Zur Gewinnung des Feuers 1932-001/1932.01

Freud, Sigmund (1932-001/1932.01): Zur Gewinnung des Feuers

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  • S.

    Zur Gewinnung des Feuers. 1000.

    von Sigm. Freud

    In einer Anmerkung meiner „Schrift „das
    Unbehagen in der Kultur“ (S 47) habe ich
    – eher beiläufig – erwähnt welche Vermutung
    über die Gewinnung des Feuers durch
    den Urmenschen man sich auf Grund
    des psychoanalytischen Materials bilden
    könnte. Der Widerspruch von Albrecht
    Schäffer (Die Psychoanalytische Bewegung Jg 251,
    1930) und der überraschende Hinweis
    in vorstehender Mitteilung von Erlen-
    meyer / über das mongolische Verbot auf
    Asche zu pissen *) veranlassen mich, das
    Thema wieder aufzunehmen.

    Ich meine nämlich daß meine Annahme
    die Vorbedingung der Bemächtigung des
    Feuers sei der Verzicht auf die homo-
    sexuell betonte Lust gewesen es durch
    den Harnstrahl zu löschen lasse sich durch
    die Deutung der griechischen Prometheus-
    sage bestätigen, wenn man die zu er-
    wartenden Entstellungen von der Tat-
    sache bis zum Inhalt des Mythus in Be-
    tracht zieht. Diese Entstellungen …
    sind von derselben Art und nicht ärger
    als jene die wir alltäglich anerkennen
    wenn wir aus den Träumen von
    Patienten ihre verdrängten doch so
    überaus bedeutsamen Kindheitserlebnisse
    rekonstruieren. Die dabei verwendeten
    Mechanismen sind die Darstellung durch
    Symbole und die Verwandlung ins
    Gegenteil. Ich kann es nicht wagen alle
    Züge des Mythus in solcher Art zu erklären;
    außer dem ursprünglichen Sachverhalt
    mögen andere und spätere Vorgänge
    zu seinem Inhalt beigetragen haben. Aber
    die Elemente die eine analytische Deutung
    zulassen sind doch die auffälligsten und
    wichtigsten, nämlich die Art wie Pro-
    metheus das Feuer transportiert, der
    Charakter der Tat (Frevel Diebstahl
    Betrug an den Göttern) und der
    Sinn seiner Bestrafung.

    *) Wol auf heiße Asche aus der man noch Feuer ge-
    winnen kann nicht auf erloschene.

  • S.

    Der Titane Prometheus ein noch göttlicher
    Kulturheros *), vielleicht selbst ursprünglich
    ein Demiurg und Menschenschöpfer bringt
    also den Menschen das Feuer das er
    den Göttern entwendet hat versteckt
    in einem hohlen Stock, Fenchelrohr, Einen
    solchen Gegenstand würden wir in einer
    Traumdeutung gern als Penissymbol ver-
    stehen wollen, wenngleich die nicht ge-
    wöhnliche Betonung der Höhlung uns dabei
    stört. Aber wie bringen wir dieses Penisrohr
    mit der Aufbewahrung des Feuers zusammen?
    Das scheint aussichtslos bis wir uns an den den
    im Traum so häufigen Vorgang der Ver-
    kehrung Verwandlung ins Gegenteil
    Umkehrung der Beziehungen erinnern
    der uns so oft den Sinn des Traumes
    verbirgt. Nicht das Feuer beherbergt der
    Mensch in seinem Penisrohr sondern
    im Gegenteil das Wasser Mittel um
    das Feuer zu löschen das Wasser
    seines Harnstrahls. An diese Beziehung
    zwischen Feuer und Wasser knüpft
    dann reiches wohlbekanntes analytisches
    Material an

