(/1912): Varia [August 1912]
S.
614 Referate und Kritiken.
Teiles unserer geistigen Befähigungen ein anderer Teil übrig bleibt,
ch dieser Erklärung entzieht. Der Verf. kommt auf diesem Wege
zu einer Unterscheidung der objektiven und subjektiven Welt. In jener
Welt ist alles gegeben, in dieser ist der Wille schöpferisch. Das sogenannte
Rationelle ist zugleich das Objektive und Sekundäre, durch die Wahr-
nehmung Vermittelte. Das Primäre ist immer das Ichgefühl und sowohl
Religion wie Dichtung gehören diesem Primären an. Interessant, wie hier
ein Nicht-Psychoanalytiker an die Grenzen gelangt, die zur Psychoanalyse
führen. Dr. Theodor Reik.Varia,
Eine gelungene Projektion.
Am Schluss der dreitägigen Verhandlungen des deutschen Reichstages über
den Bergarbeiterstreik im rheinisch-westfälischen Kohlengebiet wurden, wie üblich,
noch persönliche Bemerkungen gemacht, bei denen der Präsident sorgfältig darauf
zu achten pflegt, dass nicht sachliche Äusserungen eingeflochten werden. Als hier-
bei der Zentrumsabgeordnete Becker-Arnsberg, in seinem bürgerlichen Berufe Richter,
nach Erledigung einer persönlichen Bemerkung gegen den Abgeordneten Sachse fort-
fahren wollte: „Der Abgeordnete Scheidemann —“, wurde er von dem Präsidenten
mit den Worten unterbrochen: „Der hat nichts Persönliches gegen Sie gesagt.“
Hierauf replizierte Abg. Becker nach dem Bericht in Nr, 141 des Berl. Tagebl.: „Gut,
dann werde ich es ihm in der Presse besorgen.“ Hier meldet der Parlamentsbericht:
„Heiterkeit. Ein Sozialdemokrat fragt: „Was? In die Fresse hauen?“Unter den 110 Sozialdemokraten des deutschen Reichstages gibt es eine grosse
Anzahl von self made men aus den Arbeiterstande, die sich von der Volksschul-
bildung aus zu einem ansehnlichen, oft bewundernswerten Bildungsgrade emporge-
arbeitet haben. Immerhin darf man, gänzlich jenseits von Sympathie und Antipathie
für diese oder jene Partei, wohl die Vermutung wagen, dass bei einem deutschen
Richter das Gefühl der Unzulässigkeit, einem Gegner mit „in die Fresse hauen“
zu drohen, schon von der Kinderstube her fester sitzen wird, während eine derartige
Verheissung in Arheiterkreisen meistens nicht übermässig tragisch genommen wird,
Die erwähnten Verhandlungen waren nun zeitweise mit grosser Erbitterung geführt
worden, und die Vertreter der christlichen Gewerkschaften wie die der Sozialisten
hatten sich und ihrer Presse gegenseitig einen rüden Ton vorgeworfen, Da liegt es
denn nahe, dass der Zwischenrufer als früherer Arbeiter gelegentlich einer Kraftstelle
eines Gegners im Unbewussten den Wunsch gehabt haben kann, dem Kerl müsste
man „eins in die Fresse hauen.“ Die Zensur des im späteren Leben erworbenen par-
lamentarischen Gewissens bewirkte aber, dass dieser atavistische Wunsch aus einer
früheren Bildungsperiode des Zwischenrufers nicht bewusstseinsfähig sein konnte.
Dagegen gentigte die schmale Brücke, die in dem Gleichklang von „Presse“ und
„Fresse“ liegt, um auf dem Wege des Missverstehens seinen eigenen Wunsch auf
den Gegner zu projizieren. So drängte sich die ursprüngliche Wunschregung in ver-
ånderter, bewusstseinsfähiger Form doch noch an die Oberfläche und konnte dem
Zwischenrufer noch einen Lustgewinn in Form eines Befriedigungsgefühls gewähren,
etwa: Aha, der gebildete Bourgeois, dem alle höheren Schulen zur Verfügung standen,
der auf seine feineren Sitten stolz ist, kann sich soweit vergessen, dass er im Reichs-tage seinen Gegner mit „in die Fresse hauen“ droht.
Dr. Emil Simons on-Charlottenburg.S.
Varia. 615
Tolstoi iiber den Traum.
