S.
Zum Problem der Telepathie
Von Sigm. FreudDie folgenden Abschnitte sind der „Neuen Folge
der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse“
entnommen, einem Werke, das in diesem Jahre im
Internationalen Psychoanalytischen Verlag erschienen ist.
Diese neue Folge schließt an die in den Wintersemestern
1915/16 und 1916/17 gehaltenen klassischen „Vor-
lesungen zur Einführung in die Psychoanalyse“ an,
mit einer XXIX. Vorlesung beginnend, da jene mit der
XXVIII. geschlossen hatten, und bringt, diesmal vor ge-
dachter Zuhörerschaft, in sieben Vorlesungen die Fort-
schritte der Psychoanalyse in den letzten eineinhalb
Jahrzehnten zur Darstellung. Wir finden in diesem
Werke die Theorien, die sich in dieser Zeit entwickelt
haben, — die neue Trieblehre, die Ich-Psychologie, die
umfassende Theorie der Angst, — finden die neuen Er-
kenntnisse über die seelische Entwicklung des weiblichen
Kindes, ferner Ergänzungen zu vielen Teilgebieten,
Modifikationen und Ausblicke auf Grenzgebiete. Die
letzte Vorlesung ist der Auseinandersetzung mit den
Weltanschauungen gewidmet. Die folgenden Abschnitte
sind der zweiten Vorlesung des Bandes, der XXX. in
Fortführung der alten Zählung, entnommen; sie ist
„Traum und Okkultismus“ überschrieben.Meine Damen und Herren! Wir werden heute einen
schmalen Weg gehen, aber der kann uns zu einer
weiten Aussicht führen.Die Ankündigung, daß ich über die Beziehung des
Traums zum Okkultismus sprechen werde, kann Sie
kaum überraschen, Der Traum ist ja oft als die
Pforte zur Welt der Mystik betrachtet worden, gilt
heute noch vielen selbst als ein okkultes Phänomen.
Auch wir, die ihn zum Objekt wissenschaftlicher
Untersuchung gemacht haben, bestreiten nicht, daß
ihn ein oder mehrere Fäden mit jenen dunklen Din-
gen verknüpfen. Mystik, Okkultismus, was ist mit9
S.
diesen Namen gemeint? Erwarten Sie keinen Ver-
such von mir, diese schlecht umgrenzten Gebiete
durch Definitionen zu umfassen. In einer allgemeinen .
und unbestimmten Weise wissen wir alle, woran wir
dabei zu denken haben. Es ist eine Art von Jenseits
der hellen, von unerbittlichen Gesetzen beherrschten
Welt, welche die Wissenschaft für uns aufgebaut hat.Der Okkultismus behauptet die reale Existenz
jener „Dinge zwischen Himmel und Erde, von denen
unsere Schulweisheit sich nichts träumen läßt“. Nun,
wir wollen nicht an der Engherzigkeit der Schule
festhalten; wir sind bereit zu glauben, was man uns
glaubwürdig macht.Wir gedenken mit diesen Dingen zu verfahren wie
mit allem anderen Material der Wissenschaft, zu-
nächst festzustellen, ob solche Vorgänge wirklich
nachweisbar sind und dann, aber erst dann, wenn sich
ihre Tatsächlichkeit nicht bezweifeln läßt, uns um
ihre Erklärung zu bemühen. Aber es ist nicht zu
leugnen, daß schon dieser Entschluß uns schwer ge-
macht wird durch intellektuelle, psychologische und
historische Momente, Es ist nicht derselbe Fall, wie
wenn wir an andere Untersuchungen herangehen,Die intellektuelle Schwierigkeit zuerst! Gestatten
Sie mir grobe, handgreifliche Verdeutliehungen. Neh-
men wir an, es handle sich um die Frage nach der Be-
schaffenheit des Erdinnern. Bekanntlich wissen wir
nichts Sicheres darüber. Wir vermuten, daß es aus
schweren Metallen im glühenden Zustand besteht.
Nun stelle einer die Behauptung auf, das Erdinnere
sei mit Kohlensäure gesättigtes Wasser, also eine Art
Sodawasser. Wir werden gewiß sagen, das ist sehr
unwahrscheinlich, widerspricht allen unseren Erwar-
tungen, nimmt keine Rücksicht auf jene Anhalts-10
S.
punkte unseres Wissens, die uns zur Aufstellung
der Metallhypothese geführt haben. Aber undenkbar
ist es immerhin nicht; wenn uns jemand einen Weg
zur Prüfung der Sodawasserhypothese zeigt, werden
wir ihn ohne Widerstand gehen. Aber nun kommt ein
anderer mit der ernsthaften Behauptung, der Erdkern
bestehe aus Marmelade! Dagegen werden wir uns
ganz anders verhalten. Wir werden uns sagen, Mar-
melade kommt in der Natur nicht vor, es ist ein Pro-
dukt der menschlichen Küche, die Existenz dieses
Stoffes setzt außerdem das Vorhandensein von Obst-
bäumen und von deren Früchten voraus, und wir
wüßten nicht, wie wir Vegetation und menschliche
Kochkunst ins Erdinnere verlegen könnten; das Er-
gebnis dieser intellektuellen Einwendungen wird eine
Schwenkung unseres Interesses sein; anstatt auf die
Untersuchung einzugehen, ob wirklich der Erdkern
aus Marmelade besteht, werden wir uns fragen, was
es für ein Mensch sein muß, der auf eine solche Idee
kommen kann und höchstens noch ihn fragen, woher
er das weiß. Der unglückliche Urheber der Marme-
ladetheorie wird schwer gekränkt sein und uns an-
klagen, daß wir ihm aus angeblich wissenschaft-
lichem Vorurteil die objektive Würdigung seiner Be-
hauptung versagen. Aber es wird ihm nichts nützen.
