Sitzung vom 9. März 1919 1919-505/1919.2

Reik, Theodor (1919-505/1919.2): Sitzung vom 9. März 1919

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    SITZUNG der WIENER PSYCHOANALYTISCHEN VEREINIGUNG am 9. März 1919.

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    Anwesend: Prof. Dr. FREUD, Dr. SADGER, Dr. FRIEDJUNG, Dr. TAUSK,
    Dr. WEISS, Dr. WINTERSTEIN, Dr. NUNBERG, Frau Doz. POETZL, Doz. Dr.
      POETZL, Dr. SCHILDER ( als Gast) Dr. FOGSCHANER, Dr. FEDERN, Frau
    Dr. FEDERN, Dr. HITSCHMANN, DR. REIK.

    Wahl Dr. FOGSCHANER wird einstimmig gewählt. Dr. FRIEDJUNG hält seinen
    Vortrag " Einige Gedanken zum Willensproblem " Als Weg dazu wurden
    zuerst fragmentarische Selbstanalyzen gewählt. Die erste Analyse sehl
    schliesst sich an ein Erlebnis in der Elektrischen an. Eine alte
    Frau kam in die Elektrische niemand stand auf nur der Vortragende.
    Die schönen Menschen sind gewöhnlich nicht gutartig, ebensowenig
    die ganz häßlichen, am meisten die indifferenten, welche Liebe
    durch gewinnendes Wesen erwerben werden. Dieses Motiv auch in der
    Selbstanalyse. Das zweite Objekt der Analyse, die Militärberufung
    in den Sandschak. Der Vortragende ist trotz inneren Widerständen
    dieser Berufung gefolgt. Als Motive dafür: Narzissmus, aber auch die
    Meinung der anderen, wollte ihnen keine Enttäuschung oder Freude
    Bereiten. Wollte sich als Liebesobjekt erhalten. Die Willensbildung
    des kleinen Kindes wurde beobachtet: wenn Kind schreit, ist die
    Deutung des Schreiens ein Anthropomorphismus, denn Schreien ist
    vielseitiger Reflex . Die Mittel zur Beruhigung liegen in unserem
    Willen, auch der Erfolg kann die Deutung nicht rechtfertigen, weil
    z.B. das Saugen ein Beruhigungsmittels ist. Wenn das Kind schreit ,
    weil es aus Erfahrung weiss, dass dann zu trinken bekommt, ist es
    -ein Willensakt. Das Ludeln ein solches Beispiel. Das Nichtwollen
    liegt in dem Sträuben, einen lustvollen Zustand gegen einen un-
    lustvollen zu vertauschen. Wenn Kind weint weil sich Mutter entfernt
    ist das kein Willensakt, erst wenn es weint , weil es will daß
    Mutter wiederherkäme. Ein unlustvoller Zustand soll in einen lust-
    vollen Zustand verwandelt werden. Das Begreifen der Welt ist zu-
    nächst wörtlich zu nehmen. Die Erziehung hat Aufgabe die Tendenz

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    des Begriffes so zu regeln, dass sie nicht mit Erhaltung
    des Kindes und nicht mit der Gesellschaft in Konflikt kommt.
    Stuhl und Urin ist mit Lustvarkinnung Lustempfindung verbunden
    Jetzt tritt Erziehung ein die den Lustgewinn einschränkt.
    Auf der einen Seite ist Summe von Lustempfindungen, auf der
    anderen auch(Liebesprämie der Pflegepersonen) Dabei das
    Kompromiß der Enuresis nocturna oft geschlossen. Dasselbe
    Schema wie früher. der Wille ist jener Bewusstseinszustand
    der ausgelöst von Unlustempfindungen den zweckmässigsten
    Weg zur Ueberwindung vor sich hat, aber noch vor der befrei-
    enden Tat steht. Der Trieb deckt sich fast völlig mit Willen,
    nur fehlt bei Trieb des Bewusstseinmoment. Beim Kinde werden
    Triebe oft im Kurzschluss erledigt, aber die Erziehung hemmt
    dies wegen Kulturfortschritt; weil sonst der infantile Zu-
    stand erhalten bliebe , oder weil diese Triebbefriedigung
    fremde Rechtssphären berührt ( z.B. saditische) Die Erziehung
    nötigt vom Lust = Realitätsprinzip übergehen, die Triebe sind
    zu umwegen gezwungen. Das hat intellektuelle Arbeit zur Vor-
    aussetzung. Damit die intellektuelle Entwicklung verbunden.
    Auf diesem Wege werden Teilprämien verheissen. Daher, weil
    Weg so wirr und weit ist, dass seine Verfolgung nicht leicht
    und vielen Menschen die eigenen Entschlüsse unerklärlich
    werden-daher Streit zwischen Vertreter der Willensfreiheit
    oder Willensunfreiheit- Das ke ludelnde Kind ist unfrei in
    seinem Willen, wenn es vom Ludeln abgehalten wird, ebenso
    das Kind bei Abgewöhnung, durch Motive der Aussenwelt beein-
    flusst. Bei älteren Kinder ( z.B. Kirschenverteilen) ist die
    Sache schwieriger: weil z.B. Prämie der Liebe der Mutter us
    lokte; nach 14 Tagen ist der Wille durch diese Erinnerung
    ebenso unfrei. Willensentschlüsse der Erwachsenen spricht
    noch mehr für Willensunfreiheit. Die Motivenlagerung ist
    uns unbekannt, daher scheint der Wille des Erwachsenen frei;
    sogar die eigene. Daher die Argumentation der Verteidiger

