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zu beschuldigen. Die rote Verschreibung hatte er wohl bei sich, als
er sich zum Bußgebet in die Kapelle begab, und zog sie dann hervor,
als er von seiner Begegnung mit dem Dämon zu den geistlichen Bei-
ständen zurückkehrte. Es muß auch gar nicht derselbe Zettel gewesen
sein, der später im Archiv aufbewahrt wurde, sondern nach unserer
Konstruktion kann er die Jahreszahl 1668 (neun Jahre vor der Be-
schwörung) getragen haben.V. DIE WEITERE NEUROSE
Aber das wäre Betrug und nicht Neurose, der Maler ein Simulant
und Fälscher, nicht ein kranker Besessener! Nun, die Übergänge zwi-
schen Neurose und Simulation sind bekanntlich fließende. Ich finde
auch keine Schwierigkeit, anzunehmen, daß der Maler diesen Zettel
ebenso wie die späteren in einem besonderen, seinen Visionen gleich-
zustellenden Zustand geschrieben und mit sich genommen hat. Wenn
er die Phantasie vom Teufelspakt und von der Erlösung durchführen
wollte, konnte er ja gar nichts anderes tun.Den Stempel der Wahrhaftigkeit trägt dagegen das Tagebuch aus
Wien an sich, das er bei seinem zweiten Aufenthalt zu Mariazell den
Geistlichen übergab. Es läßt uns freilich tief in die Motivierung oder
sagen wir lieber Verwertung der Neurose blicken.Die Aufzeichnungen reichen von seiner erfolgreichen Beschwörung
bis zum 13. Januar des nächsten Jahres 1678. Bis zum 11. Oktober
erging es ihm in Wien, wo er bei einer verheirateten Schwester wohnte,
recht gut, dann aber fingen neue Zustände mit Visionen und Krämpfen,
Bewußtlosigkeit und schmerzhaften Sensationen an, die dann auch zu
seiner Rückkehr nach Mariazell im Mai 1678 führten.Die neue Leidensgeschichte gliedert sich in drei Phasen. Zuerst
meldet sich die Versuchung in Gestalt eines schön gekleideten Kava-
liers, der ihm zureden will, den Zettel wegzuwerfen, der seine Auf-
nahme in die Bruderschaft vom heiligen Rosenkranz bescheinigt. Da
er widerstand, wiederholte sich dieselbe Erscheinung am nächsten Tag,S.
EINE TEUFELSNEUROSE IM 17. JAHRHUNDERT 29
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aber diesmal in einem prächtig geschmückten Saal, in dem vornehme
Herren mit schönen Damen tanzten. Derselbe Kavalier, der ihn schon
einmal versucht, machte ihm einen auf Malerei bezüglichen Antrag¹
und versprach ihm dafür ein schönes Stück Geld. Nachdem er diese
Vision durch Gebete zum Verschwinden gebracht, wiederholte sie sich
einige Tage später in noch eindringlicherer Form. Diesmal schickte
der Kavalier eine der schönsten Frauen, die an der Festtafel saßen, zu
ihm hin, um ihn zur Gesellschaft zu bringen, und er hatte Mühe, sich
der Verführerin zu erwehren. Am erschreckendsten war aber die bald
darauf folgende Vision eines noch prunkvolleren Saales, in dem ein
von „Goedstuckh aufgerichteter Thron“ war. Kavaliere standen herum
und erwarteten die Ankunft ihres Königs. Dieselbe Person, die sich
schon so oft um ihn bekümmert hatte, ging auf ihn zu und forderte
ihn auf, den Thron zu besteigen, sie „wollten ihn für ihren König
halten und in Ewigkeit verehren“. Mit dieser Ausschweifung seiner
Phantasie schließt die erste, recht durchsichtige Phase der Versuchungs-
geschichte ab.Es mußte jetzt zu einer Gegenwirkung kommen. Die asketische
Reaktion erhob ihr Haupt. Am 20. Oktober erschien ihm ein großer
Glanz, eine Stimme daraus gab sich als Christus zu erkennen und
forderte von ihm, daß er dieser bösen Welt entsagen und 6 Jahre lang
in einer Wüste Gott dienen solle. Der Maler litt unter diesen heiligen
Erscheinungen offenbar mehr als unter den früheren dämonischen.