Wir verspüren, daß Vorurteile nicht immer verwerf-
lich sind, daß sie manchmal berechtigt sind, zweck-
mäßig, um uns unnützen Aufwand zu ersparen, Sie
sind ja nichts anderes als Analogieschlüsse nach an-
deren, gut begründeten Urteilen.Eine ganze Anzahl der okkultistischen Behaup-
tungen wirkt auf uns ähnlich wie die Marmelade-
hypothese, so daß wir uns berechtigt glauben, sie
ohne Nachprüfung von vornherein abzuweisen. Aber⑪
S.
es ist doch nicht so einfach. Ein Vergleich wie der
von mir gewählte beweist nichts, beweist so wenig
wie überhaupt Vergleiche. Es bleibt ja fraglich, ob
er paßt, und man versteht, daß die Einstellung der
verächtlichen Verwerfung bereits seine Auswahl be-
stimmt hat. Vorurteile sind manchmal zweckmäßig
und berechtigt, andere Male aber irrtümlich und
schädlich, und man weiß nie, wann sie das eine, wann
sie das andere sind. Die Geschichte der Wissenschaf-
ten selbst ist überreich an Vorfällen, die vor einer
voreiligen Verdammung warnen können. Lange Zeit
galt es auch als eine unsinnige Annahme, daß die
Steine, die wir heute Meteoriten heißen, aus dem
Himmelsraum auf die Erde gelangt sein sollten, oder
daß das Gestein der Berge, das Muschelreste ein-
schließt, einst den Meeresgrund gebildet hätte. Übri-
gens ist es auch unserer Psychoanalyse nicht viel
anders ergangen, als sie mit der Erschließung des
Unbewußten hervortrat. Also haben wir Analytiker
besonderen Grund, mit der Verwendung des intellek-
tuellen Motivs zur Ablehnung neuer Aufstellungen
vorsichtig zu sein, und müssen zugestehen, daß es
uns nicht über Abneigung, Zweifel und Unsicherheit
hinaus fördert.Das zweite Moment habe ich das psychologische
genannt. Ich meine damit die allgemeine Neigung der
Menschen zur Leichtgläubigkeit und Wundergläubig-
keit. Von allem Anfang an, wenn das Leben uns in
seine strenge Zucht nimmt, regt sich in uns ein
Widerstand gegen die Unerbittlichkeit und Monotonie
der Denkgesetze und gegen die Anforderungen der
Realitätsprüfung. Die Vernunft wird zur Feindin, die
uns so viel Lustmóglichkeit vorenthält. Man entdeckt,
welche Lust es bereitet, sich ihr wenigstens zeit-12
S.
weilig zu entziehen und sich den Verlockungen des
Unsinns hinzugeben. Der Schulknabe ergdizt sich an
Wortverdrehungen, der Fachgelehrte verulkt seine
Tätigkeit nach einem wissenschaftlichen Kongreß,
selbst der ernsthafte Mann genießt die Spiele des
Witzes. Ernsthaftere Feindseligkeit gegen „Vernunft
und Wissenschaft, des Menschen allerbeste Kraft“
wartet ihre Gelegenheit ab, sie beeilt sich dem Wun-
derdoktor oder Naturheilkiinstler den Vorzug zu
geben vor dem „studierten‘“ Arzt, sie kommt den Be-
hauptungen des Okkultismus entgegen, solange des-
sen angebliche Tatsachen als Durchbrechungen von
Gesetz und Regel genommen werden, sie schlåfert die
Kritik ein, verfälscht die Wahrnehmungen, erzwingt
Beståtigungen und Zustimmungen, die nicht zu recht-
fertigen sind. Wer diese Neigung der Menschen in
Betracht zieht, hat allen Grund, viele Mitteilungen
der okkultistischen Literatur zu entwerten.Das dritte Bedenken nannte ich das historische
und will damit aufmerksam machen, daß in der Welt
des Okkultismus eigentlich nichts Neues vorgeht, daß
aber in ihr alle die Zeichen, Wunder, Prophezei-
ungen und Geistererscheinungen neuerdings auftre-
ten, die uns aus alten Zeiten und in alten Biichern
berichtet werden und die wir längst als Ausgeburten
ungezügelter Phantasie oder tendenziósen Trugs er-
ledigt zu haben glaubten, als Produkte einer Zeit, in
der die Unwissenheit der Menschheit sehr groß war
und der wissenschaftliche Geist noch in seinen Kin-
derschuhen stak. Wenn wir als wahr annehmen, was
sich nach den Mitteilungen der Okkultisten noch
heute ereignet, so miissen wir auch jene Nachrichten
aus dem Altertum als glaubwiirdig anerkennen. Und
nun besinnen wir uns, daß die Traditionen ihren An-18
S.
spruch auf Glaubwürdigkeit gerade auf solche auBer-
ordentliche und wunderbare Begebenheiten stiitzen
und in ihnen die Beweise fiir das Wirken iiber-
menschlicher Mächte finden. Dann wird es uns schwer,
den Verdacht zu vermeiden, daß das okkultistische
Interesse eigentlich ein religiöses ist, daß es zu den
geheimen Motiven der okkultistischen Bewegung ge-
hört, der durch den Fortschritt des wissenschaftlichen
Denkens bedrohten Religion zu Hilfe zu kommen.
Und mit der Erkenntnis eines solchen Motivs muß
unser Mifitrauen wachsen und unsere Abneigung, uns
in die Untersuchung der angeblichen okkulten Phäno-
mene einzulassen.Aber endlich muß diese Abneigung doch iiber-
wunden werden. Es handelt sich um eine Frage der
Tatsáchlichkeit, ob das, was die Okkultisten erzählen,
wahr ist oder nicht. Das muß doch durch Beobachtung
entschieden werden können. Im Grunde müssen wir
den Okkultisten dankbar sein. Die Wunderberichte
aus alten Zeiten sind unserer Nachprüfung entzogen.
Wenn wir meinen, sie sind nicht zu beweisen, so
müssen wir doch zugeben, sie sind nicht mit aller
Strenge zu widerlegen. Aber was in der Gegenwart
vor sich geht, wobei wir zugegen sein können, dar-
über müssen wir doch ein sicheres Urteil gewinnen
können. Kommen wir zur Überzeugung, daß solche
Wunder heute nicht vorkommen, so fürchten wir den
Einwand nicht, sie könnten sich doch in alten Zeiten
ereignet haben. Andere Erklärungen liegen dann viel
näher. Wir haben also unsere Bedenken abgelegt und
sind bereit an der Beobachtung der okkulten Phäno-
mene teilzunehmen.Zum Unglück treffen wir dann auf Verhältnisse,
die unserer redlichen Absicht äußerst ungünstig sind.14
S.
