Rank, Otto (1911-506/1911): Protokoll der 16. Sitzung am 8. Februar 1911. Diskussion über Adlers Vortrag: Der männliche Protest, seine Rolle und Bedeutung in der Neurose
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Rosenstein beginnt mit der Feststellung, dass er die biologi-
schen Arbeiten Adlers als wertvolle Ergänzung der Freudschen Psy-
chologie gewürdigt habe (vgl. die Arbeit im Jahrbuch II), dass er aber
seinen psychologischen Ausführungen seit dem psychischen Hermaphro-
ditismus durchaus nicht sympathisch gegenüberstehe. Die jetzigen An-
schauungen Adlers seien ein Gemisch von teilweise Freudschen Mecha-
nismen und Begriffen, auf der andern Seite von extrem gegebenen Wer-
tungen und intellektuellen Begriffen.Ins Detail eingehend weist Redner unter andern darauf hin, dass
nach Adlers Worten die Stärke und Qualität eines Triebes von der
Kultur abhängig sein solle und nicht wie wir bisher meinten in ei-
nem gegensätzlichen Verhältnis zu ihr stehe. - Dass sich der Neuroti-
ker eigentlich gegen seine Libido sichert, gibt Adler indirekt zu,
wenn er auch meint, diese Libido sei arrangiert. Er bestätigt damit
nur Freuds Ansicht vom Kampf zwischen Ich und Libido; und auch der
Freudsche Begriff vom Ich sei scharf umschrieben und genau bestimmt.
Wenn Adler nur die negative Übertragung sieht, so übersieht er eben
die Verdrängung der positiven Einstellung, die vom Pat. nicht vertra-
gen wird. - Aehnlich wenn er die Angst wirklich als Angst auffasst u.
nicht als Folge eines verdrängten Wunsches.Auch im einzelnen lasse sich zeigen, dass hinter dem Ehrgeiz,
dem männlichen Protest und der Sicherung Freudsche Thesen stecken.
Dass die Sicherung ein Analogon der Flucht in die Krankheit ist,
wurde schon gesagt; ähnlich ist der männliche Protest eine Reaktions-
bildung und was Adler unter weiblich versteht, kann man in die Libi-
do einreihen. Diese Dinge mögen ja vom Pat. weiblich aufgefasst wer-
den, wichtig ist aber die dahinter steckende Libido, und wichtig ist
ferner, dass diese Momente verdrängt sind. - Wenn die Verdrängung nach
Freud dazu dient, Unlust zu verhüten, so ist das auch eine Sicherung;
in dem Begriff der Verdrängung liegt implizite die Sicherung. Ekel,
Scham etz. sind sowohl Reaktionen, als auch Sicherungen gegen die Fol-
gen libidinöser Zustände. Adlers Pat. fürchtet sich vor seiner Libido;
ohne Wunsch wäre aber kein Grund zur Abwehr vorhanden. Wenn er sich
fürchtet, unter die Gewalt des Weibes zu kommen, so liegt dem die Ver-
drängung der masochistischen Komponente zu Grunde.Vieles von dem, was Adler geltend macht ist vielleicht nicht so
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sehr auf falsche Wertungen als auf angeborene oder fixierte Kompo-
nenten der Libido mit homosexueller Tendenz zurückzuführen. Verdräng-
te homosexuelle Komponenten spielen dabei die grösste Rolle.Neben der ausgezeichneten Charakterologie hat Adler uns über
die Ursachen der Verdrängung vieles gesagt. Er hat die Ichtriebe nä-
her charakterisiert, den Geltungstrieb beschrieben und gezeigt, dass
die Furcht vor Herabsetzung, vor dem Gefühl der Minderwertigkeit
vielleicht auch ein Grund zur Verdrängung sein kann.Redner geht schliesslich noch in eine Detailkritik der Trige-
