S.
29
II a)
Das Volk IsraelWenn man sich klar darüber ist, daß ein Verfahren
wie das unsrige, vom überlieferten Stoff anzu-
nehmen, was uns brauchbar scheint, zu verwer-
fen, was uns nicht taugt, und die einzelnen
Stücke nach der psychologischen Wahrscheinlichkeit
zusammenzusetzen – daß eine solche Technik
keine Sicherheit gibt, die Wahrheit zu finden,
dann fragt man mit Recht, wozu man eine
solche Arbeit überhaupt unternimmt. Die
Antwort beruft sich auf ihr Ergebnis. Wenn man
die Strenge der Anforderungen an eine historisch-
psychologische Untersuchung weit mildert, wird
es vielleicht möglich ein Problem zu klären,
diedasimmer der Aufmerksamkeit würdig schienen
und die infolge rezenter Ereigniße sich von
neuem dem Beobachter aufdrängen. Man
weiß, von allen Völkern, die im Altertum
um das Becken des Mittelmeers gewohnt
haben, ist das jüdische Volk nahezu das einzige, das
heute dem Namen und wohl auch
der Substanz nach noch besteht. Mit
beispielloser Widerstandsfähigkeit hat es
Unglücksfällen und Mishandlungen getrotzt,
besondere Charakterzüge entwickelt und sich
nebstbei die herzliche Abneigung aller anderen
Völker erworben. Woher diese Lebens-
fähigkeit der Juden kommt und wie ihr
Charakter mit ihren Schicksalen zusammen-
hängt, darübervon möchte man gerne mehr
verstehen.Man darf von einem Charakterzug der Juden
ausgehen, der ihr Verhältnis zu den Anderen
beherrscht. Es ist kein Zweifel daran, sie haben
eine besonders hohe Meinung von sich, halten
für sich vornehmer, höherstehend, den anderen
überlegen, von denen sie auch durch viele
ihrer Sitten geschieden sind x). Dabei be-x) Die in alten Zeiten so häufige Schmähung, die
Juden seien Aussätzige, (s. Manetho) hat
wol den Sinn einer Projektion: Sie halten
sich von uns so fern, als ob wir Aussätzige
wären.seelt sie eine besondere Zuversicht, wie im
Leben, wie sie durch den geheimen Besitz
eines kostbaren Gutes verliehen wird,
eine Art von Optimismus; oder
Fromme würden es Gottvertrauen nennen.S.
30
Wir kennen den Grund dieses Verhaltens und
wissen, was ihr geheimer Schatz ist. Sie halten sich
wirklich für das von Gott auserwählte Volk,
glauben ihm besonders nahe zu stehen, und
dies macht sie stolz und zuversichtlich. Nach guten
Nachrichten benahmen sie sich schon in hellenist-
ischen Zeiten so wie heute, der Jude war also
damals schon fertig, und die Griechen, unter
denen und neben denen sie lebten, reagierten
auf die jüdische Eigenart in der nämlichen
Weise wie die heutigen „Wirtsvölker“.
Man könnte meinen, sie reagierten, als ob
auch sie an den Vorzug glaubten, den
das Volk Israel für sich in Anspruch nahm.
Wenn man der erklärte Liebling des ge-
fürchteten Vaters ist, braucht man sich über
die Eifersucht der Geschwister nicht zu
verwundern, und wozu diese Eifersucht
führen kann, zeigt sehr schön die jüdische
Sage von Josef und seinen Brüdern. Der
Verlauf der Weltgeschichte schien dann später die
jüdische Anmaßung zu rechtfertigen, denn
als es später Gott gefiel, der Menschheit
einen Messias und Erlöser zu senden,
wälte er ihn wiederum aus dem Volke
der Juden. Die anderen Völker hätten
damals Anlaß gehabt sich zu sagen: „Wirklich,
sie haben Recht gehabt, sie sind das von
Gott auserwählte Volk.“ Aber es geschah
anstatt deßen, daß ihnen die Erlösung
durch Jesus Christus nur eine Verstärkung
ihres Judenhaßes brachte, während die
Juden selbst aus dieser zweiten Be-
vorzugung keinen Vorteil zogen, da sie
den Erlöser nicht anerkannten.Auf Grund unserer früheren Erörterungen
dürfen wir nun behaupten, daß es der
Mann Moses war, der dem jüdischen Volk
diesen für alle Zukunft bedeutsamen Zug
aufgeprägt hat. Er hob ihr Selbstgefühl durch
die Versicherung, daß sie Gottes auserwältes
Volk seien, er legte ihnen die Heiligung
auf und verpflichtete sie zur Absonderung
von den Anderen. Nicht etwa, daß esS.
31
den anderen Völkern an Selbstgefühl gemangelt
hätte. Genau wie heute hielt sich auch damals
jede Nation für beßer als jede andere.
Aber das Selbstgefühl der Juden erfuhr durch
Moses eine religiöse Verankerung, es wurde
ein Teil ihres religiösen Glaubens. Durch ihre
besonders innige Beziehung zu ihrem Gott
erwarben sie einen Anteil an seiner
Großartigkeit. Und da wir wissen, daß hinter
dem Gott, der die Juden ausgewhält und aus
Aegypten befreit hat, die Person Moses' steht,
die grade das, anvorgeblich in seinem Auftrag,
getan hatte, getrauen wir uns zu sagen: Es
war der eine Mann Moses, der die Juden
geschaffen hat. 16) Ihm dankt dieses Volk seine
Zählebigkeit, aber auch viel von der Feind-
seligkeit, die es erfahren hat und noch
erfährt.b) Der große Mann
Wie ist es möglich, daß ein einzelner Mensch
eine so außerordentliche Wirksamkeit entfaltet,
daß er aus indifferenten Individuen und
Familien ein Volk formt, ihm seinen
endgültigen Charakter aufprägt und sein
Schicksal für Jahrtausende bestimmt? Ist
eine solche Annahme nicht ein Rückschritt
auf die Denkungsart, die die Schöpfermythen
und Heldenverehrung entstehen ließ, auf
Zeiten, in denen die Geschichtsschreibung sich in der
Berichterstattung der Taten und Schicksale
einzelner Personen, Herrscher oder Eroberer
erschöpfte? Die Neigung der Neuzeit geht viel-
mehr dahin, die Vorgänge der Menschheits-
geschichte auf verstecktere, allgemeine und
unpersönliche Momente zurückzuführen, auf
den zwingenden Einfluß ökonomischer Ver-
hältnisse, den Wechsel in der Ernährungs-
weise, die Fortschritte im Gebrauch von Mate-
rialien und Werkzeugen, auf Wander-
ungen, die imletzten Instanzletzten Grunde durch Volksvermehrung und Ver-
änderungen des Klima's veranlaßt werden.
Den Einzelpersonen fällt dabei keine andere
Rolle zu als die von Exponenten oder
Repräsentanten von Massenstrebungen,
welche notwendigerweise ihren Ausdruck
finden mußten und ihn mehr zufälliger
Weise in jenen Personen fanden.S.
32
Das sind durchaus berechtigte Gesichtspunkte, aber
sie geben uns Anlaß, an eine bedeutsame Un-
stimmigkeit zwischen der Einstellung unseres Denk-
organs und der Einrichtung der Welt zu
mahnen, die mittels unseres Denkens erfaßt
werden soll. Unserem allerdings gebieterischen
Kausalbedürfnis genügt es, wenn jeder Vorgang
eine nachweisbare Ursache hat. In der Wirklichkeit
außerhalb uns ist das aber kaum so der Fall;
vielmehr scheint jedes Ereignis überdeterminiert
zu sein, stellt sich als die Wirkung mehrerer
konvergierender Ursachen heraus. Durch die
unübersehbare Komplikation des Geschehens
geschreckt, ergreift unsere Forschung Partei
für den einen Zusammenhang gegen
einen anderen, stellt Gegensätze auf, die
nicht bestehen,
nur durch die Zerreißung von umfassenderen
Beziehungen entstanden sind. x) Wenn unsx) Ich protestiere aber gegen das Misverständnis,
als wollte ich sagen, die Welt sei so kom-
pliziert, daß jede Behauptung, die man
aufstellt, irgendwo ein Stück der Wahrheit
treffen muß. Nein, unser Denken hat
sich die Freiheit bewahrt, Abhängigkeiten
und Zusammenhänge aufzufinden, denen
nichts in der Wirklichkeit entspricht, und
schätzt diese Gabe offenbar sehr hoch,
da es innerhalb wie außerhalb der Wissen-
schaft so reichlichen Gebrauch von ihr
macht.also die Untersuchung eines bestimmten
Falles den überragenden Einfluß einer
einzelnen menschlichen Persönlichkeit be-
weist, so braucht uns unser Gewissen nicht
vorzuwerfen, daß wir mit dieser Annahme
der Lehre von der Bedeutung jener all-
gemeinen, unpersönlichen Faktoren ins
Gesicht geschlagen haben. Es ist grundsätzlich
Raum für beides. Bei der Genese des
Monotheismus können wir allerdings
auf kein anderes äußeres Moment hin-
weisen als auf das bereits erwähnte,
daß diese Entwicklung mit der Herstellung
intimerer Beziehungen zwischen verschie-
denen Nationen und dem Aufbau eines
großen Reiches verknüpft ist.S.
33
Wir wahren also dem „großen Mann“ seine
Stelle in der Kette oder vielmehr im Netz-
werk der Verursachungen. Aber vielleicht
wird es nicht ganz zwecklos sein zu fragen,
unter welchen Bedingungen wir diesen
Ehrennamen vergeben. Wir sind überrascht
zu finden, daß es nicht ganz leicht ist, diese
Frage zu beantworten. Eine erste Formulierung:
wenn ein Mensch die Eigenschaften, die wir
hochschätzen, in besonders hohem Maß besitzt,
ist offenbar nach allen Richtungen unzu-
treffend. Schönheit z. B. und Muskelstärke,
so beneidet sie auch sein mögen, geben keinen
Anspruch auf „Größe“. Es müßten also geistige
Qualitäten sein, psychische und intellektuelle
Vorzüge. Bei letzteren kommt uns das Be-
denken, daß wir einen Menschen, der ein
außerordentlicher Könner auf einem bestimmten
Gebiet ist, darum doch nicht ohne Weiteres
einen großen Mann heißen würden. Ge-
wiß nicht einen Meister des Schachspiels
oder einen Virtuosen auf einem Musik-
instrument, aber auch nicht leicht einen aus-
gezeichneten Künstler oder Forscher. Es entspricht
uns, in solchem Falle zu sagen, er sei ein
großer Dichter, Maler, Mathematiker
oder Physiker, ein Bahnbrecher auf dem
Feld dieser oder jener Tätigkeit, aber
wir halten mit der Anerkennung, er sei
ein großer Mann, zurück. Wenn wir
z. B. bei Goethe, Leonardo da Vinci, Beethoven
unbedenklich für große Männer erklären,
so muß uns noch etwas anderes bewegen
als die Anerkennung ihrer großen Leistunihrer großen
Bewunderung ihrer großartigen Schöpfungen.
Wären nicht grade solche Beispiele im Wege,
so würde man wahrscheinlich auf die Idee
kommen, der Name „ein großer Mann“
sei vorzugsweise für Männer der That
reserviert, also Eroberer, Feldherrn, Herrscher,
und anerkenne die Größe ihrer Leistung,
die Stärke der Wirkung, die von ihnen
ausging. Aber auch dies ist unbefriedigend
und wird voll widerlegt durch unsere
Verurteilung so vieler nichtswürdiger
Personen, denen man doch die Wirkung
auf Mit- und Nachwelt nicht bestreiten
kann. Auch den Erfolg wird man nicht
zum Kennzeichen der Größe wählen dürfen,S.
