Plato 1880-082/1880

Mill, John Stuart (1880-082/1880): Plato

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    Plato*).
     

    Die Leser von Grote's Geschichte Griechenlands werden wohl
    die Aussicht nicht vergessen haben, die ihnen im letzten Bande
    des Werkes eröffnet wurde, daß derselbe Mann, welcher das poli-
    tische Leben von Hellas unserem Verständniß so nahe gebracht hat,
    auch jene herrliche Entfaltung des speculativen Denkens darstellen
    und beurtheilen würde, durch welche Griechenland (eben so sehr
    wie durch seine Freiheit) das für die Welt geworden ist, was nach
    einem Ausspruch des Perikles Athen für Griechenland war: eine
    Schule der Erziehung. Man konnte mit Gewißheit vorhersagen,
    daß dieselbe Sorgfalt der Forschung, dieselbe Geschicklichkeit in der
    Scheidung beglaubigter Thatsachen von altherkömmlichen Ent-
    stellungen oder von haltlosen Vermuthungen, und dasselbe seltene
    Vermögen, in mannigfaltige intellectuelle und sittliche Gesichts-
    punkte einzugehen, durch welche sich die,,Geschichte", und kein Ab-
    schnitt mehr als das denkwürdige Capitel über Sokrates und die
    Sophisten, auszeichnete, auch eine ihrer würdige Verwendung
    bei der lebenswahren Zeichnung der Gestalten eines Plato, Ari-
    stoteles und der ihnen ebenbürtigen Männer finden würden. Aber
    das vorliegende Werk erfüllt nicht nur die Erwartungen, die man
    nach Grote's früheren Leistungen hegen durfte; es enthüllt neue
    Geisteskräfte; wäre es nicht geschrieben worden, so hätten weitere
    Kreise niemals durch eigene Anschauung den ganzen Umfang seiner
    Fähigkeiten und Begabung ermessen gelernt. Obwohl ein mit der
    Philosophie vertrauter Geist leicht wahrnehmen mochte, daß solch
    ein Buch wie die Geschichte Griechenlands nur das Werk eines
    ähnlich geschulten Geistes sein konnte, so bezog sich doch die Be-
    lehrung, welche in jenem großen Werk in erster Reihe zu finden
    war, zumeist auf das bürgerliche und politische Leben; während die
    Speculationen der griechischen Philosophen, und Plato's vor Allen,
    sich über das ganze Gebiet des menschlichen Denkens und mensch-
     

    *) Edinburgh Review, April 1866.
     

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    Plato.
     

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    licher Wißbegier verbreiten, von der Etymologie bis zur Kosmo-
    gonie, und von dem Unterricht in Musik- und Turnschulen bis zu
    den allgemeinsten Problemen der Metaphysik und Ontologie. Selbst
    viele von Grote's Bewunderern mögen nicht erwartet haben, daß
    er sich in den abstractesten metaphysischen Speculationen eben so
    heimisch zeigen würde wie in der concreten Wirklichkeit politischer
    Einrichtungen, daß er sich auf dem einen Gebiete mit derselben un-
    gezwungenen Meisterschaft bewegen würde wie auf dem anderen,
    und daß er neben den lichtvollsten und eingehendsten Erläuterungen
    der alten Denkweisen reife und wohl erwogene eigene Ansichten vor-
    bringen würde, wobei er eine Beherrschung des ganzen Umfanges
    der speculativen Philosophie bekundet, welche ihn der kleinen Zahl
    von hervorragenden Psychologen und Metaphysikern seines Zeit-
    alters würdig anreiht.
     

    Das Werk, von dem wir jetzt berichten, führt, obwohl ein in
    sich abgeschlossenes Ganzes, die Geschichte der griechischen Philo-
    sophie nur bis auf Plato und dessen Zeitgenossen; aber es wird
    uns eine Fortsetzung versprochen, welche zum mindesten die Zeit-
    genossen des Aristoteles umfassen soll, wobei wir, nach Analogie
    mit den Schlußcapiteln des vorliegenden Werkes hoffen dürfen,
    daß auch eine Beurtheilung der Stoiker und Epikureer nicht fehlen
    wird. Käme dazu noch eine Zusammenfassung dessen, was uns
    über die Erneuerung der pythagoräischen Lehren und über die
    spätere Akademie bekannt ist, so wäre kein Abschnitt der rein
    griechischen Philosophie in der Darstellung übergangen; denn der
    Neuplatonismus, dieser Nachwuchs in später Zeit und von ge-
    ringem inneren Werth, war ein Zwitterproduct der griechischen
    und der orientalischen Speculation und hat seinen Platz in der
    Geschichte neben dem Gnosticismus. Seine Berührung mit dem
    griechischen Geiste hat auf die Verfallsepoche desselben Bezug,
    gleichwie das Wenige was bei Plato mit ihm verwandt ist, vor-
    wiegend der Zeit des Verfalls in Plato's eigenem Geiste an-
    gehört. Wir sind ganz zufrieden damit, daß Grote diesen wenig
    anziehenden und wenig erquicklichen Abschnitt der Geschichte des
    menschlichen Geistes aus seinem Plane ausgeschlossen hat; aber die
    Darstellung des Aristoteles, die wir von ihm erwarten dürfen,
    wird kaum hinter der Darstellung Plato's an Werth zurückstehen.
    Zwar ist es die lettere, die uns mehr Noth that; denn Plato
    bietet für das moderne Verständniß mehr Schwierigkeiten als
    Aristoteles; unser Wissen vom Meister ist in weit höherem Maße
    als das vom Schüler nur ein Scheinwissen, dessen wir uns erst
    entäußern müssen; und endlich ist weit mehr Nußen aus den Lehren
     

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    Plato.
     

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    des späteren Philosophen gezogen worden als aus denen des
    früheren.
     

    Obwohl die drei Bände von Grote's Wert sich hauptsächlich
    mit Plato's Schriften beschäftigen, so ist doch auch der Theil,
    welcher auf Plato keinen unmittelbaren Bezug hat, von großem
    Werth und Interesse. Die ersten zwei Capitel enthalten einen so
    vollständigen Bericht, als der Stand unserer Kenntnisse zuläßt,
    über die Formen der griechischen Philosophie, welche Sokrates
    vorausgiengen; während die zwei, welche das Werk beschließen,
    das Wenige erzählen (außer in Betreff Xenophon's ist es nur sehr
    wenig), was über die anderen Sokratiker und ihre Lehren: die
    megarische Schule, welche mit Eukleides, die cynische, welche mit
    Antisthenes, und die cyrenäische oder hedonische, welche mit Aristipp
    beginnt, bekannt ist. Alle diese Männer standen in persönlichem
    Verkehr mit Sokrates, und ihre verschieden gearteten und sich
    durchkreuzenden Gedankenströme kamen nicht aus einer gemeinsamen
    Quelle, welche er eröffnet hatte; sondern sie sprangen bei der Be-
    rührung seines Zauberstabes an verschiedenen Stellen aus dem
    Felsen hervor; denn was er zu üben vorgab und wirklich übte war
    dieß, daß er Andere zum Denken anregte, nicht daß er statt ihrer
    dachte. Von Sokrates selbst wird, obwohl in gewissem Sinne das
    ganze Buch sich auf ihn bezieht, in diesen Bänden nicht besonders
    gehandelt, da die in der Geschichte Griechenlands" enthaltene
    Schilderung und Beurtheilung desselben als genügend erachtet wird.
     

    Einige Bekanntschaft mit den früheren hellenischen Denkern ist
    für ein volles Verständniß Plato's nicht zu entbehren. Doch ist
    unsere Kenntniß derselben unglücklicher Weise eine sehr lückenhafte
    und vielfach nur indirecte, da von den Autoren selbst nur wenige
    Bruchstücke durch die Anführungen späterer Schriftsteller erhalten
    sind. Wir besigen zwar von einem Jeden das, was seine An-
    hänger als seine hauptsächlichsten Lehren betrachtet haben; aber
    wir sind in einiger Verlegenheit, was wir damit beginnen sollen.
    Diese ersten tastenden Versuche des philosophischen Geistes haben
    so wenig mit der wissenschaftlichen Denkweise der Neueren gemein,
    daß der moderne Geist sich ihnen nicht leicht anbequemen kann.
    Die physikalischen Theorien erscheinen uns so ungereimt, und die
    metaphysischen so unverständlich, daß einige Anstrengung dazu ge-
    hört, um wahrnehmen zu können, wie durchaus naturgemäß sie
    waren. Wir sind durch vielfache mißglückte Versuche zur unwill-
    kommenen Einsicht gelangt, daß der Mensch nur auf großen Um-
    wegen zum Verständniß der Natur vordringen kann, daß uns die
    großen Fragen nicht direct, sondern nur durch die Vermittlung
     

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    Plato.
     

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    zahlreicher kleinerer Fragen zugänglich sind, welche die Menschen
    im ersten Eifer der Forschung übersahen und geringschätzten, welche
    aber allein hinreichend einfach und naheliegend sind, um uns die wirk-
    lichen Gesetze und Vorgänge der Natur zu enthüllen, die wir dann
    als Schlüssel gebrauchen um jene größeren Mysterien zu erschließen,
    die wir überhaupt zu enträthseln vermögen. Dieses Verfahren,
    auf welches die menschliche Ungeduld erst spät verfiel und das sie
    nur langsam üben gelernt hat, ist ein ganz besonders künstliches,
    und der Geist, welcher dafür geschult ward, ist zum Glück für die
    Menschheit so völlig davon durchtränkt worden, daß er seine natürliche
    Verfahrungsweise ganz vergessen hat. Der Naturmensch naturam
    rei in ipsa re perscrutatur, wie es in Bacon's nachdrücklicher
    Verdammung heißt. Er kann und will nicht eine regelrechte Be-
    lagerung seines Objectes unternehmen, sich ihm durch eine
    Reihe von dazwischen liegenden Positionen nähern und sich zuerst
    seiner Außenwerke bemächtigen; er will mit einem Sprunge in die
    Festung gelangen, und da seiner frischerweckten Wißbegierde keine
    Untersuchung der Mühe werth erscheint, welche weniger als die
    Erklärung des ganzen Weltalls verspricht, so stellt er irgend eine
    wahrscheinlich klingende Muthmaßung auf, die ein paar in die
    Augen springende Thatsachen erklärt oder zu erklären scheint, und
    dehnt oder spinnt sie aus zu einer Theorie des Universums. Solche
    Theorien hat der hellenische Geist in großer Zahl und Mannig-
    faltigkeit aus sich geboren. Grote hat berichtet, was über sie be-
    kannt ist, und hat durch die Anwendung eines klaren philosophischen
    Denkens auf die Ergebnisse der eigenen und der deutschen Gelehrsam-
    keit so viel von ihrer Bedeutung ermittelt, als man füglich zu er-
    mitteln hoffen kann. Es übersteigt selbst seine Kräfte, diese Bedeutung
    ohne beträchtliche Denkanstrengung verständlich zu machen; denn
    die Worte, in welche sie gekleidet ist, besitzen keine genau ent-
    sprechenden Aequivalente in der modernen Ausdrucksweise, welche
    dadurch, daß sie sich bestimmteren Fassungen der Probleme und
    einer gewissen Zahl gesicherter Lösungen anpaßte, viel von jener
    Unbestimmtheit und Bieldeutigkeit eingebüßt hat, welcher jene früh-
    zeitigen unsicheren Muthmaßungen zumeist das Maß von Annehm-
    barkeit, das ihnen zufam, verdankten.
     

    Diese alten Theorien fönnen, wie gesagt, in physikalische und
    metaphysische unterschieden werden, obwohl die physikalischen die
    Hilfe der Metaphysik nicht immer entbehren konnten, und die meta-
    physischen dazu verwendet wurden, physikalische Erscheinungen zu
    erklären. In den physikalischen Theorien wurden ein oder mehrere
    Stoffe, mit denen die Erfahrung vertraut war, als das Element
     

    Mill, ges. Werke. XII,
     

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    Plato.
     

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    oder als die Elemente angenommen, welche in mannigfachen Um-
    gestaltungen das ganze Weltall zusammensetzen; und alle Erschei-
    nungen der Natur galten als Erzeugnisse der Kräfte, Eigenschaften
    oder Essenzen dieser Elemente, oder der ihnen innewohnenden ver-
    borgenen Gewalten. Thales schrieb diese allumfassende Rolle dem
    Wasser, Anaximenes der Luft zu, wobei wir uns gegenwärtig halten
    müssen, daß die Alten viele Dinge Wasser" oder,,Luft" nannten,
    welche die moderne Physik anders bezeichnet. Empedokles erklärte
    alle Dinge durch die Mischung und Wechselwirkung von Erde,
    Wasser, Luft und Feuer. Man nahm in der Regel an, daß diese
    stofflichen Substanzen der Mitwirkung gewisser abstracter Wesenheiten
    bedürfen, die das Feuchte und Trockene, das Kalte und Warme, das
    Weiche und Harte, das Schwere und Leichte u. s. w. genannt wurden,
    und welche als die unmittelbaren, wenn nicht gar die letzten Ursachen
    der Entstehung der Erscheinungen galten*). Es wäre ein Irrthum,
    wenn wir glauben wollten, daß diese und ähnliche Hypothesen wirk-
    lich ungereimt waren, ehe noch die spätere Entwicklung der induc-
    tiven Forschung dieß nachgewiesen hatte. Eine subtilere Untersuchung
    der Natur hat seitdem gezeigt, daß die vermeintlichen Elemente
    nicht wirklich einfache Körper, sondern Verbindungen sind, und daß
    die verallgemeinerten Eigenschaften, die man irrthümlich als wir-
    kende Ursachen ansah, blos Ergebnisse einer unrichtigen Verall-
    gemeinerung und Abstraction sind Bacon's notiones temere
    a rebus abstractae. Aber das war nicht bekannt und konnte es
    nicht sein zur Zeit als diese Hypothesen aufgestellt wurden. Vor-
    läufig dienten sie als erste Schritte zu jener Vergleichung der Er-
    scheinungen in Bezug auf ihre Aehnlichkeiten und Unterschiede,
    welche die Vorbereitung für die Entdeckung ihrer Geseze ist; und
    die Verwendung dieser Hypothesen zur Erklärung anderer That-
    sachen als jener, welche ihre Aufstellung veranlaßt hatten, brachte
    beständig neue Aehnlichkeiten und Verschiedenheiten in Sicht und
    bahnte weniger mangelhaften Hypothesen den Weg; die metaphy-
    sischen Theorien andererseits, welche ihre Auffassung des Univer-
    sums nicht auf physikalische Agentien, sondern auf die höchsten und
    unbestimmtesten Abstractionen gründeten auf das Eine, das
    Selbe, das Verschiedene, das Seiende, das Werdende, erscheinen
    uns nicht so sehr irrthümlich, als inhaltlos; wir finden es schwer,
    uns vorzustellen, was sich Leute gedacht haben können, die solche
     

    *) Tavavría ágyai τov övτwv, „ein Axiom, wie Grote bemerkt (I,
    15, Aum.), welches im Geist der griechischen Philosophen einen großen
    Raum einnimmt."
     

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    Plato.
     

    Dinge als Erklärung für irgend etwas vorbrachten. Unter diesem
    ,,wir sind die Physiker, die Erfahrungsphilosophen, die Schule
    Bacon's zu verstehen. Die deutschen Transscendentalphilosophen
    hingegen finden viel mehr Sinn in diesen als in den physikalischen
    Hypothesen. Denn ihre Ontologie ist wesentlich nur eine Rückkehr
    zu dieser ersten Stufe der menschlichen Speculation, eine Wieder-
    belebung derselben Methoden, derselben Fragen und zum guten
    Theil derselben Antworten, manchmal unter einem oberflächlichen
    Firniß moderner inductiver Philosophie. Hegel bewegt sich unter
    denselben unbestimmten Abstractionen, wie die frühesten Anfänger
    im metaphysischen Denken; seine Dialektik erinnert an den Par-
    menides in Plato's Dialog und seine wesentlichen Lehren sind
    großentheils eine Wiederholung des Heraklit. Wenn wir bis auf
    Anaximander, den ersten uns bekannten speculativen Denker nach
    seinem Landsmann Thales, zurückgehen, so finden wir bereits die
    Grundbegriffe des Transscendentalismus vor. ,,Er legte seiner
    Hypothese, sagt Grote*), eine Substanz zu Grunde, welche er das
    Unendliche oder das Unbestimmte nannte. Unter diesem Namen
    verstand er den Körper schlechtweg, ohne irgend welche positive
    oder bestimmte Eigenschaften, doch so daß ihm die fundamentalen
    Gegensätze von Heiß und Kalt, Feucht und Trocken u. s. w. in
    potentiellem oder latentem Zustande innewohnen, ferner mit einem
    Vermögen, sich selbst zu verändern und selbst zu entwickeln, begabt,
    und überdieß unsterblich und unzerstörbar. Durch diese ihm inne-
    wohnende Kraft und durch die Entfaltung von einer oder mehreren
    dieser schlummernden gegensätzlichen Eigenschaften sollten die ver-
    schiedenen bestimmten Substanzen der Natur: Luft, Wasser, Feuer
    u. s. w. erzeugt werden." Hier haben wir den fundamentalen Gegen-
    satz der Transscendentalphilosophen, Materie und Form, vor uns,
    während die Vorstellung eines abstracten eigenschaftslosen Körpers,
    der aber mit dem Vermögen begabt ist, solche aus sich selbst durch eine
    eingeborene Kraft zu entwickeln, das transscendentale Noumenon ist,
    im Gegensatz zum Phaenomen. Das Ens des Parmenides hingegen,
    das Seiende im Allgemeinen,,,welches immer ist und eigentlich
    weder vergangen noch zukünftig genannt werden kann", welches
    nicht,,in Wirklichkeit entsteht und vergeht, sondern nur in unserem
    Glauben oder mit Bezug auf unsere Wahrnehmung",,,welches
    wesentlich Eines ist und nicht getheilt werden kann"**), was ist
     

    Grote, I, 5.
    **) ebend., 22.
     

    3*
     

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    Plato.
     

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    es anderes, als (wie Grote bemerkt) das Absolute der modernen
    Ontologen? Nur eines hat es vor demselben voraus; die Eleaten
    nämlich ließen diesem Absoluten eine der Erkenntniß des Menschen
    zugängliche Eigenschaft, die Ausdehnung, während die Trans-
    scendentalisten selbst diese leugnen und dennoch (wenigstens einige
    unter ihnen) behaupten, daß es erkennbar sei. Sogar der beinahe
    asiatische Mysticismus der pythagoräischen Zahlenlehre hat, wie
    Grote darthut*), sein genaues Gegenstück in der deutschen Philosophie
    des neunzehnten Jahrhunderts. Wenn Zahlen, rein abstracte
    Eigenschaften der Dinge, für wirklich eristirende Dinge gehalten
    werden, kommt man bald dahin, ihnen wirkende Kräfte zuzuschreiben
    und sie haben so gute Aussicht wie nur irgend etwas, einen Philo=
    sophen zu finden, der sie zur herrschenden Macht des Weltalls
    erhebt.
     

    Diese beiden Adern der Speculation, die physikalische wie die
    metaphysische, wurden zeitweilig durch die neue Richtung, welche
    Sokrates dem philosophischen Geiste gab, in den Schatten gestellt,
    aber nur zeitweilig, denn das anspruchsvolle Streben nach einer
    Theorie des Weltalls taucht in den späteren Werken seines größten
    Schülers, Plato, von neuem in seiner am meisten metaphysischen
    Gestalt auf. Die im höchsten Maß originelle Geistesärt des
    Sokrates zeigte sich hauptsächlich durch seine Methode. Doch
    stammte sein mächtigstes Werkzeug zum Theil von einem Schüler
    des Parmenides, Zeno von Elea, her, welcher**) auf die Auto-
    rität des Aristoteles hin als der Erfinder der Dialektik gilt, das
    heißt als die erste Person, von deren Geschicklichkeit in der Kunst
    des Kreuz- und Quer-Verbörs und des Widerlegens bemerkenswerthe
    Beispiele aufbewahrt wurden". Die Stärke Zeno's bestand darin,
    die Schwierigkeiten und Einwendungen, denen eine Theorie unter-
    liegt, atiffällig zu machen, aber nicht (nach der Weise der Modernen)
    durch die Auffindung von Thatsachen, die mit ihr unvereinbar sind,
    sondern mehr dadurch, daß er ihre Consequenzen zog und auf
    logische Widersprüche hinwies, eine Art zu argumentiren, die
    er besonders gegen Solche in Anwendung brachte, welche die Lehre
    seines Meisters vom absoluten und untheilbaren Einen bestritten
    und mit Heraklit behaupteten, daß das All nicht Eines sondern
    Vieles sei. Die berühmten Paradorien, durch welche Zeno's Name
    hauptsächlich bekannt ist, seine Argumente gegen die Realität der
     

    *) Grote, I, 10, Anmerkung.
     

    **) ebend., 96.
     

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    Plato.
     

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    Bewegung, betrachtet Grote *) weder als skeptische Trug-, noch
    als logische Verirschlüsse, sondern als ernstgemeinte Argumente,
    welche nicht die Bewegung als eine Thatsache der Erscheinungs-
    welt bestreiten, sondern ihren relativen Charakter als Zustand
    unseres Bewußtseins hervorheben sollen, so daß es unmöglich
    wird, dieselbe in einem wahren und widerspruchsfreien Sinn vom
    Ens Unum oder Absoluten auszusagen, welches die Lehre des
    Parmenides für unbeweglich erklärte. Wie immer sich das ver-
    halten mag, diese Argumente entsprachen ganz der Befähigung
    Zeno's für das was Grote mit einem glücklichen Wort den nega-
    tiven oder abwehrenden Arm der Philosophie nennt, denjenigen
    Theil derselben, welcher die Wahrheit von Theorien durch die
    Schwierigkeiten, denen sie begegnen müssen, prüft; und wenn er
    oft Schwierigkeiten der Sprache für sachliche ansah, so war das
    zu Anfang unvermeidlich; und Plato that oft dasselbe.
     

    Es blieb Sokrates und Plato, welcher, sei es als Erläuterer,
    sei es als Fortseter von Sokrates' Wert, von diesem niemals ge-
    trennt werden kann, vorbehalten, diesen abwehrenden Arm der
    Philosophie mit einer seither nicht übertroffenen Vollkommenheit
    auszurüsten, und ihm sein größtes, anziehendstes und unentbehr-
    lichstes Arbeitsfeld anzuweisen, nämlich die Allgemeinheiten, welche
    sich auf das Leben und die Lebensführung beziehen. Diesen großen
    Männern entstammt der Gedanke, daß, wie jedes andere Gebiet des
    praktischen Lebens, so auch Moral und Politik Gegenstände der Wissen-
    schaft sind, welche nur nach angestrengtem Studium und einer be=
    sonderen Schulung verstanden werden können; zu welcher Schulung
    es unerläßlich ist, sich die Gewohnheit anzueignen, nicht nur das
    in Betracht zu ziehen, was zu Gunsten einer Ansicht, sondern auch,
    was gegen sie gesagt werden kann, die Gewohnheit, Meinungen zu
    prüfen und sie nicht eher anzunehmen als bis sie sich gegen jeden
    logischen noch mehr als gegen jeden praktischen Einwand siegreich
    erwiesen haben. Diese zwei Grundsäge: die Nothwendigkeit einer
    wissenschaftlichen Grundlage und Methode für Ethik und Politik,
    und einer strengen, abwehrenden Dialektik, als eines Bestandtheils
    jener Methode, sind die bedeutsamsten unter den vielen Lehren, die
    man von Plato empfangen kann; und gerade weil der moderne
    Geist diese beiden Lehren, zumal die lettere, meistentheils vernach-
    lässigt hat, rechnen wir die Schriften Plato's zu den kostbarsten
    intellectuellen Schätzen, welche uns das Alterthum vermacht hat.
    Grote ist derselben Ansicht, und er hat durch das uns vorliegende
     

    *) Grote, I, 103, 104.
     

  • S.

    Plato.
     

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    Werk Allen einen unschätzbaren Dienst erwiesen, indem er denen, welche
    das Original zu lesen vermögen, dieses Studium erleichtert, und
    denen, welche dieß nicht können, dessen Resultate zugänglich gemacht hat.
     

    Er erzählt zunächst Plato's Leben, soweit es nach den vor-
    handenen Quellen dargestellt werden kann; dann handelt er von
    der Aechtheit der platonischen Schriften und anerkennt, nach einer
    Vergleichung und Abwägung des Beweismateriales, welche sich jeder
    derartigen Erörterung in seinem Geschichtswerke an die Seite stellen
    tann, als Werke Plato's die ganze Liste, welche die alexandrinischen
    Kritiker aufgestellt und alle Gelehrten angenommen hatten, bis sie
    in diesem Jahrhundert von deutschen Herausgebern und Erklärern
    in Zweifel gezogen wurde. Ein weiteres Capitel ist einer über-
    sichtlichen Betrachtung von Plato's Schriften gewidmet, und der
    Rest des Werkes enthält (von den Schlußcapiteln über die anderen
    Sokratiker abgesehen) die eingehende Zergliederung und Würdigung
    jedes einzelnen Dialoges. Diese Zergliederung umfaßt folgende
    Punkte, die aber in Wirklichkeit bei weitem nicht so strenge ausein-
    ander gehalten sind, als es in unserer Aufzählung der Fall sein
    muß. Zuerst, einen vollständigen Auszug des Dialoges, in dem
    kein Gedanke und keine wichtige Entwicklung übergangen ist.
    Darauf, eine Beleuchtung der Aufschlüsse, welche der Dialog über
    Plato's Lehren oder Methode giebt, und des Einflusses, welchen
    er auf des Autors allgemeines Urtheil über Plato und seine
    Schriften ausgeübt hat. Endlich werden die Gedanken, welche im
    Mittelpunkte des einzelnen Dialoges stehen oder in seinem
    Verlaufe berührt werden, von dem Zusammenhange losgelöst, und
    einer, mitunter sehr ausführlichen, kritischen Prüfung vom Stand-
    punkt Plato's sowohl als vom Standpunkte des Verfassers unter-
    zogen; und, wenn das Urtheil ungünstig ausfällt, erfahren wir des
    Autors eigene Ansichten über dieselben Fragen und deren Be-
    gründung. Auf solche Weise wird das Buch zu einem wahren
    Schathaus lehrreicher Erörterungen über die wichtigsten Fragen
    der Philosophie, der speculativen wie der praktischen, während es
    gleichzeitig eine erschöpfende Darstellung Plato's enthält. Wir
    werden mit Plato selbst bekannt, nicht mit den Gedanken irgend
    eines Anderen über Plato, und wir brauchen, außer den Auszügen,
    deren Verläßlichkeit eine vollkommene ist, nichts anderes auf Treu'
    und Glauben hinzunehmen. Zwar geht uns Plato's dramatische
    Gewalt, seine feine Ironie und der Zauber seines Styls verloren,
    dessen Wiedergabe -wenn man überhaupt hoffen könnte, dieß zu
    erreichen die Aufgabe eines Uebersetzers, nicht eines Erklärers
    wäre; aber alle Gedanken Plato's finden wir wieder genau wie
     

  • S.

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    Plato.
     

    und genau wo sie in den platonischen Schriften erscheinen. Die
    Behandlung eines jeden Dialoges ist so gewissermaßen ein in sich
    abgeschlossenes Ganze. Eine solche Darstellung bringt nothwendig
    viele Wiederholungen mit sich, da jedesmal, wenn dieselbe Idee
    oder Eigenthümlichkeit Plato's in einem anderen Dialoge wieder-
    kehrt, sie zu einer ganz ähnlichen Reihe von Bemerkungen Anlaß
    giebt. Auch haben manche Kritiker vom formellen Standpunkt aus
    diese Wiederholungen als Zeichen einer ungeschickten Anordnung des
    Stoffes getadelt; aber das heißt die Absicht des Autors ver-
    kennen. Er setzt sich nicht etwa aus Nachlässigkeit oder Unbeholfen-
    heit diesem Vorwurf aus; er verachtet ihn und fordert ihn heraus.
    Denn was bei einer Schilderung Plato's, welche sich an die Ein-
    bildungskraft der Leser wendete, eine Unvollkommenheit wäre, das
    wird zu einem Vorzug bei einem Buche, welches dazu bestimmt
    ist, das eingehende Studium des Philosophen zu erleichtern oder
    zu ersetzen. Grote wollte den Leser in den Stand setzen, sich ein
    eigenes Urtheil über Plato zu bilden, wollte ihn in jedem Capitel
    eben das finden lassen, was er im entsprechenden Dialog gefunden
    hätte, nebst all dem, was zu dessen Verständniß und zur Beur-
    theilung seines Werthes nothwendig ist. Seine eigenen Ansichten
    über Plato und die von Plato behandelten Fragen kommen oft
    zur Sprache, weil jeder Dialog neuen Stoff dafür bietet. Es
    stand ihm allerdings frei, die Wiederholungen durch Verweisungen
    auf andere Abschnitte zu ersehen, und wenn sein literarischer Ruhm
    ihm höher stünde als sein Gegenstand, so hätte er diesen Weg ein-
    geschlagen. Aber der Leser, welcher Belehrung sucht, zieht es im
    Allgemeinen vor, daß die Dinge, an welche er erinnert werden
    muß, in einer der besonderen Gelegenheit angemessenen Form und
    Sprache wiederholt werden, als daß er genöthigt wird, sie in
    einem anderen Abschnitt zu suchen, wo sie in einen ganz ver-
    schiedenen Zusammenhang eingefügt sind. Selbst vom künstlerischen
    Gesichtspunkt aus wäre es allzu engherzig, das verwerfen zu
    wollen, was durch die Häufung von kleinen Zügen seine Wirkung
    übt. Auch mußte Grote, dessen Meinungen vielfach vom Her-
    kömmlichen abweichen, darauf bedacht sein, von der Wucht seines
    Beweismaterials eine einigermaßen angemessene Vorstellung zu
    geben. Alle diejenigen, welche es ermüdend finden, daß diese Be-
    weisgründe gelegentlich, wo sie eben vorkommen, verwerthet werden,
    hätten weit mehr Grund zu klagen, wenn dieselben abgesammelt
    und auf einen Haufen zusammengetragen wären; in welchem Falle
    wir vermuthen dürfen, daß wenige von ihnen sich die Mühe
    genommen hätten, sie auch nur anzusehen.
     

  • S.

    Plato.
     

    40
     

    Wahrlich, es giebt -wenn überhaupt welche - nur wenige
    alte Autoren, über deren Gesinnungen und Tendenzen so viele
    nachweisbar falsche Meinungen im Umlaufe sind wie über Plato;
    und es giebt vielleicht keinen Schriftsteller, ihm an Werth ver-
    gleichbar und von dem so viele Schriften auf uns gekommen sind,
    der uns über seine Meinungen so oft in einem nicht aufzuhellen-
    den Dunkel ließe. Seine Werke sind mit Ausnahme einiger
    Briefe, welche (wenn wir mit Grote ihre Aechtheit annehmen
    wollen) in späten Jahren geschrieben wurden und mehr biographi-
    sches als philosophisches Interesse besitzen ausschließlich in der
    Form von Dialogen abgefaßt, und nie ist er selbst einer der Unter-
    redner. Keine der darin enthaltenen Ansichten wird als die seinige
    oder in irgend welcher Verknüpfung mit seiner Person vorgebracht.
    Es giebt zwar beinahe in jedem Dialog eine Hauptperson, welche
    im Belehren oder im Widerlegen den Preis davonträgt; aber
    dieser Hauptredner ist in der großen Mehrzahl der Fälle nicht eine
    erdichtete oder unbekannte Person, die nur als das Sprachrohr
    des Autors gelten könnte, sondern ein Philosoph von scharf aus-
    geprägter geistiger Eigenart, welchem Plato selbst die tiefste Ehr-
    furcht zollt. Es entsteht die Frage: inwieweit sind die Ansichten,
    welche dem Sokrates in den Mund gelegt werden, jene des
    wirklichen Sokrates oder des in seinem Namen redenden Plato?
    und wenn das Erstere der Fall ist, wollte Plato zu verstehen geben,
    daß er sie als seine eigenen annehme? Andererseits beherrscht
    Sokrates zwar in der Mehrzahl der Fälle die Discussion, aber
    doch nicht in allen. In einem Dialog, im Parmenides, nimmt er
    am Gespräche nur Antheil, um von diesem philosophischen Veteranen
    eine schlagende Widerlegung zu erfahren; im Sophisten" und im
    Staatsmann" ist er ein bloßer Zuhörer, während der sonst von
    ihm ausgefüllte Platz von einem ungenannten Fremden aus Elea
    eingenommen wird, obwohl diese beiden Dialoge ausgesprochener
    Maßen Fortsetzungen des Theaetet sind, in dem Sokrates die
    Hauptrolle spielt. Im Timaeus und im Kritias wieder sind die
    beiden Personen, nach denen die Dialoge genannt sind, die Spender
    der Belehrung und Sokrates nur ein zustimmender, bewundernder
    Zuhörer. In den Gesetzen" und in der Epinomis erscheint er
    überhaupt nicht. Diese Verschiedenheiten müssen irgend einen
    Grund haben, aber derselbe ist weder aus den Dialogen selbst
    ersichtlich, noch durch äußere Zeugnisse bekannt. All das würde
    wenig zu bedeuten haben, wenn in den Dialogen ein zusammen-
    hängendes System von Meinungen zu erkennen wäre, das immer
    festgehalten würde und stets siegreich bliebe. Aber das ist so
     

  • S.

