Varia [Januar 1912] /1912

(/1912): Varia [Januar 1912]

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    und fiir die Hoffnung, bald appellieren zu können a medico male informato ad medi-

    cum melius (i. e. de psychologia) informandum.
    Quod di bene vertant!

    Varia.
    La géante.
    Wie eine infantile Erinnerung an die eigene Mutter wirkt das folgende Ge-
    dicht von Char. Baudelaire (Les fleurs du mal, p. 118.)
    Du temps que la Nature en sa verve puissante
    Concevait chaque jour des enfants monstrueux,
    J'eusse aimé vivre auprès d’une jeune géante,
    Comme aux pieds d’une reine un chat voluptueux.

    J'eusse aimé voir son corps fleurir avec son âme
    Et grandir librement dans ses terribles jeux;
    Deviner si son coeur couve une sombre flamme
    Aux humides brouillards qui nagent dans ses yeux;
    Parcourir à loisir ses magnifiques formes;

    Ramper sur le versant de ses genoux énormes,

    Et parfois en été, quand les soleils malsains,

    Lasse, la font s'étendre à travers la campagne,
    Dormir nonchalamment à l’ombre de ses seins,
    Comme un hameau paisible au pied d'une montagne. AS Wa

    Zum Wahrheitswert des Symbols: „Erde = Mutter". Unsere Gegner sind
    darüber entristet, wenn die Psychoanalytiker die entzickte Begeisterung eines
    Malers für die Schönheiten der Natur!) oder die anhaltende Interessen eines Natur-
    forschers fiir die auf Erden befindlichen Dinge mit verdringten (und sublimierten)
    sexuellen Interessen in Zusammenhang bringen, die seinerzeit mit der Person der
    Mutter verkniipft waren. Sie werden vielleicht zur Nachprifung angeregt werden,
    wenn sie über Leonardo da Vinci — über dessen Forscherarbeit und Mutterkomplex
    sie in Freud's Monographie 2) eingehende Erórterungen finden können 一 Folgendes
    hören werden:

    „Über die Gezeiten kommt er nicht ins Klare. Ist Ebbe und Flut eine Wirkung
    des Mondes, der Sonne? fragt er. Die Antwort lautet verschieden. Bald meint er,
    es sei das Atmen der Erde, die er lange, und nicht bloss im Phantasie-
    spiel, für einlebendes Wesen, im Gleichnis des Tieres gebildethált,
    und es wären die Berge die Knochen, und die Flüsse die Adern, gespeist aus unter-
    irdischen Wassern wie aus einem Blutsee, Wassern, die zu den Gipfeln steigen, wie
    das Blut zum Gehirn und so wie aus einer geborstenen Vene durch den Felsspalt
    bráchen und Ursprung aller Flisse wiirden: so kreisten die Wasser und náhrten die
    Erde, wie das Blut in den Adern kreist und den Leib ernährt“ 3).

    1) Vergl. Abraham: Giovanni Segantini. (Wien, Deuticke.)

    2) Schriften zur angew. Seelenkunde, VII. Heft. (Wien, Deuticke.)

    3) Marie Herzfeld, Leonardo da Vinci, der Denker, Forscher und Poet. 2. Aufl.
    (Jena, Diederichs.) S. CXLIII—CXLIV. (Die Hervorhebungen stammen von mir.)

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    Er fühlt aber das Unwissenschaftliche, das Phantastische, das Zwanghafte
    dieser auf gefühlsbetonten Komplexen fussenden Auffassung, neben der er doch auch
    die richtige Erklärung ahnt, und bemüht sich, sich davon loszumachen : à

    „Aber wie Leonardo in bezug auf Ebbe und Flut als Atmung der Erde sich
    schliesslich selbst bekümpft, so kommt er davon zurück, zu glauben, dass im Innern
    der Erde Wasserlüufe zu den Höhen führten, — es wäre interessant, zu wissen, ob
    er erkannt, dass sie kein Pumpwerk besitzt gleich dem tierischen Herzen; — er
    schilt sich selbst und rüt sich, ,wieder Naturales zu lernen*, um solcher Mei-

    nungen zu ermangeln, von denen er einen grossen Vorrat angehüuft,
    neben dem Kapitel der Frucht, die er besitze, — ich glaube, Leonardo will sagen
    neben dem, was er Fruchtbringendes erworben,“

    *

    Noch ein Spruch Leonardos: Die Leidenschaft des Geistes jagt die Be-
    gierden davon, J. Härnik.