Die Beobachtungen, von denen unser Urteil abhän-
gen soll, werden unter Bedingungen angestellt, die
unsere Sinneswahrnehmungen unsicher machen, un-
sere Aufmerksamkeit abstumpfen, in der Dunkelheit
oder in spärlichem roten Licht, nach langen Zeiten
leerer Erwartung. Es wird uns gesagt, daß schon
unsere ungläubige, also kritische Einstellung das
Zustandekommen der erwarteten Phänomene zu hin-
dern vermag. Die so hergestellte Situation ist ein
wahres Zerrbild der Umstände, unter denen wir sonst
wissenschaftliche Untersuchungen durchzuführen
pflegen. Die Beobachtungen werden an sogenannten
Medien gemacht, Personen, denen man besondere
„sensitive“ Fähigkeiten zuschreibt, die sich aber
keineswegs durch hervorragende Eigenschaften des
Geistes oder des Charakters auszeichnen, nicht von
einer großen Idee oder einer ernsthaften Absicht ge-
tragen werden wie die alten Wundertäter. Im Gegen-
teil, sie gelten selbst bei denen, die an ihre geheimen
Kräfte glauben, als besonders unzuverlässig; die
meisten von ihnen sind bereits als Betrüger entlarvt
worden, es liegt uns nahe zu erwarten, daß den übri-
gen dasselbe bevorsteht. Was sie leisten, macht den
Eindruck von mutwilligen Kinderstreichen oder Ta-
schenspielerkunststiicken. Noch niemals ist in den
Sitzungen mit diesen Medien etwas Brauchbares her-
ausgekommen, etwa eine neue Kraftquelle zugänglich
gemacht worden. Freilich erwartet man auch keine
Förderung der Taubenzucht von dem Kunststück des
Taschenspielers, der Tauben aus seinem leeren Zylin-
derhut zaubert. Ich kann mich leicht in die Lage
eines Menschen versetzen, der die Anforderung der
Objektivität erfüllen will und darum an den okkul-
tistischen Sitzungen teilnimmt, aber nach einer Weile15
S.
ermiidet und von den an ihn gestellten Zumutungen
abgestoflen, sich abwendet und unbelehrt zu seinen
friheren Vorurteilen zuriickkehrt. Man kann einem
solchen vorhalten, das sei auch nicht das richtige Be-
nehmen, Phänomenen, die man studieren wolle, dürfe
man nicht vorschreiben, wie sie sein und unter wel-
chen Bedingungen sie auftreten sollen, Es sei viel-
mehr geboten auszuharren und die Vorsichts- und
Kontrollmaßregeln zu würdigen, durch die man sich
neuerdings gegen die Unzuverlässigkeit der Medien
zu schützen bemüht ist. Leider macht diese moderne
Sicherungstechnik der leichten Zugänglichkeit ok-
kultistischer Beobachtungen ein Ende. Das Studium
des Okkultismus wird ein besonderer, schwieriger
Beruf, eine Tätigkeit, die man nicht neben seinen
sonstigen Interessen betreiben kann. Und bis die da-
mit beschäftigten Forscher zu Entscheidungen ge-
kommen sind, bleibt man dem Zweifel und seinen
eigenen Vermutungen überlassen.Unter diesen Vermutungen die wahrscheinlichste
ist wohl die, daß es sich beim Okkultismus um einen
realen Kern von noch nicht erkannten Tatsachen
handelt, den Trug und Phantasiewirkung mit einer
schwer durchdringbaren Hülle umsponnen haben.
Aber wie können wir uns diesem Kern auch nur an-
nähern, an welcher Stelle das Problem angreifen?
Hier meine ich, kommt uns der Traum zu Hilfe, in-
dem er uns den Wink gibt, aus all dem Wust das
Thema der Telepathie herauszugreifen.Sie wissen, Telepathie nennen wir die angebliche
Tatsache, daß ein Ereignis, welches zu einer bestimm-
ten Zeit vorfällt, etwa gleichzeitig einer räumlich
entfernten Person zum Bewußtsein kommt, ohne daß
die uns bekannten Wege der Mitteilung dabei in Be-16
S.
tracht kåmen. Stillsehweigende Voraussetzung ist,
daß dies Ereignis eine Person betrifft, an welcher die‘andere, der Empfänger der Nachricht, ein starkes
emotionelles Interesse hat. Also z. B. die Person A
erleidet einen Unfall, oder sie stirbt und die Person
B, eine ihr nahe verbundene, die Mutter, Tochter
oder Geliebte, erfåhrt es ungefåhr zur gleichen Zeit
durch eine Gesichts- oder Gehórswahrnehmung; im
letzteren Falle also so, als ob sie telephonisch ver-
ståndigt worden wäre, was aber nicht der Fall ge-
wesen ist, gewissermaßen ein psychisches Gegen-
stück zur drahtlosen Telegraphie. Ich brauche vor
Ihnen nicht zu betonen, wie unwahrscheinlich solche
Vorgånge sind, Auch darf man die meisten dieser Be-
richte mit guten Griinden ablehnen; einige bleiben
übrig, bei denen dies nicht so leicht ist. Gestatten Sie
mir nun, daß ich, fiir den Zweck meiner beabsich-
tigten Mitteilung, das vorsichtige Wórtchen „angeb-
lich“ weglasse und so fortsetze, als glaubte ich an
die objekte Realität des telepathischen Phänomens.
Aber halten Sie daran fest, daß dies nicht der Fall ist,
daß ich mich auf keine Überzeugung festgelegt habe.Ich habe Ihnen eigentlich wenig mitzuteilen, nur
eine unscheinbare Tatsache. Ich will Thre Erwartung
auch gleich weiter einschriinken, indem ich Ihnen
sage, daß der Traum im Grunde wenig mit der Tele-
pathie zu tun hat. Weder wirft die Telepathie ein
neues Licht auf das Wesen des Traums, noch legt der
Traum ein direktes Zeugnis fiir die Realität der
Telepathie ab. Das telepathische Phänomen ist auch
gar nicht an den Traum gebunden, es kann sich auch
während des Wachzustandes ereignen. Der einzige
Grund, die Beziehung zwischen Traum und Tele-
pathie zu erörtern, liegt darin, daß der Schlafzustand2 Almanach 1984 17
S.
zur Aufnahme der telepathischen Botschaft besonders
geeignet erscheint. Man erhält dann einen sogenannt
telepathischen Traum und überzeugt sich bei dessen
Analyse, daß die telepathische Nachricht dieselbe
Rolle gespielt hat wie ein anderer Tagesrest und wie
ein solcher von der Traumarbeit verändert und ihrer
Tendenz dienstbar gemacht worden ist.In der Analyse eines solchen telepathischen Traums
ereignet sich nun das, was mir interessant genug
schien, um es trotz seiner Geringfiigigkeit zum Aus-
gangspunkt fiir diese Vorlesung zu wählen, Als ich
im Jahre 1922 die erste Mitteilung iiber diesen Gegen-
stand machte, stand mir erst nur eine Beobachtung
zur Verfügung. Seither habe ich manche ähnliche ge-
macht, aber ich bleibe beim ersten Beispiel, weil es
sich am leichtesten darstellen läßt, und werde Sie
sogleich in medias res einführen.Ein offenbar intelligenter, nach seiner Behauptung
keineswegs „okkultistisch angehauchter“ Mann,
schreibt mir über einen Traum, der ihm merkwürdig
erscheint. Er schickt voraus, seine verheiratete, ent-
fernt von ihm lebende Tochter erwarte Mitte Dezem-
ber ihre erste Niederkunft. Diese Tochter steht ihm
sehr nahe, er weiß auch, daß sie sehr innig an ihm
hängt. Nun träumt er in der Nacht vom 16. auf den
17. November, daß seine Frau Zwillinge geboren hat.
Es folgen mancherlei Einzelheiten, die ich hier über-
gehen kann, die auch nicht alle Aufklärung gefunden
haben. Die Frau, die im Traum Mutter der Zwillinge
geworden ist, ist seine zweite Frau, die Stiefmutter
der Tochter. Er wünscht sich keine Kinder von dieser
Frau, der er die Eignung zur verständigen Kinder-
erziehung abspricht, hatte auch zur Zeit des Traums
den Geschlechtsverkehr mit ihr lange ausgesetzt.18
S.
