S.
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9.8.1934 Der Mann Moses.
Ein historischer Roman.Wie die geschlechtliche Vereinigung von Pferd
und Esel zwei verschiedenen Hybriden den
Ursprung giebt, dem Maulthier und dem Maul-
esel, so läßt auch die Vermengung von Geschichts-
schreibung und freier Erfindung verschiedene
Produkte entstehen, die unter der gemein-
samen Bezeichnung „historischer Roman“ bald
als Historien, bald als Romane gewürdigt werden
wollen - die einen von ihnen handeln von
Personen und Begebenheiten, die historisch
bekannt sind, aber sie legen es nicht darauf
an, deren Eigenart getreu wiederzugeben.
Sie entlehnen zwar das Interesse von der Historie,
aber ihre Absicht ist die des Romans; sie wollen
(auf die Affekte wirken und eindrucksvolle
Schilderungen entwerfen und) – Andere
dieser literarischen Schöpfungen benehmen sich
grade entgegengesetzt. Sie tragen kein Be-
denken, Personen und selbst Begebenheiten
zu erfinden, wenn sie hoffen, den eigentüm-
lichen Charakter einer historischen Epoche durch
diese Hilfsmittel besonders zutreffend beschreiben
zu können. Was sie anstreben, ist also in erster
Linie geschichtliche Wahrheit trotz der einge-
standenen Erdichtung. Anderen noch gelingt es, die
Ansprüche der Kunstschöpfung mit denen der
historischen Treue ein Stück weit oder
weitgehend zu versöhnen. Wieviel Dichtung
sich noch gahem gegen die Absicht des Ge-
schichtsschreibers in seine Darstellung ein-
schleicht, bedarf nur einer leisen An-
deutung.Wenn aber ich, der weder Geschichtsforscher noch
Künstler ist, eine meiner Arbeiten als
„historischer Roman“ einführe, so muß dieser
Name noch eine andere Verwendung zu-
lassen. Ich bin zur sorgsamen Beobachtung
eines gewißen Erscheinungsgebietes erzogen,
an Erdichtung und Erfindung knüpft sich
für mich leicht der Makel des Irrtums.S.
2
Meine nächste Absicht war eine Kenntnis der Person
des Moses zu gewinnen, mein entfernteres Ziel
auf solche Art zur Lösung eines noch heute aktu-
ellen Problems beizutragen, das erst späterhin
genannt werden kann. Eine Charakterstudie er-
fordert zu ihrer Begründung zuverlässiges
Material, aber nichts was über den Mann
Moses zu Gebote steht, kann zuverlässig
genannt werden. Es ist eine Tradition von
aus einer einzigen Quelle her, von keiner anderen
Seite bestätigt, wahrscheinlich zu spät schriftlich
fixiert, in sich widerspruchsvoll, sicherlich
mehrfach überarbeitet und durch den Ein-
fluß neuer Tendenzen entstellt, und den
religiösen und nationalen Mythen eines
Volkes innig verwoben. Man wäre
berechtigt, den Versuch als hoffnungslos abzu-
brechen, würde nicht die Großartigkeit
der Gestalt ihrer Entlegenheit ein Gegen-
gewicht bieten und zu erneuter Bemüh-
ung auffordern. Man unternimmt es also,
jede einzelne der im Material gegebenen
Möglichkeiten als Anhaltspunkt zu behandeln
und die Lücken zwischen einem Stück und
dem nächsten, sozusagen nach dem Gesetz des
kleinsten Widerstandes auszufüllen, das
heißt, jene Annahme zu bevorzugen, der
man die größere Wahrscheinlichkeit zu-
schreiben darf. Was man mit Hilfe dieser
Technik erhält, kann man auch als eine
Art von „historischem Roman“ auffassen,
es hat keinen oder nur einen unbestimm-
baren Wirklichkeitswert, denn eine
noch so große Wahrscheinlichkeit fällt
nicht mit der Wahrheit zusammen,
die Wahrheit ist oftmals sehr un-
wahrscheinlich, und tatsächliche Beweismittel
sind nur in kärglichem Ausmaß durch
Ableitungen und Erwägungen zu er-
setzen.S.
3
a) Hat Moses gelebt?
Wenn ich nicht irre, hat die Wissenschaft ihre Ein-
stellung zu Personen, die uns nur durch
Tradition und Sage bekannt sind, merklich
geändert. In den ersten Zeiten der erwachenden
Kritik war man allzu bereit anzunehmen,
daß dieselben niemals gelebt hatten, sondern von
der Phantasie der Völker erfunden worden
waren, in mannigfacher Absicht, um einem
Erklärungsbedürfnis zu genügen, eine Lücke
der Erinnerung auszufüllen, eines der großen
psychischen seelischen Bedürfnisse der Menge zu sättigen.Aber gegenwärtig hat der Zweifel
eine Wendung vollzogen. Man hält es für
gleichgiltig, ob eine Person des betreffenden
Namens einmal gelebt hat. Die Frage, die allein
unser Interesse verdient, ist, ob sie die Rolle
gespielt und die Leistungen vollbracht hat, die
die Tradition ihr zuschreibt. Vater Homeros
mag immerhin gelebt haben, ja selbst blind
gewesen sein, aber hat er wirklich allein
die Ilias und die Odyssee gedichtet oder
hat ihn die Sage nur zum Repraes[ent]anten
langer Generationen von Männern gekrönt?Die einmal die eifrigsten Gegner der historischen
Leistung Jesus Christi waren, würden wahr-
scheinlich heute gegen die Annahme, daß
ein solcher Mann gelebt hat und als messian-
ischer Aufrührer von den Römern hinge-
richtet wurde, wenig einzuwenden haben,
aber dabei fortfahren, alles zu bezweifeln,
was die vier Evangelien von seinen
Worten und Thaten berichten. Auch für
Gestalten, die der Sage, ja selbst dem Mythos
angehören, scheint die reine Erfindung
seltener in Betracht zu kommen als
- wiederum nach Art des historischen Romans -
die Umkleidung eines realen Kerns mit
einer phantasierten oder im Dienst einer
Tendenz erdichteten Hülle.Mit seltener Milde hat die gestrenge Wissen-
schaft den Fall des Moses behandelt. So unge-
nügend die Auskunft über ihn lautet, so
will doch niemand ernstlich in Zweifel ziehen,
daß das Volk der Juden einen großen
Führer dieses Namens gehabt hat, und läßt
selbst dessen Behauptung gelten, daß es
von diesem Manne seine Religion
erhalten hat, den Eingottglauben, derS.
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dem Volk zum Schicksal geworden ist. Nichts hindert
uns, diesem allgemeinen Einverständnis beizu-
treten. Auch wir wollen glauben, daß ein Moses
gelebt hat, der die Religion der Juden stiftete.Wenn wir aber in den Berichten über diesen
Mann Züge finden, die seine Persönlichkeit
leibhaftiger und damit glaubhafter machen,
werden wir diese gewiß nicht gering schätzen. Ich
meine, die heilige Schrift der Juden hat zwei
solche Züge aufbewahrt. Sie schildert den Mann
Moses als aufbrausend und jähzornig und führt
selbst wichtige Schicksale seines Lebens auf diese
Eigenschaften zurück. Und anderseits erzält sie
von ihm, daß er schwer von Zunge war, so daß
er in Verhandlungen sich der Hilfe seines
vorgeblichen Bruders Aaron bedienen mußte.Nun sind wir darauf vorbereitet, daß die
Tradition ihren großen Männern bestimmte
Charakterzüge und Schicksale verleiht, die
zur Vergrößerung ihrer Persönlichkeit bestimmt
sind. Moses selbst theilt mit so vielen anderen
Gründern und Vätern - wie Sargon von
Agade, Romulus, Cyrus u. A. - das Schicksal der
bedrohten geburtsgefährdeten Kindheit und
wunderbaren Errettung. Aber weder der
Jähzorn noch die Sprachhemmung sind solche
typische Züge, sie sind durchaus individuell,
nicht als Vorzüge, sondern als Defekte
zu werten und man wüßte kein Motiv
anzugeben, das ihre Erfindung erklärte.Somit beugt man sich in diesen Fällen ungern
vor der Treue zu einer Tradition, die andere
Male höchst unzuverlässig erscheint, und
muß noch zugestehen, daß die beiden Beson-
derheiten des Mannes Moses nicht übel
zusammenstimmen. Wir können mitunter
an unseren kleinen Kindern beobachten,
daß sie reizbar werden und in Zornaus-
brüche verfallen, solange ihnen die bequeme
Verfügung über den Ausdruck in der
Sprache versagt ist, und wir können uns
etwa vorstellen, daß dieser Zusammenhang
bei Personen wie Moses in Erstarrung
fixiert worden ist. x) 1)S.
5
b). Die Herkunft Mosis
Die erste große Unsicherheit um Moses knüpft
an seinen Namen an. Die Juden leiten ihn
aus der hebräischen Sprache ab und lassen ihn
bedeuten: der aus dem Wasser Gezogene.
Aber dies Wasser ist das Geburtswasser der
typischen Heroensagen und somit giebt uns
grade diese Beziehung das Recht, den jüdischen
Erklärungsversuch zu verwerfen. Mehr Bei-
fall, aber keineswegs allgemeinen Anklang
Zustimmung hat die Ableitung aus dem Aegyptischen
gefunden. Der Anklang an den zweiten
Bestandteil aegyptischer Namen wie Thotmes
(Tehuti-mes), Aahmes-Amosis und Ramses (Ra-meses), der Geburt
(mes) oder Kind bedeutet, liegt sehr nahe. Dürfte man
annehmen, daß vor dem Mose ein Göttername
ausgefallen ist, so bliebe kein Zweifel und
der Mann mit dem aegyptischen Namen
muß doch wol ein Aegypter gewesen sein.Man wird sich nicht leicht dazu entschließen,
einer Nation ihren größten Mann abzu-
erkennen einer Namensdeutung wegen.
Umsomehr fällt es ins Gewicht, wenn man auf
einem anderen Wege zu demselben Schluß
gelangen kann. Dieser andre Weg führt
über die Auswertung der Aussetzungssage.
Otto Rank hat 1908 in einer unter meinem
Einfluß verfaßten Abhandlung („Der Mythus
von der Geburt des Helden“) diese so zalreich
vorhandenen Sagen zusammengestellt, ihre
gemeinsamen Charaktere hervorgehoben,
ihre Details analytisch aufgeklärt und ihre
die Motive angegeben ihrer Schöpfung. Er konnte
- auf Galton'schem Weg gleichsam - eine Durch-
schnittssage herstellen, die folgenden Inhalt
hat: der Held ist das Kind vornehmer könig-
licher, selbst göttlicher Eltern. Seiner Entstehung
gehen Schwierigkeiten voraus, äußere Hinder-
niße, Verbote. Während der Schwangerschaft
erfolgen warnende Verkündigungen (Traum,
Orakel), die zumeist dem Vater Gefahr
drohen. Infolgedessen wird das Neugeborene
auf Veranlassung des Vaters oder einer
ihn vertretenden Person zur Tötung oder
Aussetzung bestimmt, in der Regel in
einem Kästchen dem Wasser übergeben.S.
