S.

[Transkription Ernst Falzeder]

PROF. DR. FREUD 
WIEN IX., BERGGASSE 19

18. X. 1936

Hochgeehrter Herr Konsul

Frau Bernfeld aus Mentone erzählt mir, dass Sie bereit sind, die Verantwortung für ein Immigrationsvisum für sie und ihre Familie zu übernehmen, wenn sie eine Empfehlung von mir vorweist. Ich bestätige Ihnen gern, dass Herr Dr Bernfeld sich seit 1913 als ein bedeutendes und wertvolles Mitglied unserer Bewegung bewährt hat. Seinen hervorragenden Fähigkeiten als Lehrer und Redner verdanken unsere Institute in Wien (das er mitbegründet hat), in Berlin, (in dessen Leitung er jahrelang tätig war) ein gutes Teil ihrer Erfolge. Er ist einer [der] wenigen Schüler, die durch gründliche psychologische und biologische Fachbildung befähigt sind, die Psychoanalyse auf einer Universität zu vertreten. Seine Frau ist eine persönliche Schülerin von mir, ihre Ausbildung wurde durch die Verhältnisse unterbrochen. Nach deren Vollendung darf man von ihren Leistungen als Therapeutin das Beste erwarten

Es ist ein starker Wunsch von mir, dass Dr Bernfeld und seine Frau nach den U.S.A. gehen sollen, um dort für die Ausbreitung und Vertretung der Psychoanalyse zu wirken.  Man hat in Amerika sehr viel Interesse für unsere Wissenschaft, aber nicht genug geeignete Kräfte, sie zu lehren und die auf sie gebaute Therapie auszuüben.  Sie werden sich, nach meinem Urteil, ein Verdienst um die Wissenschaft wie um Ihr Land erwerben, wenn Sie diesen beiden bedeutenden Persönlichkeiten von untadeligem Character dazu verhelfen, bald an die Arbeitsstätte zu gelangen, die sie im Envernehmen mit mir gewählt haben.

Ihr in Hochachtung 
ergebener 
Freud