• S.

    29

    II a)
    Das Volk Israel

        Wenn man sich klar darüber ist, daß ein Verfahren
    wie das unsrige, vom überlieferten Stoff anzu-
    nehmen, was uns brauchbar scheint, zu verwer-
    fen, was uns nicht taugt, und die einzelnen
    Stücke nach der psychologischen Wahrscheinlichkeit
    zusammenzusetzen – daß eine solche Technik
    keine Sicherheit gibt, die Wahrheit zu finden,
    dann fragt man mit Recht, wozu man eine
    solche Arbeit überhaupt unternimmt. Die
    Antwort beruft sich auf ihr Ergebnis. Wenn man
    die Strenge der Anforderungen an eine historisch-
    psychologische Untersuchung weit mildert, wird
    es vielleicht möglich ein Problem zu klären,
    die das immer der Aufmerksamkeit würdig schienen
    und die infolge rezenter Ereigniße sich von
    neuem dem Beobachter aufdrängen. Man
    weiß, von allen Völkern, die im Altertum
    um das Becken des Mittelmeers gewohnt
    haben, ist das jüdische Volk nahezu das einzige, das
    heute dem Namen und wohl auch
    der Substanz nach noch besteht. Mit
    beispielloser Widerstandsfähigkeit hat es
    Unglücksfällen und Mishandlungen getrotzt,
    besondere Charakterzüge entwickelt und sich
    nebstbei die herzliche Abneigung aller anderen
    Völker erworben. Woher diese Lebens-
    fähigkeit der Juden kommt und wie ihr
    Charakter mit ihren Schicksalen zusammen-
    hängt, darübervon möchte man gerne mehr
    verstehen.

        Man darf von einem Charakterzug der Juden
    ausgehen, der ihr Verhältnis zu den Anderen
    beherrscht. Es ist kein Zweifel daran, sie haben
    eine besonders hohe Meinung von sich, halten
    für sich vornehmer, höherstehend, den anderen
    überlegen, von denen sie auch durch viele
    ihrer Sitten geschieden sind x). Dabei be-

    x) Die in alten Zeiten so häufige Schmähung, die
    Juden seien Aussätzige, (s. Manetho) hat
    wol den Sinn einer Projektion: Sie halten
    sich von uns so fern, als ob wir Aussätzige
    wären.

    seelt sie eine besondere Zuversicht, wie im
    Leben, wie sie durch den geheimen Besitz
    eines kostbaren Gutes verliehen wird,
    eine Art von Optimismus; oder
    Fromme würden es Gottvertrauen nennen.

  • S.

    30

    Wir kennen den Grund dieses Verhaltens und
    wissen, was ihr geheimer Schatz ist. Sie halten sich
    wirklich für das von Gott auserwählte Volk,
    glauben ihm besonders nahe zu stehen, und
    dies macht sie stolz und zuversichtlich. Nach guten
    Nachrichten benahmen sie sich schon in hellenist-
    ischen Zeiten so wie heute, der Jude war also
    damals schon fertig, und die Griechen, unter
    denen und neben denen sie lebten, reagierten
    auf die jüdische Eigenart in der nämlichen
    Weise wie die heutigen „Wirtsvölker“.
    Man könnte meinen, sie reagierten, als ob
    auch sie an den Vorzug glaubten, den
    das Volk Israel für sich in Anspruch nahm.
    Wenn man der erklärte Liebling des ge-
    fürchteten Vaters ist, braucht man sich über
    die Eifersucht der Geschwister nicht zu
    verwundern, und wozu diese Eifersucht
    führen kann, zeigt sehr schön die jüdische
    Sage von Josef und seinen Brüdern. Der
    Verlauf der Weltgeschichte schien dann später die
    jüdische Anmaßung zu rechtfertigen, denn
    als es später Gott gefiel, der Menschheit
    einen Messias und Erlöser zu senden,
    wälte er ihn wiederum aus dem Volke
    der Juden. Die anderen Völker hätten
    damals Anlaß gehabt sich zu sagen: „Wirklich,
    sie haben Recht gehabt, sie sind das von
    Gott auserwählte Volk.“ Aber es geschah
    anstatt deßen, daß ihnen die Erlösung
    durch Jesus Christus nur eine Verstärkung
    ihres Judenhaßes brachte, während die
    Juden selbst aus dieser zweiten Be-
    vorzugung keinen Vorteil zogen, da sie
    den Erlöser nicht anerkannten.

        Auf Grund unserer früheren Erörterungen
    dürfen wir nun behaupten, daß es der
    Mann Moses war, der dem jüdischen Volk
    diesen für alle Zukunft bedeutsamen Zug
    aufgeprägt hat. Er hob ihr Selbstgefühl durch
    die Versicherung, daß sie Gottes auserwältes
    Volk seien, er legte ihnen die Heiligung
    auf und verpflichtete sie zur Absonderung
    von den Anderen. Nicht etwa, daß es

  • S.

    31

    den anderen Völkern an Selbstgefühl gemangelt
    hätte. Genau wie heute hielt sich auch damals
    jede Nation für beßer als jede andere.
    Aber das Selbstgefühl der Juden erfuhr durch
    Moses eine religiöse Verankerung, es wurde
    ein Teil ihres religiösen Glaubens. Durch ihre
    besonders innige Beziehung zu ihrem Gott
    erwarben sie einen Anteil an seiner
    Großartigkeit. Und da wir wissen, daß hinter
    dem Gott, der die Juden ausgewhält und aus
    Aegypten befreit hat, die Person Moses' steht,
    die grade das, anvorgeblich in seinem Auftrag,
    getan hatte, getrauen wir uns zu sagen: Es
    war der eine Mann Moses, der die Juden
    geschaffen hat. 16) Ihm dankt dieses Volk seine
    Zählebigkeit, aber auch viel von der Feind-
    seligkeit, die es erfahren hat und noch
    erfährt.

    b) Der große Mann

        Wie ist es möglich, daß ein einzelner Mensch
    eine so außerordentliche Wirksamkeit entfaltet,
    daß er aus indifferenten Individuen und
    Familien ein Volk formt, ihm seinen
    endgültigen Charakter aufprägt und sein
    Schicksal für Jahrtausende bestimmt? Ist
    eine solche Annahme nicht ein Rückschritt
    auf die Denkungsart, die die Schöpfermythen
    und Heldenverehrung entstehen ließ, auf
    Zeiten, in denen die Geschichtsschreibung sich in der
    Berichterstattung der Taten und Schicksale
    einzelner Personen, Herrscher oder Eroberer
    erschöpfte? Die Neigung der Neuzeit geht viel-
    mehr dahin, die Vorgänge der Menschheits-
    geschichte auf verstecktere, allgemeine und
    unpersönliche Momente zurückzuführen, auf
    den zwingenden Einfluß ökonomischer Ver-
    hältnisse, den Wechsel in der Ernährungs-
    weise, die Fortschritte im Gebrauch von Mate-
    rialien und Werkzeugen, auf Wander-
    ungen, die im letzten Instanz letzten Grunde durch Volksvermehrung und Ver-
    änderungen des Klima's veranlaßt werden.
    Den Einzelpersonen fällt dabei keine andere
    Rolle zu als die von Exponenten oder
    Repräsentanten von Massenstrebungen,
    welche notwendigerweise ihren Ausdruck
    finden mußten und ihn mehr zufälliger
    Weise in jenen Personen fanden.

  • S.

    32

    Das sind durchaus berechtigte Gesichtspunkte, aber
    sie geben uns Anlaß, an eine bedeutsame Un-
    stimmigkeit zwischen der Einstellung unseres Denk-
    organs und der Einrichtung der Welt zu
    mahnen, die mittels unseres Denkens erfaßt
    werden soll. Unserem allerdings gebieterischen
    Kausalbedürfnis genügt es, wenn jeder Vorgang
    eine nachweisbare Ursache hat. In der Wirklichkeit
    außerhalb uns ist das aber kaum so der Fall;
    vielmehr scheint jedes Ereignis überdeterminiert
    zu sein, stellt sich als die Wirkung mehrerer
    konvergierender Ursachen heraus. Durch die
    unübersehbare Komplikation des Geschehens
    geschreckt, ergreift unsere Forschung Partei
    für den einen Zusammenhang gegen
    einen anderen, stellt Gegensätze auf, die
    nicht bestehen,
    nur durch die Zerreißung von umfassenderen
    Beziehungen entstanden sind. x) Wenn uns

    x) Ich protestiere aber gegen das Misverständnis,
    als wollte ich sagen, die Welt sei so kom-
    pliziert, daß jede Behauptung, die man
    aufstellt, irgendwo ein Stück der Wahrheit
    treffen muß. Nein, unser Denken hat
    sich die Freiheit bewahrt, Abhängigkeiten
    und Zusammenhänge aufzufinden, denen
    nichts in der Wirklichkeit entspricht, und
    schätzt diese Gabe offenbar sehr hoch,
    da es innerhalb wie außerhalb der Wissen-
    schaft so reichlichen Gebrauch von ihr
    macht.

    also die Untersuchung eines bestimmten
    Falles den überragenden Einfluß einer
    einzelnen menschlichen Persönlichkeit be-
    weist, so braucht uns unser Gewissen nicht
    vorzuwerfen, daß wir mit dieser Annahme
    der Lehre von der Bedeutung jener all-
    gemeinen, unpersönlichen Faktoren ins
    Gesicht geschlagen haben. Es ist grundsätzlich
    Raum für beides. Bei der Genese des
    Monotheismus können wir allerdings
    auf kein anderes äußeres Moment hin-
    weisen als auf das bereits erwähnte,
    daß diese Entwicklung mit der Herstellung
    intimerer Beziehungen zwischen verschie-
    denen Nationen und dem Aufbau eines
    großen Reiches verknüpft ist.

  • S.

    33

    Wir wahren also dem „großen Mann“ seine
    Stelle in der Kette oder vielmehr im Netz-
    werk der Verursachungen. Aber vielleicht
    wird es nicht ganz zwecklos sein zu fragen,
    unter welchen Bedingungen wir diesen
    Ehrennamen vergeben. Wir sind überrascht
    zu finden, daß es nicht ganz leicht ist, diese
    Frage zu beantworten. Eine erste Formulierung:
    wenn ein Mensch die Eigenschaften, die wir
    hochschätzen, in besonders hohem Maß besitzt,
    ist offenbar nach allen Richtungen unzu-
    treffend. Schönheit z. B. und Muskelstärke,
    so beneidet sie auch sein mögen, geben keinen
    Anspruch auf „Größe“. Es müßten also geistige
    Qualitäten sein, psychische und intellektuelle
    Vorzüge. Bei letzteren kommt uns das Be-
    denken, daß wir einen Menschen, der ein
    außerordentlicher Könner auf einem bestimmten
    Gebiet ist, darum doch nicht ohne Weiteres
    einen großen Mann heißen würden. Ge-
    wiß nicht einen Meister des Schachspiels
    oder einen Virtuosen auf einem Musik-
    instrument, aber auch nicht leicht einen aus-
    gezeichneten Künstler oder Forscher. Es entspricht
    uns, in solchem Falle zu sagen, er sei ein
    großer Dichter, Maler, Mathematiker
    oder Physiker, ein Bahnbrecher auf dem
    Feld dieser oder jener Tätigkeit, aber
    wir halten mit der Anerkennung, er sei
    ein großer Mann, zurück. Wenn wir
    z. B. bei Goethe, Leonardo da Vinci, Beethoven
    unbedenklich für große Männer erklären,
    so muß uns noch etwas anderes bewegen
    als die Anerkennung ihrer großen Leistun ihrer großen
    Bewunderung ihrer großartigen Schöpfungen.
    Wären nicht grade solche Beispiele im Wege,
    so würde man wahrscheinlich auf die Idee
    kommen, der Name „ein großer Mann“
    sei vorzugsweise für Männer der That
    reserviert, also Eroberer, Feldherrn, Herrscher,
    und anerkenne die Größe ihrer Leistung,
    die Stärke der Wirkung, die von ihnen
    ausging. Aber auch dies ist unbefriedigend
    und wird voll widerlegt durch unsere
    Verurteilung so vieler nichtswürdiger
    Personen, denen man doch die Wirkung
    auf Mit- und Nachwelt nicht bestreiten
    kann. Auch den Erfolg wird man nicht
    zum Kennzeichen der Größe wählen dürfen,

  • S.