Was ihn veranlafit mir zu schreiben, ist nicht ein
Zweifel an der Traumlehre, zu dem ihn der manifeste
Trauminhalt berechtigt hätte, denn warum läßt der
"Traum im vollen Gegensatz zu seinen Wünschen
diese Frau Kinder gebären? Auch zu einer Befürch-
tung, daß dies unerwünschte Ereignis eintreffen
könnte, lag nach seiner Auskunft kein Anlaß vor.
Was ihn bewog, mir von diesem Traum zu berichten,
war der Umstand, daß er am 18. November früh die
telegraphische Nachricht erhielt, die Tochter sei mit
Zwillingen niedergekommen. Das Telegramm war
tags vorher aufgegeben worden, die Geburt in der
Nacht vom 16, auf den 17. erfolgt, ungefähr zur glei-
chen Stunde, als er von der Zwillingsgeburt seiner
Frau träumte. Der Träumer fragt mich, ob ich das
Zusammentreffen von Traum und Ereignis für zu-
fällig halte. Er getraut sich nicht, den Traum einen
telepathischen zu nennen, denn der Unterschied zwi-
schen Trauminhalt und Ereignis betrifft gerade das,
was ihm das Wesentliche scheint, die Person der Ge-
bärenden. Aber aus einer seiner Bemerkungen geht
hervor, daß er sich über einen richtigen telepathi-
schen Traum nicht verwundert hätte. Die Tochter,
meint er, habe in ihrer schweren Stunde sicher „be-
sonders an ihn gedacht".Meine Damen und Herren! Ich bin sicher, Sie kón-
nen sich diesen Traum bereits erklüren und verstehen
auch, warum ieh ihn Ihnen erzühlt habe. Da ist ein
Mann, mit seiner zweiten Frau unzufrieden, er móchte
lieber eine Frau haben wie seine Tochter aus erster
Ehe. Fürs Unbewufte entfällt natürlich dieses Wie.
Nun trifft ihn nüchtlieher Weile die telepathische
Botschaft, die Tochter hat Zwillinge geboren. Die
Traumarbeit bemüchtigt sich dieser Nachricht, läßt2 19
S.
den unbewuBten Wunsch auf sie einwirken, der die
Tochter an die Stelle der zweiten Frau setzen möchte,
und so entsteht der befremdende manifeste Traum,
der den Wunsch verhiillt und die Botschaft entstellt.
Wir müssen sagen, erst die Traumdeutung hat uns
gezeigt, daß es ein telepathischer Traum ist, die
Psychoanalyse hat einen telepathischen Tatbestand
aufgedeckt, den wir sonst nicht erkannt hätten.
Aber lassen Sie sich ja nicht irrefiihren! Trotzdem
hat die Traumdeutung nichts über die objekte Wahr-
heit des telepathisehen Tatbestandes ausgesagt. Es
kann auch ein Anschein sein, der sich auf andere Weise
aufklären läßt. Es ist möglich, daß die latenten Traum-
gedanken des Mannes gelautet haben: Heute ist ja der
Tag, an dem die Entbindung erfolgen müßte, wenn
die Tochter, wie ich eigentlich glaube, sich um einen
Monat verrechnet hat. Und ihr Aussehen war schon
damals, als ich sie zuletzt sah, so, als ob sie Zwil-
linge haben wiirde. Und meine verstorbene Frau war
so kinderlieb, wie würde die sich über Zwillinge ge-
freut haben! (Letzteres Moment setze ich nach noch
nicht erwähnten Assoziationen des Träumers ein.)
In diesem Fall wären gut begründete Vermutungen
des Träumers, nicht eine telepathische Botschaft der
Anreiz zum Traum gewesen, der Erfolg bliebe der
nämliche. Sie sehen, auch diese Traumdeutung hat
nichts iiber die Frage ausgesagi, ob man der Tele-
pathie objektive Realität zugestehen darf. Das ließe
sich nur durch eingehende Erkundigung nach allen
Verhältnissen des Vorfalles entscheiden, was leider
bei diesem Beispiel ebenso wenig möglich war wie
bei den anderen meiner Erfahrung. Zugegeben, daß
die Annahme der Telepathie die bei weitem einfachste
Erklärung gibt, aber damit ist nicht viel gewonnen.20
S.
Die einfachste Erklärung ist nicht immer die richtige,
die Wahrheit ist sehr oft nicht einfach, und ehe man
sich zu einer so weittragenden Annahme entschließt,
will man alle Vorsichten eingehalten haben:Das Thema: Traum und Telepathie können wir
jetzt verlassen, ich habe Ihnen nichts mehr darüber
zu sagen. Aber beachten Sie wohl, nicht der Traum
schien uns etwas über die Telepathie zu lehren, son-
dern die Deutung des Traumes, die psychoanalytische
Bearbeitung. Somit können wir im Folgenden vom
Traum ganz absehen und wollen der Erwartung nach-
gehen, daß die Anwendung der Psychoanalyse einiges
Licht auf andere, okkult geheißene Tatbestände wer-
fen kann. Da ist z. B. das Phänomen der Induktion
oder Gedankeniibertragung, das der Telepathie sehr
nahe steht, eigentlich ohne viel Zwang mit ihr ver-
einigt werden kann. Es besagt, daß seelische Vor-
gånge in einer Person, Vorstellungen, Erregungszu-
stinde, Willensimpulse sich durch den freien Raum
auf eine Person übertragen können, ohne die bekann-
ten Wege der Mitteilung durch Worte und Zeichen zu
gebrauchen. Sie verstehen, wie merkwürdig, viel-
leicht auch praktisch bedeutsam es wäre, wenn der-
gleichen wirklich vorkåme. Nebenbei gesagt, ist es
verwunderlich, daß gerade von diesem Phänomen in
den alten Wunderberichten am wenigsten die Rede ist.Während der psychoanalytischen Behandlung von
Patienten habe ich den Eindruck bekommen, daß das
Treiben der berufsmáfigen Wahrsager eine günstige
Gelegenheit verbirgt, um besonders einwandfreie
Beobachtungen über Gedankenübertragung anzustel-
len. Das sind unbedeutende oder selbst minderwertige
Personen, die sich irgendeiner Hantierung hingeben,
Karten aufschlagen, Schriften und Handlinien studie-21
S.
ren, astrologische Berechnungen anstellen und dabei
ihren Besuchern die Zukunft vorhersagen, nachdem
sie sich mit Stiicken von deren vergangenen oder
gegenwärtigen Schicksalen vertraut gezeigt haben.
