Moses ein Ägypter 1939-001/1937.3

Freud, Sigmund (1939-001/1937.3): Moses ein Ägypter

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    Moses ein Ägypter

    Von Sigm. Freud

    Erschienen in „Imago“, Band XXIII, Heft 1,
    1937.

    Einem Volkstum den Mann abzusp-
    rechen, den es als den größten unter seinen Söhnen rühmt, ist nichts, was
    man gern oder leichthin unternehmen wird, zumal
    wenn man selbst diesem Volke angehört. Aber man wird
    sich durch kein Beispiel bewegen lassen, die Wahrheit
    zugunsten vermeintlicher nationaler Interessen zurück-
    zusetzen, und man darf ja auch von der Klärung eines
    Sachverhalts einen Gewinn für unsere Einsicht erwarten.

    Der Mann Moses, der dem jüdischen Volke Befreier,
    Gesetzgeber und Religionsstifter war, gehört so entlege-
    nen Zeiten an, daß man die Vorfrage nicht umgehen
    kann, ob er eine historische Persönlichkeit oder eine
    Schöpfung der Sage ist. Wenn er gelebt hat, so war es
    im 13., vielleicht aber im 14. Jahrhundert vor unserer
    Zeitrechnung; wir haben keine andere Kunde von ihm
    als aus den heiligen Büchern und den schriftlich nieder-
    gelegten Traditionen der Juden. Wenn darum auch die
    Entscheidung der letzten Sicherheit entbehrt, so hat sich
    doch die überwiegende Mehrheit der Historiker dafür
    ausgesprochen, daß Moses wirklich gelebt und der an
    ihn geknüpfte Auszug aus Ägypten in der Tat stattgefun-
    den hat. Man behauptet mit gutem Recht, daß die spä-
    tere Geschichte des Volkes Israel unverständlich wäre,
    wenn man diese Voraussetzung nicht zugeben würde.
    Die heutige Wissenschaft ist ja überhaupt vorsichtiger

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    geworden und verfährt weit schonungsvoller mit Über-
    lieferungen als in den Anfangszeiten der historischen
    Kritik.

    Das erste, das an der Person Moses’ unser Interesse
    anzieht, ist der Name, der im Hebräischen Mosche
    lautet. Man darf fragen: woher stammt er? was bedeutet
    er? Bekanntlich bringt schon der Bericht in Exodus,
    Kap. 2 eine Antwort. Dort wird erzählt, daß die ägyp-
    tische Prinzessin, die das im Nil ausgesetzte Knäblein
    gerettet, ihm diesen Namen gegeben mit der etymologi-
    schen Begründung: denn ich habe ihn aus dem Wasser
    gezogen. Allein diese Erklärung ist offenbar unzuläng-
    lich. „Die biblische Deutung des Namens ‚Der aus dem
    Wasser Gezogene‘“, urteilt ein Autor im „Jüdischen Le-
    xikon“1), „ist Volksetymologie, mit der schon die aktive
    hebräische Form (,Mosche‘ kann höchstens ‚der Heraus-
    zieher‘ heißen) nicht in Einklang zu bringen ist.“ Man
    kann diese Ablehnung mit zwei weiteren Gründen unter-
    stützen, erstens, daß es unsinnig ist, einer ägyptischen
    Prinzessin eine Ableitung des Namens aus dem Hebrä-
    ischen zuzuschreiben, und zweitens, daß das Wasser,
    aus dem das Kind gezogen wurde, höchstwahrscheinlich
    nicht das Wasser des Nils war.

    Hingegen ist seit langem und von verschiedenen Seiten
    die Vermutung ausgesprochen worden, daß der Name
    Moses aus dem ägyptischen Sprachschatz herrührt. An-
    statt alle Autoren anzuführen, die sich in diesem Sinn
    geäußert haben, will ich die entsprechende Stelle aus
    einem neueren Buch von J. H. Breasted übersetzt

    1)Jüdisches Lexikon, begründet von Herlitz und
    Kirschner, Bd. IV, 1930, Jüdischer Verlag, Berlin.

