S.
S.
S.
97
ERSTER TEIL
VORBEMERKUNG I
Vor dem März 1938
Mit der Verwegenheit dessen, der nichts
oder wenig zu verlieren hat, gehe ich
daran, einen gut begründeten Vorsatz
zum zweiten Mal zu brechen und den beiden
Abhandlungen über Moses in Imago (Bd. XXIII,
Heft 1 und 3) das zurückgehaltene Endstück
nachzuschicken. Ich schloss mit der Versiche-
rung, ich wisse, dass meine Kräfte dazu nicht
ausreichen würden, meinte natürlich die Ab-
schwächung der schöpferischen Fähigkeiten, die
mit dem hohen Alter einhergeht,1) aber ich
dachte auch an ein anderes Hemmnis.1)Ich teile nicht die Ansicht meines Altersgenossen,
Bernard Shaw, dass die Menschen erst dann etwas Rech-
tes leisten würden, wenn sie 300 Jahre alt werden könn-
ten. Mit der Verlängerung der Lebensdauer wäre nichts
erreicht, es müsste denn vieles andere an den Lebens-
bedingungen vom Grunde aus geändert werden.S.
98
III. Vorbemerkungen
Wir leben in einer besonders merkwürdigen
Zeit. Wir finden mit Erstaunen, dass der Fort-
schritt ein Bündnis mit der Barbarei geschlossen
hat. In Sowjetrussland hat man es unternom-
men, etwa 100 Millionen in der Unterdrückung
festgehaltener Menschen zu besseren Lebensfor-
men zu erheben. Man war verwegen genug,
ihnen das „Rauschgift“ der Religion zu entzie-
hen, und so weise, ihnen ein verständiges Mass
von sexueller Freiheit zu geben, aber dabei un-
terwarf man sie dem grausamsten Zwang und
raubte ihnen jede Möglichkeit der Denkfreiheit.
Mit ähnlicher Gewalttätigkeit wird das italie-
nische Volk zu Ordnung und Pflichtgefühl er-
zogen. Man empfindet es als Erleichterung von
einer bedrückenden Sorge, wenn man im Fall
des deutschen Volkes sieht, dass der Rückfall in
nahezu vorgeschichtliche Barbarei auch ohne
Anlehnung an irgendeine fortschrittliche Idee
vor sich gehen kann. Immerhin hat es sich so ge-
staltet, dass heute die konservativen Demokra-
tien die Hüter des kulturellen Fortschritts ge-
worden sind und dass sonderbarerweise gerade
die Institution der katholischen Kirche der Aus-
breitung jener kulturellen Gefahr eine kräftige
Abwehr entgegensetzt. Sie, bisher die unerbitt-
liche Feindin der Denkfreiheit und des Fort-
schritts zur Erkenntnis der Wahrheit!S.
99
III. Vorbemerkungen
Wir leben hier in einem katholischen Land unter
dem Schutz dieser Kirche, unsicher, wie lange er
vorhalten wird. Solange er aber besteht, haben
wir natürlich Bedenken, etwas zu tun, was die
Feindschaft der Kirche erwecken muss. Es ist
nicht Feigheit, sondern Vorsicht; der neue Feind,
dem zu Dienst zu sein wir uns hüten wollen, ist
gefährlicher als der alte, mit dem uns zu vertragen
wir bereits gelernt haben. Die psychoanalytische
Forschung, die wir pflegen, ist ohnedies der
Gegenstand misstrauischer Aufmerksamkeit von
seiten des Katholizismus. Wir werden nicht be-
haupten, es sei so mit Unrecht. Wenn unsere Ar-
beit uns zu einem Ergebnis führt, das die Reli-
gion auf eine Menschheitsneurose reduziert und
ihre grossartige Macht in der gleichen Weise auf-
klärt wie den neurotischen Zwang bei den ein-
zelnen unserer Patienten, so sind wir sicher, den
stärksten Unwillen der bei uns herrschenden
Mächte auf uns zu ziehen. Nicht, dass wir etwas
zu sagen hätten, was neu wäre, was wir nicht
schon vor einem Vierteljahrhundert deutlich ge-
nug gesagt haben, aber das ist seither vergessen
worden, und es kann nicht wirkungslos bleiben,
wenn wir es heute wiederholen und an einem für
alle Religionsstiftungen massgebenden Beispiel
erläutern. Es würde wahrscheinlich dazu füh-
ren, dass uns die Betätigung in der Psychoanaly-
se verboten wird. Jene gewalttätigen MethodenS.
100
III. Vorbemerkungen
der Unterdrückung sind der Kirche ja keines-
wegs fremd, sie empfindet es vielmehr als Ein-
bruch in ihre Vorrechte, wenn auch andere sich
ihrer bedienen. Die Psychoanalyse aber, die im
Laufe meines langen Lebens überallhin gekom-
men ist, hat noch immer kein Heim, das wert-
voller für sie wäre als eben die Stadt, wo sie ge-
boren und herangewachsen ist.Ich glaube es nicht nur, ich weiss es, dass ich
mich durch dies andere Hindernis, durch die
äussere Gefahr, abhalten lassen werde, den
letzten Teil meiner Studie über Moses zu ver-
öffentlichen. Ich habe noch einen Versuch ge-
macht, mir die Schwierigkeit aus dem Weg zu
räumen, indem ich mir sagte, der Angst liege
eine Überschätzung meiner persönlichen Bedeu-
tung zu Grunde. Wahrscheinlich werde es den
massgebenden Stellen recht gleichgültig sein, was
ich über Moses und den Ursprung der monothe-
istischen Religionen schreiben wolle. Aber ich
fühle mich da nicht sicher im Urteil. Viel eher
erscheint es mir möglich, dass Bosheit und Sen-
sationslust das wettmachen werden, was mir im
Urteil der Mitwelt an Geltung fehlt. Ich werde
diese Arbeit also nicht bekannt machen, aber
das braucht mich nicht abzuhalten, sie zu schrei-
ben. Besonders da ich sie schon einmal, vor jetzt
zwei Jahren, niedergeschrieben habe, so dass ichS.
101
III. Vorbemerkungen
sie bloss umzuarbeiten und an die beiden voraus
geschickten Aufsätze anzufügen habe. Sie mag
dann in der Verborgenheit aufbewahrt bleiben,
bis einmal die Zeit kommt, wann sie sich gefahr
los ans Licht wagen darf, oder bis man einem,
der sich zu denselben Schlüssen und Meinungen
bekennt, sagen kann, es war schon einmal in
dunkleren Zeiten jemand da, der sich das näm
liche wie du gedacht hat.VORBEMERKUNG II
Im Juni 1938
Die ganz besonderen Schwierigkeiten, die mich
während der Abfassung dieser an die Person des
Moses anknüpfenden Studie belastet haben –
innere Bedenken sowie äussere Abhaltungen –
bringen es mit sich, dass dieser dritte, abschlies
sende Aufsatz von zwei verschiedenen Vorre
den eingeleitet wird, die einander widerspre
chen, ja einander aufheben. Denn in dem kurzen
Zeitraum zwischen beiden haben sich die äusse
ren Verhältnisse des Schreibers gründlich geän
dert. Ich lebte damals unter dem Schutz der ka
tholischen Kirche und stand unter der Angst,
dass ich durch meine Publikation diesen Schutz
verlieren und ein Arbeitsverbot für die Anhän
S.
102
ger und Schüler der Psychoanalyse in Österreich
heraufbeschwören würde. Und dann kam plötz-
lich die deutsche Invasion; der Katholizismus
erwies sich, mit biblischen Worten zu reden, als
ein „schwankes Rohr“. In der Gewissheit, jetzt
nicht nur meiner Denkweise, sondern auch mei-
ner „Rasse“ wegen verfolgt zu werden, verliess
ich mit vielen Freunden die Stadt, die mir von
früher Kindheit an, durch 78 Jahre, Heimat ge-
wesen war.Ich fand die freundlichste Aufnahme in dem
schönen, freien, grossherzigen England. Hier
lebe ich nun, ein gern gesehener Gast, atme auf,
dass jener Druck von mir genommen ist und
dass ich wieder reden und schreiben – bald
hätte ich gesagt: denken darf, wie ich will oder
muss. Ich wage es, das letzte Stück meiner Ar-
beit vor die Öffentlichkeit zu bringen.Keine äußeren Abhaltungen mehr oder wenig-
stens keine solchen, vor denen man zurück-
schrecken darf. Ich habe in den wenigen Wo-
chen meines Aufenthalts hier eine Unzahl von
Begrüßungen erhalten von Freunden, die sich
meiner Anwesenheit freuten, von Unbekannten,
ja Unbeteiligten, die nur ihrer Befriedigung dar-
über Ausdruck geben wollten, dass ich hier Frei-
heit und Sicherheit gefunden habe. Und dazu
kamen, in einer für den Fremden überraschen-S.
103
III. Vorbemerkungen
den Häufigkeit, Zuschriften anderer Art, die
sich um mein Seelenheil bemühten, die mir die
Wege Christi weisen und mich über die Zukunft
Israels aufklären wollten.Die guten Leute, die so schrieben, können nicht
viel von mir gewusst haben; aber ich erwarte,
wenn diese Arbeit über Moses durch eine Über-
setzung unter meinen neuen Volksgenossen be-
kannt wird, werde ich auch bei einer Anzahl
von anderen genug von den Sympathien einbü-
sen, die sie mir jetzt entgegenbringen.An den inneren Schwierigkeiten konnten politi-
scher Umschwung und Wechsel des Wohnorts
nichts verändern. Nach wie vor fühle ich mich
unsicher angesichts meiner eigenen Arbeit, ver-
misse ich das Bewusstsein der Einheit und Zu-
sammengehörigkeit, das zwischen dem Autor und
seinem Werk bestehen soll. Nicht etwa, dass es
mir an der Überzeugung von der Richtigkeit des
Ergebnisses mangeln sollte. Diese habe ich mir
schon vor einem Vierteljahrhundert erworben,
als ich das Buch über „Totem und Tabu“ schrieb,
1912, und sie hat sich seither nur verstärkt. Ich
habe seit damals nicht mehr bezweifelt, dass die
religiösen Phänomene nur nach dem Muster der
uns vertrauten neurotischen Symptome des In-
dividuum zu verstehen sind, als Wiederkehren
von längst vergessenen, bedeutsamen Vorgän-
gen in der Urgeschichte der menschlichen Fami-
lie.S.
104
lie, dass sie ihren zwanghaften Charakter eben
diesem Ursprung verdanken und also kraft
ihres Gehalts an historischer Wahrheit auf die
Menschen wirken. Meine Unsicherheit setzt erst
ein, wenn ich mich frage, ob es mir gelungen ist,
diese Sätze für das hier gewählte Beispiel des jü-
dischen Monotheismus zu erweisen. Meiner Kri-
tik erscheint diese vom Manne Moses ausgehen-
de Arbeit wie eine Tänzerin, die auf einer Ze-
henspitze balanciert. Wenn ich mich nicht auf
die eine analytische Deutung des Aussetzungs-
mythos stützen und von da aus zur Sellinschen
Vermutung über den Ausgang des Moses über-
greifen könnte, hätte das Ganze ungeschrieben
bleiben müssen. Immerhin sei es jetzt gewagt.S.
105
Ich beginne damit, die Ergebnisse meiner
zweiten, der rein historischen Studie über
Moses zu resümieren. Sie werden hier keiner
neuerlichen Kritik unterzogen werden, denn
sie bilden die Voraussetzung der psychologi-
schen Erörterungen, die von ihnen ausgehen
und immer wieder auf sie zurückkommen.A
Die historische Voraussetzung
Der historische Hintergrund der Ereignisse, die
unser Interesse gefesselt haben, ist also folgen-
der: Durch die Eroberungen der 18ten Dyna-
stie ist Ägypten ein Weltreich geworden. Der
neue Imperialismus spiegelt sich wider in der
Entwicklung der religiösen Vorstellungen, wenn
nicht des ganzen Volkes, so doch der herrschen-
den und geistig regsamen Oberschicht desselben.
Unter dem Einfluss der Priester des Sonnengot-
tes zu On (Heliopolis), vielleicht verstärkt durch
Anregungen von Asien her, erhebt sich die Idee
eines universellen Gottes Aton, an dem die Ein-
schränkung auf ein Land und ein Volk nicht
mehr haftet. Mit dem jungen Amenhotep IV.S.
106
III. Moses, sein Volk,
kommt ein Pharao zur Herrschaft, der kein hö-
heres Interesse kennt als die Entwicklung dieser
Gottesidee. Er erhebt die Atonreligion zur Staats-
religion, durch ihn wird der universelle Gott der
Einzige Gott; alles, was man von anderen Göt-
tern erzählt, ist Trug und Lüge. Mit grossartiger
Unerbittlichkeit widersteht er allen Versuchun-
gen des magischen Denkens, verwirft er die be-
sonders dem Ägypter so teure Illusion eines Le-
bens nach dem Tode. In einer erstaunlichen Ah-
nung späterer wissenschaftlicher Einsicht er-
kennt er in der Energie der Sonnenstrahlung die
Quelle alles Lebens auf der Erde und verehrt sie
als das Symbol der Macht seines Gottes. Er
rühmt sich seiner Freude an der Schöpfung und
seines Lebens in Maat (Wahrheit und Gerech-
tigkeit).
Es ist der erste und vielleicht reinste Fall einer
monotheistischen Religion in der Menschheits-
geschichte; ein tieferer Einblick in die histori-
schen und psychologischen Bedingungen seiner
Entstehung wäre von unschätzbarem Wert.
Aber es ist dafür gesorgt worden, dass nicht all-
zuviel Nachrichten über die Atonreligion auf
uns kommen sollten. Schon unter den schwäch-
lichen Nachfolgern Ikhnatons brach alles zu-
sammen, was er geschaffen hatte. Die Rache der
von ihm unterdrückten Priesterschaften wütete
nun gegen sein Andenken, die Atonreligion wur-
deS.
107
und die monotheistische Religion
de abgeschafft, die Residenz des als Frevler ge-
brandmarkten Pharao zerstört und geplündert.
Um 1350 v. Chr. erlosch die 18te Dynastie;
nach einer Zeit der Anarchie stellte der Feldherr
Haremhab, der bis 1315 regierte, die Ordnung
wieder her. Die Reform Ikhnatons schien eine
zum Vergessenwerden bestimmte Episode.Soweit, was historisch festgestellt ist, und nun
setzt unsere hypothetische Fortsetzung ein. Un-
ter den Personen, die Ikhnaton nahestanden,
befand sich ein Mann, der vielleicht Thothmes
hiess, wie damals viele andere,1) – es kommt
auf den Namen nicht viel an, nur dass sein
zweiter Bestandteil -mose sein musste. Er war in
hoher Stellung, überzeugter Anhänger der Aton-
religion, aber im Gegensatz zum grüblerischen
König energisch und leidenschaftlich. Für die
sen Mann bedeuteten der Ausgang Ikhnatons
und die Abschaffung seiner Religion das Ende
all seiner Erwartungen. Nur als ein Geächteter
oder als ein Abtrünniger konnte er in Ägypten
leben bleiben. Er war vielleicht als Statthalter
der Grenzprovinz in Berührung mit einem se-
mitischen Volksstamm gekommen, der dort vor
einigen Generationen eingewandert war. In der
Not der Enttäuschung und Vereinsamung wand-1)so hiess z. B. auch der Bildhauer, dessen Werkstätte
in Tell-el-Amarna gefunden wurde.S.
108
te er sich diesen Fremden zu, suchte bei ihnen
die Entschädigung für seine Verluste. Er wählte
sie zu seinem Volke, versuchte seine Ideale an
ihnen zu realisieren. Nachdem er, begleitet von
seinen Gefolgsleuten, mit ihnen Ägypten verlas-
sen hatte, heiligte er sie durch das Zeichen der
Beschneidung, gab ihnen Gesetze, führte sie in
die Lehren der Atonreligion ein, die die Ägyp-
ter eben abgeworfen hatten. Vielleicht waren
die Vorschriften, die dieser Mann Moses seinen
Juden gab, noch schroffer als die seines Herrn
und Lehrers Ikhnaton, vielleicht gab er auch die
Anlehnung an den Sonnengott von On auf, an
der dieser noch festgehalten hatte.Für den Auszug aus Ägypten müssen wir die
Zeit des Interregnums nach 1350 ansetzen. Die
nächsten Zeiträume bis zum Vollzug der Besitz-
ergreifung im Lande Kanaan sind besonders un-
durchsichtig. Aus dem Dunkel, das der bibli-
sche Bericht hier gelassen oder vielmehr geschaf-
fen hat, konnte die Geschichtsforschung unserer
Tage zwei Tatsachen herausgreifen. Die erste,
von E. Sellin aufgedeckt, ist, dass die Juden,
selbst nach der Aussage der Bibel störrisch und
widerspenstig gegen ihren Gesetzgeber und
Führer, sich eines Tages gegen ihn empörten, ihn
erschlugen und die ihnen aufgedrängte Religion
des Aton abwarfen wie früher die Ägypter. DieS.