6
Es wird aber oft unter der Mithilfe von Thieren,
von geringen Leuten gerettet, auch von einem
weiblichen Thier gesäugt und wächst bei diesen
neuen Eltern auf. Später findet es auf sehr
wechselvollen Umwegen zu seinen vornehmen
Eltern zurück, wird erkannt, rächt sich an
seinem Vater und kommt zu Macht und
Ehren.Diese abenteuerliche Kindheitsgeschichte hat ihr Vorbild,
aber auch ihren Ursprung, in einer Phantasie,
einem Tagtraum, der sich häufig genug bei
Kindern in jenen Jahren einstellt, da sie
beginnen, sich von ihren Eltern abzulösen.
Unter dem Einfluß vermeintlicher Zurück-
setzungen und eifersüchtiger Liebesenttäusch-
ungen entwickeln sie die Vorstellung, daß sie
nicht bei ihren richtigen Eltern leben sondern
die Eltern, bei denen sie leben, nicht ihre
richtigen Eltern sind. Sie seien zwar von
diesen an Kindes statt angenommen, aber
ihre wirklichen Eltern seien weit vor-
nehmere und großartigere Leute, die sie
auch eines Tages aufzufinden hoffen.Über die Gründe, weshalb sie von dem einen
Elternpaar weggethan und vom anderen,
niedrigeren aufgenommen worden sind,
machen sie sich keine Gedanken. In einer
späteren, bereits sexuell getönten Abänderung
dieses sogenannten Familienromans hält der Knabe
an der Mutter fest und wendet seine
ganze Abneigung gegen den Vater, den
er durch einen vornehmen Liebhaber
der Mutter ersetzt. Das auffälligste wie
das beständigste Stück des Familienromans
wie der Geburtssage ist die Gegenüber-
stellung der beiden Elternpaare, das
niedrige und das vornehme.SieEs er-
klärt sich leicht und verliert selbst alles
Anstößige, wenn man erfährt, daß die
Sehnsucht nach den vornehmen Eltern der
Erinnerung an jene glückliche Frühzeit
entsprichtringt, da dem Kinde die Größe
der Eltern noch durch keinerlei
Kritik verringert war. In der SymbolikS.
7
des Traumes ist diese Hochschätzung der Eltern er-
halten geblieben. Wenn man vom König und
von der Königin träumt, meint man immer
nur Vater und Mutter.Die Sage von der Geburt des Helden sagt dasselbe
aus wie der Familienroman, in symbolischer
Ausdrucksweise und um einige archaische Elemente
vermehrt. Ein überreiches Material an Traum-
deutungen gestattet uns zu erkennen, daß das
Wasser, in das man ausgesetzt wird, das Geburts-
wasser ist, in dem das Kind sein Intrauterin-
leben verbringt, das Kästchen den Mutterleib
(die Gebärmutter) beschreibt, die Aussetzung
selbst den Übergang aus dem Foetalleben
in die fremde und gefährliche Außenwelt be-
deutet. Die häufige Komplikation der Sage,
daß der Held als Teil eines Zwillingspaars
geboren wird, dessen anderer Teil aber bald
beseitigt wird, findet eine überraschende
ErAufklärung durch die Auffassung der Nach-
geburt bei primitiven Völkern, denn
die Nachgeburt ist selbst dieser hinfällige
Zwillingsbruder. Die Feindseligkeit des
Vaters, auf die die Sage die Aussetzung zu-
rückführt, ist leicht als die Projektion
der Feindseligkeit des Kindes zu er-
kennen, die das treibende Motiv der
ganzen Dichtung ist. Der Familienroman
wie die Heldensage stehen in nahen Be-
ziehungen zum Oedipuskomplex, die Ge-
schichte vom König Oedipus enthält auch
alle wesentlichen Bestandteile der Helden-
geburtsage mit Ausnahme des Wassers und
des Kästchens. In vielen der andren Sagen
ist auch die Beziehung zur Mutter, die den
Helden zum sexuellen Rivalen des
Vaters macht, mehr oder minder deutlich
ausgedrückt. Mit Recht bemerkt Rank, daß
die Sage gleichsam eine Definition des Helden
giebt. Held ist, wer den Vater überwindet
und darum wird so vielen übergroßen Persön-
lichkeiten die Kindheitsgeschichte zugeschrie-
ben, die schon damit beginnt, daß man
gegen den Willen des Vaters zur
Welt gekommen ist.So ist nicht unbemerkt geblieben, daß die Sage
von der Aussetzung Mosis in einem
entscheidenden Punkt sich in einen vollen
Gegensatz zu allen anderen, ähnlichen SagenS.
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begiebt. Sie sollte in typischer Form lauten: der Pharao
wird auf geheimnisvolle Weise gewarnt, daß ein
Sohn seiner Tochter ihm und dem Reich Verder-
ben bringen wird. Er sucht darum zu verhüten,
daß sie Mutter werde, aber sie gebiert heimlich
ein Knäblein, das sie zu seiner Rettung im
Nil aussetzt. Dort wird es von armen Juden
gefunden und in deren Haus aufgezogen.
Später wird durch einen Zufall die wahre
Abstammung des Knaben entdeckt, er
kommt an den Hof des Pharao und macht
zum Unheil des Großvaters die Prophezei-
ung wahr. 2) In dieser Version wäre wie
in allen anderen Sagen die erste Familie
die vornehme, aber auch die irreale, phan-
tasirte gewesen, die zweite, niedrige,
die der Wirklichkeit entsprechende.Wir hätten gesagt, diese Sage betrifft einen
Judenstämmling, der zum vornehmen
Aegypter erhöht werden soll. Wie die
Sage aber wirklich lautet, können
wir nur urteilen, die königliche Mutter
und der Hof des Pharao entsprechen eher
der Wirklichkeit, während die jüdische
Familie phantasirt ist. Mit anderen
Worten, soweit insofern man dem Zeugnis derAnalyseSage vertrauen darf, war Moses ein
Aegypter, den die Sage zum Juden machen
will.c) Die neue Religion
Vielleicht hat die Sage aber darin Recht, daß
sie Moses zum vornehmen Aegypter erhebt,
ihn in Beziehung zum Königshaus bringt.
Wir wissen nichts, was einen Beweis auch nur
andeutete, aber wir werden sehen, daß eine
solche Möglichkeit viele unserer späteren
Annahmen sehr erleichtert. Daß Moses von
Herkunft Aegypter war, ist bereits oft wiederholt
behauptet worden, zuerst von dem alten
Manetho, wie Josephus Flavius überliefert.
Wenn wir auf Grund unserer Deutung
der Aussetzungssage auf diese Behauptung
zurückgreifen, so drängt sich uns wie
ungerufen die Idee auf: wenn es so
ist, dann ist es recht bedeutungsvoll.S.
9
Von diesem aegyptischen Mann glauben wir,
daß er dem jüdischen Volk eine monotheistische
Religion gebracht hat, und vielleicht war diese
seine That nicht ohne Zusammenhang mit
seiner Abkunft. Damit fiele ein Licht auf
die Entstehungsgeschichte des Monotheismus.Wir müssen es vermeiden, die Entwick-
lung der Gottesvorstellungen in den scharfen
Gegensatz von Vielgötterei und Eingottglauben
in unserem heutigen Sinne zu zwängen.
Rangordnungen unter den Göttern hat es immer
und überall gegeben; Ansätze, um einzelnen
Göttergestalten eine weit überragende Be-
deutung zu verleihen, sind in den ver-
schiedensten Religionen gemacht worden.Auch hat der Glaube an einen Gott ursprüng-
lich gewiß nicht die Leugnung der anderen
Götter mit sich gebracht, sondern diese zur
Ohnmacht und Bedeutungslosigkeit im
Vergleich mit der Eingottheit verurteilt.Das Pantheon der Aegypter war besonders
reich und vielgestaltig. Es waren Lokalgötter,
jeder und jede in ihrem Gau besonders,
vielleicht selbst ausschließlich verehrt. Daneben
wahrscheinlich von Anfang an einige Gottheiten
von allgemeinerer Geltung und Bedeutung.Mit dem Zusammenschluß der Gaue zu größeren
Einheiten fanden sich auch deren Götter
in ein friedliches Nebeneinander;
wenn eine Örtlichkeit eine größere
politische Bedeutung gewann, wuchs auch
das Ansehen ihrer Hauptgottheit, wie dies
in der Geschichte der Kleinstaaterei
Babyloniens besonders deutlich wird. Als
während der großartigen XVIII Dynastie Aegypten
ein Weltreich wurde, fand der neue
Imperialismus auch seinen Ausdruck in
einer Beeinflußung der Religion. Schon
unter Amenhotep III soll sich der Sonnen-
gott von On (Heliopolis) zu einer herr-
schenden Rolle im Götterreich aufge-
schwungen haben. Aber erst unter seinem
Sohn Amenhotep IV, der 1375 sein Nachfolger
wurde, nimmt diese Bevorzugung eines
Gottes den Charakter eines erhabenen
Monotheismus an, der selbst die Ver-
ehrung anderer Gottheiten untersagt
und verfolgt. Der neue Gott, Aton, wurdeS.
10
als Sonnenscheibe dargestellt, davon Strahlen in
Hände ausgehen. In Hymnen, die wahrschein-
lich vom König selbst gedichtet wurden, werden
die Macht und die Größe Aton's mit einem
Schwung und mit einer Innigkeit gepriesen,
die erst wieder in den Psalmen Israel's
(David's) ein Gegenstück findet. Die Be-
schränkung auf Aegypten ist fallen gelassen,
alle Lande, wird ausdrücklich versichert,
stehen in gleicher Weise unter seiner Herr-
schaft. Alles Leben stammt von ihm und
wird von ihm erhalten. Es ist, als hätte die
schwärmerische Vertiefung der Dichtung
erraten, was die Naturwissenschaft späterer
Zeiten von der Rolle der Sonne und der
Energie ihrer Strahlen aussagen wird. Viel-
leicht ist es bedeutsam, daß der Dichter von
der Größe und Allgewalt seines Gottes
wie geblendet ist. Die anderen Attribute,
die wir dem göttlichen Wesen zuschreiben,
die moralischen Eigenschaften der Allgüte
und Gerechtigkeit werden kaum gestreift.
Aber vielleicht sind grade diese Lobprei-
sungen uns nicht erhalten geblieben. 3)Die Revolution Amenhotep IV giebt uns
das erste Beispiel religiöser Intoleranz
in der Weltgeschichte. Die Verfolgung scheint
ganz besonders den Gott Amon von Theben
betroffen zu haben. Sein Kult wurde
verboten, seine Priester enteignet, sein
Name ausgekratzt, wo er sich auf Denkmälern
und Tempelwänden fand. Da der König den
verhaßten Namen in seinem eigenen
Namen trug, legte er diesen ab und
nannte sich anstatt deßen Ikhnaton (Aton
ist zufrieden). Die neue Residenz, die er sich
erbaute, erhielt den Namen Akhetaton
(Horizont des Aton). Ihre Trümmerstätte ist als
Tell-el-Amarna berühmt geworden.Aber als der große Ketzerkönig um 1350
starb, brach sein Werk zusammen. Die
neue Religion war im Lande nie populär
geworden, nur eine dünne Schicht von
Ikhnaton's nächsten Freunden und An-
hängern hatte sich zu ihr bekannt. Der
Menge des Volkes war sie wahrschein-
lich fremd und unverständlich geblieben. 4)S.
