Vortrag Freuds: Ein Fall von Fußfetischismus 1914-414/1914.01

Rank, Otto (1914-414/1914.01): Vortrag Freuds: Ein Fall von Fußfetischismus

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    am 11. März 1914


     

    EIN FALL VON FUSSFETISCHISMUS.
    Prof. S. Freud.


     

            Es handelt sich um den kurz und ohne Erfolg behandelten Fall ei-
    nes 47 jährigen Mannes Fussfetischisten mit psychischer Impotenz, dessen
    Eigentümlichkeiten gestatteten, ein neues Licht auf die Genese dieser Per-
    version zu werfen, und hinter dem Binetschen "Kindheitstrauma", das die Perver-
    sion schon fixiert zeigt, die konstitutionellen und akzidentellen Bedingunge
    dieser Einstellung aufzuzeigen.

            Aus der Krankengeschichte und der analytischen Rekonstruktion
    der Sexualentwicklung des Pat. ergeben sich folgende allgemeine Gesichtspunk
    te für die Entstehung einer Perversion und speziell des Fussfetischismus:

            Wahrscheinlich eine Ueberbetonung der Erogenität des Fusses und
                      frühzeitige
    entsprechende abnorme Sexualreizung (die hier von der sexuell selbst stark
    abnormen Mutter ausgegangen sein und den Fuss zum Objekt genommen haben
    dürfte).

            Dann eine Regression während der Sexualentwicklung infolge der
    Sexualeinschüchterung; u. zw. eine solche in der Kindheit, welche die Entwick-
    lung stört und eine in der Pubertät, welche die Fixierung hervorruft. Die his
    Kindheitsstörung erfolgt hier durch Kastrationsdrohung von Seiten des Vaters
                                      u
    und den Schreck durch den Anblick des schwesterlichen Genitales (Kindheits-
    erinnerung, in der er mit dem Kopf zwischen den Beinen der nackten Schwester
    liegt); diese Schwester trug wegen Rachitis Beinschienen und von da leitet
    sich das für ihn reizende schmale, gerade Fussideal ab. In der "traumatischer
    Szene aus dem 6. Lebensjahr, wo sich Pat. für den Fuss seiner englischen Gou-
    vernante sehr interessierte, erscheint die Perversion schon fixiert. Sie
    bleibt aber zunächst latent bis in die Zeit der Pubertät, wo die zweite gros
    se Abschreckung vor dem weiblichen Genitale (Sexualverkehr) durch den Hofmeis-
    ter erfolgte (Wiederbelebung der väterlichen Drohung). Dazu kommt die symbo-
    lische Bedeutung des Fusses, welcher den beim Weib (infolge der Kastration)
    vermissten Penis ersetzt (Traum des Pat. dass seine Frau einen Penis habe).
    Bald nach dieser Pubertätseinschüchterung setzte die bis zum heutigen Tage
    dauernde Impotenz ein. Sein sehr frühes Interesse für den Fuss (als Hund au

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    m Boden kriechend, unter dem Tisch sich aufhalten) erklärt sich daraus,
    dass er von unten hinauf die Genitalien sehen wollte. Das grosse Trauma mit
    der Schwester bedingt aber eine Hemmung seiner Sexualforschung, von da beginnt
    die Regression und sein Interesse wird auf den Ausgangspunkt seiner Sexual-
    forschung, den Fuss, zurückgeschlagen. Es bildet demnach eine weitere Bedingung
    ein Vorwiegen des Schautriebes und die Fixierung durch die örtliche oder
    "geographische" Regression.

            Endlich gehört der Fussfet. als Unterart zum Masochismus, der mit
    dem Verhältnis zu Mann und Weib zusammenhängt. Das bedeutsamste Moment ist
    das Verhalten des Kindes gegen die Sexualeinschüchterung: es wird sich einer-
    seits sträuben und seinen Penis verteidigen, andrerseits die Kastration anneh-
    men und sich in die weibliche Rolle finden. Es scheint von der ursprünglichen
    bisexuellen Anlage abzuhängen, ob es in die Aktivität oder Passivität umschläg
    was bestimmend für den Ausgang in Neurose oder Perversion ist. Der von Manne
    früh Eingeschüchterte hat Neigung gegen das Weib masochistisch zu sein und
    umgekehrt. - Die kürzeste Formel für den Fussfet. wäre: ein masochistischer Ge-
    heimseher.