34
wenn man an die Überzahl von großen Männern
denkt, die, anstatt Erfolg zu haben, im Unglück
zugrunde gegangen sind.So wird man vorläufig der Entscheidung geneigt,
es verlohne sich nicht, nach einem eindeutig
bestimmten Inhalt des Begriffs „großer Mann“
zu suchen. Es sei nur eine locker gebrauchte
und ziemlich willkürlich vergebene Anerkennungderderüberdimensionalen Entwicklung gewißer
menschlicher Eigenschaften in ziemlicher
Annäherung an den ursprünglichen Wort-
sinn der „Größe“. Auch dürfen wir uns
besinnen, daß uns nicht so sehr das Wesen
des großen Mannes interessiert als die
Frage, wodurch er auf seine Nebenmenschen
wirkt. Wir werden aber diese Unter-
suchung möglichst abkürzen, weil sie uns
weit von unserem Ziel abzuführen
droht.Lassen wir es also gelten, daß der große
Mann seine Mitmenschen auf zwei Wegen
beeinflußt, durch seine Persönlichkeit und
durch die Idee, für die er sich einsetzt. Diese
Idee mag ein altes Wunschgebilde der
Massen betonen oder ihnen ein neues
Wunschziel zeigen oder in noch anderer
Weise die Masse in ihren Bann ziehen.
Mitunter - und das ist gewiß der ursprüng-
lichere Fall - wirkt die Persönlichkeit
allein, und die Idee spielt eine recht
geringfügige Rolle. x) Warum der großex) So zB im Falle des großen Napoleon. Er hatte
persönlich nicht mehr von Ideen in seinen Dienst
gestellt, als etwa in der Marseillaise
wachgerufen wird: „Le jour de la gloire est
arrivé“ und dahinter den Trotz gegen die
„tyrannie“.Mann überhaupt zu einer Bedeutung
kommen sollte, das ist uns keinen
Augenblick unklar. Wir wissen, es be-
steht bei der Masse der Menschen
ein starkes Bedürfnis nach einer
Autorität, die man bewundern kann,
der man sich beugt, von der man be-
herrscht, eventuell sogar mishandelt
wird. Aus der Psychologie des EinzelmenschenS.
35
haben wir erfahren, woher dies Bedürfnis der
Masse stammt. Es ist die Sehnsucht nach dem Vater,
die jedem von seiner Kindheit her innewohnt,
nach demselben Vater, den überwunden
zu haben der Held der Sage sich rühmt. Und nun
mag uns die Erkenntnis dämmern, daß alle
Züge, mit denen wir den großen Mann
ausstatten, Vaterzüge sind, daß in dieser
Übereinstimmung das von uns vergeblich
gesuchte Wesen des großen Mannes besteht.
Die Kl Entschiedenheit der Gedanken, die Stärke
des Willens, die Wucht der Taten gehören
dem Vaterbilde zu, vor allem aber die Selb-
ständigkeit und Unabhängigkeit des großen
Mannes, seine göttliche Unbekümmertheit,
die sich zur Rücksichtslosigkeit steigern
darf. Man muß ihn bewundern, darf ihm
vertrauen, aber man kann nicht umhin,
ihn auch zu fürchten. Wir hätten uns vom
Wortlaut leiten lassen sollen; wer anders
als der Vater soll denn in der Kindheit
der „große Mann“ gewesen sein!Unzweifelhaft war es ein gewaltiges
Vorbil Vatervorbild, das sich in der Person
des Moses zu den armen jüdischen Frohnarbeitern
herabließ, um ihnen zu versichern, daß sie
seine lieben Kinder seien. Und nicht
minder überwältigend muß die Vorstellung
eines einzigen, ewigen, allmächtigen Gottes
auf sie gewirkt haben, dem sie nicht zu gering
waren, um einen Bund mit ihnen zu
schließen, und der für sie zu sorgen versprach,
wenn sie seiner Verehrung treu blieben.
Wahrscheinlich wurde es ihnen nicht leicht,
das Bild des Mannes Moses von dem
seines Gottes zu scheiden, und sie ahnten
recht darin, denn Moses mag Züge seines
eigenen Wesens Person in den Charakter
seines Gottes eingetragen zu haben wie
die Zornmütigkeit und Unerbittlichkeit.
Und wenn sie dann einmal diesen ihren
großen Mann erschlugen, so wiederholten
sie nur eine Untat, die sich in Urzeiten
als Gesetz gegen den göttlichen König gerichtet
hatte und die wie wir wissen, vielleicht auf ein noch
älteres Vorbild zurückging.S.
36
Ist uns so auf der einen Seite die Gestalt des
großen Mannes ins Göttliche gewachsen, so ist
es anderseits Zeit, sich zu besinnen, daß auch
der Vater einmal ein Kind gewesen war.
Die große religiöse Idee, die der Mann Moses
vertrat, war nach unseren Ausführungen
nicht sein Eigentum; er hatte sie von seinem
König Ikhnaton übernommen. Und dieser,
dessen Größe als Religionsstifter unzweideutig
bezeugt ist, folgte vielleicht Anregungen,
die durch Vermittlung seiner Mutter oder
auf anderen Wegen - aus dem näheren oder
ferneren Asien - zu ihm gelangt waren.
Weiter können wir die Verkettung nicht ver-
folgen, aber wenn diese ersten Stücke
erkannt richtig sind, dann ist die monotheistische Idee
Boomerang-artig in das Land ihrer Herkunft
zurückgekommen. Es erscheint so unfruchtbar,
das Verdienst eines Einzelnen um eine
neue Idee feststellen zu wollen. Viele
haben offenbar an ihrer Entwicklung
mitgetan und Beiträge zu ihr geleistet.
Anderseits wäre es offenkundiges Unrecht,
die Kette der Verursachung bei Moses abzubrechen
und zu vernachlässigen, was seine Nachfolger
und Fortsetzer, die jüdischen Propheten, geleistet
haben. Die Saat des Monotheismus war in
Aegypten nicht aufgegangen. Dasselbe hätte
in Israel geschehen können, nachdem das
Volk die beschwerliche und anspruchsvolle
Religion abgeschüttelt hatte. Aber aus dem
jüdischen Volk erhoben sich immer wieder
Männer, die die verblaßende Tradition
auffrischten, die Mahnungen und Anforder-
ungen Moses' erneuerten und nicht
rasteten, ehe das Verlorene wiederherge-
stellt war. In der stetigen Bemühung von
Jahrhunderten und endlich durch zwei große
Reformen, die eine vor, die andere
nach dem babylonischen Exil, vollzog sich
die Verwandlung des Volksgottes Jahve
in den Gott, dessen Verehrung Moses
den Juden aufgedrängt hatte. Und es
ist der Beweis einer besonderen psychischen
Eignung in der Masse, die zum jüdischen
Volk geworden war, wenn sie soS.
37
viele Personen hervorbringen konnte, die
bereit waren, die Beschwerden der Moses-
Religion auf sich zu nehmen, für den Lohn
des Auserwältseins und vielleicht noch
andere Prämien von ähnlichem Rang.c) Der Fortschritt in der Geistigkeit
Es Um nachhaltige psychische Wirkungen bei
einem Volke zu erzielen, reicht es offen-
bar nicht hin, ihm zu versichern, es sei von
der Gottheit auserlesen. Man muß es ihm
auch irgendwie beweisen, wenn es daran
glauben und aus dem Glauben Konsequenzen
ziehen soll. In der Moses-Religion diente der
Auszug aus Aegypten als dieser Beweis;
Gott oder Moses in seinem Namen wurde
nicht müde, sich auf diese Gunstbezeugung zu
berufen. Das Passahfest wurde eingesetzt, um
diese die Erinnerung an dies Ereignis festzu-
halten, oder vielmehr ein altbestehendes
Fest mit dem Inhalt dieser Erinnerung er-
füllt. Aber es war doch nur eine Erinnerung,
der Auszug gehörte einer verschwommenen
Vergangenheit an. In der Gegenwart waren
die Zeichen von Gottes Gunst recht spärlich,
die Schicksale des Volkes deuteten eher
auf seine Ungnade hin. Primitive Völker
pflegten ihre Götter abzusetzen oder selbst
zu züchtigen, wenn sie nicht ihre Pflicht
erfüllten, ihnen Sieg, Glück und Behagen
zu gewähren. Könige sind zu allen Zeiten
nicht anders behandelt worden als
Götter; eine alte Identität beweist sich
darin, die Entstehung aus gemeinsamer
Wurzel. Auch moderne Völker pflegen
also ihre Könige zu verjagen, wenn sie
der Glanz ihrer Regierung durch Niederlagen
mit den dazugehörigen Verlusten an
Land und Geld gestört wird. Warum aber
das Volk Israel seinem Gott immer nur
unterwürfiger anhing, je schlechter es von
ihm behandelt wurde, das ist ein Problem,
welches wir vorläufig bestehen lassen
müßen.Es mag uns die Anregung geben zu untersuchen,
ob die Moses-Religion dem Volke nichts
anderes gebracht hatte als die SteigerungS.
38
des Selbstgefühls durch das Bewußtsein der Auser-
wähltheit. Und das nächste Moment ist wirklich
leicht zu finden. Die Religion brachte den
Juden auch eine weit großartigere Gottes-
vorstellung oder, wie man nüchterner
sagen könnte, die Vorstellung eines groß-
artigeren Gottes. Wer an diesen Gott glaubte,
hatte gewißermaßen Anteil an seiner Größe,
durfte sich selbst gehoben fühlen. Das ist
für einen Ungläubigen nicht ganz selbst-
verständlich, aber vielleicht erfaßt man
es leichter durch den Hinweis auf das
Hochgefühl eines Britten in einem fremden,
durch Aufruhr unsicher gewordenen Land, das
dem Angehörigen irgendeines kontinen-
talen Kleinstaates völlig abgeht. Der Britte
rechnet nämlich damit, daß sein Government
ein Kriegsschiff ausschicken wird, wenn ihm
ein Häarchen gekrümmt wird, und daß die
Aufständischen es sehr wol wissen, während
der Kleinstaat überhaupt kein Kriegsschiff
besitzt. Der Stolz auf die Größe des British
Empire hat also auch eine Wurzel im Be-
wußtsein der größeren Sicherheit, des Schutzes,
den der einzelne Brite genießt. Das mag bei
der Vorstellung des großartigen Gottes
ähnlich sein, und da man schwerlich beanspruchen
wird, Gott in der Verwaltung der Welt
zu assistieren, fließt der Stolz auf die Gottes-
größe mit dem auf das Auserwähltsein
zusammen.Unter den Vorschriften der Mosesreligion
findet sich eine, die bedeutungsvoller ist,
als man zunächst erkennt. Es ist das Verbot,
sich ein Bild von Gott zu machen, also
der Zwang, einen Gott zu verehren, den
man nicht sehen kann. Wir vermuten,
daß Moses in diesem Punkt die Strenge
der Aton-Religion überboten hat; vielleicht
wollte er nur konsequent sein, sein Gott
hatte dann weder einen Namen noch
ein Angesicht, vielleicht war es eine
neue Vorkehrung gegen magische Mis-
bräuche. Aber wenn man dies Verbot an-
nahm, mußte es eine tiefgreifende WirkungS.