11
Nun wurde unter dem Einfluß der mächtigen
Priesterschaften rasch der frühere Zustand
hergestellt, und die Verfolgung wendete
sich gegen das Andenken des Ketzers selbst.
Schon sein Nachfolger Tutankhaton mußte
seinen Namen in Tutankhamon ändern
und die neue Residenz verlassen, die als-
bald verödete. Es folgte eine Zeit der Unruhe
und Unordnung, in der die Dynastie erlosch,
bis Harmhab um 1360 alle Spuren der religiösen
Umwälzung beseitigte und den früheren
Zustandwiederherstelltedie Reichs-
gewalt befestigen konnte.Wenn aber Moses, der den Juden
dieeine mono-
theistische Religion brachte, ein Aegypter war,
so taucht die Möglichkeit auf, diese Religion
sei die des Aton gewesen.d) Der Auszug aus Aegypten
Vor diese Möglichkeit stellt sich die Frage
nach den Motiven des Mannes Moses.
Was kann ihn, den vornehmen Aegypter
- vielleicht Prinz, Priester, sogar Beamter oder
mehreres davon zugleich - bewogen haben,
sich eines Haufens elender gefluechteter
Fremdlinge anzunehmen, sie eine neue
Religion zu lehren, an ihrer Spitze das Vater-
land zu verlassen? 4b)Wir täuschen uns nicht über die Beweiskraft
unserer Technik, die sich damit begnügt, die
nächsten Wahrscheinlichkeiten miteinander
zu verknüpfen, aber auf dem Boden unserer
Voraussetzungen wird es nicht schwer, eine
Antwort auf die gestellte Frage zu geben. Sie
leitet sich ab aus dem Zusammenwirken
zweier Momente, der Situation nach
dem Tode Ikhnatons und eines Charakter-
zugs, den wir Moses vielleicht zuschreiben
dürfen.Unter den außerhalb der heiligen Schrift
stehenden Sagen, mit denen die Phantasie
des Judenvolkes das Andenken Mosis
umsponnen hat, findet sich nachstehende
kleine Geschichte: Als das Knäblein am
königlichen Hofe lebte, nahm es der Pharao
eines Tages auf den Arm, um mit ihm
zu spielen. Aber das dreijährige Kind griff
nach der Krone des Pharao und setzte
sie auf sein eigenes Haupt. Wenn dieseS.
12
Erzählung auf rätselhafte Weise ein Stück der
historischen Wahrheit getroffen haben sollte, dann
war Moses ein Ehrgeiziger, der sich für be-
fähigt hielt zu herrschen und erwartete, daß
dies seine Zukunft sein werde. 5) Er gehörte
zum nächsten Kreis der Vertrauten des Königs,
dessen Verwandter er vielleicht war, hing
der neuen Lehre in begeisterter Überzeug-
ung an. Der Tod Ikhnaton's und die darauffol-
gende Empörung gegen die Aton-Religion
zerstörten seine ehrgeizigen Hoffnungen und
verletzten seine tief eingewurzelten
religiösen Gefühle. Aegypten hatte ihm nichts
mehr zubitbieten. In der Not dieser
Verarmung zeigte sich ihm die Auskunft,
wie er sich ein Volk schaffen konnte, das
er an Stelle seiner Aegypter leitete und be-
herrschte und wie er gleichzeitig der erhabenen
Lehre neue Gläubige zuführen konnte, nach-
dem Aegypten sie verworfen hatte. Er wandte
sich zu einem der Stämme semitischer Ein-
wanderer, die seit den Zeiten der Hyksos
im Lande weilten und stellte sich an
ihre Spitze, um sie zur Freiheit zu führen,
und sie unterwegs zu Anbetern des
neuen großen Gottes zu erziehen. 6) Es war
eine große That und ein schwieriges
Unternehmen, auch wenn die derzeitige
Schwäche der Staatsgewalt die Ausführung
sehr erleichtern mochte. 7) Diese unsere Kombination
würde den Exodus, den Auszug der Juden aus
Aegypten, deßen Andenken noch alljährlich
im Passah-Fest gefeiert wird, in die Zeit
zwischen dem Tode Ikhnaton's und der Herr-
schaft Haremhab's, also um das Jahr 1350 v. Chr.
verlegen.Es mag so zugegangen sein, aber vielleicht
nicht so einfach. Die Nachwirkung der
Aton-Religion mag länger angehalten
haben, ihr Untergang in Aegypten von
dem Versuch eines Ehrgeizungen, ihr
Reich neu zu schaffen, durch einen
längeren Zwischenraum getrennt sein,
obwol keine Zeit dafür so günstig
scheint wie die nächste, während des
Umsturzes der politischen Autorität.Oder Moses
hatteempfing seine Inspiration nichtS.
12a
In diesem Zusammenhang kann man an der Aussage
Manetho's (bei Josephus) nicht vorbeigehen, daß
der Führer der Juden ein ehemaliger Priester
von Heliopolis, Namens Osarsiph war. Dieser
Name wäre ein aegyptisches Aequivalent des
hebräischen Joseph.direkt von Ikhnaton, sondern von derselben
Schule zu On,ausgegangenempfangen, deren Lehren
auch den König zu seiner Reform getrieben
hatten. Diese anderen Möglichkeiten würden
den Zeitpunkt des Auszugs beeinflußen, aber
nichts daran ändern, daß die Religion desmußteMoses ein aegyptischer Monotheismus war.S.
13
Auf keinen Fall können wir das Problem des
Exodus so rasch als erledigt fallen lassen. Es haben
sich den Historikern so viele Beziehungen
der israelitischen Vorzeit zu anderen Land-
strichen ergeben, daß viele von ihnen überhaupt
in Zweifel ziehen konnten, daß die Juden
je in Aegypten waren. In diesem Falle wäre
es natürlich müßig, ein Datum für den Auszug
zu bestimmen. Andere haben aber wol mit
Recht eingewendet, ein Ereignis schlechtweg
für mythisch oder erfunden zu erklären, wenn
die Tradition es zum Ausgangspunkt oder
zu einem Wendepunkt der Volksgeschichte
macht. Man hat ja auch lange Zeit in der
griechischen Geschichte die Belagerung von
Troja oder die dorische Wanderung in das
Reich der Dichtung verwiesen, während man
heute von deren historischen Realität über-
zeugt ist. Auch liegt eine versöhnende Aus-
kunft nahe. Sehr verschiedene Stämme und
Volksteile sind im Laufe der Jahrhunderte
zu der scheinbaren Einheit des Volkes
Israel zusammengewachsen und nicht mehr
als ein Anteil von ihnen braucht den Auf-
enthalt in Aegypten und den Auszug von
dort erlebt zu haben. Doch haftet an diesem
Anteil mit besonderem Recht der jüdische Name,
wenn er aus Aegypten mitgebracht hat,
was für das ganze Volk schicksalhaft
geworden ist.Ein anderer Einwand verweist darauf, daß
keine Inschrift, keine frühe aegyptische Quelle
von einem solchen Auszug der Juden zu
berichten weiß. Das ist richtig, mag aber
leichten Herzens abgewiesen werden. Daß
ein misvergnügter Priester oder Beamter
mit einem Haufen Fremdstämmiger, die
zu schwerer Arbeit gepreßt worden waren,
die Grenzen des Landes überschritt, war
kein Ereignis, das der Erwähnung würdig
war - am wenigsten in Zeiten der Anarchie.
Gewiß pflegten die Pharaonen in guten
Zeiten allerlei erfreuliche Ereigniße,
Jubilaeen, Hochzeiten, selbst glückliche Jagden,
durch Ausgabe von Skarabaeen, Inschriften
in Tempeln, udgl zu feiern, aber in Zeiten
der Zerrüttung verstummten alle Denk-
mäler und darum giebt es mehrere langeS.
14
Perioden der aegyptischen Geschichte, aus denen
uns nichts berichtet wird. Anderseits wäre es
offenbar unsinnig, von den Zeitgenossen in
Aegypten das Maß von Voraussicht zu
fordern, das sie in den Stand setzen konnte
zu erkennen, welch welthistorische Entwick-
lung mit dem Exodus ihren Anfang nahm.
Wenn sich alles so zugetragen hat, wie unsere
kühnen Kombinationen erraten wollen,
so wäre es allerdings nicht außerhalb jeder
Möglichkeit, daß sich in den Ruinen von
Tell el Amarna, die uns die Werkstatt des
Architekten und Bildhauers Thotmes er-
halten haben, auch Spuren eines Priesters
oder Statthalters Thotmes finden, in dem
wir den Moses der Juden agnoszieren
dürfen. Aber wir wollen lieber nicht
darauf rechnen.Diejenigen Historiker, die an den Exodus glauben,
weichen nun Jahrhunderte in dessen Zeitbe-
stimmung von einander ab. Es scheint berech-
tigt, den Aufenthalt Israels in Aegypten mit der Herr-
schaft der ihnen stammverwandten Hyksos
in Beziehung zu setzen. Demnach wäre
die Vertreibung der Hyksos (um 1580) die
erste Möglichkeit einer Datierung des Auszugs.
Unsere Erörterung, in der die Juden als ein
Rest der Hyksosvölker angesehen werden,
hat die Amarnazeit (um 1350) bevorzugt.
Wenn der biblische Text Recht hat, der
die Juden an dem Bau der Festungen
Pithom und Ramses mitarbeiten läßt,
so wäre der Auszug erst in der Zeit der
Ramessiden um 1230 erfolgt. Aber diese
Angabe hat trotz ihrer Bestimmtheit
nicht viel Glauben gefunden.e) Das auserwählte Volk
Unter den Zügen, mit denen die heilige
Schrift die Einsetzung der jüdischen Religion
ausstattet, findet sich einer von höchst be-
fremdender Natur, dem die Folge eine
außerordentliche Bedeutung gegeben hat.
Es heißt, daß der von Moses eingeführte Gott
sich das Volk der Juden ausgewält, es allenS.
