Zur Kenntnis der Olivenzwischenschicht 1885-004/1885

Freud, Sigmund (1885-004/1885): Zur Kenntnis der Olivenzwischenschicht

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    2) In dem mit „untere Schleife“ (FOREL) bezeichneten Faserzuge ziehen
    Bündel, deren eines mit dem ventral vom unteren Zweihügel liegenden grauen
    Geflechten, ein zweites, sich medial-caudal wendendes, mit dem frontalen Theil
    und dem ventralen Abschnitt des S der oberen Olive, in Beziehung tritt, während
    ein drittes (das „aberrirrende Seitenstrangbündel“1)) in dem Hinterhorn an-
    liegenden Randpartien des Seitenstranges derselben Seite zieht und in der grauen
    Substanz des Rückenmarks (wo?) endigt. Der grösste Theil dieser 3 Faserzüge
    entstammt zweifellos dem unteren Zweihügel.

    3) Die Fasern der lateralen Schleife (Hauptbestandtheil derselben: die dem
    Parietalhirn entstammende „Rindenschleife“ von mir) ziehen, ihre Lage (dorsal-
    lateral von dem Pyramidenquerschnitt bis zu ihrer Kreuzung, obere Pyramiden-
    kreuzung von Meynert) beibehaltend, in der unteren Partie der Medulla obl.
    als Fibrae arcuatae in den gekreuzten Kern der Goll’schen Stränge1 und die
    mediale Abtheilung des gekreuzten Kerns der Burdach’schen,2 mit deren Gang-
    lienzellen sie in Verbindung treten.


    2. Zur Kenntniss der Olivenzwischenschicht.

    Von Dr. Sigm. Freud in Wien.

    Aus einer Untersuchung über den Faserverlauf in der Oblongata des mensch-
    lichen Foetus, welche ich in Professor Meynert’s Laboratorium mit Hülfe der
    Weigert’schen Hämatoxylintinction durchgeführt habe, sei hier Einiges über
    die Olivenzwischenschicht (beim Foetus von 5–6 Lunarmonaten) mitgetheilt.
    Vorauszuschicken ist eine gedrängte Darstellung des Acusticusursprungs, weil
    dieser Nerv derzeit das Bild beherrscht, und auch die in Rede stehende Faser-
    masse an ihn anknüpft.

    Die Acusticuswurzeln bilden eine continuirliche, von aussen und unten
    (spinalwärts) nach innen und oben (brückenwärts) verlaufende Reihe und endigen
    sämmtlich in grauen Massen derselben Seite: die äussersten im vorderen Acus-
    ticuskern (Acusticusganglion), die mittleren und ein Theil der inneren im inneren
    (gross- und kleinzelligen) Acusticuskern, ein Theil der inneren Wurzeln übergeht

    1)Vgl. meine Arbeit im Correspondenzbl. f. Schweizer Aerzte. 1884. Nr. 6 u. 7 und
    Neurolog. Centralbl. 1885. Nr. 3. Vgl. auch die Angaben von Spitzka, A. Schrader und
    Edinger.

    2Eine nochmals vorgenommene sorgfältige Prüfung der Präparate von der des Parietal-
    hirns beraubten Katze (vgl. Correspondenzbl. f. Schweizer Aerzte. 1884. Nr. 6 u. 7) über-
    zeugte mich nachträglich, namentlich auch bei Vergleichung mit der Schnittreihe des vor-
    liegenden Katzengehirns, dass auch dort die mediale Abtheilung des Kerns der Burdach’-
    schen Stränge zweifellos und nicht unerheblich atrophisch war. A. a. O. hatte ich es
    dies noch nicht mit Bestimmtheit zu entscheiden gewagt. Die Rindenschleife endigt somit
    sowohl im Goll’schen, als in der medialen Abtheilung des Burdach’schen Kerns. Mit Rück-
    sicht auf die Atrophie dieser beiden Kerne nach Wegnahme des Parietalhirns möchte ich vor-
    schlagen, dieselben mit „medialer und lateraler Schleifenkern“ zu bezeichnen und den Namen
    Burdach’scher Kern nur für die laterale Abtheilung des Kerns der Keilstränge, die nach
    Läsion des Fun. cuneat. atrophirt und somit mit letzterem zweifellos in Verbindung steht,
    zu reserviren.