    Plato.
     

    41
     

    wenig der Fall, daß vielmehr ein großer Theil der Dialoge nur
    ein negatives Ergebniß liefert, indem viele Meinungen der Reihe nach
    geprüft und verworfen werden, und die Frage schließlich ungelöst
    bleibt. Wenn in einem Dialog eine Meinung siegreich zu sein
    scheint, so ist es doch fast jedesmal der Fall, daß sie in einem
    anderen widerlegt wird, oder daß doch ihr anhaftende Schwierig-
    keiten zu Tage kommen, die zwar häufig übergangen, aber niemals
    gelöst werden. Einige. alte Kritiker famen in Folge davon auf den
    Gedanken, daß Plato sich für keine bestimmte Meinung entschieden
    hätte, wie dieß auch sein Meister von sich zu sagen pflegte; eine
    Vermuthung, für welche sich zwar, so lange wir eine gewisse
    Reihe von Dialogen in's Auge fassen, viel Scheinbares vorbringen
    läßt, welche aber mit dem Geiste anderer Gespräche ganz und gar
    unvereinbar ist. Außerdem muß man annehmen, daß ein Philo-
    soph, welcher beinahe vierzig Jahre lang für zahlreiche Zuhörer in
    öffentlicher Schule lehrte, ihnen etwas Positives zu geben hatte,
    benn mit bloßem Verneinen und Widerlegen ruft man zwar Nach=
    ahmer hervor, aber man erzieht keine Schüler.
     

    Zu diesen mannigfaltigen Räthselfragen fügen die deutschen
    Kritiker und Herausgeber noch eine andere hinzu, die Frage näm-
    lich, welche unter den Blato zugeschriebenen Schriften wirklich von
    ihm herrühren. Sie wälzen von ihrem Autor die Verantwortlich-
    keit für einander widersprechende Ansichten ab, indem sie viele
    Dialoge aus dem Grunde für unächt erklären, weil ihr Inhalt mit
    dem Inhalt irgend eines anderen Dialoges, oder mit den An-
    sichten, welche der Kritiker dem Philosophen zuschreiben zu müssen
    glaubt, unvereinbar ist; oder auch nur auf Grund des geringeren
    künstlerischen Werthes; denn einzig und allein von Plato unter
    allen Schriftstellern oder Künstlern scheint man anzunehmen, daß
    er kein Werk hervorgebracht haben kann, das nicht seinen voll-
    kommensten Erzeugnissen ebenbürtig ist. Ueber diese Kritiker gewinnt
    Grote einen entscheidenden Sieg, indem er die überwältigende
    Kraft der äußeren Zeugnisse in's Feld führt, wobei er nachweist,
    daß die auf inneren Gründen beruhenden Verwerfungen einen idealen
    Plato voraussetzen, welcher blos in der Einbildung des Kritikers
    besteht, und indem er ferner darthut, daß die in den verworfenen
    Dialogen vorfindlichen vermeintlichen Merkmale der Unächtheit sich
    ebenso in denjenigen finden, welche niemand als unächt verwirft oder
    verwerfen kann, da sie selbst den Maßstab bilden, mit dem die anderen
    gemessen und auf Grund dessen sie verworfen werden. Wären wir
    nun gleichwie über die Aechtheit der platonischen Schriften, so auch
    über die Reihenfolge ihrer Abfassung in verläßlicher Weise unterrichtet,
     

  • S.

    Plato.
     

    42
     

    so würden wir vielleicht finden, daß ihre Discrepanzen verschie
    benen Entwicklungsstufen seines eigenen Geistes entsprechen. Aber
    wir besigen über diesen Gegenstand nichts als Vermuthungen, von
    denen jede selbst erst auf einer Annahme über eben den Gegen-
    stand, den sie erklären soll, beruht. Die unvollkommene Art und
    Weise der Bekanntmachung der alten Schriften bei ihrem Er-
    scheinen, die hauptsächlich darin bestand, daß der Autor oder irgend
    Einer, dem er eine Abschrift zu nehmen erlaubt hatte, sie laut
    vorlas, macht es unmöglich, die zeitliche Aufeinanderfolge der Werke
    eines Schriftstellers, wenn sie irgend zahlreich sind, zu bestimmen.
    Mehrere Dialoge lassen durch ihre Anspielungen auf historische
    Ereignisse einen Zeitpunkt erschließen, welcher, wie man
    nimmt, der Zeit ihres Erscheinens vorherging; aber selbst diese
    Annahme ist unsicher, da, wie wir von Dionysius erfahren, Plato
    seine Schriften bis an sein Lebensende gefeilt und verbessert hat.
    Wenn ein Dialog sich als die Fortsetzung eines anderen ankündigt,
    so wurde er wahrscheinlich, obwohl auch nicht sicher, später als
    dieser abgefaßt. Es besteht die Vermuthung, daß die Dialoge,
    welche blos eine Untersuchung enthalten, aus früherer Zeit stammen,
    als diejenigen, welche eine bestimmte Lehre darlegen und ein-
    schärfen; obwohl, wie einer der besten deutschen Plato-Kritiker be-
    merkt *), auch dieß mit einer Einschränkung verstanden werden
    muß, da ja Plato untersuchende Dialoge auch dann noch verfaßt
    haben kann, nachdem er mit den didaktischen begonnen hatte.
    Endlich sprechen noch directe Zeugnisse im Verein mit innerer
    Wahrscheinlichkeit dafür, daß man die,,Geseze" nach der Republik
    und an das Ende von Plato's Laufbahn zu stellen hat. Das ist
    fast Alles, was wir aus den Werken selbst für die Feststellung der
    Reihenfolge, in der sie abgefaßt wurden, entnehmen können; doch liefert
    uns Aristoteles noch einen kostbaren, wenngleich nicht sehr weit-
    reichenden Aufschluß in Betreff einiger metaphysischer Lehren, welche
    Plato in seiner lezten Zeit vortrug und welche zwar von denen,
    die wir aus den Dialogen kennen, erheblich abweichen, aber
    zu denen doch der Gedankengang einiger unter ihnen hinzuleiten
    scheint. Wir können deshalb eben diesen Dialogen die letzten
    Stellen unter seinen Schriften anweisen, und zwar in der Ordnung,
    in welcher sie sich seinen spätesten Lehren nähern. Wenn wir
    diesem Anhaltspunkte, welcher mit anderen inneren Merkmalen
    gut übereinstimmt, folgen, erhalten wir als die letzten Glieder der
    Reihe: Republik, Timaeus (mit seinem unvollendeten Anhang Kritias),
     

    an=
     

    *) Ueberweg. S. Grote, I, 184.
     

  • S.

    43
     

    Plato.
     

    die Geseze" mit ihrer Ergänzung Epinomis (die Republik wahr-
    scheinlich durch einen ansehnlichen Zeitraum von den letzten beiden
    getrennt) und den Philebus, den wir für später halten als die
    Republik; vielleicht ist sein Plaz irgendwo zwischen den erwähnten
    Schriften.
     

    Bei so spärlichen directen Kenntnissen von Plato's Gesinnung
    und Tendenzen war der Willkür, mit der seine Leser und Be-
    wunderer aus dem allgemeinen Ton seiner Schriften Theorien ab-
    leiteten, keine Schranke gesetzt. Vieles kann ohne Zweifel daraus
    abgeleitet werden, aber es gehört mehr dazu als blos eine Kennt-
    niß Plato's, um zu entscheiden, was. Große Männer und große
    Schriftsteller überleben die Ideen und die meisten Denkmäler ihrer
    Zeit und gelangen auf die Nachwelt losgelöst von dem Element,
    in dem sie lebten und ohne dessen Berücksichtigung wir ihre Ge-
    danken nicht richtig verstehen können. Das ist ganz besonders bei
    großen Reformatoren der Fall. Wie würden wir die Aussprüche
    eines Luther, Fichte, Bentham, Voltaire, Rousseau, Fourier,
    Owen dürfen wir hinzufügen, eines Carlyle? beständig
    mißverstehen, wenn wir von ihrem Zeitalter und von den Menschen
    und Dingen, die sie angriffen, nichts weiter wüßten, als was sie
    uns selbst erzählen! Männer, die mit der Gesammtheit ihrer
    Zeitgenossen in offenem Kampfe liegen, machen jene Unterscheidungen
    nicht, welche die Nachwelt zu machen verpflichtet ist; und ihre all-
    umfassenden Anklagen, lassen, eben weil sie von ihnen kommen,
    nicht dieselben Schlüsse zu, die man aus derartigen Behauptungen
    von Seiten anderer Männer ziehen könnte, die ihnen vielleicht an
    Bedeutung weit untergeordnet sind, die aber nicht so weit von der
    übrigen Welt abstehen, daß sich ihnen alle Unterschiede der Ent-
    fernung verwischen. Diese Vorsicht ist im Falle Plato's gänzlich
    vernachlässigt worden, und doch war sie bei keinem der großen Denker
    und Schriftsteller, von denen wir Kunde haben, mehr von Nöthen.
    Wenn Plato von seinen Landsleuten oder von einer Classe oder
    einem Stande unter ihnen harte Dinge sagt, so beurtheilt er sie
    nach ihrer Entfernung von seinem Standpunkt, welcher ohne Zweifel
    in vielen Hinsichten (wenngleich durchaus nicht in allen) dem
    ihrigen überlegen war; aber es war dieß ein Standpunkt, den
    er selbst als einen neuen und originellen bezeichnete, und der
    von dem Standpunkt des modernen Europäers oder Engländers
    gewiß ebensoweit abstand, als vom athenischen. Und doch werden
    die Anklagen, die er von seinem eigenen Standpunkt aus gegen
    sie schleudert, von uns beinahe so aufgefaßt, als ob sie von dem
    unserigen kämen, und wir bilden uns ein, daß ihr Leben und
     

  • S.

    Plato.
     

    44
     

    ihre Gesinnungen uns ebenso tadelnswerth und verächtlich erscheinen
    würden, wenn wir eine eingehende Kenntniß von ihnen hätten,
    als sie Plato erschienen; während wir sie im Gegentheil, mit ein
    paar oberflächlichen Unterschieden, den unsrigen sehr ähnlich finden
    dürften. Und es ist völlig gewiß, daß Plato, wenn er heute in's
    Leben wiederkehrte, eben so voll von Verachtung gegen unsere
    Staatsmänner, Anwälte, Geistlichen, öffentlichen Lehrer und Schrift-
    steller (wie gegen alle Anderen unter uns, die auf geistige Ueber-
    legenheit Anspruch machen) sein würde, als er gegen die ent-
    sprechenden Classen in Athen war. Und diese würden ihrerseits
    von ihm nicht viel anders denken als von sonstigen Freidenkern,
    Socialisten und schwärmerischen Weltverbesserern.
     

    Die allgemein verbreitete Ansicht über Plato lautet etwa wie
    folgt: die Athener und die übrigen Griechen waren in tiefen
    fittlichen Verfall durch eine Reihe von Betrügern gestürzt worden,
    welche Sophisten hießen, Männer, die sich ein allumfassendes
    Wissen zuschrieben und einfache Leute zu verwirren verstanden,
    indem sie dieselben in ein Netz von Worten verstrickten, die
    reiche Jünglinge verdarben, indem sie alle moralischen Unter-
    schiede leugneten und sie die Kunst lehrten, eine Volksversammlung
    irre zu führen. Das Leben und die Wirksamkeit von Sokrates
    und Blato hatte zum Hauptzweck, den Lehren und dem Einflusse
    dieser Männer entgegenzuarbeiten; sie widmeten sich der Aufgabe,
    die Sache der Tugend gegen unmoralische Spitfindigkeiten in
    Schutz zu nehmen, aber sie kamen zu spät, das Uebel hatte bereits
    zu sehr um sich gegriffen, und die letzte Folge der von den Sophisten
    hervorgerufenen Verderbniß war der Untergang Griechenlands. In
    der eigentlichen Philosophie, meint man, seien Plato's Specula-
    tionen von ähnlichen Tendenzen geleitet worden. Er war der
    Gründer und das Haupt der idealistischen oder spiritualistischen
    Schule, im Gegensatz zur materialistischen oder sensualistischen,
    welche durch den Einfluß der Sophisten die allgemein herrschende
    geworden sein sell; und er war der Vertheidiger des intuitiven
    oder aprioristischen Charakters der moralischen Wahrheit, im
    Gegensatz zu der von den meisten Plato-Kritikern als gemein und
    herabwürdigend angesehenen Nützlichkeitslehre.
     

    Die Leser von Grote's Geschichte Griechenlands kennen die
    schwer wiegenden Argumente, welche dort gegen diese landläufige
    Ansicht in's Feld geführt wurden. Grote glaubt nicht, daß die an-
    gebliche ſittliche Entartung eine Thatsache war, und er leugnet
    entschieden, daß die Sophisten Schuld daran waren, oder daß die
    mit diesem Namen bezeichneten Personen irgend welche Lehren,
     

  • S.

    Plato.
     

    45
     

    geschweige denn die ihnen zugeschriebenen unſittlichen, mit einander
    gemein hatten. Er behauptet, es sei keineswegs erwiesen, daß
    irgend einer von ihnen die angeführten Meinungen gelehrt hat,
    und es sei vollständig erweisbar, daß einige darunter das Gegen-
    theil lehrten; er behauptet, daß die Sophisten keine Secte sondern
    die Gesammtheit der Lehrer von Beruf waren, und daß die von
    ihnen vorgetragenen Vorschriften der Moral und der Klugheit, wie
    das überall bei den berufsmäßigen Lehrern als Classe der Fall ist,
    die allgemein geltenden und als rechtgläubig anerkannten Lehren
    ihres Landes waren; daß Plato's Kampf eben gegen diese gang-
    baren Ansichten gerichtet war, und daß daher seine Gegnerschaft
    gegen die Sophisten stammt; und daß endlich sein Zeugniß gegen
    sie, wäre es selbst weit belastender als es ist, uns so lange nichts
    gelten kann, als wir nicht, gleich ihm, unsere Verdammung auf
    das Verhalten der Menschheit im Allgemeinen ausdehnen wollen.
    Diese Ansichten Grote's, von deren buchstäblicher Wahrheit wir
    überzeugt sind, erfahren durch seine Prüfung der platonischen
    Schriften eine immer neue Bekräftigung; ja wir halten es für
    möglich, seine Beweisführung noch zu verstärken, indem wir nach-
    weisen, daß Plato's eigene Schilderung der Sophisten der gegen
    dieselben auf Plato's Autorität hin erhobenen Anklage widerspricht.
     

    Zunächst, wer waren die Sophisten? Im weiteren Sinne
    des Wortes war es eine allgemeine Bezeichnung für Männer, welche
    sich mit philosophischen Speculationen abgaben. Alle die älteren
    Philosophen, deren Theorien in Grote's ersten zwei Capiteln dargestellt
    werden, wurden im gewöhnlichen Sprachgebrauch Sophisten ge-
    nannt, besonders dann, wenn sie, wie es wahrscheinlich bei
    ihnen allen der Fall war, mündlich lehrten und sich für ihren
    Unterricht bezahlen ließen. Boeckh sagt vom berühmten Mathe-
    matiker Eudoros, einem von Plato's Zeitgenossen:,,dort lebte er
    als Sophist, das heißt, er lehrte und hielt Vorträge *)." Gegen
    diese Männer als Gesammtheit wird keine Anklage vorgebracht;
    auch zeigt Plato keine Feindseligkeit gegen sie. Aber die eigentlich
    so genannten Sophisten waren Männer, welche über menschliche,
    im Unterschiede zu kosmischen Problemen forschten, welche aus dem
    Unterricht in der bürgerlichen Weisheit einen Beruf machten, und
    junge Männer in solchen Kenntnissen ausbildeten, welche eine Aus-
    rüstung für das sociale oder politische Leben bildeten. Als ein Mann,
    dessen ganzes Leben der Erforschung dieser Gegenstände gewidmet
    war, wurde auch Sokrates, sowohl während seines Lebens, als
     

    *) Grote, I, 123, Anmerkung.
     

  • S.

    Plato.
     

    46
     

    nach seinem Tode, zu den Sophisten gezählt. Aeschines nennt
    ihn so in seiner Rede gegen Timarchos. Isokrates, der in
    einer Rede des Demosthenes *) selbst ein Sophist heißt, deutet in
    unverkennbarer Weise auf Plato als einen Sophisten hin **).
    Ein Sophist mit Namen Mikkos erscheint im platonischen Dialog
    Lysis als Begleiter und Lobredner (enavárys) des Sokrates.
    Die hervorragendsten Sophisten aber, welche Zeitgenossen des So-
    krates waren, die vermeintlichen Häupter jener unmoralischen und
    verderblichen Lehrer, gegen welche er angekämpft haben soll,
    waren Protagoras, Prodikos und Hippias. Sie kommen alle brei
    in dem großen und vielseitigen Werke Plato's vor, welches den
    Namen Protagoras trägt, und werden auch in anderen Dialogen
    oftmals namentlich erwähnt; ja mit Hippias allein beschäftigen sich
    zwei Dialoge. Während sich nun in diesen Schriften die deutliche
    Absicht Plato's kundgiebt, den Ruhm dieser Männer zu verkleinern
    und sie der Unwissenheit in den Dingen zu zeihen, welche sie zu
    lehren sich erboten, wird ihnen doch nie ein Gedanke oder eine
    Gesinnung von irgend unsittlicher Tendenz zugeschrieben, hingegen
    oftmals ernste und eindrucksvolle Ermahnungen zur Tugend.
     

    Dem Protagoras insbesondere wird eine Rede über die sitt-
    lichen Tugenden in den Mund gelegt, welche Grote ***) mit
    Recht für,,eine der schönsten Stellen in Plato's Schriften" hält.
    Sie wird durch einen Zweifel veranlaßt, welchen Sokrates, ernst-
    haft oder ironisch, in Betreff der Lehrbarkeit der Tugend äußert,
    und zwar deswegen, weil es nicht wie für andere Dinge, so auch
    für die Tugend anerkannte Lehrer gebe. Diese Thatsache räumt
    Protagoras ein und sagt: der Grund, warum es keine besonderen
    Lehrer der Tugend giebt, ist, daß alle Menschen sie lehren. Ge-
    schicklichkeit in einer besonderen Kunst oder einem besonderen
    Handwerk brauchen nur Wenige zu besitzen zum Besten Aller;
    aber sociale und bürgerliche Tugend, die in Gerechtigkeit und
    Selbstbeschränkung besteht, ist bei Jedermann unerläßlich; und da
    die Wohlfahrt eines Jeden das Vorhandensein dieser Tugend bei
    den Anderen gebieterisch fordert, so schärft sie ein Jeder allen
    Uebrigen ein. Es folgt darauf eine ebenso beredte als ächt philo-
    sophische Auseinandersetzung +) über die Entwicklung und Ver-
    breitung des Gemeingefühls, der Allen gemeinsamen, fest-
     

    *) Contra Lacritum. Grote, III, 178, Anmerkung.
    **) In seiner oratio ad Philippum. S. Grote, III, 462.
    Grote, II, 45.
     

    +) ebend.
     

  • S.

    47
     

    Plato.
     

    gewurzelten, fittlichen und gesellschaftlichen Gesinnung in einem
    Gemeinwesen; eine Gesinnung, welche weder zu Anfang von einem
    künstlerischen oder wissenschaftlichen Gesetzgeber vorgeschrieben, noch
    in einer besonderen, von der übrigen Gemeinschaft getrennten,
    Classe oder Gilde verkörpert, noch durch förmliche berufsmäßige
    Lehrer eingeschärft, noch durch logische Zergliederung geprüft, noch
    durch Vergleichung mit einem objectiven Maßstab bewahrheitet
    worden ist; sondern welche von selbst erwachsen ist und sich selbst
    behauptet, und welche geprägt, vervielfältigt und im Umlauf er-
    halten wird durch die verabredungslose Verschwörung der Gesammt-
    heit durch die allgegenwärtige Wirksamkeit des Königs Nomos *)
    und seiner zahlreichen Parteigänger". Diesen gebräuchlichen Maß-
    stab der Tugend nimmt auch Protagoras in vollem Umfang an.
    Er hält es **),,für ausgemacht, daß Gerechtigkeit, Tugend, Gut
    und Böse u. s. w. bekannte, genau definirte, unbestreitbare Dinge
    sind, welche gründlich verstanden und von Allen gleich gedeutet
    werden. Er erhebt nicht den Anspruch, die allgemeine Meinung
    zu verbessern, sondern er ***),,lehrt in seinen beredten Dar-
    stellungen und Erläuterungen dieselbe öffentliche und private Moral,
    welche jeder Andere lehrt; nur kann er einigermaßen wirksamer
    lehren als diese", und +),,worin er die große Masse zu überbieten
    behauptet, darin überbietet er sie wirklich". Sokrates aber (oder
    Plato unter seinem Namen) nimmt diesen gebräuchlichen Maßstab
    der Tugend nicht an, betrachtet Gerechtigkeit, Tugend, Gut und
    Böse nicht als Dinge, die wohl verstanden werden, sondern als
    solche deren Wesen und deren Wortverstand erst zu erforschen iſt,
    und wird natürlich in diesem Punkte mit Protagoras handgemein;
    indem er nun das ganze Kreuzfeuer der sokratischen Methode auf
    ihn wirken läßt, überführt er ihn der Unfähigkeit, eine Definition
    oder Theorie dieser Dinge zu geben, welche Unfähigkeit in der
    Redeweise Plato's so ausgedrückt wird, daß er nicht wisse, was diese
     

    *) Nóμоs лávτwv ßaotlevs, ein Wort des Pindar, welches von
    Herodot (wie auch von Plato selbst, im Gorgias) citirt, und von Grote bei
    vielen Anlässen überaus glücklich angewendet wird. Grote sagt (I, 252):
    „Man muß sich die weite Bedeutung des Wortes Nóuos, wie es von
    Bindar und Herodot gebraucht wurde, vor Augen halten. Dieselbe um-
    faßt positive Moralvorschriften, religiöse Ceremonien, geheiligte Gebräuche
    und locale Neigungen oder Abneigungen." Nóuos, so verstanden, schließt
    alles ein, was durch Gesez, Sitte oder die allgemeine Gefühlsweise anbefohlen
    und alles was im Berlaß auf diese freiwillig anerkannt wird.
     

    **) Grote, II, 47.
     

    ***) ebend., 73.
     

    †) ebend., 77.
     

  • S.

    Plato.
     

    48
     

    Dinge sind. Diese Schwäche des Protagoras in der Discussion
    und das Nichtſtandhalten seiner Ansichten einer logischen Prüfung
    gegenüber werden mit großem Nachdruck gegen den Sophisten
    geltend gemacht. Aber es ist bemerkenswerth, daß so oft Pro-
    tagoras bei der Beantwortung der Fragen des Sokrates genöthigt
    ist, zwischen zwei Meinungen zu wählen, von denen die eine
    in Wirklichkeit oder dem Anschein nach die sittlichere oder er-
    habenere iſt, er sich nicht nur für die höhere Ansicht entscheidet,
    sondern auch erklärt, daß keine andere Entscheidung zu seiner Ver-
    gangenheit stimmen würde, die (wie er oftmals bemerkt) ihm nichts
    zuzugeben gestatte, was die Würde oder die Anforderungen der
    Tugend herabsetzt. Es wird dadurch bewiesen (soweit etwas, was
    ihm Plato in den Mund legt, überhaupt Beweiskraft haben kann),
    daß er nicht nur niemals andere als tugendhafte Lehren vortrug,
    sondern daß er auch in dieser zwiefachen Rücksicht, als Vertreter
    tugendhafter Doctrinen wie um seines musterhaften und ehrenvollen
    Lebenswandels willen, einen fest gegründeten Ruf besaß. Endlich
    ist es Sokrates, welcher in diesem Dialog die,,entwürdigende"
    Lehre des Utilitarianismus versicht wenigstens jenen Theil
    desselben, der dessen Widersachern am meisten verhaßt ist, nämlich
    die Lehre des Hedonismus, welche besagt, daß Lust und Abwesen-
    heit von Schmerz die Endzwecke der Moral sind, im Gegensatz zu
    Protagoras, dem diese Ansicht widerstrebt. Diese Umkehrung der
    Rollen, welche die erwähnten Kritiker den beiden Lehrern zugewiesen
    haben, ist einigen derselben so unbequem, daß sie (um nur Plato
    nicht eine so gemeine" Lehre zuschreiben zu müssen) zu der un-
    gereimten Aufstellung ihre Zuflucht nehmen, eines der schönsten
    Muster von Analyse in Plato's Schriften sei ironisch gemeint,
    um einen Sophisten lächerlich zu machen, der doch gar nicht
    als Vertreter der darin enthaltenen Ansicht dargestellt wird.
    Fügen wir hinzu, daß Protagoras, obwohl anfangs über seine
    Widerlegung durch Sokrates verstimmt, doch im besten Einver-
    nehmen von demselben scheidet und ihm am Schlusse des Dialoges
    verkündet, daß er es zu
     

    bringen werde. 3 großer Vollkommenheit in der Weisheit
     

    Dem Prodikos von Keos ist kein Dialog gewidmet, auch
    finden wir Sokrates niemals damit beschäftigt, seine Ansichten zu
    widerlegen. Abgesehen von ein paar hauptsächlich auf seine subtilen
    Wortunterscheidungen zielenden Strichen heiterer Spottlust, die sich
    zumeist im Protagoras finden, und deren Absicht weniger die
    Herabsetzung des Prodikos, als die Steigerung des dramatischen
    Interesses des so hochdramatischen Dialoges sein dürfte, und ab-
     

  • S.

    Plato.
     

    49
     

    gesehen davon, daß er seinen Theil an den Spöttereien hat, welchen
    sich die Sophisten wegen des Geldes, das sie von ihren Schülern
    nehmen, gefallen lassen müssen, wird Prodikos von Plato mit auf-
    fälliger Rücksicht behandelt. Sokrates bekennt nicht nur, daß er
    ihm als Denker verpflichtet sei, sondern er nennt ihn auch mehr
    als einmal, wenigstens halb ernsthaft, seinen Lehrer; und im
    Theaetet läßt ihn Plato sagen, daß er in den Unterredungen mit
    jungen Männern die Fähigkeit befize, herauszufinden, welchen er
    selbst nichts nüßen könne, und zu beurtheilen, welcher Lehrer ihnen
    zuträglich sein werde, und daß er viele an den Prodikos gewiesen
    habe, ein sicherer Beweis, daß in Plato's Augen Prodikos kein
    Jugendverderber, sondern ein Verbesserer der Jugend war. That-
    sächlich kennen wir Prodikos als Verfasser des berühmten Apologs,
    ,,die Wahl des Herakles" genannt, einer der nachdrücklichsten Er-
    mahnungen in dem Gesammtbereiche der alten Literatur, ein Leben
    voll Arbeit und Entsagung einem Leben des Genusses und Be-
    hagens vorzuziehen. Der Inhalt dieser Schrift ist uns durch
    Xenophon erhalten worden, in dessen Memorabilien Sokrates dieselbe
    dem Aristipp in Erinnerung bringt und dazu bemerkt, daß dieß ein
    Lieblingsvortrag des Prodikos war, einer derjenigen, die er am
    häufigsten gehalten habe *); und dieses Stück zeigt eine nähere Ver-
    wandtschaft, als irgend etwas in Plato's Schriften, mit den mora-
    lischen Lehren, welche Xenophon dem wirklichen Sokrates zuschreibt.
    Prodikos also kommt bei allen Anklagen, welche gegen die Sophisten
    wegen entsittlichender Lehren oder eines derartigen Einflusses er-
    hoben werden, ganz und gar nicht in Betracht.
     

    Hippias, ein Mann, der unter seinen Zeitgenossen durch die seltene
    Vielseitigkeit seiner Fähigkeiten hervorragte, wird von Plato weniger
    rücksichtsvoll behandelt. Die beiden Dialoge, welche seinen Namen
    führen, stellen ihn nicht nur (gleich Protagoras) als unfähig dar, es
    mit Sokrates in der philosophischen Debatte aufzunehmen, oder
    eine philosophische Theorie der Gegenstände zu geben, über welche
    er zu sprechen gewohnt war, sondern sie überhäufen ihn auch mit
    Spott von gröberer Art, als sonst bei Plato gewöhnlich ist, wegen
    seiner naiven Eitelkeit und seines Selbstvertrauens. Es ist wohl
    möglich, daß der wirkliche Hippias in dieser Hinsicht zum Spotte
    Anlaß gab; aber von jeder Spur einer unmoralischen oder laster-
    haften Lehre ist der Hippias Plato's ebenso frei wie sein Prota-
    goras und sein Prodikos. Im sogenannten kleineren Hippias wird
    dieser Sophist eingeführt, wie er eben unter großem Beifall eine
     

    *) önεp dy xai nhɛiotois Endeixvvrat Xenoph. Mem. II, 1, 21.
    Mill, ges. Werke. XII.
     

    4
     

  • S.

    Plato.
     

    50
     

    Lobrede auf den Charakter des Achilles in der Ilias, verglichen
    mit dem des Ulysses in der Odyssee, geschlossen hat, in welcher er
    die große moralische Ueberlegenheit des Ersteren hervorgehoben
    hatte. Nun gaben selbst die besseren Griechen dem offenen,
    freimüthigen und rückhaltslosen Charaktertypus nicht allemal so
    entschieden den Vorzug vor jenem, welcher lobenswerthe Ziele mit
    Schlauheit und Verstellung verfolgt; so daß Hippias von Plato
    als ein Mann dargestellt wird, dessen moralische Vorstellungen,
    soweit sie von den allgemein geltenden abweichen, auf einer
    ungewöhnlich hohen Stufe standen, ähnlich wie dieß in Betreff des
    Sophokles aus dem Charakter des Neoptolemos im Gegensatz zum
    Ulysses in seinem,,Philoktet" erhellt. Der Sophist hält an dieser
    Hochstellung der Wahrhaftigkeit und Aufrichtigkeit durch den ganzen
    Dialog fest, während die einzige darin vorkommende ethische Lehre
    von üblem Klang dem Sokrates selbst zugetheilt ist. Dieser stützt
    nämlich auf eine Reihe von Argumenten, die Hippias zu wider-
    legen sich gänzlich außer Stande sieht, die Behauptung, daß Jener,
    der wissentlich etwas Falsches sagt, weniger schlecht ist als Jener,
    der es unwissentlich sagt, und stellt den allgemeinen Satz auf, daß
    ,,wer die Menschen mit Absicht schädigt oder betrügt oder belügt
    oder ihnen Böses zufügt, besser ist als Jener, der dasselbe unab-
    sichtlich thut".*) Grote bemerkt dazu mit Recht, daß,,wenn dieser
    Dialog in solcher Form auf uns gekommen wäre, daß die Rollen
    vertauscht und das Räsonnement des Sokrates dem Hippias in
    den Mund gelegt wäre, die meisten Kritiker darin wahrscheinlich
    ein Gewebe von Sophismen erblickt hätten, welches die harten
    Beinamen, die sie den athenischen Sophisten als Personen, welche
    zwischen Wahrem und Falschem keinen Unterschied machen, gleich-
    wie als Zerstörern der Moral und Verderbern der Jugend
    ertheilen, vollauf rechtfertigen kann. Aber in Wirklichkeit wird
    Alles, was im Munde des Hippias für Sophisterei gegolten
    hätte, von Sokrates vorgebracht, während Hippias nicht nur seinen
    Folgerungen widerstrebt und an der hergebrachten ethischen Ge-
    sinnung selbst dann hartnäckig festhält, wenn er nicht im Stande
    ist, sie logisch zu vertheidigen, sondern auch die ihm von Sokrates
    aufgedrungenen Sätze verabscheut, gegen seine eigensinnige Streit-
    sucht protestirt und sich nur durch vieles Zureden bewegen läßt,
    die Unterredung fortzusetzen".**) Es ist klar, wie vortheilhaft die
    Ankläger des Sokrates diese seine Lehre vor den Geschworenen
     

    *) Grote, I, 390.
     

    **) ebend., 394.
     

  • S.

    51
     

    Plato.
     

    hätten verwerthen können, obwohl sie weiter nichts ist, als eine
    paradore Form, welche der wirkliche Sokrates (wie wir durch
    Xenophon erfahren) einer seiner Lieblingslehren gab, die von Plato
    angenommen und nachdrücklich verfochten wurde: daß nämlich die
    Erkenntniß die Wurzel aller sittlichen Vollkommenheit sei.
     