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    der Willensfreiheit: das Gefühl der Freiheit, aber das Em-
    pfinden ist nicht entscheidend. Sich zur Willensfreiheit
    durchdringen ist unmöglich, aber Selbsterziehung durch Selbst-
    analyse ist unmöglich . Die Willensunfreiheit ist Dichtern
    bewusst. z.B. Hamlet. Das Beispiel von Buridans Esel wird
    von Verfechtern der WillensunFreiheit beigebracht, aber die
    Erfahrung beeinflusst die Wahl. Daraus zwingend: Wille ist
    unfrei seine Motoren sind die Triebe, sein Ziel ist Lustgewinn
    aber wie Entschluss zum Selbstmord zu erklären. Das Leben ist
    oft grössere Unlustempfindung. Aus dieser Ansicht ergeben
    sich Folgerungen: für die Erziehung: man kann nur dann an
    Erfolg glauben wenn man Festlegung des Willens glaubt. Auch
    sittliche Taten sind Folgen einer bestimmten Veranlagung.
    Strafrechtspflege: wenn der Willen unfrei, woher haben wir
    das Recht zur Strafe. Für Vorkehrung im Interesse der Ge_-
    sellschaft gibt es keinen Unterschied . Die Strafe selbst ist
    ein Motiv. Jsolation ist soziales Schutzmittel.
    Man wird sich dazu entschliessen müssen, das sittliche Leben
    rentabler zu machen. Das Sozialisierung des Gesellschaftsbaues
    wird dies vereinigen.-

    DISKUSSION: Frau Dr. FEDERN: Kleine Geschichte eines 8jährigen
    Jungen der mit sehr viel Liebe zur Ablegung seiner kindlichen Ge-
    wöhnheiten
    erzogen werden will. " Der Wille zum Bravsein ".

    Dr. TAUSK: geht auf die Ansichten der Philosophen (Schoppen-
    hauer) ein. Glaubt es ist nicht richtig bewussten oder unbe-
    wussten Willen zu trennen. Die Definition des Willens deckt
    sich nicht mit dem des Triebes. Das Problem ist eigentlich:
    woher kommt das Gefühl der Willensunfreiheit Willensun-
    freiheit, welches Motiv gibt ,diese Freiheit zu konstituieren.
    Das Prinzip der Rentabilität der Moral ist wichtig.

    Dr. WINTERSTEIN: das neueste des Vortrages ist bekannt. Was
    Dr. Friedjung vom Säugling beschreibt sind nicht Willenshand-
    lungen, sondern Instinkthandlungen. Dazwischen Nachahmungs-
    handlungen einzustellen, die mehr zu den Begriffen der Re-
    flexhandlungen gehört. Der Begriff des Kurzschlusses ist nicht

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    klar.

    DR. FRIEDJUNG    Kurzschluss nenne ich den xxx physiologisch
    gegebenen Weg zur Befriedigung des Triebes.

    Dr. TAUSK  es gibt zwei Auffassungen vom Willen bei Philosophen
    Schopenhauer meint der Wille ist Trieb, der andere glaubt der
    Wille ist Triebhemmung. Der Rest sind Moralisten. Die Ziel-
    vorstellung ist in der Qualität des Triebes enthalten.-

    Dr. FOCKSCHANER: es ist nicht gesagt worden warum organische
    Befriedigung geringer geschätzt wird als Liebe der Eltern. Man
    müsse vielleicht auf eine sexuelle Konstitution zurückgehen.
    Das Unbewusste ist sozusagen ein Triebdepot und herangezogen
    werden, deutlich bei Paranoikern. Dr. Winterstein schliesst
    sich der Meinung Dr. Tausk an: es gebe nur Problem der Willens -
    unfreiheit.