15
anderen vorgezogen habe, um sich durch dasselbe
verherrlichen zu lassen. Er habe einen Bund,
einen Vertrag mit ihnen geschlossen, zum
Zeichen seiner Geneigtheit sie aus der Knecht-
schaft in Aegypten befreit, verspreche sie
in neue herrliche Wohnsitze zu führen
und verlangte als Gegenleistung dafür, daß
das jüdische Volk ihm gehorche und ihn
allein als Gott verehre. Alle Ansprüche,
die Moses in seinem Namen erhebt,
werden so begründet: Ich bin der Ewige,
dein Gott, der dich herausgeführt hat aus
Aegypten und dich erwählt hat vor allen
anderen Völkern. Und bekanntlich hat das
stolze Bewußtsein, des großen einzigen
Gottes auserwähltes Volk zu sein, nicht
wenig dazu beigetragen, die Existenz des
jüdischen Volkes über Jahrhunderte von
Unglücksfällen und Mißhandlungen bis auf
den heutigen Tag zu erhalten.Was daran so neu und fremdartig erscheint,
ist die Vorstellung, daß ein Gott sich ein
Volk heraussuchen sollte wie ein Mensch
sich ein Liebesobjekt wält, das ihm ur-
sprünglich fremd ist und an das er sich
seit dieser Wal bindet. Ich glaube, es
giebt keinen ähnlichen solchen Fall in
der Religionsgeschichte der Menschheit.
Das Volk und sein Gott oder seine Götter
gehören sonst von allem Anfang an un-
trennbar zusammen, sie sind sozusagen
eines Stammes, es bedarf keines aus-
drücklichen Vertrags zwischen ihnen, um
Leistung und Gegenleistung zu regeln.
Es mag vorgekommen sein, daß ein Volk seinen
Gott verließ und seine Verehrung gegen die
eines anderen eintauschte, aber eine Handlung
wie die des Gottes Mosis muß auch jenen
Zeiten fremdartig und verwirrend gewesen
sein, denn die heilige Schrift versäumt
nicht, der Äußerung, in welcher Gott sich
seiner Tat rühmt, eine Fortsetzung anzu-
hängen, die seine diese halbwegs wieder aufhebt.
Im gleichen Atem verkündet nämlich Gott
dem jüdischen Volke, er sei der alte Gott
ihrer Väter, Abraham, Isaac und Jacob, mit
denen er schon in Urzeiten einen Bund
geschloßen. Mit der Toleranz gegen Wider-S.
16
sprüche, die den Menschen in religiösen Dingen
eigen ist, nimmt das gläubige Volk das Nebenein-
ander der beiden Äußerungen hin, setzt sich
darüber hinweg, daß es den Wert der Auszeich-
nung durch Gottes Auswal sehr herabsetzt,
wenn Gott bereits durch eine alte Beziehung
zu den Urvätern gebunden war, und daß
es eine peinliche Anklage gegen ihn bedeutet,
wenn er sich in der Jahrhunderte langen
Zwischenzeit nicht um sein Volk bekümmert
hat.Es liegt nahe anzunehmen, daß der Widerspruch
nicht dem Manne Moses und seinem Gotte
zur Last fällt. Der Gott, den Moses dem Volke
gab, war ein neuer Gott, er hatte nichts
mit dem unbekannten Gott der sagen-
haften Urväter zu thun. Er durfte von
sich rühmen, daß er sich in freier Wal
des unglücklichen Volkes angenommen,
und auf diese Auszeichnung wie auf den
ersten Beweis seiner Stärke und Fürsorge
seine Ansprüche begründen. Aber die ur-
sprüngliche Mosesreligion muß die ein-
schneidendsten Entstellungen und Umwand-
lungen durchgemacht haben, bis ein Nach-
klang von her ihr in die Fixierung Aufnahme
fand, die uns heute vorliegt. Starke Ten-
denzen haben sie in ihrem Sinne umgemodelt.
Es bestand kein Interesse daran, ihren
rein aegyptischen Ursprung, die Tatsache, daß
sie meteorisch wie ein Fremdkörper ins
Leben des Volkes eingedrungen war, leben-
dig zu erhalten. Im Gegenteile, das Neue
sollte zurückdatiert und dabei der
Tradition jener Volksteile Rechnung
getragen werden, die sich nicht erinnern
konnten, in Aegypten gewesen zu sein.
Diesen Stämmen zuliebe, mit denen sich die
aus Aegypten Geretteten vereinigten hatten,
mußte der biblische Gott behaupten, daß
er auch der Gott der Vorväter war,
die in und um Kanaan gestreift
hatten. Seine auffällige, allen göttlichen Gepflogen-
heiten widerstreitende That, sich ein fremdes
Volk zu eigen auszuwälen, ist vielleicht
der Wiederschein jener That des Moses, mitS.
17
der die Geschichte der jüdischen Religion beginnt.
Es war Moses, der sich den Stamm israelitischer
Fremdlinge auswälte, um ihn aus Aegypten
herauszuführen, er mußte den Juden natürlich
sagen, daß sein Gott sie ausgewält.f) Der Gottesname und das Zeichen des Bundes
Zum Zeichen des Bundes zwischen Gott und
Volk wird die Beschneidung eingesetzt, der
sich alle männlichen Personen unterziehen
müssen. Diese Verfügung wird mit solcher Be-
stimmtheit in Beziehung zur neuen Religion
und zum Auszug, also zur Person des Moses ge-
bracht, daß man sich nicht getraut, hierin
der Tradition zu widersprechen. Nimmt
man sie aber an, so erhebt sich eine Frage,
nach deren Beantwortung ein neues,
weit dunkleres Problem auftaucht.
Die Frage ist, wie kommt die Beschneidung
in diesen Zusammenhang? Man wird sich
keinen Augenblick lang mit der Mög-
lichkeit beschäftigen, daß Moses selbst
diese Vorschrift erfunden. Es ist ein uralter,
bis in die frühesten Zeiten der Familien-
geschichte reichender barbarischer Gebrauch,
über den ganzen Erdball verbreitet. Aber
warum er bei dem einen Volk geübt
wird, bei einem anderen nicht, ist ganz
unerklärt geblieben. Es ist bekannt, wie
die psychoanalytische Forschung Herkunft und
Bedeutung der Beschneidung auffaßt. Ihr
zufolge ist sie ein Rest, Ersatz und Ablösung
der Kastration, die in Urzeiten den Söhnen
von seiten des gewalttätigen und eifersüch-
tigen Vaters drohte. Demnach hat sie die sym-
bolische Bedeutung einer Unterwerfung
unter die gott-väterliche Autorität, und insofern
sie Triebverzicht verkündet, den Wert einer
kulturellen Leistung. Sie eignet sich also
sehr gut zur Rolle, die ihr im Vertrage mit
Gottheit zugewiesen ist. Was man im Ver-
halten der Menschen zur Beschneidung beob-
achten kann, verträgt sich gut mit den
Deutungen der Psychoanalyse. Die Völker,
welche die Beschneidung üben, sind stolz
auf sie, schätzen sie als einen Vorzug, mit
dem sie sich von den Anderen abheben.
„Unbeschnittener” ist bei ihnen, wie wir es nochS.
18
von den heutigen Moslim wissen, ein gebräuch-
liches Schimpfwort. Die Sitte der Beschneidung richtet
eine Scheidewand zwischen ihnen und den
anderen auf, denen sie verhaßt und unheim-
lich ist.Es ist nicht leicht, sich über die Verbreitung der
Beschneidung bei den Völkern jener Zeit sichere
Auskunft zu verschaffen, aber einige feste
Punkte darf man doch anerkennen. Wenn
die Beschneidung den Juden von Moses im
Zusammenhange der neuen Religion aufge-
drängt wurde, so muß sie ihnen bis dahin
fremd gewesen sein. Aber noch mehr, sie
muß auch jenen Völkern fremd gewesen
sein, mit und unter denen die Juden
lebten oder leben sollten. Denn es ist
klar, zum Zeichen einer besonderen Bindung
und als Mittel der Absonderung von
anderen kann sich nicht eignen, was
allgemeiner Brauch ist und was man
bei jedem Nachbar wiederfindet. Das
bezöge sich also auf die den jüdischen Stämmen
verwandtschaftlich nahestehenden Völker
Syriens und Palaestinas. Nach den
Mitteilungen der Altertumsforscher
waren auch die semitischen Babylonier
und die alten Sumerer unbeschnitten.
Woher nahm also Moses die Anregung
zu einer Einführung, die wirklich mehr
als alles andere dazu beigetragen hat,
die Isolierung der Juden aufrecht zu
halten?Die Antwort auf diese Frage ist einfach
und doch sehr überraschend. Herodot,
der Vater der Geschichte, dessen Glaub-
würdigkeit im Laufe der Zeiten so sehr
gewachsen ist, berichtet, daß die Beschneid-
ung von alters her und allgemein
bei den Aegyptern geübt wurde und
die Untersuchung aegyptischer Mumien
hat ihn bestätigt. Der Aegypter Moses
war unzweifelhaft selbst beschnitten,
und es war heimatlicher Brauch,
den er dem ihm stammesfremden Volk
zum Gesetz machte. Nicht die leiseste An-S.
19
deutung der heiligen Schrift der Juden weist auf
diese merkwürdige Abhängigkeit hin,
vielleicht ein neuer Beweis für die
Wirksamkeit einer Tradition, die aegyp-
tischen Einfluß verleugnen wollte. 8)Dann stellt sich aber eine Situation her,
die so unverständlich ist, daß sie den Zweifel nahe
legt, ob unsere Konjekturen überhaupt halt-
baristsind. Moses soll in dem Augenblick, da er
sein Vaterland verläßt und die Zugehörigkeit
zu seinem Volke löst, seinem neuen Volk
eine Sitte aufgedrängt haben, die charakte-
ristisch aegyptisch ist, ohne sichtlichen Vorteil für
seine Stellung bei ihnen und eigentlich
im Widerspruch zu der begreiflichen Absicht,
sie das Land ihrer Knechtschaft vergessen
zu machen. Und doch bei näherer Über-
legung erkennen wir, daß sichindieser
Zug in das Charakterbild des Mannes be-
friedigend einreiht, ja dazu verhilft es zu
vertiefen. Der vornehme Aegypter war
sehr stolz auf sein Volkstum, voll von
Verachtung für die elenden Fremden,
wie sie gern in aegyptischenDarInschriften
genannt werden. Er fühlte sich weit erhaben
über sie, wie der Grieche über die Bar-
baren. Es war ein großes Opfer für Moses,
sich von den Seinigen zu trennen und
mit den unreinen Fremdlingen zu
leben, aber sein Ehrgeiz forderte das Opfer,
die Fremden sollten ihm die Aegypter
ersetzen, über die er einst zu herrschen
gehofft hatte. So ergab sich der Ausweg, die
Fremden zu Aegyptern zu machen, sie
durch die Einführung der Beschneidung zu
heiligen und zu adeln und sie gleichzeitig
vor der Vermischung mit den minder-
wertigen Stämmen zu bewahren, zu
denen der Weg aus Aegypten sie führen
mußte. Von sachkundiger Seite ist mir gesagt
worden, daß die Beschneidung zwar nicht
allgemeine Volkssitte der Aegypter war,
aber streng eingehaltene Vorschrift für alle
Angehörigen der Priesterklasse. Wenn
das richtig ist, so bekräftigt es nur unsere
Deutung. Die Juden, denen Moses dieS.
