S.
Plato*).
Die Leser von Grote's Geschichte Griechenlands werden wohl
die Aussicht nicht vergessen haben, die ihnen im letzten Bande
des Werkes eröffnet wurde, daß derselbe Mann, welcher das poli-
tische Leben von Hellas unserem Verständniß so nahe gebracht hat,
auch jene herrliche Entfaltung des speculativen Denkens darstellen
und beurtheilen würde, durch welche Griechenland (eben so sehr
wie durch seine Freiheit) das für die Welt geworden ist, was nach
einem Ausspruch des Perikles Athen für Griechenland war: eine
Schule der Erziehung. Man konnte mit Gewißheit vorhersagen,
daß dieselbe Sorgfalt der Forschung, dieselbe Geschicklichkeit in der
Scheidung beglaubigter Thatsachen von altherkömmlichen Ent-
stellungen oder von haltlosen Vermuthungen, und dasselbe seltene
Vermögen, in mannigfaltige intellectuelle und sittliche Gesichts-
punkte einzugehen, durch welche sich die,,Geschichte", und kein Ab-
schnitt mehr als das denkwürdige Capitel über Sokrates und die
Sophisten, auszeichnete, auch eine ihrer würdige Verwendung
bei der lebenswahren Zeichnung der Gestalten eines Plato, Ari-
stoteles und der ihnen ebenbürtigen Männer finden würden. Aber
das vorliegende Werk erfüllt nicht nur die Erwartungen, die man
nach Grote's früheren Leistungen hegen durfte; es enthüllt neue
Geisteskräfte; wäre es nicht geschrieben worden, so hätten weitere
Kreise niemals durch eigene Anschauung den ganzen Umfang seiner
Fähigkeiten und Begabung ermessen gelernt. Obwohl ein mit der
Philosophie vertrauter Geist leicht wahrnehmen mochte, daß solch
ein Buch wie die Geschichte Griechenlands nur das Werk eines
ähnlich geschulten Geistes sein konnte, so bezog sich doch die Be-
lehrung, welche in jenem großen Werk in erster Reihe zu finden
war, zumeist auf das bürgerliche und politische Leben; während die
Speculationen der griechischen Philosophen, und Plato's vor Allen,
sich über das ganze Gebiet des menschlichen Denkens und mensch-
*) Edinburgh Review, April 1866.
S.
Plato.
31
licher Wißbegier verbreiten, von der Etymologie bis zur Kosmo-
gonie, und von dem Unterricht in Musik- und Turnschulen bis zu
den allgemeinsten Problemen der Metaphysik und Ontologie. Selbst
viele von Grote's Bewunderern mögen nicht erwartet haben, daß
er sich in den abstractesten metaphysischen Speculationen eben so
heimisch zeigen würde wie in der concreten Wirklichkeit politischer
Einrichtungen, daß er sich auf dem einen Gebiete mit derselben un-
gezwungenen Meisterschaft bewegen würde wie auf dem anderen,
und daß er neben den lichtvollsten und eingehendsten Erläuterungen
der alten Denkweisen reife und wohl erwogene eigene Ansichten vor-
bringen würde, wobei er eine Beherrschung des ganzen Umfanges
der speculativen Philosophie bekundet, welche ihn der kleinen Zahl
von hervorragenden Psychologen und Metaphysikern seines Zeit-
alters würdig anreiht.
Das Werk, von dem wir jetzt berichten, führt, obwohl ein in
sich abgeschlossenes Ganzes, die Geschichte der griechischen Philo-
sophie nur bis auf Plato und dessen Zeitgenossen; aber es wird
uns eine Fortsetzung versprochen, welche zum mindesten die Zeit-
genossen des Aristoteles umfassen soll, wobei wir, nach Analogie
mit den Schlußcapiteln des vorliegenden Werkes hoffen dürfen,
daß auch eine Beurtheilung der Stoiker und Epikureer nicht fehlen
wird. Käme dazu noch eine Zusammenfassung dessen, was uns
über die Erneuerung der pythagoräischen Lehren und über die
spätere Akademie bekannt ist, so wäre kein Abschnitt der rein
griechischen Philosophie in der Darstellung übergangen; denn der
Neuplatonismus, dieser Nachwuchs in später Zeit und von ge-
ringem inneren Werth, war ein Zwitterproduct der griechischen
und der orientalischen Speculation und hat seinen Platz in der
Geschichte neben dem Gnosticismus. Seine Berührung mit dem
griechischen Geiste hat auf die Verfallsepoche desselben Bezug,
gleichwie das Wenige was bei Plato mit ihm verwandt ist, vor-
wiegend der Zeit des Verfalls in Plato's eigenem Geiste an-
gehört. Wir sind ganz zufrieden damit, daß Grote diesen wenig
anziehenden und wenig erquicklichen Abschnitt der Geschichte des
menschlichen Geistes aus seinem Plane ausgeschlossen hat; aber die
Darstellung des Aristoteles, die wir von ihm erwarten dürfen,
wird kaum hinter der Darstellung Plato's an Werth zurückstehen.
Zwar ist es die lettere, die uns mehr Noth that; denn Plato
bietet für das moderne Verständniß mehr Schwierigkeiten als
Aristoteles; unser Wissen vom Meister ist in weit höherem Maße
als das vom Schüler nur ein Scheinwissen, dessen wir uns erst
entäußern müssen; und endlich ist weit mehr Nußen aus den Lehren
S.
32
Plato.
32
des späteren Philosophen gezogen worden als aus denen des
früheren.
Obwohl die drei Bände von Grote's Wert sich hauptsächlich
mit Plato's Schriften beschäftigen, so ist doch auch der Theil,
welcher auf Plato keinen unmittelbaren Bezug hat, von großem
Werth und Interesse. Die ersten zwei Capitel enthalten einen so
vollständigen Bericht, als der Stand unserer Kenntnisse zuläßt,
über die Formen der griechischen Philosophie, welche Sokrates
vorausgiengen; während die zwei, welche das Werk beschließen,
das Wenige erzählen (außer in Betreff Xenophon's ist es nur sehr
wenig), was über die anderen Sokratiker und ihre Lehren: die
megarische Schule, welche mit Eukleides, die cynische, welche mit
Antisthenes, und die cyrenäische oder hedonische, welche mit Aristipp
beginnt, bekannt ist. Alle diese Männer standen in persönlichem
Verkehr mit Sokrates, und ihre verschieden gearteten und sich
durchkreuzenden Gedankenströme kamen nicht aus einer gemeinsamen
Quelle, welche er eröffnet hatte; sondern sie sprangen bei der Be-
rührung seines Zauberstabes an verschiedenen Stellen aus dem
Felsen hervor; denn was er zu üben vorgab und wirklich übte war
dieß, daß er Andere zum Denken anregte, nicht daß er statt ihrer
dachte. Von Sokrates selbst wird, obwohl in gewissem Sinne das
ganze Buch sich auf ihn bezieht, in diesen Bänden nicht besonders
gehandelt, da die in der Geschichte Griechenlands" enthaltene
Schilderung und Beurtheilung desselben als genügend erachtet wird.
Einige Bekanntschaft mit den früheren hellenischen Denkern ist
für ein volles Verständniß Plato's nicht zu entbehren. Doch ist
unsere Kenntniß derselben unglücklicher Weise eine sehr lückenhafte
und vielfach nur indirecte, da von den Autoren selbst nur wenige
Bruchstücke durch die Anführungen späterer Schriftsteller erhalten
sind. Wir besigen zwar von einem Jeden das, was seine An-
hänger als seine hauptsächlichsten Lehren betrachtet haben; aber
wir sind in einiger Verlegenheit, was wir damit beginnen sollen.
Diese ersten tastenden Versuche des philosophischen Geistes haben
so wenig mit der wissenschaftlichen Denkweise der Neueren gemein,
daß der moderne Geist sich ihnen nicht leicht anbequemen kann.
Die physikalischen Theorien erscheinen uns so ungereimt, und die
metaphysischen so unverständlich, daß einige Anstrengung dazu ge-
hört, um wahrnehmen zu können, wie durchaus naturgemäß sie
waren. Wir sind durch vielfache mißglückte Versuche zur unwill-
kommenen Einsicht gelangt, daß der Mensch nur auf großen Um-
wegen zum Verständniß der Natur vordringen kann, daß uns die
großen Fragen nicht direct, sondern nur durch die Vermittlung
S.
Plato.
33
zahlreicher kleinerer Fragen zugänglich sind, welche die Menschen
im ersten Eifer der Forschung übersahen und geringschätzten, welche
aber allein hinreichend einfach und naheliegend sind, um uns die wirk-
lichen Gesetze und Vorgänge der Natur zu enthüllen, die wir dann
als Schlüssel gebrauchen um jene größeren Mysterien zu erschließen,
die wir überhaupt zu enträthseln vermögen. Dieses Verfahren,
auf welches die menschliche Ungeduld erst spät verfiel und das sie
nur langsam üben gelernt hat, ist ein ganz besonders künstliches,
und der Geist, welcher dafür geschult ward, ist zum Glück für die
Menschheit so völlig davon durchtränkt worden, daß er seine natürliche
Verfahrungsweise ganz vergessen hat. Der Naturmensch naturam
rei in ipsa re perscrutatur, wie es in Bacon's nachdrücklicher
Verdammung heißt. Er kann und will nicht eine regelrechte Be-
lagerung seines Objectes unternehmen, sich ihm durch eine
Reihe von dazwischen liegenden Positionen nähern und sich zuerst
seiner Außenwerke bemächtigen; er will mit einem Sprunge in die
Festung gelangen, und da seiner frischerweckten Wißbegierde keine
Untersuchung der Mühe werth erscheint, welche weniger als die
Erklärung des ganzen Weltalls verspricht, so stellt er irgend eine
wahrscheinlich klingende Muthmaßung auf, die ein paar in die
Augen springende Thatsachen erklärt oder zu erklären scheint, und
dehnt oder spinnt sie aus zu einer Theorie des Universums. Solche
Theorien hat der hellenische Geist in großer Zahl und Mannig-
faltigkeit aus sich geboren. Grote hat berichtet, was über sie be-
kannt ist, und hat durch die Anwendung eines klaren philosophischen
Denkens auf die Ergebnisse der eigenen und der deutschen Gelehrsam-
keit so viel von ihrer Bedeutung ermittelt, als man füglich zu er-
mitteln hoffen kann. Es übersteigt selbst seine Kräfte, diese Bedeutung
ohne beträchtliche Denkanstrengung verständlich zu machen; denn
die Worte, in welche sie gekleidet ist, besitzen keine genau ent-
sprechenden Aequivalente in der modernen Ausdrucksweise, welche
dadurch, daß sie sich bestimmteren Fassungen der Probleme und
einer gewissen Zahl gesicherter Lösungen anpaßte, viel von jener
Unbestimmtheit und Bieldeutigkeit eingebüßt hat, welcher jene früh-
zeitigen unsicheren Muthmaßungen zumeist das Maß von Annehm-
barkeit, das ihnen zufam, verdankten.
Diese alten Theorien fönnen, wie gesagt, in physikalische und
metaphysische unterschieden werden, obwohl die physikalischen die
Hilfe der Metaphysik nicht immer entbehren konnten, und die meta-
physischen dazu verwendet wurden, physikalische Erscheinungen zu
erklären. In den physikalischen Theorien wurden ein oder mehrere
Stoffe, mit denen die Erfahrung vertraut war, als das Element
Mill, ges. Werke. XII,
3
S.
Plato.
34
oder als die Elemente angenommen, welche in mannigfachen Um-
gestaltungen das ganze Weltall zusammensetzen; und alle Erschei-
nungen der Natur galten als Erzeugnisse der Kräfte, Eigenschaften
oder Essenzen dieser Elemente, oder der ihnen innewohnenden ver-
borgenen Gewalten. Thales schrieb diese allumfassende Rolle dem
Wasser, Anaximenes der Luft zu, wobei wir uns gegenwärtig halten
müssen, daß die Alten viele Dinge Wasser" oder,,Luft" nannten,
welche die moderne Physik anders bezeichnet. Empedokles erklärte
alle Dinge durch die Mischung und Wechselwirkung von Erde,
Wasser, Luft und Feuer. Man nahm in der Regel an, daß diese
stofflichen Substanzen der Mitwirkung gewisser abstracter Wesenheiten
bedürfen, die das Feuchte und Trockene, das Kalte und Warme, das
Weiche und Harte, das Schwere und Leichte u. s. w. genannt wurden,
und welche als die unmittelbaren, wenn nicht gar die letzten Ursachen
der Entstehung der Erscheinungen galten*). Es wäre ein Irrthum,
wenn wir glauben wollten, daß diese und ähnliche Hypothesen wirk-
lich ungereimt waren, ehe noch die spätere Entwicklung der induc-
tiven Forschung dieß nachgewiesen hatte. Eine subtilere Untersuchung
der Natur hat seitdem gezeigt, daß die vermeintlichen Elemente
nicht wirklich einfache Körper, sondern Verbindungen sind, und daß
die verallgemeinerten Eigenschaften, die man irrthümlich als wir-
kende Ursachen ansah, blos Ergebnisse einer unrichtigen Verall-
gemeinerung und Abstraction sind Bacon's notiones temere
a rebus abstractae. Aber das war nicht bekannt und konnte es
nicht sein zur Zeit als diese Hypothesen aufgestellt wurden. Vor-
läufig dienten sie als erste Schritte zu jener Vergleichung der Er-
scheinungen in Bezug auf ihre Aehnlichkeiten und Unterschiede,
welche die Vorbereitung für die Entdeckung ihrer Geseze ist; und
die Verwendung dieser Hypothesen zur Erklärung anderer That-
sachen als jener, welche ihre Aufstellung veranlaßt hatten, brachte
beständig neue Aehnlichkeiten und Verschiedenheiten in Sicht und
bahnte weniger mangelhaften Hypothesen den Weg; die metaphy-
sischen Theorien andererseits, welche ihre Auffassung des Univer-
sums nicht auf physikalische Agentien, sondern auf die höchsten und
unbestimmtesten Abstractionen gründeten auf das Eine, das
Selbe, das Verschiedene, das Seiende, das Werdende, erscheinen
uns nicht so sehr irrthümlich, als inhaltlos; wir finden es schwer,
uns vorzustellen, was sich Leute gedacht haben können, die solche
*) Tavavría ágyai τov övτwv, „ein Axiom, wie Grote bemerkt (I,
15, Aum.), welches im Geist der griechischen Philosophen einen großen
Raum einnimmt."
S.
35
Plato.
Dinge als Erklärung für irgend etwas vorbrachten. Unter diesem
,,wir sind die Physiker, die Erfahrungsphilosophen, die Schule
Bacon's zu verstehen. Die deutschen Transscendentalphilosophen
hingegen finden viel mehr Sinn in diesen als in den physikalischen
Hypothesen. Denn ihre Ontologie ist wesentlich nur eine Rückkehr
zu dieser ersten Stufe der menschlichen Speculation, eine Wieder-
belebung derselben Methoden, derselben Fragen und zum guten
Theil derselben Antworten, manchmal unter einem oberflächlichen
Firniß moderner inductiver Philosophie. Hegel bewegt sich unter
denselben unbestimmten Abstractionen, wie die frühesten Anfänger
im metaphysischen Denken; seine Dialektik erinnert an den Par-
menides in Plato's Dialog und seine wesentlichen Lehren sind
großentheils eine Wiederholung des Heraklit. Wenn wir bis auf
Anaximander, den ersten uns bekannten speculativen Denker nach
seinem Landsmann Thales, zurückgehen, so finden wir bereits die
Grundbegriffe des Transscendentalismus vor. ,,Er legte seiner
Hypothese, sagt Grote*), eine Substanz zu Grunde, welche er das
Unendliche oder das Unbestimmte nannte. Unter diesem Namen
verstand er den Körper schlechtweg, ohne irgend welche positive
oder bestimmte Eigenschaften, doch so daß ihm die fundamentalen
Gegensätze von Heiß und Kalt, Feucht und Trocken u. s. w. in
potentiellem oder latentem Zustande innewohnen, ferner mit einem
Vermögen, sich selbst zu verändern und selbst zu entwickeln, begabt,
und überdieß unsterblich und unzerstörbar. Durch diese ihm inne-
wohnende Kraft und durch die Entfaltung von einer oder mehreren
dieser schlummernden gegensätzlichen Eigenschaften sollten die ver-
schiedenen bestimmten Substanzen der Natur: Luft, Wasser, Feuer
u. s. w. erzeugt werden." Hier haben wir den fundamentalen Gegen-
satz der Transscendentalphilosophen, Materie und Form, vor uns,
während die Vorstellung eines abstracten eigenschaftslosen Körpers,
der aber mit dem Vermögen begabt ist, solche aus sich selbst durch eine
eingeborene Kraft zu entwickeln, das transscendentale Noumenon ist,
im Gegensatz zum Phaenomen. Das Ens des Parmenides hingegen,
das Seiende im Allgemeinen,,,welches immer ist und eigentlich
weder vergangen noch zukünftig genannt werden kann", welches
nicht,,in Wirklichkeit entsteht und vergeht, sondern nur in unserem
Glauben oder mit Bezug auf unsere Wahrnehmung",,,welches
wesentlich Eines ist und nicht getheilt werden kann"**), was ist
Grote, I, 5.
**) ebend., 22.
3*
S.
Plato.
36
es anderes, als (wie Grote bemerkt) das Absolute der modernen
Ontologen? Nur eines hat es vor demselben voraus; die Eleaten
nämlich ließen diesem Absoluten eine der Erkenntniß des Menschen
zugängliche Eigenschaft, die Ausdehnung, während die Trans-
scendentalisten selbst diese leugnen und dennoch (wenigstens einige
unter ihnen) behaupten, daß es erkennbar sei. Sogar der beinahe
asiatische Mysticismus der pythagoräischen Zahlenlehre hat, wie
Grote darthut*), sein genaues Gegenstück in der deutschen Philosophie
des neunzehnten Jahrhunderts. Wenn Zahlen, rein abstracte
Eigenschaften der Dinge, für wirklich eristirende Dinge gehalten
werden, kommt man bald dahin, ihnen wirkende Kräfte zuzuschreiben
und sie haben so gute Aussicht wie nur irgend etwas, einen Philo=
sophen zu finden, der sie zur herrschenden Macht des Weltalls
erhebt.
Diese beiden Adern der Speculation, die physikalische wie die
metaphysische, wurden zeitweilig durch die neue Richtung, welche
Sokrates dem philosophischen Geiste gab, in den Schatten gestellt,
aber nur zeitweilig, denn das anspruchsvolle Streben nach einer
Theorie des Weltalls taucht in den späteren Werken seines größten
Schülers, Plato, von neuem in seiner am meisten metaphysischen
Gestalt auf. Die im höchsten Maß originelle Geistesärt des
Sokrates zeigte sich hauptsächlich durch seine Methode. Doch
stammte sein mächtigstes Werkzeug zum Theil von einem Schüler
des Parmenides, Zeno von Elea, her, welcher**) auf die Auto-
rität des Aristoteles hin als der Erfinder der Dialektik gilt, das
heißt als die erste Person, von deren Geschicklichkeit in der Kunst
des Kreuz- und Quer-Verbörs und des Widerlegens bemerkenswerthe
Beispiele aufbewahrt wurden". Die Stärke Zeno's bestand darin,
die Schwierigkeiten und Einwendungen, denen eine Theorie unter-
liegt, atiffällig zu machen, aber nicht (nach der Weise der Modernen)
durch die Auffindung von Thatsachen, die mit ihr unvereinbar sind,
sondern mehr dadurch, daß er ihre Consequenzen zog und auf
logische Widersprüche hinwies, eine Art zu argumentiren, die
er besonders gegen Solche in Anwendung brachte, welche die Lehre
seines Meisters vom absoluten und untheilbaren Einen bestritten
und mit Heraklit behaupteten, daß das All nicht Eines sondern
Vieles sei. Die berühmten Paradorien, durch welche Zeno's Name
hauptsächlich bekannt ist, seine Argumente gegen die Realität der
*) Grote, I, 10, Anmerkung.
**) ebend., 96.
S.
Plato.
37
Bewegung, betrachtet Grote *) weder als skeptische Trug-, noch
als logische Verirschlüsse, sondern als ernstgemeinte Argumente,
welche nicht die Bewegung als eine Thatsache der Erscheinungs-
welt bestreiten, sondern ihren relativen Charakter als Zustand
unseres Bewußtseins hervorheben sollen, so daß es unmöglich
wird, dieselbe in einem wahren und widerspruchsfreien Sinn vom
Ens Unum oder Absoluten auszusagen, welches die Lehre des
Parmenides für unbeweglich erklärte. Wie immer sich das ver-
halten mag, diese Argumente entsprachen ganz der Befähigung
Zeno's für das was Grote mit einem glücklichen Wort den nega-
tiven oder abwehrenden Arm der Philosophie nennt, denjenigen
Theil derselben, welcher die Wahrheit von Theorien durch die
Schwierigkeiten, denen sie begegnen müssen, prüft; und wenn er
oft Schwierigkeiten der Sprache für sachliche ansah, so war das
zu Anfang unvermeidlich; und Plato that oft dasselbe.
Es blieb Sokrates und Plato, welcher, sei es als Erläuterer,
sei es als Fortseter von Sokrates' Wert, von diesem niemals ge-
trennt werden kann, vorbehalten, diesen abwehrenden Arm der
Philosophie mit einer seither nicht übertroffenen Vollkommenheit
auszurüsten, und ihm sein größtes, anziehendstes und unentbehr-
lichstes Arbeitsfeld anzuweisen, nämlich die Allgemeinheiten, welche
sich auf das Leben und die Lebensführung beziehen. Diesen großen
Männern entstammt der Gedanke, daß, wie jedes andere Gebiet des
praktischen Lebens, so auch Moral und Politik Gegenstände der Wissen-
schaft sind, welche nur nach angestrengtem Studium und einer be=
sonderen Schulung verstanden werden können; zu welcher Schulung
es unerläßlich ist, sich die Gewohnheit anzueignen, nicht nur das
in Betracht zu ziehen, was zu Gunsten einer Ansicht, sondern auch,
was gegen sie gesagt werden kann, die Gewohnheit, Meinungen zu
prüfen und sie nicht eher anzunehmen als bis sie sich gegen jeden
logischen noch mehr als gegen jeden praktischen Einwand siegreich
erwiesen haben. Diese zwei Grundsäge: die Nothwendigkeit einer
wissenschaftlichen Grundlage und Methode für Ethik und Politik,
und einer strengen, abwehrenden Dialektik, als eines Bestandtheils
jener Methode, sind die bedeutsamsten unter den vielen Lehren, die
man von Plato empfangen kann; und gerade weil der moderne
Geist diese beiden Lehren, zumal die lettere, meistentheils vernach-
lässigt hat, rechnen wir die Schriften Plato's zu den kostbarsten
intellectuellen Schätzen, welche uns das Alterthum vermacht hat.
Grote ist derselben Ansicht, und er hat durch das uns vorliegende
*) Grote, I, 103, 104.
S.
Plato.
38
Werk Allen einen unschätzbaren Dienst erwiesen, indem er denen, welche
das Original zu lesen vermögen, dieses Studium erleichtert, und
denen, welche dieß nicht können, dessen Resultate zugänglich gemacht hat.
Er erzählt zunächst Plato's Leben, soweit es nach den vor-
handenen Quellen dargestellt werden kann; dann handelt er von
der Aechtheit der platonischen Schriften und anerkennt, nach einer
Vergleichung und Abwägung des Beweismateriales, welche sich jeder
derartigen Erörterung in seinem Geschichtswerke an die Seite stellen
tann, als Werke Plato's die ganze Liste, welche die alexandrinischen
Kritiker aufgestellt und alle Gelehrten angenommen hatten, bis sie
in diesem Jahrhundert von deutschen Herausgebern und Erklärern
in Zweifel gezogen wurde. Ein weiteres Capitel ist einer über-
sichtlichen Betrachtung von Plato's Schriften gewidmet, und der
Rest des Werkes enthält (von den Schlußcapiteln über die anderen
Sokratiker abgesehen) die eingehende Zergliederung und Würdigung
jedes einzelnen Dialoges. Diese Zergliederung umfaßt folgende
Punkte, die aber in Wirklichkeit bei weitem nicht so strenge ausein-
ander gehalten sind, als es in unserer Aufzählung der Fall sein
muß. Zuerst, einen vollständigen Auszug des Dialoges, in dem
kein Gedanke und keine wichtige Entwicklung übergangen ist.
Darauf, eine Beleuchtung der Aufschlüsse, welche der Dialog über
Plato's Lehren oder Methode giebt, und des Einflusses, welchen
er auf des Autors allgemeines Urtheil über Plato und seine
Schriften ausgeübt hat. Endlich werden die Gedanken, welche im
Mittelpunkte des einzelnen Dialoges stehen oder in seinem
Verlaufe berührt werden, von dem Zusammenhange losgelöst, und
einer, mitunter sehr ausführlichen, kritischen Prüfung vom Stand-
punkt Plato's sowohl als vom Standpunkte des Verfassers unter-
zogen; und, wenn das Urtheil ungünstig ausfällt, erfahren wir des
Autors eigene Ansichten über dieselben Fragen und deren Be-
gründung. Auf solche Weise wird das Buch zu einem wahren
Schathaus lehrreicher Erörterungen über die wichtigsten Fragen
der Philosophie, der speculativen wie der praktischen, während es
gleichzeitig eine erschöpfende Darstellung Plato's enthält. Wir
werden mit Plato selbst bekannt, nicht mit den Gedanken irgend
eines Anderen über Plato, und wir brauchen, außer den Auszügen,
deren Verläßlichkeit eine vollkommene ist, nichts anderes auf Treu'
und Glauben hinzunehmen. Zwar geht uns Plato's dramatische
Gewalt, seine feine Ironie und der Zauber seines Styls verloren,
dessen Wiedergabe -wenn man überhaupt hoffen könnte, dieß zu
erreichen die Aufgabe eines Uebersetzers, nicht eines Erklärers
wäre; aber alle Gedanken Plato's finden wir wieder genau wie
S.
39
Plato.
und genau wo sie in den platonischen Schriften erscheinen. Die
Behandlung eines jeden Dialoges ist so gewissermaßen ein in sich
abgeschlossenes Ganze. Eine solche Darstellung bringt nothwendig
viele Wiederholungen mit sich, da jedesmal, wenn dieselbe Idee
oder Eigenthümlichkeit Plato's in einem anderen Dialoge wieder-
kehrt, sie zu einer ganz ähnlichen Reihe von Bemerkungen Anlaß
giebt. Auch haben manche Kritiker vom formellen Standpunkt aus
diese Wiederholungen als Zeichen einer ungeschickten Anordnung des
Stoffes getadelt; aber das heißt die Absicht des Autors ver-
kennen. Er setzt sich nicht etwa aus Nachlässigkeit oder Unbeholfen-
heit diesem Vorwurf aus; er verachtet ihn und fordert ihn heraus.
Denn was bei einer Schilderung Plato's, welche sich an die Ein-
bildungskraft der Leser wendete, eine Unvollkommenheit wäre, das
wird zu einem Vorzug bei einem Buche, welches dazu bestimmt
ist, das eingehende Studium des Philosophen zu erleichtern oder
zu ersetzen. Grote wollte den Leser in den Stand setzen, sich ein
eigenes Urtheil über Plato zu bilden, wollte ihn in jedem Capitel
eben das finden lassen, was er im entsprechenden Dialog gefunden
hätte, nebst all dem, was zu dessen Verständniß und zur Beur-
theilung seines Werthes nothwendig ist. Seine eigenen Ansichten
über Plato und die von Plato behandelten Fragen kommen oft
zur Sprache, weil jeder Dialog neuen Stoff dafür bietet. Es
stand ihm allerdings frei, die Wiederholungen durch Verweisungen
auf andere Abschnitte zu ersehen, und wenn sein literarischer Ruhm
ihm höher stünde als sein Gegenstand, so hätte er diesen Weg ein-
geschlagen. Aber der Leser, welcher Belehrung sucht, zieht es im
Allgemeinen vor, daß die Dinge, an welche er erinnert werden
muß, in einer der besonderen Gelegenheit angemessenen Form und
Sprache wiederholt werden, als daß er genöthigt wird, sie in
einem anderen Abschnitt zu suchen, wo sie in einen ganz ver-
schiedenen Zusammenhang eingefügt sind. Selbst vom künstlerischen
Gesichtspunkt aus wäre es allzu engherzig, das verwerfen zu
wollen, was durch die Häufung von kleinen Zügen seine Wirkung
übt. Auch mußte Grote, dessen Meinungen vielfach vom Her-
kömmlichen abweichen, darauf bedacht sein, von der Wucht seines
Beweismaterials eine einigermaßen angemessene Vorstellung zu
geben. Alle diejenigen, welche es ermüdend finden, daß diese Be-
weisgründe gelegentlich, wo sie eben vorkommen, verwerthet werden,
hätten weit mehr Grund zu klagen, wenn dieselben abgesammelt
und auf einen Haufen zusammengetragen wären; in welchem Falle
wir vermuthen dürfen, daß wenige von ihnen sich die Mühe
genommen hätten, sie auch nur anzusehen.
S.
Plato.
40
Wahrlich, es giebt -wenn überhaupt welche - nur wenige
alte Autoren, über deren Gesinnungen und Tendenzen so viele
nachweisbar falsche Meinungen im Umlaufe sind wie über Plato;
und es giebt vielleicht keinen Schriftsteller, ihm an Werth ver-
gleichbar und von dem so viele Schriften auf uns gekommen sind,
der uns über seine Meinungen so oft in einem nicht aufzuhellen-
den Dunkel ließe. Seine Werke sind mit Ausnahme einiger
Briefe, welche (wenn wir mit Grote ihre Aechtheit annehmen
wollen) in späten Jahren geschrieben wurden und mehr biographi-
sches als philosophisches Interesse besitzen ausschließlich in der
Form von Dialogen abgefaßt, und nie ist er selbst einer der Unter-
redner. Keine der darin enthaltenen Ansichten wird als die seinige
oder in irgend welcher Verknüpfung mit seiner Person vorgebracht.
Es giebt zwar beinahe in jedem Dialog eine Hauptperson, welche
im Belehren oder im Widerlegen den Preis davonträgt; aber
dieser Hauptredner ist in der großen Mehrzahl der Fälle nicht eine
erdichtete oder unbekannte Person, die nur als das Sprachrohr
des Autors gelten könnte, sondern ein Philosoph von scharf aus-
geprägter geistiger Eigenart, welchem Plato selbst die tiefste Ehr-
furcht zollt. Es entsteht die Frage: inwieweit sind die Ansichten,
welche dem Sokrates in den Mund gelegt werden, jene des
wirklichen Sokrates oder des in seinem Namen redenden Plato?
und wenn das Erstere der Fall ist, wollte Plato zu verstehen geben,
daß er sie als seine eigenen annehme? Andererseits beherrscht
Sokrates zwar in der Mehrzahl der Fälle die Discussion, aber
doch nicht in allen. In einem Dialog, im Parmenides, nimmt er
am Gespräche nur Antheil, um von diesem philosophischen Veteranen
eine schlagende Widerlegung zu erfahren; im Sophisten" und im
Staatsmann" ist er ein bloßer Zuhörer, während der sonst von
ihm ausgefüllte Platz von einem ungenannten Fremden aus Elea
eingenommen wird, obwohl diese beiden Dialoge ausgesprochener
Maßen Fortsetzungen des Theaetet sind, in dem Sokrates die
Hauptrolle spielt. Im Timaeus und im Kritias wieder sind die
beiden Personen, nach denen die Dialoge genannt sind, die Spender
der Belehrung und Sokrates nur ein zustimmender, bewundernder
Zuhörer. In den Gesetzen" und in der Epinomis erscheint er
überhaupt nicht. Diese Verschiedenheiten müssen irgend einen
Grund haben, aber derselbe ist weder aus den Dialogen selbst
ersichtlich, noch durch äußere Zeugnisse bekannt. All das würde
wenig zu bedeuten haben, wenn in den Dialogen ein zusammen-
hängendes System von Meinungen zu erkennen wäre, das immer
festgehalten würde und stets siegreich bliebe. Aber das ist so
S.