Aus diesem Anfall erwachte er erst nach 2½ Stunden. Im nächsten
war die von Glanz umgebene heilige Person weit unfreundlicher, drohte
ihm, weil er den göttlichen Vorschlag nicht angenommen hatte, und
führte ihn in die Hölle, damit er durch das Los der Verdammten
geschreckt werde. Offenbar blieb aber die Wirkung aus, denn die Er-
scheinungen der Person im Glanze, die Christus sein sollte, wieder-
holten sich noch mehrmals, jedesmal mit stundenlanger Geistesab-
wesenheit und Verzücktheit für den Maler. In der großartigsten—————————————————
1) Eine mir unverständliche Stelle.
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dieser Verzücktheiten führte ihn die Person im Glanze zuerst in eine
Stadt, in deren Straßen die Menschen alle Werke der Finsternis übten,
und dann zum Gegensatz auf eine schöne Au, in der Einsiedler ihr gott-
gefälliges Leben führten und greifbare Beweise von Gottes Gnade und
Fürsorge erhielten. Dann erschien an Stelle Christi die heilige Mutter
selbst, die ihn unter Berufung auf ihre früher geleistete Hilfe mahnte,
dem Befehl ihres liebsten Sohnes nachzukommen. „Da er sich hiezu
nicht recht resolviret“, kam Christus am nächsten Tage wieder und
setzte ihm mit Drohungen und Versprechungen tüchtig zu. Da gab
er endlich nach, beschloß aus diesem Leben auszutreten und zu tun,
was von ihm verlangt wurde. Mit dieser Entschließung endet die
zweite Phase. Der Maler konstatiert, daß er von dieser Zeit an keine
Erscheinung oder Anfechtung mehr gehabt hat.Indes muß dieser Entschluß nicht sehr gefestigt oder seine Aus-
führung allzulang aufgeschoben worden sein, denn als er am 26. De-
zember in St. Stephan seine Andacht verrichtete, konnte er sich beim
Anblick einer wackeren Jungfrau, die mit einem wohlaufgeputzten
Herrn ging, der Idee nicht erwehren, er könnte selbst an Stelle dieses
Herrn sein. Das forderte Strafe, noch am selben Abend traf es ihn wie
ein Donnerschlag, er sah sich in hellen Flammen und fiel in Ohn-
macht. Man bemühte sich, ihn zu erwecken, aber er wälzte sich in
der Stube, bis Blut aus Mund und Nase kam, verspürte, daß er sich
in Hitze und Gestank befand, und hörte eine Stimme sagen, daß ihm
dieser Zustand als Strafe für seine unnützen und eiteln Gedanken ge-
schickt worden sei. Später wurde er dann von bösen Geistern mit
Stricken gegeißelt und ihm versprochen, daß er alle Tage so gepeinigt
werden solle, bis er sich entschlossen habe, in den Einsiedlerorden
einzutreten. Diese Erlebnisse setzten sich, soweit die Aufzeichnungen
reichen (13. Januar) fort.Wir sehen, wie bei unserem armen Maler die Versuchungsphanta-
sien von asketischen und endlich von Strafphantasien abgelöst werden,
das Ende der Leidensgeschichte kennen wir bereits. Er begibt sich im
Mai nach Mariazell, bringt dort die Geschichte von einer früheren,S.
EINE TEUFELSNEUROSE IM 17. JAHRHUNDERT 31
mit schwarzer Tinte geschriebenen Verschreibung vor, der er es
offenbar zuschreibt, daß er noch vom Teufel geplagt werden kann,
erhält auch diese zurück und ist geheilt. Während dieses zweiten
Aufenthaltes malt er die Bilder, die im Trophaeum kopiert sind, dann
aber tut er etwas, was mit der Forderung der asketischen Phase seines
Tagebuches zusammentrifft. Er geht zwar nicht in die Wüste, um
Einsiedler zu werden, aber er tritt in den Orden der Barmherzigen
Brüder ein: religiosus factus est.Bei der Lektüre des Tagebuches gewinnen wir Verständnis für ein
neues Stück des Zusammenhangs. Wir erinnern uns, daß der Maler
sich dem Teufel verschrieben, weil er nach dem Tode des Vaters, ver-
stimmt und arbeitsunfähig, Sorge hatte, seine Existenz zu erhalten.
