S.
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Triebe und Triebschicksale
von
Sigm. FreudWir haben oftmals die Forderung vertreten
gehört, daß eine Wissenschaft über klaren
und scharf definirten Grundbegriffen auf-
gebaut sein soll. In Wirklichkeit beginnt keine
Wissenschaft mit solchen Definitionen, auch
die exaktesten nicht. Der richtige Anfang der
wissenschaftlichen Thätigkeit besteht vielmehr in
der Beschreibung von Erscheinungen, die dann
weiterhin gruppirt, angeordnet und in Zusam̄en-
hänge eingetragen werden. Schon bei dersollen
Beschreibung kann man es nicht vermeiden
gewiße abstrakte Ideen auf das Material
anzuwenden, die man irgendwoher, gewiß nicht
aus der neuen Erfahrung selbst, herbeiholt.Noch unentbehrlicher sind solche Ideen – die späteren
Grundbegriffe der Wissenschaft – bei der
weiteren Verarbeitung des Stoffes. Sie müßen
zunächst ein gewißes Maß von Unbestim̄theit
an sich tragen; von einer klaren Umzeichnung
ihres Inhalts kann keine Rede sein. Solange sie
sich in diesem Zustande befinden, verständigt
man sich über ihre Bedeutung durch den wieder-
holten Hinweis auf das Erfahrungsmaterial,
dem sie entnommen scheinen, das aber
in Wirklichkeit ihnen unterworfen wird. Sie haben
also strenge genommen den Charakter von
Konventionen, wobei aber alles darauf an-
kommt, daß sie doch nicht willkürlich gewält
werden, sonderndurch bedeutsamenoch gewin
Beziehungen zum empirischen Stoffe bestim̄t
sind, die man zu erraten vermeint, nochwerden
ehe man sie erkennen und nachweisen kann.
Erst nach gründlicherer Erforschung des betref-
fenden Erscheinungsgebietes kann man
auch dessen wissenschaftliche Grundbegriffeschärfer erfassen und sie fortschreitendnäher
so abändern, daß sie in großem UmfangeS.
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brauchbar und dabei durchaus widerspruchsfrei werden.
Dann mag es auch an der Zeit sein, sie in Definitionen
zu bannen. Der Fortschritt der Erkenntnis duldet
aber auch keine Starrheit der Definitionen.
Wie das Beispiel der Physik in glänzender Weise
lehrt,imerfahren auch die in Definitionen fest-
gelegten „Grundbegriffe“ einen stetigenBe-In-deutungshalts wandel.Ein solcher konventioneller, vorläufig noch ziemlich
dunkler Grundbegriff, den wir aber in der
Psychologie nicht entbehren können, ist der des
Triebes. Versuchen wir es, ihn von verschiedenen
Seiten her mit Inhalt zu erfüllen.Zunächst von Seiten der Physiologie. Diese hat uns den
Begriff des Reizes und das Reflexschema gegeben,
dem zu Folge ein von außen her an das lebende
Gewebe (der Nervensubstanz) gebrachter Reiz
durch Aktion nach außen abgeführt wird. Diese
Aktion wird dadurch zweckmäßig, daß sie die gereizte
Substanz der Einwirkung des Reizes entzieht,
aus dem Bereich der Reizwirkung entrückt.Wie verhält sich nun der „Trieb“ zum „Reiz“? Es
hindert uns nichts den Begriff des Triebes unter
den des Reizes zu subsummieren: der Trieb sei
ein Reiz für das Psychische. Aber wir werden
sofort davor gewarnt, Trieb und psychischen Reiz
gleichzusetzen. Es giebt offenbar für das Psychische
noch andere Reize als die Triebreize, solche,
die sich den physiologischen Reizen weit ähnlicher
benehmen. Wenn z. B. ein starkes Licht auf
das Auge fällt, so ist das kein Triebreiz;
wol aber, wenn sich die Austrocknung der
Schlundschleimhautgefühlbar macht oder die
Anätzung der Magenschleimhaut.x)Wir haben nun Material für die Unterscheidung
von Triebreiz und anderem (physiologischem)
Reiz, der auf das Seelische einwirkt, gewonnen.
Erstens: Der Triebreiz stammt nicht aus der Außenwelt,
sondern aus dem Inneren des Organismus
selbst. Er wirkt darum auch anders auf
das Seelische und erfordert zu seiner Beseitigungx)Vorausgesetzt nämlich, daß diese inneren Vorgänge
die organischen Grundlagen der Bedürfniße
Durst und Hunger sind.S.
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andere Aktionen. Ferner: Alles
¿¿¿¿für den Reiz Wesent-
liche ist gegeben, wenn wir annehmen, er wirke
wie ein einmaliger Stoß; er kann dann auch durch
eine einmalige zweckmäßige Aktion erledigt
werden als deren Typus die motorische Flucht vor der
Reizquelle hinzustellen ist. Natürlich können sich diese Stöße auch wieder-
holen und sum̄ieren, aber das ändert nichts an
der Auffassung des Vorganges und an den
Bedingungen der Reizaufhebung. Der Trieb
hingegen wirkt nie wie eine momentane Stoß-
kraft, sondern immer wie eine konstante Kraft. Da
er nicht von außen
her, sondern vom Körperinnern angreift,
kann auch keine Flucht gegen ihn nützen.
Wir heißen den Triebreiz besser „Bedürf-
nis“; was dieses Bedürfnis aufhebt, ist die
„Befriedigung“. Sie kann nurindurch einerzielgerechten
(adäquaten) Veränderung der inneren
Reizquelle gewonnen werden.Stellen wir uns auf den Standpunkt eines fast
völlig hilflosen, in der Welt noch unorientirten
Lebewesens, welches Reize in seiner Nervensub-
stanz auffängt. Dies Wesen wird sehr bald in
die Lage kommen, eine erste Unterscheidung
zu machen und eine erste Orientirung zu
gewinnen. Es wird einerseits Reize verspüren,
denen es sich durch eine Muskelaktion (Flucht)
entziehen kann,dies Verhdiese Reize rechnet
es zu einer Außenwelt; anderseits aber
auch noch Reize, gegen welche eine solche
Aktion nutzlos bleibt, die trotzdemaller Muskel-aktionenihren konstant drängenden Charakter
behalten diese Reize sind das Kennzeichen
einer Innenwelt, der Beweis für Triebbe-
dürfnisse. Die wahrnehmende Substanz des
Lebewesens wird soeinen Anhaltan der
Wirksamkeit ihrer Muskelthätigkeit einen
Anhaltspunkt gewon̄en haben, um ein „außen“
von einem „innen“ zu scheiden. –Wir finden also das Wesen des Triebes zu-
nächst in seinemn Hauptcharakteren, der Her-
kunft von Reizquellen im Innern desS.