Plato.
41
wenig der Fall, daß vielmehr ein großer Theil der Dialoge nur
ein negatives Ergebniß liefert, indem viele Meinungen der Reihe nach
geprüft und verworfen werden, und die Frage schließlich ungelöst
bleibt. Wenn in einem Dialog eine Meinung siegreich zu sein
scheint, so ist es doch fast jedesmal der Fall, daß sie in einem
anderen widerlegt wird, oder daß doch ihr anhaftende Schwierig-
keiten zu Tage kommen, die zwar häufig übergangen, aber niemals
gelöst werden. Einige. alte Kritiker famen in Folge davon auf den
Gedanken, daß Plato sich für keine bestimmte Meinung entschieden
hätte, wie dieß auch sein Meister von sich zu sagen pflegte; eine
Vermuthung, für welche sich zwar, so lange wir eine gewisse
Reihe von Dialogen in's Auge fassen, viel Scheinbares vorbringen
läßt, welche aber mit dem Geiste anderer Gespräche ganz und gar
unvereinbar ist. Außerdem muß man annehmen, daß ein Philo-
soph, welcher beinahe vierzig Jahre lang für zahlreiche Zuhörer in
öffentlicher Schule lehrte, ihnen etwas Positives zu geben hatte,
benn mit bloßem Verneinen und Widerlegen ruft man zwar Nach=
ahmer hervor, aber man erzieht keine Schüler.
Zu diesen mannigfaltigen Räthselfragen fügen die deutschen
Kritiker und Herausgeber noch eine andere hinzu, die Frage näm-
lich, welche unter den Blato zugeschriebenen Schriften wirklich von
ihm herrühren. Sie wälzen von ihrem Autor die Verantwortlich-
keit für einander widersprechende Ansichten ab, indem sie viele
Dialoge aus dem Grunde für unächt erklären, weil ihr Inhalt mit
dem Inhalt irgend eines anderen Dialoges, oder mit den An-
sichten, welche der Kritiker dem Philosophen zuschreiben zu müssen
glaubt, unvereinbar ist; oder auch nur auf Grund des geringeren
künstlerischen Werthes; denn einzig und allein von Plato unter
allen Schriftstellern oder Künstlern scheint man anzunehmen, daß
er kein Werk hervorgebracht haben kann, das nicht seinen voll-
kommensten Erzeugnissen ebenbürtig ist. Ueber diese Kritiker gewinnt
Grote einen entscheidenden Sieg, indem er die überwältigende
Kraft der äußeren Zeugnisse in's Feld führt, wobei er nachweist,
daß die auf inneren Gründen beruhenden Verwerfungen einen idealen
Plato voraussetzen, welcher blos in der Einbildung des Kritikers
besteht, und indem er ferner darthut, daß die in den verworfenen
Dialogen vorfindlichen vermeintlichen Merkmale der Unächtheit sich
ebenso in denjenigen finden, welche niemand als unächt verwirft oder
verwerfen kann, da sie selbst den Maßstab bilden, mit dem die anderen
gemessen und auf Grund dessen sie verworfen werden. Wären wir
nun gleichwie über die Aechtheit der platonischen Schriften, so auch
über die Reihenfolge ihrer Abfassung in verläßlicher Weise unterrichtet,
S.
Plato.
42
so würden wir vielleicht finden, daß ihre Discrepanzen verschie
benen Entwicklungsstufen seines eigenen Geistes entsprechen. Aber
wir besigen über diesen Gegenstand nichts als Vermuthungen, von
denen jede selbst erst auf einer Annahme über eben den Gegen-
stand, den sie erklären soll, beruht. Die unvollkommene Art und
Weise der Bekanntmachung der alten Schriften bei ihrem Er-
scheinen, die hauptsächlich darin bestand, daß der Autor oder irgend
Einer, dem er eine Abschrift zu nehmen erlaubt hatte, sie laut
vorlas, macht es unmöglich, die zeitliche Aufeinanderfolge der Werke
eines Schriftstellers, wenn sie irgend zahlreich sind, zu bestimmen.
Mehrere Dialoge lassen durch ihre Anspielungen auf historische
Ereignisse einen Zeitpunkt erschließen, welcher, wie man
nimmt, der Zeit ihres Erscheinens vorherging; aber selbst diese
Annahme ist unsicher, da, wie wir von Dionysius erfahren, Plato
seine Schriften bis an sein Lebensende gefeilt und verbessert hat.
Wenn ein Dialog sich als die Fortsetzung eines anderen ankündigt,
so wurde er wahrscheinlich, obwohl auch nicht sicher, später als
dieser abgefaßt. Es besteht die Vermuthung, daß die Dialoge,
welche blos eine Untersuchung enthalten, aus früherer Zeit stammen,
als diejenigen, welche eine bestimmte Lehre darlegen und ein-
schärfen; obwohl, wie einer der besten deutschen Plato-Kritiker be-
merkt *), auch dieß mit einer Einschränkung verstanden werden
muß, da ja Plato untersuchende Dialoge auch dann noch verfaßt
haben kann, nachdem er mit den didaktischen begonnen hatte.
Endlich sprechen noch directe Zeugnisse im Verein mit innerer
Wahrscheinlichkeit dafür, daß man die,,Geseze" nach der Republik
und an das Ende von Plato's Laufbahn zu stellen hat. Das ist
fast Alles, was wir aus den Werken selbst für die Feststellung der
Reihenfolge, in der sie abgefaßt wurden, entnehmen können; doch liefert
uns Aristoteles noch einen kostbaren, wenngleich nicht sehr weit-
reichenden Aufschluß in Betreff einiger metaphysischer Lehren, welche
Plato in seiner lezten Zeit vortrug und welche zwar von denen,
die wir aus den Dialogen kennen, erheblich abweichen, aber
zu denen doch der Gedankengang einiger unter ihnen hinzuleiten
scheint. Wir können deshalb eben diesen Dialogen die letzten
Stellen unter seinen Schriften anweisen, und zwar in der Ordnung,
in welcher sie sich seinen spätesten Lehren nähern. Wenn wir
diesem Anhaltspunkte, welcher mit anderen inneren Merkmalen
gut übereinstimmt, folgen, erhalten wir als die letzten Glieder der
Reihe: Republik, Timaeus (mit seinem unvollendeten Anhang Kritias),
an=
*) Ueberweg. S. Grote, I, 184.
S.
43
Plato.
die Geseze" mit ihrer Ergänzung Epinomis (die Republik wahr-
scheinlich durch einen ansehnlichen Zeitraum von den letzten beiden
getrennt) und den Philebus, den wir für später halten als die
Republik; vielleicht ist sein Plaz irgendwo zwischen den erwähnten
Schriften.
Bei so spärlichen directen Kenntnissen von Plato's Gesinnung
und Tendenzen war der Willkür, mit der seine Leser und Be-
wunderer aus dem allgemeinen Ton seiner Schriften Theorien ab-
leiteten, keine Schranke gesetzt. Vieles kann ohne Zweifel daraus
abgeleitet werden, aber es gehört mehr dazu als blos eine Kennt-
niß Plato's, um zu entscheiden, was. Große Männer und große
Schriftsteller überleben die Ideen und die meisten Denkmäler ihrer
Zeit und gelangen auf die Nachwelt losgelöst von dem Element,
in dem sie lebten und ohne dessen Berücksichtigung wir ihre Ge-
danken nicht richtig verstehen können. Das ist ganz besonders bei
großen Reformatoren der Fall. Wie würden wir die Aussprüche
eines Luther, Fichte, Bentham, Voltaire, Rousseau, Fourier,
Owen dürfen wir hinzufügen, eines Carlyle? beständig
mißverstehen, wenn wir von ihrem Zeitalter und von den Menschen
und Dingen, die sie angriffen, nichts weiter wüßten, als was sie
uns selbst erzählen! Männer, die mit der Gesammtheit ihrer
Zeitgenossen in offenem Kampfe liegen, machen jene Unterscheidungen
nicht, welche die Nachwelt zu machen verpflichtet ist; und ihre all-
umfassenden Anklagen, lassen, eben weil sie von ihnen kommen,
nicht dieselben Schlüsse zu, die man aus derartigen Behauptungen
von Seiten anderer Männer ziehen könnte, die ihnen vielleicht an
Bedeutung weit untergeordnet sind, die aber nicht so weit von der
übrigen Welt abstehen, daß sich ihnen alle Unterschiede der Ent-
fernung verwischen. Diese Vorsicht ist im Falle Plato's gänzlich
vernachlässigt worden, und doch war sie bei keinem der großen Denker
und Schriftsteller, von denen wir Kunde haben, mehr von Nöthen.
Wenn Plato von seinen Landsleuten oder von einer Classe oder
einem Stande unter ihnen harte Dinge sagt, so beurtheilt er sie
nach ihrer Entfernung von seinem Standpunkt, welcher ohne Zweifel
in vielen Hinsichten (wenngleich durchaus nicht in allen) dem
ihrigen überlegen war; aber es war dieß ein Standpunkt, den
er selbst als einen neuen und originellen bezeichnete, und der
von dem Standpunkt des modernen Europäers oder Engländers
gewiß ebensoweit abstand, als vom athenischen. Und doch werden
die Anklagen, die er von seinem eigenen Standpunkt aus gegen
sie schleudert, von uns beinahe so aufgefaßt, als ob sie von dem
unserigen kämen, und wir bilden uns ein, daß ihr Leben und
S.
Plato.
44
ihre Gesinnungen uns ebenso tadelnswerth und verächtlich erscheinen
würden, wenn wir eine eingehende Kenntniß von ihnen hätten,
als sie Plato erschienen; während wir sie im Gegentheil, mit ein
paar oberflächlichen Unterschieden, den unsrigen sehr ähnlich finden
dürften. Und es ist völlig gewiß, daß Plato, wenn er heute in's
Leben wiederkehrte, eben so voll von Verachtung gegen unsere
Staatsmänner, Anwälte, Geistlichen, öffentlichen Lehrer und Schrift-
steller (wie gegen alle Anderen unter uns, die auf geistige Ueber-
legenheit Anspruch machen) sein würde, als er gegen die ent-
sprechenden Classen in Athen war. Und diese würden ihrerseits
von ihm nicht viel anders denken als von sonstigen Freidenkern,
Socialisten und schwärmerischen Weltverbesserern.
Die allgemein verbreitete Ansicht über Plato lautet etwa wie
folgt: die Athener und die übrigen Griechen waren in tiefen
fittlichen Verfall durch eine Reihe von Betrügern gestürzt worden,
welche Sophisten hießen, Männer, die sich ein allumfassendes
Wissen zuschrieben und einfache Leute zu verwirren verstanden,
indem sie dieselben in ein Netz von Worten verstrickten, die
reiche Jünglinge verdarben, indem sie alle moralischen Unter-
schiede leugneten und sie die Kunst lehrten, eine Volksversammlung
irre zu führen. Das Leben und die Wirksamkeit von Sokrates
und Blato hatte zum Hauptzweck, den Lehren und dem Einflusse
dieser Männer entgegenzuarbeiten; sie widmeten sich der Aufgabe,
die Sache der Tugend gegen unmoralische Spitfindigkeiten in
Schutz zu nehmen, aber sie kamen zu spät, das Uebel hatte bereits
zu sehr um sich gegriffen, und die letzte Folge der von den Sophisten
hervorgerufenen Verderbniß war der Untergang Griechenlands. In
der eigentlichen Philosophie, meint man, seien Plato's Specula-
tionen von ähnlichen Tendenzen geleitet worden. Er war der
Gründer und das Haupt der idealistischen oder spiritualistischen
Schule, im Gegensatz zur materialistischen oder sensualistischen,
welche durch den Einfluß der Sophisten die allgemein herrschende
geworden sein sell; und er war der Vertheidiger des intuitiven
oder aprioristischen Charakters der moralischen Wahrheit, im
Gegensatz zu der von den meisten Plato-Kritikern als gemein und
herabwürdigend angesehenen Nützlichkeitslehre.
Die Leser von Grote's Geschichte Griechenlands kennen die
schwer wiegenden Argumente, welche dort gegen diese landläufige
Ansicht in's Feld geführt wurden. Grote glaubt nicht, daß die an-
gebliche ſittliche Entartung eine Thatsache war, und er leugnet
entschieden, daß die Sophisten Schuld daran waren, oder daß die
mit diesem Namen bezeichneten Personen irgend welche Lehren,
S.
Plato.
45
geschweige denn die ihnen zugeschriebenen unſittlichen, mit einander
gemein hatten. Er behauptet, es sei keineswegs erwiesen, daß
irgend einer von ihnen die angeführten Meinungen gelehrt hat,
und es sei vollständig erweisbar, daß einige darunter das Gegen-
theil lehrten; er behauptet, daß die Sophisten keine Secte sondern
die Gesammtheit der Lehrer von Beruf waren, und daß die von
ihnen vorgetragenen Vorschriften der Moral und der Klugheit, wie
das überall bei den berufsmäßigen Lehrern als Classe der Fall ist,
die allgemein geltenden und als rechtgläubig anerkannten Lehren
ihres Landes waren; daß Plato's Kampf eben gegen diese gang-
baren Ansichten gerichtet war, und daß daher seine Gegnerschaft
gegen die Sophisten stammt; und daß endlich sein Zeugniß gegen
sie, wäre es selbst weit belastender als es ist, uns so lange nichts
gelten kann, als wir nicht, gleich ihm, unsere Verdammung auf
das Verhalten der Menschheit im Allgemeinen ausdehnen wollen.
Diese Ansichten Grote's, von deren buchstäblicher Wahrheit wir
überzeugt sind, erfahren durch seine Prüfung der platonischen
Schriften eine immer neue Bekräftigung; ja wir halten es für
möglich, seine Beweisführung noch zu verstärken, indem wir nach-
weisen, daß Plato's eigene Schilderung der Sophisten der gegen
dieselben auf Plato's Autorität hin erhobenen Anklage widerspricht.
Zunächst, wer waren die Sophisten? Im weiteren Sinne
des Wortes war es eine allgemeine Bezeichnung für Männer, welche
sich mit philosophischen Speculationen abgaben. Alle die älteren
Philosophen, deren Theorien in Grote's ersten zwei Capiteln dargestellt
werden, wurden im gewöhnlichen Sprachgebrauch Sophisten ge-
nannt, besonders dann, wenn sie, wie es wahrscheinlich bei
ihnen allen der Fall war, mündlich lehrten und sich für ihren
Unterricht bezahlen ließen. Boeckh sagt vom berühmten Mathe-
matiker Eudoros, einem von Plato's Zeitgenossen:,,dort lebte er
als Sophist, das heißt, er lehrte und hielt Vorträge *)." Gegen
diese Männer als Gesammtheit wird keine Anklage vorgebracht;
auch zeigt Plato keine Feindseligkeit gegen sie. Aber die eigentlich
so genannten Sophisten waren Männer, welche über menschliche,
im Unterschiede zu kosmischen Problemen forschten, welche aus dem
Unterricht in der bürgerlichen Weisheit einen Beruf machten, und
junge Männer in solchen Kenntnissen ausbildeten, welche eine Aus-
rüstung für das sociale oder politische Leben bildeten. Als ein Mann,
dessen ganzes Leben der Erforschung dieser Gegenstände gewidmet
war, wurde auch Sokrates, sowohl während seines Lebens, als
*) Grote, I, 123, Anmerkung.
S.
Plato.
46
nach seinem Tode, zu den Sophisten gezählt. Aeschines nennt
ihn so in seiner Rede gegen Timarchos. Isokrates, der in
einer Rede des Demosthenes *) selbst ein Sophist heißt, deutet in
unverkennbarer Weise auf Plato als einen Sophisten hin **).
Ein Sophist mit Namen Mikkos erscheint im platonischen Dialog
Lysis als Begleiter und Lobredner (enavárys) des Sokrates.
Die hervorragendsten Sophisten aber, welche Zeitgenossen des So-
krates waren, die vermeintlichen Häupter jener unmoralischen und
verderblichen Lehrer, gegen welche er angekämpft haben soll,
waren Protagoras, Prodikos und Hippias. Sie kommen alle brei
in dem großen und vielseitigen Werke Plato's vor, welches den
Namen Protagoras trägt, und werden auch in anderen Dialogen
oftmals namentlich erwähnt; ja mit Hippias allein beschäftigen sich
zwei Dialoge. Während sich nun in diesen Schriften die deutliche
Absicht Plato's kundgiebt, den Ruhm dieser Männer zu verkleinern
und sie der Unwissenheit in den Dingen zu zeihen, welche sie zu
lehren sich erboten, wird ihnen doch nie ein Gedanke oder eine
Gesinnung von irgend unsittlicher Tendenz zugeschrieben, hingegen
oftmals ernste und eindrucksvolle Ermahnungen zur Tugend.
Dem Protagoras insbesondere wird eine Rede über die sitt-
lichen Tugenden in den Mund gelegt, welche Grote ***) mit
Recht für,,eine der schönsten Stellen in Plato's Schriften" hält.
Sie wird durch einen Zweifel veranlaßt, welchen Sokrates, ernst-
haft oder ironisch, in Betreff der Lehrbarkeit der Tugend äußert,
und zwar deswegen, weil es nicht wie für andere Dinge, so auch
für die Tugend anerkannte Lehrer gebe. Diese Thatsache räumt
Protagoras ein und sagt: der Grund, warum es keine besonderen
Lehrer der Tugend giebt, ist, daß alle Menschen sie lehren. Ge-
schicklichkeit in einer besonderen Kunst oder einem besonderen
Handwerk brauchen nur Wenige zu besitzen zum Besten Aller;
aber sociale und bürgerliche Tugend, die in Gerechtigkeit und
Selbstbeschränkung besteht, ist bei Jedermann unerläßlich; und da
die Wohlfahrt eines Jeden das Vorhandensein dieser Tugend bei
den Anderen gebieterisch fordert, so schärft sie ein Jeder allen
Uebrigen ein. Es folgt darauf eine ebenso beredte als ächt philo-
sophische Auseinandersetzung +) über die Entwicklung und Ver-
breitung des Gemeingefühls, der Allen gemeinsamen, fest-
*) Contra Lacritum. Grote, III, 178, Anmerkung.
**) In seiner oratio ad Philippum. S. Grote, III, 462.
Grote, II, 45.
+) ebend.
S.
47
Plato.
gewurzelten, fittlichen und gesellschaftlichen Gesinnung in einem
Gemeinwesen; eine Gesinnung, welche weder zu Anfang von einem
künstlerischen oder wissenschaftlichen Gesetzgeber vorgeschrieben, noch
in einer besonderen, von der übrigen Gemeinschaft getrennten,
Classe oder Gilde verkörpert, noch durch förmliche berufsmäßige
Lehrer eingeschärft, noch durch logische Zergliederung geprüft, noch
durch Vergleichung mit einem objectiven Maßstab bewahrheitet
worden ist; sondern welche von selbst erwachsen ist und sich selbst
behauptet, und welche geprägt, vervielfältigt und im Umlauf er-
halten wird durch die verabredungslose Verschwörung der Gesammt-
heit durch die allgegenwärtige Wirksamkeit des Königs Nomos *)
und seiner zahlreichen Parteigänger". Diesen gebräuchlichen Maß-
stab der Tugend nimmt auch Protagoras in vollem Umfang an.
Er hält es **),,für ausgemacht, daß Gerechtigkeit, Tugend, Gut
und Böse u. s. w. bekannte, genau definirte, unbestreitbare Dinge
sind, welche gründlich verstanden und von Allen gleich gedeutet
werden. Er erhebt nicht den Anspruch, die allgemeine Meinung
zu verbessern, sondern er ***),,lehrt in seinen beredten Dar-
stellungen und Erläuterungen dieselbe öffentliche und private Moral,
welche jeder Andere lehrt; nur kann er einigermaßen wirksamer
lehren als diese", und +),,worin er die große Masse zu überbieten
behauptet, darin überbietet er sie wirklich". Sokrates aber (oder
Plato unter seinem Namen) nimmt diesen gebräuchlichen Maßstab
der Tugend nicht an, betrachtet Gerechtigkeit, Tugend, Gut und
Böse nicht als Dinge, die wohl verstanden werden, sondern als
solche deren Wesen und deren Wortverstand erst zu erforschen iſt,
und wird natürlich in diesem Punkte mit Protagoras handgemein;
indem er nun das ganze Kreuzfeuer der sokratischen Methode auf
ihn wirken läßt, überführt er ihn der Unfähigkeit, eine Definition
oder Theorie dieser Dinge zu geben, welche Unfähigkeit in der
Redeweise Plato's so ausgedrückt wird, daß er nicht wisse, was diese
*) Nóμоs лávτwv ßaotlevs, ein Wort des Pindar, welches von
Herodot (wie auch von Plato selbst, im Gorgias) citirt, und von Grote bei
vielen Anlässen überaus glücklich angewendet wird. Grote sagt (I, 252):
„Man muß sich die weite Bedeutung des Wortes Nóuos, wie es von
Bindar und Herodot gebraucht wurde, vor Augen halten. Dieselbe um-
faßt positive Moralvorschriften, religiöse Ceremonien, geheiligte Gebräuche
und locale Neigungen oder Abneigungen." Nóuos, so verstanden, schließt
alles ein, was durch Gesez, Sitte oder die allgemeine Gefühlsweise anbefohlen
und alles was im Berlaß auf diese freiwillig anerkannt wird.
**) Grote, II, 47.
***) ebend., 73.
†) ebend., 77.
S.
Plato.
48
Dinge sind. Diese Schwäche des Protagoras in der Discussion
und das Nichtſtandhalten seiner Ansichten einer logischen Prüfung
gegenüber werden mit großem Nachdruck gegen den Sophisten
geltend gemacht. Aber es ist bemerkenswerth, daß so oft Pro-
tagoras bei der Beantwortung der Fragen des Sokrates genöthigt
ist, zwischen zwei Meinungen zu wählen, von denen die eine
in Wirklichkeit oder dem Anschein nach die sittlichere oder er-
habenere iſt, er sich nicht nur für die höhere Ansicht entscheidet,
sondern auch erklärt, daß keine andere Entscheidung zu seiner Ver-
gangenheit stimmen würde, die (wie er oftmals bemerkt) ihm nichts
zuzugeben gestatte, was die Würde oder die Anforderungen der
Tugend herabsetzt. Es wird dadurch bewiesen (soweit etwas, was
ihm Plato in den Mund legt, überhaupt Beweiskraft haben kann),
daß er nicht nur niemals andere als tugendhafte Lehren vortrug,
sondern daß er auch in dieser zwiefachen Rücksicht, als Vertreter
tugendhafter Doctrinen wie um seines musterhaften und ehrenvollen
Lebenswandels willen, einen fest gegründeten Ruf besaß. Endlich
ist es Sokrates, welcher in diesem Dialog die,,entwürdigende"
Lehre des Utilitarianismus versicht wenigstens jenen Theil
desselben, der dessen Widersachern am meisten verhaßt ist, nämlich
die Lehre des Hedonismus, welche besagt, daß Lust und Abwesen-
heit von Schmerz die Endzwecke der Moral sind, im Gegensatz zu
Protagoras, dem diese Ansicht widerstrebt. Diese Umkehrung der
Rollen, welche die erwähnten Kritiker den beiden Lehrern zugewiesen
haben, ist einigen derselben so unbequem, daß sie (um nur Plato
nicht eine so gemeine" Lehre zuschreiben zu müssen) zu der un-
gereimten Aufstellung ihre Zuflucht nehmen, eines der schönsten
Muster von Analyse in Plato's Schriften sei ironisch gemeint,
um einen Sophisten lächerlich zu machen, der doch gar nicht
als Vertreter der darin enthaltenen Ansicht dargestellt wird.
Fügen wir hinzu, daß Protagoras, obwohl anfangs über seine
Widerlegung durch Sokrates verstimmt, doch im besten Einver-
nehmen von demselben scheidet und ihm am Schlusse des Dialoges
verkündet, daß er es zu
bringen werde. 3 großer Vollkommenheit in der Weisheit
Dem Prodikos von Keos ist kein Dialog gewidmet, auch
finden wir Sokrates niemals damit beschäftigt, seine Ansichten zu
widerlegen. Abgesehen von ein paar hauptsächlich auf seine subtilen
Wortunterscheidungen zielenden Strichen heiterer Spottlust, die sich
zumeist im Protagoras finden, und deren Absicht weniger die
Herabsetzung des Prodikos, als die Steigerung des dramatischen
Interesses des so hochdramatischen Dialoges sein dürfte, und ab-
S.
Plato.
49
gesehen davon, daß er seinen Theil an den Spöttereien hat, welchen
sich die Sophisten wegen des Geldes, das sie von ihren Schülern
nehmen, gefallen lassen müssen, wird Prodikos von Plato mit auf-
fälliger Rücksicht behandelt. Sokrates bekennt nicht nur, daß er
ihm als Denker verpflichtet sei, sondern er nennt ihn auch mehr
als einmal, wenigstens halb ernsthaft, seinen Lehrer; und im
Theaetet läßt ihn Plato sagen, daß er in den Unterredungen mit
jungen Männern die Fähigkeit befize, herauszufinden, welchen er
selbst nichts nüßen könne, und zu beurtheilen, welcher Lehrer ihnen
zuträglich sein werde, und daß er viele an den Prodikos gewiesen
habe, ein sicherer Beweis, daß in Plato's Augen Prodikos kein
Jugendverderber, sondern ein Verbesserer der Jugend war. That-
sächlich kennen wir Prodikos als Verfasser des berühmten Apologs,
,,die Wahl des Herakles" genannt, einer der nachdrücklichsten Er-
mahnungen in dem Gesammtbereiche der alten Literatur, ein Leben
voll Arbeit und Entsagung einem Leben des Genusses und Be-
hagens vorzuziehen. Der Inhalt dieser Schrift ist uns durch
Xenophon erhalten worden, in dessen Memorabilien Sokrates dieselbe
dem Aristipp in Erinnerung bringt und dazu bemerkt, daß dieß ein
Lieblingsvortrag des Prodikos war, einer derjenigen, die er am
häufigsten gehalten habe *); und dieses Stück zeigt eine nähere Ver-
wandtschaft, als irgend etwas in Plato's Schriften, mit den mora-
lischen Lehren, welche Xenophon dem wirklichen Sokrates zuschreibt.
Prodikos also kommt bei allen Anklagen, welche gegen die Sophisten
wegen entsittlichender Lehren oder eines derartigen Einflusses er-
hoben werden, ganz und gar nicht in Betracht.
Hippias, ein Mann, der unter seinen Zeitgenossen durch die seltene
Vielseitigkeit seiner Fähigkeiten hervorragte, wird von Plato weniger
rücksichtsvoll behandelt. Die beiden Dialoge, welche seinen Namen
führen, stellen ihn nicht nur (gleich Protagoras) als unfähig dar, es
mit Sokrates in der philosophischen Debatte aufzunehmen, oder
eine philosophische Theorie der Gegenstände zu geben, über welche
er zu sprechen gewohnt war, sondern sie überhäufen ihn auch mit
Spott von gröberer Art, als sonst bei Plato gewöhnlich ist, wegen
seiner naiven Eitelkeit und seines Selbstvertrauens. Es ist wohl
möglich, daß der wirkliche Hippias in dieser Hinsicht zum Spotte
Anlaß gab; aber von jeder Spur einer unmoralischen oder laster-
haften Lehre ist der Hippias Plato's ebenso frei wie sein Prota-
goras und sein Prodikos. Im sogenannten kleineren Hippias wird
dieser Sophist eingeführt, wie er eben unter großem Beifall eine
*) önεp dy xai nhɛiotois Endeixvvrat Xenoph. Mem. II, 1, 21.
Mill, ges. Werke. XII.
4
S.
Plato.
50
Lobrede auf den Charakter des Achilles in der Ilias, verglichen
mit dem des Ulysses in der Odyssee, geschlossen hat, in welcher er
die große moralische Ueberlegenheit des Ersteren hervorgehoben
hatte. Nun gaben selbst die besseren Griechen dem offenen,
freimüthigen und rückhaltslosen Charaktertypus nicht allemal so
entschieden den Vorzug vor jenem, welcher lobenswerthe Ziele mit
Schlauheit und Verstellung verfolgt; so daß Hippias von Plato
als ein Mann dargestellt wird, dessen moralische Vorstellungen,
soweit sie von den allgemein geltenden abweichen, auf einer
ungewöhnlich hohen Stufe standen, ähnlich wie dieß in Betreff des
Sophokles aus dem Charakter des Neoptolemos im Gegensatz zum
Ulysses in seinem,,Philoktet" erhellt. Der Sophist hält an dieser
Hochstellung der Wahrhaftigkeit und Aufrichtigkeit durch den ganzen
Dialog fest, während die einzige darin vorkommende ethische Lehre
von üblem Klang dem Sokrates selbst zugetheilt ist. Dieser stützt
nämlich auf eine Reihe von Argumenten, die Hippias zu wider-
legen sich gänzlich außer Stande sieht, die Behauptung, daß Jener,
der wissentlich etwas Falsches sagt, weniger schlecht ist als Jener,
der es unwissentlich sagt, und stellt den allgemeinen Satz auf, daß
,,wer die Menschen mit Absicht schädigt oder betrügt oder belügt
oder ihnen Böses zufügt, besser ist als Jener, der dasselbe unab-
sichtlich thut".*) Grote bemerkt dazu mit Recht, daß,,wenn dieser
Dialog in solcher Form auf uns gekommen wäre, daß die Rollen
vertauscht und das Räsonnement des Sokrates dem Hippias in
den Mund gelegt wäre, die meisten Kritiker darin wahrscheinlich
ein Gewebe von Sophismen erblickt hätten, welches die harten
Beinamen, die sie den athenischen Sophisten als Personen, welche
zwischen Wahrem und Falschem keinen Unterschied machen, gleich-
wie als Zerstörern der Moral und Verderbern der Jugend
ertheilen, vollauf rechtfertigen kann. Aber in Wirklichkeit wird
Alles, was im Munde des Hippias für Sophisterei gegolten
hätte, von Sokrates vorgebracht, während Hippias nicht nur seinen
Folgerungen widerstrebt und an der hergebrachten ethischen Ge-
sinnung selbst dann hartnäckig festhält, wenn er nicht im Stande
ist, sie logisch zu vertheidigen, sondern auch die ihm von Sokrates
aufgedrungenen Sätze verabscheut, gegen seine eigensinnige Streit-
sucht protestirt und sich nur durch vieles Zureden bewegen läßt,
die Unterredung fortzusetzen".**) Es ist klar, wie vortheilhaft die
Ankläger des Sokrates diese seine Lehre vor den Geschworenen
*) Grote, I, 390.
**) ebend., 394.
S.
51
Plato.
hätten verwerthen können, obwohl sie weiter nichts ist, als eine
paradore Form, welche der wirkliche Sokrates (wie wir durch
Xenophon erfahren) einer seiner Lieblingslehren gab, die von Plato
angenommen und nachdrücklich verfochten wurde: daß nämlich die
Erkenntniß die Wurzel aller sittlichen Vollkommenheit sei.