109
und die monotheistische Religion
andere, von Ed. Meyer erwiesene, dass diese aus
Ägypten zurückgekehrten Juden sich später mit
anderen, ihnen nah verwandten Stämmen im
Landgebiet zwischen Palästina, der Sinaihalb-
insel und Arabien vereinigten und dass sie dort
in einer wasserreichen Örtlichkeit Quadeš unter
dem Einfluss der arabischen Midianiter eine
neue Religion, die Verehrung des Vulkangottes
Jahve, annahmen. Bald darauf waren sie bereit,
als Eroberer in Kanaan einzubrechen.Die zeitlichen Beziehungen dieser beiden Ereig-
nisse zu einander und zum Auszug aus Ägypten
sind sehr unsicher. Den nächsten historischen
Anhaltspunkt gibt eine Stele des Pharao Merne-
ptah (bis 1215), die im Bericht über Kriegszüge
in Syrien und Palästina „Israel“ unter den Be-
siegten anführt. Nimmt man das Datum dieser
Stele als einen terminus ad quem, so bleibt für
den ganzen Ablauf vom Auszug an etwa ein
Jahrhundert (nach 1350 bis vor 1215). Es ist
aber möglich, dass der Name Israel sich noch
nicht auf die Stämme bezieht, deren Schicksale
wir verfolgen, und dass uns in Wirklichkeit ein
längerer Zeitraum zur Verfügung steht. Die Nie-
derlassung des späteren jüdischen Volkes in Ka-
naan war gewiss keine rasch ablaufende Erobe-
rung, sondern ein Vorgang, der sich in Schüben
vollzog und über längere Zeiten erstreckte. Ma-S.
110
III. Moses, sein Volk
chen wir uns von der Einschränkung durch die
Merneptahstele frei, so können wir um so leichter
ein Menschenalter (30 Jahre) als die Zeit des
Moses ansehen,1) dann mindestens zwei Genera-
tionen, wahrscheinlich aber mehr, bis zur Ver-
einigung in Quadeš vergehen lassen;2) das Inter-
vall zwischen Quadeš und dem Aufbruch nach
Kanaan braucht nur kurz zu sein; die jüdische
Tradition hatte, wie in der vorigen Abhandlung
gezeigt, gute Gründe, das Intervall zwischen
Auszug und Religionsstiftung in Quadeš zu ver-
kürzen; das Umgekehrte liegt im Interesse unse-
rer Darstellung.Aber das ist alles noch Historie, Versuch, die
Lücken unserer Geschichtskenntnis auszufüllen,
zum Teil Wiederholung aus der zweiten Ab-
handlung in Imago. Unser Interesse folgt den
Schicksalen des Moses und seiner Lehren, denen
die Empörung der Juden nur scheinbar ein Ende
gesetzt hatte. Aus dem Bericht des Jahvisten, der
um das Jahr 1000 niedergeschrieben wurde,
aber sich gewiss auf frühere Fixierungen stützte,
haben wir erkannt, dass mit der Vereinigung
und Religionsstiftung in Quadeš ein Kompro-
miss einherging, an dem beide Anteile noch gut1)Dies würde der 40 jährigen Wüstenwanderung des
biblischen Textes entsprechen.2)Also etwa 1350 (40) – 1320 (10) Moses, 1260 oder
eher später Quadeš, die Merneptahstele vor 1215.110
S.
III
und die monotheistische Religion
zu unterscheiden sind. Dem einen Partner lag
nur daran, die Neuheit und Fremdheit des Got-
tes Jahve zu verleugnen und seinen Anspruch
auf die Ergebenheit des Volkes zu steigern, der
andere wollte ihm teure Erinnerungen an die
Befreiung aus Ägypten und an die grossartige
Gestalt des Führers Moses nicht preisgeben, und
es gelang ihm auch, die Tatsache wie den Mann
in der neuen Darstellung der Vorgeschichte un-
terzubringen, wenigstens das äussere Zeichen der
Mosesreligion, die Beschneidung, zu erhalten
und vielleicht gewisse Einschränkungen im Ge-
brauch des neuen Gottesnamens durchzusetzen.
Wir haben gesagt, die Vertreter dieser Ansprü-
che waren die Nachkommen der Mosesleute, die
Leviten, nur durch wenige Generationen von
den Zeit- und Volksgenossen des Moses entfernt
und noch durch lebendige Erinnerung an sein
Andenken gebunden. Die poetisch ausge-
schmückten Darstellungen, die wir dem Jahvi-
sten und seinem späteren Konkurrenten, dem
Elohisten, zuschreiben, waren wie die Grabbau-
ten, unter denen die wahre Kunde von jenen
frühen Dingen, von der Natur der mosaischen
Religion und von der gewaltsamen Beseitigung
des grossen Mannes, dem Wissen der späteren
Generationen entzogen, gleichsam ihre ewige
Ruhe finden sollte. Und wenn wir den Vorgang
richtig erraten haben, so ist auch weiter nichtsS.
112
III. Moses, sein Volk
Rätselhaftes an ihm; er könnte aber sehr wohl
das definitive Ende der Mosesepisode in der Ge-
schichte des jüdischen Volkes bedeutet haben.
Das Merkwürdige ist nun, dass dem nicht so ist,
dass die stärksten Wirkungen jenes Erlebnisses
des Volkes erst später zum Vorschein kommen,
sich im Laufe vieler Jahrhunderte allmählich in
die Wirklichkeit drängen sollten. Es ist nicht
wahrscheinlich, dass Jahve sich im Charakter
viel von den Göttern der umwohnenden Völker
und Stämme unterschied; er rang zwar mit ih-
nen, wie die Völker selbst mit einander stritten,
aber man darf annehmen, dass es einem Jahve-
verehrer jener Zeiten ebensowenig in den Sinn
kam, die Existenz der Götter von Kanaan, Mo-
ab, Amalek usw. zu leugnen wie die Existenz
der Völker, die an sie glaubten.
Die monotheistische Idee, die mit Ikhnaton auf-
geblitzt war, war wieder verdunkelt und sollte
noch lange Zeit im Dunkel bleiben. Funde auf
der Insel Elephantine, dicht vor dem ersten Ka-
tarakt des Nils, haben die überraschende Kunde
ergeben, dass dort eine seit Jahrhunderten an-
gesiedelte jüdische Militärkolonie bestand, in de-
ren Tempel neben dem Hauptgott Jahu zwei
weibliche Gottheiten verehrt wurden, die eine
Anat-Jahu genannt. Diese Juden waren aller-
dings vom Mutterlande abgeschnitten, hatten
die religiöse Entwicklung daselbst nicht mitge-S.
113
macht; die persische Reichsregierung (5tes Jahr-
hundert) übermittelte ihnen die Kenntnis der
neuen Kulturvorschriften von Jerusalem.1) Zu
älteren Zeiten zurückkehrend, dürfen wir sa-
gen, dass Gott Jahve gewiss keine Ähnlichkeit
mit dem mosaischen Gott hatte. Aton war Pa-
zifist gewesen wie sein Vertreter auf Erden,
eigentlich sein Vorbild, der Pharao Ikhnaton,
der untätig zusah, wie das von seinen Ahnen ge-
wonnene Weltreich auseinanderfiel. Für ein
Volk, das sich zur gewaltsamen Besitzergrei-
fung neuer Wohnsitze anschickte, war Jahve si-
cherlich besser geeignet. Und alles, was am mo-
saischen Gott verehrungswürdig war, entzog
sich überhaupt dem Verständnis der primitiven
Masse.Ich habe schon gesagt – und mich dabei gern
auf die Übereinstimmung mit anderen berufen
–, die zentrale Tatsache der jüdischen Religi-
onsentwicklung sei gewesen, dass der Gott Jahve
im Laufe der Zeiten seine eigenen Charaktere
verlor und immer mehr Ähnlichkeit mit dem al-
ten Gotte Moses’, dem Aton, gewann. Es blieben
zwar Unterschiede, die man auf den ersten Blick
hoch einzuschätzen geneigt wäre, aber diese sind
leicht aufzuklären. Aton hatte in Ägypten zu
herrschen begonnen in einer glücklichen Zeit
gesicherten Besitzes, und selbst als das Reich1)Auerbach: Wüste und gelobtes Land. Bd. II, 1936.
S.
114
III. Moses, sein Volk,
zu wanken begann, hatten seine Verehrer sich
von der Störung abwenden können und fuhren
fort, seine Schöpfungen zu preisen und zu ge-
nießen.Dem jüdischen Volk brachte das Schicksal eine
Reihe von schweren Prüfungen und schmerzli-
chen Erfahrungen, sein Gott wurde hart und
strenge, wie verdüstert. Er behielt den Charak-
ter des universellen Gottes bei, der über alle Län-
der und Völker waltet, aber die Tatsache, dass
seine Verehrung von den Ägyptern auf die Ju-
den übergegangen war, fand ihren Ausdruck in
dem Zusatz, die Juden seien sein auserwähltes
Volk, dessen besondere Verpflichtungen am En-
de auch besonderen Lohn finden würden. Es
mag dem Volke nicht leicht geworden sein, den
Glauben an die Bevorzugung durch seinen all-
mächtigen Gott mit den traurigen Erfahrungen
seiner unglücklichen Schicksale zu vereinen.Aber man ließ sich nicht irre machen, man stei-
gerte sein eigenes Schuldgefühl, um seine Zwei-
fel an Gott zu ersticken, und vielleicht wies man
am Ende auf „Gottes unerforschlichen Rat-
schluss“ hin, wie es die Frommen noch heute
tun. Wenn man sich darüber verwundern woll-
te, dass er immer neue Gewalttäter auftreten
ließ, von denen man unterworfen und misshan-
delt wurde, die Assyrer, Babylonier, Perser, so
erkannte man doch seine Macht darin, dass allS.
115
und die monotheistische Religion
diese bösen Feinde selbst wieder besiegt wurden
und ihre Reiche verschwanden.
In drei wichtigen Punkten ist der spätere Juden-
gott endlich dem alten mosaischen Gott gleich
geworden. Der erste und entscheidende ist, dass
er wirklich als der einzige Gott anerkannt wur-
de, neben dem ein anderer undenkbar war. Der
Monotheismus Ikhnatons wurde von einem gan-
zen Volke ernst genommen, ja, dies Volk klam-
merte sich so sehr an diese Idee, dass sie der
Hauptinhalt seines Geisteslebens wurde und
dass ihm für anderes kein Interesse blieb. Das
Volk und die in ihm herrschend gewordene
Priesterschaft waren in diesem Punkte einig,
aber während die Priester ihre Tätigkeit darin
erschöpften, das Zeremoniell für seine Vereh-
rung auszubauen, gerieten sie in Gegensatz zu
intensiven Strömungen im Volke, die zwei an-
dere Lehren Moses’ über seinen Gott wieder-
zubeleben suchten. Die Stimmen der Propheten
wurden nicht müde zu verkünden, dass der Gott
Zeremoniell und Opferdienst verschmähe und
nur fordere, dass man an ihn glaube und ein Le-
ben in Wahrheit und Gerechtigkeit führe. Und
wenn sie die Einfachheit und Heiligkeit des
Wüstenlebens priesen, so standen sie sicherlich
unter dem Einfluss der mosaischen Ideale.Es ist an der Zeit, die Frage aufzuwerfen, ob es
S.
116
III. Moses, sein Volk,
überhaupt notwendig ist, den Einfluss des Moses
auf die Endgestaltung der jüdischen Gottesvor-
stellung anzurufen, ob nicht die Annahme einer
spontanen Entwicklung zu höherer Geistigkeit
während eines über Jahrhunderte reichenden
Kulturlebens genügt. Zu dieser Erklärungsmög-
lichkeit, die all unserem Rätselraten ein Ende
setzen würde, ist zweierlei zu sagen. Erstens,
dass sie nichts erklärt. Die gleichen Verhältnisse
haben beim gewiss höchst begabten griechischen
Volk nicht zum Monotheismus geführt, sondern
zur Auflockerung der polytheistischen Religion
und zum Beginn des philosophischen Denkens.
In Ägypten war der Monotheismus erwachsen,
so weit wir es verstehen, als eine Nebenwirkung
des Imperialismus, Gott war die Spiegelung des
ein grosses Weltreich unumschränkt beherr-
schenden Pharao. Bei den Juden waren die poli-
tischen Zustände der Fortentwicklung von der
Idee des exklusiven Volksgottes zu der des uni-
versellen Weltherrschers höchst ungünstig, und
woher kam dieser winzigen und ohnmächtigen
Nation die Vermessenheit, sich für das bevor-
zugte Lieblingskind des grossen Herrn auszuge-
ben? Die Frage nach der Entstehung des Mono-
theismus bei den Juden bliebe so unbeantwortet,
oder man begnügte sich mit der geläufigen Ant-
wort, das sei eben der Ausdruck des besonderen
religiösen Genies dieses Volkes. Das Genie istS.
117
und die monotheistische Religion
bekanntlich unbegreiflich und unverantwortlich,
und darum soll man es nicht eher zur Erklärung
anrufen, als bis jede andere Lösung versagt
hat.1)Ferner trifft man auf die Tatsache, dass die jü-
dische Berichterstattung und Geschichtsschrei-
bung selbst uns den Weg zeigt, indem sie, dies-
mal ohne sich selbst zu widersprechen, mit gröss-
ter Entschiedenheit behauptet, die Idee eines
einzigen Gottes sei dem Volke von Moses ge-
bracht worden. Wenn es einen Einwand gegen
die Glaubwürdigkeit dieser Versicherung gibt,
so ist es der, dass die priesterliche Bearbeitung
des uns vorliegenden Textes offenbar viel zu
viel auf Moses zurückführt. Institutionen wie
Ritualvorschriften, die unverkennbar späteren
Zeiten angehören, werden als mosaische Gebote
ausgegeben, in der deutlichen Absicht, Autori-
tät für sie zu gewinnen. Das ist für uns gewiss
ein Grund zum Verdacht, aber nicht genügend
für eine Verwerfung. Denn das tiefere Motiv
einer solchen Übertreibung liegt klar zu Tage.
Die priesterliche Darstellung will ein Kontinu-
um zwischen ihrer Gegenwart und der mosai-
schen Frühzeit herstellen, sie will gerade das ver-
leugnen, was wir als die auffälligste Tatsache1)Dieselbe Erwägung gilt auch für den merkwürdigen
Fall des William Shakespeare aus Stratford.S.
118
III. Moses, sein Volk,
der jüdischen Religionsgeschichte bezeichnet ha-
ben, dass zwischen der Gesetzgebung des Moses
und der späteren jüdischen Religion eine Lücke
klafft, die zunächst vom Jahvedienst ausgefüllt
und erst später langsam verstrichen wurde. Sie
bestreitet diesen Vorgang mit allen Mitteln, ob-
wohl seine historische Richtigkeit über jedem
Zweifel feststeht, da bei der besonderen Be-
handlung, die der biblische Text erfahren hat,
überreichliche Angaben stehen geblieben sind,
die ihn erweisen. Die priesterliche Bearbeitung
hat hier Ähnliches versucht wie jene entstellende
Tendenz, die den neuen Gott Jahve zum Gott
der Väter machte. Tragen wir diesem Motiv des
Priesterkodex Rechnung, so wird es uns schwer,
der Behauptung den Glauben zu versagen, dass
wirklich Moses selbst seinen Juden die monothe-
istische Idee gegeben hat. Unsere Zustimmung
sollte uns um so leichter werden, da wir zu sagen
wissen, woher diese Idee zu Moses kam, was die
jüdischen Priester gewiss nicht mehr gewusst
haben.Hier könnte jemand die Frage aufwerfen, was
haben wir davon, wenn wir den jüdischen Mo-
notheismus vom ägyptischen ableiten? Das Pro-
blem wird dadurch nur um ein Stück verscho-
ben; von der Genese der monotheistischen Idee
wissen wir darum nicht mehr. Die Antwort dar-
auf lautet, es ist keine Frage des Gewinns, son-S.