    34

    wenn man an die Überzahl von großen Männern
    denkt, die, anstatt Erfolg zu haben, im Unglück
    zugrunde gegangen sind.

        So wird man vorläufig der Entscheidung geneigt,
    es verlohne sich nicht, nach einem eindeutig
    bestimmten Inhalt des Begriffs „großer Mann“
    zu suchen. Es sei nur eine locker gebrauchte
    und ziemlich willkürlich vergebene Anerkennung der
    der überdimensionalen Entwicklung gewißer
    menschlicher Eigenschaften in ziemlicher
    Annäherung an den ursprünglichen Wort-
    sinn der „Größe“. Auch dürfen wir uns
    besinnen, daß uns nicht so sehr das Wesen
    des großen Mannes interessiert als die
    Frage, wodurch er auf seine Nebenmenschen
    wirkt. Wir werden aber diese Unter-
    suchung möglichst abkürzen, weil sie uns
    weit von unserem Ziel abzuführen
    droht.

        Lassen wir es also gelten, daß der große
    Mann seine Mitmenschen auf zwei Wegen
    beeinflußt, durch seine Persönlichkeit und
    durch die Idee, für die er sich einsetzt. Diese
    Idee mag ein altes Wunschgebilde der
    Massen betonen oder ihnen ein neues
    Wunschziel zeigen oder in noch anderer
    Weise die Masse in ihren Bann ziehen.
    Mitunter - und das ist gewiß der ursprüng-
    lichere Fall - wirkt die Persönlichkeit
    allein, und die Idee spielt eine recht
    geringfügige Rolle. x) Warum der große

    x) So zB im Falle des großen Napoleon. Er hatte
    persönlich nicht mehr von Ideen in seinen Dienst
    gestellt, als etwa in der Marseillaise
    wachgerufen wird: „Le jour de la gloire est
    arrivé“ und dahinter den Trotz gegen die
    „tyrannie“.

    Mann überhaupt zu einer Bedeutung
    kommen sollte, das ist uns keinen
    Augenblick unklar. Wir wissen, es be-
    steht bei der Masse der Menschen
    ein starkes Bedürfnis nach einer
    Autorität, die man bewundern kann,
    der man sich beugt, von der man be-
    herrscht, eventuell sogar mishandelt
    wird. Aus der Psychologie des Einzelmenschen

  • S.

    35

    haben wir erfahren, woher dies Bedürfnis der
    Masse stammt. Es ist die Sehnsucht nach dem Vater,
    die jedem von seiner Kindheit her innewohnt,
    nach demselben Vater, den überwunden
    zu haben der Held der Sage sich rühmt. Und nun
    mag uns die Erkenntnis dämmern, daß alle
    Züge, mit denen wir den großen Mann
    ausstatten, Vaterzüge sind, daß in dieser
    Übereinstimmung das von uns vergeblich
    gesuchte Wesen des großen Mannes besteht.
    Die Kl Entschiedenheit der Gedanken, die Stärke
    des Willens, die Wucht der Taten gehören
    dem Vaterbilde zu, vor allem aber die Selb-
    ständigkeit und Unabhängigkeit des großen
    Mannes, seine göttliche Unbekümmertheit,
    die sich zur Rücksichtslosigkeit steigern
    darf. Man muß ihn bewundern, darf ihm
    vertrauen, aber man kann nicht umhin,
    ihn auch zu fürchten. Wir hätten uns vom
    Wortlaut leiten lassen sollen; wer anders
    als der Vater soll denn in der Kindheit
    der „große Mann“ gewesen sein!

        Unzweifelhaft war es ein gewaltiges
    Vorbil Vatervorbild, das sich in der Person
    des Moses zu den armen jüdischen Frohnarbeitern
    herabließ, um ihnen zu versichern, daß sie
    seine lieben Kinder seien. Und nicht
    minder überwältigend muß die Vorstellung
    eines einzigen, ewigen, allmächtigen Gottes
    auf sie gewirkt haben, dem sie nicht zu gering
    waren, um einen Bund mit ihnen zu
    schließen, und der für sie zu sorgen versprach,
    wenn sie seiner Verehrung treu blieben.
    Wahrscheinlich wurde es ihnen nicht leicht,
    das Bild des Mannes Moses von dem
    seines Gottes zu scheiden, und sie ahnten
    recht darin, denn Moses mag Züge seines
    eigenen Wesens Person in den Charakter
    seines Gottes eingetragen zu haben wie
    die Zornmütigkeit und Unerbittlichkeit.
    Und wenn sie dann einmal diesen ihren
    großen Mann erschlugen, so wiederholten
    sie nur eine Untat, die sich in Urzeiten
    als Gesetz gegen den göttlichen König gerichtet
    hatte und die wie wir wissen, vielleicht auf ein noch
    älteres Vorbild zurückging.

  • S.

    36

    Ist uns so auf der einen Seite die Gestalt des
    großen Mannes ins Göttliche gewachsen, so ist
    es anderseits Zeit, sich zu besinnen, daß auch
    der Vater einmal ein Kind gewesen war.
    Die große religiöse Idee, die der Mann Moses
    vertrat, war nach unseren Ausführungen
    nicht sein Eigentum; er hatte sie von seinem
    König Ikhnaton übernommen. Und dieser,
    dessen Größe als Religionsstifter unzweideutig
    bezeugt ist, folgte vielleicht Anregungen,
    die durch Vermittlung seiner Mutter oder
    auf anderen Wegen - aus dem näheren oder
    ferneren Asien - zu ihm gelangt waren.
    Weiter können wir die Verkettung nicht ver-
    folgen, aber wenn diese ersten Stücke
    erkannt richtig sind, dann ist die monotheistische Idee
    Boomerang-artig in das Land ihrer Herkunft
    zurückgekommen. Es erscheint so unfruchtbar,
    das Verdienst eines Einzelnen um eine
    neue Idee feststellen zu wollen. Viele
    haben offenbar an ihrer Entwicklung
    mitgetan und Beiträge zu ihr geleistet.
    Anderseits wäre es offenkundiges Unrecht,
    die Kette der Verursachung bei Moses abzubrechen
    und zu vernachlässigen, was seine Nachfolger
    und Fortsetzer, die jüdischen Propheten, geleistet
    haben. Die Saat des Monotheismus war in
    Aegypten nicht aufgegangen. Dasselbe hätte
    in Israel geschehen können, nachdem das
    Volk die beschwerliche und anspruchsvolle
    Religion abgeschüttelt hatte. Aber aus dem
    jüdischen Volk erhoben sich immer wieder
    Männer, die die verblaßende Tradition
    auffrischten, die Mahnungen und Anforder-
    ungen Moses' erneuerten und nicht
    rasteten, ehe das Verlorene wiederherge-
    stellt war. In der stetigen Bemühung von
    Jahrhunderten und endlich durch zwei große
    Reformen, die eine vor, die andere
    nach dem babylonischen Exil, vollzog sich
    die Verwandlung des Volksgottes Jahve
    in den Gott, dessen Verehrung Moses
    den Juden aufgedrängt hatte. Und es
    ist der Beweis einer besonderen psychischen
    Eignung in der Masse, die zum jüdischen
    Volk geworden war, wenn sie so

  • S.

    37

    viele Personen hervorbringen konnte, die
    bereit waren, die Beschwerden der Moses-
    Religion auf sich zu nehmen, für den Lohn
    des Auserwältseins und vielleicht noch
    andere Prämien von ähnlichem Rang.

    c) Der Fortschritt in der Geistigkeit

        Es Um nachhaltige psychische Wirkungen bei
    einem Volke zu erzielen, reicht es offen-
    bar nicht hin, ihm zu versichern, es sei von
    der Gottheit auserlesen. Man muß es ihm
    auch irgendwie beweisen, wenn es daran
    glauben und aus dem Glauben Konsequenzen
    ziehen soll. In der Moses-Religion diente der
    Auszug aus Aegypten als dieser Beweis;
    Gott oder Moses in seinem Namen wurde
    nicht müde, sich auf diese Gunstbezeugung zu
    berufen. Das Passahfest wurde eingesetzt, um
    diese die Erinnerung an dies Ereignis festzu-
    halten, oder vielmehr ein altbestehendes
    Fest mit dem Inhalt dieser Erinnerung er-
    füllt. Aber es war doch nur eine Erinnerung,
    der Auszug gehörte einer verschwommenen
    Vergangenheit an. In der Gegenwart waren
    die Zeichen von Gottes Gunst recht spärlich,
    die Schicksale des Volkes deuteten eher
    auf seine Ungnade hin. Primitive Völker
    pflegten ihre Götter abzusetzen oder selbst
    zu züchtigen, wenn sie nicht ihre Pflicht
    erfüllten, ihnen Sieg, Glück und Behagen
    zu gewähren. Könige sind zu allen Zeiten
    nicht anders behandelt worden als
    Götter; eine alte Identität beweist sich
    darin, die Entstehung aus gemeinsamer
    Wurzel. Auch moderne Völker pflegen
    also ihre Könige zu verjagen, wenn sie
    der Glanz ihrer Regierung durch Niederlagen
    mit den dazugehörigen Verlusten an
    Land und Geld gestört wird. Warum aber
    das Volk Israel seinem Gott immer nur
    unterwürfiger anhing, je schlechter es von
    ihm behandelt wurde, das ist ein Problem,
    welches wir vorläufig bestehen lassen
    müßen.

        Es mag uns die Anregung geben zu untersuchen,
    ob die Moses-Religion dem Volke nichts
    anderes gebracht hatte als die Steigerung

  • S.

    38

    des Selbstgefühls durch das Bewußtsein der Auser-
    wähltheit. Und das nächste Moment ist wirklich
    leicht zu finden. Die Religion brachte den
    Juden auch eine weit großartigere Gottes-
    vorstellung oder, wie man nüchterner
    sagen könnte, die Vorstellung eines groß-
    artigeren Gottes. Wer an diesen Gott glaubte,
    hatte gewißermaßen Anteil an seiner Größe,
    durfte sich selbst gehoben fühlen. Das ist
    für einen Ungläubigen nicht ganz selbst-
    verständlich, aber vielleicht erfaßt man
    es leichter durch den Hinweis auf das
    Hochgefühl eines Britten in einem fremden,
    durch Aufruhr unsicher gewordenen Land, das
    dem Angehörigen irgendeines kontinen-
    talen Kleinstaates völlig abgeht. Der Britte
    rechnet nämlich damit, daß sein Government
    ein Kriegsschiff ausschicken wird, wenn ihm
    ein Häarchen gekrümmt wird, und daß die
    Aufständischen es sehr wol wissen, während
    der Kleinstaat überhaupt kein Kriegsschiff
    besitzt. Der Stolz auf die Größe des British
    Empire hat also auch eine Wurzel im Be-
    wußtsein der größeren Sicherheit, des Schutzes,
    den der einzelne Brite genießt. Das mag bei
    der Vorstellung des großartigen Gottes
    ähnlich sein, und da man schwerlich beanspruchen
    wird, Gott in der Verwaltung der Welt
    zu assistieren, fließt der Stolz auf die Gottes-
    größe mit dem auf das Auserwähltsein
    zusammen.

        Unter den Vorschriften der Mosesreligion
    findet sich eine, die bedeutungsvoller ist,
    als man zunächst erkennt. Es ist das Verbot,
    sich ein Bild von Gott zu machen, also
    der Zwang, einen Gott zu verehren, den
    man nicht sehen kann. Wir vermuten,
    daß Moses in diesem Punkt die Strenge
    der Aton-Religion überboten hat; vielleicht
    wollte er nur konsequent sein, sein Gott
    hatte dann weder einen Namen noch
    ein Angesicht, vielleicht war es eine
    neue Vorkehrung gegen magische Mis-
    bräuche. Aber wenn man dies Verbot an-
    nahm, mußte es eine tiefgreifende Wirkung

  • S.