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    durch directe Umbeugung in die Querschnitte des äußeren Acusticuskernes
    (innere Abtheilung des Kleinhirnstieles, ROLLER’s aufsteigende Acusticuswurzel).
    Von indirecten Fortsetzungen der Acusticuswurzeln sind ersichtlich:

    1) Bündel vom Acusticusganglion zum inneren Kern.

    2) Bogenbündel vom inneren Kern zur Dachkernkreuzung im Kleinhirn;
    von diesen lassen sich mehrere Abtheilungen unterscheiden, ein Theil derselben
    ist noch kaum markhaltig.

    3) Fibrae arcuatae aus dem inneren Kern über die Raphe, mit Durch-
    flechtung des Facialis-Acusticuskernes und hinteren Längsbündels.

    4) Fibrae arcuatae aus dem äußeren Kern über die Raphe in tieferen
    Ebenen und mit Durchflechtung der marklosen Mittelschicht des Innenfeldes
    der Oblongata.

    5) Die Bündel des Corpus trapezoides, welche in ihrer ganzen Masse aus
    dem Acusticusganglion hervorgehen (wie schon FLECHSIG bekannt). Die oberen
    derselben fassen die obere Olive in sich, welche durch ihren Stiel andererseits
    mit dem Facialisabducenskern verbunden ist.

    Die Olivenzwischenschicht ist um die gekreuzte Fortsetzung des Corpus
    trapezoides spinalwärts, denn:

    1) oberhalb des Corpus trapezoides sind an der der Olivenzwischenschichte
    entsprechenden Stelle keine markhaltigen Faserquerschnitte enthalten; die late-
    ralen Schleifen erweisen sich als kurze Bahnen, die in den grauen Massen der
    Hauben endigen, die mediale Schleife ist derzeit nicht entwickelt.

    2) während der Kreuzung des Corpus trapezoides tauchen die Querschnitte
    der Olivenzwischenschichte auf und bilden nach demselben eine mächtige und
    compacte Schichte.

    3) eine andere Fortsetzung der mächtigen und intensi tingirten Bündel
    des Corpus trapezoides ist nicht aufzufinden.

    Da nun die Olivenzwischenschichte durch die „obere Pyramidenkreuzung“
    mit den Hinterstrangskernen zusammenhängt, wäre in ihr eine Bahn gegeben,
    welche den Acusticus mit sensiblen Bahnen im Rückenmarke verknüpft. Indess
    könnte dies wahrscheinlich zutreffende Verhältniss leicht complicirter sein.

    Die Olivenzwischenschichte dürfte eine weitere Zerlegung zulassen, worauf
    die sonst zu statuirende Rückkreuzung dieser Fasermasse deutet. Die Menge
    der aus der oberen Pyramidenkreuzung entstehenden Fasern deckt nicht ganz
    die Fasermenge beim Ursprung aus dem Corpus trapezoides. Auch kenne ich
    einen ungekreuzten Zuzug zur Olivenzwischenschicht, welcher aus der ventralen
    und medialen Ecke des inneren Acusticuskernes hervorgeht, in locker angeord-
    neten, schön geschwungenen Zügen von sehr schrägem Verlauf die Facialis-
    wurzelfäden und den Stiel der oberen Olive kreuzt und unmittelbar oberhalb der
    Spitze der unteren Olive in die Olivenzwischenschicht eintritt, wobei ein Theil
    der Fasern auch aussen um die untere Olive herumläuft. Andere ungekreuzte
    Zuzüge zur selben Schichte zeigen sich an Oblongaten von höherer Reife.

    Ueber das Verhältniss der medialen Schleife zur Olivenzwischenschichte
    gestatten Präparate der untersuchten Entwicklungsstufe keine Aussage. Keines-
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    falls ist die obere Pyramidenkreuzung durch die Bezeichnung als „Schleifen-
    kreuzung“ erschöpfend charakterisirt. Dass die Ergebnisse anderer Untersuchungs-
    methoden zu der hier mitgetheilten Beobachtung stimmen, zeigt unter anderem
    die Angabe von Vejas (Arch. f. Psych. 1885. H. 1), welcher nach Exstirpation
    der Hinterstrangkerne einer Seite beim Kaninchen die Atrophie der Oliven-
    zwischenschicht an der Gegenseite nicht über die Ebenen des Corpus trapezoides
    zu verfolgen vermocht.

    Wien, Mitte Mai 1885.