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    einschalten2), einem Autor, dessen „History of Egypt“
    (1906) als maßgebend geschätzt wird. „Es ist bemer-
    kenswert, daß sein (dieses Führers) Name, Moses, ägyp-
    tisch war. Es ist einfach das ägyptische Wort ‚Mose‘,
    das ‚Kind‘ bedeutet, und ist die Abkürzung von volleren
    Namensformen, wie zum Beispiel Amen-mose, das heißt,
    Amon-Kind oder Ptah-mose, Ptah-Kind, welche Namen
    selbst wieder Abkürzungen der längeren Sätze sind:
    Amon (hat geschenkt ein) Kind oder Ptah (hat ge-
    schenkt ein) Kind. Der Name ‚Kind‘ wurde bald ein
    bequemer Ersatz für den weitläufigen vollen Namen und
    die Namensform ‚Mose‘ findet sich auf ägyptischen
    Denkmälern nicht selten vor. Der Vater des Moses hatte
    seinem Sohn sicherlich einen mit Ptah oder Amon zu-
    sammengesetzten Namen gegeben und der Gottesname
    fiel im täglichen Leben nach und nach aus, bis der
    Knabe einfach ‚Mose‘ gerufen wurde. (Das ‚s‘ am Ende
    des Namens Moses stammt aus der griechischen Über-
    setzung des alten Testaments. Es gehört auch nicht dem
    Hebräischen an, wo der Name ‚Mosche‘ lautet).“ Ich
    habe die Stelle wörtlich wiedergegeben und bin keines-
    wegs bereit, die Verantwortung für ihre Einzelheiten zu
    teilen. Ich verwundere mich auch ein wenig, daß Brea-
    sted in seiner Aufzählung grade die analogen theo-
    phoren Namen übergangen hat, die sich in der Liste der
    ägyptischen Könige vorfinden, wie Ah-mose, Thut-
    mose (Thotmes) und Ra-mose (Ramses).

    Nun sollte man erwarten, daß irgendeiner der Vielen,
    die den Namen Moses als ägyptisch erkannt haben,


    2)The Dawn of Conscience, London 1934, p. 350.

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    auch den Schluß gezogen oder wenigstens die Möglich-
    keit erwogen hätte, daß der Träger des ägyptischen
    Namens selbst ein Ägypter gewesen sei. Für moderne
    Zeiten gestatten wir uns solche Schlüsse ohne Beden-
    ken, obwohl gegenwärtig eine Person nicht einen Na-
    men führt, sondern zwei, Familiennamen und Vor-
    namen, und obwohl Namensänderungen und Anglei-
    chungen unter neueren Bedingungen nicht ausgeschlos-
    sen sind. Wir sind dann keineswegs überrascht, bestätigt
    zu finden, daß der Dichter Chamisso französischer Ab-
    kunft ist, Napoleon Buonaparte dagegen italienischer,
    und daß Benjamin Disraeli wirklich ein italienischer
    Jude ist, wie sein Name erwarten läßt. Und für alte
    und frühe Zeiten, sollte man meinen, müßte ein solcher
    Schluß vom Namen auf die Volkszugehörigkeit noch
    weit zuverlässiger sein und eigentlich zwingend er-
    scheinen. Dennoch hat meines Wissens im Falle Moses
    kein Historiker diesen Schluß gezogen, auch keiner von
    denen, die wie gerade wieder Breasted bereit sind
    anzunehmen, daß Moses „mit aller Weisheit der Ägyp-
    ter“ vertraut war3).

    Was da im Wege stand, ist nicht sicher zu erraten.
    Vielleicht war der Respekt vor der biblischen Tradition
    unüberwindlich. Vielleicht erschien die Vorstellung zu
    ungeheuerlich, daß der Mann Moses etwas anderes als
    ein Hebräer gewesen sein sollte. Jedenfalls stellt sich
    heraus, daß die Anerkennung des ägyptischen Namens
    nicht als entscheidend für die Beurteilung der Abkunft
    Moses’ betrachtet, daß nichts weiter aus ihr gefolgert


    3)l. c., p. 334.