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Organismus,
seindem Auftreten als konstante
Kraftund leitenundvon diesemdavon eines seiner
weiteren Merkmale,seine Unbezwingbarkeit durch Fluchtaktionen
ab. Während dieser Erörterungen mußte uns
aber etwas auffallen, waszuuns ein weiteres
Eingeständnis abnötigt. Wir bringen nicht
nur gewiße Konventionen als Grundbegriffe
an unsereErfahrungsmaterial heran, sondern
bedienen uns auch mancher komplizirter
Voraussetzungen, um uns bei der Bearbeitung
der psychologischen Erscheinungswelt leiten zu
lassen. Die wichtigste dieser Voraussetzungen
haben wir bereits angeführt; es erübrigt
uns noch, sie ausdrücklich hervorzuheben.
Sie ist biologischer Natur, arbeitet mit dem
Begriff der Tendenz (eventuell der Zweckmäßigkeit)
und lautet: Das Nervensystem ist ein Apparat,
dem die Funktion erteilt ist, die anlangenden
Reize wieder zu beseitigen, auf möglichst
niedriges Niveauzu erhaltenherabzusetzen, oder der, wenn
es nur möglich wäre, sich überhaupt reizlos
erhalten wollte. Nehmen wir an der Unbe-
stimmtheit dieser Idee vorläufig keinen
Anstoß und geben wir dem Nervensystem die
Aufgabe – allgemein gesprochen – der Reizbe-
wältigung. Wir sehen dann, wie sehr die Ein-
führung der Triebe das einfache physiologische
Reflexschema komplizirt. Die äußeren Reize
stellen nur die eine Aufgabe, sich ihnen
zu entziehen, dies geschieht dann durch Mus-
kelbewegungen, von denen endlich eine
das Ziel erreicht und dann als die zweck-
mäßigezurerblichen Disposition wird. Die im
Innern des Organismus entstehenden
Triebreize sind durch diesen Mechanismus
nicht zu erledigen. Sie stellen also weit höhere
Anforderungen an das Nervensystem,
veranlaßennötigenes zu verwickelten, in einander
greifenden Thätigkeiten, welche die
Außenwelt soweit verändern, daß
sie der inneren Reizquelle die Befriedigung
bietet, und nötigen es vor allem, auf seine
ideale Absicht der Reizfernhaltung
zu verzichten, da sie eine unvermeidlicheS.
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kontinuierliche Reizzufuhr unterhalten. Wir dürfen
also wol schließen, daß sie, die Triebe, und nicht
die äußeren Reize, die eigentlichen Motoren¿¿der Fortschritte sind, welche das so unendlich
leistungsfähige Nervensystem auf seine gegen-
wärtige Entwicklungshöhe gebracht haben. Natür-
lich steht nichts der Annahme im Wege, daß
die Triebe selbst, wenigstens zum Teil, Nieder-
schläge äußerer Reizwirkungen sind, welche
im Laufe der Phylogenese auf die lebende Substanz
verändertnd einwirkten.Wenn wir dann finden, daß die Thätigkeit auch
der höchstentwickelten Nervensysteme
dem Lustprinzip unterliegt, dh. durch Empfind-
ungen der Lust‑Unlustreihe automatisch
regulirt wird, so können wir die weitere
Voraussetzung schwerlich abweisen, daß diese
Empfindungen die Art, wie die Reizbewältigung
vor sich geht, wiedergeben. Sicherlich in dem
Sinne, daß die Unlustempfindung mit Steiger-
ung, die Lustempfindung mit Herabsetzung des
Reizes zu thun hat. Die weitgehende Unbe-
stimmtheit dieser Annahme wollen wir
aber sorgfältig festhalten, bis es uns etwa
gelingt, die Art der Beziehung zwischen Lust‑
Unlust und den Schwankungen der auf das
Nervensystem wirkenden Reizgrößen zu
erraten. Es sind gewiß sehr mannigfache und
nicht sehr einfache solcher Beziehungen möglich.Wenden wir uns nun von der biologischen
Seite her der Betrachtung des Seelenlebens
zu, so erscheintalsuns der „Trieb“ als ein Grenzbe-
griff zwischen Seelischem und Somatischem, als
psychischer Repräsentant der aus dem Körper-
innern stammenden, in die Seele gelang-
enden Reize, als ein Maß der Arbeitsanfor-
derung, die demNervensystemSeelischen infolge seines
Zusam̄enhanges mit dem Körperlichenzuge-teiltauferlegt ist.Wir können nun einige Termini diskutiren,
welche im Zusammenhang mit dem Begriffe Trieb
gebraucht werden, wie: Drang, Ziel, Objekt, Quelle
des Triebes.S.
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Unter dem Drang eines Triebes versteht man dessen
motorisches Moment, die Summe von Kraft oder
das Maß von Arbeitsanforderung, das er reprae-
sentirt. Der Charakter des Drängenden ist eine
allgemeine Eigenschaft der Triebe, ja das Wesen
derselben. Jeder Trieb ist ein Stück Aktivität; wenn
man lässigerweise von passiven Trieben spricht,
kann man nichts anderes meinen als Triebe
mit passivem Ziele.Das Ziel eines Triebes ist allemale die Befriedigung,
die nur durch Aufhebung des Reizzustandes an
der Triebquelle erreicht werden kann. Aber
wenn auch dies Endziel für jeden Trieb unver-
änderlich bleibt, so können doch verschiedene
Wege zum gleichen Endziel führen, so daß sich
mannigfache nähere oder intermediäre
Ziele für einen Trieb ergeben können,
die mit einander kombinirt oder gegen ein-
ander vertauscht werden. Die Erfahrung gestattet
uns auch, von „zielgehemmten“ Trieben zu sprechen,
bei Vorgängen, die ein Stück weit in der
Richtung der Triebbefriedigung zugelassen
werden, dann aber eine Hemmung oder Ab-
lenkung erfahren. Es ist anzunehmen, daß auch mit
solchen Vorgängen eine partielle Befriedig-
ung verbunden ist.Das Objekt des Triebes ist dasjenige, an welchem oder
durch welches der Trieb sein Ziel erreichen kann.
Es ist das variabelste am Triebe, nicht ursprünglich
mit ihm verknüpft, sondern ihm nur infolge seiner
Eignung zur Ermöglichung der Befriedigung zuge-
ordnet. Es ist nicht notwendig ein fremder Gegen-
stand, sondern ebensowol ein Teil des eigenen
Körpers. Es kann im Laufe der Lebensschicksale
des Triebes beliebig oft gewechselt werden;
die meisten Wandlungen des Triebes vollziehen
sich in der Art, daß sich der Trieb von einem
Obkejt auf ein anderes verschiebt. Es kann
der Fall vorkommen, daß dasselbe Objekt gleich-
zeitig mehreren Trieben zur Befriedigung
dient, nach Alf. Adlereinder Fall der Triebverschränk-
ung. Eine besonders innige Bindung des Triebes
an das Objekt wird als Fixirung desselben
hervorgehoben. Sie vollzieht sich oft in sehrS.