Außer diesen drei ausgezeichneten Männern sind die beiden
Brüder im Euthydemus die einzigen Sophisten (im engeren Sinne),
welche von Plato redend eingeführt oder im Wortkampf mit
Sokrates dargestellt werden; diese werden aber nicht als Personen
von irgend welcher Berühmtheit geschildert (obwohl jemand, der
den Namen Euthydem führt, im Cratylus in Verbindung mit
einem philosophischen Paradoxon erwähnt wird), sondern als alte
Männer, die ihr Leben mit Unterweisung in gymnastischen und
militärischen Uebungen und in der Rhetorik verbracht und erst
ganz kürzlich der Dialektik oder der Kunst der Discussion ihre
Aufmerksamkeit zugewendet haben. Wir wissen sonst nichts über
diese Personen, welche vielleicht vollständig erfunden sind; in
jedem Fall aber macht die Sorgfalt, mit der sie als Neulinge in
ihrer Kunst dargestellt werden, es unmöglich, sie als Vertreter
der Sophisten anzusehen. Die Absicht dieses Dialoges ist offen-
bar die, die gegen Sokrates, und ohne Zweifel auch gegen Plato,
erhobene Anschuldigung zurückzuweisen, daß sie sprachliche Gau
teleien und logische Verirkünste betrieben; und das geschieht durch
die Zeichnung eines Zerrbildes des unsinnigsten logischen Gaukel-
spiels in der Person von Euthydem und Dionysodor einerseits,
und andererseits dadurch, daß ein Muster von Plato's Ideal der
ächten sokratischen Methode vorgeführt wird; es werden die wirk-
liche Dialektik und die Eristik einander gegenübergestellt; die
letztere verwirrt und demüthigt einen unbefangenen Jüngling,
indem sie ihn mittelst sprachlicher Zweideutigkeiten in offenbare
Sinnlosigkeiten verwickelt, während die erstere ihn ermuthigt und
zum kräftigen Gebrauche seines Verstandes anspornt, indem sie
sein Denken klärt und läutert. Grote's Bemerkungen über diesen
Dialog, wie über die meisten andern Gespräche, sind ausnehmend
anziehend und werthvoll. Es genügt hier zu bemerken, daß die
Absicht des Euthydemus nicht dahin geht, irgend wen herabzu-
setzen, sondern die gegen die Dialektik erhobenen Anklagen zurück-
zuweisen, indem die löbliche Form derselben in scharfem Gegensatz
zu der verwerflichen dargestellt wird.
Es findet sich somit absolut nichts in Plato's Schilderung
der einzelnen Sophisten, was die gewöhnlich gegen dieselben vor-
gebrachten Anschuldigungen rechtfertigen könnte. Es giebt aber eine
4*
S.
Plato.
52
andere Classe von Lehrern, mit denen er allerdings härter ver-
fährt, und denen er, wenngleich nur einmal, in der That un-
moralische Lehren in den Mund legt. Dieses sind die Rhetoriker
oder Lehrer der Redekunst; ein Beruf, der manchmal mit dem
eines Sophisten zusammenfiel, der aber von Plato in demjenigen
seiner Werke, in welchem er mit der Redekunst am schärfsten in's
Gericht geht, sorgfältig davon getrennt wird. Die Muster dieser
Gattung sind Gorgias, Polos und Thrasymachos; und über alle
diese erringt Plato's Sokrates glänzende Siege. Da demnach in
Betreff der Angriffe Plato's gegen die Rhetoriker etwas mehr
Begründung für die gewöhnliche Auffassung vorhanden ist als im
Falle der Sophisten, so ist es wohl der Mühe werth zu zeigen, wie
wenig dieses Etwas beträgt.
Die Rhetorik, als Kunst der Ueberredung, ist nothwendig
dem Vorwurf ausgesetzt, daß sie in gleicher Weise zur Unter-
stützung des Rechts wie des Unrechts verwendet werden und daß
sie dazu dienen kann,,die schlechtere Sache als die bessere erscheinen
zu lassen". Aber so weit waren ihre beliebtesten Lehrer in Griechen-
land davon entfernt, sie zu solchen Zwecken zu lehren oder zu
empfehlen, daß wir Gorgias, den berühmtesten unter ihnen, in dem
Dialog, welcher seinen Namen führt und dazu bestimmt ist die
Rhetorik und ihre Vertreter zu Boden zu strecken, einen solchen
Gebrauch der Kunst mit Entschiedenheit von sich weisen sehen.
Nachdem er in hochtönenden Worten den Werth seiner Kunst
gepriesen hat, den politischen Einfluß und die Macht, mit welcher
fie ihre Adepten ausrüstet, bemerkt er weiter, daß sie gleich allen
anderen Fähigkeiten zu guten Zwecken gebraucht werden sollte;
und gleich wie die Lehrer der Gymnastik nicht getadelt oder aus der
Stadt vertrieben werden, wenn einer ihrer Schüler seine Körper-
fraft zur Mißhandlung seiner Eltern oder Freunde mißbraucht, so
sei es auch nicht die Schuld der Lehrer der Redekunst, wenn ihre
Jünger das ihnen verliehene werthvolle Vermögen zu ungerechten
Zwecken gebrauchen; denn sie (die Lehrer) haben es ihnen zur
richtigen Verwendung gegen die Feinde des Staates und gegen
Missethäter, zur Abwehr und nicht zum Angriff verliehen."
So weit Gorgias, welcher selbst in diesem hochpolemischen Dialoge
mit beträchtlicher Achtung behandelt wird und dessen Würde dadurch
gewahrt erscheint, daß ihn Plato dem Kreuzverhör des Sokrates
entrückt, sobald der Kampf ernsthaft zu werden anfängt. Wir
dürfen füglich annehmen, daß sein Unterricht ebenso erhaben über
jede Anschuldigung der Immoralität war wie jener des Isokrates,
des berühmtesten und erfolgreichsten griechischen Lehrers der Rede-
S.
53
Plato.
kunst, dessen Werke auf uns gekommen sind, und auf dessen ernste
und eindrückliche Mahnungen zur Tugend wir blos hinzuweisen
brauchen.
Der Streit wird von Polos weiter geführt, einem anderen
Lehrer der Redekunst, welcher als ein viel jüngerer und sehr
übermüthiger Mann geschildert wird. Zwischen diesem und So-
krates entſpinnt sich nun eine dramatisch belebte Discussion mit
viel Heftigkeit auf der einen und viel Sarkasmus und Ironie
auf der andern Seite. Sokrates behauptet, daß ungerechtigkeit
üben das größte Uebel sei, ein viel größeres als Ungerechtigkeit
erleiden; während Polos im Gegentheil behauptet, daß ein un-
gerechter Mann, welcher der Strafe entgeht und die Ungerechtigkeit
in so großem Maßstab übt, daß er durch sie einen glänzenden
Erfolg erringt besonders dann, wenn er sich zum Alleinherrscher
seiner Stadt aufwirft in höchstem Maße beneidenswerth ist.
Das scheint nun Wasser auf die Mühle von Grote's Gegnern zu sein,
ist aber in Wahrheit eine wirksame Bekräftigung seiner Ansicht;
denn es kann keinem Leser Plato's entgehen, daß, was Polos hier
ausspricht (obwohl es vom platonischen Protagoras als ein
Vorurtheil des gemeinen Volkes verleugnet wird) *), die allgemein
angenommene Meinung und feststehende Gesinnung der griechischen
Welt war. Darauf beruft sich auch Polos und sagt:,,Frage nur
irgend einen der Anwesenden", worauf Sokrates erwiedert:,,An-
statt mich durch Gründe zu widerlegen, erdrückst du mich durch
Zeugen-Aussagen, wie ein Redner vor Gericht. Ich zweifle nicht,
daß alle Zeugen auf deiner Seite stehen. Wenn du den Nikias
fragst" (welcher als der sittlich reinste Bürger und Staatsmann
seiner Zeit galt),,oder den Aristokrates oder das ganze Haus des
Perikles oder jede andere beliebige Familie, kurz jeden Athener
oder Fremden, den du willst, so werden sie dir alle beistimmen;
ich aber, ein einzelner Mann, stimme dir nicht bei, und der einzige
Zeuge, den ich anrufen werde, wirst du selbst sein; wenn ich dich nicht
davon überzeugen kann, daß ich Recht habe, so werde ich glauben,
nichts geleistet zu haben." Aehnliche Belege für die Allgemeinheit
dieser Ansicht finden sich auf jeder Seite der platonischen Dialoge.
Ob es der ehrgeizige und gesinnungslose Altibiades, oder der
jugendliche und lernbegierige Theages, oder die zwei ernſten, ehr-
würdigen Alten aus Kreta und Lakedaemon sind, welche in den
Gesetzen" auftreten, sie sprechen Alle mit einer Stimme: der
Alleinherrscher, der die Gewalt usurpirt hat und jeder Andere,
*) Plato, Protagoras, 333 C, D, und 359 E.
S.
Plato.
54
der durch ungerechtigkeit hervorragende Erfolge erzielt, ist ein
beneidenswerther Mann; - ein solcher Mann (fügen sie ge-
wöhnlich hinzu), wie wir und die ganze Welt und auch du,
Sokrates, wenn du es nur vermöchtest, gerne sein wolltest.
Sokrates erhebt den Anspruch auf vollkommene Originalität in
Betreff der entgegengesetzten Meinung, daß nämlich ungerechtigkeit
ein Uebel ist, und zwar das ärgfte, das den Menschen treffen
fann ein Sat, mit welchem wir durch die Lehren Plato's
selbst, der Stoiker und einiger christlicher Secten so vertraut
sind, daß er zu einem Gemeinplay, ja vielfach zur bloßen
Phrase geworden ist. Wir Modernen sind daher geneigt frischweg
zu schließen, daß die Negirung dieser Lehre eine Verleugnung der
moralischen Verpflichtungen in sich schließt. Aber achten wir auf
Polos selbst in diesem Dialog. Sokrates stellt an ihn die
Frage: Du glaubst, daß es etwas Schlechteres (xaxiov) iſt,
Unrecht zu leiden als Unrecht zu thun? Glaubst du auch, daß es
etwas Niedrigeres oder Schimpflicheres (aioxior) ist?" Polos
räumt das Gegentheil ein, und nun geht Sokrates daran, nachzu-
weisen (allerdings mittelst eines Trugschlusses), daß, was mehr
aloxoóv ist, auch mehr xaxóv sein muß. Nun ist diese Unter-
scheidung des Polos genau jene, welche die Griechen machten.
Ihre Meinung, daß ein ruchloser Mann glücklich wäre, wenn er
mit seiner Ruchlosigkeit Erfolg hätte, ließ ihnen diesen schlechten
Mann um nichts weniger verabscheuenswerth erscheinen. Er mußte
zurückgehalten, gezüchtigt und, wenn nothwendig, vertilgt werden, nicht
weil seine Schuld ein Uebel für ihn, sondern weil sie ein Uebel
für Andere ist. Er wurde angesehen als Einer, welcher sein
eigenes Glück suchte und, wenn es ihm gelang, erreichte durch
das Unglück und das Leiden der Anderen, und welcher daher,
wenn irgend möglich, nicht geduldet werden dürfe. Diese Lehre
weicht von der bei modernen Moralisten üblichen allerdings ab,
aber es ist keine unmoralische Lehre, und selbst, wenn sie es wäre,
so haben die Sophisten und Rhetoriker sie doch nicht erfunden,
sondern als allgemein herrschend vorgefunden. Die Reden des
Glaukon und Adeimantos im zweiten Buch der Republik lebren
uns diese Auffassung der Sache kennen. Beide Redner mißbilligen
das ungerechte Leben auf das ernstlichste und wünschen sehnlichst
die Ueberzeugung zu gewinnen, daß es für den Uebelthäter selbst
ein Unheil sei. Aber nach ihrer Darstellung fordert alle Welt,
und darunter auch Jene, welche die Tugend am eindringlichsten
predigen, zur Tugendübung als zu einem Opfer auf, indem sie
das Leben des Gerechten als schwierig und dornenvoll, das des
S.
Plato.
55
Ungerechten als leicht und angenehm schildern. Die Besten unter
ihnen stellen die Sache so dar, als sei die Gerechtigkeit für den
Handelnden nur wegen des sie begleitenden Rufes und Ansehens in
der Gesellschaft begehrenswerth; womit gesagt ist, daß Einer, der den
Ruf und den Lohn der Gerechtigkeit ohne diese selbst besitzen könnte,
im höchsten Maße glücklich wäre, da ihm der Lohn zufiele ohne
die Mühen, deren Preis er ist; Jener hingegen, der die Gerechtig=
keit selbst besäße, aber ihres Lohns entrathen würde, wäre un-
säglich unglücklich. Ein Jeder würde ungerecht sein, wenn der
Ring des Gyges sein eigen wäre, der seinen Träger nach dessen
Belieben unsichtbar macht. Bei einem so bemerkenswerthen
Zeugniß über den allgemein herrschenden Glauben kann nur die
baare Unwissenheit die Verantwortlichkeit dafür den Sophisten
und Rhetorikern zuschreiben. Wir können hinzufügen, daß selbst
Polos von Plato so wenig gehässig dargestellt wird, daß sein
Uebermuth sich unter Sokrates' Kreuz- und Querfragen mäßigt;
er ist nicht unredlich, sträubt sich nicht eigensinnig dagegen, über-
zeugt zu werden, und bekennt sich schließlich als widerlegt. Der
Redner in diesem Dialog, welcher wirklich unmoralische Lehren
vertritt, welcher leugnet, daß Ungerechtigkeit ein aiozoóv ist und
behauptet, Recht und Unrecht sei blos eine Sache der Ueberein-
kunft, ist Kallikles, weder ein Sophist noch ein Rhetoriker, sondern
ein rühriger und ehrgeiziger Politifer, der, obwohl er mit den
Rhetorikern verkehrt, doch seine Berachtung der Sophisten zur
Schau trägt und einen Charaktertypus darstellt, welcher ohne
Zweifel unter den griechischen Politikern häufig zu finden war,
wenn wir gleich bezweifeln dürfen, daß diese sich jemals offen zu
den Grundsäßen bekannt haben, nach denen sie handelten.
Der zweite Lehrer der Rhetorik, welchen Plato auf's Korn
nimmt, ist Thrasymachos, der in der Republik als barsch, an-
maßend, selbst unverschämt in seiner Discussionsweise dargestellt
wird, und den Plato, bis auf eine wenig erhebliche Verschieden-
heit, wesentlich dieselben Lehren wie Kallikles bekennen läßt. Er
wird dem entsprechend widerlegt und bloßgestellt; aber selbst
Thrasymachos endigt besser, als er angefangen, und obwohl er an
der langen Fortsetzung des Gespräches keinen Antheil nimmt, ver-
einigt er sich doch mit den Anderen, um Sokrates zum Fortfahren
zu bewegen und scheidet von ihm im besten Einvernehmen. Diese
eine Schilderung des Thrasymachos, welche nicht von ihm selbst,
sondern von Plato dort entworfen wird, wo er eines Vertreters
für eine unmoralische Lehre bedarf, ist der einzige Fall, der sich
aus Plato's Schriften zur Unterstützung der Ansicht anführen läßt,
S.
Plato.
56
die den Sophisten unmoralische Lehren zur Last legt; und Thrash-
machos war kein Sophist, sondern ein Rhetoriker. *)
Trotz alledem ist es weder möglich, noch nothwendig zu
bestreiten, daß Plato eine ungünstige Meinung von den Sophisten
im Allgemeinen hatte, und daß seine Schriften viele Belege dafür
enthalten, daß die Abneigung gegen sie in der athenischen Gesell-
schaft weit verbreitet war. Ihre Unbeliebtheit läßt sich aber er-
klären, ohne daß wir die Annahme nöthig haben, sie sei vom
Standpunkte der Moral eine wohl verdiente gewesen. Vor Allem
war die Verurtheilung der Sophisten durchaus keine einmüthige.
Obwohl der Name Sophist bereits ein Wort des Tadels ge-
worden war, so war er doch auch ein Ausdruck des Lobes; Plato**)
selbst spricht von „,der ächten sophistischen Kunst" (yével yevvaia
ooqioriz) als von einem Ding, das er von etwas Lobens-
werthem nicht völlig unterscheiden kann, und fragt: Haben wir
nicht, als wir den Sophisten suchten, unvermerkt den Philosophen
gefunden?" ***) An einer andern Stelle, wo er von den zweck-
mäßigen Einrichtungen der Natur spricht, sagt er, daß die Götter
bewunderungswürdige Sophisten sind. Der Name Sophist war,
wenn er jemandem beigelegt wurde, ein Schimpfwort oder eine
Huldigung, je nach der Person, welche ihn gebrauchte, wie in
unseren Tagen der Name Metaphysiker oder Nationalökonom oder
Malthusianer. Diese doppelte Auffassung dauerte bis in die
spätesten Perioden der griechischen Cultur fort; sie erhielt sich auch
noch zur Zeit, da das Wort Philosoph als die Bezeichnung,
welche die speculativen Denker aller Arten für sich in Anspruch
nahmen, in Gebrauch gekommen war; während man doch erwarten
konnte, daß dieser Name alle günstigen Ideen-Verknüpfungen an
sich ziehen und dem Namen Sophist nur die ungünstigen übrig
*In den Gesetzen wird in gereiztem Tone von gewissen Personen
gesprochen, welche die dem Kallifles und Thrasymachos in den Mund gelegten
Lehren vertreten sollen; aber sie werden an feiner Stelle Sophisten genannt
und es scheinen darunter die Naturforscher verstanden zu sein, welche die
göttliche Natur von Sonne, Mond und Planeten leugneten und sie als
yuv xai Movs (eg. 886 D) bezeichneten. Da die Person, welcher in erster
Linie dieser Ausspruch zugeschrieben wurde, Anaxagoras war, der von all
diesen alten Forschern bei der Nachwelt so ziemlich den höchsten Ruf der
Frömmigkeit und sittlichen Strenge erworben hat, so sehen wir in dieser
Anklage nur einen Ausfluß jenes odium theologicum, welches Plato in
seinen besseren Tagen fremd war, das aber in den Gesetzen, seiner letzten
Schöpfung, stark hervorbricht.
**) Plato, Sophistes, 231 B.
**) ebend., 253 C.
S.
57
Plato.
lassen würde. So wird in einem der Dialoge des Lucian, welcher
ein Zeitgenosse von Marc Aurel war, der Sophist mit dem
Philosophen identificirt und als der auserlesene und berufsmäßige
Prediger und Hüter der Tugend geschildert. *) Diejenigen Personen
in Plato's Schriften, welche die schlechteste Meinung von den So-
phisten hegen, sind entweder praktische Politiker, deren Gering-
schätzung der Theoretiker ja in keinem Zeitalter eine seltene oder
regelwidrige Erscheinung ist, oder ältliche und ehrenwerthe Familien-
väter, welche mit Ansehen und Erfolg durch's Leben gegangen
sind, ohne jene Fertigkeiten zu besitzen, nach denen sie nun die
jüngere Generation streben sehen. Der Charakter bei Plato,
welcher das stärkste Beispiel von mit Verachtung gemischtem Haß
gegen die Sophisten giebt, ist Anytos im Meno. Dieser Mann,
ein Politiker von Ruf und Einfluß, bricht, sobald er sie nur
nennen hört, in einen Strom von Schmähungen aus, nennt sie
Leute, mit denen sich abzugeben Wahnsinn ist und deren An-
wesenheit keine Stadt dulden sollte, obwohl er auf Befragen
eingestehen muß, daß er nie mit einem von ihnen gesprochen hat
und ihre Lehren nur vom Hörensagen kennt; aber darum mäßigt
er doch nicht die Entrüftung, mit der er sie als „Jugendverderber"
brandmarkt, dieselbe Beschuldigung, die er später im Verein
mit Meletos wir wissen Alle, mit welchem Erfolge gegen
Sokrates erhoben hat. Es ist erwähnenswerth, daß Xenophon **)
auf die Gewähr des Sokrates selbst hin den Ursprung des Hasses
erzählt, welchen Anytos gegen ihn hegte; Sokrates hatte sich über
die Erziehung, die Anytos seinem Sohn zu Theil werden ließ,
tadelnd geäußert, indem er meinte, daß ein Mann, der für sich
selbst die höchsten Ehren im Staate anstrebe, seinen hoffnungs-
vollen Sohn für einen höheren Beruf als für seinen eigenen, den
eines Lohgerbers, zu erzichen verpflichtet sei. Das ist vielleicht
ein gutes Beispiel von der Art, wie ehrenwerthe alte Athener
*) Dort wird Solon sprechend eingeführt, und er verherrlicht dem
Anacharsis gegenüber in einem Ton, der an die Leichenrede des Perikles
erinnert, die Bortrefflichkeit der athenischen Sitten: Pudullouer our τàs
yvauas aurav (der Jugend),, vóuovS TE TOUS xoLvovs Exdidάoxovrεs, o
í óta àvayoozew μegalos youuua àvaye-
youuuévot, zelεÚVTES & TE XON TOεiv za wv nézεodat, zai ayaduv
avdowv ovvovoiaus, nag av leyev Tà déovra Exuavdavovoi, zai лoάTTEW
Tà dízala, zai iz Tou toov dlhýlois ovμлoliteveσ9a, zai un piɛoda
Twv alaxov zai ögeyɛada to zalov, Blatov de undev noεiv. of de
avdoes out oral za pilóoopot zoos juv ovoμáčovτai (Luc.
de Gymnasiis).
*) Xen., Apolog. Socr.
S.
Plato.
58
gegen,,den Sophisten Sokrates" und gegen die anderen Sophisten
eingenommen wurden. Wenn die Anklage der Jugendverführung
genauer präcisirt werden soll, löst sie sich gewöhnlich in den
Vorwurf auf, daß die Jünglinge dazu gebracht werden, sich
weiser zu dünken als die Gesetze, und es ihren Eltern und den
ihnen an Jahren Ueberlegenen gegenüber an der gebührenden
Achtung fehlen zu lassen. Und das ist in der That eine wohl
begründete Anklage; nur fällt sie nicht den Sophisten, sondern
dem geistigen Fortschritt überhaupt zur Last. Alles was die
jungen Leute zu eigenem Denken anregt, veranlaßt sie auch die
Geseze ihres Landes zu kritisiren, erschüttert ihren Glauben an
die Unfehlbarkeit ihrer Väter und der älteren Männer, und
bewirkt, daß sie ihren eigenen Speculationen den Vorzug geben.
Es ist ganz unzweifelhaft, daß die Lehrthätigkeit des Sokrates
und des Plato nach ihm solche Wirkungen in außerordentlichem
Maße erzeugte. Wir hören auch dem entsprechend von Xenophon,
daß die Jünglinge aus reichen Familien, welche mit Sokrates
Umgang pflogen, dieß zumeist unter der entschiedenen Mißbilligung
ihrer Verwandten thaten. In jedem Zeitalter und in jedem
Zustand der Gesellschaft sind die Väter und älteren Bürger arg=
wöhnisch und eifersüchtig gegen alle Gedankenfreiheit und gegen jede
geistige, nicht streng fachmäßige, Ausbildung bei ihren Söhnen
und jüngeren Leuten gewesen, wenn sie die letztere nicht der Aufsicht
und Leitung einer als vertrauenswürdig geltenden bürgerlichen
oder geistlichen Autorität unterwerfen konnten. Den athenischen
Gesetzgebern war es aber nicht beigefallen, sophistische Staats-
universitäten und eine derartige Staats- Religion zu gründen.
Der Unterricht der Sophisten beruhte durchaus auf dem Grund-
satz der Freiwilligkeit und Lehrfreiheit, und die Abneigung gegen
denselben war von ganz ähnlicher Art wie die Entrüstung gegen
,,gottlose Lehranstalten" und der Widerwille der Mehrzahl aus
unseren höheren und mittleren Classen gegen alle anderen als
confessionelle Schulen. Sie mißbilligten jeden Unterricht, wenn
sie nicht versichert sein konnten, daß alle ihre eigenen Ansichten
gelehrt werden würden. Es half wenig, wenn die Lehrer keine
Ketzereien vortrugen; die bloße Thatsache, daß sie den Geist dazu
schulten, sich Fragen vorzulegen und nach anderen Gründen als
bloßem Brauch und Herkommen zu verlangen, reichte zu Athen,
wie an den meisten anderen Orten, hin, um den Unterricht in den
Augen der selbstzufriedenen Ehrsamkeit gefährlich erscheinen zu
lassen. Dem entsprechend sah das ehrbare Bürgerthum, wie uns
Plato selbst berichtet, die Philosophen nicht minder scheel an als
S.
59
Plato.
die Sophisten. Sokrates spricht in der Apologie vom Vorwurf
des Atheismus, der Verwandlung der schlechteren Sache in die
bessere u. s. w., als von den Anklagen, welche jederzeit zur Hand
sind, um gegen diejenigen,, welche Philosophie treiben, geschleudert
du mersen; và nát ra tin tên gloco pour con xó xepd
Tavta. Auch Xenophon *) erwähnt das Lehren einer Kunst
von Worten" (óywv réxvy) als den gewöhnlichen Vorwurf der
Menge gegen die Philosophen". Im ganzen Plato ist nichts
ergreifender als die im Gorgias und der Republik enthaltene
Schilderung der vereinsamten und verachteten Stellung des Philo-
sophen in jeder bestehenden Gesellschaft und des allgemeinen Ein-
drucks, daß er im besten Fall eine unnüße, häufiger aber eine höchst
ruchlose Person sei (aurovýgovs, xaxovs rãσav xaxíav).
Er bemüht sich, die Ursachen ausfindig zu machen, welche diesem
ungünstigen Urtheil über die Philosophen einen Schein von
Wahrheit verliehen, und giebt zu, daß dasselbe nicht selten durch
das Benehmen der also Genannten gerechtfertigt wurde; und
das ist mehr, als er jemals von den Sophisten sagt.
Plato's eigene Abneigung gegen die Sophisten war wahr-
scheinlich ganz ebenso stark wie die des athenischen Volkes, für
welche er in seinen Schriften Zeugniß giebt; aber war sie von der-
selben Beschaffenheit? Sab er sie als Jugendverderber_an?
Keineswegs, wenn der Sokrates der Republik Plato's Ansichten
Ausdruck giebt. In einer der gewichtigsten Stellen dieses groß-
artigen Werkes läßt ihn Plato sagen: das Volk bildet sich ein,
daß die Sophisten und ähnliche Leute die Verderber der Jugend
seien; aber das ist ein Irrthum. Der wirkliche Verderber der
jungen Leute ist die Gesellschaft selbst; ihre Familien, ihre Ge-
nossen, Alle, die sie sehen und mit denen sie verkehren, das Bei-
falls und Mißfallsgeschrei der Volksversammlung, die Ent-
scheidungen des Gerichtshofes. Das sind die Einflüsse, welche
die jungen Männer verführen, indem sie ihnen einen falschen
Maßstab des Guten und des Bösen vor Augen halten und ihren
Strebungen eine völlig verkehrte Richtung geben. Was die
Sophisten betrifft, so wiederholen diese nur des Volkes eigene
Meinungen. Bildet ihr euch (so fragt er)*), gleich der Menge,
ein, daß die jungen Männer von den Sophisten verderbt werden,
daß es Privat-Sophisten giebt, welche sie in einem irgend nennens-
werthen Grade verderben (o z xai astov hóyov)? Sind nicht
*) Xen. Memor. I. 2, 31.
**) Plato, Republit, B. VI, 492 A und 493 A.
S.
Plato.
60
gerade die Männer, welche das behaupten, selbst die größten Sophisten,
die in der gründlichsten Weise Jung und Alt, Männer und
Weiber, so erziehen und abrichten, wie sie sie haben wollen?
Jene Honorar empfangenden Individuen, die sie Sophisten
nennen und für ihre Nebenbuhler halten, lehren nichts anderes,
als eben diese Ansichten der Menge und heißen dieß Weisheit."
Und diese falschen Meinungen der Menge sind es, wie er im
Folgenden darthut, welche so viele Geister, die ursprünglich für die
Weisheit empfänglich waren, verderben und sie auf die Pfade des
gemeinen Ehrgeizes hinabdrängen. Wenn es eine Classe giebt, von
der er annimmt, daß sie die Menge mit solchen falschen Mei-
nungen erfüllt habe, und die er demzufolge für dieselben verant-
wortlich macht, so sind es die Dichter, welche dem Wesen der
griechischen Religion zufolge gleichzeitig die Theologen waren.
Warum verfolgt also Plato in so schonungsloser Weise die
Sophisten? Die Gründe dafür liegen an vielen Stellen seiner
Schriften offen genug zu Tage; aber wir wollen sie dort suchen,
wo wir sicher sein können sie zu finden, in dem Dialog, welcher
der Frage gewidmet ist: was ist ein Sophist? Der „Sophistes"
ist eine sorgfältig ausgearbeitete Untersuchung des Wesens und
der Eigenschaften des Sophisten und soll, von dieser seiner
nächsten Bestimmung abgesehen, auch ein Beispiel von der gründ-
lichsten Methode liefern, in welcher solche Untersuchungen geführt
werden können. Von einer Anzahl verschiedener Gesichtspunkte
aus gelangt Plato zu mehreren Definitionen des Sophisten,
von denen sich einige so sehr einer schmeichelhaften nähern, daß er
die Schwierigkeit bekennt, den Sophisten vom Dialektiker zu unter-
scheiden. Andere Definitionen fallen verdammend aus; aber die
ersichtlichen Gründe dieser Verdammung sind nur zwei, dieselben,
welche die von seinem Schüler Aristoteles gegebene Definition
eines Sophisten im ungünstigen Sinne ausmachen: ze
anò gaivoués copias all our ovons. Der erste und
hauptsächlichste Vorwurf (der fast in jedem Dialog, wo sie erwähnt
werden, wiederkehrt) ist der, daß sie für ihren Unterricht
Geld nahmen. Und Alles beweist, daß, wenn Plato die Sophisten
mit lebhafterer Abneigung betrachtete, als andere einflußreiche
Classen der griechischen Gesellschaft, dieß ganz und gar diesem
einen Umstand zuzuschreiben ist. Das wird vielleicht vielen
unserer Leser kaum glaublich erscheinen. In unseren modernen
Zeiten, wo Jedermann für jede Leistung Bezahlung annimmt (die
Gesetzgeber und die Grafschafts-Beamten allein ausgenommen),
und wo es für ganz natürlich und wohlanständig gilt, daß sich
S.
61
Plato.
