S.
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Am Traumtag war sie selbst so wütend auf ihren Mann und äußerte:
Ich könnte ihn mitten entzweireißen.Das braune Zimmer macht zunächst Schwierigkeiten. Es fällt ihr nur das
Speisezimmer ihrer Eltern ein, das so – holzbraun – getäfelt ist, und dann
erzählt sie Geschichten von Betten, in denen man zu zweien so unbequem
schläft. Vor einigen Tagen hat sie, als von Betten in anderen Ländern die
Rede war, etwas sehr Ungeschicktes gesagt, – in harmloser Absicht, meint
sie – worüber ihre Gesellschaft fürchterlich lachen mußte.Der Traum ist nun bereits verständlich. Das holzbraune Zimmer*) ist
zunächst das Bett, durch die Beziehung auf das Speisezimmer ein Ehebett.**)
Sie befindet sich also im Ehebett. Der Besucher sollte ihr junger Mann sein,
der nach mehrmonatlicher Abwesenheit zu ihr gekommen war, um seine Rolle
im Ehebett zu spielen. Es ist aber zunächst der Vater des Mannes, der
Schwiegervater.Hinter dieser ersten Deutung blickt man auf eine tiefer liegende rein sexu-
ellen Inhaltes. Das Zimmer ist jetzt die Vagina. (Das Zimmer ist in ihr, im
Traume umgekehrt). Der kleine Mann, der seine Grimassen macht und
sich so komisch benimmt, ist der Penis; die enge Tür und die steile Treppe
bestätigen die Auffassung der Situation als einer Koitusdarstellung. Wir sind
sonst gewohnt, daß das Kind den Penis symbolisiert, werden aber verstehen,
daß es einen guten Sinn hat, wenn hier der Vater zur Vertretung des Penis
herangezogen wird.Die Auflösung des noch zurückgehaltenen Restes vom Traum wird uns
in der Deutung ganz sicher machen. Das durchscheinende graue Gewand er-
klärt sie selbst als Kondom. Wir dürfen erfahren, daß Interessen der Kinder-
verhütung, Besorgnisse, ob nicht dieser Besuch des Mannes den Keim zu einem
zweiten Kind gelegt, zu den Anregern dieses Traumes gehören.Der schwarze Rock: Ein solcher steht ihrem Manne ausgezeichnet. Sie
will ihn immer beeinflussen, daß er ihn trage anstatt seiner gewöhnlichen
Kleidung. Im schwarzen Rock ist ihr Mann also so, wie sie ihn gern sieht.
Schwarzer Rock und graue Hose: das heißt aus zwei verschiedenen, einander
überdeckenden Schichten: So gekleidet will ich dich haben. So gefällst du mir.Rumpelstilzchen verknüpft sich mit den aktuellen Gedanken des Traumes –
den Tagesresten – durch eine schöne Gegensatzbeziehung. Er kommt im
Märchen, um der Königin das erste Kind zu nehmen; der kleine Mann im
Traum kommt als Vater, weil er wahrscheinlich ein zweites Kind gebracht
hat. Aber Rumpelstilzchen vermittelt auch den Zugang zur tieferen, infan-
tilen Schicht der Traumgedanken. Der possierliche kleine Kerl, dessen Namen
man nicht einmal weiß, dessen Geheimnis man kennen möchte, der so
außerordentliche Kunststücke kann (im Märchen Stroh in Gold verwandeln), –
die Wut, die man gegen ihn hat, eigentlich gegen seinen Besitzer, den man
im Besitz beneidet, der Penisneid der Mädchen – das sind Elemente,
deren Beziehung zu den Grundlagen der Neurose, wie gesagt, hier nur ge-
streift werden soll. Zum Kastrationsthema gehören wohl auch die geschnittenen
Haare des Männchens im Traume.Wenn man in durchsichtigen Beispielen darauf achten wird, was der
Träumer mit dem Märchen macht, und an welche Stelle er es setzt, so wird
man dadurch vielleicht auch Winke für die noch ausstehende Deutung dieser
Märchen selbst gewinnen.*)Holz wie bekannt häufig weibliches, mütterliches Symbol (materia, madeira usw.).
**)Tisch und Bett repräsentieren ja die Ehe.
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Sig-
mund Freud: Märchenstoffe in Träumen.II.
