• S.

      28   SIGM. FREUD

    zu beschuldigen. Die rote Verschreibung hatte er wohl bei sich, als
    er sich zum Bußgebet in die Kapelle begab, und zog sie dann hervor,
    als er von seiner Begegnung mit dem Dämon zu den geistlichen Bei-
    ständen zurückkehrte. Es muß auch gar nicht derselbe Zettel gewesen
    sein, der später im Archiv aufbewahrt wurde, sondern nach unserer
    Konstruktion kann er die Jahreszahl 1668 (neun Jahre vor der Be-
    schwörung) getragen haben.

    V. DIE WEITERE NEUROSE

    Aber das wäre Betrug und nicht Neurose, der Maler ein Simulant
    und Fälscher, nicht ein kranker Besessener! Nun, die Übergänge zwi-
    schen Neurose und Simulation sind bekanntlich fließende. Ich finde
    auch keine Schwierigkeit, anzunehmen, daß der Maler diesen Zettel
    ebenso wie die späteren in einem besonderen, seinen Visionen gleich-
    zustellenden Zustand geschrieben und mit sich genommen hat. Wenn
    er die Phantasie vom Teufelspakt und von der Erlösung durchführen
    wollte, konnte er ja gar nichts anderes tun.

    Den Stempel der Wahrhaftigkeit trägt dagegen das Tagebuch aus
    Wien an sich, das er bei seinem zweiten Aufenthalt zu Mariazell den
    Geistlichen übergab. Es läßt uns freilich tief in die Motivierung oder
    sagen wir lieber Verwertung der Neurose blicken.

    Die Aufzeichnungen reichen von seiner erfolgreichen Beschwörung
    bis zum 13. Januar des nächsten Jahres 1678. Bis zum 11. Oktober
    erging es ihm in Wien, wo er bei einer verheirateten Schwester wohnte,
    recht gut, dann aber fingen neue Zustände mit Visionen und Krämpfen,
    Bewußtlosigkeit und schmerzhaften Sensationen an, die dann auch zu
    seiner Rückkehr nach Mariazell im Mai 1678 führten.

    Die neue Leidensgeschichte gliedert sich in drei Phasen. Zuerst
    meldet sich die Versuchung in Gestalt eines schön gekleideten Kava-
    liers, der ihm zureden will, den Zettel wegzuwerfen, der seine Auf-
    nahme in die Bruderschaft vom heiligen Rosenkranz bescheinigt. Da
    er widerstand, wiederholte sich dieselbe Erscheinung am nächsten Tag,

  • S.

    EINE TEUFELSNEUROSE IM 17. JAHRHUNDERT                    29

    —————————————————————————————————————

    aber diesmal in einem prächtig geschmückten Saal, in dem vornehme
    Herren mit schönen Damen tanzten. Derselbe Kavalier, der ihn schon
    einmal versucht, machte ihm einen auf Malerei bezüglichen Antrag¹
    und versprach ihm dafür ein schönes Stück Geld. Nachdem er diese
    Vision durch Gebete zum Verschwinden gebracht, wiederholte sie sich
    einige Tage später in noch eindringlicherer Form. Diesmal schickte
    der Kavalier eine der schönsten Frauen, die an der Festtafel saßen, zu
    ihm hin, um ihn zur Gesellschaft zu bringen, und er hatte Mühe, sich
    der Verführerin zu erwehren. Am erschreckendsten war aber die bald
    darauf folgende Vision eines noch prunkvolleren Saales, in dem ein
    von „Goedstuckh aufgerichteter Thron“ war. Kavaliere standen herum
    und erwarteten die Ankunft ihres Königs. Dieselbe Person, die sich
    schon so oft um ihn bekümmert hatte, ging auf ihn zu und forderte
    ihn auf, den Thron zu besteigen, sie „wollten ihn für ihren König
    halten und in Ewigkeit verehren“. Mit dieser Ausschweifung seiner
    Phantasie schließt die erste, recht durchsichtige Phase der Versuchungs-
    geschichte ab.

        Es mußte jetzt zu einer Gegenwirkung kommen. Die asketische
    Reaktion erhob ihr Haupt. Am 20. Oktober erschien ihm ein großer
    Glanz, eine Stimme daraus gab sich als Christus zu erkennen und
    forderte von ihm, daß er dieser bösen Welt entsagen und 6 Jahre lang
    in einer Wüste Gott dienen solle. Der Maler litt unter diesen heiligen
    Erscheinungen offenbar mehr als unter den früheren dämonischen.
    Aus diesem Anfall erwachte er erst nach 2½ Stunden. Im nächsten
    war die von Glanz umgebene heilige Person weit unfreundlicher, drohte
    ihm, weil er den göttlichen Vorschlag nicht angenommen hatte, und
    führte ihn in die Hölle, damit er durch das Los der Verdammten
    geschreckt werde. Offenbar blieb aber die Wirkung aus, denn die Er-
    scheinungen der Person im Glanze, die Christus sein sollte, wieder-
    holten sich noch mehrmals, jedesmal mit stundenlanger Geistesab-
    wesenheit und Verzücktheit für den Maler. In der großartigsten

    —————————————————

        1) Eine mir unverständliche Stelle.