In den „Aufzeichnungen des Mönches Fjodor Kusmitsch“ von Leo Tolstoi
(Nachlass, Bd. III) — vermutlich Stücke Tolstois eigener Psychologie — findet sich
eine Stelle, die wegen der an einem Traum vorgenommenen Schätzung sehr be-
achtenswert ist und ein tiefes Verständnis des Dichters für die Bedeutung des
Traumes und dessen Herkunft beweist. Es scheint für den Dichter kein Zweifel an
der vollen Zugehörigkeit der die Traumphänomene schaffenden unbewussten Kräfte
zu unserem Ich zu bestehen, ohne deren Berücksichtigung und Kenntnis ihm eine
endgültige Beurteilung des Menschen unverbindlich und trügerisch erscheint. Ja, er
glaubt sogar, eben im Traum den rechten Massstab für den „sittlichen“ Gehalt eines
Menschen sehen zu müssen und begeht damit einen Trugschluss, sofern er über-
sieht, dass die „Sittlichkeit“ eines Menschen, bei aller Verantwortlichkeit des Ein-
zelnen für sein Tun und Lassen (ob bewusst oder unbewusst), nicht an seinem Un-
bewussten gemessen werden kann,Ich zitiere nach der autorisierten Übersetzung wörtlich (p. 297):
„Ich habe wenig geschlafen und hatte hässliche Träume. Ich träumte, dass ein
unangenehmes, schwächliches Weibsbild sich an mich schmiegte, und ich fürchtete
nicht sowohl die Sünde, als vielmehr, dass meine Frau mich sehen und dass es
wieder Vorwürfe setzen könnte. Zweiundsiebzig Jahre zähle ich nun, und bin noch
immer in den Banden des Fleisches. Wenn ich wache, kann ich mich wohl
über mich selbst täuschen, der Traum dagegen gibt mir den rechten
Massstab für die Stufe sittlicher Vollkommenheit,die ich erreicht habe.Ich träumte ferner — und auch dies kann als ein Zeichen meiner sittlichen
Unvollkommenheit gelten — dass mir jemand hierher in Moo$ verpackte Leckereien
brachte. Es waren Leckereien von ganz besonderer Art, und wir nahmen sie aus
dem Moos heraus und teilten sie unter uns. Nachdem wir die Teilung vorgenommen,
blieben immer noch Leckereien übrig; ich hätte auch diese gern für mich behalten,
aber ein dunkelbrauner, unsympathischer Knabe, der Sohn irgend eines Türkensultans
oder dergleichen, will die Leckereien gleichfalls haben. Obschon ich weiss, dass
Leckereien sich weit eher für ein Kind als für mich ziemen, mache ich ihm die
Leckereien doch streitig. Ich habe ein ausgesprochen feindseliges Gefühl gegen ihn,
wiewohl ich weiss, dass es tadelnswert ist, solche Gefühle zu hegen.“Ob Tolstoi den Inhalt des zweiten hochinteressanten Traumes symbolisch ge-
nommen hat, scheint mir nicht ganz sicher. Dr. Mira Gincburg.Religion und Sexualität: „Es ist wunderbar genug, dass nicht längst die Asso-
ziation von Wolllust, Religion und Grausamkeit die Menschen aufmerksam auf ihre
innige Verwandtschaft und ihre gemeinschaftliche Tendenz gemacht hat.“ (Novalis
Schriften, herausg. von Tieck und Fr. Schlegel, 2. Teil, Wien 1820, S. 288).А. v. W.
Eine antike Abstammungsphantasie: Der Sonne Ausgeburt ist der Männer Ge-
Schlecht und aus der Erde stammen die Weiber. Der Mond, der aus beiden entstand,
schuf ein drittes, seltenes und seltsames . . . . Eryximachos (zitiert bei Hans
Heinz Evers ,Die Besessenen*).Zum Thema Objektwahl: In „Wilhelm Meisters Wanderjahren* sagt Hersilic:
„Die entschieden fortdauernde Neigung eines zum Jüngling heranreifenden Knaben
wollte mir schmeicheln; da aber fiel mir ein, dass es nichts Seltenes sei, in diesem.
Alter nach älteren Frauen sich umzusehen, Fürwahr, es gibt eine geheimnisvolle
Neigung jüngerer Männer zu älteren Frauen. Sonst, da es mich nicht selbst betraf
Zentralblatt für Psychoanalyse. 11%, 48S.