119
und die monotheistische Religion
dern der Forschung. Und vielleicht lernen wir
etwas dabei, wenn wir den wirklichen Hergang
erfahren.B
Latenzzeit und Tradition
Wir bekennen uns also zu dem Glauben, dass die
Idee eines einzigen Gottes sowie die Verwerfung
des magisch wirkenden Zeremoniells und die
Betonung der ethischen Forderung in seinem
Namen tatsächlich mosaische Lehren waren, die
zunächst kein Gehör fanden, aber nach dem Ab-
lauf einer langen Zwischenzeit zur Wirkung ka-
men und sich endlich für die Dauer durchsetz-
ten. Wie soll man sich eine solche verspätete
Wirkung erklären und wo begegnet man ähnli-
chen Phänomenen?Der nächste Einfall sagt, sie seien nicht selten
auf sehr verschiedenen Gebieten zu finden und
kommen wahrscheinlich auf mannigfache Wei-
se zustande, mehr oder weniger leicht verständ-
lich. Greifen wir z.B. das Schicksal einer neuen
wissenschaftlichen Theorie wie der Darwin-
schen Evolutionslehre heraus. Sie findet zu-
nächst erbitterte Ablehnung, wird durch Jahr-
zehnte heftig umstritten, aber es braucht nicht
länger als eine Generation, bis sie als grosser
Fortschritt zur Wahrheit anerkannt wird. Dar-S.
120
III. Moses, sein Volk,
win selbst erreicht noch die Ehre eines Grabes
oder Kenotaphs in Westminster. Ein solcher
Fall lässt uns wenig zu enträtseln. Die neue
Wahrheit hat affektive Widerstände wachgeru-
fen, diese lassen sich durch Argumente vertre-
ten, mit denen man die Beweise zu Gunsten der
unliebsamen Lehre bestreiten kann, der Kampf
der Meinungen nimmt eine gewisse Zeit in An-
spruch, von Anfang an gibt es Anhänger und
Gegner, die Anzahl wie die Gewichtigkeit der
ersteren nimmt immer zu, bis sie am Ende die
Oberhand haben; während der ganzen Zeit des
Kampfes ist niemals vergessen worden, um was
es sich handelt. Wir verwundern uns kaum, dass
der ganze Ablauf eine längere Zeit gebraucht
hat, würdigen es wahrscheinlich nicht genug,
dass wir es mit einem Vorgang der Massenpsy-
chologie zu tun haben.
Es hat keine Schwierigkeit, zu diesem Vorgang
eine voll entsprechende Analogie im Seelenleben
eines Einzelnen zu finden. Dies wäre der Fall,
dass jemand etwas als neu erfährt, was er auf
Grund gewisser Beweise als Wahrheit anerken-
nen soll, was aber manchem seiner Wünsche wi-
derspricht und einige der ihm wertvollen Über-
zeugungen beleidigt. Er wird dann zögern, nach
Gründen suchen, mit denen er das Neue bezwei-
feln kann, und wird eine Weile mit sich selbst
kämpfen, bis er sich am Ende eingesteht: es istS.
121
doch so, obwohl ich es nicht leicht annehme, ob
wohl es mir peinlich ist, daran glauben zu müs-
sen. Wir lernen daraus nur, dass es Zeit ver
braucht, bis die Verstandesarbeit des Ichs Ein-
wendungen überwunden hat, die durch starke
affektive Besetzungen gehalten werden. Die
Ähnlichkeit zwischen diesem Fall und dem, um
dessen Verständnis wir uns bemühen, ist nicht
sehr gross.
Das nächste Beispiel, an das wir uns wenden, hat
mit unserem Problem anscheinend noch weniger
gemein. Es ereignet sich, dass ein Mensch schein-
bar unbeschädigt die Stätte verlässt, an der er
einen schreckhaften Unfall, z.B. einen Eisen-
bahnzusammenstoss, erlebt hat. Im Laufe der
nächsten Wochen entwickelt er aber eine Reihe
schwerer psychischer und motorischer Sympto-
me, die man nur von seinem Schock, jener Er-
schütterung oder was sonst damals gewirkt hat,
ableiten kann. Er hat jetzt eine „traumatische
Neurose“. Das ist eine ganz unverständliche, al-
so eine neue Tatsache. Man heisst die Zeit, die
zwischen dem Unfall und dem ersten Auftreten
der Symptome verflossen ist, die „Inkubations-
zeit“ in durchsichtiger Anspielung an die Patho-
logie der Infektionskrankheiten. Nachträglich
muss es uns auffallen, dass trotz der funda-
mentalen Verschiedenheit der beiden Fälle zwi-
schen dem Problem der traumatischen NeuroseS.
122
und dem des jüdischen Monotheismus doch in
einem Punkt eine Übereinstimmung besteht.
Nämlich in dem Charakter, den man die Latenz
heissen könnte. Nach unserer gesicherten An-
nahme gibt es ja in der jüdischen Religionsge-
schichte eine lange Zeit nach dem Abfall von
der Mosesreligion, in der von der monotheisti-
schen Idee, von der Verschmähung des Zeremo-
niells und von der Überbetonung des Ethischen
nichts verspürt wird. So werden wir auf die
Möglichkeit vorbereitet, das die Lösung unseres
Problems in einer besonderen psychologischen
Situation zu suchen ist.Wir haben bereits wiederholt dargestellt, was in
Quadeš geschah, als die beiden Anteile des spä-
teren jüdischen Volkes zur Annahme einer neu-
en Religion zusammentraten. Auf der Seite de-
rer, die in Ägypten gewesen waren, waren die
Erinnerungen an den Auszug und an die Gestalt
des Moses noch so stark und lebhaft, dass sie
Aufnahme in einem Bericht über die Vorzeit
forderten. Es waren vielleicht die Enkel von Per-
sonen, die Moses selbst gekannt hatten, und ei-
nige von ihnen fühlten sich noch als Ägypter
und trugen ägyptische Namen. Sie hatten aber
gute Motive, die Erinnerung an das Schicksal
zu verdrängen, das ihrem Führer und Gesetzge-
ber bereitet worden war. Für die anderen war
die Absicht massgebend, den neuen Gott zu ver-S.
123
und die monotheistische Religion
herrlichen und seine Fremdheit zu bestreiten.
Beide Teile hatten das gleiche Interesse daran, zu
verleugnen, dass es bei ihnen eine frühere Reli-
gion gegeben hatte und welches ihr Inhalt gewe-
sen war. So kam jenes erste Kompromiss zustan-
de, das wahrscheinlich bald eine schriftliche Fi-
xierung fand; die Leute aus Ägypten hatten die
Schrift und die Lust zur Geschichtsschreibung
mitgebracht, aber es sollte noch lange dauern,
bis die Geschichtsschreibung erkannte, dass sie
zur unerbittlichen Wahrhaftigkeit verpflichtet
sei. Zunächst machte sie sich kein Gewissen dar-
aus, ihre Berichte nach ihren jeweiligen Bedürf-
nissen und Tendenzen zu gestalten, als wäre ihr
der Begriff der Verfälschung noch nicht aufge-
gangen. Infolge dieser Verhältnisse konnte sich
ein Gegensatz herausbilden zwischen der schrift-
lichen Fixierung und der mündlichen Überliefe-
rung desselben Stoffes, der Tradition. Was in
der Niederschrift ausgelassen oder abgeändert
worden war, konnte sehr wohl in der Tradition
unversehrt erhalten geblieben sein. Die Tradi-
tion war die Ergänzung und zugleich der Wider-
spruch zur Geschichtsschreibung. Sie war dem
Einfluss der entstehenden Tendenzen weniger
unterworfen, vielleicht in manchen Stücken
ganz entzogen, und konnte darum wahrhaftiger
sein als der schriftlich fixierte Bericht. Ihre Zu-
verlässigkeit litt aber darunter, dass sie unbe-S.
124
III. Moses, sein Volk,
ständiger und unbestimmter war als die Nieder-
schrift, mannigfachen Veränderungen und Ver-
unstaltungen ausgesetzt, wenn sie durch münd-
liche Mitteilung von einer Generation auf die
andere übertragen wurde. Eine solche Tradition
konnte verschiedenartige Schicksale haben. Am
ehesten sollten wir erwarten, dass sie von der
Niederschrift erschlagen wird, sich neben ihr
nicht zu behaupten vermag, immer schattenhaf-
ter wird und endlich in Vergessenheit gerät.
Aber es sind auch andere Schicksale möglich; ei-
nes davon ist, dass die Tradition selbst in einer
schriftlichen Fixierung endet, und von noch an-
deren werden wir im weiteren Verlauf zu han-
deln haben.Für das Phänomen der Latenz in der jüdischen
Religionsgeschichte, das uns beschäftigt, bietet
sich nun die Erklärung, dass die von der sozusa-
gen offiziellen Geschichtsschreibung absichtlich
verleugneten Tatbestände und Inhalte in Wirk-
lichkeit nie verloren gegangen sind. Die Kunde
von ihnen lebte in Traditionen fort, die sich im
Volke erhielten. Nach der Versicherung von
Sellin war ja selbst über den Ausgang Moses’ eine
Tradition vorhanden, die der offiziellen Dar-
stellung glatt widersprach und der Wahrheit
weit näher kam. Dasselbe, dürfen wir anneh-
men, traf auch für anderes zu, was scheinbar
zugleich mit Moses seinen Untergang gefunden
hat.S.
125
und die monotheistische Religion
hatte, für manche Inhalte der mosaischen Reli-
gion, die für die Überzahl der Zeitgenossen Mo-
ses’ unannehmbar gewesen waren.Die merkwürdige Tatsache, der wir hier begeg-
nen, ist aber, dass diese Traditionen, anstatt sich
mit der Zeit abzuschwächen, im Laufe der Jahr-
hunderte immer mächtiger wurden, sich in die
späteren Bearbeitungen der offiziellen Bericht-
erstattung eindrängten und endlich sich stark
genug zeigten, um das Denken und Handeln des
Volkes entscheidend zu beeinflussen. Welche
Bedingungen diesen Ausgang ermöglicht haben,
das entzieht sich allerdings zunächst unserer
Kenntnis.Diese Tatsache ist so merkwürdig, dass wir uns
berechtigt fühlen, sie uns nochmals vorzuhalten.
In ihr liegt unser Problem beschlossen. Das Ju-
denvolk hatte die ihm von Moses gebrachte
Atonreligion verlassen und sich der Verehrung
eines anderen Gottes zugewendet, der sich we-
nig von den Baalim der Nachbarvölker unter-
schied. Allen Bemühungen späterer Tendenzen
gelang es nicht, diesen beschämenden Sachver-
halt zu verschleiern. Aber die Mosesreligion war
nicht spurlos untergegangen, eine Art von Erin-
nerung an sie hatte sich erhalten, eine vielleicht
verdunkelte und entstellte Tradition. Und diese
Tradition einer grossen Vergangenheit war es,
die gleichsam aus dem Hintergrund zu wirkenS.
126
III. Moses, sein Volk
fortfuhr, allmählich immer mehr Macht über die
Geister gewann und es endlich erreichte, den
Gott Jahve in den mosaischen Gott zu verwan-
deln und die vor langen Jahrhunderten einge-
setzte und dann verlassene Religion des Moses
wieder zum Leben zu erwecken. Dass eine ver-
schollene Tradition eine so mächtige Wirkung
auf das Seelenleben eines Volkes üben sollte, ist
keine uns vertraute Vorstellung. Wir finden uns
da auf einem Gebiet der Massenpsychologie, in
dem wir uns nicht heimisch fühlen. Wir halten
Ausschau nach Analogien, nach Tatsachen von
wenigstens ähnlicher Natur, wenn auch auf an-
deren Gebieten. Wir meinen, solche sind zu fin-
den.In den Zeiten, da sich bei den Juden die Wieder-
kehr der Mosesreligion vorbereitete, fand sich
das griechische Volk im Besitz eines überaus rei-
chen Schatzes von Geschlechtersagen und Hel-
denmythen. Im 9ten oder 8ten Jahrhundert,
glaubt man, entstanden die beiden homerischen
Epen, die ihren Stoff diesem Sagenkreis entnah-
men. Mit unseren heutigen psychologischen
Einsichten hätte man lange vor Schliemann und
Evans die Frage aufwerfen können: Woher nah-
men die Griechen all das Sagenmaterial, das
Homer und die grossen attischen Dramatiker in
ihren Meisterwerken verarbeiteten? Die Ant-
wort hätte lauten müssen: Dies Volk hat wahr-
S.
127
und die monotheistische Religion
scheinlich in seiner Vorgeschichte eine Zeit von
äußerem Glanz und kultureller Blüte erlebt, die
in einer historischen Katastrophe untergegangen
ist und von der sich in diesen Sagen eine dunkle
Tradition erhalten hat. Die archäologische For-
schung unserer Tage hat dann diese Vermutung
bestätigt, die damals sicherlich für allzu gewagt
erklärt worden wäre. Sie hat die Zeugnisse für
die großartige minoisch-
mykenische Kultur auf
gedeckt, die auf dem griechischen Festland
wahrscheinlich schon vor 1250 v. Chr. zu Ende
kam. Bei den griechischen Historikern der spä-
teren Zeit findet sich kaum ein Hinweis auf sie.
Einmal die Bemerkung, dass es eine Zeit gab, da
die Kreter die Seeherrschaft innehatten, der Na-
me des Königs Minos und seines Palastes, des
Labyrinths; das ist alles, sonst ist nichts von ihr
übrig geblieben als die von den Dichtern aufge-
griffenen Traditionen.Es sind Volksepen noch bei anderen Völkern,
bei den Deutschen, Indern, Finnen, bekannt ge-
worden. Es fällt den Literaturhistorikern zu, zu
untersuchen, ob deren Entstehung dieselben Be-
dingungen annehmen lässt wie im Falle der
Griechen. Ich glaube, die Untersuchung wird
ein positives Ergebnis bringen. Die Bedingung,
die wir erkennen, ist: Ein Stück Vorgeschichte,
das unmittelbar nachher als inhaltreich, bedeut-
sam und großartig, vielleicht immer als helden-
S.
128
haft erscheinen musste, das aber so weit zurück-
liegt, so entlegenen Zeiten angehört, dass den
späteren Geschlechtern nur eine dunkle und un-
vollständige Tradition von ihr Kunde gibt. Man
hat sich darüber verwundert, dass das Epos als
Kunstgattung in späteren Zeiten erloschen ist.
Vielleicht liegt die Erklärung darin, dass seine
Bedingung sich nicht mehr herstellte. Der alte
Stoff war aufgearbeitet und für alle späteren
Begebenheiten war die Geschichtsschreibung an
die Stelle der Tradition getreten. Die grössten
Heldentaten unserer Tage waren nicht imstan-
de, ein Epos zu inspirieren, aber schon Alexan-
der der Grosse hatte ein Recht zur Klage, dass er
keinen Homer finden werde.Längstvergangene Zeiten haben eine grosse, eine
oft rätselhafte Anziehung für die Phantasie der
Menschen. So oft sie mit ihrer Gegenwart unzu-
frieden sind – und das sind sie oft genug –,
wenden sie sich zurück in die Vergangenheit und
hoffen, diesmal den nie erloschenen Traum von
einem goldenen Zeitalter bewahrheiten zu kön-
nen.1) Wahrscheinlich stehen sie immer noch un-
ter dem Zauber ihrer Kindheit, die ihnen von1)Diese Situation hat Macaulay seinen Lays of Ancient
Rome zu Grunde gelegt. Er versetzt sich darin in die
Rolle eines Sängers, der betrübt über die wüsten Partei-
kämpfe der Gegenwart seinen Zuhörern den Opfer-
mut, die Einigkeit und den Patriotismus der Ahnen
vorhält.S.
129
und die monotheistische Religion
einer nicht unparteiischen Erinnerung als eine
Zeit von ungestörter Seligkeit gespiegelt wird.
Wenn von der Vergangenheit nur mehr die un-
vollständigen und verschwommenen Erinnerun-
gen bestehen, die wir Tradition heißen, so ist
das für den Künstler ein besonderer Anreiz, denn
dann ist es ihm frei geworden, die Lücken der
Erinnerung nach den Gelüsten seiner Phantasie
auszufüllen und das Bild der Zeit, die er repro-
duzieren will, nach seinen Absichten zu gestal-
ten. Beinahe könnte man sagen, je unbestimmter
die Tradition geworden ist, desto brauchbarer
wird sie für den Dichter. Über die Bedeutung
der Tradition für die Dichtung brauchen wir
uns also nicht zu verwundern, und die Analogie
zur Bedingtheit des Epos wird uns der befremd-
lichen Annahme geneigter machen, dass es bei
den Juden die Mosestradition war, welche den
Jahvedienst im Sinne der alten Mosesreligion
verwandelte. Aber die beiden Fälle sind sonst
noch zu sehr verschieden. Dort ist das Ergebnis
eine Dichtung, hier eine Religion, und für letz-
tere haben wir angenommen, dass sie unter dem
Antrieb der Tradition mit einer Treue reprodu-
ziert wurde, zu der der Fall des Epos natürlich
das Gegenstück nicht zeigen kann. Somit bleibt
von unserem Problem genug übrig, um das Be-
dürfnis nach besser zutreffenden Analogien zu
rechtfertigen.S.
