S.
S.
S.
9
Einem Volkstum den Mann abzusprechen,
den es als den größten unter seinen Söh-
nen rühmt, ist nichts, was man gern oder
leichthin unternehmen wird, zumal wenn man
selbst diesem Volke angehört. Aber man wird
sich durch kein Beispiel bewegen lassen, die
Wahrheit zugunsten vermeintlicher nationaler
Interessen zurückzusetzen, und man darf ja
auch von der Klärung eines Sachverhalts einen
Gewinn für unsere Einsicht erwarten.
Der Mann Moses, der dem jüdischen Volke Be-
freier, Gesetzgeber und Religionsstifter war, ge-
hört so entlegenen Zeiten an, dass man die Vor-
frage nicht umgehen kann, ob er eine histori-
sche Persönlichkeit oder eine Schöpfung der Sa-
ge ist. Wenn er gelebt hat, so war es im 13., viel-
leicht aber im 14. Jahrhundert vor unserer Zeit-
rechnung; wir haben keine andere Kunde von
ihm als aus den heiligen Büchern und den
schriftlich niedergelegten Traditionen der Ju-
den. Wenn darum auch die Entscheidung der
letzten Sicherheit entbehrt, so hat sich doch die
überwiegende Mehrheit der Historiker dafürS.
10
I. Moses ein Ägypter
ausgesprochen, daß Moses wirklich gelebt und
der an ihn geknüpfte Auszug aus Ägypten in
der Tat stattgefunden hat. Man behauptet mit
gutem Recht, daß die spätere Geschichte des
Volkes Israel unverständlich wäre, wenn man
diese Voraussetzung nicht zugeben würde. Die
heutige Wissenschaft ist ja überhaupt vorsichti-
ger geworden und verfährt weit schonungsvol-
ler mit Überlieferungen als in den Anfangszei-
ten der historischen Kritik.Das Erste, das an der Person Moses’ unser Inter-
esse anzieht, ist der Name, der im Hebräischen
Mosche lautet. Man darf fragen: woher stammt
er? was bedeutet er? Bekanntlich bringt schon
der Bericht in Exodus, Kap. 2 eine Antwort.
Dort wird erzählt, daß die ägyptische Prinzes-
sin, die das im Nil ausgesetzte Knäblein gerettet,
ihm diesen Namen gegeben mit der etymologi-
schen Begründung: denn ich habe ihn aus dem
Wasser gezogen. Allein diese Erklärung ist of-
fenbar unzulänglich. „Die biblische Deutung
des Namens ‚Der aus dem Wasser Gezogene‘“,
urteilt ein Autor im „Jüdischen Lexikon“1), „ist
Volksetymologie, mit der schon die aktive he-
bräische Form (,Mosche‘ kann höchstens ‚der
Herauszieher‘ heißen) nicht in Einklang zu
bringen ist.“ Man kann diese Ablehnung mit1)Jüdisches Lexikon, begründet von Herlitz und Kirschner, Bd. IV, 1930, Jüdischer Verlag, Berlin.
S.
II
I. Moses ein Ägypter
zwei weiteren Gründen unterstützen, erstens,
dass es unsinnig ist, einer ägyptischen Pinzessin
eine Ableitung des Namens aus dem Hebräi-
schen zuzuschreiben, und zweitens, dass das
Wasser, aus dem das Kind gezogen wurde,
höchstwahrscheinlich nicht das Wasser des Nils
war.Hingegen ist seit langem und von verschiedenen
Seiten die Vermutung ausgesprochen worden,
dass der Name Moses aus dem ägyptischen
Sprachschatz herrührt. Anstatt alle Autoren an-
zuführen, die sich in diesem Sinn geäussert ha-
ben, will ich die entsprechende Stelle aus einem
neueren Buch von J. H. Breasted übersetzt ein-
schalten,1) einem Autor, dessen „History of
Egypt“ (1906) als massgebend geschätzt wird.„Es ist bemerkenswert, dass sein (dieses Führers)
Name, Moses, ägyptisch war. Es ist einfach das
ägyptische Wort ‚mose‘, das ‚Kind‘ bedeutet,
und ist die Abkürzung von volleren Namens-
formen wie z. B. Amen-mose, das heisst Amon-
Kind, oder Ptah-mose, Ptah-Kind, welche Na-
men selbst wieder Abkürzungen der längeren
Sätze sind: Amon (hat geschenkt ein) Kind oder
Ptah (hat geschenkt ein) Kind. Der Name ‚Kind‘
wurde bald ein bequemer Ersatz für den weit-
läufigen vollen Namen und die Namensform
‚Mose‘ findet sich auf ägyptischen Denkmälern1)The Dawn of Conscience, London 1934, p. 350.