Ihre Klienten zeigen sich meistens recht befriedigt
durch diese Leistungen und sind ihnen auch nicht
gram, wenn die Prophezeiungen späterhin nicht ein-
treffen. Ich bin mehrerer solcher Fälle habhaft ge-
worden, konnte sie analytisch studieren und werde
Ihnen gleich das merkwürdige dieser Beispiele er-
zählen. Leider wird die Beweiskraft dieser Mitteilun-
gen durch die zahlreichen Verschweigungen beein-
trächtigt, zu denen mich die Pflicht der ärztlichen
Diskretion nötigt. Entstellungen habe ich aber mit
strengem Vorsatz vermieden, Hören Sie also die Ge-
schichte einer meiner Patientinnen, die ein solches
Erlebnis mit einem Wahrsager gehabt hat.Sie war die älteste einer Reihe von Geschwistern
gewesen, in einer außerordentlich starken Vater-
bindung aufgewachsen, hatte jung geheiratet, in der
Ehe volle Befriedigung gefunden. Zu ihrem Glück
fehlte nur eines, daß sie kinderlos geblieben war,
ihren geliebten Mann also nicht völlig an die Stelle
des Vaters rücken konnte. Als sie nach langen Jah-
ren der Enttäuschung sich zu einer gynäkologischen
Operation entschließen wollte, machte ihr der Mann
die Eröffnung, daß die Schuld an ihm liege, er sei
durch eine Erkrankung vor der Ehe unfähig zur
Kinderzeugung geworden. Diese Enttäuschung ver-
trug sie schlecht, wurde neurotisch, litt offenbar an
Versuchsängsten. Um sie aufzuheitern, nahm sie der
Mann auf eine Geschäftsreise nach Paris mit. Dort
saßen sie eines Tages in der Halle des Hotels, als ihr
eine gewisse Geschäftigkeit unter den Angestellten22
S.
auffiel. Sie fragte, was es gäbe und erfuhr, Monsieur
le professeur sei gekommen und erteilte Konsultatio-
nen in jenem Kabinett. Sie äußerte ihren Wunsch,
auch einen Versuch zu machen. Der Mann schlug es
ab, aber in einem unbewachien Moment war sie in
den Konsultationsraum geschlüpft und stand vor dem
Wahrsager. Sie war 27 Jahre alt, sah viel jünger aus,
hatte den Ehering abgelegt. Monsieur le professeur
lief sie die Hand auf eine Tasse legen, die mit Asche
gefiillt war, studierte sorgfåltig den Abdruck, erzåhlte
ihr dann allerlei von schweren Kåmpfen, die ihr be-
vorstiinden, und schloß mit der trústlichen Versiche-
rung, sie werde doch noch heiraten und mit 32 Jahren
zwei Kinder haben. Als sie mir diese Geschichte er-
zåhlte, war sie 43 Jahre alt, schwer krank und ohne
jede Aussicht jemals ein Kind zu bekommen. Die
Prophezeiung war also nicht cingetroffen, doch sprach
sie von ihr keineswegs mit Bitterkeit, sondern mit
dem unverkennbaren Ausdruck der Befriedigung, als
ob sie ein erfreuliches Erlebnis erinnern wiirde. Es
war leicht festzustellen, daß sie nicht die leiseste
Ahnung hatte, was die beiden Zahlen der Prophezei-
ung bedeuten könnten und ob sie überhaupt etwas
bedeuten.Sie werden sagen, das ist eine dumme und unver-
ståndliche Geschichte, und fragen, wozu ich sie Ihnen
erzählt habe. Nun ich wäre ganz Ihrer Meinung, wenn
nicht — und das ist jetzt der springende Punkt — die
Analyse uns eine Deutung jener Prophezeiung ermôg-
lichte, die gerade durch die Aufklärung der Details
zwingend wirkt. Die beiden Zahlen finden nämlich
ihren Platz im Leben der Mutter meiner Patientin.
Diese hatte spät geheiratet, nach dreißig, und man
hatte in der Familie oft dabei verweilt, daß sie sich23
S.
so erfolgreich beeilt hatte, das Versäumte nachzu-
holen. Die beiden ersten Kinder, unsere Patientin
voran, wurden mit dem kleinsten möglichen Inter-
vall in dem gleichen Kalenderjahr geboren und mit
32 Jahren hatte sie wirklich schon zwei Kinder. Was
Monsieur le professeur meiner Patientin gesagt hatte,
hieß also: Trösten Sie sich, Sie sind noch so jung. Sie
werden noch dasselbe Schicksal haben wie Ihre Mut-
ter, die auch lange auf Kinder warten mußte, werden
zwei Kinder haben mit 32 Jahren. Aber, dasselbe
Schicksal zu haben wie die Mutter, sich an ihre Stelle
zw setzen, ihren Platz beim Vater einzunehmen, das
war ja der stärkste Wunsch ihrer Jugend gewesen,
der Wunsch, an dessen Nichterfüllung sie jetzt zu er-
kranken begann. Die Prophezeiung versprach ihr, daß
er doch noch zur Erfüllung kommen werde; wie sollte
sie gegen den Propheten anders als freundlich fühlen
können? Aber halten Sie es für möglich, daß Mon-
sieur le professeur mit den Daten der intimen Fami-
liengeschichte seiner zufälligen Klientin vertraut
war? Unmöglich; woher kam ihm also die Kenntnis,
die ihn befähigte, den stärksten und geheimsten
Wunsch der Patientin durch die Aufnahme der beiden
Zahlen in seine Prophezeiung auszudrücken? Ich
sehe nur zwei Möglichkeiten der Erklärung. Ent-
weder ist die Geschichte, so wie sie mir erzählt
wurde, nicht wahr, hat sich anders zugetragen oder
es ist anzuerkennen, daß eine Gedankenübertragung
als reales Phänomen besteht. Man kann freilich die
Annahme machen, daß die Patientin nach einem In-
tervall von 16 Jahren die beiden Zahlen, auf die es
ankommt, aus ihrem Unbewußten in jene Erinnerung
eingesetzt hat. Ich habe keinen Anhaltspunkt für
diese Vermutung, aber ich kann sie nicht ausschlie-24
S.
