• S.

    III

    MOSES, SEIN VOLK, UND DIE
    MONOTHEISTISCHE RELIGION

  • S.

    97

    ERSTER TEIL

    VORBEMERKUNG I

    Vor dem März 1938

    Mit der Verwegenheit dessen, der nichts
    oder wenig zu verlieren hat, gehe ich
    daran, einen gut begründeten Vorsatz
    zum zweiten Mal zu brechen und den beiden
    Abhandlungen über Moses in Imago (Bd. XXIII,
    Heft 1 und 3) das zurückgehaltene Endstück
    nachzuschicken. Ich schloss mit der Versiche-
    rung, ich wisse, dass meine Kräfte dazu nicht
    ausreichen würden, meinte natürlich die Ab-
    schwächung der schöpferischen Fähigkeiten, die
    mit dem hohen Alter einhergeht,1) aber ich
    dachte auch an ein anderes Hemmnis.

    1)Ich teile nicht die Ansicht meines Altersgenossen,
    Bernard Shaw, dass die Menschen erst dann etwas Rech-
    tes leisten würden, wenn sie 300 Jahre alt werden könn-
    ten. Mit der Verlängerung der Lebensdauer wäre nichts
    erreicht, es müsste denn vieles andere an den Lebens-
    bedingungen vom Grunde aus geändert werden.

  • S.

    98

    III. Vorbemerkungen

    Wir leben in einer besonders merkwürdigen
    Zeit. Wir finden mit Erstaunen, dass der Fort-
    schritt ein Bündnis mit der Barbarei geschlossen
    hat. In Sowjetrussland hat man es unternom-
    men, etwa 100 Millionen in der Unterdrückung
    festgehaltener Menschen zu besseren Lebensfor-
    men zu erheben. Man war verwegen genug,
    ihnen das „Rauschgift“ der Religion zu entzie-
    hen, und so weise, ihnen ein verständiges Mass
    von sexueller Freiheit zu geben, aber dabei un-
    terwarf man sie dem grausamsten Zwang und
    raubte ihnen jede Möglichkeit der Denkfreiheit.
    Mit ähnlicher Gewalttätigkeit wird das italie-
    nische Volk zu Ordnung und Pflichtgefühl er-
    zogen. Man empfindet es als Erleichterung von
    einer bedrückenden Sorge, wenn man im Fall
    des deutschen Volkes sieht, dass der Rückfall in
    nahezu vorgeschichtliche Barbarei auch ohne
    Anlehnung an irgendeine fortschrittliche Idee
    vor sich gehen kann. Immerhin hat es sich so ge-
    staltet, dass heute die konservativen Demokra-
    tien die Hüter des kulturellen Fortschritts ge-
    worden sind und dass sonderbarerweise gerade
    die Institution der katholischen Kirche der Aus-
    breitung jener kulturellen Gefahr eine kräftige
    Abwehr entgegensetzt. Sie, bisher die unerbitt-
    liche Feindin der Denkfreiheit und des Fort-
    schritts zur Erkenntnis der Wahrheit!

  • S.

    99

    III. Vorbemerkungen

    Wir leben hier in einem katholischen Land unter
    dem Schutz dieser Kirche, unsicher, wie lange er
    vorhalten wird. Solange er aber besteht, haben
    wir natürlich Bedenken, etwas zu tun, was die
    Feindschaft der Kirche erwecken muss. Es ist
    nicht Feigheit, sondern Vorsicht; der neue Feind,
    dem zu Dienst zu sein wir uns hüten wollen, ist
    gefährlicher als der alte, mit dem uns zu vertragen
    wir bereits gelernt haben. Die psychoanalytische
    Forschung, die wir pflegen, ist ohnedies der
    Gegenstand misstrauischer Aufmerksamkeit von
    seiten des Katholizismus. Wir werden nicht be-
    haupten, es sei so mit Unrecht. Wenn unsere Ar-
    beit uns zu einem Ergebnis führt, das die Reli-
    gion auf eine Menschheitsneurose reduziert und
    ihre grossartige Macht in der gleichen Weise auf-
    klärt wie den neurotischen Zwang bei den ein-
    zelnen unserer Patienten, so sind wir sicher, den
    stärksten Unwillen der bei uns herrschenden
    Mächte auf uns zu ziehen. Nicht, dass wir etwas
    zu sagen hätten, was neu wäre, was wir nicht
    schon vor einem Vierteljahrhundert deutlich ge-
    nug gesagt haben, aber das ist seither vergessen
    worden, und es kann nicht wirkungslos bleiben,
    wenn wir es heute wiederholen und an einem für
    alle Religionsstiftungen massgebenden Beispiel
    erläutern. Es würde wahrscheinlich dazu füh-
    ren, dass uns die Betätigung in der Psychoanaly-
    se verboten wird. Jene gewalttätigen Methoden

  • S.

    100

    III. Vorbemerkungen

    der Unterdrückung sind der Kirche ja keines-
    wegs fremd, sie empfindet es vielmehr als Ein-
    bruch in ihre Vorrechte, wenn auch andere sich
    ihrer bedienen. Die Psychoanalyse aber, die im
    Laufe meines langen Lebens überallhin gekom-
    men ist, hat noch immer kein Heim, das wert-
    voller für sie wäre als eben die Stadt, wo sie ge-
    boren und herangewachsen ist.

    Ich glaube es nicht nur, ich weiss es, dass ich
    mich durch dies andere Hindernis, durch die
    äussere Gefahr, abhalten lassen werde, den
    letzten Teil meiner Studie über Moses zu ver-
    öffentlichen. Ich habe noch einen Versuch ge-
    macht, mir die Schwierigkeit aus dem Weg zu
    räumen, indem ich mir sagte, der Angst liege
    eine Überschätzung meiner persönlichen Bedeu-
    tung zu Grunde. Wahrscheinlich werde es den
    massgebenden Stellen recht gleichgültig sein, was
    ich über Moses und den Ursprung der monothe-
    istischen Religionen schreiben wolle. Aber ich
    fühle mich da nicht sicher im Urteil. Viel eher
    erscheint es mir möglich, dass Bosheit und Sen-
    sationslust das wettmachen werden, was mir im
    Urteil der Mitwelt an Geltung fehlt. Ich werde
    diese Arbeit also nicht bekannt machen, aber
    das braucht mich nicht abzuhalten, sie zu schrei-
    ben. Besonders da ich sie schon einmal, vor jetzt
    zwei Jahren, niedergeschrieben habe, so dass ich

  • S.

    101

    III. Vorbemerkungen

    sie bloss umzuarbeiten und an die beiden voraus
    geschickten Aufsätze anzufügen habe. Sie mag
    dann in der Verborgenheit aufbewahrt bleiben,
    bis einmal die Zeit kommt, wann sie sich gefahr
    los ans Licht wagen darf, oder bis man einem,
    der sich zu denselben Schlüssen und Meinungen
    bekennt, sagen kann, es war schon einmal in
    dunkleren Zeiten jemand da, der sich das näm
    liche wie du gedacht hat.

    VORBEMERKUNG II

    Im Juni 1938

    Die ganz besonderen Schwierigkeiten, die mich
    während der Abfassung dieser an die Person des
    Moses anknüpfenden Studie belastet haben –
    innere Bedenken sowie äussere Abhaltungen –
    bringen es mit sich, dass dieser dritte, abschlies
    sende Aufsatz von zwei verschiedenen Vorre
    den eingeleitet wird, die einander widerspre
    chen, ja einander aufheben. Denn in dem kurzen
    Zeitraum zwischen beiden haben sich die äusse
    ren Verhältnisse des Schreibers gründlich geän
    dert. Ich lebte damals unter dem Schutz der ka
    tholischen Kirche und stand unter der Angst,
    dass ich durch meine Publikation diesen Schutz
    verlieren und ein Arbeitsverbot für die Anhän
     

  • S.

    102

    ger und Schüler der Psychoanalyse in Österreich
    heraufbeschwören würde. Und dann kam plötz-
    lich die deutsche Invasion; der Katholizismus
    erwies sich, mit biblischen Worten zu reden, als
    ein „schwankes Rohr“. In der Gewissheit, jetzt
    nicht nur meiner Denkweise, sondern auch mei-
    ner „Rasse“ wegen verfolgt zu werden, verliess
    ich mit vielen Freunden die Stadt, die mir von
    früher Kindheit an, durch 78 Jahre, Heimat ge-
    wesen war.

    Ich fand die freundlichste Aufnahme in dem
    schönen, freien, grossherzigen England. Hier
    lebe ich nun, ein gern gesehener Gast, atme auf,
    dass jener Druck von mir genommen ist und
    dass ich wieder reden und schreiben – bald
    hätte ich gesagt: denken darf, wie ich will oder
    muss. Ich wage es, das letzte Stück meiner Ar-
    beit vor die Öffentlichkeit zu bringen.

    Keine äußeren Abhaltungen mehr oder wenig-
    stens keine solchen, vor denen man zurück-
    schrecken darf. Ich habe in den wenigen Wo-
    chen meines Aufenthalts hier eine Unzahl von
    Begrüßungen erhalten von Freunden, die sich
    meiner Anwesenheit freuten, von Unbekannten,
    ja Unbeteiligten, die nur ihrer Befriedigung dar-
    über Ausdruck geben wollten, dass ich hier Frei-
    heit und Sicherheit gefunden habe. Und dazu
    kamen, in einer für den Fremden überraschen-

  • S.

    103

    III. Vorbemerkungen

    den Häufigkeit, Zuschriften anderer Art, die
    sich um mein Seelenheil bemühten, die mir die
    Wege Christi weisen und mich über die Zukunft
    Israels aufklären wollten.

    Die guten Leute, die so schrieben, können nicht
    viel von mir gewusst haben; aber ich erwarte,
    wenn diese Arbeit über Moses durch eine Über-
    setzung unter meinen neuen Volksgenossen be-
    kannt wird, werde ich auch bei einer Anzahl
    von anderen genug von den Sympathien einbü-
    sen, die sie mir jetzt entgegenbringen.

    An den inneren Schwierigkeiten konnten politi-
    scher Umschwung und Wechsel des Wohnorts
    nichts verändern. Nach wie vor fühle ich mich
    unsicher angesichts meiner eigenen Arbeit, ver-
    misse ich das Bewusstsein der Einheit und Zu-
    sammengehörigkeit, das zwischen dem Autor und
    seinem Werk bestehen soll. Nicht etwa, dass es
    mir an der Überzeugung von der Richtigkeit des
    Ergebnisses mangeln sollte. Diese habe ich mir
    schon vor einem Vierteljahrhundert erworben,
    als ich das Buch über „Totem und Tabu“ schrieb,
    1912, und sie hat sich seither nur verstärkt. Ich
    habe seit damals nicht mehr bezweifelt, dass die
    religiösen Phänomene nur nach dem Muster der
    uns vertrauten neurotischen Symptome des In-
    dividuum zu verstehen sind, als Wiederkehren
    von längst vergessenen, bedeutsamen Vorgän-
    gen in der Urgeschichte der menschlichen Fami-
    lie.

  • S.

    104

    lie, dass sie ihren zwanghaften Charakter eben
    diesem Ursprung verdanken und also kraft
    ihres Gehalts an historischer Wahrheit auf die
    Menschen wirken. Meine Unsicherheit setzt erst
    ein, wenn ich mich frage, ob es mir gelungen ist,
    diese Sätze für das hier gewählte Beispiel des jü-
    dischen Monotheismus zu erweisen. Meiner Kri-
    tik erscheint diese vom Manne Moses ausgehen-
    de Arbeit wie eine Tänzerin, die auf einer Ze-
    henspitze balanciert. Wenn ich mich nicht auf
    die eine analytische Deutung des Aussetzungs-
    mythos stützen und von da aus zur Sellinschen
    Vermutung über den Ausgang des Moses über-
    greifen könnte, hätte das Ganze ungeschrieben
    bleiben müssen. Immerhin sei es jetzt gewagt.

  • S.

    105

    Ich beginne damit, die Ergebnisse meiner
    zweiten, der rein historischen Studie über
    Moses zu resümieren. Sie werden hier keiner
    neuerlichen Kritik unterzogen werden, denn
    sie bilden die Voraussetzung der psychologi-
    schen Erörterungen, die von ihnen ausgehen
    und immer wieder auf sie zurückkommen.

    A

    Die historische Voraussetzung

    Der historische Hintergrund der Ereignisse, die
    unser Interesse gefesselt haben, ist also folgen-
    der: Durch die Eroberungen der 18ten Dyna-
    stie ist Ägypten ein Weltreich geworden. Der
    neue Imperialismus spiegelt sich wider in der
    Entwicklung der religiösen Vorstellungen, wenn
    nicht des ganzen Volkes, so doch der herrschen-
    den und geistig regsamen Oberschicht desselben.
    Unter dem Einfluss der Priester des Sonnengot-
    tes zu On (Heliopolis), vielleicht verstärkt durch
    Anregungen von Asien her, erhebt sich die Idee
    eines universellen Gottes Aton, an dem die Ein-
    schränkung auf ein Land und ein Volk nicht
    mehr haftet. Mit dem jungen Amenhotep IV.

  • S.

    106

    III. Moses, sein Volk,

    kommt ein Pharao zur Herrschaft, der kein hö-
    heres Interesse kennt als die Entwicklung dieser
    Gottesidee. Er erhebt die Atonreligion zur Staats-
    religion, durch ihn wird der universelle Gott der
    Einzige Gott; alles, was man von anderen Göt-
    tern erzählt, ist Trug und Lüge. Mit grossartiger
    Unerbittlichkeit widersteht er allen Versuchun-
    gen des magischen Denkens, verwirft er die be-
    sonders dem Ägypter so teure Illusion eines Le-
    bens nach dem Tode. In einer erstaunlichen Ah-
    nung späterer wissenschaftlicher Einsicht er-
    kennt er in der Energie der Sonnenstrahlung die
    Quelle alles Lebens auf der Erde und verehrt sie
    als das Symbol der Macht seines Gottes. Er
    rühmt sich seiner Freude an der Schöpfung und
    seines Lebens in Maat (Wahrheit und Gerech-
    tigkeit).
    Es ist der erste und vielleicht reinste Fall einer
    monotheistischen Religion in der Menschheits-
    geschichte; ein tieferer Einblick in die histori-
    schen und psychologischen Bedingungen seiner
    Entstehung wäre von unschätzbarem Wert.
    Aber es ist dafür gesorgt worden, dass nicht all-
    zuviel Nachrichten über die Atonreligion auf
    uns kommen sollten. Schon unter den schwäch-
    lichen Nachfolgern Ikhnatons brach alles zu-
    sammen, was er geschaffen hatte. Die Rache der
    von ihm unterdrückten Priesterschaften wütete
    nun gegen sein Andenken, die Atonreligion wur-
    de

  • S.

    107

    und die monotheistische Religion

    de abgeschafft, die Residenz des als Frevler ge-
    brandmarkten Pharao zerstört und geplündert.
    Um 1350 v. Chr. erlosch die 18te Dynastie;
    nach einer Zeit der Anarchie stellte der Feldherr
    Haremhab, der bis 1315 regierte, die Ordnung
    wieder her. Die Reform Ikhnatons schien eine
    zum Vergessenwerden bestimmte Episode.

    Soweit, was historisch festgestellt ist, und nun
    setzt unsere hypothetische Fortsetzung ein. Un-
    ter den Personen, die Ikhnaton nahestanden,
    befand sich ein Mann, der vielleicht Thothmes
    hiess, wie damals viele andere,1) – es kommt
    auf den Namen nicht viel an, nur dass sein
    zweiter Bestandteil -mose sein musste. Er war in
    hoher Stellung, überzeugter Anhänger der Aton-
    religion, aber im Gegensatz zum grüblerischen
    König energisch und leidenschaftlich. Für die
    sen Mann bedeuteten der Ausgang Ikhnatons
    und die Abschaffung seiner Religion das Ende
    all seiner Erwartungen. Nur als ein Geächteter
    oder als ein Abtrünniger konnte er in Ägypten
    leben bleiben. Er war vielleicht als Statthalter
    der Grenzprovinz in Berührung mit einem se-
    mitischen Volksstamm gekommen, der dort vor
    einigen Generationen eingewandert war. In der
    Not der Enttäuschung und Vereinsamung wand-

    1)so hiess z. B. auch der Bildhauer, dessen Werkstätte
    in Tell-el-Amarna gefunden wurde.

  • S.

    108

    te er sich diesen Fremden zu, suchte bei ihnen
    die Entschädigung für seine Verluste. Er wählte
    sie zu seinem Volke, versuchte seine Ideale an
    ihnen zu realisieren. Nachdem er, begleitet von
    seinen Gefolgsleuten, mit ihnen Ägypten verlas-
    sen hatte, heiligte er sie durch das Zeichen der
    Beschneidung, gab ihnen Gesetze, führte sie in
    die Lehren der Atonreligion ein, die die Ägyp-
    ter eben abgeworfen hatten. Vielleicht waren
    die Vorschriften, die dieser Mann Moses seinen
    Juden gab, noch schroffer als die seines Herrn
    und Lehrers Ikhnaton, vielleicht gab er auch die
    Anlehnung an den Sonnengott von On auf, an
    der dieser noch festgehalten hatte.

    Für den Auszug aus Ägypten müssen wir die
    Zeit des Interregnums nach 1350 ansetzen. Die
    nächsten Zeiträume bis zum Vollzug der Besitz-
    ergreifung im Lande Kanaan sind besonders un-
    durchsichtig. Aus dem Dunkel, das der bibli-
    sche Bericht hier gelassen oder vielmehr geschaf-
    fen hat, konnte die Geschichtsforschung unserer
    Tage zwei Tatsachen herausgreifen. Die erste,
    von E. Sellin aufgedeckt, ist, dass die Juden,
    selbst nach der Aussage der Bibel störrisch und
    widerspenstig gegen ihren Gesetzgeber und
    Führer, sich eines Tages gegen ihn empörten, ihn
    erschlugen und die ihnen aufgedrängte Religion
    des Aton abwarfen wie früher die Ägypter. Die

  • S.

    109

    und die monotheistische Religion

    andere, von Ed. Meyer erwiesene, dass diese aus
    Ägypten zurückgekehrten Juden sich später mit
    anderen, ihnen nah verwandten Stämmen im
    Landgebiet zwischen Palästina, der Sinaihalb-
    insel und Arabien vereinigten und dass sie dort
    in einer wasserreichen Örtlichkeit Quadeš unter
    dem Einfluss der arabischen Midianiter eine
    neue Religion, die Verehrung des Vulkangottes
    Jahve, annahmen. Bald darauf waren sie bereit,
    als Eroberer in Kanaan einzubrechen.

    Die zeitlichen Beziehungen dieser beiden Ereig-
    nisse zu einander und zum Auszug aus Ägypten
    sind sehr unsicher. Den nächsten historischen
    Anhaltspunkt gibt eine Stele des Pharao Merne-
    ptah (bis 1215), die im Bericht über Kriegszüge
    in Syrien und Palästina „Israel“ unter den Be-
    siegten anführt. Nimmt man das Datum dieser
    Stele als einen terminus ad quem, so bleibt für
    den ganzen Ablauf vom Auszug an etwa ein
    Jahrhundert (nach 1350 bis vor 1215). Es ist
    aber möglich, dass der Name Israel sich noch
    nicht auf die Stämme bezieht, deren Schicksale
    wir verfolgen, und dass uns in Wirklichkeit ein
    längerer Zeitraum zur Verfügung steht. Die Nie-
    derlassung des späteren jüdischen Volkes in Ka-
    naan war gewiss keine rasch ablaufende Erobe-
    rung, sondern ein Vorgang, der sich in Schüben
    vollzog und über längere Zeiten erstreckte. Ma-

  • S.

    110

    III. Moses, sein Volk

    chen wir uns von der Einschränkung durch die
    Merneptahstele frei, so können wir um so leichter
    ein Menschenalter (30 Jahre) als die Zeit des
    Moses ansehen,1) dann mindestens zwei Genera-
    tionen, wahrscheinlich aber mehr, bis zur Ver-
    einigung in Quadeš vergehen lassen;2) das Inter-
    vall zwischen Quadeš und dem Aufbruch nach
    Kanaan braucht nur kurz zu sein; die jüdische
    Tradition hatte, wie in der vorigen Abhandlung
    gezeigt, gute Gründe, das Intervall zwischen
    Auszug und Religionsstiftung in Quadeš zu ver-
    kürzen; das Umgekehrte liegt im Interesse unse-
    rer Darstellung.

    Aber das ist alles noch Historie, Versuch, die
    Lücken unserer Geschichtskenntnis auszufüllen,
    zum Teil Wiederholung aus der zweiten Ab-
    handlung in Imago. Unser Interesse folgt den
    Schicksalen des Moses und seiner Lehren, denen
    die Empörung der Juden nur scheinbar ein Ende
    gesetzt hatte. Aus dem Bericht des Jahvisten, der
    um das Jahr 1000 niedergeschrieben wurde,
    aber sich gewiss auf frühere Fixierungen stützte,
    haben wir erkannt, dass mit der Vereinigung
    und Religionsstiftung in Quadeš ein Kompro-
    miss einherging, an dem beide Anteile noch gut

    1)Dies würde der 40 jährigen Wüstenwanderung des
    biblischen Textes entsprechen.

    2)Also etwa 1350 (40) – 1320 (10) Moses, 1260 oder
    eher später Quadeš, die Merneptahstele vor 1215.

    110

  • S.

    III

    und die monotheistische Religion

    zu unterscheiden sind. Dem einen Partner lag
    nur daran, die Neuheit und Fremdheit des Got-
    tes Jahve zu verleugnen und seinen Anspruch
    auf die Ergebenheit des Volkes zu steigern, der
    andere wollte ihm teure Erinnerungen an die
    Befreiung aus Ägypten und an die grossartige
    Gestalt des Führers Moses nicht preisgeben, und
    es gelang ihm auch, die Tatsache wie den Mann
    in der neuen Darstellung der Vorgeschichte un-
    terzubringen, wenigstens das äussere Zeichen der
    Mosesreligion, die Beschneidung, zu erhalten
    und vielleicht gewisse Einschränkungen im Ge-
    brauch des neuen Gottesnamens durchzusetzen.
    Wir haben gesagt, die Vertreter dieser Ansprü-
    che waren die Nachkommen der Mosesleute, die
    Leviten, nur durch wenige Generationen von
    den Zeit- und Volksgenossen des Moses entfernt
    und noch durch lebendige Erinnerung an sein
    Andenken gebunden. Die poetisch ausge-
    schmückten Darstellungen, die wir dem Jahvi-
    sten und seinem späteren Konkurrenten, dem
    Elohisten, zuschreiben, waren wie die Grabbau-
    ten, unter denen die wahre Kunde von jenen
    frühen Dingen, von der Natur der mosaischen
    Religion und von der gewaltsamen Beseitigung
    des grossen Mannes, dem Wissen der späteren
    Generationen entzogen, gleichsam ihre ewige
    Ruhe finden sollte. Und wenn wir den Vorgang
    richtig erraten haben, so ist auch weiter nichts

  • S.

    112

    III. Moses, sein Volk

    Rätselhaftes an ihm; er könnte aber sehr wohl
    das definitive Ende der Mosesepisode in der Ge-
    schichte des jüdischen Volkes bedeutet haben.
    Das Merkwürdige ist nun, dass dem nicht so ist,
    dass die stärksten Wirkungen jenes Erlebnisses
    des Volkes erst später zum Vorschein kommen,
    sich im Laufe vieler Jahrhunderte allmählich in
    die Wirklichkeit drängen sollten. Es ist nicht
    wahrscheinlich, dass Jahve sich im Charakter
    viel von den Göttern der umwohnenden Völker
    und Stämme unterschied; er rang zwar mit ih-
    nen, wie die Völker selbst mit einander stritten,
    aber man darf annehmen, dass es einem Jahve-
    verehrer jener Zeiten ebensowenig in den Sinn
    kam, die Existenz der Götter von Kanaan, Mo-
    ab, Amalek usw. zu leugnen wie die Existenz
    der Völker, die an sie glaubten.
    Die monotheistische Idee, die mit Ikhnaton auf-
    geblitzt war, war wieder verdunkelt und sollte
    noch lange Zeit im Dunkel bleiben. Funde auf
    der Insel Elephantine, dicht vor dem ersten Ka-
    tarakt des Nils, haben die überraschende Kunde
    ergeben, dass dort eine seit Jahrhunderten an-
    gesiedelte jüdische Militärkolonie bestand, in de-
    ren Tempel neben dem Hauptgott Jahu zwei
    weibliche Gottheiten verehrt wurden, die eine
    Anat-Jahu genannt. Diese Juden waren aller-
    dings vom Mutterlande abgeschnitten, hatten
    die religiöse Entwicklung daselbst nicht mitge-

  • S.

    113

    macht; die persische Reichsregierung (5tes Jahr-
    hundert) übermittelte ihnen die Kenntnis der
    neuen Kulturvorschriften von Jerusalem.1) Zu
    älteren Zeiten zurückkehrend, dürfen wir sa-
    gen, dass Gott Jahve gewiss keine Ähnlichkeit
    mit dem mosaischen Gott hatte. Aton war Pa-
    zifist gewesen wie sein Vertreter auf Erden,
    eigentlich sein Vorbild, der Pharao Ikhnaton,
    der untätig zusah, wie das von seinen Ahnen ge-
    wonnene Weltreich auseinanderfiel. Für ein
    Volk, das sich zur gewaltsamen Besitzergrei-
    fung neuer Wohnsitze anschickte, war Jahve si-
    cherlich besser geeignet. Und alles, was am mo-
    saischen Gott verehrungswürdig war, entzog
    sich überhaupt dem Verständnis der primitiven
    Masse.

    Ich habe schon gesagt – und mich dabei gern
    auf die Übereinstimmung mit anderen berufen
    –, die zentrale Tatsache der jüdischen Religi-
    onsentwicklung sei gewesen, dass der Gott Jahve
    im Laufe der Zeiten seine eigenen Charaktere
    verlor und immer mehr Ähnlichkeit mit dem al-
    ten Gotte Moses’, dem Aton, gewann. Es blieben
    zwar Unterschiede, die man auf den ersten Blick
    hoch einzuschätzen geneigt wäre, aber diese sind
    leicht aufzuklären. Aton hatte in Ägypten zu
    herrschen begonnen in einer glücklichen Zeit
    gesicherten Besitzes, und selbst als das Reich

    1)Auerbach: Wüste und gelobtes Land. Bd. II, 1936.

  • S.

    114

    III. Moses, sein Volk,

    zu wanken begann, hatten seine Verehrer sich
    von der Störung abwenden können und fuhren
    fort, seine Schöpfungen zu preisen und zu ge-
    nießen.

    Dem jüdischen Volk brachte das Schicksal eine
    Reihe von schweren Prüfungen und schmerzli-
    chen Erfahrungen, sein Gott wurde hart und
    strenge, wie verdüstert. Er behielt den Charak-
    ter des universellen Gottes bei, der über alle Län-
    der und Völker waltet, aber die Tatsache, dass
    seine Verehrung von den Ägyptern auf die Ju-
    den übergegangen war, fand ihren Ausdruck in
    dem Zusatz, die Juden seien sein auserwähltes
    Volk, dessen besondere Verpflichtungen am En-
    de auch besonderen Lohn finden würden. Es
    mag dem Volke nicht leicht geworden sein, den
    Glauben an die Bevorzugung durch seinen all-
    mächtigen Gott mit den traurigen Erfahrungen
    seiner unglücklichen Schicksale zu vereinen.

    Aber man ließ sich nicht irre machen, man stei-
    gerte sein eigenes Schuldgefühl, um seine Zwei-
    fel an Gott zu ersticken, und vielleicht wies man
    am Ende auf „Gottes unerforschlichen Rat-
    schluss“ hin, wie es die Frommen noch heute
    tun. Wenn man sich darüber verwundern woll-
    te, dass er immer neue Gewalttäter auftreten
    ließ, von denen man unterworfen und misshan-
    delt wurde, die Assyrer, Babylonier, Perser, so
    erkannte man doch seine Macht darin, dass all

  • S.

    115

    und die monotheistische Religion

    diese bösen Feinde selbst wieder besiegt wurden
    und ihre Reiche verschwanden.
    In drei wichtigen Punkten ist der spätere Juden-
    gott endlich dem alten mosaischen Gott gleich
    geworden. Der erste und entscheidende ist, dass
    er wirklich als der einzige Gott anerkannt wur-
    de, neben dem ein anderer undenkbar war. Der
    Monotheismus Ikhnatons wurde von einem gan-
    zen Volke ernst genommen, ja, dies Volk klam-
    merte sich so sehr an diese Idee, dass sie der
    Hauptinhalt seines Geisteslebens wurde und
    dass ihm für anderes kein Interesse blieb. Das
    Volk und die in ihm herrschend gewordene
    Priesterschaft waren in diesem Punkte einig,
    aber während die Priester ihre Tätigkeit darin
    erschöpften, das Zeremoniell für seine Vereh-
    rung auszubauen, gerieten sie in Gegensatz zu
    intensiven Strömungen im Volke, die zwei an-
    dere Lehren Moses’ über seinen Gott wieder-
    zubeleben suchten. Die Stimmen der Propheten
    wurden nicht müde zu verkünden, dass der Gott
    Zeremoniell und Opferdienst verschmähe und
    nur fordere, dass man an ihn glaube und ein Le-
    ben in Wahrheit und Gerechtigkeit führe. Und
    wenn sie die Einfachheit und Heiligkeit des
    Wüstenlebens priesen, so standen sie sicherlich
    unter dem Einfluss der mosaischen Ideale.