39
ausüben. Denn es bedeutete eine Zurücksetzung
der sinnlichen Wahrnehmung gegen eine abstrakt
zu nennende Vorstellung, einen Triumph der
Geistigkeit über die Sinnlichkeit, streng ge-
nommen einen Triebverzicht mit seinen
psychologisch notwendigen Folgen. 17)Um glaubwürdig zu finden, was auf den ersten
Blick nicht einleuchtend scheint, muß man
sich an andere Vorgänge gleichen Charakters
in der Entwicklung der menschlichen Kultur
erinnern. Der früheste unter ihnen, der wich-
tigste vielleicht, verschwimmt im Dunkel der
Urzeit. Seine erstaunlichen Wirkungen
nötigen uns, ihn zu behaupten. Bei unseren
Kindern, bei den Neurotikern unter den Er-
wachsenen wie bei den primitiven Völkern
finden wir das seelische Phänomen, das wir
als den Glauben an die „Allmacht der Ge-
danken“ bezeichnen. Nach unserem Urteil
ist es eine Überschätzung des Einflußes,
den unsere seelischen, hier die intellektuellen
Akte auf die Veränderung der Außenwelt
üben können. Im Grunde ruht ja alle Magie,
die Vorläuferin unserer Technik, auf
dieser Voraussetzung. Auch aller Zauber
der Worte gehört hieher und die Überzeu-
gung von der Macht, die mit der Kenntnis
und dem Aussprechen eines Namens ver-
bunden ist. Wir nehmen an, daß die „Allmacht
der Gedanken“ der Ausdruck des Stolzes der
Menschheit war auf die Entwicklung der
Sprache, die eine so außerordentliche För-
derung der intellektuellen Tätigkeiten
zur Folge hatte. Es eröffnete sich das neue
Reich der Geistigkeit, in dem Vorstellungen,
Erinnerungen und Schlußprozeße maßgebend
wurden, im Gegensatz zur niedrigeren
psychischen Thätigkeit, die unmittelbare Wahrnehm-
ungen der Sinnesorgane zum Inhalt hatte.
Es war gewiß eine der wichtigsten Etappen
auf dem Wege zur Menschwerdung.Weit greifbarer tritt uns ein anderer
Vorgang späterer Zeit entgegen. Unter dem
Einfluß äußerer Momente, die wir hier nicht
zu verfolgen brauchen, die zum Teil auch nicht
genügend bekannt sind, geschah es, daß die
matriarchalische Gesellschaftsordnung von
der patriarchalischen abgelöst wurde, womitS.
40
natürlich ein Umsturz der bisherigen Rechtsver-
hältniße verbunden war. Man glaubt den
Nachklang dieser Revolution noch in der
Orestie des Aeschylos zu verspüren. Aber
diese Wendung von der Mutter zum Vater be-
zeichnet überdies einen Sieg der Geistigkeit
über die Sinnlichkeit, also einen Kultur-
fortschritt, denn die Mutterschaft ist durch
das Zeugnis der Sinne erwiesen, während
die Vaterschaft eine Annahme ist, auf einen
Schluß und auf eine Voraussetzung aufgebaut.
Die Parteinahme, die den Denkvorgang über die
sinnliche Wahrnehmung erhebt, bewährt sich
als ein folgenschwerer Schritt.Irgendwann zwischen den beiden vorer-
wähnten Fällen ereignete sich ein anderer,
der am meisten Verwandtschaft zeigt mit
dem von uns in der Religionsgeschichte
untersuchten. Der Mensch fand sich ver-
anlaßt, überhaupt „geistige“ Mächte anzu-
erkennen, dh solche, die mit den Sinnen,
speziell mit dem Gesicht, nicht erfaßt
werden können, aber doch unzweifel-
hafte, sogar überstarke Wirkungen
äußern. Wenn wir uns dem Zeugnis
der Sprache anvertrauen dürften, war
es die bewegte Luft, die das Vorbild
der Geistigkeit abgab, denn der Geist
wirdmit den N entlehnt den Namen
vom Windhauch (animus, spiritus, ἄνεμος,
hebraeisch: ruach, Hauch). Damit war auch die
Entdeckung der Seele gegeben als des
geistigen Prinzips im einzelnen Menschen.
Die Beobachtung fand die bewegte Luft im
Atmen des Menschen wieder, das mit
dem Tode aufhört; noch heute haucht der
Sterbende seine Seele aus. Nun
aber war dem Menschen das Geisterreich
eröffnet; er war bereit, die Seele, die er
bei sich entdeckt hatte, allem anderen in
der Natur zuzutrauen. Die ganze Welt
wurde beseelt, und die Wissenschaft, die
soviel später kam, hatte genug zu thun,
um einen Teil der Welt wieder zu
entseelen, ist auch noch heute mit dieser
Aufgabe noch nicht fertig geworden.S.
41
Durch das mosaische Verbot wurde Gott auf
eine höhere Stufe der Geistigkeit gehoben, der
Weg eröffnet für weitere Abänderungen
der Gottesvorstellung, von denen noch zu
berichten ist. Aber zunächst darf uns eine andere
Wirkung desselben beschäftigen. Alle solchen
Fortschritte in der Geistigkeit haben den Erfolg,
den das Selbstgefühl der Person zu steigern,
sie stolz zu machen, so daß sie sich anderen
überlegen fühlt, die im Banne der Sinn-
lichkeit verblieben sind. Wir wissen, daß Moses
den Juden das Hochgefühl vermittelt hatte, ein
auserwähltes Volk zu sein; durch die Entmate-
rialisierung Gottes kam ein neues, wert-
volles Stück zu dem geheimen Schatz des
Volkes hinzu. Die Juden behielten die
Richtung auf geistige Interessen bei, das poli-
tische Unglück der Nation lehrte sie, den
Wert des einzigen Besitzes, der ihnen
geblieben war, ihr Schrifttum, seinem
Werte nach einzuschätzen. Unmittelbar nach
der Zerstörung des Tempels in Jerusalem
durch Titus erbat sich Rabbi Jochanan ben Sakkai die Er-
laubnis, die erste Thoraschule in Jabne zu er-
öffnen. Fortan war es die Heilige Schrift
und die geistige Bemühung um sie, die das
versprengte Volk zusammenhielt.Soviel ist allgemein bekannt und angenommen.
Ich wollte nur einfügen, daß diese charakter-
istische Entwicklung des jüdischen Wesens
durch das Verbot Moses', Gott in sichtbarer
Gestalt zu verehren, eingeleitet wurde.
Der Vorrang, der durch etwa 2000 Jahre im
Leben des jüdischen Volkes geistigen Bestreb-
ungen eingeräumt war, hat natürlich seine
Wirkung gethan; er half, die Roheit und die
Neigung zur Gewalttat einzudämmen, die sich
einzustellen pflegen, wo die Entwicklung
der Muskelkraft Volksideal ist. Die
Harmonie in der Ausbildung geistiger und
körperlicher Tätigkeit, wie das griechische
Volk sie erreichte, blieb den Juden versagt.
Im Zwiespalt trafen sie wenigstens die
Entscheidung zu Gunsten des kulturell
Bedeutsameren.S.
42
d) Triebverzicht
Es ist nicht selbstverständlich und nicht
ohne Weiteres einzusehen, warum ein
Fortschritt in der Geistigkeit, eine Zurück-
setzung der Sinnlichkeit, das Selbstbewußt-
sein einer Person wie eines Volkes
erhöhen sollte. Das scheint einen bestimmten
Wertmaßstab vorauszusetzen und eine
andere Person oder Instanz, die ihn hand-
habt. Wir wenden uns zur Klärung an
einen analogen Fall aus der Psychologie
des Individuums, der uns verständlich geworden
ist.Erhebt das Es in einem menschlichen Wesen
einen Triebanspruch erotischer oder aggressiver
Natur, so ist das Einfachste und Natürlichste,
daß das Ich, dem der Denk- und der Muskel-
apparat zur Verfügung steht, ihn durch eine
Aktion befriedigt. Diese Befriedigung
des Triebes wird vom Ich als Lust empfunden,
wie die Unbefriedigung unzweifelhaft Quelle
von Unlust geworden wäre. Nun kann
sich der Fall ereignen, daß das Ich die Trieb-
befriedigung mit Rücksicht auf äußere
Hindernisse unterläßt, nämlich dann, wenn
es einsieht, daß die betreffende Aktion
eine ernste Gefahr für das Ich hervorrufen
würde. Ein solches Abstehen von der Be-
friedigung, ein Triebverzicht infolge
äußerer Abhaltung, wie wir sagen: im
Gehorsam gegen das Realitätsprinzip, ist
auf keinen Fall lustvoll. Der Triebver-
zicht würde eine anhaltende Unlustspan-
nung zur Folge haben, wenn es nicht
gelänge, die Triebstärke selbst durch
Energieverschiebungen herabzusetzen.Der Triebverzicht kann aber auch aus
anderen, wie wir mit Recht sagen, inneren
Gründen erzwungen werden. Im Laufe
der individuellen Entwicklung wird ein Anteil
der hemmenden Mächte in der Außenwelt
verinnerlicht, es bildet sich im Ich eine
Instanz, die sich beobachtend, kritisierend und
verbietend dem übrigen entgegenstellt.
Wir nennen diese neue Instanz das Überich.
Von nun an hat das Ich, ehe es die vom Es
geforderten Triebbefriedigungen in's Werk
setzt, nicht nur auf die Gefahren der Außen-S.
43
welt, sondern auch auf den Einspruch des Überichs Rück-
sicht zu nehmen, und wird um so mehr Anläße
haben, die Triebbefriedigung zu unterlassen.
Während aber der Triebverzicht aus äußeren
Gründen nur unlustvoll ist, hat der aus inneren
Gründen, aus Gehorsam gegen das Überich,
eine andere ökonomische Wirkung. Er bringt
außer der unvermeidlichen Unlustfolge dem
Ich auch einen Lustgewinn, eine Ersatz-
befriedigung gleichsam. Das Ich fühlt sich
gehoben, es wird stolz auf den Triebverzicht
wie auf eine wertvolle Leistung.Den Mechanismus dieses Lustgewinns glauben
wir zu verstehen. Das Überich ist Nachfolger
und Vertreter der Eltern (und Erzieher), die
die Handlungen des Individuums in seiner
ersten Lebensperiode beaufsichtigt hatten; es
setzt die Funktionen derselben fast ohne
Veränderung fort. Es hält das Ich in dauern-
der Abhängigkeit, es übt einen ständigen
Druck auf dasselbe aus. Das Ich ist ganz wie
in der Kindheit besorgt, die Liebe des Ober-
herrn aufs Spiel zu setzen, empfindet
seine Anerkennung alsBefriBefreiung
und Befriedigung, seine Vorwürfe als
Gewissensbisse. Wenn das Ich dem Überich
das Opfer eines Triebverzichts gebracht
hat, erwartet es als Belohnung dafür,
von ihm mehr geliebt zu werden. Das
Bewußtsein, diese Liebe zu verdienen,
empfindet es als Stolz. Zur Zeit, da die
Autorität noch nicht als Überich ver-
innerlicht war, konnte die Beziehung
zwischen drohendem Liebesverlust und
Triebanspruch die nämliche sein. Es gab ein
Gefühl von Sicherheit und Befriedigung, wenn
man aus Liebe zu den Eltern einen Trieb-
verzicht zustande gebracht hatte. Den eigen-
tümlich narzißtischen Charakter des Stolzes
konnte dies gute Gefühl erst annehmen,
nachdem die Autorität selbst ein Teil des
Ichs geworden war.Was leistet uns diese Aufklärung der Befried-
igung durch Triebverzicht für das Verständnis
der Vorgänge, die wir studieren wollen, der
Hebung des Selbstbewußtseins bei FortschrittenS.
