Wiener medicinischer Club (Officielles Protokoll.) 1892-061/1892

Kahane, Max (1892-061/1892): Wiener medicinischer Club (Officielles Protokoll.)

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  • S.
    1719 1892 — Wiener Medizinische Presse. — Nr. 43. 1720

     

    Wiener medizinischer Club.

    (Officielles Protokoll.)

    Sitzung vom 12. October 1892.

    Vorsitzender: Dr. A. Hock. — Schriftführer: Dr. M. Kahane.

    Dr. H. SCHLESINGER stellt einen Fall von Augenmuskel-
    lähmung nach Herpes zoster vor. Ein 40jähriger Mann
    wurde von einem Herpes zoster frontalis (linksseitig) befallen, wenige
    Tage nach dem Auftreten des Herpes wurde der Oculomotorius
    völlig gelähmt. Gegenwärtig besteht noch eine Parese des I. Astes
    des l. Trigeminus für alle Empfindungsarten, auch Unempfindlichkeit
    der Conjunctiva in ihren oberen Abschnitten, complete linksseitige
    Ptosis und Lähmung sämmtlicher anderer vom Oculomotorius ver-
    sorgter Muskeln, auch der Binnenmuskeln (Pupillendifferenz). Der
    Herpes zoster trat zur Zeit einer Zoster-Epidemie auf; die Augen-
    muskellähmung nach Zoster ist als seltenes Vorkommniß zu ver-
    zeichnen.

    *) Vgl. den Originalartikel Prof. Gruber’s in dieser Nummer, pag. 1703.

    Ferner demonstrirt Sch. eine Kranke, die an Morbus
    Basedowii mit einer Lähmung des M. rectus superior
    leidet. Bei M. Basedowii sind Augenmuskellähmungen wiederholt
    beschrieben worden, die isolirte Lähmung des Rectus superior scheint
    aber sehr selten zu sein. Die 45jährige Kranke begann vor drei
    Jahren die Symptome der Basedow’schen Krankheit zu zeigen, vor
    1 1/2 Jahren stellte sich allmälig Lähmung des r. M. rectus sup. ein.
    Die Kranke hat Tachycardie, Struma und sehr starken Exophthalmus,
    zeigt auch Tremor der Hände, aber keinen herabgesetzten Haut-
    leitungswiderstand. Es besteht Stellwag’sches Symptom (ver-
    minderter Lidschlag), aber keine frühzeitige Ermüdung bei der Con-
    vergenz. Exquisites Graefe’sches Symptom. Versucht man beim
    Abwärtssehen die oberen Lider nach abwärts zu ziehen, so fühlt
    man einen merkbaren Widerstand, dies spricht für Moebius’ Auf-
    fassung, daß das Graefe’sche Symptom der Ausdruck einer spasti-
    schen Erweiterung der Lidspalte ist.

    Vortragender demonstrirt auch, daß, wie Moebius und Bruns
    angegeben haben, nur eine Incongruenz der Bewegungen des oberen
    Lides und Bulbusbewegungen beim Senken der Visirebene, aber
    nicht beim Heben derselben stattfinde (am l. Auge).

    Redner weist darauf hin, daß in diesem Falle die Augen-
    muskellähmung weder durch Tabes, noch durch Hysterie, die
    beide sich gerne mit der Basedow’schen Krankheit combiniren, ver-
    ursacht sein könne.

    Endlich stellt Sch. eine Kranke vor, die an eigenthümlichen
    Muskelzuckungen leidet. Dieselben treten in symmetrischen Muskeln
    der Arme, des Schultergürtels und der Oberschenkel auf, weiters in
    der Halsmusculatur (Sterno-cleido-mastoidei), endlich in der Zunge,
    dem Kehlkopfe und dem Zwerchfelle. Letztere äußern sich durch
    eigenthümliches Athmen und durch ein eigenartiges Stottern beim
    Sprechen. Auch stößt die Kranke von Zeit zu Zeit einen unarticulirten
    Laut oder die Worte „also“, „eben“ aus. Nie ist eine Nachahmung
    eben gehörter Töne oder Worte zu bemerken (keine Echolalie), nie
    ist der Inhalt der ausgestoßenen Worte obscön (keine Koprolalie).