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frühen Perioden der Triebentwicklung und
macht der Beweglichkeit des Triebes ein Ende,
indem sie der Lösung intensiv widerstrebt.Unter der Quelle des Triebes versteht man jenen
organisomatischen Vorgang in einem Organ oder Körper-
teil, dessen Reiz im Seelenleben durch den
Trieb repraesentirt ist: Es ist unbekannt, ob
dieser Vorgang regelmäßig chemischer Natur
ist oder auch der Entbindung anderer, z.B.
mechanischer Kräfte entsprechen kann. Das Studium
der Triebquellen gehört der Psychologie nicht
mehr an; obwol die Herkunft aus der somatischen
Quelle das schlechtweg Entscheidende für den
Trieb ist, wird er uns im Seelenleben doch nicht
anders als durch seine Ziele bekannt. Die ge-
nauere Erkenntnis der Triebquellen ist
für die Zwecke der psychologischen Forschung
nicht durchwegs erforderlich. Manchmal ist der
Rückschluß aus den Zielen des Triebes auf
dessen Quellen gesichert.Soll man annehmen, daß die verschiedenen
aus dem Körperlichen stammenden, auf das
Seelische wirkenden Triebe auch durch verschiedene
Qualitäten ausgezeichnet sind und darum in
qualitativ verschiedener Art sich im Seelenleben
benehmen? Es scheint nicht gerechtfertigt; man
reicht vielmehr mit der einfacheren Annahme
aus, daß die Triebe alle qualitativ gleichartig
sind und ihre Wirkung nur den Erregungs-
größen, die sie führen, verdanken,sowie
vielleicht noch gewißen Funktionen dieser
Quantität. Was die psychischen Leistungen
der einzelnen Triebe von einander
unterscheidet, läßt sich auf die Verschiedenheit
der Triebquellen zurückführen. Es kann
allerdings erst in einem späteren Zusam̄en-
hange klar gelegt werden, was das Problem
der Triebqualität bedeutet.Welche Triebe darf man aufstellen und wie viele?
Dabei ist offenbar der Willkür ein weiter Spiel-
raum gelassen. Man kann nichts dagegen ein-
wenden, wenn jemand den Begriff eines Spiel-
triebs, Destruktionstriebs, Geselligkeitstriebs
in Anwendung bringt, wo der Gegenstand esS.
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fordert und die Beschränkung der psychologischen Analyse
es zuläßt. Man sollte aber die Frage nicht außer
Acht lassen, ob diese einerseits so sehr spezialisierten
Triebmotive nicht eine weitere Zerlegung
in der Richtung nach den Triebquellen gestatten,
so daß nur die weiter nicht zerlegbaren Urtriebe
eine Bedeutung beanspruchen können.Ich habe vorgeschlagen, von solchen Urtrieben zwei
Gruppen zu unterscheiden, die der Ich‑ oder Selbster-
haltungstriebe und die der Sexualtriebe. Dieser
Aufstellung kommt aber nicht die Bedeutung
einer notwendigen Voraussetzung zu, wie z. B.
der Annahme über die biologische Tendenz des
seelischen Apparats (s. o.); sie ist eine bloßeArbeitsHilfs-hypothesekonstruktion, die nicht länger festgehalten werden
soll, als sie sich nützlich erweist, und deren Ersetzung
durch eine andere an den Ergebnißen unserer
beschreibenden und ordnenden Arbeit wenig
ändern wird. Der Anlaß zu dieser Aufstellung
hat sich aus der Entwicklungsgeschichte der
Psychoanalyse ergeben, welche die Psychoneurosen
und zwar die als „Übertragungsneurosen“ zu
bezeichnende Gruppe derselben (Hysterie und
Zwangsneurose) zum ersten Objekt nahm und
an ihnen zur Einsicht gelangte, daß ein Konflikt
zwischen den Ansprüchen der Sexualität und
denen des Ichs an der Wurzelderjeder solchen
Affektion zu finden sei. Es ist immerhin möglich,
daß ein eindringendes Studium der anderen
neurotischen Affektionen (vor allem der
narzißtischen Psychoneurosen: der Schizophrenien)
zu einer Abänderung dieser Formel und
somit zu einer anderen Gruppirung der Ur-
triebe nötigen wird. Aber gegenwärtig
kennen wir diese neue Formel nicht und
haben auch noch kein Argument gefunden,
welches der Gegenüberstellung von Ich‑ und
Sexualtrieben ungünstig wäre.Es ist mir überhaupt zweifelhaft, ob es möglich
sein wird, auf Grund der Bearbeitung des
psychologischen Materials entscheidende Winke
zurBeurteilungScheidung und Klassifizirung desr Trieblebense zu gewinnen.S.
9
Es erscheint vielmehr notwendig, zum Zwecke dieser Bearbeit-
ung bestimmte Annahmen über das Triebleben an
das Material heranzubringen, und es wäre wünschens-
wert, daß man diese Annahmen einem anderen
Gebiet entnehmen könnte, um sie auf die Psycho-
logie zu übertragen. Was die Biologie hiefür leistet,
läuft der Sonderung von Ich‑ und Sexualtrieben
gewiß nicht entgegen. Die Biologie lehrt, daß die
Sexualität nicht gleichzustellen ist den anderen
Funktionen des Individuums, da ihre Tendenzen
über das Individuum hinausgehen und die Pro-
duktion neuer Individuen, also die Erhaltung
der Art, zum Inhalt haben. Sie zeigt uns ferner,
daß zwei Auffassungen des Verhältnißes zwischen
Ich und Sexualität wie gleichberechtigt neben
einander stehen, die eine, nach welcher das
Individuum die Hauptsache ist, und die Sexualität
als eine seiner Betätigungen, die Sexualbefriedig-
ung als eines seiner Bedürfniße wertet, und
eine andere, derzufolge das Individuum ein
zeitweiliger und vorgänglicher Anhang an das
quasi unsterbliche Keimplasma ist, welches ihm
von der Generation anvertraut wurde. Die An-
nahme, daß sich die Sexualfunktion durch einen besonderen
Chemismus von den anderen Körpervorgängen scheidet,
bildet soviel ich weiß, auch eine Voraussetzung der
Ehrlichschen biologischen Forschung.Da das Studium des Trieblebens vom Bewußtsein
her kaum übersteigende Schwierigkeiten bietet, bleibt
die psychoanalytische Erforschung der Seelenstörungen
die Hauptquelle unserer Kenntnis. Ihrem Entwick-
lungsgang entsprechend hat uns aber die Psychoanalyse
bisher nur über die Sexualtriebe einigermaßen
befriedigende Auskünfte bringen können,
weil sie gerade nur diese Triebgruppe an den
Psychoneurosen wie isolirt beobachten konnte.