    Außer diesen drei ausgezeichneten Männern sind die beiden
    Brüder im Euthydemus die einzigen Sophisten (im engeren Sinne),
    welche von Plato redend eingeführt oder im Wortkampf mit
    Sokrates dargestellt werden; diese werden aber nicht als Personen
    von irgend welcher Berühmtheit geschildert (obwohl jemand, der
    den Namen Euthydem führt, im Cratylus in Verbindung mit
    einem philosophischen Paradoxon erwähnt wird), sondern als alte
    Männer, die ihr Leben mit Unterweisung in gymnastischen und
    militärischen Uebungen und in der Rhetorik verbracht und erst
    ganz kürzlich der Dialektik oder der Kunst der Discussion ihre
    Aufmerksamkeit zugewendet haben. Wir wissen sonst nichts über
    diese Personen, welche vielleicht vollständig erfunden sind; in
    jedem Fall aber macht die Sorgfalt, mit der sie als Neulinge in
    ihrer Kunst dargestellt werden, es unmöglich, sie als Vertreter
    der Sophisten anzusehen. Die Absicht dieses Dialoges ist offen-
    bar die, die gegen Sokrates, und ohne Zweifel auch gegen Plato,
    erhobene Anschuldigung zurückzuweisen, daß sie sprachliche Gau
    teleien und logische Verirkünste betrieben; und das geschieht durch
    die Zeichnung eines Zerrbildes des unsinnigsten logischen Gaukel-
    spiels in der Person von Euthydem und Dionysodor einerseits,
    und andererseits dadurch, daß ein Muster von Plato's Ideal der
    ächten sokratischen Methode vorgeführt wird; es werden die wirk-
    liche Dialektik und die Eristik einander gegenübergestellt; die
    letztere verwirrt und demüthigt einen unbefangenen Jüngling,
    indem sie ihn mittelst sprachlicher Zweideutigkeiten in offenbare
    Sinnlosigkeiten verwickelt, während die erstere ihn ermuthigt und
    zum kräftigen Gebrauche seines Verstandes anspornt, indem sie
    sein Denken klärt und läutert. Grote's Bemerkungen über diesen
    Dialog, wie über die meisten andern Gespräche, sind ausnehmend
    anziehend und werthvoll. Es genügt hier zu bemerken, daß die
    Absicht des Euthydemus nicht dahin geht, irgend wen herabzu-
    setzen, sondern die gegen die Dialektik erhobenen Anklagen zurück-
    zuweisen, indem die löbliche Form derselben in scharfem Gegensatz
    zu der verwerflichen dargestellt wird.
     

    Es findet sich somit absolut nichts in Plato's Schilderung
    der einzelnen Sophisten, was die gewöhnlich gegen dieselben vor-
    gebrachten Anschuldigungen rechtfertigen könnte. Es giebt aber eine
     

    4*
     

  • S.

    Plato.
     

    52
     

    andere Classe von Lehrern, mit denen er allerdings härter ver-
    fährt, und denen er, wenngleich nur einmal, in der That un-
    moralische Lehren in den Mund legt. Dieses sind die Rhetoriker
    oder Lehrer der Redekunst; ein Beruf, der manchmal mit dem
    eines Sophisten zusammenfiel, der aber von Plato in demjenigen
    seiner Werke, in welchem er mit der Redekunst am schärfsten in's
    Gericht geht, sorgfältig davon getrennt wird. Die Muster dieser
    Gattung sind Gorgias, Polos und Thrasymachos; und über alle
    diese erringt Plato's Sokrates glänzende Siege. Da demnach in
    Betreff der Angriffe Plato's gegen die Rhetoriker etwas mehr
    Begründung für die gewöhnliche Auffassung vorhanden ist als im
    Falle der Sophisten, so ist es wohl der Mühe werth zu zeigen, wie
    wenig dieses Etwas beträgt.
     

    Die Rhetorik, als Kunst der Ueberredung, ist nothwendig
    dem Vorwurf ausgesetzt, daß sie in gleicher Weise zur Unter-
    stützung des Rechts wie des Unrechts verwendet werden und daß
    sie dazu dienen kann,,die schlechtere Sache als die bessere erscheinen
    zu lassen". Aber so weit waren ihre beliebtesten Lehrer in Griechen-
    land davon entfernt, sie zu solchen Zwecken zu lehren oder zu
    empfehlen, daß wir Gorgias, den berühmtesten unter ihnen, in dem
    Dialog, welcher seinen Namen führt und dazu bestimmt ist die
    Rhetorik und ihre Vertreter zu Boden zu strecken, einen solchen
    Gebrauch der Kunst mit Entschiedenheit von sich weisen sehen.
    Nachdem er in hochtönenden Worten den Werth seiner Kunst
    gepriesen hat, den politischen Einfluß und die Macht, mit welcher
    fie ihre Adepten ausrüstet, bemerkt er weiter, daß sie gleich allen
    anderen Fähigkeiten zu guten Zwecken gebraucht werden sollte;
    und gleich wie die Lehrer der Gymnastik nicht getadelt oder aus der
    Stadt vertrieben werden, wenn einer ihrer Schüler seine Körper-
    fraft zur Mißhandlung seiner Eltern oder Freunde mißbraucht, so
    sei es auch nicht die Schuld der Lehrer der Redekunst, wenn ihre
    Jünger das ihnen verliehene werthvolle Vermögen zu ungerechten
    Zwecken gebrauchen; denn sie (die Lehrer) haben es ihnen zur
    richtigen Verwendung gegen die Feinde des Staates und gegen
    Missethäter, zur Abwehr und nicht zum Angriff verliehen."
    So weit Gorgias, welcher selbst in diesem hochpolemischen Dialoge
    mit beträchtlicher Achtung behandelt wird und dessen Würde dadurch
    gewahrt erscheint, daß ihn Plato dem Kreuzverhör des Sokrates
    entrückt, sobald der Kampf ernsthaft zu werden anfängt. Wir
    dürfen füglich annehmen, daß sein Unterricht ebenso erhaben über
    jede Anschuldigung der Immoralität war wie jener des Isokrates,
    des berühmtesten und erfolgreichsten griechischen Lehrers der Rede-
     

  • S.

    53
     

    Plato.
     

    kunst, dessen Werke auf uns gekommen sind, und auf dessen ernste
    und eindrückliche Mahnungen zur Tugend wir blos hinzuweisen
    brauchen.
     

    Der Streit wird von Polos weiter geführt, einem anderen
    Lehrer der Redekunst, welcher als ein viel jüngerer und sehr
    übermüthiger Mann geschildert wird. Zwischen diesem und So-
    krates entſpinnt sich nun eine dramatisch belebte Discussion mit
    viel Heftigkeit auf der einen und viel Sarkasmus und Ironie
    auf der andern Seite. Sokrates behauptet, daß ungerechtigkeit
    üben das größte Uebel sei, ein viel größeres als Ungerechtigkeit
    erleiden; während Polos im Gegentheil behauptet, daß ein un-
    gerechter Mann, welcher der Strafe entgeht und die Ungerechtigkeit
    in so großem Maßstab übt, daß er durch sie einen glänzenden
    Erfolg erringt besonders dann, wenn er sich zum Alleinherrscher
    seiner Stadt aufwirft in höchstem Maße beneidenswerth ist.
    Das scheint nun Wasser auf die Mühle von Grote's Gegnern zu sein,
    ist aber in Wahrheit eine wirksame Bekräftigung seiner Ansicht;
    denn es kann keinem Leser Plato's entgehen, daß, was Polos hier
    ausspricht (obwohl es vom platonischen Protagoras als ein
    Vorurtheil des gemeinen Volkes verleugnet wird) *), die allgemein
    angenommene Meinung und feststehende Gesinnung der griechischen
    Welt war. Darauf beruft sich auch Polos und sagt:,,Frage nur
    irgend einen der Anwesenden", worauf Sokrates erwiedert:,,An-
    statt mich durch Gründe zu widerlegen, erdrückst du mich durch
    Zeugen-Aussagen, wie ein Redner vor Gericht. Ich zweifle nicht,
    daß alle Zeugen auf deiner Seite stehen. Wenn du den Nikias
    fragst" (welcher als der sittlich reinste Bürger und Staatsmann
    seiner Zeit galt),,oder den Aristokrates oder das ganze Haus des
    Perikles oder jede andere beliebige Familie, kurz jeden Athener
    oder Fremden, den du willst, so werden sie dir alle beistimmen;
    ich aber, ein einzelner Mann, stimme dir nicht bei, und der einzige
    Zeuge, den ich anrufen werde, wirst du selbst sein; wenn ich dich nicht
    davon überzeugen kann, daß ich Recht habe, so werde ich glauben,
    nichts geleistet zu haben." Aehnliche Belege für die Allgemeinheit
    dieser Ansicht finden sich auf jeder Seite der platonischen Dialoge.
    Ob es der ehrgeizige und gesinnungslose Altibiades, oder der
    jugendliche und lernbegierige Theages, oder die zwei ernſten, ehr-
    würdigen Alten aus Kreta und Lakedaemon sind, welche in den
    Gesetzen" auftreten, sie sprechen Alle mit einer Stimme: der
    Alleinherrscher, der die Gewalt usurpirt hat und jeder Andere,
     

    *) Plato, Protagoras, 333 C, D, und 359 E.
     

  • S.

    Plato.
     

    54
     

    der durch ungerechtigkeit hervorragende Erfolge erzielt, ist ein
    beneidenswerther Mann; - ein solcher Mann (fügen sie ge-
    wöhnlich hinzu), wie wir und die ganze Welt und auch du,
    Sokrates, wenn du es nur vermöchtest, gerne sein wolltest.
    Sokrates erhebt den Anspruch auf vollkommene Originalität in
    Betreff der entgegengesetzten Meinung, daß nämlich ungerechtigkeit
    ein Uebel ist, und zwar das ärgfte, das den Menschen treffen
    fann ein Sat, mit welchem wir durch die Lehren Plato's
    selbst, der Stoiker und einiger christlicher Secten so vertraut
    sind, daß er zu einem Gemeinplay, ja vielfach zur bloßen
    Phrase geworden ist. Wir Modernen sind daher geneigt frischweg
    zu schließen, daß die Negirung dieser Lehre eine Verleugnung der
    moralischen Verpflichtungen in sich schließt. Aber achten wir auf
    Polos selbst in diesem Dialog. Sokrates stellt an ihn die
    Frage: Du glaubst, daß es etwas Schlechteres (xaxiov) iſt,
    Unrecht zu leiden als Unrecht zu thun? Glaubst du auch, daß es
    etwas Niedrigeres oder Schimpflicheres (aioxior) ist?" Polos
    räumt das Gegentheil ein, und nun geht Sokrates daran, nachzu-
    weisen (allerdings mittelst eines Trugschlusses), daß, was mehr
    aloxoóv ist, auch mehr xaxóv sein muß. Nun ist diese Unter-
    scheidung des Polos genau jene, welche die Griechen machten.
    Ihre Meinung, daß ein ruchloser Mann glücklich wäre, wenn er
    mit seiner Ruchlosigkeit Erfolg hätte, ließ ihnen diesen schlechten
    Mann um nichts weniger verabscheuenswerth erscheinen. Er mußte
    zurückgehalten, gezüchtigt und, wenn nothwendig, vertilgt werden, nicht
    weil seine Schuld ein Uebel für ihn, sondern weil sie ein Uebel
    für Andere ist. Er wurde angesehen als Einer, welcher sein
    eigenes Glück suchte und, wenn es ihm gelang, erreichte durch
    das Unglück und das Leiden der Anderen, und welcher daher,
    wenn irgend möglich, nicht geduldet werden dürfe. Diese Lehre
    weicht von der bei modernen Moralisten üblichen allerdings ab,
    aber es ist keine unmoralische Lehre, und selbst, wenn sie es wäre,
    so haben die Sophisten und Rhetoriker sie doch nicht erfunden,
    sondern als allgemein herrschend vorgefunden. Die Reden des
    Glaukon und Adeimantos im zweiten Buch der Republik lebren
    uns diese Auffassung der Sache kennen. Beide Redner mißbilligen
    das ungerechte Leben auf das ernstlichste und wünschen sehnlichst
    die Ueberzeugung zu gewinnen, daß es für den Uebelthäter selbst
    ein Unheil sei. Aber nach ihrer Darstellung fordert alle Welt,
    und darunter auch Jene, welche die Tugend am eindringlichsten
    predigen, zur Tugendübung als zu einem Opfer auf, indem sie
    das Leben des Gerechten als schwierig und dornenvoll, das des
     

  • S.

    Plato.
     

    55
     

    Ungerechten als leicht und angenehm schildern. Die Besten unter
    ihnen stellen die Sache so dar, als sei die Gerechtigkeit für den
    Handelnden nur wegen des sie begleitenden Rufes und Ansehens in
    der Gesellschaft begehrenswerth; womit gesagt ist, daß Einer, der den
    Ruf und den Lohn der Gerechtigkeit ohne diese selbst besitzen könnte,
    im höchsten Maße glücklich wäre, da ihm der Lohn zufiele ohne
    die Mühen, deren Preis er ist; Jener hingegen, der die Gerechtig=
    keit selbst besäße, aber ihres Lohns entrathen würde, wäre un-
    säglich unglücklich. Ein Jeder würde ungerecht sein, wenn der
    Ring des Gyges sein eigen wäre, der seinen Träger nach dessen
    Belieben unsichtbar macht. Bei einem so bemerkenswerthen
    Zeugniß über den allgemein herrschenden Glauben kann nur die
    baare Unwissenheit die Verantwortlichkeit dafür den Sophisten
    und Rhetorikern zuschreiben. Wir können hinzufügen, daß selbst
    Polos von Plato so wenig gehässig dargestellt wird, daß sein
    Uebermuth sich unter Sokrates' Kreuz- und Querfragen mäßigt;
    er ist nicht unredlich, sträubt sich nicht eigensinnig dagegen, über-
    zeugt zu werden, und bekennt sich schließlich als widerlegt. Der
    Redner in diesem Dialog, welcher wirklich unmoralische Lehren
    vertritt, welcher leugnet, daß Ungerechtigkeit ein aiozoóv ist und
    behauptet, Recht und Unrecht sei blos eine Sache der Ueberein-
    kunft, ist Kallikles, weder ein Sophist noch ein Rhetoriker, sondern
    ein rühriger und ehrgeiziger Politifer, der, obwohl er mit den
    Rhetorikern verkehrt, doch seine Berachtung der Sophisten zur
    Schau trägt und einen Charaktertypus darstellt, welcher ohne
    Zweifel unter den griechischen Politikern häufig zu finden war,
    wenn wir gleich bezweifeln dürfen, daß diese sich jemals offen zu
    den Grundsäßen bekannt haben, nach denen sie handelten.
     

    Der zweite Lehrer der Rhetorik, welchen Plato auf's Korn
    nimmt, ist Thrasymachos, der in der Republik als barsch, an-
    maßend, selbst unverschämt in seiner Discussionsweise dargestellt
    wird, und den Plato, bis auf eine wenig erhebliche Verschieden-
    heit, wesentlich dieselben Lehren wie Kallikles bekennen läßt. Er
    wird dem entsprechend widerlegt und bloßgestellt; aber selbst
    Thrasymachos endigt besser, als er angefangen, und obwohl er an
    der langen Fortsetzung des Gespräches keinen Antheil nimmt, ver-
    einigt er sich doch mit den Anderen, um Sokrates zum Fortfahren
    zu bewegen und scheidet von ihm im besten Einvernehmen. Diese
    eine Schilderung des Thrasymachos, welche nicht von ihm selbst,
    sondern von Plato dort entworfen wird, wo er eines Vertreters
    für eine unmoralische Lehre bedarf, ist der einzige Fall, der sich
    aus Plato's Schriften zur Unterstützung der Ansicht anführen läßt,
     

  • S.

    Plato.
     

    56
     

    die den Sophisten unmoralische Lehren zur Last legt; und Thrash-
    machos war kein Sophist, sondern ein Rhetoriker. *)
     

    Trotz alledem ist es weder möglich, noch nothwendig zu
    bestreiten, daß Plato eine ungünstige Meinung von den Sophisten
    im Allgemeinen hatte, und daß seine Schriften viele Belege dafür
    enthalten, daß die Abneigung gegen sie in der athenischen Gesell-
    schaft weit verbreitet war. Ihre Unbeliebtheit läßt sich aber er-
    klären, ohne daß wir die Annahme nöthig haben, sie sei vom
    Standpunkte der Moral eine wohl verdiente gewesen. Vor Allem
    war die Verurtheilung der Sophisten durchaus keine einmüthige.
    Obwohl der Name Sophist bereits ein Wort des Tadels ge-
    worden war, so war er doch auch ein Ausdruck des Lobes; Plato**)
    selbst spricht von „,der ächten sophistischen Kunst" (yével yevvaia
    ooqioriz) als von einem Ding, das er von etwas Lobens-
    werthem nicht völlig unterscheiden kann, und fragt: Haben wir
    nicht, als wir den Sophisten suchten, unvermerkt den Philosophen
    gefunden?" ***) An einer andern Stelle, wo er von den zweck-
    mäßigen Einrichtungen der Natur spricht, sagt er, daß die Götter
    bewunderungswürdige Sophisten sind. Der Name Sophist war,
    wenn er jemandem beigelegt wurde, ein Schimpfwort oder eine
    Huldigung, je nach der Person, welche ihn gebrauchte, wie in
    unseren Tagen der Name Metaphysiker oder Nationalökonom oder
    Malthusianer. Diese doppelte Auffassung dauerte bis in die
    spätesten Perioden der griechischen Cultur fort; sie erhielt sich auch
    noch zur Zeit, da das Wort Philosoph als die Bezeichnung,
    welche die speculativen Denker aller Arten für sich in Anspruch
    nahmen, in Gebrauch gekommen war; während man doch erwarten
    konnte, daß dieser Name alle günstigen Ideen-Verknüpfungen an
    sich ziehen und dem Namen Sophist nur die ungünstigen übrig
     

    *In den Gesetzen wird in gereiztem Tone von gewissen Personen
    gesprochen, welche die dem Kallifles und Thrasymachos in den Mund gelegten
    Lehren vertreten sollen; aber sie werden an feiner Stelle Sophisten genannt
    und es scheinen darunter die Naturforscher verstanden zu sein, welche die
    göttliche Natur von Sonne, Mond und Planeten leugneten und sie als
    yuv xai Movs (eg. 886 D) bezeichneten. Da die Person, welcher in erster
    Linie dieser Ausspruch zugeschrieben wurde, Anaxagoras war, der von all
    diesen alten Forschern bei der Nachwelt so ziemlich den höchsten Ruf der
    Frömmigkeit und sittlichen Strenge erworben hat, so sehen wir in dieser
    Anklage nur einen Ausfluß jenes odium theologicum, welches Plato in
    seinen besseren Tagen fremd war, das aber in den Gesetzen, seiner letzten
    Schöpfung, stark hervorbricht.
     

    **) Plato, Sophistes, 231 B.
    **) ebend., 253 C.
     

  • S.

    57
     

    Plato.
     

    lassen würde. So wird in einem der Dialoge des Lucian, welcher
    ein Zeitgenosse von Marc Aurel war, der Sophist mit dem
    Philosophen identificirt und als der auserlesene und berufsmäßige
    Prediger und Hüter der Tugend geschildert. *) Diejenigen Personen
    in Plato's Schriften, welche die schlechteste Meinung von den So-
    phisten hegen, sind entweder praktische Politiker, deren Gering-
    schätzung der Theoretiker ja in keinem Zeitalter eine seltene oder
    regelwidrige Erscheinung ist, oder ältliche und ehrenwerthe Familien-
    väter, welche mit Ansehen und Erfolg durch's Leben gegangen
    sind, ohne jene Fertigkeiten zu besitzen, nach denen sie nun die
    jüngere Generation streben sehen. Der Charakter bei Plato,
    welcher das stärkste Beispiel von mit Verachtung gemischtem Haß
    gegen die Sophisten giebt, ist Anytos im Meno. Dieser Mann,
    ein Politiker von Ruf und Einfluß, bricht, sobald er sie nur
    nennen hört, in einen Strom von Schmähungen aus, nennt sie
    Leute, mit denen sich abzugeben Wahnsinn ist und deren An-
    wesenheit keine Stadt dulden sollte, obwohl er auf Befragen
    eingestehen muß, daß er nie mit einem von ihnen gesprochen hat
    und ihre Lehren nur vom Hörensagen kennt; aber darum mäßigt
    er doch nicht die Entrüftung, mit der er sie als „Jugendverderber"
    brandmarkt, dieselbe Beschuldigung, die er später im Verein
    mit Meletos wir wissen Alle, mit welchem Erfolge gegen
    Sokrates erhoben hat. Es ist erwähnenswerth, daß Xenophon **)
    auf die Gewähr des Sokrates selbst hin den Ursprung des Hasses
    erzählt, welchen Anytos gegen ihn hegte; Sokrates hatte sich über
    die Erziehung, die Anytos seinem Sohn zu Theil werden ließ,
    tadelnd geäußert, indem er meinte, daß ein Mann, der für sich
    selbst die höchsten Ehren im Staate anstrebe, seinen hoffnungs-
    vollen Sohn für einen höheren Beruf als für seinen eigenen, den
    eines Lohgerbers, zu erzichen verpflichtet sei. Das ist vielleicht
    ein gutes Beispiel von der Art, wie ehrenwerthe alte Athener
     

    *) Dort wird Solon sprechend eingeführt, und er verherrlicht dem
    Anacharsis gegenüber in einem Ton, der an die Leichenrede des Perikles
    erinnert, die Bortrefflichkeit der athenischen Sitten: Pudullouer our τàs
    yvauas aurav (der Jugend),, vóuovS TE TOUS xoLvovs Exdidάoxovrεs, o
     

    í óta àvayoozew μegalos youuua àvaye-
    youuuévot, zelεÚVTES & TE XON TOεiv za wv nézεodat, zai ayaduv
    avdowv ovvovoiaus, nag av leyev Tà déovra Exuavdavovoi, zai лoάTTEW
    Tà dízala, zai iz Tou toov dlhýlois ovμлoliteveσ9a, zai un piɛoda
    Twv alaxov zai ögeyɛada to zalov, Blatov de undev noεiv. of de
    avdoes out oral za pilóoopot zoos juv ovoμáčovτai (Luc.
    de Gymnasiis).
     

    *) Xen., Apolog. Socr.
     

  • S.

    Plato.
     

    58
     

    gegen,,den Sophisten Sokrates" und gegen die anderen Sophisten
    eingenommen wurden. Wenn die Anklage der Jugendverführung
    genauer präcisirt werden soll, löst sie sich gewöhnlich in den
    Vorwurf auf, daß die Jünglinge dazu gebracht werden, sich
    weiser zu dünken als die Gesetze, und es ihren Eltern und den
    ihnen an Jahren Ueberlegenen gegenüber an der gebührenden
    Achtung fehlen zu lassen. Und das ist in der That eine wohl
    begründete Anklage; nur fällt sie nicht den Sophisten, sondern
    dem geistigen Fortschritt überhaupt zur Last. Alles was die
    jungen Leute zu eigenem Denken anregt, veranlaßt sie auch die
    Geseze ihres Landes zu kritisiren, erschüttert ihren Glauben an
    die Unfehlbarkeit ihrer Väter und der älteren Männer, und
    bewirkt, daß sie ihren eigenen Speculationen den Vorzug geben.
    Es ist ganz unzweifelhaft, daß die Lehrthätigkeit des Sokrates
    und des Plato nach ihm solche Wirkungen in außerordentlichem
    Maße erzeugte. Wir hören auch dem entsprechend von Xenophon,
    daß die Jünglinge aus reichen Familien, welche mit Sokrates
    Umgang pflogen, dieß zumeist unter der entschiedenen Mißbilligung
    ihrer Verwandten thaten. In jedem Zeitalter und in jedem
    Zustand der Gesellschaft sind die Väter und älteren Bürger arg=
    wöhnisch und eifersüchtig gegen alle Gedankenfreiheit und gegen jede
    geistige, nicht streng fachmäßige, Ausbildung bei ihren Söhnen
    und jüngeren Leuten gewesen, wenn sie die letztere nicht der Aufsicht
    und Leitung einer als vertrauenswürdig geltenden bürgerlichen
    oder geistlichen Autorität unterwerfen konnten. Den athenischen
    Gesetzgebern war es aber nicht beigefallen, sophistische Staats-
    universitäten und eine derartige Staats- Religion zu gründen.
    Der Unterricht der Sophisten beruhte durchaus auf dem Grund-
    satz der Freiwilligkeit und Lehrfreiheit, und die Abneigung gegen
    denselben war von ganz ähnlicher Art wie die Entrüstung gegen
    ,,gottlose Lehranstalten" und der Widerwille der Mehrzahl aus
    unseren höheren und mittleren Classen gegen alle anderen als
    confessionelle Schulen. Sie mißbilligten jeden Unterricht, wenn
    sie nicht versichert sein konnten, daß alle ihre eigenen Ansichten
    gelehrt werden würden. Es half wenig, wenn die Lehrer keine
    Ketzereien vortrugen; die bloße Thatsache, daß sie den Geist dazu
    schulten, sich Fragen vorzulegen und nach anderen Gründen als
    bloßem Brauch und Herkommen zu verlangen, reichte zu Athen,
    wie an den meisten anderen Orten, hin, um den Unterricht in den
    Augen der selbstzufriedenen Ehrsamkeit gefährlich erscheinen zu
    lassen. Dem entsprechend sah das ehrbare Bürgerthum, wie uns
    Plato selbst berichtet, die Philosophen nicht minder scheel an als
     

  • S.

    59
     

    Plato.
     

    die Sophisten. Sokrates spricht in der Apologie vom Vorwurf
    des Atheismus, der Verwandlung der schlechteren Sache in die
    bessere u. s. w., als von den Anklagen, welche jederzeit zur Hand
    sind, um gegen diejenigen,, welche Philosophie treiben, geschleudert
    du mersen; và nát ra tin tên gloco pour con xó xepd
    Tavta. Auch Xenophon *) erwähnt das Lehren einer Kunst
    von Worten" (óywv réxvy) als den gewöhnlichen Vorwurf der
    Menge gegen die Philosophen". Im ganzen Plato ist nichts
    ergreifender als die im Gorgias und der Republik enthaltene
    Schilderung der vereinsamten und verachteten Stellung des Philo-
    sophen in jeder bestehenden Gesellschaft und des allgemeinen Ein-
    drucks, daß er im besten Fall eine unnüße, häufiger aber eine höchst
    ruchlose Person sei (aurovýgovs, xaxovs rãσav xaxíav).
    Er bemüht sich, die Ursachen ausfindig zu machen, welche diesem
    ungünstigen Urtheil über die Philosophen einen Schein von
    Wahrheit verliehen, und giebt zu, daß dasselbe nicht selten durch
    das Benehmen der also Genannten gerechtfertigt wurde; und
    das ist mehr, als er jemals von den Sophisten sagt.
     

    Plato's eigene Abneigung gegen die Sophisten war wahr-
    scheinlich ganz ebenso stark wie die des athenischen Volkes, für
    welche er in seinen Schriften Zeugniß giebt; aber war sie von der-
    selben Beschaffenheit? Sab er sie als Jugendverderber_an?
    Keineswegs, wenn der Sokrates der Republik Plato's Ansichten
    Ausdruck giebt. In einer der gewichtigsten Stellen dieses groß-
    artigen Werkes läßt ihn Plato sagen: das Volk bildet sich ein,
    daß die Sophisten und ähnliche Leute die Verderber der Jugend
    seien; aber das ist ein Irrthum. Der wirkliche Verderber der
    jungen Leute ist die Gesellschaft selbst; ihre Familien, ihre Ge-
    nossen, Alle, die sie sehen und mit denen sie verkehren, das Bei-
    falls und Mißfallsgeschrei der Volksversammlung, die Ent-
    scheidungen des Gerichtshofes. Das sind die Einflüsse, welche
    die jungen Männer verführen, indem sie ihnen einen falschen
    Maßstab des Guten und des Bösen vor Augen halten und ihren
    Strebungen eine völlig verkehrte Richtung geben. Was die
    Sophisten betrifft, so wiederholen diese nur des Volkes eigene
    Meinungen. Bildet ihr euch (so fragt er)*), gleich der Menge,
    ein, daß die jungen Männer von den Sophisten verderbt werden,
    daß es Privat-Sophisten giebt, welche sie in einem irgend nennens-
    werthen Grade verderben (o z xai astov hóyov)? Sind nicht
     

    *) Xen. Memor. I. 2, 31.
     

    **) Plato, Republit, B. VI, 492 A und 493 A.
     

  • S.

    Plato.
     

    60
     

    gerade die Männer, welche das behaupten, selbst die größten Sophisten,
    die in der gründlichsten Weise Jung und Alt, Männer und
    Weiber, so erziehen und abrichten, wie sie sie haben wollen?
    Jene Honorar empfangenden Individuen, die sie Sophisten
    nennen und für ihre Nebenbuhler halten, lehren nichts anderes,
    als eben diese Ansichten der Menge und heißen dieß Weisheit."
    Und diese falschen Meinungen der Menge sind es, wie er im
    Folgenden darthut, welche so viele Geister, die ursprünglich für die
    Weisheit empfänglich waren, verderben und sie auf die Pfade des
    gemeinen Ehrgeizes hinabdrängen. Wenn es eine Classe giebt, von
    der er annimmt, daß sie die Menge mit solchen falschen Mei-
    nungen erfüllt habe, und die er demzufolge für dieselben verant-
    wortlich macht, so sind es die Dichter, welche dem Wesen der
    griechischen Religion zufolge gleichzeitig die Theologen waren.
     

    Warum verfolgt also Plato in so schonungsloser Weise die
    Sophisten? Die Gründe dafür liegen an vielen Stellen seiner
    Schriften offen genug zu Tage; aber wir wollen sie dort suchen,
    wo wir sicher sein können sie zu finden, in dem Dialog, welcher
    der Frage gewidmet ist: was ist ein Sophist? Der „Sophistes"
    ist eine sorgfältig ausgearbeitete Untersuchung des Wesens und
    der Eigenschaften des Sophisten und soll, von dieser seiner
    nächsten Bestimmung abgesehen, auch ein Beispiel von der gründ-
    lichsten Methode liefern, in welcher solche Untersuchungen geführt
    werden können. Von einer Anzahl verschiedener Gesichtspunkte
    aus gelangt Plato zu mehreren Definitionen des Sophisten,
    von denen sich einige so sehr einer schmeichelhaften nähern, daß er
    die Schwierigkeit bekennt, den Sophisten vom Dialektiker zu unter-
    scheiden. Andere Definitionen fallen verdammend aus; aber die
    ersichtlichen Gründe dieser Verdammung sind nur zwei, dieselben,
    welche die von seinem Schüler Aristoteles gegebene Definition
    eines Sophisten im ungünstigen Sinne ausmachen: ze
     

    anò gaivoués copias all our ovons. Der erste und
    hauptsächlichste Vorwurf (der fast in jedem Dialog, wo sie erwähnt
    werden, wiederkehrt) ist der, daß sie für ihren Unterricht
    Geld nahmen. Und Alles beweist, daß, wenn Plato die Sophisten
    mit lebhafterer Abneigung betrachtete, als andere einflußreiche
    Classen der griechischen Gesellschaft, dieß ganz und gar diesem
    einen Umstand zuzuschreiben ist. Das wird vielleicht vielen
    unserer Leser kaum glaublich erscheinen. In unseren modernen
    Zeiten, wo Jedermann für jede Leistung Bezahlung annimmt (die
    Gesetzgeber und die Grafschafts-Beamten allein ausgenommen),
    und wo es für ganz natürlich und wohlanständig gilt, daß sich
     

  • S.

    61
     

    Plato.
     