130
C
Die Analogie
Die einzige befriedigende Analogie zu dem merk-
würdigen Vorgang, den wir in der jüdischen
Religionsgeschichte erkannt haben, findet sich
auf einem scheinbar weit abgelegenen Gebiet;
aber sie ist sehr vollständig, sie kommt der Iden-
tität nahe. Dort begegnen uns wieder das Phä-
nomen der Latenz, das Auftauchen unverständ-
licher, Erklärung heischender Erscheinungen und
die Bedingung des frühen, später vergessenen
Erlebnisses. Und ebenso der Charakter des
Zwanges, der sich mit Überwältigung des logi-
schen Denkens der Psyche aufdrängt, ein Zug,
der z.B. bei der Genese des Epos nicht in Be-
tracht kam.Diese Analogie trifft sich in der Psychopatholo-
gie bei der Genese der menschlichen Neurosen,
also auf einem Gebiet, das der Einzelpsychologie
angehört, während die religiösen Phänomene
natürlich zur Massenpsychologie zu rechnen
sind. Es wird sich zeigen, dass diese Analogie
nicht so überraschend ist, wie man zunächst
meinen würde, ja, dass sie eher einem Postulat
entspricht.Die früh erlebten, später vergessenen Eindrücke,
denen wir eine so grosse Bedeutung für die Ätio-S.
131
und die monotheistische Religion
logie der Neurosen zuschreiben, heissen wir
Träumen. Es mag dahingestellt bleiben, ob die
Ätiologie der Neurosen allgemein als eine trau-
matische angesehen werden darf. Der nahelic-
gende Einwand dagegen ist, dass sich nicht in
allen Fällen ein offenkundiges Trauma aus der
Urgeschichte des neurotischen Individuums her-
ausheben lässt. Oft muss man sich bescheiden zu
sagen, dass nichts anderes vorliegt als eine aus-
sergewöhnliche, abnorme Reaktion auf Erleb-
nisse und Anforderungen, die alle Individuen
treffen und von ihnen in anderer, normal zu
nennender Weise verarbeitet und erledigt wer-
den. Wo zur Erklärung nichts anderes zur Ver-
fügung steht als hereditäre und konstitutionelle
Dispositionen, ist man begreiflicherweise ver-
sucht zu sagen, die Neurose werde nicht erwor-
ben, sondern entwickelt.In diesem Zusammenhang heben sich aber zwei
Punkte hervor. Der erste ist, dass die Genese der
Neurose überall und jedesmal auf sehr frühe
Kindheitseindrücke zurückgeht.1) Zweitens, es
ist richtig, dass es Fälle gibt, die man als „trau-
matische“ auszeichnet, weil die Wirkungen un-
verkennbar auf einen oder mehrere starke Ein-1)So, dass es also unsinnig ist, zu behaupten, man über
Psychoanalyse, wenn man gerade diese Urzeiten von der
Erforschung und Berücksichtigung ausschliesst, wie es
von manchen Seiten geschieht.S.
132
drücke dieser Frühzeit zurückgehen, die sich ei
ner normalen Erledigung entzogen haben, so
dass man urteilen möchte, wären diese nicht vor
gefallen, so wäre auch die Neurose nicht zu
standegekommen. Es reichte nun für unsere Ab
sichten hin, wenn wir die gesuchte Analogie nur
auf diese traumatischen Fälle beschränken müss
ten. Aber die Kluft zwischen beiden Gruppen
scheint nicht unüberbrückbar. Es ist sehr wohl
möglich, beide ätiologischen Bedingungen in
einer Auffassung zu vereinigen; es kommt nur
darauf an, was man als traumatisch definiert.
Wenn man annehmen darf, dass das Erlebnis
den traumatischen Charakter nur infolge eines
quantitativen Faktors erwirbt, dass also in al
len Fällen die Schuld an einem Zuviel von An
spruch liegt, wenn das Erlebnis ungewöhnliche,
pathologische Reaktionen hervorruft, so kann
man leicht zur Auskunft gelangen, dass bei der
einen Konstitution etwas als Trauma wirkt, was
bei einer anderen keine solche Wirkung hätte. Es
ergibt sich dann die Vorstellung einer gleitenden
sog. Ergänzungsreihe, in der zwei Faktoren zur
ätiologischen Erfüllung zusammentreten, ein
Minder von einem durch ein Mehr vom anderen
ausgeglichen wird, im allgemeinen ein Zusam
menwirken beider stattfindet und nur an den
beiden Enden der Reihe von einer einfachen
Motivierung die Rede sein kann. Nach dieserS.
133
und die monotheistische Religion
Erwägung kann man die Unterscheidung von
traumatischer und nicht traumatischer Ätiologie
als für die von uns gesuchte Analogie unwesent-
lich beiseite lassen.Vielleicht ist es trotz der Gefahr der Wiederho-
lung zweckmässig, hier die Tatsachen zusam-
menzustellen, welche die für uns bedeutsame
Analogie enthalten. Es sind folgende: Es hat sich
für unsere Forschung herausgestellt, dass das,
was wir die Phänomene (Symptome) einer Neu-
rose heissen, die Folgen von gewissen Erlebnis-
sen und Eindrücken sind, die wir eben darum als
ätiologische Traumen anerkennen. Wir haben
nun zwei Aufgaben vor uns: Erstens die gemein-
samen Charaktere dieser Erlebnisse und zwei-
tens die der neurotischen Symptome aufzusu-
chen, wobei gewisse Schematisierungen nicht
vermieden zu werden brauchen.Ad. I: a) Alle diese Traumen gehören der frü-
hen Kindheit bis etwa zu 5 Jahren an. Ein-
drücke aus der Zeit der beginnenden Sprachfä-
higkeit heben sich als besonders interessant her-
vor; die Periode von 2–4 Jahren erscheint als
die wichtigste; wann nach der Geburt diese Zeit
der Empfänglichkeit beginnt, lässt sich nicht si-
cher feststellen. b) Die betreffenden Erlebnisse
sind in der Regel völlig vergessen, sie sind der
Erinnerung nicht zugänglich, fallen in die Pe-S.
134
III. Moses, sein Volk,
riode der infantilen Amnesie, die zumeist durch
einzelne Erinnerungsreste, sog. Deckerinnerun-
gen, durchbrochen wird. c) Sie beziehen sich auf
Eindrücke sexueller und aggressiver Natur, ge-
wiss auch auf frühzeitige Schädigungen des Ichs
(narzisstische Kränkungen). Dazu ist zu bemer-
ken, dass so junge Kinder zwischen sexuellen
und rein aggressiven Handlungen nicht scharf
unterscheiden wie später (sadistisches Missver-
ständnis des Sexualaktes). Das Überwiegen des
sexuellen Moments ist natürlich sehr auffällig
und verlangt nach theoretischer Würdigung.
Diese drei Punkte – frühzeitliches Vorkommen
innerhalb der ersten 5 Jahre, Vergessenheit,
sexuell-aggressiver Inhalt – gehören eng zu-
sammen. Die Traumen sind entweder Erlebnisse
am eigenen Körper oder Sinneswahrnehmungen,
meist von Gesehenem und Gehörtem, also Er-
lebnisse oder Eindrücke. Der Zusammenhang
jener drei Punkte wird durch eine Theorie her-
gestellt, ein Ergebnis der analytischen Arbeit, die
allein eine Kenntnis der vergessenen Erlebnisse
vermitteln, greller, aber auch inkorrekter ausge-
drückt, sie in die Erinnerung zurückbringen
kann. Die Theorie lautet, dass im Gegensatz zur
populären Meinung das Geschlechtsleben der
Menschen – oder was ihm in späterer Zeit ent-
spricht – eine Frühblüte zeigt, die mit etwa 5
Jahren zu Ende ist, worauf die sogenannte La-S.
135
und die monotheistische Religion
tenzzeit – bis zur Pubertät – folgt, in der
keine Fortentwicklung der Sexualität vor sich
geht, ja das Erreichte rückgängig gemacht wird.
Diese Lehre wird durch anatomische Untersu-
chung des Wachstums der inneren Genitalien
bestätigt; sie führt zur Vermutung, dass der
Mensch von einer Tierart abstammt, die mit 5
Jahren geschlechtsreif wurde, und weckt den
Verdacht, dass der Aufschub und zweizeitige
Ansatz des Sexuallebens aufs innigste mit der
Geschichte der Menschwerdung zusammen-
hängt. Der Mensch scheint das einzige Tierwe-
sen mit solcher Latenz und Sexualverspätung zu
sein. Untersuchungen an Primaten, die meines
Wissens nicht vorliegen, wären für die Prüfung
der Theorie unerlässlich. Psychologisch kann es
nicht gleichgültig sein, dass die Periode der in-
fantilen Amnesie mit dieser Frühzeit der Sexua-
lität zusammenfällt. Vielleicht bringt dieser
Sachverhalt die wirkliche Bedingung für die
Möglichkeit der Neurose, die ja im gewissen Sin-
ne ein menschliches Vorrecht ist und in dieser
Betrachtung als ein Überbleibsel (survival) der
Urzeit erscheint wie gewisse Bestandstücke der
Anatomie unseres Körpers.Ad II, gemeinsame Eigenschaften oder Beson-
derheiten der neurotischen Phänomene: es sind
zwei Punkte hervorzuheben. a) Die WirkungenS.
136
III. Moses, sein Volk,
des Traumas sind von zweierlei Art, positive
und negative. Die ersteren sind Bemühungen, das
Trauma wieder zur Geltung zu bringen, also das
vergessene Erlebnis zu erinnern, oder noch bes-
ser, es real zu machen, eine Wiederholung davon
von neuem zu erleben, wenn es auch nur eine
frühere Affektbeziehung war, dieselbe in einer
analogen Beziehung zu einer anderen Person neu
wiederaufleben zu lassen. Man fasst diese Be
mühungen zusammen als Fixierung an das Trau
ma und als Wiederholungszwang. Sie können in
das sog. normale Ich aufgenommen werden und
als ständige Tendenzen desselben ihm unwan-
delbare Charakterzüge verleihen, obwohl oder
vielmehr gerade weil ihre wirkliche Begründung,
ihr historischer Ursprung vergessen ist. So kann
ein Mann, der seine Kindheit in übermässiger,
heute vergessener Mutterbindung verbracht hat,
sein ganzes Leben über nach einer Frau suchen,
von der er sich abhängig machen kann, von der
er sich nähren und erhalten lässt. Ein Mädchen,
das in früher Kindheit Objekt einer sexuellen
Verführung wurde, kann ihr späteres Sexuall-
leben darauf einrichten, immer wieder solche An
griffe zu provozieren. Es ist leicht zu erraten,
dass wir durch solche Einsichten über das Pro
blem der Neurose hinaus zum Verständnis der
Charakterbildung überhaupt vordringen.
Die negativen Reaktionen verfolgen das entge-S.
137
und die monotheistische Religion
gegengesetzte Ziel, dass von den vergessenen Trau-
men nichts erinnert und nichts wiederholt wer-
den soll. Wir können sie als Abwehrreaktionen
zusammenfassen. Ihr Hauptausdruck sind die
sog. Vermeidungen, die sich zu Hemmungen und
Phobien steigern können. Auch diese negativen
Reaktionen leisten die stärksten Beiträge zur
Prägung des Charakters; im Grunde sind sie
ebenso Fixierungen an das Trauma wie ihre
Gegner, nur sind es Fixierungen mit entgegenge-
setzter Tendenz. Die Symptome der Neurose im
engeren Sinne sind Kompromissbildungen, zu
denen beiderlei von den Traumen ausgehende
Strebungen zusammentreten, so dass bald der
Anteil der einen, bald der anderen Richtung in
ihnen überwiegenden Ausdruck findet. Durch
diesen Gegensatz der Reaktionen werden Kon-
flikte hergestellt, die regulärer Weise zu keinem
Abschluss kommen können.b) Alle diese Phänomene, die Symptome wie die
Einschränkungen des Ichs und die stabilen Cha-
rakterveränderungen haben Zwangscharakter,
d.h. bei grosser psychischer Intensität zeigen sie
eine weitgehende Unabhängigkeit von der Or-
ganisation der anderen seelischen Vorgänge, die
den Forderungen der realen Aussenwelt ange-
passt sind, den Gesetzen des logischen Denkens
gehorchen. Sie werden durch die äussere Reali-
tät nicht oder nicht genug beeinflusst, kümmernS.
138
III. Moses, sein Volk,
sich nicht um sie und um ihre psychische Vertre-
tung, so dass sie leicht in aktiven Widerspruch
zu beiden geraten. Sie sind gleichsam ein Staat
im Staat, eine unzugängliche, zur Zusammenar-
beit unbrauchbare Partei, der es aber gelingen
kann, das andere, sog. Normale zu überwinden
und in ihren Dienst zu zwingen. Geschieht dies,
so ist damit die Herrschaft einer inneren psychi-
schen Realität über die Realität der Außenwelt
erreicht, der Weg zur Psychose eröffnet. Auch
wo es nicht so weit kommt, ist die praktische
Bedeutung dieser Verhältnisse kaum zu über-
schätzen. Die Lebenshemmung und Lebensun-
fähigkeit der von einer Neurose beherrschten
Personen ist ein in der menschlichen Gesellschaft
sehr bedeutsamer Faktor, und man darf in ihr
den direkten Ausdruck ihrer Fixierung an ein
frühes Stück ihrer Vergangenheit erkennen.
Und nun fragen wir, was ist es mit der Latenz,
die uns mit Rücksicht auf die Analogie beson-
ders interessieren muss? An das Trauma der
Kindheit kann sich ein neurotischer Ausbruch
unmittelbar anschliessen, eine Kindheitsneurose,
erfüllt von den Bemühungen zur Abwehr, unter
Bildung von Symptomen. Sie kann längere Zeit
anhalten, auffällige Störungen verursachen, aber
auch latent verlaufen und übersehen werden. In
ihr behält in der Regel die Abwehr die Ober-
hand; auf jeden Fall bleiben Ichveränderungen,S.
139
und die monotheistische Religion
den Narbenbildungen vergleichbar, zurück. Nur
selten setzt sich die Kinderneurose ohne Unter-
brechung in die Neurose des Erwachsenen fort.
Weit häufiger wird sie abgelöst von einer Zeit
anscheinend ungestörter Entwicklung, ein Vor-
gang, der durch das Dazwischentreten der phy-
siologischen Latenzperiode unterstützt oder er-
möglicht wird. Erst später tritt die Wandlung
ein, mit der die endgültige Neurose als verspätete
Wirkung des Traumas manifest wird. Dies ge-
schieht entweder mit dem Einbruch der Puber-
tät oder eine Weile später. Im ersteren Falle, in-
dem die durch die physische Reifung verstärk-
ten Triebe nun den Kampf wiederaufnehmen
können, in dem sie anfänglich der Abwehr un-
terlegen sind, im anderen Falle, weil die bei der
Abwehr hergestellten Reaktionen und Ichver-
änderungen sich nun als hinderlich für die Erle-
digung der neuen Lebensaufgaben erweisen, so
dass es nun zu schweren Konflikten zwischen
den Anforderungen der realen Außenwelt und
dem Ich kommt, das seine im Abwehrkampf
mühsam erworbene Organisation bewahren will.
Das Phänomen einer Latenz der Neurose zwi-
schen den ersten Reaktionen auf das Trauma
und dem späteren Ausbruch der Erkrankung
muss als typisch anerkannt werden. Man darf
diese Erkrankung auch als Heilungsversuch an-
sehen, als Bemühung, die durch den Einfluss desS.
140
Traumas abgespaltenen Anteile des Ichs wieder
mit dem übrigen zu versöhnen und zu einem ge-
gen die Außenwelt machtvollen Ganzen zu ver-
einigen. Aber ein solcher Versuch gelingt nur
selten, wenn nicht die analytische Arbeit zu
Hilfe kommt, auch dann nicht immer, und er
endet häufig genug in einer völligen Verwüstung
und Zersplitterung des Ichs oder in dessen Über-
wältigung durch den frühzeitig abgespaltenen,
vom Trauma beherrschten Anteil.Um die Überzeugung des Lesers zu gewinnen,
wäre die ausführliche Mitteilung zahlreicher
neurotischer Lebensgeschichten erforderlich.
