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662 Wiener klinische Rundschau 1895. Nr. 42. Verhandlungen wissenschaftlicher Vereine.
Wiener medicinisches Doctorencollegium.
Sitzung vom 14. October 1895.
(Originalbericht der Wiener klinischen Rundschau.)
S. Freud: Ueber Hysterie.
Bis heute ist es nicht gelungen, Umfang und Inhalt des
Begriffes Hysterie genau zu bestimmen. Während aber vor 10 Jahren
die Bemühungen der Autoren noch dahin gingen, die Hysterie
von den organischen Krankheiten zu trennen, ist es heute unsere Aufgabe,
sie von den Neurosen unterscheiden zu lernen, vorzüglich von
der Neurasthenie. Dadurch wachsen die Schwierigkeiten einer Studie
über Hysterie, denn der Begriff der Neurasthenie ist selbst viel ver-schwommener als der der anderen Neurosen. Zudem kommen
hysterische und neurasthenische Elemente sehr häufig zusammen
in einem Krankheitsbilde vor, so dass zahlreiche Autoren eine
scharfe Trennung für unmöglich halten und sich dahin äussern,
Hysterie und Neurasthenie gingen ineinander über.Das übermässige Betonen der nervösen Degeneration und
ihrer Rolle bei der Entstehung der Neurosen brachte es mit sich,
dass man den verschiedenen Erscheinungsweisen der Hysterie nicht
mit dem nöthigen Eifer nachging. Auch die therapeutischen Maass-
nahmen sind nicht darnach angethan, dass es sich lohnte, die
Differenzen zwischen Hysterie und Neurasthenie besonders hervor-
zuheben — günstige äussere Verhältnisse, Ruhe, Kräftigung er-
scheinen für beide als Therapie.Es ist aber nicht ausgeschlossen, dass man auf der Suche
nach deutlicheren Grenzbestimmungen zu Resultaten kommt, die
das therapeutische Handeln in eine besser bestimmte Richtung
bringen.Darf man aus dem Zusammensein hysterischer und neur-
asthenischer Symptome in einem Krankheitsbild auf eine gemeinsame
Wurzel beider Krankheiten schliessen? Die interne Klinik deckte
eine Symbiose von Infectionsträgern auf, die eine Analogie bildet
zur Addition hysterischer und neurasthenischer Symptome. Reine, un-
verfälschte Typen findet man vor allem im Anfang der Neurose,
also bei jugendlichen Patienten. An eine Hysterie von längerem
Bestand reihen sich meist neurasthenische Symptome. Seltener
entwickelt sich Hysterie auf neurasthenischem Boden.Die Frage nach der Aetiologie der Neurosen ist durch den
Hinweis auf hereditäre Verhältnisse nicht erledigt. Unbefangene
Beobachtung und sorgfältige anamnestische Erhebungen leiten uns
sicherer zu den Ursprüngen der Erkrankung, und lassen uns
gleichzeitig Anknüpfungspunkte gewinnen für eine prophylaktische
Therapie.Durch strengere Abgrenzung der Begriffe Hysterie und Neur-
asthenie wird auch die Prognose gesichert, die nur bei wahrer
Neurasthenie als ungünstig zu betrachten ist.Ein Versuch zur Eintheilung der Neurosen wäre folgender:
1. Hysterie. 2. Neurasthenie in engerem Sinne. 3. Zwangsneurose.
4. Angstneurose. Andere Krankheitsbilder der sogenannten Neur-
asthenie, die für den Zweck dieser Studie unbrauchbar sind, bleiben
unberücksichtigt. Dann zerfällt, was sonst Neurasthenie genannt
wird, in Neurasthenie sensu strictiori, in eine Zwangs- und eine
Angstneurose. Entsprechend der Differenz der Symptome zeigt sich
die Aetiologie in jedem Falle anders.Westphal erwähnt das Vorkommen von neurasthenischen
Zwangsvorstellungen und fasst sie als Symptome der Degeneration
auf. Andere trennen sie von der Neurasthenie. Zu letzterem sind
wir auch durch klinische Ergebnisse berechtigt. Denn es gibt
Zwangsvorstellungen ohne jede neurasthenische Beigabe, und wo
sie sich sonst neurasthenischen Symptomen zugesellen, sind sie
von anderer Dauer und Stärke wie diese. Ja auch bei Hysterie
findet man gelegentlich Zwangsvorstellungen.Als Erscheinungen der Neurasthenie kennen wir Mattigkeit,
Deficit der Nervenleistung, Dyspepsie, spastische Stuhlverstopfung,
Kopfschmerz, spinale Schmerzen. Oefters aber findet man unter
den sogenannten Neurasthenikern einen anderen Typus, der grell
absticht und charakterisirt wird durch: Ueberreizung, Erregung,
Unruhe, Reizbarkeit des Gehörs, Angst in allen Formen, Angst mit
acutem oder chronischem Verlauf, Angst als Begleiterin von Par-
ästhesien, einhergehend mit Herzbeschleunigung, Schlafstörungen,
Convulsionen. Wichtig ist es in einzelnen Fällen, die maskirte
Angst aufzudecken. Es gibt Patienten, die wegen Dyspnoe, arhythmi-
scher Herzstörung, Heisshunger, Convulsionen in Behandlung stehen,
bis sich bei genauer Forschung ihre Zustände als Begleiter einer
Angstneurose entpuppen. Hecker spricht solche Fälle als Rudimente
oder Aequivalente des Angstunfalles an; Mattigkeit und Kopfdruck
fehlen oft, statt der Darmträgheit findet sich Beschleunigung der
Darmthätigkeit. So ist man befugt, die Neurose von der Neur-
asthenie zu sondern. In älteren Lehrbüchern wird dieser Krank-
heitsfall unter dem Namen der Hypochondrie abgehandelt, ein
Name, der sich für die Angstneurose nur deshalb nicht acceptirenS.
Nr. 42. Wiener klinische Rundschau 1895. 663 lässt, weil er mit dem Begriff »Krankheitsfurcht« identificirt wird,
also zu eng gefasst erscheint.Auf der Suche nach der Aetiologie für echte Neurasthenie
und Angstneurose gelangt man fast ausschliesslich zu Schädlichkeiten,
die aus dem Sexualleben entspringen. Fast immer liegt der echten
Neurasthenie bei Männern und Frauen Masturbation zu Grunde;
wo dieses ätiologische Moment fehlt, lässt sich Heredität nachweisen,
die sich in vorzeitigen, reichlichen sexuellen Entladungen, Pollutionen,
äussert.Die Angstneurose wurzelt bei früher gesunden Männern in
der Abstinenz. Wo starke sexuelle Erregungen gar nicht oder nur
durch Blicke und Betasten befriedigt werden, entwickelt sich gern
diese Angstneurose. Frauen fallen ihr zumeist durch den coitus
interruptus anheim. Die Scheidung der Angstneurose von der echten
Neurasthenie wird uns also nicht allein durch die Symptomatologie,
sondern auch durch die Aetiologie aufgenöthigt; die echte Neur-
asthenie beruht auf einer überreichlichen Entladung, die Zwangs-
neurose auf einer Aufspeicherung des Sexualstoffes.Diese Aetiologie steht für alle extremen, reinen Fälle fest.
Der Nachweis gelang in 80% der untersuchten Fälle. Ueberlegt
man die Schwierigkeiten einer solchen Untersuchung, so erscheinen
wohl die übrigen 20% der Fälle gedeckt.Gegen diese Ursachen gehalten, verlieren die sonst angeführten
ätiologischen Momente der Neurosen, die sich auf das Culturleben
beziehen, sehr an Gewicht. Die sexuellen Schädigungen sind speci-
fische Krankheitserreger und geben der Neurose Richtung und
Ziel. Nervengifte aber, Gemüthsbewegungen, Ueberbürdung, die
Unsicherheit der Erwerbsverhältnisse spielen dabei eine vorbereitende
oder bedingende Rolle. Sie bestimmen die Schwere der Neurose.
Nicht jeder, der die falschen Wege im Sexualleben einschlägt,
erwirbt eine Neurose. Hier treten die Schädlichkeiten, die unserer
Cultur zur Last fallen, fördernd ein und machen den Schaden erst
bedeutend genug. Und Kinder, die der Ueberbürdung in der Schule
erliegen, werden Onanisten und Pollutionisten.Die Hysterie findet man selten rein. Gewöhnlich bildet sie
einen Symptomencomplex in einer Mischung von Neurosen. Ihre
Betrachtung drängt auf das Gebiet der Psychologie, der man
ferne bleibt bei der Untersuchung der sonstigen Neurosen mit
ihrem physiologischen, somatischen Charakter. Nur die Zwangs-
vorstellungen haben einen ähnlichen inneren Aufbau und gleichen
der Hysterie auch in Bezug auf therapeutische Erfolge.(Der Vortrag wird in der nächsten Sitzung fortgesetzt.)
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S. Freud: Ueber Hysterie
1895-411/1895.1