    Es ist an der Zeit, die Frage aufzuwerfen, ob es

  • S.

    116

    III. Moses, sein Volk,

    überhaupt notwendig ist, den Einfluss des Moses
    auf die Endgestaltung der jüdischen Gottesvor-
    stellung anzurufen, ob nicht die Annahme einer
    spontanen Entwicklung zu höherer Geistigkeit
    während eines über Jahrhunderte reichenden
    Kulturlebens genügt. Zu dieser Erklärungsmög-
    lichkeit, die all unserem Rätselraten ein Ende
    setzen würde, ist zweierlei zu sagen. Erstens,
    dass sie nichts erklärt. Die gleichen Verhältnisse
    haben beim gewiss höchst begabten griechischen
    Volk nicht zum Monotheismus geführt, sondern
    zur Auflockerung der polytheistischen Religion
    und zum Beginn des philosophischen Denkens.
    In Ägypten war der Monotheismus erwachsen,
    so weit wir es verstehen, als eine Nebenwirkung
    des Imperialismus, Gott war die Spiegelung des
    ein grosses Weltreich unumschränkt beherr-
    schenden Pharao. Bei den Juden waren die poli-
    tischen Zustände der Fortentwicklung von der
    Idee des exklusiven Volksgottes zu der des uni-
    versellen Weltherrschers höchst ungünstig, und
    woher kam dieser winzigen und ohnmächtigen
    Nation die Vermessenheit, sich für das bevor-
    zugte Lieblingskind des grossen Herrn auszuge-
    ben? Die Frage nach der Entstehung des Mono-
    theismus bei den Juden bliebe so unbeantwortet,
    oder man begnügte sich mit der geläufigen Ant-
    wort, das sei eben der Ausdruck des besonderen
    religiösen Genies dieses Volkes. Das Genie ist

  • S.

    117

    und die monotheistische Religion

    bekanntlich unbegreiflich und unverantwortlich,
    und darum soll man es nicht eher zur Erklärung
    anrufen, als bis jede andere Lösung versagt
    hat.1)

    Ferner trifft man auf die Tatsache, dass die jü-
    dische Berichterstattung und Geschichtsschrei-
    bung selbst uns den Weg zeigt, indem sie, dies-
    mal ohne sich selbst zu widersprechen, mit gröss-
    ter Entschiedenheit behauptet, die Idee eines
    einzigen Gottes sei dem Volke von Moses ge-
    bracht worden. Wenn es einen Einwand gegen
    die Glaubwürdigkeit dieser Versicherung gibt,
    so ist es der, dass die priesterliche Bearbeitung
    des uns vorliegenden Textes offenbar viel zu
    viel auf Moses zurückführt. Institutionen wie
    Ritualvorschriften, die unverkennbar späteren
    Zeiten angehören, werden als mosaische Gebote
    ausgegeben, in der deutlichen Absicht, Autori-
    tät für sie zu gewinnen. Das ist für uns gewiss
    ein Grund zum Verdacht, aber nicht genügend
    für eine Verwerfung. Denn das tiefere Motiv
    einer solchen Übertreibung liegt klar zu Tage.
    Die priesterliche Darstellung will ein Kontinu-
    um zwischen ihrer Gegenwart und der mosai-
    schen Frühzeit herstellen, sie will gerade das ver-
    leugnen, was wir als die auffälligste Tatsache

    1)Dieselbe Erwägung gilt auch für den merkwürdigen
    Fall des William Shakespeare aus Stratford.

  • S.

    118

    III. Moses, sein Volk,

    der jüdischen Religionsgeschichte bezeichnet ha-
    ben, dass zwischen der Gesetzgebung des Moses
    und der späteren jüdischen Religion eine Lücke
    klafft, die zunächst vom Jahvedienst ausgefüllt
    und erst später langsam verstrichen wurde. Sie
    bestreitet diesen Vorgang mit allen Mitteln, ob-
    wohl seine historische Richtigkeit über jedem
    Zweifel feststeht, da bei der besonderen Be-
    handlung, die der biblische Text erfahren hat,
    überreichliche Angaben stehen geblieben sind,
    die ihn erweisen. Die priesterliche Bearbeitung
    hat hier Ähnliches versucht wie jene entstellende
    Tendenz, die den neuen Gott Jahve zum Gott
    der Väter machte. Tragen wir diesem Motiv des
    Priesterkodex Rechnung, so wird es uns schwer,
    der Behauptung den Glauben zu versagen, dass
    wirklich Moses selbst seinen Juden die monothe-
    istische Idee gegeben hat. Unsere Zustimmung
    sollte uns um so leichter werden, da wir zu sagen
    wissen, woher diese Idee zu Moses kam, was die
    jüdischen Priester gewiss nicht mehr gewusst
    haben.

    Hier könnte jemand die Frage aufwerfen, was
    haben wir davon, wenn wir den jüdischen Mo-
    notheismus vom ägyptischen ableiten? Das Pro-
    blem wird dadurch nur um ein Stück verscho-
    ben; von der Genese der monotheistischen Idee
    wissen wir darum nicht mehr. Die Antwort dar-
    auf lautet, es ist keine Frage des Gewinns, son-

  • S.

    119

    und die monotheistische Religion

    dern der Forschung. Und vielleicht lernen wir
    etwas dabei, wenn wir den wirklichen Hergang
    erfahren.

    B

    Latenzzeit und Tradition

    Wir bekennen uns also zu dem Glauben, dass die
    Idee eines einzigen Gottes sowie die Verwerfung
    des magisch wirkenden Zeremoniells und die
    Betonung der ethischen Forderung in seinem
    Namen tatsächlich mosaische Lehren waren, die
    zunächst kein Gehör fanden, aber nach dem Ab-
    lauf einer langen Zwischenzeit zur Wirkung ka-
    men und sich endlich für die Dauer durchsetz-
    ten. Wie soll man sich eine solche verspätete
    Wirkung erklären und wo begegnet man ähnli-
    chen Phänomenen?

    Der nächste Einfall sagt, sie seien nicht selten
    auf sehr verschiedenen Gebieten zu finden und
    kommen wahrscheinlich auf mannigfache Wei-
    se zustande, mehr oder weniger leicht verständ-
    lich. Greifen wir z.B. das Schicksal einer neuen
    wissenschaftlichen Theorie wie der Darwin-
    schen Evolutionslehre heraus. Sie findet zu-
    nächst erbitterte Ablehnung, wird durch Jahr-
    zehnte heftig umstritten, aber es braucht nicht
    länger als eine Generation, bis sie als grosser
    Fortschritt zur Wahrheit anerkannt wird. Dar-

  • S.

    120

    III. Moses, sein Volk,

    win selbst erreicht noch die Ehre eines Grabes
    oder Kenotaphs in Westminster. Ein solcher
    Fall lässt uns wenig zu enträtseln. Die neue
    Wahrheit hat affektive Widerstände wachgeru-
    fen, diese lassen sich durch Argumente vertre-
    ten, mit denen man die Beweise zu Gunsten der
    unliebsamen Lehre bestreiten kann, der Kampf
    der Meinungen nimmt eine gewisse Zeit in An-
    spruch, von Anfang an gibt es Anhänger und
    Gegner, die Anzahl wie die Gewichtigkeit der
    ersteren nimmt immer zu, bis sie am Ende die
    Oberhand haben; während der ganzen Zeit des
    Kampfes ist niemals vergessen worden, um was
    es sich handelt. Wir verwundern uns kaum, dass
    der ganze Ablauf eine längere Zeit gebraucht
    hat, würdigen es wahrscheinlich nicht genug,
    dass wir es mit einem Vorgang der Massenpsy-
    chologie zu tun haben.
    Es hat keine Schwierigkeit, zu diesem Vorgang
    eine voll entsprechende Analogie im Seelenleben
    eines Einzelnen zu finden. Dies wäre der Fall,
    dass jemand etwas als neu erfährt, was er auf
    Grund gewisser Beweise als Wahrheit anerken-
    nen soll, was aber manchem seiner Wünsche wi-
    derspricht und einige der ihm wertvollen Über-
    zeugungen beleidigt. Er wird dann zögern, nach
    Gründen suchen, mit denen er das Neue bezwei-
    feln kann, und wird eine Weile mit sich selbst
    kämpfen, bis er sich am Ende eingesteht: es ist

  • S.

    121

    doch so, obwohl ich es nicht leicht annehme, ob
    wohl es mir peinlich ist, daran glauben zu müs-
    sen. Wir lernen daraus nur, dass es Zeit ver
    braucht, bis die Verstandesarbeit des Ichs Ein-
    wendungen überwunden hat, die durch starke
    affektive Besetzungen gehalten werden. Die
    Ähnlichkeit zwischen diesem Fall und dem, um
    dessen Verständnis wir uns bemühen, ist nicht
    sehr gross.
    Das nächste Beispiel, an das wir uns wenden, hat
    mit unserem Problem anscheinend noch weniger
    gemein. Es ereignet sich, dass ein Mensch schein-
    bar unbeschädigt die Stätte verlässt, an der er
    einen schreckhaften Unfall, z.B. einen Eisen-
    bahnzusammenstoss, erlebt hat. Im Laufe der
    nächsten Wochen entwickelt er aber eine Reihe
    schwerer psychischer und motorischer Sympto-
    me, die man nur von seinem Schock, jener Er-
    schütterung oder was sonst damals gewirkt hat,
    ableiten kann. Er hat jetzt eine „traumatische
    Neurose“. Das ist eine ganz unverständliche, al-
    so eine neue Tatsache. Man heisst die Zeit, die
    zwischen dem Unfall und dem ersten Auftreten
    der Symptome verflossen ist, die „Inkubations-
    zeit“ in durchsichtiger Anspielung an die Patho-
    logie der Infektionskrankheiten. Nachträglich
    muss es uns auffallen, dass trotz der funda-
    mentalen Verschiedenheit der beiden Fälle zwi-
    schen dem Problem der traumatischen Neurose

  • S.

    122

    und dem des jüdischen Monotheismus doch in
    einem Punkt eine Übereinstimmung besteht.
    Nämlich in dem Charakter, den man die Latenz
    heissen könnte. Nach unserer gesicherten An-
    nahme gibt es ja in der jüdischen Religionsge-
    schichte eine lange Zeit nach dem Abfall von
    der Mosesreligion, in der von der monotheisti-
    schen Idee, von der Verschmähung des Zeremo-
    niells und von der Überbetonung des Ethischen
    nichts verspürt wird. So werden wir auf die
    Möglichkeit vorbereitet, das die Lösung unseres
    Problems in einer besonderen psychologischen
    Situation zu suchen ist.

    Wir haben bereits wiederholt dargestellt, was in
    Quadeš geschah, als die beiden Anteile des spä-
    teren jüdischen Volkes zur Annahme einer neu-
    en Religion zusammentraten. Auf der Seite de-
    rer, die in Ägypten gewesen waren, waren die
    Erinnerungen an den Auszug und an die Gestalt
    des Moses noch so stark und lebhaft, dass sie
    Aufnahme in einem Bericht über die Vorzeit
    forderten. Es waren vielleicht die Enkel von Per-
    sonen, die Moses selbst gekannt hatten, und ei-
    nige von ihnen fühlten sich noch als Ägypter
    und trugen ägyptische Namen. Sie hatten aber
    gute Motive, die Erinnerung an das Schicksal
    zu verdrängen, das ihrem Führer und Gesetzge-
    ber bereitet worden war. Für die anderen war
    die Absicht massgebend, den neuen Gott zu ver-

  • S.

    123

    und die monotheistische Religion

    herrlichen und seine Fremdheit zu bestreiten.
    Beide Teile hatten das gleiche Interesse daran, zu
    verleugnen, dass es bei ihnen eine frühere Reli-
    gion gegeben hatte und welches ihr Inhalt gewe-
    sen war. So kam jenes erste Kompromiss zustan-
    de, das wahrscheinlich bald eine schriftliche Fi-
    xierung fand; die Leute aus Ägypten hatten die
    Schrift und die Lust zur Geschichtsschreibung
    mitgebracht, aber es sollte noch lange dauern,
    bis die Geschichtsschreibung erkannte, dass sie
    zur unerbittlichen Wahrhaftigkeit verpflichtet
    sei. Zunächst machte sie sich kein Gewissen dar-
    aus, ihre Berichte nach ihren jeweiligen Bedürf-
    nissen und Tendenzen zu gestalten, als wäre ihr
    der Begriff der Verfälschung noch nicht aufge-
    gangen. Infolge dieser Verhältnisse konnte sich
    ein Gegensatz herausbilden zwischen der schrift-
    lichen Fixierung und der mündlichen Überliefe-
    rung desselben Stoffes, der Tradition. Was in
    der Niederschrift ausgelassen oder abgeändert
    worden war, konnte sehr wohl in der Tradition
    unversehrt erhalten geblieben sein. Die Tradi-
    tion war die Ergänzung und zugleich der Wider-
    spruch zur Geschichtsschreibung. Sie war dem
    Einfluss der entstehenden Tendenzen weniger
    unterworfen, vielleicht in manchen Stücken
    ganz entzogen, und konnte darum wahrhaftiger
    sein als der schriftlich fixierte Bericht. Ihre Zu-
    verlässigkeit litt aber darunter, dass sie unbe-

  • S.

    124

    III. Moses, sein Volk,

    ständiger und unbestimmter war als die Nieder-
    schrift, mannigfachen Veränderungen und Ver-
    unstaltungen ausgesetzt, wenn sie durch münd-
    liche Mitteilung von einer Generation auf die
    andere übertragen wurde. Eine solche Tradition
    konnte verschiedenartige Schicksale haben. Am
    ehesten sollten wir erwarten, dass sie von der
    Niederschrift erschlagen wird, sich neben ihr
    nicht zu behaupten vermag, immer schattenhaf-
    ter wird und endlich in Vergessenheit gerät.
    Aber es sind auch andere Schicksale möglich; ei-
    nes davon ist, dass die Tradition selbst in einer
    schriftlichen Fixierung endet, und von noch an-
    deren werden wir im weiteren Verlauf zu han-
    deln haben.

    Für das Phänomen der Latenz in der jüdischen
    Religionsgeschichte, das uns beschäftigt, bietet
    sich nun die Erklärung, dass die von der sozusa-
    gen offiziellen Geschichtsschreibung absichtlich
    verleugneten Tatbestände und Inhalte in Wirk-
    lichkeit nie verloren gegangen sind. Die Kunde
    von ihnen lebte in Traditionen fort, die sich im
    Volke erhielten. Nach der Versicherung von
    Sellin war ja selbst über den Ausgang Moses’ eine
    Tradition vorhanden, die der offiziellen Dar-
    stellung glatt widersprach und der Wahrheit
    weit näher kam. Dasselbe, dürfen wir anneh-
    men, traf auch für anderes zu, was scheinbar
    zugleich mit Moses seinen Untergang gefunden
    hat.

  • S.

    125

    und die monotheistische Religion

    hatte, für manche Inhalte der mosaischen Reli-
    gion, die für die Überzahl der Zeitgenossen Mo-
    ses’ unannehmbar gewesen waren.

    Die merkwürdige Tatsache, der wir hier begeg-
    nen, ist aber, dass diese Traditionen, anstatt sich
    mit der Zeit abzuschwächen, im Laufe der Jahr-
    hunderte immer mächtiger wurden, sich in die
    späteren Bearbeitungen der offiziellen Bericht-
    erstattung eindrängten und endlich sich stark
    genug zeigten, um das Denken und Handeln des
    Volkes entscheidend zu beeinflussen. Welche
    Bedingungen diesen Ausgang ermöglicht haben,
    das entzieht sich allerdings zunächst unserer
    Kenntnis.

    Diese Tatsache ist so merkwürdig, dass wir uns
    berechtigt fühlen, sie uns nochmals vorzuhalten.
    In ihr liegt unser Problem beschlossen. Das Ju-
    denvolk hatte die ihm von Moses gebrachte
    Atonreligion verlassen und sich der Verehrung
    eines anderen Gottes zugewendet, der sich we-
    nig von den Baalim der Nachbarvölker unter-
    schied. Allen Bemühungen späterer Tendenzen
    gelang es nicht, diesen beschämenden Sachver-
    halt zu verschleiern. Aber die Mosesreligion war
    nicht spurlos untergegangen, eine Art von Erin-
    nerung an sie hatte sich erhalten, eine vielleicht
    verdunkelte und entstellte Tradition. Und diese
    Tradition einer grossen Vergangenheit war es,
    die gleichsam aus dem Hintergrund zu wirken

  • S.

    126

    III. Moses, sein Volk

    fortfuhr, allmählich immer mehr Macht über die
    Geister gewann und es endlich erreichte, den
    Gott Jahve in den mosaischen Gott zu verwan-
    deln und die vor langen Jahrhunderten einge-
    setzte und dann verlassene Religion des Moses
    wieder zum Leben zu erwecken. Dass eine ver-
    schollene Tradition eine so mächtige Wirkung
    auf das Seelenleben eines Volkes üben sollte, ist
    keine uns vertraute Vorstellung. Wir finden uns
    da auf einem Gebiet der Massenpsychologie, in
    dem wir uns nicht heimisch fühlen. Wir halten
    Ausschau nach Analogien, nach Tatsachen von
    wenigstens ähnlicher Natur, wenn auch auf an-
    deren Gebieten. Wir meinen, solche sind zu fin-
    den.

    In den Zeiten, da sich bei den Juden die Wieder-
    kehr der Mosesreligion vorbereitete, fand sich
    das griechische Volk im Besitz eines überaus rei-
    chen Schatzes von Geschlechtersagen und Hel-
    denmythen. Im 9ten oder 8ten Jahrhundert,
    glaubt man, entstanden die beiden homerischen
    Epen, die ihren Stoff diesem Sagenkreis entnah-
    men. Mit unseren heutigen psychologischen
    Einsichten hätte man lange vor Schliemann und
    Evans die Frage aufwerfen können: Woher nah-
    men die Griechen all das Sagenmaterial, das
    Homer und die grossen attischen Dramatiker in
    ihren Meisterwerken verarbeiteten? Die Ant-
    wort hätte lauten müssen: Dies Volk hat wahr-
     

  • S.

    127

    und die monotheistische Religion

    scheinlich in seiner Vorgeschichte eine Zeit von
    äußerem Glanz und kultureller Blüte erlebt, die
    in einer historischen Katastrophe untergegangen
    ist und von der sich in diesen Sagen eine dunkle
    Tradition erhalten hat. Die archäologische For-
    schung unserer Tage hat dann diese Vermutung
    bestätigt, die damals sicherlich für allzu gewagt
    erklärt worden wäre. Sie hat die Zeugnisse für
    die großartige minoisch-
    mykenische Kultur auf
    gedeckt, die auf dem griechischen Festland
    wahrscheinlich schon vor 1250 v. Chr. zu Ende
    kam. Bei den griechischen Historikern der spä-
    teren Zeit findet sich kaum ein Hinweis auf sie.
    Einmal die Bemerkung, dass es eine Zeit gab, da
    die Kreter die Seeherrschaft innehatten, der Na-
    me des Königs Minos und seines Palastes, des
    Labyrinths; das ist alles, sonst ist nichts von ihr
    übrig geblieben als die von den Dichtern aufge-
    griffenen Traditionen.

    Es sind Volksepen noch bei anderen Völkern,
    bei den Deutschen, Indern, Finnen, bekannt ge-
    worden. Es fällt den Literaturhistorikern zu, zu
    untersuchen, ob deren Entstehung dieselben Be-
    dingungen annehmen lässt wie im Falle der
    Griechen. Ich glaube, die Untersuchung wird
    ein positives Ergebnis bringen. Die Bedingung,
    die wir erkennen, ist: Ein Stück Vorgeschichte,
    das unmittelbar nachher als inhaltreich, bedeut-
    sam und großartig, vielleicht immer als helden-
     

  • S.

    128

    haft erscheinen musste, das aber so weit zurück-
    liegt, so entlegenen Zeiten angehört, dass den
    späteren Geschlechtern nur eine dunkle und un-
    vollständige Tradition von ihr Kunde gibt. Man
    hat sich darüber verwundert, dass das Epos als
    Kunstgattung in späteren Zeiten erloschen ist.
    Vielleicht liegt die Erklärung darin, dass seine
    Bedingung sich nicht mehr herstellte. Der alte
    Stoff war aufgearbeitet und für alle späteren
    Begebenheiten war die Geschichtsschreibung an
    die Stelle der Tradition getreten. Die grössten
    Heldentaten unserer Tage waren nicht imstan-
    de, ein Epos zu inspirieren, aber schon Alexan-
    der der Grosse hatte ein Recht zur Klage, dass er
    keinen Homer finden werde.

    Längstvergangene Zeiten haben eine grosse, eine
    oft rätselhafte Anziehung für die Phantasie der
    Menschen. So oft sie mit ihrer Gegenwart unzu-
    frieden sind – und das sind sie oft genug –,
    wenden sie sich zurück in die Vergangenheit und
    hoffen, diesmal den nie erloschenen Traum von
    einem goldenen Zeitalter bewahrheiten zu kön-
    nen.1) Wahrscheinlich stehen sie immer noch un-
    ter dem Zauber ihrer Kindheit, die ihnen von

    1)Diese Situation hat Macaulay seinen Lays of Ancient
    Rome zu Grunde gelegt. Er versetzt sich darin in die
    Rolle eines Sängers, der betrübt über die wüsten Partei-
    kämpfe der Gegenwart seinen Zuhörern den Opfer-
    mut, die Einigkeit und den Patriotismus der Ahnen
    vorhält.

  • S.

    129

    und die monotheistische Religion

    einer nicht unparteiischen Erinnerung als eine
    Zeit von ungestörter Seligkeit gespiegelt wird.
    Wenn von der Vergangenheit nur mehr die un-
    vollständigen und verschwommenen Erinnerun-
    gen bestehen, die wir Tradition heißen, so ist
    das für den Künstler ein besonderer Anreiz, denn
    dann ist es ihm frei geworden, die Lücken der
    Erinnerung nach den Gelüsten seiner Phantasie
    auszufüllen und das Bild der Zeit, die er repro-
    duzieren will, nach seinen Absichten zu gestal-
    ten. Beinahe könnte man sagen, je unbestimmter
    die Tradition geworden ist, desto brauchbarer
    wird sie für den Dichter. Über die Bedeutung
    der Tradition für die Dichtung brauchen wir
    uns also nicht zu verwundern, und die Analogie
    zur Bedingtheit des Epos wird uns der befremd-
    lichen Annahme geneigter machen, dass es bei
    den Juden die Mosestradition war, welche den
    Jahvedienst im Sinne der alten Mosesreligion
    verwandelte. Aber die beiden Fälle sind sonst
    noch zu sehr verschieden. Dort ist das Ergebnis
    eine Dichtung, hier eine Religion, und für letz-
    tere haben wir angenommen, dass sie unter dem
    Antrieb der Tradition mit einer Treue reprodu-
    ziert wurde, zu der der Fall des Epos natürlich
    das Gegenstück nicht zeigen kann. Somit bleibt
    von unserem Problem genug übrig, um das Be-
    dürfnis nach besser zutreffenden Analogien zu
    rechtfertigen.

  • S.

    130

    C

    Die Analogie

    Die einzige befriedigende Analogie zu dem merk-
    würdigen Vorgang, den wir in der jüdischen
    Religionsgeschichte erkannt haben, findet sich
    auf einem scheinbar weit abgelegenen Gebiet;
    aber sie ist sehr vollständig, sie kommt der Iden-
    tität nahe. Dort begegnen uns wieder das Phä-
    nomen der Latenz, das Auftauchen unverständ-
    licher, Erklärung heischender Erscheinungen und
    die Bedingung des frühen, später vergessenen
    Erlebnisses. Und ebenso der Charakter des
    Zwanges, der sich mit Überwältigung des logi-
    schen Denkens der Psyche aufdrängt, ein Zug,
    der z.B. bei der Genese des Epos nicht in Be-
    tracht kam.

    Diese Analogie trifft sich in der Psychopatholo-
    gie bei der Genese der menschlichen Neurosen,
    also auf einem Gebiet, das der Einzelpsychologie
    angehört, während die religiösen Phänomene
    natürlich zur Massenpsychologie zu rechnen
    sind. Es wird sich zeigen, dass diese Analogie
    nicht so überraschend ist, wie man zunächst
    meinen würde, ja, dass sie eher einem Postulat
    entspricht.

    Die früh erlebten, später vergessenen Eindrücke,
    denen wir eine so grosse Bedeutung für die Ätio-

  • S.

    131

    und die monotheistische Religion

    logie der Neurosen zuschreiben, heissen wir
    Träumen. Es mag dahingestellt bleiben, ob die
    Ätiologie der Neurosen allgemein als eine trau-
    matische angesehen werden darf. Der nahelic-
    gende Einwand dagegen ist, dass sich nicht in
    allen Fällen ein offenkundiges Trauma aus der
    Urgeschichte des neurotischen Individuums her-
    ausheben lässt. Oft muss man sich bescheiden zu
    sagen, dass nichts anderes vorliegt als eine aus-
    sergewöhnliche, abnorme Reaktion auf Erleb-
    nisse und Anforderungen, die alle Individuen
    treffen und von ihnen in anderer, normal zu
    nennender Weise verarbeitet und erledigt wer-
    den. Wo zur Erklärung nichts anderes zur Ver-
    fügung steht als hereditäre und konstitutionelle
    Dispositionen, ist man begreiflicherweise ver-
    sucht zu sagen, die Neurose werde nicht erwor-
    ben, sondern entwickelt.

    In diesem Zusammenhang heben sich aber zwei
    Punkte hervor. Der erste ist, dass die Genese der
    Neurose überall und jedesmal auf sehr frühe
    Kindheitseindrücke zurückgeht.1) Zweitens, es
    ist richtig, dass es Fälle gibt, die man als „trau-
    matische“ auszeichnet, weil die Wirkungen un-
    verkennbar auf einen oder mehrere starke Ein-

    1)So, dass es also unsinnig ist, zu behaupten, man über
    Psychoanalyse, wenn man gerade diese Urzeiten von der
    Erforschung und Berücksichtigung ausschliesst, wie es
    von manchen Seiten geschieht.

  • S.

    132

    drücke dieser Frühzeit zurückgehen, die sich ei
    ner normalen Erledigung entzogen haben, so
    dass man urteilen möchte, wären diese nicht vor
    gefallen, so wäre auch die Neurose nicht zu
    standegekommen. Es reichte nun für unsere Ab
    sichten hin, wenn wir die gesuchte Analogie nur
    auf diese traumatischen Fälle beschränken müss
    ten. Aber die Kluft zwischen beiden Gruppen
    scheint nicht unüberbrückbar. Es ist sehr wohl
    möglich, beide ätiologischen Bedingungen in
    einer Auffassung zu vereinigen; es kommt nur
    darauf an, was man als traumatisch definiert.
    Wenn man annehmen darf, dass das Erlebnis
    den traumatischen Charakter nur infolge eines
    quantitativen Faktors erwirbt, dass also in al
    len Fällen die Schuld an einem Zuviel von An
    spruch liegt, wenn das Erlebnis ungewöhnliche,
    pathologische Reaktionen hervorruft, so kann
    man leicht zur Auskunft gelangen, dass bei der
    einen Konstitution etwas als Trauma wirkt, was
    bei einer anderen keine solche Wirkung hätte. Es
    ergibt sich dann die Vorstellung einer gleitenden
    sog. Ergänzungsreihe, in der zwei Faktoren zur
    ätiologischen Erfüllung zusammentreten, ein
    Minder von einem durch ein Mehr vom anderen
    ausgeglichen wird, im allgemeinen ein Zusam
    menwirken beider stattfindet und nur an den
    beiden Enden der Reihe von einer einfachen
    Motivierung die Rede sein kann. Nach dieser

  • S.

    133

    und die monotheistische Religion

    Erwägung kann man die Unterscheidung von
    traumatischer und nicht traumatischer Ätiologie
    als für die von uns gesuchte Analogie unwesent-
    lich beiseite lassen.

    Vielleicht ist es trotz der Gefahr der Wiederho-
    lung zweckmässig, hier die Tatsachen zusam-
    menzustellen, welche die für uns bedeutsame
    Analogie enthalten. Es sind folgende: Es hat sich
    für unsere Forschung herausgestellt, dass das,
    was wir die Phänomene (Symptome) einer Neu-
    rose heissen, die Folgen von gewissen Erlebnis-
    sen und Eindrücken sind, die wir eben darum als
    ätiologische Traumen anerkennen. Wir haben
    nun zwei Aufgaben vor uns: Erstens die gemein-
    samen Charaktere dieser Erlebnisse und zwei-
    tens die der neurotischen Symptome aufzusu-
    chen, wobei gewisse Schematisierungen nicht
    vermieden zu werden brauchen.

    Ad. I: a) Alle diese Traumen gehören der frü-
    hen Kindheit bis etwa zu 5 Jahren an. Ein-
    drücke aus der Zeit der beginnenden Sprachfä-
    higkeit heben sich als besonders interessant her-
    vor; die Periode von 2–4 Jahren erscheint als
    die wichtigste; wann nach der Geburt diese Zeit
    der Empfänglichkeit beginnt, lässt sich nicht si-
    cher feststellen. b) Die betreffenden Erlebnisse
    sind in der Regel völlig vergessen, sie sind der
    Erinnerung nicht zugänglich, fallen in die Pe-

  • S.