Leute selbst die Rettung von Seelen mit Geld bezahlen lassen, ist
es schwer, sich auf den Standpunkt zu versezen, von welchem Plato
und Sokrates diesen Gegenstand ansahen. Wir erfahren von
Xenophon, daß Sokrates diejenigen, welche ihre Weisheit für Geld
verkauften, mit denen verglich, welche ihre Liebkosungen verkaufen,*)
und daß er behauptete, beides dürfe nur gegen Liebe ausgetauscht
werden. Auch steht das nicht im Widerspruche mit der Thatsache,
daß sicherlich Plato, wahrscheinlich auch Sokrates, obwohl sie
keine Bezahlung annahmen, doch Geschenke von ihren Bewunderern
empfingen; denn für die Bedürfnisse eines Freundes beizusteuern
galt als Pflicht der Freundschaft. Der platonische Sokrates **)
spricht seine ganze Meinung über die Sache aus, indem er sagt,
daß die Lehrer irgend einer besonderen Kunst mit Fug und ohne
Inconsequenz für ihren Unterricht Bezahlung verlangen können,
da sie die Leute zu guten Künstlern oder Handwerkern, nicht aber
zu guten Menschen, zu machen versprechen; daß es aber der
Gipfel der Inconsequenz bei einem angeblichen Lehrer der Tugend
sei, wenn er darüber murrt, daß diejenigen, welche er zu unter-
richten vorgegeben hat, ihn nicht gebührend bezahlen, da ja
seine Klage über ihre ungerechtigkeit den unzweideutigsten Beweis
liefert, daß sein Unterricht erfolglos war.***) Auch ist es nicht
schwer, selbst vom modernen Standpunkt aus haltbare Argumente
zu finden, welche vorgebracht werden können und wirklich vor-
gebracht worden sind, um das Unheil nachzuweisen, das aus der
Verwandlung des Gedankenverkehrs in ein gewinnbringendes
Gewerbe entspringt. In dem glänzenden Gespräche, welches
Gorgias heißt und in welchem sich die härtesten Dinge gegen den
Beruf der Sophisten und Rhetoriker finden, die Plato überhaupt
gesagt hat, weist er diesen beiden die Stellung von zwei Unter-
abtheilungen der umfassenden Kunst der Schmeichelei an (xolaxɛia),
welche aber nicht so sehr eine Kunst als eine Routinebeschäftigung
ist. Sie erreichen ihre Ziele, behauptet er, nicht indem sie die
*) Kai tv oogiay woaúτws Tous uèv doyvotov To Boulouévo
дwloves Gooτàs, woлее лóеvovs, àлozalovov. (Xen. Mem.
I, 6, 13.)
**) Plato, Gorgias, p. 519 C.
**) Es ist bemerkenswerth, daß der berühmteste der Sophisten, Prota-
goras, diesen Tadel nach der Darstellung Plato's vorhersah und
Semselben gefliffentlich zuvorgekommen ist. Denn er hieß wie Plato
uns erzählt jeden mit der Honorar-Forderung unzufriedenen Schüler in
einem Tempel an Eidesstatt erklären, wie hoch er den ihm ertheilten Unter-
richt veranschlage, und ließ ihn nach dieser Schätzung bezahlen. Plato,
Protag. 328 B."
S.
Plato.
62
Leute besser oder weiser machen, sondern indem sie sich ihren
Meinungen anbequemen, den Begierden, welche sie bei ihnen vor-
finden, Kupplerdienste leisten, und sie mit sich selbst, mit ihren
Irrthümern und Lastern zufriedener machen als sie vorher waren.
Und ist das nicht die wirklich bedrohliche Versuchung, welcher
jeder für die Menge berechnete Unterricht und alle Schrift-
stellerei unterliegt? und welche nothwendiger Weise noch gesteigert
wird, wenn diese Berufszweige um der ihnen entspringenden
pecuniären Vortheile willen geübt werden? Wir können uns sehr
wohl vorstellen, wie Plato von diesem Gesichtspunkt aus die Lehrer
der Gegenwart beurtheilen würde. Die Geistlichkeit einer Staats-
kirche, so könnte er sagen, ist ja geradezu durch Bestechung dafür
gewonnen, ein herrschendes System von Meinungen zu bekennen,
ob sie nun daran glaubt oder nicht, und wie weit entfernt das=
selbe auch von der Wahrheit sein mag. Die Geistlichen der ver-
schiedenen Secten sind ebenso durch ihre materiellen Interessen
gezwungen, nicht das, was wahr ist, zu predigen, sondern das,
was ihre Heerde bereits glaubt. Von den Advocaten zu sprechen
thut nicht Noth, denn diese müssen entweder ihrem Beruf ent-
fagen, oder unbedenklich die Vertretung von Parteien übernehmen,
welche sie im Unrecht wissen. Die Schulmeister, die Lehrer an
Hochschulen und die Leiter derselben müssen bei jedem Gegenstand,
über den Meinungsverschiedenheit herrscht, für einen solchen
Unterricht sorgen, welcher denen, die ihnen Schüler verschaffen
können, angenehm, und nicht für jenen, der wirklich der beste iſt.
Die Staatsmänner, würde er sagen, erheben nicht einmal mehr
den Anspruch, die wirklichen Bedürfnisse des Volkes und nicht
vielmehr seine bloßen Wünsche zu befriedigen. Und die Presse, ins-
besondere ihr einflußreichster Bestandtheil, die periodische Presse
zeigt sie nicht unaufhörlich, daß sie es als ihre Aufgabe betrachtet,
desselben Sinnes zu sein wie das Publicum, der öffentlichen Meinung
zu huldigen, beizupflichten, zu schmeicheln und, anstatt unangenehmer
Wahrheiten, ihr nur das zu bieten, was sie gerne hört? Es giebt
für eine derartige Darstellung so viele reelle Anhaltspunkte, daß auch
in unseren Tagen Manche dieselbe praktische Folgerung wie Plato
ziehen und meinen, es sollte kein Gesetz zum Schutz des geistigen
Eigenthums bestehen, damit die Schriftsteller nicht länger in Ver-
suchung kommen mögen, Meinungen für den Markt zu liefern,
und damit Niemand etwas schreibe, außer wozu er sich durch un-
eigennüßigen Eifer für die Geltendmachung seiner Ueberzeugungen
angetrieben fühlt. Wir halten diese Ansicht für falsch, nicht weil
sich nichts für sie, sondern weil sich viel mehr für die Gegenseite
S.
63
Plato.
vorbringen läßt. Sie ist aber eine durchaus richtige Wiedergabe
von Plato's Auffassung der Sache und zeigt uns, daß seine Er-
bitterung gegen die Sophisten durchaus nicht von so rein senti-
mentaler Art war, wie man zu denken geneigt sein könnte.
Der andere Grund für die Geringschätzung der Sophisten,
welcher im „Sophisten" und überall sonst, wo Plato über sie
handelt, zu Tage tritt, ist dieser, daß die Lehren, welche sie vor-
trugen, nur scheinbare, nicht wirkliche Weisheit waren; nur Mei-
nung, und nicht Erkenntniß. Jeder, dem bekannt ist, was Plato
unter Erkenntniß verstand und welche Stellung er und sein Meister
zu dem einnahmen, was bei seinen Zeitgenossen für Erkenntniß
galt, wird zugeben, daß dieß von den Sophisten mit Recht gesagt
ist, aber nicht mit mehr Recht, als von allen anderen Personen
jener Zeit. Wenn es etwas giebt, was Plato den Sokrates öfter
behaupten läßt als etwas anderes, so ist es dieß, daß in Betreff
der für die Menschen wichtigsten Gegenstände es noch keine Er-
kenntniß gebe, obwohl Jedermann in der irrigen Ueberzeugung
lebe, dieselbe zu besitzen. Er, Sokrates, erhebt keinen Anspruch,
etwas anderes zu wissen als seine eigene Unwissenheit, aber in-
sofern die Anderen nicht einmal das wüßten, verdiene er, Sokrates,
die Palme der Weisheit, welche ihm das Orakel zu Delphi zu-
erkannt hatte. In der Apologie, welche entweder des Sokrates
wirkliche Vertheidigungsrede oder Plato's idealisirte Darstellung
seines Lebens und Charakters ist, schildert er sich als von einem
heiligen Drange getrieben, alle Menschen in's Verhör zu nehmen,
um zu entdecken, ob irgend wer von ihnen jene wirkliche Er-
kenntniß erworben hätte, die er nicht zu besitzen sich bewußt war.
In dieser Absicht suchte er, wie er erzählt, den Umgang mit Jenen,
welche weise zu sein schienen oder dafür galten. Er fing mit den
Staatsmännern an, die er insgesammt in einem Zustande von
tiefer Unwissenheit, und zwar im Allgemeinen von um so tieferer
fand, je größer der Ruf war, den sie genossen; aber sie waren
durch eine falsche Vorstellung von ihrem eigenen Wissen in hohem
Maße aufgeblasen. Er ging darauf den Dichtern zu Leibe; allein
er fand, daß sie zwar herrliche Dinge dichteten ohne Zweifel
in Folge einer göttlichen Eingebung, aber unfähig waren, von
den Werken, welche, oder von den Gegenständen, über welche sie
dichteten, eine vernünftige Rechenschaft zu geben. Zuletzt ver-
suchte er es mit den Handwerkern; und diese fand er im Besitze
wirklicher Kenntniß, jeden in seinem besonderen Fache; doch waren
sie dem irrthümlichen Glauben verfallen, überdieß noch andere
Dinge zu verstehen, eine falsche Meinung, die sie im Ganzen in
S.
Plato.
64
einen schlechteren Zustand versetzte, als seine ihm wohlbewußte
Unwissenheit war. Es ist bemerkenswerth, daß er hier die So-
phisten nicht unter denjenigen anführt, welche er ausgefragt und
der Unwissenheit in den Dingen, welche sie zu wissen vorgaben,
überführt hatte. Es ist aber offenbar, daß derjenige, der von
aller Welt eine derartige Meinung hegte, zuerst und zu allermeist
mit dem Stand der Lehrer in Widerspruch gerathen mußte. Die-
jenigen, welche sich nicht nur einbildeten, etwas zu wissen, was
sie in der That nicht wußten, sondern sich auch erboten, es An-
deren zu lehren, waren die Allerersten, welche der Unwissenheit
zu zeiben er sich gedrängt fühlen mußte; und gerade dieß ist die
Stellung Plato's gegenüber den Sophisten. Er greift sie an, nicht
als Verderber, sondern als hervorragende Vertreter der Gesell-
schaft, als deren bezahlte Lehrer sie durch das Gesetz ihres
Daseins genöthigt sind, in sich Alles zu vereinigen, was in den
Tendenzen derselben schlecht ist.
Der Feind, gegen welchen Plato in Wirklichkeit stritt, und
den zu befehden das nie aus den Augen gelassene Ziel des größe-
ren Theiles seines Lebens und seiner Schriften war -, dieß war
nicht die Sophistik im antiken oder im modernen Sinne des
Wortes, sondern die Trivialität. Es war das Annehmen über-
kommener Meinungen und gangbarer Gesinnungen als letzter
Thatsachen und der Austausch von abstracten Ausdrücken, welche
Billigung und Mißbilligung, Verlangen und Abneigung, Bewun-
derung und Abscheu ausdrücken, als ob diesen ein vollkommen
wohl verstandener und allgemein gebilligter Sinn innewohne.
Die Menschen seiner Zeit (wie die der unsrigen) vermeinten zu
wissen, was Gut und Böse, Gerecht und Ungerecht, Ehrenvoll
und Schändlich sei, weil sie diese Worte mühelos gebrauchen und
von diesem und jenem Dinge in Uebereinstimmung mit der herr-
schenden Gewohnheit aussagen konnten. Aber was die Eigenschaft
ist, welche diesen verschiedenen Fällen gemeinsam zukommt und
welche die Anwendung des Ausdruckes rechtfertigt, - darüber
hatte Niemand nachgedacht, weder die Sophisten, noch die Rhe-
torifer, noch die Staatsmänner, noch irgend wer von denen,
welche sich selbst für weise erklärten oder von Anderen dafür er-
klärt wurden. Und doch wandelte Jeder, der diese Frage nicht
zu beantworten vermochte, in Finsterniß einher; er besaß keinen
Maßstab, nach dem er seine Urtheile regeln und mit einander in
Einklang erhalten, keine klar erkannte Richtschnur, auf welche
er sich in der Führung seines Lebens stützen konnte. Ohne zu
wissen, was Gerechtigkeit und Tugend sind, ist es nicht möglich,
S.
Plato.
65
gerecht und tugendhaft zu sein; ohne zu wissen, was das Gute
ist, verfehlt man nicht nur dieses, sondern man kann sicher sein,
an seiner Statt das Ueble zu ergreifen. Ein solcher Zustand
ließ einem Dentfähigen das Leben als nicht lebenswerth erscheinen.
Die große Aufgabe des menschlichen Geistes sollte es sein, diese
allgemeinen Ausdrücke der unnachsichtigsten Prüfung zu unter-
werfen und die Ideen, welche ihnen zu Grunde liegen, an's Licht
zu bringen. Selbst wenn dieß mißlingen muß und wirkliche Er-
fenntniß nicht erreichbar ist, so ist es schon kein kleiner Gewinn,
die falsche Einbildung der Erkenntniß zu vertreiben, die Menschen
ihrer Unwissenheit in den wissenswürdigsten Dingen bewußt zu
machen, sie mit Scham und Ünbehagen über ihren eigenen Zu-
stand zu erfüllen und ihnen einen mächtigen Stachel in die Brust
zu senken, der alle ihre geistigen Fähigkeiten wachruft, um diese, die
größten aller Probleme, in Angriff zu nehmen, und nimmer zu
rasten, ehe die wahren Lösungen, soweit dieß möglich ist, erreicht
sind. Dieß ist Plato's Urtheil über den Zustand des menschlichen
Geistes zu seiner Zeit, und über die Hilfe, welche die Philosophie
ihm bringen könnte; und Jeder, der diese Schilderung nicht -
mit geringen Modificationen auch auf die Mehrzahl selbst der
unterrichteten Männer unserer Zeit und jeder anderen uns be-
kannten Epoche anwendbar findet, hat sicherlich weder an die
Lehrer noch an die Praktiker irgend eines Zeitalters den platoni-
schen Prüfstein angelegt *).
Das einzige Mittel, durch welches, nach Plato's Meinung,
der Geist der Menschen aus diesem unerträglichen Zustande befreit
und auf den Weg gebracht werden kann, die wirkliche Erkenntniß
zu erreichen, welche die Kraft hat, sie weise und tugendhaft zu
machen, ist das, was er Dialektik nennt; und Philosoph ist nach
*),,Ausdrücke, wie Natur, Gesetz, Freiheit, Nothwendigkeit, Körper,
Substanz, Materie, Kirche, Staat, Offenbarung, Eingebung, Erkenntniß,
Glaube, werden in den Wortkriegen hin und her geschleudert, wie wenn
Jeder sie kennte und in demselben Sinne gebrauchte, während doch die meisten
Menschen, und ganz besonders diejenigen, welche die öffentliche Meinung
repräsentiren, diese complieirten Ausdrücke in ihrer Kindheit auflesen, indem
sie mit den unbestimmtesten Begriffen anfangen, dann von Zeit zu Zeit etwas
mehr hineinlegen, vielleicht auch ebenfalls aufs Gerathewohl einige ihrer un=
willkürlichen Frrthümer ausbessern, aber niemals sich so zu sagen ein sicher
angelegtes Wortcapital bilden, niemals geschichtliche Forschungen über die
Ausdrücke anstellen, mit denen sie so frei umspringen und sich auch nie
ihrer Bedeutung, ihrer ganzen Fülle und ihrem Umfange nach, den genauen
Regeln logischer Definition gemäß versichern". Max Müllers Vorlesungen
über die Wissenschaft der Sprache, 1866, in deutscher Bearbeitung von
C. Boettger, II. Serie, XII. Vorlesung, S. 484.
Mill, ges. Schr. XII.
5
S.
Plato.
66
seiner Auffassung fast gleichbedeutend mit Dialektiker. Was Plato
unter diesem Namen verstand, zerfällt in zwei Theile. Der eine
davon ist die Erprobung jeder Meinung durch eine sich abwehrend
verhaltende Untersuchung, welche jeden Einwand oder jede Schwie-
rigkeit, die dagegen erhoben werden kann, vorbringt und verlangt,
daß dieselben glücklich überwunden werden, ehe man die Meinung
annimmt. Dieß konnte in wirksamer Weise nur auf dem Wege
einer mündlichen Erörterung geschehen, wobei der sich Vertheidi-
gende durch Fragen in die Enge getrieben wurde, auf die er
gewöhnlich nicht im Stande war Antworten zu ertheilen, die nicht
mit allgemein anerkannten Thatsachen oder mit seiner eigenen ur-
sprünglichen Annahme in Widerspruch standen. Dieses Kreuz-
verhör ist der Sokratische Eleyxos, welchem, sobald ihn ein Meister
wie Sokrates handhabte (wie wir selber noch aus Plato ersehen können),
kein bloßer Schein von Erkenntniß ohne das Wesen derselben
Stand halten konnte. Sein Druck mußte in einem redlichen Geiste
die falsche Einbildung des Wissens unfehlbar zerstreuen und den
also Gedemüthigten seine eigene Unwissenheit empfinden lassen,
während er ihn gleichzeitig zu jener Geistesanstrengung emporhob
und spornte, durch welche allein die Unwissenheit gegen Erkenntniß
ausgetauscht werden kann. So verstanden ist die Dialektik ein
Zweig einer Kunst, welche einen Hauptbestandtheil der Lebens-
kunst ausmacht, der Kunst nämlich, nichts ohne hinreichende Begrün-
dung zu glauben; ihre Wirksamkeit besteht darin, daß sie uns
zwingt, unseren Glauben in bestimmte Ausdrücke zu kleiden und
uns zur Vertheidigung gegen alle Einwendungen, die dagegen er-
hoben werden können, bereit zu halten. Der andere, oder der
positive, schaffende Arm von Plato's Dialektik, für dessen erste
Urheber er und Sokrates gelten dürfen, besteht in der directen
Suche nach dem gemeinsamen Zuge in Dingen, welche in eine
Classe gestellt werden, oder, mit anderen Worten, nach der Be-
deutung von Classen-Namen. Er umfaßt die logischen Processe
der Definition und Eintheilung oder Classification, deren Theorie
und systematische Anwendung zu Plato's Zeiten etwas Neues
waren; und in der That berichtet Aristoteles, daß das erstere dieser
Verfahren von Sokrates eingeführt wurde. Beide sind unlösbar
mit einander verknüpft, indem die Eintheilung, wie Plato hervor-
hebt, der einzige Weg zur Definition ist. Um zu finden, was ein
Ding ist, ist es nothwendig, vom Seienden im Allgemeinen oder
von irgend einer umfassenden und bekannten Art, welche das
gesuchte Ding einschließt, auszugehen, dann die Art in ihre Be-
standtheile und diese wieder in andere zu zerlegen, wobei jede
S.
Plato.
67
Unterabtheilung wo möglich aus zwei Gliedern bestehen soll (hierin
ist Plato ein Vorgänger von Ramus und Bentham), und auf
jeder Stufe des Verfahrens die unterscheidende Eigenthümlichkeit
hervorzuheben, welche ein Glied vom andern sondert. Wenn wir
in der Eintheilung bis zu dem Dinge herabgelangt sind, nach dem
wir forschen, haben wir die Punkte bemerkt, in denen es mit allen
ihm verwandten Dingen übereinstimmt, und die Punkte, welche
seine Verschiedenheit von ihnen ausmachen, so daß wir im Stande
sind, eine Definition davon zu geben, welche ein Auszug seiner
gesammten Natur ist. Diese Methode, zu einer Definition zu
gelangen, wird im Sophisten" und Staatsmann" durch sorgfältig
ausgeführte Beispiele, zuerst an einem geringfügigen Gegenstand, dann
aber an einem großen und schwierigen erläutert; es sind dieß zwei
der bedeutendsten unter den platonischen Dialogen, weil in beiden
die Auffassung dieses Theils des philosophischen Processes ganz im
Style Bacons gehalten ist, und nicht durch die ontologische Theorie
beeinträchtigt wird, welche Plato in anderen Schriften über seiner
reinen Logik aufbaut *). Aber wir würden uns eine sehr unge-
nügende Vorstellung von der Philosophie Plato's bilden, wollten
wir diese Theorie außer Acht lassen. Nach Plato's Auffassung
ist das die Einzeldinge, die in eine Gattung zusammengefaßt wer-
den, verknüpfende einheitliche Band nicht ein Begriff, welcher
durch Abstraction entstanden ist und keine Existenz außerhalb des
Geistes hat, sondern eine Form oder Idee, welche für sich
besteht und einer andern Welt als der unsrigen angehört; die
concreten Gegenstände haben Antheil an der Natur dieser Form
oder Idee, in deren Aehnlichkeit (wiewohl nur in einer sehr un-
vollkommenen) sie erschaffen worden sind. Als diese Weise, den
Proceß der Verallgemeinerung aufzufassen, sich in Plato's Geist
festgesetzt hatte, gelangte er dazu, die Ideen als das wirklich
Seiende anzusehen, das allein dauernden Bestand hat und allein
ein Gegenstand der Erkenntniß ist. Die Einzeldinge sind, soweit
man überhaupt sagen kann, daß sie erkennbar sind, dieß nur durch
die Vermittlung dieser Ideen, welche kennen zu lernen daher die
specifische Aufgabe des Philosophen ist. So erhob er diesen
über die Natur und die Erde und stellte ihn den Göttern
gleich, welche, als Besitzer der höchsten Weisheit, in ewiger
Betrachtung dieser herrlichen und überirdischen Wesenheiten leben
*) Die Wandlung in Plato's Geiste von der einfachen zur transcenden-
talen Theorie wird in dem siebenten Briefe, von dem bei Grote, I, 223 ff.,
ein Auszug gegeben ist, in ziemlich verständlicher Weise dargestellt.
5*
S.
Plato.
68
müssen. Wir sind hier bei der mystischen und poetischen Seite
von Plato's Philosophie angelangt, und da die Dialektik der
einzige Weg ist, auf dem ein irdisches Geschöpf diesen gött-
lichen Existenzen nahe kommen kann (denn er sah ihre Wahr-
nehmung feineswegs als intuitiv an), so beginnen wir zu ver-
stehen, wie diese Methode zu der poetischen und religiösen Ver-
flärung gelangt, die sie in seinem Geiste umgiebt, wie der Dialek-
tiker zu einer Art von göttlicher Person wird die nächste An-
näherung an die Natur der Himmelsbewohner, die dem Menschen
zu erreichen vergönnt ist.
Doch hängt der wirkliche Werth der platonischen Dialektik
nicht von diesem metaphysischen und religiösen Oberbau ab, und
bevor wir Plato weiter auf dieses schwankende Gebiet folgen,
müssen wir ein wenig bei der Dankesschuld verweilen, welche ihm
von Seiten der Menschheit für seine Dialektik, ohne Vergleich das
kostbarste seiner Vermächtnisse, gebührt.
Die größere Hälfte der Schriften Plato's ist geradezu der
Anwendung der Kunst der Dialektik und ihrer Erläuterung durch
Beispiele gewidmet; es wird darin je in einer Unterredung zwischen
zwei Personen eine Untersuchung über die Definition eines all-
gemein gebräuchlichen Ausdrucks geführt, mit welchem Gefühls-
affecte und thätige Antriebe oder hemmende Impulse verknüpft
sind. Manchmal nimmt die Untersuchung die Form der Wider-
legung der von einem gefeierten Lehrer oder selbstbewußten Dog-
matiker aufgestellten Meinung an; andere Male ist der Unterredner
ein Freund oder Begleiter, gewöhnlich ein unschuldiger Jüngling,
der dazu ermuntert wird, eine Definition zu versuchen, und der
in dem Maße als seine Wagnisse der Reihe nach als unzureichend
erwiesen werden, immer neue Definitionen zu bilden unternimmt,
welche von dem besonderen, eben nachgewiesenen Mangel fret sind.
Eine Vorstellung von der Mannigfaltigkeit der Gegenstände, welche
diese Untersuchungen umfassen, wird der mit Plato nicht Ver-
traute aus der folgenden Uebersicht gewinnen:
Euthyphro: Was ist Heiligkeit?
Laches: Was ist Muth?
Charmides: Mas ist Mäßigkeit (oder Enthaltsamkeit,
oder Besonnenheit, oder Selbstbeherrschung, oder Nüchternheit)?
Lysis: Was ist Freundschaft (oder Zuneigung, oder Vor-
liebe, oder Anhänglichkeit, oder Anziehung, oder Bevorzugung)?
Oder vielmehr, was ist der natürliche Gegenstand dieses Gefühles ?
Hippias Major: Was ist das Schöne (oder das Ehren-
hafte, oder das Edle, oder das Bewundernswerthe)?
S.
Plato.
69
Erastae: Was ist Philosophie?
Hipparchus: Was ist to pilonegdés (Gemeinheit, Hab-
sucht, Geldgier)?
Minos: Was ist ein Gesetz?
Meno: Was ist Tugend?
Theaetetus: Was ist Erkenntniß?
Sophistes: Was ist ein Sophist?
Politicus: Was ist ein Staatsmann?
Alle diese Dialoge haben zum einzigen Zweck die Erforschung
von Definitionen, entweder auf dem Wege der Widerlegung oder
der einfachen Untersuchung. Wenn wir diejenigen Dialoge hinzu-
fügen, von denen ein beträchtliches Stück derselben Bestimmung
dient, während das Gespräch außerdem noch andere Zwecke verfolgt,
so finden wir darunter die vier größten Meisterwerke, die Plato's
Genius geschaffen hat:
Protagoras. Eine vielseitige und herrliche Entfaltung des
sokratischen und platonischen Geistes, welche zum großen Theile
aus einer Erforschung der Definitionen der Cardinaltugenden, und
insbesondere der Tapferkeit, besteht.
Phaedrus. Ebenso reichhaltig; ein Theil davon ist eine
Erörterung über die Natur und Definition der Rhetorik.
Gorgias. Was ist Rhetorik? Mit dieser Frage hebt der
Dialog an, aber er geht dann in eine ethische Controverse be-
treffs des Vorzugs des gerechten Lebens vor dem ungerechten über.
Republik. Die Frage: was ist Gerechtigkeit ? bildet den
Ausgangspunkt dieses großen Werkes, welches sich zu einer voll-
ständigen Besprechung der platonischen Sittenlehre und der Ein-
richtung eines vollkommenen Gemeinwesens erweitert.
Das ist eine Reihe von Untersuchungen, wohl würdig, jenem
Philosophen beigelegt zu werden, welcher, wie Xenophon *) er-
zählt,,,im Verein mit seinen Gefährten unablässig darüber nachsann,
was jedes existirende Ding sei", da er der Meinung war,,,daß
diejenigen, welche wissen, was jedes Ding ist, im Stande sind,
andere Leute darüber zu belehren; aber wenn sie es nicht wissen,
ist es kein Wunder, daß sie selbst irre gehen und Andere mißleiten".
Wenn wir diese Liste durchfliegen, werden wir lebhaft daran
gemahnt, was für ein seltsames Ding doch die gemischten Modi"
sind, um der Psychologie Locke's ein Wort zu entlehnen, welches einer
unverdienten Vergessenheit anheimgefallen ist und solche zusammen-
gesetzte Vorstellungen bezeichnet, die sich der Geist selbst schafft,
*) Memor. IV, 6, 1.
S.
Plato.
70
nicht indem er ein in der Natur vorfindliches Original direct
copirt, sondern indem er der Erfahrung mit mehr oder we-
niger Willkür entnommene Elemente zusammenfügt. Von dieser
Art sind die verschiedenen mit Lob und Tadel verknüpften Be-
griffe, welche, da sie zumeist aus Bestandtheilen zusammengesetzt
sind, die durch wenig anderes als durch eine gemeinsame Gemüths-
empfindung, zusammengehalten werden, in verschiedenen Zeitaltern
und in verschiedenen Ländern Verschiedenes enthalten, und deren
Bezeichnungen in der einen Sprache kein genaues Aequivalent in einer
andern besitzen. So fanden wir es unmöglich, die Gegenstände von
mehreren Dialogen Plato's anders wiederzugeben, als indem wir eine
Anzahl von Namen häuften, von denen keiner dem griechischen
Worte vollkommen entspricht, und welche selbst in ihrer Verbin-
dung nur eine annähernd richtige Bezeichnung derselben Ver-
einigung von Attributen bilden. Der Gegenstand des Lysis ist
qpilia, was wir mit Freundschaft übersetzen, und die Untersuchung
über die Natur der gilia soll in der That von der Freundschaft
Rechenschaft geben. Aber sie handelt ebenso von der qilia eines
Menschen für Pferde, Hunde und Wein, von der gikia eines
franken Körpers für Gesundheit und Arzneien, von jener eines
Philosophen für Weisheit, und selbst von der imaginären An-
ziehung, welche das Trockene auf das Feuchte, das Kalte auf das
Heiße, das Bittere auf das Süße, das Leere auf das Volle, und
die Gegensätze überhaupt auf einander ausüben*). Aber trotz
dieser Verschiedenheiten der Welt Plato's von der unsrigen in
Betreff der Bildung von zusammengesetzten Vorstellungen, an
welche Gemüthsempfindungen geknüpft sind, wird doch ein Jeder,
der die richtige Werthschäzung der Methode besitzt, aus solchen
Fällen oft ebenso viel lernen, als aus den häufiger vorkommenden,
in denen sich die Untersuchung auf einen gemischten Modus richtet,
welcher mit einem uns selbst geläufigen, wie Tugend, Gerechtigkeit,
Tapferkeit, Erkenntniß, Gesetz, identisch oder nahe verwandt ist.
In vielen dieser Untersuchungen weiß die befragte Person zu
Anfang nicht genau, was von ihr verlangt wird, und antwortet,
anstatt mit einer wirklichen Definition, mit Beispielen von ein-
zelnen Dingen, welche gemeinhin unter jenem Namen zusammen-
gefaßt werden; dabei zeigt sich der anspruchsvolle und gewandte
*) [Hier folgen im Original einige Bemerkungen über die Unübersetz-
barkeit, der griechischen Worte owppoor und appooúvn, des zakór und
alozpór, welche so vielfach mit Eigenthümlichkeiten der englischen Sprache
zusammenhängen, daß der Uebersetzer und Herausgeber es angemessen fanden,
von ihrer Wiedergabe abzusehen.]
S.
71
Plato.
Lehrer Hippias ebenso unbekannt mit der beabsichtigten Art von
Untersuchung und erweist sich bei seinen Versuchen noch ungeübter
und unbeholfener, als der ehrenwerthe und tüchtige Mann des
praktischen Lebens, Laches, der wohlhabende thessalische Patrizier
Menon, oder der Jüngling Theaetet. Sokrates bemüht sich, durch
eine Fülle von erläuternden Beispielen (welche zeigen, wie fremd-
artig damals dieser Gedanke war) ihnen flar zu machen, daß es
sich nicht um irgend welche besondere Fälle des Schönen oder der
Tugend oder der Erkenntniß, sondern darum handle, was Schönheit
oder Tugend oder Erkenntniß an sich selbst sind. Der Unter-
redner wird dann ermuthigt, oder, wenn er eine feindliche Stellung
einnimmt, genöthigt, irgend einen Zug oder Umstand namhaft
zu machen, der sich immer mit der Vorstellung oder mit dem
Ausdruck, deren Bedeutung untersucht wird, vereint vorfindet.
Sokrates' Aufgabe ist es dann, entweder zu zeigen, daß dieser
Zug oder Umstand nicht in allen Fällen vorhanden ist, oder -
was häufiger vorkommt darzuthun, daß er sich in viel mehr
Fällen vorfindet, als auf welche der Ausdruck anwendbar ist. So
nöthigt er den Unterredner, entweder seine Definition zurück-
zuziehen und eine andere zu versuchen, oder dieselbe durch irgend
einen Zusatz einzuschränken, welcher die Einzelfälle, die anfänglich aus
Unachtsamkeit mit aufgenommen waren, auszuschließen bestimmt
ist. Viele Definitionen werden versucht und als unhaltbar nach-
gewiesen, und der Dialog schließt oft ohne ein anderes Ergebniß,
als das Geständniß der Unwissenheit. Selbst wenn eine der
geprüften Definitionen in dem einen Dialoge anerkannt zu sein
scheint, so wird sie oft in einem anderen bestritten und anscheinend
widerlegt, so daß der Erfolg im Ganzen mehr ein Gewinn an
Methode als an Lehrsätzen ist, wenngleich bei der allseitigen Durch-
pflügung des Untersuchungsfeldes, welches dieser Proceß mit sich bringt,
unverkennbare Bruchstücke der Wahrheit zu Tage gefördert werden.
