• S.

    PROF. DR. FREUD WIEN, 
    IX. BERGGASSE 19

    6.6.12.

    Sehr geehrte Frau Doktor

    Nehmen Sie nicht an, dass ich Ihre Mit-
    theilungen unterschätze, wenn Sie 
    hören daß ich dieselben ungelesen 
    bei Seite gelegt habe. Dieß war im 
    Gegenteil die Reaktion auf Ihr be-
    gleitendes Schreiben, welches mir die Person 
    des Kollegen noch in anderem Sinne 
    wichtig gemacht hat. Ich beschloß ihn dann 
    so korrekt, dh so streng als möglich zu 
    behandeln, und für diese Absicht ist jede 
    Information, die nicht vom Kranken 
    selbst kommt, störend. 

    Es handelt sich also um ganz ernsthafte 
    Störungen bei ihm, u 5 Wochen sind 
    leider keine Zeit, eine Änderung 
    herbeizuführen. Was ich thun kann, ist, 
    ihn möglichst tief aufzuwülen. Er hat 
    sich in der ersten Stunde sehr garstig 
    benom̄en, mir dabei also sehr viel 
    Verborgenes gezeigt. In der zweiten 
    war er bereits nett u lässt mich befürchten, 
    daß er nun seine Widerstände vor 
    der Entdeckung verbergen wird. Aber

  • S.

    ich verspreche ein scharfes Auge auf ihn zu 
    haben.

    Vom Sadismus des Vaters habe ich doch 
    unversehens auf der ersten Seite Ihres 
    Berichtes gelesen.

    Mit kollegialem Gruß u besten 
    Wünschen
    Ihr
    Freud