S.
12
I. Moses ein Ägypter
nicht selten vor. Der Vater des Moses hatte sei
nem Sohn sicherlich einen mit Ptah oder Amon
zusammengesetzten Namen gegeben, und der
Gottesname fiel im täglichen Leben nach und
nach aus, bis der Knabe einfach ‚Mose‘ gerufen
wurde. (Das ‚s‘ am Ende des Namens Moses
stammt aus der griechischen Übersetzung des
alten Testaments. Es gehört auch nicht dem He-
bräischen an, wo der Name ‚Mosche‘ lautet.)“
Ich habe die Stelle wörtlich wiedergegeben und
bin keineswegs bereit, die Verantwortung für
ihre Einzelheiten zu teilen. Ich verwundere mich
auch ein wenig, dass Breasted in seiner Aufzäh-
lung grade die analogen theophoren Namen
übergangen hat, die sich in der Liste der ägypti-
schen Könige vorfinden, wie Ah-mose, Thut-
mose (Tothmes) und Ra-mose (Ramses).
Nun sollte man erwarten, dass irgendeiner der
Vielen, die den Namen Moses als ägyptisch er-
kannt haben, auch den Schluss gezogen oder
wenigstens die Möglichkeit erwogen hätte, dass
der Träger des ägyptischen Namens selbst ein
Ägypter gewesen sei. Für moderne Zeiten ge-
statten wir uns solche Schlüsse ohne Bedenken,
obwohl gegenwärtig eine Person nicht einen Na-
men führt, sondern zwei, Familiennamen und
Vornamen, und obwohl Namensänderungen
und Angleichungen unter neueren Bedingungen
nicht ausgeschlossen sind. Wir sind dann keines-S.
13
I. Moses ein Ägypter
wegs überrascht, bestätigt zu finden, dass der
Dichter Chamisso französischer Abkunft ist,
Napoleon Bonaparte dagegen italienischer, und
dass Benjamin Disraeli wirklich ein italienischer
Jude ist, wie sein Name erwarten lässt. Und für
alte und frühe Zeiten, sollte man meinen, müss-
te ein solcher Schluss vom Namen auf die Volks-
zugehörigkeit noch weit zuverlässiger sein und
eigentlich zwingend erscheinen. Dennoch hat
meines Wissens im Falle Moses’ kein Historiker
diesen Schluss gezogen, auch keiner von denen,
die, wie gerade wieder Breasted, bereit sind an-
zunehmen, dass Moses „mit aller Weisheit der
Ägypter“ vertraut war.1)2)Was da im Wege stand, ist nicht sicher zu erra-
ten. Vielleicht war der Respekt vor der bibli-
schen Tradition unüberwindlich. Vielleicht er-
schien die Vorstellung zu ungeheuerlich, dass
der Mann Moses etwas anderes als ein Hebräer
gewesen sein sollte. Jedenfalls stellt sich heraus,
dass die Anerkennung des ägyptischen Namens
nicht als entscheidend für die Beurteilung der
Abkunft Moses’ betrachtet, dass nichts weiter
aus ihr gefolgert wird. Hält man die Frage nach
der Nationalität dieses grossen Mannes für be-1)I. c., p. 334.