20b
F Die moderne Bibelkritik hat, wie mir scheint, dieses
rätselhafte eingesprengte Stück aufgeklärt. Sie
liest an Stelle „ihres Sohnes” vielmehr „ihres
Mannes”, so daß Zipporah ih den Moses vor
dem Zorn Jahve's rettete dadurch, daß sie
die Beschneidung an ihm vollzog. (Gressmann
l.c. p. 56 uff). Sie nimmt ferner an, daß die
Sage in der Brautnacht spielt und legt
hiemit den tiefsten und geheimen Sinn der
Beschneidung blos, die in Übereinstimmung
mit unseren psychoanalytischen Auffassungen
hier als Aequivalent der Kastration
enthüllt wird. Alle jungen Frauen gehören
dem Naturgotte, der eifersüchtig über
sein Jus primae noctis wacht. Darum
ist es für den Ehemann gefährlich, selbst die
Entjungferung seiner Frau vorzunehmen
(s. meinen Aufsatz: Das Tabu der Virginität).
Es bleibt noch das bisher ungelöste Problem
übrig, welcher Absicht zuliebe dies urtümliche
Stück des Volksglaubens in den Zusammenhang
aufgenommen wurde, zu dem es so schlecht
stimmt. Ich wage die Vermutung, daß es
im Dienst der Tendenz geschah, die den
aegyptischen Einfluß verleugnen wollte,
für den grade die Sitte der Beschneidung
Zeugnis ablegte. Die Einführung derselben
war von Moses nicht zu trennen,
aber die Absicht war erreicht, wenn ein
midianitisches Weib sie zuerst ausgeführt
hatte und Moses ihr Objekt wurde.-S.
20
erhabene, von den Aegyptern verworfene Religion
übergab, sollten ein geheiligtes Volk von
Priestern werden, neue Aegypter, aber edler
und höher strebend als die, von denen Moses sich
trennen mußte. x) Wir ahnen bereits, inx) In der einer der dunkelsten und widerspruchsvoll-
sten Partien des biblischen Berichts über Moses
wird erzält, daß Gott einmal über ihn ergrim-
mte und ihn töten wollte, weil er das Gebot
der Beschneidung vernachlässigt hatte. Seine Frau
Zipporah rettete ihn durch rasche Beschneidung
ihrers beiden Sohnes x) Ich nehme die Erzälung
zum Anlaß, um dem Zweifel Raum zu
geben, ob der Mann aus Midian, der Schwie-
gersohn des Jethro, noch mit dem Aegypter
Moses, dem Führer und Gesetzgeber, identisch
war, und nicht vielmehr etwa eine später mit
ihm verschmolzene Person aus der Zeit
der Wanderung. Das Dunkel, mit dem die
Tradition denTodEnde Mosis umgiebt, das Geheimnis
um seine Grabstätte, haben im Zusammenhalt
mit gewißen Andeutungen bei einem Propheten
E. Sellin zur Vermutung gebracht, daß der
große Schöpfer Israels in einem Aufstand
seines Volkes einen gewaltsamen Tod
fand.welchem Ausmaß die Lehren und Thaten
Moses den Charakter des Volks geformt
haben, zu dem er sich in Aegypten herabließ.
Das Bewußtsein der Auserwältheit gab er
ihnen, er scheint ihnen auch den aegyptischen
Hochmut übertragen zu haben. Ja eine
eigentümliche Reaktion dieses Volkes, die
sich wiederholt in seiner Geschichte zeigt,
und der es zum guten Theil seinen Fort-
bestand verdankt, scheint bereits im
Charakterbild Mosis, wie wir es zu
erraten versuchen, vorgezeichnet. Ich
meine, die Bemühung, nach einer Ent-
täuschung und Beraubung durch einen
Schicksalsschlag das Verlorene sofort auf einem
anderem Boden, mit neuen Mitteln, wieder-
aufzubauen.S.
21
Die Religion, die Moses seinen Juden über-
lieferte, war nach unserer Voraussetzung die
des Aton. Es ist nicht notwendig, daß der Gottesname
Jahve dabei war, ja es ist nicht einmal wahrschein-
lich. Vielleicht gab Moses seinem Gott überhaupt
keinen Namen, vielleicht genügte ihm
der für unsere Kenntnis unerklärliche
Gleichklang Aton-Adonai. Es wäre schön, wenn
man das jüdische Glaubensbekenntnis Schema
Jisroel adonai elohenu... übersetzen dürfte: Höre
Israel, unser Gott Adonai... Aber so leicht
darf man es sich offenbar nicht machen. 9) Im-
merhin fällt es auf, daß um den Gottesnamen
bei den Juden ein ähnliches Dunkel ge-
breitet ist wie um das Lebensende Mosis.
Die Vorschrift, den Namen Gottes nicht zum
Eiteln zu nennen, scheint nur die Ab-
schwächung eines weit strengeren Verbots,
den Namen überhaupt auszusprechen, das
in der außerbiblischen Literatur der Juden
reichlich belegt ist. Man könnte meinen,
einen Fall des uralten Tabus der Namen
vor sich zu haben, aber man versteht nicht,
warum dies Tabu hier wiederbelebt wurde,
nachdem es längst auf weit primitiveren
Stufen der Religionsbildung durch die
Freude des Gläubigen am Gebrauch des
heiligen Namens abgelöst worden war. 10)
Der Eindruck ist vielmehr ...als sei mit dem
Gottesnamen etwas nicht in Ordnung, als
verdecke das Dunkel einen Bruch in der
Entwicklung, eine spätere Entstellung,
eine Mahnung, als sei der Name nicht mehr,
der er zuerst gewesen. 11)Der Gottesname, den die Juden nicht aussprechen
durften und in der Vorlesung durch Adonai
ersetzen mußten, hieß Jahve. Kenner der
alten Geschichte meinen, es sei ursprüng-
lich der Name einer amoritischen oder
kennitischen Lokalgottheit gewesen, mit
deren Volk die Juden auf ihrer langen
Wanderschaft in Berührung gekommen
waren. Der Mann aus Midian, den die
Tradition später mit dem aegyptischen
Moses identifizirte, mag ein Priester
dieses Jahve gewesen sein. 12) Eine langeS.
22
Zeit mag zwischen dem Auszug aus Aegypten und
der Einwanderung in Kanaan liegen, sie wird
von der Tradition verkürzt, ihr Inhalt ist
fast unterdrückt worden. Näher dem Beginn dieses
Zeitraums ist das Ereignis anzusetzen, daß das
Volk die ihm von Moses auferlegte Religion
abschüttelt, vielleicht nachdem es den Führer
gewaltsam beseitigt hat. Näher ist am Ausgang
die Bekehrung zur Religion des Jahve, in
dessen Bereich sie gekommen waren. Wir
täuschen uns nicht darüber, welche Schwier-
igkeiten die Annahme eines zweimaligen
Religionswechsels in der jüdischen Geschichte
mit sich bringt, aber wir sehen keinen
anderen Weg, den Nachrichten über Moses
gerecht zu werden. Die Komplikation
der Voraussetzungen entspricht auch
nur der Einzigartigkeit des Resultats.
Jahve, den die aus Aegypten ausgewander-
ten Übrigens verringern sich die Schwierig-
keiten, wenn wir annehmen, daß die
aus Aegypten Ausgewanderten nach einiger
Zeit sich mit Stammverwandten zusam-
men vereinigten, die auf ihren Wanderungen
Jahve-Verehrer geworden waren. Die
beiden Volkstheile thaten dann ihre
Traditionen zusammen. Es mußte derselbe
Gott gewesen sein, der sie auch aus
Aegypten herausgeführt hatte. Jahve
usurpierte die Leistung des Gottes Mosis
und nahm den Dank dafür in Anspruch.
Im Lauf der Entwicklung zahlte er
einen hohen Preis dafür.Jahve war nichts anderes als ein semitischer
Baal, nicht verschieden von den zalreichen
anderen Lokalgöttern der syrisch-palestinen-
sischen Länder. Sein Kult vollzog sich in
denselben Formen: man meint, daß er eine
Zeit lang unter dem Bild eines Stiers ver-
dargestellt ehrt wurde. Papyrusfunde auf der Insel Ele-
phantine haben gelehrt, daß die dort an-
säßige jüdische Militärkolonie in ihrem
Jahve-Tempel zwei weibliche Gottheiten verehrte,
die als seine Gemalinnen galten. Das war
unter der Perserherrschaft im fünften
Jahrhundert. Allerdings waren die Juden
dieser Niederlassung von ihrem VolkeS.
23
isolirt und in der Entwicklung rückständig. Lange
vor der Perserzeit, ja noch vor dem babylonischen
Exil war der Prozeß in Gang gekommen, der
damit endigte, daß Jahve wieder namenlos geworden- als einziger Gott von
einem großen Teilwieder namenlos geworden-
der Menschheit angebetet wird, nachdem er
alle seines Gleichen, aber auch die strahlende
Götterwelt der Griechen überdauert hat. Dies
erstaunliche Ergebnis erklären wir daraus,
daß hinter dem Jahve-Dienst die Tradition
der Mosesreligion am Werke war, ver-
dunkelt, entstellt und mehr als halb vergessen,
doch nie ganz erloschen. Aus den Mahnungen
der Propheten, deren sich diese Tradition
bemächtigt hatte, ertönte die Stimme der
Sehnsucht, einen verlorenen Zustand wieder
zu gewinnen, in dem man sich edel und
auserlesen hatte fühlen dürfen, einen Anteil
an der Großartigkeit Gottes und einen
idealen Anhalt durch die Beziehung
zu ihm gehabt hatte. In immer erneuerten
Vorstößen brach diese Tradition hervor,
bis endlich das Vergangene wieder hergestellt,
das Verdrängte wiedergekommen war,
bis Jahve sich nicht mehr von dem Gotte
Mosis unterschied, dessen Stelle er einst ein-
genommen hatte. Er hatte alle Beschrän-
kungen abgeworfen, war Herrscher
über die ganze Welt geworden, All-
schöpfer und Allerhalter ganz wie sein
Vorbild Aton zur Zeit des Ketzerkönigs.
Vielleicht nur in zwei Zügen hatte die Ent-
wicklung von etwa 800 Jahren das Bild ver-
ändert. Der Gott war ungeachtet seiner Uni-
versalität der Gott des jüdischen Volkes
geworden und der Fortschritt der Zeiten
verkörperte ein ethisches Ideal in seiner
Gestalt, das die alten Aegypter noch nicht
zu schätzen oder zu formuliren verstan-
den. Merkwürdigung aber, während der
aegyptische Monotheismus die Erstarkung
des Reiches zur Weltmonarchie begleitet
hatte, vollzog sich seine Wiederkehr im der Aufstieg Jahve's über
vernichtende Kata-
strophen, die sein Volk und Land be-
trafen.S.
24
Wir wissen nicht genug von der Aton-
Religion, um deren vermutete Identität mit
der durch die Propheten gereinigten Verehrung
Jahve's zu erweisen. Auch liegt der Einwand
nahe, daß etwaige Übereinstimmungen der
beiden als notwendige Folgerungen aus einem
monotheistischen Glauben verständlich seien.