    Die Zuckungen zeigen sich allerdings in vielen symmetrischen
    Muskeln, sind aber verschieden stark und treten nicht synchron auf
    beiden Seiten auf. Der Charakter der Zuckungen ist ein blitzartig
    schneller, die Häufigkeit wechselt sehr. Oft sind nur 5—10 Zuckungen
    in der Minute, bei Aufregungszuständen aber bis zu 50 in der
    Minute zu constatiren. Oft zuckt nur eine Partie des Muskels,
    ohne einen Bewegungseffect auszulösen; umspannt man den Oberarm
    mit der Hand, so fühlt man oft ganze Dechargen von Muskel-
    zuckungen.

    Die Musculatur der Hände ist ganz frei, die Kranke kann die
    feinsten Handarbeiten verrichten, wobei die Zuckungen abnehmen;
    im Schlafe hören die Bewegungen ganz auf. Die Sensibilität
    (oberflächliche und tiefe) ist durchaus intact; Hautreize rufen keine
    Erhöhung der Muskelaction hervor; die directe mechanische und
    elektrische Erregbarkeit der Muskeln und Nerven erscheint nicht
    gesteigert. Patellarreflexe vielleicht gesteigert. Das Krankheitsbild
    entspricht in seinen Hauptzügen dem Friedreich’schen Paramyo-
    clonus multiplex. Differentialdiagnostisch kommen in Betracht:
    Ein generalisirter Tic convulsif. Dagegen spricht in diesem
    Falle das Freibleiben der Gesichtsmusculatur und die Abnahme der
    Bewegungen beim Arbeiten. Die Maladie des tics convulsifs
    von Gilles de la Tourette combinirt sich stets mit psychischen
    Alterationen, die bei der sehr intelligenten Patientin völlig fehlen.
    Chorea: Es käme nur eine chronische Chorea in Betracht,
    da Pat. seit 14 Jahren an diesem Uebel laborirt (Kranke ist 27 J.
    alt); dagegen spricht abermals der Zustand der Psyche, denn bei
    diesen Formen wird letztere fast stets alterirt und der nicht
    choreatische Charakter der Zuckungen; dasselbe Moment kann auch
    gegen die Diagnose einer Chorea electrica (Henoch) geltend
    gemacht werden. Die anderen Bewegungsneurosen, wie Paralysis
    agitans, doppelseitige Athetose, kommen wegen des
    ganz anderen Charakters der Bewegungen nicht in Betracht, dagegen
    muß man vor Verwechslung mit Hysterie auf der Hut sein. In
    diesem Falle fehlen alle Zeichen von Hysterie (auch Gesichtsfeld
    normal), so daß man Paramyoclonus multiplex annehmen muß. Die
    Erkrankung ist gutartig quoad vitam, jedoch sehr hartnäckig und

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    1721 1892 — Wiener Medizinische Presse. — Nr. 43. 1722

    recidivirt leicht. Eine positive anatomische Grundlage hat sich bisher
    nicht ausfindig machen lassen. Als ätiologisches Moment wurde von
    Friedreich Schreck angegeben, doch lässt sich dies beim vor-
    gestellten Falle mit Sicherheit ausschließen. Alle bisherigen thera-
    peutischen Bestrebungen, als elektrische, hydropathische Proceduren,
    Medicationen der verschiedensten Art sind erfolglos geblieben. Sehr
    interessant ist auch das Auftreten einer beiderseitigen cataractösen
    Trübung der Linse, die auch die Extraction der rechtsseitigen Linse
    durch Prof. Fuchs nöthig machte. Die Cataract trat erst im ver-
    gangenen Jahre auf und ist bei der Jugend der Pat., dem Fehlen
    von Zucker und Eiweiß im Urine ein ursächlicher Zusammenhang
    zwischen Entstehung der Cataracta und der Zuckungen in Erwägung
    zu ziehen.