minusneuralgie ein, wo der sexuelle Neid des Pat. gegenüber seinem
jüngeren Bruder und der Mutterkomplex deutlich hervortreten. Dass
der Pat. aber nur aus männlichem Protest zur Mutter will, das geht
aus dem Artikel nicht hervor. Besowenig ist klar, warum der Pat. die
Herabsetzung durchaus als etwas weibliches auffassen soll? Der Grund-
gedanke dieser Adlerschen Arbeit ist die Identifizierung von Schmerz-
gefühl = Minderwertigkeit = weiblich. Zu dieser Annahme wird aber Adler
selbst nur gedrängt und uns wird sie nicht bewiesen. Auch die Traum-
analyse zeigt nur deutlich seinen Mutterkomplex nicht aber Adlers
Auffassung desselben. Aber selbst wenn der Pat. nur aus männlichem
Protest zur Mutter wollte, so könnte nur die Verdrängung des Wunschs
nach der Mutter die Ursache der Neurose sein. Für das Kind existiert
auch der Gegensatz zwischen männlich und weiblich nicht in dem Masse
wie für den Erwachsenen, sondern das Kind empfindet zunächst und am
intensivsten den Gegensatz zwischen den Kleinen und den Grossen, sei-
en diese nun männlich oder weiblich. Bei Adler dagegen wird der Be-
griff männlich und weiblich so erweitert, dass alle menschlichen Be-
ziehungen hineinpassen.Wenn der Sinn jedes Traumes ist, ich bin ein Weib und möchte
ein Mann sein, so ist nicht einzusehen, warum dieser bei den meisten
Frauen bewusst geäusserte Wunsch, so schwer deutbare und komplizier-
te Träume erzeugt. Wenn wir dagegen verdrängte libidinöse Tendenzen
zu Hilfe nehmen, so finden wir plötzlich alles klar. Bei Adlers Auf-
fassung muss man sich fragen, was ist eigentlich unbewusst, wozu ma-
chen wir eine Analyse. - Wenn wir sehen, dass Adler die ganze Welt-S.
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Literatur- und Kulturgeschichte auf den männlichen Protest zurückführt
und dass das alles auf dem Zweifel an der Geschlechtsrolle und den
flachen Wertungen beruhen soll, so wird es sich vorläufig empfehlen
bei den Freudschen Lehren zu bleiben.Hitschmann verweist mit Rücksicht auf die allgemeine Stimmung
darauf, dass die Trigeminusneuralgie geeignet sei, grosse Verwirrung
unter den Lesern hervorzurufen. Auch er könne nicht finden, dass das
eine wirkliche Analyse ist, noch dass die Voraussetzungen Adlers an
diesem Falle erwiesen wurden. Wenn der männliche Protest unbewusst
wäre, so müsste er bei einer Analyse aus dem Unbewussten auftauchen.
So aber sei in der Trigeminusanalyse das Sexuelle direkt zur Seite
geschoben. Aehnliches gelte von den übrigen Fällen und Traumdeutungen
Adlers. In statu nascendi hat er seine Grundsätze am Pat. noch nicht
erwiesen. Auch habe er es unterlassen, bestimmte Zeiten für die von
ihm geschilderten Verhältnisse anzugeben; wann z.B. das Minderwertig-
keitsgefühl sich zeigt. Es müsste erst bewiesen werden, dass sich die-
ses Minderheitsgefühl vor allen jenen abnormen quantitativen Trieb-
einstellungen findet, dass es vor den ersten entscheidenden infanti-
len Erlebnissen schon da ist. Dass die Angst als durchschlagendes Ge-
fühl der Minderwertigkeit erklärt werden soll, ist auch nicht ganz
klar; es liegt da ein Zusammenwerfen von Aengstlichkeit und neuroti-
scher Angst vor. - Wenn man gesehen hat, wie Sadismus und Masochismus
in den ersten Lebensjahren des Zwangsneurotikers bereits beobachtet