  • S.

    30 SIGM. FREUD

    dieser Verzücktheiten führte ihn die Person im Glanze zuerst in eine
    Stadt, in deren Straßen die Menschen alle Werke der Finsternis übten,
    und dann zum Gegensatz auf eine schöne Au, in der Einsiedler ihr gott-
    gefälliges Leben führten und greifbare Beweise von Gottes Gnade und
    Fürsorge erhielten. Dann erschien an Stelle Christi die heilige Mutter
    selbst, die ihn unter Berufung auf ihre früher geleistete Hilfe mahnte,
    dem Befehl ihres liebsten Sohnes nachzukommen. „Da er sich hiezu
    nicht recht resolviret“, kam Christus am nächsten Tage wieder und
    setzte ihm mit Drohungen und Versprechungen tüchtig zu. Da gab
    er endlich nach, beschloß aus diesem Leben auszutreten und zu tun,
    was von ihm verlangt wurde. Mit dieser Entschließung endet die
    zweite Phase. Der Maler konstatiert, daß er von dieser Zeit an keine
    Erscheinung oder Anfechtung mehr gehabt hat.

    Indes muß dieser Entschluß nicht sehr gefestigt oder seine Aus-
    führung allzulang aufgeschoben worden sein, denn als er am 26. De-
    zember in St. Stephan seine Andacht verrichtete, konnte er sich beim
    Anblick einer wackeren Jungfrau, die mit einem wohlaufgeputzten
    Herrn ging, der Idee nicht erwehren, er könnte selbst an Stelle dieses
    Herrn sein. Das forderte Strafe, noch am selben Abend traf es ihn wie
    ein Donnerschlag, er sah sich in hellen Flammen und fiel in Ohn-
    macht. Man bemühte sich, ihn zu erwecken, aber er wälzte sich in
    der Stube, bis Blut aus Mund und Nase kam, verspürte, daß er sich
    in Hitze und Gestank befand, und hörte eine Stimme sagen, daß ihm
    dieser Zustand als Strafe für seine unnützen und eiteln Gedanken ge-
    schickt worden sei. Später wurde er dann von bösen Geistern mit
    Stricken gegeißelt und ihm versprochen, daß er alle Tage so gepeinigt
    werden solle, bis er sich entschlossen habe, in den Einsiedlerorden
    einzutreten. Diese Erlebnisse setzten sich, soweit die Aufzeichnungen
    reichen (13. Januar) fort.

    Wir sehen, wie bei unserem armen Maler die Versuchungsphanta-
    sien von asketischen und endlich von Strafphantasien abgelöst werden,
    das Ende der Leidensgeschichte kennen wir bereits. Er begibt sich im
    Mai nach Mariazell, bringt dort die Geschichte von einer früheren,

  • S.

    EINE TEUFELSNEUROSE IM 17. JAHRHUNDERT 31

    mit schwarzer Tinte geschriebenen Verschreibung vor, der er es
    offenbar zuschreibt, daß er noch vom Teufel geplagt werden kann,
    erhält auch diese zurück und ist geheilt. Während dieses zweiten
    Aufenthaltes malt er die Bilder, die im Trophaeum kopiert sind, dann
    aber tut er etwas, was mit der Forderung der asketischen Phase seines
    Tagebuches zusammentrifft. Er geht zwar nicht in die Wüste, um
    Einsiedler zu werden, aber er tritt in den Orden der Barmherzigen
    Brüder ein: religiosus factus est.