    Zweitens der Erwerb des Feuers ist ein Frevel
    es wird durch Raub oder Diebstahl
    gewonnen. Dies ist ein konstanter
    Zug aller Sagen über die Gewinnung
    des Feuers, er findet sich bei den ver-
    schiedensten und entlegensten Völkern
    nicht nur in der griechischen Sage vom
    Feuerbringer Prometheus. Hier muß
    also der wesentliche Inhalt der ent-
    stellten Menschheitsreminiszenz ent-
    halten sein. Aber warum ist die
    Feuergewinnung unabtrennbar mit
    der Vorstellung eines Frevels ver-
    knüpft? Wer ist dabei der Geschädigte
    Betrogene? Die Sage bei Hesiod
    giebt eine direkte Antwort indem
    sie in einer andern Erzählung
    die nicht direkt mit dem Feuer
    zusammenhängt, Prometheus bei der
    Einrichtung der Opfer Zeus zu
    Gunsten der Menschen übervorteilen

    *) Herakles, ist dann halbgöttlich, Theseus ganz
    menschlich

  • S.

    läßt. Also die Götter sind die Betrogenen den Göttern
    theilt der Mythus bekanntlich die Befriedigung
    aller Gelüste zu auf die das Menschenkind
    verzichten muß wie wir es vom Inzest
    her kennen. Wir würden in analytischer
    Ausdrucksweise sagen das Triebleben, das
    Es sei der durch die Feuerlöschentsagung
    betrogene Gott ein menschliches Gelüste
    ist in der Sage in ein göttliches Vorrecht
    umgewandelt. Aber die Gottheit hat in der
    Sage noch nichts vom Charakter eines
    Über-Ichs sie ist noch Repräsentant des
    übermächtigen Trieblebens.

    Die Umwandlung ins Gegenteil ist am
    gründlichsten in einem dritten Zug der
    Sage, in der Bestrafung des Feuerbringers.
    Prometheus wird an einen Felsen ange-
    schmiedet, ein Geier frißt täglich an
    seiner Leber. Auch in den Feuersagen
    anderer Völker spielt ein Vogel
    eine Rolle, er muß etwas mit der
    Sache zu tun haben aber ich enthalte
    mich der Deutung. Dagegen fühlen wir
    uns auf sicherem Boden wenn es sich
    um die Erklärung handelt warum die Leber
    zum Ort der Bestrafung gewählt ist. Die
    Leber galt den Alten als der
    Sitz aller Leidenschaften und Begierden;
    eine Strafe wie die des Prometheus
    war also das Richtige für einen trieb-
    haften Verbrecher der gefrevelt hatte
    unter dem Antrieb böser Gelüste.
    Das genaue Gegenteil trifft aber für den
    Feuerbringer zu; er hatte Triebverzicht
    geübt und gezeigt wie wohltätig aber
    auch wie unerläßlich solcher Triebverzicht
    in kultureller Absicht ist. Und warum
    mußte eine solche kulturelle Wohltat
    überhaupt von der Sage als strafwürdiges Ver-
    brechen behandelt werden? Nun wenn
    sie durch alle Entstellungen durchschimmern
    läßt daß die Gewinnung des Feuers
    einen Triebverzicht zur Voraussetzung
    hatte, so drückt sie doch am deutlichsten unverhohlen den
    Groll aus den die triebhafte Mensch-
    heit gegen den Kulturheros verspüren
    mußte. Und das stimmt zu unseren
    Einsichten und Erwartungen. Wir

  • S.

    wissen daß die Aufforderung zum Triebverzicht
    und die Durchsetzung desselben Feindselig-
    keit und Aggressionslust hervorruft die sich
    erst in einer späteren Phase der psychischen
    Entwicklung in Schuldgefühl umsetzt.

  • S.