Mit der Ausdehnung der Psychoanalyse auf die
anderen neurotischen Affektionen wird gewiß
auch unsere Kenntnis der Ichtriebe begründet
werden, obwol es vermeßen erscheint, auf diesem
weiteren Forschungsgebiet ähnlich günstige
Bedingungen für die Beobachtung zu erwarten.S.
10
Zu einer allgemeinen Charakteristik der Sexualtriebe
kann man folgendes aussagen: Sie sind zalreich, ent-
stammen vielfältigen organischen Quellen, betätigen
sich zunächst unabhängig von einander und werden
erst spät zu einer mehr oder minder vollkommenen
Synthese zusammengefaßt. Das Ziel, das jeder von
ihnen anstrebt, ist die Erreichung der Organlust; erst
nach vollzogener Synthese treten sie in den Dienst
der Fortpflanzungsfunktion, womit sie dann als
Sexualtriebe allgemein kenntlich werden. Bei ihrem
ersten Auftreten lehnen sie sich zuerst an die Er-
haltungstriebe an, von denen sie sich erst allmälich
ablösen, folgen auch bei der Objektfindung den
Wegen, die ihnen die Ichtriebe weisen. Ein Anteil
von ihnen bleibt den Ichtrieben zeitlebens gesellt
und stattet diese mit libidinösen Komponenten
aus, welche während der normalen Funktion
leicht übersehen und erst durch die Erkrankung
klargelegt werden. Sie sind dadurch ausgezeichnet,
daß sie in großem Ausmaße vikariirend
für einander eintretenkönnenund leicht
ihre Objekte wechseln können. Infolge der letzt-
genannten Eigenschaften sind sie zu Leistungen
befähigt, die weitab von ihren ursprünglichen
Zielhandlungen liegen. (Sublimirung)S.
11
Triebe und TriebschicksalevonSigm Freud(Fortsetzung)Die Untersuchung, welche Schicksale Triebe im Laufe der
Entwicklung und des Lebens erfahren können, werden
wir auf die uns besser bekannten Sexualtriebe
einschränken müßen. Die Beobachtung lehrt uns als
solche Triebschicksale folgende kennen:Die Verkehrung ins Gegenteil.
Die Wendung gegen die eigene Person.
Die Verdrängung.
Die Sublimirung.
Da ich die Sublimirung hier nicht zu behandeln
¿gedenke,
die Verdrängung aber ein besonderes Kapitel
beansprucht, erübrigt uns nur Beschreibung und
Diskussion der beiden ersten Punkte. Mit
Rücksicht auf Motive welche einer direkten
Fortsetzung der Triebe entgegenwirken, kann
man die Triebschicksale auch als Arten der
Abwehr gegen die Triebe darstellen.Die Verkehrung ins Gegenteil löst sich bei näherem
Zusehen in zwei verschiedene Vorgänge auf,
in die Wendung eines Triebes von der Aktivität
zur Passivität und in die inhaltliche Verkehrung.
Beide Vorgänge sind, weil wesensverschieden, auch
gesondert zu behandeln.Beispiele für den ersteren Vorgang ergeben die
Gegensatzpaare Sadismus‑Masochismus und
Schaulust‑Exhibition. Die Verkehrung betrifft nur
die Ziele des Triebes; für das aktive Ziel: quälen,
beschauen, wird das passive: gequält werden, beschaut
werden eingesetzt. Die inhaltliche Verkehrung
findet sich in dem einen Falle der Verwandl-
ung des Liebens in ein Hassen.Die Wendung gegen die eigene Person wird uns
durch die Erwägung nahe gelegt, daß der Masochi-
smus ja ein gegen das eigene Ich gewendeter Sadis-
mus ist, die Exhibition das Beschauen des eigenen
Körpers mit einschließt.
Die analytische Beobachtung läßt auch keinen Zweifel
daran bestehen, daß der Masochist das Wüten
gegen seine Person, der Exhibitionist das Ent-
blößen derselben mitgenießt.
Das Wesentliche an dem
Vorgang ist also der Wechsel des Objekts bei un-
geändertem Ziel.Es kann uns indes nicht entgehen, daß Wendung
gegen die eigene Person und Wendung von
der Aktivität zur Passivität in diesen
Beispielen zusammentreffen oder zusammen-
fallen. Zur Klarstellung der Beziehungen wird
eine gründlichere Untersuchung unerläßlich.S.
S.
12
Beim Gegensatzpaar Sadismus‑Masochismus kann
man den Vorgang folgendermaßen darstellen:a) Der Sadismus besteht in Gewalttätigkeit, Machtbethätig-
ung gegen eine andere Person als Objekt.b) Dieses Objekt wird aufgegeben und durch die eigene
Person ersetzt. Mit der Wendung gegen die eigene
Person ist auch die Verwandlung des aktiven
Triebzieles in ein passives vollzogen.c) Es wird neuerdings eine fremde Person als
Objekt gesucht, welche infolge der eingetretenen
Zielverwandlung die Rolle des Subjektsspielen
übernehmen muß.Fall c) ist der des gemeinhin so genannten Masochis-
mus. Die Befriedigung erfolgt auch bei ihm
auf dem Wege des ursprünglichen Sadismus,
indemsichsich das¿¿¿¿passive Ich phantastisch
in seine frühere Stellean dieversetzt, die
jetzt dem fremden Subjekt überlassen ist.
Ob es auch eine direktere masochistische Be-
friedigung giebt, ist durchaus zweifelhaft. Ein
ursprünglicher Masochismus, der nicht auf die
beschriebene Art aus dem Sadismus ent-
standen wäre, scheint nicht vorzukommen.Daß die Annahme der Stufe b) nicht überflüßig
ist, geht wol aus dem Verhalten des sadistischen¿Triebes bei der Zwangsneurose hervor. Hier
findet sich die Wendung gegen die eigene
Person ohne die Passivität gegen eine neue.
Die Verwandlung geht nur bis zur Stufe b).
Aus der Quälsucht wird Selbstquälerei,
Selbstbestrafung, nicht Masochismus. Das
aktive Verbum wandelt sich nicht in das Passivum
sondern in ein reflexives Medium.Die Auffassung des Sadismus wird auch durch den
Umstand beeinträchtigt, daß dieser Trieb neben
seinem allgemeinen Ziel (vielleicht besser: innerhalb)
desselben) eine ganz spezielle Zielhandlung an-
zustreben scheint. Neben der Demütigung, Über-
wältigung, die Zufügung von Schmerzen. Nun
scheint die Psychoanalyse zu zeigen, daß das
Schmerzzufügen unter den ursprünglichen
Zielhandlungen des Triebes keine Rolle spielt.S.