    134

    III. Moses, sein Volk,

    riode der infantilen Amnesie, die zumeist durch
    einzelne Erinnerungsreste, sog. Deckerinnerun-
    gen, durchbrochen wird. c) Sie beziehen sich auf
    Eindrücke sexueller und aggressiver Natur, ge-
    wiss auch auf frühzeitige Schädigungen des Ichs
    (narzisstische Kränkungen). Dazu ist zu bemer-
    ken, dass so junge Kinder zwischen sexuellen
    und rein aggressiven Handlungen nicht scharf
    unterscheiden wie später (sadistisches Missver-
    ständnis des Sexualaktes). Das Überwiegen des
    sexuellen Moments ist natürlich sehr auffällig
    und verlangt nach theoretischer Würdigung.
    Diese drei Punkte – frühzeitliches Vorkommen
    innerhalb der ersten 5 Jahre, Vergessenheit,
    sexuell-aggressiver Inhalt – gehören eng zu-
    sammen. Die Traumen sind entweder Erlebnisse
    am eigenen Körper oder Sinneswahrnehmungen,
    meist von Gesehenem und Gehörtem, also Er-
    lebnisse oder Eindrücke. Der Zusammenhang
    jener drei Punkte wird durch eine Theorie her-
    gestellt, ein Ergebnis der analytischen Arbeit, die
    allein eine Kenntnis der vergessenen Erlebnisse
    vermitteln, greller, aber auch inkorrekter ausge-
    drückt, sie in die Erinnerung zurückbringen
    kann. Die Theorie lautet, dass im Gegensatz zur
    populären Meinung das Geschlechtsleben der
    Menschen – oder was ihm in späterer Zeit ent-
    spricht – eine Frühblüte zeigt, die mit etwa 5
    Jahren zu Ende ist, worauf die sogenannte La-

  • S.

    135

    und die monotheistische Religion

    tenzzeit – bis zur Pubertät – folgt, in der
    keine Fortentwicklung der Sexualität vor sich
    geht, ja das Erreichte rückgängig gemacht wird.
    Diese Lehre wird durch anatomische Untersu-
    chung des Wachstums der inneren Genitalien
    bestätigt; sie führt zur Vermutung, dass der
    Mensch von einer Tierart abstammt, die mit 5
    Jahren geschlechtsreif wurde, und weckt den
    Verdacht, dass der Aufschub und zweizeitige
    Ansatz des Sexuallebens aufs innigste mit der
    Geschichte der Menschwerdung zusammen-
    hängt. Der Mensch scheint das einzige Tierwe-
    sen mit solcher Latenz und Sexualverspätung zu
    sein. Untersuchungen an Primaten, die meines
    Wissens nicht vorliegen, wären für die Prüfung
    der Theorie unerlässlich. Psychologisch kann es
    nicht gleichgültig sein, dass die Periode der in-
    fantilen Amnesie mit dieser Frühzeit der Sexua-
    lität zusammenfällt. Vielleicht bringt dieser
    Sachverhalt die wirkliche Bedingung für die
    Möglichkeit der Neurose, die ja im gewissen Sin-
    ne ein menschliches Vorrecht ist und in dieser
    Betrachtung als ein Überbleibsel (survival) der
    Urzeit erscheint wie gewisse Bestandstücke der
    Anatomie unseres Körpers.

    Ad II, gemeinsame Eigenschaften oder Beson-
    derheiten der neurotischen Phänomene: es sind
    zwei Punkte hervorzuheben. a) Die Wirkungen

  • S.

    136

    III. Moses, sein Volk,

    des Traumas sind von zweierlei Art, positive
    und negative. Die ersteren sind Bemühungen, das
    Trauma wieder zur Geltung zu bringen, also das
    vergessene Erlebnis zu erinnern, oder noch bes-
    ser, es real zu machen, eine Wiederholung davon
    von neuem zu erleben, wenn es auch nur eine
    frühere Affektbeziehung war, dieselbe in einer
    analogen Beziehung zu einer anderen Person neu
    wiederaufleben zu lassen. Man fasst diese Be
    mühungen zusammen als Fixierung an das Trau
    ma und als Wiederholungszwang. Sie können in
    das sog. normale Ich aufgenommen werden und
    als ständige Tendenzen desselben ihm unwan-
    delbare Charakterzüge verleihen, obwohl oder
    vielmehr gerade weil ihre wirkliche Begründung,
    ihr historischer Ursprung vergessen ist. So kann
    ein Mann, der seine Kindheit in übermässiger,
    heute vergessener Mutterbindung verbracht hat,
    sein ganzes Leben über nach einer Frau suchen,
    von der er sich abhängig machen kann, von der
    er sich nähren und erhalten lässt. Ein Mädchen,
    das in früher Kindheit Objekt einer sexuellen
    Verführung wurde, kann ihr späteres Sexuall-
    leben darauf einrichten, immer wieder solche An
    griffe zu provozieren. Es ist leicht zu erraten,
    dass wir durch solche Einsichten über das Pro
    blem der Neurose hinaus zum Verständnis der
    Charakterbildung überhaupt vordringen.
    Die negativen Reaktionen verfolgen das entge-

  • S.

    137

    und die monotheistische Religion

    gegengesetzte Ziel, dass von den vergessenen Trau-
    men nichts erinnert und nichts wiederholt wer-
    den soll. Wir können sie als Abwehrreaktionen
    zusammenfassen. Ihr Hauptausdruck sind die
    sog. Vermeidungen, die sich zu Hemmungen und
    Phobien steigern können. Auch diese negativen
    Reaktionen leisten die stärksten Beiträge zur
    Prägung des Charakters; im Grunde sind sie
    ebenso Fixierungen an das Trauma wie ihre
    Gegner, nur sind es Fixierungen mit entgegenge-
    setzter Tendenz. Die Symptome der Neurose im
    engeren Sinne sind Kompromissbildungen, zu
    denen beiderlei von den Traumen ausgehende
    Strebungen zusammentreten, so dass bald der
    Anteil der einen, bald der anderen Richtung in
    ihnen überwiegenden Ausdruck findet. Durch
    diesen Gegensatz der Reaktionen werden Kon-
    flikte hergestellt, die regulärer Weise zu keinem
    Abschluss kommen können.

    b) Alle diese Phänomene, die Symptome wie die
    Einschränkungen des Ichs und die stabilen Cha-
    rakterveränderungen haben Zwangscharakter,
    d.h. bei grosser psychischer Intensität zeigen sie
    eine weitgehende Unabhängigkeit von der Or-
    ganisation der anderen seelischen Vorgänge, die
    den Forderungen der realen Aussenwelt ange-
    passt sind, den Gesetzen des logischen Denkens
    gehorchen. Sie werden durch die äussere Reali-
    tät nicht oder nicht genug beeinflusst, kümmern

  • S.

    138

    III. Moses, sein Volk,

    sich nicht um sie und um ihre psychische Vertre-
    tung, so dass sie leicht in aktiven Widerspruch
    zu beiden geraten. Sie sind gleichsam ein Staat
    im Staat, eine unzugängliche, zur Zusammenar-
    beit unbrauchbare Partei, der es aber gelingen
    kann, das andere, sog. Normale zu überwinden
    und in ihren Dienst zu zwingen. Geschieht dies,
    so ist damit die Herrschaft einer inneren psychi-
    schen Realität über die Realität der Außenwelt
    erreicht, der Weg zur Psychose eröffnet. Auch
    wo es nicht so weit kommt, ist die praktische
    Bedeutung dieser Verhältnisse kaum zu über-
    schätzen. Die Lebenshemmung und Lebensun-
    fähigkeit der von einer Neurose beherrschten
    Personen ist ein in der menschlichen Gesellschaft
    sehr bedeutsamer Faktor, und man darf in ihr
    den direkten Ausdruck ihrer Fixierung an ein
    frühes Stück ihrer Vergangenheit erkennen.
    Und nun fragen wir, was ist es mit der Latenz,
    die uns mit Rücksicht auf die Analogie beson-
    ders interessieren muss? An das Trauma der
    Kindheit kann sich ein neurotischer Ausbruch
    unmittelbar anschliessen, eine Kindheitsneurose,
    erfüllt von den Bemühungen zur Abwehr, unter
    Bildung von Symptomen. Sie kann längere Zeit
    anhalten, auffällige Störungen verursachen, aber
    auch latent verlaufen und übersehen werden. In
    ihr behält in der Regel die Abwehr die Ober-
    hand; auf jeden Fall bleiben Ichveränderungen,

  • S.

    139

    und die monotheistische Religion

    den Narbenbildungen vergleichbar, zurück. Nur
    selten setzt sich die Kinderneurose ohne Unter-
    brechung in die Neurose des Erwachsenen fort.
    Weit häufiger wird sie abgelöst von einer Zeit
    anscheinend ungestörter Entwicklung, ein Vor-
    gang, der durch das Dazwischentreten der phy-
    siologischen Latenzperiode unterstützt oder er-
    möglicht wird. Erst später tritt die Wandlung
    ein, mit der die endgültige Neurose als verspätete
    Wirkung des Traumas manifest wird. Dies ge-
    schieht entweder mit dem Einbruch der Puber-
    tät oder eine Weile später. Im ersteren Falle, in-
    dem die durch die physische Reifung verstärk-
    ten Triebe nun den Kampf wiederaufnehmen
    können, in dem sie anfänglich der Abwehr un-
    terlegen sind, im anderen Falle, weil die bei der
    Abwehr hergestellten Reaktionen und Ichver-
    änderungen sich nun als hinderlich für die Erle-
    digung der neuen Lebensaufgaben erweisen, so
    dass es nun zu schweren Konflikten zwischen
    den Anforderungen der realen Außenwelt und
    dem Ich kommt, das seine im Abwehrkampf
    mühsam erworbene Organisation bewahren will.
    Das Phänomen einer Latenz der Neurose zwi-
    schen den ersten Reaktionen auf das Trauma
    und dem späteren Ausbruch der Erkrankung
    muss als typisch anerkannt werden. Man darf
    diese Erkrankung auch als Heilungsversuch an-
    sehen, als Bemühung, die durch den Einfluss des

  • S.

    140

    Traumas abgespaltenen Anteile des Ichs wieder
    mit dem übrigen zu versöhnen und zu einem ge-
    gen die Außenwelt machtvollen Ganzen zu ver-
    einigen. Aber ein solcher Versuch gelingt nur
    selten, wenn nicht die analytische Arbeit zu
    Hilfe kommt, auch dann nicht immer, und er
    endet häufig genug in einer völligen Verwüstung
    und Zersplitterung des Ichs oder in dessen Über-
    wältigung durch den frühzeitig abgespaltenen,
    vom Trauma beherrschten Anteil.

    Um die Überzeugung des Lesers zu gewinnen,
    wäre die ausführliche Mitteilung zahlreicher
    neurotischer Lebensgeschichten erforderlich.
    Aber bei der Weitläufigkeit und Schwierigkeit
    des Gegenstandes würde dies den Charakter die-
    ser Arbeit völlig aufheben. Sie würde sich in
    eine Abhandlung über Neurosenlehre umwan-
    deln und auch dann wahrscheinlich nur auf jene
    Minderzahl wirken, die das Studium und die
    Ausübung der Psychoanalyse zur Lebensaufga-
    be gewählt hat. Da ich mich hier an einen weite-
    ren Kreis wende, kann ich nichts anderes tun, als
    den Leser ersuchen, dass er den im Vorstehen-
    den abgekürzt mitgeteilten Ausführungen eine
    gewisse vorläufige Glaubwürdigkeit zugestehe,
    womit also das Zugeständnis meinerseits ver-
    bunden ist, dass er die Folgerungen, zu denen
    ich ihn führe, nur dann anzunehmen braucht,

  • S.

    141

    und die monotheistische Religion

    wenn die Lehren, die ihre Voraussetzun-
    gen sind,
    sich als richtig bewähren.
    Ich kann immerhin versuchen, einen einzelnen
    Fall zu erzählen, der manche der erwähnten
    Eigentümlichkeiten der Neurose besonders deut-
    lich erkennen lässt. Natürlich darf man von
    einem einzigen Fall nicht erwarten, dass er alles
    zeigen wird, und braucht nicht enttäuscht zu
    sein, wenn er sich inhaltlich weit von dem ent-
    fernt, wozu wir die Analogie suchen.
    Das Knäblein, das, wie so häufig in kleinbürger-
    lichen Familien, in den ersten Lebensjahren das
    Schlafzimmer mit den Eltern teilte, hatte wie-
    derholt, ja regelmässig, Gelegenheit, im Alter der
    kaum erreichten Sprachfähigkeit die sexuellen
    Vorgänge zwischen den Eltern zu beobachten,
    manches zu sehen und mehr noch zu hören. In
    seiner späteren Neurose, die unmittelbar nach
    der ersten spontanen Pollution ausbricht, ist
    Schlafstörung das früheste und lästigste Sym-
    ptom. Er wird ausserordentlich empfindlich
    gegen nächtliche Geräusche und kann, einmal
    geweckt, den Schlaf nicht wiederfinden. Diese
    Schlafstörung war ein richtiges Kompromiss-
    symptom, einerseits der Ausdruck seiner Ab-
    wehr gegen jene nächtlichen Wahrnehmungen,
    andererseits ein Versuch, das Wachsein wieder-
    herzustellen, in dem er jenen Eindrücken lau-
    schen konnte.

  • S.

    142

    Durch solche Beobachtung frühzeitig zu aggres-
    siver Männlichkeit geweckt, begann das Kind
    seinen kleinen Penis mit der Hand zu erregen
    und verschiedene sexuelle Angriffe auf die Mutter
    zu unternehmen, in der Identifizierung mit dem
    Vater, an dessen Stelle er sich dabei setzte. Das
    ging so fort, bis er sich endlich von der Mutter
    das Verbot holte, sein Glied zu berühren, und
    des weiteren die Drohung von ihr hörte, sie wer-
    de es dem Vater sagen und der ihm zur Strafe
    das sündige Glied wegnehmen. Diese Kastra-
    tionsdrohung hatte eine ausserordentlich starke
    traumatische Wirkung auf den Knaben. Er gab
    seine sexuelle Tätigkeit auf und änderte seinen
    Charakter. Anstatt sich mit dem Vater zu iden-
    tifizieren, fürchtete er ihn, stellte sich passiv zu
    ihm ein und provozierte ihn durch gelegentliche
    Schlimmheit zu körperlichen Züchtigungen, die
    für ihn sexuelle Bedeutung hatten, so dass er
    sich dabei mit der misshandelten Mutter identi-
    fizieren konnte. An die Mutter selbst klammerte
    er sich immer ängstlicher an, als ob er keinen
    Moment lang ihre Liebe entbehren könnte, in
    der er den Schutz gegen die vom Vater drohende
    Kastrationsgefahr erblickte. In dieser Modifika-
    tion des Ödipuskomplexes verbrachte er die La-
    tenzzeit, die von auffälligen Störungen frei
    blieb. Er wurde ein Musterknabe, hatte guten
    Erfolg in der Schule.

  • S.

    143

    Soweit haben wir die unmittelbare Wirkung des
    Traumas verfolgt und die Tatsache der Latenz
    bestätigt.

    Der Eintritt der Pubertät brachte die manifeste
    Neurose und offenbarte deren zweites Haupt-
    symptom, die sexuelle Impotenz. Er hatte die
    Empfindlichkeit seines Gliedes eingebüßt, ver-
    suchte nicht, es zu berühren, wagte nicht, sich
    einer Frau in sexueller Absicht zu nähern. Seine
    sexuelle Betätigung blieb eingeschränkt auf psy-
    chische Onanie mit sadistisch-masochistischen
    Phantasien, in denen man unschwer die Ausläu-
    fer jener frühen Coitusbeobachtungen an den
    Eltern erkennt. Der Schub verstärkter Männ-
    lichkeit, den die Pubertät mit sich bringt, wurde
    für wütenden Vaterhass und Widersetzlich-
    keit gegen den Vater aufgewendet. Dies extre-
    me, bis zur Selbstzerstörung rücksichtslose Ver-
    hältnis zum Vater verschuldete auch seinen Miss-
    erfolg im Leben und seine Konflikte mit der
    Aussenwelt. Er durfte es in seinem Beruf zu
    nichts bringen, weil der Vater ihn in diesen Be-
    ruf gedrängt hatte. Er machte auch keine Freun-
    de, stand nie gut zu seinen Vorgesetzten.
    Als er, mit diesen Symptomen und Unfähigkei-
    ten behaftet, nach dem Tode des Vaters endlich
    eine Frau gefunden hatte, kamen wie als Kern
    seines Wesens Charakterzüge bei ihm zum Vor-
    schein, die den Umgang mit ihm zur schweren

  • S.

    144

    III. Moses, sein Volk,

    Aufgabe für alle ihm Näherstehenden machte.
    Er entwickelte eine absolut egoistische, despoti-
    sche und brutale Persönlichkeit, der es offenbar
    Bedürfnis war, die anderen zu unterdrücken
    und zu kränken. Es war die getreue Kopie des
    Vaters, wie sich dessen Bild in seiner Erinnerung
    gestaltet hatte, also ein Wiederaufleben der Va-
    teridentifizierung, in die sich seinerzeit der klei-
    ne Knabe aus sexuellen Motiven begeben hatte.
    In diesem Stück erkennen wir die Wiederkehr
    des Verdrängten, die wir nebst den unmittelba-
    ren Wirkungen des Traumas und dem Phäno-
    men der Latenz unter den wesentlichen Zügen
    einer Neurose beschrieben haben.

    D

    Anwendung

    Frühes Trauma – Abwehr – Latenz – Ausbruch
    der neurotischen Erkrankung – teilweise Wie-
    derkehr des Verdrängten: so lautete die Formel,
    die wir für die Entwicklung einer Neurose auf-
    gestellt haben. Der Leser wird nun eingeladen,
    den Schritt zur Annahme zu machen, dass im
    Leben der Menschenart ähnliches vorgefallen ist
    wie in dem der Individuen. Also dass es auch
    hier Vorgänge gegeben hat sexuell-aggressiven
    Inhalts, die bleibende Folgen hinterlassen ha-
    ben.

  • S.

    145

    und die monotheistische Religion

    ben, aber zumeist abgewehrt, vergessen wurden,
    später, nach langer Latenz zur Wirkung gekom-
    men sind und Phänomene, den Symptomen ähn-
    lich in Aufbau und Tendenz, geschaffen ha-
    ben.

    Wir glauben diese Vorgänge erraten zu können
    und wollen zeigen, dass ihre symptomähnlichen
    Folgen die religiösen Phänomene sind. Da sich
    seit dem Auftauchen der Evolutionsidee nicht
    mehr bezweifeln lässt, dass das Menschenge-
    schlecht eine Vorgeschichte hat, und da diese un-
    bekannt, das heisst vergessen ist, hat ein solcher
    Schluss beinahe das Gewicht eines Postulats.
    Wenn wir erfahren, dass die wirksamen und
    vergessenen Traumen sich hier wie dort auf das
    Leben in der menschlichen Familie beziehen,
    werden wir dies als eine hocherwünschte, nicht
    vorhergesehene, von den bisherigen Erörterungen
    nicht erforderte Zugabe begrüssen.

    Ich habe diese Behauptungen schon vor einem
    Vierteljahrhundert in meinem Buch „Totem
    und Tabu“ (1912) aufgestellt und brauche sie
    hier nur zu wiederholen. Die Konstruktion geht
    von einer Angabe Ch. Darwins aus und bezieht
    eine Vermutung von Atkinson ein. Sie besagt,
    dass in Urzeiten der Urmensch in kleinen Hor-
    den lebte, jede unter der Herrschaft eines star-
    ken Männchens. Die Zeit ist nicht angebbar, der
    Anschluss an die uns bekannten geologischen

  • S.

    146

    III. Moses, sein Volk,

    Epochen nicht erreicht, wahrscheinlich hatte es
    jenes Menschenwesen in der Sprachentwicklung
    noch nicht weit gebracht. Ein wesentliches
    Stück der Konstruktion ist die Annahme, dass
    die zu beschreibenden Schicksale alle Urmen-
    schen, also alle unsere Ahnen betroffen haben.
    Die Geschichte wird in grossartiger Verdichtung
    erzählt, als ob sich ein einziges Mal zugetragen
    hätte, was sich in Wirklichkeit über Jahrtausende
    sende erstreckt hat und in dieser langen Zeit un-
    gezählt oft wiederholt worden ist. Das starke
    Männchen war Herr und Vater der ganzen
    Horde, unbeschränkt in seiner Macht, die er ge-
    walttätig gebrauchte. Alle weiblichen Wesen
    waren sein Eigentum, die Frauen und Töchter
    der eigenen Horde, wie vielleicht auch die aus
    anderen Horden geraubten. Das Schicksal der
    Söhne war ein hartes; wenn sie die Eifersucht
    des Vaters erregten, wurden sie erschlagen oder
    kastriert oder ausgetrieben. Sie waren darauf
    angewiesen, in kleinen Gemeinschaften zusam-
    menzuleben und sich Frauen durch Raub zu
    verschaffen, wo es dann dem einen oder ande-
    ren gelingen konnte, sich zu einer ähnlichen Po-
    sition emporzuarbeiten wie die des Vaters in der
    Urhorde. Eine Ausnahmestellung ergab sich aus
    natürlichen Gründen für die jüngsten Söhne,
    die durch die Liebe der Mütter geschützt aus
    dem Altern des Vaters Vorteil ziehen und ihn

  • S.

    147

    und die monotheistische Religion

    nach seinem Ableben ersetzen konnten. Sowohl
    von der Austreibung der älteren wie von der Be-
    vorzugung der jüngsten Söhne glaubt man Nach-
    klänge in Sagen und Märchen zu erkennen.
    Der nächste entscheidende Schritt zur Änderung
    dieser ersten Art von „sozialer“ Organisation
    soll gewesen sein, dass die vertriebenen, in Ge-
    meinschaft lebenden Brüder sich zusammenta-
    ten, den Vater überwältigten und ihn nach der
    Sitte jener Zeiten roh verzehrten. An diesem
    Kannibalismus braucht man keinen Anstoss zu
    nehmen, er ragt weit in spätere Zeiten hinein. We-
    sentlich ist es aber, dass wir diesen Urmenschen
    die nämlichen Gefühlseinstellungen zuschreiben,
    wie wir sie bei den Primitiven der Gegenwart,
    unseren Kindern, durch analytische Erforschung
    feststellen können. Also dass sie den Vater nicht
    nur hassten und fürchteten, sondern auch ihn als
    Vorbild verehrten, und dass jeder sich in Wirk-
    lichkeit an seine Stelle setzen wollte. Der kanni-
    balistische Akt wird dann verständlich als Ver-
    such, sich durch Einverleibung eines Stücks von
    ihm der Identifizierung mit ihm zu versichern.
    Es ist anzunehmen, dass nach der Vatertötung
    eine längere Zeit folgte, in der die Brüder mit
    einander um das Vatererbe stritten, das ein jeder
    für sich allein gewinnen wollte. Die Einsicht in
    die Gefahren und die Erfolglosigkeit dieser
    Kämpfe, die Erinnerung an die gemeinsam voll-
     

  • S.

    148

    III. Moses, sein Volk,

    brachte Befreiungstat und die Gefühlsbindungen
    aneinander, die während der Zeiten der Ver-
    treibung entstanden waren, führten endlich zu
    einer Einigung unter ihnen, einer Art von Ge-
    sellschaftsvertrag. Es entstand die erste Form
    einer sozialen Organisation mit Triebverzicht,
    Anerkennung von gegenseitigen Verpflich-
    tungen, Einsetzung bestimmter, für unverbrüchlich
    (heilig) erklärter Institutionen, die Anfänge al-
    so von Moral und Recht. Jeder einzelne verzich-
    tete auf das Ideal, die Vaterstellung für sich zu
    erwerben, auf den Besitz von Mutter und
    Schwestern. Damit war das Inzesttabu und das
    Gebot der Exogamie gegeben. Ein gutes Stück
    der durch die Beseitigung des Vaters frei gewor-
    denen Machtvollkommenheit ging auf die Frau-
    en über, es kam die Zeit des Matriarchats. Das
    Andenken des Vaters lebte zu dieser Periode des
    „Brüderbundes“ fort. Ein starkes, vielleicht zu-
    erst immer auch gefürchtetes Tier wurde als Va-
    terersatz gefunden. Eine solche Wahl mag uns
    befremdend erscheinen, aber die Kluft, die der
    Mensch später zwischen sich und dem Tier her-
    gestellt hat, bestand nicht für den Primitiven
    und besteht auch nicht bei unseren Kin-
    dern, de-
    ren Tierphobien wir als Vate-
    rangst verstehen
    konnten. Im Verhältnis zum Totemtier war die
    ursprüngliche Zwiespältigkeit (Ambivalenz) der
    Gefühlsbeziehung zum Vater voll erhalten. Der

  • S.

    149

    und die monotheistische Religion

    Totem galt einerseits als leiblicher Ahnherr und
    Schutzgeist des Clans, er musste verehrt und ge-
    schont werden, anderseits wurde ein Festtag ein-
    gesetzt, an dem ihm das Schicksal bereitet wur-
    de, das der Urvater gefunden hatte. Er wurde
    von allen Genossen gemeinsam getötet und ver-
    zehrt (Totemmahlzeit nach Robertson Smith).
    Dieser grosse Festtag war in Wirklichkeit eine
    Triumphfeier des Sieges der verbündeten Söhne
    über den Vater.

    Wo bleibt in diesem Zusammenhange die Reli-
    gion? Ich meine, wir haben ein volles Recht, im
    Totemismus mit seiner Verehrung eines Vater-
    ersatzes, der durch die Totemmahlzeit bezeug-
    ten Ambivalenz, der Einsetzung von Gedenk-
    feiern, von Verboten, deren Übertretung mit
    dem Tode bestraft wird, – wir dürfen im To-
    temismus, sage ich, die erste Erscheinungsform
    der Religion in der menschlichen Geschichte er-
    kennen und deren von Anfang an bestehende
    Verknüpfung mit sozialen Gestaltungen und
    moralischen Verpflichtungen bestätigen. Die
    weiteren Entwicklungen der Religion können
    wir hier nur in kürzester Überschau behandeln.
    Sie gehen ohne Zweifel parallel mit den kultu-
    rellen Fortschritten des Menschengeschlechts
    und den Veränderungen im Aufbau der mensch-
    lichen Gemeinschaften.

    Der nächste Fortschritt vom Totemismus her ist

  • S.

    150

    III. Moses, sein Volk,

    die Vermenschlichung des verehrten Wesens. An
    die Stelle der Tiere treten menschliche Götter,
    deren Herkunft vom Totem nicht verhüllt ist.
    Entweder wird der Gott noch in Tiergestalt oder
    wenigstens mit dem Angesicht des Tieres gebil-
    det oder der Totem wird zum bevorzugten Be-
    gleiter des Gottes, von ihm unzertrennlich, oder
    die Sage läßt den Gott gerade dieses Tier erle-
    gen, das doch nur seine Vorstufe war. An einer
    nicht leicht bestimmbaren Stelle dieser Ent-
    wicklung treten große Muttergottheiten auf,
    wahrscheinlich noch vor den männlichen Göt-
    tern, die sich dann lange Zeit neben diesen er-
    halten. Unterdes hat sich eine große soziale Um-
    wälzung vollzogen. Das Mutterrecht wurde
    durch eine wiederhergestellte patriarchalische
    Ordnung abgelöst. Die neuen Väter erreichten
    freilich nie die Allmacht des Urvaters, es waren
    ihrer viele, die in größeren Verbänden, als die
    Horde gewesen war, mit einander lebten; sie
    mußten sich mit einander gut vertragen, blieben
    durch soziale Satzungen beschränkt. Wahr-
    scheinlich entstanden die Muttergottheiten zur
    Zeit der Einschränkung des Matriarchats zur
    Entschädigung der zurückgesetzten Mütter. Die
    männlichen Gottheiten erscheinen zuerst als
    Söhne neben den großen Müttern, erst später
    nehmen sie deutlich die Züge von Vatergestalten
    an. Diese männlichen Götter des Polytheismus

  • S.

    151

    und die monotheistische Religion

    spiegeln die Verhältnisse der patriarchalischen
    Zeit wider. Sie sind zahlreich, beschränken ein-
    ander gegenseitig, unterordnen sich gelegentlich
    einem überlegenen Obergott. Der nächste Schritt
    aber führt zu dem Thema, das uns hier beschäf-
    tigt, zur Wiederkehr des einen, einzigen, unum-
    schränkt herrschenden Vatergottes.
    Es ist zuzugeben, dass diese historische Über-
    sicht lückenhaft und in manchen Punkten unge-
    sichert ist. Aber wer unsere Konstruktion der
    Urgeschichte nur für phantastisch erklären woll-
    te, der würde den Reichtum und die Beweis-
    kraft des Materials, das in sie eingegangen ist,
    arg unterschätzen. Grosse Stücke der Vergan-
    genheit, die hier zu einem Ganzen verknüpft
    werden, sind historisch bezeugt, der Totemis-
    mus, die Männerbünde. Anderes hat sich in aus-
    gezeichneten Repliken erhalten. So ist es mehr-
    mals einem Autor aufgefallen, wie getreu der
    Ritus der christlichen Kommunion, in der der
    Gläubige in symbolischer Form Blut und Fleisch
    seines Gottes sich einverleibt, Sinn und Inhalt
    der alten Totemmahlzeit wiederholt. Zahlrei-
    che Überbleibsel der vergessenen Urzeit sind in
    den Sagen und Märchen der Völker erhalten, und
    in unerwarteter Reichhaltigkeit hat das analy-
    tische Studium des kindlichen Seelenlebens Stoff
    geliefert, um die Lücken unserer Kenntnis der
    Urzeiten auszufüllen. Als Beiträge zum Ver-
     

  • S.