    Fortsetzung des Mskr. zur Gewinnung des

    Feuers

    Die Undurchsichtigkeit der Prometheussage wie
    anderer Feuermythen wird durch noch den Umstand
    gesteigert daß das Feuer den Primitiven
    als etwas der verliebten Leidenschaft Analoges
    – wir würden sagen: als Symbol der Libido –
    erscheinen mußte. Die Wärme, die das Feuer
    ausstrahlt ruft dieselbe Empfindung hervor die
    den Zustand sexueller Erregtheit begleitet
    und die Flamme mahnt in Form und Beweg-
    ungen an den tätigen Phallus. Daß die
    Flamme dem mythischen Sinn als Phallus
    erschien kann nicht zweifelhaft sein noch
    die Abkunftsage des römischen Königs
    Servius Tullius zeugt dafür. Wenn wir
    selbst von dem zehrenden Feuer der
    Leidenschaft und von den züngelnden Flammen
    reden also die Flamme einer Zunge ver-
    gleichen haben wir uns vom Denken
    unserer primitiven Ahnen nicht so sehr
    weit entfernt. In unserer Herleitung der
    Feuergewinnung war ja auch die Vor-
    aussetzung enthalten daß dem Urmenschen
    der Versuch das Feuer durch sein eigenes
    Wasser zu löschen ein lustvolles
    Ringen mit einem anderen Phallus
    bedeutete.

    Auf dem Wege dieser symbolischen Angleichung
    mögen also auch andere rein phantasti-
    sche Elemente in den Mythus einge-
    drungen und in ihm mit den historischen
    verwebt worden sein. Man kann sich
    ja kaum der Idee e erwehren daß
    wenn die Leber der Sitz der Leiden-
    schaft ist sie symbolisch dasselbe bedeutet
    wie das Feuer selbst und daß dann ihre
    tägliche Aufzehrung und Erneuerung eine
    zutreffende Schilderung von dem Ver-
    halten der Liebesgelüste die täglich befriedigt
    sich täglich wiederherstellen. Dem Vogel
    der sich an der Leber sättigt fiele dabei
    die Bedeutung des Penis zu die ihm
    auch sonst nicht fremd ist wie Sagen Träume
    Sprachgebrauch und plastische Darstellungen
    aus dem Altertum erkennen lassen.
    Ein kleiner Schritt weiter führt zum Vogel
    Phoenix, der aus jedem seiner Flam
    Feuertode neu verjüngt hervorgeht und
    der wahrscheinlich eher und früher

  • S.

    den nach seiner Erschlaffung neu belebten
    Phallus gemeint hat als die im Abendrot
    untergehende und dann wieder aufgehende
    Sonne.

    Man darf die Frage aufwerfen ob man es
    der mythenbildenden Tätigkeit zumuten darf
    sich – gleichsam spielerisch – in der verkleideten
    Darstellung allgemein bekannter wenn
    auch höchst interessanter, seelischer Vorgänge
    mit körperlicher Äußerung zu versuchen
    ohne anderes Motiv als bloße Darstellungs-
    lust. Darauf kann man gewiß keine sichere
    Antwort geben ohne das Wesen des
    Mythus verstanden zu haben aber für
    unsere beiden Fälle liegt es nahe darauf hinzuweisen,
    ist es leicht, den nämlichen Inhalt und
    damit eine bestimmte Tendenz zu erkennen.
    Sie bekunden beschreiben die Wiederherstellung der
    libidinösen Gelüste nach ihrem Erlöschen
    durch eine Sättigung, also ihre Unzer-
    störbarkeit, und diese Hervorhebung
    ist als Trost durchaus an ihrem Platz
    wenn der historische Kern des Mythus
    eine Niederlage des Trieblebens
    einen notwendig gewordenen Triebver-
    zicht behandelt. Es ist wie das zweite
    Stück der begreiflichen Reaktion des in
    seinem Triebleben gekränkten Ur-
    menschen; nach der Bestrafung des Frevlers
    die Versicherung daß er im Grunde
    doch nichts ausgerichtet hat.