Auch die Widerlegungen erscheinen uns, bei allem bewunderungs-
würdigen Scharfsinn, häufig als augenfällige Trugschlüsse. Und
doch ist dieser Proceß die einzig richtige Methode, um zu abstracten
Begriffen zu gelangen, welche sowohl klar sind, als auch wirklichen
Punkten der Uebereinstimmung unter den realen Thatsachen ent-
sprechen; und die so mannigfaltige und so meisterhafte Exempli-
fication derselben in den platonischen Dialogen bildet eine Schule
des präcisen Denkens, der sich auch heute noch in der philo=
sophischen Literatur nichts auch nur annähernd vergleichen läßt. Die
Annahme, daß dialektische Schulung nur Dialektiker bilde, zeugt
von großer Unkenntniß ihrer Macht und Wirksamkeit. Eine solche
S.
Plato.
72
Schulung ist eine unerläßliche Erziehung für dogmatische Denker,
und es ist ganz naturgemäß, daß aus der Schule des Plato ein
Aristoteles hervorgegangen ist. Aber die zahlreichen Denker ersten
Ranges, welche so viel von ihrer Klarheit und Geistesstärke der
platonischen Dialektik verdanken, haben die Förderung, welche sie
durch dieselbe erfuhren, mehr durch eigene positive Leistungen als
durch die Schöpfung von neuen dialektischen Musterwerken zum
Ausdruck gebracht. Die Dialoge sind daher immer noch die un-
erreichten Vorbilder des dialektischen Processes, sie fesseln durch
all die Anmuth und all den Glanz der Ausführung, welche ihrem
Autor den Namen der attischen Biene eingetragen haben, und
bieten ein in der gesammten Literatur einzig dastehendes Beispiel
von der Vereinigung der höchsten philosophischen Begabung mit
dem vollendetsten Geschick und Gefühl eines Künstlers.
Aber soviel auch die moderne Welt der platonischen Dialektik
verdankt, so ist sie doch dieser Verpflichtungen selten in entsprechender
Weise eingedenk gewesen. Das Kreuz- und Querverhör ist niemals
beliebt und volksthümlich geworden.
,,In dem natürlichen Wachsthum des menschlichen Geistes folgt nicht
der Glaube dem Beweise, sondern er entsteht gesondert und unabhängig von
ihm; ein unreifer Verstand glaubt zuerst, und beweist, wenn er überhaupt
jemals nach Beweisen sucht, erst später. Dieser Hang, unseres Geistes wird
noch durch den Druck und die Autorität von König Nóuos verstärkt, welcher
mit Unerbittlichkeit Glauben heischt, aber Beweise weder vorbringt noch
verlangt. Die Gesellschaft, welche selbst in tief wurzelnden Ueberzeugungen
lebt, schenkt der Stimme eines einsamen Grüblers, welche sich gegen die so
fest gegründeten Meinungen erhebt, kein ruhiges Gehör; auch liebt sie es
nicht, daß man sie auffordere, solche Meinungen zu erklären oder zu zer-
gliedern, oder mit einander in Einklang zu bringen. Sie ist insbesondere
einem dialektischen Kampfe abgeneigt, welcher dem abwehrenden Arme der
Philosophie freie Entfaltung und eingreifende Wirksamkeit verleiht" *)..
,,Nichts kann für einen gewöhnlichen Verstand abstoßender
sein, als die gründliche Sichtung von eingewurzelten, durch lange
Gewöhnung vertraut gewordenen Ansichten" **). Kaum irgend ein
Moderner ertrüge es, sich dem sokratischen Verhöre zu unter-
ziehen, welches Plato so sehr als der einzig zureichende "Eheyzos
oder Prüfstein galt, daß er nur eine sehr geringe Meinung von
dem Werthe langer Reden oder schriftlicher Abhandlungen hegte,
zumal bei den letzteren der Verfasser nicht selbst bei der Hand
ist, um dem Fragenden Rede zu stehen und ihn selbst zu befragen -
didóval nai déze09au lóyov. Selbst diejenige Annäherung an
Grote, I, 258.
** Ebend. II, 12.
S.
73
Plato.
die sokratische Methode, welche die schriftliche Abfassung zuläßt, die
Widerlegung von Gegnern hinter ihrem Rücken, wird selten mit leb=
hafter Gunst betrachtet, indem selbst diejenigen, welche die Ansicht des
polemischen Schriftstellers theilen, daran nur geringes Interesse neh-
men, etwa von dem Vergnügen abgesehen, das sie über die Demüthigung
ihrer Gegner empfinden. Was sie selbst betrifft, so sind sie zufrieden, von
ihren eigenen Gründen überzeugt zu sein, ohne sich viel um Gegengründe
zu kümmern, deren Unstichhältigkeit sie für ausgemacht halten. Und
doch ist die Ermittelung der Wahrheit, überall außer in der Mathe-
matik, nicht eine einfache, sondern eine zwiefache Aufgabe. Die Frage
lautet nicht: was läßt sich für eine Ansicht sagen, sondern: läßt
sich mehr für oder gegen sie sagen? Ein wahrhaftes Wissen und
wirklich vertrauenswürdige Ueberzeugungen besitzt nur Jener, welcher
sowohl entgegengesetzte Meinung widerlegen, als die feinige gegen
Angriffe erfolgreich vertheidigen kann. Aber diese, die bedeutsamste
Lehre, die sich aus Plato's Schriften gewinnen läßt, hat die
Welt und viele ihrer gefeierten Lehrer sich nur in sehr unvoll-
kommener Weise zu Nutze gemacht. Unserem freien Parlamente
und der Deffentlichkeit unseres Gerichtsverfahrens verdanken wir
es, wenn wir den Werth der Debatte irgend wie zu schätzen wissen.
Die Athener, welche unablässig damit beschäftigt waren, in jeder
Frage der Politik und des Rechtes beide Parteien zu hören, hatten
dafür eine viel tiefere Empfindung.
In gleicher Weise wird die andere oder positive Seite der
platonischen Dialektik unterschätzt, das Verfahren nämlich, durch
welches die unbestimmten Allgemeinheiten, welche in gewöhnlicher
Rede als Richtschnur des Tadels oder Beifalls dienen, auf die
logische Folter gespannt und gezwungen werden, den präcisen Sinn,
den sie in sich bergen, zu erschließen. Diese zweifache Obliegen-
heit: die eigenen Meinungen gegen die Angriffe der Gegner ver-
theidigen und die ihrigen widerlegen zu können, und andererseits
niemals in ernſter Unterredung ein Wort ohne scharf begrenzten
Sinn zu gebrauchen, ist immer den Classen verhaßt gewesen, welche
fast die ganze Menschheit zusammensetzen, den Dogmatikern jeder
Farbe und den bloßen Praktikern. Daher kommt es, daß der
menschliche Geist so langsam fortschreitet und selbst dadurch, daß
er immer mehr von den Ergebnissen der Weisheit in sich auf-
nimmt, nur so wenig weiser wird. In den Dingen, welche von
natürlicher Findigkeit abhängen, die sich zu allen Zeiten ungefähr
gleich reichlich vorfindet, stehen wir hinter unseren Vorvätern nicht
zurück, in der Kenntniß von beobachteten Thatsachen sind wir
ihnen weit überlegen; aber wir schütteln immer nur einzelne
S.
Plato.
74
Irrthümer ab, ohne die Ursachen der Irrthümer auszurotten; die
,,Trugbilder des Stammes" (um mit Bacon zu sprechen) und selbst
die,,Trugbilder der Höhle" verfolgen uns fast ebenso unablässig, wie
vordem; die Schulung, welche den Geist selbst reinigt und ihn vor
falschen Verallgemeinerungen, vor nicht schlußkräftigen Folgerungen
und baarem Unsinn in den Gebieten, welche er nur sehr unvollkommen
kennt, behütet, fehlt immer noch in allen Köpfen mit Ausnahme
sehr weniger. Wir sind von vielen falschen und schädlichen Wei-
nungen abgekommen, aber nicht in Folge der Verbesserung der
Geistesgewohnheiten, welche diese erzeugen, sondern in Folge der
Evidenz von Thatsachen; und wir sind fast ebenso bereit als
je, dort neue Irrthümer anzunehmen, wo unsere Sinne und unser
Gedächtniß uns nicht mit Wahrheiten versehen, denen jene beson-
deren irrigen Meinungen widersprechen würden.
Es ist befremdend, daß Plato selbst den Kern seiner Lehren
sich nicht in vollem Umfange zu Nutzen gemacht hat. Das ist
einer von den Widersprüchen, durch welche er solch ein Räthsel
für die Nachwelt geworden ist. Es kann Niemand viele seiner
Werke lesen und noch daran zweifeln, daß er positive Meinungen
hatte. Aber er unterzieht seine eigenen Meinungen nicht der
Probe, welche er fremden gegenüber anwendet. ,,Es hängt von
dem augenblicklichen Zwecke ab, welchen Plato mit seiner Argu-
mentation verfolgt, ob er sich dafür entscheidet, die Einwendungen
zu häufen und sie zur Geltung zu bringen, oder sie gänzlich zu
vernachlässigen" *). „Der positiv lehrende Sokrates behauptet
nur darum seinen Platz, weil es dem Sokrates des Kreuzverhöres
nicht verstattet ist, ihn anzugreifen" **). Oder, was schlimmer ist,
Plato wendet ſein Prüfmittel an und vernachlässigt dessen An-
zeigen; er spricht klar und kräftig die Einwendungen aus, die
gegen die von ihm begünstigte Meinung bestehen und setzt seinen
Weg fort, als ob sie nicht vorhanden wären. Wenn es eine Lehre
giebt, welche der Leitstern seiner tiefsten Speculationen ist, welche
er mit all der Scheinbarkeit ausstattet, die seine wunderbare Kunst
der Darstellung verleihen kann, welche er in die glühendsten Farben
seiner poetischen Einbildungskraft taucht: so ist es die Lehre von
den für sich-seienden Ideen, die wesentliche Grundlage einiger seiner
großartigsten Dialoge, besonders des Phaedrus, des Phaedo und
eines bedeutenden Theiles der Republik. Und doch findet sich in
seinen Schriften kein bemerkenswertheres Muster von logischer
*) Grote, II, 108.
**) Ebend. I, 323.
S.
Plato.
75
Widerlegung als jene, durch welche Parmenides in dem nach ihm
benannten Dialoge dieselbe Lehre, die dort dem jugendlichen So-
krates in den Mund gelegt ist, vernichtet. Aus diesem Grunde
entscheiden sich auch einige der platonischen Kritiker dafür, daß
der Parmenides kein Werk Plato's, sondern von einem Jünger der
eleatischen Schule verfaßt und gegen Plato gerichtet sei; aber sie
vergessen, daß der Parmenides des Dialoges eine ebenso entschiedene
Widerlegung seiner eigenen Hauptlehre von der Einheit des Seienden
giebt, und daß er überdieß an seine Zurückweisung der Ideenlehre die
Bemerkung knüpft, es würden, so großen Schwierigkeiten dieselbe
auch unterliege, doch Philosophie und Dialektik unmöglich werden,
wenn man sie nicht gelten ließe *). Man sollte erwarten, daß
eine so wichtige Theorie nicht in diesem Schwebezustand zwischen
zwei einander widersprechenden und für gleich unwiderstehlich ge=
haltenen Beweisen gelassen würde. Man dürfte voraussetzen, daß
der große Meister der Dialektik, der doch die Lehre annahm, sich
für verpflichtet halten würde, ihre anscheinende Widerlegung selbst
zu widerlegen. Aber er thut dieß nirgends, und (wir wagen die
Vermuthung) er hätte es nicht thun können. Die Einwände werden
in einer abgekürzten Form im Philebus wiederholt und dort ebenso
wenig beantwortet, indem Sokrates blos bemerkt, daß dieser Gegen-
stand wohl allezeit ein Thema für den Scharfsinn junger Dialek-
tiker bleiben werde **). Plato, der Dogmatiker, erscheint als eine
ganz verschiedene Person von Plato, dem Kritiker.
Die ***) beiden Strömungen seiner Speculation, die schaffende und die
zerstörende, find gesondert und von einander unabhängig. Wo die schaffende
ungewöhnlich vorwiegt (wie im Timaeus), da wird die zerstörende völlig un-
sichtbar. Timaeus verkündet die weitgehendsten Theorien, von denen der
wirkliche Sokrates feine einzige mit den eindringlichsten Fragen verschont hätte;
aber der platonische Sokrates hört sie mit achtungsvollem Stillschweigen an
und lobt sie später. Wenn Plato an das Schaffen geht, find seine Dogmen
ganz und gar aprioristisch; sie verkünden Ahnungen oder Hypothesen, die
thren Anspruch auf seinen Glauben nicht von ihrer Tauglichkeit herleiten, die
von ihm erhobenen Einwände zu lösen, sondern von einem tiefen und feier-
lichen Gefühl religiöser, ethischer, ästhetischer oder poetischer Art u. s. w.,
von der Verehrung des Ebenmaßes oder der Eractheit der Zahlen u. s. w.
Diese Dogmen sind Ausflüsse irgend eines erhabenen Gefühles betreffs
des Göttlichen, Guten, Gerechten, Schönen, Ebenmäßigen u. f. w., welches
Plato in seine Corollarien verfolgt. Aber das ist ein Proceß für sich,
und während Plato ihn durchführt, werden die früher erhobenen Zweifel
Plato, Parmenides, 135 B.
**) Blato, Philebus, 15 D.
***) Grote, I, 270.
S.
Plato.
76
nicht hervorgeholt, um gelöst zu werden, sondern sie werden vergessen oder der
Aufmerksamkeit entrückt".
Plato*) war Skeptiker, Dogmatiker, religiöser Mystiker und Inquisitor,
Mathematiker, Philosoph, Dichter (erotischer sowohl als satirischer), Rhetor
und Künstler, alles zugleich, oder wenigstens alles nach einander in den fünfzig
Jahren seiner philosophischen Laufbahn. Zu der einen Zeit verlangt sein
überquellender dialektischer Drang nach Befriedigung und giebt sich in einer
Reihenfolge scharfsinniger Zweifel und ungelöster Widersprüche fund; ein ander-
mal ist er voll theologischen Unwillens gegen diejenigen, welche Helios und
Selene lästern, oder die allumfassende Vorsehung der Götter läugnen. Hier
begegnen wir demüthigen Eingeständnissen der Unwissenheit und Verwahrungen
gegen die falsche Einbildung des Wissens, die als ebenso beklagenswerth
wie weit verbreitet dargestellt wird; dort finden wir eine Beschreibung des
Borganges der uranfänglichen Weltentstehung, die nicht genauer sein könnte,
wenn der Verfasser der Vertraute der verborgensten Absichten des Demiurgos
gewesen wäre. In dem einen Dialoge hat die Liebesschwärmerei die Ober-
hand, die zwischen schönen Jünglingen und philosophischen Begriffen getheilt
und mit einer religiösen Begeisterung und Verzückung versetzt ist, welche
alle menschliche Mäßigung verachtet und hinter sich läßt (Phaedrus); in einem
anderen werden alle heftigen Seelentriebe zurückgewiesen und gebrandmarkt
und nichts als ehrbar anerkannt, außer der Bethätigung der ruhigen und
leidenschaftslosen Einsicht (Philebus, Phaedo). Der Dithyrambus und der
Mythus wird mit der Satire, und ein ethischer Gesichtspunkt mit dem an-
deren vertauscht (Protagoras, Gorgias). Und die Alles bewältigende dra-
matische Kraft des Meisters verleiht jeder dieser mannigfaltigen Tendenzen
vollen Nachdruck. Im Ganzen ähnelt das Gesammtbild Plato's, um ein
Gleichniß Plato's selbst zu gebrauchen, einigermaßen jenen phantastischen
Verbindungen von Thiergestalten, welche die hellenische Mythologie ersonnen
hat; es enthält eine Anzahl getrennter und verschiedenartiger Personen, welche
nur darum wie eine einzige aussehen, weil dieselbe äußere Hülle sie umschließt."
Wir glauben, daß wenngleich nicht alle, so doch die wichtigsten
dieser Verschiedenheiten in Ton und Empfindung sich aus dem
zunehmenden Alter des Philosophen und der Erstarkung seiner
positiven Ueberzeugungen ableiten lassen. Schon der erste Factor
allein fann uns Vieles erklären. Niemand wird einen Beweis
dafür verlangen, daß die Befehdung der heftigeren Genüsse und
die Verdammung aller geistigen Störungen, wie sie sich im Philebus,
in den Gesetzen" und selbst in der Republik finden, einer späteren
Lebenszeit angehören, als die Liebesschwärmerei des Phaedrus und
des „Gastmahls". Andererseits zeigen alle die Werke, welche die
deutlichsten Spuren späterer Entstehung an sich tragen, eine große
Wandlung in der Werthschätzung der sokratischen Prüfungsmethode.
Es war Plato augenscheinlich so ergangen, wie nicht wenigen
großen Reformatoren, und Niemandem in auffälligerer Weise als
Luther, welcher eben darum, weil er mit seiner ursprünglichen
*) Grote, I, 214-215.
S.
Plato.
77
Absicht über jede vernünftige Erwartung hinaus durchgedrungen
war, während der späteren Hälfte seines Lebens seine beste Kraft
daran setzen mußte, um diejenigen seiner Anhänger, welche ihrem
Führer vorausgeeilt waren, zurückzudrängen. In den blos unter-
suchenden Dialogen, welche Plato vermuthlich schrieb, als der
Einfluß des Sokrates noch seinen Geist beherrschte, giebt es nichts,
was er, in der Person seines Helden, öfter wiederholt, als daß
das bloße Erwecken des Bewußtseins der Unwissenheit, die bloße
Zerstörung jener falschen Einbildung von Wissen, welche unter den
Menschen so allgemein ist, schon an und für sich, auch ohne Rück-
sicht auf etwaige weitere Folgen, ein höchst schäzbarer Erfolg der
Dialektik ist. Als er jedoch an Jahren vorrückte und seinerseits
von der unverbrüchlichen Richtigkeit seiner Meinungen überzeugt
ward, als er, um ein Gleichniß Grote's zu gebrauchen, aufhörte,
der Führer der Opposition zu sein, und sich auf den ministeriellen
Bänken niederließ, da kam er zur Einsicht, daß die sokratische
Methode ein zweischneidiges Werkzeug sei. Bereits in der Re-
publik sehen wir ihn bei den Gefahren einer rein negativen Geistes-
richtung verweilen und es beklagen, daß die Dialektik so frühzeitig
in die Erziehung eingreift und von „,,unreifen Jünglingen" *) auf-
gegriffen wird, welche das Recht des Fragenstellens mißbrauchen,
allen ihren von früh auf gehegten Meinungen mißtrauen, und
schließlich alle positiven Ueberzeugungen verlieren". In dem pla-
tonischen Staate beginnt die Beschäftigung mit der Dialektik erst
mit dem dreißigsten Lebensjahre, damit Plato's eigene Dogmen
einen weiten Vorsprung gewinnen, bevor sie den Gefahren der
sokratischen Prüfung ausgesetzt werden. Aber die Dialektik mit
ihrem logischen Kreuzverhör gilt darin immer noch für das mäch-
tige Organ des philosophischen Denkens, und nur die in ihr Ge-
schulten werden für befähigt zum Regieren erachtet. Aber als
Plato noch mehr an Jahren und an Dogmatismus zunahm, scheint
er die Schäzung der Dialektik und die Freude an ihr gänzlich
verloren zu haben. In seinem zweiten Ideal-Staate, in den
Gesetzen", wird sie nicht mehr erwähnt, sie bildet keinen Bestand-
theil der Erziehung, sei es der Regierer oder der Regierten; an
ihre Stelle ist vielmehr eine starre und unwandelbare Orthodoxie
von Plato's eigener Mache getreten, und jede Auflehnung gegen
dieselbe, oder jeder schüchterne Versuch, sie durch den "Eleyzos
zu prüfen, wird mit Torquemada-artiger Strenge geahndet. Was
den Umstand betrifft, daß Plato es unterließ, seine Meinungen
*) Grote, III, 103.
S.
Plato.
78
in seinem eigenen Geiste gegen die von ihm erhobenen Ein-
wendungen zu festigen, so vermuthen wir, daß er an der Brauch-
barkeit des dialektischen Processes als eines Werkzeugs zur Er-
mittelung der Wahrheit verzweifelte, und daß die Unmöglichkeit,
seine eigenen Einwände zu lösen, ihn zur Ueberzeugung brachte,
daß sich gegen alle Wahrheiten dialektisch unlösbare Einwendungen
erheben lassen. Indem nun die ethischen und politischen Tendenzen
seines Geistes die Oberhand über die rein speculativen gewannen,
hielt er es für das wünschenswertheste, daß diejenigen Ansichten,
denen die beste ethische Tendenz innewohnt, gelehrt werden sollten,
mit wenig oder gar keiner Rücksicht darauf, ob sie sich als wahr
erweisen lassen, und selbst auf die Gefahr hin, daß sie falsch seien.
So haben wir also, von minder bedeutenden Discrepanzen
abgesehen, zwei scharf ausgeprägte Personen in Plato vor uns:
den Sokratiker und den Dogmatiker; von diesen hat sich der erste
ungleich besser um die Menschheit verdient gemacht, aber der letz-
tere hat von dieser weit höhere Ehren empfangen. Und dieß ist
wohl begreiflich; denn der Eine lieferte gar Vielen eine brauchbare
Stütze für ihre moralischen und religiösen Dogmen, während der
Andere nur den menschlichen Verstand geklärt und gekräftigt hat.
Allerdings sind die Huldigungen, welche alle gebildeten Epochen
Plato als bloßem Moralisten, als einem der gewaltigsten Lehrer
der Tugend dargebracht haben, die jemals unter den Menschen
erschienen sind, vollauf gerechtfertigt. Unter all seinen Wand-
lungen giebt es doch Eines, dem er immer treu bleibt die
Anerkennung des Alles überragenden Werthes der Tugend und
Weisheit (welche er unabänderlich mit einander identificirt) und
der unendlichen Ueberlegenheit des gerechten Lebens selbst in-
mitten von Verfolgung und Verläumdung vor dem ungerechten,
selbst wenn dieses von den Menschen geehrt und mit noch soviel
Macht und Größe umgeben ist. Und was er also selbst fühlt,
das vermag er mit einer Gewalt, die Keiner jemals übertroffen
hat, auch seine Leser fühlen zu machen. Diese Eigenschaft ist es,
welche in ihm den Charakter eines großen Lehrers zur Voll-
endung bringt. Andere können belehren, Plato aber gehört zu
Jenen, welche große Männer bilden durch die Vereinigung von
sittlicher Begeisterung und logischer Zucht. In einem der ver-
lorenen Dialoge des Aristoteles," sagt Grote *), „ward eines
korinthischen Landsmanns lobende Erwähnung gethan, welcher bei
der Lecture des platonischen Gorgias von so feuriger Bewun-
*) Grote, II, 90.
S.
Plato.
79
Derung ergriffen wurde, daß er seine Aecker und Weinberge verließ
und sofort nach Athen eilte, um sich der Führung Plato's anzu-
vertrauen." Wir dürfen sicher sein, daß der Gorgias diese außer-
ordentliche Wirkung seelenbezwingender Gewalt nicht seinen Argu-
menten verdankte; denn diese sind fast durchweg Trugschlüsse und
hätten nicht der ersten Berührung des prüfenden Kreuzverhörs
widerstanden, welches in so schonungsloser Weise gegen ihre An-
greifer in Anwendung gebracht wird. Dieser große Dialog, voll
von richtigen Gedanken und schönen Beobachtungen über die mensch-
liche Natur, ist, was die Beweisführung anbetrifft, eines der
schwächsten unter Plato's Werken. Nicht durch seine Logik, son-
dern durch sein Ethos bringt er seine Wirkungen hervor; nicht
indem er den Verstand belehrt, sondern indem er die Gefühle
und die Einbildungskraft beeinflußt. Auch ist dieß keineswegs
befremdend; denn die uneigennüßige Liebe zur Tugend ist eine
Sache des Gefühls. Es ist unmöglich, Plato's These, daß die
Gerechtigkeit die höchste Glückseligkeit sei, irgend Jemandem zu
beweisen, wenn man ihn nicht dazu bringen kann, sie als solche
zu empfinden. Man kann ihn die äußeren Bestimmungsgründe,
welche sie empfehlen, das günstige Urtheil und die hilfreiche Ge-
sinnung der Menschen und endlich die Belohnungen eines zukünftigen
Lebens schäßen lehren; aber auf diese Betrachtungen ſtützt sich
Plato im Gorgias nicht, obwohl er sie an anderen Orten zu
Hilfe nimmt: die Vergeltung nach dem Tode wagt er nur in der
Gestalt eines Mythus einzuführen, und die Betonung des irdischen
Lohnes stünde im Widerspruch mit der ganzen Anlage des Dia-
loges, welcher den gerechten und tugendhaften Mann als ein in
jeder bestehenden Gesellschaft vereinsamtes, falsch beurtheiltes, ver-
folgtes Wesen darstellt, das den Schmeichlern der Menge gegen-
über nicht mehr Aussicht auf Erfolg hat, als (um Plato's Gleich-
niß zu gebrauchen) ein Arzt, gegen den ein Zuckerbäcker vor
einer Jury von Kindern die Anklage erheben würde, daß er ihnen
abscheulich schmeckende Arzneien anstatt köstlicher Leckereien ver-
abreiche. Es ist gerade dieses Gemälde des sittlichen Helden,
welcher an seinen Grundsägen der Feindschaft und Verachtung
einer Welt zum Troze festhält, das die Herrlichkeit und die Ge-
walt des Gorgias ausmacht. Der Sokrates des Dialoges läßt
uns empfinden, daß alle anderen Uebel erträglicher sind, als die
Ungerechtigkeit der Seele, nicht indem er dieß beweist, sondern
indem er in unserem Innern das Mitgefühl mit seiner eigenen be-
geisterten Empfindung wachruft. Er flößt Heldenmuth ein, weil
er sich als Held erweist. Und trotz seiner logischen Gebrechen
S.
Plato.
80
bezeichnet der Gorgias einen der größten Fortschritte, welche
jemals in der sittlichen Vervollkommnung stattgefunden haben:
die Pflege uneigennütziger Bevorzugung der Pflicht um ihrer
selbst willen, als etwas Höheres im Vergleich zu der Hint-
ansetzung selbstischer Rücksichten auf Grund eines entfernteren
selbstischen Interesses.
Ebenso nachdrücklich wird die Vorzüglichkeit und innere
Glückseligkeit des gerechten Lebens in der Republik betont und
auf Argumente von soliderem Gehalte gegründet. Aber Grote
bemerkt mit Recht, daß diese Argumente, selbst wenn man ihre Beweis-
kraft zugiebt, sich nicht an die richtige Adresse wenden; denn das
Leben, das sie voraussetzen, ist nicht einfach das eines Gerechten,
sondern das eines Philosophen. Sie sind nicht auf das Muster-
bild eines gerechten Mannes, etwa auf einen Aristides, an-
wendbar, welcher kein Dialektiker ist, keinen Flug zu den Höhen
der Speculation wagt und dem Anblick der für - sich - seienden
Ideen um nichts näher ist als andere Leute, welcher aber um
den Preis jedes möglichen persönlichen Opfers unweigerlich nach
den Tugendregeln handelt, die von den besten seiner Landsleute
anerkannt werden. Es ist nicht leicht ersichtlich, welcher Raum
in der platonischen Theorie der Tugend für einen Aristides übrig
bleibt, oder wie sein Lebensgang mit der Lehre des Plato und des
historischen Sokrates zu vereinbaren ist, daß Tugend ein Zweig
des Wissens und Niemand mit Absicht ungerecht sei. Aristides
hatte wahrscheinlich dieselben Ansichten von Tugend wie seine
Zeitgenossen, und hätte so wenig wie einer von ihnen die Fragen
des Sokrates mit einer Definition beantworten können, welche
allen Einwänden gewachsen war. Die Uebereinstimmung seines
Willens mit den Vorschriften der Gerechtigkeit, das durch nichts
beirrte Festhalten an denselben, bildete wahrscheinlich den hauptsäch-
lichsten moralischen Unterschied zwischen ihm und gewöhnlichen
Menschen. Plato hätte allerdings sagen können, daß Aristides
das unentbehrlichste Stück der Erkenntniß besaß; er wußte, daß
der gerechte Mann der glücklichste sein muß. Aber Aristides
gehörte nicht zu jener Kategorie von Menschen, für welche Plato
dieß, mit mehr oder weniger Glück, bewiesen hat; und die
eigentliche platonische Lehre besagt, daß es unmöglich ist, gerecht
zu sein, wenn man nicht (im hohen platonischen Sinne des
Wortes) weiß, was Gerechtigkeit ist*).
*) Der historische Sokrates der Memorabilien (IV, 4, 12) antwortet auf
eine Wahnung des Sophisten Hippias, nicht immer nur Andere zu quälen,
S.
Plato.
81
Wenn wir Plato als Moralisten mit diesem seinem eigenen
Maße messen, wenn wir uns vom begeisterten Apostel der Tugend
zum philosophischen Lehrer derselben wenden und nach seinem
Kriterium der Tugend fragen, so begegnet uns in verschiedenen
Schriften ein verschiedenes. Im Protagoras ist es ein ganz und
gar utilitarisches, wie es gar Manche als gemein" und,,herab-
würdigend" brandmarken, obwohl Grote dasselbe mit Recht vom
utilitarischen Standpunkt aus verurtheilt, weil das uneigennützige
Element darin keinen Raum findet. Nach dem Sofrates im
Protagoras ist das einzige gute und erstrebenswerthe Ziel des
sondern sich selbst zu einer positiven Ansicht über Gerechtigkeit zu bekennen,
mit einer Definition, welche zwar einen Aristides, aber nicht den platonischen
Herrscher oder Philosophen mit eingeschlossen hätte; Gerechtigkeit, fagt er, ift
To róμчμov das den Landesgesetzen entsprechende Verhalten. Diese
Definition, welche dem schwunglosen und praktischen Xenophon vollkommen
zusagt, befriedigt jedoch den Sophisten nicht, der auch dießmal wieder als
der Vorkämpfer eines höheren Gesetzes dargestellt wird. Er wendet ein,
daß die Gesetze nicht der Maßstab der Tugend sein können, da die Bürger,
welche dieselben erlassen, vielfach anderen Sinnes werden und Gesetze,
die sie gegeben haben, wieder aufheben. Sokrates ertheilt die geist-
volle und nicht unsokratische Antwort, daß die Bürger ja auch Krieg,
führen und wieder Frieden schließen; und doch schätzen wir einen guten
Taktiker oder Soldaten nicht darum gering, weil es wieder einmal
zum Frieden kommen kann. Das einzige Werf Plato's, dessen Richtung
mit diesen Aeußerungen übereinstimmt, ist der Crito, in welchem Sofrates
nach seiner Verurtheilung das Anerbieten, ihn aus dem Kerfer zu befreien,
zurückweist. Er betont hier in überaus nachdrücklicher Weise die Pflichten,
welche ein Mann seinem Vaterlande und dessen Gesetzen, selbst wenn sie in
ungerechter Weise gegen ihn angewendet werden, schuldet, und führt die
Gesetze redend ein, wie sie ihm, für den Fall, daß er sich der Hinrichtung
entzieht, Undankbarkeit vorwerfen, weil er sein Leben lang ihre Wohlthaten
genossen und nun fich sträubt, sich ihren Anforderungen zu unterwerfen. Mit
dem sonstigen platonischen Maßstab gemessen, erscheint die Antwort des
Sokrates bei Xenophon auf die Frage des Hippias sehr unplatonisch; jedoch
vermuthen wir, daß Plato selbst gewissen Personen und unter gewissen Um-
ständen dieselbe Antwort ertheilt hätte, daß auch nach seiner Auffassung
König Nóuos ein zureichender und geeigneter Herrscher für die Allgemeinheit
der Menschen ist, und daß die Gesetze nebst den feststehenden Sitten (den ayoupor
vóuot, wie die für alle Menschen giltigen Gesetze eben dort bei Xenophon ge-
nannt werden) seine wirkliche Richtschnur der Gerechtigkeit für den Bürger
waren, obgleich er der Meinung war, daß der Gesetzgeber und der Philosoph
eines mehr wissenschaftlichen Maßstabs nicht entrathen tönnen. Von den vielen
hierher gehörigen Stellen wollen wir (außer Theaetet 172 A und 177 D) nur
jene in den Gesetzen" (I, 637-8) namhaft machen, wo der Standpunkt
des Bürgers, für den die Gesetze seines Vaterlandes den Kanon der Tugend
bilden, jenem des Philosophen gegenübergestellt ist, welch letzterer durch die
Gesprächspersonen vertreten ist, welche die Frage nach der Tugend des
Gesetzgebers selbst beschäftigt.