    Dr. Weiss: man muss Willen verlegen in aktives Wollen und in
    Ueberlassen an Triebhaftes. Von solcher Auffassung ist Ausgang
    vom Kinde nicht zweckmässig.

    Dr. NUNBERG:   geht auf Willenshandlungen im Traume ein.-

    Dr. SCHILDER:   weist auf AutKomatismus hin: dabei liess sich an-
    deuten, dass Widerspruch irgendwoherkommt. Gefühl der Willensfrei-
    heit ist nichtableitbar, man müsse von pathologischen Zuständen
    ausgehen. Das Gefühl der Gebundenheit tritt dann auf wenn wir uns
    im Gegenstand nicht genug versenken. Der Willensakt ist nur dahh
    rein, wenn ein Widerspruch nicht nur aufgenommen sondern auch ver-
    arbeitet worden ist ( sprachlich durch; obwohl ausgedrückt. Jm
    Willen ist xxxxx Wunsch der Aussenwelt Herrzu werden.

    Dr. TAUSK: Die Meinung Dr. Schilders ist durch Frage der Objekt
    beziehung gelöst. Vor Objektbeziehung Objektfindung gibt es
    Willenshandlungen. Problem des Willens und der Objektbeziehung
    gehören nicht zusammen.-

    Doz. Dr. Poetzl: gegen Dr. Tausk glaubt dass die Erfassungsten-
    denz im Willen eine Rolle spielt.   Die Wundtsche Auffassung:
    Willensakt ist Abstraktionsprozess von Trieben. Der Abstraktions
    prozess wurde gut studiert, bei der es sich auch um Unter-

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    Fortsetzung der Sitzung vom 9. März 1919.

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    drückung von Elementen handelt. Für Psychoanalyse beginnt hier
    Problem: Es gibt nur eine Psychoanalyse der Willenshandlung (ganz
    speziell und einzeln) Gefühl der Willensfreiheit hängt mit ver-
    drängtem Triebmaterial zusammen. Praktisch ist Determinismus
    für Vergangene präsent.

    Dr. WINTERSTEIN   Der Willensmensch ist narzisstischer Typus bei dem
    die Funktion des Wollens lustvoll ist, der im Gegensatz zu Gefühls-
    mensch steht. Dr. Federn betont psy psychischen Determinismus.
    STRIKER hat darauf hingewiesen Konsalitätsauffassung eine anthro-
    pomorphische ist. Die Schwierigkeit des Wortes " Frei " kompliziert
    die Frage. Wir haben das Gefühl der Freiheit, wenn Dinge mit Ich-
    gefühl vereinbart sind. Dr. FRIEDJUNG hat Recht bewusst und unbe-
    wusst zu trennen. Unbewusstes Wollen heisst nicht Willenshandlung.
    Das Wort " bester Weg" muss durch bestimmten Weg ersetzt wreden.
    Die Tendenz der Veränderung der Aussenwelt ist nicht im Willensakt
    vorhanden. Das Schuldgefühl hat mit Lustgefühl und nicht mit Reali-
    tätsprinzip zu tun.-

    Dr. TAUSK gegen Doz. Dr. POETZL: Es gibt eine Analyse der Träume,
    weil die Mechanik entdeckt wurde. Die Verschiebung des Problem
    auf Expermimentalpsychologie ist unfruchtbar, weil sie auf Vorstellun-
    gen beruht und nicht auf effektivem Spiel.

    Dr. SCHILDER: glaubt dass die Objektwahl mit dem neugeborenen Kind
    vorhanden ist.-

    Dr. POETZL: die Psychoanalyse des Traumes ist erst durch Psya.
    vieler Träume entstanden. Ebenso sollten viele Willenshandlungen
    erst analysiert werden. Die Wundtsche Psychologie ist ein Netz für
    Psychoanalyse.-

    Prof. FREUD: es ist Gefühl der Willensfreiheit zu erklären. In
    Diskussion oft zuviel Bewusstseinpsychologie eingeführt. Wir haben
    zu wenig vom unbewussten gehört. Die Psychoanalyse hat erst bei
    Willensstörungen einzusetzen. Die Hartnäkigkeit der Sprache beim
    Willen deutet auf eine besondere pwychische Station hin. Hier werden
    gleichsam alle Strebungen gesammelt. Erscheinen des Vielgeschehens

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    im Traume deja racocete in der vorhandenen Intention ist
    besonderes Studium ist vielleicht Wille.-

    Dr-FRIEDJUNG verteidigt den Ausgangspunkt von Säuglingen
      Willensaktionen ist Kompass doch Lustgewinn.-
    Willensaktionen muss kein absoluter Unlustzustand, noch
    Unlustärmerer vorausgehen.-

    Nächster Vortrag am 23. III. 1919. Diskussionsabend.