Diese Momente, Depression, Arbeitshemmung und Trauer um den
Vater sind irgendwie, auf einfache oder kompliziertere Art mitein-
ander verknüpft. Vielleicht waren die Erscheinungen des Teufels dar-
um so überreichlich mit Brüsten ausgestattet, weil der Böse sein Nähr-
vater werden sollte. Die Hoffnung erfüllte sich nicht, es ging ihm auch
weiterhin schlecht, er konnte nicht ordentlich arbeiten oder er hatte
kein Glück und fand nicht genug Arbeit. Der Geleitbrief des Pfarrers
spricht von ihm als „hunc miserum omni auxilio destitutum“. Er war
also nicht nur in moralischen Nöten, er litt auch materielle Not. In
die Wiedergabe seiner späteren Visionen finden sich Bemerkungen
eingestreut, die wie die Inhalte der erschauten Szenen zeigen, daß sich
auch nach der erfolgreichen ersten Beschwörung daran nichts geändert
hatte. Wir lernen einen Menschen kennen, der es zu nichts bringt, dem
man auch darum kein Vertrauen schenkt. In der ersten Vision fragt ihn
der Kavalier, was er eigentlich anfangen wolle, da sich niemand seiner
annehme („dieweillen ich von jedermann izt verlassen, waß ich an-
fangen würde“). Die erste Reihe der Visionen in Wien entspricht
durchaus den Wunschphantasien des Armen, nach Genuß Hungern-
den, Verkommenen: Herrliche Säle, Wohlleben, silbernes Tafelgeschirr
und schöne Frauen; hier wird nachgeholt, was wir im Teufelsver-
hältnis vermißt haben. Damals bestand eine Melancholie, die ihn ge-S.
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nußunfähig machte, auf die lockendsten Anerbieten verzichten hieß.
Seit der Beschwörung scheint die Melancholie überwunden, alle Ge-
lüste des Weltkindes sind wieder rege.In einer der asketischen Visionen beklagt er sich gegen die ihn
führende Person (Christus), daß ihm niemand glauben wolle, so daß
er dessentwegen, was ihm anbefohlen, nicht vollziehen könne. Die
Antwort, die er darauf erhält, bleibt uns leider dunkel („so fer man
mir nit glauben, waß aber geschehen, weiß ich wol, ist mir aber
selbes auszusprechen vnmöglich“). Besonders aufklärend ist aber, was
ihn sein göttlicher Führer bei den Einsiedlern erleben läßt. Er kommt
in eine Höhle, in der ein alter Mann schon seit 60 Jahren sitzt, und
erfährt auf seine Frage, daß dieser Alte täglich von den Engeln Gottes
gespeist wird. Und dann sieht er selbst, wie ein Engel dem Alten zu
essen bringt: „Drei Schüßerl mit Speiß, ein Brot und ein Knödl und
Getränk“. Nachdem der Einsiedler gespeist, nimmt der Engel alles zu-
sammen und trägt es ab. Wir verstehen, welche Versuchung die from-
men Visionen zu bieten haben, sie wollen ihn bewegen, eine Form
der Existenz zu wählen, in der ihm die Nahrungssorgen abgenommen
sind. Beachtenswert sind auch die Reden Christi in der letzten Vision.
Nach der Drohung, wenn er sich nicht füge, werde etwas geschehen,
daß er und die Leute [daran] glauben müßten, mahnt er direkt: „Ich
solle die Leith nit achten, obwollen ich von ihnen verfolgt wurdte, oder
von ihnen keine hilfflaistung empfienge, Gott würde mich nit verlassen.“Ch. Haitzmann war soweit Künstler und Weltkind, daß es ihm
nicht leicht fiel, dieser sündigen Welt zu entsagen. Aber endlich tat
er es doch mit Rücksicht auf seine hilflose Lage. Er trat in einen
geistlichen Orden ein; damit war sein innerer Kampf wie seine mate-
rielle Not zu Ende. In seiner Neurose spiegelt sich dieser Ausgang
darin, daß die Rückstellung einer angeblich ersten Verschreibung
seine Anfälle und Visionen beseitigt. Eigentlich hatten beide Abschnitte
seiner dämonologischen Erkrankung denselben Sinn gehabt. Er wollte
immer nur sein Leben sichern, das erste Mal mit Hilfe des Teufels
auf Kosten seiner Seligkeit, und als dieser versagt hatte und aufgegebenS.