    152

    ständnis des so bedeutsamen Vaterverhältnisses
    brauche ich nur die Tierphobien, die so seltsam
    anmutende Furcht, vom Vater gefressen zu wer-
    den, und die ungeheure Intensität der Kastras-
    tionsangst anzuführen. Es ist nichts an unserer
    Konstruktion, was frei erfunden wäre, was sich
    nicht auf gute Grundlagen stützen könnte.
    Nimmt man unsere Darstellung der Urgeschich-
    te als im ganzen glaubwürdig an, so erkennt
    man in den religiösen Lehren und Riten zweier-
    lei Elemente: einerseits Fixierungen an die alte
    Familiengeschichte und Überlebsel derselben,
    anderseits Wiederherstellungen des Vergange-
    nen, Wiederkehren des Vergessenen nach lan-
    gen Intervallen. Der letztere Anteil ist der, der,
    bisher übersehen und darum nicht verstanden,
    hier an wenigstens einem eindrucksvollen Bei-
    spiel erwiesen werden soll.
    Es ist besonderer Hervorhebung wert, dass jedes
    aus der Vergessenheit wiederkehrende Stück sich
    mit besonderer Macht durchsetzt, einen unver-
    gleichlich starken Einfluss auf die Menschenmas-
    sen übt und einen unwiderstehlichen Anspruch
    auf Wahrheit erhebt, gegen den logischer Ein-
    spruch machtlos bleibt. Nach Art des credo quia
    absurdum. Dieser merkwürdige Charakter lässt
    sich nur nach dem Muster des Irrwahns der Psy-
    chotiker verstehen. Wir haben längst begriffen,
    dass in der Wahnidee ein Stück vergessener Wahr-
    heit

  • S.

    153

    heit steckt, dass sich bei seiner Wiederkehr Ent-
    stellungen und Missverständnisse gefallen lassen
    musste, und dass die zwanghafte Überzeugung,
    die sich für den Wahn herstellt, von diesem
    Wahrheitskern ausgeht und sich auf die umhül-
    lenden Irrtümer ausbreitet. Einen solchen Ge-
    halt an historisch zu nennender Wahrheit müs-
    sen wir auch den Glaubenssätzen der Religionen
    zugestehen, die zwar den Charakter psychoti-
    scher Symptome an sich tragen, aber als Massen-
    phänomene dem Fluch der Isolierung entzogen
    sind.

    Kein anderes Stück der Religionsgeschichte ist
    uns so durchsichtig geworden wie die Einsetzung
    des Monotheismus im Judentum und dessen
    Fortsetzung im Christentum, wenn wir die ähn-
    lich lückenlos verständliche Entwicklung vom
    tierischen Totem zum menschlichen Gott mit
    seinem regelmässigen Begleiter beiseite lassen.
    (Noch jeder der vier christlichen Evangelisten
    hat sein Lieblingstier.) Lassen wir vorläufig die
    pharaonische Weltherrschaft als Anlass für das
    Auftauchen der monotheistischen Idee gelten, so
    sehen wir, dass diese von ihrem Boden losgelöst
    und auf ein anderes Volk übertragen, von die-
    sem Volk nach einer langen Zeit der Latenz Be-
    sitz ergreift, als kostbarster Besitz von ihm ge-
    hütet wird und nun ihrerseits das Volk am Le-
    ben erhält, indem sie ihm den Stolz der Auser-
     

  • S.

    154

    III. Moses, sein Volk,

    wähltheit schenkt. Es ist die Religion des Urva-
    ters, an die sich die Hoffnung auf Belohnung,
    Auszeichnung, endlich auf Weltherrschaft
    knüpft. Diese letztere Wunschphantasie, vom jü-
    dischen Volk längst aufgegeben, lebt noch heute
    bei den Feinden des Volkes im Glauben an die
    Verschwörung der „Weisen von Zion“ fort. Wir
    behalten uns vor, in einem späteren Abschnitt
    darzustellen, wie die besonderen Eigentümlich-
    keiten der Ägypten entlehnten monotheistischen
    Religion auf das jüdische Volk wirken und sei-
    nen Charakter für die Dauer prägen mußten
    durch die Ablehnung von Magie und Mystik,
    die Anregung zu Fortschritten in der Geistig-
    keit, die Aufforderung zu Sublimierungen, wie
    das Volk durch den Besitz der Wahrheit bese-
    ligt, überwältigt vom Bewusstsein der Auser-
    wähltheit, zur Hochschätzung des Intellektuel-
    len und zur Betonung des Ethischen gelangte,
    und wie die traurigen Schicksale, die realen Ent-
    täuschungen dieses Volkes alle diese Tendenzen
    verstärken konnten. Für jetzt wollen wir die
    Entwicklung in anderer Richtung verfolgen.
    Die Wiedereinsetzung des Urvaters in seine hi-
    storischen Rechte war ein großer Fortschritt,
    aber es konnte nicht das Ende sein. Auch die an-
    deren Stücke der prähistorischen Tragödie
    drängten nach Anerkennung. Was diesen Pro-
    zeß in Gang brachte, ist nicht leicht zu erraten.

  • S.

    155

    und die monotheistische Religion

    Es scheint, daß ein wachsendes Schuld-
    bewußtsein sich des jüdischen Volkes, vielleicht der gan-
    zen damaligen Kulturwelt bemächtigt hatte als
    Vorläufer der Wiederkehr des verdrängten In-
    halts. Bis dann einer aus diesem jüdischen Volk
    in der Justifizierung eines politisch-religiösen
    Agitators den Anlaß fand, mit dem eine neue,
    die christliche Religion sich vom Judentum ab-
    löste. Paulus, ein römischer Jude aus Tarsus,
    griff dieses Schuldbewußtsein auf und führte es
    richtig auf seine urgeschichtliche Quelle zurück.
    Er nannte diese die „Erbsünde“, es war ein Ver-
    brechen gegen Gott, daß nur durch den Tod ge-
    sühnt werden konnte. Mit der Erbsünde war der
    Tod in die Welt gekommen. In Wirklichkeit
    war dies todwürdige Verbrechen der Mord am
    später vergötterten Urvater gewesen. Aber es
    wurde nicht die Mordtat erinnert, sondern an-
    statt dessen ihre Sühnung phantasiert, und darum
    konnte diese Phantasie als Erlösungsbotschaft
    (Evangelium) begrüßt werden. Ein Sohn Got-
    tes hatte sich als Unschuldiger töten lassen und
    damit die Schuld Aller auf sich genommen. Es
    mußte ein Sohn sein, denn es war ja ein Mord
    am Vater gewesen. Wahrscheinlich hatten Tra-
    ditionen aus orientalischen und griechischen
    Mysterien auf den Ausbau der Erlösungsphan-
    tasie Einfluß genommen. Das Wesentliche an
    ihr scheint Paulus’ eigener Beitrag gewesen zu

  • S.

    156

    III. Moses, sein Volk,

    sein. Er war ein im eigentlichsten Sinn religiös
    veranlagter Mensch; die dunklen Spuren der
    Vergangenheit lauerten in seiner Seele, bereit
    zum Durchbruch in bewusstere Regionen.
    Dass sich der Erlöser schuldlos geopfert hatte,
    war eine offenbar tendenziöse Entstellung, die
    dem logischen Verständnis Schwierigkeiten be-
    reitete, denn wie soll ein an der Mordtat Un-
    schuldiger die Schuld der Mörder auf sich neh-
    men können, dadurch, dass er sich selbst töten
    lässt? In der historischen Wirklichkeit bestand
    ein solcher Widerspruch nicht. Der „Erlöser“
    konnte kein anderer sein als der Hauptschuldige,
    der Anführer der Brüderbande, die den Vater
    überwältigt hatte. Ob es einen solchen Hauptre-
    bellen und Anführer gegeben hat, muss man
    nach meinem Urteil unentschieden lassen. Es ist
    sehr wohl möglich, aber man muss auch in Be-
    tracht ziehen, dass jeder einzelne der Brüder-
    bande gewiss den Wunsch hatte, für sich allein
    die Tat zu begehen und sich so eine Ausnahme-
    stellung und einen Ersatz für die aufzugebende,
    in der Gemeinschaft untergehende Vateridenti-
    fizierung zu schaffen. Wenn es keinen solchen
    Anführer gab, dann ist Christus der Erbe einer
    unerfüllt gebliebenen Wunschphantasie, wenn
    ja, dann ist er sein Nachfolger und seine Rein-
    karnation. Aber gleichgültig, ob hier Phantasie
    oder Wiederkehr einer vergessenen Realität vor--

  • S.

    157

    und die monotheistische Religion

    liegt, jedenfalls ist an dieser Stelle der Ursprung
    der Vorstellung vom Heros zu finden, vom Hel-
    den, der sich ja immer gegen den Vater empört
    und ihn in irgendeiner Gestalt tötet.1) Auch die
    wirkliche Begründung der sonst schwer nach-
    weisbaren „tragischen Schuld“ des Helden im
    Drama. Es ist kaum zu bezweifeln, dass der
    Held und der Chor im griechischen Drama die-
    sen selben rebellischen Helden und die Brüder-
    bande darstellen, und es ist nicht bedeutungslos,
    dass im Mittelalter das Theater mit der Darstel-
    lung der Passionsgeschichte wieder neu beginnt.
    Wir haben schon gesagt, dass die christliche Ze-
    remonie der heiligen Kommunion, in der der
    Gläubige Blut und Fleisch des Heilands sich ein-
    verleibt, den Inhalt der alten Totemmahlzeit
    wiederholt, freilich nur in ihrem zärtlichen, die
    Verehrung ausdrückenden, nicht in ihrem ag-
    gressiven Sinn. Die Ambivalenz, die das Vater-
    verhältnis beherrscht, zeigte sich aber deutlich
    im Endergebnis der religiösen Neuerung. An
    geblich zur Versöhnung des Vatergottes be-
    stimmt, ging sie in dessen Entthronung und Be-
    seitigung aus. Das Judentum war eine Vaterre-

    1)Ernest Jones macht darauf aufmerksam, das der Gott
    Mithras, der den Stier tötet, diesen Anführer darstellen
    könnte, der sich seiner Tat rühmt. Es ist bekannt, wie
    lange die Mithrasverehrung mit dem jungen Christen-
    tum um den Endsieg stritt.

  • S.

    158

    ligion gewesen, das Christentum wurde eine
    Sohnesreligion. Der alte Gottvater trat hinter
    Christus zurück, Christus, der Sohn, kam an sei-
    ne Stelle, ganz so, wie es in jener Urzeit jeder
    Sohn ersehnt hatte. Paulus, der Fortsetzer des
    Judentums, wurde auch sein Zerstörer. Seinen
    Erfolg dankte er gewiß in erster Linie der Tat-
    sache, daß er durch die Erlösungsidee das
    Schuldbewußtsein der Menschheit beschwor,
    aber daneben auch dem Umstand, daß er die
    Auserwähltheit seines Volkes und ihr sichtbares
    Anzeichen, die Beschneidung, aufgab, so daß
    die neue Religion eine universelle, alle Men-
    schen umfassende werden konnte. Mag an die-
    sem Schritt des Paulus auch seine persönliche
    Rachsucht Anteil gehabt haben ob des Wider-
    spruchs, den seine Neuerung in jüdischen Kreisen
    fand, so war doch damit ein Charakter der alten
    Atonreligion wiederhergestellt, eine Einengung
    aufgehoben worden, die sie beim Übergang auf
    einen neuen Träger, auf das jüdische Volk, er-
    worben hatte.

    In manchen Hinsichten bedeutete die neue Reli-
    gion eine kulturelle Regression gegen die ältere,
    jüdische, wie es ja beim Einbruch oder bei der
    Zulassung neuer Menschenmassen von niedrige-
    rem Niveau regelmäßig der Fall ist. Die christ-
    liche Religion hielt die Höhe der Vergeistigung
    nicht ein, zu der sich das Judentum aufge-
     

  • S.

    159

    und die monotheistische Religion
     

    schwungen hatte. Sie war nicht mehr streng mo-
    notheistisch, übernahm von den umgebenden
    Völkern zahlreiche symbolische Riten, stellte die
    grosse Muttergottheit wieder her und fand Platz
    zur Unterbringung vieler Göttergestalten des
    Polytheismus in durchsichtiger Verhüllung, ob-
    zwar in untergeordneten Stellungen. Vor allem
    verschloss sie sich nicht wie die Atonreligion und
    die ihr nachfolgende mosaische dem Eindrin-
    gen abergläubischer, magischer und mystischer
    Elemente, die für die geistige Entwicklung der
    nächsten zwei Jahrtausende eine schwere Hem-
    mung bedeuten sollten.
    Der Triumph des Christentums war ein erneu-
    erter Sieg der Ammonspriester über den Gott
    Ikhnatons nach anderthalbtausendjährigem In-
    tervall und auf erweitertem Schauplatz. Und
    doch war das Christentum religionsgeschicht-
    lich, d.h. in Bezug auf die Wiederkehr des Ver-
    drängten, ein Fortschritt, die jüdische Religion
    von da ab gewissermassen ein Fossil.
    Es wäre der Mühe wert, zu verstehen, wie es
    kam, dass die monotheistische Idee grade auf das
    jüdische Volk einen so tiefen Eindruck machen
    und von ihm so zähe festgehalten werden konn-
    te. Ich glaube, man kann diese Frage beantwor-
    ten. Das Schicksal hatte dem jüdischen Volke
    die Grosstat und Untat der Urzeit, die Vater-
    tötung, näher gerückt, indem es dasselbe veran-
     

  • S.

    160

    III. Moses, sein Volk,

    lasste, sie an der Person des Moses, einer her-
    vorragenden Vatergestalt, zu wiederholen. Es
    war ein Fall von „Agieren“ anstatt zu erinnern,
    wie er sich so häufig während der analytischen
    Arbeit am Neurotiker ereignet. Auf die Anre-
    gung zur Erinnerung, die ihnen die Lehre Mo-
    ses’ brachte, reagierten sie aber mit der Verleug-
    nung ihrer Aktion, blieben bei der Anerkennung
    des grossen Vaters stehen und sperrten sich so
    den Zugang zur Stelle, an der später Paulus die
    Fortsetzung der Urgeschichte anknüpfen sollte.
    Es ist kaum gleichgültig oder zufällig, dass die
    gewaltsame Tötung eines anderen grossen Man-
    nes auch der Ausgangspunkt für die religiöse
    Neuschöpfung des Paulus wurde. Eines Man-
    nes, den eine kleine Anzahl von Anhängern in
    Judäa für den Sohn Gottes und den angekün-
    digten Messias hielt, auf den auch später ein
    Stück der dem Moses angedichteten Kindheits-
    geschichte überging, von dem wir aber in Wirk-
    lichkeit kaum mehr Sicheres wissen als von Mo-
    ses selbst, nicht wissen, ob er wirklich der grosse
    Lehrer war, den die Evangelien schildern, oder
    ob nicht vielmehr die Tatsache und die Um-
    stände seines Todes entscheidend wurden für die
    Bedeutung, die seine Person gewonnen hat. Pau-
    lus, der sein Apostel wurde, hat ihn selbst nicht
    gekannt.

    Die von Sellin aus ihren Spuren in der Tradition

  • S.

    161

    und die monotheistische Religion

    erkannte, merkwürdigerweise auch vom jungen
    Goethe ohne jeden Beweis angenommene, Tötung
    des Moses durch sein Judenvolk 1) wird so ein un-
    entbehrliches Stück unserer Konstruktion, ein
    wichtiges Bindeglied zwischen dem vergessenen
    Vorgang der Urzeit und dem späten Wiederauf-
    tauchen in der Form der monotheistischen Reli-
    gionen.2) Es ist eine ansprechende Vermutung,
    dass die Reue um den Mord an Moses den Antrieb
    zur Wunschphantasie vom Messias gab, der Wie-
    derkommen und seinem Volk die Erlösung und
    die versprochene Weltherrschaft bringen sollte.
    Wenn Moses dieser erste Messias war, dann ist
    Christus sein Ersatzmann und Nachfolger ge-
    worden, dann konnte auch Paulus mit einer ge-
    wissen historischen Berechtigung den Völkern
    zurufen: Sehet, der Messias ist wirklich gekom-
    men, er ist ja vor Euren Augen hingemordet
    worden. Dann ist auch an der Auferstehung
    Christi ein Stück historischer Wahrheit, denn
    er war der wieder erstandene Moses, hinter die-
    sem der wiedergekehrte Urvater der primitiven
    Horde, verklärt und als Sohn an die Stelle des
    Vates gerückt.

    1)Israel in der Wüste. Bd. 7 der Weimarer Ausgabe,
    S. 170.

    2)Vgl. zu diesem Thema die bekannten Ausführungen
    von Frazer, The golden Bough, vol. III, The dying
    God.

  • S.

    162

    III. Moses, sein Volk,

    Das arme jüdische Volk, das mit gewohnter
    Hartnäckigkeit den Mord am Vater zu verleug-
    nen fortfuhr, hat im Laufe der Zeiten schwer
    dafür gebüßt. Es wurde ihm immer wieder vor-
    gehalten: Ihr habt unseren Gott getötet. Und die-
    ser Vorwurf hat recht, wenn man ihn richtig
    übersetzt. Er lautet dann auf die Geschichte der
    Religionen bezogen: Ihr wollt nicht zugeben,
    dass ihr Gott (das Urbild Gottes, den Urvater,
    und seine späteren Reinkarnationen) gemordet
    habt. Ein Zusatz sollte aussagen: Wir haben
    freilich dasselbe getan, aber wir haben es zuge-
    standen und wir sind seither entsühnt. Nicht
    alle Vorwürfe, mit denen der Antisemitismus die
    Nachkommen des jüdischen Volkes verfolgt,
    können sich auf eine ähnliche Rechtfertigung
    berufen. Ein Phänomen von der Intensität und
    Dauerhaftigkeit des Judenhasses der Völker
    muss natürlich mehr als nur einen Grund haben.
    Man kann eine ganze Reihe von Gründen erra-
    ten, manche offenkundig aus der Realität abge-
    leitet, die keiner Deutung bedürfen, andere tie-
    ferliegende, aus geheimen Quellen stammend,
    die man als die spezifischen Motive anerkennen
    möchte. Von den ersteren ist der Vorwurf der
    Landfremdheit wohl der hinfälligste, denn an
    vielen, heute vom Antisemitismus beherrschten
    Orten gehören die Juden zu den ältesten Antei-
    len der Bevölkerung oder sind selbst früher zur
     

  • S.

    163

    Stelle gewesen als die gegenwärtigen Einwoh-
    ner. Das trifft z.B. zu für die Stadt Köln, wo-
    hin die Juden mit den Römern kamen, ehe sie
    noch von Germanen besetzt wurde. Andere Be-
    gründungen des Judenhasses sind stärker, so der
    Umstand, dass sie zumeist als Minoritäten unter
    anderen Völkern leben, denn das Gemeinschafts-
    gefühl der Massen braucht zu seiner Ergänzung
    die Feindseligkeit gegen eine aussenstehende
    Minderzahl, und die numerische Schwäche die-
    ser Ausgeschlossenen fordert zu deren Unter-
    drückung auf. Ganz unverzeihlich sind aber
    zwei andere Eigenheiten der Juden. Erstens, dass
    sie in manchen Hinsichten verschieden sind von
    ihren „Wirtsvölkern“. Nicht grundverschieden,
    denn sie sind nicht fremdrassige Asiaten, wie die
    Feinde behaupten, sondern zumeist aus Resten
    der mediterranen Völker zusammengesetzt und
    Erben der Mittelmeerkultur. Aber sie sind doch
    anders, oft in undefinierbarer Art anders als zu-
    mal die nordischen Völker, und die Intoleranz
    der Massen äussert sich merkwürdigerweise
    gegen kleine Unterschiede stärker als gegen fun-
    damentale Differenzen. Noch stärker wirkt der
    zweite Punkt, nämlich dass sie allen Bedrückun-
    gen trotzen, dass es den grausamsten Verfolgun-
    gen nicht gelungen ist, sie auszurotten, ja, dass
    sie vielmehr die Fähigkeit zeigen, sich im Er-
    werbsleben zu behaupten und, wo man sie zu-
     

  • S.

    164

    III. Moses, sein Volk,

    lässt, wertvolle Beiträge zu allen kulturellen
    Leistungen zu machen.

    Die tieferen Motive des Judenhasses wurzeln in
    längst vergangene Zeiten, sie wirken aus dem
    Unbewussten der Völker, und ich bin darauf ge-
    fasst, dass sie zunächst nicht glaubwürdig er-
    scheinen werden. Ich wage die Behauptung, dass
    die Eifersucht auf das Volk, welches sich für das
    erstgeborene, bevorzugte Kind Gottvaters aus-
    gab, bei den anderen heute noch nicht überwun-
    den ist, so als ob sie dem Anspruch Glauben ge-
    schenkt hätten. Ferner hat unter den Sitten,
    durch die sich die Juden absonderten, die der
    Beschneidung einen unliebsamen, unheimlichen
    Eindruck gemacht, der sich wohl durch die Mah-
    nung an die gefürchtete Kastration erklärt und
    damit an ein gern vergessenes Stück der urzeit-
    lichen Vergangenheit rührt. Und endlich das
    späteste Motiv dieser Reihe, man sollte nicht ver-
    gessen, dass alle diese Völker, die sich heute im
    Judenhass hervortun, erst in späthistorischen Zei-
    ten Christen geworden sind, oft durch blutigen
    Zwang dazu getrieben. Man könnte sagen, sie
    sind alle „schlecht getauft“, unter einer dünnen
    Tünche von Christentum sind sie geblieben, was
    ihre Ahnen waren, die einem barbarischen Poly-
    theismus huldigten. Sie haben ihren Groll gegen
    die neue, ihnen aufgedrängte Religion nicht
    überwunden, aber sie haben ihn auf die Quelle

  • S.

    165

    und die monotheistische Religion

    verschoben, von der das Christentum zu ihnen
    kam. Die Tatsache, dass die Evangelien eine Ge-
    schichte erzählen, die unter Juden und eigentlich
    nur von Juden handelt, hat ihnen eine solche
    Verschiebung erleichtert. Ihr Judenhass ist im
    Grunde Christenhass, und man braucht sich
    nicht zu wundern, dass in der deutschen natio-
    nalsocialistischen Revolution diese innige Be-
    ziehung der zwei monotheistischen Religionen
    in der feindseligen Behandlung beider so deut-
    lichen Ausdruck findet.

    E

    Schwierigkeiten

    Vielleicht ist es im Vorstehenden geglückt, die
    Analogie zwischen neurotischen Vorgängen und
    den religiösen Geschehnissen durchzuführen und
    damit auf den unvermuteten Ursprung der letz-
    teren hinzuweisen. Bei dieser Übertragung aus
    der Individual- in die Massenpsychologie stellen
    sich zwei Schwierigkeiten heraus von verschie-
    dener Natur und Würdigkeit, denen wir uns
    jetzt zuwenden müssen. Die erste ist, dass wir
    hier nur einen Fall aus der reichhaltigen Phäno-
    menologie der Religionen behandelt, kein Licht
    geworfen haben auf die anderen. Mit Bedauern
    muss der Autor eingestehen, dass er nicht mehr
    geben kann als diese eine Probe, dass sein Fach-
     

  • S.

    166

    wissen nicht ausreicht, um die Untersuchung zu
    vervollständigen. Er kann aus seiner beschränk-
    ten Kenntnis etwa noch hinzufügen, der Fall
    der mahomedanischen Religionsstiftung erschei-
    ne ihm wie eine abgekürzte Wiederholung der
    jüdischen, als deren Nachahmung sie auftrat. Es
    scheint ja, dass der Prophet ursprünglich die
    Absicht hatte, für sich und sein Volk das Juden-
    tum voll anzunehmen. Die Wiedergewinnung
    des einzigen grossen Urvaters brachte bei den
    Arabern eine ausserordentliche Hebung des
    Selbstbewusstseins hervor, die zu grossen welt-
    lichen Erfolgen führte, sich aber auch in ihnen
    erschöpfte. Allah zeigte sich seinem auserwähl-
    ten Volk weit dankbarer als seinerzeit Jahve
    dem seinen. Aber die innere Entwicklung der
    neuen Religion kam bald zum Stillstand, viel-
    leicht weil es an der Vertiefung fehlte, die im
    jüdischen Falle der Mord am Religionsstifter
    verursacht hatte. Die anscheinend rationalisti-
    schen Religionen des Ostens sind ihrem Kern
    nach Ahnenkult, machen also auch Halt bei ei-
    ner frühen Stufe der Rekonstruktion des Ver-
    gangenen. Wenn es richtig ist, dass bei primiti-
    ven Völkern der Jetztzeit die Anerkennung ei-
    nes höchsten Wesens als einziger Inhalt ihrer
    Religion gefunden wird, so kann man dies nur
    als Verkümmerung der Religionsentwicklung
    auffassen und in Beziehung setzen zu den unge-
     

  • S.

    167

    und die monotheistische Religion

    zählten Fällen rudimentärer Neurosen, die man
    auf jenem anderen Gebiet konstatiert. Warum
    es hier wie dort nicht weitergegangen ist, dafür
    fehlt uns in beiden Fällen das Verständnis. Man
    muss daran denken, die individuelle Begabung
    dieser Völker, die Richtung ihrer Tätigkeit und
    ihrer allgemeinen sozialen Zustände dafür ver-
    antwortlich zu machen. Übrigens ist es eine gute
    Regel der analytischen Arbeit, dass man sich
    mit der Erklärung des Vorhandenen begnüge
    und sich nicht bemühe zu erklären, was nicht
    zustandegekommen ist.

    Die zweite Schwierigkeit bei dieser Übertragung
    auf die Massenpsychologie ist weit bedeutsamer,
    weil sie ein neues Problem von prinzipieller Na-
    tur aufwirft. Es stellt sich die Frage, in welcher
    Form ist die wirksame Tradition im Leben der
    Völker vorhanden, eine Frage, die es beim Indi-
    viduum nicht gibt, denn hier ist sie durch die
    Existenz der Erinnerungsspuren des Vergange-
    nen im Unbewussten erledigt. Gehen wir auf
    unser historisches Beispiel zurück. Wir haben das
    Kompromiss in Quadeš auf den Fortbestand ei-
    ner mächtigen Tradition bei den aus Ägypten
    Zurückgekehrten begründet. Dieser Fall birgt
    kein Problem. Nach unserer Annahme stützte
    sich eine solche Tradition auf bewusste Erinne-
    rung an mündliche Mitteilungen, die die damals
    Lebenden von ihren Vorfahren, nur zwei oder

  • S.

    168

    drei Generationen zurück, empfangen hatten,
    und letztere waren Teilnehmer und Augenzeugen
    der betreffenden Ereignisse gewesen. Aber kön-
    nen wir für die späteren Jahrhunderte dasselbe
    glauben, dass die Tradition immer ein auf nor-
    male Weise mitgeteiltes Wissen zur Grundlage
    hatte, das vom Ahn auf den Enkel übertragen
    worden? Welches die Personen waren, die ein
    solches Wissen bewahrten und es mündlich fort-
    pflanzten, lässt sich nicht mehr wie im früheren
    Falle angeben. Nach Sellin war die Tradition
    vom Mord an Moses in Priesterkreisen immer
    vorhanden, bis sie endlich ihren schriftlichen
    Ausdruck fand, der allein es Sellin möglich
    machte, sie zu erraten. Aber sie kann nur Weni-
    gen bekannt gewesen sein, sie war nicht Volks-
    gut. Und reicht das aus, um ihre Wirkung zu er-
    klären? Kann man einem solchen Wissen von
    Wenigen die Macht zuschreiben, die Massen so
    nachhaltig zu ergreifen, wenn es zu ihrer Kennt-
    nis kommt? Es sieht doch eher so aus, als müsste
    auch in der unwissenden Masse etwas vorhan-
    den sein, was dem Wissen der Wenigen irgend-
    wie verwandt ist und ihm entgegenkommt, wenn
    es geäussert wird.
    Die Beurteilung wird noch schwieriger, wenn
    wir uns zum analogen Fall aus der Urzeit wen-
    den. Dass es einen Urvater von den bekannten
    Eigenschaften gegeben und welches Schicksal

  • S.

    169

    und die monotheistische Religion

    ihn betroffen, ist im Laufe der Jahrtausende
    ganz gewiss vergessen worden, auch kann man
    keine mündliche Tradition davon wie im Falle
    Moses annehmen. In welchem Sinne kommt also
    eine Tradition überhaupt in Betracht? In wel-
    cher Form kann sie vorhanden gewesen sein?
    Um es Lesern leichter zu machen, die nicht ge-
    willt oder nicht vorbereitet sind, sich in einen
    komplizierten psychologischen Sachverhalt zu
    vertiefen, werde ich das Ergebnis der nun fol-
    genden Untersuchung voranstellen. Ich meine,
    die Übereinstimmung zwischen dem Individu-
    um und der Masse ist in diesem Punkt eine fast
    vollkommene, auch in den Massen bleibt der
    Eindruck der Vergangenheit in unbewussten Er-
    innerungsspuren erhalten.

    Beim Individuum glauben wir klar zu sehen.
    Die Erinnerungsspur des früh Erlebten ist in ihm
    erhalten geblieben, nur in einem besonderen
    psychologischen Zustand. Man kann sagen, das
    Individuum hat es immer gewusst, so wie man
    eben um das Verdrängte weiss. Wir haben uns
    da bestimmte, durch die Analyse unschwer zu
    erhärtende Vorstellungen gebildet, wie etwas
    vergessen werden und wie es nach einer Weile
    wieder zum Vorschein kommen kann. Das Ver-
    gessene ist nicht ausgelöscht, sondern nur „ver-
    drängt“, seine Erinnerungsspuren sind in aller
    Frische vorhanden, aber durch „Gegenbesetzun-

  • S.