2)Obwohl die Vermutung, dass Moses Ägypter war,
von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart häufig ge-
nug ohne Berufung auf den Namen geäussert wurde.S.
14
I. Moses ein Ägypter
deutsam, so wäre es wohl wünschenswert, neues
Material zu deren Beantwortung vorzubringen.
Dies unternimmt meine kleine Abhandlung. Ihr
Anspruch auf einen Platz in der Zeitschrift
„Imago“ gründet sich darauf, dass ihr Beitrag
eine Anwendung der Psychoanalyse zum Inhalt
hat. Das so gewonnene Argument wird gewiss
nur auf jene Minderheit von Lesern Eindruck
machen, die mit analytischem Denken vertraut
ist und dessen Ergebnisse zu schätzen weiss. Ih-
nen aber wird es hoffentlich bedeutsam schei-
nen.Im Jahre 1909 hat O. Rank, damals noch unter
meinem Einfluss, auf meine Anregung eine
Schrift veröffentlicht, die betitelt ist „Der My-
thus von der Geburt des Helden“. 1) Sie behan-
delt die Tatsache, dass „fast alle bedeutenden
Kulturvölker… frühzeitig ihre Helden, sagen-
haften Könige und Fürsten, Religionsstifter, Dy-
nastie-, Reichs- und Städtegründer, kurz ihre
Nationalheroen in Dichtungen und Sagen ver-
herrlicht“ haben. „Besonders haben sie die Ge-
burts- und Jugendgeschichte dieser Personen
mit phantastischen Zügen ausgestattet, deren
verblüffende Ähnlichkeit, ja teilweise wörtliche1)Fünftes Heft der „Schriften zur angewandten Seelen-
kunde“, Fr. Deuticke, Wien. Es liegt mir ferne, den
Wert der selbständigen Beiträge Ranks zu dieser Arbeit
zu verkleinern.S.
15
I. Moses ein Ägypter
Übereinstimmung bei verschiedenen, mitunter
weit getrennten und völlig unabhängigen Völ-
kern längst bekannt und vielen Forschern auf-
gefallen ist.“ Konstruiert man nach dem Vor-
gang von Rank, etwa in Galtonscher Technik,
eine „Durchschnittssage“, welche die wesentli-
chen Züge all dieser Geschichten heraushebt, so
erhält man folgendes Bild:
„Der Held ist das Kind vornehmster Eltern,
meist ein Königssohn.
Seiner Entstehung gehen Schwierigkeiten vor-
aus, wie Enthaltsamkeit oder lange Unfrucht-
barkeit oder heimlicher Verkehr der Eltern in-
folge äußerer Verbote oder Hindernisse. Wäh-
rend der Schwangerschaft oder schon früher er-
folgt eine vor seiner Geburt warnende Verkün-
digung (Traum, Orakel), die meist dem Vater
Gefahr droht.
Infolgedessen wird das neugeborene Kind meist
auf Veranlassung des Vaters oder der ihn ver-
tretenden Person zur Tötung oder Aussetzung
bestimmt; in der Regel wird es in einem Käst-
chen dem Wasser übergeben.
Es wird dann von Tieren oder geringen Leuten
(Hirten) gerettet und von einem weiblichen Tie-
re oder einem geringen Weibe gesäugt.
Herangewachsen, findet es auf einem sehr wech-
selvollen Wege die vornehmen Eltern wieder,
rächt sich am Vater einerseits, wird anerkanntS.