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    wird. Hält man die Frage nach der Nationalität dieses
    großen Mannes für bedeutsam, so wäre es wohl wün-
    schenswert, neues Material zu deren Beantwortung vor-
    zubringen.

    Dies unternimmt meine kleine Abhandlung. Ihr An-
    spruch auf einen Platz in der Zeitschrift „Imago“
    gründet sich darauf, daß ihr Beitrag eine Anwendung
    der Psychoanalyse zum Inhalt hat. Das so gewonnene
    Argument wird gewiß nur auf jene Minderheit von
    Lesern Eindruck machen, die mit analytischem Den-
    ken vertraut ist und dessen Ergebnisse zu schätzen
    weiß. Ihnen aber wird es hoffentlich bedeutsam schei-
    nen.

    Im Jahre 1909 hat O. Rank, damals noch unter mei-
    nem Einfluß, auf meine Anregung eine Schrift veröf-
    fentlicht, die betitelt ist „Der Mythus von der Geburt
    des Helden“4). Sie behandelt die Tatsache, daß „fast
    alle bedeutenden Kulturvölker… frühzeitig ihre Hel-
    den, sagenhafte Könige und Fürsten, Religionsstifter,
    Dynastie-, Reichs- und Städtegründer, kurz ihre Natio-
    nalheroen in Dichtungen und Sagen verherrlicht“ ha-
    ben. „Besonders haben sie die Geburts- und Jugendge-
    schichte dieser Personen mit phantastischen Zügen aus-
    gestattet, deren verblüffende Ähnlichkeit, ja teilweise
    wörtliche Übereinstimmung bei verschiedenen, mitun-
    ter weit getrennten und völlig unabhängigen Völkern
    längst bekannt und vielen Forschern aufgefallen ist.“

    4)Fünftes Heft der „Schriften zur angewandten See-
    lenkunde“, Fr. Deuticke, Wien. Es liegt mir ferne, den
    Wert der selbständigen Beiträge Ranks zu dieser Ar-
    beit zu verkleinern.

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    Konstruiert man nach dem Vorgang von Rank, etwa
    in Daltonscher Technik, eine „Durchschnittssage“,
    welche die wesentlichen Züge all dieser Geschichten
    heraushebt, so erhält man folgendes Bild:

    „Der Held ist das Kind vornehmster Eltern,
    meist ein Königssohn.

    Seiner Entstehung gehen Schwierigkeiten voraus, wie
    Enthaltsamkeit oder lange Unfruchtbarkeit oder heim-
    licher Verkehr der Eltern infolge äußerer Verbote oder
    Hindernisse. Während der Schwangerschaft oder schon
    früher erfolgt eine vor seiner Geburt warnende Verkün-
    digung (Traum, Orakel), die meist dem Vater Ge-
    fahr droht.

    Infolgedessen wird das neugeborene Kind meist auf
    Veranlassung des Vaters oder der ihn vertre-
    tenden Person zur Tötung oder Aussetzung
    bestimmt; in der Regel wird es in einem Kästchen
    dem Wasser übergeben.

    Es wird dann von Tieren oder geringen Leu-
    ten (Hirten) gerettet und von einem weiblis-
    chen Tiere oder einem geringen Weibe gesäugt.