    Diskussion.

    Tausk sucht an der Hand eines eigenen Beispiels ein Detail der Analyse zu
    ergänzen, aus dem sich ergebe, dass der Homosexuelle ganz direkt sich selbst
    suche. - Es sei nicht notwendig, dass es sich um ein Hineinfinden in die weib-
    liche Rolle handle. Der Mensch habe im allgemeinen zwei Modalitäten, um mit
    der vergebens umworbenen Mutter fertig zu werden: 1. indem man sich dem Manne
    zuwendet und 2. indem man das Verhältnis, welches man zur Mutter gehabt hat,
    immer wieder (als Symptom) darstellt, wodurch man doch mit der Mutter in Berüh-
    rung kommt.
    Steiner vermisst in diesem Falle den beim Fussfet. sonst bedeutsamen Riechtrie
    Die masoch. Einstellung des Pat. verbürge gewöhnlich eine schlechte Prognose.
    Hitschmann verweist auf die geringe Beweiskraft der "bestätigenden" Träume,
    die sich mit dem Material der letzten Stunde beschäftigen.
    Federn weist als eine der Bedingungen für den Fussfet. darauf hin, dass der
    Sexualtrieb zu einer Zeit erwacht sein müsse, wo das Kind noch krieche.
    Dass der Pat. als Kind zwischen den Schenkeln der Schwester lag, scheint auch
    nicht Einfluss auf seine spätere Mundperversion zu sein. Die konstitutionelle
    Bedingung läuft darauf hinaus, in welchem Alter die einzelnen Partien des
    Sexualtriebes zur Betonung kommen, wie weit sie von aussen gehemmt werden od.
    sich betätigen können. - Masochistische Einstellung bewirkt nicht nur die Kas-
    trationsdrohung, sondern jede Hemmung, welche gegen die Funktion des männli-
    chen Gliedes gerichtet ist; bei jedem ist auch eine starke weibliche Konsti-
    tution vorhanden; hervorhebenswert ist, dass die Handonanie - wie in diesem Fal-
    von den meisten Masochisten vermieden wird.
    Rank weist auf eine mögliche Bestätigung für die angeführte Rolle der Sexua-
    einschüchterung in der Paranoia hin, wo sich dieses ganze Stück Entwicklung
    pathologischer Verzerrung zu wiederholen scheine. Nach den Ausführungen Freud
    hätten die späteren Homosexuellen die Sexualeinschüchterung durch das Weib
    erfahren und stellten sich dann gegen den Mann masochistisch homosexuelle
    Dazu würde sehr gut stimmen, dass sich nicht selten der Ausbruch der Paranoi
    durch eine Sexualverfolgung (masochistisch) von Seiten eines Weibes charakte-
    risiert, während später folgerichtig die Wendung zum Manne (in der Abwehrform
    und schliesslich die Erotomanie als Heilungsversuch der Einstellung zum Wei
    in der ursprünglich gewünschten Form verriete.

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    Prof. Freud reagiert in seinem Schlusswort zunächst auf die Bemerkungen von
    Tausk, indem er darauf verweist, dass die Verliebtheit des Homosexuellen in
    sich selbst bereits von Sadger und ihm selbst ausgesprochen worden sei.
    Mit der Ergänzung der Deutung in dem einen Punkte sei er einverstanden, kön-
    ne aber nicht gelten lassen, dass sich der Pat. nur so nebenbei in die weib-
    liche Rolle hineinversetze. - Die beiden Mechanismen des Masochismus, als
    Reaktion und als Einfügung enthalten zu viel Konstruktion ebenso wie Fe-
    derns Bemerkungen über das gleiche Thema (Identifizierung von Mas. und passi-
    ven Trieben)
            Dass der Riechtrieb in diesem Falle keine Rolle spielte sei richtig;
    möglicherweise war er durch den Schautrieb ersetzt. Die schlechte Prognose
    in Fällen von Masochismus scheine jetzt doch günstigeren Chancen zu weichen