Ein junger Mann, der einen Anhalt für seine Kindheitserinnerungen in
dem Umstande findet, daß seine Eltern ihr bisheriges Landgut gegen ein an-
deres vertauschten, als er noch nicht fünf Jahre war, erzählt als seinen frühesten
Traum, den noch auf dem ersten Gut vorgefallen, folgendes:
„Ich habe geträumt, daß es Nacht ist und ich in meinem
Bett liege, (mein Bett stand mit dem Fußende gegen das
Fenster, vor dem Fenster befand sich eine Reihe alter Nuß-
bäume. Ich weiß, es war Winter, als ich träumte und Nacht-
zeit). Plötzlich geht das Fenster von selbst auf, und ich sehe
mit großem Schrecken, daß auf dem großen Nußbaum vor dem
Fenster ein paar weiße Wölfe sitzen. Es waren sechs oder
sieben Stück. Die Wölfe waren ganz weiß und sahen eher aus
wie Füchse oder Schäferhunde, denn sie hatten große
Schwänze wie Füchse und ihre Ohren waren aufgestellt wie
bei den Hunden, wenn sie auf etwas passen. Unter großer
Angst, offenbar von den Wölfen aufgefressen zu werden,
schrie ich auf und erwachte. Meine Kinderfrau eilte zu meinem Bett,
um nachzusehen, was mit mir geschehen war. Es dauerte eine ganze Weile,
bis ich überzeugt war, es sei nur ein Traum gewesen, so natürlich und deut-
lich war mir das Bild vorgekommen, wie das Fenster aufgeht und die Wölfe
auf dem Baume sitzen. Endlich beruhigte ich mich, fühlte mich wie von
einer Gefahr befreit und schlief wieder ein.“
„Die einzige Aktion im Traume war das Aufgehen des Fensters, denn
die Wölfe saßen ganz ruhig ohne jede Bewegung auf den Ästen des Baumes
rechts und links vom Stamm und schauten mich an. Es sah so aus, als ob
sie ihre ganze Aufmerksamkeit auf mich gerichtet hätten. – Ich glaube,
dies war mein erster Angsttraum. Ich war damals drei, vier, höchstens fünf
Jahre alt. Bis in mein elftes oder zwölftes Jahr hatte ich von da an immer
Angst, etwas Schreckliches im Traume zu sehen.“
Er gibt dann noch eine Zeichnung des Baumes mit den Wölfen, die
seine Beschreibung bestätigt. Die Analyse des Traumes fördert nachstehendes
Material zu Tage.Er hat diesen Traum immer in Beziehung zu der Erinnerung gebracht,
daß er in diesen Jahren der Kindheit eine ganz ungeheuerliche Angst vor
dem Bild eines Wolfes in einem Märchenbuche zeigte. Die ältere, ihm recht
überlegene Schwester pflegte ihn zu necken, indem sie ihm unter irgend einem
Vorwand gerade dieses Bild vorhielt, worauf er entsetzt zu schreien begann.
Auf diesem Bild stand der Wolf aufrecht, mit einem Fuß ausschreitend, die
Tatzen ausgestreckt und die Ohren aufgestellt. Er meint, dieses Bild habe
als Illustration zum Märchen von Rotkäppchen gehört.Warum sind die Wölfe weiß? Das läßt ihn an die Schafe denken, von
denen große Herden in der Nähe des Gutes gehalten wurden. Der Vater
nahm ihn gelegentlich mit, diese Herden zu besuchen, und er war dann jedes-
mal sehr stolz und selig. Später – nach eingezogenen Erkundigungen kann
es leicht kurz vor der Zeit dieses Traumes gewesen sein, – brach unter
diesen Schafen eine Seuche aus. Der Vater ließ einen Pasteurschüler kom-
men, der die Tiere impfte, aber sie starben nach der Impfung noch zahl-
reicher als vorhin.Wie kommen die Wölfe auf den Baum? Dazu fällt ihm eine Geschichte
ein, die er den Großvater erzählen gehört. Er kann sich nicht erinnern,
ob vor oder nach dem Traum, aber ihr Inhalt spricht entscheidend für dasS.
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erstere. Die Geschichte lautet: Ein Schneider sitzt in seinem Zimmer bei der
Arbeit, da öffnet sich das Fenster und ein Wolf springt herein. Der Schneider
schlägt mit der Elle nach ihm – nein, er verbes-
sert sich, packt ihn beim Schwanz und reißt ihm diesen aus, so daß der Wolf
erschreckt davon
rennt. Eine Weile später geht der Schneider in den Wald und sieht plötz-
lich ein Rudel Wölfe herankommen, vor denen er sich auf einen Baum
flüchtet. Die Wölfe sind zunächst ratlos, aber der von ihnen ist und sich
am Schneider rächen will, macht den Vorschlag, daß einer auf den anderen
steigen soll, bis der letzte den Schneider erreicht hat. Er selbst – es ist ein
kräftiger Alter – will die Basis dieser Pyramide machen. Die Wölfe tun so,
aber der Schneider hat den gezüchtigten Besucher erkannt und ruft plötzlich
wie damals: Packt den Grauen beim Schwanz. Der schwanzlose Wolf
erschrickt bei dieser Erinnerung, läuft davon und die anderen purzeln alle
herab.In dieser Erzählung findet sich der Baum vor, auf dem im Traum die
Wölfe sitzen. Sie enthält aber auch eine unzweideutige Anknüpfung an den
Kastrationskomplex. Der alte Wolf ist vom Schneider um den Schwanz ge-
bracht worden. Die Fuchsschwänze der Wölfe im Traum sind wohl Kom-
pensationen dieser Schwanzlosigkeit.Warum sind es sechs oder sieben Wölfe? Diese Frage schien nicht zu
beantworten, bis ich den Zweifel aufwarf, ob sich sein Angstbild auf das
Rotkäppchenmärchen bezogen haben könne. Dies Märchen gibt nur Anlaß zu
zwei Illustrationen, zur Begegnung des Rotkäppchens mit dem Wolf im Walde
und zur Szene, wo der Wolf mit der Haube der Großmutter im Bette liegt.
