Varia [Juni 1912] /1912

(/1912): Varia [Juni 1912]

  • S.

    Varia. 539

    Varia.

    Genie, Talent und Psychoanalyse. Von Dr. M. Eitingon. Der bekannte
    Privatdozent der Psychologie in Hannover, Dr. Theodor Lessing hat vor kurzem
    in einem Artikel: ,Monomania erotica Freudiana* („Die Gegenwart“, 1911,
    Nr. 46) zur Psychoanalyse Stellung genommen. Trotz des so wenig wohlwollenden
    Titels gelangt der Autor zu dem für uns recht tråstlichen Schluss, dass die Psycho-
    analyse als psychotherapeutisches Instrument „anwendbar und erfolgreich“ sein
    könne. Im Unterschied von fast allen anderen Kritikern der Psychoanalyse hat er
    den pragmatischen Charakter ihres Denkverfahrens richtig erfasst und hilt ihn für
    zulässig, „es lige nicht der mindeste Anlass vor, dieses zentrierende Prinzip (der
    Sexualität resp. Libido) durch irgend ein anderes, nicht minder allgemeines zu ver-
    drängen“, wenn —, ja, wenn die Psychoanalyse sich nicht am Genie vergreifen
    würde, Die psychoanalytische Pathographik ist es, die diesem Kritiker Pein macht.
    Er durchschaut den Kern dieses Tuns und findet darin wiihlendes Ressentiment,
    „die Verschwörung des Talentes* 一 dieses Kompliment gilt neben manchem anderen
    dem Schöpfer der Psychoanalyse besonders, nach dessen Seite hin eine Verbeugung
    zu machen in dem immer lauter werdenden Sturm gegen die Lehre bezeichnender-
    weise keiner der Angreifenden unterlässt, — „gegen das Genie“. Eine Verschwörung!
    Man hat also überhört, mit welch hohem Ernst und grosser Ehrfurcht in diesen so
    heftig inkriminierten Arbeiten dem Genie zu nahen versucht worden ist. Alle Hin-
    weise darauf dürften wenig nützen. „Der Jude wird doch verbrannt“.

    Es sei mir erlaubt, diese „Entlarvung“ der Psychoanalytiker als Vorwand zur
    Mitteilung eines Aphorismus von Leo Schestow 1) zu benutzen, dem geistvollen und
    tiefgründigen russischen Philosophen und Analytiker?), der representative Mann
    der Philosophie und Literatur, welcher Aphorismus mir ein sehr passendes Motto
    für die psychoanalytische Erforschung des Genies zu sein scheint:

    „Die grossen Schriftsteller, überhaupt die anerkannten Grossen der Weltge-
    schichte sind für ein eingehendes Studium schon deshalb besonders geeignet, weil
    sie über aller Anklage stehen. Sie sind von vornherein des Freispruchs sicher in-
    folge der Bedeutung, der grossen Rolle, die ihnen zugefallen ist. Wie immer auch
    sie in der Nähe erscheinen mögen, sie sind im Rechte, zu beredt zeugen für sie
    ihre Werke — monumenta aere perenniora. Und wenn wir vom Durchschnitts-
    menschen mit Nachsicht zu reden geneigt sind, und auf seine Fehler, oder das,
    was gemeiniglich seine Fehler genannt wird, durch die Finger sehen, so können
    wir an die Grossen offenen Auges herantreten und brauchen nicht zu fürchten,
    ihre Eigenschaften und Kigenheıten beim richtigen Namen zu nennen Was tiite es,
    wenn sich bei Alexander von Mazedonien auch Feigheit auffände, bei Plato und
    Aristoteles auch Unwissenheit und Oberflächlichkeit, beim heiligen Augustin auch
    Ungläubigkeit! Wie schlicht und ruhig berichtet doch das Kvangelium, dass der
    Apostel Petrus sich in einer einzigen Nacht dreimal von Christus losgesagt habe.

    Und dies hat ebensowenig die Menschheit daran gehindert, ihm in Rom einen
    herrlichen Tempel zu errichten, wie es unzählige Millionen von Gläubigen davon

    1) Werke, Bd. VI, p. 12 (russ.)