    Discussion:

    Doc. Dr. Freud bemerkt, daß er bei dem vorgestellten Falle nicht die
    Diagnose „Paramyoclonus“, sondern die Diagnose „Tic convulsif“ stellen würde.
    Er bringe dies aber nicht im Sinne eines Widerspruches vor, denn die An-
    schauungen darüber, was Tic und was Paramyoclonus zu nennen sei, seien
    keineswegs geklärt; jede Ansicht könne Autoritäten für sich anführen. Mit
    der Diagnose P. oder, wie man bequemer sage, „Myoclonie“ habe es ein eigenes
    Bewandtniß. Wenn man die Sammlung durchsehe, die Unverricht in seinem
    Buche „Die Myoclonie“ zusammengetragen habe, so könne man sich der Meinung
    nicht erwehren, daß hier das klinisch Verschiedenartigste beisammen sei, und
    daß kein wesentliches Merkmal aus allen Fällen als gemeinsam herausgehoben
    werden könne. Er habe einmal mit Dr. Rie versucht, diese Sammlung von
    Myoclonie aufzulösen; ein Theil derselben lasse sich als Hysterie, ein anderer
    als Tic convulsif auffassen, noch andere haben bis auf einen einzigen Punkt
    die größte Aehnlichkeit mit Chorea chronica progressiva, wie die eigenen Fälle
    von Unverricht. Dann bleiben noch andere Fälle übrig, von denen man heute
    nicht sagen kann, was sie sind. Dem Friedreich’schen Fall von Paramyoclonus
    sei kaum einer ähnlich.

    Wenn man sich vorhält, was nach Friedreich’s Beschreibung als wesent-
    lich für den Paramyoclonus gelten muß, so ist es hauptsächlich der Charakter
    der Zuckungen, die peripherischer Natur sein sollen, einzelnen Muskelzusammen-
    ziehungen entsprechen, nicht aber complicirten Bewegungsformen oder Gesten;
    daneben wird angeführt, daß diese Zuckungen symmetrisch und ungefähr syn-
    chronisch sein sollen, daß sie durch peripherische Reize verstärkt werden und
    daß die Patellarreflexe gesteigert sind. Redner meine, dieser Charakter der
    Bewegungen sei nicht genügend, den Grund für eine neue klinische Einheit
    abzugeben, wenn er sich unter so fundamental verschiedenen Verhältnissen
    findet, ein Mal bei einer familiären Erkrankung des Kindesalters, die progressiv
    und unheilbar ist, ein anderes Mal bei Erwachsenen als Schreckensneurose und
    leicht heilbar durch Galvanisation. Es gäbe eben keine anderen spontanen
    Charaktere, die sich regelmäßig mit dem myoclonsichen Charakter der Zuckungen
    vereinigen. Paramyoclonus sei darum heute nur eine symptomatische Diagnose
    und müsse zurücktreten, wo die Diagnose einer klinischen Einheit ermöglicht ist.

    Eine solche Diagnose sei die des Tic convulsif und er sehe keinen
    Grund, dem vorgestellten Falle diese Diagnose zu verweigern. Die Muskeln
    der Stimmbildung, des Mundbodens und Nackens, die hier am stärksten be-
    theiligt sind, werden beim Tic am häufigsten ergriffen; die Bewegungen seien
    auch nicht einfache Zuckungen peripherischer oder myoclonischer Natur, sondern
    außerdem sehe man complicirte Gesten, wie sie dem Tic zukommen, bei dem
    sich eben beides findet: Gesten und isolirte Zuckungen. Das unwillkürliche
    Ausstoßen von Worten sei geradezu für den Tic charakteristisch; diese Worte,
    hier „eben“ und „also“, müßten durchaus nicht immer beim Tic coprolalischer
    Natur sein; es sei ja in der Literatur ein Fall bekannt, dessen Tic in dem
    Ausrufe „Maria“ bestand. Die Hemmung der Bewegungen durch die Intention
    sei wiederum ein ausgezeichneter Charakterzug des Tic. Er erwähnt jenen mit
    Tic behafteten Kranken Charcot’s, der trotz seiner Krankheit allabendlich als
    Tänzer im Edentheater auftreten konnte.

    „Tic“ und „Maladie des tics“ seien nicht, wie Vortragender meine, ver-
    schiedene Krankheiten, sondern „maladie des tics“ sei nur eine Bezeichnung
    für eine besonders schwere Form von Tic, die Charcot’s Schüler in ihrer Vor-
    liebe, Typen aufzustellen, mit einem besonderen Namen ausgezeichnet haben.
    Man finde den schweren Tic auch ohne jene psychischen Stigmata „Echolalie,
    Coprolalie“, sowie andererseits diese letzteren ohne jeden motorischen Tic.