Aber bei drei negativen Zügen der jüdischen
Religion, die für sie besonders charakteristisch
sind, lohnt es sich, der Beziehung zu Aegypten
nachzuspüren, um an ihnen die Wahrscheinlichkeit
unserer Annahme zu erproben. Es sind die
unerbittliche Verwerfung aller Arten von
Magie und Zauberwesen, das Verbot, die
Gottheit in irgend einer Gestalt darzustellen und
- last not least - die völlige Vernachlässigung
eines Lebens nach dem Tode.Magische Handlungen, zauberische Beschwörungen,
all das, was wir als Aberglauben zusammen-
fassen, spielten im Götterdienst der semitischen
Religionen eine große Rolle, aber die
aegyptische Volksreligion war wie keine andere
von den primitivsten und einfältigsten
Formen der Magie beherrscht. Es bedarf keiner
besonderen Ausführung, daß alle solche
Praktiken bei der Erhebung auf das
geistige Niveau des Monotheismus auf-
gegeben werden mußten. Holt man sich
aus den Hymnen Ikhnaton's einen Eindruck von der Erhabenheit
seiner Gedankenwelt, so
wird man kaum bezweifeln, daß die Aton-
Religion der Magie nicht weniger feind-
selig entgegentrat als später die Jahve's.Eindrucksvoller und keineswegs so selbstver-
zeigt ständlich gestaltet sich der Gegensatz im
zweiten Punkt. Die Aegypter waren un-
ermüdlich darin, die Gestalten ihrer thier-
oder menschenköpfigen Götter auf Tempel-
wände einzuritzen, in Ton, Stein und Erz
nachzubilden, aber vom Gott Aton giebt es
kein Bild. Es ist keines gefunden worden,
und man braucht nicht zu erwarten, daß
sich eines finden wird. 13) Aton hatte
keine Physiognomie. Die kunstfreudige
Epoche, die die Königsreform heraufbeschworen
hatte, begnügte sich mit einer sozusagen
schematischen Darstellung der Gottheit durch
eine Sonnenscheibe, deren Strahlen in
menschlichen Händen endigen. Der Wider-S.
25
spruch gegen die Volksreligion ist umso auffälliger,
als ja ein monotheistischer Glaube die bildliche
Darstellung der Gottheit nicht grundsätzlich
ausschließt, wie ein Besuch in unseren Kir-
chen und Museen uns zeigen muß. Es ist wol
möglich, daß die Vorschrift Mosis über die Strenge
der Aton-Religion noch hinausgieng.Unser besonderes Interesse verdient die drittge-
nannte Eigentümlichkeit der jüdischen Religion,
ihr Schweigen über eine Unterwelt und ein
Leben nach dem Tod, das ja einer vollen Ab-
lehnung gleichkommt. Es ist bekannt, daß Vor-
stellungen dieser Art erst sehr spät in die
Welt des jüdischen Volkes eingedrungen
sind, zu einer Zeit als die Jahve-Religion
längst gefestigt war, die heiligen Schriften
wißen nichts davon. Was den Aegyptern
das Leben nach dem Tod bedeutete, ist uns genau
bekannt. Sie scheinen alles daran gesetzt zu
haben, um die Illusion durchzuführen, daß
der Tod das Leben des einzelnen Menschen
nicht aufhebt. Daher die Sorge um die Erhal-
tung der körperlichen Form, die pein-
lichen Sicherungen gegen die immerhin un-
leugbaren Schwierigkeiten des Über-
gangs vom Leben zur Totenexistenz, die
die Ausstattung des Grabes mit allem Besitz,
der dem Verstorbenen wertvoll gewesen
war und ihm im Weiterleben dienlich
sein konnte, die Herstellung von Ebenbildern,
die die Fortdauer der individuellen Existenz
auf magische Weise ermöglichen sollten,
selbst wenn die Mumien zu Grunde giengen.
Wir wissen, welche Schätze die Archaeologie
den Bemühungen der Aegypter um die
Sicherung des Lebens nach dem Tode ver-
dankt, wissen auch, daß sie nicht die einzigen
Primitiven waren, die den Kampf gegen
die Anerkennung des Todes mit solchen
Mitteln führten. Aber das für uns
Wichtige ist, daß auch ihre religiösen Schöpf-
ungen den Einfluß dieses Strebens bezeugten.
Sie hatten eigentlich zwei Religionen, eine
für die Oberwelt und eine andere für
die Unterwelt. Mochten sich die Götter
Aegyptens in die Gaue des Landes theilen,
in der Unterwelt herrschte überall nur
ein Gott, Osiris, der populärste und unbe-
strittenste von allen. Jeder VerstorbeneS.
26
wurde mit ihm identifizirt und war nach
aegyptischer Denkweise dann so unsterblich
wie der Osiris.Angesichts einer so außerordentlichen Entwick-
lung des Jenseitsglaubens bei den Aegyptern
wird die extreme Zurückhaltung der Jahve-
Religion umso merkwürdiger, sie nimmt
gradezu einen polemischen Charakter an.
Nun gäben wir viel darum, durch direkte
Zeugniße zu erfahren, wie sich die religiöse
Reform Ikhnaton's zu dem so mächtigen und
in Aegypten allgemein verbreiteten
Osiris-Kult verhalten hat. Wir bleiben hier
leider auf unsere Mutmaßungen ange-
wiesen. Aber wenn wir den philosophischen
Sinn des Königs in Betracht ziehen und
die fanatische Intoleranz seiner Über-
zeugungen, so können wir kaum glauben,
daß er gegen den Unterweltgott Osiris
milder verfahren als gegen Amon-Ra,
der zu seiner Zeit der herrschende Gott
der aegyptischen Oberwelt war. Der völlige
Ausschluß alles Unterweltsglaubens aus
seiner neuen Religion ist für Ikhnaton
das Wahrscheinlichste, und wenn dem so ist,
so ist dieser Zug durch die Vermittlung Moses'
in die Jahve-Religion übergegangen. 14) In
mehreren wichtigen Punkten erscheint
so die jüdische Religion als das Negativ
der aegyptischen, durch den gewollten Gegen-
satz zu ihr bestimmt.Ein scheinbarer
GegensatzWiderspruch in dem
Benehmen, das wir Moses zuschreiben, er-
ledigt sich rasch. Er soll gewollt haben, die
Juden zu Aegyptern zu machen, indem
er sie der Beschneidung unterwarf und
ihnen gleichzeitig Lehren und Vorschriften
gegeben haben, die allem aegyptischen
Wesen zuwiderliefen. Aber der Wider-
spruch ist der zwischen der aegyptischen Volks-
religion und der Reformation Ikhnaton's.
Die Juden sollten Aegypter werden nach
dem Herzen Moses', Verehrer des Gottes
Aton.Hiemit kann ich abschließen, was ich als
den historischen Roman um den Mann
Moses angekündigt habe. Er will er-
zälen: Moses war ein vornehmer, ehr-
geiziger Aegypter, überzeugter AnhängerS.
27
der Aton-Religion, vielleicht dem Könige Ikh-
naton nahe stehend. Der Tod des Königs, der
den Umsturz der neuen Religion und den
Untergang der Dynastie mit sich brachte, be-
deutete für Moses den Verlust aller seiner
Hoffnungen und eine schwere Kränkung
seiner Überzeugung. Um eine Ent-
schädigung zu finden, nahm er sich eines
jetzt geknechteten Stammes semitischer
Fremdlinge an, die seine unter der Hyksos-
herrschaft ins Nildelta eingewandert
waren, führte sie, durch die im Lande herr-
schende Anarchie begünstigt, aus Aegypten
heraus, versuchte sie durch die Einführung
der Beschneidung zu heiligen, und lehrte sie
die Religion des Aton, deren Gegensatz
zur aegyptischen Volksreligion er ver-
schärfte. Die Tatsache, daß er sie ausgewählt
hatte, um seine Ideale an ihnen zu ver-
wirklichen, gab ihm das Recht, ihnen zu
verkünden, daß sie Gottes auserwähltes
Volk seien. Er mag üble Erfahrungen mit
ihnen gemacht haben, am Ende schüttelten
sie die ihnen aufgedrängte Heiligkeit ab
und schloßen sich an verwandte Stämme an,
die irgend einmal und irgendwo die Ver-
ehrung einer Jahve genannten Lokalgottheit
angenommen hatten. Aber es erwies sich,
daß die Thaten und Lehren Moses' nicht er-
folglos geblieben waren. Die Tradition seiner
Religion blieb bestehen und äußerte im Laufe der Jahrhunderte die
Wirkung,
daß Jahve die Züge des Gottes annahm,
den Moses seinem Judenvolk gebracht hatte.Ich hoffe, diese Konstruktion leidet nicht
an inneren Widersprüchen; ich bin nicht
kühn genug, um zu behaupten, daß sie die
uns unbekannte historische Tatsächlichkeit ge-
troffen hat. 15)Ich will noch bemerken, daß sie nichtwesentlich von der in der heiligen Schriftfixirten Tradition abweicht. Nach der notwendigenAusschaltung der mystischen Elemente undder Wunderberichte fand ich Anlaß, dieTradition in einigen Punkten zu berichtigenund mehrere Tendenzen in ihr aufzuzeigen,die die Wiedergabe der Gegebenheiten be-beeinträchtigt haben konnten. Die hauptsächlicheS.
28
Berichtigung betraf den Zeitpunkt, in dem das Auf-
treten Moses zu versetzen ist, also das Intervall
zwischen dem Exodus und der Niederlassung in
Kanaan. Als die Tendenzen der Tradition ließen
sich erraten die Absicht, die Abhängigkeit von
Aegypten zu verwischen und dieandereandere, unddie anderedie Erfolge der Wirksamkeit Moses
teils in die Urvätervorzeit teils in die nahe
Spätzeit der Jahve-Religion zuverlegenverschieben.
Beide Absichten arbeiten in gleicher Richtung,
sie wollen eine einheitliche Entwicklung
vortäuschen, die es einst gegeben hat, wo es
sich vielmehr um einen plötzlichen sozusagen
traumatischen Eingriff in das Schicksal
eines Volkes handelte. +) Als Ausgangspunkt
für unsere Rekonstruktion der Geschichte
Moses diente uns die analytische Deutung
der Sage von seiner Aussetzung; im
Weiteren halfen wir uns durch die Ein-
fügung psychologischer Motivierungen.+) Die Flucht Moses nach Midian ist offenbar die
Verlöthungsstelle seiner Person mit der
eines späteren Jahve-Priesters, also auch eine
Andeutung der von der Tradition vorge-
nommenen Verschmelzung der zwei Reli-
gionen. Dem entspricht, daß wir zwei ver-
schiedene Berichte über ihre Motivierung
besitzen. In der Bibel flüchtet Moses aus
Angst vor der Entdeckung seiner Mordthat
an dem grausamen Aufseher. Bei Flavius
Josephus, wo er als aegyptischer Feldherr er-
scheint, entzieht er sich durch die Flucht
dem Neid und der Misgunst des Pharao.Anhang
S.
28a
Kritischer Anhang
Ich hatte nicht gewußt, daß es so schwer sein
würde, einen „historischen Roman” zu verfassen.