    170

    „gen“ isoliert. Sie können nicht in den Verkehr
    mit den anderen intellektuellen Vorgängen ein-
    treten, sind unbewusst, dem Bewusstsein unzu-
    gänglich. Es kann auch sein, dass gewisse An-
    teile des Verdrängten sich dem Prozess entzo-
    gen haben, der Erinnerung zugänglich bleiben,
    gelegentlich im Bewusstsein auftauchen, aber
    auch dann sind sie isoliert, wie Fremdkörper
    ausser Zusammenhang mit dem anderen. Es
    kann so sein, aber es braucht nicht so zu sein, die
    Verdrängung kann auch vollständig sein und an
    diesen Fall wollen wir uns für das Weitere hal-
    ten.

    Dies Verdrängte behält seinen Auftrieb, sein
    Streben, zum Bewusstsein vorzudringen. Es er-
    reicht sein Ziel unter drei Bedingungen, 1) wenn
    die Stärke der Gegenbesetzung herabgesetzt
    wird durch Krankheitsprozesse, die das andere,
    das sogenannte Ich, befallen, oder durch eine an-
    dere Verteilung der Besetzungsenergien in die-
    sem Ich, wie es regelmässig im Schlafzustand
    geschieht; 2) wenn die am Verdrängten haften-
    den Triebanteile eine besondere Verstärkung er-
    fahren, wofür die Vorgänge während der Pu-
    bertät das beste Beispiel geben; 3) wenn im re-
    zenten Erleben zu irgend einer Zeit Eindrücke,
    Erlebnisse auftreten, die dem Verdrängten so
    ähnlich sind, dass sie es zu erwecken vermögen.
    Dann verstärkt sich das Rezente durch die la-

  • S.

    171

    und die monotheistische Religion

    tente Energie des Verdrängten und das Ver-
    drängte kommt hinter dem Rezenten mit seiner
    Hilfe zur Wirkung. In keinem dieser drei Fälle
    kommt das bisher Verdrängte glatt, unverän-
    dert zum Bewußtsein, sondern immer muß es
    sich Entstellungen gefallen lassen, die den Ein-
    fluß des nicht ganz überwundenen Widerstan-
    des aus der Gegenbesetzung bezeugen oder den
    modifizierenden Einfluß des rezenten Erleb-
    nisses oder beides.

    Als Kennzeichen und Anhalt zur Orientierung
    hat uns die Unterscheidung gedient, ob ein psy-
    chischer Vorgang bewußt oder unbewußt ist.
    Das Verdrängte ist unbewußt. Nun wäre es eine
    erfreuliche Vereinfachung, wenn dieser Satz
    auch eine Umkehrung zuliesse, wenn also die
    Differenz der Qualitäten bewußt (bw.) und un-
    bewußt (ubw.) zusammenfiele mit der Schei-
    dung: ichzugehörig und verdrängt. Die Tatsa-
    che, dass es in unserem Seelenleben solche isolier-
    ten und unbewussten Dinge gibt, wäre neu und
    wichtig genug. In Wirklichkeit liegt es kompli-
    zierter. Es ist richtig, dass alles Verdrängte un-
    bewußt ist, aber nicht mehr richtig, dass alles,
    was zum Ich gehört, bewußt ist. Wir werden
    darauf aufmerksam, dass das Bewußtsein eine
    flüchtige Qualität ist, die einem psychischen
    Vorgang nur vorübergehend anhaftet. Wir müs-
    sen darum für unsere Zwecke „bewußt“ erset-
    zen.

  • S.

    172

    III. Moses, sein Volk

    zen durch „bewußtseinsfähig“ und nennen die
    se Qualität „vorbewußt“ (vbw.). Wir sagen
    dann richtiger, das Ich ist wesentlich vorbe-
    wußt (virtuell bewußt), aber Anteile des Ichs
    sind unbewußt.

    Diese letztere Feststellung lehrt uns, daß die
    Qualitäten, an die wir uns bisher gehalten ha-
    ben, zur Orientierung im Dunkel des Seelenle-
    bens nicht ausreichen. Wir müssen eine andere
    Unterscheidung einführen, die nicht mehr qua-
    litativ, sondern topisch und, was ihr einen be-
    sonderen Wert verleiht, gleichzeitig genetisch
    ist. Wir sondern jetzt in unserem Seelenleben,
    das wir als einen aus mehreren Instanzen, Bezir-
    ken, Provinzen zusammengesetzten Apparat
    auffassen, eine Region, die wir das eigentliche
    Ich heißen, von einer anderen, die wir das Es
    nennen. Das Es ist das ältere, das Ich hat sich
    aus ihm wie eine Rindenschicht durch den Ein-
    fluß der Außenwelt entwickelt. Im Es greifen
    unsere ursprünglichen Triebe an, alle Vorgänge
    im Es verlaufen unbewußt. Das Ich deckt sich,
    wie wir bereits erwähnt haben, mit dem Bereich
    des Vorbewußten, es enthält Anteile, die nor-
    malerweise unbewußt bleiben. Für die psychi-
    schen Vorgänge im Es gelten ganz andere Ge-
    setze des Ablaufs und der gegenseitigen Beein-
    flussung, als die im Ich herrschen. In Wirklich-
    keit ist es ja die Entdeckung dieser Unterschiede,

  • S.

    173

    und die monotheistische Religion

    die uns zu unserer neuen Auffassung geleitet hat
    und diese rechtfertigt.
    Das Verdrängte ist dem Es zuzurechnen und
    unterliegt auch den Mechanismen desselben, es
    sondert sich nur in Hinsicht der Genese von ihm
    ab. Die Differenzierung vollzieht sich in der
    Frühzeit, während sich das Ich aus dem Es ent-
    wickelt. Dann wird ein Teil der Inhalte des Es
    vom Ich aufgenommen und auf den vorbewuss-
    ten Zustand gehoben, ein anderer Teil wird von
    dieser Übersetzung nicht betroffen und bleibt
    als das eigentliche Unbewusste im Es zurück. Im
    weiteren Verlauf der Ichbildung werden aber
    gewisse psychische Eindrücke und Vorgänge im
    Ich durch einen Abwehrprozess ausgeschlossen;
    der Charakter des Vorbewussten wird ihnen
    entzogen, so dass sie wiederum zu Bestandteilen
    des Es erniedrigt worden sind. Dies ist also das
    „Verdrängte“ im Es. Was den Verkehr zwi-
    schen beiden seelischen Provinzen betrifft, so
    nehmen wir also an, dass einerseits der unbe-
    wusste Vorgang im Es aufs Niveau des Vorbe-
    wussten gehoben und dem Ich einverleibt wird,
    und dass anderseits Vorbewusstes im Ich den
    umgekehrten Weg machen und ins Es zurück-
    versetzt werden kann. Es bleibt ausserhalb un-
    seres gegenwärtigen Interesses, dass sich später
    im Ich ein besonderer Bezirk, der des „Über-
    Ichs“, abgrenzt.

  • S.

    174

    III. Moses, sein Volk

    Das alles mag weit entfernt von einfach schei-
    nen, aber wenn man sich mit der ungewohnten
    räumlichen Auffassung des seelischen Apparats
    befreundet hat, kann es der Vorstellung doch
    keine besonderen Schwierigkeiten bereiten. Ich
    füge noch die Bemerkung an, dass die hier ent-
    wickelte psychische Topik nichts mit der Ge-
    hirnanatomie zu tun hat, sie eigentlich nur an
    einer Stelle streift. Das Unbefriedigende an die-
    ser Vorstellung, das ich so deutlich wie jeder an-
    dere verspüre, geht von unserer völligen Unwis-
    senheit über die dynamische Natur der seeli-
    schen Vorgänge aus. Wir sagen uns, was eine
    bewusste Vorstellung von einer vorbewussten,
    diese von einer unbewussten unterscheidet, kann
    nichts anderes sein als eine Modifikation, viel-
    leicht auch eine andere Verteilung der psychi-
    schen Energie. Wir sprechen von Besetzungen
    und Überbesetzungen, aber darüber hinaus fehlt
    uns jede Kenntnis und sogar jeder Ansatz zu ei-
    ner brauchbaren Arbeitshypothese. Über das
    Phänomen des Bewusstseins können wir noch
    angeben, dass es ursprünglich an der Wahrneh-
    mung hängt. Alle Empfindungen, die durch
    Wahrnehmung von Schmerz-, Getast-, Gehörs-
    oder Gesichtsreizungen entstehen, sind am ehe-
    sten bewusst. Die Denkvorgänge und was ihnen
    im Es analog sein mag, sind an sich unbewusst
    und erwerben sich den Zugang zum Bewusstsein

  • S.

    175

    und die monotheistische Religion

    durch Verknüpfung mit Erinnerungsresten von
    Wahrnehmungen des Gesichts und Gehörs auf
    dem Wege der Sprachfunktion. Beim Tier, dem
    die Sprache fehlt, müssen diese Verhältnisse ein
    facher liegen.

    Die Eindrücke der frühen Traumen, von denen
    wir ausgegangen sind, werden entweder nicht
    ins Vorbewusste übersetzt oder bald durch die
    Verdrängung in den Eszustand zurückversetzt.
    Ihre Erinnerungsreste sind dann unbewusst und
    wirken vom Es aus. Wir glauben ihr weiteres
    Schicksal gut verfolgen zu können, solange es
    sich bei ihnen um Selbsterlebtes handelt. Eine
    neue Komplikation tritt aber hinzu, wenn wir
    auf die Wahrscheinlichkeit aufmerksam wer-
    den, dass im psychischen Leben des Individuums
    nicht nur selbsterlebte, sondern auch bei der Ge-
    burt mitgebrachte Inhalte wirksam sein mögen,
    Stücke von phylogenetischer Herkunft, eine archaïsche Erbschaft. Es entstehen dann die Fra-
    gen, worin besteht diese, was enthält sie, was
    sind ihre Beweise?

    Die nächste und sicherste Antwort lautet, sie
    besteht in bestimmten Dispositionen, wie sie al-
    len Lebewesen eigen sind. Also in der Fähigkeit
    und Neigung, bestimmte Entwicklungsrichtun-
    gen einzuschlagen und auf gewisse Erregungen,
    Eindrücke und Reize in einer besonderen Weise
    zu reagieren. Da die Erfahrung zeigt, dass sich

  • S.

    176

    bei den Einzelwesen der Menschenart in dieser
    Hinsicht Differenzen ergeben, so schliesst die
    archaische Erbschaft diese Differenzen ein, sie
    stellen dar, was man als das konstitutionelle
    Moment im Einzelnen anerkennt. Da nun alle
    Menschen wenigstens in ihrer Frühzeit unge-
    fähr das Nämliche erleben, reagieren sie darauf
    auch in gleichartiger Weise, und es konnte der
    Zweifel entstehen, ob man nicht diese Reaktio-
    nen mitsamt ihren individuellen Differenzen
    der archaischen Erbschaft zurechnen soll. Der
    Zweifel ist abzuweisen; durch die Tatsache die-
    ser Gleichartigkeit wird unsere Kenntnis von
    der archaischen Erbschaft nicht bereichert.
    Indes hat die analytische Forschung einzelne
    Ergebnisse gebracht, die uns zu denken geben.
    Da ist zunächst die Allgemeinheit der Sprach-
    symbolik. Die symbolische Vertretung eines Ge-
    genstands durch einen anderen – dasselbe ist
    bei Verrichtungen der Fall – ist all unseren
    Kindern geläufig und wie selbstverständlich.
    Wir können ihnen nicht nachweisen, wie sie es
    erlernt haben, und müssen in vielen Fällen zu-
    gestehen, dass ein Erlernen unmöglich ist. Es
    handelt sich um ein ursprüngliches Wissen, das
    der Erwachsene später vergessen hat. Er ver-
    wendet die nämlichen Symbole zwar in seinen
    Träumen, aber er versteht sie nicht, wenn der
    Analytiker sie ihm nicht deutet, und auch dann

  • S.

    177

    und die monotheistische Religion

    schenkt er der Übersetzung ungern Glauben.
    Wenn er sich einer der so häufigen Redensarten
    bedient hat, in denen sich diese Symbolik fixiert
    findet, so muss er zugestehen, dass ihm deren
    eigentlicher Sinn völlig entgangen ist. Die Sym-
    bolik setzt sich auch über die Verschiedenheiten
    der Sprachen hinweg; Untersuchungen würden
    wahrscheinlich ergeben, dass sie ubiquitär ist, bei
    allen Völkern die nämliche. Hier scheint also
    ein gesicherter Fall von archaischer Erbschaft
    aus der Zeit der Sprachentwicklung vorzulie-
    gen, aber man könnte immer noch eine andere
    Erklärung versuchen. Man könnte sagen, es
    handle sich um Denkbeziehungen zwischen Vor-
    stellungen, die sich während der historischen
    Sprachentwicklung hergestellt hatten und die
    nun jedesmal wiederholt werden müssen, wo
    eine Sprachentwicklung individuell durchge-
    macht wird. Es wäre dann ein Fall von Verer-
    bung einer Denkdisposition wie sonst einer
    Triebdisposition und wiederum kein neuer Bei-
    trag zu unserem Problem.

    Die analytische Arbeit hat aber auch anderes zu
    Tage gefördert, was in seiner Tragweite über
    das Bisherige hinausreicht. Wenn wir die Reak-
    tionen auf die frühen Traumen studieren, sind
    wir oft genug überrascht, zu finden, dass sie sich
    nicht strenge an das wirklich selbst Erlebte hal-
    ten, sondern sich in einer Weise von ihm entfer-
    nen.

  • S.

    178

    nen, die weit besser zum Vorbild eines phylogene-
    tischen Ereignisses passt und ganz allgemein nur
    durch dessen Einfluss erklärt werden kann. Das
    Verhalten des neurotischen Kindes zu seinen El-
    tern im Ödipus- und Kastrationskomplex ist
    überreich an solchen Reaktionen, die individu-
    ell ungerechtfertigt erscheinen und erst phylo-
    genetisch, durch die Beziehung auf das Erleben
    früherer Geschlechter, begreiflich werden. Es
    wäre durchaus der Mühe wert, dies Material, auf
    das ich mich hier berufen kann, der Öffentlich-
    keit gesammelt vorzulegen. Seine Beweiskraft
    erscheint mir stark genug, um den weiteren
    Schritt zu wagen und die Behauptung aufzustel-
    len, dass die archaische Erbschaft des Menschen
    nicht nur Dispositionen, sondern auch Inhalte
    umfasst, Erinnerungsspuren an das Erleben frü-
    herer Generationen. Damit wären Umfang wie
    Bedeutung der archaischen Erbschaft in bedeu-
    tungsvoller Weise gesteigert.

    Bei näherer Besinnung müssen wir uns eingeste-
    hen, dass wir uns seit langem so benommen ha-
    ben, als stände die Vererbung von Erinnerungs-
    spuren an das von Voreltern Erlebte, unabhän-
    gig von direkter Mitteilung und von dem Ein
    fluss der Erziehung durch Beispiel, nicht in
    Frage. Wenn wir von dem Fortbestand einer al-
    ten Tradition in einem Volk, von der Bildung
    eines Volkscharakters sprechen, hatten wir meist

  • S.

    179

    eine solche ererbte Tradition und nicht eine
    durch Mitteilung fortgepflanzte im Sinne. Oder
    wir haben wenigstens zwischen den beiden nicht
    unterschieden und uns nicht klar gemacht, wel
    che Kühnheit wir durch solche Vernachlässi
    gung begehen. Unsere Sachlage wird aller-
    dings durch die gegenwärtige Einstellung der biologi
    schen Wissenschaft erschwert, die von der Ver
    erbung erworbener Eigenschaften auf die Nach
    kommen nichts wissen will. Aber wir gestehen
    in aller Bescheidenheit, daß wir trotzdem diesen
    Faktor in der biologischen Entwicklung nicht
    entbehren können. Es handelt sich zwar in bei
    den Fällen nicht um das Gleiche, dort um er
    worbene Eigenschaften, die schwer zu fassen
    sind, hier um Erinnerungsspuren an äußere
    Eindrücke, gleichsam Greifbares. Aber es wird
    wohl sein, daß wir uns im Grunde das eine nicht
    ohne das andere vorstellen können. Wenn wir
    den Fortbestand solcher Erinnerungsspuren in
    der archaischen Erbschaft annehmen, haben wir
    die Kluft zwischen Individual-
    und Massenpsy
    chologie überbrückt, können die Völker behan
    deln wie den einzelnen Neurotiker. Zugegeben,
    daß wir für die Erinnerungsspuren in der ar
    chaischen Erbschaft derzeit keinen stärkeren Be
    weis haben als jene Resterscheinungen der ana
    lytischen Arbeit, die eine Ableitung aus der Phy
    logenese erfordern, so erscheint uns dieser Be
     

  • S.

    180

    III. Moses, sein Volk,

    weis doch stark genug, um einen solchen Sach-
    verhalt zu postulieren. Wenn es anders ist, kom-
    men wir weder in der Analyse noch in der Mas-
    senpsychologie auf dem eingeschlagenen Weg
    einen Schritt weiter. Es ist eine unvermeidliche
    Kühnheit.

    Wir tun damit auch noch etwas anderes. Wir
    verringern die Kluft, die frühere Zeiten mensch-
    licher Überhebung allzuweit zwischen Mensch
    und Tier aufgerissen haben. Wenn die soge-
    nannten Instinkte der Tiere, die ihnen gestatten,
    sich von Anfang an in der neuen Lebenssitua-
    tion so zu benehmen, als wäre sie eine alte, längst
    vertraute, wenn dies Instinktleben der Tiere
    überhaupt eine Erklärung zulässt, so kann es nur
    die sein, dass sie die Erfahrungen ihrer Art in
    die neue eigene Existenz mitbringen, also Erin-
    nerungen an das von ihren Voreltern Erlebte in
    sich bewahrt haben. Beim Menschentier wäre es
    im Grunde auch nicht anders. Den Instinkten
    der Tiere entspricht seine eigene archaische Erb-
    schaft, sei sie auch von anderem Umfang und
    Inhalt.

    Nach diesen Erörterungen trage ich kein Beden-
    ken, auszusprechen, die Menschen haben es –
    in jener besonderen Weise – immer gewusst,
    dass sie einmal einen Urvater besessen und er-
    schlagen haben.

    Zwei weitere Fragen sind hier zu beantworten.

  • S.

    181

    und die monotheistische Religion

    Erstens, unter welchen Bedingungen tritt eine
    solche Erinnerung in die archaische Erbschaft
    ein; zweitens, unter welchen Umständen kann
    sie aktiv werden, d.h. aus ihrem unbewussten
    Zustand im Es zum Bewusstsein, wenn auch ver-
    ändert und entstellt, vordringen? Die Antwort
    auf die erste Frage ist leicht zu formulieren:
    Wenn das Ereignis wichtig genug war oder sich
    oft genug wiederholt hat oder beides. Für den
    Fall der Vatertötung sind beide Bedingungen er-
    füllt. Zur zweiten Frage ist zu bemerken: Es
    mögen eine ganze Anzahl von Einflüssen in Be-
    tracht kommen, die nicht alle bekannt zu sein
    brauchen, auch ist ein spontaner Ablauf denk-
    bar in Analogie zum Vorgang bei manchen Neu-
    rosen. Sicherlich ist aber von entscheidender
    Bedeutung die Erweckung der vergessenen Er-
    innerungsspur durch eine rezente reale Wieder-
    holung des Ereignisses. Eine solche Wiederho-
    lung war der Mord an Moses; später der ver-
    meintliche Justizmord an Christus, so dass diese
    Begebenheiten in den Vordergrund der Verur-
    sachung rücken. Es ist, als ob die Genese des
    Monotheismus diese Vorfälle nicht hätte ent-
    behren können. Man wird an den Ausspruch des
    Dichters erinnert: „Was unsterblich im Gesang
    soll leben, muss im Leben untergehen.“1)
    Zum Schluss eine Bemerkung, die ein psycholo-
    gisches Problem berührt.

    1)Schiller, Die Götter Griechenlands.

  • S.

    182

    III. Moses, sein Volk, und die monotheistische Religion

    gisches Argument beibringt. Eine Tradition, die
    nur auf Mitteilung gegründet wäre, könnte nicht
    den Zwangscharakter erzeugen, der den religiö-
    sen Phänomenen zukommt. Sie würde angehört,
    beurteilt, eventuell abgewiesen werden wie jede
    andere Nachricht von aussen, erreichte nie das
    Privileg der Befreiung vom Zwang des logi-
    schen Denkens. Sie muss erst das Schicksal der
    Verdrängung, den Zustand des Verweilens im
    Unbewussten durchgemacht haben, ehe sie bei
    ihrer Wiederkehr so mächtige Wirkungen ent-
    falten, die Massen in ihren Bann zwingen kann,
    wie wir es an der religiösen Tradition mit Er-
    staunen und bisher ohne Verständnis gesehen
    haben. Und diese Überlegung fällt schwer ins
    Gewicht, um uns glauben zu machen, dass die
    Dinge wirklich so vorgefallen sind, wie wir zu
    schildern bemüht waren, oder wenigstens so
    ähnlich.

  • S.

    183

    ZWEITER TEIL

    ZUSAMMENFASSUNG UND WIEDER-
    HOLUNG

    Der nun folgende Teil dieser Studie kann
    nicht ohne weitläufige Erklärungen und
    Entschuldigungen in die Öffentlichkeit
    geschickt werden. Er ist nämlich nichts anderes
    als eine getreue, oft wörtliche Wiederholung des
    ersten Teils, verkürzt in manchen kritischen Un-
    tersuchungen und vermehrt um Zusätze, die sich
    auf das Problem, wie entstand der besondere
    Charakter des jüdischen Volkes, beziehen. Ich
    weiss, dass eine solche Art der Darstellung eben-
    so unzweckmässig wie unkünstlerisch ist. Ich
    missbillige sie selbst uneingeschränkt.

    Warum habe ich sie nicht vermieden? Die Ant-
    wort darauf ist für mich nicht schwer zu finden,
    aber nicht leicht einzugestehen. Ich war nicht
    imstande, die Spuren der immerhin ungewöhn-
    lichen Entstehungsgeschichte dieser Arbeit zu
    verwischen.

  • S.

    184

    III. Moses, sein Volk,

    In Wirklichkeit ist sie zweimal geschrieben wor-
    den. Zuerst vor einigen Jahren in Wien, wo ich
    nicht an die Möglichkeit glaubte, sie veröffent-
    lichen zu können. Ich beschloss, sie liegen zu las-
    sen, aber sie quälte mich wie ein unerlöster Geist,
    und ich fand den Ausweg, zwei Stücke von ihr
    selbständig zu machen und in unserer Zeitschrift
    „Imago“ zu publizieren, den psychoanalyti-
    schen Auftakt des Ganzen („Moses ein Ägyp-
    ter“) und die darauf gebaute historische Kon-
    struktion („Wenn Moses ein Ägypter war...“).
    Den Rest, der das eigentlich Anstössige und Ge-
    fährliche enthielt, die Anwendung auf die Ge-
    nese des Monotheismus und die Auffassung der
    Religion überhaupt, hielt ich zurück, wie ich
    meinte, für immer. Da kam im März 1938 die
    unerwartete deutsche Invasion, zwang mich, die
    Heimat zu verlassen, befreite mich aber auch
    von der Sorge, durch meine Veröffentlichung
    ein Verbot der Psychoanalyse dort heraufzube-
    schwören, wo sie noch geduldet war. Kaum in
    England eingetroffen, fand ich die Versuchung
    unwiderstehlich, meine verhaltene Weisheit der
    Welt zugänglich zu machen, und begann, das
    dritte Stück der Studie im Anschluss an die beiden
    bereits erschienenen umzuarbeiten. Damit war
    natürlich eine teilweise Umordnung des Mate-
    rials verbunden. Nun gelang es mir nicht, den
    ganzen Stoff in dieser zweiten Bearbeitung un-

  • S.

    185

    und die monotheistische Religion

    terzubringen; anderseits konnte ich mich nicht
    entschliessen, auf die früheren ganz zu verzich-
    ten, und so kam die Auskunft zustande, dass ich
    ein ganzes Stück der ersten Darstellung unver-
    ändert an die zweite anschloss, womit eben der
    Nachteil einer weitgehenden Wiederholung ver-
    bunden war.

    Nun könnte ich mich mit der Erwägung trösten,
    die Dinge, die ich behandle, seien immerhin so
    neu und so bedeutsam, abgesehen davon, wie
    weit meine Darstellung derselben richtig ist, dass
    es kein Unglück sein kann, wenn das Publikum
    veranlasst wird, darüber zweimal das Nämliche
    zu lesen. Es gibt Dinge, die mehr als einmal ge-
    sagt werden sollen und die nicht oft genug ge-
    sagt werden können. Aber es muss der freie Ent-
    schluss des Lesers dabei sein, bei dem Gegen-
    stand zu verweilen oder auf ihn zurückzukom-
    men. Es darf nicht in der Art erschlichen wer-
    den, dass man ihm in demselben Buch das Glei-
    che zweimal vorsetzt. Das bleibt eine Unge-
    schicklichkeit, für die man den Tadel auf sich
    nehmen muss. Die Schöpferkraft eines Autors
    folgt leider nicht immer seinem Willen; das
    Werk gerät, wie es kann, und stellt sich dem
    Verfasser oft wie unabhängig, ja wie fremd, ge-
    genüber.

  • S.

    186

    III. Moses, sein Volk,

    a) Das Volk Israel

    Wenn man sich klar darüber ist, dass ein Ver-
    fahren wie was unsrige, vom überlieferten Stoff
    anzunehmen, was uns brauchbar scheint, zu ver-
    werfen, was uns nicht taugt, und die einzelnen
    Stücke nach der psychologischen Wahrschein-
    lichkeit zusammenzusetzen, – dass eine solche
    Technik keine Sicherheit gibt, die Wahrheit zu
    finden, dann fragt man mit Recht, wozu man
    eine solche Arbeit überhaupt unternimmt. Die
    Antwort beruft sich auf ihr Ergebnis. Wenn
    man die Strenge der Anforderungen an eine hi-
    storisch-psychologische Untersuchung weit mil-
    dert, wird es vielleicht möglich sein, Probleme
    zu klären, die immer der Aufmerksamkeit wür-
    dig schienen und die infolge rezenter Ereignisse
    sich von neuem dem Beobachter aufdrängen.
    Man weiss, von allen Völkern, die im Altertum
    um das Becken des Mittelmeers gewohnt haben,
    ist das jüdische Volk nahezu das einzige, das heute
    dem Namen und wohl auch der Substanz nach
    noch besteht. Mit beispielloser Widerstandsfä-
    higkeit hat es Unglücksfällen und Misshandlun-
    gen getrotzt, besondere Charakterzüge ent-
    wickelt und sich nebstbei die herzliche Abnei-
    gung aller anderen Völker erworben. Woher
    diese Lebensfähigkeit der Juden kommt und wie
    ihr Charakter mit ihren Schicksalen zusammen-
     

  • S.

    187

    und die monotheistische Religion

    hängt, davon möchte man gerne mehr verste-
    hen.
    Man darf von einem Charakterzug der Juden
    ausgehen, der ihr Verhältnis zu den Anderen be-
    herrscht. Es ist kein Zweifel daran, sie haben
    eine besonders hohe Meinung von sich, halten
    sich für vornehmer, höher stehend, den anderen
    überlegen, von denen sie auch durch viele ihrer
    Sitten geschieden sind.1) Dabei beseelt sie eine
    besondere Zuversicht im Leben, wie sie durch
    den geheimen Besitz eines kostbaren Gutes ver-
    liehen wird, eine Art von Optimismus; Fromme
    würden es Gottvertrauen nennen.

    Wir kennen den Grund dieses Verhaltens und
    wissen, was ihr geheimer Schatz ist. Sie halten
    sich wirklich für das von Gott auserwählte
    Volk, glauben ihm besonders nahe zu stehen, und
    dies macht sie stolz und zuversichtlich. Nach
    guten Nachrichten benahmen sie sich schon in
    hellenistischen Zeiten so wie heute, der Jude war
    also damals schon fertig, und die Griechen, unter
    denen und neben denen sie lebten, reagierten auf
    die jüdische Eigenart in der nämlichen Weise
    wie die heutigen „Wirtsvölker“. Man könnte
    meinen, sie reagierten, als ob auch sie an den

    1)Die in alten Zeiten so häufige Schmähung, die Juden
    seien „Aussätzige (s. Manetho), hat wohl den Sinn einer
    Projektion: Sie halten sich von uns so fern, als ob wir
    Aussätzige wären.“

  • S.

    188

    III. Moses, sein Volk,

    Vorzug glaubten, den das Volk Israel für sich in
    Anspruch nahm. Wenn man der erklärte Lieb-
    ling des gefürchteten Vaters ist, braucht man
    sich über die Eifersucht der Geschwister nicht
    zu verwundern, und wozu diese Eifersucht füh-
    ren kann, zeigt sehr schön die jüdische Sage von
    Josef und seinen Brüdern. Der Verlauf der Welt-
    geschichte schien dann die jüdische Anmaßung
    zu rechtfertigen, denn als es später Gott gefiel,
    der Menschheit einen Messias und Erlöser zu
    senden, wählte er ihn wiederum aus dem Volke
    der Juden. Die anderen Völker hätten damals
    Anlass gehabt, sich zu sagen: Wirklich, sie ha-
    ben recht gehabt, sie sind das von Gott auser-
    wählte Volk. Aber es geschah anstatt dessen,
    dass ihnen die Erlösung durch Jesus Christus nur
    eine Verstärkung ihres Judenhasses brachte,
    während die Juden selbst aus dieser zweiten Be-
    vorzugung keinen Vorteil zogen, da sie den Er-
    löser nicht anerkannten.