    Er stimme also dafür, daß der vorgestellte Fall als ein echter Tic con-
    vulsif zu bezeichnen sei. Der späte Beginn mit 14 Jahren sei ihm auffällig;
    vielleicht hätten leichte Zuckungen, auf die man nicht geachtet, schon früher,
    mit 8—9 Jahren, bestanden. Uebrigens betone er nochmals, daß diese Defini-
    tionen gegenwärtig noch schwanken. Er erinnere sich eines seiner Meinung
    nach typischen Falles von Tic bei einem hervorragenden Wiener Arzte, den
    Eun für Paramyoclonus erklärt hatte. Aus der Diagnose P. gehe eben nichts
    hervor, als der eine Charakter der Zuckungen, der bei diesem Falle nicht zu-
    treffe; die Diagnose Tic umfasse alle Eigenthümlichkeiten desselben. Er habe
    übrigens einen Fall von Paramyoclonus, der für echt gelte, in Paris gesehen
    und müsse sagen, das sei ein ganz anderes, viel unscheinbareres Bild gewesen.

    Dr. Schlesinger betont das Vorhandensein von Zuckungen in sym-
    metrischen Muskeln der Beine, welch letzteres häufig beim Paramyoclonus,
    seltener beim Tic vorkomme.

    Dr. Erben weist darauf hin, daß der Tic convulsif sich mit Contrac-
    turen verbinden kann, während dieselben beim Paramyoclonus nicht vor-
    kommen.

    Dr. Schlesinger bemerkt, daß in seinem Falle Contracturen fehlen.

    Doc. Dr. Freud: Man dürfe nicht vom Tic convulsif verlangen, daß der
    Charakter der Bewegungen ein tonischer sei. Die französische Schule bestreite
    diesen Punkt und habe — nach seiner Meinung mit Unrecht — den Tic-
    bewegungen sogar nur den Charakter von raschen Zuckungen zugesprochen. Zur
    Differentialdiagnose sei also dieser Punkt nicht zu verwerthen.

    Dr. Kahane berichtet über einen einschlägigen Fall, der zu interessanten
    differentialdiagnostischen Erörterungen Anlaß bietet. Es handelt sich um einen
    29jährigen Patienten, dessen Leiden seit dem Frühjahre des gegenwärtigen
    Jahres besteht. Der Kranke litt zuerst an einem mit multipler Absceßbildung
    einhergehenden fieberhaften Processe. Während der Reconvalescenz traten
    plötzlich Parästhesien, Tremor und Zuckungen, vorwiegend in der l. Schulter-
    musculatur, auf; gegenwärtig bietet Pat. Zuckungen, welche vorwiegend in der
    Musculatur des Schulter- und Beckengürtels localisirt sind; dieselben sind sym-
    metrisch und annähernd synchronisch, haben einen blitzartigen Charakter, etwa
    200 in der Minute. Pat. war im Stande, durch Anspannung der gesammten
    Körpermusculatur und der intendirten Bewegungen die Zuckungen zu unterdrücken;
    versuchte man die Zuckungen manuell zu unterdrücken, so zuckte es an anderen
    Stellen lebhafter. Reflexe, Hautreflexerregbarkeit, Sensibilität und motorische
    Kraft, sowie psychische und sensorielle Functionen ohne auffallende Störungen;
    keine hysterischen Stigmata. Besonders bemerkenswerth ist der völlige Rück-
    gang der motorischen Störungen nach Hypnose. Die Heilung war jedoch nur
    temporär und es trat ein Recidiv auf. Nach Auffassung des Redners ist der
    vorwiegend psychischer Natur auftraten. Nach Auffassung des Redners ist der
    Fall ätiologisch und in Bezug auf die Grundkrankheit für die Auffassung der
    Frage bedeutungsvoll.

    Dr. Erben weist auf die Prognose hin, die bei Tic ungünstig, bei Para-
    myoclonus günstig sei, welch letzteres von mehreren Seiten bestritten wird.

    Doc. Dr. Freud bemerkt, daß die Prognose des Paramyoclonus vom
    Grundleiden abhängig sei, die familiären Formen bieten eine besonders un-
    günstige Prognose; von einer Prognose im Allgemeinen könne nicht die Rede
    sein, da, wie er früher bemerkt habe, verschiedene Krankheiten unter dem
    Namen P. m. mitgetheilt wurden.