    Bei der Lektüre des Tagebuches gewinnen wir Verständnis für ein
    neues Stück des Zusammenhangs. Wir erinnern uns, daß der Maler
    sich dem Teufel verschrieben, weil er nach dem Tode des Vaters, ver-
    stimmt und arbeitsunfähig, Sorge hatte, seine Existenz zu erhalten.
    Diese Momente, Depression, Arbeitshemmung und Trauer um den
    Vater sind irgendwie, auf einfache oder kompliziertere Art mitein-
    ander verknüpft. Vielleicht waren die Erscheinungen des Teufels dar-
    um so überreichlich mit Brüsten ausgestattet, weil der Böse sein Nähr-
    vater werden sollte. Die Hoffnung erfüllte sich nicht, es ging ihm auch
    weiterhin schlecht, er konnte nicht ordentlich arbeiten oder er hatte
    kein Glück und fand nicht genug Arbeit. Der Geleitbrief des Pfarrers
    spricht von ihm als „hunc miserum omni auxilio destitutum“. Er war
    also nicht nur in moralischen Nöten, er litt auch materielle Not. In
    die Wiedergabe seiner späteren Visionen finden sich Bemerkungen
    eingestreut, die wie die Inhalte der erschauten Szenen zeigen, daß sich
    auch nach der erfolgreichen ersten Beschwörung daran nichts geändert
    hatte. Wir lernen einen Menschen kennen, der es zu nichts bringt, dem
    man auch darum kein Vertrauen schenkt. In der ersten Vision fragt ihn
    der Kavalier, was er eigentlich anfangen wolle, da sich niemand seiner
    annehme („dieweillen ich von jedermann izt verlassen, waß ich an-
    fangen würde“). Die erste Reihe der Visionen in Wien entspricht
    durchaus den Wunschphantasien des Armen, nach Genuß Hungern-
    den, Verkommenen: Herrliche Säle, Wohlleben, silbernes Tafelgeschirr
    und schöne Frauen; hier wird nachgeholt, was wir im Teufelsver-
    hältnis vermißt haben. Damals bestand eine Melancholie, die ihn ge-

  • S.

    32                                        SIGM. FREUD

    —————————————————————————————————————

    nußunfähig machte, auf die lockendsten Anerbieten verzichten hieß.
    Seit der Beschwörung scheint die Melancholie überwunden, alle Ge-
    lüste des Weltkindes sind wieder rege.

        In einer der asketischen Visionen beklagt er sich gegen die ihn
    führende Person (Christus), daß ihm niemand glauben wolle, so daß
    er dessentwegen, was ihm anbefohlen, nicht vollziehen könne. Die
    Antwort, die er darauf erhält, bleibt uns leider dunkel („so fer man
    mir nit glauben, waß aber geschehen, weiß ich wol, ist mir aber
    selbes auszusprechen vnmöglich“). Besonders aufklärend ist aber, was
    ihn sein göttlicher Führer bei den Einsiedlern erleben läßt. Er kommt
    in eine Höhle, in der ein alter Mann schon seit 60 Jahren sitzt, und
    erfährt auf seine Frage, daß dieser Alte täglich von den Engeln Gottes
    gespeist wird. Und dann sieht er selbst, wie ein Engel dem Alten zu
    essen bringt: „Drei Schüßerl mit Speiß, ein Brot und ein Knödl und
    Getränk“. Nachdem der Einsiedler gespeist, nimmt der Engel alles zu-
    sammen und trägt es ab. Wir verstehen, welche Versuchung die from-
    men Visionen zu bieten haben, sie wollen ihn bewegen, eine Form
    der Existenz zu wählen, in der ihm die Nahrungssorgen abgenommen
    sind. Beachtenswert sind auch die Reden Christi in der letzten Vision.
    Nach der Drohung, wenn er sich nicht füge, werde etwas geschehen,
    daß er und die Leute [daran] glauben müßten, mahnt er direkt: „Ich
    solle die Leith nit achten, obwollen ich von ihnen verfolgt wurdte, oder
    von ihnen keine hilfflaistung empfienge, Gott würde mich nit verlassen.“

        Ch. Haitzmann war soweit Künstler und Weltkind, daß es ihm
    nicht leicht fiel, dieser sündigen Welt zu entsagen. Aber endlich tat
    er es doch mit Rücksicht auf seine hilflose Lage. Er trat in einen
    geistlichen Orden ein; damit war sein innerer Kampf wie seine mate-
    rielle Not zu Ende. In seiner Neurose spiegelt sich dieser Ausgang
    darin, daß die Rückstellung einer angeblich ersten Verschreibung
    seine Anfälle und Visionen beseitigt. Eigentlich hatten beide Abschnitte
    seiner dämonologischen Erkrankung denselben Sinn gehabt. Er wollte
    immer nur sein Leben sichern, das erste Mal mit Hilfe des Teufels
    auf Kosten seiner Seligkeit, und als dieser versagt hatte und aufgegeben

  • S.