    39

    ausüben. Denn es bedeutete eine Zurücksetzung
    der sinnlichen Wahrnehmung gegen eine abstrakt
    zu nennende Vorstellung, einen Triumph der
    Geistigkeit über die Sinnlichkeit, streng ge-
    nommen einen Triebverzicht mit seinen
    psychologisch notwendigen Folgen. 17)

        Um glaubwürdig zu finden, was auf den ersten
    Blick nicht einleuchtend scheint, muß man
    sich an andere Vorgänge gleichen Charakters
    in der Entwicklung der menschlichen Kultur
    erinnern. Der früheste unter ihnen, der wich-
    tigste vielleicht, verschwimmt im Dunkel der
    Urzeit. Seine erstaunlichen Wirkungen
    nötigen uns, ihn zu behaupten. Bei unseren
    Kindern, bei den Neurotikern unter den Er-
    wachsenen wie bei den primitiven Völkern
    finden wir das seelische Phänomen, das wir
    als den Glauben an die „Allmacht der Ge-
    danken“ bezeichnen. Nach unserem Urteil
    ist es eine Überschätzung des Einflußes,
    den unsere seelischen, hier die intellektuellen
    Akte auf die Veränderung der Außenwelt
    üben können. Im Grunde ruht ja alle Magie,
    die Vorläuferin unserer Technik, auf
    dieser Voraussetzung. Auch aller Zauber
    der Worte gehört hieher und die Überzeu-
    gung von der Macht, die mit der Kenntnis
    und dem Aussprechen eines Namens ver-
    bunden ist. Wir nehmen an, daß die „Allmacht
    der Gedanken“ der Ausdruck des Stolzes der
    Menschheit war auf die Entwicklung der
    Sprache, die eine so außerordentliche För-
    derung der intellektuellen Tätigkeiten
    zur Folge hatte. Es eröffnete sich das neue
    Reich der Geistigkeit, in dem Vorstellungen,
    Erinnerungen und Schlußprozeße maßgebend
    wurden, im Gegensatz zur niedrigeren
    psychischen Thätigkeit, die unmittelbare Wahrnehm-
    ungen der Sinnesorgane zum Inhalt hatte.
    Es war gewiß eine der wichtigsten Etappen
    auf dem Wege zur Menschwerdung.

        Weit greifbarer tritt uns ein anderer
    Vorgang späterer Zeit entgegen. Unter dem
    Einfluß äußerer Momente, die wir hier nicht
    zu verfolgen brauchen, die zum Teil auch nicht
    genügend bekannt sind, geschah es, daß die
    matriarchalische Gesellschaftsordnung von
    der patriarchalischen abgelöst wurde, womit

  • S.

    40

    natürlich ein Umsturz der bisherigen Rechtsver-
    hältniße verbunden war. Man glaubt den
    Nachklang dieser Revolution noch in der
    Orestie des Aeschylos zu verspüren. Aber
    diese Wendung von der Mutter zum Vater be-
    zeichnet überdies einen Sieg der Geistigkeit
    über die Sinnlichkeit, also einen Kultur-
    fortschritt, denn die Mutterschaft ist durch
    das Zeugnis der Sinne erwiesen, während
    die Vaterschaft eine Annahme ist, auf einen
    Schluß und auf eine Voraussetzung aufgebaut.
    Die Parteinahme, die den Denkvorgang über die
    sinnliche Wahrnehmung erhebt, bewährt sich
    als ein folgenschwerer Schritt.

        Irgendwann zwischen den beiden vorer-
    wähnten Fällen ereignete sich ein anderer,
    der am meisten Verwandtschaft zeigt mit
    dem von uns in der Religionsgeschichte
    untersuchten. Der Mensch fand sich ver-
    anlaßt, überhaupt „geistige“ Mächte anzu-
    erkennen, dh solche, die mit den Sinnen,
    speziell mit dem Gesicht, nicht erfaßt
    werden können, aber doch unzweifel-
    hafte, sogar überstarke Wirkungen
    äußern. Wenn wir uns dem Zeugnis
    der Sprache anvertrauen dürften, war
    es die bewegte Luft, die das Vorbild
    der Geistigkeit abgab, denn der Geist
    wird mit den N entlehnt den Namen
    vom Windhauch (animus, spiritus, ἄνεμος,
    hebraeisch: ruach, Hauch). Damit war auch die
    Entdeckung der Seele gegeben als des
    geistigen Prinzips im einzelnen Menschen.
    Die Beobachtung fand die bewegte Luft im
    Atmen des Menschen wieder, das mit
    dem Tode aufhört; noch heute haucht der
    Sterbende seine Seele aus. Nun
    aber war dem Menschen das Geisterreich
    eröffnet; er war bereit, die Seele, die er
    bei sich entdeckt hatte, allem anderen in
    der Natur zuzutrauen. Die ganze Welt
    wurde beseelt, und die Wissenschaft, die
    soviel später kam, hatte genug zu thun,
    um einen Teil der Welt wieder zu
    entseelen, ist auch noch heute mit dieser
    Aufgabe noch nicht fertig geworden.

  • S.

    41

        Durch das mosaische Verbot wurde Gott auf
    eine höhere Stufe der Geistigkeit gehoben, der
    Weg eröffnet für weitere Abänderungen
    der Gottesvorstellung, von denen noch zu
    berichten ist. Aber zunächst darf uns eine andere
    Wirkung desselben beschäftigen. Alle solchen
    Fortschritte in der Geistigkeit haben den Erfolg,
    den das Selbstgefühl der Person zu steigern,
    sie stolz zu machen, so daß sie sich anderen
    überlegen fühlt, die im Banne der Sinn-
    lichkeit verblieben sind. Wir wissen, daß Moses
    den Juden das Hochgefühl vermittelt hatte, ein
    auserwähltes Volk zu sein; durch die Entmate-
    rialisierung Gottes kam ein neues, wert-
    volles Stück zu dem geheimen Schatz des
    Volkes hinzu. Die Juden behielten die
    Richtung auf geistige Interessen bei, das poli-
    tische Unglück der Nation lehrte sie, den
    Wert des einzigen Besitzes, der ihnen
    geblieben war, ihr Schrifttum, seinem
    Werte nach einzuschätzen. Unmittelbar nach
    der Zerstörung des Tempels in Jerusalem
    durch Titus erbat sich Rabbi Jochanan ben Sakkai die Er-
    laubnis, die erste Thoraschule in Jabne zu er-
    öffnen. Fortan war es die Heilige Schrift
    und die geistige Bemühung um sie, die das
    versprengte Volk zusammenhielt.

        Soviel ist allgemein bekannt und angenommen.
    Ich wollte nur einfügen, daß diese charakter-
    istische Entwicklung des jüdischen Wesens
    durch das Verbot Moses', Gott in sichtbarer
    Gestalt zu verehren, eingeleitet wurde.
    Der Vorrang, der durch etwa 2000 Jahre im
    Leben des jüdischen Volkes geistigen Bestreb-
    ungen eingeräumt war, hat natürlich seine
    Wirkung gethan; er half, die Roheit und die
    Neigung zur Gewalttat einzudämmen, die sich
    einzustellen pflegen, wo die Entwicklung
    der Muskelkraft Volksideal ist. Die
    Harmonie in der Ausbildung geistiger und
    körperlicher Tätigkeit, wie das griechische
    Volk sie erreichte, blieb den Juden versagt.
    Im Zwiespalt trafen sie wenigstens die
    Entscheidung zu Gunsten des kulturell
    Bedeutsameren.

  • S.

    42

                d) Triebverzicht

        Es ist nicht selbstverständlich und nicht
    ohne Weiteres einzusehen, warum ein
    Fortschritt in der Geistigkeit, eine Zurück-
    setzung der Sinnlichkeit, das Selbstbewußt-
    sein einer Person wie eines Volkes
    erhöhen sollte. Das scheint einen bestimmten
    Wertmaßstab vorauszusetzen und eine
    andere Person oder Instanz, die ihn hand-
    habt. Wir wenden uns zur Klärung an
    einen analogen Fall aus der Psychologie
    des Individuums, der uns verständlich geworden
    ist.

        Erhebt das Es in einem menschlichen Wesen
    einen Triebanspruch erotischer oder aggressiver
    Natur, so ist das Einfachste und Natürlichste,
    daß das Ich, dem der Denk- und der Muskel-
    apparat zur Verfügung steht, ihn durch eine
    Aktion befriedigt. Diese Befriedigung
    des Triebes wird vom Ich als Lust empfunden,
    wie die Unbefriedigung unzweifelhaft Quelle
    von Unlust geworden wäre. Nun kann
    sich der Fall ereignen, daß das Ich die Trieb-
    befriedigung mit Rücksicht auf äußere
    Hindernisse unterläßt, nämlich dann, wenn
    es einsieht, daß die betreffende Aktion
    eine ernste Gefahr für das Ich hervorrufen
    würde. Ein solches Abstehen von der Be-
    friedigung, ein Triebverzicht infolge
    äußerer Abhaltung, wie wir sagen: im
    Gehorsam gegen das Realitätsprinzip, ist
    auf keinen Fall lustvoll. Der Triebver-
    zicht würde eine anhaltende Unlustspan-
    nung zur Folge haben, wenn es nicht
    gelänge, die Triebstärke selbst durch
    Energieverschiebungen herabzusetzen.

        Der Triebverzicht kann aber auch aus
    anderen, wie wir mit Recht sagen, inneren
    Gründen erzwungen werden. Im Laufe
    der individuellen Entwicklung wird ein Anteil
    der hemmenden Mächte in der Außenwelt
    verinnerlicht, es bildet sich im Ich eine
    Instanz, die sich beobachtend, kritisierend und
    verbietend dem übrigen entgegenstellt.
    Wir nennen diese neue Instanz das Überich.
    Von nun an hat das Ich, ehe es die vom Es
    geforderten Triebbefriedigungen in's Werk
    setzt, nicht nur auf die Gefahren der Außen-

  • S.

    43

    welt, sondern auch auf den Einspruch des Überichs Rück-
    sicht zu nehmen, und wird um so mehr Anläße
    haben, die Triebbefriedigung zu unterlassen.
    Während aber der Triebverzicht aus äußeren
    Gründen nur unlustvoll ist, hat der aus inneren
    Gründen, aus Gehorsam gegen das Überich,
    eine andere ökonomische Wirkung. Er bringt
    außer der unvermeidlichen Unlustfolge dem
    Ich auch einen Lustgewinn, eine Ersatz-
    befriedigung gleichsam. Das Ich fühlt sich
    gehoben, es wird stolz auf den Triebverzicht
    wie auf eine wertvolle Leistung.

        Den Mechanismus dieses Lustgewinns glauben
    wir zu verstehen. Das Überich ist Nachfolger
    und Vertreter der Eltern (und Erzieher), die
    die Handlungen des Individuums in seiner
    ersten Lebensperiode beaufsichtigt hatten; es
    setzt die Funktionen derselben fast ohne
    Veränderung fort. Es hält das Ich in dauern-
    der Abhängigkeit, es übt einen ständigen
    Druck auf dasselbe aus. Das Ich ist ganz wie
    in der Kindheit besorgt, die Liebe des Ober-
    herrn aufs Spiel zu setzen, empfindet
    seine Anerkennung als Befri Befreiung
    und Befriedigung, seine Vorwürfe als
    Gewissensbisse. Wenn das Ich dem Überich
    das Opfer eines Triebverzichts gebracht
    hat, erwartet es als Belohnung dafür,
    von ihm mehr geliebt zu werden. Das
    Bewußtsein, diese Liebe zu verdienen,
    empfindet es als Stolz. Zur Zeit, da die
    Autorität noch nicht als Überich ver-
    innerlicht war, konnte die Beziehung
    zwischen drohendem Liebesverlust und
    Triebanspruch die nämliche sein. Es gab ein
    Gefühl von Sicherheit und Befriedigung, wenn
    man aus Liebe zu den Eltern einen Trieb-
    verzicht zustande gebracht hatte. Den eigen-
    tümlich narzißtischen Charakter des Stolzes
    konnte dies gute Gefühl erst annehmen,
    nachdem die Autorität selbst ein Teil des
    Ichs geworden war.

        Was leistet uns diese Aufklärung der Befried-
    igung durch Triebverzicht für das Verständnis
    der Vorgänge, die wir studieren wollen, der
    Hebung des Selbstbewußtseins bei Fortschritten

  • S.