    Leute selbst die Rettung von Seelen mit Geld bezahlen lassen, ist
    es schwer, sich auf den Standpunkt zu versezen, von welchem Plato
    und Sokrates diesen Gegenstand ansahen. Wir erfahren von
    Xenophon, daß Sokrates diejenigen, welche ihre Weisheit für Geld
    verkauften, mit denen verglich, welche ihre Liebkosungen verkaufen,*)
    und daß er behauptete, beides dürfe nur gegen Liebe ausgetauscht
    werden. Auch steht das nicht im Widerspruche mit der Thatsache,
    daß sicherlich Plato, wahrscheinlich auch Sokrates, obwohl sie
    keine Bezahlung annahmen, doch Geschenke von ihren Bewunderern
    empfingen; denn für die Bedürfnisse eines Freundes beizusteuern
    galt als Pflicht der Freundschaft. Der platonische Sokrates **)
    spricht seine ganze Meinung über die Sache aus, indem er sagt,
    daß die Lehrer irgend einer besonderen Kunst mit Fug und ohne
    Inconsequenz für ihren Unterricht Bezahlung verlangen können,
    da sie die Leute zu guten Künstlern oder Handwerkern, nicht aber
    zu guten Menschen, zu machen versprechen; daß es aber der
    Gipfel der Inconsequenz bei einem angeblichen Lehrer der Tugend
    sei, wenn er darüber murrt, daß diejenigen, welche er zu unter-
    richten vorgegeben hat, ihn nicht gebührend bezahlen, da ja
    seine Klage über ihre ungerechtigkeit den unzweideutigsten Beweis
    liefert, daß sein Unterricht erfolglos war.***) Auch ist es nicht
    schwer, selbst vom modernen Standpunkt aus haltbare Argumente
    zu finden, welche vorgebracht werden können und wirklich vor-
    gebracht worden sind, um das Unheil nachzuweisen, das aus der
    Verwandlung des Gedankenverkehrs in ein gewinnbringendes
    Gewerbe entspringt. In dem glänzenden Gespräche, welches
    Gorgias heißt und in welchem sich die härtesten Dinge gegen den
    Beruf der Sophisten und Rhetoriker finden, die Plato überhaupt
    gesagt hat, weist er diesen beiden die Stellung von zwei Unter-
    abtheilungen der umfassenden Kunst der Schmeichelei an (xolaxɛia),
    welche aber nicht so sehr eine Kunst als eine Routinebeschäftigung
    ist. Sie erreichen ihre Ziele, behauptet er, nicht indem sie die
     

    *) Kai tv oogiay woaúτws Tous uèv doyvotov To Boulouévo
    дwloves Gooτàs, woлее лóеvovs, àлozalovov. (Xen. Mem.
    I, 6, 13.)
     

    **) Plato, Gorgias, p. 519 C.
     

    **) Es ist bemerkenswerth, daß der berühmteste der Sophisten, Prota-
    goras, diesen Tadel nach der Darstellung Plato's vorhersah und
    Semselben gefliffentlich zuvorgekommen ist. Denn er hieß wie Plato
    uns erzählt jeden mit der Honorar-Forderung unzufriedenen Schüler in
    einem Tempel an Eidesstatt erklären, wie hoch er den ihm ertheilten Unter-
    richt veranschlage, und ließ ihn nach dieser Schätzung bezahlen. Plato,
    Protag. 328 B."
     

  • S.

    Plato.
     

    62
     

    Leute besser oder weiser machen, sondern indem sie sich ihren
    Meinungen anbequemen, den Begierden, welche sie bei ihnen vor-
    finden, Kupplerdienste leisten, und sie mit sich selbst, mit ihren
    Irrthümern und Lastern zufriedener machen als sie vorher waren.
    Und ist das nicht die wirklich bedrohliche Versuchung, welcher
    jeder für die Menge berechnete Unterricht und alle Schrift-
    stellerei unterliegt? und welche nothwendiger Weise noch gesteigert
    wird, wenn diese Berufszweige um der ihnen entspringenden
    pecuniären Vortheile willen geübt werden? Wir können uns sehr
    wohl vorstellen, wie Plato von diesem Gesichtspunkt aus die Lehrer
    der Gegenwart beurtheilen würde. Die Geistlichkeit einer Staats-
    kirche, so könnte er sagen, ist ja geradezu durch Bestechung dafür
    gewonnen, ein herrschendes System von Meinungen zu bekennen,
    ob sie nun daran glaubt oder nicht, und wie weit entfernt das=
    selbe auch von der Wahrheit sein mag. Die Geistlichen der ver-
    schiedenen Secten sind ebenso durch ihre materiellen Interessen
    gezwungen, nicht das, was wahr ist, zu predigen, sondern das,
    was ihre Heerde bereits glaubt. Von den Advocaten zu sprechen
    thut nicht Noth, denn diese müssen entweder ihrem Beruf ent-
    fagen, oder unbedenklich die Vertretung von Parteien übernehmen,
    welche sie im Unrecht wissen. Die Schulmeister, die Lehrer an
    Hochschulen und die Leiter derselben müssen bei jedem Gegenstand,
    über den Meinungsverschiedenheit herrscht, für einen solchen
    Unterricht sorgen, welcher denen, die ihnen Schüler verschaffen
    können, angenehm, und nicht für jenen, der wirklich der beste iſt.
    Die Staatsmänner, würde er sagen, erheben nicht einmal mehr
    den Anspruch, die wirklichen Bedürfnisse des Volkes und nicht
    vielmehr seine bloßen Wünsche zu befriedigen. Und die Presse, ins-
    besondere ihr einflußreichster Bestandtheil, die periodische Presse
    zeigt sie nicht unaufhörlich, daß sie es als ihre Aufgabe betrachtet,
    desselben Sinnes zu sein wie das Publicum, der öffentlichen Meinung
    zu huldigen, beizupflichten, zu schmeicheln und, anstatt unangenehmer
    Wahrheiten, ihr nur das zu bieten, was sie gerne hört? Es giebt
    für eine derartige Darstellung so viele reelle Anhaltspunkte, daß auch
    in unseren Tagen Manche dieselbe praktische Folgerung wie Plato
    ziehen und meinen, es sollte kein Gesetz zum Schutz des geistigen
    Eigenthums bestehen, damit die Schriftsteller nicht länger in Ver-
    suchung kommen mögen, Meinungen für den Markt zu liefern,
    und damit Niemand etwas schreibe, außer wozu er sich durch un-
    eigennüßigen Eifer für die Geltendmachung seiner Ueberzeugungen
    angetrieben fühlt. Wir halten diese Ansicht für falsch, nicht weil
    sich nichts für sie, sondern weil sich viel mehr für die Gegenseite
     

  • S.

    63
     

    Plato.
     

    vorbringen läßt. Sie ist aber eine durchaus richtige Wiedergabe
    von Plato's Auffassung der Sache und zeigt uns, daß seine Er-
    bitterung gegen die Sophisten durchaus nicht von so rein senti-
    mentaler Art war, wie man zu denken geneigt sein könnte.
     

    Der andere Grund für die Geringschätzung der Sophisten,
    welcher im „Sophisten" und überall sonst, wo Plato über sie
    handelt, zu Tage tritt, ist dieser, daß die Lehren, welche sie vor-
    trugen, nur scheinbare, nicht wirkliche Weisheit waren; nur Mei-
    nung, und nicht Erkenntniß. Jeder, dem bekannt ist, was Plato
    unter Erkenntniß verstand und welche Stellung er und sein Meister
    zu dem einnahmen, was bei seinen Zeitgenossen für Erkenntniß
    galt, wird zugeben, daß dieß von den Sophisten mit Recht gesagt
    ist, aber nicht mit mehr Recht, als von allen anderen Personen
    jener Zeit. Wenn es etwas giebt, was Plato den Sokrates öfter
    behaupten läßt als etwas anderes, so ist es dieß, daß in Betreff
    der für die Menschen wichtigsten Gegenstände es noch keine Er-
    kenntniß gebe, obwohl Jedermann in der irrigen Ueberzeugung
    lebe, dieselbe zu besitzen. Er, Sokrates, erhebt keinen Anspruch,
    etwas anderes zu wissen als seine eigene Unwissenheit, aber in-
    sofern die Anderen nicht einmal das wüßten, verdiene er, Sokrates,
    die Palme der Weisheit, welche ihm das Orakel zu Delphi zu-
    erkannt hatte. In der Apologie, welche entweder des Sokrates
    wirkliche Vertheidigungsrede oder Plato's idealisirte Darstellung
    seines Lebens und Charakters ist, schildert er sich als von einem
    heiligen Drange getrieben, alle Menschen in's Verhör zu nehmen,
    um zu entdecken, ob irgend wer von ihnen jene wirkliche Er-
    kenntniß erworben hätte, die er nicht zu besitzen sich bewußt war.
    In dieser Absicht suchte er, wie er erzählt, den Umgang mit Jenen,
    welche weise zu sein schienen oder dafür galten. Er fing mit den
    Staatsmännern an, die er insgesammt in einem Zustande von
    tiefer Unwissenheit, und zwar im Allgemeinen von um so tieferer
    fand, je größer der Ruf war, den sie genossen; aber sie waren
    durch eine falsche Vorstellung von ihrem eigenen Wissen in hohem
    Maße aufgeblasen. Er ging darauf den Dichtern zu Leibe; allein
    er fand, daß sie zwar herrliche Dinge dichteten ohne Zweifel
    in Folge einer göttlichen Eingebung, aber unfähig waren, von
    den Werken, welche, oder von den Gegenständen, über welche sie
    dichteten, eine vernünftige Rechenschaft zu geben. Zuletzt ver-
    suchte er es mit den Handwerkern; und diese fand er im Besitze
    wirklicher Kenntniß, jeden in seinem besonderen Fache; doch waren
    sie dem irrthümlichen Glauben verfallen, überdieß noch andere
    Dinge zu verstehen, eine falsche Meinung, die sie im Ganzen in
     

  • S.

    Plato.
     

    64
     

    einen schlechteren Zustand versetzte, als seine ihm wohlbewußte
    Unwissenheit war. Es ist bemerkenswerth, daß er hier die So-
    phisten nicht unter denjenigen anführt, welche er ausgefragt und
    der Unwissenheit in den Dingen, welche sie zu wissen vorgaben,
    überführt hatte. Es ist aber offenbar, daß derjenige, der von
    aller Welt eine derartige Meinung hegte, zuerst und zu allermeist
    mit dem Stand der Lehrer in Widerspruch gerathen mußte. Die-
    jenigen, welche sich nicht nur einbildeten, etwas zu wissen, was
    sie in der That nicht wußten, sondern sich auch erboten, es An-
    deren zu lehren, waren die Allerersten, welche der Unwissenheit
    zu zeiben er sich gedrängt fühlen mußte; und gerade dieß ist die
    Stellung Plato's gegenüber den Sophisten. Er greift sie an, nicht
    als Verderber, sondern als hervorragende Vertreter der Gesell-
    schaft, als deren bezahlte Lehrer sie durch das Gesetz ihres
    Daseins genöthigt sind, in sich Alles zu vereinigen, was in den
    Tendenzen derselben schlecht ist.
     

    Der Feind, gegen welchen Plato in Wirklichkeit stritt, und
    den zu befehden das nie aus den Augen gelassene Ziel des größe-
    ren Theiles seines Lebens und seiner Schriften war -, dieß war
    nicht die Sophistik im antiken oder im modernen Sinne des
    Wortes, sondern die Trivialität. Es war das Annehmen über-
    kommener Meinungen und gangbarer Gesinnungen als letzter
    Thatsachen und der Austausch von abstracten Ausdrücken, welche
    Billigung und Mißbilligung, Verlangen und Abneigung, Bewun-
    derung und Abscheu ausdrücken, als ob diesen ein vollkommen
    wohl verstandener und allgemein gebilligter Sinn innewohne.
    Die Menschen seiner Zeit (wie die der unsrigen) vermeinten zu
    wissen, was Gut und Böse, Gerecht und Ungerecht, Ehrenvoll
    und Schändlich sei, weil sie diese Worte mühelos gebrauchen und
    von diesem und jenem Dinge in Uebereinstimmung mit der herr-
    schenden Gewohnheit aussagen konnten. Aber was die Eigenschaft
    ist, welche diesen verschiedenen Fällen gemeinsam zukommt und
    welche die Anwendung des Ausdruckes rechtfertigt, - darüber
    hatte Niemand nachgedacht, weder die Sophisten, noch die Rhe-
    torifer, noch die Staatsmänner, noch irgend wer von denen,
    welche sich selbst für weise erklärten oder von Anderen dafür er-
    klärt wurden. Und doch wandelte Jeder, der diese Frage nicht
    zu beantworten vermochte, in Finsterniß einher; er besaß keinen
    Maßstab, nach dem er seine Urtheile regeln und mit einander in
    Einklang erhalten, keine klar erkannte Richtschnur, auf welche
    er sich in der Führung seines Lebens stützen konnte. Ohne zu
    wissen, was Gerechtigkeit und Tugend sind, ist es nicht möglich,
     

  • S.

    Plato.
     

    65
     

    gerecht und tugendhaft zu sein; ohne zu wissen, was das Gute
    ist, verfehlt man nicht nur dieses, sondern man kann sicher sein,
    an seiner Statt das Ueble zu ergreifen. Ein solcher Zustand
    ließ einem Dentfähigen das Leben als nicht lebenswerth erscheinen.
    Die große Aufgabe des menschlichen Geistes sollte es sein, diese
    allgemeinen Ausdrücke der unnachsichtigsten Prüfung zu unter-
    werfen und die Ideen, welche ihnen zu Grunde liegen, an's Licht
    zu bringen. Selbst wenn dieß mißlingen muß und wirkliche Er-
    fenntniß nicht erreichbar ist, so ist es schon kein kleiner Gewinn,
    die falsche Einbildung der Erkenntniß zu vertreiben, die Menschen
    ihrer Unwissenheit in den wissenswürdigsten Dingen bewußt zu
    machen, sie mit Scham und Ünbehagen über ihren eigenen Zu-
    stand zu erfüllen und ihnen einen mächtigen Stachel in die Brust
    zu senken, der alle ihre geistigen Fähigkeiten wachruft, um diese, die
    größten aller Probleme, in Angriff zu nehmen, und nimmer zu
    rasten, ehe die wahren Lösungen, soweit dieß möglich ist, erreicht
    sind. Dieß ist Plato's Urtheil über den Zustand des menschlichen
    Geistes zu seiner Zeit, und über die Hilfe, welche die Philosophie
    ihm bringen könnte; und Jeder, der diese Schilderung nicht -
    mit geringen Modificationen auch auf die Mehrzahl selbst der
    unterrichteten Männer unserer Zeit und jeder anderen uns be-
    kannten Epoche anwendbar findet, hat sicherlich weder an die
    Lehrer noch an die Praktiker irgend eines Zeitalters den platoni-
    schen Prüfstein angelegt *).
     

    Das einzige Mittel, durch welches, nach Plato's Meinung,
    der Geist der Menschen aus diesem unerträglichen Zustande befreit
    und auf den Weg gebracht werden kann, die wirkliche Erkenntniß
    zu erreichen, welche die Kraft hat, sie weise und tugendhaft zu
    machen, ist das, was er Dialektik nennt; und Philosoph ist nach
     

    *),,Ausdrücke, wie Natur, Gesetz, Freiheit, Nothwendigkeit, Körper,
    Substanz, Materie, Kirche, Staat, Offenbarung, Eingebung, Erkenntniß,
    Glaube, werden in den Wortkriegen hin und her geschleudert, wie wenn
    Jeder sie kennte und in demselben Sinne gebrauchte, während doch die meisten
    Menschen, und ganz besonders diejenigen, welche die öffentliche Meinung
    repräsentiren, diese complieirten Ausdrücke in ihrer Kindheit auflesen, indem
    sie mit den unbestimmtesten Begriffen anfangen, dann von Zeit zu Zeit etwas
    mehr hineinlegen, vielleicht auch ebenfalls aufs Gerathewohl einige ihrer un=
    willkürlichen Frrthümer ausbessern, aber niemals sich so zu sagen ein sicher
    angelegtes Wortcapital bilden, niemals geschichtliche Forschungen über die
    Ausdrücke anstellen, mit denen sie so frei umspringen und sich auch nie
    ihrer Bedeutung, ihrer ganzen Fülle und ihrem Umfange nach, den genauen
    Regeln logischer Definition gemäß versichern". Max Müllers Vorlesungen
    über die Wissenschaft der Sprache, 1866, in deutscher Bearbeitung von
    C. Boettger, II. Serie, XII. Vorlesung, S. 484.
     

    Mill, ges. Schr. XII.
     

    5
     

  • S.

    Plato.
     

    66
     

    seiner Auffassung fast gleichbedeutend mit Dialektiker. Was Plato
    unter diesem Namen verstand, zerfällt in zwei Theile. Der eine
    davon ist die Erprobung jeder Meinung durch eine sich abwehrend
    verhaltende Untersuchung, welche jeden Einwand oder jede Schwie-
    rigkeit, die dagegen erhoben werden kann, vorbringt und verlangt,
    daß dieselben glücklich überwunden werden, ehe man die Meinung
    annimmt. Dieß konnte in wirksamer Weise nur auf dem Wege
    einer mündlichen Erörterung geschehen, wobei der sich Vertheidi-
    gende durch Fragen in die Enge getrieben wurde, auf die er
    gewöhnlich nicht im Stande war Antworten zu ertheilen, die nicht
    mit allgemein anerkannten Thatsachen oder mit seiner eigenen ur-
    sprünglichen Annahme in Widerspruch standen. Dieses Kreuz-
    verhör ist der Sokratische Eleyxos, welchem, sobald ihn ein Meister
    wie Sokrates handhabte (wie wir selber noch aus Plato ersehen können),
    kein bloßer Schein von Erkenntniß ohne das Wesen derselben
    Stand halten konnte. Sein Druck mußte in einem redlichen Geiste
    die falsche Einbildung des Wissens unfehlbar zerstreuen und den
    also Gedemüthigten seine eigene Unwissenheit empfinden lassen,
    während er ihn gleichzeitig zu jener Geistesanstrengung emporhob
    und spornte, durch welche allein die Unwissenheit gegen Erkenntniß
    ausgetauscht werden kann. So verstanden ist die Dialektik ein
    Zweig einer Kunst, welche einen Hauptbestandtheil der Lebens-
    kunst ausmacht, der Kunst nämlich, nichts ohne hinreichende Begrün-
    dung zu glauben; ihre Wirksamkeit besteht darin, daß sie uns
    zwingt, unseren Glauben in bestimmte Ausdrücke zu kleiden und
    uns zur Vertheidigung gegen alle Einwendungen, die dagegen er-
    hoben werden können, bereit zu halten. Der andere, oder der
    positive, schaffende Arm von Plato's Dialektik, für dessen erste
    Urheber er und Sokrates gelten dürfen, besteht in der directen
    Suche nach dem gemeinsamen Zuge in Dingen, welche in eine
    Classe gestellt werden, oder, mit anderen Worten, nach der Be-
    deutung von Classen-Namen. Er umfaßt die logischen Processe
    der Definition und Eintheilung oder Classification, deren Theorie
    und systematische Anwendung zu Plato's Zeiten etwas Neues
    waren; und in der That berichtet Aristoteles, daß das erstere dieser
    Verfahren von Sokrates eingeführt wurde. Beide sind unlösbar
    mit einander verknüpft, indem die Eintheilung, wie Plato hervor-
    hebt, der einzige Weg zur Definition ist. Um zu finden, was ein
    Ding ist, ist es nothwendig, vom Seienden im Allgemeinen oder
    von irgend einer umfassenden und bekannten Art, welche das
    gesuchte Ding einschließt, auszugehen, dann die Art in ihre Be-
    standtheile und diese wieder in andere zu zerlegen, wobei jede
     

  • S.

    Plato.
     

    67
     

    Unterabtheilung wo möglich aus zwei Gliedern bestehen soll (hierin
    ist Plato ein Vorgänger von Ramus und Bentham), und auf
    jeder Stufe des Verfahrens die unterscheidende Eigenthümlichkeit
    hervorzuheben, welche ein Glied vom andern sondert. Wenn wir
    in der Eintheilung bis zu dem Dinge herabgelangt sind, nach dem
    wir forschen, haben wir die Punkte bemerkt, in denen es mit allen
    ihm verwandten Dingen übereinstimmt, und die Punkte, welche
    seine Verschiedenheit von ihnen ausmachen, so daß wir im Stande
    sind, eine Definition davon zu geben, welche ein Auszug seiner
    gesammten Natur ist. Diese Methode, zu einer Definition zu
    gelangen, wird im Sophisten" und Staatsmann" durch sorgfältig
    ausgeführte Beispiele, zuerst an einem geringfügigen Gegenstand, dann
    aber an einem großen und schwierigen erläutert; es sind dieß zwei
    der bedeutendsten unter den platonischen Dialogen, weil in beiden
    die Auffassung dieses Theils des philosophischen Processes ganz im
    Style Bacons gehalten ist, und nicht durch die ontologische Theorie
    beeinträchtigt wird, welche Plato in anderen Schriften über seiner
    reinen Logik aufbaut *). Aber wir würden uns eine sehr unge-
    nügende Vorstellung von der Philosophie Plato's bilden, wollten
    wir diese Theorie außer Acht lassen. Nach Plato's Auffassung
    ist das die Einzeldinge, die in eine Gattung zusammengefaßt wer-
    den, verknüpfende einheitliche Band nicht ein Begriff, welcher
    durch Abstraction entstanden ist und keine Existenz außerhalb des
    Geistes hat, sondern eine Form oder Idee, welche für sich
    besteht und einer andern Welt als der unsrigen angehört; die
    concreten Gegenstände haben Antheil an der Natur dieser Form
    oder Idee, in deren Aehnlichkeit (wiewohl nur in einer sehr un-
    vollkommenen) sie erschaffen worden sind. Als diese Weise, den
    Proceß der Verallgemeinerung aufzufassen, sich in Plato's Geist
    festgesetzt hatte, gelangte er dazu, die Ideen als das wirklich
    Seiende anzusehen, das allein dauernden Bestand hat und allein
    ein Gegenstand der Erkenntniß ist. Die Einzeldinge sind, soweit
    man überhaupt sagen kann, daß sie erkennbar sind, dieß nur durch
    die Vermittlung dieser Ideen, welche kennen zu lernen daher die
    specifische Aufgabe des Philosophen ist. So erhob er diesen
    über die Natur und die Erde und stellte ihn den Göttern
    gleich, welche, als Besitzer der höchsten Weisheit, in ewiger
    Betrachtung dieser herrlichen und überirdischen Wesenheiten leben
     

    *) Die Wandlung in Plato's Geiste von der einfachen zur transcenden-
    talen Theorie wird in dem siebenten Briefe, von dem bei Grote, I, 223 ff.,
    ein Auszug gegeben ist, in ziemlich verständlicher Weise dargestellt.
     

    5*
     

  • S.

    Plato.
     

    68
     

    müssen. Wir sind hier bei der mystischen und poetischen Seite
    von Plato's Philosophie angelangt, und da die Dialektik der
    einzige Weg ist, auf dem ein irdisches Geschöpf diesen gött-
    lichen Existenzen nahe kommen kann (denn er sah ihre Wahr-
    nehmung feineswegs als intuitiv an), so beginnen wir zu ver-
    stehen, wie diese Methode zu der poetischen und religiösen Ver-
    flärung gelangt, die sie in seinem Geiste umgiebt, wie der Dialek-
    tiker zu einer Art von göttlicher Person wird die nächste An-
    näherung an die Natur der Himmelsbewohner, die dem Menschen
    zu erreichen vergönnt ist.
     

    Doch hängt der wirkliche Werth der platonischen Dialektik
    nicht von diesem metaphysischen und religiösen Oberbau ab, und
    bevor wir Plato weiter auf dieses schwankende Gebiet folgen,
    müssen wir ein wenig bei der Dankesschuld verweilen, welche ihm
    von Seiten der Menschheit für seine Dialektik, ohne Vergleich das
    kostbarste seiner Vermächtnisse, gebührt.
     

    Die größere Hälfte der Schriften Plato's ist geradezu der
    Anwendung der Kunst der Dialektik und ihrer Erläuterung durch
    Beispiele gewidmet; es wird darin je in einer Unterredung zwischen
    zwei Personen eine Untersuchung über die Definition eines all-
    gemein gebräuchlichen Ausdrucks geführt, mit welchem Gefühls-
    affecte und thätige Antriebe oder hemmende Impulse verknüpft
    sind. Manchmal nimmt die Untersuchung die Form der Wider-
    legung der von einem gefeierten Lehrer oder selbstbewußten Dog-
    matiker aufgestellten Meinung an; andere Male ist der Unterredner
    ein Freund oder Begleiter, gewöhnlich ein unschuldiger Jüngling,
    der dazu ermuntert wird, eine Definition zu versuchen, und der
    in dem Maße als seine Wagnisse der Reihe nach als unzureichend
    erwiesen werden, immer neue Definitionen zu bilden unternimmt,
    welche von dem besonderen, eben nachgewiesenen Mangel fret sind.
    Eine Vorstellung von der Mannigfaltigkeit der Gegenstände, welche
    diese Untersuchungen umfassen, wird der mit Plato nicht Ver-
    traute aus der folgenden Uebersicht gewinnen:
     

    Euthyphro: Was ist Heiligkeit?
    Laches: Was ist Muth?
     

    Charmides: Mas ist Mäßigkeit (oder Enthaltsamkeit,
    oder Besonnenheit, oder Selbstbeherrschung, oder Nüchternheit)?
     

    Lysis: Was ist Freundschaft (oder Zuneigung, oder Vor-
    liebe, oder Anhänglichkeit, oder Anziehung, oder Bevorzugung)?
    Oder vielmehr, was ist der natürliche Gegenstand dieses Gefühles ?
     

    Hippias Major: Was ist das Schöne (oder das Ehren-
    hafte, oder das Edle, oder das Bewundernswerthe)?
     

  • S.

    Plato.
     

    69
     

    Erastae: Was ist Philosophie?
     

    Hipparchus: Was ist to pilonegdés (Gemeinheit, Hab-
     

    sucht, Geldgier)?
     

    Minos: Was ist ein Gesetz?
     

    Meno: Was ist Tugend?
     

    Theaetetus: Was ist Erkenntniß?
    Sophistes: Was ist ein Sophist?
     

    Politicus: Was ist ein Staatsmann?
     

    Alle diese Dialoge haben zum einzigen Zweck die Erforschung
    von Definitionen, entweder auf dem Wege der Widerlegung oder
    der einfachen Untersuchung. Wenn wir diejenigen Dialoge hinzu-
    fügen, von denen ein beträchtliches Stück derselben Bestimmung
    dient, während das Gespräch außerdem noch andere Zwecke verfolgt,
    so finden wir darunter die vier größten Meisterwerke, die Plato's
    Genius geschaffen hat:
     

    Protagoras. Eine vielseitige und herrliche Entfaltung des
    sokratischen und platonischen Geistes, welche zum großen Theile
    aus einer Erforschung der Definitionen der Cardinaltugenden, und
    insbesondere der Tapferkeit, besteht.
     

    Phaedrus. Ebenso reichhaltig; ein Theil davon ist eine
    Erörterung über die Natur und Definition der Rhetorik.
     

    Gorgias. Was ist Rhetorik? Mit dieser Frage hebt der
    Dialog an, aber er geht dann in eine ethische Controverse be-
    treffs des Vorzugs des gerechten Lebens vor dem ungerechten über.
     

    Republik. Die Frage: was ist Gerechtigkeit ? bildet den
    Ausgangspunkt dieses großen Werkes, welches sich zu einer voll-
    ständigen Besprechung der platonischen Sittenlehre und der Ein-
    richtung eines vollkommenen Gemeinwesens erweitert.
     

    Das ist eine Reihe von Untersuchungen, wohl würdig, jenem
    Philosophen beigelegt zu werden, welcher, wie Xenophon *) er-
    zählt,,,im Verein mit seinen Gefährten unablässig darüber nachsann,
    was jedes existirende Ding sei", da er der Meinung war,,,daß
    diejenigen, welche wissen, was jedes Ding ist, im Stande sind,
    andere Leute darüber zu belehren; aber wenn sie es nicht wissen,
    ist es kein Wunder, daß sie selbst irre gehen und Andere mißleiten".
     

    Wenn wir diese Liste durchfliegen, werden wir lebhaft daran
    gemahnt, was für ein seltsames Ding doch die gemischten Modi"
    sind, um der Psychologie Locke's ein Wort zu entlehnen, welches einer
    unverdienten Vergessenheit anheimgefallen ist und solche zusammen-
    gesetzte Vorstellungen bezeichnet, die sich der Geist selbst schafft,
     

    *) Memor. IV, 6, 1.
     

  • S.

    Plato.
     

    70
     

    nicht indem er ein in der Natur vorfindliches Original direct
    copirt, sondern indem er der Erfahrung mit mehr oder we-
    niger Willkür entnommene Elemente zusammenfügt. Von dieser
    Art sind die verschiedenen mit Lob und Tadel verknüpften Be-
    griffe, welche, da sie zumeist aus Bestandtheilen zusammengesetzt
    sind, die durch wenig anderes als durch eine gemeinsame Gemüths-
    empfindung, zusammengehalten werden, in verschiedenen Zeitaltern
    und in verschiedenen Ländern Verschiedenes enthalten, und deren
    Bezeichnungen in der einen Sprache kein genaues Aequivalent in einer
    andern besitzen. So fanden wir es unmöglich, die Gegenstände von
    mehreren Dialogen Plato's anders wiederzugeben, als indem wir eine
    Anzahl von Namen häuften, von denen keiner dem griechischen
    Worte vollkommen entspricht, und welche selbst in ihrer Verbin-
    dung nur eine annähernd richtige Bezeichnung derselben Ver-
    einigung von Attributen bilden. Der Gegenstand des Lysis ist
    qpilia, was wir mit Freundschaft übersetzen, und die Untersuchung
    über die Natur der gilia soll in der That von der Freundschaft
    Rechenschaft geben. Aber sie handelt ebenso von der qilia eines
    Menschen für Pferde, Hunde und Wein, von der gikia eines
    franken Körpers für Gesundheit und Arzneien, von jener eines
    Philosophen für Weisheit, und selbst von der imaginären An-
    ziehung, welche das Trockene auf das Feuchte, das Kalte auf das
    Heiße, das Bittere auf das Süße, das Leere auf das Volle, und
    die Gegensätze überhaupt auf einander ausüben*). Aber trotz
    dieser Verschiedenheiten der Welt Plato's von der unsrigen in
    Betreff der Bildung von zusammengesetzten Vorstellungen, an
    welche Gemüthsempfindungen geknüpft sind, wird doch ein Jeder,
    der die richtige Werthschäzung der Methode besitzt, aus solchen
    Fällen oft ebenso viel lernen, als aus den häufiger vorkommenden,
    in denen sich die Untersuchung auf einen gemischten Modus richtet,
    welcher mit einem uns selbst geläufigen, wie Tugend, Gerechtigkeit,
    Tapferkeit, Erkenntniß, Gesetz, identisch oder nahe verwandt ist.
     

    In vielen dieser Untersuchungen weiß die befragte Person zu
    Anfang nicht genau, was von ihr verlangt wird, und antwortet,
    anstatt mit einer wirklichen Definition, mit Beispielen von ein-
    zelnen Dingen, welche gemeinhin unter jenem Namen zusammen-
    gefaßt werden; dabei zeigt sich der anspruchsvolle und gewandte
     

    *) [Hier folgen im Original einige Bemerkungen über die Unübersetz-
    barkeit, der griechischen Worte owppoor und appooúvn, des zakór und
    alozpór, welche so vielfach mit Eigenthümlichkeiten der englischen Sprache
    zusammenhängen, daß der Uebersetzer und Herausgeber es angemessen fanden,
    von ihrer Wiedergabe abzusehen.]
     

  • S.

    71
     

    Plato.
     

    Lehrer Hippias ebenso unbekannt mit der beabsichtigten Art von
    Untersuchung und erweist sich bei seinen Versuchen noch ungeübter
    und unbeholfener, als der ehrenwerthe und tüchtige Mann des
    praktischen Lebens, Laches, der wohlhabende thessalische Patrizier
    Menon, oder der Jüngling Theaetet. Sokrates bemüht sich, durch
    eine Fülle von erläuternden Beispielen (welche zeigen, wie fremd-
    artig damals dieser Gedanke war) ihnen flar zu machen, daß es
    sich nicht um irgend welche besondere Fälle des Schönen oder der
    Tugend oder der Erkenntniß, sondern darum handle, was Schönheit
    oder Tugend oder Erkenntniß an sich selbst sind. Der Unter-
    redner wird dann ermuthigt, oder, wenn er eine feindliche Stellung
    einnimmt, genöthigt, irgend einen Zug oder Umstand namhaft
    zu machen, der sich immer mit der Vorstellung oder mit dem
    Ausdruck, deren Bedeutung untersucht wird, vereint vorfindet.
    Sokrates' Aufgabe ist es dann, entweder zu zeigen, daß dieser
    Zug oder Umstand nicht in allen Fällen vorhanden ist, oder -
    was häufiger vorkommt darzuthun, daß er sich in viel mehr
    Fällen vorfindet, als auf welche der Ausdruck anwendbar ist. So
    nöthigt er den Unterredner, entweder seine Definition zurück-
    zuziehen und eine andere zu versuchen, oder dieselbe durch irgend
    einen Zusatz einzuschränken, welcher die Einzelfälle, die anfänglich aus
    Unachtsamkeit mit aufgenommen waren, auszuschließen bestimmt
    ist. Viele Definitionen werden versucht und als unhaltbar nach-
    gewiesen, und der Dialog schließt oft ohne ein anderes Ergebniß,
    als das Geständniß der Unwissenheit. Selbst wenn eine der
    geprüften Definitionen in dem einen Dialoge anerkannt zu sein
    scheint, so wird sie oft in einem anderen bestritten und anscheinend
    widerlegt, so daß der Erfolg im Ganzen mehr ein Gewinn an
    Methode als an Lehrsätzen ist, wenngleich bei der allseitigen Durch-
    pflügung des Untersuchungsfeldes, welches dieser Proceß mit sich bringt,
    unverkennbare Bruchstücke der Wahrheit zu Tage gefördert werden.
    Auch die Widerlegungen erscheinen uns, bei allem bewunderungs-
    würdigen Scharfsinn, häufig als augenfällige Trugschlüsse. Und
    doch ist dieser Proceß die einzig richtige Methode, um zu abstracten
    Begriffen zu gelangen, welche sowohl klar sind, als auch wirklichen
    Punkten der Uebereinstimmung unter den realen Thatsachen ent-
    sprechen; und die so mannigfaltige und so meisterhafte Exempli-
    fication derselben in den platonischen Dialogen bildet eine Schule
    des präcisen Denkens, der sich auch heute noch in der philo=
    sophischen Literatur nichts auch nur annähernd vergleichen läßt. Die
    Annahme, daß dialektische Schulung nur Dialektiker bilde, zeugt
    von großer Unkenntniß ihrer Macht und Wirksamkeit. Eine solche
     

  • S.