    Rousseaus Bekenntnisse enthalten in ihrer 1. Fassung nach der Erzählung,
    dass der zehnjährige Knabe sich lieber von dem vierzigjährigen Fräulein Lambercier
    schlagen liess als von deren Bruder, die im folgenden angeführte, für den Psycho-
    analytiker interessante Stelle, die in der 2. Fassung beseitigt wurde: „Ich weiss
    nicht, woher diese frühzeitige, vielleicht durch die Romanlektüre beschleunigte Sinn-
    lichkeit stammte, nur das ist mir bekannt. dass sie auf mein übriges Leben, auf
    meinen Geschmack, auf mein Betragen und meine Sitten Einfluss gehabt hat. Ich
    erkenne den Faden dieser Entwickelung und halte es für nützlich, der Spur zu folgen.
    Wie aber soll ich sie auf diesen Blättern verzeichnen, ohne sie zu beschmutzen? —
    Diese erste Sinneserregung drückte sich dermassen in mein Gedächtnis ein, dass, als
    sich nach einigen Jahren meine Einbildungskraft zu erhitzen anfing, dies immer unter
    der Gestalt derjenigen geschah, die sie anfänglich hervorgerufen, und als der Anblick
    schöner junger Frauen mir Unruhe erregte, bestand die Wirkung immer darin, aus
    ihnen ebensoviele Fräulein Lambercier zu machen.“ A v. W.

    Aus einem Briefe Descartes.
    Mitgeteilt von Theodor Reik.

    An einer ziemlich versteckten Stelle der Briefe René Descartes findet sich
    eine sehr interessante Ausserung. Sie zeigt, dass der Philosoph sich fast ganz klar
    war über die psychische Determiniertheit der Affekte, über die tiefgehende Wirkung
    infantiler Sexualerlebnisse und über die Auflösung der Libidofixierung durch seelische
    Analyse,

    Ich zitiere hier nach der grossen Akademieausgabe. (Oeuvres de Descartes.
    Paris 1903. A Chamet 6. Juin 1647.)

    n - + les obiets, qui touchent nos sens, meuent par entremise des nerfs
    quelques parties de nostre cerveau et y font comme certains plis, qui se défont, lors
    qué l'obiet cesse d'agir; mais la partie, où ils ont esté faits demeure par apres dis-
    posée a estre pliée derechef en la mesme facon par un autre obiet, qui ressemble
    en quelque chose au precedent encore qu’il ne luy ressemble pas en tout. Par exemple,

    jors que jestois enfant, j'aimois une fille de mon age, qui estoit un peu louche;
    au moyen de quoy, l'impression, qui se faisoit par la ven⑧ en mon cerveau, quand
    le regardois ses yeux égarez, se ioignoit tellement à celle qui s’y faisoit aussi pour
    émouuoir en moy la passion de l'amour, que longtemps apres, en voyant des per-

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    Varia.

    sonnes louches ie me sentois plus enclin à les aimer d’autres, pour cela qu’elles
    auoient ce defaut; et ie ne scauois pas neantmoins que ce fust pour cela. Au con-
    traire depuis qui jy ау fait reflexion et que j'ai reconnu que c'estoit un défaut, ie
    n’en ay plus esté emeu. Ainsi, lors que nous sommes portez à aimer quelqwun,
    sans que nous ne scachions la cause, nous pouvons croire que cela vient de ce qu'il
    y a quelque choye en luy de semblable à ce qui a esté dans un autre obiet que nous
    auuons aimé auparavant, encore que nous ne scachions pas ce que c'est.“

    Friedrich Nietzsche schreibt mit ausgezeichneter Klarheit über den Wider-
    stand des Künstlers gegen die Psychoanalyse:

    „Der Wahrheitssinn des Künstlers. — Der Künstler hat in Hinsicht
    auf das Erkennen der Wahrheiten eine schwächere Moralität als der Denker;
    er will sich die glänzenden, tiefsinnigen Deutungen des Lebens durcbaus nicht
    nehmen lassen und wehrt sich gegen nüchterne, schlichte Methoden und Resultate.
    Scheinbar kämpft er für die höhere Würde und Bedeutung des Menschen; in Wahr-
    heit will er die für seine Kunst wirkungsvollsten Voraussetzungen nicht auf-
    geben, also das Phantastische, Mythische, Unsichere, Extreme, den Sinn für das
    Symbolische, die Uberschiitzung der Person, den Glauben an etwas Wunderartiges
    im Genius: er hiilt also die Fortdaner seiner Art des Schaffens für wichtiger als
    die wissenschaftliche Hingebung an das Wahre in jeder Gestalt, erscheine diese
    auch noch so schlicht. Dr. E. H.

    Bedeutsam scheint auch folgende Stelle aus ,Menschliches, Allzumenschliches
    von Nietzsche“:

    Missverständnis des Traumes: Im Traum glaubte der Mensch in den Zeit-
    altern roher uranfünglicher Kultur eine zweite reale Welt kennen zu lernen;
    hier ist der Ursprung aller Metaphysik. Ohne den Traum hätte man keinen Anlass
    zu einer Scheidung der Welt gefunden. Auch die Zerlegung von Seele und Leib
    hängt mit der ältesten Auffassung des Traumes zusammen, ebenso die Annahme
    eines Seelenscheinleibes, also die Herkunft alles Geisterglaubens. „Der Tote lebt
    fort, denn er erscheint dem Lebenden im Traume*: so schloss man ehedem, durch
    viele Jahrtausende hindurch. Dr. E. H.