16
anderseits und gelangt zu Größe und Ruhm.“
Die älteste der historischen Personen, an welche
dieser Geburtsmythos geknüpft wurde, ist Sar-
gon von Agade, der Gründer von Babylon (um
2800 v. Chr.). Es ist grade für uns nicht ohne
Interesse, den ihm selbst zugeschriebenen Be-
richt hier wiederzugeben:„Sargon, der mächtige König, König von
Agade bin ich. Meine Mutter war eine Vestalin,
meinen Vater kannte ich nicht, während der
Bruder meines Vaters das Gebirge bewohnte. In
meiner Stadt Azupirani, welche am Ufer des
Euphrats gelegen ist, wurde mit mir schwanger
die Mutter, die Vestalin. Im Verborgenen gebar
sie mich. Sie legte mich in ein Gefäß von Schilf-
rohr, verschloss mit Erdpech meine Türe und
liess mich nieder in den Strom, welcher mich
nicht ertränkte. Der Strom führte mich zu Ak-
ki, dem Wasserschöpfer. Akki, der Wasser-
schöpfer, in der Güte seines Herzens hob er mich
heraus. Akki, der Wasserschöpfer, als seinen
eigenen Sohn zog er mich auf. Akki, der Was-
serschöpfer, zu seinem Gärtner machte er mich.
In meinem Gärtneramt gewann Istar mich lieb.
Ich wurde König und 45 Jahre übte ich die Kö-
nigshe Herrschaft aus.“Die uns vertrautesten Namen in der mit Sargon
von Agade beginnenden Reihe sind Moses, Ky-
ros und Romulus. Außerdem aber hat RankS.
17
I. Moses ein Ägypter
eine grosse Anzahl von der Dichtung oder der
Sage angehörigen Heldengestalten zusammen
gestellt, denen dieselbe Jugendgeschichte, ent-
weder in ihrer Gänze oder in gut kenntlichen
Teilstücken, nachgesagt wird, als: Ödipus, Kar-
na, Paris, Telephos, Perseus, Herakles, Gilga-
mesch, Amphion und Zethos u. a.
Quelle und Tendenz dieses Mythus sind uns
durch die Untersuchungen von Rank bekannt
gemacht worden. Ich brauche mich nur mit
knappen Andeutungen darauf zu beziehen. Ein
Held ist, wer sich mutig gegen seinen Vater er-
hoben und ihn am Ende siegreich überwunden
hat. Unser Mythus verfolgt diesen Kampf bis in
die Urzeit des Individuums, indem er das Kind
gegen den Willen des Vaters geboren und gegen
seine böse Absicht gerettet werden lässt. Die
Aussetzung im Kästchen ist eine unverkennbare
symbolische Darstellung der Geburt, das Käst-
chen der Mutterleib, das Wasser das Geburts-
wasser. In ungezählten Träumen wird das El-
tern-Kind-Verhältnis durch aus dem Wasser
Ziehen oder aus dem Wasser Retten dargestellt.
Wenn die Volksphantasie an eine hervorragen-
de Persönlichkeit den hier behandelten Geburts-
mythus heftet, so will sie den Betreffenden hie-
durch als Helden anerkennen, verkünden, dass
er das Schema eines Heldenlebens erfüllt hat.
Die Quelle der ganzen Dichtung ist aber der so-
S.
18
genannte „Familienroman“ des Kindes, in dem
der Sohn auf die Veränderung seiner Gefühls-
beziehung zu den Eltern, insbesondere zum Va-
ter, reagiert. Die ersten Kinderjahre werden von
einer grossartigen Überschätzung des Vaters be-
herrscht, der entsprechend König und Königin
in Traum und Märchen immer nur die Eltern
bedeuten, während später unter dem Einfluss
von Rivalität und realer Enttäuschung die Ab-
lösung von den Eltern und die kritische Einstel-
lung gegen den Vater einsetzt. Die beiden Fami-
lien des Mythos, die vornehme wie die niedrige,
sind demnach beide Spiegelungen der eigenen
Familie, wie sie dem Kind in aufeinander fol-
genden Lebenszeiten erscheinen.Man darf behaupten, dass durch diese Aufklä-
rungen sowohl die Verbreitung wie die Gleich-
artigkeit des Mythos von der Geburt des Helden
voll verständlich werden. Umsomehr verdient
es unser Interesse, dass die Geburts- und Aus-
setzungssage von Moses eine Sonderstellung ein-
nimmt, ja, in einem wesentlichen Punkt den an-
deren widerspricht.Wir gehen von den zwei Familien aus, zwischen
denen die Sage das Schicksal des Kindes spielen
lässt. Wir wissen, dass sie in der analytischen
Deutung zusammenfallen, sich nur zeitlich von
einander sondern. In der typischen Form der
Sage ist die erste Familie, in die das Kind gebo-S.