Aber bei der Weitläufigkeit und Schwierigkeit
des Gegenstandes würde dies den Charakter die-
ser Arbeit völlig aufheben. Sie würde sich in
eine Abhandlung über Neurosenlehre umwan-
deln und auch dann wahrscheinlich nur auf jene
Minderzahl wirken, die das Studium und die
Ausübung der Psychoanalyse zur Lebensaufga-
be gewählt hat. Da ich mich hier an einen weite-
ren Kreis wende, kann ich nichts anderes tun, als
den Leser ersuchen, dass er den im Vorstehen-
den abgekürzt mitgeteilten Ausführungen eine
gewisse vorläufige Glaubwürdigkeit zugestehe,
womit also das Zugeständnis meinerseits ver-
bunden ist, dass er die Folgerungen, zu denen
ich ihn führe, nur dann anzunehmen braucht,S.
141
und die monotheistische Religion
wenn die Lehren, die ihre Voraussetzun-
gen sind,
sich als richtig bewähren.
Ich kann immerhin versuchen, einen einzelnen
Fall zu erzählen, der manche der erwähnten
Eigentümlichkeiten der Neurose besonders deut-
lich erkennen lässt. Natürlich darf man von
einem einzigen Fall nicht erwarten, dass er alles
zeigen wird, und braucht nicht enttäuscht zu
sein, wenn er sich inhaltlich weit von dem ent-
fernt, wozu wir die Analogie suchen.
Das Knäblein, das, wie so häufig in kleinbürger-
lichen Familien, in den ersten Lebensjahren das
Schlafzimmer mit den Eltern teilte, hatte wie-
derholt, ja regelmässig, Gelegenheit, im Alter der
kaum erreichten Sprachfähigkeit die sexuellen
Vorgänge zwischen den Eltern zu beobachten,
manches zu sehen und mehr noch zu hören. In
seiner späteren Neurose, die unmittelbar nach
der ersten spontanen Pollution ausbricht, ist
Schlafstörung das früheste und lästigste Sym-
ptom. Er wird ausserordentlich empfindlich
gegen nächtliche Geräusche und kann, einmal
geweckt, den Schlaf nicht wiederfinden. Diese
Schlafstörung war ein richtiges Kompromiss-
symptom, einerseits der Ausdruck seiner Ab-
wehr gegen jene nächtlichen Wahrnehmungen,
andererseits ein Versuch, das Wachsein wieder-
herzustellen, in dem er jenen Eindrücken lau-
schen konnte.S.
142
Durch solche Beobachtung frühzeitig zu aggres-
siver Männlichkeit geweckt, begann das Kind
seinen kleinen Penis mit der Hand zu erregen
und verschiedene sexuelle Angriffe auf die Mutter
zu unternehmen, in der Identifizierung mit dem
Vater, an dessen Stelle er sich dabei setzte. Das
ging so fort, bis er sich endlich von der Mutter
das Verbot holte, sein Glied zu berühren, und
des weiteren die Drohung von ihr hörte, sie wer-
de es dem Vater sagen und der ihm zur Strafe
das sündige Glied wegnehmen. Diese Kastra-
tionsdrohung hatte eine ausserordentlich starke
traumatische Wirkung auf den Knaben. Er gab
seine sexuelle Tätigkeit auf und änderte seinen
Charakter. Anstatt sich mit dem Vater zu iden-
tifizieren, fürchtete er ihn, stellte sich passiv zu
ihm ein und provozierte ihn durch gelegentliche
Schlimmheit zu körperlichen Züchtigungen, die
für ihn sexuelle Bedeutung hatten, so dass er
sich dabei mit der misshandelten Mutter identi-
fizieren konnte. An die Mutter selbst klammerte
er sich immer ängstlicher an, als ob er keinen
Moment lang ihre Liebe entbehren könnte, in
der er den Schutz gegen die vom Vater drohende
Kastrationsgefahr erblickte. In dieser Modifika-
tion des Ödipuskomplexes verbrachte er die La-
tenzzeit, die von auffälligen Störungen frei
blieb. Er wurde ein Musterknabe, hatte guten
Erfolg in der Schule.S.
143
Soweit haben wir die unmittelbare Wirkung des
Traumas verfolgt und die Tatsache der Latenz
bestätigt.Der Eintritt der Pubertät brachte die manifeste
Neurose und offenbarte deren zweites Haupt-
symptom, die sexuelle Impotenz. Er hatte die
Empfindlichkeit seines Gliedes eingebüßt, ver-
suchte nicht, es zu berühren, wagte nicht, sich
einer Frau in sexueller Absicht zu nähern. Seine
sexuelle Betätigung blieb eingeschränkt auf psy-
chische Onanie mit sadistisch-masochistischen
Phantasien, in denen man unschwer die Ausläu-
fer jener frühen Coitusbeobachtungen an den
Eltern erkennt. Der Schub verstärkter Männ-
lichkeit, den die Pubertät mit sich bringt, wurde
für wütenden Vaterhass und Widersetzlich-
keit gegen den Vater aufgewendet. Dies extre-
me, bis zur Selbstzerstörung rücksichtslose Ver-
hältnis zum Vater verschuldete auch seinen Miss-
erfolg im Leben und seine Konflikte mit der
Aussenwelt. Er durfte es in seinem Beruf zu
nichts bringen, weil der Vater ihn in diesen Be-
ruf gedrängt hatte. Er machte auch keine Freun-
de, stand nie gut zu seinen Vorgesetzten.
Als er, mit diesen Symptomen und Unfähigkei-
ten behaftet, nach dem Tode des Vaters endlich
eine Frau gefunden hatte, kamen wie als Kern
seines Wesens Charakterzüge bei ihm zum Vor-
schein, die den Umgang mit ihm zur schwerenS.
144
III. Moses, sein Volk,
Aufgabe für alle ihm Näherstehenden machte.
Er entwickelte eine absolut egoistische, despoti-
sche und brutale Persönlichkeit, der es offenbar
Bedürfnis war, die anderen zu unterdrücken
und zu kränken. Es war die getreue Kopie des
Vaters, wie sich dessen Bild in seiner Erinnerung
gestaltet hatte, also ein Wiederaufleben der Va-
teridentifizierung, in die sich seinerzeit der klei-
ne Knabe aus sexuellen Motiven begeben hatte.
In diesem Stück erkennen wir die Wiederkehr
des Verdrängten, die wir nebst den unmittelba-
ren Wirkungen des Traumas und dem Phäno-
men der Latenz unter den wesentlichen Zügen
einer Neurose beschrieben haben.D
Anwendung
Frühes Trauma – Abwehr – Latenz – Ausbruch
der neurotischen Erkrankung – teilweise Wie-
derkehr des Verdrängten: so lautete die Formel,
die wir für die Entwicklung einer Neurose auf-
gestellt haben. Der Leser wird nun eingeladen,
den Schritt zur Annahme zu machen, dass im
Leben der Menschenart ähnliches vorgefallen ist
wie in dem der Individuen. Also dass es auch
hier Vorgänge gegeben hat sexuell-aggressiven
Inhalts, die bleibende Folgen hinterlassen ha-
ben.S.
145
und die monotheistische Religion
ben, aber zumeist abgewehrt, vergessen wurden,
später, nach langer Latenz zur Wirkung gekom-
men sind und Phänomene, den Symptomen ähn-
lich in Aufbau und Tendenz, geschaffen ha-
ben.Wir glauben diese Vorgänge erraten zu können
und wollen zeigen, dass ihre symptomähnlichen
Folgen die religiösen Phänomene sind. Da sich
seit dem Auftauchen der Evolutionsidee nicht
mehr bezweifeln lässt, dass das Menschenge-
schlecht eine Vorgeschichte hat, und da diese un-
bekannt, das heisst vergessen ist, hat ein solcher
Schluss beinahe das Gewicht eines Postulats.
Wenn wir erfahren, dass die wirksamen und
vergessenen Traumen sich hier wie dort auf das
Leben in der menschlichen Familie beziehen,
werden wir dies als eine hocherwünschte, nicht
vorhergesehene, von den bisherigen Erörterungen
nicht erforderte Zugabe begrüssen.Ich habe diese Behauptungen schon vor einem
Vierteljahrhundert in meinem Buch „Totem
und Tabu“ (1912) aufgestellt und brauche sie
hier nur zu wiederholen. Die Konstruktion geht
von einer Angabe Ch. Darwins aus und bezieht
eine Vermutung von Atkinson ein. Sie besagt,
dass in Urzeiten der Urmensch in kleinen Hor-
den lebte, jede unter der Herrschaft eines star-
ken Männchens. Die Zeit ist nicht angebbar, der
Anschluss an die uns bekannten geologischenS.
146
III. Moses, sein Volk,
Epochen nicht erreicht, wahrscheinlich hatte es
jenes Menschenwesen in der Sprachentwicklung
noch nicht weit gebracht. Ein wesentliches
Stück der Konstruktion ist die Annahme, dass
die zu beschreibenden Schicksale alle Urmen-
schen, also alle unsere Ahnen betroffen haben.
Die Geschichte wird in grossartiger Verdichtung
erzählt, als ob sich ein einziges Mal zugetragen
hätte, was sich in Wirklichkeit über Jahrtausende
sende erstreckt hat und in dieser langen Zeit un-
gezählt oft wiederholt worden ist. Das starke
Männchen war Herr und Vater der ganzen
Horde, unbeschränkt in seiner Macht, die er ge-
walttätig gebrauchte. Alle weiblichen Wesen
waren sein Eigentum, die Frauen und Töchter
der eigenen Horde, wie vielleicht auch die aus
anderen Horden geraubten. Das Schicksal der
Söhne war ein hartes; wenn sie die Eifersucht
des Vaters erregten, wurden sie erschlagen oder
kastriert oder ausgetrieben. Sie waren darauf
angewiesen, in kleinen Gemeinschaften zusam-
menzuleben und sich Frauen durch Raub zu
verschaffen, wo es dann dem einen oder ande-
ren gelingen konnte, sich zu einer ähnlichen Po-
sition emporzuarbeiten wie die des Vaters in der
Urhorde. Eine Ausnahmestellung ergab sich aus
natürlichen Gründen für die jüngsten Söhne,
die durch die Liebe der Mütter geschützt aus
dem Altern des Vaters Vorteil ziehen und ihnS.
147
und die monotheistische Religion
nach seinem Ableben ersetzen konnten. Sowohl
von der Austreibung der älteren wie von der Be-
vorzugung der jüngsten Söhne glaubt man Nach-
klänge in Sagen und Märchen zu erkennen.
Der nächste entscheidende Schritt zur Änderung
dieser ersten Art von „sozialer“ Organisation
soll gewesen sein, dass die vertriebenen, in Ge-
meinschaft lebenden Brüder sich zusammenta-
ten, den Vater überwältigten und ihn nach der
Sitte jener Zeiten roh verzehrten. An diesem
Kannibalismus braucht man keinen Anstoss zu
nehmen, er ragt weit in spätere Zeiten hinein. We-
sentlich ist es aber, dass wir diesen Urmenschen
die nämlichen Gefühlseinstellungen zuschreiben,
wie wir sie bei den Primitiven der Gegenwart,
unseren Kindern, durch analytische Erforschung
feststellen können. Also dass sie den Vater nicht
nur hassten und fürchteten, sondern auch ihn als
Vorbild verehrten, und dass jeder sich in Wirk-
lichkeit an seine Stelle setzen wollte. Der kanni-
balistische Akt wird dann verständlich als Ver-
such, sich durch Einverleibung eines Stücks von
ihm der Identifizierung mit ihm zu versichern.
Es ist anzunehmen, dass nach der Vatertötung
eine längere Zeit folgte, in der die Brüder mit
einander um das Vatererbe stritten, das ein jeder
für sich allein gewinnen wollte. Die Einsicht in
die Gefahren und die Erfolglosigkeit dieser
Kämpfe, die Erinnerung an die gemeinsam voll-
S.
148
III. Moses, sein Volk,
brachte Befreiungstat und die Gefühlsbindungen
aneinander, die während der Zeiten der Ver-
treibung entstanden waren, führten endlich zu
einer Einigung unter ihnen, einer Art von Ge-
sellschaftsvertrag. Es entstand die erste Form
einer sozialen Organisation mit Triebverzicht,
Anerkennung von gegenseitigen Verpflich-
tungen, Einsetzung bestimmter, für unverbrüchlich
(heilig) erklärter Institutionen, die Anfänge al-
so von Moral und Recht. Jeder einzelne verzich-
tete auf das Ideal, die Vaterstellung für sich zu
erwerben, auf den Besitz von Mutter und
Schwestern. Damit war das Inzesttabu und das
Gebot der Exogamie gegeben. Ein gutes Stück
der durch die Beseitigung des Vaters frei gewor-
denen Machtvollkommenheit ging auf die Frau-
en über, es kam die Zeit des Matriarchats. Das
Andenken des Vaters lebte zu dieser Periode des
„Brüderbundes“ fort. Ein starkes, vielleicht zu-
erst immer auch gefürchtetes Tier wurde als Va-
terersatz gefunden. Eine solche Wahl mag uns
befremdend erscheinen, aber die Kluft, die der
Mensch später zwischen sich und dem Tier her-
gestellt hat, bestand nicht für den Primitiven
und besteht auch nicht bei unseren Kin-
dern, de-
ren Tierphobien wir als Vate-
rangst verstehen
konnten. Im Verhältnis zum Totemtier war die
ursprüngliche Zwiespältigkeit (Ambivalenz) der
Gefühlsbeziehung zum Vater voll erhalten. DerS.
149
und die monotheistische Religion
Totem galt einerseits als leiblicher Ahnherr und
Schutzgeist des Clans, er musste verehrt und ge-
schont werden, anderseits wurde ein Festtag ein-
gesetzt, an dem ihm das Schicksal bereitet wur-
de, das der Urvater gefunden hatte. Er wurde
von allen Genossen gemeinsam getötet und ver-
zehrt (Totemmahlzeit nach Robertson Smith).
Dieser grosse Festtag war in Wirklichkeit eine
Triumphfeier des Sieges der verbündeten Söhne
über den Vater.Wo bleibt in diesem Zusammenhange die Reli-
gion? Ich meine, wir haben ein volles Recht, im
Totemismus mit seiner Verehrung eines Vater-
ersatzes, der durch die Totemmahlzeit bezeug-
ten Ambivalenz, der Einsetzung von Gedenk-
feiern, von Verboten, deren Übertretung mit
dem Tode bestraft wird, – wir dürfen im To-
temismus, sage ich, die erste Erscheinungsform
der Religion in der menschlichen Geschichte er-
kennen und deren von Anfang an bestehende
Verknüpfung mit sozialen Gestaltungen und
moralischen Verpflichtungen bestätigen. Die
weiteren Entwicklungen der Religion können
wir hier nur in kürzester Überschau behandeln.
Sie gehen ohne Zweifel parallel mit den kultu-
rellen Fortschritten des Menschengeschlechts
und den Veränderungen im Aufbau der mensch-
lichen Gemeinschaften.Der nächste Fortschritt vom Totemismus her ist
S.
150
III. Moses, sein Volk,
die Vermenschlichung des verehrten Wesens. An
die Stelle der Tiere treten menschliche Götter,
deren Herkunft vom Totem nicht verhüllt ist.
Entweder wird der Gott noch in Tiergestalt oder
wenigstens mit dem Angesicht des Tieres gebil-
det oder der Totem wird zum bevorzugten Be-
gleiter des Gottes, von ihm unzertrennlich, oder
die Sage läßt den Gott gerade dieses Tier erle-
gen, das doch nur seine Vorstufe war. An einer
nicht leicht bestimmbaren Stelle dieser Ent-
wicklung treten große Muttergottheiten auf,
wahrscheinlich noch vor den männlichen Göt-
tern, die sich dann lange Zeit neben diesen er-
halten. Unterdes hat sich eine große soziale Um-
wälzung vollzogen. Das Mutterrecht wurde
durch eine wiederhergestellte patriarchalische
Ordnung abgelöst. Die neuen Väter erreichten
freilich nie die Allmacht des Urvaters, es waren
ihrer viele, die in größeren Verbänden, als die
Horde gewesen war, mit einander lebten; sie
mußten sich mit einander gut vertragen, blieben
durch soziale Satzungen beschränkt. Wahr-
scheinlich entstanden die Muttergottheiten zur
Zeit der Einschränkung des Matriarchats zur
Entschädigung der zurückgesetzten Mütter. Die
männlichen Gottheiten erscheinen zuerst als
Söhne neben den großen Müttern, erst später
nehmen sie deutlich die Züge von Vatergestalten
an. Diese männlichen Götter des PolytheismusS.