Jetzt, da er vollendet ist, mahnt mich mein
Gewissen, den Maßstab nüchterner Geschichts-
forschungschreibungan ihn anzulegen. Ich hatte mich vor
allem mit den Ergebnissen der Arbeit
von Hugo Gressmann (l.c.) auseinanderzu-
setzen, der einerseits ganz auf der modernen
kritischen Forschung fußt, anderseits bemüht
ist, die Persönlichkeit des Moses voll zu
würdigen.Objekte der Vergleichung sind die bekannte, im
Bibeltext schriftlich fixierte Tradition, die
Annahmen Gressmann's und unsere, im Vor-
stehenden vorgetragene Konstruktion. Nach
der Bibel ist Moses ein Judenkind, das auf
wunderbare Weise am Hof des Pharao auf-
gezogen wird (Aussetzungssage). Er muß nach
Midian fliehen, weidet dort die Schafe seines
Schwiegervaters. Auf dem Berge Sinai Horeb
enthüllt sich ihm der ihm bisher unbekannte
Gott Jahve, schickt ihn nach Aegypten zurück,
um vom Pharao zu fordern, daß er das
Volk Israel entlasse. Moses thut so,
überwindet den Widerstand des Pharao
mit Hilfe der Plagen, die Jahve über
Aegypten schickt, führt die Juden bis zum
„Schilfmeer”, das sich zurückzieht, um ihnen
den Übergang zu gestatten, die nachfolg-
enden Aegypter aber in seinen Fluten
begräbt. Darauf geleitet er sein Volk zum
Gottesberg, der Jahve's Wohnsitz ist. Unter
Moses Vermittlung offenbart sich Jahve
dem Volke, schließt einen Bund mit
ihm und giebt ihm das auf zwei Tafeln
geschriebene Gesetz. Nach dieser Religions-
stiftung führt Moses das Volk noch 40
Jahre durch die Wüste, bis in die Nähe
des verheißenen Landes, leitet es noch in
seinen ersten Kämpfen mit feindlichen
Stämmen, trifft alle Anordnungen für
die Verteilung des zu erobernden
Landes und stirbt, nachdem ihm Gott diesen
späteren Wohnsitz des Volkes von
seiner Bergeshöhe gezeigt hat. Seine
Grabstätte bleibt unbekannt, er hatte
wiederholt Empörungen des Volkes zu
unterdrücken, zog sich auch den Groll Jahve'sS.
b
zu, der ihn am Ende bestrafte. Auf einer Station
nach der langen Wanderung empfing er den
Besuch seines Schwiegervaters aus Midian,
der ihm wichtige Ratschläge geben konnte.Daß diese Lebensgeschichte des Moses unmöglich ist
und daß sie in sich zusammenfällt, wenn man
die mythischen Elemente und die Wunderbe-
richte ausscheidet, leuchtet ohne weiteres ein.
Sie legt dem Historiker die Aufgabe vor, zu sondern,
was etwa der geschichtliche Kern ist, was Aus-
schmückung durch dichterische Erfindung, was
Entstellung durch tendenziöse Überarbeitung
und was Rückversetzung aus späteren
Epochen. Die Erledigung dieser Aufgabe ist
bisher nicht gelungen. Es ist fraglich,
ob sie überhaupt je gelingen wird.Für die Darstellung von Gressmann
müßen wir weiter ausholen. Sie meint -
meist in Übereinstimmung mit Ed. Meyer -
daß das Volk der Juden, oder besser jener
Anteil des späteren Volkes, der nur
für diese Untersuchung in Betracht kommt,
ursprünglich am Südrand von Palaestina
hauste. Sie waren Aramaeer, nach dem
Zeugnis der Vätersagen aus dem östlichen
Syrien dahin gewandert, lebten als
Halbnomaden. Vielleicht unter dem
Einfluß einer Hungersnot zog ein Teil
von ihnen nach Aegypten und fand in
der Grenzprovinz Gosen im Nildelta
Aufnahme. Nach einem Aufenthalt von
wenigen Generationen verließen sie
Gosen, um sich den Frohndiensten zu ent-
ziehen, zu denen die Aegypter sie gezwung-
en hatten. Sie zogen auf der sogenannten
Schilfmeerstraße durch die Sinaihalbinsel
in die Gegend von Kades, woher sie
gekommen waren und wo noch ihre
Stammverwandten wohnten. Die Ver-
folgung durch ein aegyptisches Heer und
den Untergang dieser feindlichen
Macht durch eine Naturkatastrophe
deren Zeugen die Israeliten wurden,
hält Gressmann für historisch. In Kades
vereinigten sich die glücklich Wiederge-
kehrten mit den ihnen nah Verwand-
ten, erhielten dort eine politische Or-
ganisation und nahmen die Jahve-S.
c
Religion an. So verstärkt versuchten sie von Süden
her in Palaestina einzudringen, fanden
aber in dem Volk Amalek, das nördlich
von Kades wohnte, einen überstarken
Gegner. Sie gaben den Versuch auf, wan-
derten ein Stück auf der Schilfmeerstraße
zurück und brachen dann mit besserem
Erfolg in's Ostjordanland und von dort
in Palaestina ein.Das „Schilfmeer”, meint Gressmann (und Andere
mit ihm) ist der Golf von Akaba, der Zipfel
des Roten Meeres, der die Sinaihalb-
insel von Arabien trennt. Der westliche
Küstenstrich Arabiens an diesem Golf und
das Land nördlich von ihm bis gegen Edom
ist als Land der Midianiter anzusprechen.
In ihm, nicht auf der Sinaihalbinsel, ist
der Gottesberg Sinai-Horeb zu finden,
denn die Beschreibungen der Bibel von der
Szene der Offenbarung deuten mit aller
Bestimmtheit auf einen Vulkan hin (so auch
die Rauch- und Feuerwolke während der
Wanderung und der Westrand Arabiens
ist die einzige Gegend in der Nähe,
in welcher Vulkane vorkommen, von
denen noch in historischen Zeiten Ausbrüche
bekannt gewesen sind. Jahve war der
Herr dieser vulkanischen Gegend, ein Gott
oder der Hauptgott der Midianiter, dem
Volke Israel bis dahin unbekannt.Welche Rolle räumt Gressmann dem
Manne Moses ein? Er anerkennt ihn als
den Führer aus Aegypten und den Stifter
der Jahvereligion bei seinem Volke. Ich werde
im folgenden Gressmann wörtlich zitieren.
„Da schwang sich derjugendlichejunge Mose
zum Führer auf. Er riß seine Landsleute
mit sich, organisierte den Widerstand
gegen die unrühmliche Knechtschaft
und bereitete alles zur heimlichen Flucht
vor. Es gelang ihm, die Aegypter zu täuschen
und mit seinem Volk unbemerkt
zu entkommen. Als die Aegypter die Flucht
erfuhren und eine kleine Heeresabteilung
für die Sklavenjagd aufrüsteten, hatten
die Israeliten einen beträchtlichen Vor-
sprung. Ihre Absicht war, wieder in die
Heimat des Negeb zu wandern und
dort in Entbehrung, aber in FreiheitS.
d
das Leben fortzusetzen, das ihre Vorfahren geführt
hatten. Einzelne waren gewiß in Kades
zurückgeblieben, so daß sie dort auf freundlichen
Empfang und willige Aufnahme durch ihre
Brüder rechnen konnten. Gern wären
sie auf einsamen Pfaden dorthin gezogen,
aber sie mußten die Heeresstraße über
Suez und Akaba wählen, um nicht in der
dürren Wüste mit ihren Schafen und Ziegen
zu verdursten und zu verhungern”. (p 444)
Aber was veranlaßte den Moses, die
Jahvereligion einzuführen? Gressmann
meint, es war der überwältigende Ein-
druck einer vulkanischen Katastrophe, die
grade damals eintrat und das aegyptische
Heer vernichtete. „Schon waren sie glücklich
bis Akaba ans Schilfmeer gelangt, als sie
zu ihrem großen Schrecken hinter sich das
Heer der Aegypter bemerkten und den
sicheren Tod oder die noch schlimmere
Gefangenschaft voraussahen. Die Verfolger
waren ihnen dicht auf den Fersen und
jeden Augenblick konnte die Kata-
strophe erfolgen. Da geschah etwas Uner-
hörtes und Unerwartetes. Plötzlich bäumte
sich, durch vulkanisches Beben verursacht,
das Meer in einer gewaltigen Woge
empor und riß die Aegypter hinweg. Israel
war gerettet. Dies Wunder - denn so er-
schien es dem antiken Menschen - machte
einen unverlöschlichen Eindruck und
konnte nie wieder aus der Erinner-
ung verschwinden was für ein mächtiger
Gott mußte das sein, der diese That
vollbracht hatte und dem das Meer
untertan war! Von den Führern oder
von den Bewohnern jener Gegend, den
Midianitern erfuhr man den Namen
des Gottes, der sich in so imposanter Weise
geoffenbart hatte: Jahve. Und man hörte
noch andere wunderbare Dinge von
diesem Gott” (ebenda).Der große Gott hatte offenbar Partei genommen
für den armseligen Haufen israelitischer Flücht-
linge. Damals blitzte im Geist des Mose
der Gedanke auf: Dieser Gott hat Israel
zu seinem Volk erkoren, so küren wir
ihn zu unserem Gott! Und dieser Gedanke
zündete und fing „Feuer in den Seelen
der Israeliten” (p 445). Sobald man in
Kades zur Ruhe gekommen war, ward
„Jahve offiziell zum einzigen Gott Israel's erhoben,S.
e
zum einzigen!“ Man lud den Jahvepriester Jethro
aus Midian nach Kades ein, der den Moses
lehrte, wie man Jahve Opfer bringt, in seinem
Namen Recht spricht und vielleicht noch manches
andere. Mit der Überführung der Bundeslade
des Heiligtums Jahve's aus Midian in das Lager
der Israeliten war die Einsetzung der neuen
Religion vollzogen. „Die unmittelbare religi-
öse Überzeugung von der gewaltigen Größe
Jahve's die man in der Katastrophe am Schilf-
meer sinnfällig erlebt hatte” war der alleinigeHebelAntrieb dieses relig Einflußes. „Denn die
Midianiter übertrafen, soviel wir wissen,
die Hebraeer weder in politischer noch in
kultureller Hinsicht.” (p 446)Ich hoffe, es erscheint nicht zu keck zu behaupten,
daß dieses Mittelstück der Darstellung
Gressmann's, eingeschoben zwischen dem
glaubwürdigen Ausgang aus Gosen und der
kritisch gesicherten Religionsgründung in
Kades auch nur ein historischer Roman ist,
nicht zuverlässiger als der von uns kon-
struierte. Man entschließt sich nicht leicht
dazu, die Annahme einer neuen Religion
auf ein zufälliges Zusammentreffen zurückzu-
führen, wie es das Auftreten eines vulkan-
ischen Phänomens grade während der Ver-
folgung durch die Aegypter gewesen wäre,
solange andere Erklärungen möglich sind.