19
I. Moses ein Ägypter
ren wird, die vornehme, meist ein königliches
Milieu; die zweite, in der das Kind auf
wächst, die geringe oder erniedrigte, wie es übrigens den
Verhältnissen, auf welche die Deutung zurück-
geht, entspricht. Nur in der Ödipussage ist die
ser Unterschied verwischt. Das aus der einen
Königsfamilie ausgesetzte Kind wird von einem
anderen Königspaar aufgenommen. Man sagt
sich, es ist kaum ein Zufall, wenn gerade in die-
sem Beispiel die ursprüngliche Identität der bei-
den Familien auch in der Sage durchschimmert.
Der soziale Kontrast der beiden Familien eröff-
net dem Mythos, der, wie wir wissen, die Hel-
dennatur des grossen Mannes betonen soll, eine
zweite Funktion, die besonders für historische
Persönlichkeiten bedeutungsvoll wird. Er kann
auch dazu verwendet werden, dem Helden ei-
nen Adelsbrief zu schaffen, ihn sozial zu erhö-
hen. So ist Kyros für die Meder ein fremder Er-
oberer, auf dem Wege der Aussetzungssage wird
er zum Enkel des Mederkönigs. Ähnlich bei Ro-
mulus; wenn eine ihm entsprechende Person ge-
lebt hat, so war es ein hergelaufener Abenteurer,
ein Emporkömmling; durch die Sage wird er
Abkomme und Erbe des Königshauses von Alba
Longa.Ganz anders ist es im Falle des Moses. Hier ist
die erste Familie, sonst die vornehme, bescheiden
genug. Er ist das Kind jüdischer Leviten. DieS.
20
zweite aber, die niedrige Familie, in der sonst
der Held aufwächst, ist durch das Königshaus
von Ägypten ersetzt; die Prinzessin zieht ihn als
ihren eigenen Sohn auf. Diese Abweichung vom
Typus hat auf Viele befremdend gewirkt. Ed.
Meyer, und andere nach ihm, haben angenom-
men, die Sage habe ursprünglich anders gelau-
tet: Der Pharao sei durch einen prophetischen
Traum1) gewarnt worden, dass ein Sohn seiner
Tochter ihm und dem Reiche Gefahr bringen
werde. Er lässt darum das Kind nach seiner Ge-
burt im Nil aussetzen. Aber es wird von jüdi-
schen Leuten gerettet und als ihr Kind aufgezo-
gen. Zufolge von „nationalen Motiven“, wie
Rank es ausdrückt,2) habe die Sage eine Umar-
beitung in die uns bekannte Form erfahren.
Aber die nächste Überlegung lehrt, dass eine
solche ursprüngliche Mosessage, die nicht mehr
von den anderen abweicht, nicht bestanden ha-
ben kann. Denn die Sage ist entweder ägypti-
schen oder jüdischen Ursprungs. Der erste Fall
schliesst sich aus; Ägypter hatten kein Motiv,
Moses zu verherrlichen, er war kein Held für
sie. Also sollte die Sage im jüdischen Volk ge-
schaffen, d. h. in ihrer bekannten Form an die
Person des Führers geknüpft worden sein. Al-
lein dazu war sie ganz ungeeignet, denn was1)Auch im Bericht von Flavius Josephus erwähnt.
2)l. c., p. 80, Anmerkung.
