Unterhaltung eines französischen Publizisten mit Professor Freud 1923-091/1923.2

P., Recouly, Raymond, Freud, Sigmund (1923-091/1923.2): Unterhaltung eines französischen Publizisten mit Professor Freud

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  • S.

    [Unterhaltung eines französischen Publi-
    zisten mit Professor Freud.] Aus Paris schreibt
    unsere Korrespondenz: Der Pariser Publizist Raymond
    Recouly hat in Wien den Schöpfer der psychoanalytischen
    Theorie, Professor Freud, aufgesucht und berichtet nun darüber
    in einem sehr interessanten „Temps“-Artikel. Freud ist stolz auf
    seine Schule, auf seine Anhänger, die über den ganzen Erdball
    verstreut sind und wovon einige durch ihre betonte Unabhängig-
    keit in der Interpretation und Weiterbildung seiner Lehre ihm
    nicht geringe Sorge zu bereiten scheinen. Den Ehrenplatz an der
    Wand des Arbeitszimmers, den weniger Bücher als orientalische
    und griechische Vasen und Statuetten schmücken, nimmt das be-
    rühmte Gemälde von Charcot ein: „Die Lektion der Spital.“
    Freud erklärt dann, dass hier der Ursprung seiner Theorie liege:
    In den Demonstrationen und Vorlesungen, die Professor
    Charcot in der Pariser Salpêtrière abhielt. Im Anschlusse daran
    sowie an die Lehren Bernheims studierte der junge Arzt auf einer
    durchaus neuen Grundlage das Wesen einer Krankheit, die bis
    jetzt Mysterium geblieben war: die Hysterie. Er fand deren
    Grundlagen im ferner Ausgewählten und dann auch die Methode
    der Heilung: Eben die Psychoanalyse, die er, viel bescheidener als
    die meisten seiner Schüler, heute wieder definiert: „Ein Heilgang
    für gewisse nervöse Erkrankungen.“ Freud gibt weiterhin zu,
    daß er in keinem Kulturlande der Erde weniger Schüler und
    Anhänger besitzt als in Frankreich. Recouly bittet um eine Er-
    klärung dieses Phänomens, und der Gelehrte vermutet, daß unter
    anderen Ursachen vielleicht auch die Politik dabei eine Rolle
    spielen könnte. „Ganz ausgeschlossen!“ ruft der Publizist. „Denn
    es gibt kein Land auf der Erde, wo man mit ähnlicher Weit-
    herzigkeit fremde Ideen, gleichgültig, von woher sie kommen, auf-
    nimmt und verbreitet.“ Freud ist wohl zu höflich, um hieher
     

  • S.

    allgemeinen Feststellung zu widersprechen, sucht vielmehr gleich
    nach einer anderen Erklärung: „Da meine Arbeiten sich an die
    Theorien Ihres großen Charcot anschließen, zeigten wohl die
    Franzosen wenig Lust, sie in einer fremden Sprache, in einem
    fremden Lande weiter zu verfolgen. Sie begnügten sich mit der
    Entwicklung, die die Gedanken Charcots in ihrer Heimat
    nahmen.“ Die Reihe, höflich zu sein, ist nun an Recouly, und er
    teilt seine Schlußfolgerung nur im „Temps“ mit: Die franzö-
    sische Wissenschaft liebt vor allem klare, fest begründete Hypo-
    thesen, deren Nachprüfung nicht allzu schwer oder willkürlich ist.
    Nun aber sei es gerade das Eigenartige des Freudschen Genies,
    daß er mit außerordentlicher Leichtigkeit Theorien und Er-
    klärungen aufstelle, daß er dabei nicht selten mit äußerster Will-
    kür vorgehe und so im Interesse seiner Lehre den Tatsachen
    Gewalt antue. Die Spitzfindigkeit, die sich darin zu erschöpfen
    scheint, alle menschlichen Handlungen auf einen Generalnenner,
    nämlich die Sexualität, zu bringen, sei es im Grunde, die an der
    kühlen Haltung der französischen Wissenschaft dem Wiener
    Gelehrten gegenüber Schuld trage. Zufällig durfte ich an den-
    selben Tage, an dem Recouly diese Bemerkungen niederschrieb,
    in Besançon dem 27. Kongreß für Neurologie beiwohnen, der
    Teilnehmer nicht nur aus Frankreich, sondern auch aus der
    Schweiz, aus Spanien, Schweden, Dänemark und Belgien in
    großer Zahl versammelte. Die Psychoanalyse stand zur Debatte,
    und nach dem sehr sachlichen Bericht des Professors Hesnard-
    Bordeaux wurde die Frage aufgeworfen, warum eigentlich die
    französische Wissenschaft sich so „reservär“ verhalte. Antwort:
    „Der Hauptvorteil dieser Methode beruht in der beruhigenden
    Anklage, die der Kranke dem Arzt gegenüber von ihm bis
    dahin unbewußten und verdrängten „Sünden“ macht. In den
    katholischen Ländern gibt es die Beichte, während die Protestanten
    dieses Beruhigungsmittel nicht besitzen. . .“ P.