13
Das sadistische Kind zieht die Zufügung von Schmerzen n
icht in Betracht und beabsichtigt sie nicht. Wenn
sich aber einmal die Umwandlung in Masochis-
mus vollzogen hat, eignen sich die Schmerzen sehr
wol, ein passives masochistisches Ziel abzugeben,
denn wir haben allen Grund anzunehmen,
daß auch die Schmerz‑ wie andere Unlustem-
pfindungen auf die Sexualerregung übergreifen
und einen lustvollen Zustand erzeugen, um
deßen willen man sich auch die Unlust des Schmerzes
gefallen lassen kann. Ist das Empfinden von
Schmerzen einmal ein masochistisches Ziel geworden,
so kannessich rückgreifend auch das sadistische
Ziel, Schmerzen zuzufügen, ergeben, die man
während man sie anderen erzeugt, selbst masoch-
istisch in der Identifizirung mit dem leidenden
Objekt genießt. Natürlich genießt man in
beiden Fällen nicht den Schmerz selbst, sondern
die ihn begleitende Sexualerregung, und dies
dann als Sadist besonders bequem. Das
Schmerzgenießen wäre also ein ursprünglich
masochistisches Ziel, das aber nur beim ursprünglich
Sadistischen zum Triebziel werden kann.Der Vollständigkeit zuliebe füge ich an, daß das
Mitleid nicht als ein Ergebnis der Triebver-
wandlung beim Sadismus beschrieben werden
kann, sondern die Auffassung einer Reaktions-
bildung gegen den Trieb (über den Unterschied
s. später) erfordert.Etwas andere und einfachere Ergebniße liefert
die Untersuchung eines anderen Gegensatzpaares,
der Triebe, die das Schauen und sich Zeigen zum
Ziele haben (Voyeur und Exhibitionist in der Sprache
der Perversionen). Auch hier kann man die
nämlichen Stufen aufstellen wie im vorigen
Falle: a) Das Schauen als Aktivität gegen ein
fremdes Objekt gerichtet; b) das Aufgeben des
Objekts, die Wendung des Schautriebes gegen
einen Teil des eigenen Körpers, damit die Ver-
kehrung in Passivität und die Aufstellung des
neuen Zieles: beschaut zu werden; c) die Einsetzung
eines neuen Subjekts, dem man sich zeigt, um
von ihm beschaut zu werden. Es ist auch kaumS.
14
zweifelhaft, daß das aktive Ziel früher auftritt als
das passive, das Schauen dem Beschautwerden voran-
geht. Aber eine bedeutsame Abweichung vom Falle
des Sadismus liegt darin, daß beim Schautriebeine noch frühere Stufe als die mit a be-der
zeichnete zu erkennen ist. Der Schautrieb ist nämlich
zu Anfang seiner Bethätigung autoerotisch, er
hat wol ein Objekt, aber er findet es am
eigenen Körper. Erst späterhin wird er dazu
geleitet (auf dem Wege der Vergleichung), dies
Objekt mit einem analogen des fremden
Körpers zu vertauschen. (Stufe a). Diese Vorstufe
ist nun dadurch interessant, daß aus ihr die
beiden Situationen des resultirenden Gegen-
satzpaares hervorgehen, je nachdem der Wechsel
an der einen oder anderen Stelle vorgenom̄en
wird. Das Schema für den Schautrieb könnte
lauten:α) Selbst sein Sexualglied beschauen = Gliedα) Selbst sein Sexualglied beschauen = Sexualglied von eigener
Person beschaut werdenβ) Selbst fremdes Objekt beschauen
(= aktive Schaulust).| γ) Eigenes Objekt von fremder
Person beschaut werden.
(Zeigelust, Exhibition)Eine solche Vorstufe fehlt dem Sadismus, der sich
von vornherein auf ein fremdes Objekt richtet,
obwol es nicht gerade widersinnig wäre, sie
aus den Bemühungen des Kindes, das seiner
eigenen Glieder Herr werden will, zu konstruiren.Für beide hier betrachteten Triebbeispiele
gilt die Bemerkung, daß die Triebverwand-
lung durch Verkehrung der Aktivität in Passiv-
ität und Wendung gegen die eigene Person
eigentlich niemals am ganzen Betrag der Trieb-
regung vorgenom̄en wird. Die ältere, aktive
Triebrichtung bleibtin gewißem Ausmaßeein
neben der jüngeren passiven bestehen, auchS.
15
wenn der Prozeß der Triebumwandlung sehr aus-
giebig ausgefallen ist. Die einzig richtige Aussage
über den Schautrieb müßte lauten, daß alle
Entwicklungsstufen des Triebes, die autoerotische
Vorstufe wie die aktive und passive Endge-
staltung nebeneinander bestehen bleiben,
und diese Behauptung wird evident, wenn
man anstatt der Triebhandlungen den Mechanis-
mus der Befriedigung zur Grundlage seines
Urteils nim̄t. Vielleicht ist übrigens noch eine
andere Auffassungs‑ und Darstellungsweise
gerechtfertigt. Man kann sich jedes Triebleben
in einzelne zeitlich geschiedene und innerhalb
der (beliebigen) Zeiteinheit gleichartige Schübe
zerlegen, die sich etwa zueinander verhalten
wie sukzessive Lavaeruptionen. Dann kann
man sich etwa vorstellen, die erste und ur-
sprünglichste Trieberuption setze sich unge-
ändert fort und erfahre überhaupt keine
Entwicklung. Ein nächster Schub unterliege von
Anfang an einer Veränderung, etwa
der Wendung zur Passivität, und addire sich
nun mit diesem neuen Charakter zum
früheren hinzu usw. Überblickt man dann
die Triebregung von ihrem Anfang an bis
zu einem gewißen Haltepunkt, so muß die
beschriebene Sukzession der Schübe das Bild
einer bestim̄ten Entwicklung des Triebes ergeben.Die Thatsache, daß zu jeder späteren Zeit der
Entwicklung neben einer Triebregung ihr
(passiver) Gegensatz zu beobachten ist, verdient
die Hervorhebung durch denvortrefflichen, von
Bleuler eingeführten Namen: Ambivalenz.Die Triebentwicklung wäre unserem Verständnis
durch den Hinweis auf die Entwicklungsgeschichte
des Triebes und die Permanenz der Zwischen-
stufen nahe gerückt. Das Ausmaß der nach-
weisbaren Ambivalenz wechselt erfahrungsgemäß
in hohem Grade bei Individuen, Menschengruppen
oder Rassen. Eine ausgiebige Triebambivalenz
bei einem heute Lebenden kann als archaischesS.
16
Erbteil aufgefaßt werden, da wir Grund zur An-
nahme haben, der Anteil der unverwandelten
aktiven Regungen am Triebleben sei in Ur-
zeiten größer gewesen als durchschnittlich heute.Wir haben uns daran gewöhnt, die frühe Entwick-
lungsphase des Ichs, während welcher dessen Sexualtriebe
sich autoerotischzubefriedigen, Narzissmus zu
heißen, ohne zunächst die Beziehung zwischen Auto-
erotismus und Narzissmus in Diskussion zu ziehen.