S.
21
I. Moses ein Ägypter
sollte dem Volke eine Sage fruchten, die seinen
grossen Mann zu einem Volksfremden machte?
In der Form, in der die Mosessage uns heute vor-
liegt, bleibt sie in bemerkenswerter Weise hinter-
ihren geheimen Absichten zurück. Wenn Moses
kein Königssprosse ist, so kann ihn die Sage
nicht zum Helden stempeln; wenn er ein Juden-
kind bleibt, hat sie nichts zu seiner Erhöhung
getan. Nur ein Stückchen des ganzen Mythus
bleibt wirksam, die Versicherung, dass das Kind
starken äusseren Gewalten zum Trotz sich er-
halten hat, und diesen Zug hat denn auch die
Kindheitsgeschichte Jesu wiederholt, in der Kö-
nig Herodes die Rolle des Pharao übernimmt.
Es steht uns dann wirklich frei, anzunehmen,
dass irgend ein später, ungeschickter Bearbeiter
des Sagenstoffes sich veranlasst fand, etwas der
klassischen, den Helden auszeichnenden, Aus-
setzungssage Ähnliches bei seinem Helden Mo-
ses unterzubringen, was wegen der besonderen
Verhältnisse des Falles zu ihm nicht passen-
konnte.Mit diesem unbefriedigenden und überdies un-
sicheren Ergebnis müsste sich unsere Untersu-
chung begnügen und hätte auch nichts zur Be-
antwortung der Frage geleistet, ob Moses ein
Ägypter war. Aber es gibt zur Würdigung der
Aussetzungssage noch einen anderen, vielleicht
hoffnungsvolleren Zugang.S.
I. Moses ein Ägypter
Wir kehren zu den zwei Familien des Mythos
zurück. Wir wissen, auf dem Niveau der analy-
tischen Deutung sind sie identisch, auf mythi-
schem Niveau unterscheiden sie sich als die vor-
nehme und die niedrige. Wenn es sich aber um
eine historische Person handelt, an die der My-
thus geknüpft ist, dann gibt es ein drittes Ni-
veau, das der Realität. Die eine Familie ist die
reale, in der die Person, der grosse Mann, wirk-
lich geboren wurde und aufgewachsen ist; die
andere ist fiktiv, vom Mythos in der Verfolgung
seiner Absichten erdichtet. In der Regel fällt die
reale Familie mit der niedrigen, die erdichtete
mit der vornehmen zusammen. Im Falle Moses
schien irgendetwas anders zu liegen. Und nun
führt vielleicht der neue Gesichtspunkt zur Klä-
rung, dass die erste Familie, die, aus der das
Kind ausgesetzt wird, in allen Fällen, die sich
verwerten lassen, die erfundene ist, die spätere
aber, in der es aufgenommen wird und auf-
wächst, die wirkliche. Haben wir den Mut, die-
sen Satz als eine Allgemeinheit anzuerkennen,
der wir auch die Mosessage unterwerfen, so er-
kennen wir mit einem Male klar: Moses ist ein
– wahrscheinlich vornehmer – Ägypter, der
durch die Sage zum Juden gemacht werden soll.
Und das wäre unser Resultat! Die Aussetzung
im Wasser war an ihrer richtigen Stelle; um sich
der neuen Tendenz zu fügen, musste ihre Ab-22
S.
23
I. Moses ein Ägypter
sicht, nicht ohne Gewaltsamkeit, um-
werden; aus einer Preisgabe wurde sie zum Mit-
tel der Rettung.Die Abweichung der Mosessage von allen ande-
ren ihrer Art konnte aber auf eine Besonderheit
der Mosesgeschichte zurückgeführt werden.