6
Mill, ges. Werte. XII.
S.
Plato.
82
Handelns die Lust und die Abwesenheit von Schmerz; alle anderen
guten Dinge sind nur Mittel zu diesen Zwecken. Die Tugend
ist eine Sache der Berechnung, und die einzigen Factoren der
Berechnung sind Lust und Schmerz - Gefühle. Aber die in
Rechnung gezogenen Factoren sind einzig und allein die Lust und
der Schmerz des Handelnden selbst, während von Lust und
Schmerz Anderer und der Menschheit nicht die Rede ist. Das
System wird so zu einem selbstsüchtigen, obwohl nur in der Theo-
rie, da sein Vertreter an der Lehre festgehalten hätte, daß das
gerechte Leben das einzig glückliche, das heißt (nach der Theorie
des Dialoges) dasjenige sei, welches dem Handelnden selbst den
größten Ueberschuß von Lust über Schmerz gewährt. Der Stand-
punkt des „Protagoras" stimmt mit jenem des historischen Sokrates
überein, welcher überall in den Memorabilien die gewöhnlichen
Pflichten des Lebens mit hedonistischen Gründen einschärft und sie
durch die gewöhnlichen hedonistischen Motive, die gute Meinung
und das Lob der Mitbürger, die zu erwartende gleiche Behand-
lung und die Gunst wohlwollender Gottheiten, empfiehlt. Selbst
in den Gesetzen" behauptet Plato, daß die Menschen sich nie
bewegen lassen werden, die Tugend vorzuziehen, außer wenn sie
davon überzeugt werden, daß diese die Bahn der größten Lust dar-
stellt, und ferner daß ihnen, es verhalte sich nun in Wirklichkeit
so oder anders (obgleich er persönlich vollständig davon überzeugt
ist), dieser Glaube nicht nur beigebracht werden müsse, sondern
daß auch keine Spur eines Zweifels daran geduldet werden
dürfe. Aber der Sokrates des Gorgias weicht von beiden, sowohl
vom wirklichen, als vom Sokrates des Protagoras" ab. Für
ihn ist Gut nicht mehr gleichbedeutend mit Lustbringend, Uebel
mif Schmerzlich. Um etwas als ein Gutes anzuerkennen, muß es
entweder lustbringend oder heilsam (wgékuuov) sein; und die
Gerechtigkeit gehört zur Kategorie des Heilsamen. Aber heilsam
zu welchem Zweck? Dieß wird nicht gesagt; nur soviel steht fest,
daß dieser Zweck nicht die Lust ist. Die Gerechtigkeit wird
der Gesundheit der Seele, die Ungerechtigkeit der Krankheit gleich-
gesetzt, und da die Gesundheit des Körpers sein höchstes Gut,
die Krankheit sein größtes Uebel ist, so wird diese Schätzung
auf dem Wege der Analogie auch auf den Geist übertragen. Es
findet sich im Gorgias kein Versuch die Gerechtigkeit zu definiren.
In der Republik, deren ausgesprochene Absicht es ist eine solche
Definition zu liefern, und welche als ein Mittel zu diesem Zwecke
den weitläufigen Aufbau eines Idealstaates unternimmt, ergiebt
sich als Resultat, daß die Gerechtigkeit gleichbedeutend ist mit der
S.
83
Plato.
unumschränkten Oberherrschaft der Vernunft in der Seele. Der
menschliche Geist wird dort in die berühmten drei Elemente zerlegt:
das vernünftige, das muthartige oder leidenschaftliche (rò vuoεdés)
- wieder einer jener verfänglichen gemischten Modi - und das
begehrliche. Der gerechte Geist ist derjenige, in welchem jedes dieser
brei Elemente seinen gebührenden Platz einnimmt; in welchem die
Vernunft herrscht, die Leidenschaft sich zur Helferin und zum
Werkzeug der Vernunft macht, und beide vereinigt die Begierde
in einem Zustande gutwilliger Unterwerfung erhalten. In dem
Philebus, welcher eingestandenermaßen de bono (oder vielmehr
de summo bono) handelt, wird dieser Gegenstand einer ein-
gehenderen Prüfung unterworfen. Nach einer langen Erörte
rung, in welcher jene, welche für die Lust eintreten, und die,
welche für die Weisheit oder Einsicht (pgóvnois) streiten, schließlich
beide widerlegt werden, ergiebt sich, daß das Gute oder das Be=
gehrenswürdige aus fünf Kategorien besteht, welche in verschiedenem
Grade begehrenswerth sind. Wir wollen nicht die ganze Liste
aufführen, da sie durch die Unbestimmtheit einiger von den Be-
griffen und durch die in hohem Grade abstracte Beschaffenheit der
Ausdrucksweise selbst Grote zu dem Bekenntniß nöthigt, daß sie
überaus schwer verständlich sei. Doch wollen wir erwähnen, daß
die ersten vier sich ausschließlich auf die rationellen Elemente des
Geistes beziehen, während das fünfte, welches gegen dieselben
weit zurück gesetzt wird, die wenigen Arten von Lust umfaßt,
welche sanfter Natur und von jeder Beimengung von Schmerz
frei sind, nachdem vorher alle anderen und zumal die heftigeren
Rustempfindungen einem krankhaften Geisteszustand zugewiesen und
demgemäß ausgeschlossen wurden. Gegen alle diese Theorien hat
Grote's Kritik leichtes Spiel, da ihre Tugend-Definitionen nur
das Wohl des Handelnden in Betracht ziehen, indem selbst die Ge-
rechtigkeit, die recht eigentlich sociale Tugend, in die Oberherrlich-
keit der Vernunft innerhalb unseres eigenen Geistes aufgelöst
wird, der Thatsache zum Troß, daß der Tugendbegriff und die
tugendhafte Gesinnung nicht ausschließlich in den unser Selbst be-
treffenden, sondern auch, und sogar unmittelbarer, in den socialen
Gefühlen wurzeln. Es ist dieß eine Wahrheit, welche zuerst von
den Stoikern in vollem Umfange anerkannt wurde, denen der Ruhm
gebührt, die moralischen Verpflichtungen zum ersten Mal auf die
brüderliche Gemeinschaft, die ovyyéveta, des ganzen Menschen-
geschlechtes begründet zu haben. Der große Mangel in Plato's
ethischen Begriffen (welcher in Grote's Bemerkungen über die
Republik eine ausgezeichnete Beleuchtung findet) bestand darin,
6*
S.
Plato.
84
daß er das übersah, was Aristoteles vollkommen erfaßte, daß
nämlich das Wesentliche an der Tugend der Gerechtigkeit die
Anerkennung und Achtung der Rechte Anderer iſt.*)
Es verdient bemerkt zu werden, daß selbst in der Republik
das herrschende und zügelnde Princip des Geistes, welches wir
mit Vernunft übersetzt haben, und in dessen unbeschränkter Ober-
hoheit das Wesen der Tugend besteht, to hoyorinóv ist, wörtlich
das rechnende Princip (indem loyioτiný von Plato selbst im
Gorgias gebraucht wird, um einen Theil der Arithmetik zu be
zeichnen). Dieß ist ganz und gar die Lehre des „Protagoras",
nur daß die in Rechnung zu ziehenden Factoren hier und dort ver-
schiedene sind. Durch die ganze Reihe der Dialoge hindurch wird
überall eine Art von Meß-Kunst, eine μετoуixỲ τéxуn, vermittelst
welcher man das wahre Wesen der Dinge von ihrem äußeren
Schein unterscheiden könne, als das große Erforderniß der Tugend
sowohl, als der Weisheit gefordert. Nachdem aber Lust und
Schmerz als Prüfmittel verworfen worden sind, werden uns keine
anderen Elemente aufgezeigt, welche diese Meß-Kunst zu messen
bestimmt sein soll. Natürlich hat sie unseren Geist und unsere
Handlungen selbst zu messen; aber wir messen doch etwas, um es
mit den Größenverhältnissen eines anderen Dinges zu vergleichen
oder in Uebereinstimmung zu setzen, und welches dieses Andere
ist, das sagt uns Plato niemals. Unser Leben soll geregelt werden,
aber wir erfahren nicht, wodurch; es wird dem Proceß des
Messens an sich eine geheimnißvolle Wirksamkeit zugeschrieben.
Die Analogie, deren sich Plato hierbei bedient, ist der Vergleich
mit den unwahren Größen-Verhältnissen der Gegenstände, wie sie
dem Auge erscheinen, und der Berichtigung derselben durch das
Messen; wobei Plato nur das Eine übersieht, daß es nicht das
Messen selbst ist, welches dieselben berichtigt, sondern daß es die
Tastempfindungen sind, denen das Messen nur größere Sicherheit
verleiht. Als Plato an Jahren vorrückte, scheint die Idee des
Maßes als von etwas an sich Gutem (unabhängig von jedem darüber
hinausliegenden Zweck) immer mehr Gewalt über ihn gewonnen
*) Grote, III, 133-159. Die einzige Spur einer Auffassung der
Sittlichkeit, die auf das Gesammt-Wohl Bezug nimmt, begegnet uns
in der Republik anläßlich der Bemerkung, daß das Dasein der Wächter" ein
frend loses und wenig begehrenswerthes sein werde, da die Mitglieder dieser
Classe von all' den Inte reffen ausgeschlossen sind, denen die Menschen ihr Leben
zu widmen pflegen. Vielleicht (so erwidert Plato) wird es sich ergeben, daß
ihr Loos das allerglücklichste ist; doch mag es sich auch so verhalten, wie ihr
behauptet: unsere Aufgabe ist es, nicht einen Theil der Gesammtheit, sondern
diese selbst so glücklich als möglich zu machen".
S.
Plato.
85
zu haben. Die bloße Uebereinstimmung mit einer festen Norm,
zumal wenn sie von Regelmäßigkeit der Zahlenverhältnisse begleitet
ist, wurde sein vornehmster Maßstab der Vortrefflichkeit. Dieß
entsprach einem mächtigen Gefühle des hellenischen Geistes, welcher
mit heftigen Trieben ein hohes Gefühl von persönlicher Würde
verband und demgemäß harmonisches Ebenmaß im Geist und Be-
tragen ganz eben so sehr wie in der Architektur verlangte, und
dem alles Ungeordnete, Unharmonische und Unrhythmische selbst
in der Stimme oder im Benehmen nicht blos mißfällig war,
sondern sogar als Zeichen eines schlecht geordneten Geistes galt,
wie dieß Plato in der Republik ausdrücklich ausspricht.*) Un-
serem Philosophen selbst erschienen Maß und Regelmäßigkeit, wie wir
wissen, geradezu als die Fußspuren der Gottheit; sie und nur sie
allein hielt er für Merkmale der Absicht im Bau des Weltalls;
wo sie aufhörten, endete auch der Antheil der Gottheit; denn der
Kosmos galt ihm im Ganzen als ein Compromiß mit der aváyan
oder Nothwendigkeit, welche, in geradem Gegensatz zur modernen
Auffassung, die unberechenbare Seite der Naturkräfte vertrat,
jene Fälle, in welchen (wie man dachte) nicht unwandelbar
auf dasselbe antecedens dasselbe consequens erfolgt. **) Im
Philebus werden das Maß und das Gemessene, uérgov nai tè
μéτQiov zai zaiotov, als die ersten Elemente des Guten ange-
führt, während selbst die Intelligenz nur das dritte, und die Lust
(welche auf die nicht aufregenden Genüsse beschränkt ist) das
fünfte und dem Range nach letzte ist. In Plato's späteren
Speculationen, von der Republik bis zur Epinomis, nehmen die
Wissenschaften des Maßes und der Verhältnisse: Arithmetit,
Geometrie und Astronomie, allmählich die Stelle der Dialektik
als die Gegenstände der für einen Herrscher und Philosophen
geeigneten Erziehung ein. Wir hören von Aristoteles, daß sich
dieß sogar noch entschiedener in den Vorträgen fundgab, die er
während der letzten Jahre seines Lebens hielt. Seine Vor-
lesungen über das Ipsum Bonum oder die Idee des Guten
handelten, zur Ueberraschung der Zuhörer, über die transscenden-
talen Eigenschaften der Zahlen. Die Zahl wurde in zwei elemen-
tare Factoren in die Eins und in die Dyas oder die Zwei -
zerlegt, welche lettere mit dem Unbestimmten identificirt wurde;
und er behauptete, daß das Gute mit der Eins identisch sei,
während das Ueble das Unbegrenzte oder Unbestimmte, das
*) Plato, Republik III, p. 400-402; und Grote III, 53-54.
**) Vergl. den Timaeus durchwegs.
S.
Plato.
86
àógiorov und aneigov*), sei. So erstarb bei Plato das edle
Licht der Philosophie in einem Nebel von mystischem Pytha-
goreerthum.
In diesem pythagoreischen Sumpfe versank und erstickte
auch, wie wir von demselben Gewährsmann erfahren, die herrliche
Ideenlehre. Doch steht diese Lehre als das reinste Muster der
platonischen Metaphysik da und wird der Nachwelt immer als solches
erscheinen. Es gilt von Plato, wie von allen seinen Landsleuten,
den Aristoteles zum Theil ausgenommen, daß, während ihre
Gedanken über Moral und Politik von einer eben so wohl praktisch
anwendbaren, als für alle Zeiten giltigen Weisheit überfließen, ihre
metaphysischen Speculationen uns nur als die ersten Versuche origi-
neller und schöpferischer Geister interessiren, ein bis dahin völlig
dunkles Gebiet zu erhellen. Nichts Anderes sind auch die platonischen
Ideen, aber unter allen Theorien, welche in scharfsinnigen Köpfen
aus einer unvollkommenen Auffassung der Processe der Abstraction
und Verallgemeinerung entsprungen sind, gehören sie sicherlich zu
den bestechendsten und schönsten. Die Menschen haben verall-
gemeinert und abstrahirt, bevor Plato seine Werke schrieb, oder
sie wären nicht Menschen gewesen; aber sie thaten es in Folge
einer unbewußten Wirksamkeit der Associationsgesetze, welche einem
Instincte glich; es gab keine Theorie dieser Geistesoperationen,
bis Plato eine solche schuf; und das bloße Ins - Auge - Fassen
und bewußte Vollziehen dieser Processe war etwas Neues, was,
wie wir in vielen Dialogen beobachten können, selbst einem ein-
sichtigen Schüler nur gelang, wenn ihm eine verschwenderische
Fülle von Beispielen als Hilfe dargeboten wurde. Nun mußte
ein sinniger Geist bald wahrnehmen, daß alle Sinnesobjecte, ob
sie nun Substanzen, Eigenschaften oder Ereignisse seien, und
die edelsten Gegenstände zu allermeist das, was sie sind, nur
in einer unvollkommenen Weise sind, und daß sie den Geist ein
Musterbild ihres Wesens von viel vollkommenerer Art, als sie
selbst sind, ahnen lassen: „ein weit inniger durchtränktes Etwas",
was weder ein Auge gesehen, noch ein Ohr gehört hat, aber mit
dem das, was gesehen oder gehört werden kann, eine, allerdings
unvollkommene und oft nur sehr entfernte, Aehnlichkeit besigt. Die in
ihrer Kindheit befindliche Psychologie ließ die Menschen noch nicht
erkennen, daß der Geist selbst sich diesen vollkommeneren Typus
auf dem Wege der Vergleichung und Abstraction aus dem unvoll-
kommenen Material seiner Erfahrung schafft; aber sie nahmen
*) Grote, I, 217-218.
S.
Plato.
87
wahr, daß die Typen die in der Wirklichkeit nicht anzutreffende
Vollkommenheit aller anderen Dinge in sich einschließen und die
Vorbilder sind, denen die Natur selbst sich anzunähern bemüht
scheint. Was konnte da natürlicher sein, als daß man diese
Typen als wirkliche Objecte ansah, die zwar den Sinnen entrückt,
aber durch den Geist unmittelbar erkennbar sind, und diese
mußten, sobald man sie einmal als außer uns existirende Dinge
ansah, realer als alles Andere erscheinen, da alle sonstigen Dinge
nur unvollkommenen Copien oder Nachbildungen gleichen? Das
An- sich Schöne und das An-sich- Gute, welche sich nicht nur
zu allen guten und schönen Dingen verhalten wie das Ideal
zur Wirklichkeit, sondern welche auch alle die gesonderten Voll-
kommenheiten der mannigfaltigen Arten von Schönheit und Güte
in sich vereinigen diese Formen oder Essenzen, denen alle
Einzeldinge, mittelst des Antheils, den sie an ihrer Natur
haben, Alles verdanken, was sie von Güte und Schönheit be-
sigen, was aber freilich abgeblaßt und entstellt ist durch das trübe
Medium, in das sie getaucht sind, diese Wesenheiten, welche
um so viel herrlicher als ihre abgeschwächten irdischen Vertreter
und nicht wie diese der Schädigung oder dem Verfall unterworfen
sind: mußten sie nicht als Realitäten in einem viel höheren Sinne
gelten als die Einzeldinge, welche in das Bereich unserer sinnlichen
Wahrnehmung fallen? Zumal da diese besonderen Dinge gewiß
keine Wirklichkeiten sind, denn es giebt kein besonderes Gutes oder
Schönes oder Gerechtes, das nicht in irgend einem denkbaren
Falle ungerecht, schlecht und unschön wäre. Und mußte man
dann nicht annehmen, daß derjenige Theil unserer Natur, welcher
diese realen Wesenheiten wahrnimmt, sie noch viel deutlicher
erschauen würde, wenn nicht der Schleier der Sinne dazwischen
läge ? und daß wir nur dann, wenn dieser Schleier fällt, die
Welt des Scheines und der Abbilder verlassen, um in die der
Dinge selbst einzugehen und den wundervollen Anblick in seiner
ganzen Pracht zu genießen? Aber selbst in dieser Welt der
Schatten kann der Geist des Philosophen, welcher durch den
dialektischen Proceß dazu geschult worden ist, das Eine in dem
Vielen zu sehen", es durch unablässiges Bemühen zu einer Wahr-
nehmung der idealen Formen bringen, welche ihn dazu
befähigt, in einem Leben nach dem Tode eine noch nähere und
befriedigendere Anschauung derselben zu gewinnen.
Die Art und Weise, wie Plato durch denselben Gedankengang
zu einer anderen seiner Aufstellungen, der berühmten Lehre von
der Wiedererinnerung gelangte, ist nicht unserem Errathen
S.
Plato.
88
überlassen. Sie wird uns im Meno dargelegt, in welchem so viel
für Plato Charakteristisches auf einen engeren Raum als in
irgend einem anderen Dialoge zusammengedrängt ist; und wenn
wir den Phaedo und den Gorgias als edle Statuen bezeichnen
dürfen, so läßt sich der Meno mit einer Gemme vergleichen.
Wie geht es zu, fragt dort Sokrates, daß, wenn wir etwas
suchen, was wir nicht wissen, wir doch wissen, was wir suchen?
Und wie kommt es, daß wir im Stande sind, es zu erkennen,
wenn wir es gefunden haben? Das scheint eines der ständigen
Räthsel dieser alten Denker gewesen zu sein, von ganz ähnlicher
Natur wie andere, welchen in den platonischen Schriften ein-
gehende Berücksichtigung geschenkt wird; es waren dieß nicht
Spitfindigkeiten streitsüchtiger Sophisten (wie Commentatoren
und Geschichtschreiber der Philosophie behaupten), sondern Schwierig-
keiten, welche diejenigen, die nach einem Verständniß ihrer eigenen
Geistesoperationen rangen, in ernstliche Verlegenheit setzten.
Warum, so fragt Sokrates, giebt die Wahrheit, die so schwer zu
finden ist, sich uns doch, sobald sie gefunden ist, oft augenblicklich,
als Wahrheit zu erkennen? Er kann dafür keine andere Erklärung
geben, als daß wir sie in einem früheren Leben gekannt haben
und blos an unsere Kenntniß erinnert zu werden brauchen.
Moderne Denker, welche auf Plato's Standpunkt stehen geblieben
sind, lösen die Schwierigkeit, indem sie die Kenntniß für intuitiv
erklären. Aber Plato fonnte sich mit dieser Erklärung nicht zu-
frieden geben; er wußte allzu gut, wie langsam, wie mühevoll,
und in wie unvollkommener Weise die Kenntniß schließlich er-
worben wird. Er sah den ganzen Proceß des Philosophirens als
eine angestrengte Bemühung an, frühere Kenntniß in's Gedächtniß
zurückzurufen. Seine Lehre ist nicht identisch mit, sondern genau
entgegengesetzt derjenigen, welche in der fälschlich als,,platonisch"
bezeichneten Ode von Wordsworth enthalten ist; bei Words=
worth ist unser Leben hienieden,,ein Schlaf und ein Vergessen",
bei Plato ist es ein Sich Erinnern. Wir sehen sofort ein, welche
Stütze diese Lehre der Auffassung Plato's von der Natur des
Unterichts verlieh eine Auffassung, die von höchster Bedeutung für
seine Zeit und für alle Zeiten ist, daß nämlich,,Lehren und
Lernen Worte ohne Sinn sind" *), und daß das Wissen,,aus dem
Geist selbst entwickelt, nicht von außen in ihn hinein getragen
werden solle" **). Der innige Zusammenhang zwischen der Lehre
*) Grote, II, 18.
**) ebend., I, 230, Anm.
S.
Plato.
89
von der Wiedererinnerung und der Ideenlehre würde, auch wenn
er nicht ohnehin augenfällig wäre, durch den Phaedo dargethan,
in welchem die erstere ausdrücklich auf die Erwägung gestützt wird,
daß jedes bestehende - an sich unvollkommene Ding den Geist
an einen Typus seiner eigenen Natur erinnert, welcher vollkom
mener ist als es selbst; und da wir nur an das erinnert werden
können, was wir einst gekannt haben, so müssen wir diesen Typus
in einem früheren Leben kennen gelernt haben. Untrennbar mit
einander verschmolzen sind diese beiden Theorien in dem poetischen
Mythus, welcher dem Sokrates im Phaedrus in den Mund gelegt
ist; und als Plato in seinen späteren Jahren die eine Lehre
fallen ließ, folgte ihr auch die andere nach.
Die Lehre von der Präexistenz steht in natürlichem
Zusammenhange mit der Unsterblichkeitslehre, und im
Phaedo werden die Argumente für die lettere zumeist auf die
erstere gegründet. Dieser wunderbare Dialog, welcher vielleicht mit
dem Gorgias allein die Ehre theilt, das höchste und vollendetste
Prosa Werk Plato's wenn nicht der ganzen Literatur -
zu sein, welcher mehr Quellen des höchsten Interesses in sich
schließt und sie zu einer kunstvolleren Einheit verbindet, als irgend
eine andere von Plato's Schriften, enthält kein einziges Argument,
welches nicht ein Fehlschluß ist, oder das irgend Jemanden über-
zeugen könnte, der nicht eifrig bestrebt ist, sich überzeugen zu
lassen. Plato selbst nimmt dort, wo er diesen Gegenstand in
anderen Dialogen berührt, zu ganz anderen Argumenten seine
Zuflucht, welche mehr denjenigen gleichen, auf welche die neueren
metaphysischen Schulen die Lehren des Spiritualismus begründet
haben. In den Gesetzen" zum Beispiel argumentirt er also:
der Geist oder die Seele, das Lebens - Princip, ist das einzige
Ding, welches Bewegung aus sich erzeugt, da die leblosen Gegen-
stände nur die ihnen von außen zugeführte Bewegung in sich
aufnehmen und fortleiten; darum beherrscht der Geist die Materie;
er muß ein ihr Vorausgehendes (roeoßúregov) und kann nicht
ein ihren Gesetzen Unterworfenes sein. Dieses Argument wird
allerdings nur als Beweis für die göttliche Weltregierung vor-
gebracht; es ließe sich jedoch eben so wohl für jenen anderen Zweck
verwerthen, und obgleich wir dasselbe keineswegs für schlußkräftig
halten, so ist es doch mehr werth, als alle Beweisgründe des
Phaedo zusammengenommen. Wiewohl der erzählende Theil des
Phaedo auf Sokrates Bezug hat und die daselbst geschilderten
Vorgänge sich wahrscheinlich in Wirklichkeit so zugetragen haben,
so sind doch (wie Grote bemerkt) die darin enthaltenen Lehren
S.
90
Plato.
90
und ihre Begründung ausschließlich platonisch. Es ist wohlbekannt,
daß Sokrates sich nicht mit dogmatischer Gewißheit über ein
zukünftiges Leben ausgesprochen hat. Desto bemerkenswerther ist
es, daß Plato hier noch nicht von dem sokratischen Kanon des
Glaubens abgefallen ist, wonach dieser die ächte, durch keine Vor-
liebe und kein Vorurtheil beeinflußte Frucht der individuellen
Vernunft sein soll, welche zuvor jedem erdenklichen Gegen-Argument
unparteiisches Gehör geschenkt hat. Gleichwie der Gorgias mit nie-
mals übertroffener Entschiedenheit und Feierlichkeit die Rechte des
individuellen Verstandes und die Jedermann obliegende Ver-
pflichtung verkündet, selbst wenn die ganze Welt auf der entgegen-
gesezten Seite stünde, allein an der Behauptung dessen festzu-
halten, was sich dem eigenen Urtheil empfiehlt, so geschieht dieß
auch im Phaedo, wie Grote in einer seiner zahlreichen werth-
vollen Bemerkungen über diesen Dialog ausspricht *):
"Freiheit der Discussion, und weiteste Ausdehnung der Kritik, der alles
überragende Werth der vernunft-begründeten Wahrheit, die Nothwendigkeit,
die Kräfte der individuellen Vernunft durch beständige Denfübung lebendig
zu erhalten, und das Recht eines unabhängigen Urtheils, sowohl für den
Hörer als für den Sprecher, werden in diesen Abschieds-Worten des sterbenden
Philosophen in begeisterter Weise verkündet. Er lehrt die Unsterblichkeit der
Seele nicht als ein Dogma und ein Gebot der Rechtgläubigkeit, welches die
Menschen, ob sie von den Beweisen dafür befriedigt seien oder nicht, glauben
müssen (oder doch so thun müssen, als ob sie es glaubten), wenn sie nicht
gleich einer fittlichen Best gemieden und für unfähig erklärt werden wollen,
vor einem Gerichtshof Zeugenschaft abzulegen. Er setzt seine eigene Meinung
nebst den Gründen auseinander, um derentwillen er sie angenommen hat;
aber er anerkennt ausdrücklich das Vorhandensein von abweichenden Mei-
nungen; er lädt seine Genossen ein, jeden Einwand, der ihnen beifällt, vorzu-
bringen; er weist jede Absicht, seine eigenen Folgerungen ihrem Urtheil auf-
zudrängen, von sich; ja er warnt sie sogar ausdrücklich davor, sich durch
ihre persönlichen Sympathien für ihn, welche damals auf ihrem Gipfelpunkt
standen, beeinflussen zu lassen. Er beschwört sie, sich von jedem Anhauch
von Misologie oder Haß einer freien kritischen Erörterung frei zu
erhalten, und er schreibt dieses Geistes-Gebrechen der frühen Gewöhnung an
bequeme, urtheilslose Leichtgläubigkeit zu; denn wer in dieser Art, ohne
prüfende Erforschung, Meinungen in sich aufnimmt, sieht sich allmählich
genöthigt, eine Meinung nach der anderen fallen zu lassen, bis er end-
lich jeder Meinung mißtraut und das Verfahren, durch welches sie geprüft
werden, verabscheut, indem er die Schuld auf die Philosophie schiebt, anstatt
auf seinen eigenen Geist..
Sokrates hat nach dieser
Schilderung nicht nur eine ganz bestimmte Meinung, sondern sogar eine
starte Ueberzeugung über einen Gegenstand von hoher Wichtigkeit; er hegt
überdieß den innigften Wunsch, sich diese Ueberzeugung während der wenigen
noch übrigen Stunden seines Lebens ungeschwächt zu erhalten. Doch zeigt
*) Grote, II, 154--157.
S.
91
Plato.
er fich selbst hier nicht ängstlich bemüht, seinen Freunden diese Ueberzeugung
anders beizubringen, denn als ein Ergebniß ihrer eigenen, unabhängigen
Forschung und ihrer selbstthätigen Vernunft. Nicht nur versucht er es
nicht, fie in den Glauben hineinzuschrecken, indem er ihnen mit den bösen
Folgen ihres Unglaubens droht; er weist sogar nachdrücklich die mildere
Bekehrungsmethode von sich, welche sich auf ihre Anhänglichkeit an ihn und
ihre Ehrfurcht für seine Autorität ftützen tönnte. Seine Berehrung gehört
der vernunft begründeten Wahrheit; er fordert seine Freunde zur rüd-
haltlosesten Untersuchung mittelft ihrer eigenen, unabhängigen Vernunft
Heraus, er anerkennt die Entscheidung, die sie darnach fällen, als
vollgiltig für fie, ob sie nun mit der seinigen zusammentreffe oder ihr
zuwiderlaufe. Ihre Vernunft ist für sie, was seine Vernunft für ihn; er
fordert, daß beide in gleicher Weise (wie es Sokrates hier ausspricht) durch
die allerforschende Erörterung sowohl angeeifert, als auch gezügelt werden;
aber er nimmt gleiche Freiheit der endlichen Entscheidung für jeden der
Streiter in Anspruch."
Einer der Punkte, für welche Plato von denjenigen modernen
Schulen, welche sich etwas darauf zu Gute thun, ihn zu ihren
Vorläufern zu zählen, am meisten gepriesen wurde, ist sein an-
geblicher Kampf gegen eine skeptische Philosophie, welche, ganz
unbegründeter Weise, den Sophisten im Allgemeinen zugeschrieben
und für eines der Mittel angesehen wird, durch welche diese die
Griechen entsittlicht haben sollen. Es sind damit zwei Lehren
gemeint. Die eine ist der dem Heraklit (welcher kein Sophist
war, außer in dem weiten Sinne, in welchem dieser Name allen
speculativen Denkern gegeben ward) eigenthümliche Sat, daß das
Weltall sich in einem Zustand von beständigem Wechsel oder
Fluß befinde, in welchem nichts ist, sondern alles wird (εival,
yiyveodai; das Hegel'sche Sein und Werden). Die andere ist
die Lehre des Protagoras, welche lautet:,,der Mensch ist das
Maß aller Dinge, der Dinge, welche sind, daß sie sind, und der-
Dinge, welche nicht sind, daß sie nicht sind. Wie die Dinge mir
erscheinen, so sind sie für mich; wie sie dir erscheinen, so sind sie
auch wirklich für dich." In anderen Worten: die Lehre von der
Subjectivität der Wahrheit, welche den Philosophen ein Gräuel
ist, da sie scheinbar alle Meinungen gleich wahr und die Wahrheit
zu dem macht, was jeder Mensch wähnt.