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werden mußte, mit Hilfe des geistlichen Standes auf Kosten seiner
Freiheit und der meisten Genußmöglichkeiten des Lebens. Vielleicht
war Chr. Haitzmann nur selbst ein armer Teufel, der eben kein Glück
hatte, vielleicht war er zu ungeschickt oder zu unbegabt, um sich
selbst zu erhalten, und zählte zu jenen Typen, die als „ewige Säug-
linge“ bekannt sind, die sich von der beglückenden Situation an der
Mutterbrust nicht losreißen können und durchs ganze Leben den An-
spruch festhalten, von jemand anderem ernährt zu werden. Und so
legte er in dieser Krankengeschichte den Weg vom Vater über den
Teufel als Vaterersatz zu den frommen Patres zurück.Seine Neurose erscheint oberflächlicher Betrachtung als ein Gaukel-
spiel, welches ein Stück des ernsthaften, aber banalen Lebenskampfes
überdeckt. Dies Verhältnis ist gewiß nicht immer so, aber es kommt
auch nicht gar so selten vor. Die Analytiker erleben es oft, wie un-
vorteilhaft es ist, einen Kaufmann zu behandeln, der „sonst gesund,
seit einiger Zeit die Erscheinungen einer Neurose zeigt“. Die geschäft-
liche Katastrophe, von der sich der Kaufmann bedroht fühlt, wirft als
Nebenwirkung diese Neurose auf, von der er auch den Vorteil hat,
daß er hinter ihren Symptomen seine realen Lebenssorgen verheim-
lichen kann. Sonst aber ist sie überaus unzweckmäßig, da sie Kräfte
in Anspruch nimmt, die vorteilhafter zur besonnenen Erledigung der
gefährlichen Lage Verwendung fänden.In weit zahlreicheren Fällen ist die Neurose selbständiger und un-
abhängiger von den Interessen der Lebenserhaltung und Behauptung.
Im Konflikt, der die Neurose schafft, stehen entweder nur libidinöse
Interessen auf dem Spiel oder libidinöse in inniger Verknüpfung mit
solchen der Lebensbehauptung. Der Dynamismus der Neurose ist in
allen drei Fällen der gleiche. Eine nicht real zu befriedigende Libido-
stauung schafft sich mit Hilfe der Regression zu alten Fixierungen
Abfluß durch das verdrängte Unbewußte. Soweit das Ich des Kranken
aus diesem Vorgang einen Krankheitsgewinn ziehen kann, läßt es die
Neurose gewähren, deren ökonomische Schädlichkeit doch keinem
Zweifel unterliegt.³ Imago IX/1
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und das Schicksal der unsterblichen Seele war ihm dabei in beiden
Fällen Nebensache.Die Krankengeschichte des Malers Christoph Haitzmann ist also
wirklich eine gute neurotische Fallbeschreibung, und sie ist es durch
den glücklichen Umstand geworden, daß das für die Analyse
Wichtigste in den Akten des Wunderortes Mariazell niedergelegt
wurde. Wir finden darin die motivierende Melancholie, die Veran-
lassung durch den Tod des Vaters, die Bedingungen des Pakts (9 Jahre
Sohnschaft und Versorgung), den Rückfall in Wien, die Fortsetzung
der Erkrankung durch die Versuchungsvisionen und die asketische
Reaktion und endlich den Ausgang in den Klosterschutz, womit
die Bedingung der Lebensfürsorge endgültig erfüllt wurde. Die
Psychoanalyse kann nichts anderes tun, als den materiellen Gehalt
der Geschichte durch die Aufdeckung seiner verborgenen Bedeutung
und durch die Herstellung seiner unbewußten Zusammenhänge er-
gänzen. Sie kann die Züge der Vaterbeziehung (die Ambivalenz,
den Teufel als Vaterersatz, die feminine Einstellung und die Schwan-
gerschaftsphantasie) einfügen, welche aus dem Studium der Neuro-
sen allgemein bekannt sind, und die im Falle des Malers durch die
Besonderheiten des Teufelspakts und der Teufelsdarstellung (Brüste)
indiziert werden. Es bleibt bemerkenswert, daß ein Mensch des
siebzehnten Jahrhunderts eine Neurose für sich und seine Zeitge-
nossen in derselben Weise begründen und darstellen konnte, wie es
um die Wende des zwanzigsten Jahrhunderts ein psychotischer Para-
noiker, der Senatspräsident Schreber, getan hat. Aber es ist ja be-
kannt, daß das Unbewußte der Menschen zu allen Zeiten dasselbe
ist.
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Eine Teufelsneurose im siebzehnten Jahrhundert1923-002/1923a
1923-002/1923/5