[Vortrag Freuds] Hammurabi 1904-413/1905

N. N. (1904-413/1905): [Vortrag Freuds] Hammurabi

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    Editorische Anmerkung: 
    Dies ist ein Bericht, in dem aus 2. Hand Freuds Vortrag auf Seite 12 Erwähnung findet. 

    […]

    II. Die „Wien“ in Wien im Jahre 1904.

    Die Installierung der Schwestervereinigung „Eintracht“ im
    Oktober 1903 brachte naturgemäß einen Verlust in der Anzahl
    von Mitgliedern der „Wien“ mit sich, weil die seit 12. No-
    vember 1901 erfolgte Aufnahme der Brüder der „Wien“ nur den
    Zweck verband, den Grundstock der neuen Vereinigung zu bilden.

    Den Rückgang der Mitgliederzahl von 201 auf 174 im
    Jahre 1904 wettzumachen, war der „Wien“ versagt. Jedoch nicht
    deshalb, weil sie ihre Werbekraft verlor, sondern weil sie der
    neuen Vereinigung Gelegenheit bieten wollte, im ersten Jahre
    ihrer Tätigkeit das Augenmerk nicht nur auf den inneren Ausbau,
    sondern auch auf die numerische Stärkung zu richten.

    Die Entscheidung der Frage, wie lange dieser Zustand
    dauern und die Pforten der „Wien“ Aufnahme Heischenden ver-
    schlossen bleiben sollen, wurde ebenso wie die Besorgung der-
    jenigen Angelegenheiten, welche die Interessen beider Vereini-
    gungen berühren, dem zu diesem Zwecke bestellten, aus Ver-
    tretern beider Vereinigungen bestehenden Komitee übertragen.

    Dieses von seiten der w. „Eintracht“ aus dem Präs. Dr. Samuely 
    und prot. Sekr. Br. Max Frank, unsererseits aus Präs.
    Dr. Langstein und Expräs. Dr. Edmund Kohn bestehende
    Komitee faßte Ende Dezember 1904 den von den Vollversamm-
    lungen beider Vereinigungen genehmigten Beschluß, nunmehr
    unserer Vereinigung die Freiheit in der Aufnahme von Mit-
    gliedern wiederzugeben.

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    Es würde die Grenzen, welche diesem Berichte gesteckt
    sind, überschreiten, wollte man hier über den Einfluß der Wieder-
    aufnahme von Mitgliedern durch die „Wien“ auf das Vereins-
    leben der „Wien“ und der „Eintracht“ eine Prognose stellen.
    So viel aber darf gesagt werden, daß jeder Möglichkeit einer
    Stockung des Vereinslebens durch Aufhebung eines die natur-
    gemäße Entwicklung behindernden Beschlusses vorgebeugt
    werden wird.

    Die Vereinstätigkeit selbst hat die Bahnen, in denen sie
    sich seit Anbeginn bewegte, nicht verlassen; es wäre denn, daß
    der Unterhaltung und dem hierdurch bedingten geselligen Bei-
    sammensein der Brüder nicht entsprechend Rechnung getragen
    wurde. In dieser Richtung wurde außer den in offener Sitzung
    unter Zuziehung der Damen gehaltenen Vorträgen des Bruders
    Perutz („Praga“) über den alten jüdischen Friedhof in Prag
    nichts geboten; desto intensiver war die eigentliche Arbeit.

    Es fanden im abgelaufenen Jahre 17 ordentl. Sitzungen statt.

    Sie galten der Erledigung der laufenden Geschäfte, der
    Besprechung unserer Tätigkeit in den von uns begründeten
    Institutionen, sowie in jenen humanitären Vereinen, die wir in
    unsere Obhut genommen haben, und nebstdem folgenden Vor-
    trägen:

             Dr. Taussig: Momente aus dem Arbeitsnachweis;
             Prof. Ehrmann: Stand der „B. B.“-Vereinigungen in
          Amerika;

             Prof. Freud: Hammurabi;

             Dr. Friedländer: Hiob;
             Prof. Ehrmann: Kulturhistorische Bedeutung der Mi-
          noritäten;
             Dr. Jerusalem: Staat und Gesellschaft;
             Prof. Ehrmann: Aufenthalt Israels in Egypten;
             Dr. Monath: Mengers neue Staatslehre;
             Prof. Königstein: Disharmonien in der menschlichen
          Natur;
             Geheimrat Prof. Cohen aus Marburg: Innere Beziehungen
          Kants zum Judentum.