     

    EINE TEUFELSNEUROSE IM 17. JAHRHUNDERT33

     

    werden mußte, mit Hilfe des geistlichen Standes auf Kosten seiner
    Freiheit und der meisten Genußmöglichkeiten des Lebens. Vielleicht
    war Chr. Haitzmann nur selbst ein armer Teufel, der eben kein Glück
    hatte, vielleicht war er zu ungeschickt oder zu unbegabt, um sich
    selbst zu erhalten, und zählte zu jenen Typen, die als „ewige Säug-
    linge“ bekannt sind, die sich von der beglückenden Situation an der
    Mutterbrust nicht losreißen können und durchs ganze Leben den An-
    spruch festhalten, von jemand anderem ernährt zu werden. Und so
    legte er in dieser Krankengeschichte den Weg vom Vater über den
    Teufel als Vaterersatz zu den frommen Patres zurück.

     

    Seine Neurose erscheint oberflächlicher Betrachtung als ein Gaukel-
    spiel, welches ein Stück des ernsthaften, aber banalen Lebenskampfes
    überdeckt. Dies Verhältnis ist gewiß nicht immer so, aber es kommt
    auch nicht gar so selten vor. Die Analytiker erleben es oft, wie un-
    vorteilhaft es ist, einen Kaufmann zu behandeln, der „sonst gesund,
    seit einiger Zeit die Erscheinungen einer Neurose zeigt“. Die geschäft-
    liche Katastrophe, von der sich der Kaufmann bedroht fühlt, wirft als
    Nebenwirkung diese Neurose auf, von der er auch den Vorteil hat,
    daß er hinter ihren Symptomen seine realen Lebenssorgen verheim-
    lichen kann. Sonst aber ist sie überaus unzweckmäßig, da sie Kräfte
    in Anspruch nimmt, die vorteilhafter zur besonnenen Erledigung der
    gefährlichen Lage Verwendung fänden.

     

    In weit zahlreicheren Fällen ist die Neurose selbständiger und un-
    abhängiger von den Interessen der Lebenserhaltung und Behauptung.
    Im Konflikt, der die Neurose schafft, stehen entweder nur libidinöse
    Interessen auf dem Spiel oder libidinöse in inniger Verknüpfung mit
    solchen der Lebensbehauptung. Der Dynamismus der Neurose ist in
    allen drei Fällen der gleiche. Eine nicht real zu befriedigende Libido-
    stauung schafft sich mit Hilfe der Regression zu alten Fixierungen
    Abfluß durch das verdrängte Unbewußte. Soweit das Ich des Kranken
    aus diesem Vorgang einen Krankheitsgewinn ziehen kann, läßt es die
    Neurose gewähren, deren ökonomische Schädlichkeit doch keinem
    Zweifel unterliegt.

     

    ³ Imago IX/1

  • S.

    34                                        SIGM. FREUD

    —————————————————————————————————————

    und das Schicksal der unsterblichen Seele war ihm dabei in beiden
    Fällen Nebensache.

        Die Krankengeschichte des Malers Christoph Haitzmann ist also
    wirklich eine gute neurotische Fallbeschreibung, und sie ist es durch
    den glücklichen Umstand geworden, daß das für die Analyse
    Wichtigste in den Akten des Wunderortes Mariazell niedergelegt
    wurde. Wir finden darin die motivierende Melancholie, die Veran-
    lassung durch den Tod des Vaters, die Bedingungen des Pakts (9 Jahre
    Sohnschaft und Versorgung), den Rückfall in Wien, die Fortsetzung
    der Erkrankung durch die Versuchungsvisionen und die asketische
    Reaktion und endlich den Ausgang in den Klosterschutz, womit
    die Bedingung der Lebensfürsorge endgültig erfüllt wurde. Die
    Psychoanalyse kann nichts anderes tun, als den materiellen Gehalt
    der Geschichte durch die Aufdeckung seiner verborgenen Bedeutung
    und durch die Herstellung seiner unbewußten Zusammenhänge er-
    gänzen. Sie kann die Züge der Vaterbeziehung (die Ambivalenz,
    den Teufel als Vaterersatz, die feminine Einstellung und die Schwan-
    gerschaftsphantasie) einfügen, welche aus dem Studium der Neuro-
    sen allgemein bekannt sind, und die im Falle des Malers durch die
    Besonderheiten des Teufelspakts und der Teufelsdarstellung (Brüste)
    indiziert werden. Es bleibt bemerkenswert, daß ein Mensch des
    siebzehnten Jahrhunderts eine Neurose für sich und seine Zeitge-
    nossen in derselben Weise begründen und darstellen konnte, wie es
    um die Wende des zwanzigsten Jahrhunderts ein psychotischer Para-
    noiker, der Senatspräsident Schreber, getan hat. Aber es ist ja be-
    kannt, daß das Unbewußte der Menschen zu allen Zeiten dasselbe
    ist.