Ben und ich stelle mir vor, daß Sie eher bereit sein
werden, an eine solche Auskunft zu glauben als an
die Realität der Gedankenübertragung. Wenn Sie sich
zu letzterem entschließen, vergessen Sie nicht daran,
daß erst die Analyse den okkulten Tatbestand ge-
schaffen, ihn aufgedeckt hat, wo er bis zur Unkennt-
lichkeit entstellt war.Handelte es sich nur um einen solchen Fall wie
den meiner Patientin, so würde man achselzuckend
über ihn hinweggehen. Niemand fällt es ein, einen
Glauben, der eine so entscheidende Wendung bedeu-
tet, auf einer vereinzelten Beobachtung aufzubauen.
Aber glauben Sie meiner Versicherung, es ist nicht
der einzige Fall in meiner Erfahrung. Ich habe eine
ganze Reihe von solchen Prophezeiungen gesammelt
und von allen den Eindruck gewonnen, daß der Wahr-
sager nur die Gedanken der ihn befragenden Per-
sonen und ganz besonders ihre geheimen Wünsche
zum Ausdruck gebracht hatte, daß man also berech-
tigt war, solche Prophezeiungen zu analysieren, als
wären es subjektive Produktionen, Phantasien oder
Träume der Betreffenden. Natürlich sind nicht alle
Fälle gleich beweiskräftig und nicht in allen ist es
gleich möglich, rationellere Erklärungen auszu-
schließen, aber es bleibt doch vom Ganzen ein starker
Überschuß von Wahrscheinlichkeit zu Gunsten einer
tatsächlichen Gedankenübertragung übrig. Die Wich-
tigkeit des Gegenstandes würde es rechtfertigen, daß
ich Ihnen alle meine Fälle vorführe, aber das kann
ich nicht, wegen der Weitläufigkeit der dazu nötigen
Darstellung und der dabei unvermeidlichen Verlet-
zung der schuldigen Diskretion. Ich versuche es, mein
Gewissen möglichst zu beschwichtigen, wenn ich
Ihnen noch einige Beispiele gebe.25
S.
Eines Tages sucht mich ein hochintelligenter jun-
ger Mann auf, ein Student vor seinen letzten Doktor-
priifungen, aber nicht im Stande sie abzulegen, denn,
wie er klagt, hat er alle Interessen, Konzentrations-
fåhigkeit, selbst die Moglichkeit geordneter Erinne-
rung verloren. Die Vorgeschichte dieses lähmungs-
artigen Zustandes ist bald aufgedeckt, er ist nach
einer Leistung großer Selbstiiberwindung erkrankt.
Er hat eine Schwester, an der er mit intensiver, aber
stets verhaltener Liebe hing, wie sie an ihm. Wie
schade, daß wir beide uns nicht heiraten können, hieß
es oft genug unter ihnen. Ein würdiger Mann ver-
liebte sich in diese Schwester, sie erwiderte die Nei-
gung, aber die Eltern gaben die Verbindung nicht zu.
In dieser Notlage wandte sich das Paar an den Bru-
der, der ihnen auch seine Hilfe nicht versagte. Er
vermittelte die Korrespondenz zwischen ihnen, seinem
Einfluß gelang es auch, die Eltern endlich zur Zu-
stimmung zu bewegen. In der Verlobungszeit ereig-
nete sich allerdings ein Zufall, dessen Bedeutung
leicht zu erraten ist. Er unternahm eine schwierige
Bergpartie mit dem zukünftigen Schwager führerlos,
die beiden verloren den Weg und gerieten in die Ge-
fahr, nicht mehr heil zurückzukommen. Kurz nach
der Heirat der Schwester geriet er in jenen Zustand
seelischer Erschöpfung.Durch den Einfluß der Psychoanalyse arbeitsfähig
geworden, verließ er mich, um seine Prüfungen zu
machen, kam aber nach deren glücklichen Erledigung
im Herbst desselben Jahres für kurze Zeit zu mir
zurück, Er berichtete mir dann über ein merkwür-
diges Erlebnis, das er vor dem Sommer gehabt hatte.
In seiner Universitätsstadt gab es eine Wahrsagerin,
die sich eines großen Zulaufs erfreute. Auch die Prin-26
S.
zen des Herrscherhauses pflegten sie vor wichtigen
Unternehmungen regelmäßig zu konsultieren. Die
Art, wie sie arbeitete, war sehr einfach. Sie ließ sich
die Geburtsdaten einer bestimmten Person geben,
verlangte nichts anderes von ihr zu wissen, auch
nicht den Namen, dann schlug sie in astrologischen
Büchern nach, machte lange Berechnungen und am
Ende gab sie eine Prophezeiung über die betreffende
Person von sich. Mein Patient beschloß, ihre Geheim-
kunst für seinen Schwager in Anspruch zu nehmen.
Er besuchte sie und nannte ihr die verlangten Daten
von seinem Schwager. Nachdem sie ihre Rechnungen
angestellt hatte, tat sie die Prophezeiung: Diese Per-
son wird im Juli oder August dieses Jahres an einer
Krebs- oder Austernvergiftung sterben. Mein Patient
schloß dann seine Erzählung mit den Worten: „Und
das war ganz großartig!‘Ich hatte von Anfang an unwillig zugehört. Nach
diesem Ausruf gestattete ich mir die Frage: Was fin-
den Sie an dieser Prophezeiung so großartig? Wir
sind jetzt im Spätherbst, Ihr Schwager ist nicht ge-
storben, das hätten Sie mir längst erzählt. Also ist
die Prophezeiung nicht eingetroffen. Das allerdings
nicht, meinte er, aber das Merkwürdige ist folgen-
des. Mein Schwager ist ein leidenschaftlicher Lieb-
haber von Krebsen und Austern und hat sich im vori-
gen Sommer — also vor dem Besuch bei der Wahr-
sagerin — eine Austernvergiftung zugezogen, an der
er fast gestorben wäre. Was sollte ich darauf sagen?
Ich konnte mich nur ärgern, daß der hochgebildete
Mann, der überdies eine erfolgreiche Analyse hinter
sich hatte, den Zusammenhang nicht besser durch-
schaute. Ich für meinen Teil, ehe ich daran glaube,
daß man aus astrologischen Tafeln den Eintritt einer27
S.
Krebs- oder Austernvergiftung berechnen kann, will
lieber annehmen, daß mein Patient den Haß gegen
den Rivalen noch immer nicht überwunden hatte, an
dessen Verdrängung er seinerzeit erkrankt war, und
daß die Astrologin einfach seine eigene Erwartung
aussprach: solche Liebhabereien gibt man nicht auf
und eines Tages wird er doch daran zu Grund gehen.