616 Varia.
lachte ich darüber und wollte boshafterweise gefunden haben: es sei eine Erinne-
rung andie Ammen-und Säuglingszärtlichkeit, von der sie sich kaum
losgerissen haben. А. v. W.
„Jugendeindriieke verläschen nicht, auch in ihren kleinsten Teilen.“ (Wilhelm
Meisters Lebrjahre).
Der Angsttraum eines Müdehens findet reizenden dichterischen Ausdruck in
,Des KnabenWunderhorn* (Inselverlag 1910, IIT. S. 4, 5): d„Wenn ich den ganzen Tag Darauf viel Pfeil gezogen,
Geführt hab meine Klag, Damit will er mich hebenSo gibt's mir noch zu schaffen. Aus diesem schweren Leben.“
Bei Nacht, wann ich soll schlafen „Zu solchem Schreckgesicht
Ein Traum mit grossem Schrecken Kann ich stillschweigen nicht,
Tut mich gar oft aufwecken.“ ⑥ Ich schrei mit lauter Stimmen:
„Im Schlaf seh ich den Schein „О Knabe lass dein Grimmen,Des Allerliebsten mein, „Nicht wollst, weil ich tu schlafen,
Mit einem starken Bogen, „Jetzt brauchen deine Waffen."A. v. W.
Der Internationale Verein fiir medizinische Psychologie und Psychiatrie hilt
seine 111. Jahressitzung am 8. und 9. September in Zürich ab. Das Programm ent-
hilt: I. Das Unbewusste von Bleuler. — Dr. Hans Maier: „Der psychische
Mechanismus der Wabnideen*, 一 II. Theorien der sensiblen Leistung. Referenten:
de Davies und Dr. Bertholet. — III. Methoden und Grenzen der vergleichenden
Psychologie, Referenten: Dr. Bohn, Dr. Heufacher, Dr. Forel. Einzelvortrüge:
Dr. Haufenberg: (Die Psychotherapie). — Dr. Jones: (The relation of anxiety
neurosis to the anxiety hysterie). — Dr. Seif: (Thema vorbehalten).Psychologisches aus der Kinderstube.
Kinder und Narren sagen die Wahrheit! Dieses alte Sprichwort erhalt durch
die Psychoanalyse eine neuerliche Bestätigung. Die Schizophrenen verraten uns die
Symbole, die wir hei Neurotikern so miihevoll suchen müssen, im Gespräche. Und
die Kinder gewähren uns in ihren Ausspriichen tiefe Einblicke in die komplizierte
Struktur der Psyche. Solche Ausspriiche will diese Rubrik sammeln. Wir er-
fahren da die infantilen Sexualtheorien, die früh erwachende Sexualität, den Familien-
roman, die verschiedenen „kriminellen“ Regungen. Das Verständnis des Kindes
ermöglicht uns das Verständnis des Neurotikers, der ja ein Kind geblieben ist.Wir fordern alle unsere Mitarbeiter und Leser auf, sich an dieser Sammlung
fleissig zu beteiligen. Nur authentische Mitteilungen von Kindern, nicht Witze und
Erzåhlungen aus dritter oder gar vierter Hand werden beriicksichtigt.Wir eröffnen die Kinderecke mit der Publikation einiger charakteristischen
Ausspriiche aus dem vortrefflichen Büchlein „Was die Kinder sagen und fragen“.
(Verlag von R. Piper & Co., Miinchen und Leipzig), das mit zahlreichen von Kindern
gemalten Zeichnungen versehen ist. Die Lektüre dieses kleinen amüsanten Büch-
leins können wir unsern Lesern wärmstens empfehlen.Wir wollen zuerst eine Reihe von Aussprüchen bringen, die sich mit Gott
und dem Problem der Religion beschäftigen.Die Lehrerin erzählt den Kindern, wie Gott Adam und Eva verboten, vom
Apfelbaum Früchte zu pflücken. „Kann mir eine von Euch wohl sagen, weshalbS.