    2) Von der Psychoanalyse ist S. zeitlich, wie auch seiner Orientierung nach
    ganz unabhängig. Für die „Entstehung und Wandlung von Weltanschauungen“ innerst-
    psychischer Konflikte und Katastrophen als Gründe aufsuchend, nähert er sich oft
    mancher allgemeinen psychoanalytischen Konzeption, besonders in den A dler’schen
    Umbiegungen derselben, n

  • S.

    540 Varia.

    abhiilt, ehrfurchtvoll den Fuss seiner Statue zu küssen, ja, seine Stellvertreter gelten
    noch heute als unfehlbar. . ‥ Die Mängel der Grossen der Menschheit können ihnen
    nicht als persönliche Mängel angerechnet werden; die Armut dieser Reichen ist eine
    allmenschliche, man möchte sagen, kosmische Armut. Enthüllungen und Anklagen
    sind da schlecht angebracht. Hinter dieser Armut ruht ein grosses Geheimnis, dem
    sich zu nahen, ein ewiges Bedürfnis der Sterblichen ist.

    Und die Grossen fürchten nicht, ihre Dürftigkeiten zu zeigen.“

    Zur Symbolik von rechts und links. (Vgl. dieses Zentralblatt I. S. 67, 411.)
    Bodlinus (Jean Bodlin 1530—1596) sagt, dass er jemanden kenne, — es wird ver-
    mutet, dass er von sich selbst spricht — der seinen Schutzgeist sehe; wenn er
    etwas tun wolle, so gebe dieser ihm ein Zeichen durch Beriihrung des rechten
    ‘Ohres, wenn die Handlung recht, des linken Ohres, wenn sie unrecht sei. (Bod-
    linus, Daemonomania I, 2, zitiert nach du Prel, Die Mystik der alten Griechen,
    155). Der Schutzgeist ist die bekannte Vision der Somnambulen. Dr. A. R.

    Zur Deutung des Odipustraumes im Altertum. Beim Lesen von Herodotos'
    Geschichte fällt mir folgendes auf: Als Hippias die Barbaren nach Marathon führt,
    hat er in der vergangenen Nacht folgendes Traumgesicht gehabt: ,Es deuchte dem
    Hippias, er schliefe bei seiner eigenen Mutter. Aus diesem Traum schloss er, er
    würde heimkommen nach Athen und seine Herrschaft wieder erhalten.“ (Vol. II,
    Liber. VI, caput 107). Frits van Raalte (Arnhem).

    Ein treffendes Wort von Fritz Mauthner. ,Priide nennen wir Leute, die
    im Bewusstsein ihrer inneren Unanständigkeit den Schein der Sittlichkeit überängst-
    lich wahren.“ Dieser Ausspruch wurde vor 30 Jahren (!) publiziert.
    Dr. E. Simonson.

    Ein Beitrag zur Mutterleibsphantasie. Von Dr. Karl Weiss, Wien.

    „+ + + . Welche von den vielen Zügen, in denen sich diese Wandlung äusserte,
    soll der Erzähler nun wohl herausheben? Es ist etwa zu erzählen, wie Hans an
    einem Mittwochnachmittag in der Stube seiner Wirtsleute sitzt, wo hinter dem Ofen
    der Bauer im Halbschlaf träumt, und hat eine alte Zigarettenschachtel, die er ge-
    schenkt bekommen, die klebt er an allen Seiten sorgsam mit Kleister zu, dass kein
    Licht hinein kann und träumt in der Art wie einst, da er zuhause unter dem Tische
    sass, wie heimlich es wiire, ganz klein zu sein und in solcher verklebter Schachtel
    zu sitzen.“ (Aus Paul Ernst, Der schmale Weg zum Glück. S. 83.)

    Professor E. Claparède (Genève) wird im neuen Institut Rousseau's („Ecole des
    sciences de l’éducation“) im Sommer 1913 lesen:

    „Psychoanalyse, La méthode. L'interprétation des résultats pour la connais-
    sance de l'enfant et pour son éducation morale“.

    Das erste Ней der Schriften zur angewandten Seelenkunde „Der Wahn und
    die Träume in Jensens Gradiva“ von Freud ist soeben in zweiter Auflage erschienen.

    Berichtigung.
    In meinem Artikel: ,Vilkerpsychologische Parallelen zu den infantilen Sexual-
    theorien“ in Heft 7 dieses Zentralblattes ist Seite 382 Anmerkung 1 ein durch die
    Knappheit des Ausdruckes verschuldeter Irrtum zu berichtigen. Tobias wird