Ich gestehe, daB ich fiir diesen Fall keine andere Er-
klårung weiß außer vielleicht, daß mein Patient sich
einen Scherz mit mir erlaubt hat. Aber er gab mir
weder damals noch später Grund zu diesem Verdacht
und schien, was er sagte, ernsthaft zu meinen.Ein anderer Fall. Ein junger Mann in angesehener
Stellung unterhält ein Verhältnis mit einer Lebe-
dame, in dem sich ein merkwiirdiger Zwang durch-
setzt. Von Zeit zu Zeit muß er die Geliebte durch
spottende und héhnende Reden kränken, bis sie in
helle Verzweiflung gerät. Hat er sie so weit gebracht,
so ist er erleichtert, er versöhnt sich mit ihr und he-
schenkt sie. Aber er möchte jetzt frei von ihr werden,
der Zwang ist ihm unheimlich, er merkt, daß sein
eigener Ruf unter diesem Verhiltnis leidet, er will
eine eigene Frau haben, eine Familie griinden. Nur,
daß er mit eigener Kraft/nicht von der Lebedame
loskommt, er nimmt dazu die Hilfe der Analyse in
Anspruch. Nach einer solchen Beschimpfungsszene,
schon während der Analyse, läßt er sich von ihr ein
Kärtchen schreiben, das er einem Schriftkundigen
vorlegt. Die Auskunft, die er von ihm erhält, lautet:
Das ist die Schrift eines Menschen in äußerster Ver-
zweiflung, die Person wird sich gewiß in den aller-
nächsten Tagen umbringen. Das geschieht zwar nicht,
die Dame bleibt am Leben, aber der Analyse gelingt
es, seine Fesseln zu lockern; er verläßt die Dame und28
S.
wendet sich einem jungen Mädchen zu, von dem er
erwartet, daß es eine brave Frau für ihn werden
kann. Bald nachher erscheint ein Traum, der nur auf
einen beginnenden Zweifel an dem Wert dieses Mäd-
chens gedeutet werden kann. Er nimmt auch von ihr
eine Schriftprobe, die er derselben Autorität vorlegt,
und hört ein Urteil über ihre Schrift, das seine Be-
sorgnisse bestätigt. Er giht also die Absicht, sie zu
seiner Frau zu machen, auf.Um die Gutachten des Schriftkundigen, zumal das
erste zu würdigen, muß man etwas von der Geheim-
geschichte unseres Mannes wissen. Im frühen Jüng-
lingsalter hatte er sich, seiner leidenschaftlichen
Natur entsprechend, bis zur Raserei in eine junge
Frau verliebt, die immerhin älter war als er. Von ihr
abgewiesen, machte er einen Selbstmordversuch, an
dessen ernster Absicht man nicht zweifeln kann, Nur
durch ein Ungefähr entging er dem Tode und erst
nach langer Pflege war er hergestellt. Aber diese
wilde Tat machte auf die geliebte Frau einen tiefen
Eindruck, sie schenkte ihm ihre Gunst, er wurde ihr
Liebhaber, blieb ihr von da an heimlich verbunden
und diente ihr in echt ritterlicher Weise, Nach mehr
als zwei Dezennien, als sie beide gealtert waren, die
Frau natürlich mehr als er, erwachte in ihm das Be-
dürfnis, sich von ihr abzulösen, frei zu werden, ein
eigenes Leben zu führen, selbst ein Haus und eine
Familie zu gründen. Und gleichzeitig mit diesem
Überdruß stellte sich bei ihm das lange unterdrückte
Bedürfnis nach Rache an der Geliebten ein. Hatte er
sich einst umbringen wollen, weil sie ihn verschmäht
hatte, so wollte er jetzt die Genugtuung haben, daß
sie den Tod suchte, weil er sie verließ, Aber seine
Liebe war noch immer zu stark, als daß dieser Wunsch29
S.
ihm bewußt werden konnte; auch war er nicht im-
stande, ihr genug Böses anzutun, um sie in den Tod
zu treiben. In dieser Gemiitslage nahm er die Lebe-
dame gewissermaßen als Priigelknaben auf, um in
corpore vili seinen Rachedurst zu befriedigen und
gestattete sich an ihr alle Quålereien, von denen er
erwarten konnte, sie wiirden bei ihr den Erfolg
haben, den er bei der geliebten Frau wünschte. Daß
die Rache eigentlich dieser letzteren galt, verriet sich
nur durch den Umstand, daB er die Frau zur Mit-
wisserin und Ratgeberin in seinem Liebesverhåltnis
machte, anstatt ihr seinen Abfall zu verbergen. Die
Arme, die längst von der Geberin zur Empfångerin
herabgesunken war, litt unter seiner Vertraulichkeit
wahrscheinlich mehr als die Lebedame unter seiner
Brutalitåt. Der Zwang, iiber den er sich bei der Er-
satzperson beklagte, und der ihn in die Analyse trieb,
war natiirlieh von der alten Geliebten her auf sie
übertragen; diese letztere war es, von der er sich frei
machen wollte und nicht konnte. Ich bin kein Schrif-
tenkenner und halte nicht viel von der Kunst, aus der
Schrift den Charakter zu erraten, noch weniger
glaube ich an die Møglichkeit, auf diesem Wege die
Zukunft des Schreibers vorherzusagen. Sie sehen
aber, wie immer man iiber den Wert der Graphologie
denken mag, es ist unverkennbar, daß der Sachver-
ständige, wenn er versprach, daß der Schreiber der
ihm vorgelegten Probe sich in den nächsten Tagen
umbringen werde, wiederum nur einen starken ge-
heimen Wunsch der ihn befragenden Person ans
Licht gezogen hatte. Etwas ähnliches geschah dann
auch beim zweiten Gutachten, nur daß hier nicht ein
unbewußter Wunsch in Betracht kam, sondern daß
die keimenden Zweifel und Besorgnisse des Befragen-30
S.
den durch den Mund des Schriftkundigen einen klaren
Ausdruck fanden. Meinem Patienten gelang es iibri-
gens mit Hilfe der Analyse eine Liebeswahl zu tref-
fen außerhalb des Zauberkreises, in den er gebannt
gewesen war.Ich bin iiberzeugt, Sie werden mit meiner Ein-
stellung zu diesem Problem: nicht völlig überzeugt
und doch zur Uberzeugung bereit, nicht sehr zufrie-
den sein. Vielleicht sagen Sie sich: Das ist wieder
so ein Fall, daß ein Mensch, der sein Leben lang
rechtschaffen als Naturforscher‘ gearbeitet hat, im
Alter schwachsinnig, fromm und leichtgläubig wird.