44
der Geistigkeit? Anscheinend sehr wenig. Die Ver-
hältnisse liegen ganz anders. Es handelt sich um
keinen Triebverzicht, und es ist keine zweite
Person oder Instanz da, der zuliebe das Opfer
gebracht wird. An der zweiten Behauptung
wird man bald schwankend werden. Man kann
sagen, der große Mann ist eben die Autorität,
der zuliebe man die Leistung vollbringt, und
da der große Mann selbst dank seiner Ähnlich-
keit mit dem Vater wirkt, darf man sich
nicht verwundern, wenn ihm in der Massen-
psychologie die Rolle des Überichs zufällt.
Das würde also auch für den Mann Moses
im Verhältnis zum Judenvolk gelten.Im anderen Punkte will sich aber keine
richtige Analogie herstellen. Der Fortschritt
in der Geistigkeit besteht darin, daß man
gegen die direkte Sinneswahrnehmung zu
Gunsten der sogenannten höheren intellektuellen
Prozesse entscheidet, also der Erinnerungen,
Überlegungen, Schlußvorgänge. Daß man zB.
bestimmt, die Vaterschaft ist wichtiger als die
Mutterschaft, obwohl sie nicht wie letztere
durch das Zeugnis der Sinne erweisbar
ist. Darum soll das Kind den Namen des
Vaters tragen und nach ihm erben. Oder:
unser Gott ist der größte und mächtigste,
obwohl er unsichtbar ist wie der Sturm-
wind und die Seele. Die Abweisung
eines sexuellen oder aggressiven Trieban-
spruches scheint etwas davon ganz verschiedenes
zu sein. Auch ist bei manchen Fortschritten
der Geistigkeit, zB. beim Sieg des Vaterrechts,
die Autorität nicht aufzeigbar, die den
Maßstab für das abgibt, was als höher
geachtet werden soll. Der Vater kann
es in diesem Falle nicht sein, denn
er wird erst durch den Fortschritt zur
Autorität erhoben. Man steht also vor
dem Phänomen, daß in der Entwicklung
der Menschheit die Sinnlichkeit allmählich
von der Geistigkeit überwältigt wird
und daß die Menschen sich durch jeden
solchen Fortschritt stolz und gehoben fühlen.
Man weiß aber nicht zu sagen, warum
das so sein sollte. Später ereignet es sich
dann noch, daß die Geistigkeit selbstS.
45
von dem ganz rätselhaften emotionellen Phänomen
des Glaubens überwältigt wird. Das ist das be-
rühmte Credo quia absurdum, und auch wer dies
zustande gebracht hat, sieht es als eine Höchstleist-
ung an. Vielleicht ist das Gemeinsame all dieser
psychologischen Situationen etwas anderes. Viel-
leicht erklärt der Mensch einfach das für
das Höhere, was das Schwierigere ist, und sein
Stolz ist blos der durch das Bewußtsein einer
überwundenen Schwierigkeit gesteigerte
Narzißmus.Das sind gewiß wenig fruchtbare Erörterungen, und
man könnte meinen, sie haben mit unserer
Untersuchung, was den Charakter des jüdischen
Volkes bestimmt hat, überhaupt nichts zu thun.
Das wäre nur ein Vorteil für uns, aber eine
gewisse Zugehörigkeit zu unserem Problem
verrät sich doch durch eine Tatsache, die uns
später noch mehr beschäftigen wird. Die Re-
ligion, die mit dem Verbot begonnen hat,
sich ein Bild von Gott zu machen, entwickelt
sich im Laufe der Jahrhunderte immer mehr zu einer
Religion der Triebverzichte. Nicht daß sie
sexuelle Abstinenz fordern würde, sie
begnügt sich mit einer merklichen Einschränk-
engung der sexuellen Freiheit. Aber Gott wird
der Sexualität völlig entrückt und zum
Ideal ethischer Vollkommenheit erhoben.
Ethik ist aber Triebeinschränkung. Die
Propheten werden nicht müde zu mahnen,
daß Gott nichts anderes von seinem Volke
verlange als gerechtes und tugendhafte Le-
bensführung, also Enthaltung von allen
Triebbefriedigungen, die auch noch von
unserer heutigen Moral als lasterhaft
verurteilt werden. Und selbst die For-
derung, an ihn zu glauben, scheint gegen
den Ernst dieser ethischen Forderungen
zurückzutreten. Somit scheint der Triebver-
zicht eine hervorragende Rolle in der
Religion zu spielen, auch wenn er nicht
von Anfang an in ihr hervortritt.S.
69a
Hier ist aber Raum für einen Ein-
spruch, der ein Misverständnis abwehren
soll. Man machtauchschgeltend, daß der Triebver-
zicht - und die durch ihn gewonnene ethische
Höhe -nichtzum wesentlichen Inhalt der Religion
gehört, sei sie doch genetisch aufs innigste
mit ihr verbunden. Der Totemismus, die
erste Form einer Religion die wir kennen,
bringt als unerläßliches Bestandteil des Systems
eine Anzahl von Geboten und Verboten
mit sich, die natürlich nichts anderes als
Triebverzichte bedeuten, die Verehrung
des Totems, die das Verbot einschließt ihn
zu schädigen oder zu tödten, die Exogamie
also den Verzicht auf die leidenschaftlich
begehrten Mütter und Schwestern in
der Horde, das Zugeständnis gleicher
Rechte für alle Mitglieder der Brüder-
bande, also die Einschränkung der
Tendenz zu gewalttätiger Rivalität
unter ihnen. In diesen Bestimmungen
müssen wir die ersten Anfänge der
sittlichen und sozialen Ordnung er-
blicken. Es entgeht uns nicht daß sich
hier zwei verschiedene Motivierungen
geltend machen, die beiden ersten
Verbote liegen im Interesse des befriedig-
ten Vaters, sie setzen gleichsam
seinen Willen fort, das dritte
Gebot der Gleichberechtigung der
Bundesbrüder sieht vom Willen des
Vaters ab, es rechtfertigt sich aus
derNotdErhaltungauf die Not-
wendigkeit der neuen Ordnung, die
nach der Beseitigung des Vaters ent-
standen war, und um die Söhne zu er-
halten. Sonst wäre der Rückfall in
den früheren Zustand unvermeidlich
geworden. Wir thun wol daran, sie die
sozialen Gebote von den anderenakdie wirwirsagen, einfach „Sitte”
aus religiösen Bestimmungen trennen.In der abgelaufenen Entwicklung
der menschlichen Einzelwesen hat wiederholt
sich daswewesentliche Stück dieses Vorgangs
auch hier, ist es die Autorität der Eltern
(undErsatzfür die das uneingeschränk-
ten Willens derVder kraft ihresMachtdenVaters), die das Kind zu Trieb-
verzichten auffordert, sie sind es welche
festsetzen was ihm erlaubt und was
ihm verboten ist. Was beim Kinde
„bös” oder „schlimm” heißt wird später
in der Gesellschaft und Überich, die anS.
69b
die Stelle der Eltern getreten sind, „gut”
und „böse” tugendhaft oder lasterhaft genannt
werden, aber es ist immer noch der nämliche
Triebverzicht durch den Druck deran
Vater hochgehaltenen, ihn fortsetzenden,
Autorität.Diese Einsichten erfahren eine weitere
Bestätigung, wenn wir eine Unter-
suchung des merkwürdigen Begriffes der
Heiligkeit unternehmen. Was erscheint
uns eigentlich als „heilig”in Übersetzungin der Erhebung
von Anderem das wir hochschätzen und
als bedeutungsvoll würdigen? un-
streitig in der seinerseits ist der Zusammen-
hang des Heiligen mit den Religionen,
unzerreißbar; es wird ja in ausdrücklicher
Weise betont; alles Religiöse ist heilig,
es ist gradezu der Kern der Heiligkeit.
Anderseits wird dieses Urteil durch die
zahlreichen Versuche gestört, den Charakter
der Heiligkeit auf soviel Anderes Personen,
Institutionen, Verrichtungen ja Äußerung
zu nehmen, die wenig mit Religion zu
thun haben, diese vernünftigenDingen
offenkundigenTendenzenWir wollen
von dem Verbotcharakter ausgehen
der so fest am Heiligen haftet. Das Heilige
ist offenbar etwas, was nicht berührt
werden darf, ein heiliges Verbot ist
sehr stark affektiv betont, aber eigentlich
ohne rationelle Begründung. Denn warum
(zB. sollte es ein sobbesonderesVschweres Verbrechen
sein, Inzest mit Tochter oder Schwester
zu begehen soviel ärger als jeden
anderen sexuellenAktVerkehr?) Die Rechtfertig-
ung durch die biologische Schädlichkeit
der Inzucht hat man als unhaltbar ab-
weisen. Nicht nur daß ein solcher Schaden
nicht einmalhatfeststeht, man braucht
nur an die Sitten der alten Ägypter
und anderer Völker zu denken um
zu erkennen, daß der Inzest vielmehr
als ein Vorrecht betrachtet wurde
das nur den Herrschern vorbehalten
war. Fragt man nach einer solchen
Begründung, so wird man darauf ver-
wiesen, daß sich alle unsere Gefühle dagegen
sträuben. Aber das heißt nur, daß
man das Verbot für selbstver-
ständlich hält, daß man es nicht zu
begründen weiß.S.
69c
Die Nichtigkeit einer solchen Erklärung
ist leicht genug zu ergreifen. Was angeb-
lich unsere heiligsten Gefühle beleidigt
war den alten Ägyptern und anderen
frühen Völkern allgemeine Sitte, man
möchte sagen ein den Herrscherfamilien
geheiligter Brauch. Es war selbstverständ-
lich, daß der Pharao in seiner Schwester
seine erste und vornehmste Frau fand
und die späten Nachfolger der Pharaonen
die griechischen Ptolemäer, zögerten nicht
dies Vorbild nachzuahmen Soweit drängt
sich uns das die Einsicht auf, daß der
Inzest - in diesem Falle zwischen Bruder
und Schwester - ein Vorrecht war, das
den Göttern vorbehalten den Königen vor-
behalten war, wie ja auch der Mythus die
Götter den Herrscher abstammen läßt die solchen
Inzest Entstehung verdanken.Weil der Gewissheit nur in germanischen Sage
darf vermuten, daß der aegyptisch Geschwister-
inzestBedingtheitein Entsprung, fortderte
noch ein Residuum dieses alten Privilegs
ist, und kann feststellen daß in Folge-
der über soviele Generationen fortgesetzter
Inzucht in der höchsten sozialen Schicht
Europa heute was von Mitgliedernbeiderund einer zweiten Familie
da regiert, wird.
Der Einwand, auf den Inzest bei Göttern Kö-
nigen und Heroen steht auch mit guter Er-
wägung einer anderen Vorstufe der
Exogamie den biologisch bedingten Instinkt
sie auf ein reines Abwehr gegen der Inzest-Der Inzest istzurückzuführen. Es hat aber nichtseinmalstatt, daßeinerGefahr der Schädige-nigung derdie die Inzuchtbeißeltdroht geschweige
denn, daß die Individuen sie erkannt
und gegen sie reagiert hätten. Die Un-
sicherheit in der Erzählung der
erlaubten und dertverbotenen
Verwandtschaftsgrade spricht ebenso
wenig für die Annahme eines
„natürlichen Gefühls” als Urgrund
der Inzestscheu.
Unsere Konstruktion der Vorgeschichte
drängt uns eine andere Erklärung
auf. Sie faßt die Exogamie, dessen
negativer Ausdruck die Inzestscheu
ist, als den letzten Willen desund setztVaters auf undseineleitet dessen Befestigung fort. daherS.