    Herangewachsen, findet es auf einem sehr wechsel-
    vollen Wege die vornehmen Eltern wieder, rächt
    sich am Vater einerseits, wird anerkannt an-
    derseits und gelangt zu Größe und Ruhm.“

    Die älteste der historischen Personen, an welche
    dieser Geburtsmyth us geknüpft wurde, ist Sargon
    von Agade, der Gründer von Babylon (um 2800 v.
    Chr.). Es ist grade für uns nicht ohne Interesse, den
    ihm selbst zugeschriebenen Bericht hier wiederzugeben:

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    „Sargon, der mächtige König, König von Agade
    bin ich. Meine Mutter war eine Vestalin, meinen Vater
    kannte ich nicht, während der Bruder meines Vaters
    das Gebirge bewohnte. In meiner Stadt Azupirani, wel-
    che am Ufer des Euphrats gelegen ist, wurde mit mir
    schwanger die Mutter, die Vestalin. Im Verborge-
    nen gebar sie mich. Sie legte mich in ein
    Gefäß von Schilfrohr, verschloß mit Erdpech
    meine Türe und ließ mich nieder in den
    Strom, welcher mich nicht ertränkte. Der Strom
    führte mich zu Akki, dem Wasserschöpfer. Akki, der
    Wasserschöpfer, in der Güte seines Herzens hob er mich
    heraus. Akki, der Wasserschöpfer, als sei-
    nen eigenen Sohn zog er mich auf. Akki, der
    Wasserschöpfer, zu seinem Gärtner machte er mich. In
    meinem Gärtneramt gewann Istar mich lieb, ich wurde
    König und 45 Jahre übte ich die Königsherrschaft aus.“

    Die uns vertrautesten Namen in der mit Sargon
    von Agade beginnenden Reihe sind Moses, Kyros und
    Romulus. Außerdem aber hat Rank eine große Anzahl
    von der Dichtung oder der Sage angehörigen Helden-
    gestalten zusammengestellt, denen dieselbe Jugendge-
    schichte, entweder in ihrer Gänze oder in gut kenntli-
    chen Teilstücken nachgesagt wird, als: Ödipus, Karna,
    Paris, Telephos, Perseus, Herakles, Gilgamesch, Am-
    phion und Zethos u. a.

    Quelle und Tendenz dieses Mythos sind uns durch
    die Untersuchungen von Rank bekannt gemacht wor-
    den. Ich brauche mich nur mit knappen Andeutungen
    darauf zu beziehen. Ein Held ist, wer sich mutig gegen
    seinen Vater erhoben und ihn am Ende siegreich über-

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    wunden hat. Unser Mythus verfolgt diesen Kampf bis
    in die Urzeit des Individuums, indem er das Kind gegen
    den Willen des Vaters geboren und gegen seine böse
    Absicht gerettet werden läßt. Die Aussetzung im Käst-
    chen ist eine unverkennbare symbolische Darstellung
    der Geburt, das Kästchen der Mutterleib, das Wasser
    das Geburtswasser. In ungezählten Träumen wird das
    Eltern-Kind-Verhältnis durch aus dem Wasser Zie-
    hen oder aus dem Wasser Retten dargestellt. Wenn die
    Volksphantasie an eine hervorragende Persönlichkeit
    den hier behandelten Geburtsmythus heftet, so will sie
    den Betreffenden hiedurch als Helden anerkennen, ver-
    künden, daß er das Schema eines Heldenlebens erfüllt
    hat. Die Quelle der ganzen Dichtung ist aber der so-
    genannte „Familienroman“ des Kindes, in dem der
    Sohn auf die Veränderung seiner Gefühlsbeziehung zu
    den Eltern, insbesondere zum Vater, reagiert. Die ersten
    Kinderjahre werden von einer großartigen Überschät-
    zung des Vaters beherrscht, der entsprechend König
    und Königin in Traum und Märchen immer nur die
    Eltern bedeuten, während später unter dem Einfluß
    von Rivalität und realer Enttäuschung die Ablösung von
    den Eltern und die kritische Einstellung gegen den Va-
    ter einsetzt. Die beiden Familien des Mythus, die vor-
    nehme wie die niedrige, sind demnach beide Spiegelun-
    gen der eigenen Familie, wie sie dem Kind in aufeinan-
    derfolgenden Lebenszeiten erscheinen.