Psychologisches aus der Kinderstube. 617
Gott Eva dies verboten hat?“ Grosses Schweigen! Endlich steckt ein kleines
Mädel den Finger hoch: „Der liebe Gott wollte die Apfel selber essen,“
— Anna lernt die Bibelstelle: „Im Schweisse deines Angesichts sollst du dein Brot
essen.“ „Schrecklich“, meint sie, „so lange Brot essen zu müssen, bis man schwitzt.“
— Die Mutter fragt Heinz, „was habt ihr heute gelernt?“ — „Das Gebot, du sollst
nicht erbrechen.“ — „So heisst es aber nicht. Es heisst, du sollst nicht ehe-
brechen!“ Aber Mutti, ehebrechen hat doch gar keinen Sinn, es heisst, du sollst
nicht erbrechen!* 一 Fritz ist sehr müde. Er wird zu Bett gebracht, soll aber
noch beten. Da öffnet er schlaftrunken die Augen, faltet die Händchen und betet:
„Lieber Gott, lass mich in Ruh“ — und schon ist er eingeschlafen, — Hans
lehrt seinem kleinen Bruder: Wenn man den lieben Gott auch in ganz kleine Stück-
chen schneidet, so bleibt er immer noch lebendig. — Heinze bekommt, wenn er
sehr ungezogen ist, von seiner Mutter manchmal Schläge. Eines Tages sagt er:
„Mutti, wenn ich jetzt wieder ungezogen bin und du priigelst mich nicht, so muss
der liebe Gott doch denken, dass du sehr unordentlich bist.“ — Fritz betet: Lieber
Gott, mach mich fromm, dass ich in den Himmel komm! Aber mit der Mama!
~~~ Die Mama fragt die Kinder abends, ob sie schon gebetet haben. Ruth bejaht,
aber Gerd sagt: ,Ich bete nicht mehr — ich habe es ausprobiert — ich schlafe
ganz genau so gut, wenn ich nicht bete.“ — Hans-Heinrich lernt das 6. Gebot.
„Was ist das, du sollst nicht ehebrechen!* Die Mutter erklärt es ihm: Wenn Mann
und Frau sich zanken. Nach einigen Tagen gab es einen kleinen Disput zwischen
den Eltern. Ganz empört rief Hans-Heinrich: „Aber ihr sollt nicht ehebrechen!* —
Hans betet: ,Gegriisset seist du, Maria, du bist voller Knaben" (statt Gnaden). —
Auch Weddo singt: „О du selige, o du fröhliche, knaben bringende Weihnachts-
zeit. — Kin Landmann ist in grosser Sorge und schlechter Laune wegen des wochen-
lang anhaltenden Regens. Der kleine Karl leidet sehr mit dem Vater: ,Wer macht
immer den Regen?“ fragt er betrübt. „Das tut Gott", antwortete der Vater. „Dann
hau ihn!“ sagt der erregte Kleine. — „Nun bete aber heute abend recht schön zum
lieben Gott!" sagt die Mutter zu ihrem Bübchen. „Ach Mama, die Geschichte vom
Storch ist nicht wahr, die vom Christkindle auch nicht, da wird es mit dem lieben
Gott auch nichts sein.“ — Der 8jährige Hans, ein frischer, fideler Bursche, kommt
nach Hause und erklirt, er wolle nicht mehr mit Paul verkehren: ,Denn denk dir
mal, Mutter, er glaubt nicht mehr an die drei Hauptpersonen.“ — „An die
drei Hauptpersonen ?“ fragt die Mutter und vermutet, ihr Junge meint Gott Vater,
Sohn und heiligen Geist.“ — „Wen meinst du denn mit den drei Hauptpersonen ?*
„Ja; denk dir, Mutter, der Paul glaubt nicht mehr an den Osterhas, nicht an den
Storch und nicht ans Christuskind.*Literatur.
Hachet-Souplet: La genese des instincts. (Paris-Flammarion. 1912.) —
Sudhoff: Krankheitsdimonismus und Heilbrüuche der Germanen. (Deut. Revue.
Jan. 1912.) — Kunike: Der Fisch als Fruchtbarkeitssymbol bei den Waldindianern
Südamerikas. (Anthropos. Jan.-April. 1912.) — Hesse: Les Criminells peints par
eux-mêmes. (Grasset. Paris. 1912.) — Finot: Préjugés et les problemes sexuelles.
(Alcan. Paris. 1912.) 一 Remond et Voivinell: Le genie litteraire. (Ibidem) 一
Magnus Hirschfeld: Geschlechtsumwandlungen. (Beitrüge zur forensischen Medizin.
Bd. I. H. 2) — Morselli: Alcune osservazioni sul ,metodo delle asso-
ciazioni* applicato alla psicoanalisi, (Psiche. Nr. 2. 1912) — Assagioli:
La psicologia del subconsciente. (Ibidem) ~~~ Assagioli: La psicoana-43%