    Auf Grund unserer früheren Erörterungen dürfen
    wir nun behaupten, dass es der Mann Moses
    war, der dem jüdischen Volk diesen für alle Zu-
    kunft bedeutsamen Zug aufgeprägt hat. Er hob
    ihr Selbstgefühl durch die Versicherung, dass sie
    Gottes auserwähltes Volk seien, er legte ihnen
    die Heiligung auf und verpflichtete sie zur Ab-
    sonderung von den anderen. Nicht etwa, dass es
    den anderen Völkern an Selbstgefühl gemangelt
    hätte.

  • S.

    189

    und die monotheistische Religion

    hätte. Genau wie heute hielt sich auch damals
    jede Nation für besser als jede andere. Aber das
    Selbstgefühl der Juden erfuhr durch Moses eine
    religiöse Verankerung, es wurde ein Teil ihres
    religiösen Glaubens. Durch ihre besonders inni-
    ge Beziehung zu ihrem Gott erwarben sie einen
    Anteil an seiner Grossartigkeit. Und da wir wis-
    sen, dass hinter dem Gott, der die Juden ausge-
    wählt und aus Ägypten befreit hat, die Person
    Moses’ steht, die grade das, vorgeblich in sei-
    nem Auftrag, getan hatte, getrauen wir uns zu
    sagen: Es war der eine Mann Moses, der die Ju-
    den geschaffen hat. Ihm dankt dieses Volk seine
    Zählebigkeit, aber auch viel von der Feindselig-
    keit, die es erfahren hat und noch erfährt.

    b) Der grosse Mann

    Wie ist es möglich, dass ein einzelner Mensch
    eine so ausserordentliche Wirksamkeit entfaltet,
    dass er aus indifferenten Individuen und Fami-
    lien ein Volk formt, ihm seinen endgültigen Cha-
    rakter prägt und sein Schicksal für Jahrtausen-
    de bestimmt? Ist eine solche Annahme nicht ein
    Rückschritt auf die Denkungsart, die die Schöp-
    fermythen und Heldenverehrung entstehen
    liess, auf Zeiten, in denen die Geschichtsschrei-
    bung sich in der Berichterstattung der Taten und
    Schicksale einzelner Personen, Herrscher oder

  • S.

    190

    III. Moses, sein Volk,

    Eroberer erschöpfte? Die Neigung der Neuzeit
    geht vielmehr dahin, die Vorgänge der Mensch-
    heitsgeschichte auf verstecktere, allgemeine und
    unpersönliche Momente zurückzuführen, auf
    den zwingenden Einfluß ökonomischer Verhält-
    nisse, den Wechsel in der Ernährungsweise, die
    Fortschritte im Gebrauch von Materialien und
    Werkzeugen, auf Wanderungen, die durch
    Volksvermehrung und Veränderungen des Kli-
    mas veranlaßt werden. Den Einzelpersonen fällt
    dabei keine andere Rolle zu als die von Expo-
    nenten oder Repräsentanten von Massenstre-
    bungen, welche notwendigerweise ihren Aus-
    druck finden mußten und ihn mehr zufälliger-
    weise in jenen Personen fanden.
    Das sind durchaus berechtigte Gesichtspunkte,
    aber sie geben uns Anlaß, an eine bedeutsame
    Unstimmigkeit zwischen der Einstellung unse-
    res Denkorgans und der Einrichtung der Welt
    zu mahnen, die mittels unseres Denkens erfaßt
    werden soll. Unserem allerdings gebieterischen
    Kausalbedürfnis genügt es, wenn jeder Vorgang
    eine nachweisbare Ursache hat. In der Wirk-
    lichkeit außerhalb uns ist das aber kaum so der
    Fall; vielmehr scheint jedes Ereignis überdeter-
    miniert zu sein, stellt sich als die Wirkung meh-
    rerer konvergierender Ursachen heraus. Durch
    die unübersehbare Komplikation des Gesche-
    hens geschreckt, ergreift unsere Forschung Par-

  • S.

    191

    und die monotheistische Religion

    tei für den einen Zusammenhang gegen einen
    anderen, stellt Gegensätze auf, die nicht beste-
    hen, nur durch die Zerreissung von umfassen-
    den Beziehungen entstanden sind.1) Wenn uns
    also die Untersuchung eines bestimmten Falles
    den überragenden Einfluss einer einzelnen
    Persönlichkeit beweist, so braucht uns unser Ge-
    wissen nicht vorzuwerfen, dass wir mit dieser
    Annahme der Lehre von der Bedeutung jener all-
    gemeinen, unpersönlichen Faktoren ins Gesicht
    geschlagen haben. Es ist grundsätzlich Raum für
    beides. Bei der Genese des Monotheismus kön-
    nen wir allerdings auf kein anderes äusseres Mo-
    ment hinweisen als auf das bereits erwähnte,
    dass diese Entwicklung mit der Herstellung inti-
    merer Beziehungen zwischen verschiedenen Na-
    tionen und dem Aufbau eines grosses Reiches
    verknüpft ist.
    Wir wahren also dem „grossen Mann“ seine
    Stelle in der Kette oder vielmehr im Netzwerk
    der Verursachungen. Aber vielleicht wird es

    1)Ich protestiere aber gegen das Missverständnis, als
    wollte ich sagen, die Welt sei so kompliziert, dass jede
    Behauptung, die man aufstellt, irgendwo ein Stück der
    Wahrheit treffen muss. Nein, unser Denken hat sich die
    Freiheit bewahrt, Abhängigkeiten und Zusammen-
    hänge aufzufinden, denen nichts in der Wirklichkeit
    entspricht, und schätzt diese Gabe offenbar sehr hoch,
    da es innerhalb wie ausserhalb der Wissenschaft so
    reichlichen Gebrauch von ihr macht.

  • S.

    192

    nicht ganz zwecklos sein, zu fragen, unter wel
    chen Bedingungen wir diesen Ehrennamen ver
    geben. Wir sind überrascht, zu finden, dass es
    nicht ganz leicht ist, diese Frage zu beantwor-
    ten. Eine erste Formulierung: wenn ein Mensch
    die Eigenschaften, die wir hochschätzen, in be-
    sonders hohem Mass besitzt, ist offenbar nach
    allen Richtungen unzutreffend. Schönheit z.B.
    und Muskelstärke, so beneidet sie auch sein mö-
    gen, geben keinen Anspruch auf „Grösse“. Es
    müssten also geistige Qualitäten sein, psychische
    und intellektuelle Vorzüge. Bei letzteren kommt
    uns das Bedenken, dass wir einen Menschen, der
    ein ausserordentlicher Könner auf einem be-
    stimmten Gebiet ist, darum doch nicht ohne wei-
    teres einen grossen Mann heissen würden. Ge-
    wiss nicht einen Meister des Schachspiels oder
    einen Virtuosen auf einem Musikinstrument,
    aber auch nicht leicht einen ausgezeichneten
    Künstler oder Forscher. Es entspricht uns, in sol-
    chem Falle zu sagen, er sei ein grosser Dichter,
    Maler, Mathematiker oder Physiker, ein Bahn-
    brecher auf dem Feld dieser oder jener Tätig-
    keit, aber wir halten mit der Anerkennung, er
    sei ein grosser Mann, zurück. Wenn wir z.B.
    Goethe, Leonardo da Vinci, Beethoven unbe-
    denklich für grosse Männer erklären, so muss
    uns noch etwas anderes bewegen als die Bewun-
    derung ihrer grossartigen Schöpfungen. Wären

  • S.

    193

    und die monotheistische Religion

    nicht grade solche Beispiele im Wege, so würde
    man wahrscheinlich auf die Idee kommen, der
    Name „ein grosser Mann“ sei vorzugsweise für
    Männer der Tat reserviert, also Eroberer, Feld-
    herrn, Herrscher, und anerkenne die Grösse
    ihrer Leistung, die Stärke der Wirkung, die von
    ihnen ausging. Aber auch dies ist unbefriedigend
    und wird voll widerlegt durch unsere Verurtei-
    lung so vieler nichtswürdiger Personen, denen
    man doch die Wirkung auf Mit- und Nachwelt
    nicht bestreiten kann. Auch den Erfolg wird
    man nicht zum Kennzeichen der Grösse wählen
    dürfen, wenn man an die Überzahl von grossen
    Männern denkt, die, anstatt Erfolg zu haben, im
    Unglück zu Grunde gegangen sind.
    So wird man vorläufig der Entscheidung geneigt,
    es verlohnt sich nicht, nach einem eindeutig be-
    stimmten Inhalt des Begriffs „grosser Mann“ zu
    suchen. Es sei nur eine locker gebrauchte und
    ziemlich willkürlich vergebene Anerkennung
    der überdimensionalen Entwicklung gewisser
    menschlicher Eigenschaften in ziemlicher An-
    näherung an den ursprünglichen Wortsinn der
    „Grösse“. Auch dürfen wir uns besinnen, dass
    uns nicht so sehr das Wesen des grossen Mannes
    interessiert als die Frage, wodurch er auf seine
    Nebenmenschen wirkt. Wir werden aber diese
    Untersuchung möglichst abkürzen, weil sie uns
    weit von unserem Ziel abzuzuführen droht.

  • S.

    194

    III. Moses, sein Volk

    Lassen wir es also gelten, dass der grosse Mann
    seine Mitmenschen auf zwei Wegen beeinflusst,
    durch seine Persönlichkeit und durch die Idee,
    für die er sich einsetzt. Diese Idee mag ein altes
    Wunschgebilde der Massen betonen oder ihnen
    ein neues Wunschziel zeigen oder in noch ande-
    rer Weise die Masse in ihren Bann ziehen. Mit-
    unter – und das ist gewiss der ursprünglichere
    Fall – wirkt die Persönlichkeit allein und die
    Idee spielt eine recht geringfügige Rolle. War-
    um der grosse Mann überhaupt zu einer Bedeu-
    tung kommen sollte, das ist uns keinen Augen-
    blick unklar. Wir wissen, es besteht bei der Mas-
    se der Menschen ein starkes Bedürfnis nach ei-
    ner Autorität, die man bewundern kann, der
    man sich beugt, von der man beherrscht, even-
    tuell sogar misshandelt wird. Aus der Psycholo-
    gie des Einzelmenschen haben wir erfahren, wo-
    her dies Bedürfnis der Masse stammt. Es ist die
    Sehnsucht nach dem Vater, die jedem von seiner
    Kindheit her innewohnt, nach demselben Vater,
    den überwunden zu haben der Held der Sage
    sich rühmt. Und nun mag uns die Erkenntnis
    dämmern, dass alle Züge, mit denen wir den
    grossen Mann ausstatten, Vaterzüge sind, dass
    in dieser Übereinstimmung das von uns vergeb-
    lich gesuchte Wesen des grossen Mannes besteht.
    Die Entschiedenheit der Gedanken, die Stärke
    des Willens, die Wucht der Taten gehören dem

  • S.

    195

    und die monotheistische Religion

    Vaterbilde zu, vor allem aber die Selbständig-
    keit und Unabhängigkeit des grossen Mannes,
    seine göttliche Unbekümmertheit, die sich zur
    Rücksichtslosigkeit steigern darf. Man muss ihn
    bewundern, darf ihm vertrauen, aber man kann
    nicht umhin, ihn auch zu fürchten. Wir hätten
    uns vom Wortlaut leiten lassen sollen; wer an
    ders als der Vater soll denn in der Kindheit der
    „grosse Mann“ gewesen sein!

    Unzweifelhaft war es ein gewaltiges Vater-
    bild, das sich in der Person des Moses zu den ar-
    men jüdischen Fronarbeitern herabliess, um ih-
    nen zu versichern, dass sie seine lieben Kinder
    seien. Und nicht minder überwältigend muss die
    Vorstellung eines einzigen, ewigen, allmächti-
    gen Gottes auf sie gewirkt haben, dem sie nicht
    zu gering waren, um einen Bund mit ihnen zu
    schliessen, und der für sie zu sorgen versprach,
    wenn sie seiner Verehrung treu blieben. Wahr-
    scheinlich wurde es ihnen nicht leicht, das Bild
    des Mannes Moses von dem seines Gottes zu
    scheiden, und sie ahnten recht darin, denn Mo-
    ses mag Züge seiner eigenen Person in den Cha-
    rakter seines Gottes eingetragen haben wie die
    Zornmütigkeit und Unerbittlichkeit. Und wenn
    sie dann einmal diesen ihren grossen Mann er-
    schlugen, so wiederholten sie nur eine Untat, die
    sich in Urzeiten als Gesetz gegen den göttlichen
    König gerichtet hatte und die, wie wir wissen,

  • S.

    196

    III. Moses, sein Volk,

    auf ein noch älteres Vorbild zurückging.1)
    Ist uns so auf der einen Seite die Gestalt des gros-
    sen Mannes ins Göttliche gewachsen, so ist es
    anderseits Zeit, sich zu besinnen, dass auch der
    Vater einmal ein Kind gewesen war. Die grosse
    religiöse Idee, die der Mann Moses vertrat, war
    nach unseren Ausführungen nicht sein Eigen-
    tum; er hatte sie von seinem König Ikhnaton
    übernommen. Und dieser, dessen Grösse als Re-
    ligionsstifter unzweideutig bezeugt ist, folgte
    vielleicht Anregungen, die durch Vermittlung
    seiner Mutter oder auf anderen Wegen – aus
    dem näheren oder ferneren Asien – zu ihm ge-
    langt waren.

    Weiter können wir die Verkettung nicht verfol-
    gen, aber wenn diese ersten Stücke richtig er-
    kannt sind, dann ist die monotheistische Idee
    Boomerang-artig in das Land ihrer Herkunft
    zurückgekommen. Es erscheint so unfruchtbar,
    das Verdienst eines Einzelnen um eine neue Idee
    feststellen zu wollen. Viele haben offenbar an
    ihrer Entwicklung mitgetan und Beiträge zu ihr
    geleistet. Anderseits wäre es offenkundiges Un-
    recht, die Kette der Verursachung bei Moses ab-
    zubrechen und zu vernachlässigen, was seine
    Nachfolger und Fortsetzer, die jüdischen Pro-
    pheten, geleistet haben. Die Saat des Monotheis-
    mus war in Ägypten nicht aufgegangen. Das-
    s

    1)Vgl. Frazer l. c.

  • S.

    197

    und die monotheistische Religion

    selbe hätte in Israel geschehen können, nachdem
    das Volk die beschwerliche und anspruchs-
    volle Religion abgeschüttelt hatte. Aber aus dem jü-
    dischen Volk erhoben sich immer wieder Män-
    ner, die die verblassende Tradition auffrischten,
    die Mahnungen und Anforderungen Moses’ er-
    neuerten und nicht rasteten, ehe das Verlorene
    wiederhergestellt war. In der stetigen Bemühung
    von Jahrhunderten und endlich durch zwei
    grosse Reformen, die eine vor, die andere nach
    dem babylonischen Exil, vollzog sich die Ver-
    wandlung des Volksgottes Jahve in den Gott,
    dessen Verehrung Moses den Juden aufgedrängt
    hatte. Und es ist der Beweis einer besonderen
    psychischen Eignung in der Masse, die zum jüdi-
    schen Volk geworden war, wenn sie so viele
    Personen hervorbringen konnte, die bereit wa-
    ren, die Beschwerden der Moses-Religion auf
    sich zu nehmen, für den Lohn des Auserwählt-
    seins und vielleicht noch andere Prämien von
    ähnlichem Rang.

    c) Der Fortschritt in der Geistigkeit

    Um nachhaltige psychische Wirkungen bei ei-
    nem Volke zu erzielen, reicht es offenbar nicht
    hin, ihm zu versichern, es sei von der Gottheit
    auserlesen. Man muss es ihm auch irgendwie be-
    weisen, wenn es daran glauben und aus dem

  • S.

    198

    Glauben Konsequenzen ziehen soll. In der Mo-
    ses-Religion diente der Auszug aus Ägypten als
    dieser Beweis; Gott oder Moses in seinem Na-
    men wurde nicht müde, sich auf diese Gunstbe-
    zeugung zu berufen. Das Passahfest wurde ein-
    gesetzt, um die Erinnerung an dies Ereignis fest-
    zuhalten, oder vielmehr ein altbestehendes Fest
    mit dem Inhalt dieser Erinnerung erfüllt. Aber
    es war doch nur eine Erinnerung, der Auszug
    gehörte einer verschwommenen Vergangenheit
    an. In der Gegenwart waren die Zeichen von
    Gottes Gunst recht spärlich, die Schicksale des
    Volkes deuteten eher auf seine Ungnade hin.
    Primitive Völker pflegten ihre Götter abzuset-
    zen oder selbst zu züchtigen, wenn sie nicht ihre
    Pflicht erfüllten, ihnen Sieg, Glück und Behagen
    zu gewähren. Könige sind zu allen Zeiten nicht
    anders behandelt worden als Götter; eine alte
    Identität beweist sich darin, die Entstehung aus
    gemeinsamer Wurzel. Auch moderne Völker
    pflegen also ihre Könige zu verjagen, wenn der
    Glanz ihrer Regierung durch Niederlagen mit
    den dazugehörigen Verlusten an Land und Geld
    gestört wird. Warum aber das Volk Israel sei-
    nem Gott immer nur unterwürfiger anhing, je
    schlechter es von ihm behandelt wurde, das ist
    ein Problem, welches wir vorläufig bestehen las-
    sen müssen.

    Es mag uns die Anregung geben, zu untersuchen.

  • S.

    199

    und die monotheistische Religion

    ob die Moses-Religion dem Volke nichts ande-
    res gebracht hatte als die Steigerung des Selbst-
    gefühls durch das Bewusstsein der Auserwählt-
    heit. Und das nächste Moment ist wirklich leicht
    zu finden. Die Religion brachte den Juden auch
    eine weit grossartigere Gottesvorstellung, oder,
    wie man nüchterner sagen könnte, die Vorstel-
    lung eines grossartigeren Gottes. Wer an diesen
    Gott glaubte, hatte gewissermassen Anteil an
    seiner Grösse, durfte sich selbst gehoben fühlen.
    Das ist für einen Ungläubigen nicht ganz selbst-
    verständlich, aber vielleicht erfasst man es leich-
    ter durch den Hinweis auf das Hochgefühl eines
    Briten in einem fremden durch Aufruhr unsi-
    cher gewordenen Land, das dem Angehörigen
    irgend eines kontinentalen Kleinstaates völlig
    abgeht. Der Brite rechnet nämlich damit, dass
    sein Government ein Kriegsschiff ausschicken
    wird, wenn ihm ein Härchen gekrümmt wird,
    und dass die Aufständischen es sehr wohl wis-
    sen, während der Kleinstaat überhaupt kein
    Kriegsschiff besitzt. Der Stolz auf die Grösse
    des British Empire hat also auch eine Wurzel im
    Bewusstsein der grösseren Sicherheit, des Schut-
    zes, den der einzelne Brite geniesst. Das mag bei
    der Vorstellung des grossartigen Gottes ähnlich
    sein, und da man schwerlich beanspruchen wird,
    Gott in der Verwaltung der Welt zu assistieren,
    fliesst der Stolz auf die Gottesgrösse mit dem

  • S.

    200

    III. Moses, sein Volk,

    auf das Auserwähltsein zusammen.
    Unter den Vorschriften der Moses-
    Religion fin-
    det sich eine, die bedeutungsvoller ist, als man
    zunächst erkennt. Es ist das Verbot, sich ein Bild
    von Gott zu machen, also der Zwang, einen
    Gott zu verehren, den man nicht sehen kann.
    Wir vermuten, dass Moses in diesem Punkt die
    Strenge der Aton-Religion überboten hat; viel-
    leicht wollte er nur konsequent sein, sein Gott
    hatte dann weder einen Namen noch ein Ange-
    sicht, vielleicht war es eine neue Vorkehrung
    gegen magische Missbräuche. Aber wenn man
    dies Verbot annahm, musste es eine tiefgreifen-
    de Wirkung ausüben. Denn es bedeutete eine
    Zurücksetzung der sinnlichen Wahrnehmung ge-
    gen eine abstrakt zu nennende Vorstellung, ei-
    nen Triumph der Geistigkeit über die Sinnlich-
    keit, streng genommen einen Triebverzicht mit
    seinen psychologisch notwendigen Folgen.

    Um glaubwürdig zu finden, was auf den ersten
    Blick nicht einleuchtend scheint, muss man sich
    an andere Vorgänge gleichen Charakters in der
    Entwicklung der menschlichen Kultur erinnern.
    Der früheste unter ihnen, der wichtigste viel-
    leicht, verschwimmt im Dunkel der Urzeit. Sei-
    ne erstaunlichen Wirkungen nötigen uns, ihn zu
    behaupten. Bei unseren Kindern, bei den Neuro-
    tikern unter den Erwachsenen wie bei den pri-
    mitiven Völkern finden wir das seelische Phä-

  • S.

    201

    und die monotheistische Religion

    nomen, das wir als den Glauben an die „All-
    macht der Gedanken“ bezeichnen. Nach unserem
    Urteil ist es eine Überschätzung des Einflusses,
    den unsere seelischen, hier die intellektuellen,
    Akte auf die Veränderung der Außenwelt üben
    können. Im Grunde ruht ja alle Magie, die Vor-
    läuferin unserer Technik, auf dieser Vorausset-
    zung. Auch aller Zauber der Worte gehört hie-
    her und die Überzeugung von der Macht, die
    mit der Kenntnis und dem Aussprechen eines
    Namens verbunden ist. Wir nehmen an, dass
    die „Allmacht der Gedanken“ der Ausdruck des
    Stolzes der Menschheit war auf die Entwick-
    lung der Sprache, die eine so außerordentliche
    Förderung der intellektuellen Tätigkeiten zur
    Folge hatte. Es eröffnete sich das neue Reich der
    Geistigkeit, in dem Vorstellungen, Erinnerungen
    und Schlussprozesse massgebend wurden, im
    Gegensatz zur niedrigeren psychischen Tätig-
    keit, die unmittelbare Wahrnehmungen der Sin-
    nesorgane zum Inhalt hatte. Es war gewiss eine
    der wichtigsten Etappen auf dem Wege zur
    Menschwerdung.

    Weit greifbarer tritt uns ein anderer Vorgang
    späterer Zeit entgegen. Unter dem Einfluss äus-
    serer Moment, die wir hier nicht zu verfolgen
    brauchen, die zum Teil auch nicht genügend be-
    kannt sind, geschah es, dass die matriarchalische
    Gesellschaftsordnung von der patriarchalischen

  • S.

    202

    abgelöst wurde, womit natürlich ein Umsturz
    der bisherigen Rechtsverhältnisse verbunden
    war. Man glaubt den Nachklang dieser Revolu-
    tion noch in der Orestie des Äschylos zu ver-
    spüren. Aber diese Wendung von der Mutter
    zum Vater bezeichnet überdies einen Sieg der
    Geistigkeit über die Sinnlichkeit, also einen
    Kulturfortschritt, denn die Mutterschaft ist
    durch das Zeugnis der Sinne erwiesen, während
    die Vaterschaft eine Annahme ist, auf einen
    Schluss und auf eine Voraussetzung aufgebaut.
    Die Parteinahme, die den Denkvorgang über
    die sinnliche Wahrnehmung erhebt, bewährt
    sich als ein folgenschwerer Schritt.
    Irgendwann zwischen den beiden vorerwähn-
    ten Fällen ereignete sich ein anderer, der am mei-
    sten Verwandtschaft zeigt mit dem von uns
    in der Religionsgeschichte untersuchten. Der
    Mensch fand sich veranlasst, überhaupt „geisti-
    ge“ Mächte anzuerkennen, d.h. solche, die mit
    den Sinnen, speziell mit dem Gesicht, nicht er-
    fasst werden können, aber doch unzweifelhafte
    sogar überstarke Wirkungen äußern. Wenn wir
    uns dem Zeugnis der Sprache anvertrauen dürf-
    ten, war es die bewegte Luft, die das Vorbild
    der Geistigkeit abgab, denn der Geist entlehnt
    den Namen vom Windhauch (animus, spiritus,
    hebräisch: ruach, Hauch). Damit war auch die
    Entdeckung der Seele gegeben als des geistigen

  • S.

    203

    Prinzips im einzelnen Menschen. Die Beobach-
    tung fand die bewegte Luft im Atmen des Men-
    schen wieder, das mit dem Tode aufhört; noch
    heute haucht der Sterbende seine Seele aus. Nun
    aber war dem Menschen das Geisterreich eröff-
    net; er war bereit, die Seele, die er bei sich ent-
    deckt hatte, allem anderen in der Natur zuzu-
    trauen. Die ganze Welt wurde beseelt, und die
    Wissenschaft, die soviel später kam, hatte genug
    zu tun, um einen Teil der Welt wieder zu ent-
    seelen, ist auch noch heute mit dieser Aufgabe
    nicht fertig geworden.

    Durch das mosaische Verbot wurde Gott auf
    eine höhere Stufe der Geistigkeit gehoben, der
    Weg eröffnet für weitere Abänderungen der
    Gottesvorstellung, von denen noch zu berichten
    ist. Aber zunächst darf uns eine andere Wir-
    kung desselben beschäftigen. Alle solchen Fort-
    schritte in der Geistigkeit haben den Erfolg, das
    Selbstgefühl der Person zu steigern, sie stolz zu
    machen, so dass sie sich anderen überlegen fühlt,
    die im Banne der Sinnlichkeit verblieben sind.
    Wir wissen, dass Moses den Juden das Hochge-
    fühl vermittelt hatte, ein auserwähltes Volk zu
    sein; durch die Entmaterialisierung Gottes kam
    ein neues, wertvolles Stück zu dem geheimen
    Schatz des Volkes hinzu. Die Juden behielten
    die Richtung auf geistige Interessen bei, das po-
    litische Unglück der Nation lehrte sie, den einzi-
    gen

  • S.

    204

    III. Moses, sein Volk,

    gen Besitz, der ihnen geblieben war, ihr Schrift-
    tum, seinem Werte nach einzuschätzen. Unmit-
    telbar nach der Zerstörung des Tempels in Je-
    rusalem durch Titus erbat sich Rabbi Jochanan
    ben Sakkai die Erlaubnis, die erste Thoraschule
    in Jabne zu eröffnen. Fortan war es die heilige
    Schrift und die geistige Bemühung um sie, die
    das versprengte Volk zusammenhielt.

    Soviel ist allgemein bekannt und angenommen.
    Ich wollte nur einfügen, dass diese charakteristi-
    sche Entwicklung des jüdischen Wesens durch
    das Verbot Moses’, Gott in sichtbarer Gestalt zu
    verehren, eingeleitet wurde.

    Der Vorrang, der durch etwa 2000 Jahre im Le-
    ben des jüdischen Volkes geistigen Bestrebungen
    eingeräumt war, hat natürlich seine Wirkung
    getan; er half, die Roheit und die Neigung zur
    Gewalttat einzudämmen, die sich einzustellen
    pflegen, wo die Entwicklung der Muskelkraft
    Volksideal ist. Die Harmonie in der Ausbildung
    geistiger und körperlicher Tätigkeit, wie das
    griechische Volk sie erreichte, blieb den Juden
    versagt. Im Zwiespalt trafen sie wenigstens die
    Entscheidung für das Höherwertige.

    d) Triebverzicht

    Es ist nicht selbstverständlich und nicht ohne
    weiteres einzusehen, warum ein Fortschritt in

  • S.

    205

    und die monotheistische Religion

    der Geistigkeit, eine Zurücksetzung der Sinn-
    lichkeit, das Selbstbewußtsein einer Person wie
    eines Volkes erhöhen sollte. Das scheint einen
    bestimmten Wertmaßstab vorauszusetzen und
    eine andere Person oder Instanz, die ihn hand-
    habt. Wir wenden uns zur Klärung an einen
    analogen Fall aus der Psychologie des Indivi-
    duums, der uns verständlich geworden ist.
    Erhebt das Es in einem menschlichen Wesen ei-
    nen Triebanspruch erotischer oder aggressiver
    Natur, so ist das Einfachste und Natürlichste,
    dass das Ich, dem der Denk- und der Muskelap-
    parat zur Verfügung steht, ihn durch eine Ak-
    tion befriedigt. Diese Befriedigung des Triebes
    wird vom Ich als Lust empfunden, wie die Un-
    befriedigung unzweifelhaft Quelle von Unlust
    geworden wäre. Nun kann sich der Fall ereig-
    nen, dass das Ich die Triebbefriedigung mit
    Rücksicht auf äußere Hindernisse unterlässt,
    nämlich dann, wenn es einsieht, dass die betref-
    fende Aktion eine ernste Gefahr für das Ich her-
    vorrufen würde. Ein solches Abstehen von der
    Befriedigung, ein Triebverzicht infolge äußerer
    Abhaltung, wie wir sagen: im Gehorsam gegen
    das Realitätsprinzip, ist auf keinen Fall lustvoll.
    Der Triebverzicht würde eine anhaltende Un-
    lustspannung zur Folge haben, wenn es nicht ge-
    länge, die Triebstärke selbst durch Energiever-
    schiebungen herabzusetzen. Der Triebverzicht

  • S.