    Man darf behaupten, daß durch diese Aufklärungen
    sowohl die Verbreitung wie die Gleichartigkeit des
    Mythus von der Geburt des Helden voll verständlich
    werden. Umsomehr verdient es unser Interesse, daß

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    die Geburts- und Aussetzungssage von Moses eine Son-
    derstellung einnimmt, ja in einem wesentlichen Punkt
    den anderen widerspricht.

    Wir gehen von den zwei Familien aus, zwischen denen
    die Sage das Schicksal des Kindes spielen läßt. Wir wis-
    sen, daß sie in der analytischen Deutung zusammen-
    fallen, sich nur zeitlich voneinander sondern. In der
    typischen Form der Sage ist die erste Familie, in die
    das Kind geboren wird, die vornehme, meist ein könig-
    liches Milieu; die zweite, in der das das Kind aufwächst,
    die geringe oder erniedrigte, wie es übrigens den Ver-
    hältnissen, auf welche die Deutung zurückgeht, ent-
    spricht. Nur in der Ödipussage ist dieser Unterschied
    verwischt. Das aus der einen Königsfamilie ausgesetzte
    Kind wird von einem anderen Königspaar aufgenom-
    men. Man sagt sich, es ist kaum ein Zufall, wenn ge-
    rade in diesem Beispiel die ursprüngliche Identität der
    beiden Familien auch in der Sage durchschimmert. Der
    soziale Kontrast der beiden Familien eröffnet dem My-
    thus, der, wie wir wissen, die Heldennatur des großen
    Mannes betonen soll, eine zweite Funktion, die beson-
    ders für historische Persönlichkeiten bedeutungsvoll
    wird. Er kann auch dazu verwendet werden, dem Hel-
    den einen Adelsbrief zu schaffen, ihn sozial zu erhöhen.
    So ist Kyros für die Meder ein fremder Eroberer, auf
    dem Wege der Aussetzungssage wird er zum Enkel des
    Mederkönigs. Ähnlich bei Romulus; wenn eine ihm ent-
    sprechende Person gelebt hat, so war es ein hergelaufe-
    ner Abenteurer, ein Emporkömmling; durch die Sage
    wird er Abkomme und Erbe des Königshauses von
    Alba Longa.

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    Ganz anders ist es im Falle des Moses. Hier ist die
    erste Familie, sonst die vornehme, bescheiden genug.
    Er ist das Kind jüdischer Leviten. Die zweite aber, die
    niedrige Familie, in der sonst der Held aufwächst, ist
    durch das Königshaus von Ägypten ersetzt; die Prinzes-
    sin zieht ihn als ihren eigenen Sohn auf. Diese Abwei-
    chung vom Typus hat auf viele befremdend gewirkt.
    Ed. Meyer und andere nach ihm, haben angenommen,
    die Sage habe ursprünglich anders gelautet: Der Pha-
    rao sei durch einen prophetischen Traum5) gewarnt
    worden, daß ein Sohn seiner Tochter ihm und dem
    Reiche Gefahr bringen werde. Er läßt darum das Kind
    nach seiner Geburt im Nil aussetzen. Aber es wird von
    jüdischen Leuten gerettet und als ihr Kind aufgezogen.
    Zufolge von „nationalen Motiven“, wie Rank es aus-
    drückt6), habe die Sage eine Umarbeitung in die uns
    bekannte Form erfahren.

    Aber die nächste Überlegung lehrt, daß eine solche
    ursprüngliche Mosessage, die nicht mehr von den an-
    deren abweicht, nicht bestanden haben kann. Denn die
    Sage ist entweder ägyptischen oder jüdischen Ursprungs.
    Der erste Fall schließt sich aus; Ägypter hatten kein
    Motiv, Moses zu verherrlichen, er war kein Held für
    sie. Also sollte die Sage im jüdischen Volk geschaffen,
    d. h. in ihrer bekannten Form an die Person des Füh-
    rers geknüpft worden sein. Allein dazu war sie ganz
    ungeeignet, denn was sollte dem Volke eine Sage fruch-
    ten, die seinen großen Mann zu einem Volksfremden
    machte?