    Plato.
     

    72
     

    Schulung ist eine unerläßliche Erziehung für dogmatische Denker,
    und es ist ganz naturgemäß, daß aus der Schule des Plato ein
    Aristoteles hervorgegangen ist. Aber die zahlreichen Denker ersten
    Ranges, welche so viel von ihrer Klarheit und Geistesstärke der
    platonischen Dialektik verdanken, haben die Förderung, welche sie
    durch dieselbe erfuhren, mehr durch eigene positive Leistungen als
    durch die Schöpfung von neuen dialektischen Musterwerken zum
    Ausdruck gebracht. Die Dialoge sind daher immer noch die un-
    erreichten Vorbilder des dialektischen Processes, sie fesseln durch
    all die Anmuth und all den Glanz der Ausführung, welche ihrem
    Autor den Namen der attischen Biene eingetragen haben, und
    bieten ein in der gesammten Literatur einzig dastehendes Beispiel
    von der Vereinigung der höchsten philosophischen Begabung mit
    dem vollendetsten Geschick und Gefühl eines Künstlers.
     

    Aber soviel auch die moderne Welt der platonischen Dialektik
    verdankt, so ist sie doch dieser Verpflichtungen selten in entsprechender
    Weise eingedenk gewesen. Das Kreuz- und Querverhör ist niemals
    beliebt und volksthümlich geworden.
     

    ,,In dem natürlichen Wachsthum des menschlichen Geistes folgt nicht
    der Glaube dem Beweise, sondern er entsteht gesondert und unabhängig von
    ihm; ein unreifer Verstand glaubt zuerst, und beweist, wenn er überhaupt
    jemals nach Beweisen sucht, erst später. Dieser Hang, unseres Geistes wird
    noch durch den Druck und die Autorität von König Nóuos verstärkt, welcher
    mit Unerbittlichkeit Glauben heischt, aber Beweise weder vorbringt noch
    verlangt. Die Gesellschaft, welche selbst in tief wurzelnden Ueberzeugungen
    lebt, schenkt der Stimme eines einsamen Grüblers, welche sich gegen die so
    fest gegründeten Meinungen erhebt, kein ruhiges Gehör; auch liebt sie es
    nicht, daß man sie auffordere, solche Meinungen zu erklären oder zu zer-
    gliedern, oder mit einander in Einklang zu bringen. Sie ist insbesondere
    einem dialektischen Kampfe abgeneigt, welcher dem abwehrenden Arme der
    Philosophie freie Entfaltung und eingreifende Wirksamkeit verleiht" *)..
     

    ,,Nichts kann für einen gewöhnlichen Verstand abstoßender
    sein, als die gründliche Sichtung von eingewurzelten, durch lange
    Gewöhnung vertraut gewordenen Ansichten" **). Kaum irgend ein
    Moderner ertrüge es, sich dem sokratischen Verhöre zu unter-
    ziehen, welches Plato so sehr als der einzig zureichende "Eheyzos
    oder Prüfstein galt, daß er nur eine sehr geringe Meinung von
    dem Werthe langer Reden oder schriftlicher Abhandlungen hegte,
    zumal bei den letzteren der Verfasser nicht selbst bei der Hand
    ist, um dem Fragenden Rede zu stehen und ihn selbst zu befragen -
    didóval nai déze09au lóyov. Selbst diejenige Annäherung an
     

    Grote, I, 258.
    ** Ebend. II, 12.
     

  • S.

    73
     

    Plato.
     

    die sokratische Methode, welche die schriftliche Abfassung zuläßt, die
    Widerlegung von Gegnern hinter ihrem Rücken, wird selten mit leb=
    hafter Gunst betrachtet, indem selbst diejenigen, welche die Ansicht des
    polemischen Schriftstellers theilen, daran nur geringes Interesse neh-
    men, etwa von dem Vergnügen abgesehen, das sie über die Demüthigung
    ihrer Gegner empfinden. Was sie selbst betrifft, so sind sie zufrieden, von
    ihren eigenen Gründen überzeugt zu sein, ohne sich viel um Gegengründe
    zu kümmern, deren Unstichhältigkeit sie für ausgemacht halten. Und
    doch ist die Ermittelung der Wahrheit, überall außer in der Mathe-
    matik, nicht eine einfache, sondern eine zwiefache Aufgabe. Die Frage
    lautet nicht: was läßt sich für eine Ansicht sagen, sondern: läßt
    sich mehr für oder gegen sie sagen? Ein wahrhaftes Wissen und
    wirklich vertrauenswürdige Ueberzeugungen besitzt nur Jener, welcher
    sowohl entgegengesetzte Meinung widerlegen, als die feinige gegen
    Angriffe erfolgreich vertheidigen kann. Aber diese, die bedeutsamste
    Lehre, die sich aus Plato's Schriften gewinnen läßt, hat die
    Welt und viele ihrer gefeierten Lehrer sich nur in sehr unvoll-
    kommener Weise zu Nutze gemacht. Unserem freien Parlamente
    und der Deffentlichkeit unseres Gerichtsverfahrens verdanken wir
    es, wenn wir den Werth der Debatte irgend wie zu schätzen wissen.
    Die Athener, welche unablässig damit beschäftigt waren, in jeder
    Frage der Politik und des Rechtes beide Parteien zu hören, hatten
    dafür eine viel tiefere Empfindung.
     

    In gleicher Weise wird die andere oder positive Seite der
    platonischen Dialektik unterschätzt, das Verfahren nämlich, durch
    welches die unbestimmten Allgemeinheiten, welche in gewöhnlicher
    Rede als Richtschnur des Tadels oder Beifalls dienen, auf die
    logische Folter gespannt und gezwungen werden, den präcisen Sinn,
    den sie in sich bergen, zu erschließen. Diese zweifache Obliegen-
    heit: die eigenen Meinungen gegen die Angriffe der Gegner ver-
    theidigen und die ihrigen widerlegen zu können, und andererseits
    niemals in ernſter Unterredung ein Wort ohne scharf begrenzten
    Sinn zu gebrauchen, ist immer den Classen verhaßt gewesen, welche
    fast die ganze Menschheit zusammensetzen, den Dogmatikern jeder
    Farbe und den bloßen Praktikern. Daher kommt es, daß der
    menschliche Geist so langsam fortschreitet und selbst dadurch, daß
    er immer mehr von den Ergebnissen der Weisheit in sich auf-
    nimmt, nur so wenig weiser wird. In den Dingen, welche von
    natürlicher Findigkeit abhängen, die sich zu allen Zeiten ungefähr
    gleich reichlich vorfindet, stehen wir hinter unseren Vorvätern nicht
    zurück, in der Kenntniß von beobachteten Thatsachen sind wir
    ihnen weit überlegen; aber wir schütteln immer nur einzelne
     

  • S.

    Plato.
     

    74
     

    Irrthümer ab, ohne die Ursachen der Irrthümer auszurotten; die
    ,,Trugbilder des Stammes" (um mit Bacon zu sprechen) und selbst
    die,,Trugbilder der Höhle" verfolgen uns fast ebenso unablässig, wie
    vordem; die Schulung, welche den Geist selbst reinigt und ihn vor
    falschen Verallgemeinerungen, vor nicht schlußkräftigen Folgerungen
    und baarem Unsinn in den Gebieten, welche er nur sehr unvollkommen
    kennt, behütet, fehlt immer noch in allen Köpfen mit Ausnahme
    sehr weniger. Wir sind von vielen falschen und schädlichen Wei-
    nungen abgekommen, aber nicht in Folge der Verbesserung der
    Geistesgewohnheiten, welche diese erzeugen, sondern in Folge der
    Evidenz von Thatsachen; und wir sind fast ebenso bereit als
    je, dort neue Irrthümer anzunehmen, wo unsere Sinne und unser
    Gedächtniß uns nicht mit Wahrheiten versehen, denen jene beson-
    deren irrigen Meinungen widersprechen würden.
     

    Es ist befremdend, daß Plato selbst den Kern seiner Lehren
    sich nicht in vollem Umfange zu Nutzen gemacht hat. Das ist
    einer von den Widersprüchen, durch welche er solch ein Räthsel
    für die Nachwelt geworden ist. Es kann Niemand viele seiner
    Werke lesen und noch daran zweifeln, daß er positive Meinungen
    hatte. Aber er unterzieht seine eigenen Meinungen nicht der
    Probe, welche er fremden gegenüber anwendet. ,,Es hängt von
    dem augenblicklichen Zwecke ab, welchen Plato mit seiner Argu-
    mentation verfolgt, ob er sich dafür entscheidet, die Einwendungen
    zu häufen und sie zur Geltung zu bringen, oder sie gänzlich zu
    vernachlässigen" *). „Der positiv lehrende Sokrates behauptet
    nur darum seinen Platz, weil es dem Sokrates des Kreuzverhöres
    nicht verstattet ist, ihn anzugreifen" **). Oder, was schlimmer ist,
    Plato wendet ſein Prüfmittel an und vernachlässigt dessen An-
    zeigen; er spricht klar und kräftig die Einwendungen aus, die
    gegen die von ihm begünstigte Meinung bestehen und setzt seinen
    Weg fort, als ob sie nicht vorhanden wären. Wenn es eine Lehre
    giebt, welche der Leitstern seiner tiefsten Speculationen ist, welche
    er mit all der Scheinbarkeit ausstattet, die seine wunderbare Kunst
    der Darstellung verleihen kann, welche er in die glühendsten Farben
    seiner poetischen Einbildungskraft taucht: so ist es die Lehre von
    den für sich-seienden Ideen, die wesentliche Grundlage einiger seiner
    großartigsten Dialoge, besonders des Phaedrus, des Phaedo und
    eines bedeutenden Theiles der Republik. Und doch findet sich in
    seinen Schriften kein bemerkenswertheres Muster von logischer
     

    *) Grote, II, 108.
    **) Ebend. I, 323.
     

  • S.

    Plato.
     

    75
     

    Widerlegung als jene, durch welche Parmenides in dem nach ihm
    benannten Dialoge dieselbe Lehre, die dort dem jugendlichen So-
    krates in den Mund gelegt ist, vernichtet. Aus diesem Grunde
    entscheiden sich auch einige der platonischen Kritiker dafür, daß
    der Parmenides kein Werk Plato's, sondern von einem Jünger der
    eleatischen Schule verfaßt und gegen Plato gerichtet sei; aber sie
    vergessen, daß der Parmenides des Dialoges eine ebenso entschiedene
    Widerlegung seiner eigenen Hauptlehre von der Einheit des Seienden
    giebt, und daß er überdieß an seine Zurückweisung der Ideenlehre die
    Bemerkung knüpft, es würden, so großen Schwierigkeiten dieselbe
    auch unterliege, doch Philosophie und Dialektik unmöglich werden,
    wenn man sie nicht gelten ließe *). Man sollte erwarten, daß
    eine so wichtige Theorie nicht in diesem Schwebezustand zwischen
    zwei einander widersprechenden und für gleich unwiderstehlich ge=
    haltenen Beweisen gelassen würde. Man dürfte voraussetzen, daß
    der große Meister der Dialektik, der doch die Lehre annahm, sich
    für verpflichtet halten würde, ihre anscheinende Widerlegung selbst
    zu widerlegen. Aber er thut dieß nirgends, und (wir wagen die
    Vermuthung) er hätte es nicht thun können. Die Einwände werden
    in einer abgekürzten Form im Philebus wiederholt und dort ebenso
    wenig beantwortet, indem Sokrates blos bemerkt, daß dieser Gegen-
    stand wohl allezeit ein Thema für den Scharfsinn junger Dialek-
    tiker bleiben werde **). Plato, der Dogmatiker, erscheint als eine
    ganz verschiedene Person von Plato, dem Kritiker.
     

    Die ***) beiden Strömungen seiner Speculation, die schaffende und die
    zerstörende, find gesondert und von einander unabhängig. Wo die schaffende
    ungewöhnlich vorwiegt (wie im Timaeus), da wird die zerstörende völlig un-
    sichtbar. Timaeus verkündet die weitgehendsten Theorien, von denen der
    wirkliche Sokrates feine einzige mit den eindringlichsten Fragen verschont hätte;
    aber der platonische Sokrates hört sie mit achtungsvollem Stillschweigen an
    und lobt sie später. Wenn Plato an das Schaffen geht, find seine Dogmen
    ganz und gar aprioristisch; sie verkünden Ahnungen oder Hypothesen, die
    thren Anspruch auf seinen Glauben nicht von ihrer Tauglichkeit herleiten, die
    von ihm erhobenen Einwände zu lösen, sondern von einem tiefen und feier-
    lichen Gefühl religiöser, ethischer, ästhetischer oder poetischer Art u. s. w.,
    von der Verehrung des Ebenmaßes oder der Eractheit der Zahlen u. s. w.
    Diese Dogmen sind Ausflüsse irgend eines erhabenen Gefühles betreffs
    des Göttlichen, Guten, Gerechten, Schönen, Ebenmäßigen u. f. w., welches
    Plato in seine Corollarien verfolgt. Aber das ist ein Proceß für sich,
    und während Plato ihn durchführt, werden die früher erhobenen Zweifel
     

    Plato, Parmenides, 135 B.
     

    **) Blato, Philebus, 15 D.
    ***) Grote, I, 270.
     

  • S.

    Plato.
     

    76
     

    nicht hervorgeholt, um gelöst zu werden, sondern sie werden vergessen oder der
    Aufmerksamkeit entrückt".
     

    Plato*) war Skeptiker, Dogmatiker, religiöser Mystiker und Inquisitor,
    Mathematiker, Philosoph, Dichter (erotischer sowohl als satirischer), Rhetor
    und Künstler, alles zugleich, oder wenigstens alles nach einander in den fünfzig
    Jahren seiner philosophischen Laufbahn. Zu der einen Zeit verlangt sein
    überquellender dialektischer Drang nach Befriedigung und giebt sich in einer
    Reihenfolge scharfsinniger Zweifel und ungelöster Widersprüche fund; ein ander-
    mal ist er voll theologischen Unwillens gegen diejenigen, welche Helios und
    Selene lästern, oder die allumfassende Vorsehung der Götter läugnen. Hier
    begegnen wir demüthigen Eingeständnissen der Unwissenheit und Verwahrungen
    gegen die falsche Einbildung des Wissens, die als ebenso beklagenswerth
    wie weit verbreitet dargestellt wird; dort finden wir eine Beschreibung des
    Borganges der uranfänglichen Weltentstehung, die nicht genauer sein könnte,
    wenn der Verfasser der Vertraute der verborgensten Absichten des Demiurgos
    gewesen wäre. In dem einen Dialoge hat die Liebesschwärmerei die Ober-
    hand, die zwischen schönen Jünglingen und philosophischen Begriffen getheilt
    und mit einer religiösen Begeisterung und Verzückung versetzt ist, welche
    alle menschliche Mäßigung verachtet und hinter sich läßt (Phaedrus); in einem
    anderen werden alle heftigen Seelentriebe zurückgewiesen und gebrandmarkt
    und nichts als ehrbar anerkannt, außer der Bethätigung der ruhigen und
    leidenschaftslosen Einsicht (Philebus, Phaedo). Der Dithyrambus und der
    Mythus wird mit der Satire, und ein ethischer Gesichtspunkt mit dem an-
    deren vertauscht (Protagoras, Gorgias). Und die Alles bewältigende dra-
    matische Kraft des Meisters verleiht jeder dieser mannigfaltigen Tendenzen
    vollen Nachdruck. Im Ganzen ähnelt das Gesammtbild Plato's, um ein
    Gleichniß Plato's selbst zu gebrauchen, einigermaßen jenen phantastischen
    Verbindungen von Thiergestalten, welche die hellenische Mythologie ersonnen
    hat; es enthält eine Anzahl getrennter und verschiedenartiger Personen, welche
    nur darum wie eine einzige aussehen, weil dieselbe äußere Hülle sie umschließt."
     

    Wir glauben, daß wenngleich nicht alle, so doch die wichtigsten
    dieser Verschiedenheiten in Ton und Empfindung sich aus dem
    zunehmenden Alter des Philosophen und der Erstarkung seiner
    positiven Ueberzeugungen ableiten lassen. Schon der erste Factor
    allein fann uns Vieles erklären. Niemand wird einen Beweis
    dafür verlangen, daß die Befehdung der heftigeren Genüsse und
    die Verdammung aller geistigen Störungen, wie sie sich im Philebus,
    in den Gesetzen" und selbst in der Republik finden, einer späteren
    Lebenszeit angehören, als die Liebesschwärmerei des Phaedrus und
    des „Gastmahls". Andererseits zeigen alle die Werke, welche die
    deutlichsten Spuren späterer Entstehung an sich tragen, eine große
    Wandlung in der Werthschätzung der sokratischen Prüfungsmethode.
    Es war Plato augenscheinlich so ergangen, wie nicht wenigen
    großen Reformatoren, und Niemandem in auffälligerer Weise als
    Luther, welcher eben darum, weil er mit seiner ursprünglichen
     

    *) Grote, I, 214-215.
     

  • S.

    Plato.
     

    77
     

    Absicht über jede vernünftige Erwartung hinaus durchgedrungen
    war, während der späteren Hälfte seines Lebens seine beste Kraft
    daran setzen mußte, um diejenigen seiner Anhänger, welche ihrem
    Führer vorausgeeilt waren, zurückzudrängen. In den blos unter-
    suchenden Dialogen, welche Plato vermuthlich schrieb, als der
    Einfluß des Sokrates noch seinen Geist beherrschte, giebt es nichts,
    was er, in der Person seines Helden, öfter wiederholt, als daß
    das bloße Erwecken des Bewußtseins der Unwissenheit, die bloße
    Zerstörung jener falschen Einbildung von Wissen, welche unter den
    Menschen so allgemein ist, schon an und für sich, auch ohne Rück-
    sicht auf etwaige weitere Folgen, ein höchst schäzbarer Erfolg der
    Dialektik ist. Als er jedoch an Jahren vorrückte und seinerseits
    von der unverbrüchlichen Richtigkeit seiner Meinungen überzeugt
    ward, als er, um ein Gleichniß Grote's zu gebrauchen, aufhörte,
    der Führer der Opposition zu sein, und sich auf den ministeriellen
    Bänken niederließ, da kam er zur Einsicht, daß die sokratische
    Methode ein zweischneidiges Werkzeug sei. Bereits in der Re-
    publik sehen wir ihn bei den Gefahren einer rein negativen Geistes-
    richtung verweilen und es beklagen, daß die Dialektik so frühzeitig
    in die Erziehung eingreift und von „,,unreifen Jünglingen" *) auf-
    gegriffen wird, welche das Recht des Fragenstellens mißbrauchen,
    allen ihren von früh auf gehegten Meinungen mißtrauen, und
    schließlich alle positiven Ueberzeugungen verlieren". In dem pla-
    tonischen Staate beginnt die Beschäftigung mit der Dialektik erst
    mit dem dreißigsten Lebensjahre, damit Plato's eigene Dogmen
    einen weiten Vorsprung gewinnen, bevor sie den Gefahren der
    sokratischen Prüfung ausgesetzt werden. Aber die Dialektik mit
    ihrem logischen Kreuzverhör gilt darin immer noch für das mäch-
    tige Organ des philosophischen Denkens, und nur die in ihr Ge-
    schulten werden für befähigt zum Regieren erachtet. Aber als
    Plato noch mehr an Jahren und an Dogmatismus zunahm, scheint
    er die Schäzung der Dialektik und die Freude an ihr gänzlich
    verloren zu haben. In seinem zweiten Ideal-Staate, in den
    Gesetzen", wird sie nicht mehr erwähnt, sie bildet keinen Bestand-
    theil der Erziehung, sei es der Regierer oder der Regierten; an
    ihre Stelle ist vielmehr eine starre und unwandelbare Orthodoxie
    von Plato's eigener Mache getreten, und jede Auflehnung gegen
    dieselbe, oder jeder schüchterne Versuch, sie durch den "Eleyzos
    zu prüfen, wird mit Torquemada-artiger Strenge geahndet. Was
    den Umstand betrifft, daß Plato es unterließ, seine Meinungen
     

    *) Grote, III, 103.
     

  • S.

    Plato.
     

    78
     

    in seinem eigenen Geiste gegen die von ihm erhobenen Ein-
    wendungen zu festigen, so vermuthen wir, daß er an der Brauch-
    barkeit des dialektischen Processes als eines Werkzeugs zur Er-
    mittelung der Wahrheit verzweifelte, und daß die Unmöglichkeit,
    seine eigenen Einwände zu lösen, ihn zur Ueberzeugung brachte,
    daß sich gegen alle Wahrheiten dialektisch unlösbare Einwendungen
    erheben lassen. Indem nun die ethischen und politischen Tendenzen
    seines Geistes die Oberhand über die rein speculativen gewannen,
    hielt er es für das wünschenswertheste, daß diejenigen Ansichten,
    denen die beste ethische Tendenz innewohnt, gelehrt werden sollten,
    mit wenig oder gar keiner Rücksicht darauf, ob sie sich als wahr
    erweisen lassen, und selbst auf die Gefahr hin, daß sie falsch seien.
     

    So haben wir also, von minder bedeutenden Discrepanzen
    abgesehen, zwei scharf ausgeprägte Personen in Plato vor uns:
    den Sokratiker und den Dogmatiker; von diesen hat sich der erste
    ungleich besser um die Menschheit verdient gemacht, aber der letz-
    tere hat von dieser weit höhere Ehren empfangen. Und dieß ist
    wohl begreiflich; denn der Eine lieferte gar Vielen eine brauchbare
    Stütze für ihre moralischen und religiösen Dogmen, während der
    Andere nur den menschlichen Verstand geklärt und gekräftigt hat.
     

    Allerdings sind die Huldigungen, welche alle gebildeten Epochen
    Plato als bloßem Moralisten, als einem der gewaltigsten Lehrer
    der Tugend dargebracht haben, die jemals unter den Menschen
    erschienen sind, vollauf gerechtfertigt. Unter all seinen Wand-
    lungen giebt es doch Eines, dem er immer treu bleibt die
    Anerkennung des Alles überragenden Werthes der Tugend und
    Weisheit (welche er unabänderlich mit einander identificirt) und
    der unendlichen Ueberlegenheit des gerechten Lebens selbst in-
    mitten von Verfolgung und Verläumdung vor dem ungerechten,
    selbst wenn dieses von den Menschen geehrt und mit noch soviel
    Macht und Größe umgeben ist. Und was er also selbst fühlt,
    das vermag er mit einer Gewalt, die Keiner jemals übertroffen
    hat, auch seine Leser fühlen zu machen. Diese Eigenschaft ist es,
    welche in ihm den Charakter eines großen Lehrers zur Voll-
    endung bringt. Andere können belehren, Plato aber gehört zu
    Jenen, welche große Männer bilden durch die Vereinigung von
    sittlicher Begeisterung und logischer Zucht. In einem der ver-
    lorenen Dialoge des Aristoteles," sagt Grote *), „ward eines
    korinthischen Landsmanns lobende Erwähnung gethan, welcher bei
    der Lecture des platonischen Gorgias von so feuriger Bewun-
     

    *) Grote, II, 90.
     

  • S.

    Plato.
     

    79
     

    Derung ergriffen wurde, daß er seine Aecker und Weinberge verließ
    und sofort nach Athen eilte, um sich der Führung Plato's anzu-
    vertrauen." Wir dürfen sicher sein, daß der Gorgias diese außer-
    ordentliche Wirkung seelenbezwingender Gewalt nicht seinen Argu-
    menten verdankte; denn diese sind fast durchweg Trugschlüsse und
    hätten nicht der ersten Berührung des prüfenden Kreuzverhörs
    widerstanden, welches in so schonungsloser Weise gegen ihre An-
    greifer in Anwendung gebracht wird. Dieser große Dialog, voll
    von richtigen Gedanken und schönen Beobachtungen über die mensch-
    liche Natur, ist, was die Beweisführung anbetrifft, eines der
    schwächsten unter Plato's Werken. Nicht durch seine Logik, son-
    dern durch sein Ethos bringt er seine Wirkungen hervor; nicht
    indem er den Verstand belehrt, sondern indem er die Gefühle
    und die Einbildungskraft beeinflußt. Auch ist dieß keineswegs
    befremdend; denn die uneigennüßige Liebe zur Tugend ist eine
    Sache des Gefühls. Es ist unmöglich, Plato's These, daß die
    Gerechtigkeit die höchste Glückseligkeit sei, irgend Jemandem zu
    beweisen, wenn man ihn nicht dazu bringen kann, sie als solche
    zu empfinden. Man kann ihn die äußeren Bestimmungsgründe,
    welche sie empfehlen, das günstige Urtheil und die hilfreiche Ge-
    sinnung der Menschen und endlich die Belohnungen eines zukünftigen
    Lebens schäßen lehren; aber auf diese Betrachtungen ſtützt sich
    Plato im Gorgias nicht, obwohl er sie an anderen Orten zu
    Hilfe nimmt: die Vergeltung nach dem Tode wagt er nur in der
    Gestalt eines Mythus einzuführen, und die Betonung des irdischen
    Lohnes stünde im Widerspruch mit der ganzen Anlage des Dia-
    loges, welcher den gerechten und tugendhaften Mann als ein in
    jeder bestehenden Gesellschaft vereinsamtes, falsch beurtheiltes, ver-
    folgtes Wesen darstellt, das den Schmeichlern der Menge gegen-
    über nicht mehr Aussicht auf Erfolg hat, als (um Plato's Gleich-
    niß zu gebrauchen) ein Arzt, gegen den ein Zuckerbäcker vor
    einer Jury von Kindern die Anklage erheben würde, daß er ihnen
    abscheulich schmeckende Arzneien anstatt köstlicher Leckereien ver-
    abreiche. Es ist gerade dieses Gemälde des sittlichen Helden,
    welcher an seinen Grundsägen der Feindschaft und Verachtung
    einer Welt zum Troze festhält, das die Herrlichkeit und die Ge-
    walt des Gorgias ausmacht. Der Sokrates des Dialoges läßt
    uns empfinden, daß alle anderen Uebel erträglicher sind, als die
    Ungerechtigkeit der Seele, nicht indem er dieß beweist, sondern
    indem er in unserem Innern das Mitgefühl mit seiner eigenen be-
    geisterten Empfindung wachruft. Er flößt Heldenmuth ein, weil
    er sich als Held erweist. Und trotz seiner logischen Gebrechen
     

  • S.

    Plato.
     

    80
     

    bezeichnet der Gorgias einen der größten Fortschritte, welche
    jemals in der sittlichen Vervollkommnung stattgefunden haben:
    die Pflege uneigennütziger Bevorzugung der Pflicht um ihrer
    selbst willen, als etwas Höheres im Vergleich zu der Hint-
    ansetzung selbstischer Rücksichten auf Grund eines entfernteren
    selbstischen Interesses.
     

    Ebenso nachdrücklich wird die Vorzüglichkeit und innere
    Glückseligkeit des gerechten Lebens in der Republik betont und
    auf Argumente von soliderem Gehalte gegründet. Aber Grote
    bemerkt mit Recht, daß diese Argumente, selbst wenn man ihre Beweis-
    kraft zugiebt, sich nicht an die richtige Adresse wenden; denn das
    Leben, das sie voraussetzen, ist nicht einfach das eines Gerechten,
    sondern das eines Philosophen. Sie sind nicht auf das Muster-
    bild eines gerechten Mannes, etwa auf einen Aristides, an-
    wendbar, welcher kein Dialektiker ist, keinen Flug zu den Höhen
    der Speculation wagt und dem Anblick der für - sich - seienden
    Ideen um nichts näher ist als andere Leute, welcher aber um
    den Preis jedes möglichen persönlichen Opfers unweigerlich nach
    den Tugendregeln handelt, die von den besten seiner Landsleute
    anerkannt werden. Es ist nicht leicht ersichtlich, welcher Raum
    in der platonischen Theorie der Tugend für einen Aristides übrig
    bleibt, oder wie sein Lebensgang mit der Lehre des Plato und des
    historischen Sokrates zu vereinbaren ist, daß Tugend ein Zweig
    des Wissens und Niemand mit Absicht ungerecht sei. Aristides
    hatte wahrscheinlich dieselben Ansichten von Tugend wie seine
    Zeitgenossen, und hätte so wenig wie einer von ihnen die Fragen
    des Sokrates mit einer Definition beantworten können, welche
    allen Einwänden gewachsen war. Die Uebereinstimmung seines
    Willens mit den Vorschriften der Gerechtigkeit, das durch nichts
    beirrte Festhalten an denselben, bildete wahrscheinlich den hauptsäch-
    lichsten moralischen Unterschied zwischen ihm und gewöhnlichen
    Menschen. Plato hätte allerdings sagen können, daß Aristides
    das unentbehrlichste Stück der Erkenntniß besaß; er wußte, daß
    der gerechte Mann der glücklichste sein muß. Aber Aristides
    gehörte nicht zu jener Kategorie von Menschen, für welche Plato
    dieß, mit mehr oder weniger Glück, bewiesen hat; und die
    eigentliche platonische Lehre besagt, daß es unmöglich ist, gerecht
    zu sein, wenn man nicht (im hohen platonischen Sinne des
    Wortes) weiß, was Gerechtigkeit ist*).
     

    *) Der historische Sokrates der Memorabilien (IV, 4, 12) antwortet auf
    eine Wahnung des Sophisten Hippias, nicht immer nur Andere zu quälen,
     

  • S.

    Plato.
     

    81
     

    Wenn wir Plato als Moralisten mit diesem seinem eigenen
    Maße messen, wenn wir uns vom begeisterten Apostel der Tugend
    zum philosophischen Lehrer derselben wenden und nach seinem
    Kriterium der Tugend fragen, so begegnet uns in verschiedenen
    Schriften ein verschiedenes. Im Protagoras ist es ein ganz und
    gar utilitarisches, wie es gar Manche als gemein" und,,herab-
    würdigend" brandmarken, obwohl Grote dasselbe mit Recht vom
    utilitarischen Standpunkt aus verurtheilt, weil das uneigennützige
    Element darin keinen Raum findet. Nach dem Sofrates im
    Protagoras ist das einzige gute und erstrebenswerthe Ziel des
     

    sondern sich selbst zu einer positiven Ansicht über Gerechtigkeit zu bekennen,
    mit einer Definition, welche zwar einen Aristides, aber nicht den platonischen
    Herrscher oder Philosophen mit eingeschlossen hätte; Gerechtigkeit, fagt er, ift
    To róμчμov das den Landesgesetzen entsprechende Verhalten. Diese
    Definition, welche dem schwunglosen und praktischen Xenophon vollkommen
    zusagt, befriedigt jedoch den Sophisten nicht, der auch dießmal wieder als
    der Vorkämpfer eines höheren Gesetzes dargestellt wird. Er wendet ein,
    daß die Gesetze nicht der Maßstab der Tugend sein können, da die Bürger,
    welche dieselben erlassen, vielfach anderen Sinnes werden und Gesetze,
    die sie gegeben haben, wieder aufheben. Sokrates ertheilt die geist-
    volle und nicht unsokratische Antwort, daß die Bürger ja auch Krieg,
    führen und wieder Frieden schließen; und doch schätzen wir einen guten
    Taktiker oder Soldaten nicht darum gering, weil es wieder einmal
    zum Frieden kommen kann. Das einzige Werf Plato's, dessen Richtung
    mit diesen Aeußerungen übereinstimmt, ist der Crito, in welchem Sofrates
    nach seiner Verurtheilung das Anerbieten, ihn aus dem Kerfer zu befreien,
    zurückweist. Er betont hier in überaus nachdrücklicher Weise die Pflichten,
    welche ein Mann seinem Vaterlande und dessen Gesetzen, selbst wenn sie in
    ungerechter Weise gegen ihn angewendet werden, schuldet, und führt die
    Gesetze redend ein, wie sie ihm, für den Fall, daß er sich der Hinrichtung
    entzieht, Undankbarkeit vorwerfen, weil er sein Leben lang ihre Wohlthaten
    genossen und nun fich sträubt, sich ihren Anforderungen zu unterwerfen. Mit
    dem sonstigen platonischen Maßstab gemessen, erscheint die Antwort des
    Sokrates bei Xenophon auf die Frage des Hippias sehr unplatonisch; jedoch
    vermuthen wir, daß Plato selbst gewissen Personen und unter gewissen Um-
    ständen dieselbe Antwort ertheilt hätte, daß auch nach seiner Auffassung
    König Nóuos ein zureichender und geeigneter Herrscher für die Allgemeinheit
    der Menschen ist, und daß die Gesetze nebst den feststehenden Sitten (den ayoupor
    vóuot, wie die für alle Menschen giltigen Gesetze eben dort bei Xenophon ge-
    nannt werden) seine wirkliche Richtschnur der Gerechtigkeit für den Bürger
    waren, obgleich er der Meinung war, daß der Gesetzgeber und der Philosoph
    eines mehr wissenschaftlichen Maßstabs nicht entrathen tönnen. Von den vielen
    hierher gehörigen Stellen wollen wir (außer Theaetet 172 A und 177 D) nur
    jene in den Gesetzen" (I, 637-8) namhaft machen, wo der Standpunkt
    des Bürgers, für den die Gesetze seines Vaterlandes den Kanon der Tugend
    bilden, jenem des Philosophen gegenübergestellt ist, welch letzterer durch die
    Gesprächspersonen vertreten ist, welche die Frage nach der Tugend des
    Gesetzgebers selbst beschäftigt.
     