    44

    der Geistigkeit? Anscheinend sehr wenig. Die Ver-
    hältnisse liegen ganz anders. Es handelt sich um
    keinen Triebverzicht, und es ist keine zweite
    Person oder Instanz da, der zuliebe das Opfer
    gebracht wird. An der zweiten Behauptung
    wird man bald schwankend werden. Man kann
    sagen, der große Mann ist eben die Autorität,
    der zuliebe man die Leistung vollbringt, und
    da der große Mann selbst dank seiner Ähnlich-
    keit mit dem Vater wirkt, darf man sich
    nicht verwundern, wenn ihm in der Massen-
    psychologie die Rolle des Überichs zufällt.
    Das würde also auch für den Mann Moses
    im Verhältnis zum Judenvolk gelten.

        Im anderen Punkte will sich aber keine
    richtige Analogie herstellen. Der Fortschritt
    in der Geistigkeit besteht darin, daß man
    gegen die direkte Sinneswahrnehmung zu
    Gunsten der sogenannten höheren intellektuellen
    Prozesse entscheidet, also der Erinnerungen,
    Überlegungen, Schlußvorgänge. Daß man zB.
    bestimmt, die Vaterschaft ist wichtiger als die
    Mutterschaft, obwohl sie nicht wie letztere
    durch das Zeugnis der Sinne erweisbar
    ist. Darum soll das Kind den Namen des
    Vaters tragen und nach ihm erben. Oder:
    unser Gott ist der größte und mächtigste,
    obwohl er unsichtbar ist wie der Sturm-
    wind und die Seele. Die Abweisung
    eines sexuellen oder aggressiven Trieban-
    spruches scheint etwas davon ganz verschiedenes
    zu sein. Auch ist bei manchen Fortschritten
    der Geistigkeit, zB. beim Sieg des Vaterrechts,
    die Autorität nicht aufzeigbar, die den
    Maßstab für das abgibt, was als höher
    geachtet werden soll. Der Vater kann
    es in diesem Falle nicht sein, denn
    er wird erst durch den Fortschritt zur
    Autorität erhoben. Man steht also vor
    dem Phänomen, daß in der Entwicklung
    der Menschheit die Sinnlichkeit allmählich
    von der Geistigkeit überwältigt wird
    und daß die Menschen sich durch jeden
    solchen Fortschritt stolz und gehoben fühlen.
    Man weiß aber nicht zu sagen, warum
    das so sein sollte. Später ereignet es sich
    dann noch, daß die Geistigkeit selbst

  • S.

    45

    von dem ganz rätselhaften emotionellen Phänomen
    des Glaubens überwältigt wird. Das ist das be-
    rühmte Credo quia absurdum, und auch wer dies
    zustande gebracht hat, sieht es als eine Höchstleist-
    ung an. Vielleicht ist das Gemeinsame all dieser
    psychologischen Situationen etwas anderes. Viel-
    leicht erklärt der Mensch einfach das für
    das Höhere, was das Schwierigere ist, und sein
    Stolz ist blos der durch das Bewußtsein einer
    überwundenen Schwierigkeit gesteigerte
    Narzißmus.

        Das sind gewiß wenig fruchtbare Erörterungen, und
    man könnte meinen, sie haben mit unserer
    Untersuchung, was den Charakter des jüdischen
    Volkes bestimmt hat, überhaupt nichts zu thun.
    Das wäre nur ein Vorteil für uns, aber eine
    gewisse Zugehörigkeit zu unserem Problem
    verrät sich doch durch eine Tatsache, die uns
    später noch mehr beschäftigen wird. Die Re-
    ligion, die mit dem Verbot begonnen hat,
    sich ein Bild von Gott zu machen, entwickelt
    sich im Laufe der Jahrhunderte immer mehr zu einer
    Religion der Triebverzichte. Nicht daß sie
    sexuelle Abstinenz fordern würde, sie
    begnügt sich mit einer merklichen Einschränk-
    engung der sexuellen Freiheit. Aber Gott wird
    der Sexualität völlig entrückt und zum
    Ideal ethischer Vollkommenheit erhoben.
    Ethik ist aber Triebeinschränkung. Die
    Propheten werden nicht müde zu mahnen,
    daß Gott nichts anderes von seinem Volke
    verlange als gerechtes und tugendhafte Le-
    bensführung, also Enthaltung von allen
    Triebbefriedigungen, die auch noch von
    unserer heutigen Moral als lasterhaft
    verurteilt werden. Und selbst die For-
    derung, an ihn zu glauben, scheint gegen
    den Ernst dieser ethischen Forderungen
    zurückzutreten. Somit scheint der Triebver-
    zicht eine hervorragende Rolle in der
    Religion zu spielen, auch wenn er nicht
    von Anfang an in ihr hervortritt.

  • S.

    69a

        Hier ist aber Raum für einen Ein-
    spruch, der ein Misverständnis abwehren
    soll. Man macht auch sch geltend, daß der Triebver-
    zicht - und die durch ihn gewonnene ethische
    Höhe - nicht zum wesentlichen Inhalt der Religion
    gehört, sei sie doch genetisch aufs innigste
    mit ihr verbunden. Der Totemismus, die
    erste Form einer Religion die wir kennen,
    bringt als unerläßliches Bestandteil des Systems
    eine Anzahl von Geboten und Verboten
    mit sich, die natürlich nichts anderes als
    Triebverzichte bedeuten, die Verehrung
    des Totems, die das Verbot einschließt ihn
    zu schädigen oder zu tödten, die Exogamie
    also den Verzicht auf die leidenschaftlich
    begehrten Mütter und Schwestern in
    der Horde, das Zugeständnis gleicher
    Rechte für alle Mitglieder der Brüder-
    bande, also die Einschränkung der
    Tendenz zu gewalttätiger Rivalität
    unter ihnen. In diesen Bestimmungen
    müssen wir die ersten Anfänge der
    sittlichen und sozialen Ordnung er-
    blicken. Es entgeht uns nicht daß sich
    hier zwei verschiedene Motivierungen
    geltend machen, die beiden ersten
    Verbote liegen im Interesse des befriedig-
    ten Vaters, sie setzen gleichsam
    seinen Willen fort, das dritte
    Gebot der Gleichberechtigung der
    Bundesbrüder sieht vom Willen des
    Vaters ab, es rechtfertigt sich aus
    der Not d Erhaltung auf die Not-
    wendigkeit der neuen Ordnung, die
    nach der Beseitigung des Vaters ent-
    standen war, und um die Söhne zu er-
    halten. Sonst wäre der Rückfall in
    den früheren Zustand unvermeidlich
    geworden. Wir thun wol daran, sie die
    sozialen Gebote von den anderen
    ak die wir wir sagen, einfach „Sitte”
    aus religiösen Bestimmungen trennen.

        In der abgelaufenen Entwicklung
    der menschlichen Einzelwesen hat wiederholt
    sich das we wesentliche Stück dieses Vorgangs
    auch hier, ist es die Autorität der Eltern
    (und Ersatz für die das uneingeschränk-
    ten Willens der V der kraft ihres
    Macht den Vaters), die das Kind zu Trieb-
    verzichten auffordert, sie sind es welche
    festsetzen was ihm erlaubt und was
    ihm verboten ist. Was beim Kinde
    „bös” oder „schlimm” heißt wird später
    in der Gesellschaft und Überich, die an

  • S.

    69b

    die Stelle der Eltern getreten sind, „gut”
    und „böse” tugendhaft oder lasterhaft genannt
    werden, aber es ist immer noch der nämliche
    Triebverzicht durch den Druck der an
    Vater hochgehaltenen, ihn fortsetzenden,
    Autorität.

        Diese Einsichten erfahren eine weitere
    Bestätigung, wenn wir eine Unter-
    suchung des merkwürdigen Begriffes der
    Heiligkeit unternehmen. Was erscheint
    uns eigentlich als „heilig” in Übersetzung in der Erhebung
    von Anderem das wir hochschätzen und
    als bedeutungsvoll würdigen? un-
    streitig in der seinerseits ist der Zusammen-
    hang des Heiligen mit den Religionen,
    unzerreißbar; es wird ja in ausdrücklicher
    Weise betont; alles Religiöse ist heilig,
    es ist gradezu der Kern der Heiligkeit.
    Anderseits wird dieses Urteil durch die
    zahlreichen Versuche gestört, den Charakter
    der Heiligkeit auf soviel Anderes Personen,
    Institutionen, Verrichtungen ja Äußerung
    zu nehmen, die wenig mit Religion zu
    thun haben, diese vernünftigen Dingen
    offenkundigen Tendenzen Wir wollen
    von dem Verbotcharakter ausgehen
    der so fest am Heiligen haftet. Das Heilige
    ist offenbar etwas, was nicht berührt
    werden darf, ein heiliges Verbot ist
    sehr stark affektiv betont, aber eigentlich
    ohne rationelle Begründung. Denn warum
    (zB. sollte es ein so b besonderes V schweres Verbrechen
    sein, Inzest mit Tochter oder Schwester
    zu begehen soviel ärger als jeden
    anderen sexuellen Akt Verkehr?) Die Rechtfertig-
    ung durch die biologische Schädlichkeit
    der Inzucht hat man als unhaltbar ab-
    weisen. Nicht nur daß ein solcher Schaden
    nicht einmal hat feststeht, man braucht
    nur an die Sitten der alten Ägypter
    und anderer Völker zu denken um
    zu erkennen, daß der Inzest vielmehr
    als ein Vorrecht betrachtet wurde
    das nur den Herrschern vorbehalten
    war. Fragt man nach einer solchen
    Begründung, so wird man darauf ver-
    wiesen, daß sich alle unsere Gefühle dagegen
    sträuben. Aber das heißt nur, daß
    man das Verbot für selbstver-
    ständlich hält, daß man es nicht zu
    begründen weiß.

  • S.

    69c

    Die Nichtigkeit einer solchen Erklärung
    ist leicht genug zu ergreifen. Was angeb-
    lich unsere heiligsten Gefühle beleidigt
    war den alten Ägyptern und anderen
    frühen Völkern allgemeine Sitte, man
    möchte sagen ein den Herrscherfamilien
    geheiligter Brauch. Es war selbstverständ-
    lich, daß der Pharao in seiner Schwester
    seine erste und vornehmste Frau fand
    und die späten Nachfolger der Pharaonen
    die griechischen Ptolemäer, zögerten nicht
    dies Vorbild nachzuahmen Soweit drängt
    sich uns das die Einsicht auf, daß der
    Inzest - in diesem Falle zwischen Bruder
    und Schwester - ein Vorrecht war, das
    den Göttern vorbehalten den Königen vor-
    behalten war, wie ja auch der Mythus die
    Götter den Herrscher abstammen läßt die solchen
    Inzest Entstehung verdanken.
    Weil der Gewissheit nur in germanischen Sage
    darf vermuten, daß der aegyptisch Geschwister-
    inzest Bedingtheit ein Entsprung, fortderte
    noch ein Residuum dieses alten Privilegs
    ist, und kann feststellen daß in Folge-
    der über soviele Generationen fortgesetzter
    Inzucht in der höchsten sozialen Schicht
    Europa heute was von Mitgliedern
    beider und einer zweiten Familie
    da regiert, wird.
    Der Einwand, auf den Inzest bei Göttern Kö-
    nigen und Heroen steht auch mit guter Er-
    wägung einer anderen Vorstufe der
    Exogamie den biologisch bedingten Instinkt
    sie auf ein reines Abwehr gegen der Inzest-
    Der Inzest ist zurückzuführen. Es hat aber nichts
    einmal statt, daß einer Gefahr der Schädige-
    nigung der die die Inzucht beißelt droht geschweige
    denn, daß die Individuen sie erkannt
    und gegen sie reagiert hätten. Die Un-
    sicherheit in der Erzählung der
    erlaubten und der t verbotenen
    Verwandtschaftsgrade spricht ebenso
    wenig für die Annahme eines
    „natürlichen Gefühls” als Urgrund
    der Inzestscheu.
    Unsere Konstruktion der Vorgeschichte
    drängt uns eine andere Erklärung
    auf. Sie faßt die Exogamie, dessen
    negativer Ausdruck die Inzestscheu
    ist, als den letzten Willen des
    und setzt Vaters auf und
    seine leitet dessen Befestigung fort. daher

  • S.