    5)Auch im Bericht von Flavius Josephus erwähnt.

    6)I. c., p. 80, Anmerkung.

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    In der Form, in der die Moses-
    sage uns heute vorliegt, bleibt sie in bemerkenswerter Weise hinter ihren ge-
    heimen Absichten zurück. Wenn Moses kein Königs-
    sprosse ist, so kann ihn die Sage nicht zum Helden
    stempeln; wenn er ein Judenkind bleibt, hat sie nichts
    zu seiner Erhöhung getan. Nur ein Stückchen des gan-
    zen Mythus bleibt wirksam, die Versicherung, daß das
    Kind starken äußeren Gewalten zum Trotz sich erhal-
    ten hat, und diesen Zug hat denn auch die Kindheitsge-
    schichte Jesu wiederholt, in der König Herodes die
    Rolle des Pharao übernimmt. Es steht uns dann wirk-
    lich frei, anzunehmen, daß irgendein später, ungeschick-
    ter Bearbeiter des Sagenstoffes sich veranlaßt fand,
    etwas der klassischen, den Helden auszeichnenden, Aus-
    setzungssage Ähnliches bei seinem Helden Moses unter-
    zubringen, was wegen der besonderen Verhältnisse des
    Falles zu ihm nicht passen konnte.

    Mit diesem unbefriedigenden und überdies unsicheren
    Ergebnis müßte sich unsere Untersuchung genügen
    und hätte auch nichts zur Beantwortung der Frage ge-
    leistet, ob Moses ein Ägypter war. Aber es gibt zur Wür-
    digung der Aussetzungssage noch einen anderen, viel-
    leicht hoffnungsvolleren Zugang.

    Wir kehren zu den zwei Familien des Mythus zurück.
    Wir wissen, auf dem Niveau der analytischen Deutung
    sind sie identisch, auf mythischem Niveau unterschei-
    den sie sich als die vornehme und die niedrige. Wenn es
    sich aber um eine historische Person handelt, an die
    der Mythus geknüpft ist, dann gibt es ein drittes Niveau,
    das der Realität. Die eine Familie ist die reale, in der
    die Person, der große Mann, wirklich geboren wurde

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    und aufgewachsen ist; die andere ist fiktiv, vom My-
    thus in der Verfolgung seiner Absichten erdichtet. In
    der Regel fällt die reale Familie mit der niedrigen, die
    erdichtete mit der vornehmen zusammen. Im Falle
    Moses schien irgendetwas anders zu liegen. Und nun
    führt vielleicht der neue Gesichtspunkt zur Klärung,
    daß die erste Familie, die, aus der das Kind ausgesetzt
    wird, in allen Fällen, die sich verwerten lassen, die
    erfundene ist, die spätere aber, in der es aufgenommen
    wird und aufwächst, die wirkliche. Haben wir den Mut,
    diesen Satz als eine Allgemeinheit anzuerkennen, der
    wir auch die Mosessage unterwerfen, so erkennen wir
    mit einem Male klar: Moses ist ein – wahrscheinlich
    vornehmer – Ägypter, der durch die Sage zum Juden
    gemacht werden soll. Und das wäre unser Resultat! Die
    Aussetzung im Wasser war an ihrer richtigen Stelle;
    um sich der neuen Tendenz zu fügen, mußte ihre Ab-
    sicht, nicht ohne Gewaltsamkeit, umgebogen werden;
    aus einer Preisgabe wurde sie zum Mittel der Rettung.

    Die Abweichung der Mosessage von allen anderen
    ihrer Art konnte aber auf eine Besonderheit der Moses-
    geschichte zurückgeführt werden. Während sonst ein
    Held sich im Laufe seines Lebens über seine niedrigen
    Anfänge erhebt, begann das Heldenleben des Mannes
    Moses damit, daß er von seiner Höhe herabstieg, sich
    herabließ zu den Kindern Israels.