    206

    kann aber auch aus anderen, wie wir mit Recht
    sagen inneren Gründen erzwungen werden. Im
    Laufe der individuellen Entwicklung wird ein
    Anteil der hemmenden Mächte in der Außen-
    welt verinnerlicht, es bildet sich im Ich eine In-
    stanz, die sich beobachtend, kritisierend und
    verbietend dem übrigen entgegengestellt. Wir
    nennen diese neue Instanz das Über-Ich. Von
    nun an hat das Ich, ehe es die vom Es geforder-
    ten Triebbefriedigungen ins Werk setzt, nicht
    nur auf die Gefahren der Außenwelt, sondern
    auch auf den Einspruch des Über-Ichs Rück-
    sicht zu nehmen, und wird umsomehr Anlässe
    haben, die Triebbefriedigung zu unterlassen.
    Während aber der Triebverzicht aus äußeren
    Gründen nur unlustvoll ist, hat der aus inneren
    Gründen, aus Gehorsam gegen das Über-Ich,
    eine andere ökonomische Wirkung. Er bringt
    ausser der unvermeidlichen Unlustfolge dem Ich
    auch einen Lustgewinn, eine Ersatzbefriedigung
    gleichsam. Das Ich fühlt sich gehoben, es wird
    stolz auf den Triebverzicht wie auf eine wert-
    volle Leistung. Den Mechanismus dieses Lustge-
    winns glauben wir zu verstehen. Das Über-Ich
    ist Nachfolger und Vertreter der Eltern (und
    Erzieher), die die Handlungen des Individuums
    in seiner ersten Lebensperiode beaufsichtigt
    hatten; es setzt die Funktionen derselben fast
    ohne Veränderung fort. Es hält das Ich in dau-

  • S.

    207

    und die monotheistische Religion

    ernder Abhängigkeit, es übt einen ständigen
    Druck auf dasselbe aus. Das Ich ist ganz wie in
    der Kindheit besorgt, die Liebe des Oberherrn
    aufs Spiel zu setzen, empfindet seine Anerken-
    nung als Befreiung und Befriedigung, seine Vor-
    würfe als Gewissensbisse. Wenn das Ich dem
    Über-Ich das Opfer eines Triebverzichts ge-
    bracht hat, erwartet es als Belohnung dafür, von
    ihm mehr geliebt zu werden. Das Bewusstsein,
    diese Liebe zu verdienen, empfindet es als Stolz.
    Zur Zeit, da die Autorität noch nicht als Über-
    Ich verinnerlicht war, konnte die Beziehung
    zwischen drohendem Liebesverlust und Trieb-
    anspruch die nämliche sein. Es gab ein Gefühl
    von Sicherheit und Befriedigung, wenn man aus
    Liebe zu den Eltern einen Triebverzicht zustan-
    degebracht hatte. Den eigentümlich narzissti-
    schen Charakter des Stolzes konnte dies gute
    Gefühl erst annehmen, nachdem die Autorität
    selbst ein Teil des Ichs geworden war.

    Was leistet uns diese Aufklärung der Befriedi-
    gung durch Triebverzicht für das Verständnis
    der Vorgänge, die wir studieren wollen, der He-
    bung des Selbstbewusstseins bei Fortschritten der
    Geistigkeit? Anscheinend sehr wenig. Die Ver-
    hältnisse liegen ganz anders. Es handelt sich um
    keinen Triebverzicht und es ist keine zweite
    Person oder Instanz da, der zuliebe das Opfer
    gebracht wird. An der zweiten Behauptung

  • S.

    208

    wird man bald schwankend werden. Man kann
    sagen, der große Mann ist eben die Autorität,
    der zuliebe man die Leistung vollbringt, und da
    der große Mann selbst dank seiner Ähnlichkeit
    mit dem Vater wirkt, darf man sich nicht ver-
    wundern, wenn ihm in der Massenpsychologie
    die Rolle des Über-Ichs zufällt. Das würde also
    auch für den Mann Moses im Verhältnis zum Ju-
    denvolk gelten. Im anderen Punkte will sich
    aber keine richtige Analogie herstellen. Der
    Fortschritt in der Geistigkeit besteht darin, dass
    man gegen die direkte Sinneswahrnehmung zu
    Gunsten der sogenannten höheren intellektuel-
    len Prozesse entscheidet, also der Erinnerungen,
    Überlegungen, Schlussvorgänge. Dass man z.B.
    bestimmt, die Vaterschaft ist wichtiger als die
    Mutterschaft, obwohl sie nicht wie letztere
    durch das Zeugnis der Sinne erweisbar ist. Dar-
    um soll das Kind den Namen des Vaters tragen
    und nach ihm erben. Oder: unser Gott ist der
    größte und mächtigste, obwohl er unsichtbar ist
    wie der Sturmwind und die Seele. Die Abwei-
    sung eines sexuellen oder aggressiven Trieban-
    spruches scheint etwas davon ganz Verschiede-
    nes zu sein. Auch ist bei manchen Fortschritten
    der Geistigkeit, z.B. beim Sieg des Vaterrechts,
    die Autorität nicht aufzeigbar, die den Maßstab
    für das abgibt, was als höher geachtet werden
    soll. Der Vater kann es in diesem Falle nicht

  • S.

    209

    sein, denn er wird erst durch den Fort-
    schritt zur Autorität erhoben. Man steht also vor dem Phä-
    nomen, dass in der Entwicklung der Menschheit
    die Sinnlichkeit allmählich von der Geistigkeit
    überwältigt wird und dass die Menschen sich
    durch jeden solchen Fortschritt stolz und geho-
    ben fühlen. Man weiss aber nicht zu sagen, war-
    um das so sein sollte. Später ereignet es sich dann
    noch, dass die Geistigkeit selbst von dem ganz
    rätselhaften emotionellen Phänomen des Glau-
    bens überwältigt wird. Das ist das berühmte
    Credo quia absurdum, und auch wer dies zu-
    standegebracht hat, sieht es als eine Höchstlei-
    stung an. Vielleicht ist das Gemeinsame all die-
    ser psychologischen Situationen etwas anderes.
    Vielleicht erklärt der Mensch einfach das für
    das Höhere, was das Schwierigere ist, und sein
    Stolz ist bloss der durch das Bewusstsein einer
    überwundenen Schwierigkeit gesteigerte Nar-
    zissmus.

    Das sind gewiss wenig fruchtbare Erörterungen,
    und man könnte meinen, sie haben mit unserer
    Untersuchung, was den Charakter des jüdischen
    Volkes bestimmt hat, überhaupt nichts zu tun.
    Das wäre nur ein Vorteil für uns, aber eine ge-
    wisse Zugehörigkeit zu unserem Problem verrät
    sich doch durch eine Tatsache, die uns später
    noch mehr beschäftigen wird. Die Religion, die
    mit dem Verbot begonnen hat, sich ein Bild von

  • S.

    210

    Gott zu machen, entwickelt sich im Laufe der
    Jahrhunderte immer mehr zu einer Religion der
    Triebverzichte. Nicht dass sie sexuelle Absti-
    nenz fordern würde, sie begnügt sich mit einer
    merklichen Einengung der sexuellen Freiheit.
    Aber Gott wird der Sexualität völlig entrückt
    und zum Ideal ethischer Vollkommenheit erho-
    ben. Ethik ist aber Triebinschränkung. Die
    Propheten werden nicht müde zu mahnen, dass
    Gott nichts anderes von seinem Volke verlange
    als gerechte und tugendhafte Lebensführung,
    also Enthaltung von allen Triebbefriedigungen,
    die auch noch von unserer heutigen Moral als
    lasterhaft verurteilt werden. Und selbst die For-
    derung, an ihn zu glauben, scheint gegen den
    Ernst dieser ethischen Forderungen zurückzu-
    treten. Somit scheint der Triebverzicht eine her-
    vorragende Rolle in der Religion zu spielen,
    auch wenn er nicht von Anfang an in ihr her-
    vortritt.

    Hier ist aber Raum für einen Einspruch, der ein
    Missverständnis abwehren soll. Mag es auch
    scheinen, dass der Triebverzicht und die auf ihn
    gegründete Ethik nicht zum wesentlichen Inhalt
    der Religion gehört, so ist er doch genetisch aufs
    innigste mit ihr verbunden. Der Totemismus, die
    erste Form einer Religion, die wir erkennen,
    bringt als unerlässliche Bestände des Systems ei-
    ne Anzahl von Geboten und Verboten mit sich,

  • S.

    211

    und die monotheistische Religion

    die natürlich nichts anderes als Triebver-
    zichte bedeuten, die Verehrung des Totem, die das
    Verbot einschliesst, ihn zu schädigen oder zu tö-
    ten, die Exogamie, also den Verzicht auf die lei-
    denschaftlich begehrten Mütter und Schwestern
    in der Horde, das Zugeständnis gleicher Rechte
    für alle Mitglieder des Brüderbundes, also die
    Einschränkung der Tendenz zu gewalttätiger
    Rivalität unter ihnen. In diesen Bestimmungen
    müssen wir die ersten Anfänge einer sittlichen
    und sozialen Ordnung erblicken. Es entgeht uns
    nicht, dass sich hier zwei verschiedene Moti-
    vierungen geltend machen. Die beiden ersten
    Verbote liegen im Sinne des beseitigten Vaters,
    sie setzen gleichsam seinen Willen fort; das drit-
    te Gebot, das der Gleichberechtigung der Bun-
    desbrüder, sieht vom Willen des Vaters ab, es
    rechtfertigt sich durch die Berufung auf die
    Notwendigkeit, die neue Ordnung, die nach der
    Beseitigung des Vaters entstanden war, für die
    Dauer zu erhalten. Sonst wäre der Rückfall in
    den früheren Zustand unvermeidlich geworden.
    Hier sondern sich die sozialen Gebote von den
    anderen ab, die, wie wir sagen dürfen, direkt aus
    religiösen Beziehungen stammen.
    In der abgekürzten Entwicklung des menschli-
    chen Einzelwesens wiederholt sich das wesent-
    liche Stück dieses Her-
    gangs. Auch hier ist es die
    Autorität der Eltern, im wesentlichen die des

  • S.

    212

    unumschränkten, mit der Macht zur Strafe dro
    henden Vaters, die das Kind zu Triebverzichten
    auffordert, die für dasselbe festsetzt, was ihm
    erlaubt und was ihm verboten ist. Was beim
    Kinde „brav“ oder „schlimm“ heisst, wird spä-
    ter, wenn Gesellschaft und Über-Ich an die
    Stelle der Eltern getreten sind, „gut“ und „bö-
    se“, tugendhaft oder lasterhaft genannt werden,
    aber es ist immer noch das nämliche, Triebver-
    zicht durch den Druck der den Vater ersetzen-
    den, ihn fortsetzenden, Autorität.
    Diese Einsichten erfahren eine weitere Vertie-
    fung, wenn wir eine Untersuchung des merk-
    würdigen Begriffs der Heiligkeit unternehmen.
    Was erscheint uns eigentlich als „heilig“ in Her-
    vorhebung von anderem, das wir hochschätzen
    und als wichtig und bedeutungsvoll anerken-
    nen? Einerseits ist der Zusammenhang des Hei-
    ligen mit dem Religiösen unverkennbar, er wird
    in aufdringlicher Weise betont; alles Religiöse
    ist heilig, es ist geradezu der Kern der Heilig-
    keit. Anderseits wird unser Urteil durch die
    zahlreichen Versuche gestört, den Charakter der
    Heiligkeit für soviel anderes, Personen, Institu-
    tionen, Verrichtungen in Anspruch zu nehmen,
    die wenig mit Religion zu tun haben. Diese Be-
    mühungen dienen offenkundigen Tendenzen.
    Wir wollen von dem Verbotcharakter ausgehen,
    der so fest am Heiligen haftet. Das Heilige ist

  • S.

    213

    und die monotheistische Religion
     

    offenbar etwas, was nicht berührt wer-
    den darf. Ein heiliges Verbot ist sehr stark affektiv be-
    tont, aber eigentlich ohne rationelle Begrün-
    dung. Denn warum sollte es z.B. ein so beson-
    ders schweres Verbrechen sein, Inzest mit Toch-
    ter oder Schwester zu begehen, soviel ärger als
    jeder andere Sexualverkehr? Fragt man nach
    einer solchen Begründung, so wird man gewiss
    hören, dass sich alle unsere Gefühle dagegen
    sträuben. Aber das heisst nur, dass man das
    Verbot für selbstverständlich hält, dass man es
    nicht zu begründen weiss.

    Die Nichtigkeit einer solchen Erklärung ist leicht
    genug zu erweisen. Was angeblich unsere heilig-
    sten Gefühle beleidigt, war in den Herrscherfa-
    milien der alten Ägypter und anderer frühen
    Völker allgemeine Sitte, man möchte sagen ge-
    heiligter Brauch. Es war selbstverständlich, dass
    der Pharao in seiner Schwester seine erste und
    vornehmste Frau fand, und die späten Nach-
    folger der Pharaonen, die griechischen Ptole-
    mäer, zögerten nicht, dies Vorbild nachzuahmen.
    Soweit drängt sich uns eher die Einsicht auf, dass
    der Inzest – in diesem Falle zwischen Bruder
    und Schwester – ein Vorrecht war, das gewöhn-
    lichen Sterblichen entzogen, aber den die Göt-
    ter vertretenden Königen vorbehalten war, wie
    ja auch die Welt der griechischen und der ger-
    manischen Sage keinen Anstoss an solchen in-

  • S.

    214

    III. Moses, sein Volk,

    zestiiösen Beziehungen nahm. Man darf vermu-
    ten, dass die ängstliche Wahrung der Ebenbür-
    tigkeit in unserem Hochadel noch ein Residuum
    dieses alten Privilegs ist, und kann feststellen,
    dass infolge der über soviele Generationen fort-
    gesetzten Inzucht in den höchsten sozialen
    Schichten Europa heute nur von Mitgliedern ei-
    ner und einer zweiten Familie regiert wird.

    Der Hinweis auf den Inzest bei Göttern, Köni-
    gen und Heroen hilft auch mit zur Erledigung
    eines anderen Versuches, der die Inzestscheu bi-
    ologisch erklären will, sie auf ein dunkles Wis-
    sen um die Schädlichkeit der Inzucht zurück-
    führt. Es ist aber nicht einmal sicher, dass eine
    Gefahr der Schädigung durch die Inzucht be-
    steht, geschweige denn, dass die Primitiven sie
    erkannt und gegen sie reagiert hätten. Die Un-
    sicherheit in der Bestimmung der erlaubten und
    der verbotenen Verwandtschaftsgrade spricht
    ebensowenig für die Annahme eines „natürli-
    chen Gefühls“ als Urgrund der Inzestscheu.
    Unsere Konstruktion der Vorgeschichte drängt
    uns eine andere Erklärung auf. Das Gebot der
    Exogamie, dessen negativer Ausdruck die In-
    zestscheu ist, lag im Willen des Vaters und setzte
    diesen Willen nach seiner Beseitigung fort. Da-
    her die Stärke seiner affektiven Betonung und
    die Unmöglichkeit einer rationellen Begrün-
    dung, also seine Heiligkeit. Wir erwarten zuver-
     

  • S.

    215

    sichtlich, dass die Untersuchung aller anderen
    Fälle von heiligem Verbot zu demselben Ergeb-
    nis führen würde wie im Falle der Inzestscheu,
    dass das Heilige ursprünglich nichts anderes ist
    als der fortgesetzte Wille des Urvaters. Damit
    fiele auch ein Licht auf die bisher unverständ-
    liche Ambivalenz der Worte, die den Begriff
    der Heiligkeit ausdrücken. Es ist die Ambiva-
    lenz, die das Verhältnis zum Vater überhaupt
    beherrscht. „Sacer“ bedeutet nicht nur „heilig“,
    „geweiht“, sondern auch etwas, was wir nur
    mit „verrucht“, „verabscheuenswert“ überset-
    zen können („auri sacra fames“). Der Wille des
    Vaters aber war nicht nur etwas, woran man
    nicht rühren durfte, was man hoch in Ehren
    halten musste, sondern auch etwas, wovor man
    erschauderte, weil es einen schmerzlichen Trieb-
    verzicht erforderte. Wenn wir hören, dass Mo-
    ses sein Volk „heiligte“ durch die Einführung
    der Sitte der Beschneidung, so verstehen wir
    jetzt den tiefen Sinn dieser Behauptung. Die Be-
    schneidung ist der symbolische Ersatz der Ka-
    stration, die der Urvater einst aus der Fülle sei-
    ner Machtvollkommenheit über die Söhne ver-
    hängt hatte, und wer dies Symbol annahm, zeig-
    te damit, dass er bereit war, sich dem Willen des
    Vaters zu unterwerfen, auch wenn er ihm das
    schmerzlichste Opfer auferlegte.
    Um zur Ethik zurückzukehren, dürfen wir ab-

  • S.

    216

    schliessend sagen: Ein Teil ihrer Vorschriften
    rechtfertigt sich auf rationelle Weise durch die
    Notwendigkeit, die Rechte der Gemeinschaft
    gegen den Einzelnen, die Rechte des Einzelnen
    gegen die Gesellschaft und die der Individuen
    gegen einander abzugrenzen. Was aber an der
    Ethik uns grossartig, geheimnisvoll, in mysti-
    scher Weise selbstverständlich erscheint, das
    dankt diese Charaktere dem Zusammenhang
    mit der Religion, der Herkunft aus dem Willen
    des Vaters.

    e) Der Wahrheitsgehalt der Religion

    Wie beneidenswert erscheinen uns, den Armen
    im Glauben, jene Forscher, die von der Existenz
    eines höchsten Wesens überzeugt sind! Für die-
    sen grossen Geist hat die Welt keine Probleme,
    weil er selbst alle ihre Einrichtungen geschaffen
    hat. Wie umfassend, erschöpfend und endgültig
    sind die Lehren der Gläubigen im Vergleich mit
    den mühseligen, armseligen und stückhaften Er-
    klärungsversuchen, die das Äusserste sind, was
    wir zustandebringen! Der göttliche Geist, der
    selbst das Ideal ethischer Vollkommenheit ist,
    hat den Menschen die Kenntnis dieses Ideals ein-
    gepflanzt und gleichzeitig den Drang, ihr We-
    sen dem Ideal anzugleichen. Sie verspüren un-
    mittelbar, was höher und edler, und was niedri-

  • S.

    217

    und die monotheistische Religion

    ger und gemeiner ist. Ihr Empfindungsleben ist
    auf ihre jeweilige Distanz vom Ideal eingestellt.
    Es bringt ihnen hohe Befriedigung, wenn sie, im
    Perihel gleichsam, ihm näher kommen, es straft
    sich durch schwere Unlust, wenn sie, im Aphel,
    sich von ihm entfernt haben. Das ist alles so ein-
    fach und so unerschütterlich festgelegt. Wir kön-
    nen nur bedauern, wenn gewisse Lebenserfah-
    rungen und Weltbeobachtungen es unmög-
    lich machen, die Voraussetzung eines solchen
    höchsten Wesens anzunehmen. Als hätte die Welt
    der Rätsel nicht genug, wird uns die neue Auf-
    gabe gestellt, zu verstehen, wie jene anderen den
    Glauben an das göttliche Wesen erwerben konn-
    ten und woher dieser Glaube seine ungeheure,
    „Vernunft und Wissenschaft“ überwältigende
    Macht bezieht.

    Kehren wir zu dem bescheideneren Problem zu-
    rück, das uns bisher beschäftigt hat. Wir woll-
    ten erklären, woher der eigentümliche Charak-
    ter des jüdischen Volkes rührt, der wahrschein-
    lich auch seine Erhaltung bis auf den heutigen
    Tag ermöglicht hat. Wir fanden, der Mann Mo-
    ses hat diesen Charakter geprägt, dadurch, dass
    er ihnen eine Religion gab, welche ihr Selbstge-
    fühl so erhöhte, dass sie sich allen anderen Völ-
    kern überlegen glaubten. Sie erhielten sich dann
    dadurch, dass sie sich von den anderen fern hiel-
    ten. Blutvermischungen störten dabei wenig,

  • S.

    218

    III. Moses, sein Volk,

    denn was sie zusammenhielt, war ein ideelles
    Moment, der gemeinsame Besitz bestimmter in-
    tellektueller und emotioneller Güter. Die Moses-
    Religion hatte diese Wirkung, weil sie 1) das
    Volk Anteil nehmen liess an der Grossartigkeit
    einer neuen Gottesvorstellung, 2) weil sie be-
    hauptete, dass dies Volk von diesem grossen
    Gott auserwählt und für die Beweise seiner be-
    sonderen Gunst bestimmt war, 3) weil sie dem
    Volk einen Fortschritt in der Geistigkeit aufnö-
    tigte, der, an sich bedeutungsvoll genug, überdies
    den Weg zur Hochschätzung der intellektuellen
    Arbeit und zu weiteren Triebverzichten eröff-
    nete.

    Dies ist unser Ergebnis, und obwohl wir nichts
    davon zurücknehmen mögen, können wir uns
    doch nicht verhehlen, dass es irgendwie unbe-
    friedigend ist. Die Verursachung deckt sozusa-
    gen nicht den Erfolg, die Tatsache, die wir er-
    klären wollen, scheint von einer anderen Grös-
    senordnung als alles, wodurch wir sie erklären.
    Wäre es möglich, dass alle unsere bisherigen Un-
    tersuchungen nicht die ganze Motivierung auf-
    gedeckt haben, sondern nur eine gewissermassen
    oberflächliche Schicht, und dahinter noch ein
    anderes, sehr bedeutsames Moment auf Ent-
    deckung wartet? Bei der ausserordentlichen
    Komplikation aller Verursachung in Leben und

  • S.

    219

    und die monotheistische Religion

    Geschichte musste man auf etwas dergleichen
    gefasst sein.

    Der Zugang zu dieser tieferen Motivierung er-
    gäbe sich an einer bestimmten Stelle der vorste-
    henden Erörterungen. Die Religion des Moses hat
    ihre Wirkungen nicht unmittelbar geübt, son-
    dern in einer merkwürdig indirekten Weise. Das
    will nicht besagen, sie habe nicht sofort gewirkt,
    sie habe lange Zeiten, Jahrhunderte gebraucht,
    um ihre volle Wirkung zu entfalten, denn soviel
    versteht sich von selbst, wenn es sich um die Aus-
    prägung eines Volkscharakters handelt. Sondern
    die Einschränkung bezieht sich auf eine Tatsa-
    che, die wir der jüdischen Religionsgeschichte
    entnommen, oder, wenn man will, in sie einge-
    tragen haben. Wir haben gesagt, das jüdische
    Volk warf die Moses-Religion nach einer ge-
    wissen Zeit wieder ab – ob vollständig, ob
    einige ihrer Vorschriften beibehalten wurden,
    können wir nicht erraten. Mit der Annahme,
    dass in den langen Zeiten der Besitzergreifung
    Kanaans und des Ringens mit den dort wohnen-
    den Völkern die Jahve-Religion sich nicht we-
    sentlich von der Verehrung der anderen Baalim
    unterschied, stehen wir auf historischem Boden
    trotz aller Anstrengungen späterer Tendenzen,
    diesen beschämenden Sachverhalt zu verschlei-
    ern. Die Moses-Religion war aber nicht spurlos
    untergegangen, eine Art von Erinnerung an sie

  • S.

    220

    III. Moses, sein Volk,

    hatte sich erhalten, verdunkelt und entstellt,
    vielleicht bei einzelnen Mitgliedern der Priester-
    kaste durch alte Aufzeichnungen gestützt. Und
    diese Tradition einer grossen Vergangenheit war
    es, die aus dem Hintergrunde gleichsam zu wir-
    ken fortfuhr, allmählich immer mehr Macht
    über die Geister gewann und es endlich erreich-
    te, den Gott Jahve in den Gott Moses’ zu ver-
    wandeln und die vor langen Jahrhunderten ein-
    gesetzte und dann verlassene Religion Moses’
    wieder zum Leben zu erwecken.
    Wir haben in einem früheren Abschnitt dieser
    Abhandlung erörtert, welche Annahme unab-
    weisbar scheint, wenn wir eine solche Leistung
    der Tradition begreiflich finden sollen.

    f) Die Wiederkehr des Verdrängten

    Es gibt nun eine Menge ähnlicher Vorgänge un-
    ter denen, die uns die analytische Erforschung
    des Seelenlebens kennen gelehrt hat. Einen Teil
    derselben heisst man pathologisch, andere rech-
    net man in die Mannigfaltigkeit der Normali-
    tät ein. Aber darauf kommt es wenig an, denn
    die Grenzen zwischen beiden sind nicht scharf
    gezogen, die Mechanismen sind im weiten Aus-
    mass die nämlichen, und es ist weit wichtiger, ob
    die betreffenden Veränderungen sich am Ich
    selbst vollziehen oder ob sie sich ihm fremd ent-
     

  • S.

    221

    und die monotheistische Religion

    gegenstellen, wo sie dann Symptome genannt
    werden. Aus der Fülle des Materials hebe ich zu-
    nächst Fälle hervor, die sich auf Charakterent-
    wicklung beziehen. Das junge Mädchen hat sich
    in den entschiedensten Gegensatz zu seiner Mut-
    ter gebracht, alle Eigenschaften gepflegt, die sie
    an der Mutter vermisst, und alles vermieden,
    was an die Mutter erinnert. Wir dürfen ergän-
    zen, dass sie in früheren Jahren wie jedes weib-
    liche Kind eine Identifizierung mit der Mutter
    vorgenommen hatte und sich nun energisch ge-
    gen diese auflehnt. Wenn aber dieses Mädchen
    heiratet, selbst Frau und Mutter wird, dürfen
    wir nicht erstaunt sein, zu finden, dass sie an-
    fängt, ihrer befeindeten Mutter immer mehr
    ähnlich zu werden, bis sich schliesslich die über-
    wundene Mutteridentifizierung unverkennbar
    wiederhergestellt hat. Das Gleiche ereignet sich
    auch bei Knaben, und selbst der grosse Goethe,
    der in seiner Geniezeit den steifen und pedanti-
    schen Vater gewiss geringgeschätzt hat, entwik-
    kelte im Alter Züge, die dem Charakterbild des
    Vaters angehörten. Auffälliger kann der Erfolg
    noch werden, wo der Gegensatz zwischen bei-
    den Personen schärfer ist. Ein junger Mann,
    dem es zum Schicksal wurde, neben einem nichts-
    würdigen Vater aufzuwachsen, entwickelte sich
    zunächst, ihm zum Trotz, zu einem tüchtigen,
    zuverlässigen und ehrenhaften Menschen. Auf

  • S.

    222

    III. Moses, sein Volk

    der Höhe des Lebens schlug sein Charakter um,
    und er verhielt sich von nun an so, als ob er sich
    diesen selben Vater zum Vorbild genommen
    hätte. Um den Zusammenhang mit unserem
    Thema nicht zu verlieren, muss man im Sinne
    behalten, dass zu Anfang eines solchen Ablaufs
    immer eine frühkindliche Identifizierung mit
    dem Vater steht. Diese wird dann verstoßen,
    selbst überkompensiert, und hat sich am Ende
    wieder durchgesetzt.

    Es ist längst Gemeingut geworden, dass die Erleb-
    nisse der ersten fünf Jahre einen bestimmenden
    Einfluss auf das Leben nehmen, dem sich nichts
    Späteres widersetzen kann. Über die Art, wie
    sich diese frühen Eindrücke gegen alle Einwir-
    kungen reiferer Lebenszeiten behaupten, wäre
    viel Wissenwertes zu sagen, das nicht hierher ge-
    hört. Weniger bekannt dürfte aber sein, dass die
    stärkste zwangsartige Beeinflussung von jenen
    Eindrücken herrührt, die das Kind zu einer
    Zeit treffen, da wir seinen psychischen Apparat
    für noch nicht vollkommen aufnahmefähig hal-
    ten müssen. An der Tatsache selbst ist nicht zu
    zweifeln, sie ist so befremdend, dass wir uns ihr
    Verständnis durch den Vergleich mit einer pho-
    tographischen Aufnahme erleichtern dürfen, die
    nach einem beliebigen Aufschub entwickelt und
    in ein Bild verwandelt werden mag. Immerhin
    weist man gern darauf hin, dass ein phantasie-
     

  • S.

    223

    und die monotheistische Religion

    voller Dichter mit der Poeten gestatteten Kühn-
    heit diese unsere unbequeme Entdeckung vor-
    weggenommen hat. E. T. A. Hoffmann pflegte
    den Reichtum an Gestalten, die sich ihm für
    seine Dichtungen zur Verfügung stellten, auf
    den Wechsel der Bilder und Eindrücke während
    einer wochenlangen Reise im Postwagen zurück-
    zuführen, die er noch als Säugling an der Mut-
    terbrust erlebt hatte. Was die Kinder im Alter
    von zwei Jahren erlebt und nicht verstan-
    ben, brauchen sie ausser in Träumen nie zu er-
    innern. Erst durch eine psychoanalytische Be-
    handlung kann es ihnen bekannt werden, aber
    es bricht zu irgend einer späteren Zeit mit
    Zwangsimpulsen in ihr Leben ein, dirigiert ihre
    Handlungen, drängt ihnen Sympathien und An-
    tipathien auf, entscheidet oft genug über ihre
    Liebeswahl, die so häufig rationell nicht zu be-
    gründen ist. Es ist nicht zu verkennen, in wel-
    chen zwei Punkten diese Tatsachen unser Pro-
    blem berühren. Erstens in der Entlegenheit der
    Zeit,1) die hier als das eigentlich massgebende
    Moment erkannt wird, z.B. in dem besonderen
    Zustand der Erinnerung, die wir bei diesen
    Kindheitserlebnissen als „unbewusst“ klassifi-

    1)Auch hierin darf ein Dichter das Wort haben. Um
    seine Bindung zu erklären, erfindet er: Du warst in
    abgelebten Zeiten meine Schwester oder meine Frau.
    (Goethe, Bd. IV der Weimarer Ausgabe, S. 97).