    69d

    die Stärke seiner affektiven Betonung
    und der Mangel an einer rationellen
    Begründung! also freier Heiligkeit Wir ent-
    werfen schließlich daß der Unterwerf-
    ung aller anderen Fälle von heiligen
    Verbot zu demselben Erkenntnis führt, an
    worin wir ein fassen das Ursprüngliche daß
    das Heilige ursprünglich nichts anderes
    ist als der fortgesetzte Wille des
    Urvaters. Damit fiele auch ein Licht
    auf die dieser Ambivalenz Bedeutung des Amb-
    valenz in der des Wortes (sacer Begriffs
    der Heiligkeit auszuüben. So ist die
    Ambivalenz, die das Verhältnis zum
    Vater überhaupt beherrscht Sacer be-
    deutet nicht nur „heilig, geheiligt” son-
    dern auch etwas „das wir verabscheuen
    verabscheu verabscheuenswert über-
    (vgl Römer Roman „auri sacra fames”).
    Der Wille des Vaters aber war nicht
    nur das, woran man sich richten
    mußte, sondern auch etwas wovor man
    erschauerte weil es einen schwer-
    lichen Triebverzicht erforderte. Wenn
    wir hören, daß Moses sein Volk
    „heiligte” durch die Einführung der
    Sitte der Beschneidung so erfassen
    wir jetzt den tieferen Sinn dieser
    Behauptung. Die Beschneidung ist der
    Rest aus der Kastration, des Urvaters, die
    einstige der Vater rächende Machtvoll-
    kommenheit des des Vaters über
    die Söhne verhängt hatte und wer
    ihr Symbol annahm, zeigte damit, daß
    er bereit war sich dem Willen
    des Vaters zu unterwerfen auch
    wenn er das schmerzlichste Opfer
    auferlegte.
    Wir schließen hier diese Erörter-
    ungen ab. Die Sitte ; Ein Teil der
    ethisch Andere Vorschriften rechtfertigt
    sich aus auf rationeller Weise in der
    Noth der Gemeinschaft (Rücksicht, Ver-
    gessen der Einzelnen an die Gemein-
    und die das Individuum gegen-
    einander abgrenzen das Andere
    der Ethik geteilt ins mystisch-
    volle ins Unmystisch. Was selbst-
    verständlich erscheint, das Zusamen-
    hang Charakter der Religion, das
    Hang Recht, aus dem Willen
    des Vaters.

  • S.

    46

               c) Der Wahrheitsgehalt der Religion

       Wie beneidenswert erscheinen uns, den
    Armen im Glauben, jene Forscher, die von
    der Existenz eines höchsten Wesens überzeugt sind!
    Für diesen großen Geist hat die Welt keine
    Probleme, weil er selbst alle ihre Einrichtungen
    geschaffen hat. Wie umfassend, erschöpfend und
    endgültig sind die Lehren der Gläubigen im
    Vergleich mit den mühseligen, armseligen
    und stückhaften Erklärungsversuchen, die
    das Äußerste sind, was wir zustande bringen!
    Der göttliche Geist, der selbst das Ideal ethischer
    Vollkommenheit ist, hat den Menschen die
    Kenntnis dieses Ideals eingepflanzt und gleich-
    zeitig den Drang, ihr Wesen dem Ideal anzu-
    gleichen nähern. Sie verspüren unmittelbar, was höher
    und edler und was niedriger und gemeiner
    ist. Ihr Empfindungsleben ist auf ihre jeweilige
    Distanz vom Ideal eingestellt. Es bringt ihnen
    hohe Befriedigung, wenn sie, im Perihel gleichsam,
    ihm näherkommen, es straft sich durch
    schwere Unlust, wenn sie, im Aphel, sich von
    ihm entfernt haben. Das ist alles so einfach
    und so unerschütterlich festgelegt. Wir können
    nur bedauern, wenn gewisse Lebenser-
    fahrungen und Weltbeobachtungen es uns
    unmöglich machen, die Voraussetzung eines
    solchen höchsten Wesens anzunehmen. Als
    hätte die Welt der Rätsel nicht genug, wird
    uns die neue Aufgabe gestellt zu verstehen,
    wie jene anderen den Glauben an das
    göttliche Wesen erwerben konnten und
    woher dieser Glaube seine ungeheure,
    „Vernunft und Wissenschaft” 4) überwältigende
    Macht bezieht.

       Kehren wir zu unserem dem bescheideneren Problem
    zurück, das uns bisher beschäftigt hat. Wir
    wollten erklären, woher der eigentümliche
    Charakter des jüdischen Volkes rührt, der
    wahrscheinlich auch seine Erhaltung bis auf den
    heutigen Tag ermöglicht han hat. Wir
    fanden, der Mann Moses hat diesen
    Charakter geprägt, dadurch, daß er ihnen
    eine Religion gab, welche ihr Selbstgefühl
    so erhöhte, daß sie sich allen anderen Völkern
    überlegen glaubten. Sie erhielten sich dann
    dadurch, daß sie sich von den anderen fern
    hielten. Blutvermischungen störten dabei wenig,

  • S.

    47

    denn was sie zusammenhielt, war ein ideelles Moment,
    der gemeinsame Besitz bestimmter intellektueller
    und emotioneller Güter. Die Mosesreligion
    hatte diese Wirkung, weil sie 1) das Volk Anteil
    nehmen ließ an der Großartigkeit einer neuen
    Gottesvorstellung, 2) weil sie behauptete, daß dies
    Volk von diesem großen Gott auserwählt
    und für die Beweise seiner besonderen Gunst
    bestimmt war, 3) weil sie dem Volk einen
    Fortschritt in der Geistigkeit aufnötigte, der,
    an sich bedeutungsvoll genug, überdies den
    Weg zur Hochschätzung der intellektuellen
    Arbeit und zu weiteren Triebverzichten
    eröffnete.

        Dies ist unser Ergebnis, und obwohl wir nichts davon
    zurücknehmen mögen, können wir uns doch
    nicht verhehlen, daß es irgendwie unbefrie-
    digend ist. Die Verursachung deckt sozusagen
    nicht den Erfolg, die Thatsache, die wir
    erklären wollen, scheint von einer anderen
    Größenordnung als alles, wodurch wir sie
    erklären. Wäre es möglich, daß alle unsere
    bisherigen Untersuchungen nur nicht die
    ganze Motivierung aufgedeckt haben,
    sondern nur eine gewissermaßen ober-
    flächliche Schicht, und dahinter noch ein
    anderes, sehr bedeutsames Moment auf
    Entdeckung wartet? Bei der außerordentlichen
    Komplikation aller Verursachung in
    Leben und Geschichte mußte man auf
    etwas dergleichen gefaßt sein.

        Der Zugang zu dieser tieferen Motivierung
    ergäbe sich an einer bestimmten Stelle
    der vorstehenden Erörterungen. Die Religion
    des Moses hat ihre Wirkungen nicht un-
    mittelbar geübt, sondern in einer merk-
    würdig indirekten Weise. Das will nicht
    besagen, sie habe nicht sofort gewirkt, sie
    habe lange Zeiten, Jahrhunderte gebraucht,
    um ihre volle Wirkung zu entfalten, denn
    soviel versteht sich von selbst, wenn es sich
    um die Ausprägung eines Volkscharakters
    handelt. Sondern die Einschränkung bezieht
    sich auf eine Tatsache, die wir der jüdischen
    Religionsgeschichte entnommen, oder, wenn
    man will, in sie eingetragen haben.

        Wir haben gesagt, das jüdische Volk schüttelte
    die Mosesreligion nach einer gewissen
    Zeit wieder ab - ob vollständig, ob einige
    ihrer Vorschriften beibehalten wurden,
    können wir nicht erraten. Mit der Annahme,

  • S.

    48

    daß in den langen Zeiten der Besitzergreif-
    ung Kanaans und des Ringens mit den dort
    wohnenden Völkern die jüdische Religion sich
    Jahve- Verehrung Religion sich nicht wesentlich von
    der Verehrung der anderen Baalim unter-
    schied, stehen wir auf historischem Boden
    trotz aller Anstrengungen späterer Ten-
    denzen, diesen beschämenden Sachverhalt
    zu verschleiern. Die Moses-Religion war
    aber nicht spurlos untergegangen, eine Art
    von Erinnerung an sie hatte sich erhalten, ver-
    dunkelt und entstellt, vielleicht bei einzelnen
    Mitgliedern der Priesterkaste durch alte
    Aufzeichnungen gestützt. Und diese Tradition
    einer großen Vergangenheit war es, die
    aus dem Hintergrunde gleichsam zu wirken
    fortfuhr, allmählich immer mehr Macht über
    die Geister gewann und es endlich erreichte,
    den Gott Jahve in den Gott Mosis zu ver-
    wandeln und die vor langen Jahrhunderten
    eingesetzte und dann verlassene Religion
    Mosis wieder zum Leben zu erwecken.

                b) Die Tradition in der Massenpsychologie

        Daß eine verschollene Tradition eine so mächtige
    Wirkung auf das See[len]leben eines Volkes
    üben sollte, ist keine uns vertraute Vor-
    stellung. Wir finden uns da auf einem Gebiet
    der Massenpsychologie, in dem wir uns
    nicht heimisch fühlen. Was wir zunächst
    brauchen sind Analogien, Tatsachen von ähnlicher
    Natur, deren Beurteilung aber weniger zweifel-
    haft ist. Ich meine, es giebt solche Analogien auf
    verwandten Gebieten.

        Ungefähr da die Juden in den Zeiten die Wieder-
    geburt der Moses-Religion bereiteten, fand
    sich die griechische Nation im Besitz eines
    ungewöhnlich reichen Schatzes von Geschlechter-
    sagen und Heldenmythen. Im 9ten oder 8
    Jahrhundert, wie man glaubt, entstanden
    die beiden großen Epen, die Ilias und die
    Odyssee, die ihren Stoff diesem Sagenkreis
    entnahmen. Mit unseren heutigen psycholog-
    ischen Kenntnißen hätte man schon vor
    Schliemann und vor Evans die Frage aufwerfen
    können: Woher nahmen die Griechen all
    diese Sagen, die ihrem Homer und ihren
    großen Dramatiker das Material zu ihren

  • S.

    49

    Meisterwerken gaben? Und die Antwort hätte lauten
    müssen: Dieses Volk hat wahrscheinlich in seiner
    Vorgeschichte eine Zeit von äußerem Glanz
    und kultureller Blüte erlebt, die durch eine
    historischen Katastrophe zu Grunde gegangen ist und
    von der sich eine dunkle Tradition in diesen
    Sagen erhalten hat. Die archäologische Forschung
    unserer Tage hat dann diese Vermutung be-
    stätigt, die damals sicherlich kühn und gewagt
    erschienen wäre. Sie hat die Zeugen der
    großartigen minoisch-mykenischen Kultur
    aufgedeckt, die auf dem griechischen Festland
    wahrscheinlich vor 1200 a. Chr. zu Ende kam.
    Bei keinem der griechischen Historiker findet
    sich ein Hinweis auf sie. Nichts anderes
    als die von den Dichtern verarbeitete
    Traditionen kann von ihr übrig geblieben
    sein.

        Es sind Volksepen noch bei anderen Völkern be-
    kannt geworden, bei den Indern, Finnen,
    Deutschen. Es fällt den Literarhistorikern zu,
    zu untersuchen, ob ihre Entstehung dieselben
    Bedingungen annehmen läßt wie im
    Falle der Griechen. Ich glaube, die Untersuch-
    ung wird ein positives Resultat ergeben;
    (Selbst bei einem so spät entstandenen Epos
    wie dem Nibelungenlied, dessen Hintergrund
    die Kämpfe der Völkerwanderung sind.).
    Die Bedingung, die wir erkennen, ist: ein
    Stück Vorgeschichte, das unmittelbar nachher
    als inhaltsreich, bedeutsam und großartig,
    vielleicht immer als heldenhaft erscheinen
    mußte, das aber so weit zurückliegt,
    so entlegenen Zeiten angehört, daß den
    späteren Geschlechtern nur eine dunkle
    und unvollständige Tradition von ihr Kunde
    gibt. Man hat sich darüber gewundert,
    daß das Epos als Kunstgattung in späteren
    Zeiten erloschen ist. Vielleicht liegt die
    Erklärung darin, daß seine Bedingung
    sich nicht mehr herstellte. Der alte Stoff war
    aufgearbeitet, und für alle späteren Begeb-
    enheiten war die Geschichtsschreibung an die
    Stelle der Tradition getreten. Die größten
    Heldentaten unserer Tage waren nicht
    im Stande, ein Epos zu inspirieren, aber
    schon Alexander der Große hatte ein
    Recht, sich zu beklagen, daß er keinen
    Homer finden werde.