69d
die Stärke seiner affektiven Betonung
und der Mangel an einer rationellen
Begründung! also freier Heiligkeit Wir ent-
werfen schließlich daß der Unterwerf-
ung aller anderen Fälle von heiligen
Verbot zu demselben Erkenntnis führt, an
worin wireinfassen das Ursprüngliche daß
das Heilige ursprünglich nichts anderes
ist als der fortgesetzte Wille des
Urvaters. Damit fiele auch ein Licht
auf die dieser AmbivalenzBedeutung des Amb-valenz in derdes Wortes (sacer Begriffs
der Heiligkeitauszuüben. So ist die
Ambivalenz, die das Verhältnis zum
Vater überhaupt beherrscht Sacerbe-
deutet nicht nur „heilig, geheiligt”son-dern auchetwas „das wir verabscheuenverabscheuverabscheuenswert über-
(vglRömerRoman „auri sacra fames”).
Der Wille des Vaters aber war nicht
nur das, woran man sich richten
mußte, sondern auch etwas wovor man
erschauerte weil es einen schwer-
lichen Triebverzicht erforderte. Wenn
wir hören, daß Moses sein Volk
„heiligte” durch die Einführung der
Sitte der Beschneidung so erfassen
wir jetzt den tieferen Sinn dieser
Behauptung. Die Beschneidung ist der
Rest aus der Kastration, des Urvaters, die
einstigederVater rächende Machtvoll-
kommenheitdesdes Vaters über
die Söhne verhängt hatte und wer
ihr Symbol annahm, zeigte damit, daß
er bereit war sich dem Willen
des Vaters zu unterwerfen auch
wenn er das schmerzlichste Opfer
auferlegte.
Wir schließen hier diese Erörter-
ungen ab.Die Sitte; Ein Teil der
ethischAndereVorschriften rechtfertigt
sich aus auf rationeller Weise in der
Noth der Gemeinschaft (Rücksicht, Ver-
gessen der Einzelnen an die Gemein-
und die das Individuum gegen-
einander abgrenzen das Andere
der Ethik geteilt ins mystisch-
volle ins Unmystisch. Was selbst-
verständlich erscheint, das Zusamen-
hangCharakterder Religion, dasHangRecht, aus dem Willen
des Vaters.S.
46
c) Der Wahrheitsgehalt der Religion
Wie beneidenswert erscheinen uns, den
Armen im Glauben, jene Forscher, die von
der Existenz eines höchsten Wesens überzeugt sind!
Für diesen großen Geist hat die Welt keine
Probleme, weil er selbst alle ihre Einrichtungen
geschaffen hat. Wie umfassend, erschöpfend und
endgültig sind die Lehren der Gläubigen im
Vergleich mit den mühseligen, armseligen
und stückhaften Erklärungsversuchen, die
das Äußerste sind, was wir zustande bringen!
Der göttliche Geist, der selbst das Ideal ethischer
Vollkommenheit ist, hat den Menschen die
Kenntnis dieses Ideals eingepflanzt und gleich-
zeitig den Drang, ihr Wesen dem Ideal anzu-gleichennähern. Sie verspüren unmittelbar, was höher
und edler und was niedriger und gemeiner
ist. Ihr Empfindungsleben ist auf ihre jeweilige
Distanz vom Ideal eingestellt. Es bringt ihnen
hohe Befriedigung, wenn sie, im Perihel gleichsam,
ihm näherkommen, es straft sich durch
schwere Unlust, wenn sie, im Aphel, sich von
ihm entfernt haben. Das ist alles so einfach
und so unerschütterlich festgelegt. Wir können
nur bedauern, wenn gewisse Lebenser-
fahrungen und Weltbeobachtungen es uns
unmöglich machen, die Voraussetzung eines
solchen höchsten Wesens anzunehmen. Als
hätte die Welt der Rätsel nicht genug, wird
uns die neue Aufgabe gestellt zu verstehen,
wie jene anderen den Glauben an das
göttliche Wesen erwerben konnten und
woher dieser Glaube seine ungeheure,
„Vernunft und Wissenschaft” 4) überwältigende
Macht bezieht.Kehren wir zu
unseremdem bescheideneren Problem
zurück, das uns bisher beschäftigt hat. Wir
wollten erklären, woher der eigentümliche
Charakter des jüdischen Volkes rührt, der
wahrscheinlich auch seine Erhaltung bis auf den
heutigen Tag ermöglicht han hat. Wir
fanden, der Mann Moses hat diesen
Charakter geprägt, dadurch, daß er ihnen
eine Religion gab, welche ihr Selbstgefühl
so erhöhte, daß sie sich allen anderen Völkern
überlegen glaubten. Sie erhielten sich dann
dadurch, daß sie sich von den anderen fern
hielten. Blutvermischungen störten dabei wenig,S.
47
denn was sie zusammenhielt, war ein ideelles Moment,
der gemeinsame Besitz bestimmter intellektueller
und emotioneller Güter. Die Mosesreligion
hatte diese Wirkung, weil sie 1) das Volk Anteil
nehmen ließ an der Großartigkeit einer neuen
Gottesvorstellung, 2) weil sie behauptete, daß dies
Volk von diesem großen Gott auserwählt
und für die Beweise seiner besonderen Gunst
bestimmt war, 3) weil sie dem Volk einen
Fortschritt in der Geistigkeit aufnötigte, der,
an sich bedeutungsvoll genug, überdies den
Weg zur Hochschätzung der intellektuellen
Arbeit und zu weiteren Triebverzichten
eröffnete.Dies ist unser Ergebnis, und obwohl wir nichts davon
zurücknehmen mögen, können wir uns doch
nicht verhehlen, daß es irgendwie unbefrie-
digend ist. Die Verursachung deckt sozusagen
nicht den Erfolg, die Thatsache, die wir
erklären wollen, scheint von einer anderen
Größenordnung als alles, wodurch wir sie
erklären. Wäre es möglich, daß alle unsere
bisherigen Untersuchungen nur nicht die
ganze Motivierung aufgedeckt haben,
sondern nur eine gewissermaßen ober-
flächliche Schicht, und dahinter noch ein
anderes, sehr bedeutsames Moment auf
Entdeckung wartet? Bei der außerordentlichen
Komplikation aller Verursachung in
Leben und Geschichte mußte man auf
etwas dergleichen gefaßt sein.Der Zugang zu dieser tieferen Motivierung
ergäbe sich an einer bestimmten Stelle
der vorstehenden Erörterungen. Die Religion
des Moses hat ihre Wirkungen nicht un-
mittelbar geübt, sondern in einer merk-
würdig indirekten Weise. Das will nicht
besagen, sie habe nicht sofort gewirkt, sie
habe lange Zeiten, Jahrhunderte gebraucht,
um ihre volle Wirkung zu entfalten, denn
soviel versteht sich von selbst, wenn es sich
um die Ausprägung eines Volkscharakters
handelt. Sondern die Einschränkung bezieht
sich auf eine Tatsache, die wir der jüdischen
Religionsgeschichte entnommen, oder, wenn
man will, in sie eingetragen haben.Wir haben gesagt, das jüdische Volk schüttelte
die Mosesreligion nach einer gewissen
Zeit wieder ab - ob vollständig, ob einige
ihrer Vorschriften beibehalten wurden,
können wir nicht erraten. Mit der Annahme,S.
48
daß in den langen Zeiten der Besitzergreif-
ung Kanaans und des Ringens mit den dort
wohnenden Völkern die jüdische Religion sich
Jahve-VerehrungReligion sich nicht wesentlich von
der Verehrung der anderen Baalim unter-
schied, stehen wir auf historischem Boden
trotz aller Anstrengungen späterer Ten-
denzen, diesen beschämenden Sachverhalt
zu verschleiern. Die Moses-Religion war
aber nicht spurlos untergegangen, eine Art
von Erinnerung an sie hatte sich erhalten, ver-
dunkelt und entstellt, vielleicht bei einzelnen
Mitgliedern der Priesterkaste durch alte
Aufzeichnungen gestützt. Und diese Tradition
einer großen Vergangenheit war es, die
aus dem Hintergrunde gleichsam zu wirken
fortfuhr, allmählich immer mehr Macht über
die Geister gewann und es endlich erreichte,
den Gott Jahve in den Gott Mosis zu ver-
wandeln und die vor langen Jahrhunderten
eingesetzte und dann verlassene Religion
Mosis wieder zum Leben zu erwecken.b) Die Tradition in der Massenpsychologie
Daß eine verschollene Tradition eine so mächtige
Wirkung auf das See[len]leben eines Volkes
üben sollte, ist keine uns vertraute Vor-
stellung. Wir finden uns da auf einem Gebiet
der Massenpsychologie, in dem wir uns
nicht heimisch fühlen. Was wir zunächst
brauchen sind Analogien, Tatsachen von ähnlicher
Natur, deren Beurteilung aber weniger zweifel-
haft ist. Ich meine, es giebt solche Analogien auf
verwandten Gebieten.Ungefähr da die Juden in den Zeiten die Wieder-
geburt der Moses-Religion bereiteten, fand
sich die griechische Nation im Besitz eines
ungewöhnlich reichen Schatzes von Geschlechter-
sagen und Heldenmythen. Im 9ten oder 8
Jahrhundert, wie man glaubt, entstanden
die beiden großen Epen, die Ilias und die
Odyssee, die ihren Stoff diesem Sagenkreis
entnahmen. Mit unseren heutigen psycholog-
ischen Kenntnißen hätte man schon vor
Schliemann und vor Evans die Frage aufwerfen
können: Woher nahmen die Griechen all
diese Sagen, die ihrem Homer und ihren
großen Dramatiker das Material zu ihrenS.
49
Meisterwerken gaben? Und die Antwort hätte lauten
müssen: Dieses Volk hat wahrscheinlich in seiner
Vorgeschichte eine Zeit von äußerem Glanz
und kultureller Blüte erlebt, die durch eine
historischen Katastrophe zu Grunde gegangen ist und
von der sich eine dunkle Tradition in diesen
Sagen erhalten hat. Die archäologische Forschung
unserer Tage hat dann diese Vermutung be-
stätigt, die damals sicherlich kühn und gewagt
erschienen wäre. Sie hat die Zeugen der
großartigen minoisch-mykenischen Kultur
aufgedeckt, die auf dem griechischen Festland
wahrscheinlich vor 1200 a. Chr. zu Ende kam.
Bei keinem der griechischen Historiker findet
sich ein Hinweis auf sie. Nichts anderes
als die von den Dichtern verarbeitete
Traditionen kann von ihr übrig geblieben
sein.Es sind Volksepen noch bei anderen Völkern be-
kannt geworden, bei den Indern, Finnen,
Deutschen. Es fällt den Literarhistorikern zu,
zu untersuchen, ob ihre Entstehung dieselben
Bedingungen annehmen läßt wie im
Falle der Griechen. Ich glaube, die Untersuch-
ung wird ein positives Resultat ergeben;
(Selbst bei einem so spät entstandenen Epos
wie dem Nibelungenlied, dessen Hintergrund
die Kämpfe der Völkerwanderung sind.).
Die Bedingung, die wir erkennen, ist: ein
Stück Vorgeschichte, das unmittelbar nachher
als inhaltsreich, bedeutsam und großartig,
vielleicht immer als heldenhaft erscheinen
mußte, das aber so weit zurückliegt,
so entlegenen Zeiten angehört, daß den
späteren Geschlechtern nur eine dunkle
und unvollständige Tradition von ihr Kunde
gibt. Man hat sich darüber gewundert,
daß das Epos als Kunstgattung in späteren
Zeiten erloschen ist. Vielleicht liegt die
Erklärung darin, daß seine Bedingung
sich nicht mehr herstellte. Der alte Stoff war
aufgearbeitet, und für alle späteren Begeb-
enheiten war die Geschichtsschreibung an die
Stelle der Tradition getreten. Die größten
Heldentaten unserer Tage waren nicht
im Stande, ein Epos zu inspirieren, aber
schon Alexander der Große hatte ein
Recht, sich zu beklagen, daß er keinen
Homer finden werde.S.