    6
     

    Mill, ges. Werte. XII.
     

  • S.

    Plato.
     

    82
     

    Handelns die Lust und die Abwesenheit von Schmerz; alle anderen
    guten Dinge sind nur Mittel zu diesen Zwecken. Die Tugend
    ist eine Sache der Berechnung, und die einzigen Factoren der
    Berechnung sind Lust und Schmerz - Gefühle. Aber die in
    Rechnung gezogenen Factoren sind einzig und allein die Lust und
    der Schmerz des Handelnden selbst, während von Lust und
    Schmerz Anderer und der Menschheit nicht die Rede ist. Das
    System wird so zu einem selbstsüchtigen, obwohl nur in der Theo-
    rie, da sein Vertreter an der Lehre festgehalten hätte, daß das
    gerechte Leben das einzig glückliche, das heißt (nach der Theorie
    des Dialoges) dasjenige sei, welches dem Handelnden selbst den
    größten Ueberschuß von Lust über Schmerz gewährt. Der Stand-
    punkt des „Protagoras" stimmt mit jenem des historischen Sokrates
    überein, welcher überall in den Memorabilien die gewöhnlichen
    Pflichten des Lebens mit hedonistischen Gründen einschärft und sie
    durch die gewöhnlichen hedonistischen Motive, die gute Meinung
    und das Lob der Mitbürger, die zu erwartende gleiche Behand-
    lung und die Gunst wohlwollender Gottheiten, empfiehlt. Selbst
    in den Gesetzen" behauptet Plato, daß die Menschen sich nie
    bewegen lassen werden, die Tugend vorzuziehen, außer wenn sie
    davon überzeugt werden, daß diese die Bahn der größten Lust dar-
    stellt, und ferner daß ihnen, es verhalte sich nun in Wirklichkeit
    so oder anders (obgleich er persönlich vollständig davon überzeugt
    ist), dieser Glaube nicht nur beigebracht werden müsse, sondern
    daß auch keine Spur eines Zweifels daran geduldet werden
    dürfe. Aber der Sokrates des Gorgias weicht von beiden, sowohl
    vom wirklichen, als vom Sokrates des Protagoras" ab. Für
    ihn ist Gut nicht mehr gleichbedeutend mit Lustbringend, Uebel
    mif Schmerzlich. Um etwas als ein Gutes anzuerkennen, muß es
    entweder lustbringend oder heilsam (wgékuuov) sein; und die
    Gerechtigkeit gehört zur Kategorie des Heilsamen. Aber heilsam
    zu welchem Zweck? Dieß wird nicht gesagt; nur soviel steht fest,
    daß dieser Zweck nicht die Lust ist. Die Gerechtigkeit wird
    der Gesundheit der Seele, die Ungerechtigkeit der Krankheit gleich-
    gesetzt, und da die Gesundheit des Körpers sein höchstes Gut,
    die Krankheit sein größtes Uebel ist, so wird diese Schätzung
    auf dem Wege der Analogie auch auf den Geist übertragen. Es
    findet sich im Gorgias kein Versuch die Gerechtigkeit zu definiren.
    In der Republik, deren ausgesprochene Absicht es ist eine solche
    Definition zu liefern, und welche als ein Mittel zu diesem Zwecke
    den weitläufigen Aufbau eines Idealstaates unternimmt, ergiebt
    sich als Resultat, daß die Gerechtigkeit gleichbedeutend ist mit der
     

  • S.

    83
     

    Plato.
     

    unumschränkten Oberherrschaft der Vernunft in der Seele. Der
    menschliche Geist wird dort in die berühmten drei Elemente zerlegt:
    das vernünftige, das muthartige oder leidenschaftliche (rò vuoεdés)
    - wieder einer jener verfänglichen gemischten Modi - und das
    begehrliche. Der gerechte Geist ist derjenige, in welchem jedes dieser
    brei Elemente seinen gebührenden Platz einnimmt; in welchem die
    Vernunft herrscht, die Leidenschaft sich zur Helferin und zum
    Werkzeug der Vernunft macht, und beide vereinigt die Begierde
    in einem Zustande gutwilliger Unterwerfung erhalten. In dem
    Philebus, welcher eingestandenermaßen de bono (oder vielmehr
    de summo bono) handelt, wird dieser Gegenstand einer ein-
    gehenderen Prüfung unterworfen. Nach einer langen Erörte
    rung, in welcher jene, welche für die Lust eintreten, und die,
    welche für die Weisheit oder Einsicht (pgóvnois) streiten, schließlich
    beide widerlegt werden, ergiebt sich, daß das Gute oder das Be=
    gehrenswürdige aus fünf Kategorien besteht, welche in verschiedenem
    Grade begehrenswerth sind. Wir wollen nicht die ganze Liste
    aufführen, da sie durch die Unbestimmtheit einiger von den Be-
    griffen und durch die in hohem Grade abstracte Beschaffenheit der
    Ausdrucksweise selbst Grote zu dem Bekenntniß nöthigt, daß sie
    überaus schwer verständlich sei. Doch wollen wir erwähnen, daß
    die ersten vier sich ausschließlich auf die rationellen Elemente des
    Geistes beziehen, während das fünfte, welches gegen dieselben
    weit zurück gesetzt wird, die wenigen Arten von Lust umfaßt,
    welche sanfter Natur und von jeder Beimengung von Schmerz
    frei sind, nachdem vorher alle anderen und zumal die heftigeren
    Rustempfindungen einem krankhaften Geisteszustand zugewiesen und
    demgemäß ausgeschlossen wurden. Gegen alle diese Theorien hat
    Grote's Kritik leichtes Spiel, da ihre Tugend-Definitionen nur
    das Wohl des Handelnden in Betracht ziehen, indem selbst die Ge-
    rechtigkeit, die recht eigentlich sociale Tugend, in die Oberherrlich-
    keit der Vernunft innerhalb unseres eigenen Geistes aufgelöst
    wird, der Thatsache zum Troß, daß der Tugendbegriff und die
    tugendhafte Gesinnung nicht ausschließlich in den unser Selbst be-
    treffenden, sondern auch, und sogar unmittelbarer, in den socialen
    Gefühlen wurzeln. Es ist dieß eine Wahrheit, welche zuerst von
    den Stoikern in vollem Umfange anerkannt wurde, denen der Ruhm
    gebührt, die moralischen Verpflichtungen zum ersten Mal auf die
    brüderliche Gemeinschaft, die ovyyéveta, des ganzen Menschen-
    geschlechtes begründet zu haben. Der große Mangel in Plato's
    ethischen Begriffen (welcher in Grote's Bemerkungen über die
    Republik eine ausgezeichnete Beleuchtung findet) bestand darin,
     

    6*
     

  • S.

    Plato.
     

    84
     

    daß er das übersah, was Aristoteles vollkommen erfaßte, daß
    nämlich das Wesentliche an der Tugend der Gerechtigkeit die
    Anerkennung und Achtung der Rechte Anderer iſt.*)
     

    Es verdient bemerkt zu werden, daß selbst in der Republik
    das herrschende und zügelnde Princip des Geistes, welches wir
    mit Vernunft übersetzt haben, und in dessen unbeschränkter Ober-
    hoheit das Wesen der Tugend besteht, to hoyorinóv ist, wörtlich
    das rechnende Princip (indem loyioτiný von Plato selbst im
    Gorgias gebraucht wird, um einen Theil der Arithmetik zu be
    zeichnen). Dieß ist ganz und gar die Lehre des „Protagoras",
    nur daß die in Rechnung zu ziehenden Factoren hier und dort ver-
    schiedene sind. Durch die ganze Reihe der Dialoge hindurch wird
    überall eine Art von Meß-Kunst, eine μετoуixỲ τéxуn, vermittelst
    welcher man das wahre Wesen der Dinge von ihrem äußeren
    Schein unterscheiden könne, als das große Erforderniß der Tugend
    sowohl, als der Weisheit gefordert. Nachdem aber Lust und
    Schmerz als Prüfmittel verworfen worden sind, werden uns keine
    anderen Elemente aufgezeigt, welche diese Meß-Kunst zu messen
    bestimmt sein soll. Natürlich hat sie unseren Geist und unsere
    Handlungen selbst zu messen; aber wir messen doch etwas, um es
    mit den Größenverhältnissen eines anderen Dinges zu vergleichen
    oder in Uebereinstimmung zu setzen, und welches dieses Andere
    ist, das sagt uns Plato niemals. Unser Leben soll geregelt werden,
    aber wir erfahren nicht, wodurch; es wird dem Proceß des
    Messens an sich eine geheimnißvolle Wirksamkeit zugeschrieben.
    Die Analogie, deren sich Plato hierbei bedient, ist der Vergleich
    mit den unwahren Größen-Verhältnissen der Gegenstände, wie sie
    dem Auge erscheinen, und der Berichtigung derselben durch das
    Messen; wobei Plato nur das Eine übersieht, daß es nicht das
    Messen selbst ist, welches dieselben berichtigt, sondern daß es die
    Tastempfindungen sind, denen das Messen nur größere Sicherheit
    verleiht. Als Plato an Jahren vorrückte, scheint die Idee des
    Maßes als von etwas an sich Gutem (unabhängig von jedem darüber
    hinausliegenden Zweck) immer mehr Gewalt über ihn gewonnen
     

    *) Grote, III, 133-159. Die einzige Spur einer Auffassung der
    Sittlichkeit, die auf das Gesammt-Wohl Bezug nimmt, begegnet uns
    in der Republik anläßlich der Bemerkung, daß das Dasein der Wächter" ein
    frend loses und wenig begehrenswerthes sein werde, da die Mitglieder dieser
    Classe von all' den Inte reffen ausgeschlossen sind, denen die Menschen ihr Leben
    zu widmen pflegen. Vielleicht (so erwidert Plato) wird es sich ergeben, daß
    ihr Loos das allerglücklichste ist; doch mag es sich auch so verhalten, wie ihr
    behauptet: unsere Aufgabe ist es, nicht einen Theil der Gesammtheit, sondern
    diese selbst so glücklich als möglich zu machen".
     

  • S.

    Plato.
     

    85
     

    zu haben. Die bloße Uebereinstimmung mit einer festen Norm,
    zumal wenn sie von Regelmäßigkeit der Zahlenverhältnisse begleitet
    ist, wurde sein vornehmster Maßstab der Vortrefflichkeit. Dieß
    entsprach einem mächtigen Gefühle des hellenischen Geistes, welcher
    mit heftigen Trieben ein hohes Gefühl von persönlicher Würde
    verband und demgemäß harmonisches Ebenmaß im Geist und Be-
    tragen ganz eben so sehr wie in der Architektur verlangte, und
    dem alles Ungeordnete, Unharmonische und Unrhythmische selbst
    in der Stimme oder im Benehmen nicht blos mißfällig war,
    sondern sogar als Zeichen eines schlecht geordneten Geistes galt,
    wie dieß Plato in der Republik ausdrücklich ausspricht.*) Un-
    serem Philosophen selbst erschienen Maß und Regelmäßigkeit, wie wir
    wissen, geradezu als die Fußspuren der Gottheit; sie und nur sie
    allein hielt er für Merkmale der Absicht im Bau des Weltalls;
    wo sie aufhörten, endete auch der Antheil der Gottheit; denn der
    Kosmos galt ihm im Ganzen als ein Compromiß mit der aváyan
    oder Nothwendigkeit, welche, in geradem Gegensatz zur modernen
    Auffassung, die unberechenbare Seite der Naturkräfte vertrat,
    jene Fälle, in welchen (wie man dachte) nicht unwandelbar
    auf dasselbe antecedens dasselbe consequens erfolgt. **) Im
    Philebus werden das Maß und das Gemessene, uérgov nai tè
    μéτQiov zai zaiotov, als die ersten Elemente des Guten ange-
    führt, während selbst die Intelligenz nur das dritte, und die Lust
    (welche auf die nicht aufregenden Genüsse beschränkt ist) das
    fünfte und dem Range nach letzte ist. In Plato's späteren
    Speculationen, von der Republik bis zur Epinomis, nehmen die
    Wissenschaften des Maßes und der Verhältnisse: Arithmetit,
    Geometrie und Astronomie, allmählich die Stelle der Dialektik
    als die Gegenstände der für einen Herrscher und Philosophen
    geeigneten Erziehung ein. Wir hören von Aristoteles, daß sich
    dieß sogar noch entschiedener in den Vorträgen fundgab, die er
    während der letzten Jahre seines Lebens hielt. Seine Vor-
    lesungen über das Ipsum Bonum oder die Idee des Guten
    handelten, zur Ueberraschung der Zuhörer, über die transscenden-
    talen Eigenschaften der Zahlen. Die Zahl wurde in zwei elemen-
    tare Factoren in die Eins und in die Dyas oder die Zwei -
    zerlegt, welche lettere mit dem Unbestimmten identificirt wurde;
    und er behauptete, daß das Gute mit der Eins identisch sei,
    während das Ueble das Unbegrenzte oder Unbestimmte, das
     

    *) Plato, Republik III, p. 400-402; und Grote III, 53-54.
    **) Vergl. den Timaeus durchwegs.
     

  • S.

    Plato.
     

    86
     

    àógiorov und aneigov*), sei. So erstarb bei Plato das edle
    Licht der Philosophie in einem Nebel von mystischem Pytha-
    goreerthum.
     

    In diesem pythagoreischen Sumpfe versank und erstickte
    auch, wie wir von demselben Gewährsmann erfahren, die herrliche
    Ideenlehre. Doch steht diese Lehre als das reinste Muster der
    platonischen Metaphysik da und wird der Nachwelt immer als solches
    erscheinen. Es gilt von Plato, wie von allen seinen Landsleuten,
    den Aristoteles zum Theil ausgenommen, daß, während ihre
    Gedanken über Moral und Politik von einer eben so wohl praktisch
    anwendbaren, als für alle Zeiten giltigen Weisheit überfließen, ihre
    metaphysischen Speculationen uns nur als die ersten Versuche origi-
    neller und schöpferischer Geister interessiren, ein bis dahin völlig
    dunkles Gebiet zu erhellen. Nichts Anderes sind auch die platonischen
    Ideen, aber unter allen Theorien, welche in scharfsinnigen Köpfen
    aus einer unvollkommenen Auffassung der Processe der Abstraction
    und Verallgemeinerung entsprungen sind, gehören sie sicherlich zu
    den bestechendsten und schönsten. Die Menschen haben verall-
    gemeinert und abstrahirt, bevor Plato seine Werke schrieb, oder
    sie wären nicht Menschen gewesen; aber sie thaten es in Folge
    einer unbewußten Wirksamkeit der Associationsgesetze, welche einem
    Instincte glich; es gab keine Theorie dieser Geistesoperationen,
    bis Plato eine solche schuf; und das bloße Ins - Auge - Fassen
    und bewußte Vollziehen dieser Processe war etwas Neues, was,
    wie wir in vielen Dialogen beobachten können, selbst einem ein-
    sichtigen Schüler nur gelang, wenn ihm eine verschwenderische
    Fülle von Beispielen als Hilfe dargeboten wurde. Nun mußte
    ein sinniger Geist bald wahrnehmen, daß alle Sinnesobjecte, ob
    sie nun Substanzen, Eigenschaften oder Ereignisse seien, und
    die edelsten Gegenstände zu allermeist das, was sie sind, nur
    in einer unvollkommenen Weise sind, und daß sie den Geist ein
    Musterbild ihres Wesens von viel vollkommenerer Art, als sie
    selbst sind, ahnen lassen: „ein weit inniger durchtränktes Etwas",
    was weder ein Auge gesehen, noch ein Ohr gehört hat, aber mit
    dem das, was gesehen oder gehört werden kann, eine, allerdings
    unvollkommene und oft nur sehr entfernte, Aehnlichkeit besigt. Die in
    ihrer Kindheit befindliche Psychologie ließ die Menschen noch nicht
    erkennen, daß der Geist selbst sich diesen vollkommeneren Typus
    auf dem Wege der Vergleichung und Abstraction aus dem unvoll-
    kommenen Material seiner Erfahrung schafft; aber sie nahmen
     

    *) Grote, I, 217-218.
     

  • S.

    Plato.
     

    87
     

    wahr, daß die Typen die in der Wirklichkeit nicht anzutreffende
    Vollkommenheit aller anderen Dinge in sich einschließen und die
    Vorbilder sind, denen die Natur selbst sich anzunähern bemüht
    scheint. Was konnte da natürlicher sein, als daß man diese
    Typen als wirkliche Objecte ansah, die zwar den Sinnen entrückt,
    aber durch den Geist unmittelbar erkennbar sind, und diese
    mußten, sobald man sie einmal als außer uns existirende Dinge
    ansah, realer als alles Andere erscheinen, da alle sonstigen Dinge
    nur unvollkommenen Copien oder Nachbildungen gleichen? Das
    An- sich Schöne und das An-sich- Gute, welche sich nicht nur
    zu allen guten und schönen Dingen verhalten wie das Ideal
    zur Wirklichkeit, sondern welche auch alle die gesonderten Voll-
    kommenheiten der mannigfaltigen Arten von Schönheit und Güte
    in sich vereinigen diese Formen oder Essenzen, denen alle
    Einzeldinge, mittelst des Antheils, den sie an ihrer Natur
    haben, Alles verdanken, was sie von Güte und Schönheit be-
    sigen, was aber freilich abgeblaßt und entstellt ist durch das trübe
    Medium, in das sie getaucht sind, diese Wesenheiten, welche
    um so viel herrlicher als ihre abgeschwächten irdischen Vertreter
    und nicht wie diese der Schädigung oder dem Verfall unterworfen
    sind: mußten sie nicht als Realitäten in einem viel höheren Sinne
    gelten als die Einzeldinge, welche in das Bereich unserer sinnlichen
    Wahrnehmung fallen? Zumal da diese besonderen Dinge gewiß
    keine Wirklichkeiten sind, denn es giebt kein besonderes Gutes oder
    Schönes oder Gerechtes, das nicht in irgend einem denkbaren
    Falle ungerecht, schlecht und unschön wäre. Und mußte man
    dann nicht annehmen, daß derjenige Theil unserer Natur, welcher
    diese realen Wesenheiten wahrnimmt, sie noch viel deutlicher
    erschauen würde, wenn nicht der Schleier der Sinne dazwischen
    läge ? und daß wir nur dann, wenn dieser Schleier fällt, die
    Welt des Scheines und der Abbilder verlassen, um in die der
    Dinge selbst einzugehen und den wundervollen Anblick in seiner
    ganzen Pracht zu genießen? Aber selbst in dieser Welt der
    Schatten kann der Geist des Philosophen, welcher durch den
    dialektischen Proceß dazu geschult worden ist, das Eine in dem
    Vielen zu sehen", es durch unablässiges Bemühen zu einer Wahr-
    nehmung der idealen Formen bringen, welche ihn dazu
    befähigt, in einem Leben nach dem Tode eine noch nähere und
    befriedigendere Anschauung derselben zu gewinnen.
     

    Die Art und Weise, wie Plato durch denselben Gedankengang
    zu einer anderen seiner Aufstellungen, der berühmten Lehre von
    der Wiedererinnerung gelangte, ist nicht unserem Errathen
     

  • S.

    Plato.
     

    88
     

    überlassen. Sie wird uns im Meno dargelegt, in welchem so viel
    für Plato Charakteristisches auf einen engeren Raum als in
    irgend einem anderen Dialoge zusammengedrängt ist; und wenn
    wir den Phaedo und den Gorgias als edle Statuen bezeichnen
    dürfen, so läßt sich der Meno mit einer Gemme vergleichen.
    Wie geht es zu, fragt dort Sokrates, daß, wenn wir etwas
    suchen, was wir nicht wissen, wir doch wissen, was wir suchen?
    Und wie kommt es, daß wir im Stande sind, es zu erkennen,
    wenn wir es gefunden haben? Das scheint eines der ständigen
    Räthsel dieser alten Denker gewesen zu sein, von ganz ähnlicher
    Natur wie andere, welchen in den platonischen Schriften ein-
    gehende Berücksichtigung geschenkt wird; es waren dieß nicht
    Spitfindigkeiten streitsüchtiger Sophisten (wie Commentatoren
    und Geschichtschreiber der Philosophie behaupten), sondern Schwierig-
    keiten, welche diejenigen, die nach einem Verständniß ihrer eigenen
    Geistesoperationen rangen, in ernstliche Verlegenheit setzten.
    Warum, so fragt Sokrates, giebt die Wahrheit, die so schwer zu
    finden ist, sich uns doch, sobald sie gefunden ist, oft augenblicklich,
    als Wahrheit zu erkennen? Er kann dafür keine andere Erklärung
    geben, als daß wir sie in einem früheren Leben gekannt haben
    und blos an unsere Kenntniß erinnert zu werden brauchen.
    Moderne Denker, welche auf Plato's Standpunkt stehen geblieben
    sind, lösen die Schwierigkeit, indem sie die Kenntniß für intuitiv
    erklären. Aber Plato fonnte sich mit dieser Erklärung nicht zu-
    frieden geben; er wußte allzu gut, wie langsam, wie mühevoll,
    und in wie unvollkommener Weise die Kenntniß schließlich er-
    worben wird. Er sah den ganzen Proceß des Philosophirens als
    eine angestrengte Bemühung an, frühere Kenntniß in's Gedächtniß
    zurückzurufen. Seine Lehre ist nicht identisch mit, sondern genau
    entgegengesetzt derjenigen, welche in der fälschlich als,,platonisch"
    bezeichneten Ode von Wordsworth enthalten ist; bei Words=
    worth ist unser Leben hienieden,,ein Schlaf und ein Vergessen",
    bei Plato ist es ein Sich Erinnern. Wir sehen sofort ein, welche
    Stütze diese Lehre der Auffassung Plato's von der Natur des
    Unterichts verlieh eine Auffassung, die von höchster Bedeutung für
    seine Zeit und für alle Zeiten ist, daß nämlich,,Lehren und
    Lernen Worte ohne Sinn sind" *), und daß das Wissen,,aus dem
    Geist selbst entwickelt, nicht von außen in ihn hinein getragen
    werden solle" **). Der innige Zusammenhang zwischen der Lehre
     

    *) Grote, II, 18.
     

    **) ebend., I, 230, Anm.
     

  • S.

    Plato.
     

    89
     

    von der Wiedererinnerung und der Ideenlehre würde, auch wenn
    er nicht ohnehin augenfällig wäre, durch den Phaedo dargethan,
    in welchem die erstere ausdrücklich auf die Erwägung gestützt wird,
    daß jedes bestehende - an sich unvollkommene Ding den Geist
     

    an einen Typus seiner eigenen Natur erinnert, welcher vollkom
    mener ist als es selbst; und da wir nur an das erinnert werden
    können, was wir einst gekannt haben, so müssen wir diesen Typus
    in einem früheren Leben kennen gelernt haben. Untrennbar mit
    einander verschmolzen sind diese beiden Theorien in dem poetischen
    Mythus, welcher dem Sokrates im Phaedrus in den Mund gelegt
    ist; und als Plato in seinen späteren Jahren die eine Lehre
    fallen ließ, folgte ihr auch die andere nach.
     

    Die Lehre von der Präexistenz steht in natürlichem
    Zusammenhange mit der Unsterblichkeitslehre, und im
    Phaedo werden die Argumente für die lettere zumeist auf die
    erstere gegründet. Dieser wunderbare Dialog, welcher vielleicht mit
    dem Gorgias allein die Ehre theilt, das höchste und vollendetste
    Prosa Werk Plato's wenn nicht der ganzen Literatur -
    zu sein, welcher mehr Quellen des höchsten Interesses in sich
    schließt und sie zu einer kunstvolleren Einheit verbindet, als irgend
    eine andere von Plato's Schriften, enthält kein einziges Argument,
    welches nicht ein Fehlschluß ist, oder das irgend Jemanden über-
    zeugen könnte, der nicht eifrig bestrebt ist, sich überzeugen zu
    lassen. Plato selbst nimmt dort, wo er diesen Gegenstand in
    anderen Dialogen berührt, zu ganz anderen Argumenten seine
    Zuflucht, welche mehr denjenigen gleichen, auf welche die neueren
    metaphysischen Schulen die Lehren des Spiritualismus begründet
    haben. In den Gesetzen" zum Beispiel argumentirt er also:
    der Geist oder die Seele, das Lebens - Princip, ist das einzige
    Ding, welches Bewegung aus sich erzeugt, da die leblosen Gegen-
    stände nur die ihnen von außen zugeführte Bewegung in sich
    aufnehmen und fortleiten; darum beherrscht der Geist die Materie;
    er muß ein ihr Vorausgehendes (roeoßúregov) und kann nicht
    ein ihren Gesetzen Unterworfenes sein. Dieses Argument wird
    allerdings nur als Beweis für die göttliche Weltregierung vor-
    gebracht; es ließe sich jedoch eben so wohl für jenen anderen Zweck
    verwerthen, und obgleich wir dasselbe keineswegs für schlußkräftig
    halten, so ist es doch mehr werth, als alle Beweisgründe des
    Phaedo zusammengenommen. Wiewohl der erzählende Theil des
    Phaedo auf Sokrates Bezug hat und die daselbst geschilderten
    Vorgänge sich wahrscheinlich in Wirklichkeit so zugetragen haben,
    so sind doch (wie Grote bemerkt) die darin enthaltenen Lehren
     

  • S.

    90
     

    Plato.
     

    90
     

    und ihre Begründung ausschließlich platonisch. Es ist wohlbekannt,
    daß Sokrates sich nicht mit dogmatischer Gewißheit über ein
    zukünftiges Leben ausgesprochen hat. Desto bemerkenswerther ist
    es, daß Plato hier noch nicht von dem sokratischen Kanon des
    Glaubens abgefallen ist, wonach dieser die ächte, durch keine Vor-
    liebe und kein Vorurtheil beeinflußte Frucht der individuellen
    Vernunft sein soll, welche zuvor jedem erdenklichen Gegen-Argument
    unparteiisches Gehör geschenkt hat. Gleichwie der Gorgias mit nie-
    mals übertroffener Entschiedenheit und Feierlichkeit die Rechte des
    individuellen Verstandes und die Jedermann obliegende Ver-
    pflichtung verkündet, selbst wenn die ganze Welt auf der entgegen-
    gesezten Seite stünde, allein an der Behauptung dessen festzu-
    halten, was sich dem eigenen Urtheil empfiehlt, so geschieht dieß
    auch im Phaedo, wie Grote in einer seiner zahlreichen werth-
    vollen Bemerkungen über diesen Dialog ausspricht *):
     

    "Freiheit der Discussion, und weiteste Ausdehnung der Kritik, der alles
    überragende Werth der vernunft-begründeten Wahrheit, die Nothwendigkeit,
    die Kräfte der individuellen Vernunft durch beständige Denfübung lebendig
    zu erhalten, und das Recht eines unabhängigen Urtheils, sowohl für den
    Hörer als für den Sprecher, werden in diesen Abschieds-Worten des sterbenden
    Philosophen in begeisterter Weise verkündet. Er lehrt die Unsterblichkeit der
    Seele nicht als ein Dogma und ein Gebot der Rechtgläubigkeit, welches die
    Menschen, ob sie von den Beweisen dafür befriedigt seien oder nicht, glauben
    müssen (oder doch so thun müssen, als ob sie es glaubten), wenn sie nicht
    gleich einer fittlichen Best gemieden und für unfähig erklärt werden wollen,
    vor einem Gerichtshof Zeugenschaft abzulegen. Er setzt seine eigene Meinung
    nebst den Gründen auseinander, um derentwillen er sie angenommen hat;
    aber er anerkennt ausdrücklich das Vorhandensein von abweichenden Mei-
    nungen; er lädt seine Genossen ein, jeden Einwand, der ihnen beifällt, vorzu-
    bringen; er weist jede Absicht, seine eigenen Folgerungen ihrem Urtheil auf-
    zudrängen, von sich; ja er warnt sie sogar ausdrücklich davor, sich durch
    ihre persönlichen Sympathien für ihn, welche damals auf ihrem Gipfelpunkt
    standen, beeinflussen zu lassen. Er beschwört sie, sich von jedem Anhauch
    von Misologie oder Haß einer freien kritischen Erörterung frei zu
    erhalten, und er schreibt dieses Geistes-Gebrechen der frühen Gewöhnung an
    bequeme, urtheilslose Leichtgläubigkeit zu; denn wer in dieser Art, ohne
    prüfende Erforschung, Meinungen in sich aufnimmt, sieht sich allmählich
    genöthigt, eine Meinung nach der anderen fallen zu lassen, bis er end-
    lich jeder Meinung mißtraut und das Verfahren, durch welches sie geprüft
    werden, verabscheut, indem er die Schuld auf die Philosophie schiebt, anstatt
    auf seinen eigenen Geist..
    Sokrates hat nach dieser
    Schilderung nicht nur eine ganz bestimmte Meinung, sondern sogar eine
    starte Ueberzeugung über einen Gegenstand von hoher Wichtigkeit; er hegt
    überdieß den innigften Wunsch, sich diese Ueberzeugung während der wenigen
    noch übrigen Stunden seines Lebens ungeschwächt zu erhalten. Doch zeigt
     

    *) Grote, II, 154--157.
     

  • S.

    91
     

    Plato.
     

    er fich selbst hier nicht ängstlich bemüht, seinen Freunden diese Ueberzeugung
    anders beizubringen, denn als ein Ergebniß ihrer eigenen, unabhängigen
    Forschung und ihrer selbstthätigen Vernunft. Nicht nur versucht er es
    nicht, fie in den Glauben hineinzuschrecken, indem er ihnen mit den bösen
    Folgen ihres Unglaubens droht; er weist sogar nachdrücklich die mildere
    Bekehrungsmethode von sich, welche sich auf ihre Anhänglichkeit an ihn und
    ihre Ehrfurcht für seine Autorität ftützen tönnte. Seine Berehrung gehört
    der vernunft begründeten Wahrheit; er fordert seine Freunde zur rüd-
    haltlosesten Untersuchung mittelft ihrer eigenen, unabhängigen Vernunft
    Heraus, er anerkennt die Entscheidung, die sie darnach fällen, als
    vollgiltig für fie, ob sie nun mit der seinigen zusammentreffe oder ihr
    zuwiderlaufe. Ihre Vernunft ist für sie, was seine Vernunft für ihn; er
    fordert, daß beide in gleicher Weise (wie es Sokrates hier ausspricht) durch
    die allerforschende Erörterung sowohl angeeifert, als auch gezügelt werden;
    aber er nimmt gleiche Freiheit der endlichen Entscheidung für jeden der
    Streiter in Anspruch."
     