Dann müßen wir von der Vorstufe des Schautriebs,
auf der die Schaulust den eigenen Körper zum
Objekt hat, sagen, sie gehöre dem Narzißmus an,
sie sei eine narzißtische Bildung. Aus ihr entwickelt
sich der aktive Schautrieb, indem er den Narziß-
mus verläßt, der passive Schautrieb halte aber
das narzißtische Objekt fest. Ebenso bedeute
die Umwandlung des Sadismus in Masochis-
mus eine Rückkehr zum narzißtischen Objekt,
während in beiden Fällen das narzißtische
Subjekt durch Identifizirung mit einem
anderen fremden Ich vertauscht wird. Mit
Rücksichtnahme auf die konstruirte narzißtische
Vorstufe des Sadismus nähern wir uns so
der allgemeineren Einsicht, daß die Triebschick-
sale der Wendung gegen das eigene Ich und der
Verkehrung von Aktivität in Passivität von
der narzißtischen Organisation des Ichs abhängig
sind und den Stempel dieser Phase an sich tragen.
Sie entsprechen vielleicht den Abwehrversuchen,
die auf höheren Stufen der Ichentwicklung
mit anderen Mitteln durchgeführt werden.Wir besinnen uns hier, daß wir bisher nur
die¿zwei Triebgegensatzpaare: Sadismus‑
Masochismus und Schaulust‑ExhibitZeigelust
in Erörterung gezogen haben. Es sind dies die
bestbekannten ambivalent auftretenden Sexual-
triebe. Die anderen Komponenten der späteren
Sexualfunktion sind der Analyse noch nicht genug
zugänglich geworden um sie in ähnlicher Weise
diskutiren zu können. Wir können von ihnen
allgemein aussagen, daß sie sich autonerotisch betätigen,
dh, ihr Objekt verschwindet gegen das Organ, das ihreS.
17
Quelle ist, und fällt in der Regel mit diesem zusam̄en.
Das Objekt des Schautriebes, obwol auch zuerst ein Teil
des eigenen Körpers, ist doch nicht das Auge selbst,
und beim Sadismus weist die Organquelle, wahr-
scheinlich die aktionsfähige Muskulatur, direkt
auf ein anderes Objekt, sei es auch am eigenen
Körper, hin. Bei den autoerotischen Trieben ist die
Rolle der Organquelle so ausschlaggebend, daß
nach einer ansprechenden Vermutung von P. Federn
und L. Jekels Form und Funktion des Organs über
die Aktivität und Passivität des Triebzieles ent-
scheiden.Die Verwandlung eines Triebes in sein (materielles)
Gegenteil wird nur in einem Falle beobachtet, bei
der Umsetzung von Liebe in Haß. Da diese beiden beson-
ders häufig gleichzeitig auf dasselbe Objekt gerichtet
vorkommen, ergiebt diese Koexistenz auch das be-
deutsamste Beispiel einer Gefühlsambivalenz.Der Fall von Liebe und Haß erwirkt ein besonderes
Interesse durch den Umstand, daß er der Ein-
reihung in unsere Darstellung der Triebe wider-
strebt. Man kann an der innigsten Beziehung
zwischen,diesen beiden Gefühlsgegensätzen und
dem Sexualleben nicht zweifeln, muß sich aber
natürlich dagegen sträuben, das Lieben etwa
als einen besonderen Partialtrieb der Sex-
ualität wie die anderen aufzufassen. Man
möchte eher das Lieben als den Ausdruck der
ganzen Sexualstrebung ansehen kommt aber
auch damit nicht zurecht und weiß nicht, wie
man ein materielles Gegenteil dieser
Strebung verstehen soll.Das Lieben ist nicht nur eines, sondern dreier
Gegensätze fähig. Außer dem Gegensatz: lieben‑
hassen giebt es den anderen: lieben‑geliebt
werden, und überdieß setzen sich lieben und
hassen zusammengenommen dem Zustande
der Indifferenz oder Gleichgiltigkeit ent-
gegen. Von diesen drei Gegensätzen entspricht
der zweite, der von lieben‑geliebtwerden
durchaus der Wendung von der Aktivität
zur Passivität und läßt auch die nämliche
Zurückführung auf eine Grundsituation
wie beim Schautrieb zu. Diese heißt: sich
selbst lieben, was für uns die Charakter-
istik des Narzißmus ist. Je nachdemS.
18
nun das Objekt oder das Subjekt gegen ein fremdes
vertauscht wird, ergiebtdie sichsich die aktive
Zielstrebung des Liebens oder die passive des
Geliebtwerdens, von denen die letztere dem
Narzißmus nahe verbleibt.Vielleicht kommt man dem Verständnis der
mehrfachen Gegenteile des Liebens näher, wenn
man sich besinnt, daß das seelische Leben
überhaupt von drei Polaritäten beherrscht
wird, den Gegensätzen von:Subjekt (Ich)‑Objekt (Außenwelt).
Lust und Unlust.
Aktiv und Passiv.
Der Gegensatz von Ich und Nicht‑Ich (Außen), (Subjekt‑
Objekt) wird dem Einzelwesen, wie wir bereits
erwähnt haben, frühzeitig aufgedrängt durch die
Erfahrung, daß es Außenreize durch seine Mus-
kelaktion zum Schwindenbringen kann,
gegen Triebreize aber wehrlos ist. Er bleibt vor
allem in der intellektuellen Bethätigung
souverain und schafft die Grundsituation für
die Forschung, die durch kein Bemühen abge-
ändert werden kann. Die Polarität von Lust und
Unlust haftet an einer Empfindungsreihe, deren
unübertroffene Bedeutung für die Entscheidung
unserer Aktionen (Wille) bereits betont
worden ist. Der Gegensatz von Aktiv und
Passiv ist nicht mit dem von Ich‑Subjekt und
Außen‑Objekt zu verwechseln. Das Ich verhält
sich passiv gegen die Außenwelt, insoweit
es Reize von¿¿¿¿ihr empfängt, aktiv, wenn
es auf dieselben reagirt. Zu ganz besonderer
Aktivität gegen die Außenwelt wird es
durch seine Triebe gezwungen, so daß man
unter Hervorhebung des Wesentlichen sagen
könnte:¿¿¿¿Das Ich‑Subjekt sei passiv gegen
die äußeren Reize, aktiv durch seine
eigenen Triebe. Der Gegensatz Aktiv‑Passiv
verschmilzt späterhin mit dem von Männlich‑
Weiblich, der ehe dies geschehen ist, keine
psychologische Bedeutung hat. Die Verlötung der
Aktivität mit der Männlichkeit, derS.
19
Passivität mit der Weiblichkeit tritt uns nämlich
als biologische Thatsache entgegen;die abersie ist
aber keineswegs so regelmäßig durchgreifend
und ausschließlich, wie wir anzunehmen geneigt sind.Die drei seelischen Polaritäten gehen die bedeut-
samsten Verknüpfungen miteinander ein.