50
Längstvergangene Zeiten haben eine große, eine
oft rätselhafte Anziehung für die Phantasie der Menschen.
So oft son sie mit ihrer Gegenwart unzufrieden
sind - und das sind sie oft genug -, wenden sie sich
zur Vergangenheit zurück und hoffen, diesmal
den nie erloschenen Traum von der glücklichen
alten Zeit bewahrheiten zu können x). Wahrscheinlich
stehen sie immer noch unter dem Zauber der
Erinnerung an die eigene glückliche Kindheit.
Wenn von der Vergangenheit nur mehr
die verschwommenen und unvollständigen Er-
innerung besteht, die wir Tradition heißen, so
ist das besonders für den Künstler ein
besonderer Anreiz, sie aufzugreifen, denn
dann ist es ihm frei geworden, die Lücken
der Erinnerung nach seinem Bedürfnis aus-
zufüllen, ihr das Bild der Zeit die er reproduzieren will nach seiner Absicht
zu gestalten. Über
die große Bedeutung der Tradition für
die Dichtung brauchen wir uns also nicht
zu verwundern. Wie steht es aber damit
im Falle der Religion? Die Analogie
mit der Bedingtheit des Epos wird uns
gewiß der befremdlichen Annahme ge-
neigter machen, daß es die bei den Juden er-
haltene Mosestradition war, welche den
Jahvedienst im Sinne der alten Religion
verwandelte. Aber die beiden Fälle sind sonst
zu sehr verschieden, dort eine Dichtung,
hier eine Religion, und für letztere
haben wir angenommen, daß sie durch
den Antrieb der Tradition mit einer
Treue reproduziert wurde, zu der der Fall
des Epos natürlich das Gegenstück bringen
kann. Eine weiter reichende Analogie auf
einem anderen Gebiet wäre uns
sehr erwünscht.x) So sehr schon Macaulay in den Lays of ancient Rome.
Er versetzt sich in die Rolle eines Sängers, der überwüstendie Parteikämpfe der Gegenwart betrübt,
seinen Hörern den Opfermut, die Einigkeit
und den Patriotismus der Alten vorhält.S.
51
c) Die Wiederkehr des Verdrängten
Es gibt nun wirklich eine Menge ähnlicher
Vorgänge unter denen, die uns die analytische
Erforschung des Seelenlebens kennen gelehrt
habt. Einen Teil derselben heißt man pathologisch,
andere rechnet man in die Mannigfaltigkeit
der Normalität ein. Aber darauf kommt es wenig
an, denn die Grenzen zwischen beiden sind nicht
scharf gezogen, die Mechanismen sind im weiten
Ausmaß die nämlichen und kommt mehr es ist weit wichtiger,
darauf, ob die betreffenden Veränderungen
sich am Ich selbst vollziehen oder ob sie sich
ihm fremd entgegenstellen, wo sie dann Symptome
genannt werden. Aus der Fülle des Materials
hebe ich zunächst Fälle hervor, die sich auf Char-
akterentwicklung beziehen. Das junge Mädchen
hat sich in den entschiedensten Gegensatz zu seiner
Mutter gebracht, alle Eigenschaften gepflegt, die
sie an der Mutter vermißt, und alles ver-
mieden, was an die Mutter erinnert. Wir
dürfen ergänzen, daß sie in früheren Jahren
wie jedes weibliche Kind eine Identifizierung
mit der Mutter vorgenommen hatte und sich
nun energisch gegen diese auflehnt. Wenn
aber dieses Mädchen heiratet, selbst Frau
und Mutter wird, dürfen wir nicht erstaunt
sein zu finden, daß sie anfängt, ihrer befein-
deten Mutter immer mehr ähnlich zu
werden, bis sich schließlich die überwundene
Mutteridentifizierung unverkennbar wieder-
hergestellt hat. Das gleiche ereignet sich auch
bei Knaben, und selbst der große Goethe, der
in seiner Geniezeit den steifen und pedantischen
Vater gewiß geringgeschätzt hat, entwickelte
im Alter Züge, die dem Charakterbild des
Vaters angehörten. Auffälliger kann der
Erfolg noch werden, wo der Gegensatz zwischen
beiden Personen schärfer ist. Ein junger Mann,
dem es zum Schicksal wurde, neben einem
nichtswürdigen Vater aufzuwachsen, entwickelte
sich zunächst, ihm zum Trotz, zu einem tüchtigen,
zuverlässigen und ehrenhaften Menschen. Auf der
Höhe des Lebens schlug sein Charakter um,
und er verhielt sich von nun an so, als ob er sich
diesen selben Vater zum Vorbild genommen
hätte. Um den Zusammenhang mit unseremS.
52
Thema nicht zu verlieren, muß man im Sinne
behalten, daß zu Anfang eines solchen Ablaufs
immer eine frühkindliche Identifizierung
mit dem Vater steht. Diese wird dann verstoßen,
selbst überkompensiert, und hat sich am Ende
wieder durchgesetzt.Es ist längst Gemeingut geworden, daß die Erleb-
nisse der ersten fünf Jahre einen bestim-
menden Einfluß auf das Leben nehmen,
dem sich nichts Späteres widersetzen kann.
Über die Art, wie sich diese frühen Eindrücke
gegen alle Einwirkungen reiferer Lebens-
zeiten behaupten, wäre viel Wissens-
wertes zu sagen, das nicht hieher gehört.
Weniger bekannt dürfte aber sein, daß
die stärkste zwangsartige Beeinflussung
von jenen Eindrücken herrührt, die das
Kind zu einer Zeit treffen, da wir
seinen psychischen Apparat für noch nicht
vollkommen aufnahmefähig halten müßen.
An der Tatsache selbst ist nicht zu zweifeln,
sie ist so befremdend, daß wir uns ihr
Verständnis durch den Vergleich mit
einer photographischen Aufnahme er-
leichtern, die nach einem beliebigen
Aufschub entwickelt und in ein Bild
verwandelt werden mag. Immerhin weist
man gern darauf hin, daß ein phantasievoller
Dichter mit der den Poeten gestatteten
Kühnheit diese unsere unbequeme Entdeckung
vorweggenommen hat. E.T.A. Hoffmann pflegte
den Reichtum an Gestalten, die sich ihm für
seine Dichtungen zur Verfügung stellten,
auf den Wechsel der Bilder und Eindrücke
während einer wochenlangen Reise im
Postwagen zurückzuführen, die er noch als
Säugling an der Mutterbrust erlebt hatte.
Was die Kinder im Alter von zwei Jahren er-
lebt und nicht verstanden haben, brauchen
sie außer in Träumen nie zu erinnern.
Erst durch eine psychoanalytische Behandlung kann
es ihnen bekannt werden, aber es bricht
zu irgendeiner späteren Zeit mit Zwangs-
impulsen in ihr Leben ein, dirigiert ihre
Handlungen, drängt ihnen Sympathien undS.
53
Antipathien ist auf, entscheidet oft genug über die
Liebeswahl, die so häufig rationell nicht zu be-
gründen ist. Es istauchnicht zu verkennen, in welchen
zwei Punkten diese Tatsachen unser Problem
berühren. Erstens in der Entlegenheit der Zeit, x)
x) Auch hierin darf ein Dichter das Wort haben. Um
seine Bindung zu erklären, erfindet er: Du
warst in abgelebten Zeiten meine Schwester
oder meine Frau.
die hier als das eigentlich maßgebende Moment
erkannt wird, zB. in dem besonderen Zustand
der Erinnerung, die wir bei diesen Kindheitser-
lebnissen als „unbewußt” klassifizieren. Wir
erwarten hierin eine Analogie mit dem
Zustand zu finden, den wir der Tradition
im Seelenleben des Volkes zuschreiben
möchten. Freilich ist es nicht leicht, die Vor-
stellung des Unbewußten in die Massen-
psychologie einzutragen.Regelmäßige Beiträge zu den von uns gesuchten
Phänomenen bringen die Mechanismen, die zur
Neurosenbildung führen. Auch hier fallen die
maßgebenden Ereignisse in der früheren Kinder-
zeit vor, aber der Akzent ruht dabei nicht
auf der Zeit, sondern auf dem Vorgang, der
dem Ereignis entgegentritt, auf der Reaktion
gegen dasselbe. In schematischer Darstellung kann
man sagen: Als Folge des Erlebnißes erhebt
sich ein Triebanspruch, der nach Befriedig-
ung verlangt. Das Ich verweigert diese Befried-
igung, entweder weil es durch die Größe
des Anspruchs erschreckt wird oder weil
es in ihm eine Gefahr erkennt. Die erstere
dieser Begründungen ist die ursprünglichere,
beide laufen auf die Vermeidung einer
Gefahrsituation hinaus. Das Ich erwehrt
sich der Gefahr durch den Prozeß der Ver-
drängung. Die Triebregung wird irgendwie gehemmt,
der Anlaß mit den zugehörigen Wahrnehm-
ungen und Vorstellungen vergessen.
Damit ist aber der Prozeß nicht abgeschlossen,
der Trieb hat entweder seine Stärke be-
halten, oder er sammelt sie wieder, oder
er wird durch einen neuen Anlaß wieder
geweckt. Er erneuert dann seinen Anspruch,
und da ihm der Weg zur normalen Befried-
igung durch das, was wir die Verdrängungs-
narbeS.
54
nennen können, verschlossen bleibt, bahnt er sich
irgendwo an einer schwachen Stelle einen
anderen Weg zu einer sogenannten Ersatz-
befriedigung, die nun als Symptom zum
Vorschein kommt, ohne die Einwilligung,
aber auch ohne das Verständnis des Ichs.
Alle Phänomene der Symptombildung können
mit gutem Recht als „Wiederkehr des Ver-
drängten” beschrieben werden. Ihr auszeichnender
Charakter ist aber die weitgehende Entstellung,
die das Wiederkehrende im Vergleich zum
Ursprünglichen erfahren hat. Vielleicht wird
man meinen, daß wir uns mit der letzten
Gruppe von Tatsachen zu weit von der Ähn-
lichkeit mit der Tradition entfernt haben.
Aber es soll uns nicht gereuen, wenn wir
damit in die Nähe der Probleme des
Triebverzichts gekommen sind.d) Die historische Wahrheit
Wir haben alle diese psychologischen
Exkurse unternommen, um es uns glaub-
hafter zu machen, daß die Mosesreligion
ihre Wirkung auf das jüdische Volk erst
als Tradition durchgesetzt hat. Mehr als eine
gewiße Wahrscheinlichkeit haben wir
wahrscheinlich nicht zustande gebracht. Aber
nehmen wir an, es sei uns der volle
Nachweis gelungen; es bliebe doch der Ein-
druck, daß wir blos dem qualitativen
Faktor der Anforderung genügt haben,
nicht auch dem quantitativen. Allem, was
mit der Entstehung einer Religion, gewiß
auch der jüdischen, zu tun hat, hängt etwas
Großartiges an, das durch unsere bisherigen
Erklärungen nicht gedeckt wird. Es müßte
noch ein anderes Moment mit betheiligt
sein, für das es wenig Analogienes und
nichts Gleichartiges gibt, etwas Einziges und
etwas von der gleichen Größenordnung
wie das, was daraus geworden ist, wie
die Religion selbst.
Versuchen wir, uns dem Gegenstand von
der Gegenseite zu nähern. Wir ver-
stehen, daß der Primitive einen Gott braucht
als Weltschöpfer, Stammesoberhaupt, persönlichenS.