    Wir haben diese kleine Untersuchung in der Erwar-
    tung unternommen, aus ihr ein zweites, neues Argument
    für die Vermutung zu gewinnen, daß Moses ein Ägypter
    war. Wir haben gehört, daß das erste Argument, das
    aus dem Namen, auf viele keinen entscheidenden Ein-

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    druck gemacht hat7). Man muß darauf vorbereitet sein,
    daß das neue Argument, aus der Ausset-
    zungssage, kein besseres Glück haben wird. Die Ein-
    wendungen werden wohl lauten, daß die Verhältnisse
    der Bildung und Umgestaltung von Sagen doch zu un-
    durchsichtig sind, um einen Schluß wie den unsrigen
    zu rechtfertigen, und daß die Traditionen über die Hel-
    dengestalt Moses in ihrer Verworrenheit, ihren Wider-
    sprüchen, mit den unverkennbaren Anzeichen von Jahr-
    hunderte lang fortgesetzter tendenziöser Umarbeitung
    und Überlagerung alle Bemühungen vereiteln müssen,
    den Kern von historischer Wahrheit dahinter ans Licht
    zu bringen. Ich selbst teile diese ablehnende Einstel-
    lung nicht, aber ich bin auch nicht imstande, sie zu-
    rückzuweisen.

    Wenn nicht mehr Sicherheit zu erreichen war, war-
    um habe ich diese Untersuchung überhaupt zur Kennt-
    nis der Öffentlichkeit gebracht? Ich bedauere es, daß
    auch meine Rechtfertigung nicht über Andeutungen hin-
    ausgehen kann. Läßt man sich nämlich von den beiden
    hier angeführten Argumenten fortreißen und versucht,
    Ernst zu machen mit der Annahme, daß Moses ein vor-
    nehmer Ägypter war, so ergeben sich sehr interessante
    und weitreichende Perspektiven. Mit Hilfe gewisser,
    nicht weit abliegender Annahmen glaubt man die Mo-

    7)So sagt z. B. Ed. Meyer: Die Mosessagen und die
    Leviten, Berliner Sitzber. 1905: „Der Name Moše ist
    wahrscheinlich, der Name Pinchas in dem Priester-
    geschlecht von Silo… zweifellos ägyptisch. Das beweist
    natürlich nicht, daß diese Geschlechter ägyptischen Ur-
    sprungs waren, wohl aber, daß sie Beziehungen zu Ägyp-
    ten hatten“ (p. 651). Man kann freilich fragen, an wel-
    che Art von Beziehungen man dabei denken soll.

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    tive zu verstehen, die Moses bei seinem ungewöhnlichen
    Schritt geleitet haben, und in engem Zusammenhang
    damit erfaßt man die mögliche Begründung von zahl-
    reichen Charakteren und Besonderheiten der Gesetz-
    gebung und der Religion, die er dem Volke der Juden
    gegeben hat, und wird selbst zu bedeutsamen Ansich-
    ten über die Entstehung der monotheistischen Reli-
    gionen im allgemeinen angeregt. Allein Aufschlüsse so
    wichtiger Art kann man nicht allein auf psychologi-
    sche Wahrscheinlichkeiten gründen. Wenn man das
    Ägyptertum Moses’ als den einen historischen Anhalt
    gelten läßt, so bedarf man zum mindesten noch eines
    zweiten festen Punktes, um die Fülle der auftauchenden
    Möglichkeiten gegen die Kritik zu schützen, sie seien
    Erzeugnis der Phantasie und zu weit von der Wirklich-
    keit entfernt. Ein objektiver Nachweis, in welche Zeit
    das Leben Moses’ und damit der Auszug aus Ägypten
    fällt, hätte etwa dem Bedürfnis genügt. Aber ein solcher
    fand sich nicht und darum soll die Mitteilung aller
    weiteren Schlüsse aus der Einsicht, daß Moses ein
    Ägypter war, besser unterbleiben.