Sozialischen Bibliotheken empfohlen 1927-001/1927.2

N. N. (1927-001/1927.2): Sozialischen Bibliotheken empfohlen

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    Sozialistischen
    Bibliotheken empfohlen

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    PSYCHOANALYSE

    Sigm. Freud: Die Zukunft einer Illusion
    Mark 2.30

    Die religiösen Ideen — führt der Schöpfer der Psychoanalyse in seiner neuen Arbeit aus —
    sind sämtlich Illusionen, niemand darf gezwungen werden, an sie zu glauben. Einige von
    ihnen stehen so sehr in Widerspruch zu allem, was wir mühselig über die Realität der Welt
    erfahren haben, daß man sie den Wahnideen vergleichen kann. In den Jahrtausenden, durch
    die die Religion die menschliche Gesellschaft beherrscht hat, ist es ihr nicht gelungen, die
    Mehrzahl der Menschen glücklich zu machen, sie mit dem Leben zu versöhnen; vielmehr
    empfindet eine erschreckend große Anzahl der Menschen die Gesellschaftsordnung als ein Joch,
    das man abschütteln muß. Die Unsittlichkeit hat zu allen Zeiten an der Religion keine mindere
    Stütze gefunden als die Sittlichkeit. — Wenn man den betrübenden Kontrast zwischen der
    strahlenden Intelligenz eines gesunden Kindes und der Denkschwäche des durchschnittlichen
    Erwachsenen ins Auge faßt, kann man ermessen, welch großen Anteil an der intellektuellen
    Verkümmerung neben der sexuellen Denkhemmung und der Verzögerung der sexuellen Ent-
    wicklung besonders auch die religiöse Erziehung hat. — Freuds Ausführungen gipfeln in der
    Forderung: „Erziehung zur Realität!“ Was soll dem Menschen die Vorspiegelung eines
    Großgrundbesitzes auf dem Mond, von dessen Ertrag doch noch nie jemand etwas gesehen hat?
    Eine Menschheit, die auf Illusionen verzichtet, wird wahrscheinlich erreichen können, daß
    ihre Einrichtungen keinen mehr erdrücken. Die Stimme des Intellekts ist leise, aber sie ruht
    nicht, ehe sie sich Gehör geschafft hat. Auf die Dauer kann der Vernunft und der Erfahrung
    nichts widerstehen und der Widerspruch der Religion gegen beide ist allzu greifbar.

    Sigm. Freud: Zeitgemäßes über Krieg und Tod
    Mark 1.—

    Wer so wie Freud auf ein Lebenswerk von geradezu heroischer Selbständigkeit zurückblicken
    kann, hat begreiflicherweise auch im großen Kriege, als der psychischen Seuche so manche
    Persönlichkeit von Format erlag, seine überragende geistige Unabhängigkeit bewahrt. Noch in
    den ersten Kriegsmonaten schrieb er seine — heute bereits klassisch gewordene — Studie „Zeit-
    gemäßes über Krieg und Tod“. Was er über die schweren Enttäuschungen durch den Krieg
    ausführt, bleibt nicht an der Oberfläche der Probleme. Die Psychologie des Verborgenen wird
    herangezogen. Insbesondere untersucht Freud mit den Methoden der Psychoanalyse die Ein-
    stellung des Primitiven als auch des Kulturmenschen zum Tode, zum eigenen und zu dem
    des Mitmenschen. Der Krieg läßt den Urmenschen in uns wieder zum Vorschein kommen.
    Der Kulturmensch hat mit seiner Einstellung zum Tod psychologisch wieder einmal über
    seine Verhältnisse gelebt. Das Leben zu ertragen, bleibt die erste Pflicht des Lebenden. Die
    Illusion wird wertlos, wenn sie uns darin stört. Der alte Spruch: Willst du den Frieden er-
    halten, so rüste zum Kriege, — wird von Freud abgewandelt: Wenn du das Leben aushalten
    willst, richte dich auf den Tod ein . . . Die Forderung nach mehr Wahrhaftigkeit und Auf-
    richtigkeit allerseits, in den Beziehungen der Menschen zueinander und zwischen ihnen und
    den sie Regierenden hallt uns aus dieser tiefsinnigen Studie mahnend entgegen.

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    PSYCHOANALYSE

    Siegfried Bernfeld: Sisyphos oder: Die Grenzen der Erziehung
    Mark 5.—

    Hier rechnet einer flott und gründlich mit Praxis und Theorie der Erziehung ab. Ein unvor-
    hergesehener Überfall auf Verlogenheit, die sich in Sicherheit wähnt, muß wohl auch diese
    aufwühlerische „unzeitgemäße Betrachtung“ eines unbequemen Zeitgenossen zunächst haupt-
    sächlich nur auf Leser rechnen, die sie als Pamphlet schmähen werden, allerdings ohne
    das Buch vor der letzten Zeile aus der Hand geben zu können. Vor allem verblüfft hier die
    psychoanalytische Herkunft dieser rhapsodischen Stellungnahme und fesselt das Wie und Warum
    dieses hemmungslosen Bekenntnisses eines Freudianers zum radikalen Sozialismus. In der an
    Jean Paul gemahnenden, anekdotisch instrumentierten Melodie eines „enthusiastischen Pessi-
    misten“ tritt uns eine Entschlossenheit des Gedankens und der Tat entgegen, die mehr als alles
    Schulmeisterische den Erzieher, den Erzieher im nächsten und im fernsten Sinne, ausweist.
    „Jungsozialistische Blätter“: Bernfeld ist einer der wenigen, die als Marxisten und
    Psychoanalytiker gleich beschlagen sind. Der „Sisyphos“ ist eines der prinzipiellsten Bücher zu
    Erziehungsfragen, die es überhaupt gibt; seine Lektüre erspart die Durcharbeitung ganzer
    pädagogischer Bibliotheken.

    Erwin Kohn: Lassalle — der Führer
    Mark 4.—

    Inhalt: I. Die psychologische Entstehung des Führers. — II. Die psychologische Technik der
    Führung bei Lassalle. — III. Das Liebesschicksal Lassalles. — IV. Die psychologische Struktur
    des Führertums bei Lassalle. — V. Die Nachfolger Lassalles und das Ende seiner Organisation.
    „Volksrecht“ (Zürich): Aus der Fülle des Materials und der überall durchblickenden Helle
    entsteht ein geistiges Bild des einstigen Arbeiterführers, das in seiner Zwingkraft fast schmerzt.
    Ausgezeichnet das Kapitel über die psychische Struktur des Führertums . . . Interessant die
    Gegenüberstellung Marx und Lassalle.

    Vera Schmidt: Psychoanalytische Erziehung in Sowjetrußland
    Mark —.60.

    Inhalt: I. Die äußeren Schicksale des Kinderheim-Laboratoriums. — II. Die innere Einrich-
    tung des Kinderheim-Laboratoriums. — III. Psychoanalytische Leitsätze für die Arbeit im
    Kinderheim-Laboratorium. — IV. Allgemeine pädagogische Grundsätze für die Arbeit im
    Kinderheim-Laboratorium. — V. Pädagogische Maßnahmen zur Erfüllung der vorstehenden
    Forderungen. — VI. Die Arbeit des Erziehers an sich selbst. — VII. Beobachtungen aus dem
    Leben des Kinderheim-Laboratoriums. — Anhang (Aus dem Tagebuch der jüngeren Gruppe.
    Zur Entwicklung des Sozialgefühles. Zur intellektuellen Entwicklung der Kinder).