Es giebt eine psychische Ursituation, in welcher zwei
derselben zusammentreffen. Das Ich findet sich
ursprünglich, zu allem Anfang des Seelenlebens,
triebbesetzt und zum Teil fähig, seine Triebe an sich selbst
zu befriedigen. Wir heißen diesen Zustand den
des Narzißmus, die Befriedigungsmöglichkeit
die autoerotische.x) Die Außenwelt ist derzeit
nicht mit Interesse (allgemein gesprochen) besetzt
und für die Befriedigung gleichgiltig. Es
fällt also um diese Zeit das Ich‑Subjekt mit dem
Lustvollen, die Außenwelt mit dem Gleichgiltigen
(eventuell als Reizquelle Unlustvollen) zusam̄en.
Definiren wir zunächst das Lieben als die Relation
des Ichs zu seinen Lustquellen, so erläutert die
Situation, in der es nur sich selbst liebt und
gegen die Welt gleichgültig ist die erste der
Gegensatzbeziehungen, in denen wir das
„Lieben“ gefunden haben.Das Ich bedarf der Außenwelt nicht, insofern
es autoerotisch ist, es bekommt aber Objektex) Ein Anteil der Sexualtriebe ist, wie wir wissen,
dieser autoerotischen Befriedigung fähig, eignet
sich also zum Träger der nachstehend geschilderten
Entwicklung unter der Herrschaft des Lustprin-
zips. Die Sexualtriebe, welche von vornherein
ein Objekt fordern, und die autoerotisch nie-
mals zu befriedigenden Bedürfniße der Ichtriebe
stören natürlich diesenEntwicklungZustand und bereiten
die Fortschritte vor. Ja, der narzißtische Urzustand
könnte nicht jene Entwicklung nehmen, wenn
nicht jedes Einzelwesen eine Periode von
Hilflosigkeit und Pflege durchmachte, während
dessen seine drängenden Bedürfniße durch
Dazuthun von Außen befriedigt und somit von
der Entwicklung abgehalten würden.S.
20
aus ihr infolge der Erlebniße der Icherhaltungstriebe
und kann doch nicht umhin, innere Triebreize als
unlustvoll für eine Zeit zu verspüren. Unter
der Herrschaft des Lustprinzips vollzieht sich nun
in ihm eine weitere Entwicklung. Es nimmt die
dargebotenen Objekte, insoferne sie Lustquellen
sind, in sein Ich auf, introjizirt sich dieselben
(nach dem Ausdrucke Ferenczis) und stößt anderer-
seits von sich aus, was ihm im eigenen Innern Unlustanlaß wird.
(Siehe später den Mechanismus der Projektion)Es wandelt sich so aus dem anfänglichen Real‑Ich,
welches Innen und Außen nach einem guten
objektiven Kennzeichen unterschieden hat, in
ein purifiziertes Lust‑Ich, welches den Lustcharakter
über jeden anderen setzt. Die Außenwelt
zerfällt ihm in einen Lustanteil, den es sich
einverleibt hat, und einen Rest, der ihm fremd
ist. Aus dem eigenen Ich hat es einen Bestand-
teil ausgesondert, den es in die Außenwelt
wirft und als feindlich empfindet. Nach dieser
Umordnung ist die Deckung der beiden PolaritätenIch‑Subjekt – mit Lust
Außenwelt – mit Unlust (von früher her Indifferenz)
wieder hergestellt.Mit dem Eintreten des Objekts in die Stufe des primären
Narzißmusbildeterreicht auch der zweite Gegen-
sinn des Liebens, das Hassen, seine Ausbildung.Das Objekt wird dem Ich, wie wir gehört haben, zuerst
von den Ichterhaltungstrieben aus der Außen-
welt gebracht, und es ist nicht abzuweisen, daß auch
der ursprüngliche Sinn des Haßens die Relation
gegen die fremde und reizzuführende Außen-
welt bedeutet. Die Indifferenz ordnet sich dem
Haß, der Abneigung, als Spezialfall ein, nachdemersie zuerst als dessen Vorläufer aufgetreten
ist.¿¿¿¿Das Äußere, das Objekt, das Gehaßte wären
zu allem Anfang identisch. Erweist sich späterhin
das Objekt als Lustquelle, so wird es geliebt,
aber auch dem Ich einverleibt, so daß für
das parifizierte Lust‑Ich das Objekt doch wieder-
um mit dem Fremden und Gehaßten
zusammenfällt.S.
21
Wir merken aber jetzt auch, wie das Gegensatzpaar
Liebe‑Indifferenz die Polarität Ich‑Außenwelt spiegelt,
so reproduzirt der zweite Gegensatz Liebe‑Haß die
mit der ersteren verknüpfte Polarität von Lust‑Unlust.
Nach der Ablösung der rein narzißtischen Stufe durch
die Objektstufe bedeuten Lust und Unlust Relationen
des Ichs zum Objekt. Wenn das Objekt die Quelle von
Lustempfindungen wird, so stellt sich eine motorische
Tendenz heraus, welche dasselbe dem Ich annähern,
ins Ich einverleiben will; wir sprechen dann
auch von der „Anziehung“, die das lustspendende
Objekt ausübt, und sagen, daß wir das Objekt
„lieben“. Umgekehrt, wenn das Objekt Quelle von
Unlustempfindungen ist, bestrebt sich eine Tendenz,
die Distanz zwischen ihm und dem Ich zu vergrößern,
den ursprünglichen Fluchtversuch vor der reiz-
ausschickenden Außenwelt an ihm zu wieder-
holen. Wir empfinden die „Abstoßung“ des Objekts
und hassen es; dieser Haß kann sich dann zur
Aggressionsneigung gegen das Objekt, zur
Absicht, es zu vernichten, steigern.Man könnte zur Not von einem Trieb aussagen,
daß er das Objekt „liebt“, nach dem er zu seiner
Befriedigung strebt. Daß ein Trieb ein Objekt
„haßt“, klingt uns aber befremdend, so daß
wir aufmerksam werden, die Bezeichnungen
Liebe und Haß seien nicht für die Relationen
der Triebef¿¿zu ihren Objekten verwendbar,
sondern für die Relation des Gesamt‑Ichs
zu den Objekten reservirt. Die Beobachtung
des gewißbedeutungssinnvollen Sprachgebrauches
zeigt uns aber eine weitere Einschränkung
in der Bedeutung von Liebe und Haß. Von den
Objekten, welche der Icherhaltung dienen, sagt
man nicht aus, daß man sie liebt, sondern
betont, daß man ihrer bedarf, und giebt etwa
einem Zusatz von andersartiger Relation
Ausdruck, indem man Worte gebraucht, die
ein sehr abgeschwächtes Lieben andeuten wie:
gerne haben, gerne sehen, angenehm finden.Das Wort „lieben“ rückt also immer mehr in
die Sphäre der reinen Lustbeziehung des
Ichs zum Objekt und fixirt sich schließlich
an die Sexualobjekte im engeren Sinne und
an solche Objekte, welche die BedürfnißeS.