  • S.

    50

        Längstvergangene Zeiten haben eine große, eine
    oft rätselhafte Anziehung für die Phantasie der Menschen.
    So oft son sie mit ihrer Gegenwart unzufrieden
    sind - und das sind sie oft genug -, wenden sie sich
    zur Vergangenheit zurück und hoffen, diesmal
    den nie erloschenen Traum von der glücklichen
    alten Zeit bewahrheiten zu können x). Wahrscheinlich
    stehen sie immer noch unter dem Zauber der
    Erinnerung an die eigene glückliche Kindheit.
    Wenn von der Vergangenheit nur mehr
    die verschwommenen und unvollständigen Er-
    innerung besteht, die wir Tradition heißen, so
    ist das besonders für den Künstler ein
    besonderer Anreiz, sie aufzugreifen, denn
    dann ist es ihm frei geworden, die Lücken
    der Erinnerung nach seinem Bedürfnis aus-
    zufüllen, ihr das Bild der Zeit die er reproduzieren will nach seiner Absicht
    zu gestalten. Über
    die große Bedeutung der Tradition für
    die Dichtung brauchen wir uns also nicht
    zu verwundern. Wie steht es aber damit
    im Falle der Religion? Die Analogie
    mit der Bedingtheit des Epos wird uns
    gewiß der befremdlichen Annahme ge-
    neigter machen, daß es die bei den Juden er-
    haltene Mosestradition war, welche den
    Jahvedienst im Sinne der alten Religion
    verwandelte. Aber die beiden Fälle sind sonst
    zu sehr verschieden, dort eine Dichtung,
    hier eine Religion, und für letztere
    haben wir angenommen, daß sie durch
    den Antrieb der Tradition mit einer
    Treue reproduziert wurde, zu der der Fall
    des Epos natürlich das Gegenstück bringen
    kann. Eine weiter reichende Analogie auf
    einem anderen Gebiet wäre uns
    sehr erwünscht.

    x) So sehr schon Macaulay in den Lays of ancient Rome.
    Er versetzt sich in die Rolle eines Sängers, der über
    wüsten die Parteikämpfe der Gegenwart betrübt,
    seinen Hörern den Opfermut, die Einigkeit
    und den Patriotismus der Alten vorhält.

  • S.

    51

                c) Die Wiederkehr des Verdrängten

        Es gibt nun wirklich eine Menge ähnlicher
    Vorgänge unter denen, die uns die analytische
    Erforschung des Seelenlebens kennen gelehrt
    habt. Einen Teil derselben heißt man pathologisch,
    andere rechnet man in die Mannigfaltigkeit
    der Normalität ein. Aber darauf kommt es wenig
    an, denn die Grenzen zwischen beiden sind nicht
    scharf gezogen, die Mechanismen sind im weiten
    Ausmaß die nämlichen und kommt mehr es ist weit wichtiger,
    darauf, ob die betreffenden Veränderungen
    sich am Ich selbst vollziehen oder ob sie sich
    ihm fremd entgegenstellen, wo sie dann Symptome
    genannt werden. Aus der Fülle des Materials
    hebe ich zunächst Fälle hervor, die sich auf Char-
    akterentwicklung beziehen. Das junge Mädchen
    hat sich in den entschiedensten Gegensatz zu seiner
    Mutter gebracht, alle Eigenschaften gepflegt, die
    sie an der Mutter vermißt, und alles ver-
    mieden, was an die Mutter erinnert. Wir
    dürfen ergänzen, daß sie in früheren Jahren
    wie jedes weibliche Kind eine Identifizierung
    mit der Mutter vorgenommen hatte und sich
    nun energisch gegen diese auflehnt. Wenn
    aber dieses Mädchen heiratet, selbst Frau
    und Mutter wird, dürfen wir nicht erstaunt
    sein zu finden, daß sie anfängt, ihrer befein-
    deten Mutter immer mehr ähnlich zu
    werden, bis sich schließlich die überwundene
    Mutteridentifizierung unverkennbar wieder-
    hergestellt hat. Das gleiche ereignet sich auch
    bei Knaben, und selbst der große Goethe, der
    in seiner Geniezeit den steifen und pedantischen
    Vater gewiß geringgeschätzt hat, entwickelte
    im Alter Züge, die dem Charakterbild des
    Vaters angehörten. Auffälliger kann der
    Erfolg noch werden, wo der Gegensatz zwischen
    beiden Personen schärfer ist. Ein junger Mann,
    dem es zum Schicksal wurde, neben einem
    nichtswürdigen Vater aufzuwachsen, entwickelte
    sich zunächst, ihm zum Trotz, zu einem tüchtigen,
    zuverlässigen und ehrenhaften Menschen. Auf der
    Höhe des Lebens schlug sein Charakter um,
    und er verhielt sich von nun an so, als ob er sich
    diesen selben Vater zum Vorbild genommen
    hätte. Um den Zusammenhang mit unserem

  • S.

    52

    Thema nicht zu verlieren, muß man im Sinne
    behalten, daß zu Anfang eines solchen Ablaufs
    immer eine frühkindliche Identifizierung
    mit dem Vater steht. Diese wird dann verstoßen,
    selbst überkompensiert, und hat sich am Ende
    wieder durchgesetzt.

        Es ist längst Gemeingut geworden, daß die Erleb-
    nisse der ersten fünf Jahre einen bestim-
    menden Einfluß auf das Leben nehmen,
    dem sich nichts Späteres widersetzen kann.
    Über die Art, wie sich diese frühen Eindrücke
    gegen alle Einwirkungen reiferer Lebens-
    zeiten behaupten, wäre viel Wissens-
    wertes zu sagen, das nicht hieher gehört.
    Weniger bekannt dürfte aber sein, daß
    die stärkste zwangsartige Beeinflussung
    von jenen Eindrücken herrührt, die das
    Kind zu einer Zeit treffen, da wir
    seinen psychischen Apparat für noch nicht
    vollkommen aufnahmefähig halten müßen.
    An der Tatsache selbst ist nicht zu zweifeln,
    sie ist so befremdend, daß wir uns ihr
    Verständnis durch den Vergleich mit
    einer photographischen Aufnahme er-
    leichtern, die nach einem beliebigen
    Aufschub entwickelt und in ein Bild
    verwandelt werden mag. Immerhin weist
    man gern darauf hin, daß ein phantasievoller
    Dichter mit der den Poeten gestatteten
    Kühnheit diese unsere unbequeme Entdeckung
    vorweggenommen hat. E.T.A. Hoffmann pflegte
    den Reichtum an Gestalten, die sich ihm für
    seine Dichtungen zur Verfügung stellten,
    auf den Wechsel der Bilder und Eindrücke
    während einer wochenlangen Reise im
    Postwagen zurückzuführen, die er noch als
    Säugling an der Mutterbrust erlebt hatte.
    Was die Kinder im Alter von zwei Jahren er-
    lebt und nicht verstanden haben, brauchen
    sie außer in Träumen nie zu erinnern.
    Erst durch eine psychoanalytische Behandlung kann
    es ihnen bekannt werden, aber es bricht
    zu irgendeiner späteren Zeit mit Zwangs-
    impulsen in ihr Leben ein, dirigiert ihre
    Handlungen, drängt ihnen Sympathien und

  • S.

    53

    Antipathien ist auf, entscheidet oft genug über die
    Liebeswahl, die so häufig rationell nicht zu be-
    gründen ist. Es ist auch nicht zu verkennen, in welchen
    zwei Punkten diese Tatsachen unser Problem
    berühren. Erstens in der Entlegenheit der Zeit, x)
    x) Auch hierin darf ein Dichter das Wort haben. Um
    seine Bindung zu erklären, erfindet er: Du
    warst in abgelebten Zeiten meine Schwester
    oder meine Frau.
    die hier als das eigentlich maßgebende Moment
    erkannt wird, zB. in dem besonderen Zustand
    der Erinnerung, die wir bei diesen Kindheitser-
    lebnissen als „unbewußt” klassifizieren. Wir
    erwarten hierin eine Analogie mit dem
    Zustand zu finden, den wir der Tradition
    im Seelenleben des Volkes zuschreiben
    möchten. Freilich ist es nicht leicht, die Vor-
    stellung des Unbewußten in die Massen-
    psychologie einzutragen.

        Regelmäßige Beiträge zu den von uns gesuchten
    Phänomenen bringen die Mechanismen, die zur
    Neurosenbildung führen. Auch hier fallen die
    maßgebenden Ereignisse in der früheren Kinder-
    zeit vor, aber der Akzent ruht dabei nicht
    auf der Zeit, sondern auf dem Vorgang, der
    dem Ereignis entgegentritt, auf der Reaktion
    gegen dasselbe. In schematischer Darstellung kann
    man sagen: Als Folge des Erlebnißes erhebt
    sich ein Triebanspruch, der nach Befriedig-
    ung verlangt. Das Ich verweigert diese Befried-
    igung, entweder weil es durch die Größe
    des Anspruchs erschreckt wird oder weil
    es in ihm eine Gefahr erkennt. Die erstere
    dieser Begründungen ist die ursprünglichere,
    beide laufen auf die Vermeidung einer
    Gefahrsituation hinaus. Das Ich erwehrt
    sich der Gefahr durch den Prozeß der Ver-
    drängung. Die Triebregung wird irgendwie gehemmt,
    der Anlaß mit den zugehörigen Wahrnehm-
    ungen und Vorstellungen vergessen.
    Damit ist aber der Prozeß nicht abgeschlossen,
    der Trieb hat entweder seine Stärke be-
    halten, oder er sammelt sie wieder, oder
    er wird durch einen neuen Anlaß wieder
    geweckt. Er erneuert dann seinen Anspruch,
    und da ihm der Weg zur normalen Befried-
    igung durch das, was wir die Verdrängungs-
    narbe

  • S.

    54

    nennen können, verschlossen bleibt, bahnt er sich
    irgendwo an einer schwachen Stelle einen
    anderen Weg zu einer sogenannten Ersatz-
    befriedigung, die nun als Symptom zum
    Vorschein kommt, ohne die Einwilligung,
    aber auch ohne das Verständnis des Ichs.
    Alle Phänomene der Symptombildung können
    mit gutem Recht als „Wiederkehr des Ver-
    drängten” beschrieben werden. Ihr auszeichnender
    Charakter ist aber die weitgehende Entstellung,
    die das Wiederkehrende im Vergleich zum
    Ursprünglichen erfahren hat. Vielleicht wird
    man meinen, daß wir uns mit der letzten
    Gruppe von Tatsachen zu weit von der Ähn-
    lichkeit mit der Tradition entfernt haben.
    Aber es soll uns nicht gereuen, wenn wir
    damit in die Nähe der Probleme des
    Triebverzichts gekommen sind.

                d) Die historische Wahrheit

        Wir haben alle diese psychologischen
    Exkurse unternommen, um es uns glaub-
    hafter zu machen, daß die Mosesreligion
    ihre Wirkung auf das jüdische Volk erst
    als Tradition durchgesetzt hat. Mehr als eine
    gewiße Wahrscheinlichkeit haben wir
    wahrscheinlich nicht zustande gebracht. Aber
    nehmen wir an, es sei uns der volle
    Nachweis gelungen; es bliebe doch der Ein-
    druck, daß wir blos dem qualitativen
    Faktor der Anforderung genügt haben,
    nicht auch dem quantitativen. Allem, was
    mit der Entstehung einer Religion, gewiß
    auch der jüdischen, zu tun hat, hängt etwas
    Großartiges an, das durch unsere bisherigen
    Erklärungen nicht gedeckt wird. Es müßte
    noch ein anderes Moment mit betheiligt
    sein, für das es wenig Analogienes und
    nichts Gleichartiges gibt, etwas Einziges und
    etwas von der gleichen Größenordnung
    wie das, was daraus geworden ist, wie
    die Religion selbst.
        Versuchen wir, uns dem Gegenstand von
    der Gegenseite zu nähern. Wir ver-
    stehen, daß der Primitive einen Gott braucht
    als Weltschöpfer, Stammesoberhaupt, persönlichen

  • S.