55
Fürsorger. Dieser Gott hat seine Stelle hinter den
verstorbenen Vätern, von denen die
Tradition noch etwas zu sagen weiß. Der Mensch
späterer Zeiten, unserer Zeit, benimmt sich in
der gleichen Weise. Auch er bleibt infantil
und schutzbedürftig selbst als Erwachsener; er
meint, er kann den Anhalt an seinem Gott
nicht entbehren. Soviel ist unbestritten, aber
minder leicht es ist zu verstehen, warum es
nur einen einzigen Gott geben darf, warum
grade der Fortschritt vom Henotheismus
zum Monotheismus die überwältigende
Bedeutung erwirbt. Gewiß nimmt, wie wir
es ausgeführt haben, der Gläubige Anteil
an der Größe seines Gottes, und je größer
der Gott, desto zuverlässiger der Schutz, den
er spenden kann. Aber die Macht eines
Gottes hat nicht seine Einzigkeit zur notwen-
digen Voraussetzung. Viele Völker sahen
nur eine Verherrlichung ihres Obergottes
darin, wenn er andere, ihm untergebene
Gottheiten beherrschte, und und nicht eine
Verkleinerung seiner Größe, wenn
andere außer ihm existierten. Auch bedeutete
es ja ein Opfer an Intimität, wenn
dieser Gott universell wurde und sich um
alle Länder und Völker bekümmerte.
Man teilte gleichsam seinen Gott mit
den Fremden und mußte sich dafür durch
den Vorbehalt, daß man von ihm be-
vorzugt sei, entschädigen. Man kann auch
noch geltend machen, daß die Vorstellung
des einzigen Gottes selbst einen Fortschritt
in derGegenstanGeistigkeit bedeute, aber
man kann dies en Punktschwerlichso hoch unmög-
lich schätzen.”Für diese offenkundige Lücke in der Motivier-
ung wissen nun die Frommgläubigen
eine zureichende Ausfüllung. Sie sagen, die
Idee eines einzigen Gottes hat darum so
überwältigend auf die Menschen gewirkt,
weil sie ein Stück der ewigen Wahr-
heit ist, die lange verhüllt endlich zum
Vorschein kam und dann alle mit sich
fortreißen mußte. Wir müssen zugeben,
ein Moment dieser Art ist endlich der
Größe Dimensionen des Gegenstands wie des Erfolgs
angemessen.S.
56
Auch wir möchten diese Lösung annehmen.
Aber wir stoßen auf ein Bedenken. Das fromme
Argument ruht auf einer optimistisch-ideal-
istischen Voraussetzung. Es hat sich sonst nicht
feststellen lassen, daß der menschliche Intellekt
eine besonders feine Witterung für die
Wahrheit besitzt und daß das menschliche
Seelenleben eine besondere Geneigtheit
zeigt, die Wahrheit anzuerkennen. Wir haben
eher im Gegenteil erfahren, daß unser Intellekt
sehr leicht ohne alle Warnung irre geht und
daß nichts leichter von uns geglaubt wird, als was,
ohne Rücksicht auf die Wahrheit, unseren Wunsch-
illusionen entgegenkommt. Darum müßen
wir unserer Zustimmung eine Einschränkung
anfügen. Wir glauben auch, daß die Lösung der
Frommen die Wahrheit enthält, aber nicht die
materielle, sondern die historische Wahrheit.
Und wir nehmen uns das Recht, eine gewisse
Entstellung zu korrigieren, welche diese Wahr-
heit bei ihrer Wiederkehr erfahren hat. Das
heißt, wir glauben nicht, daß es einen einzigen
großen Gott heute gibt, sondern daß es
in Urzeiten eine einzige Person gegeben
hat, die damals übergroß erscheinen mußte
und die heute dann zur Gottheit erhöht in der
Erinnerung der Menschen wiedergekehrt
ist.Wir hatten angenommen, daß die Moses-
Religion zunächst verworfen und halb ver-
gessen wurde und dann als Tradition
zum Durchbruch kam. Wir nehmen jetzt
an, daß dieser Vorgang sich damals zum
zweiten Mal wiederholte. Als Moses
dem Volk die Idee des einzigen Gottes brachte,
war sie nichts Neues, sondern sie bedeutete
die Wiederbelebung eines Erlebnißes
aus den Urzeiten der menschlichen Familie,
das dem bewußten Gedächtnis der Menschen
längst entschwunden war. Aber es war
so wichtig gewesen, hatte so tief einschneid-
ende Veränderungen im Leben der
Menschen erzeugt oder angebahnt, daß
man nicht umhin kann zu glauben, es habe irgend
welche dauernden Spuren, einer Tradition
vergleichbar, in der menschlichen Seele hinterlassen.S.
57
Wir haben aus den Psychoanalysen von Einzelpersonen
erfahren, daß ihre frühesten Eindrücke, zu einer
Zeit aufgenommen, da das Kind noch kaum
sprachfähig war, irgend einmal Wirkungen
von Zwangscharakter äußern, ohne selbst be-
wußt erinnert zu werden. Wir halten uns
berechtigt, dasselbe von den frühesten Erleb-
nißen der ganzen Menschheit anzunehmen.
Eine dieser Wirkungen wäre das Auftauchen
der Idee eines einzigen großen Gottes, die
man als zwar entstellte, aber durchaus berech-
tigte Erinnerung anerkennen muß. Eine
solche Idee hat Zwangscharakter, sie muß
Glauben finden. Soweit ihre Entstellung
reicht, darf man sie als Wahn bezeichnen,
insofern sie die Wiederkehr des Vergangenen
bringt, muß man sie Wahrheit heißen. Auch
der psychiatrische Wahn enthält ein Stückchen
Wahrheit, und die Überzeugung des
Kranken greift von dieser Wahrheit aus
auf die wahnhafte Umhüllung über.Im Jahre 1912 habe ich in „Totem und Tabu” ver-
sucht, die alte Situation, von der solche Wir-
kungen ausgingen, zu rekonstruieren. Ich habe
mich dabei gewisser theoretischer Gedanken
von Ch. Darwin, Atkinson, besonders aber
von W. Robertson Smith bedient und sie mit
Funden und Andeutungen aus der Psycho-
analyse kombiniert. Von Darwin entlehnte
ich die Hypothese, daß die Menschen ur-
sprünglich in Horden/kleinen lebten,
eine jede unter der Gewaltherrschaft eines
älteren Männchens, das sich alle Weibchen
aneignete und die jungen Männer, auch
seine Söhne, züchtigte oder beseitigte. Von
Atkinson in Fortsetzung dieser Schilderung,
daß dies patriarchalische System sein Ende
fand in einer Empörung der Söhne, die
sich gegen den Vater vereinigten, ihn
überwältigten und gemeinsam verzehrten.
Im Anschluß an die Totemtheorie von
Robertson Smith nahm ich dann an, daß
nachher die Vaterhorde dem totemistischen
Brüderklan Platz machte. Um mit einanderS.
58
in Frieden leben zu können, verzichteten die
siegreichen Brüder auf die Frauen, derentwegen
sie doch den Vater erschlagen hatten, und
legten sich Exogamie auf. Die väterliche
Macht war gebrochen, die Familien nach Mutter-
recht eingerichtet. Die ambivalente Gefühls-
einstellung der Söhne gegen den Vater
blieb über die ganze weitere Entwicklung
in Kraft. An Stelle des Vaters wurde ein
bestimmtes Thier als Totem eingesetzt; es galt
als Ahnherr und Schutzgeist, durfte nicht
geschädigt oder getötet werden, aber ein-
mal im Jahr fand sich die ganze Männer-
gemeinschaft zu einem Festmal zusammen,
bei dem das sonst verehrte Totemthier
in Stücke gerißen und gemeinsam ver-
zehrt wurde. Niemand durfte sich von diesem
Male ausschließen, es war die feierliche
Wiederholung der Vatertötung, mit der
die soziale Ordnung, Sittengesetze und Religion
ihren Anfang genommen hatten. Die Über-
einstimmung der Robertson Smith'schen Totem-
malzeit mit dem christlichen Abendmal
ist manchen Autoren vor mir aufgefallen.Ich halte an diesem Aufbau noch heute fest.
Ich habe wiederholt heftige Vorwürfe zu hören
bekommen, daß ich in späteren Auflagen
des Buches meine Meinungen nicht abge-
ändert habe, nachdem doch neuere Ethnologen
die Aufstellungen von Robertson Smith
einmütig verworfen und zum Teil ganz
verschiedene, andere Theorien vorgebracht
haben. Ich habe zu entgegnen, daß mir diese
angeblichen Fortschritte wol bekannt sind.
Aber ich bin niweder von der Richtigkeit
dieser Neuerungen noch von den Irr-
tümern Robertson Smith's überzeugt
worden. Ein Widerspruch ist noch keine
Widerlegung, eine Neuerung nicht
notwendig ein Fortschritt. Vor allem
aber, ich bin nicht Ethnologe, sondern Psycho-
analytiker. Ich hatte das Recht, aus der
ethnologischen Literatur herauszugreifen,
was ich für die analytische Arbeit brauchen
konnte. Die Arbeiten von des genialen Robertson
Smith haben mir wertvolle BerührungenS.
59
und Anknüpfungen ergeben, die mit dem psycho-
logischen Material der Analyse gut zusammen-
trafen.paßten. Keinen seiner Gegnertraf ich je auf meinen Wegen. undAnknüpfungen für dessen Verwertung gegeben.Mit seinen Gegnern traf ich nie zusammen.e) Die geschichtliche Entwicklung
Ich kann den Inhalt von Totem und Tabu hier
nicht ausführlicher wiederholen, aber ich muß
für die Ausfüllung der langen Strecke
zwischen jener angenommenen Urzeit und
dem Sieg des Monotheismus inhhistorischen
Zeiten sorgen. Nachdem das Ensemble von
Brüderklan, Mutterrecht, Exogamie und
Totemismus eingerichtet war, setzte eine Ent-
wicklung ein, die als langsame „Wiederkehr
des Verdrängten” zu beschreiben ist. Den
Terminus „das Verdrängte” gebrauchen wir
hier im uneigentlichen Sinn. Es handelt
sich um etwas Vergangenes, Verschollenes,
Überwundenes im Völkerleben, das wir
dem Verdrängten im Seelenleben des
Einzelnen gleichzustellen wagen. In welcher
psychologischen Gestalt dies Vergangene wäh-
rend der Zeit seiner Verdunkelung
vorhanden war, wissen wir zunächst nicht zu
sagen. Es ist uns noch nicht gelungen, die
Begriffe der Einzelpsychologie auf die Psycho-
logie der Massen zu übertragen, und
ich glaube nicht, daß wir etwas erreichen,
wenn wir den Begriff eines kollektiven
Unbewußten einführen. Der Inhalt des
Unbewußten ist ja überhaupt kollektiv,
allgemeiner Besitz der Menschen. Wir be-
helfen uns also vorläufig mit dem Gebrauch
von Analogien. Die Vorgänge, die wir hier
im Völkerleben studieren, sind den uns
aus der Psychopathologie bekannten sehr
ähnlich, aber doch nicht ganz die nämlichen.
Am meisten Wahrscheinlichkeit hat die
Annahme, daß die psychischen Niederschläge
jener Urzeiten Erbgut geworden waren,
in jeder neuen Generation nur der Er-
weckung, nicht der Erwerbung bedürftig.
Wir denken hierbei an das Beispiel der
sicherlich „mitgeborenen” Symbolik, die
aus der Zeit der Sprachentwicklung stammt,
allen Kindern vertraut ist, ohne daß
sie eine Unterweisung erhalten hätten,S.