  • S.

    224

    III. Moses, sein Volk,

    zieren. Wir erwarten hierin eine Analogie mit
    dem Zustand zu finden, den wir der Tradition
    im Seelenleben des Volkes zuschreiben möchten.
    Freilich war es nicht leicht, die Vorstellung des
    Unbewussten in die Massenpsychologie einzu-
    tragen.

    Regelmässige Beiträge zu den von uns gesuchten
    Phänomenen bringen die Mechanismen, die zur
    Neurosenbildung führen. Auch hier fallen die
    massgebenden Ereignisse in frühen Kinderzeiten
    vor, aber der Akzent ruht dabei nicht auf der
    Zeit, sondern auf dem Vorgang, der dem Ereig-
    nis entgegentritt, auf der Reaktion gegen das
    selbe. In schematischer Darstellung kann man
    sagen: Als Folge des Erlebnisses erhebt sich ein
    Triebanspruch, der nach Befriedigung verlangt.
    Das Ich verweigert diese Befriedigung, entwe-
    der weil es durch die Grösse des Anspruchs ge-
    lähmt wird oder weil es in ihm eine Gefahr er-
    kennt. Die erstere dieser Begründungen ist die
    ursprünglichere, beide laufen auf die Vermei-
    dung einer Gefahrsituation hinaus. Das Ich er-
    wehrt sich der Gefahr durch den Prozess der
    Verdrängung. Die Triebregung wird irgendwie
    gehemmt, der Anlass mit den zugehörigen Wahr-
    nehmungen und Vorstellungen vergessen. Da
    mit ist aber der Prozess nicht abgeschlossen, der
    Trieb hat entweder seine Stärke behalten oder
    er sammelt sie wieder oder er wird durch einen

  • S.

    225

    und die monotheistische Religion

    neuen Anlass wieder geweckt. Er erneuert dann
    seinen Anspruch, und da ihm der Weg zur nor-
    malen Befriedigung durch das, was wir die Ver-
    drängungsnarbe nennen können, verschlossen
    bleibt, bahnt er sich irgendwo an einer schwa-
    chen Stelle einen anderen Weg zu einer soge-
    nannten Ersatzbefriedigung, die nun als Sym-
    ptom zum Vorschein kommt, ohne die Einwilli-
    gung, aber auch ohne das Verständnis des Ichs.
    Alle Phänomene der Symptombildung können
    mit gutem Recht als „Wiederkehr des Ver-
    drängten“ beschrieben werden. Ihr auszeichnen-
    der Charakter ist aber die weitgehende Entstel-
    lung, die das Wiederkehrende im Vergleich zum
    Ursprünglichen erfahren hat. Vielleicht wird
    man meinen, dass wir uns mit der letzten Grup-
    pe von Tatsachen zu weit von der Ähnlichkeit
    mit der Tradition entfernt haben. Aber es soll
    uns nicht gereuen, wenn wir damit in die Nähe
    der Probleme des Triebverzichts gekommen
    sind.

    g) Die historische Wahrheit

    Wir haben alle diese psychologischen Exkurse
    unternommen, um es uns glaubhafter zu ma-
    chen, dass die Moses-Religion ihre Wirkung auf
    das jüdische Volk erst als Tradition durchgesetzt
    hat. Mehr als eine gewisse Wahrscheinlichkeit
    haben wir wahrscheinlich nicht zustandege-

  • S.

    226

    III. Moses, sein Volk,

    bracht. Aber nehmen wir an, es sei uns der volle
    Nachweis gelungen; es bliebe doch der Eindruck,
    daß wir bloß dem qualitativen Faktor der An-
    forderung genügt haben, nicht auch dem quan-
    titativen. Allem, was mit der Entstehung einer
    Religion, gewiß auch der jüdischen, zu tun hat,
    hängt etwas Großartiges an, das durch unsere
    bisherigen Erklärungen nicht gedeckt wird. Es
    müßte noch ein anderes Moment beteiligt sein,
    für das es wenig Analoges und nichts Gleich-
    artiges gibt, etwas Einziges und etwas von der
    gleichen Größenordnung wie das, was daraus
    geworden ist, wie die Religion selbst.
    Versuchen wir, uns dem Gegenstand von der
    Gegenseite zu nähern. Wir verstehen, daß der
    Primitive einen Gott braucht als Weltschöpfer,
    Stammesoberhaupt, persönlichen Fürsorger. Die-
    ser Gott hat seine Stelle hinter den verstorbenen
    Vätern, von denen die Tradition noch etwas zu
    sagen weiß. Der Mensch späterer Zeiten, unse-
    rer Zeit, benimmt sich in der gleichen Weise.
    Auch er bleibt infantil und schutzbedürftig
    selbst als Erwachsener; er meint, er kann den
    Anhalt an seinem Gott nicht entbehren. Soviel
    ist unbestritten, aber minder leicht ist es zu ver-
    stehen, warum es nur einen einzigen Gott geben
    darf, warum grade der Fortschritt vom Heno-
    theismus zum Monotheismus die überwältigende
    Bedeutung erwirbt. Gewiß nimmt, wie wir es

  • S.

    227

    und die monotheistische Religion

    ausgeführt haben, der Gläubige Anteil an der
    Größe seines Gottes, und je größer der Gott,
    desto zuverlässiger der Schutz, den er spenden
    kann. Aber die Macht eines Gottes hat nicht seine
    Einzigkeit zur notwendigen Voraussetzung. Vie-
    le Völker sahen nur eine Verherrlichung ihres
    Obergottes darin, wenn er andere ihm unterge-
    bene Gottheiten beherrschte, und nicht eine Ver-
    kleinerung seiner Größe, wenn andere ausser
    ihm existierten. Auch bedeutete es ja ein Opfer
    an Intimität, wenn dieser Gott universell wurde
    und sich um alle Länder und Völker beküm-
    merte. Man teilte gleichsam seinen Gott mit den
    Fremden und musste sich dafür durch den Vor-
    behalt, dass man von ihm bevorzugt sei, ent-
    schädigen. Man kann auch noch geltend ma-
    chen, dass die Vorstellung des einzigen Gottes
    selbst einen Fortschritt in der Geistigkeit bedeu-
    te, aber man kann den Punkt so hoch unmög-
    lich schätzen.

    Für diese offenkundige Lücke in der Motivie-
    rung wissen nun die Frommgläubigen eine zu-
    reichende Ausfüllung. Sie sagen, die Idee eines
    einzigen Gottes hat darum so überwältigend auf
    die Menschen gewirkt, weil sie ein Stück der
    ewigen Wahrheit ist, die, lange verhüllt, endlich
    zum Vorschein kam und dann alle mit sich fort-
    reissen musste. Wir müssen zugeben, ein Mo-
    ment dieser Art ist endlich der Größe des Ge-
     

  • S.

    228

    III. Moses, sein Volk,

    genstands wie des Erfolgs angemessen.
    Auch wir möchten diese Lösung annehmen.
    Aber wir stossen auf ein Bedenken. Das from-
    me Argument ruht auf einer optimisch-
    idealistischen Voraussetzung. Es hat sich sonst nicht
    feststellen lassen, dass der menschliche Intellekt
    eine besondere feine Witterung für die Wahrheit
    besitzt und dass das menschliche Seelenleben ei-
    ne besondere Geneigtheit zeigt, die Wahrheit
    anzuerkennen. Wir haben eher im Gegenteil er-
    fahren, dass unser Intellekt sehr leicht ohne alle
    Warnung irre geht, und dass nichts leichter von
    uns geglaubt wird, als was, ohne Rücksicht auf
    die Wahrheit, unseren Wunschillusionen entge-
    genkommt. Darum müssen wir unserer Zustim-
    mung eine Einschränkung anfügen. Wir glauben
    auch, dass die Lösung der Frommen die Wahr-
    heit enthält, aber nicht die materielle, sondern
    die historische Wahrheit. Und wir nehmen uns
    das Recht, eine gewisse Entstellung zu korrigie-
    ren, welche diese Wahrheit bei ihrer Wiederkehr
    erfahren hat. Das heisst, wir glauben nicht, dass
    es einen einzigen grossen Gott heute gibt, son-
    dern dass es in Urzeiten eine einzige Person ge-
    geben hat, die damals übergross erscheinen muss-
    te und die dann zur Gottheit erhöht in der Er-
    innerung der Menschen wiedergekehrt ist.
    Wir hatten angenommen, dass die Moses-
    Religion zunächst verworfen und halb vergessen

  • S.

    229

    und die monotheistische Religion

    wurde und dann als Tradition zum Durch-
    bruch kam. Wir nehmen jetzt an, dass dieser Vorgang
    sich damals zum zweiten Mal wiederholte. Als
    Moses dem Volk die Idee des einzigen Gottes
    brachte, war sie nichts Neues, sondern sie be-
    deutete die Wiederbelebung eines Erlebnisses aus
    den Urzeiten der menschlichen Familie, das dem
    bewussten Gedächtnis der Menschen längst ent-
    schwunden war. Aber es war so wichtig gewe-
    sen, hatte so tief einschneidende Veränderungen
    im Leben der Menschen erzeugt oder angebahnt,
    dass man nicht umhin kann, zu glauben, es habe
    irgendwelche dauernden Spuren, einer Tradition
    vergleichbar, in der menschlichen Seele hinter-
    lassen.

    Wir haben aus den Psychoanalysen von Einzel-
    personen erfahren, dass ihre frühesten Eindrük-
    ke, zu einer Zeit aufgenommen, da das Kind
    noch kaum sprachfähig war, irgend einmal Wir-
    kungen von Zwangscharakter äußern, ohne
    selbst bewusst erinnert zu werden. Wir halten
    uns berechtigt, dasselbe von den frühesten Er-
    lebnissen der ganzen Menschheit anzunehmen.
    Eine dieser Wirkungen wäre das Auftauchen
    der Idee eines einzigen grossen Gottes, die man
    als zwar entstellte, aber durchaus berechtigte
    Erinnerung anerkennen muss. Eine solche Idee
    hat Zwangscharakter, sie muss Glauben finden.
    Soweit ihre Entstellung reicht, darf man sie als

  • S.

    230

    III. Moses, sein Volk,

    Wahn bezeichnen, insofern sie die Wiederkehr
    des Vergangenen bringt, muß man sie Wahrheit
    heißen. Auch der psychiatrische Wahn enthält
    ein Stückchen Wahrheit, und die Überzeugung
    des Kranken greift von dieser Wahrheit aus auf
    die wahnhafte Umhüllung über.

    Was nun folgt, ist bis zum Ende eine wenig ab-
    geänderte Wiederholung der Ausführungen im
    ersten Teil.

    Im Jahre 1912 habe ich in „Totem und Tabu“
    versucht, die alte Situation, von der solche Wir-
    kungen ausgingen, zu rekonstruieren. Ich habe
    mich dabei gewisser theoretischer Gedanken von
    Ch. Darwin, Atkinson, besonders aber von W.
    Robertson Smith bedient und sie mit Funden
    und Andeutungen aus der Psychoanalyse kom-
    biniert. Von Darwin entlehnte ich die Hypothe-
    se, daß die Menschen ursprünglich in kleinen
    Horden lebten, eine jede unter der Gewaltherr-
    schaft eines älteren Männchens, das sich alle
    Weibchen aneignete und die jungen Männer,
    auch seine Söhne, züchtigte oder beseitigte. Von
    Atkinson in Fortsetzung dieser Schilderung,
    daß dies patriarchalische System sein Ende
    fand in einer Empörung der Söhne, die sich ge-
    gen den Vater vereinigten, ihn überwältigten
    und gemeinsam verzehrten. Im Anschluß an die

  • S.

    231

    Totemtheorie von Robertson Smith nahm ich
    an, dass nachher die Vaterhorde dem totemisti-
    schen Brüderklan Platz machte. Um mit einan-
    der in Frieden leben zu können, verzichteten die
    siegreichen Brüder auf die Frauen, derentwegen
    sie doch den Vater erschlagen hatten, und leg-
    ten sich Exogamie auf. Die väterliche Macht
    war gebrochen, die Familien nach Mutterrecht
    eingerichtet. Die ambivalente Gefühlseinstellung
    der Söhne gegen den Vater blieb über die ganze
    weitere Entwicklung in Kraft. An Stelle des Va-
    ters wurde ein bestimmtes Tier als Totem ein-
    gesetzt; es galt als Ahnherr und Schutzgeist,
    durfte nicht geschädigt oder getötet werden,
    aber einmal im Jahr fand sich die ganze Män-
    nergemeinschaft zu einem Festmahl zusammen,
    bei dem das sonst verehrte Totemtier in Stücke
    gerissen und gemeinsam verzehrt wurde. Nie-
    mand durfte sich von diesem Mahle ausschlies-
    sen, es war die feierliche Wiederholung der Va-
    tertötung, mit der die soziale Ordnung, Sitten-
    gesetze und Religion ihren Anfang genommen
    hatten. Die Übereinstimmung der Robertson
    Smithschen Totemmahlzeit mit dem christlichen
    Abendmahl ist manchen Autoren vor mir auf-
    gefallen.

    Ich halte an diesem Aufbau noch heute fest. Ich
    habe wiederholt heftige Vorwürfe zu hören be-
    kommen, dass ich in späteren Auflagen des Bu-

  • S.

    232

    III. Moses, sein Volk,

    ches meine Meinungen nicht abgeändert habe,
    nachdem doch neuere Ethnologen die Aufstel-
    lungen von Robertson Smith einmütig verwor-
    fen und zum Teil andere, ganz abweichende
    Theorien vorgebracht haben. Ich habe zu ent-
    gegnen, dass mir diese angeblichen Fortschritte
    wohl bekannt sind. Aber ich bin weder von der
    Richtigkeit dieser Neuerungen noch von den
    Irrtümern Robertson Smiths überzeugt worden.
    Ein Widerspruch ist noch keine Widerlegung,
    eine Neuerung nicht notwendig ein Fortschritt.
    Vor allem aber, ich bin nicht Ethnologe, son-
    dern Psychoanalytiker. Ich hatte das Recht, aus
    der ethnologischen Literatur herauszugreifen,
    was ich für die analytische Arbeit brauchen
    konnte. Die Arbeiten des genialen Robertson
    Smith haben mir wertvolle Berührungen mit
    dem psychologischen Material der Analyse, An-
    knüpfungen für dessen Verwertung gegeben.
    Mit seinen Gegern traf ich nie zusammen.

    h) Die geschichtliche Entwicklung

    Ich kann den Inhalt von „Totem und Tabu“
    hier nicht ausführlicher wiederholen, aber ich
    muss für die Ausfüllung der langen Strecke zwi-
    schen jener angenommenen Urzeit und dem Sieg
    des Monotheismus in historischen Zeiten sorgen.
    Nachdem das Ensemble von Brüderklan, Mut-

  • S.

    233

    und die monotheistische Religion

    terrecht, Exogamie und Totemismus eingerichtet
    war, setzte eine Entwicklung ein, die als lang-
    same „Wiederkehr des Verdrängten“ zu be-
    schreiben ist. Den Terminus „das Verdrängte“
    gebrauchen wir hier im uneigentlichen Sinn. Es
    handelt sich um etwas Vergangenes, Verscholle-
    nes, Überwundenes im Völkerleben, das wir
    dem Verdrängten im Seelenleben des Einzelnen
    gleichzustellen wagen. In welcher psychologi-
    schen Form dies Vergangene während der Zeit
    seiner Verdunkelung vorhanden war, wissen wir
    zunächst nicht zu sagen. Es wird uns nicht leicht,
    die Begriffe der Einzelpsychologie auf die Psy-
    chologie der Massen zu übertragen, und ich
    glaube nicht, dass wir etwas erreichen, wenn wir
    den Begriff eines „kollektiven“ Unbewussten
    einführen. Der Inhalt des Unbewussten ist ja
    überhaupt kollektiv, allgemeiner Besitz der Men-
    schen. Wir behelfen uns also vorläufig mit dem
    Gebrauch von Analogien. Die Vorgänge, die
    wir hier im Völkerleben studieren, sind den uns
    aus der Psychopathologie bekannten sehr ähn-
    lich, aber doch nicht ganz die nämlichen. Wir
    entschliessen uns endlich zur Annahme, dass die
    psychischen Niederschläge jener Urzeiten Erb-
    gut geworden waren, in jeder neuen Generation
    nur der Erweckung, nicht der Erwerbung be-
    dürftig. Wir denken hierbei an das Beispiel der
    sicherlich „mitgeborenen“ Symbolik, die aus der

  • S.

    234

    III. Moses, sein Volk,

    Zeit der Sprachentwicklung stammt, allen Kin-
    dern vertraut ist, ohne dass sie eine Unterwei-
    sung erhalten hätten, und die bei allen Völkern
    trotz der Verschiedenheit der Sprachen gleich
    lautet. Was uns etwa noch an Sicherheit fehlt,
    gewinnen wir aus anderen Ergebnissen der psy-
    choanalytischen Forschung. Wir erfahren, dass
    unsere Kinder in einer Anzahl von bedeutsamen
    Relationen nicht so reagieren, wie es ihrem eige-
    nen Erleben entspricht, sondern instinkt-
    mäßig,
    den Tieren vergleichbar, wie es nur durch phy-
    logenetischen Erwerb erklärlich ist.
    Die Wiederkehr des Verdrängten vollzieht sich
    langsam, gewiss nicht spontan, sondern unter
    dem Einfluss all der Änderungen in den Lebensbe-
    dingungen, welche die Kulturgeschichte der
    Menschen erfüllen. Ich kann hier weder eine
    Übersicht dieser Abhängig-
    keiten noch eine mehr
    als lückenhafte Aufzählung der Etappen dieser
    Wiederkehr geben. Der Vater wird wiederum
    das Oberhaupt der Familie, längst nicht so unbe-
    schränkt, wie es der Vater der Ur-
    horde gewesen
    war. Das Totemtier weicht dem Gotte in noch
    sehr deutlichen Übergängen. Zunächst trägt der
    menschenge-
    staltige Gott noch den Kopf des Tie-
    res, später verwandelt er sich mit Vorliebe in
    dies bestimmte Tier, dann wird dies Tier ihm
    heilig und sein Lieblingsbe-
    gleiter oder er hat das
    Tier getötet und trägt selbst den Beinamen da-
     

  • S.

    235

    und die monotheistische Religion

    nach. Zwischen dem Totemtier und dem Gotte
    taucht der Heros auf, häufig als Vorstufe der
    Vergottung. Die Idee einer höchsten Gottheit
    scheint sich frühzeitig einzustellen, zunächst nur
    schattenhaft, ohne Einmengung in die täglichen
    Interessen des Menschen. Mit dem Zusammen-
    schluss der Stämme und Völker zu größeren
    Einheiten organisieren sich auch die Götter zu
    Familien, zu Hierarchien. Einer unter ihnen
    wird häufig zum Oberherrn über Götter und
    Menschen erhöht. Zögernd geschieht dann der
    weitere Schritt, nur einem Gott zu zollen, und
    endlich erfolgt die Entscheidung, einem einzigen
    Gott alle Macht einzuräumen und keine ande-
    ren Götter neben ihm zu dulden. Erst damit
    war die Herrlichkeit des Urhordenvaters wie-
    derhergestellt, und die ihm geltenden Affekte
    konnten wiederholt werden.
    Die erste Wirkung des Zusammentreffens mit
    dem so lange Vermissten und Ersehnten war
    überwältigend und so, wie die Tradi-
    tion der Ge-
    setzgebung vom Berge Sinai sie beschreibt. Be-
    wunderung, Ehrfurcht und Dankbarkeit dafür,
    dass man Gnade gefunden in seinen Augen –
    die Moses-Religion kennt keine anderen als die-
    se positiven Gefühle gegen den Vatergott. Die
    Überzeugung von seiner Unwiderstehlichkeit,
    die Unterwerfung unter seinen Willen können
    bei dem hilflosen, eingeschüchterten Sohn des

  • S.

    236

    Hordenvaters nicht unbedingter gewesen sein,
    ja, sie werden erst durch die Versetzung in das
    primitive und infantile Milieu voll begreiflich.
    Kindliche Gefühlsregungen sind in ganz ande-
    rem Ausmass als die Erwachsener intensiv und
    unausschöpfbar tief, nur die religiöse Extase
    kann das wiederbringen. So ist ein Rausch der
    Gottesergebenheit die nächste Reaktion auf die
    Wiederkehr des grossen Vaters.
    Die Richtung dieser Vaterreligion war damit
    für alle Zeiten festgelegt, doch war ihre Ent-
    wicklung damit nicht abgeschlossen. Zum We-
    sen des Vaterverhältnisses gehört die Ambiva-
    lenz; es konnte nicht ausbleiben, dass sich im
    Laufe der Zeiten auch jene Feindseligkeit regen
    wollte, die einst die Söhne angetrieben, den be-
    wunderten und gefürchteten Vater zu töten. Im
    Rahmen der Moses-Religion war für den direk-
    ten Ausdruck des mörderischen Vaterhasses kein
    Raum; nur eine mächtige Reaktion auf ihn
    konnte zum Vorschein kommen, das Schuld-
    bewusstsein wegen dieser Feindseligkeit, das
    schlechte Gewissen, man habe sich gegen Gott
    versündigt und höre nicht auf, zu sündigen. Die-
    ses Schuldbewusstsein, das von den Propheten
    ohne Unterlass wach gehalten wurde, das bald
    einen integrierenden Inhalt des religiösen Sy-
    stems bildete, hatte noch eine andere, oberfläch-
    liche Motivierung, die seine wirkliche Herkunft

  • S.

    237

    und die monotheistische Religion
    geschickt maskierte. Es ging dem Volke schlecht,
    die auf Gottes Gunst gesetzten Hoffnungen
    wollten sich nicht erfüllen, es war nicht leicht,
    an der über alles geliebten Illusion festzuhalten,
    dass man Gottes auserwähltes Volk sei. Wollte
    man auf dieses Glück nicht verzichten, so bot
    das Schuldgefühl ob der eigenen Sündhaftigkeit
    eine willkommene Entschuldung Gottes. Man
    verdiente nichts Besseres, als von ihm bestraft zu
    werden, weil man seine Gebote nicht hielt, und
    im Bedürfnis, dieses Schuldgefühl, das unersätt-
    lich war und aus soviel tieferer Quelle kam, zu
    befriedigen, musste man diese Gebote immer
    strenger, peinlicher und auch kleinlicher werden
    lassen. In einem neuen Rausch moralischer As-
    kese legte man sich immer neue Triebverzichte
    auf und erreichte dabei wenigstens in Lehre und
    Vorschrift ethische Höhen, die den anderen al-
    ten Völkern unzugänglich geblieben waren. In
    dieser Höhenentwicklung erblicken viele Juden
    den zweiten Hauptcharakter und die zweite
    grosse Leistung ihrer Religion. Aus unseren Er-
    örterungen soll hervorgehen, wie sie mit der er-
    steren, der Idee des einzigen Gottes, zusammen-
    hängt. Diese Ethik kann aber ihren Ursprung
    aus dem Schuldbewusstsein wegen der unter-
    drückten Gottesfeindschaft nicht verleugnen.
    Sie hat den unabgeschlossenen und unabschliess-
    baren Charakter zwangsneurotischer Reaktions-
     

  • S.

    238

    III. Moses, sein Volk,

    bildungen; man errät auch, dass sie den gehei-
    men Absichten der Bestrafung dient.
    Die weitere Entwicklung geht über das Juden-
    tum hinaus. Das übrige, was von der Urvater-
    tragödie wiederkehrte, war mit der Moses-Reli-
    gion in keiner Art mehr vereinbar. Das Schuld-
    bewusstsein jener Zeit war längst nicht mehr auf
    das jüdische Volk beschränkt, es hatte als ein
    dumpfes Unbehagen, als eine Unheilsahnung,
    deren Grund niemand anzugeben wusste, alle
    Mittelmeervölker ergriffen. Die Geschichts-
    schreibung unserer Tage spricht von einem Al-
    tern der antiken Kultur; ich vermute, sie hat
    nur Gelegenheitsursachen und Beihilfen zu jener
    Völkerverstimmung erfasst. Die Klärung der
    bedrückten Situation ging vom Judentum aus.
    Ungeachtet aller Annäherungen und Vorberei-
    tungen ringsum war es doch ein jüdischer Mann
    Saulus aus Tarsus, der sich als römischer Bürger
    Paulus nannte, in dessen Geist zuerst die Er-
    kenntnis durchbrach: Wir sind so unglücklich,
    weil wir Gottvater getötet haben. Und es ist
    überaus verständlich, dass er dies Stück Wahr-
    heit nicht anders erfassen konnte als in der
    wahnhaften Einkleidung der frohen Botschaft:
    Wir sind von aller Schuld erlöst, seitdem einer
    von uns sein Leben geopfert hat, um uns zu ent-
    sühnen. In dieser Formulierung war die Tötung
    Gottes natürlich nicht erwähnt, aber ein Ver-
     

  • S.

    239

    und die monotheistische Religion

    brechen, das durch einen Opfertod gesühnt wer-
    den musste, konnte nur ein Mord gewesen sein.
    Und die Vermittlung zwischen dem Wahn und
    der historischen Wahrheit stellte die Versiche-
    rung her, dass das Opfer Gottes Sohn gewesen
    sei. Mit der Kraft, die ihm aus der Quelle histo-
    rischer Wahrheit zufloss, warf dieser neue Glau-
    be alle Hindernisse nieder; an die Stelle der be-
    seligenden Auserwähltheit trat nun die befreien-
    de Erlösung. Aber die Tatsache der Vatertötung
    hatte bei ihrer Rückkehr in die Erinnerung der
    Menschheit grössere Widerstände zu überwin-
    den als die andere, die den Inhalt des Monothe-
    ismus ausgemacht hatte; sie musste sich auch
    eine stärkere Entstellung gefallen lassen. Das un
    nennbare Verbrechen wurde ersetzt durch die
    Annahme einer eigentlich schattenhaften Erb-
    sünde.

    Erbsünde und Erlösung durch den Opfertod
    wurden die Grundpfeiler der neuen, durch Paulus
    begründeten Religion. Ob es in der Brüder-
    schar, die sich gegen den Urvater empörte,
    wirklich einen Anführer und Anstifter der
    Mordtat gegeben hat oder ob diese Gestalt von
    der Phantasie der Dichter zur Heroisierung der
    eigenen Person später geschaffen und in die Tra-
    dition eingefügt wurde, muss dahingestellt blei-
    ben. Nachdem die christliche Lehre den Rah-
    men des Judentums gesprengt hatte, nahm sie

  • S.

    240

    Bestandteile aus vielen anderen Quellen auf, ver
    zichtete auf manche Züge des reinen Monothe
    ismus, schmiegte sich in vielen Einzelheiten dem
    Rituale der übrigen Mittelmeervölker an. Es
    war, als ob neuerdings Ägypten Rache nähme
    an den Erben des Ikhnaton. Beachtenswert ist,
    in welcher Weise die neue Religion sich mit der
    alten Ambivalenz im Vaterverhältnis ausein
    andersetzte. Ihr Hauptinhalt war zwar die Ver
    söhnung mit Gottvater, die Sühne des an ihm
    begangenen Verbrechens, aber die andere Seite
    der Gefühlsbeziehung zeigte sich darin, dass der
    Sohn, der die Sühne auf sich genommen, selbst
    Gott wurde neben dem Vater und eigentlich an
    Stelle des Vaters. Aus einer Vaterreligion her
    vorgegangen, wurde das Christentum eine Soh
    nesreligion. Dem Verhängnis, den Vater besei
    tigen zu müssen, ist es nicht entgangen.

    Nur ein Teil des jüdischen Volkes nahm die
    neue Lehre an. Jene, die sich dessen weigerten,
    heissen noch heute Juden. Sie sind durch diese
    Scheidung noch schärfer von den anderen abge
    sondert als vorher. Sie mussten von der neuen
    Religionsgemeinschaft, die ausser Juden Ägyp
    ter, Griechen, Syrer, Römer und endlich auch
    Germanen aufgenommen hat, den Vorwurf hö
    ren, dass sie Gott gemordet haben. Unverkürzt
    würde dieser Vorwurf lauten: Sie wollen es
    nicht wahr haben, dass sie Gott gemordet ha-
    ben.

  • S.

    241

    und die monotheistische Religion

    ben, während wir es zugeben und von dieser
    Schuld gereinigt worden sind. Man sieht dann
    leicht ein, wieviel Wahrheit hinter diesem Vor-
    wurf steckt. Warum es den Juden unmöglich
    gewesen ist, den Fortschritt mitzumachen, den
    das Bekenntnis zum Gottesmord bei aller Ent-
    stellung enthielt, wäre Gegenstand einer beson-
    deren Untersuchung. Sie haben damit gewisser-
    massen eine tragische Schuld auf sich geladen;
    man hat sie dafür schwer büssen lassen.
    Unsere Untersuchung hat vielleicht einiges Licht
    auf die Frage geworfen, wie das jüdische Volk
    die Eigenschaften erworben hat, die es kenn-
    zeichnen. Weniger Aufklärung fand das Pro-
    blem, wieso sie sich bis auf den heutigen Tag als
    Individualität erhalten konnten. Aber erschöp-
    fende Beantwortungen solcher Rätsel wird man
    billigerweise weder verlangen noch erwarten
    dürfen. Ein Beitrag, nach den eingangs erwähn-
    ten Einschränkungen zu beurteilen, ist alles, was
    ich bieten kann.