    Einer der Punkte, für welche Plato von denjenigen modernen
    Schulen, welche sich etwas darauf zu Gute thun, ihn zu ihren
    Vorläufern zu zählen, am meisten gepriesen wurde, ist sein an-
    geblicher Kampf gegen eine skeptische Philosophie, welche, ganz
    unbegründeter Weise, den Sophisten im Allgemeinen zugeschrieben
    und für eines der Mittel angesehen wird, durch welche diese die
    Griechen entsittlicht haben sollen. Es sind damit zwei Lehren
    gemeint. Die eine ist der dem Heraklit (welcher kein Sophist
    war, außer in dem weiten Sinne, in welchem dieser Name allen
    speculativen Denkern gegeben ward) eigenthümliche Sat, daß das
    Weltall sich in einem Zustand von beständigem Wechsel oder
    Fluß befinde, in welchem nichts ist, sondern alles wird (εival,
    yiyveodai; das Hegel'sche Sein und Werden). Die andere ist
    die Lehre des Protagoras, welche lautet:,,der Mensch ist das
    Maß aller Dinge, der Dinge, welche sind, daß sie sind, und der-
    Dinge, welche nicht sind, daß sie nicht sind. Wie die Dinge mir
    erscheinen, so sind sie für mich; wie sie dir erscheinen, so sind sie
    auch wirklich für dich." In anderen Worten: die Lehre von der
    Subjectivität der Wahrheit, welche den Philosophen ein Gräuel
    ist, da sie scheinbar alle Meinungen gleich wahr und die Wahrheit
    zu dem macht, was jeder Mensch wähnt.
     

    Nun, was die Lehre des Heraklit von allen Dingen be-
    hauptete, das glaubte Plato selbst von der Erscheinungswelt, von
    den durch die Sinne erkennbaren Dingen. Das Einzige, was er
    als wirklich seiend, als rò övtwę ov, ansah, war die intelligible
    Welt, die Welt der für-sich-seienden Formen, die außerwelt-
    lichen Urbilder dessen, was in der sichtbaren Welt real zu
    sein scheint, aber nicht ist, und was er als ein Mittelding zwischen
     

  • S.

    Plato.
     

    92
     

    Seienden und Nicht-Seienden ansah. *) Heraklit glaubte nicht an
    diese Formen; darauf beschränkt sich der Unterschied zwischen ihm und
    Plato. Wenn sie beide der Sinnenwelt das absprachen, was sie
    reale Existenz nannten, so wollten sie damit nicht das leugnen,
    was wir unter diesem Ausdruck verstehen, sondern was die alten
    Denker darunter verstanden. Was sie dem sichtbaren Weltall
    aberkannten, war Existenz im transscendentalen Sinne die
    Existenz per se, welche Plato seinen Ideen, und Xenophanes und
    Parmenides ihrem Ens Unum zuschrieben. Modern gesprochen
    heißt das: Heraklit leugnete das Absolute, obschon seine Lehre
    von einem wirklich seienden Princip des Wechsels und sein anderer
    Lehrsatz von einer allgemeinen Vernunft, welche von den
    einzelnen Geistern verschieden ist, eine Lehre, welche sich bei
    einigen modernen Transscendentalisten großer Beliebtheit erfreut -
    wieder ein Absolutes von anderer Art einführten. Nun darf man
    ruhig behaupten, daß ein auf das Absolute beschränkter Skepticis-
    mus niemals jemandem geschadet oder für irgend ein menschliches
    Wesen den geringsten praktischen Unterschied gemacht hat. Die
    Lehre des Protagoras erfordert eine etwas genauere Erwägung.
    Obwohl wir gegründeter Weise voraussetzen dürfen, daß sie Plato
    im Theaetet mit den eigenen Worten jenes Sophisten wiedergegeben
    hat, so wissen wir doch nicht, mit welchen Gründen Protagoras
    sie vertheidigte oder in welchem Sinne er sie erklärte. Sir
    William Hamilton fand darin seine eigene Lehre von der Rela-
     

    *) So lautet wenigstens die These, welche in den meisten Dialogen von
    dem Redner, hinter welchem sich Plato selber zu verbergen scheint, behauptet
    und in dem berühmten Höhlen - Gleichniß der Republik in poetischer_Ein-
    fleidung dargelegt wird. Aber in einer der wichtigsten Stellen seiner Werke,
    in der in den Sophisten eingeschobenen Discussion, greift der Fremde aus
    Elea diese Lehre direct an, indem er gegen gewisse Denker, welche,,die
    Freunde der Formen" genannt werden, geltend macht, daß die Formen nicht
    die einzigen realen Wesenheiten sind, daß sie nicht ewig und unveränderlich
    dieselben sind, da es Formen des Wechsels selbst giebt, und daß die Objecte der
    Wahrnehmung nicht weniger als jene der Begriffsbildung wirklich existiren, wobei
    er Eristenz durch Kraft definirt. Existiren heißt eine Kraft von irgend welcher
    Art besitzen, heißt fähig sein, eine Wirkung auszuüben oder auch nur eine
    Wirkung zu erleiden. Aéyw dy tò xai ónovou xexτnuevov divauiv,
    Eit εls to nоLEV TEQov ottoυv nequxós, et eis to nadεiv xai
    Quizóατo no Tou qavloτátov, zav, el uóvov εiσáлaž - nāv
    TOUTO OVTWS Elvai tideμai vào pov öoleiv τà övrα, ás čσTIV Ox
    allo ti nlny dúvauis.
     

    Wir halten dieß für eine der bemerkenswertheften Vorwegnahmen der
    jüngsten und werthvollsten Ergebnisse des modernen Denkens, welche sich in
    der ganzen alten Philosophie vorfinden. Es ist eines der denkwürdigsten
    unter den treffenden Aperçüs, an denen Plato so reich ist.
     

  • S.

    Plato.
     

    93
     

    tivität der menschlichen Erkenntniß wieder und stellte Protagoras
    an die Spitze seiner Liste von alten Autoritäten, welche diese Lehre
    vertreten. Grote legt den Satz Homo Mensura in demselben
    Sinne aus, aber er will darin auch die Lehre von der Autonomie der
    individuellen Vernunft mitausgesprochen finden. Die Behauptung,
    daß Alles für mich wahr ist, was mir so scheint, versteht er da-
    hin, daß meine Annahme desselben als Wahrheit abhängt, und
    abhängen soll, von dem Eindruck, den der dafür vorliegende
    Beweis auf meinen Geist macht. Grote vertheidigt daher die
    Lehre des Protagoras gegen den Sokrates des Theaetet; aber
    diese Vertheidigung, obwohl nutzbringend und lehrreich, scheint uns
    doch nicht überzeugend, und ist der einzige wichtige Punkt im
    ganzen Werke, über welchen wir nicht einer Meinung mit Grote
    sind. Denn die Wahrheit einer Meinung, selbst für mich, ist
    etwas ganz Verschiedenes von meiner Annahme derselben als
    wahr, da sie eine Bezugnahme auf einen äußeren Maßstab in sich
    schließt. Mein Intellect kann auf Grund der vorliegenden Beweis-
    Thatsachen als wahr annehmen, daß ich fünf Meilen von London ent-
    fernt bin; aber wenn ich mich daran mache, diese Strecke zurückzu-
    legen und sie zehn Meilen lang finde, so waren doch die ganze Zeit über
    die zehn Meilen für mich ebenso wahr wie für andere Leute. Prota-
    goras kann nicht wohl die Absicht gehabt haben, dieß zu leugnen;
    aber man kann ihn nicht von der Schuld einer unzutreffenden
    und irreführenden Ausdrucksweise freisprechen. Sein Ausspruch
    ist giltig von unseren gegenwärtigen Gefühlen oder Bewußtseins-
    Zuständen, da deren Wahrheit keinen anderen Sinn hat, als
    daß wir sie im Augenblicke empfinden; und dieß ist wahrscheinlich
    der Grund, warum Plato (nach Grote's Ansicht mit Unrecht)
    jenen Satz mit der Lehre identificirt, daß Erkenntniß sinnliche
    Wahrnehmung (aio9nois) ist, indem die Wahrheit der einen
    Lehre soweit reicht, als die Ausdehnung der anderen. Aber der
    Satz ist nicht giltig vom Vergangenen, vom Zukünftigen,
    Abwesenden, oder von irgend etwas Gegenwärtigem, mit Aus-
    nahme der Gefühle in unserem Bewußtsein. Er ist ungiltig in
    Bezug auf Alles, was man eine Sache des Glaubens oder der
    Meinung nennt; denn ein Glaube oder eine Meinung steht in
    Relation nicht nur zu dem glaubenden Geist, sondern auch zu
    etwas Anderem nämlich zum Thatbestand, auf welchen der
    Glaube Bezug hat. Die Wahrheit des Glaubens ist seine
    Uebereinstimmung mit dieser Thatsache. Grote sagt *): „Behaupten,
     

    vom
     

    *) Grote, II, 512.
     

  • S.

    Plato.
     

    94
     

    daß alle Menschen eine und dieselbe objective Unterscheidung
    zwischen Wahrem und Falschem anerkennen, hieße handgreiflichen
    Thatsachen widersprechen. Jeder Mensch trägt einen Maßstab,
    ein Ideal der Wahrheit in sich, aber verschiedene Menschen haben
    verschiedene solche Maßstäbe." Für den Wahrheitsbeweis allerdings,
    aber nicht (so meinen wir) für die Wahrheit selbst. Niemand
    versteht unter Wahrheit etwas Anderes, als die Ueberstimmung
    eines Glaubens mit der Thatsache, deren Darstellung den Inhalt
    des Glaubens bildet. Wir gestehen, im Einklange mit der Philo-
    sophie, zu welcher wir uns ebenso wie Grote bekennen, zu, daß
    die Thatsache selbst, wenn sie überhaupt für uns erkennbar ist,
    eine relative ist, d. h. in Relation zu unseren Wahrnehmungen
    steht zu unseren Sinnen oder dem Bewußtsein von unseren
    inneren Zuständen, - und das Gleiche gilt von unserer Meinung
    über die Thatsache. Aber die Wahrheit der Meinung ist
    eine Frage der Relation zwischen diesen beiden relativen Dingen,
    von denen das eine einen objectiven Maßstab für das andere ab-
    giebt. Man wird Plato's Angriff auf den Satz,,Homo Mensura"
    nicht gerecht, wenn man die Sache nicht von diesem Gesichts-
    punkt aus ansieht, zumal er selbst eben diese Argumente vor-
    bringt. Sokrates fragt, wie folgt: da der Mensch das Maß
    aller Dinge ist und das Kriterium der Wahrheit in sich selbst
    trägt, indem Alles, was er denkt oder wahrnimmt, für ihn wahr
    ist, wird das Kriterium auch für Dinge, die erst eintreffen sollen,
    seine Kraft behalten? Wenn er meint, daß er ein Fieber be-
    kommen und Hize verspüren wird, ein Arzt aber das Gegentheil
    meint, wird er heiß und fieberhaft sein für sich, aber nicht für
    den Arzt? Das ist eine treffende reductio ad absurdum und
    ein berechtigter Einwurf gegen Protagoras. Zwar liegt, wenn
    Grote mit seiner Auslegung des protagoreischen Spruches Recht
    hat, der Fehler nicht im Gedanken, sondern im Ausdruck. Aber
    in der Philosophie, zumal wenn sie die letzten Grundlagen
    unserer Vernunft streift, ist eine unrichtige Ausdrucksweise ebenso
    irreleitend als eine unrichtige Meinung.
     

    Eben dieser Dialog, der Theaetet, ist trotz seines ergebnißlosen
    Verlaufes (denn die darin gestellte Frage bleibt unbeantwortet) eine
    der anregendsten von Plato's Schriften, wegen der großen Zahl
    von Gesichtspunkten, welche darin zur Geltung gebracht werden,
    und seine Werke bieten kaum ein schöneres Beispiel einer
    ächten, ehrlichen Untersuchung dar, in welcher die Widerlegung
    irgend eines Denkers, selbst wenn sie sich ungesucht ergiebt, nur
    etwas Nebensächliches bleibt; und selbst dann giebt sich Plato alle
     

  • S.

    Plato.
     

    95
     

    Mühe, das, was der Widerlegte allenfalls hätte sagen können, in
    der wirksamsten Weise vorzubringen. In der Beweisführung gegen
    Protagoras (welcher mit einer Hochachtung behandelt wird, die
    auffällig gegen die Weise absticht, wie die Anhänger Heraklit's
    und einige materialistische Philosophen, in denen man Demokrit
    und seine Schüler erkennen will, erwähnt werden) beklagt Sokrates
    die Nothwendigkeit, seine Meinung zu bestreiten, -während er nicht
    anwesend und nicht einmal am Leben ist, um sie zu vertheidigen;
    fügt hinzu, daß, da er und seine Anhänger nicht da sind, um ihre
    Lehre zu unterstützen, diese Verpflichtung auf ihre Gegner falle,
    und erfüllt diese Pflicht durch eine Rede von beträchtlicher Aus-
    dehnung, welche, gleich jenen des Glaukon und des Adeimantos
    in der Republik, ein Denkmal der in ihrem innersten Kerne red-
    lichen Geistesart Plato's ist. Der Theaetet enthält einige der
    scharfsinnigsten Untersuchungen Plato's über gewisse speculative
    Fragen, welche auch in anderen Gesprächen oftmals wiederkehren,
    so über den Unterschied zwischen Erkenntniß und wahrer Meinung,
    ogen oder älyns dosa. Diese Unterscheidung gab Plato viel
    zu schaffen, und das ganze Thema der Wahrheit und Falschheit
    von Meinungen war für ihn und seine Zeitgenossen reich an Ver-
    wirrung und logischen Verlegenheiten. Unter anderem scheint es
    für sie ein ernsthaftes Räthsel gewesen zu sein, auf welche Weise
    falsche Meinungen möglich sein können, wie es denn kommt, daß wir
    etwas, was nicht ist, ein Non-Ens, denken können, während wir
    ein solches doch nicht berühren oder essen oder trinken können.
    Es ist überraschend, wie oft Plato auf diese Schwierigkeit zurück-
    kommt; mehr als die Hälfte des "Sophisten" nimmt eine Ab-
    schweifung vom Hauptthema ein, die dieser Erörterung gewidmet
    ist. Um ein Muster von den Anstößen zu geben, welche die ersten
    metaphysischen Forscher auf ihren Wegen fanden, und um zugleich
    ein schlagendes Beispiel von der Verschiedenheit der Gesichtspunkte
    in verschiedenen Dialogen anzuführen, wollen wir eine Stelle aus
    Grote über diesen Gegenstand citiren *):
     

    Wie ist eine falsche Aussage möglich? Viele hielten dafür, daß eine
    falsche Aussage und ein falscher Name unmöglich seien; daß man nicht das
    Nicht-Seiende oder Non-Ens (rò un ov) aussprechen könne; daß ein solcher
    Satz ein leerer Schall sein würde, ohne Sinn oder Bedeutung; daß die
    Rede bedeutungsvoll oder bedeutungslos, daß sie aber nicht falsch, sondern
    höchstens sinnlos ſein könne. Nun wird diese Lehre im Theaetet, im So-
    phisten und im Cratylus behandelt. Im Theaetet unterwirft sie Sokrates
    einer sehr eingehenden Prüfung und bringt mehrere, von einander abweichende
     

    *) Grote, II, 549-551.
     

  • S.

    Plato.
     

    96
     

    Hypothesen zur Erklärung vor; aber er weist sie schließlich alle als unzulässig
    zurück. Er erklärt sich für unfähig, die Schwierigkeit zu lösen, und geht zu
    etwas Anderem über. Im Sophisien wird dieselbe Frage wieder aufgenom
    men, und auch dort ungemein ausführlich erörtert. Der Eleat in diesem
    Dialog findet endlich eine Lösung, welche ihn befriedigt (nämlich, daß TO μn
    ov so viel sei als To Erepov zou ovτos). Aber es ist merkwürdig, daß die
    Lösung feine der im Theaetet vorgebrachten Schwierigkeiten behebt, und daß
    diese Schwierigkeiten im Sophisten überhaupt nicht in Betracht gezogen werden.
    Endlich sehen wir im Cratylus ganz dieselbe Lehre, daß falsche Behauptungen
    unmöglich seien, welche sowohl im Theaetet, als auch im Sophisten nicht als
    die entschiedene Ansicht des Redners, sondern als ein Problem, das ihn in
    Verlegenheit setzt, ausgesprochen wurde, wir sehen hier dieselbe Lehre ganz
    unzweideutig von Cratylus als seine eigene, volle Ueberzeugung aufgestellt,
    und Sokrates findet, daß eine ganz kurze Beweisführung und ein sehr ein-
    facher Vergleich zu seiner Widerlegung hinreicht. Der im Theaetet voraus-
    gesetzte feindliche Kritiker', welcher bort dem Sokrates so hart zusetzt, darf im
    Cratylus nicht mehr seine verwirrenden Fragen stellen."
     

    „Wie sollen wir uns diese drei verschiedenen Behandlungsweisen
    desselben Problems durch denselben Philosophen erklären? Wenn sich die
    Frage über das Non-Ens in der kurz angebundenen Weise, die wir im
    Cratylus vorfinden, abthun läßt, was soll dann die Kette von ungelösten
    Räthseln im Theaetet, oder die weitläufige Beweisführung im Sophisten,
    durch welche eine neue und keineswegs befriedigende Lösung eingeführt wird?
    Wenn, im Gegentheil, die Schwierigkeiten, welche im Theaetet ungelöst bleiben
    und im Sophisten unvollkommen gelöst werden, ernstlich und reell find,
    wie sollen wir das Vorgehen Plato's im Cratylus verstehen, wo er dieser
    Gesprächsperson die entschiedene Behauptung jener Meinung über das Non-
    Ens in den Mund legt, aber ihm, als dieselbe von Sokrates angegriffen
    wird, nicht gestattet, einige von diesen sachgemäßen Argumenten zu ihrer
    Bertheidigung geltend zu machen? Wenn die eigenthümliche, im Sophisten
    gegebene Lösung die ächte und rechte und allen Schwierigkeiten gegenüber siegreiche
    Lösung ist, warum wird sie sowohl im Cratylus als auch im Theaetet un
    beachtet gelassen, und warum wird ihr in anderen Dialogen widersprochen?
    Welcher von den drei Dialogen giebt uns Plato's wirkliche Meinung über
    die Frage?"
     

    Auf diese und auf viele andere gleichartige Fragen, zu welchen die
    platonischen Schriften Anlaß geben, läßt sich feine befriedigende Antwort
    absehen, sobald wir uns Plato als einen positiven Philosophen vorstellen,
    der ein Lehrgebäude und ein fertiges System in feinem Kopfe trägt, und
    sobald wir annehmen, daß er alle seine Dialoge mit der bestimmten Absicht
    schrieb, entweder diese seine Meinungen dem Leser einzuprägen oder die ihnen
    en tgegengesetzten Lehren zu widerlegen. Diese Vorstellung ist es, von welcher
    die meisten platonischen Kritiker erfüllt sind, selbst wenn sie sich von ihr frei
    zumachen bestreben. Ihrer Bewunderung Plato's geschieht kein Genüge, wenn
    sie sich ihn nicht als Lehrer auf dem Kaiheder, inmitten einer Schaar von
    Hörern denken können, die gleich allen Lernenden die Verpflichtung fühlen,
    das, was sie hören, auch zu glauben. Wenn man von einer solchen Voraus-
    setzung ausgehen muß, erscheinen mir die platonischen Dialoge als ein un-
    lösbares Räthsel. Sie zeigen weder eine Identität des Lehrers, noch eine
    Identität der Lehre; ihr Verfasser ist (um mehrere Gleichnisse Plato's zu
    gebrauchen) nicht Einer, sondern Biele-; er ist vielgestaltiger als Typhos."
     

  • S.

    97
     

    Plato.
     

    Ein ähnlicher Mangel an Uebereinstimmung zeigt sich in der
    Stellung, welche Plato in verschiedenen Dialogen zu der Frage
    nach dem Unterschiede zwischen richtiger Meinung und Er-
    kenntniß einnimmt. Im Meno wird die Sache so dargestellt,
    als ob die beiden so ziemlich dasselbe wären, nur daß die Meinung *)
    ,,sich verflüchtigt und nicht im Geiste haften will, während die Erkennt-
    niß dauerhaft und unauslöschlich ist". Die richtige Meinung wird
    in Erkenntniß verwandelt, wenn sie gebunden wird (dedeuévov)
    ,,durch eine Kette ursächlichen Raisonnements" (airias hoyong).
    Dieser Proceß des Bindens, so wird hinzugefügt, ist avάuvyois
    oder Wiedererinnerung und kann nur durch hinreichend wieder-
    holtes und vermannigfachtes Fragen ausgebildet werden. Die
    Leistung der avάuvyois wird im Phaedrus etwas anders um-
    schrieben; dort erzeugt sie die Erfassung des allgemeinen Be-
    griffes **), worunter in diesem Dialoge die für-sich-seiende Idee
    gemeint ist. In anderen Dialogen wird eine ganz ähnliche Ansicht
    vorgetragen, bis auf die daselbst fehlende Lehre von der Wieder-
    erinnerung: eine Erkenntniß ist das, wovon eine die Vernunft
    befriedigende Erklärung gegeben werden kann; das, was durch
    beide Arme des dialektischen Processes verbürgt wird, indem es
    jeder Widerlegung zu widerstehen vermag und durch eine rich-
    tige Anwendung des logischen Processes der Eintheilung, daigeois
    zat edn, welche mit einer vorwurfsfreien Definition endigt, er-
    halten wurde. Alles, was diese Anforderungen nicht erfüllt, ist
    nur Meinung. Wir haben hier die Auffassung des Gegen-
    standes vor uns, die man mit Recht als die für Plato charak-
    teristische ansieht; aber es ist auffallend, daß gerade diese Defi-
    nition von Erkenntniß, ayns doğa uerà hoyov, eine von den-
    jenigen ist, welche von Theaetet vorgeschlagen und, nach einer
    langen Discussion zwischen ihm und Sokrates, aufgegeben werden.
    Die am sorgfältigsten ausgearbeitete, aber zugleich die dunkelste
    Erörterung dieses Gegenstandes finden wir im sechsten und siebenten
    Buche der Republik. Wir können sie nicht ausführlich wiedergeben;
    aber ihr leitender Gesichtspunkt ist der, daß die Erkenntniß sich
    auf die Formen oder Ideen bezieht, während die Meinung
    auf die Welt der Sinne Bezug hat, die aus bloßen Abbildern
    jener Formen besteht ***). Die Erkenntniß der Formen aber kann
    nur mittelst der Dialektik erworben werden †).
     

    Grote, II, 10.
     

    **) - Suviévai xat' sidos leyóuevov x nollov lov atodnosav els Ev
    Loviau suvalgoúuevov (Blato, Phaedrus, p. 249 B.)
     

    ***Grote, III, 84-93.
     

    †) Ebendas. 101-102.
     

    Mill, ges. Werke. XII.
     

    7
     

  • S.

    98
     

    Plato.
     

    Angesichts so widerspruchsvoller Lehren, in denen sich keine
    gemeinsame Tendenz oder Ueberzeugung kundgiebt, kann man
    die Frage erheben, welchen Werth denn diese Untersuchungen für
    uns besitzen? Außer dem Werthe, der in ihrer Methode liegt,
    wohnt ein solcher, obwohl in ungleichen Graden, auch ihrem Inhalt
    inne; nicht*) dem Ergebniß, sondern den Prämissen für und
    gegen dasselbe. In diesem Sinne besitzen alle Dialoge Werth,
    und zwar alle Werth von derselben Art, obwohl nicht alle in
    gleichem Maße. In verschiedenen Dialogen wird uns ein Gegen-
    stand von verschiedenen Seiten dargestellt und von Bemerkungen
    und Beispielen begleitet, welche zu Gunsten bald der einen, bald
    der anderen Theorie zu sprechen scheinen. Es ist unsere Aufgabe,
    sie zu vergleichen und gegen einander abzuwägen, und ein solches
    Resultat, wie es unsere Vernunft befriedigt, daraus zu gewinnen.
    Die platonischen Dialoge erfordern, wenn sie Nutzen stiften sollen,
    eine ergänzende Kraft der Erwiederung und eine starke, thätige
    Gegenwirkung von Seiten der individuellen Vernunft des Lesers;
    sie heischen von ihm überdieß ein tiefgehendes Interesse an dem
    Proceß der dialektischen Prüfung (rò qikouadés, pilóloyov),
    welches, sobald es vorhanden ist, ihn in den Stand setzt, dort
    Schönheiten wahrzunehmen, wo Andere nur Langeweile finden."
     

    Was Plato selbst anbelangt, so spricht die Wahrscheinlichkeit
    dafür, daß es eine Zeit in seinem Leben gab, wo er in rein spe-
    culativen Dingen ein wirklich Suchender war, der jede Meinung
    auf die Probe stellte und mit besonderem Nachdruck die Schwie-
    rigkeiten, welche ihnen allen anhaften, hervorhob, daß während dieser
    Periode viele seiner hervorragendsten Dialoge, von den mannig-
    faltigsten Gesichtspunkten aus, geschrieben wurden, und daß in jedem
    derselben die Gedankenreihen niedergelegt sind, welche über den betref=
    fenden Gegenstand zuletzt durch seinen Geist gezogen waren. Daß
    die von ihm selbst hervorgehobenen Schwierigkeiten, selbst nachdem
    er sich endgiltig für die Meinungen, denen sie anhaften, ent-
    schieden hatte, kaum jemals gelöst werden, scheint mir nur unter der
    Voraussetzung erklärlich, daß er aufgehört hatte, sich um ihre
    Lösung zu bemühen, indem er zur Ansicht gelangt war, daß überall
    unlösbare Schwierigkeiten zu erwarten seien. Wenn wir seinem siebenten
    Briefe glauben dürfen, so war er zur Zeit, da er ihn schrieb, wenigstens
    sicherlich der Meinung, daß keine Worterklärung irgend eines Dinges
    genau ins Schwarze treffen könne, und daß die Erkenntniß dessen, was
    ein Ding ist, zwar nur nach einem langen und nach allen Seiten hin
     

    *) Grote, II, 551.
     

  • S.

    99
     

    Plato.
     

    gewendeten dialektischen Streit erreichbar, jedoch niemals das directe
    Ergebniß der Discussion sei, sondern schließlich (und zwar nur bei
    glücklicheren Naturen) durch eine Art von plöglicher Erleuchtung
    entstehe. Er wurde wahrscheinlich gleichgiltig gegen die Specu-
    lation um ihrer selbst willen, gab jede Hoffnung auf, einen theo-
    retischen Standpunkt zu finden, welcher sich als unangreifbar er-
    weisen würde, und fümmerte sich nur mehr um praktische Ergeb-
    nisse. In seinen spätesten Werken zeigt sich kein Erlahmen seines
    sittlichen Ernstes; aber die Liebe zur Dialektik und jene Lust am
    Auffinden von Schwierigkeiten, selbst von solchen, die er nicht zu lösen
    vermochte, waren in ihm erstorben" *). Er wurde nahezu selbst von
    der Misologie befallen, vor der er in seinem eigenen Phaedo so
    eindringlich warnt, und lieferte somit selbst einen der vielen Belege
    für die Wahrheit, daß diese Tendenz nicht immer, wie es dort
    dargestellt wird, der Weg zum Skepticismus, sondern noch häufiger
    zum unduldsamsten positiven Dogmatismus ist.
     

    Die ethischen und politischen Lehren Plato's sind in der
    That die einzigen, welche man als ernste und tiefwurzelnde
    Ueberzeugungen ansehen kann. An ihre Spitze, oder doch sofort
    nach seinem Glauben an die ausschließliche beglückende Kraft des
    gerechten Lebens, muß man die ihm mit Sokrates gemeinsame
    Lehre stellen, daß die Tugend ein Zweig der Einsicht oder Er-
    kenntniß ist. Sein bester Beweisgrund für diese Meinung ist
    der Satz, daß nicht nur alle äußeren Dinge, die wir hochschätzen,
    wie Gesundheit, Körperkraft und Reichthum, sondern auch Alles,
    was wir als Tugenden ansehen: Tapferkeit, Mäßigkeit und alles
    Uebrige, so verwendet werden kann, daß es anstatt Gutes Böses
    stiftet; sie bedürfen alle eines Vermögens der Unterscheidung,
    welches zu bestimmen hat, wann sie angewendet werden sollen
    und wann nicht, und dieß, welches das charakteristische Element
    der Tugend ist, ist ein Theil der Erkenntniß. Obwohl die Prä-
    missen dieses Argumentes eine tiefe Wahrheit enthalten, so be-
    weisen sie doch nur, daß die in Frage stehende Erkenntniß eine
    der Bedingungen der Tugend, aber nicht, daß sie diese selbst ist;
    denn außer der Erkenntniß dessen, was recht ist, braucht es noch
    etwas Anderes, um uns zu bewegen, das Rechte zu thun. Wir
    wissen wohl, was Plato's Antwort auf diesen Einwurf gewesen
    wäre. Er hätte gesagt, daß die weiterhin erforderliche Bedingung
    auch eine Erkenntniß ist, die Erkenntniß nämlich, daß recht thun
    gut ist; Niemand begehrt das Ueble mit dem Bewußtsein,
     

    *) Grote, II, 394.
     

    7*
     

  • S.

    Plato.
     

    100
     

    daß es ein Uebles ist; es wird nur darum begehrt, weil es für das
    Gute gehalten wird. Aber selbst wenn Plato einen so vollstän-
    digen Beweis, wie er vermeinte, dafür geliefert hätte, daß Unrecht
    thun das größte Uebel ist, das dem Unrecht thuenden widerfahren
    tann, so wäre es noch fraglich, ob der gewohnheitsmäßig Laster-
    hafte im Stande ist, diesen Glauben in sich aufzunehmen, ob die
    Beweisgründe, welche dafür sprechen, daß das Glück einzig und
    allein in der Tugend zu finden ist, auf einen Geist wirken können,
    der nicht schon durch den Besitz der Tugenden der Tapferkeit, der
    Mäßigkeit u. s. w. (um die Gerechtigkeit, die grundlegendste von
    allen, nicht zu erwähnen) dafür empfänglich gemacht ist.
     

    Diese Hochstellung der Erkenntniß, nicht der Intelligenz
    oder bloßen geistigen Befähigung, welcher Plato durchaus keinen
    Cultus widmet, sondern der wissenschaftlichen Kenntniß und der
    auf wissenschaftliche Weise erworbenen Tüchtigkeit, als des Einen,
    welches in allen Verhältnissen des Lebens, und in hervor-
    ragender Weise beim Regieren, Noth thue, ist der Gedanke,
    welcher Plato's praktische Lehren durchdringt. Er hatte ihn von
    Sokrates überkommen, welcher, wie Xenophon *) erzählt, als
    Könige und Herrscher nicht diejenigen ansah, welche das Scepter
    schwingen, oder die von Unberufenen (vrò tov tuxóvtav) dazu
    gewählt, oder vom Loos dazu erforen wurden, oder die durch
    Gewalt und List zur höchsten Stellung gelangt sind, sondern die-
    jenigen, welche zu herrschen verstehen". Wie der zum Herrschen
    Befähigte beschaffen sein muß, diese Frage bildet den Gegenstand
    der Erörterung in einem wichtigen Gespräche, dem „Staatsmann".
    Wir erfahren hierin, daß ein solcher eines der seltensten mensch-
    lichen Wesen ist, daß es die größte Sorge eines Staates sein
    muß, einen solchen Mann ausfindig zu machen und ihn an die
    Spitze zu stellen, und daß, wenn er diesen Platz einnimmt, seine Macht
    nicht unumschränkt genug sein kann, da ihn durch Gesetze, selbst
    durch solche, die er selbst gegeben hat, beschränken zu wollen,
    ebenso unvernünftig wäre, wie wenn man von einem wissenschaft-
    lichen Arzt fordern würde, daß er sich niemals von seinen eigenen
    Vorschriften entferne. Dieses ausschließliche Recht des Fähigsten
    auf die Herrschaft, ein Grundsatz, welchen Plato nachdrücklichst
    gegen die Theorie und Praxis aller Regierungen (in neueren wie
    in alten Zeiten) vertrat, und die Lehre, daß, wenn dieser fähige
    Mann gefunden ist, der Rest des Gemeinwesens nichts zu thun
    habe, als ihm zu gehorchen, stellen eine Theorie der Regierung dar,
     

    *) Mem. III, 9, 10.
     

  • S.

    101
     

    Plato.
     

    welche Carlyle ganz nach seinem Geschmacke finden muß; aber
    wahrscheinlich wird ihm der weitere Sat, welchen Plato hinzufügt,
    weniger behagen, daß nämlich der Inhaber dieses göttlichen Rechtes
    nicht vorgefunden, sondern dazu gemacht wird, und daß es die
    Wissenschaft ist, die seinen Rechtstitel ausmacht, eine philo-
    sophische und auf Vernunftgründen beruhende Kenntniß der mensch=
    lichen Angelegenheiten, dessen was für die Menschheit das Beste
    ist. Ist diese vorhanden, so besitzt man an ihr einen weit siche-
    reren Führer, als an Gesetzen, welche unmöglich allen individuellen
    Fällen angepaßt sein können; steht aber eine derartige wissen-
    schaftliche Kenntniß nicht zur Verfügung, so verdienen Gesetze den
    Vorzug vor jedem bloßen falschen Schein derselben.
     