151
und die monotheistische Religion
spiegeln die Verhältnisse der patriarchalischen
Zeit wider. Sie sind zahlreich, beschränken ein-
ander gegenseitig, unterordnen sich gelegentlich
einem überlegenen Obergott. Der nächste Schritt
aber führt zu dem Thema, das uns hier beschäf-
tigt, zur Wiederkehr des einen, einzigen, unum-
schränkt herrschenden Vatergottes.
Es ist zuzugeben, dass diese historische Über-
sicht lückenhaft und in manchen Punkten unge-
sichert ist. Aber wer unsere Konstruktion der
Urgeschichte nur für phantastisch erklären woll-
te, der würde den Reichtum und die Beweis-
kraft des Materials, das in sie eingegangen ist,
arg unterschätzen. Grosse Stücke der Vergan-
genheit, die hier zu einem Ganzen verknüpft
werden, sind historisch bezeugt, der Totemis-
mus, die Männerbünde. Anderes hat sich in aus-
gezeichneten Repliken erhalten. So ist es mehr-
mals einem Autor aufgefallen, wie getreu der
Ritus der christlichen Kommunion, in der der
Gläubige in symbolischer Form Blut und Fleisch
seines Gottes sich einverleibt, Sinn und Inhalt
der alten Totemmahlzeit wiederholt. Zahlrei-
che Überbleibsel der vergessenen Urzeit sind in
den Sagen und Märchen der Völker erhalten, und
in unerwarteter Reichhaltigkeit hat das analy-
tische Studium des kindlichen Seelenlebens Stoff
geliefert, um die Lücken unserer Kenntnis der
Urzeiten auszufüllen. Als Beiträge zum Ver-
S.
152
ständnis des so bedeutsamen Vaterverhältnisses
brauche ich nur die Tierphobien, die so seltsam
anmutende Furcht, vom Vater gefressen zu wer-
den, und die ungeheure Intensität der Kastras-
tionsangst anzuführen. Es ist nichts an unserer
Konstruktion, was frei erfunden wäre, was sich
nicht auf gute Grundlagen stützen könnte.
Nimmt man unsere Darstellung der Urgeschich-
te als im ganzen glaubwürdig an, so erkennt
man in den religiösen Lehren und Riten zweier-
lei Elemente: einerseits Fixierungen an die alte
Familiengeschichte und Überlebsel derselben,
anderseits Wiederherstellungen des Vergange-
nen, Wiederkehren des Vergessenen nach lan-
gen Intervallen. Der letztere Anteil ist der, der,
bisher übersehen und darum nicht verstanden,
hier an wenigstens einem eindrucksvollen Bei-
spiel erwiesen werden soll.
Es ist besonderer Hervorhebung wert, dass jedes
aus der Vergessenheit wiederkehrende Stück sich
mit besonderer Macht durchsetzt, einen unver-
gleichlich starken Einfluss auf die Menschenmas-
sen übt und einen unwiderstehlichen Anspruch
auf Wahrheit erhebt, gegen den logischer Ein-
spruch machtlos bleibt. Nach Art des credo quia
absurdum. Dieser merkwürdige Charakter lässt
sich nur nach dem Muster des Irrwahns der Psy-
chotiker verstehen. Wir haben längst begriffen,
dass in der Wahnidee ein Stück vergessener Wahr-
heitS.
153
heit steckt, dass sich bei seiner Wiederkehr Ent-
stellungen und Missverständnisse gefallen lassen
musste, und dass die zwanghafte Überzeugung,
die sich für den Wahn herstellt, von diesem
Wahrheitskern ausgeht und sich auf die umhül-
lenden Irrtümer ausbreitet. Einen solchen Ge-
halt an historisch zu nennender Wahrheit müs-
sen wir auch den Glaubenssätzen der Religionen
zugestehen, die zwar den Charakter psychoti-
scher Symptome an sich tragen, aber als Massen-
phänomene dem Fluch der Isolierung entzogen
sind.Kein anderes Stück der Religionsgeschichte ist
uns so durchsichtig geworden wie die Einsetzung
des Monotheismus im Judentum und dessen
Fortsetzung im Christentum, wenn wir die ähn-
lich lückenlos verständliche Entwicklung vom
tierischen Totem zum menschlichen Gott mit
seinem regelmässigen Begleiter beiseite lassen.
(Noch jeder der vier christlichen Evangelisten
hat sein Lieblingstier.) Lassen wir vorläufig die
pharaonische Weltherrschaft als Anlass für das
Auftauchen der monotheistischen Idee gelten, so
sehen wir, dass diese von ihrem Boden losgelöst
und auf ein anderes Volk übertragen, von die-
sem Volk nach einer langen Zeit der Latenz Be-
sitz ergreift, als kostbarster Besitz von ihm ge-
hütet wird und nun ihrerseits das Volk am Le-
ben erhält, indem sie ihm den Stolz der Auser-
S.
154
III. Moses, sein Volk,
wähltheit schenkt. Es ist die Religion des Urva-
ters, an die sich die Hoffnung auf Belohnung,
Auszeichnung, endlich auf Weltherrschaft
knüpft. Diese letztere Wunschphantasie, vom jü-
dischen Volk längst aufgegeben, lebt noch heute
bei den Feinden des Volkes im Glauben an die
Verschwörung der „Weisen von Zion“ fort. Wir
behalten uns vor, in einem späteren Abschnitt
darzustellen, wie die besonderen Eigentümlich-
keiten der Ägypten entlehnten monotheistischen
Religion auf das jüdische Volk wirken und sei-
nen Charakter für die Dauer prägen mußten
durch die Ablehnung von Magie und Mystik,
die Anregung zu Fortschritten in der Geistig-
keit, die Aufforderung zu Sublimierungen, wie
das Volk durch den Besitz der Wahrheit bese-
ligt, überwältigt vom Bewusstsein der Auser-
wähltheit, zur Hochschätzung des Intellektuel-
len und zur Betonung des Ethischen gelangte,
und wie die traurigen Schicksale, die realen Ent-
täuschungen dieses Volkes alle diese Tendenzen
verstärken konnten. Für jetzt wollen wir die
Entwicklung in anderer Richtung verfolgen.
Die Wiedereinsetzung des Urvaters in seine hi-
storischen Rechte war ein großer Fortschritt,
aber es konnte nicht das Ende sein. Auch die an-
deren Stücke der prähistorischen Tragödie
drängten nach Anerkennung. Was diesen Pro-
zeß in Gang brachte, ist nicht leicht zu erraten.S.
155
und die monotheistische Religion
Es scheint, daß ein wachsendes Schuld-
bewußtsein sich des jüdischen Volkes, vielleicht der gan-
zen damaligen Kulturwelt bemächtigt hatte als
Vorläufer der Wiederkehr des verdrängten In-
halts. Bis dann einer aus diesem jüdischen Volk
in der Justifizierung eines politisch-religiösen
Agitators den Anlaß fand, mit dem eine neue,
die christliche Religion sich vom Judentum ab-
löste. Paulus, ein römischer Jude aus Tarsus,
griff dieses Schuldbewußtsein auf und führte es
richtig auf seine urgeschichtliche Quelle zurück.
Er nannte diese die „Erbsünde“, es war ein Ver-
brechen gegen Gott, daß nur durch den Tod ge-
sühnt werden konnte. Mit der Erbsünde war der
Tod in die Welt gekommen. In Wirklichkeit
war dies todwürdige Verbrechen der Mord am
später vergötterten Urvater gewesen. Aber es
wurde nicht die Mordtat erinnert, sondern an-
statt dessen ihre Sühnung phantasiert, und darum
konnte diese Phantasie als Erlösungsbotschaft
(Evangelium) begrüßt werden. Ein Sohn Got-
tes hatte sich als Unschuldiger töten lassen und
damit die Schuld Aller auf sich genommen. Es
mußte ein Sohn sein, denn es war ja ein Mord
am Vater gewesen. Wahrscheinlich hatten Tra-
ditionen aus orientalischen und griechischen
Mysterien auf den Ausbau der Erlösungsphan-
tasie Einfluß genommen. Das Wesentliche an
ihr scheint Paulus’ eigener Beitrag gewesen zuS.
156
III. Moses, sein Volk,
sein. Er war ein im eigentlichsten Sinn religiös
veranlagter Mensch; die dunklen Spuren der
Vergangenheit lauerten in seiner Seele, bereit
zum Durchbruch in bewusstere Regionen.
Dass sich der Erlöser schuldlos geopfert hatte,
war eine offenbar tendenziöse Entstellung, die
dem logischen Verständnis Schwierigkeiten be-
reitete, denn wie soll ein an der Mordtat Un-
schuldiger die Schuld der Mörder auf sich neh-
men können, dadurch, dass er sich selbst töten
lässt? In der historischen Wirklichkeit bestand
ein solcher Widerspruch nicht. Der „Erlöser“
konnte kein anderer sein als der Hauptschuldige,
der Anführer der Brüderbande, die den Vater
überwältigt hatte. Ob es einen solchen Hauptre-
bellen und Anführer gegeben hat, muss man
nach meinem Urteil unentschieden lassen. Es ist
sehr wohl möglich, aber man muss auch in Be-
tracht ziehen, dass jeder einzelne der Brüder-
bande gewiss den Wunsch hatte, für sich allein
die Tat zu begehen und sich so eine Ausnahme-
stellung und einen Ersatz für die aufzugebende,
in der Gemeinschaft untergehende Vateridenti-
fizierung zu schaffen. Wenn es keinen solchen
Anführer gab, dann ist Christus der Erbe einer
unerfüllt gebliebenen Wunschphantasie, wenn
ja, dann ist er sein Nachfolger und seine Rein-
karnation. Aber gleichgültig, ob hier Phantasie
oder Wiederkehr einer vergessenen Realität vor--S.
157
und die monotheistische Religion
liegt, jedenfalls ist an dieser Stelle der Ursprung
der Vorstellung vom Heros zu finden, vom Hel-
den, der sich ja immer gegen den Vater empört
und ihn in irgendeiner Gestalt tötet.1) Auch die
wirkliche Begründung der sonst schwer nach-
weisbaren „tragischen Schuld“ des Helden im
Drama. Es ist kaum zu bezweifeln, dass der
Held und der Chor im griechischen Drama die-
sen selben rebellischen Helden und die Brüder-
bande darstellen, und es ist nicht bedeutungslos,
dass im Mittelalter das Theater mit der Darstel-
lung der Passionsgeschichte wieder neu beginnt.
Wir haben schon gesagt, dass die christliche Ze-
remonie der heiligen Kommunion, in der der
Gläubige Blut und Fleisch des Heilands sich ein-
verleibt, den Inhalt der alten Totemmahlzeit
wiederholt, freilich nur in ihrem zärtlichen, die
Verehrung ausdrückenden, nicht in ihrem ag-
gressiven Sinn. Die Ambivalenz, die das Vater-
verhältnis beherrscht, zeigte sich aber deutlich
im Endergebnis der religiösen Neuerung. An
geblich zur Versöhnung des Vatergottes be-
stimmt, ging sie in dessen Entthronung und Be-
seitigung aus. Das Judentum war eine Vaterre-1)Ernest Jones macht darauf aufmerksam, das der Gott
Mithras, der den Stier tötet, diesen Anführer darstellen
könnte, der sich seiner Tat rühmt. Es ist bekannt, wie
lange die Mithrasverehrung mit dem jungen Christen-
tum um den Endsieg stritt.S.
158
ligion gewesen, das Christentum wurde eine
Sohnesreligion. Der alte Gottvater trat hinter
Christus zurück, Christus, der Sohn, kam an sei-
ne Stelle, ganz so, wie es in jener Urzeit jeder
Sohn ersehnt hatte. Paulus, der Fortsetzer des
Judentums, wurde auch sein Zerstörer. Seinen
Erfolg dankte er gewiß in erster Linie der Tat-
sache, daß er durch die Erlösungsidee das
Schuldbewußtsein der Menschheit beschwor,
aber daneben auch dem Umstand, daß er die
Auserwähltheit seines Volkes und ihr sichtbares
Anzeichen, die Beschneidung, aufgab, so daß
die neue Religion eine universelle, alle Men-
schen umfassende werden konnte. Mag an die-
sem Schritt des Paulus auch seine persönliche
Rachsucht Anteil gehabt haben ob des Wider-
spruchs, den seine Neuerung in jüdischen Kreisen
fand, so war doch damit ein Charakter der alten
Atonreligion wiederhergestellt, eine Einengung
aufgehoben worden, die sie beim Übergang auf
einen neuen Träger, auf das jüdische Volk, er-
worben hatte.In manchen Hinsichten bedeutete die neue Reli-
gion eine kulturelle Regression gegen die ältere,
jüdische, wie es ja beim Einbruch oder bei der
Zulassung neuer Menschenmassen von niedrige-
rem Niveau regelmäßig der Fall ist. Die christ-
liche Religion hielt die Höhe der Vergeistigung
nicht ein, zu der sich das Judentum aufge-
S.
159
und die monotheistische Religion
schwungen hatte. Sie war nicht mehr streng mo-
notheistisch, übernahm von den umgebenden
Völkern zahlreiche symbolische Riten, stellte die
grosse Muttergottheit wieder her und fand Platz
zur Unterbringung vieler Göttergestalten des
Polytheismus in durchsichtiger Verhüllung, ob-
zwar in untergeordneten Stellungen. Vor allem
verschloss sie sich nicht wie die Atonreligion und
die ihr nachfolgende mosaische dem Eindrin-
gen abergläubischer, magischer und mystischer
Elemente, die für die geistige Entwicklung der
nächsten zwei Jahrtausende eine schwere Hem-
mung bedeuten sollten.
Der Triumph des Christentums war ein erneu-
erter Sieg der Ammonspriester über den Gott
Ikhnatons nach anderthalbtausendjährigem In-
tervall und auf erweitertem Schauplatz. Und
doch war das Christentum religionsgeschicht-
lich, d.h. in Bezug auf die Wiederkehr des Ver-
drängten, ein Fortschritt, die jüdische Religion
von da ab gewissermassen ein Fossil.
Es wäre der Mühe wert, zu verstehen, wie es
kam, dass die monotheistische Idee grade auf das
jüdische Volk einen so tiefen Eindruck machen
und von ihm so zähe festgehalten werden konn-
te. Ich glaube, man kann diese Frage beantwor-
ten. Das Schicksal hatte dem jüdischen Volke
die Grosstat und Untat der Urzeit, die Vater-
tötung, näher gerückt, indem es dasselbe veran-
S.
160
III. Moses, sein Volk,
lasste, sie an der Person des Moses, einer her-
vorragenden Vatergestalt, zu wiederholen. Es
war ein Fall von „Agieren“ anstatt zu erinnern,
wie er sich so häufig während der analytischen
Arbeit am Neurotiker ereignet. Auf die Anre-
gung zur Erinnerung, die ihnen die Lehre Mo-
ses’ brachte, reagierten sie aber mit der Verleug-
nung ihrer Aktion, blieben bei der Anerkennung
des grossen Vaters stehen und sperrten sich so
den Zugang zur Stelle, an der später Paulus die
Fortsetzung der Urgeschichte anknüpfen sollte.
Es ist kaum gleichgültig oder zufällig, dass die
gewaltsame Tötung eines anderen grossen Man-
nes auch der Ausgangspunkt für die religiöse
Neuschöpfung des Paulus wurde. Eines Man-
nes, den eine kleine Anzahl von Anhängern in
Judäa für den Sohn Gottes und den angekün-
digten Messias hielt, auf den auch später ein
Stück der dem Moses angedichteten Kindheits-
geschichte überging, von dem wir aber in Wirk-
lichkeit kaum mehr Sicheres wissen als von Mo-
ses selbst, nicht wissen, ob er wirklich der grosse
Lehrer war, den die Evangelien schildern, oder
ob nicht vielmehr die Tatsache und die Um-
stände seines Todes entscheidend wurden für die
Bedeutung, die seine Person gewonnen hat. Pau-
lus, der sein Apostel wurde, hat ihn selbst nicht
gekannt.Die von Sellin aus ihren Spuren in der Tradition
S.
161
und die monotheistische Religion
erkannte, merkwürdigerweise auch vom jungen
Goethe ohne jeden Beweis angenommene, Tötung
des Moses durch sein Judenvolk 1) wird so ein un-
entbehrliches Stück unserer Konstruktion, ein
wichtiges Bindeglied zwischen dem vergessenen
Vorgang der Urzeit und dem späten Wiederauf-
tauchen in der Form der monotheistischen Reli-
gionen.2) Es ist eine ansprechende Vermutung,
dass die Reue um den Mord an Moses den Antrieb
zur Wunschphantasie vom Messias gab, der Wie-
derkommen und seinem Volk die Erlösung und
die versprochene Weltherrschaft bringen sollte.