Nun, was die Lehre des Heraklit von allen Dingen be-
hauptete, das glaubte Plato selbst von der Erscheinungswelt, von
den durch die Sinne erkennbaren Dingen. Das Einzige, was er
als wirklich seiend, als rò övtwę ov, ansah, war die intelligible
Welt, die Welt der für-sich-seienden Formen, die außerwelt-
lichen Urbilder dessen, was in der sichtbaren Welt real zu
sein scheint, aber nicht ist, und was er als ein Mittelding zwischen
S.
Plato.
92
Seienden und Nicht-Seienden ansah. *) Heraklit glaubte nicht an
diese Formen; darauf beschränkt sich der Unterschied zwischen ihm und
Plato. Wenn sie beide der Sinnenwelt das absprachen, was sie
reale Existenz nannten, so wollten sie damit nicht das leugnen,
was wir unter diesem Ausdruck verstehen, sondern was die alten
Denker darunter verstanden. Was sie dem sichtbaren Weltall
aberkannten, war Existenz im transscendentalen Sinne die
Existenz per se, welche Plato seinen Ideen, und Xenophanes und
Parmenides ihrem Ens Unum zuschrieben. Modern gesprochen
heißt das: Heraklit leugnete das Absolute, obschon seine Lehre
von einem wirklich seienden Princip des Wechsels und sein anderer
Lehrsatz von einer allgemeinen Vernunft, welche von den
einzelnen Geistern verschieden ist, eine Lehre, welche sich bei
einigen modernen Transscendentalisten großer Beliebtheit erfreut -
wieder ein Absolutes von anderer Art einführten. Nun darf man
ruhig behaupten, daß ein auf das Absolute beschränkter Skepticis-
mus niemals jemandem geschadet oder für irgend ein menschliches
Wesen den geringsten praktischen Unterschied gemacht hat. Die
Lehre des Protagoras erfordert eine etwas genauere Erwägung.
Obwohl wir gegründeter Weise voraussetzen dürfen, daß sie Plato
im Theaetet mit den eigenen Worten jenes Sophisten wiedergegeben
hat, so wissen wir doch nicht, mit welchen Gründen Protagoras
sie vertheidigte oder in welchem Sinne er sie erklärte. Sir
William Hamilton fand darin seine eigene Lehre von der Rela-
*) So lautet wenigstens die These, welche in den meisten Dialogen von
dem Redner, hinter welchem sich Plato selber zu verbergen scheint, behauptet
und in dem berühmten Höhlen - Gleichniß der Republik in poetischer_Ein-
fleidung dargelegt wird. Aber in einer der wichtigsten Stellen seiner Werke,
in der in den Sophisten eingeschobenen Discussion, greift der Fremde aus
Elea diese Lehre direct an, indem er gegen gewisse Denker, welche,,die
Freunde der Formen" genannt werden, geltend macht, daß die Formen nicht
die einzigen realen Wesenheiten sind, daß sie nicht ewig und unveränderlich
dieselben sind, da es Formen des Wechsels selbst giebt, und daß die Objecte der
Wahrnehmung nicht weniger als jene der Begriffsbildung wirklich existiren, wobei
er Eristenz durch Kraft definirt. Existiren heißt eine Kraft von irgend welcher
Art besitzen, heißt fähig sein, eine Wirkung auszuüben oder auch nur eine
Wirkung zu erleiden. Aéyw dy tò xai ónovou xexτnuevov divauiv,
Eit εls to nоLEV TEQov ottoυv nequxós, et eis to nadεiv xai
Quizóατo no Tou qavloτátov, zav, el uóvov εiσáлaž - nāv
TOUTO OVTWS Elvai tideμai vào pov öoleiv τà övrα, ás čσTIV Ox
allo ti nlny dúvauis.
Wir halten dieß für eine der bemerkenswertheften Vorwegnahmen der
jüngsten und werthvollsten Ergebnisse des modernen Denkens, welche sich in
der ganzen alten Philosophie vorfinden. Es ist eines der denkwürdigsten
unter den treffenden Aperçüs, an denen Plato so reich ist.
S.
Plato.
93
tivität der menschlichen Erkenntniß wieder und stellte Protagoras
an die Spitze seiner Liste von alten Autoritäten, welche diese Lehre
vertreten. Grote legt den Satz Homo Mensura in demselben
Sinne aus, aber er will darin auch die Lehre von der Autonomie der
individuellen Vernunft mitausgesprochen finden. Die Behauptung,
daß Alles für mich wahr ist, was mir so scheint, versteht er da-
hin, daß meine Annahme desselben als Wahrheit abhängt, und
abhängen soll, von dem Eindruck, den der dafür vorliegende
Beweis auf meinen Geist macht. Grote vertheidigt daher die
Lehre des Protagoras gegen den Sokrates des Theaetet; aber
diese Vertheidigung, obwohl nutzbringend und lehrreich, scheint uns
doch nicht überzeugend, und ist der einzige wichtige Punkt im
ganzen Werke, über welchen wir nicht einer Meinung mit Grote
sind. Denn die Wahrheit einer Meinung, selbst für mich, ist
etwas ganz Verschiedenes von meiner Annahme derselben als
wahr, da sie eine Bezugnahme auf einen äußeren Maßstab in sich
schließt. Mein Intellect kann auf Grund der vorliegenden Beweis-
Thatsachen als wahr annehmen, daß ich fünf Meilen von London ent-
fernt bin; aber wenn ich mich daran mache, diese Strecke zurückzu-
legen und sie zehn Meilen lang finde, so waren doch die ganze Zeit über
die zehn Meilen für mich ebenso wahr wie für andere Leute. Prota-
goras kann nicht wohl die Absicht gehabt haben, dieß zu leugnen;
aber man kann ihn nicht von der Schuld einer unzutreffenden
und irreführenden Ausdrucksweise freisprechen. Sein Ausspruch
ist giltig von unseren gegenwärtigen Gefühlen oder Bewußtseins-
Zuständen, da deren Wahrheit keinen anderen Sinn hat, als
daß wir sie im Augenblicke empfinden; und dieß ist wahrscheinlich
der Grund, warum Plato (nach Grote's Ansicht mit Unrecht)
jenen Satz mit der Lehre identificirt, daß Erkenntniß sinnliche
Wahrnehmung (aio9nois) ist, indem die Wahrheit der einen
Lehre soweit reicht, als die Ausdehnung der anderen. Aber der
Satz ist nicht giltig vom Vergangenen, vom Zukünftigen,
Abwesenden, oder von irgend etwas Gegenwärtigem, mit Aus-
nahme der Gefühle in unserem Bewußtsein. Er ist ungiltig in
Bezug auf Alles, was man eine Sache des Glaubens oder der
Meinung nennt; denn ein Glaube oder eine Meinung steht in
Relation nicht nur zu dem glaubenden Geist, sondern auch zu
etwas Anderem nämlich zum Thatbestand, auf welchen der
Glaube Bezug hat. Die Wahrheit des Glaubens ist seine
Uebereinstimmung mit dieser Thatsache. Grote sagt *): „Behaupten,
vom
*) Grote, II, 512.
S.
Plato.
94
daß alle Menschen eine und dieselbe objective Unterscheidung
zwischen Wahrem und Falschem anerkennen, hieße handgreiflichen
Thatsachen widersprechen. Jeder Mensch trägt einen Maßstab,
ein Ideal der Wahrheit in sich, aber verschiedene Menschen haben
verschiedene solche Maßstäbe." Für den Wahrheitsbeweis allerdings,
aber nicht (so meinen wir) für die Wahrheit selbst. Niemand
versteht unter Wahrheit etwas Anderes, als die Ueberstimmung
eines Glaubens mit der Thatsache, deren Darstellung den Inhalt
des Glaubens bildet. Wir gestehen, im Einklange mit der Philo-
sophie, zu welcher wir uns ebenso wie Grote bekennen, zu, daß
die Thatsache selbst, wenn sie überhaupt für uns erkennbar ist,
eine relative ist, d. h. in Relation zu unseren Wahrnehmungen
steht zu unseren Sinnen oder dem Bewußtsein von unseren
inneren Zuständen, - und das Gleiche gilt von unserer Meinung
über die Thatsache. Aber die Wahrheit der Meinung ist
eine Frage der Relation zwischen diesen beiden relativen Dingen,
von denen das eine einen objectiven Maßstab für das andere ab-
giebt. Man wird Plato's Angriff auf den Satz,,Homo Mensura"
nicht gerecht, wenn man die Sache nicht von diesem Gesichts-
punkt aus ansieht, zumal er selbst eben diese Argumente vor-
bringt. Sokrates fragt, wie folgt: da der Mensch das Maß
aller Dinge ist und das Kriterium der Wahrheit in sich selbst
trägt, indem Alles, was er denkt oder wahrnimmt, für ihn wahr
ist, wird das Kriterium auch für Dinge, die erst eintreffen sollen,
seine Kraft behalten? Wenn er meint, daß er ein Fieber be-
kommen und Hize verspüren wird, ein Arzt aber das Gegentheil
meint, wird er heiß und fieberhaft sein für sich, aber nicht für
den Arzt? Das ist eine treffende reductio ad absurdum und
ein berechtigter Einwurf gegen Protagoras. Zwar liegt, wenn
Grote mit seiner Auslegung des protagoreischen Spruches Recht
hat, der Fehler nicht im Gedanken, sondern im Ausdruck. Aber
in der Philosophie, zumal wenn sie die letzten Grundlagen
unserer Vernunft streift, ist eine unrichtige Ausdrucksweise ebenso
irreleitend als eine unrichtige Meinung.
Eben dieser Dialog, der Theaetet, ist trotz seines ergebnißlosen
Verlaufes (denn die darin gestellte Frage bleibt unbeantwortet) eine
der anregendsten von Plato's Schriften, wegen der großen Zahl
von Gesichtspunkten, welche darin zur Geltung gebracht werden,
und seine Werke bieten kaum ein schöneres Beispiel einer
ächten, ehrlichen Untersuchung dar, in welcher die Widerlegung
irgend eines Denkers, selbst wenn sie sich ungesucht ergiebt, nur
etwas Nebensächliches bleibt; und selbst dann giebt sich Plato alle
S.
Plato.
95
Mühe, das, was der Widerlegte allenfalls hätte sagen können, in
der wirksamsten Weise vorzubringen. In der Beweisführung gegen
Protagoras (welcher mit einer Hochachtung behandelt wird, die
auffällig gegen die Weise absticht, wie die Anhänger Heraklit's
und einige materialistische Philosophen, in denen man Demokrit
und seine Schüler erkennen will, erwähnt werden) beklagt Sokrates
die Nothwendigkeit, seine Meinung zu bestreiten, -während er nicht
anwesend und nicht einmal am Leben ist, um sie zu vertheidigen;
fügt hinzu, daß, da er und seine Anhänger nicht da sind, um ihre
Lehre zu unterstützen, diese Verpflichtung auf ihre Gegner falle,
und erfüllt diese Pflicht durch eine Rede von beträchtlicher Aus-
dehnung, welche, gleich jenen des Glaukon und des Adeimantos
in der Republik, ein Denkmal der in ihrem innersten Kerne red-
lichen Geistesart Plato's ist. Der Theaetet enthält einige der
scharfsinnigsten Untersuchungen Plato's über gewisse speculative
Fragen, welche auch in anderen Gesprächen oftmals wiederkehren,
so über den Unterschied zwischen Erkenntniß und wahrer Meinung,
ogen oder älyns dosa. Diese Unterscheidung gab Plato viel
zu schaffen, und das ganze Thema der Wahrheit und Falschheit
von Meinungen war für ihn und seine Zeitgenossen reich an Ver-
wirrung und logischen Verlegenheiten. Unter anderem scheint es
für sie ein ernsthaftes Räthsel gewesen zu sein, auf welche Weise
falsche Meinungen möglich sein können, wie es denn kommt, daß wir
etwas, was nicht ist, ein Non-Ens, denken können, während wir
ein solches doch nicht berühren oder essen oder trinken können.
Es ist überraschend, wie oft Plato auf diese Schwierigkeit zurück-
kommt; mehr als die Hälfte des "Sophisten" nimmt eine Ab-
schweifung vom Hauptthema ein, die dieser Erörterung gewidmet
ist. Um ein Muster von den Anstößen zu geben, welche die ersten
metaphysischen Forscher auf ihren Wegen fanden, und um zugleich
ein schlagendes Beispiel von der Verschiedenheit der Gesichtspunkte
in verschiedenen Dialogen anzuführen, wollen wir eine Stelle aus
Grote über diesen Gegenstand citiren *):
Wie ist eine falsche Aussage möglich? Viele hielten dafür, daß eine
falsche Aussage und ein falscher Name unmöglich seien; daß man nicht das
Nicht-Seiende oder Non-Ens (rò un ov) aussprechen könne; daß ein solcher
Satz ein leerer Schall sein würde, ohne Sinn oder Bedeutung; daß die
Rede bedeutungsvoll oder bedeutungslos, daß sie aber nicht falsch, sondern
höchstens sinnlos ſein könne. Nun wird diese Lehre im Theaetet, im So-
phisten und im Cratylus behandelt. Im Theaetet unterwirft sie Sokrates
einer sehr eingehenden Prüfung und bringt mehrere, von einander abweichende
*) Grote, II, 549-551.
S.
Plato.
96
Hypothesen zur Erklärung vor; aber er weist sie schließlich alle als unzulässig
zurück. Er erklärt sich für unfähig, die Schwierigkeit zu lösen, und geht zu
etwas Anderem über. Im Sophisien wird dieselbe Frage wieder aufgenom
men, und auch dort ungemein ausführlich erörtert. Der Eleat in diesem
Dialog findet endlich eine Lösung, welche ihn befriedigt (nämlich, daß TO μn
ov so viel sei als To Erepov zou ovτos). Aber es ist merkwürdig, daß die
Lösung feine der im Theaetet vorgebrachten Schwierigkeiten behebt, und daß
diese Schwierigkeiten im Sophisten überhaupt nicht in Betracht gezogen werden.
Endlich sehen wir im Cratylus ganz dieselbe Lehre, daß falsche Behauptungen
unmöglich seien, welche sowohl im Theaetet, als auch im Sophisten nicht als
die entschiedene Ansicht des Redners, sondern als ein Problem, das ihn in
Verlegenheit setzt, ausgesprochen wurde, wir sehen hier dieselbe Lehre ganz
unzweideutig von Cratylus als seine eigene, volle Ueberzeugung aufgestellt,
und Sokrates findet, daß eine ganz kurze Beweisführung und ein sehr ein-
facher Vergleich zu seiner Widerlegung hinreicht. Der im Theaetet voraus-
gesetzte feindliche Kritiker', welcher bort dem Sokrates so hart zusetzt, darf im
Cratylus nicht mehr seine verwirrenden Fragen stellen."
„Wie sollen wir uns diese drei verschiedenen Behandlungsweisen
desselben Problems durch denselben Philosophen erklären? Wenn sich die
Frage über das Non-Ens in der kurz angebundenen Weise, die wir im
Cratylus vorfinden, abthun läßt, was soll dann die Kette von ungelösten
Räthseln im Theaetet, oder die weitläufige Beweisführung im Sophisten,
durch welche eine neue und keineswegs befriedigende Lösung eingeführt wird?
Wenn, im Gegentheil, die Schwierigkeiten, welche im Theaetet ungelöst bleiben
und im Sophisten unvollkommen gelöst werden, ernstlich und reell find,
wie sollen wir das Vorgehen Plato's im Cratylus verstehen, wo er dieser
Gesprächsperson die entschiedene Behauptung jener Meinung über das Non-
Ens in den Mund legt, aber ihm, als dieselbe von Sokrates angegriffen
wird, nicht gestattet, einige von diesen sachgemäßen Argumenten zu ihrer
Bertheidigung geltend zu machen? Wenn die eigenthümliche, im Sophisten
gegebene Lösung die ächte und rechte und allen Schwierigkeiten gegenüber siegreiche
Lösung ist, warum wird sie sowohl im Cratylus als auch im Theaetet un
beachtet gelassen, und warum wird ihr in anderen Dialogen widersprochen?
Welcher von den drei Dialogen giebt uns Plato's wirkliche Meinung über
die Frage?"
Auf diese und auf viele andere gleichartige Fragen, zu welchen die
platonischen Schriften Anlaß geben, läßt sich feine befriedigende Antwort
absehen, sobald wir uns Plato als einen positiven Philosophen vorstellen,
der ein Lehrgebäude und ein fertiges System in feinem Kopfe trägt, und
sobald wir annehmen, daß er alle seine Dialoge mit der bestimmten Absicht
schrieb, entweder diese seine Meinungen dem Leser einzuprägen oder die ihnen
en tgegengesetzten Lehren zu widerlegen. Diese Vorstellung ist es, von welcher
die meisten platonischen Kritiker erfüllt sind, selbst wenn sie sich von ihr frei
zumachen bestreben. Ihrer Bewunderung Plato's geschieht kein Genüge, wenn
sie sich ihn nicht als Lehrer auf dem Kaiheder, inmitten einer Schaar von
Hörern denken können, die gleich allen Lernenden die Verpflichtung fühlen,
das, was sie hören, auch zu glauben. Wenn man von einer solchen Voraus-
setzung ausgehen muß, erscheinen mir die platonischen Dialoge als ein un-
lösbares Räthsel. Sie zeigen weder eine Identität des Lehrers, noch eine
Identität der Lehre; ihr Verfasser ist (um mehrere Gleichnisse Plato's zu
gebrauchen) nicht Einer, sondern Biele-; er ist vielgestaltiger als Typhos."
S.
97
Plato.
Ein ähnlicher Mangel an Uebereinstimmung zeigt sich in der
Stellung, welche Plato in verschiedenen Dialogen zu der Frage
nach dem Unterschiede zwischen richtiger Meinung und Er-
kenntniß einnimmt. Im Meno wird die Sache so dargestellt,
als ob die beiden so ziemlich dasselbe wären, nur daß die Meinung *)
,,sich verflüchtigt und nicht im Geiste haften will, während die Erkennt-
niß dauerhaft und unauslöschlich ist". Die richtige Meinung wird
in Erkenntniß verwandelt, wenn sie gebunden wird (dedeuévov)
,,durch eine Kette ursächlichen Raisonnements" (airias hoyong).
Dieser Proceß des Bindens, so wird hinzugefügt, ist avάuvyois
oder Wiedererinnerung und kann nur durch hinreichend wieder-
holtes und vermannigfachtes Fragen ausgebildet werden. Die
Leistung der avάuvyois wird im Phaedrus etwas anders um-
schrieben; dort erzeugt sie die Erfassung des allgemeinen Be-
griffes **), worunter in diesem Dialoge die für-sich-seiende Idee
gemeint ist. In anderen Dialogen wird eine ganz ähnliche Ansicht
vorgetragen, bis auf die daselbst fehlende Lehre von der Wieder-
erinnerung: eine Erkenntniß ist das, wovon eine die Vernunft
befriedigende Erklärung gegeben werden kann; das, was durch
beide Arme des dialektischen Processes verbürgt wird, indem es
jeder Widerlegung zu widerstehen vermag und durch eine rich-
tige Anwendung des logischen Processes der Eintheilung, daigeois
zat edn, welche mit einer vorwurfsfreien Definition endigt, er-
halten wurde. Alles, was diese Anforderungen nicht erfüllt, ist
nur Meinung. Wir haben hier die Auffassung des Gegen-
standes vor uns, die man mit Recht als die für Plato charak-
teristische ansieht; aber es ist auffallend, daß gerade diese Defi-
nition von Erkenntniß, ayns doğa uerà hoyov, eine von den-
jenigen ist, welche von Theaetet vorgeschlagen und, nach einer
langen Discussion zwischen ihm und Sokrates, aufgegeben werden.
Die am sorgfältigsten ausgearbeitete, aber zugleich die dunkelste
Erörterung dieses Gegenstandes finden wir im sechsten und siebenten
Buche der Republik. Wir können sie nicht ausführlich wiedergeben;
aber ihr leitender Gesichtspunkt ist der, daß die Erkenntniß sich
auf die Formen oder Ideen bezieht, während die Meinung
auf die Welt der Sinne Bezug hat, die aus bloßen Abbildern
jener Formen besteht ***). Die Erkenntniß der Formen aber kann
nur mittelst der Dialektik erworben werden †).
Grote, II, 10.
**) - Suviévai xat' sidos leyóuevov x nollov lov atodnosav els Ev
Loviau suvalgoúuevov (Blato, Phaedrus, p. 249 B.)
***Grote, III, 84-93.
†) Ebendas. 101-102.
Mill, ges. Werke. XII.
7
S.
98
Plato.
Angesichts so widerspruchsvoller Lehren, in denen sich keine
gemeinsame Tendenz oder Ueberzeugung kundgiebt, kann man
die Frage erheben, welchen Werth denn diese Untersuchungen für
uns besitzen? Außer dem Werthe, der in ihrer Methode liegt,
wohnt ein solcher, obwohl in ungleichen Graden, auch ihrem Inhalt
inne; nicht*) dem Ergebniß, sondern den Prämissen für und
gegen dasselbe. In diesem Sinne besitzen alle Dialoge Werth,
und zwar alle Werth von derselben Art, obwohl nicht alle in
gleichem Maße. In verschiedenen Dialogen wird uns ein Gegen-
stand von verschiedenen Seiten dargestellt und von Bemerkungen
und Beispielen begleitet, welche zu Gunsten bald der einen, bald
der anderen Theorie zu sprechen scheinen. Es ist unsere Aufgabe,
sie zu vergleichen und gegen einander abzuwägen, und ein solches
Resultat, wie es unsere Vernunft befriedigt, daraus zu gewinnen.
Die platonischen Dialoge erfordern, wenn sie Nutzen stiften sollen,
eine ergänzende Kraft der Erwiederung und eine starke, thätige
Gegenwirkung von Seiten der individuellen Vernunft des Lesers;
sie heischen von ihm überdieß ein tiefgehendes Interesse an dem
Proceß der dialektischen Prüfung (rò qikouadés, pilóloyov),
welches, sobald es vorhanden ist, ihn in den Stand setzt, dort
Schönheiten wahrzunehmen, wo Andere nur Langeweile finden."
Was Plato selbst anbelangt, so spricht die Wahrscheinlichkeit
dafür, daß es eine Zeit in seinem Leben gab, wo er in rein spe-
culativen Dingen ein wirklich Suchender war, der jede Meinung
auf die Probe stellte und mit besonderem Nachdruck die Schwie-
rigkeiten, welche ihnen allen anhaften, hervorhob, daß während dieser
Periode viele seiner hervorragendsten Dialoge, von den mannig-
faltigsten Gesichtspunkten aus, geschrieben wurden, und daß in jedem
derselben die Gedankenreihen niedergelegt sind, welche über den betref=
fenden Gegenstand zuletzt durch seinen Geist gezogen waren. Daß
die von ihm selbst hervorgehobenen Schwierigkeiten, selbst nachdem
er sich endgiltig für die Meinungen, denen sie anhaften, ent-
schieden hatte, kaum jemals gelöst werden, scheint mir nur unter der
Voraussetzung erklärlich, daß er aufgehört hatte, sich um ihre
Lösung zu bemühen, indem er zur Ansicht gelangt war, daß überall
unlösbare Schwierigkeiten zu erwarten seien. Wenn wir seinem siebenten
Briefe glauben dürfen, so war er zur Zeit, da er ihn schrieb, wenigstens
sicherlich der Meinung, daß keine Worterklärung irgend eines Dinges
genau ins Schwarze treffen könne, und daß die Erkenntniß dessen, was
ein Ding ist, zwar nur nach einem langen und nach allen Seiten hin
*) Grote, II, 551.
S.
99
Plato.
gewendeten dialektischen Streit erreichbar, jedoch niemals das directe
Ergebniß der Discussion sei, sondern schließlich (und zwar nur bei
glücklicheren Naturen) durch eine Art von plöglicher Erleuchtung
entstehe. Er wurde wahrscheinlich gleichgiltig gegen die Specu-
lation um ihrer selbst willen, gab jede Hoffnung auf, einen theo-
retischen Standpunkt zu finden, welcher sich als unangreifbar er-
weisen würde, und fümmerte sich nur mehr um praktische Ergeb-
nisse. In seinen spätesten Werken zeigt sich kein Erlahmen seines
sittlichen Ernstes; aber die Liebe zur Dialektik und jene Lust am
Auffinden von Schwierigkeiten, selbst von solchen, die er nicht zu lösen
vermochte, waren in ihm erstorben" *). Er wurde nahezu selbst von
der Misologie befallen, vor der er in seinem eigenen Phaedo so
eindringlich warnt, und lieferte somit selbst einen der vielen Belege
für die Wahrheit, daß diese Tendenz nicht immer, wie es dort
dargestellt wird, der Weg zum Skepticismus, sondern noch häufiger
zum unduldsamsten positiven Dogmatismus ist.
Die ethischen und politischen Lehren Plato's sind in der
That die einzigen, welche man als ernste und tiefwurzelnde
Ueberzeugungen ansehen kann. An ihre Spitze, oder doch sofort
nach seinem Glauben an die ausschließliche beglückende Kraft des
gerechten Lebens, muß man die ihm mit Sokrates gemeinsame
Lehre stellen, daß die Tugend ein Zweig der Einsicht oder Er-
kenntniß ist. Sein bester Beweisgrund für diese Meinung ist
der Satz, daß nicht nur alle äußeren Dinge, die wir hochschätzen,
wie Gesundheit, Körperkraft und Reichthum, sondern auch Alles,
was wir als Tugenden ansehen: Tapferkeit, Mäßigkeit und alles
Uebrige, so verwendet werden kann, daß es anstatt Gutes Böses
stiftet; sie bedürfen alle eines Vermögens der Unterscheidung,
welches zu bestimmen hat, wann sie angewendet werden sollen
und wann nicht, und dieß, welches das charakteristische Element
der Tugend ist, ist ein Theil der Erkenntniß. Obwohl die Prä-
missen dieses Argumentes eine tiefe Wahrheit enthalten, so be-
weisen sie doch nur, daß die in Frage stehende Erkenntniß eine
der Bedingungen der Tugend, aber nicht, daß sie diese selbst ist;
denn außer der Erkenntniß dessen, was recht ist, braucht es noch
etwas Anderes, um uns zu bewegen, das Rechte zu thun. Wir
wissen wohl, was Plato's Antwort auf diesen Einwurf gewesen
wäre. Er hätte gesagt, daß die weiterhin erforderliche Bedingung
auch eine Erkenntniß ist, die Erkenntniß nämlich, daß recht thun
gut ist; Niemand begehrt das Ueble mit dem Bewußtsein,
*) Grote, II, 394.
7*
S.
Plato.
100
daß es ein Uebles ist; es wird nur darum begehrt, weil es für das
Gute gehalten wird. Aber selbst wenn Plato einen so vollstän-
digen Beweis, wie er vermeinte, dafür geliefert hätte, daß Unrecht
thun das größte Uebel ist, das dem Unrecht thuenden widerfahren
tann, so wäre es noch fraglich, ob der gewohnheitsmäßig Laster-
hafte im Stande ist, diesen Glauben in sich aufzunehmen, ob die
Beweisgründe, welche dafür sprechen, daß das Glück einzig und
allein in der Tugend zu finden ist, auf einen Geist wirken können,
der nicht schon durch den Besitz der Tugenden der Tapferkeit, der
Mäßigkeit u. s. w. (um die Gerechtigkeit, die grundlegendste von
allen, nicht zu erwähnen) dafür empfänglich gemacht ist.
Diese Hochstellung der Erkenntniß, nicht der Intelligenz
oder bloßen geistigen Befähigung, welcher Plato durchaus keinen
Cultus widmet, sondern der wissenschaftlichen Kenntniß und der
auf wissenschaftliche Weise erworbenen Tüchtigkeit, als des Einen,
welches in allen Verhältnissen des Lebens, und in hervor-
ragender Weise beim Regieren, Noth thue, ist der Gedanke,
welcher Plato's praktische Lehren durchdringt. Er hatte ihn von
Sokrates überkommen, welcher, wie Xenophon *) erzählt, als
Könige und Herrscher nicht diejenigen ansah, welche das Scepter
schwingen, oder die von Unberufenen (vrò tov tuxóvtav) dazu
gewählt, oder vom Loos dazu erforen wurden, oder die durch
Gewalt und List zur höchsten Stellung gelangt sind, sondern die-
jenigen, welche zu herrschen verstehen". Wie der zum Herrschen
Befähigte beschaffen sein muß, diese Frage bildet den Gegenstand
der Erörterung in einem wichtigen Gespräche, dem „Staatsmann".
Wir erfahren hierin, daß ein solcher eines der seltensten mensch-
lichen Wesen ist, daß es die größte Sorge eines Staates sein
muß, einen solchen Mann ausfindig zu machen und ihn an die
Spitze zu stellen, und daß, wenn er diesen Platz einnimmt, seine Macht
nicht unumschränkt genug sein kann, da ihn durch Gesetze, selbst
durch solche, die er selbst gegeben hat, beschränken zu wollen,
ebenso unvernünftig wäre, wie wenn man von einem wissenschaft-
lichen Arzt fordern würde, daß er sich niemals von seinen eigenen
Vorschriften entferne. Dieses ausschließliche Recht des Fähigsten
auf die Herrschaft, ein Grundsatz, welchen Plato nachdrücklichst
gegen die Theorie und Praxis aller Regierungen (in neueren wie
in alten Zeiten) vertrat, und die Lehre, daß, wenn dieser fähige
Mann gefunden ist, der Rest des Gemeinwesens nichts zu thun
habe, als ihm zu gehorchen, stellen eine Theorie der Regierung dar,
*) Mem. III, 9, 10.
S.
101
Plato.
welche Carlyle ganz nach seinem Geschmacke finden muß; aber
wahrscheinlich wird ihm der weitere Sat, welchen Plato hinzufügt,
weniger behagen, daß nämlich der Inhaber dieses göttlichen Rechtes
nicht vorgefunden, sondern dazu gemacht wird, und daß es die
Wissenschaft ist, die seinen Rechtstitel ausmacht, eine philo-
sophische und auf Vernunftgründen beruhende Kenntniß der mensch=
lichen Angelegenheiten, dessen was für die Menschheit das Beste
ist. Ist diese vorhanden, so besitzt man an ihr einen weit siche-
reren Führer, als an Gesetzen, welche unmöglich allen individuellen
Fällen angepaßt sein können; steht aber eine derartige wissen-
schaftliche Kenntniß nicht zur Verfügung, so verdienen Gesetze den
Vorzug vor jedem bloßen falschen Schein derselben.
"Die*) richtige Art, die Menschen zu regieren, ist die wissenschaftliche
oder fünstlerische, ob sie nun von Einem, von Wenigen oder von Vielen,
ob sie von Reichen oder Armen, durch Gewalt oder durch Ueberein-
kommen, ob sie den Gesetzen entsprechend oder ohne Gesetze geübt wird."