Es müsse sich also ein anderes Märchen hinter der Erinnerung an das Bild
verbergen. Er fand dann bald, daß es nur die Geschichte vom Wolf und den
sieben Geißlein sein könne. Hier findet sich die Siebenzahl, aber auch die
sechs, denn der Wolf frißt nur sechs Geißlein auf, das siebente versteckt
sich im Uhrkasten. Auch das Weiß kommt in dieser Geschichte vor, denn
der Wolf läßt sich beim Bäcker die Pfote weiß machen, nachdem ihn die
Geißlein bei seinem ersten Besuch an der grauen Pfote erkannt haben. Beide
Märchen haben übrigens viel Gemeinsames. In beiden findet sich das Auf
fressen, das Bauchaufschneiden, die Herausbeförderung der gefressenen Personen,
deren Ersatz durch schwere Steine, und endlich kommt in beiden der böse
Wolf um. Im Märchen von den Geißlein kommt auch noch der Baum vor.
Der Wolf legt sich nach der Mahlzeit unter einen Baum und schnarcht.Ich werde mich mit diesem Traum wegen eines besonderen Umstandes
noch an anderer Stelle beschäftigen müssen und ihn dann eingehender deuten
und würdigen. Es ist ja ein erster aus der Kindheit erinnerter Angsttraum,
dessen Inhalt im Zusammenhang mit anderen Träumen, die bald nachher er-
folgten, und mit gewissen Begebenheiten in der Kinderzeit des Träumers ein
Interesse von ganz besonderer Art wachruft. Hier beschränken wir uns auf
die Beziehung des Traumes zu zwei Märchen, die viel Gemeinsames haben,
zum „Rotkäppchen“ und zum „Wolf und die 7 Geißlein“. Der Eindruck
dieser Märchen äußerte sich bei dem kindlichen Träumer in einer richtigen
Thierphobie, die sich von anderen ähnlichen Fällen nur dadurch auszeichnete,
daß das Angsttier nicht ein in der Wahrnehmung leicht zugängliches Objekt war
(wie etwa Pferd und Hund), sondern nur aus Erzählung und Bilderbuch
gekannt war.Ich werde ein andermal auseinandersetzen, welche Erklärung diese
Thierphobien haben und welche Bedeutung ihnen zukommt. Vorgreifend be-
merke ich nur, daß diese Erklärung sehr zu dem Hauptcharakter stimmt,S.
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welchen die Neurose des Träumers in späteren Lebenszeiten erkennen ließ.
Die Angst vor dem Vater war das stärkste Motiv seiner Erkrankung ge-
wesen, und die ambivalente Einstellung zu jedem Vaterersatz beherrschte sein
Leben wie sein Verhalten in der Behandlung.Wenn der Wolf bei meinem Patienten nur der erste Vaterersatz war, so fragt
es sich, ob die Märchen vom Wolf, der die Geißlein auffrißt, und vom Rotkäpp-
chen etwas anderes als die infantile Angst vor dem Vater zum geheimen
Inhalt haben.*) Der Vater meines Patienten hatte übrigens die Eigentümlich-
keit des „zärtlichen Schimpfens“, die so viele Personen im Umgang
mit ihren Kindern zeigen, und die scherzhafte Drohung: „Ich freß' dich auf“
mag in den ersten Jahren, als der später strenge Vater mit dem Söhnlein
zu spielen und zu kosen pflegte, mehr als einmal geäußert worden sein. Eine
meiner Patienten erzählte mir, daß ihre beiden Kinder den Großvater nie lieb
gewinnen konnten, weil er sie in seinem zärtlichen Spiel zu schrecken
pflegte, er werde ihnen den Bauch aufschneiden.*)Vgl. die von O. Rank hervorgehobene Ähnlichkeit dieser beiden Märchen
mit dem Mythus von Kronos. (Völkerpsychologische Parallelen zu den infantilen
Sexualtheorien; Zentralblatt f. Psychoanalyse, II., 8.)S.
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1913-006/1913.2