wurden, so ist klar, dass das Minderheitsgefühl nicht älter sein kann
sondern nur auf Grund dieser krankhaften Triebe ausgebildet. Aehnlich
sollen alle Kinderfehler, Enuresis, Nägelbeissen, Lutschen nur aus Bos-
heit festgehalten werden und das ursprünglich triebartige daran
wird gar nicht zugegeben, was auch erst bewiesen werden müsste. Eben-
so müsste der Wunsch, ich will ein Mann sein, als primäre Triebkraft
der frühzeitig geweckten Sexualität erst bewiesen werden. Das Spielen
wollen dieser Rolle wurde ja bereits von Freud in den Wünschen: ich
will der Vater sein, ich will die Mutter sein, beschrieben. Das oben
im Traume anders als sexuell aufzufassen, scheint unmöglich, wofür
auch Ranks Traum im Jahrbuch ein schönes Beispiel sei.Durch seine persönlichen Beziehungen mit der Universitätspsychol-
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logie, mit der Pädagogik, dem Sozialismus und der Frauenbewegung ist
Adler dazu gekommen alles, und selbst das Sexuellste als männlichen
Protest aufzufassen. So ist er dazu gekommen, das was beim Kind nicht
zu sehenist, weil es unbewusst ist, wegzuschieben, und das, was beim
Kind deutlich zu sehen ist, in den Vordergrund zu schieben. Was hinter
seinem Aggressionstrieb und männlichen Protest zum Teil steckt, darf
man zum grossen Teil der Tendenz alles feienden zuzuschreiben, sich als
Seiendes zu behaupten.Wenn Adler die Kraft des Sexuellen mit dem Hinweis darauf leug-
net, dass die Sexualität beim Kulturmenschen keine solche Rolle mehr
spielt, so übersieht er dabei, dass gerade diese Tatsache zur Neurose
führen muss. - Anzuerkennen seien die Verdienste, die sich Adler um
die Charakterologie erworben habe dadurch dass er die Sache von ei-
ner ganz andern Seite angesehen habe. Er hat aber die Neurose nicht
erklärt, sondern nur eine sehr wertvolle Schilderung des Aussehens
der Neurose gegeben. Einige seiner Gesichtspunkte seien sehr wert-
voll für die Pädagogik und auch für die Therapie.Furtmüller hält die Zeit noch für verfrüht, um zu den Adlerschen
Ausführungen eine Stellung pro oder kontra einzunehmen. Im einzelnen
versucht derRedner vor allem einige Einwendungen Prof. Freuds zu ent-
kräften, wie die dass Adlers Forschungen in technischer und taktischer
Beziehung eine Gefahr für die Psychoanalyse bedeuten könnten.Wenn immer eingewendet werde, dass Adler alle sexuellen Dinge,
wie Onanie, Masochismus, Homosexualität etz., als männlichen Protest
auffasse, so wird dabei übersehen, dass natürlich die Sexualität als
Kraft vorausgesetzt ist und dass der männliche Protest sie nur in
eine bestimmte Richtung leitet. - Der von Freud bedauerte Verlust der
Verbindung mit der allgemeinen Kulturbewegung sei bei Adler durch
Einbeziehung der Frauenfrage wieder hergestellt.Redner wendet sich nun gegen einzelne Ausführungen Rosensteins
so die missverständlich aufgefasste Abhängigkeit der Triebe von der
Kultur, ebenso beim Problem Furcht-Furcht, wo Adler eben zeigen sucht,
wieso es zur Verdrängung der Libido und damit zur Furcht kommt. Auch
der Einwand, dass die Frau ihren männlichen Protest im Bewusstsein
habe, sei nicht stichhaltig, denn die kenne die Bedeutung dieser Ein-S.
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stellung für ihr gesamtes seelisches Geschehen nicht.