    "Die*) richtige Art, die Menschen zu regieren, ist die wissenschaftliche
    oder fünstlerische, ob sie nun von Einem, von Wenigen oder von Vielen,
    ob sie von Reichen oder Armen, durch Gewalt oder durch Ueberein-
    kommen, ob sie den Gesetzen entsprechend oder ohne Gesetze geübt wird."
    Aber wahre Wissenschaft oder Kunst ist nicht für Biele, ob arm oder
    reich,
    faum je für Wenige und vielleicht nur für einen Einzigen erreich-
    bar, da die Wissenschaft oder Kunst die Menschen zu beherrschen schwieriger
    ist als irgend eine andere Kunst oder Wissenschaft. Aber die Herrschaft
    dieses Einen ist die einzige wahre und richtige Herrschaft, ob er nun Gesetze
    erläßt oder ohne Gesetze herrscht, ob er Strenge oder Milde walten läßt,
    unter der alleinigen Voraussetzung, daß er seiner Kunst treu bleibt und
    deren Zweck, das Wohlergehen und die Veredlung der Beherrschten, ver-
    wirklicht. Er gleicht dem ächten Arzte, der, wenn seine Kunst es befiehlt, feine
    Kranken brennt und schneidet, um sie zu heilen. Er wird nicht geneigt sein,
    sich durch unwandelbare allgemeine Gesetze die Hände zu binden, denn die
    Lagen sind immer so mannigfaltig und die Verhältnisse so schwankend, daß
    ein Gesetz unmöglich auf alle Fälle passen kann. Er wird kein anderes
    Gesetz anerkennen als seine Kunst. Wenn er irgend eine allgemeine
    Formel oder Vorschrift aufstellt, so wird er dieß nur nothgedrungen thun,
    weil er nicht immer zur Hand sein kann, um jeden einzelnen Fall zu über-
    wachen und zu leiten; aber er wird kein Bedenken tragen, wenn seine Kunst
    es erheischt, von seiner eigenen Formel abzugehen. Das allein ist niedrig,
    schlecht, ungerecht, was er fraft seiner politischen Wissenschaft oder Kunst dafür
    erklärt. Wenn er in irgend einem besonderen Falle von seiner eigenen
    Erklärung abweicht und etwas derartiges anordnet, so hat das Volf kein
    Recht, sich über Ungerechtigkeit zu beschweren. Kein Kranker kann sich über
    seinen Arzt beklagen, wenn dieser den Rathschlägen seiner Kunst folgt und
    darüber eine therapeutische Formel vernachlässigt. Alle Handlungen des
    ächten Herrschers find recht, ob sie nun dem Gesetz entsprechen oder wider-
    ftreiten, so lange er sich mit Kunst und Einsicht benimmt, und den aus-
    schließlichen Zweck verfolgt, das Volf zu erhalten und es anstatt schlechter
    besser zu machen. Wie verderblich wäre es
    wenn wir
    durch starre Gesetze vorschreiben wollten, wie der Arzt und der Steuermann
    ihre betreffende Kunst ausüben sollen, wenn wir sie an unbeugfame Regeln
     

    *) Grote, II, 483-486.
     

  • S.

    Plato.
     

    102
     

    bänden und jedesmal bestraften, so oft von diesen Regeln abwichen, und
    wenn wir sie vor dem Gerichtshof zur Verantwortung zögen, so oft jemand
    sie anklagte, dieß gethan zu haben; wenn wir diese Regeln und Dogmen
    für geheiligt erklären, alle Kritik und jeden Tadel derselben verpönen und
    ben freien Forscher als einen träumerischen, einfältigen Sophisten, der die
    Jugend verdirbt und zu Gesetzesverachtung aufreizt, hinrichten würden! Wie
    ungereimt wäre es zu behaupten, daß jeder Bürger diese beiden Künste ver-
    stehe oder verstehen sollte oder könnte, weil Alles, was darüber zu sagen ist,
    in den Gesetzen niedergelegt sei, und niemand weiser sein dürfe als die
    Gesetze! Wer würde daran denken anderen Künsten, wie der des Feldherrn,
    des Malers, des Landmanns, des Zimmermanns, des Weissagers, des
    Viehhändlers solche Fesseln aufzuerlegen? Das würde heißen, das Leben,
    welches schon jetzt so beschwerlich ist, ganz und gar unerträglich machen.
    Und doch sind die Hemmnisse, unter denen in den wirklich bestehenden Städten
    die politische Kunst ausgeübt wird, von eben dieser Art."
     

    Solches sind die Uebelstände, welche in größerem oder geringerem
    Maße von festen und unbeugsamen Gesetzen untrennbar sind. Aber so ernst
    diese Uebelstände auch sein mögen, so giebt es doch andere, noch ernstere,
    denen solche Gesetze zu begegnen geeignet sind. Wenn die Obrigkeit, die eingesetzt
    ist, um die Gesetze zu behüten und durchzuführen, dieselben zu brechen oder
    zu umgehen wagt, indem sie die Kunst oder Wissenschaft des ächten Herrschers
    nicht besitzt, sondern erheuchelt, so wird sie noch weit Schlimmeres be-
    wirken. Die Gesetze sind zum mindesten von der Art, daß die Bürger
    sich an sie gewöhnt haben, und daß sie ein gewisses Maß von Befriedigung
    gewähren. Aber die Willkürherrschaft dieses gewaltthätigen und un-
    wissenschaftlichen Regenten ist eine Tyrannei, welche weit schlimmer ist als
    die Gesetze. Feste Gesetze sind daher ein Zweitbestes, unter der Voraus-
    fetzung, daß ein ächter wissenschaftlicher, fünstlerischer Herrscher nicht
    gefunden werden kann. Könnte man einen solchen Mann erlangen, so
    wären die Menschen entzückt, unter ihm zu leben. Aber sie verzweifeln daran,
    jemals einen solchen Charakter anzutreffen, und flammern sich daher an feste
    Gesetze trotz der zahlreichen, sie begleitenden Uebelstände. Diese Uebelstände
    find in Wahrheit so ernster Art, daß wir, wenn wir auf die wirklich vorhandenen
    Städte blicken, uns wundern müssen, wie sie bei einem solchen System fort-
    bestehen können, und wir ersehen daraus, ein wie festes und schwer zerstör-
    bares Ding ein Staatswesen ist. Wir erkennen somit
    ..., daß es feine
    wahre Staatsverfassung, nichts, das den Namen einer ächten politischen
    Gemeinschaft verdiente, giebt außer der Herrschaft eines wissenschaftlichen
    oder fünstlerischen Oberhauptes. Unter ihm sind Gesetze überflüssig und selbst
    zweckwidrig. Alle anderen Verfassungen find bloße Fälschungen; die Stelle
    der Regierung nimmt das Parteigetriebe und die Cabale ein; es sind
    Täuschungen, welche von Gauklern und Taschenspielern in Scene gesetzt.
    werden. Aber unter diesen anderen oder After-Verfassungen, bestehen wesent
    liche Verschiedenheiten in Bezug auf größere oder geringere Schlechtigkeit,
    und die Unterschiede beruhen auf dem Borhandensein oder Fehlen von guten
    Gesetzen. So ist die einföpfige Regierung, Monarchie genannt (unter der
    Voraussetzung, daß der Fürst kein Mann der Wissenschaft oder Kunst ist),
    die beste von allen Afterverfassungen, wenn der Fürst im Einklang mit und
    unter Beobachtung von bekannten guten Gesezen regiert; aber sie ist die
    schlechteste von allen, wenn er ohne solche Gesetze als Despot oder Tyrann
    berrscht. Die Oligarchie oder die Herrschaft Weniger ist unter guten
    Gesetzen weniger gut, als die eines Fürsten unter den gleichen Verhältnissen,
     

  • S.

    103
     

    Plato.
     

    aber ohne folche Gesetze ist sie weniger schlecht, als die des Despoten. Die
    Herrschaft der Vielen endlich ist weniger gut unter der einen, und weniger
    schlecht unter der anderen Voraussetzung. Sie ist im Guten wie im
    Schlechten weniger wirksam. Sie hat in der That weniger von einer
    Regierung an sich, da die Staatsgewalt durch die Vertheilung unter viele
    Hände, die sie jedesmal nur kurze Zeit innehaben, abgeschwächt und dem
    Einzelnen somit mehr Spielraum gelassen wird. Dem entsprechend ist unter
    der Annahme, daß Gesetze fehlen, die Demokratie die am wenigsten schlechte
    oder erträglichste unter den sechs Abarten von Afterverfassungen. Wenn wir
    das Vorhandensein von Gesetzen annehmen, ist sie die schlechteste derselben."
     

    Das im Voranstehenden geschilderte Ideal einer Regierung wird
    nirgends wesentlich abgeändert, obwohl es in anderen Dialogen
    erweitert und auf's Einzelne angewendet erscheint. Von den zwei
    eingehenden Untersuchungen des Staatslebens in dialogischer Form,
    welche wir von Plato besitzen, der Republik und den „Gesetzen",
    ist die erstere ein Entwurf dessen, was ihm als die beste Gesell-
    schafts- Form erschien ein Staatswesen, das unter der un-
    umschränkten Oberhoheit eines Einzigen oder einer sehr geringen
    Zahl von Männern steht, welche für den Regentenberuf wissen-
    schaftlich geschult und herangebildet worden sind. Die „Geseze"
    müssen (und das ist ihre beste Entschuldigung) als eine Reihe
    von Anweisungen zum Aufbau und zur Erhaltung seines zweit-
    besten Staates angesehen werden, in welchem, da der wissenschaft-
    liche Herrscher nicht erschienen ist, ein unvollkommener Ersatz für
    denselben in der Form von Gesetzen gesucht wird, welche ihren
    Zweck (so scheint er gedacht zu haben) nur dann erfüllen würden,
    wenn sie nicht blos unverletzlich, sondern auch unabänderlich wären.
    Dem entsprechend findet sich in dem idealen Gemeinwesen der
    Republik" keine Verantwortlichkeit von irgend welcher Art, keine
    Borsorge für geschriebene Gesetze oder Gerichtshöfe; es wird der
    Weisheit der wissenschaftlichen Herrscher zugetraut, daß sie ohne derlei
    Vorkehrungen ausreichen oder sie, insoweit sie nothwendig sind, selbst
    beschaffen werden. Die ganze Stärke seines erfinderischen Verstandes
    hat Plato auf die Mittel concentrirt, durch welche die begabtesten
    Naturen aus der Menge der Bürger ausgelesen und von frühester
    Kindheit bis zum Alter von fünfzig Jahren erzogen werden, in-
    dem zu dieser Zeit (und nicht früher) das Hervortreten einer ganz
    geringen Zahl von Männern, oder wenigstens eines Einzigen, er-
    wartet wird, welcher zum wissenschaftlichen Herrscher tauglich ist.
    Dieß und eine Erziehung der intellectuellen sowie der Gemüths-
    kräfte des übrigen Volkes, welche es geneigt machen soll, diesen recht-
    mäßigen Oberhäuptern willig zu gehorchen und dieselben zu unter-
    stützen, machen den ganzen Mechanismus der Republik aus. In
     

  • S.

    Plato.
     

    104
     

    den „Gesetzen" dagegen, wo feine solchen wissenschaftlichen Herrscher
    in Aussicht genommen sind, haben wir ein kunstvoll ausgearbeitetes,
    weitläufiges System von positiven Bestimmungen vor uns, welches
    die gefeßliche Regelung bis auf die kleinen Angelegenheiten des
    Alltagslebens ausdehnt, und welchem der ganze herkömmliche
    Apparat von Gerichtshöfen sowie von Obrigkeiten verschiedener
    Art zur Seite geht, die für kurze Zeiträume und durch Ver-
    fahrungsweisen gewählt werden, von denen selbst das demokratische
    Loos nicht ganz ausgeschlossen ist, wobei schließlich auch die
    systematische Rechenschaftspflicht aller obrigkeitlichen Personen nicht
    fehlt,
    welche nach Ablauf ihrer Amtszeit (nach athenischer Weise)
    vor einer Behörde, an welcher die ganze Bürgerschaft einen be-
    schränkten Antheil hat, zur Verantwortung gezogen werden. Der
    Verfasser macht kein Hehl daraus, daß seine Regierung nicht die an
    sich vortrefflichste ist, und betont, in Betreff einiger Punkte von
    hervorragender Wichtigkeit, sein Festhalten an jenen Lehren der
    Republik, welche in den Gesetzen", wo das angeblich in Betracht
    gezogene Gemeinwesen eine wirklich bestehende kretische Colonie ist,
    fallen gelassen wurden.
     

    Au
     

    Während so Plato zwei von einander unabhängige Entwürfe
    für die Errichtung eines politischen Gemeinwesens vorbringt, ist
    seine Ansicht über das zu erstrebende Ziel niemals einer Schwan-
    fung unterworfen. Die Aufgabe der Herrscher ist es, das Volk,
    das sie regieren, weise und tugendhaft zu machen. Kein anderes
    politisches Ziel ist irgend welcher Beachtung werth. Mit Bezug
    auf die übrigen Dinge, nach welchen die Menschen und die
    Gemeinwesen gewöhnlich streben, hält er zwar nicht immer den
    verächtlichen Ton aufrecht, den er im Gorgias anschlägt, worin
    er allen athenischen Staatsmännern, selbst den ausgezeichneten der
    alten Zeit, einem Miltiades, Themistokles, Kimon, Perikles -
    vorwirft, daß sie die Stadt mit Häfen, Werften, Festungswerken,
    Tributen und ähnlichem Tand (phvaqiv) bereichert" haben, anstatt,
    ,,was die einzige Aufgabe eines guten Bürgers ist", die mensch-
    lichen Begierden zu veredeln *). An anderen Orten (wie im zweiten
    Alcibiades, im Euthydemus, im Meno, in den „Gesetzen") begnügt er
    sich damit, zu sagen, daß es besser ist, solche Dinge ganz und gar
    zu entbehren, als sie zu besitzen und der Weisheit zu ermangeln,
    durch welche sie allein ihrem Besitzer Vortheil bringen können;
    oder er sagt mit Sokrates in der Apologie, daß nicht der Wohl-
    stand Tugend, sondern die Tugend Wohlstand und alle anderen
     

    *) Plato, Gorgias, 517 C, 519 A.
     

  • S.

    105
     

    Plato.
     

    begehrenswerthen Dinge hervorbringt. Immer aber sind ihm
    der Bürger Weisheit und Tugend (welche für untrennbar Eines
    erklärt werden), sei es als das allein Begehrenswerthe, sei es als
    Mittel, um alles Andere zu erlangen, das einzige angemessene Ziel
    der Regierungsthätigkeit.
     

    In der dergestalt von Plato erdachten politischen Theorie
    sind, wenn wir uns auf seinen Entwurf des ideal besten Staates
    beschränken und von den Zugeständnissen absehen, welche das ver-
    hältnißmäßig matte Erzeugniß seines Greifenalters den in der
    Wirklichkeit vorhandenen Hemmnissen macht, zwei Punkte enthalten,
    welche eine besondere Würdigung verdienen. Der erste ist die
    nachdrückliche Betonung einer Wahrheit von unermeßlicher Be-
    deutung und ausnahmslos allgemeiner Anwendbarkeit, daß nämlich
    die Herrscherthätigkeit ein Beruf ist, der erlernt sein will, daß
    das Regieren nicht etwas ist, das man in Mußestunden oder so
    beiläufig neben hundert anderen Beschäftigungen zu treiben vermag,
    oder wozu Jemand taugen kann, der nicht eine umfassende und
    weitherzige allgemeine Erziehung genossen, und hierauf durch ein
    eindringendes und berufsmäßiges einen beträchtlichen Aufwand
    von Zeit und Mühe erheischendes Studium gestrebt hat, sich
    nicht blos praktische Gewandtheit, sondern eine wissenschaft-
    liche Beherrschung des Gegenstandes zu erwerben. Das ist die
    starke Seite der platonischen Theorie. Ihre schwache Seite ist es,
    daß sie für die also vorbereiteten Herrscher Unfehlbarkeit, oder
    etwas dem nahezu Gleichkommendes, in Anspruch nimmt, oder daß
    sie zum mindeſten allen Uebrigen, im Vergleich zu denselben, eine
    so hochgradige Geistesschwäche zutraut, daß sie nicht für würdig
    gelten fönnen, irgend welchen Antheil an der Regierung ihres
    eigenen Gemeinwesens zu nehmen, oder irgend welche Macht zu
    besitzen, um ihren wissenschaftlichen Herrscher zur Verantwortung
    zu ziehen. Der Irrthum Plato's bestand, wie dieß bei den Irr-
    thümern tiefer Denker zumeist der Fall ist, darin, daß er nur die
    Hälfte der Wahrheit sah, und zwar war dieß (wie es gleichfalls
    bei solchen Denkern gewöhnlich ist) die Hälfte, welche er durch die
    Einrichtungen und Sitten seines Landes vernachlässigt und in den
    Hintergrund gedrängt fand. Seine Lehre war ein übertriebener
    Protest gegen die Meinung, daß jeder Mann zu jedem Amte
    tauge, eine Redensart, welche die weitgehendste Formulirung jener
    Gleichgiltigkeit gegen specielle Befähigung und gegen die Ueber-
    legenheit eines Geistes über den anderen ist, zu welcher
    in allen volksthümlich regierten Staaten, und in Athen sicherlich
    ebenso wie in den Vereinigten Staaten und in Großbritannien,
     

  • S.

    Plato.
     

    106
     

    eine mehr oder weniger starke Hinneigung vorhanden ist; obwohl
    man irre gehen würde, dieselbe in irgend einem von diesen Ländern
    für durchgängig allgemein oder für unheilbar zu halten.
     

    Aber obwohl Plato kein Bedenken trug, dem wissenschaftlichen
    Herrscher, wenn ein solcher gefunden ist, eine absolute Macht-
    vollkommenheit einzuräumen, so zeigt sich doch die Ueberlegenheit
    seines Genius in der klaren Erfassung der Schwierigkeiten, welche
    dieser Regierungsform anhaften, und in der Kühnheit, mit welcher
    er mit dem Probleme ringt; denn er wagt Alles, so sehr es auch
    den geläufigen Vorstellungen seiner Zeit (und der unsrigen) wider-
    streiten mag, wenn er eine Möglichkeit vor sich sieht, die Klippen
    und Untiefen zu vermeiden, welche seinem Gemeinwesen verhängniß-
    voll zu werden drohen. Die geistige Ueberlegenheit, welche das gött-
    liche Recht auf die Herrschaft verleiht, bestand nach seiner Ansicht
    nicht in der Fähigkeit, die Zügel der Regierung mit starker Hand
    an sich zu reißen und sie durch gewaltthätige Unterdrückung jedes
    Widerstandes und durch Erstickung jeder mißbilligenden Stimme
    zu behaupten. Mit solch einem Schauspiel waren Plato's Zeit-
    genossen vertraut genug, und es ist auch unserer Zeit nicht völlig
    fremd; aber die Ueberlegenheit, welche Plato von seinem Herrscher
    forderte, war von ganz anderer Art. Nach Plato's Darstellung
    sind es gerade die jungen Männer, welche die Natur am ver-
    schwenderischsten ausgestattet hat, eben der Stoff, aus welchem
    die Erziehung die ächtesten Herrscher zu bilden vermag - die,
    sobald sie durch den in der Gesellschaft geltenden falschen Maßstab
    des Guten und Bösen verderbt werden, selbstsüchtiger Ehrbegier
    und Gesetzesverachtung verfallen, um schließlich zu den tiefsten
    Tiefen tyrannischer Ruchlosigkeit herabzusinken. Mitten in jener
    Vereinigung philosophischen Tiefsinns mit hohem rednerischem
    Schwunge und poetischer Bilderpracht, welche die letzten Bücher
    der Republik auszeichnet, findet sich eine ergreifende Schilderung
    der Art und Weise, wie die Gesellschaft durch ihre Versuchungen
    und ihre am unrechten Orte angebrachten Aeußerungen des Bei-
    falls und der Verdammniß diese ursprünglich ebel-gearteten
    Naturen verdirbt; und das Gemälde des zu voller Entfaltung
    gelangten, Göttern und Menschen gleich verhaßten Gewaltherrschers
    auf dem Gipfel seiner Schuld, in der Tiefe seines innerlichen
    Elends, und in der Erwartung jener Vergeltung, die ihn gemeinig-
    lich noch in diesem Leben, sicherlich aber in einer künftigen Welt
    ereilt, gehört zu den bekanntesten und erschütterndsten Stellen in
    Plato's Werken. Der eine oder die mehreren platonischen
    Herrscher werden, wie bereits bemerkt, nicht vorgefunden, sondern
     

  • S.

    Plato.
     

    107
     

    geschaffen, und das Problem, wie sie zu schaffen seien, wurde von
    ihm in seiner ganzen Größe und Schwierigkeit erfaßt. Es konnte
    nur dann gelöst werden, wenn man auf sie und auf die Classe,
    aus der sie ausgewählt werden sollten, jede Art der Beeinflussung
    und Schulung des Intellectes, des Gemüthes und der prak-
    tischen Fähigkeiten wirken ließ, welche dazu beitragen können,
    den erforderten Charakter heranzubilden, und wenn man sie
    andererseits ganz und gar dem Einfluß jener gewöhnlichen Lebens-
    bedingungen entrückte, welche den Charaktertypus und die Neigungen
    hervorrufen, die mit einem reinen und edeln Gebrauch unverant-
    wortlicher Macht nicht verträglich sind.
     

    Auf dieser Absicht beruht die Aechtung aller jener Götter-
    Sagen und Legenden (die den Griechen so heilig waren, wie es
    die Erzählungen des Alten und des Neuen Testamentes für einen
    gewöhnlichen Christen sind), welche sie als die Urheber von irgend
    welchem Uebel darstellten, oder ihnen ungerechte Befehle oder
    menschliche Schwächen zuschrieben, oder welche ihnen oder ihren
    Abkömmlingen, den Heroen, irgend welche Handlungen beilegten,
    die, wenn sie von gewöhnlichen Menschen begangen würden, für
    lasterhaft oder unrühmlich gelten müßten. Diese Geschichten, so
    behauptet Plato, sind nicht wahr; aber selbst, wenn sie es wären,
    sollte man nicht zulassen, daß sie wiederholt und geglaubt werden.
    Man sollte andere Legenden von sittlicher und erhebender Art er-
    sinnen (Plato erachtet die Regierungsgewalt als dazu völlig
    befugt) und das Volk von frühester Jugend an im Glauben an
    sie erziehen. Unter denselben Gesichtspunkt fällt auch die Ver-
    bannung jener Dichter nicht aller, wie mitunter behauptet
    wird, welche sich nicht darein ergeben wollen, daß aus ihren
    Werken alle Meinungen und Gesinnungen ausgemerzt werden,
    welche die philosophischen Herrscher als schädlich erachten, so
    zum Beispiel die Lehre, daß der Tod oder das Leben. nach dem
    Tode ein Gegenstand der Furcht und des Entsetzens sei, und ins-
    besondere jene höchst verderbliche Meinung, daß es Glück ohne
    Tugend geben könne, oder daß die Tugend nicht selbst der Gipfel
    alles Glückes ſei. Gewisse Formen der Dichtkunst, die epische
    und dramatische, sind jedoch, gleich allen anderen wahllos nach-
    ahmenden oder mimetischen Künsten, ganz und gar verpönt. Die
    Kunst sollte den Sinnen und dem Geiste keine Nachbildung von
    etwas Anderem als von dem, was gut und edel ist, bieten, und
    ebenso sollten die Bürger eine Nachahmung der Gedanken, Ge-
    fühle oder des Betragens von schlechten oder verkommenen, von
    schwachen und thörichten Personen weder vortragen, noch vortragen
     

  • S.

    108
     

    Plato.
     

    hören oder lesen. Dieselben strengen Beschränkungen wurden der
    Musik auferlegt, welche den Griechen, deren Volkserziehung (vom
    gymnastischen und militärischen Elemente abgesehen) vorzugsweise
    eine Gemüthsbildung war, als ein überaus einflußreiches Mittel der
    Bildung und Verbildung galt. Es sollten im platonischen Staat
    keine Melodien oder Tonweisen geduldet werden, außer jenen,
    welche die Behörden gestatteten, und diese mußten alle Weisen
    von klagender, erschlaffender oder wollüftiger Natur verbieten und
    nur jene beibehalten, welche die heftigen Affecte mildern und be-
    schwichtigen, oder Thatkraft einflößen. Demselben Erziehungs-
    zwecke dienen auch die eigenthümlichen Einrichtungen Plato's in
    Bezug auf Ehe und Eigenthum, welche der Nachwelt einiges Aerger-
    niß gegeben haben und wahrscheinlich weit größeres erregt hätten,
    wenn Plato irgend einer Hinneigung zum Skepticismus und
    Materialismus verdächtig wäre, anstatt daß er als deren Haupt-
    gegner bewundert wird." Die Erklärung dieses Theiles seines
    Systems ist eine sehr einfache. Derselbe war nicht für die Bürger
    im Allgemeinen, sondern für die qúlanes oder den Kriegerstand
    bestimmt, aus welchem der Fürst oder die herrschenden Alten
    gewählt wurden, und welcher der Vollstrecker ihrer Befehle und
    das Werkzeug ihrer Herrschaft war. Da diese bewaffnete Körper-
    schaft den Rest der Bürger ganz und gar in ihrer Gewalt hatte,
    so war Alles verloren, wenn sie ihr eigenes Interesse dem all-
    gemeinen vorzog; und Plato wußte sehr wohl, daß ihre Mitglieder
    selbst bei der vollkommenſten Erziehung, die er ihnen geben könnte,
    nur sehr geringe Aussicht hätten, dieser Entartung zu entgehen.
    Da es sich mit seiner Idee einer wissenschaftlichen Regierung nicht
    vertrug, der unwissenschaftlichen Menge auch nur eine mit-
    beschließende Stimme in Betreff ihrer eigenen Angelegenheiten ein-
    zuräumen, so blieb nur ein Schutzmittel übrig: die Inhaber
    der Gewalt durften keine Privat-Interessen besigen, die sie be-
    rücksichtigen konnten. Die anderen Bürger haben, ein jeder sein
    Eigenthum und seine Familie, aber die Wächter dürfen nichts
    haben, das sie ihr eigen nennen können; für ihren Unterhalt muß
    der Staat in nicht allzu reichlicher Weise durch eine gemeinsame
    Tafel sorgen; sie dürfen kein Privateigenthum besigen, und dürfen
    ihre eigenen Kinder nicht kennen. Der Zweck ist derselbe, welchen
    die katholische Kirche durch den Coelibat ihrer Geistlichkeit und
    die Gütergemeinschaft ihrer Mönchsorden zu erreichen sucht: die
    ausschließliche Hingebung an die Ziele der Gesammtheit. So
    viel sich im übrigen auch mit Fug gegen diese platonische
    Einrichtung einwenden läßt, sie verdient jeden Namen eher
     

  • S.

    109
     

    Plato.
     

    als den einer Pflegestätte der sinnlichen Lust; denn sie läßt der
    persönlichen Neigung weniger Spielraum als irgend eine thatsäch-
    lich bestehende Einrichtung, da die öffentlichen Obrigkeiten (inner-
    halb des für die Erzeugung von Kindern für die Stadt" be-
    stimmten Alters) feststellen, welcher Mann und welche Frau
    sich mit einander verbinden sollen. Grote bemerkt mit Recht,
    daß bei den Sitten des platonischen Staates und bei der von
    Plato für beide Geschlechter gleichmäßig vorgeschriebenen förper-
    lichen und geistigen Erziehung die Liebesleidenschaft wahrscheinlich
    auf den denkbar niedrigsten Grad ihrer Mächtigkeit herabgesetzt
    würde; ein Erfolg, den Plato in den,,Gesetzen" entschieden beab-
    sichtigt und ins Auge gefaßt hat.
     

    Wiewohl es nicht ausdrücklich in Grote's Buch erwähnt
    wird, so ist es doch überall daraus wie aus den Werken Plato's
    selbst ersichtlich, welche Gewalt die Idee der Arbeitstheilung über
    seinen Geist gewonnen hatte. Er setzt sie zu Anfang seiner
    Skizze der natürlichen Entstehung und Entwicklung eines Staates
    so deutlich wie Adam Smith auseinander, und sie beherrscht alle
    Einrichtungen seines Idealstaates. Es soll, um seinen eigenen
    Ausdruck zu gebrauchen, keinen doppelten oder dreifältigen Mann
    im Gemeinwesen geben; Jeder thue ein Ding, und nur das eine,
    damit Jeder das zu thun haben möge, wofür er von Natur aus die
    größte Tauglichkeit besitzt, und jedes Ding von dem gethan werde,
    der es am gründlichsten erlernt und geübt hat. Die bürgerliche
    Gerechtigkeit in einem Gemeinwesen, welche ihm das Vorbild und
    erläuternde Beispiel für die Gerechtigkeit im Geiste des Indivi-
    duums bietet, besteht darin, daß Jedermann das ihm zugewiesene
    Geschäft verrichtet und sich nicht in das eines Anderen mengt *).
    Ein Handwerker darf sich nicht das Gewerbe eines anderen Hand-
    werkers anmaßen; die Regenten allein müssen herrschen, die
    Wächter allein kämpfen, die Producenten allein produciren und das
    Eigenthum des Productes besitzen. Wenn diese Schranken ein-
     

    *) Noch ein Widerspruch zwischen zwei Dialogen Plato's! Eben das
    hier namhaft gemachte Erforderniß, das ausschließliche Betreiben dessen, was
    Jeder genau versteht, wird im Charmides als das Wesen der owqpoooun
    bezeichnet und als ihre Definition in Vorschlag gebracht; allein Sokrates
    beanstandet sie nicht nur als solche, sondern bezweifelt es auch, daß diese Be-
    schränkung von irgend welchem erheblichen Nutzen sei, da sie die Erkenntniß
    des Guten und leblen, welche die wirkliche Bedingung und Grundlage der
    Wohlfahrt ist, nicht verleihen könne. (Vergl. Grote I, 489.)
     

    Grote's Bemerkungen über die platonische Republik find vielleicht der
    eigenthümlichste und bewunderungswürdigste Abschnitt seines ganzen Werkes, -
    sie sind überreich an Stoff für ein eingehendes Studium.
     

  • S.

    Plato.
     

    110
     

    gehalten werden, und keiner das von rechtswegen einem Andern
    zukommende Geschäft stört, ist das Gedeihen und die Eintracht der
    Gemeinschaft gesichert; im anderen Falle hat Jeder etwas, was
    ihn näher angeht, als die gehörige Erfüllung seiner eigenen
    Berufspflicht; die Kräfte der verschiedenen Claffen werden durch
    den Wettkampf um die Macht abgelenkt, und der Staat sinkt
    auf eine der vielfachen Stufen der Entartung herab, deren
    Kennzeichnung einen beträchtlichen Theil der Republik" ein-
    nimmt. Das Verlangen nach einem wissenschaftlichen Regenten,
    welcher seinen unwissenschaftlichen Mitbürgern über sein Verhalten
    feinerlei Rechenschaft schuldet, ist selbst nur ein Theil dieser um-
    fassenden Ansicht von der Nothwendigkeit der Arbeitstheilung; und
    der Irrthum liegt nur darin, daß Plato sich allzu einseitig an
    diesen einen Grundsatz klammert.
     

    Es ist nothwendig, zu schließen, obgleich sich unschwer Bände
    mit den Gegenständen anfüllen ließen, über welche Plato's
    Schöpfungen, sei es durch die Wahrheiten, die er gefunden, oder
    durch die Art, wie er sie gefunden, oder durch seine oft ebenso
    lehrreichen Irrthümer, Licht verbreitet haben. Wir hätten auch
    gerne Grote reichlicher angeführt; haben wir doch wenig oder
    nichts von den bedeutsamen Erörterungen über die wichtigsten
    Themen Plato's gesagt, welche er in diesem Werke als beiläufige
    Beiträge zur Philosophie des Zeitalters aus den Schätzen seines
    reich ausgestatteten Geistes beigesteuert hat. Sein Standpunkt ist,
    wie Alle, die mit Grote's Schriften bekannt sind, erwarten würden,
    der der empirischen Philosophie, so genannt zum Unterschiede von
    der intuitiven oder transscendentalen; und die Leser werden
    Grote's Erörterungen mehr oder weniger hoch schätzen, je nach
    ihrer Werthschätzung dieser philosophischen Richtung; aber wenige,
    so meinen wir, werden es bestreiten, daß Grote durch dieses
    Werk sich einen hervorragenden Platz unter den Vertheidigern der-
    selben errungen hat, in einem Zeitalter, in dem sie eindringlicher und
    umsichtiger als jemals zuvor vertheidigt worden ist. Für alles
    Weitere müssen wir auf das Werk selbst verweisen, welches nicht
    nur der unzertrennliche Gefährte von Plato's Schriften zu bleiben
    bestimmt ist, sondern das Niemand, er möge welcher speculativen
    Richtung immer angehören, ohne mannigfache Belehrung, und
    Keiner, der von Philosophie oder Geschichte der Philosophie etwas
    weiß, ohne dankbare Bewunderung genießen wird.