Während sonst ein Held sich im Laufe seines
Lebens über seine niedrigen Anfänge erhebt, be-
gann das Heldenleben des Mannes Moses damit,
dass er von seiner Höhe herabstieg, sich herab-
liess zu den Kindern Israels.Wir haben diese kleine Untersuchung in der Er-
wartung unternommen, aus ihr ein zweites, neu-
es Argument für die Vermutung zu gewinnen,
dass Moses ein Ägypter war. Wir haben gehört,
dass das erste Argument, das aus dem Namen,
auf Viele keinen entscheidenden Eindruck ge-
macht hat.1) Man muss darauf vorbereitet sein,
dass das neue Argument, aus der Analyse der
Aussetzungssage, kein besseres Glück haben
wird. Die Einwendungen werden wohl lauten,
dass die Verhältnisse der Bildung und Umgestal-
tung der Mosessage zu berücksichtigen sind.1)So sagt z. B. Ed. Meyer: Die Mosessagen und die Le-
viten, Berliner Sitzber. 1905: „Der Name Mose ist wahr-
scheinlich, der Name Pinchas in dem Priestergeschlecht
von Silo… zweifellos ägyptisch. Das beweist natürlich
nicht, dass diese Geschlechter ägyptischen Ursprungs
waren, wohl aber, dass sie Beziehungen zu Ägypten hat-
ten“ (p. 651). Man kann freilich fragen, an welche Art
von Beziehungen man dabei denken soll.S.
24
tung von Sagen doch zu undurchsichtig sind, um
einen Schluss wie den unsrigen zu rechtfertigen,
und dass die Traditionen über die Heldenge-
stalt Moses in ihrer Verworrenheit, ihren Wi-
dersprüchen, mit den unverkennbaren Anzei-
chen von jahrhundertelang fortgesetzter ten-
denziöser Umarbeitung und Überlagerung alle
Bemühungen vereiteln müssen, den Kern von
historischer Wahrheit dahinter ans Licht zu
bringen. Ich selbst teile diese ablehnende Ein-
stellung nicht, aber ich bin auch nicht imstande,
sie zurückzuweisen.Wenn nicht mehr Sicherheit zu erreichen war,
warum habe ich diese Untersuchung überhaupt
zur Kenntnis der Öffentlichkeit gebracht? Ich
bedauere es, dass auch meine Rechtfertigung nicht
über Andeutungen hinausgehen kann. Lässt man
sich nämlich von den beiden hier angeführten
Argumenten fortreissen und versucht, Ernst zu
machen mit der Annahme, dass Moses ein vor-
nehmer Ägypter war, so ergeben sich sehr inter-
essante und weitreichende Perspektiven. Mit
Hilfe gewisser, nicht weit abliegender Annah-
men glaubt man die Motive zu verstehen, die
Moses bei seinem ungewöhnlichen Schritt gelei-
tet haben, und in engem Zusammenhang damit
erfasst man die mögliche Begründung von zahl-
reichen Charakteren und Besonderheiten der
Gesetzgebung und der Religion, die er dem Vol-S.
25
ke der Juden gegeben hat, und wird selbst zu be
deutsamen Ansichten über die Entstehung der
monotheistischen Religionen im allgemeinen an
geregt. Allein Aufschlüsse so wichtiger Art kann
man nicht allein auf psychologische Wahrschein-
lichkeiten gründen. Wenn man das Ägyptertum
Moses’ als den einen historischen Anhalt gelten
lässt, so bedarf man zum mindesten noch eines
zweiten festen Punktes, um die Fülle der auf
tauchenden Möglichkeiten gegen die Kritik zu
schützen, sie seien Erzeugnis der Phantasie und
zu weit von der Wirklichkeit entfernt. Ein ob-
jektiver Nachweis, in welche Zeit das Leben Mo-
ses’ und damit der Auszug aus Ägypten fällt,
hätte etwa dem Bedürfnis genügt. Aber ein sol-
cher fand sich nicht, und darum soll die Mittei-
lung aller weiteren Schlüsse aus der Einsicht,
dass Moses ein Ägypter war, besser unterbleiben.S.
¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿¿
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