Eine plötzliche vulkanische Sturmflut, die nur
die Aegypter wegspült und die ihnen
nahe lagernden Israeliten ungeschädigt
läßt, bleibt ein schwer vorstellbarer,
sehr unwahrscheinlicher Vorgang, wirklich
nicht viel anders als ein Wunder. Auch
läßt Gressmann damit etwas geschehen, was
mit der Erzälung der Bibel wenig Ähn-
lichkeit hat. Diese besagt ausdrücklich, daß
das Volk Israel trockenen Fußes durch
die geteilten Wasser hindurchziehen, während
die ihnen nachfolgenden Aegypter durch die
wiederkommenden Wasser des Meeres er-
tränkt wurden und endlich erscheint jeder
Versuch, eine solche Tradition zu retten, ver-
geblich, denn weder für die Juden auf ihrer
Landwanderung über die Schilfmeerstraße
noch für die sie verfolgenden Aegypter
ergab sich ein Anlaß, einen Meeresarm
zu überschreiten.S.
f
Die Idee, daß die Ausbreitung der Jahve-Ver-
ehrung auf den überwältigenden Eindruck
vulkanischer Phänomene zurückgeht, möchte ich
als sehr beachtenswert herausgreifen. Dann
mag aber folgender Hergang der wahrschein-
lichste sein. Die den Midianitern benach-
barten israelitischen Stämme hatten sich zu
Jahve bekehrt unter dem Einfluß großartiger
Eruptionen, von deren erschreckenden Begleit-
erscheinungen die Nachbarn erzälten
und die sie zum Teil selbst erleben konnten.
Das maglangekann in der Zwischenzeit geschehen
sein, während ein Teil des Volkes in Aegypten
weilte, ohne jede Verknüpfung mit dem
Auszug aus Aegypten. Als die Ausgewan-
derten wiederkamen, fanden sie ihre
Stammesbrüder als Jahveverehrer auf. Sie selbst
hatten - nach unserer Annahme - vielleicht eine
Generation lang das Joch der großartigen
Mosesreligion ertragen, hatten es abge-
schüttelt, standen aber unter der Nachwir-
kung ihres Erlebnißes und waren aufnahms-
fähig für eine neue religiöse Bindung.Beide Volksteile hatten Erschütterndes erlebt,
in einer Art von Synkretismus verschmolzen
nun ihre Reaktionen auf jene großen
Traumen. Auch die Neuankömmlinge nahmen
die Jahvereligion an, sie halfen aber dazu,
sie zu vertiefen und zu befestigen. Es
wuchsen Generationen heran, die die
Wunderthaten des Vulkangottes über
die Wüste nach Aegypten erstreckten
und ihm auch das Verdienst der Befreiung
aus der dortigen Knechtschaft zuschrieben.Und war Jahve der Gott des Auszugs geworden,
so mußte auch der erste Führer, Moses,
den sie wahrscheinlich längst vor der Rück-
kehr beseitigt haben, überall dabei ge-
wesen sein, nicht nur in Aegypten, sondern
auch in Midian, am Sinai-Horeb, in Kades
bei der Religionsgründung, und endlich
noch im Ostjordanland.Die heutige Kritik glaubt, daß das Volk Israel
nie am Sinai im Lande Midian war. Man
möchte hinzufügen, daß es auch nie durch's
rote Meer gegangen. Beides, die sog.
Schilfmeerkatastrophe wie die feierliche
Gesetzgebung am Sinai, sind großartigeS.
g
Dichtungen und beide vom gleichen Gepräge. Auch
Moses, der Führer aus Aegypten, war nie
in Midian, hat den Sinai nicht gesehen,
Jahve nicht gekannt, und der Mann, der,
Israelit oder Midianiter, in Kades die
Jahvereligion einrichtete, war mit Moses
nicht identisch.Ich wende mich zur kritischen Betrachtung unseres
eignen historischen Romans. Derselbe hat soviel
positive Aussagen über Charakter und Motive
des Mannes Moses gemacht, daß es der Mühe
wert scheint zu prüfen, wieviel historische Wahr-
scheinlichkeit er, abgesehen von der psychologischen,
in Anspruch nehmen kann. Es ist begreiflich,
daß wir ihm auch die erstere zuerkennen möchten,
aber aus dieser Geneigtheit folgt nur, daß wir
seine Sache mit Eifer führen werden, folgt
nicht, daß wir uns übereilen werden, sie
für als gewonnen zu erklären. Ich sehe im
Material der Tradition drei Momente, die
stark genug scheinen, um unseren Aufbau zu
tragen. Das erste davon ist der unzweifelhaft
aegyptische Name. (Die Tradition ist naiv genug,
der aegyptischen Prinzessin eine Ableitung
des Namens aus der hebräischen Sprache zuzu-
schreiben). Daß ein Mann die Nationalität
hat, die sein Name bezeugt, scheint ein zu-
verlässiger Schluß, insbesondere für die Ver-
hältniße der antiken Welt. Die Verwertung
der Aussetzungssage ergiebt dann eine starke
Bekräftigung dieser Behauptung, denn ihre
Deutung kann nichts anderes heißen, als daß
Moses ein Aegypter ist, der zu einem
Juden gemacht werden soll. Somit hätten
wir hier festen Boden berührt. Dies Aegypter-
tum Moses' ist die unentbehrliche Voraus-
setzung der weiteren Entwicklungen.
In unserem Roman indeß giebt es eine
Argumentation, mittels welcher man den
Mehrgewinn aus der Aussetzungsgasse
wieder aufheben kann. Die in der
orientalischen Welt überall flottirende
Sage ist natürlich nicht von aegyptischer,
sondern von israelitischer Seite an
Moses geknüpft worden. Das muß spät
geschehen sein, zu einer Zeit, da die Größe
des Mannes längst anerkannt und
festgelegt war. Die Sage bekleidete ihn
dann mit der typischen Jugendgeschichte
des Helden, der schon in der KindheitS.
h
über den später überwundenen Gegner triumphirt.
Da dieser Gegner der aegypt Pharao war und
die Sage einen aegyptischen Namen vorfand,
mußte sie ihn als Kind an den Königshof ver-
setzen, aber da Moses ein Jude bleiben
mußte, war die Sage zu der auffälligen
Modifikation gezwungen, die unsere
Deutungsarbeit angeregt hat. Die Sage ist
also möglicherweise selbst durch die Tatsache
des aegyptischen Namens bestimmt worden
und besitzt keine von diesem unab-
hängige Beweiskraft. So bleibt unerledigt,
inwiefern diese Einwendung selbst stichhaltig
ist. Die Bedeutung des Namens wird durch
diese Diskussion nicht berührt.Ein zweiter Punkt ist das Moment der Auser-
wältheit. Für die Wirkung auf das Volk
Israel, also für das Schicksal der jüdischen
Religion, kommt ihm eine entscheidende
Bedeutung zu. Gressmann hat das sehr
wol erkannt und darum die sogenannte
Katastrophe am Schilfmeer in den Vorder-
grund gerückt, die geeignet gewesen wäre,
die Überzeugung der Auserwältheit beim
Volk Israel zu wecken. Wenn aber
diese wunderbare Errettung überhaupt
nicht stattgehabt hat, sondern ein Erzeugnis
der dichterischen Phantasie ist, das viel-
mehr die Sicherheit der Auserwältheit
zur Voraussetzung nimmt, dann klafft
in unserem Verständnis für das Werden
des jüdischen Volkes eine unerträgliche
Lücke, deren Vorhandensein alles übrige
entwertet. Hier setzt unsere Konstruktion
ein und füllt die Lücke aus durch den
Hinweis auf die Herablassung des hochge-
borenen Aegypters zu dem geknechteten
Volksstamm, dessen er sich väterlich
annahm, den er in die Freiheit
führte und zu einer neuen Religion
heranzog.Endlich drittens, was man für ein unscheinbares
Detail halten möchte und was sich als
ein entscheidendes Argument heraus-
stellt, die Rolle der Beschneidung. Die
Einführung dieser Sitte ist nach dem Zeugnis
des Bibeltextes selbst von Moses nicht
zu trennen und diese feste Verknüpf-
ung kann nicht wie die ähnlich konstantS.
i
festgehaltene Beziehung zwischen Moses und Jahve
durch das Wirken einer gut verständlichen späteren
Tendenz aufgeklärt werden. Vielmehr zeigt die
rätselvolle und so ungeschickt eingeschobene
Stelle in Exodus 4, wo Jahve den Moses be-
droht, weil er die Beschneidung unterlassen,
und die Midianiterin Zipporah Moses das
Leben rettet, indem sie die Beschneidung
an ihm vollzieht, in welche Verlegenheit
die Tradition bei dem Versuch gerät, den
historischen Zusammenhang zwischen Moses
und der Einführung der Beschneidung zu
verleugnen. Es ist eine ganz müßige, durch
keine andere Nachricht gestützte Annahme,
wenn Gressmann meint, Israel habe
diese Sitte wirklich von den Midianitern
übernommen, zu denen sie über Aegypten
gekommen sei. Die Beschneidung gehört Aegyp-
ten zu, und wenn Moses sie dem Volk
aufdrängte, als er mit ihm Aegypten verließ,
gewinnen manche der Aufstellungen
unseres historischen Romans dadurch an
Glaubhaftigkeit. x)x) Bei Breasted (l.c. p 353) kann man lesen, daß
sich die Beschneidung an den Leichen aus den
frühsten praedynastischen Friedhöfen, 4000
Jahre zurück, konstatieren läßt, wenn immer
der Zustand der Erhaltung eine Beobachtung
zuläßt. In einem Grabrelief aus dem 27. oder
28. Jahrhundert des Friedhofs von Memphis
wird die Vornahme der Operation durch
einen Chirurgen dargestellt. „In Aegypten
geboren und Träger eines aegyptischen
Namens”, sagt Breasted über Moses,
„drängte er seinen Volksgenossen die uralte
aegyptische Sitte der Beschneidung auf, die
zu seiner Zeit gewiß schon über 3000
Jahre im Niltal geübt worden war.”
Die hebräische Tradition hat die Einführung
dieses Gebrauchs immer an Moses ange-
knüpft und die Tatsache, daß er seinem
Volk Israel diese heilige aegyptische Sitte
als Merkmal zum Unterschied von den
Fremden auferlegte, ist ein unzweideutiges
zeitgenössischer Beweis dafür, daß er
seine Kenntnis der aegyptischen Religion
in bewußter Absicht verwertete. Den-
noch weicht Breasted dem naheliegenden
Schluß aus, daß Moses wirklich ein
Aegypter war und versperrt sich damit
den Weg zu den Folgerungen, die
wir gezogen haben. Er schließt sichS.
j*
der Meinungen, daß Moses seinen Gott Jahve
von den Midianitern übernommen hat, aber
da dieser primitive Stamm es nicht soweit in
der Kunst gebracht hatte, um Götterbilder zu
herzustellen, verbot er auch den Israeliten,
sich ein Bild von Jahve zu machen. Breasted
kämpft dann mit dem Widerspruch, daß der-
selbe Moses eine eherne Schlange als Objekt
der Anbetung aufrichten ließ.S.
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Der Mann Moses. Ein historischer Roman1939-001/1937.01
1939-001/1934.01