    Ein Fall von Symbolhåufung.
    Mitgeteilt von Paul Tausig (Wien.)

    In dem modernen englischen Gesellschaftsroman ,Rest Harrow*, a comedy of
    resolution, von Maurice He wlett (Macmillan & Co., London, 1910) S. 157 f. ist —
    offenbar dem Autor selbst nicht bewusst — an einer Stelle eine wundervoll komplex
    gehüufte Symbolik enthalten, bei welcher jedes einzelne Wort in einer dem Kundigen
    offen zutage tretenden Verhüllung auf die psychische Verfassung der Hauptheldin
    hindeutet. Die hier mitgeteilte Stelle erfordert keinerlei weitere Erklürung weder
    an sich noch auch im Hinblicke auf den epischen Faden des Romans. Sie lautet
    in mehr wortlicher als künstlerischer Übersetzung wie folgt:

    „Vom warmen, braunen Erdboden, überhangen von den Schlinggewinden, hob
    sich das Beet der Schwertlilien in voller Pracht ab. Ihre Blütter waren wie graue Szimi-
    tare, ihre grossen Blütenstengel wie Speere. Steif erhoben sie sich, aufrecht stehend

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    (im Englischen „erect“), glatt, wohl abgerundet und jede war von einer geschwol-
    lenen Knospe der Verheissung gekrönt. Sie (die Heldin des Romanes) betrachtete
    sie stolz, zählte sie und liess sie von ihm (einem ihrer stillen Verehrer, der mit ihr
    im Garten sich befand) nochmals überzählen. Sie glühte über ihnen, fasziniert von
    deren männlichem Stolz. Struan (der Verehrer) beobachtete sie mehr als diese
    seine Schätze. Er war noch immer blass und biss sich in die Lippen, — aber er
    hatte ihr nichts zu sagen.

    Sie kniete nieder und nahm einen der grossen Stengel sanft in ihre Hand
    Eine Art von Verziickung war in ihr, eine mystische Ekstase. Sie fuhr mit ihrer
    geschlossenen Hand hinauf und hinab und empfand dabei die steife Glåtte. Sie
    drückte und presste die aufbrechende Knospe. „Fühl’ es selbst, Struan, fühl' es
    selbst hier“, sagte sie. „Es lebt“. Er wandte sich kopfschiittelnd ab.

    „Man sagt", fuhr sie fort, indem sie die Knospe liebkoste, „dass dies tat-
    såchlich die Lilie der Verkündigung sei. Es ist ein Symbol, ich habe es gelesen.

    Gabriel hielt eine in der Hand, als er vor Unserer Lieben Frau stand. Haben Sie
    das gewusst?“

    Vom 2.—6. Oktober fand in Zürich ein Kurs für schweizerische Mittelschul-
    lehrer statt. Erfreulicherweise wurde auch die Psychoanalyse behandelt, über welche
    Dr. Riklin in vier Vorträgen sprach, Das ca. 200 Hörer fassende Auditorium
    maximum der Universitit war gut gefüllt bis überfüllt. Die wohlgelungene Veran-

    staltung beweist, wie stark das Interesse der pädagogischen Kreise für die Psycho-
    analyse im Wachstum begriffen ist.

    Literatur.

    (Abkürzungen: R? == Referat gesucht; B= das Buch ist bei der Redaktion ein-
    gelaufen.)
    Osterreich, K.: Die Phänomenologie des Ich in ihren Grundproblemen. I. A. Barth,
    Leipzig 1911.

    Heller: Psychologie und Psychopathologie des Kindes. Heller & Cie, Wien.

    Groos, Karl: Das Seelenleben des Kindes, 3. verm. Aufl. Berlin, Reuther & Reich-
    hard. 1911.

    ー Der Lebenswert des Spieles, ⑧. Fischer, Jena 1910.

    Schultz, Wolfgang: Dokumente der Gnosis. Jena, Diederichs, 1910.

    Flournoy: Experimentaluntersuchungen zum Religionsunterbewusstsein und
    Sprachpsychologie. Heft 1: Beiträge zur Religionspsychologie. Leipzig. 1971.
    Eckardt. 1911.

    Lipmann: Die Spuren interessebetonter Erlebnisse und ihre Symptome, Zeitschr,
    f. angew. Psych. Beih. 2. I. A. Barth. Leipzig 1911.

    Starh Daniel (Wiscousin): Uncuscions imitation in handwirting. (The psycho-
    logical Review. July 1911.)

    Bagenoff: Myriatchenie et Klikonschisme (Archives de Neurologie. Novembre 1911).

    Friedmann: Uber die Psychologie der Eifersucht. (Grenzfragen der N. u. 8.
    J. F. Bergmann. Nr. 82. Wiesbaden 1911.)