Neurose als Zeitkrankheit 1932-091/1932.2

Freud, Sigmund (1932-091/1932.2): Neurose als Zeitkrankheit

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  • S.

    Neurosen als Zeitkrankheit.

    Welche Heilerfolge hat die Psychoanalyse?

    Von Professor Dr. Sigmund Freud.

    (Aus einem Gespräch.)

    Wenn die Thür eine Unterredung mit Professor Doktor
    Sigmund Freud gewünscht wird, dem jenseits vor allem die
    geistige Hochspannung, die ungeheure Konzentration, die sich
    im Wesen des großen Forschers verräth, dem die Frau aus
    vielen veröffentlichten Berichten und Weiler der Psychoanalyse
    verehrt. „Worin bestehen die Errungenschaften und unmittel-
    baren Möglichkeiten der Psychoanalyse?“ fragt Sie Sigmund
    Freud.

    „In der Therapie der Neurosen, gewisser
    Psychosen, in Teilen einer grundlegenden
    Charakterveränderung und selbst bei weiten Ab-
    zweigungen der Bewußtseinsspaltung (Schizophrenie)“,
    antwortet Freud, „sind die Erfolge der Psychoanalyse un-
    bestreitbar. Aber von grundlegender Bedeutung ist vor allem
    die allmähliche Durchdringung des Nervenlebens durch die
    Psychoanalyse. Man kann auch psychische Störungen und
    Funktionsstörungen des Organismus heilen, indem man
    von den Symptomen ausgeht. Denn alle Klassifikationen
    der Psychopathologie, wie seltsam und unzusammenhängend sie
    auch sein mögen, sind Symptome, die durch die Triebfedern
    seines Zustandes und seiner psychischen Erkrankung
    bestimmt sind.“

    „Hat nicht die Psychoanalyse, indem sie die Bedeutung
    des Traumes erkannte, die Gesetze des Determinismus bis
    auf die zartesten Daseinsänderungen ausgedehnt?“

    „Es handelt sich bei der Psychoanalyse weniger darum, den
    Traum an sich zu erklären, als darum, ihn als
    Symptom zu deuten und mit Hilfe
    des Traumes zu diagnostizieren. Durch
    schließlich findet der Kranke im Verlauf der Analyse in sich selbst
    zurück, in er seiner verdrängten Komplexe
    bewußt wird. Es handelt sich darum, die realen Trieb-
    federn unserer Konflikte und auch die der Gemeinschaften
    und Völker zu kennen.“

    „Angesichts der Dauer und der Kosten einer Behand-
    lung, kann doch nur eine verschwindend kleine Anzahl
    kranker psychoanalytisch behandelt werden?“

    „Gewiß, es gibt schwere Schranken der
    psychoanalytischen Behandlung. Vor allem
    organische Veränderungen, ferner die Alters-
    grenze. Denn die Psyche eines Menschen, der das
    plastische Lebensjahr überschritten hat, und der
    haltunsmäßig unnachgiebig ist, bei dem stellt sich das zu er-
    forschende unbewußte psychische Material ungescheuerter und
    läßt sich kaum mehr korrigieren. Die Behandlung ist also
    in gewisser Hinsicht dem Alter proportional und das
    Problem wird in vorzehneujährigen Jahren fast unlösbar.“

    Die Krankheit als Mittel der Selbst-
    verteidigung.

    „...Und die überwiegende Mehrzahl der Kranken, die
    Armen?“

    „Für die Armen – es ist traurig genug und
    man wird die Bemerkung hoffentlich nicht als zynisch miß-
    deuten – für die Armen bedeuten die Neurosen
    nicht nur Krankheit, sondern oft auch eines der
    Elemente der Selbstverteidigung im Kampf
    ums Dasein. Wir haben jetzt oft, wenn wir unentgeltlich
    ordinieren, die Erfahrung gemacht, daß sich die Armen
    von ihren Leiden nicht eher befreien lassen wollten, bevor
    nicht eine Aenderung in ihrer materiellen Lage herbeigeführt
    wäre. Und dies ist nur zu verständlich, da sie ihre
    Krankheit oft genutz müssen, um zu verdanken, die
    sie als Gesinde bei ihrer sozialen Stellung nicht zu erwarten
    hätten. Alle unsere Bemühungen sind darauf gerichtet, uns
    Kenntnisse über die grundlegendsten psychischen Funktionen
    anzueignen und zu verbreiten und durch eine all-
    gemeine Prophylaxe die Konstitution von
    Kindheit an vor den bösartigsten Impulsen
    und Phobien zu bewahren.“

    Geistige Hygiene.