    55

    Fürsorger. Dieser Gott hat seine Stelle hinter den
    verstorbenen Vätern, von denen die
    Tradition noch etwas zu sagen weiß. Der Mensch
    späterer Zeiten, unserer Zeit, benimmt sich in
    der gleichen Weise. Auch er bleibt infantil
    und schutzbedürftig selbst als Erwachsener; er
    meint, er kann den Anhalt an seinem Gott
    nicht entbehren. Soviel ist unbestritten, aber
    minder leicht es ist zu verstehen, warum es
    nur einen einzigen Gott geben darf, warum
    grade der Fortschritt vom Henotheismus
    zum Monotheismus die überwältigende
    Bedeutung erwirbt. Gewiß nimmt, wie wir
    es ausgeführt haben, der Gläubige Anteil
    an der Größe seines Gottes, und je größer
    der Gott, desto zuverlässiger der Schutz, den
    er spenden kann. Aber die Macht eines
    Gottes hat nicht seine Einzigkeit zur notwen-
    digen Voraussetzung. Viele Völker sahen
    nur eine Verherrlichung ihres Obergottes
    darin, wenn er andere, ihm untergebene
    Gottheiten beherrschte, und und nicht eine
    Verkleinerung seiner Größe, wenn
    andere außer ihm existierten. Auch bedeutete
    es ja ein Opfer an Intimität, wenn
    dieser Gott universell wurde und sich um
    alle Länder und Völker bekümmerte.
    Man teilte gleichsam seinen Gott mit
    den Fremden und mußte sich dafür durch
    den Vorbehalt, daß man von ihm be-
    vorzugt sei, entschädigen. Man kann auch
    noch geltend machen, daß die Vorstellung
    des einzigen Gottes selbst einen Fortschritt
    in der Gegenstan Geistigkeit bedeute, aber
    man kann dies en Punkt schwerlich so hoch unmög-
    lich schätzen.”

        Für diese offenkundige Lücke in der Motivier-
    ung wissen nun die Frommgläubigen
    eine zureichende Ausfüllung. Sie sagen, die
    Idee eines einzigen Gottes hat darum so
    überwältigend auf die Menschen gewirkt,
    weil sie ein Stück der ewigen Wahr-
    heit ist, die lange verhüllt endlich zum
    Vorschein kam und dann alle mit sich
    fortreißen mußte. Wir müssen zugeben,
    ein Moment dieser Art ist endlich der
    Größe Dimensionen des Gegenstands wie des Erfolgs
    angemessen.

  • S.

    56

        Auch wir möchten diese Lösung annehmen.
    Aber wir stoßen auf ein Bedenken. Das fromme
    Argument ruht auf einer optimistisch-ideal-
    istischen Voraussetzung. Es hat sich sonst nicht
    feststellen lassen, daß der menschliche Intellekt
    eine besonders feine Witterung für die
    Wahrheit besitzt und daß das menschliche
    Seelenleben eine besondere Geneigtheit
    zeigt, die Wahrheit anzuerkennen. Wir haben
    eher im Gegenteil erfahren, daß unser Intellekt
    sehr leicht ohne alle Warnung irre geht und
    daß nichts leichter von uns geglaubt wird, als was,
    ohne Rücksicht auf die Wahrheit, unseren Wunsch-
    illusionen entgegenkommt. Darum müßen
    wir unserer Zustimmung eine Einschränkung
    anfügen. Wir glauben auch, daß die Lösung der
    Frommen die Wahrheit enthält, aber nicht die
    materielle, sondern die historische Wahrheit.
    Und wir nehmen uns das Recht, eine gewisse
    Entstellung zu korrigieren, welche diese Wahr-
    heit bei ihrer Wiederkehr erfahren hat. Das
    heißt, wir glauben nicht, daß es einen einzigen
    großen Gott heute gibt, sondern daß es
    in Urzeiten eine einzige Person gegeben
    hat, die damals übergroß erscheinen mußte
    und die heute dann zur Gottheit erhöht in der
    Erinnerung der Menschen wiedergekehrt
    ist.

        Wir hatten angenommen, daß die Moses-
    Religion zunächst verworfen und halb ver-
    gessen wurde und dann als Tradition
    zum Durchbruch kam. Wir nehmen jetzt
    an, daß dieser Vorgang sich damals zum
    zweiten Mal wiederholte. Als Moses
    dem Volk die Idee des einzigen Gottes brachte,
    war sie nichts Neues, sondern sie bedeutete
    die Wiederbelebung eines Erlebnißes
    aus den Urzeiten der menschlichen Familie,
    das dem bewußten Gedächtnis der Menschen
    längst entschwunden war. Aber es war
    so wichtig gewesen, hatte so tief einschneid-
    ende Veränderungen im Leben der
    Menschen erzeugt oder angebahnt, daß
    man nicht umhin kann zu glauben, es habe irgend
    welche dauernden Spuren, einer Tradition
    vergleichbar, in der menschlichen Seele hinterlassen.

  • S.

    57

    Wir haben aus den Psychoanalysen von Einzelpersonen
    erfahren, daß ihre frühesten Eindrücke, zu einer
    Zeit aufgenommen, da das Kind noch kaum
    sprachfähig war, irgend einmal Wirkungen
    von Zwangscharakter äußern, ohne selbst be-
    wußt erinnert zu werden. Wir halten uns
    berechtigt, dasselbe von den frühesten Erleb-
    nißen der ganzen Menschheit anzunehmen.
    Eine dieser Wirkungen wäre das Auftauchen
    der Idee eines einzigen großen Gottes, die
    man als zwar entstellte, aber durchaus berech-
    tigte Erinnerung anerkennen muß. Eine
    solche Idee hat Zwangscharakter, sie muß
    Glauben finden. Soweit ihre Entstellung
    reicht, darf man sie als Wahn bezeichnen,
    insofern sie die Wiederkehr des Vergangenen
    bringt, muß man sie Wahrheit heißen. Auch
    der psychiatrische Wahn enthält ein Stückchen
    Wahrheit, und die Überzeugung des
    Kranken greift von dieser Wahrheit aus
    auf die wahnhafte Umhüllung über.

        Im Jahre 1912 habe ich in „Totem und Tabu” ver-
    sucht, die alte Situation, von der solche Wir-
    kungen ausgingen, zu rekonstruieren. Ich habe
    mich dabei gewisser theoretischer Gedanken
    von Ch. Darwin, Atkinson, besonders aber
    von W. Robertson Smith bedient und sie mit
    Funden und Andeutungen aus der Psycho-
    analyse kombiniert. Von Darwin entlehnte
    ich die Hypothese, daß die Menschen ur-
    sprünglich in Horden/kleinen lebten,
    eine jede unter der Gewaltherrschaft eines
    älteren Männchens, das sich alle Weibchen
    aneignete und die jungen Männer, auch
    seine Söhne, züchtigte oder beseitigte. Von
    Atkinson in Fortsetzung dieser Schilderung,
    daß dies patriarchalische System sein Ende
    fand in einer Empörung der Söhne, die
    sich gegen den Vater vereinigten, ihn
    überwältigten und gemeinsam verzehrten.
    Im Anschluß an die Totemtheorie von
    Robertson Smith nahm ich dann an, daß
    nachher die Vaterhorde dem totemistischen
    Brüderklan Platz machte. Um mit einander

  • S.

    58

    in Frieden leben zu können, verzichteten die
    siegreichen Brüder auf die Frauen, derentwegen
    sie doch den Vater erschlagen hatten, und
    legten sich Exogamie auf. Die väterliche
    Macht war gebrochen, die Familien nach Mutter-
    recht eingerichtet. Die ambivalente Gefühls-
    einstellung der Söhne gegen den Vater
    blieb über die ganze weitere Entwicklung
    in Kraft. An Stelle des Vaters wurde ein
    bestimmtes Thier als Totem eingesetzt; es galt
    als Ahnherr und Schutzgeist, durfte nicht
    geschädigt oder getötet werden, aber ein-
    mal im Jahr fand sich die ganze Männer-
    gemeinschaft zu einem Festmal zusammen,
    bei dem das sonst verehrte Totemthier
    in Stücke gerißen und gemeinsam ver-
    zehrt wurde. Niemand durfte sich von diesem
    Male ausschließen, es war die feierliche
    Wiederholung der Vatertötung, mit der
    die soziale Ordnung, Sittengesetze und Religion
    ihren Anfang genommen hatten. Die Über-
    einstimmung der Robertson Smith'schen Totem-
    malzeit mit dem christlichen Abendmal
    ist manchen Autoren vor mir aufgefallen.

        Ich halte an diesem Aufbau noch heute fest.
    Ich habe wiederholt heftige Vorwürfe zu hören
    bekommen, daß ich in späteren Auflagen
    des Buches meine Meinungen nicht abge-
    ändert habe, nachdem doch neuere Ethnologen
    die Aufstellungen von Robertson Smith
    einmütig verworfen und zum Teil ganz
    verschiedene, andere Theorien vorgebracht
    haben. Ich habe zu entgegnen, daß mir diese
    angeblichen Fortschritte wol bekannt sind.
    Aber ich bin niweder von der Richtigkeit
    dieser Neuerungen noch von den Irr-
    tümern Robertson Smith's überzeugt
    worden. Ein Widerspruch ist noch keine
    Widerlegung, eine Neuerung nicht
    notwendig ein Fortschritt. Vor allem
    aber, ich bin nicht Ethnologe, sondern Psycho-
    analytiker. Ich hatte das Recht, aus der
    ethnologischen Literatur herauszugreifen,
    was ich für die analytische Arbeit brauchen
    konnte. Die Arbeiten von des genialen Robertson
    Smith haben mir wertvolle Berührungen

  • S.

    59

    und Anknüpfungen ergeben, die mit dem psycho-
    logischen Material der Analyse gut zusammen-
    trafen. paßten. Keinen seiner Gegner
    traf ich je auf meinen Wegen. und
    Anknüpfungen für dessen Verwertung gegeben.
    Mit seinen Gegnern traf ich nie zusammen.

                e) Die geschichtliche Entwicklung

        Ich kann den Inhalt von Totem und Tabu hier
    nicht ausführlicher wiederholen, aber ich muß
    für die Ausfüllung der langen Strecke
    zwischen jener angenommenen Urzeit und
    dem Sieg des Monotheismus in hhistorischen
    Zeiten sorgen. Nachdem das Ensemble von
    Brüderklan, Mutterrecht, Exogamie und
    Totemismus eingerichtet war, setzte eine Ent-
    wicklung ein, die als langsame „Wiederkehr
    des Verdrängten” zu beschreiben ist. Den
    Terminus „das Verdrängte” gebrauchen wir
    hier im uneigentlichen Sinn. Es handelt
    sich um etwas Vergangenes, Verschollenes,
    Überwundenes im Völkerleben, das wir
    dem Verdrängten im Seelenleben des
    Einzelnen gleichzustellen wagen. In welcher
    psychologischen Gestalt dies Vergangene wäh-
    rend der Zeit seiner Verdunkelung
    vorhanden war, wissen wir zunächst nicht zu
    sagen. Es ist uns noch nicht gelungen, die
    Begriffe der Einzelpsychologie auf die Psycho-
    logie der Massen zu übertragen, und
    ich glaube nicht, daß wir etwas erreichen,
    wenn wir den Begriff eines kollektiven
    Unbewußten einführen. Der Inhalt des
    Unbewußten ist ja überhaupt kollektiv,
    allgemeiner Besitz der Menschen. Wir be-
    helfen uns also vorläufig mit dem Gebrauch
    von Analogien. Die Vorgänge, die wir hier
    im Völkerleben studieren, sind den uns
    aus der Psychopathologie bekannten sehr
    ähnlich, aber doch nicht ganz die nämlichen.
    Am meisten Wahrscheinlichkeit hat die
    Annahme, daß die psychischen Niederschläge
    jener Urzeiten Erbgut geworden waren,
    in jeder neuen Generation nur der Er-
    weckung, nicht der Erwerbung bedürftig.
    Wir denken hierbei an das Beispiel der
    sicherlich „mitgeborenen” Symbolik, die
    aus der Zeit der Sprachentwicklung stammt,
    allen Kindern vertraut ist, ohne daß
    sie eine Unterweisung erhalten hätten,

  • S.