Wenn Moses dieser erste Messias war, dann ist
Christus sein Ersatzmann und Nachfolger ge-
worden, dann konnte auch Paulus mit einer ge-
wissen historischen Berechtigung den Völkern
zurufen: Sehet, der Messias ist wirklich gekom-
men, er ist ja vor Euren Augen hingemordet
worden. Dann ist auch an der Auferstehung
Christi ein Stück historischer Wahrheit, denn
er war der wieder erstandene Moses, hinter die-
sem der wiedergekehrte Urvater der primitiven
Horde, verklärt und als Sohn an die Stelle des
Vates gerückt.1)Israel in der Wüste. Bd. 7 der Weimarer Ausgabe,
S. 170.2)Vgl. zu diesem Thema die bekannten Ausführungen
von Frazer, The golden Bough, vol. III, The dying
God.S.
162
III. Moses, sein Volk,
Das arme jüdische Volk, das mit gewohnter
Hartnäckigkeit den Mord am Vater zu verleug-
nen fortfuhr, hat im Laufe der Zeiten schwer
dafür gebüßt. Es wurde ihm immer wieder vor-
gehalten: Ihr habt unseren Gott getötet. Und die-
ser Vorwurf hat recht, wenn man ihn richtig
übersetzt. Er lautet dann auf die Geschichte der
Religionen bezogen: Ihr wollt nicht zugeben,
dass ihr Gott (das Urbild Gottes, den Urvater,
und seine späteren Reinkarnationen) gemordet
habt. Ein Zusatz sollte aussagen: Wir haben
freilich dasselbe getan, aber wir haben es zuge-
standen und wir sind seither entsühnt. Nicht
alle Vorwürfe, mit denen der Antisemitismus die
Nachkommen des jüdischen Volkes verfolgt,
können sich auf eine ähnliche Rechtfertigung
berufen. Ein Phänomen von der Intensität und
Dauerhaftigkeit des Judenhasses der Völker
muss natürlich mehr als nur einen Grund haben.
Man kann eine ganze Reihe von Gründen erra-
ten, manche offenkundig aus der Realität abge-
leitet, die keiner Deutung bedürfen, andere tie-
ferliegende, aus geheimen Quellen stammend,
die man als die spezifischen Motive anerkennen
möchte. Von den ersteren ist der Vorwurf der
Landfremdheit wohl der hinfälligste, denn an
vielen, heute vom Antisemitismus beherrschten
Orten gehören die Juden zu den ältesten Antei-
len der Bevölkerung oder sind selbst früher zur
S.
163
Stelle gewesen als die gegenwärtigen Einwoh-
ner. Das trifft z.B. zu für die Stadt Köln, wo-
hin die Juden mit den Römern kamen, ehe sie
noch von Germanen besetzt wurde. Andere Be-
gründungen des Judenhasses sind stärker, so der
Umstand, dass sie zumeist als Minoritäten unter
anderen Völkern leben, denn das Gemeinschafts-
gefühl der Massen braucht zu seiner Ergänzung
die Feindseligkeit gegen eine aussenstehende
Minderzahl, und die numerische Schwäche die-
ser Ausgeschlossenen fordert zu deren Unter-
drückung auf. Ganz unverzeihlich sind aber
zwei andere Eigenheiten der Juden. Erstens, dass
sie in manchen Hinsichten verschieden sind von
ihren „Wirtsvölkern“. Nicht grundverschieden,
denn sie sind nicht fremdrassige Asiaten, wie die
Feinde behaupten, sondern zumeist aus Resten
der mediterranen Völker zusammengesetzt und
Erben der Mittelmeerkultur. Aber sie sind doch
anders, oft in undefinierbarer Art anders als zu-
mal die nordischen Völker, und die Intoleranz
der Massen äussert sich merkwürdigerweise
gegen kleine Unterschiede stärker als gegen fun-
damentale Differenzen. Noch stärker wirkt der
zweite Punkt, nämlich dass sie allen Bedrückun-
gen trotzen, dass es den grausamsten Verfolgun-
gen nicht gelungen ist, sie auszurotten, ja, dass
sie vielmehr die Fähigkeit zeigen, sich im Er-
werbsleben zu behaupten und, wo man sie zu-
S.
164
III. Moses, sein Volk,
lässt, wertvolle Beiträge zu allen kulturellen
Leistungen zu machen.Die tieferen Motive des Judenhasses wurzeln in
längst vergangene Zeiten, sie wirken aus dem
Unbewussten der Völker, und ich bin darauf ge-
fasst, dass sie zunächst nicht glaubwürdig er-
scheinen werden. Ich wage die Behauptung, dass
die Eifersucht auf das Volk, welches sich für das
erstgeborene, bevorzugte Kind Gottvaters aus-
gab, bei den anderen heute noch nicht überwun-
den ist, so als ob sie dem Anspruch Glauben ge-
schenkt hätten. Ferner hat unter den Sitten,
durch die sich die Juden absonderten, die der
Beschneidung einen unliebsamen, unheimlichen
Eindruck gemacht, der sich wohl durch die Mah-
nung an die gefürchtete Kastration erklärt und
damit an ein gern vergessenes Stück der urzeit-
lichen Vergangenheit rührt. Und endlich das
späteste Motiv dieser Reihe, man sollte nicht ver-
gessen, dass alle diese Völker, die sich heute im
Judenhass hervortun, erst in späthistorischen Zei-
ten Christen geworden sind, oft durch blutigen
Zwang dazu getrieben. Man könnte sagen, sie
sind alle „schlecht getauft“, unter einer dünnen
Tünche von Christentum sind sie geblieben, was
ihre Ahnen waren, die einem barbarischen Poly-
theismus huldigten. Sie haben ihren Groll gegen
die neue, ihnen aufgedrängte Religion nicht
überwunden, aber sie haben ihn auf die QuelleS.
165
und die monotheistische Religion
verschoben, von der das Christentum zu ihnen
kam. Die Tatsache, dass die Evangelien eine Ge-
schichte erzählen, die unter Juden und eigentlich
nur von Juden handelt, hat ihnen eine solche
Verschiebung erleichtert. Ihr Judenhass ist im
Grunde Christenhass, und man braucht sich
nicht zu wundern, dass in der deutschen natio-
nalsocialistischen Revolution diese innige Be-
ziehung der zwei monotheistischen Religionen
in der feindseligen Behandlung beider so deut-
lichen Ausdruck findet.E
Schwierigkeiten
Vielleicht ist es im Vorstehenden geglückt, die
Analogie zwischen neurotischen Vorgängen und
den religiösen Geschehnissen durchzuführen und
damit auf den unvermuteten Ursprung der letz-
teren hinzuweisen. Bei dieser Übertragung aus
der Individual- in die Massenpsychologie stellen
sich zwei Schwierigkeiten heraus von verschie-
dener Natur und Würdigkeit, denen wir uns
jetzt zuwenden müssen. Die erste ist, dass wir
hier nur einen Fall aus der reichhaltigen Phäno-
menologie der Religionen behandelt, kein Licht
geworfen haben auf die anderen. Mit Bedauern
muss der Autor eingestehen, dass er nicht mehr
geben kann als diese eine Probe, dass sein Fach-
S.
166
wissen nicht ausreicht, um die Untersuchung zu
vervollständigen. Er kann aus seiner beschränk-
ten Kenntnis etwa noch hinzufügen, der Fall
der mahomedanischen Religionsstiftung erschei-
ne ihm wie eine abgekürzte Wiederholung der
jüdischen, als deren Nachahmung sie auftrat. Es
scheint ja, dass der Prophet ursprünglich die
Absicht hatte, für sich und sein Volk das Juden-
tum voll anzunehmen. Die Wiedergewinnung
des einzigen grossen Urvaters brachte bei den
Arabern eine ausserordentliche Hebung des
Selbstbewusstseins hervor, die zu grossen welt-
lichen Erfolgen führte, sich aber auch in ihnen
erschöpfte. Allah zeigte sich seinem auserwähl-
ten Volk weit dankbarer als seinerzeit Jahve
dem seinen. Aber die innere Entwicklung der
neuen Religion kam bald zum Stillstand, viel-
leicht weil es an der Vertiefung fehlte, die im
jüdischen Falle der Mord am Religionsstifter
verursacht hatte. Die anscheinend rationalisti-
schen Religionen des Ostens sind ihrem Kern
nach Ahnenkult, machen also auch Halt bei ei-
ner frühen Stufe der Rekonstruktion des Ver-
gangenen. Wenn es richtig ist, dass bei primiti-
ven Völkern der Jetztzeit die Anerkennung ei-
nes höchsten Wesens als einziger Inhalt ihrer
Religion gefunden wird, so kann man dies nur
als Verkümmerung der Religionsentwicklung
auffassen und in Beziehung setzen zu den unge-
S.
167
und die monotheistische Religion
zählten Fällen rudimentärer Neurosen, die man
auf jenem anderen Gebiet konstatiert. Warum
es hier wie dort nicht weitergegangen ist, dafür
fehlt uns in beiden Fällen das Verständnis. Man
muss daran denken, die individuelle Begabung
dieser Völker, die Richtung ihrer Tätigkeit und
ihrer allgemeinen sozialen Zustände dafür ver-
antwortlich zu machen. Übrigens ist es eine gute
Regel der analytischen Arbeit, dass man sich
mit der Erklärung des Vorhandenen begnüge
und sich nicht bemühe zu erklären, was nicht
zustandegekommen ist.Die zweite Schwierigkeit bei dieser Übertragung
auf die Massenpsychologie ist weit bedeutsamer,
weil sie ein neues Problem von prinzipieller Na-
tur aufwirft. Es stellt sich die Frage, in welcher
Form ist die wirksame Tradition im Leben der
Völker vorhanden, eine Frage, die es beim Indi-
viduum nicht gibt, denn hier ist sie durch die
Existenz der Erinnerungsspuren des Vergange-
nen im Unbewussten erledigt. Gehen wir auf
unser historisches Beispiel zurück. Wir haben das
Kompromiss in Quadeš auf den Fortbestand ei-
ner mächtigen Tradition bei den aus Ägypten
Zurückgekehrten begründet. Dieser Fall birgt
kein Problem. Nach unserer Annahme stützte
sich eine solche Tradition auf bewusste Erinne-
rung an mündliche Mitteilungen, die die damals
Lebenden von ihren Vorfahren, nur zwei oderS.
168
drei Generationen zurück, empfangen hatten,
und letztere waren Teilnehmer und Augenzeugen
der betreffenden Ereignisse gewesen. Aber kön-
nen wir für die späteren Jahrhunderte dasselbe
glauben, dass die Tradition immer ein auf nor-
male Weise mitgeteiltes Wissen zur Grundlage
hatte, das vom Ahn auf den Enkel übertragen
worden? Welches die Personen waren, die ein
solches Wissen bewahrten und es mündlich fort-
pflanzten, lässt sich nicht mehr wie im früheren
Falle angeben. Nach Sellin war die Tradition
vom Mord an Moses in Priesterkreisen immer
vorhanden, bis sie endlich ihren schriftlichen
Ausdruck fand, der allein es Sellin möglich
machte, sie zu erraten. Aber sie kann nur Weni-
gen bekannt gewesen sein, sie war nicht Volks-
gut. Und reicht das aus, um ihre Wirkung zu er-
klären? Kann man einem solchen Wissen von
Wenigen die Macht zuschreiben, die Massen so
nachhaltig zu ergreifen, wenn es zu ihrer Kennt-
nis kommt? Es sieht doch eher so aus, als müsste
auch in der unwissenden Masse etwas vorhan-
den sein, was dem Wissen der Wenigen irgend-
wie verwandt ist und ihm entgegenkommt, wenn
es geäussert wird.
Die Beurteilung wird noch schwieriger, wenn
wir uns zum analogen Fall aus der Urzeit wen-
den. Dass es einen Urvater von den bekannten
Eigenschaften gegeben und welches SchicksalS.
169
und die monotheistische Religion
ihn betroffen, ist im Laufe der Jahrtausende
ganz gewiss vergessen worden, auch kann man
keine mündliche Tradition davon wie im Falle
Moses annehmen. In welchem Sinne kommt also
eine Tradition überhaupt in Betracht? In wel-
cher Form kann sie vorhanden gewesen sein?
Um es Lesern leichter zu machen, die nicht ge-
willt oder nicht vorbereitet sind, sich in einen
komplizierten psychologischen Sachverhalt zu
vertiefen, werde ich das Ergebnis der nun fol-
genden Untersuchung voranstellen. Ich meine,
die Übereinstimmung zwischen dem Individu-
um und der Masse ist in diesem Punkt eine fast
vollkommene, auch in den Massen bleibt der
Eindruck der Vergangenheit in unbewussten Er-
innerungsspuren erhalten.Beim Individuum glauben wir klar zu sehen.
Die Erinnerungsspur des früh Erlebten ist in ihm
erhalten geblieben, nur in einem besonderen
psychologischen Zustand. Man kann sagen, das
Individuum hat es immer gewusst, so wie man
eben um das Verdrängte weiss. Wir haben uns
da bestimmte, durch die Analyse unschwer zu
erhärtende Vorstellungen gebildet, wie etwas
vergessen werden und wie es nach einer Weile
wieder zum Vorschein kommen kann. Das Ver-
gessene ist nicht ausgelöscht, sondern nur „ver-
drängt“, seine Erinnerungsspuren sind in aller
Frische vorhanden, aber durch „Gegenbesetzun-S.
170
„gen“ isoliert. Sie können nicht in den Verkehr
mit den anderen intellektuellen Vorgängen ein-
treten, sind unbewusst, dem Bewusstsein unzu-
gänglich. Es kann auch sein, dass gewisse An-
teile des Verdrängten sich dem Prozess entzo-
gen haben, der Erinnerung zugänglich bleiben,
gelegentlich im Bewusstsein auftauchen, aber
auch dann sind sie isoliert, wie Fremdkörper
ausser Zusammenhang mit dem anderen. Es
kann so sein, aber es braucht nicht so zu sein, die
Verdrängung kann auch vollständig sein und an
diesen Fall wollen wir uns für das Weitere hal-
ten.Dies Verdrängte behält seinen Auftrieb, sein
Streben, zum Bewusstsein vorzudringen. Es er-
reicht sein Ziel unter drei Bedingungen, 1) wenn
die Stärke der Gegenbesetzung herabgesetzt
wird durch Krankheitsprozesse, die das andere,
das sogenannte Ich, befallen, oder durch eine an-
dere Verteilung der Besetzungsenergien in die-
sem Ich, wie es regelmässig im Schlafzustand
geschieht; 2) wenn die am Verdrängten haften-
den Triebanteile eine besondere Verstärkung er-
fahren, wofür die Vorgänge während der Pu-
bertät das beste Beispiel geben; 3) wenn im re-
zenten Erleben zu irgend einer Zeit Eindrücke,
Erlebnisse auftreten, die dem Verdrängten so
ähnlich sind, dass sie es zu erwecken vermögen.
Dann verstärkt sich das Rezente durch die la-S.
171
und die monotheistische Religion
tente Energie des Verdrängten und das Ver-
drängte kommt hinter dem Rezenten mit seiner
Hilfe zur Wirkung. In keinem dieser drei Fälle
kommt das bisher Verdrängte glatt, unverän-
dert zum Bewußtsein, sondern immer muß es
sich Entstellungen gefallen lassen, die den Ein-
fluß des nicht ganz überwundenen Widerstan-
des aus der Gegenbesetzung bezeugen oder den
modifizierenden Einfluß des rezenten Erleb-
nisses oder beides.Als Kennzeichen und Anhalt zur Orientierung
hat uns die Unterscheidung gedient, ob ein psy-
chischer Vorgang bewußt oder unbewußt ist.
Das Verdrängte ist unbewußt. Nun wäre es eine
erfreuliche Vereinfachung, wenn dieser Satz
auch eine Umkehrung zuliesse, wenn also die
Differenz der Qualitäten bewußt (bw.) und un-
bewußt (ubw.) zusammenfiele mit der Schei-
dung: ichzugehörig und verdrängt. Die Tatsa-
che, dass es in unserem Seelenleben solche isolier-
ten und unbewussten Dinge gibt, wäre neu und
wichtig genug. In Wirklichkeit liegt es kompli-
zierter. Es ist richtig, dass alles Verdrängte un-
bewußt ist, aber nicht mehr richtig, dass alles,
was zum Ich gehört, bewußt ist. Wir werden
darauf aufmerksam, dass das Bewußtsein eine
flüchtige Qualität ist, die einem psychischen
Vorgang nur vorübergehend anhaftet. Wir müs-
sen darum für unsere Zwecke „bewußt“ erset-
zen.S.