Reitler hat seine Ausführungen in Form eines Artikels für das
Zentralblatt niedergelegt, wo die Arbeit publiziert wird.Gustav Grüner findet bei Adler manches, was für Freud stimmt und
möchte diese Aehnlichkeit mit Freud für Adler ins Feld führen. So
werde der in der Freudschen Lehre nicht genügend geklärte Unterschied
zwischen der neurotischen und der normalen Psyche bei Adler dadurch
verständlicher, dass er ihn auf Quantitätsunterschiede zurückführen
will. - Was Adlers Stellung zur Sexualität betreffe, so fasse er diesel-
be als das Treibende im Menschen auf.Adler hebt im Gegensatz zu einer Bemerkung vieler Redner hervor
dass sich in seinen Arbeiten eine fortschreitende Entwicklung schon
von der Studie über die Minderwertigkeit von Organen an kundgibt.
Was den Vorwurf betreffe, dass das minderwertige Organ jetzt vernach-
lässigt werde, so sei hervorzuheben, dass es in der späteren Neurose
nicht so sehr darauf ankommt, auf welchem Boden sich die Minderwertig-
keit oder wie man teilweise auch sagen könne, die Erogenität gel-
tend mache, sondern es müssen alle diese Regungen durchgehen durch
den Brennpunkt des Minderwertigkeitsgefühls.Die Bedeutung der Fixierung an eine Person sei nicht so hoch
anzuschlagen; die Verdrängung geht hand in hand damit, dass es sich
um die Fixierung einer Affektlage handelt. Die Erhaltung dieser Af-
fektlage ist den Kindern sehr häufig bewusst und auch der Neurotiker
erinnert sie oft bis in eine sehr frühe Zeit.Schwieriger ist es plausibel zu machen, dass das Kind in eine
Situation kommt, wo es die ganze Welt nach männlich und weiblich aus-
tastet, obwohl auch die Sprache Belege dafür liefert, dass dieser
Durchgangspunkt wirklich existiert. - Bei der verfälschten Libido han-
delt es sich eben gar nichtdaum das, was wir Libido heissen könnten
sondern um Erscheinungen des Geltungswollens. So z.B. beim Kampf gegen
den auftauchenden Rivalen, den Freud unter den Liebesbedingungen ge-
schildert hat. - Auch die Sicherungstendenz unterscheidet sich von den
von Freud aufgestellten Bedingungen der Neurose; die Flucht in die
Krankheit ist nur ein Teil des psychischen Lebens wie es im männlichen
Protest zutage tritt. Flucht in die Krankheit ist die ErkenntnisS.
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Tatbestandes, die uns aber nicht sagt, was in der Psyche des Betref-
fenden vorgeht; mit der Sicherungstendenz dagegen ist ein Mechanis-
mus gemeint; hier handelt es sich um ein ursprüngliches Gefühl der
Minderwertigkeit und eine Unsicherheit, aus der der Pat. herauszu-
kommen trachtet. Dieser Begriff passt auch für die sekundäre Ten-
denz der Krankheit und er passt auch für den Mechanismus der Verdrän-
gung.Zum Schlusse hebt Redner hervor, er sei nicht darauf ausgegan-
gen, die Auffassung Freuds von der Neurose und ihren Mechanismen
zu entwerten, sondern nur der praktischen und theoretischen Notwen-
digkeit zu gehorchen, die auf eine breitere Basis zu stellen und ei-
nen Entwicklungsstandpunkt, den er auch von Freud als überholt anse-
he, zur Geltung zu bringen.Herrn Rosenstein wird erwidert, dass Triebe sich zweifellos un-
ter dem Einfluss der Kultur abschwächen können und dass es sich da-
bei um eine gegenseitige Beeinflussung von Trieb- und Kulturleben
handelt. - Dass Angst wirklich Angst sei kehrt häufig bei Freud wieder
Und wenn er auch nicht wie Freud glaube, dass die erste Angst beim
Geburtsakt zustande komme, so sei er doch mit der Meinung, dass unsere/
Angst die Verwendung einer Gefühlserinnerung, einer Halluzination
sei, Freud viel näher als diejenigen, welche diese Auffassung bekämpft
haben.
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