Aber wahre Wissenschaft oder Kunst ist nicht für Biele, ob arm oder
reich,
faum je für Wenige und vielleicht nur für einen Einzigen erreich-
bar, da die Wissenschaft oder Kunst die Menschen zu beherrschen schwieriger
ist als irgend eine andere Kunst oder Wissenschaft. Aber die Herrschaft
dieses Einen ist die einzige wahre und richtige Herrschaft, ob er nun Gesetze
erläßt oder ohne Gesetze herrscht, ob er Strenge oder Milde walten läßt,
unter der alleinigen Voraussetzung, daß er seiner Kunst treu bleibt und
deren Zweck, das Wohlergehen und die Veredlung der Beherrschten, ver-
wirklicht. Er gleicht dem ächten Arzte, der, wenn seine Kunst es befiehlt, feine
Kranken brennt und schneidet, um sie zu heilen. Er wird nicht geneigt sein,
sich durch unwandelbare allgemeine Gesetze die Hände zu binden, denn die
Lagen sind immer so mannigfaltig und die Verhältnisse so schwankend, daß
ein Gesetz unmöglich auf alle Fälle passen kann. Er wird kein anderes
Gesetz anerkennen als seine Kunst. Wenn er irgend eine allgemeine
Formel oder Vorschrift aufstellt, so wird er dieß nur nothgedrungen thun,
weil er nicht immer zur Hand sein kann, um jeden einzelnen Fall zu über-
wachen und zu leiten; aber er wird kein Bedenken tragen, wenn seine Kunst
es erheischt, von seiner eigenen Formel abzugehen. Das allein ist niedrig,
schlecht, ungerecht, was er fraft seiner politischen Wissenschaft oder Kunst dafür
erklärt. Wenn er in irgend einem besonderen Falle von seiner eigenen
Erklärung abweicht und etwas derartiges anordnet, so hat das Volf kein
Recht, sich über Ungerechtigkeit zu beschweren. Kein Kranker kann sich über
seinen Arzt beklagen, wenn dieser den Rathschlägen seiner Kunst folgt und
darüber eine therapeutische Formel vernachlässigt. Alle Handlungen des
ächten Herrschers find recht, ob sie nun dem Gesetz entsprechen oder wider-
ftreiten, so lange er sich mit Kunst und Einsicht benimmt, und den aus-
schließlichen Zweck verfolgt, das Volf zu erhalten und es anstatt schlechter
besser zu machen. Wie verderblich wäre es
wenn wir
durch starre Gesetze vorschreiben wollten, wie der Arzt und der Steuermann
ihre betreffende Kunst ausüben sollen, wenn wir sie an unbeugfame Regeln
*) Grote, II, 483-486.
S.
Plato.
102
bänden und jedesmal bestraften, so oft von diesen Regeln abwichen, und
wenn wir sie vor dem Gerichtshof zur Verantwortung zögen, so oft jemand
sie anklagte, dieß gethan zu haben; wenn wir diese Regeln und Dogmen
für geheiligt erklären, alle Kritik und jeden Tadel derselben verpönen und
ben freien Forscher als einen träumerischen, einfältigen Sophisten, der die
Jugend verdirbt und zu Gesetzesverachtung aufreizt, hinrichten würden! Wie
ungereimt wäre es zu behaupten, daß jeder Bürger diese beiden Künste ver-
stehe oder verstehen sollte oder könnte, weil Alles, was darüber zu sagen ist,
in den Gesetzen niedergelegt sei, und niemand weiser sein dürfe als die
Gesetze! Wer würde daran denken anderen Künsten, wie der des Feldherrn,
des Malers, des Landmanns, des Zimmermanns, des Weissagers, des
Viehhändlers solche Fesseln aufzuerlegen? Das würde heißen, das Leben,
welches schon jetzt so beschwerlich ist, ganz und gar unerträglich machen.
Und doch sind die Hemmnisse, unter denen in den wirklich bestehenden Städten
die politische Kunst ausgeübt wird, von eben dieser Art."
Solches sind die Uebelstände, welche in größerem oder geringerem
Maße von festen und unbeugsamen Gesetzen untrennbar sind. Aber so ernst
diese Uebelstände auch sein mögen, so giebt es doch andere, noch ernstere,
denen solche Gesetze zu begegnen geeignet sind. Wenn die Obrigkeit, die eingesetzt
ist, um die Gesetze zu behüten und durchzuführen, dieselben zu brechen oder
zu umgehen wagt, indem sie die Kunst oder Wissenschaft des ächten Herrschers
nicht besitzt, sondern erheuchelt, so wird sie noch weit Schlimmeres be-
wirken. Die Gesetze sind zum mindesten von der Art, daß die Bürger
sich an sie gewöhnt haben, und daß sie ein gewisses Maß von Befriedigung
gewähren. Aber die Willkürherrschaft dieses gewaltthätigen und un-
wissenschaftlichen Regenten ist eine Tyrannei, welche weit schlimmer ist als
die Gesetze. Feste Gesetze sind daher ein Zweitbestes, unter der Voraus-
fetzung, daß ein ächter wissenschaftlicher, fünstlerischer Herrscher nicht
gefunden werden kann. Könnte man einen solchen Mann erlangen, so
wären die Menschen entzückt, unter ihm zu leben. Aber sie verzweifeln daran,
jemals einen solchen Charakter anzutreffen, und flammern sich daher an feste
Gesetze trotz der zahlreichen, sie begleitenden Uebelstände. Diese Uebelstände
find in Wahrheit so ernster Art, daß wir, wenn wir auf die wirklich vorhandenen
Städte blicken, uns wundern müssen, wie sie bei einem solchen System fort-
bestehen können, und wir ersehen daraus, ein wie festes und schwer zerstör-
bares Ding ein Staatswesen ist. Wir erkennen somit
..., daß es feine
wahre Staatsverfassung, nichts, das den Namen einer ächten politischen
Gemeinschaft verdiente, giebt außer der Herrschaft eines wissenschaftlichen
oder fünstlerischen Oberhauptes. Unter ihm sind Gesetze überflüssig und selbst
zweckwidrig. Alle anderen Verfassungen find bloße Fälschungen; die Stelle
der Regierung nimmt das Parteigetriebe und die Cabale ein; es sind
Täuschungen, welche von Gauklern und Taschenspielern in Scene gesetzt.
werden. Aber unter diesen anderen oder After-Verfassungen, bestehen wesent
liche Verschiedenheiten in Bezug auf größere oder geringere Schlechtigkeit,
und die Unterschiede beruhen auf dem Borhandensein oder Fehlen von guten
Gesetzen. So ist die einföpfige Regierung, Monarchie genannt (unter der
Voraussetzung, daß der Fürst kein Mann der Wissenschaft oder Kunst ist),
die beste von allen Afterverfassungen, wenn der Fürst im Einklang mit und
unter Beobachtung von bekannten guten Gesezen regiert; aber sie ist die
schlechteste von allen, wenn er ohne solche Gesetze als Despot oder Tyrann
berrscht. Die Oligarchie oder die Herrschaft Weniger ist unter guten
Gesetzen weniger gut, als die eines Fürsten unter den gleichen Verhältnissen,
S.
103
Plato.
aber ohne folche Gesetze ist sie weniger schlecht, als die des Despoten. Die
Herrschaft der Vielen endlich ist weniger gut unter der einen, und weniger
schlecht unter der anderen Voraussetzung. Sie ist im Guten wie im
Schlechten weniger wirksam. Sie hat in der That weniger von einer
Regierung an sich, da die Staatsgewalt durch die Vertheilung unter viele
Hände, die sie jedesmal nur kurze Zeit innehaben, abgeschwächt und dem
Einzelnen somit mehr Spielraum gelassen wird. Dem entsprechend ist unter
der Annahme, daß Gesetze fehlen, die Demokratie die am wenigsten schlechte
oder erträglichste unter den sechs Abarten von Afterverfassungen. Wenn wir
das Vorhandensein von Gesetzen annehmen, ist sie die schlechteste derselben."
Das im Voranstehenden geschilderte Ideal einer Regierung wird
nirgends wesentlich abgeändert, obwohl es in anderen Dialogen
erweitert und auf's Einzelne angewendet erscheint. Von den zwei
eingehenden Untersuchungen des Staatslebens in dialogischer Form,
welche wir von Plato besitzen, der Republik und den „Gesetzen",
ist die erstere ein Entwurf dessen, was ihm als die beste Gesell-
schafts- Form erschien ein Staatswesen, das unter der un-
umschränkten Oberhoheit eines Einzigen oder einer sehr geringen
Zahl von Männern steht, welche für den Regentenberuf wissen-
schaftlich geschult und herangebildet worden sind. Die „Geseze"
müssen (und das ist ihre beste Entschuldigung) als eine Reihe
von Anweisungen zum Aufbau und zur Erhaltung seines zweit-
besten Staates angesehen werden, in welchem, da der wissenschaft-
liche Herrscher nicht erschienen ist, ein unvollkommener Ersatz für
denselben in der Form von Gesetzen gesucht wird, welche ihren
Zweck (so scheint er gedacht zu haben) nur dann erfüllen würden,
wenn sie nicht blos unverletzlich, sondern auch unabänderlich wären.
Dem entsprechend findet sich in dem idealen Gemeinwesen der
Republik" keine Verantwortlichkeit von irgend welcher Art, keine
Borsorge für geschriebene Gesetze oder Gerichtshöfe; es wird der
Weisheit der wissenschaftlichen Herrscher zugetraut, daß sie ohne derlei
Vorkehrungen ausreichen oder sie, insoweit sie nothwendig sind, selbst
beschaffen werden. Die ganze Stärke seines erfinderischen Verstandes
hat Plato auf die Mittel concentrirt, durch welche die begabtesten
Naturen aus der Menge der Bürger ausgelesen und von frühester
Kindheit bis zum Alter von fünfzig Jahren erzogen werden, in-
dem zu dieser Zeit (und nicht früher) das Hervortreten einer ganz
geringen Zahl von Männern, oder wenigstens eines Einzigen, er-
wartet wird, welcher zum wissenschaftlichen Herrscher tauglich ist.
Dieß und eine Erziehung der intellectuellen sowie der Gemüths-
kräfte des übrigen Volkes, welche es geneigt machen soll, diesen recht-
mäßigen Oberhäuptern willig zu gehorchen und dieselben zu unter-
stützen, machen den ganzen Mechanismus der Republik aus. In
S.
Plato.
104
den „Gesetzen" dagegen, wo feine solchen wissenschaftlichen Herrscher
in Aussicht genommen sind, haben wir ein kunstvoll ausgearbeitetes,
weitläufiges System von positiven Bestimmungen vor uns, welches
die gefeßliche Regelung bis auf die kleinen Angelegenheiten des
Alltagslebens ausdehnt, und welchem der ganze herkömmliche
Apparat von Gerichtshöfen sowie von Obrigkeiten verschiedener
Art zur Seite geht, die für kurze Zeiträume und durch Ver-
fahrungsweisen gewählt werden, von denen selbst das demokratische
Loos nicht ganz ausgeschlossen ist, wobei schließlich auch die
systematische Rechenschaftspflicht aller obrigkeitlichen Personen nicht
fehlt,
welche nach Ablauf ihrer Amtszeit (nach athenischer Weise)
vor einer Behörde, an welcher die ganze Bürgerschaft einen be-
schränkten Antheil hat, zur Verantwortung gezogen werden. Der
Verfasser macht kein Hehl daraus, daß seine Regierung nicht die an
sich vortrefflichste ist, und betont, in Betreff einiger Punkte von
hervorragender Wichtigkeit, sein Festhalten an jenen Lehren der
Republik, welche in den Gesetzen", wo das angeblich in Betracht
gezogene Gemeinwesen eine wirklich bestehende kretische Colonie ist,
fallen gelassen wurden.
Au
Während so Plato zwei von einander unabhängige Entwürfe
für die Errichtung eines politischen Gemeinwesens vorbringt, ist
seine Ansicht über das zu erstrebende Ziel niemals einer Schwan-
fung unterworfen. Die Aufgabe der Herrscher ist es, das Volk,
das sie regieren, weise und tugendhaft zu machen. Kein anderes
politisches Ziel ist irgend welcher Beachtung werth. Mit Bezug
auf die übrigen Dinge, nach welchen die Menschen und die
Gemeinwesen gewöhnlich streben, hält er zwar nicht immer den
verächtlichen Ton aufrecht, den er im Gorgias anschlägt, worin
er allen athenischen Staatsmännern, selbst den ausgezeichneten der
alten Zeit, einem Miltiades, Themistokles, Kimon, Perikles -
vorwirft, daß sie die Stadt mit Häfen, Werften, Festungswerken,
Tributen und ähnlichem Tand (phvaqiv) bereichert" haben, anstatt,
,,was die einzige Aufgabe eines guten Bürgers ist", die mensch-
lichen Begierden zu veredeln *). An anderen Orten (wie im zweiten
Alcibiades, im Euthydemus, im Meno, in den „Gesetzen") begnügt er
sich damit, zu sagen, daß es besser ist, solche Dinge ganz und gar
zu entbehren, als sie zu besitzen und der Weisheit zu ermangeln,
durch welche sie allein ihrem Besitzer Vortheil bringen können;
oder er sagt mit Sokrates in der Apologie, daß nicht der Wohl-
stand Tugend, sondern die Tugend Wohlstand und alle anderen
*) Plato, Gorgias, 517 C, 519 A.
S.
105
Plato.
begehrenswerthen Dinge hervorbringt. Immer aber sind ihm
der Bürger Weisheit und Tugend (welche für untrennbar Eines
erklärt werden), sei es als das allein Begehrenswerthe, sei es als
Mittel, um alles Andere zu erlangen, das einzige angemessene Ziel
der Regierungsthätigkeit.
In der dergestalt von Plato erdachten politischen Theorie
sind, wenn wir uns auf seinen Entwurf des ideal besten Staates
beschränken und von den Zugeständnissen absehen, welche das ver-
hältnißmäßig matte Erzeugniß seines Greifenalters den in der
Wirklichkeit vorhandenen Hemmnissen macht, zwei Punkte enthalten,
welche eine besondere Würdigung verdienen. Der erste ist die
nachdrückliche Betonung einer Wahrheit von unermeßlicher Be-
deutung und ausnahmslos allgemeiner Anwendbarkeit, daß nämlich
die Herrscherthätigkeit ein Beruf ist, der erlernt sein will, daß
das Regieren nicht etwas ist, das man in Mußestunden oder so
beiläufig neben hundert anderen Beschäftigungen zu treiben vermag,
oder wozu Jemand taugen kann, der nicht eine umfassende und
weitherzige allgemeine Erziehung genossen, und hierauf durch ein
eindringendes und berufsmäßiges einen beträchtlichen Aufwand
von Zeit und Mühe erheischendes Studium gestrebt hat, sich
nicht blos praktische Gewandtheit, sondern eine wissenschaft-
liche Beherrschung des Gegenstandes zu erwerben. Das ist die
starke Seite der platonischen Theorie. Ihre schwache Seite ist es,
daß sie für die also vorbereiteten Herrscher Unfehlbarkeit, oder
etwas dem nahezu Gleichkommendes, in Anspruch nimmt, oder daß
sie zum mindeſten allen Uebrigen, im Vergleich zu denselben, eine
so hochgradige Geistesschwäche zutraut, daß sie nicht für würdig
gelten fönnen, irgend welchen Antheil an der Regierung ihres
eigenen Gemeinwesens zu nehmen, oder irgend welche Macht zu
besitzen, um ihren wissenschaftlichen Herrscher zur Verantwortung
zu ziehen. Der Irrthum Plato's bestand, wie dieß bei den Irr-
thümern tiefer Denker zumeist der Fall ist, darin, daß er nur die
Hälfte der Wahrheit sah, und zwar war dieß (wie es gleichfalls
bei solchen Denkern gewöhnlich ist) die Hälfte, welche er durch die
Einrichtungen und Sitten seines Landes vernachlässigt und in den
Hintergrund gedrängt fand. Seine Lehre war ein übertriebener
Protest gegen die Meinung, daß jeder Mann zu jedem Amte
tauge, eine Redensart, welche die weitgehendste Formulirung jener
Gleichgiltigkeit gegen specielle Befähigung und gegen die Ueber-
legenheit eines Geistes über den anderen ist, zu welcher
in allen volksthümlich regierten Staaten, und in Athen sicherlich
ebenso wie in den Vereinigten Staaten und in Großbritannien,
S.
Plato.
106
eine mehr oder weniger starke Hinneigung vorhanden ist; obwohl
man irre gehen würde, dieselbe in irgend einem von diesen Ländern
für durchgängig allgemein oder für unheilbar zu halten.
Aber obwohl Plato kein Bedenken trug, dem wissenschaftlichen
Herrscher, wenn ein solcher gefunden ist, eine absolute Macht-
vollkommenheit einzuräumen, so zeigt sich doch die Ueberlegenheit
seines Genius in der klaren Erfassung der Schwierigkeiten, welche
dieser Regierungsform anhaften, und in der Kühnheit, mit welcher
er mit dem Probleme ringt; denn er wagt Alles, so sehr es auch
den geläufigen Vorstellungen seiner Zeit (und der unsrigen) wider-
streiten mag, wenn er eine Möglichkeit vor sich sieht, die Klippen
und Untiefen zu vermeiden, welche seinem Gemeinwesen verhängniß-
voll zu werden drohen. Die geistige Ueberlegenheit, welche das gött-
liche Recht auf die Herrschaft verleiht, bestand nach seiner Ansicht
nicht in der Fähigkeit, die Zügel der Regierung mit starker Hand
an sich zu reißen und sie durch gewaltthätige Unterdrückung jedes
Widerstandes und durch Erstickung jeder mißbilligenden Stimme
zu behaupten. Mit solch einem Schauspiel waren Plato's Zeit-
genossen vertraut genug, und es ist auch unserer Zeit nicht völlig
fremd; aber die Ueberlegenheit, welche Plato von seinem Herrscher
forderte, war von ganz anderer Art. Nach Plato's Darstellung
sind es gerade die jungen Männer, welche die Natur am ver-
schwenderischsten ausgestattet hat, eben der Stoff, aus welchem
die Erziehung die ächtesten Herrscher zu bilden vermag - die,
sobald sie durch den in der Gesellschaft geltenden falschen Maßstab
des Guten und Bösen verderbt werden, selbstsüchtiger Ehrbegier
und Gesetzesverachtung verfallen, um schließlich zu den tiefsten
Tiefen tyrannischer Ruchlosigkeit herabzusinken. Mitten in jener
Vereinigung philosophischen Tiefsinns mit hohem rednerischem
Schwunge und poetischer Bilderpracht, welche die letzten Bücher
der Republik auszeichnet, findet sich eine ergreifende Schilderung
der Art und Weise, wie die Gesellschaft durch ihre Versuchungen
und ihre am unrechten Orte angebrachten Aeußerungen des Bei-
falls und der Verdammniß diese ursprünglich ebel-gearteten
Naturen verdirbt; und das Gemälde des zu voller Entfaltung
gelangten, Göttern und Menschen gleich verhaßten Gewaltherrschers
auf dem Gipfel seiner Schuld, in der Tiefe seines innerlichen
Elends, und in der Erwartung jener Vergeltung, die ihn gemeinig-
lich noch in diesem Leben, sicherlich aber in einer künftigen Welt
ereilt, gehört zu den bekanntesten und erschütterndsten Stellen in
Plato's Werken. Der eine oder die mehreren platonischen
Herrscher werden, wie bereits bemerkt, nicht vorgefunden, sondern
S.
Plato.
107
geschaffen, und das Problem, wie sie zu schaffen seien, wurde von
ihm in seiner ganzen Größe und Schwierigkeit erfaßt. Es konnte
nur dann gelöst werden, wenn man auf sie und auf die Classe,
aus der sie ausgewählt werden sollten, jede Art der Beeinflussung
und Schulung des Intellectes, des Gemüthes und der prak-
tischen Fähigkeiten wirken ließ, welche dazu beitragen können,
den erforderten Charakter heranzubilden, und wenn man sie
andererseits ganz und gar dem Einfluß jener gewöhnlichen Lebens-
bedingungen entrückte, welche den Charaktertypus und die Neigungen
hervorrufen, die mit einem reinen und edeln Gebrauch unverant-
wortlicher Macht nicht verträglich sind.
Auf dieser Absicht beruht die Aechtung aller jener Götter-
Sagen und Legenden (die den Griechen so heilig waren, wie es
die Erzählungen des Alten und des Neuen Testamentes für einen
gewöhnlichen Christen sind), welche sie als die Urheber von irgend
welchem Uebel darstellten, oder ihnen ungerechte Befehle oder
menschliche Schwächen zuschrieben, oder welche ihnen oder ihren
Abkömmlingen, den Heroen, irgend welche Handlungen beilegten,
die, wenn sie von gewöhnlichen Menschen begangen würden, für
lasterhaft oder unrühmlich gelten müßten. Diese Geschichten, so
behauptet Plato, sind nicht wahr; aber selbst, wenn sie es wären,
sollte man nicht zulassen, daß sie wiederholt und geglaubt werden.
Man sollte andere Legenden von sittlicher und erhebender Art er-
sinnen (Plato erachtet die Regierungsgewalt als dazu völlig
befugt) und das Volk von frühester Jugend an im Glauben an
sie erziehen. Unter denselben Gesichtspunkt fällt auch die Ver-
bannung jener Dichter nicht aller, wie mitunter behauptet
wird, welche sich nicht darein ergeben wollen, daß aus ihren
Werken alle Meinungen und Gesinnungen ausgemerzt werden,
welche die philosophischen Herrscher als schädlich erachten, so
zum Beispiel die Lehre, daß der Tod oder das Leben. nach dem
Tode ein Gegenstand der Furcht und des Entsetzens sei, und ins-
besondere jene höchst verderbliche Meinung, daß es Glück ohne
Tugend geben könne, oder daß die Tugend nicht selbst der Gipfel
alles Glückes ſei. Gewisse Formen der Dichtkunst, die epische
und dramatische, sind jedoch, gleich allen anderen wahllos nach-
ahmenden oder mimetischen Künsten, ganz und gar verpönt. Die
Kunst sollte den Sinnen und dem Geiste keine Nachbildung von
etwas Anderem als von dem, was gut und edel ist, bieten, und
ebenso sollten die Bürger eine Nachahmung der Gedanken, Ge-
fühle oder des Betragens von schlechten oder verkommenen, von
schwachen und thörichten Personen weder vortragen, noch vortragen
S.
108
Plato.
hören oder lesen. Dieselben strengen Beschränkungen wurden der
Musik auferlegt, welche den Griechen, deren Volkserziehung (vom
gymnastischen und militärischen Elemente abgesehen) vorzugsweise
eine Gemüthsbildung war, als ein überaus einflußreiches Mittel der
Bildung und Verbildung galt. Es sollten im platonischen Staat
keine Melodien oder Tonweisen geduldet werden, außer jenen,
welche die Behörden gestatteten, und diese mußten alle Weisen
von klagender, erschlaffender oder wollüftiger Natur verbieten und
nur jene beibehalten, welche die heftigen Affecte mildern und be-
schwichtigen, oder Thatkraft einflößen. Demselben Erziehungs-
zwecke dienen auch die eigenthümlichen Einrichtungen Plato's in
Bezug auf Ehe und Eigenthum, welche der Nachwelt einiges Aerger-
niß gegeben haben und wahrscheinlich weit größeres erregt hätten,
wenn Plato irgend einer Hinneigung zum Skepticismus und
Materialismus verdächtig wäre, anstatt daß er als deren Haupt-
gegner bewundert wird." Die Erklärung dieses Theiles seines
Systems ist eine sehr einfache. Derselbe war nicht für die Bürger
im Allgemeinen, sondern für die qúlanes oder den Kriegerstand
bestimmt, aus welchem der Fürst oder die herrschenden Alten
gewählt wurden, und welcher der Vollstrecker ihrer Befehle und
das Werkzeug ihrer Herrschaft war. Da diese bewaffnete Körper-
schaft den Rest der Bürger ganz und gar in ihrer Gewalt hatte,
so war Alles verloren, wenn sie ihr eigenes Interesse dem all-
gemeinen vorzog; und Plato wußte sehr wohl, daß ihre Mitglieder
selbst bei der vollkommenſten Erziehung, die er ihnen geben könnte,
nur sehr geringe Aussicht hätten, dieser Entartung zu entgehen.
Da es sich mit seiner Idee einer wissenschaftlichen Regierung nicht
vertrug, der unwissenschaftlichen Menge auch nur eine mit-
beschließende Stimme in Betreff ihrer eigenen Angelegenheiten ein-
zuräumen, so blieb nur ein Schutzmittel übrig: die Inhaber
der Gewalt durften keine Privat-Interessen besigen, die sie be-
rücksichtigen konnten. Die anderen Bürger haben, ein jeder sein
Eigenthum und seine Familie, aber die Wächter dürfen nichts
haben, das sie ihr eigen nennen können; für ihren Unterhalt muß
der Staat in nicht allzu reichlicher Weise durch eine gemeinsame
Tafel sorgen; sie dürfen kein Privateigenthum besigen, und dürfen
ihre eigenen Kinder nicht kennen. Der Zweck ist derselbe, welchen
die katholische Kirche durch den Coelibat ihrer Geistlichkeit und
die Gütergemeinschaft ihrer Mönchsorden zu erreichen sucht: die
ausschließliche Hingebung an die Ziele der Gesammtheit. So
viel sich im übrigen auch mit Fug gegen diese platonische
Einrichtung einwenden läßt, sie verdient jeden Namen eher
S.
109
Plato.
als den einer Pflegestätte der sinnlichen Lust; denn sie läßt der
persönlichen Neigung weniger Spielraum als irgend eine thatsäch-
lich bestehende Einrichtung, da die öffentlichen Obrigkeiten (inner-
halb des für die Erzeugung von Kindern für die Stadt" be-
stimmten Alters) feststellen, welcher Mann und welche Frau
sich mit einander verbinden sollen. Grote bemerkt mit Recht,
daß bei den Sitten des platonischen Staates und bei der von
Plato für beide Geschlechter gleichmäßig vorgeschriebenen förper-
lichen und geistigen Erziehung die Liebesleidenschaft wahrscheinlich
auf den denkbar niedrigsten Grad ihrer Mächtigkeit herabgesetzt
würde; ein Erfolg, den Plato in den,,Gesetzen" entschieden beab-
sichtigt und ins Auge gefaßt hat.
Wiewohl es nicht ausdrücklich in Grote's Buch erwähnt
wird, so ist es doch überall daraus wie aus den Werken Plato's
selbst ersichtlich, welche Gewalt die Idee der Arbeitstheilung über
seinen Geist gewonnen hatte. Er setzt sie zu Anfang seiner
Skizze der natürlichen Entstehung und Entwicklung eines Staates
so deutlich wie Adam Smith auseinander, und sie beherrscht alle
Einrichtungen seines Idealstaates. Es soll, um seinen eigenen
Ausdruck zu gebrauchen, keinen doppelten oder dreifältigen Mann
im Gemeinwesen geben; Jeder thue ein Ding, und nur das eine,
damit Jeder das zu thun haben möge, wofür er von Natur aus die
größte Tauglichkeit besitzt, und jedes Ding von dem gethan werde,
der es am gründlichsten erlernt und geübt hat. Die bürgerliche
Gerechtigkeit in einem Gemeinwesen, welche ihm das Vorbild und
erläuternde Beispiel für die Gerechtigkeit im Geiste des Indivi-
duums bietet, besteht darin, daß Jedermann das ihm zugewiesene
Geschäft verrichtet und sich nicht in das eines Anderen mengt *).
Ein Handwerker darf sich nicht das Gewerbe eines anderen Hand-
werkers anmaßen; die Regenten allein müssen herrschen, die
Wächter allein kämpfen, die Producenten allein produciren und das
Eigenthum des Productes besitzen. Wenn diese Schranken ein-
*) Noch ein Widerspruch zwischen zwei Dialogen Plato's! Eben das
hier namhaft gemachte Erforderniß, das ausschließliche Betreiben dessen, was
Jeder genau versteht, wird im Charmides als das Wesen der owqpoooun
bezeichnet und als ihre Definition in Vorschlag gebracht; allein Sokrates
beanstandet sie nicht nur als solche, sondern bezweifelt es auch, daß diese Be-
schränkung von irgend welchem erheblichen Nutzen sei, da sie die Erkenntniß
des Guten und leblen, welche die wirkliche Bedingung und Grundlage der
Wohlfahrt ist, nicht verleihen könne. (Vergl. Grote I, 489.)
Grote's Bemerkungen über die platonische Republik find vielleicht der
eigenthümlichste und bewunderungswürdigste Abschnitt seines ganzen Werkes, -
sie sind überreich an Stoff für ein eingehendes Studium.
S.
Plato.
110
gehalten werden, und keiner das von rechtswegen einem Andern
zukommende Geschäft stört, ist das Gedeihen und die Eintracht der
Gemeinschaft gesichert; im anderen Falle hat Jeder etwas, was
ihn näher angeht, als die gehörige Erfüllung seiner eigenen
Berufspflicht; die Kräfte der verschiedenen Claffen werden durch
den Wettkampf um die Macht abgelenkt, und der Staat sinkt
auf eine der vielfachen Stufen der Entartung herab, deren
Kennzeichnung einen beträchtlichen Theil der Republik" ein-
nimmt. Das Verlangen nach einem wissenschaftlichen Regenten,
welcher seinen unwissenschaftlichen Mitbürgern über sein Verhalten
feinerlei Rechenschaft schuldet, ist selbst nur ein Theil dieser um-
fassenden Ansicht von der Nothwendigkeit der Arbeitstheilung; und
der Irrthum liegt nur darin, daß Plato sich allzu einseitig an
diesen einen Grundsatz klammert.
Es ist nothwendig, zu schließen, obgleich sich unschwer Bände
mit den Gegenständen anfüllen ließen, über welche Plato's
Schöpfungen, sei es durch die Wahrheiten, die er gefunden, oder
durch die Art, wie er sie gefunden, oder durch seine oft ebenso
lehrreichen Irrthümer, Licht verbreitet haben. Wir hätten auch
gerne Grote reichlicher angeführt; haben wir doch wenig oder
nichts von den bedeutsamen Erörterungen über die wichtigsten
Themen Plato's gesagt, welche er in diesem Werke als beiläufige
Beiträge zur Philosophie des Zeitalters aus den Schätzen seines
reich ausgestatteten Geistes beigesteuert hat. Sein Standpunkt ist,
wie Alle, die mit Grote's Schriften bekannt sind, erwarten würden,
der der empirischen Philosophie, so genannt zum Unterschiede von
der intuitiven oder transscendentalen; und die Leser werden
Grote's Erörterungen mehr oder weniger hoch schätzen, je nach
ihrer Werthschätzung dieser philosophischen Richtung; aber wenige,
so meinen wir, werden es bestreiten, daß Grote durch dieses
Werk sich einen hervorragenden Platz unter den Vertheidigern der-
selben errungen hat, in einem Zeitalter, in dem sie eindringlicher und
umsichtiger als jemals zuvor vertheidigt worden ist. Für alles
Weitere müssen wir auf das Werk selbst verweisen, welches nicht
nur der unzertrennliche Gefährte von Plato's Schriften zu bleiben
bestimmt ist, sondern das Niemand, er möge welcher speculativen
Richtung immer angehören, ohne mannigfache Belehrung, und
Keiner, der von Philosophie oder Geschichte der Philosophie etwas
weiß, ohne dankbare Bewunderung genießen wird.
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Plato
1880-082/1880