Ich weiß, einige große Namen gehören in diese Reihe,
aber mich sollen Sie nicht dazu rechnen. Fromm
wenigstens bin ich nicht geworden, ich hoffe, auch
nicht leichtglåubig. Nur, wenn man sich sein Leben
lang gebiickt gehalten hat, um einem schmerzhaften
Zusammensto mit den Tatsachen auszuweichen, so
behält man auch im Alter den krummen Rücken, der
sich vor neuen Tatsächlichkeiten beugt. Ihnen wire
es gewiß lieber, ich hielte an einem gemäßigten Theis-
mus fest und zeigte mich unerbittlich in der Ableh-
nung alles Okkulten. Aber ich bin unfähig um Gunst
zu werben, ich muß Ihnen nahe legen, über die objek-
tive Möglichkeit der Gedankenübertragung und damit
auch der Telepathie freundlicher zu denken,Sie vergessen nicht, daß ich diese Probleme hier
nur insoweit behandelt habe, als man sich ihnen von
der Psychoanalyse her annähern kann. Als sie vor
länger als zehn Jahren zuerst in meinen Gesichts-
kreis traten, verspürte auch ich die Angst vor einer
Bedrohung unserer wissenschaftlichen Weltanschau-
ung, die im Falle, als sich Stücke des Okkultismus81
S.
bewahrheiten, dem Spiritismus oder der Mystik den
Platz räumen müßte. Ich denke heute anders; ich
meine, es zeugt von keiner großen Zuversicht zur
Wissenschaft, wenn man ihr nicht zutraut, daß sie
auch aufnehmen und verarbeiten kann, was sich etwa
an den okkulten Behauptungen als wahr herausstellt.
Und was besonders die Gedankeniibertragung betrifft,
so scheint sie die Ausdehnung der wissenschaftlichen
— Gegner sagen: mechanistischen — Denkweise auf
das so schwer fafibare Geistige geradezu zu begiin-
stigen. Der telepathische Vorgang soll ja darin be-
stehen, daB ein seelischer Akt der einen Person den
nåmlichen seelischen Akt bei einer anderen Person
anregt. Was zwischen den beiden seelischen Akten
liegt, kann leicht ein physikalischer Vorgang sein,
in den sich das Psychische an einem Ende umsetzt
und der sich am anderen Ende wieder in das gleiche
Psychische umsetzt. Die Analogie mit anderen Um-
setzungen wie beim Sprechen und Hören am Telephon
wäre dann unverkennbar. Und denken Sie, wenn man
dieses physikalischen Aquivalents des psychischen
Akts habhaft werden könnte! Ich möchte sagen, durch
die Einschiebung des UnbewuBten zwischen das Phy-
sikalische und das bis dahin Psychisch-Genannte hat
uns die Psychoanalyse fiir die Annahme solcher Vor-
gånge wie die Telepathie vorbereitet. Gewöhnt man
sich erst an die Vorstellung der Telepathie, so kann
man mit ihr viel ausrichten, allerdings vorläufig nur
in der Phantasie, Man weiß bekanntlich nicht, wie
der Gesamtwille in den großen Insektenstaaten zu-
stande kommt. Möglicherweise geschieht es auf dem
Wege solch direkter psychischer Übertragung. Man
wird auf die Vermutung geführt, daß dies der ur-
sprüngliche, archaische Weg der Verständigung un- |32
S.
ter den Einzelwesen ist, der im Lauf der phylogene-
tischen Entwicklung durch die bessere Methode der
Mitteilung mit Hilfe von Zeichen zuriickgedrångt wird,
die man mit den Sinnesorganen aufnimmt. Aber die
ältere Methode könnte im Hintergrund erhalten blei-
hen und sich unter gewissen Bedingungen noch durch-
setzen, z. B. auch in leidenschaftlich erregten Massen.
Das ist alles noch unsicher und voll von ungelösten
Rätseln, aber es ist kein Grund zum Erschrecken.
Wenn es eine Telepathie als realen Vorgang gibt,
80 kann man trotz ihrer schweren Erweisbarkeit ver-
muten, daß sie ein recht häufiges Phänomen ist. Es
würde unseren Erwartungen entsprechen, wenn wir
sie gerade im Seelenleben des Kindes aufzeigen könn-
ten. Man wird da an die häufige Angstvorstellung der
Kinder erinnert, daß die Eltern alle ihre Gedanken
kennen, ohne daß sie sie ihnen mitgeteilt hätten, das
volle Gegenstück und vielleicht die Quelle des Glau-
bens. Erwachsener an die Allwissenheit Gottes, Vor
kurzem hat eine vertrauenswürdige Frau, Dorothy
Burlingham, in einem Aufsatz „Kinderanalyse
und Mutter" Beobachtungen mitgeteilt, die, wenn sie
sich bestätigen lassen, dem restlichen Zweifel an der
Realität der Gedankeniibertragung eine Ende machen
müssen. Sie machte sich die nicht mehr seltene Si-
tuation zu Nutze, daß sich Mutter und Kind gleich-
zeitig in Analyse befinden, und berichtet aus der-
selben merkwiirdige Vorfille wie den folgenden:
Eines Tages erzählte die Mutter in ihrer Analysen-
stunde von einem Goldstiiek, das in einer ihrer Kin-
derszenen eine bestimmte Rolle spielt, Gleich darauf,
nachdem sie nach Hause gekommen ist, kommt ihr
kleiner, etwa zehnjähriger Junge zu ihr ins Zimmer
und bringt ihr ein Goldstück, das sie für ihn aufbe-3 Almanach 1934 33
S.
wahren soll. Sie fragt ihn erstaunt, woher er es hat.
Er hat es zu seinem Geburtstag bekommen, aber der
Geburtstag des Kindes liegt mehrere Monate zuriick
und es ist kein Anlaß, warum sich das Kind gerade
jetzt an das Goldstiick erinnert haben sollte. Die Mutter
verständigt die Analytikerin des Kindes von dem Zu-
sammentreffen und bittet sie, beim Kind nach der
Begriindung jener Handlung zu forschen. Aber die
Analyse des Kindes bringt keinen AufschluB, die
Handlung hatte sich wie ein Fremdkörper in das
Leben des Kindes an jenem Tage eingedrångt. Einige
Wochen später sitzt die Mutter am Schreibtisch, um
sich, wozu man sie gemahnt hatte, eine Notiz über
das geschilderte Erlebnis zu machen. Da kommt der
Knabe herein und verlangt das Goldstiick zuriick, er
möchte es in seine analytische Stunde mitnehmen, um
es zu zeigen. Wiederum kann die Analyse des Kindes
keinen Zugang zu diesem Wunsch auffinden.Und damit wären wir zur Psychoanalyse zuriick-
gekommen, von der wir ausgegangen sind.S.
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Zum Problem der Telepathie
1933-001/1933.2
1933-001/1933.2