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sublimirter Sexualtriebe befriedigen. Die Scheidung
der Ichtriebe von den Sexualtrieben, welche wir
unserer Psychologie aufgedrängt haben, erweist
sich so als konform mit dem Geist unserer Sprache.
Wenn wir nicht gewohnt sind zu sagen, der einzelne
Sexualtrieb liebe sein Objekt, aber die adaequateste
Verwendung des Wortes Lieben in der Be-
ziehung des Ichs zu seinem Sexualobjekt finden,
so lehrt uns diese Beobachtung, daß dessen Ver-
wendbarkeit in dieser Relation erst mit der Synthese
aller Partialtriebe der Sexualität unter dem
Primat der Genitalien und im Dienste der
Fortpflanzungsfunktion beginnt.Es ist bemerkenswert, daß im Gebrauche des Wortes
Hassen keine so innige Beziehung zur Sexual-
lust und Sexualfunktion zum Vorschein kommt,
sondern die Unlustrelation die einzig ent-
scheidende scheint. Das Ich haßt, verabscheut
verfolgt mit Zerstörungsabsichten alle Objekte,
eine ihm zur Quelle von Unlustempfindungen
werden, gleichgiltig ob sie ihm eine Versagung
sexueller Befriedigung oder der Befriedigung
von Erhaltungsbedürfnißen bedeuten. Ja, man
kann behaupten, daß die richtigen Vorbilder
für die Haßrelation nicht aus dem Sexual-
leben sondern aus dem Ringen des Ichs um
seine Erhaltung und Behauptung stammen.Liebe und Haß, die sich uns als volle
materielle Gegensätze vorstellen, stehen also doch
in keiner einfachen Beziehung zu einander.
Sie sind nicht aus der Spaltung eines Urgemeinsamen
hervorgegangen, sondern haben verschiedene Ur-
sprünge und haben ein jedes seine eigene Ent-
wicklung durchgemacht, bevor sie sich unter dem
Einfluß der Lust‑Unlustrelation zu Gegen-
sätzen formirt haben. Eswirderwächst uns hier die Aufgabe,
zusam̄enzugestellten, was wir von der Genese von Liebe und
Haß wissen.Die Liebe stammt von der Fähigkeit des Ichs, einen
Anteil seiner Triebregungen autoerotisch,
durch die Gewinnung von Organlust zu befriedigen.
Sie ist ursprünglich narzißtisch, übergeht dann auf die
Objekte, die dem erweiterten Ich einverleibt
worden sind, und drückt das motorische Streben
des Ichs nach diesen Objekten als LustquellenS.
23
Sie verknüpft sich innig mit der Betätigung
der späteren Sexualtriebe und fällt, wenn deren
Synthese vollzogen ist, mit dem Ganzen der Sexual-
strebung zusammen. Vorstufen des Liebens ergeben
sich als vorläufige Sexualziele, während die
Sexualzieletriebe ihre komplizirte Entwicklung durchlaufen.
Als erste derselben erkennen wir das sich Einver-
leiben oder Fressen, eine Art der Liebe, welche
mit der Aufhebung der Sonderexistenz des Objekts
vereinbar ist, also als ambivalent bezeichnet
werden kann. Aufeinerder höheren Stufe der pae-
genitalen sadistisch‑analen Organisation tritt
das Streben nach dem Objekt in der Form des
Bemächtigungsdranges auf, dem die Schädigung
oder Vernichtung des Objektes gleichgültig ist.
Diese Form und Vorstufe der Liebe ist in ihrem
Verhalten gegen das Objekt vom Haß kaum
zu unterscheiden. Erst mit der Herstellung der
Genitalorganisation ist die Liebe zum Gegensatz
vom Haß geworden.Der Haß ist als Relation zum Objekt älter als die
Liebe, er entspringt der uranfänglichen Ablehn-
ung deraureizspendenden Außenwelt
von Seiten des narzißtischen Ichs. Als Äußerung
der durch Objekte hervorgerufenen Unlustreaktion
bleibt er immer in inniger Beziehung zu
den Trieben der Icherhaltung, so daßLiebenIchtriebe undHaSexualtriebe leicht in einen Gegensatz geraten
können, der den von Hassen und Lieben wieder-
holt. Wenn die Ichtriebe die Sexualfunktion beherr-
schen wie auf der Stufe der sadistisch‑analen
Organisation, so leihen sie auch dem Triebesziel
die Charaktere des Hasses.Die Entstehungs‑ und Beziehungsgeschichte der Liebe macht
es uns verständlich, daß sie so häufig „ambivalent“,
dh in Begleitung von Haßregungen gegen das näm-
liche Objekt auftritt. Der der Liebe beigemengte
Haß rührt zum Teil von den nicht völlig überwundenen
Vorstufen des Liebens her, zum anderen Teil be-
gründet er sich durch Ablehnungsreaktionen der
Ichtriebe, die sich bei den häufigenrealenKonflikten
zwischen Ich‑ und Liebesinteressen auf reale und
aktuelle Motive berufen können. In beidenS.
24
Fällen geht also der beigemengte Haß auf die
Qu der Icherhaltungstriebe zurück. Wenn die
Liebesbeziehung zu einem bestim̄ten Objekt abge-
brochen wird, so tritt nicht selten Haß an deren
Stelle, woraus wir den Eindruck einer Ver-
wandlung der Liebe in Haß empfangen. Über
diese Deskription hinaus führt dann die Auffassung,
daß dabei der real motivierte Haß durch die Regression
des Liebens auf die sadistische Vorstufe
verstärkt wird, so daß das Hassen einen erotischen Charakter
erhält und die Kontinuität einer Liebesbeziehung
gewährleistet wird.Die dritte Gegensätzlichkeit des Liebens, die Ver-
wandlung des Liebens in ein Geliebtwerden
entspricht der Einwirkung der Polarität von
Aktivität und Passivität und unterliegt der-
selben Beuteilung wie die Fälle des Schautriebstrachtung
und des Sadismus. Wir dürfen zusammenfas-
send hervorheben, die Triebschicksale bestehen
im wesentlichen darin, daß die Triebregungen
den Einflüssen der drei großen das Seelenleben
beherrschenden Polaritäten unterzogen werden.Von diesen drei Polaritäten könnteUnter
man die der Aktivität‑Passivität als eine
biologische den beiden anderen (Ich‑Außen-
welt, Lust‑Unlust) als psychologische entgegen-
halten.Das Triebschicksal der Verdrängung wird den
Gegenstand einer anschließenden Untersuchung
bilden.
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Triebe und Triebschicksale
1915-003/1915.01
1915-003/1915.01