• S.

    PROF. DR. FREUD
    Wien, IX, Berggasse 19

    11.1.1910

    Sehr geehrter Herr Kollege

    Sie erleichtern mir die Beantwortung Ihrer Anfrage ob wir die Auto-
    biographie Ihres Pat. ins Jahrbuch aufnehmen können, selbst durch 
    Ihre eingestreuten Bemerkungen. 

    Ich bin allerdings nicht Redakteur, allein Sie nehmen mit Recht an, 
    dass Jung einem Wunsch von mir Rechnung tragen würde. Als Redakteur 
    hätte ich Bedenken den Aufsatz abzudrucken, weil er, wie Sie sagen, 
    nur autobiographisches Material ohne analytische Bearbeitung ent-
    hält, u wir den Raum dringender für anderen als Materialsammlungen 
    brauchen. Eine noch so genaue Selbstdarstellung ist immer noch et-
    was qualitativ anderes als eine Analyse u kann sich ihr auch durch 
    Steigerung der Ausführlichkeit u Aufrichtigkeit nicht annähern. 

    Was Sie für die Arbeit des PAt. einnim̄t, das Ausschluss jeder mög-
    lichen suggestiven Beeinflussung des Schreibers, kom̄t für uns wenig 
    in Betracht, da wir den Vorwurf unsere Krankengeschichten seien 
    durch Suggestion entstellt als mutwillige Unterstellung zu beurthei-
    len wissen. Ein Kranker, der unbeeinflusst dasselbe sagt wie unse-
    re Kranken, sagt uns also nichts Neues. 

    Es zeigt dieser Fall vielleicht wie sehr das Eingehen der Jahrbücher 
    f. sex. Zwischenstufen und der Zeitschr. f. Sexualwissenschaft zu 
    bedauern ist woselbst der Abdruck dieses krankenberichtes unbedenk-
    lich hätte geschehen können. 

    Eine besondere Schwierigkeit liegt in dem Umstande, dass der Auf-
    satz erst einer verkürzenden Verarbeitung bedarf, ehe er beurtheilt 
    werden kann. ich glaube nicht, dass Jung sich verpflichten könnte, 
    die Annahme zu versprechen, ehe er die druckfertige Fassung gese-
    hen hat und verstehe anderseits vollkommen, dass Sie sich der Mühe 
    nicht unterziehen können, wenn Ihnen die Annahme dann nicht zugesi-
    chert werden kann. 

    Damit kann ich für meinen Theil nur einen ablehnenden Bescheid ge-
    ben. Wenn sie es wünschen, will ich Ihr Schreiben – ohne Beeinflus-
    sung zu versuchen – an den Redakteur weiterfördern. 

    In der Hoffnung, Ihnen ein anderes Mal gefälliger sein zu können, 
    Ihr kollegial ergebener 
    Freud