Rezension von: Belloni, J. ›Über die centrale Endigung des Nervus opticus bei den Vertebraten‹ 1889-201/1899

Freud, Sigmund (1889-201/1899): Rezension von: Belloni, J. ›Über die centrale Endigung des Nervus opticus bei den Vertebraten‹

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    554 Centralblatt für Physiologie. Nr. 21.

     

    J. Belloni. Ueber die centrale Endigung des Nervus opticus bei den
    Vertebraten (Zeitschrift f. Zoologie XLVII. 1., S. 1).

    B. hat den Verlauf des Tractus opticus im Zwischen- und Mittel-
    hirn bei Repräsentanten sämmtlicher Wirbelthierclassen mittelst der
    Osmiummethode von Exner untersucht, welche ihm, wie die zahl-
    reichen in acht Tafeln enthaltenen Zeichnungen beweisen, Bilder von
    nicht zu übertreffender Schärfe geliefert hat. Das wichtigste Ergebniss
    seiner Arbeiten ist in dem Satze enthalten, dass kein Opticusbündel,
    von welcher Beschaffenheit es auch sein mag, in anderen Gehirn-
    theilen als in dem Corpus opticum (dem vorderen Zweihügelpaar)
    endigt. Die morphologische und histologische Natur dieses Gehirn-
    theiles ist bei allen Vertebraten die nämliche. — Eine grosse Anzahl
    der rein anatomischen Befunde, welche B. bei seinen Untersuchungen
    zu Tage gefördert hat, eignet sich nicht zum Referat, dagegen lässt
    sich hier die allgemeine Darstellung des Opticusverlaufes wiedergeben,
    welche in den „Schlussbetrachtungen“ enthalten ist.

    Der grössere Theil der Fasern des Chiasma begibt sich ohneweiteres
    in den Tractus opticus; andere Fasern dringen zunächst verschieden tief
    die Substanz des Tuber cinereum (der subthalamischen Region) ein
    und kreuzen sich daselbst bei mehreren Typen. Sie endigen dort aber
    nicht, sondern wenden sich wieder nach aussen und oben, um sich
    wieder mit dem übrigen Theil des Tractus zu vereinigen. Diesen Opticus-
    fasern sind eine Reihe von anderen Fasersystemen angelagert oder
    mit ihnen verflochten.

    1. Die dünneren Fasern der Commissura inferior (Gudden’sche
    Commissur), welche sich nach längerem Verlaufe vom Tractus ablösen
    und im Corpus posterius (dem Kern des hinteren Zweihügelpaares)
    endigen.

    2. Die dickeren, unregelmässig geschlungen verlaufenden Fibrae
    ansulatae, welche sich innerhalb oder oberhalb der Commissura inferior
    kreuzen. Die sichere Endigung dieser Fasern ist nicht bekannt.

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    Nr. 21. Centralblatt für Physiologie. 555

    3. Die dicke Decussatio inferior (bei den Vögeln), welche vielleicht
    den vorigen Fasern gleichzustellen ist.

    4. Peduncularfasern aus dem Nucleus peduncularis, wo ein solcher
    vorhanden ist, welche den Tractus in der Nähe des Chiasma durchsetzen.

    5. Thalamusfibrillen, welche zumal bei den Säugethieren ein
    höchst verwickeltes Geflecht mit den optischen und den anderen Faser-
    gattungen bilden.

    Im weiteren Verlaufe trifft der Tractus opticus auf eine graue
    Anschwellung von Thalamussubstanz, das Corpus geniculatum thala-
    micum (C. g. internum) und spaltet sich in eine vordere obere und
    in eine untere hintere Wurzel. In dieses selbst schickt der Tractus
    nur einige kleinere Bündel, welche nicht darin endigen, aber vielleicht
    durch Seitenästchen Verbindungen mit der grauen Substanz herstellen.
    Dagegen löst sich hier die Commissura inferior vom Tractus ab, tritt
    in das Corpus geniculatum internum ein und verläuft von diesem zum
    hinteren Zweihügel.

    Beide Tractuswurzeln verlaufen zum Corpus opticum (vorderen
    Zweihügel), in dessen Rinde sie sich netzförmig auflösen. Auf diesem
    Wege sind die Tractusfasern des Thalamus und der Corona radiata
    zu trennen. Einige Bündelchen durchsetzen die hintere Substanz des
    Thalamus, ohne in ihr zu endigen, geben aber (vielleicht!) für dieselbe
    Seitenäste ab.

    B. vermuthet, dass die Uebertragung des Lichtreizes auf die
    Pupillarfasern schon vor der Endigung der Opticusfasern im Zwei-
    hügel, also im Zwischenhirngebiet vor sich geht.

    Die Arbeit ist im Jahre 1885 bereits abgeschlossen gewesen und
    seither nicht verändert worden. Die seither veröffentlichten Unter-
    suchungen sind in ihr nicht berücksichtigt worden. In dem Haupt-
    ergebnisse, dass die Rinde des vorderen Zweihügels die alleinige
    Opticusendstätte darstellt, trifft die Arbeit B.’s mit der früher publi-
    cirten von Darkschewitsch (über die primären Opticuscentren etc.,
    Archiv für Anatomie und Physiologie, Anat. Abth. 1886) zusammen.
    Sigm. Freud (Wien).