          Die einzelnen Sitzungen wurden durchschnittlich von 70
    Brüdern besucht.

          Eine stete Sorge des Beamtenkörpers bildete die Frage,
    wie das Interesse jener Brüder, die nur nominell Mitglieder der
    Vereinigung sind, geweckt und sie selbst zu einer aktiven Anteil-
    nahme herangezogen werden können. Leider war den darauf
    gerichteten Bestrebungen der Erfolg versagt und es kann nur
    die Hoffnung ausgesprochen werden, daß es dem werktätigen
    Eingreifen des dermaligen Präsidiums gelingen werde, in dieser

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    Beziehung, sei es in der angestrebten, sei es in einer anderen
    Weise, Wandel zu schaffen. Die eben ausgesprochene Klage
    dürfte auch in anderen Vereinigungen des Distriktes laut geworden
    sein. Trotzdem kann nicht empfohlen werden, diesfalls nach
    allgemein verbindlichen Normen vorzugehen, weil wohl die be-
    sonderen Verhältnisse nicht nur in Bezug auf den Sitz jeder
    einzelnen Vereinigung, sondern auch in Bezug auf die Berufs-
    sphäre der einzelnen Brüder und nicht zuletzt die speziell bei
    jedem Einzelnen obwaltenden Umstände in Rücksicht gezogen
    werden müssen.

    Bevor wir diesen Bericht schließen, müssen wir noch einen
    Akt der Pietät erfüllen, indem wir des schmerzlichen Verlustes
    gedenken, den wir durch das am 25. März 1904 in Abbazia
    erfolgte Ableben unseres unvergeßlichen Bruders Expräs. Heinrich
    Teltscher erfuhren. Das Gefühl des Schmerzes und der Trauer,
    das die Kunde von dem unvermuteten Heimgange dieses in allen
    Kreisen der jüdischen Bevölkerung Wiens hochgeachteten Mannes
    bei den Brüdern erweckte, war ein solches, als ob jeder Einzelne
    den Tod eines ihm sehr nahestehenden Verwandten zu beklagen
    hätte. So tief hatte sich die Liebe und Freundschaft zu Heinrich
    Teltscher in die Herzen Aller eingegraben.

    An der Bahre des Verblichenen würdigten Bruder Expr. Prof.
    Königstein, in der Trauersitzung Bruder Dr. Josef Jerusalem
    in nach Form und Inhalt gleich vollendeten Kundgebungen die
    Verdienste des im Sommer seines Lebens aus unserer Mitte
    Geschiedenen um unsere Vereinigung und um das Judentum*).
    Außerdem wurde das Andenken Heinrich Teltscher’s durch Auf-
    bringung eines im Wege freiwilliger Beiträge der Brüder gebildeten
    Fonds im Betrage von 14000 K geehrt. Im Sinne des Ver-
    blichenen sollen die Zinsen dieses Fonds zur Unterstützung von
    Jünglingen, die sich der bildenden Kunst oder dem Kunstgewerbe
    widmen, verwendet werden.

    Den Beamtenkörper für das Jahr 1905 bilden die Brüder:

    Präs. Expräs. Dr. Edmund Kohn
    Vize-Präs. Dozent Dr. Ludwig Braun
    Prot.-Sekr. Karl Klemperer
    Fin.-Sekr. Siegfried Lemberger
    Schatzm. Josef Reimann.

    Am Schlusse des Berichtsjahres betrug die Anzahl der Mit-
    glieder 175. Dieser Zuwachs trotz der Eingangs erwähnten
    Sperre ist darauf zurückzuführen, daß der in Linz domizilierende
    Bank-Direktor Bruder Philipp Broch auf Wunsch der in Linz
    domizilierenden, ausschließlich der „Wien“ angehörigen Brüder
    im Einvernehmen mit der „Eintracht“ in die „Wien“ aufgenom-
    men wurde.

    *) Die Gedenkrede Br. Dr. Jerusalems ist im I. Hefte des VII. Jahr-
    ganges, Seite 24 ff. abgedruckt.