60
und die bei allen Völkern trotz der Verschieden-
heit der Sprachen gleich lautet.Sie stammtDie Wiederkehr des Verdrängten vollzieht
sich langsam, gewiß nicht spontan, sondern unter dem Einfluß all
der Änderungen in den Lebensbedingungen,
welche die Kulturgeschichte
der Menschen erfüllen. Ich kann hier weder
eine Übersicht dieser Abhängigkeiten noch
eine mehr als lückenhafte Aufzählung der
Etappen dieser Wiederkehr geben. Der Vater
wird wiederum das Oberhaupt der Familie,
längst nicht so unbeschränkt, wie der Vater der
Urhorde gewesen war. Das Totemthier weicht
dem Gotte in noch sehr deutlichen Übergängen.
Zunächst trägt der menschengestaltige Gott noch
den Kopf des Thieres, später verwandelt er
sich mit Vorliebe in dies bestimmte Thier,
dann wird dies Thier ihm heilig und sein
Lieblingsbegleiter, oder er hat das Thier getötet
und trägt selbst den Beinamen danach. Zwischen
dem Totemthier und dem Gotte taucht der
Heros auf, häufig als Vorstufe der Vergottung.
Die Idee einer höchsten Gottheit scheint sich
frühzeitig einzustellen, zunächst nur schatten-
haft, ohne Einmengung in die täglichen Inter-
essen des Menschen. Mit dem Zusammen-
schluß der Stämme und Völker zu größeren
Einheiten organisieren sich auch die Götter
zu Familien, zu Hierarchien. Einer unter
ihnen wird häufig zum Oberherrn über
Götter und Menschen erhöht. Zögernd ge-
schieht dann der weitere Schritt, nur
einem Gott Verehrung zu zollen, und
endlich erfolgt die Entscheidung, einem
einzigen Gott alle Macht einzuräumen
und keine anderen Götter neben ihm
zu dulden. Erst damit war die Herrlichkeit
des Urhordenvaters wiederhergestellt, und
die ihm geltenden Affekte konnten wieder-
holt werden.Die erste Wirkung des Zusammentreffens
mit dem so lange Vermißten und Ersehnten
war überwältigend und so, wie die Traditionvon
der Gesetzgebung vom Berge Sinai sie be-
schreibt. Bewunderung, Ehrfurcht und DankbarkeitS.
61
dafür, daß man Gnade gefunden in seinen
Augen - die Moses-Religion kennt keineals diese positiven Gefühle gegen
anderen als diese positiven Gefühle gegen
den Vatergott. Die Überzeugung von seiner
Unwiderstehlichkeit, die Unterwerfung unter
seinen Willen können bei dem hilflosen,
eingeschüchterten Sohn des Hordenvaters nicht
unbedingter gewesen sein, ja, siewerdenerst
durch die Versetzung in das primitive
und infantile Milieu erst voll begreiflich.
Kindliche Gefühlsregungen sind in ganz anderem
Ausmaß als die Erwachsener intensiv und
unausschöpfbar tief, nur die religiöse Extase
kann das wiederbringen. So ist ein Rausch
der Gottesergebenheit die nächste Reaktion
auf die Wiederkehr des großen Vaters.Die Richtung dieser Vaterreligion war
damit für alle Zeiten festgelegt, doch war ihre
Entwicklung damit nicht abgeschlossen. Zum
Wesen des Vaterverhältnißes gehört die
Ambivalenz; es konnte nicht ausbleiben,
daß sich im Laufe der Zeiten auch jene Feind-
seligkeit regen wollte, die einst die
Söhne angetrieben, den bewunderten und
gefürchteten Vater zu töten. Im Rahmen
der Moses-Religion war für den direkten
Ausdruck des mörderischen Vaterhaßes
kein Raum; nur eine mächtige Reaktion
auf ihn konnte zum Vorschein kommen,
das Schuldbewußtsein
wegen dieser Feindseligkeit,das schlechte Gewissen,man habe sich
gegen Gott versündigt und höre nicht auf
zu sündigen. Dieses Schuldbewußtsein, das
von den Propheten ohne Unterlaß wach
gehalten wurde, das bald einen integrierenden
Inhalt des religiösen Systems bildete,
hatte noch eine andere, oberflächliche,
Motivierung, die seine wirkliche Herkunft
geschickt maskierte. Es ging dem Volke
schlecht, die auf Gottes Gunst gesetzten Hoff-
nungen wollten sich nicht erfüllen,
es war nicht leicht, an der über alles geliebten
Illusion festzuhalten, daß man Gottes aus-
erwähltes Volk sei. Wollte man auf dieses
Glück nicht verzichten, so bot sich das Schuld-
gefühl als willkommene Erklärung ob derS.
62
eigenen Sündhaftigkeit eine willkommene
Entschuldung Gottes. Man verdiente nichts Besseres,
als von ihm bestraft zu werden, weil man
seine Gebote nicht hielt, und im Bedürfnis,
dieses Schuldgefühl, das unersättlich war und
aus soviel tieferer Quelle kam, zu befrie-
digen, mußte man diese Gebote immer
strenger, peinlicher und auch kleinlicher werden
lassen. In einem neuen Rausch moralischer
Askese legte man sich immer neue Trieb-
verzichte auf und erreichte dabei wenigstens
in Lehre und Vorschrift ethische Höhen,
die den anderen alten Völkern un-
zugänglich geblieben waren. In dieser Höher-
entwicklung erblicken viele Juden den
zweiten Hauptcharakter und die zweite
große Leistung ihrer Religion. Aus unseren
Erörterungen soll hervorgehen, wie sie mit
der ersteren, der Idee des einzigen Gottes,
zusammenhängt. Diese Ethik kann aber ihren
Ursprung aus dem Schuldbewußtseinüber
wegen der unterdrückten Gottesfeindschaft nicht ver-
leugnen. Sie hat den unabgeschlossenen
und unabschließbaren Charakter zwangs-
neurotischer Reaktionsbildungen; man errät
auch, daß sie den geheimen Absichten der
Bestrafung dient. 18)Die weitere Entwicklung geht über das Judentum
hinaus. Das übrige, was von der Urvatertragödie
wiederkehrte, war mit der Mosesreligion
in keiner Art mehr vereinbar. Das Schuldbe-
wußtsein jener Zeit war längst nicht mehr auf das
jüdische Volk beschränkt, es hatte als ein
dumpfes Unbehagen, als eine Unheilsahnung,
deren Grund niemand anzugeben wußte,
alle Mittelmeervölker ergriffen. Die Ge-
schichtsschreibung unserer Tage spricht von
einem Altern der antiken Kultur; ich
vermute, sie hat nur Gelegenheitsursachen
und Beihilfen zu jener Völkerverstimmung
erfaßt. Die Klärung der bedrückten Situation
ging vom Judentum aus. Ungeachtet aller
Annäherungen und Vorbereitungen ringsum
war es doch ein jüdischer Mann Saulus
aus Tarsus, der sich als römischer Bürger
Paulus nannte, in dessen Geist zuerst
die Erkenntnis durchbrach: „Wir sindS.
63
so unglücklich, weil wir Gottvater getötet
haben.“ Und es ist überaus verständlich, daß er
dies Stück Wahrheit nicht anders erfassen
konnte als in der wahnhaften Einkleidung
der frohen Botschaft: „Wir sind von aller Schuld
erlöst, seitdem einer von uns sein Leben geopfert
hat, um uns zu entsühnen.“ In dieser Formul-
ierung war die Tötung Gottes natürlich nicht er-
wähnt, aber ein Verbrechen, das durch einen
Opfertod gesühnt werden mußte, konnte nur
ein Mord gewesen sein. Und die Vermitt-
lung zwischen dem Wahn und der historischen
Wahrheit stellte die Versicherung her, daß
das Opfer Gottes Sohn gewesen sei. Mit der
Kraft, die ihm aus der Quelle historischer Wahr-
heit zufloß, warf dieser neue Glaube alle
Hindernisse nieder; an die Stelle der beseel-
igenden Auserwähltheit trat nun die befrei-
ende Erlösung. 19) Aber die Tatsache der Vatertötung
hatte bei ihrer Rückkehr in die Erinnerung
der Menschheit größere Widerstände zu
überwinden als die andere, die den Inhalt
des Monotheismus ausgemacht hatte; sie mußte
sich auch eine stärkere Entstellung gefallen
lassen. Das unnennbare Verbrechen wurde
ersetzt durch die Annahme einer eigentlich
schattenhaften Erbsünde.Erbsünde und Erlösung durch den Opfertod wurden
die Grundpfeiler der neuen, durch Paulus
begründeten Religion. Ob es in der Brüder-
schar, die sich gegen den Urvater empörte,
wirklich einen Anführer und Anstifter
der Mordtat gegeben hat oder ob diese
Gestalt von der Phantasie der Dichter zur
Heroisierung der eigenen Person später
geschaffen und in die Tradition eingefügt
wurde, muß dahingestellt bleiben. Nachdem
die christliche Lehre den Rahmen des Juden-
tums gesprengt hatte, nahm sie Bestandteile
aus vielen anderen Quellen auf, verzichtete
auf manche Züge des reinen Monotheismus,
schmiegte sich in vielen Einzelheiten dem
Rituale der übrigen Mittelmeervölker an.
Es war, als ob neuerdings Ägypten Rache
nähme an den Erben des Ikhnaton.
Beachtenswert ist, in welcher Weise die
neue Religion sich mit der alten Ambi-S.
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valenz im Vaterverhältnis auseinandersetzte.
Ihr Hauptinhalt war zwar die Versöhnung
mit Gottvater, die Sühne des an ihm be-
gangenen Verbrechens, aber die andere
Seite der Gefühlsbeziehung zeigte sich darin,
daß der Sohn, der die Sühne auf sich genommen,
selbst Gott wurde neben dem Vater und
eigentlich an Stelle des Vaters. Aus einer
Vaterreligion hervorgegangen, wurde das
Christentum eine Sohnesreligion. Dem
Verhängnis, den Vater beseitigen zu
müssen, ist es nicht entgangen.Nur ein Teil des jüdischen Volkes nahm die
neue Lehre an. Jene, die sich dessen verweig-
erten, heißen noch heute Juden. Sie sind
durch diese Scheidung noch schärfer von
den anderen abgesondert als vorher. Sie
mußten von der neuen Religionsgemein-
schaft, die außer Juden Ägypter, Griechen,
Syrer, Römer und endlich auch Germanen
aufgenommen hat, den Vorwurf hören,
daß sie Gott gemordet haben. Unverkürzt
würde dieser Vorwurf lauten: Sie wollen
es nicht wahrhaben, daß sie Gott gemordet
haben, während wir es zugeben und uns
von dieser Schuld gereinigthabenworden sind. Man
sieht dann leicht ein, wieviel Wahrheit
hinter diesem Vorwurf steckt. Warum
es den Juden unmöglich gewesen ist, den
Fortschritt mitzumachen, den das Bekenntnis
zum Gottesmord bei aller Entstellung enthielt,
wäre Gegenstand einer besonderen Unter-
suchung. Sie haben damit gewissermaßen
eine tragische Schuld auf sich geladen; man
hat sie dafür schwer büßen lassen.Unsere Untersuchung hat vielleicht einiges
Licht auf die Frage geworfen, wie das jüdische
Volk die Eigenschaften erworben hat, die
es kennzeichnen. Weniger Aufklärung fand
das Problem, wieso sie sich bis auf den heutigen
Tag als Individualität erhalten konnten.
Aber erschöpfende Beantwortungen solcher Rätsel
wird man billigerweise weder verlangen
noch erwarten dürfen. Ein Beitrag, nach den
eingangs erwähnten Einschränkungen zu beur-
teilen, ist alles, was ich bieten kann.
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Der Mann Moses. Ein historischer Roman1939-001/1937.01
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