-
S.
PROF. DR. FREUD
WIEN IX., BERGGASSE 1930. September 25.
Lieber Herr Doktor!
Vielen Dank für Ihren ausführlichen Bericht. Zum Spiegel des 4. Heftes
ist nichts zu bemerken. Die Absicht, das Erscheinen der Nummern vorzu-
rücken, wird sicherlich vorteilhaft wirken. Die bisher erschienenen Nummern
des letzten Jahrgangs haben sich auf respektabler Höhe erhalten. Hoffent-
lich geht es weiter so gut. Die Einsendungen, die Sie aufzählen, scheinen
nicht alle vom ersten Rang zu sein. Aber es befinden sich ja die vor-
trefflichen Kongressarbeiten darunter.Das Manuskript von Burrow habe ich gelesen, unterschreibe vollinhalt-
lich Ihre und Dr. Eitingons Kritik. Burrow scheint ein verworrener Fasler
zu sein. Ich hatte erst kürzlich eine Korresondenz mit ihm, über eine
Zusendung, in der er die Einführung der Relativitätstheorie in die
Psychoanalyse durchsetzen wollte. Ich meine, briefliche Vorhaltungen
werden nichts bei ihm ändern. Aber eine Notiz, wie die von Ihnen ent-
worfene, dürfte wohl am Platze sein. Sie könnte noch bestimmter lauten,
etwa: Wegen der abstrakten Ausdrucksweise und der unbestimmten Angaben
des Autors.Natürlich muss man ihm die Mitteilung machen, dass die
Redaktion eine Bemerkung von diesem Wortlaut zu seinem Aufastz hinzuzzu-
fügen gedenkt. Ich glaube nicht, dass er sehr beleidigt sein wird, denn
er ist wahrscheinlich in seiner Selbstüberschätzung unverwundbar. Immer-
hin kann man es riskieren. Der Unsinn ist zu arg und die Rücksicht auf
die Herren aus Amerika braucht nicht zu weit zu gehen. Dass er heuer zum
Präsidenten gewählt wurde, ist übrigens kein Zeichen einer besonderen
Hochachtung. Die Amerikaner übertragen das demokratische Prinzip aus der -
S.
Berggasse 19
Wien 1090
Austria
C39F1