    „Besteht nicht eine gewisse Gefahr, durch diese
    Prophylaxe die normale Entwicklung des Kindes zu stören?“

    „Eine geistige Hygiene, die den gefürchteten
    sexuellen und psychischen Rabenjammern zu
    verhüten weiß, ist besonders in den Jahren des Wachs-
    tums ebenwig wichtig. Eine körperliche Hygiene, selbst im
    Falle der Behandlung eines so zarten Zustandes
    wie bei kleinen Hans, die ich eingehend beschrieben habe, hat
    die psychoanalytische Einrichtung seine feeste Ent-
    nügung günstig beeinflußt, ohne sichtbare Spuren in seiner
    Erinnerung zurückzulassen. Ich konnte auch davon über-
    zeugen, als ich vierzehn Jahre später den Neunzehnjährigen
    Hans traf.“

    „Wie vermeidet man Willkürlichkeiten bei der
    Interpretation von Erinnerungen, Obsessionen,
    Assoziationen, Träumen und überhaupt bei der ganzen
    psychoanalytischen Behandlung?“

    „Die korrigierten Erscheinungsformen,
    die ein zurückgedrängter Impuls in der
    Gestalt der Libido annehmen kann, sind un-
    endlich und seine Sublimationen umfassen sozusagen die
    Gesammtheit des menschlichen Strebens. Es handelt sich uns
    wie beim Traum weniger um eine Erklärung, eine kasuistische
    Dogmatik, als darum, Symptome zu behandeln. Die psycho-
    analytische Methode ist im wesentlichen dynamisch: wir
    rechnen mit den ungeheuren Triebfedern den ununterbrochenen
    Verschiebungen der Seele. Daraus erwächst das heroische
    Problem, das ich „Uebertragung“ nenne. Eine Ver-
    drängung der Junalalie, deren Ursprung die Analyse noch
    nicht aufzuklären vermochte. Es handelt sich um Affekte, die
    immer bereit sind, sich anzupassen, sich je nach den Umständen
    zu verwandeln und sich im Halle der psychoanalytischen
     

    Behandlung auf den Arzt zu übertragen. Die
    Komplexität und Veränderlichkeit dieser Faktoren legen dem
    Arzt die Notwendigkeit einer ungeheuer straffen Kontrolle
    seiner Forschungen auf, in denen das Willkürliche berück-
    sichtigt und offenbar wird.“

    „Inwiefern trägt die Volkskrise zur Entwicklung der Neu-
    rosen, der vielbesprochenen „sexuellen Not“ bei?“

    „Dieses Wort, das zum Schlagwort geworden ist und
    allgemein der Psychoanalyse zugeschrieben wird, stammt nicht
    von mir. Meiner Ansicht nach hat sich die „sexuelle Not“
    auf unserem Kontinent dank der größeren Frei-
    heit der Sitten nach dem Krieg verringert.
    Gibt es aber einerseits weniger Neurosen, die durch Unter-
    drückung der Instinkte hervorgerufen werden, so zeigt sich
    dagegen eine Zunahme von Neurosen aller Arten,
    die durch Zügellosigkeit der Instinkte ver-
    ursacht wurde. Die Suche der enttäuschten, mutlosen Massen
    nach dem Unbekannten, dem „Abenteuer“
    erklärt sehr wohl diese Neurosen. Die Psychoanalyse
    schafft ebenso heilsame Klarheit wie die Ver-
    sinnlichmachung gewisser Wirtschaftsgeldere. Sie befähigt
    die leidenden Menschen zu größerem Widerstand,
    indem sie ihnen die objektiven Ursachen ihrer Lage enthüllt und so die
    quälende Furcht vor einer Fügung des Schicksals, einem
    persönlichen „Pech“ unterdrückt.“

    N. B.

    Nachdruck, auch auszugsweise, verboten!

  • S.

    Neue

    Freie Presse.

    Morgenblatt.

    Wien, Sonntag, den 14. August