    60

    und die bei allen Völkern trotz der Verschieden-
    heit der Sprachen gleich lautet. Sie stammt

        Die Wiederkehr des Verdrängten vollzieht
    sich langsam, gewiß nicht spontan, sondern unter dem Einfluß all
    der Änderungen in den Lebensbedingungen,
    welche die Kulturgeschichte
    der Menschen erfüllen. Ich kann hier weder
    eine Übersicht dieser Abhängigkeiten noch
    eine mehr als lückenhafte Aufzählung der
    Etappen dieser Wiederkehr geben. Der Vater
    wird wiederum das Oberhaupt der Familie,
    längst nicht so unbeschränkt, wie der Vater der
    Urhorde gewesen war. Das Totemthier weicht
    dem Gotte in noch sehr deutlichen Übergängen.
    Zunächst trägt der menschengestaltige Gott noch
    den Kopf des Thieres, später verwandelt er
    sich mit Vorliebe in dies bestimmte Thier,
    dann wird dies Thier ihm heilig und sein
    Lieblingsbegleiter, oder er hat das Thier getötet
    und trägt selbst den Beinamen danach. Zwischen
    dem Totemthier und dem Gotte taucht der
    Heros auf, häufig als Vorstufe der Vergottung.
    Die Idee einer höchsten Gottheit scheint sich
    frühzeitig einzustellen, zunächst nur schatten-
    haft, ohne Einmengung in die täglichen Inter-
    essen des Menschen. Mit dem Zusammen-
    schluß der Stämme und Völker zu größeren
    Einheiten organisieren sich auch die Götter
    zu Familien, zu Hierarchien. Einer unter
    ihnen wird häufig zum Oberherrn über
    Götter und Menschen erhöht. Zögernd ge-
    schieht dann der weitere Schritt, nur
    einem Gott Verehrung zu zollen, und
    endlich erfolgt die Entscheidung, einem
    einzigen Gott alle Macht einzuräumen
    und keine anderen Götter neben ihm
    zu dulden. Erst damit war die Herrlichkeit
    des Urhordenvaters wiederhergestellt, und
    die ihm geltenden Affekte konnten wieder-
    holt werden.

        Die erste Wirkung des Zusammentreffens
    mit dem so lange Vermißten und Ersehnten
    war überwältigend und so, wie die Tradition von
    der Gesetzgebung vom Berge Sinai sie be-
    schreibt. Bewunderung, Ehrfurcht und Dankbarkeit

  • S.

    61

    dafür, daß man Gnade gefunden in seinen
    Augen - die Moses-Religion kennt keine als diese positiven Gefühle gegen
    anderen als diese positiven Gefühle gegen
    den Vatergott. Die Überzeugung von seiner
    Unwiderstehlichkeit, die Unterwerfung unter
    seinen Willen können bei dem hilflosen,
    eingeschüchterten Sohn des Hordenvaters nicht
    unbedingter gewesen sein, ja, sie werden erst
    durch die Versetzung in das primitive
    und infantile Milieu erst voll begreiflich.
    Kindliche Gefühlsregungen sind in ganz anderem
    Ausmaß als die Erwachsener intensiv und
    unausschöpfbar tief, nur die religiöse Extase
    kann das wiederbringen. So ist ein Rausch
    der Gottesergebenheit die nächste Reaktion
    auf die Wiederkehr des großen Vaters.

        Die Richtung dieser Vaterreligion war
    damit für alle Zeiten festgelegt, doch war ihre
    Entwicklung damit nicht abgeschlossen. Zum
    Wesen des Vaterverhältnißes gehört die
    Ambivalenz; es konnte nicht ausbleiben,
    daß sich im Laufe der Zeiten auch jene Feind-
    seligkeit regen wollte, die einst die
    Söhne angetrieben, den bewunderten und
    gefürchteten Vater zu töten. Im Rahmen
    der Moses-Religion war für den direkten
    Ausdruck des mörderischen Vaterhaßes
    kein Raum; nur eine mächtige Reaktion
    auf ihn konnte zum Vorschein kommen,
    das Schuldbewußtsein
    wegen dieser Feindseligkeit, das schlechte Gewissen, man habe sich
    gegen Gott versündigt und höre nicht auf
    zu sündigen. Dieses Schuldbewußtsein, das
    von den Propheten ohne Unterlaß wach
    gehalten wurde, das bald einen integrierenden
    Inhalt des religiösen Systems bildete,
    hatte noch eine andere, oberflächliche,
    Motivierung, die seine wirkliche Herkunft
    geschickt maskierte. Es ging dem Volke
    schlecht, die auf Gottes Gunst gesetzten Hoff-
    nungen wollten sich nicht erfüllen,
    es war nicht leicht, an der über alles geliebten
    Illusion festzuhalten, daß man Gottes aus-
    erwähltes Volk sei. Wollte man auf dieses
    Glück nicht verzichten, so bot sich das Schuld-
    gefühl als willkommene Erklärung ob der

  • S.

    62

    eigenen Sündhaftigkeit eine willkommene
    Entschuldung Gottes. Man verdiente nichts Besseres,
    als von ihm bestraft zu werden, weil man
    seine Gebote nicht hielt, und im Bedürfnis,
    dieses Schuldgefühl, das unersättlich war und
    aus soviel tieferer Quelle kam, zu befrie-
    digen, mußte man diese Gebote immer
    strenger, peinlicher und auch kleinlicher werden
    lassen. In einem neuen Rausch moralischer
    Askese legte man sich immer neue Trieb-
    verzichte auf und erreichte dabei wenigstens
    in Lehre und Vorschrift ethische Höhen,
    die den anderen alten Völkern un-
    zugänglich geblieben waren. In dieser Höher-
    entwicklung erblicken viele Juden den
    zweiten Hauptcharakter und die zweite
    große Leistung ihrer Religion. Aus unseren
    Erörterungen soll hervorgehen, wie sie mit
    der ersteren, der Idee des einzigen Gottes,
    zusammenhängt. Diese Ethik kann aber ihren
    Ursprung aus dem Schuldbewußtsein über
    wegen der unterdrückten Gottesfeindschaft nicht ver-
    leugnen. Sie hat den unabgeschlossenen
    und unabschließbaren Charakter zwangs-
    neurotischer Reaktionsbildungen; man errät
    auch, daß sie den geheimen Absichten der
    Bestrafung dient. 18)

        Die weitere Entwicklung geht über das Judentum
    hinaus. Das übrige, was von der Urvatertragödie
    wiederkehrte, war mit der Mosesreligion
    in keiner Art mehr vereinbar. Das Schuldbe-
    wußtsein jener Zeit war längst nicht mehr auf das
    jüdische Volk beschränkt, es hatte als ein
    dumpfes Unbehagen, als eine Unheilsahnung,
    deren Grund niemand anzugeben wußte,
    alle Mittelmeervölker ergriffen. Die Ge-
    schichtsschreibung unserer Tage spricht von
    einem Altern der antiken Kultur; ich
    vermute, sie hat nur Gelegenheitsursachen
    und Beihilfen zu jener Völkerverstimmung
    erfaßt. Die Klärung der bedrückten Situation
    ging vom Judentum aus. Ungeachtet aller
    Annäherungen und Vorbereitungen ringsum
    war es doch ein jüdischer Mann Saulus
    aus Tarsus, der sich als römischer Bürger
    Paulus nannte, in dessen Geist zuerst
    die Erkenntnis durchbrach: „Wir sind

  • S.

    63

    so unglücklich, weil wir Gottvater getötet
    haben.“ Und es ist überaus verständlich, daß er
    dies Stück Wahrheit nicht anders erfassen
    konnte als in der wahnhaften Einkleidung
    der frohen Botschaft: „Wir sind von aller Schuld
    erlöst, seitdem einer von uns sein Leben geopfert
    hat, um uns zu entsühnen.“ In dieser Formul-
    ierung war die Tötung Gottes natürlich nicht er-
    wähnt, aber ein Verbrechen, das durch einen
    Opfertod gesühnt werden mußte, konnte nur
    ein Mord gewesen sein. Und die Vermitt-
    lung zwischen dem Wahn und der historischen
    Wahrheit stellte die Versicherung her, daß
    das Opfer Gottes Sohn gewesen sei. Mit der
    Kraft, die ihm aus der Quelle historischer Wahr-
    heit zufloß, warf dieser neue Glaube alle
    Hindernisse nieder; an die Stelle der beseel-
    igenden Auserwähltheit trat nun die befrei-
    ende Erlösung. 19) Aber die Tatsache der Vatertötung
    hatte bei ihrer Rückkehr in die Erinnerung
    der Menschheit größere Widerstände zu
    überwinden als die andere, die den Inhalt
    des Monotheismus ausgemacht hatte; sie mußte
    sich auch eine stärkere Entstellung gefallen
    lassen. Das unnennbare Verbrechen wurde
    ersetzt durch die Annahme einer eigentlich
    schattenhaften Erbsünde.

        Erbsünde und Erlösung durch den Opfertod wurden
    die Grundpfeiler der neuen, durch Paulus
    begründeten Religion. Ob es in der Brüder-
    schar, die sich gegen den Urvater empörte,
    wirklich einen Anführer und Anstifter
    der Mordtat gegeben hat oder ob diese
    Gestalt von der Phantasie der Dichter zur
    Heroisierung der eigenen Person später
    geschaffen und in die Tradition eingefügt
    wurde, muß dahingestellt bleiben. Nachdem
    die christliche Lehre den Rahmen des Juden-
    tums gesprengt hatte, nahm sie Bestandteile
    aus vielen anderen Quellen auf, verzichtete
    auf manche Züge des reinen Monotheismus,
    schmiegte sich in vielen Einzelheiten dem
    Rituale der übrigen Mittelmeervölker an.
    Es war, als ob neuerdings Ägypten Rache
    nähme an den Erben des Ikhnaton.
    Beachtenswert ist, in welcher Weise die
    neue Religion sich mit der alten Ambi-

  • S.

    64

    valenz im Vaterverhältnis auseinandersetzte.
    Ihr Hauptinhalt war zwar die Versöhnung
    mit Gottvater, die Sühne des an ihm be-
    gangenen Verbrechens, aber die andere
    Seite der Gefühlsbeziehung zeigte sich darin,
    daß der Sohn, der die Sühne auf sich genommen,
    selbst Gott wurde neben dem Vater und
    eigentlich an Stelle des Vaters. Aus einer
    Vaterreligion hervorgegangen, wurde das
    Christentum eine Sohnesreligion. Dem
    Verhängnis, den Vater beseitigen zu
    müssen, ist es nicht entgangen.

        Nur ein Teil des jüdischen Volkes nahm die
    neue Lehre an. Jene, die sich dessen verweig-
    erten, heißen noch heute Juden. Sie sind
    durch diese Scheidung noch schärfer von
    den anderen abgesondert als vorher. Sie
    mußten von der neuen Religionsgemein-
    schaft, die außer Juden Ägypter, Griechen,
    Syrer, Römer und endlich auch Germanen
    aufgenommen hat, den Vorwurf hören,
    daß sie Gott gemordet haben. Unverkürzt
    würde dieser Vorwurf lauten: Sie wollen
    es nicht wahrhaben, daß sie Gott gemordet
    haben, während wir es zugeben und uns
    von dieser Schuld gereinigt haben worden sind. Man
    sieht dann leicht ein, wieviel Wahrheit
    hinter diesem Vorwurf steckt. Warum
    es den Juden unmöglich gewesen ist, den
    Fortschritt mitzumachen, den das Bekenntnis
    zum Gottesmord bei aller Entstellung enthielt,
    wäre Gegenstand einer besonderen Unter-
    suchung. Sie haben damit gewissermaßen
    eine tragische Schuld auf sich geladen; man
    hat sie dafür schwer büßen lassen.

        Unsere Untersuchung hat vielleicht einiges
    Licht auf die Frage geworfen, wie das jüdische
    Volk die Eigenschaften erworben hat, die
    es kennzeichnen. Weniger Aufklärung fand
    das Problem, wieso sie sich bis auf den heutigen
    Tag als Individualität erhalten konnten.
    Aber erschöpfende Beantwortungen solcher Rätsel
    wird man billigerweise weder verlangen
    noch erwarten dürfen. Ein Beitrag, nach den
    eingangs erwähnten Einschränkungen zu beur-
    teilen, ist alles, was ich bieten kann.