    An unerwarteter Stelle begegnen wir
    der Verkehrung ins Gegenteil in
    einem anderen Mythus der anscheinend
    sehr wenig mit dem Feuermythus zu tun
    hat die lernaeische Hydra mit ihren
    zahllosen züngelnden Schlangenköpfen
    von denen unter ihnen ein unsterblicher –
    ist nach dem Zeugnis ihres Namens
    ein Wasserdrache. Der Kulturheros
    Herakles bekämpft sie indem er ihre
    Köpfe abhaut aber die wachsen immer
    nach und er wird des Untiers erst
    Herr, nachdem er den unsterblichen
    Kopf mit Feuer ausgebrannt hat. Ein
    Wasserdrache der durch das Feuer ge-
    bändigt wird – das ergibt doch
    keinen Sinn. Wol aber wie in so vielen
    Träumen, die Umkehrung des mani-
    festen Inhalts. Dann ist die Hydra
    ein Brand, die züngelnden Schlangen-

  • S.

    köpfe sind die Flammen des Brandes und
    ihre als Beweis ihrer libidinösen Natur
    zeigen sie wie die Leber des Prometheus
    wieder das Phänomen des Nachwachsens der
    Erneuerung nach der versuchten Zerstörung.
    Herakles löscht nun diesen Brand durch –
    Wasser (Der unsterbliche Kopf ist wol der
    Phallus selbst seine Vernichtung die Ka-
    stration). Herakles ist aber auch der Be-
    freier des Prometheus der den an der
    Leber fressenden Vogel tötet. Sollte man
    nicht einen tieferen Zusammenhang zwischen
    beiden Mythen erraten? Es ist ja so
    als ob die Tat des einen Heros durch den
    anderen gut gemacht würde. Prometheus
    hatte die Löschung des Feuers verboten
    – wie das Gesetz der Mongolen –, Herakles sie für den Fall des Unheil
    drohenden Brandes freigegeben. Der
    zweite Mythus scheint der Reaktion
    einer späteren Kulturzeit auf den
    Anlaß der Feuergewinnung zu ent-
    sprechen. Man gewinnt den Eindruck daß
    man von hier aus ein ganzes Stück
    weit in die Geheimnisse des Mythus
    eindringen könnte aber freilich wird
    man nur für eine kurze Strecke vom
    Gefühl der Sicherheit begleitet.

    Für den Gegensatz von Feuer und
    Wasser der das ganze Gebiet dieser
    Mythen beherrscht ist außer dem histori-
    schen und dem symbolisch-phantastischen
    noch ein drittes Moment aufzeigbar
    eine physiologische Tatsache die der Dichter
    in den Zeilen beschreibt:

    „Was dem Menschen dient zum Seichen
    Damit schafft er Seinesgleichen.“ (Heine)

    Das Glied des Mannes hat zwei Funktionen,
    deren Beisammensein manchem ein Ärger-
    nis ist. Es besorgt die Entleerung des Harnes
    und es führt den Liebesakt aus der
    das Sehnen der genitalen Libido stillt.
    Das Kind … glaubt noch die beiden Funktionen
    vereinen zu können nach seiner Theorie
    kommen die Kinder zu dadurch zu-
    stande, daß der Mann in den Leib
    des Weibes uriniert. Aber der Erwachsene
    weiß daß die beiden Akte in Wirklich-
    keit unverträglich miteinander sind – so
    unverträglich wie Feuer mit Wasser.
    Wenn das Glied in jenen Zustand von Erreg-
    ung gerät der ihm die Gleichstellung
    mit dem Vogel eingetragen hat und

  • S.

    während jene Empfindungen verspürt werden
    die an die Wärme des Feuers mahnen
    ist das Urinieren unmöglich und umgekehrt wenn
    das Glied der Entleerung des Körperwassers
    dient scheinen alle seine Beziehungen zur
    Genitalfunktion erloschen. Der Gegensatz
    der beiden Funktionen könnte uns
    veranlassen zu sagen, daß der Mensch
    sein eigenes Feuer durch sein eigenes
    Wasser löscht. Und der … Urmensch … der
    darauf angewiesen war die Außenwelt
    mit Hilfe seiner eigenen Körperempfind-
    ungen und Körperverhältnisse zu
    begreifen dürfte die Analogien die
    ihm das Verhalten des Feuers zeigte
    nicht unbemerkt und ungenützt gelassen
    haben.