172
III. Moses, sein Volk
zen durch „bewußtseinsfähig“ und nennen die
se Qualität „vorbewußt“ (vbw.). Wir sagen
dann richtiger, das Ich ist wesentlich vorbe-
wußt (virtuell bewußt), aber Anteile des Ichs
sind unbewußt.Diese letztere Feststellung lehrt uns, daß die
Qualitäten, an die wir uns bisher gehalten ha-
ben, zur Orientierung im Dunkel des Seelenle-
bens nicht ausreichen. Wir müssen eine andere
Unterscheidung einführen, die nicht mehr qua-
litativ, sondern topisch und, was ihr einen be-
sonderen Wert verleiht, gleichzeitig genetisch
ist. Wir sondern jetzt in unserem Seelenleben,
das wir als einen aus mehreren Instanzen, Bezir-
ken, Provinzen zusammengesetzten Apparat
auffassen, eine Region, die wir das eigentliche
Ich heißen, von einer anderen, die wir das Es
nennen. Das Es ist das ältere, das Ich hat sich
aus ihm wie eine Rindenschicht durch den Ein-
fluß der Außenwelt entwickelt. Im Es greifen
unsere ursprünglichen Triebe an, alle Vorgänge
im Es verlaufen unbewußt. Das Ich deckt sich,
wie wir bereits erwähnt haben, mit dem Bereich
des Vorbewußten, es enthält Anteile, die nor-
malerweise unbewußt bleiben. Für die psychi-
schen Vorgänge im Es gelten ganz andere Ge-
setze des Ablaufs und der gegenseitigen Beein-
flussung, als die im Ich herrschen. In Wirklich-
keit ist es ja die Entdeckung dieser Unterschiede,S.
173
und die monotheistische Religion
die uns zu unserer neuen Auffassung geleitet hat
und diese rechtfertigt.
Das Verdrängte ist dem Es zuzurechnen und
unterliegt auch den Mechanismen desselben, es
sondert sich nur in Hinsicht der Genese von ihm
ab. Die Differenzierung vollzieht sich in der
Frühzeit, während sich das Ich aus dem Es ent-
wickelt. Dann wird ein Teil der Inhalte des Es
vom Ich aufgenommen und auf den vorbewuss-
ten Zustand gehoben, ein anderer Teil wird von
dieser Übersetzung nicht betroffen und bleibt
als das eigentliche Unbewusste im Es zurück. Im
weiteren Verlauf der Ichbildung werden aber
gewisse psychische Eindrücke und Vorgänge im
Ich durch einen Abwehrprozess ausgeschlossen;
der Charakter des Vorbewussten wird ihnen
entzogen, so dass sie wiederum zu Bestandteilen
des Es erniedrigt worden sind. Dies ist also das
„Verdrängte“ im Es. Was den Verkehr zwi-
schen beiden seelischen Provinzen betrifft, so
nehmen wir also an, dass einerseits der unbe-
wusste Vorgang im Es aufs Niveau des Vorbe-
wussten gehoben und dem Ich einverleibt wird,
und dass anderseits Vorbewusstes im Ich den
umgekehrten Weg machen und ins Es zurück-
versetzt werden kann. Es bleibt ausserhalb un-
seres gegenwärtigen Interesses, dass sich später
im Ich ein besonderer Bezirk, der des „Über-
Ichs“, abgrenzt.S.
174
III. Moses, sein Volk
Das alles mag weit entfernt von einfach schei-
nen, aber wenn man sich mit der ungewohnten
räumlichen Auffassung des seelischen Apparats
befreundet hat, kann es der Vorstellung doch
keine besonderen Schwierigkeiten bereiten. Ich
füge noch die Bemerkung an, dass die hier ent-
wickelte psychische Topik nichts mit der Ge-
hirnanatomie zu tun hat, sie eigentlich nur an
einer Stelle streift. Das Unbefriedigende an die-
ser Vorstellung, das ich so deutlich wie jeder an-
dere verspüre, geht von unserer völligen Unwis-
senheit über die dynamische Natur der seeli-
schen Vorgänge aus. Wir sagen uns, was eine
bewusste Vorstellung von einer vorbewussten,
diese von einer unbewussten unterscheidet, kann
nichts anderes sein als eine Modifikation, viel-
leicht auch eine andere Verteilung der psychi-
schen Energie. Wir sprechen von Besetzungen
und Überbesetzungen, aber darüber hinaus fehlt
uns jede Kenntnis und sogar jeder Ansatz zu ei-
ner brauchbaren Arbeitshypothese. Über das
Phänomen des Bewusstseins können wir noch
angeben, dass es ursprünglich an der Wahrneh-
mung hängt. Alle Empfindungen, die durch
Wahrnehmung von Schmerz-, Getast-, Gehörs-
oder Gesichtsreizungen entstehen, sind am ehe-
sten bewusst. Die Denkvorgänge und was ihnen
im Es analog sein mag, sind an sich unbewusst
und erwerben sich den Zugang zum BewusstseinS.
175
und die monotheistische Religion
durch Verknüpfung mit Erinnerungsresten von
Wahrnehmungen des Gesichts und Gehörs auf
dem Wege der Sprachfunktion. Beim Tier, dem
die Sprache fehlt, müssen diese Verhältnisse ein
facher liegen.Die Eindrücke der frühen Traumen, von denen
wir ausgegangen sind, werden entweder nicht
ins Vorbewusste übersetzt oder bald durch die
Verdrängung in den Eszustand zurückversetzt.
Ihre Erinnerungsreste sind dann unbewusst und
wirken vom Es aus. Wir glauben ihr weiteres
Schicksal gut verfolgen zu können, solange es
sich bei ihnen um Selbsterlebtes handelt. Eine
neue Komplikation tritt aber hinzu, wenn wir
auf die Wahrscheinlichkeit aufmerksam wer-
den, dass im psychischen Leben des Individuums
nicht nur selbsterlebte, sondern auch bei der Ge-
burt mitgebrachte Inhalte wirksam sein mögen,
Stücke von phylogenetischer Herkunft, eine archaïsche Erbschaft. Es entstehen dann die Fra-
gen, worin besteht diese, was enthält sie, was
sind ihre Beweise?Die nächste und sicherste Antwort lautet, sie
besteht in bestimmten Dispositionen, wie sie al-
len Lebewesen eigen sind. Also in der Fähigkeit
und Neigung, bestimmte Entwicklungsrichtun-
gen einzuschlagen und auf gewisse Erregungen,
Eindrücke und Reize in einer besonderen Weise
zu reagieren. Da die Erfahrung zeigt, dass sichS.
176
bei den Einzelwesen der Menschenart in dieser
Hinsicht Differenzen ergeben, so schliesst die
archaische Erbschaft diese Differenzen ein, sie
stellen dar, was man als das konstitutionelle
Moment im Einzelnen anerkennt. Da nun alle
Menschen wenigstens in ihrer Frühzeit unge-
fähr das Nämliche erleben, reagieren sie darauf
auch in gleichartiger Weise, und es konnte der
Zweifel entstehen, ob man nicht diese Reaktio-
nen mitsamt ihren individuellen Differenzen
der archaischen Erbschaft zurechnen soll. Der
Zweifel ist abzuweisen; durch die Tatsache die-
ser Gleichartigkeit wird unsere Kenntnis von
der archaischen Erbschaft nicht bereichert.
Indes hat die analytische Forschung einzelne
Ergebnisse gebracht, die uns zu denken geben.
Da ist zunächst die Allgemeinheit der Sprach-
symbolik. Die symbolische Vertretung eines Ge-
genstands durch einen anderen – dasselbe ist
bei Verrichtungen der Fall – ist all unseren
Kindern geläufig und wie selbstverständlich.
Wir können ihnen nicht nachweisen, wie sie es
erlernt haben, und müssen in vielen Fällen zu-
gestehen, dass ein Erlernen unmöglich ist. Es
handelt sich um ein ursprüngliches Wissen, das
der Erwachsene später vergessen hat. Er ver-
wendet die nämlichen Symbole zwar in seinen
Träumen, aber er versteht sie nicht, wenn der
Analytiker sie ihm nicht deutet, und auch dannS.
177
und die monotheistische Religion
schenkt er der Übersetzung ungern Glauben.
Wenn er sich einer der so häufigen Redensarten
bedient hat, in denen sich diese Symbolik fixiert
findet, so muss er zugestehen, dass ihm deren
eigentlicher Sinn völlig entgangen ist. Die Sym-
bolik setzt sich auch über die Verschiedenheiten
der Sprachen hinweg; Untersuchungen würden
wahrscheinlich ergeben, dass sie ubiquitär ist, bei
allen Völkern die nämliche. Hier scheint also
ein gesicherter Fall von archaischer Erbschaft
aus der Zeit der Sprachentwicklung vorzulie-
gen, aber man könnte immer noch eine andere
Erklärung versuchen. Man könnte sagen, es
handle sich um Denkbeziehungen zwischen Vor-
stellungen, die sich während der historischen
Sprachentwicklung hergestellt hatten und die
nun jedesmal wiederholt werden müssen, wo
eine Sprachentwicklung individuell durchge-
macht wird. Es wäre dann ein Fall von Verer-
bung einer Denkdisposition wie sonst einer
Triebdisposition und wiederum kein neuer Bei-
trag zu unserem Problem.Die analytische Arbeit hat aber auch anderes zu
Tage gefördert, was in seiner Tragweite über
das Bisherige hinausreicht. Wenn wir die Reak-
tionen auf die frühen Traumen studieren, sind
wir oft genug überrascht, zu finden, dass sie sich
nicht strenge an das wirklich selbst Erlebte hal-
ten, sondern sich in einer Weise von ihm entfer-
nen.S.
178
nen, die weit besser zum Vorbild eines phylogene-
tischen Ereignisses passt und ganz allgemein nur
durch dessen Einfluss erklärt werden kann. Das
Verhalten des neurotischen Kindes zu seinen El-
tern im Ödipus- und Kastrationskomplex ist
überreich an solchen Reaktionen, die individu-
ell ungerechtfertigt erscheinen und erst phylo-
genetisch, durch die Beziehung auf das Erleben
früherer Geschlechter, begreiflich werden. Es
wäre durchaus der Mühe wert, dies Material, auf
das ich mich hier berufen kann, der Öffentlich-
keit gesammelt vorzulegen. Seine Beweiskraft
erscheint mir stark genug, um den weiteren
Schritt zu wagen und die Behauptung aufzustel-
len, dass die archaische Erbschaft des Menschen
nicht nur Dispositionen, sondern auch Inhalte
umfasst, Erinnerungsspuren an das Erleben frü-
herer Generationen. Damit wären Umfang wie
Bedeutung der archaischen Erbschaft in bedeu-
tungsvoller Weise gesteigert.Bei näherer Besinnung müssen wir uns eingeste-
hen, dass wir uns seit langem so benommen ha-
ben, als stände die Vererbung von Erinnerungs-
spuren an das von Voreltern Erlebte, unabhän-
gig von direkter Mitteilung und von dem Ein
fluss der Erziehung durch Beispiel, nicht in
Frage. Wenn wir von dem Fortbestand einer al-
ten Tradition in einem Volk, von der Bildung
eines Volkscharakters sprechen, hatten wir meistS.
179
eine solche ererbte Tradition und nicht eine
durch Mitteilung fortgepflanzte im Sinne. Oder
wir haben wenigstens zwischen den beiden nicht
unterschieden und uns nicht klar gemacht, wel
che Kühnheit wir durch solche Vernachlässi
gung begehen. Unsere Sachlage wird aller-
dings durch die gegenwärtige Einstellung der biologi
schen Wissenschaft erschwert, die von der Ver
erbung erworbener Eigenschaften auf die Nach
kommen nichts wissen will. Aber wir gestehen
in aller Bescheidenheit, daß wir trotzdem diesen
Faktor in der biologischen Entwicklung nicht
entbehren können. Es handelt sich zwar in bei
den Fällen nicht um das Gleiche, dort um er
worbene Eigenschaften, die schwer zu fassen
sind, hier um Erinnerungsspuren an äußere
Eindrücke, gleichsam Greifbares. Aber es wird
wohl sein, daß wir uns im Grunde das eine nicht
ohne das andere vorstellen können. Wenn wir
den Fortbestand solcher Erinnerungsspuren in
der archaischen Erbschaft annehmen, haben wir
die Kluft zwischen Individual-
und Massenpsy
chologie überbrückt, können die Völker behan
deln wie den einzelnen Neurotiker. Zugegeben,
daß wir für die Erinnerungsspuren in der ar
chaischen Erbschaft derzeit keinen stärkeren Be
weis haben als jene Resterscheinungen der ana
lytischen Arbeit, die eine Ableitung aus der Phy
logenese erfordern, so erscheint uns dieser Be
S.
180
III. Moses, sein Volk,
weis doch stark genug, um einen solchen Sach-
verhalt zu postulieren. Wenn es anders ist, kom-
men wir weder in der Analyse noch in der Mas-
senpsychologie auf dem eingeschlagenen Weg
einen Schritt weiter. Es ist eine unvermeidliche
Kühnheit.Wir tun damit auch noch etwas anderes. Wir
verringern die Kluft, die frühere Zeiten mensch-
licher Überhebung allzuweit zwischen Mensch
und Tier aufgerissen haben. Wenn die soge-
nannten Instinkte der Tiere, die ihnen gestatten,
sich von Anfang an in der neuen Lebenssitua-
tion so zu benehmen, als wäre sie eine alte, längst
vertraute, wenn dies Instinktleben der Tiere
überhaupt eine Erklärung zulässt, so kann es nur
die sein, dass sie die Erfahrungen ihrer Art in
die neue eigene Existenz mitbringen, also Erin-
nerungen an das von ihren Voreltern Erlebte in
sich bewahrt haben. Beim Menschentier wäre es
im Grunde auch nicht anders. Den Instinkten
der Tiere entspricht seine eigene archaische Erb-
schaft, sei sie auch von anderem Umfang und
Inhalt.Nach diesen Erörterungen trage ich kein Beden-
ken, auszusprechen, die Menschen haben es –
in jener besonderen Weise – immer gewusst,
dass sie einmal einen Urvater besessen und er-
schlagen haben.Zwei weitere Fragen sind hier zu beantworten.
S.
181
und die monotheistische Religion
Erstens, unter welchen Bedingungen tritt eine
solche Erinnerung in die archaische Erbschaft
ein; zweitens, unter welchen Umständen kann
sie aktiv werden, d.h. aus ihrem unbewussten
Zustand im Es zum Bewusstsein, wenn auch ver-
ändert und entstellt, vordringen? Die Antwort
auf die erste Frage ist leicht zu formulieren:
Wenn das Ereignis wichtig genug war oder sich
oft genug wiederholt hat oder beides. Für den
Fall der Vatertötung sind beide Bedingungen er-
füllt. Zur zweiten Frage ist zu bemerken: Es
mögen eine ganze Anzahl von Einflüssen in Be-
tracht kommen, die nicht alle bekannt zu sein
brauchen, auch ist ein spontaner Ablauf denk-
bar in Analogie zum Vorgang bei manchen Neu-
rosen. Sicherlich ist aber von entscheidender
Bedeutung die Erweckung der vergessenen Er-
innerungsspur durch eine rezente reale Wieder-
holung des Ereignisses. Eine solche Wiederho-
lung war der Mord an Moses; später der ver-
meintliche Justizmord an Christus, so dass diese
Begebenheiten in den Vordergrund der Verur-
sachung rücken. Es ist, als ob die Genese des
Monotheismus diese Vorfälle nicht hätte ent-
behren können. Man wird an den Ausspruch des
Dichters erinnert: „Was unsterblich im Gesang
soll leben, muss im Leben untergehen.“1)
Zum Schluss eine Bemerkung, die ein psycholo-
gisches Problem berührt.1)Schiller, Die Götter Griechenlands.
S.
182
III. Moses, sein Volk, und die monotheistische Religion
gisches Argument beibringt. Eine Tradition, die
nur auf Mitteilung gegründet wäre, könnte nicht
den Zwangscharakter erzeugen, der den religiö-
sen Phänomenen zukommt. Sie würde angehört,
beurteilt, eventuell abgewiesen werden wie jede
andere Nachricht von aussen, erreichte nie das
Privileg der Befreiung vom Zwang des logi-
schen Denkens. Sie muss erst das Schicksal der
Verdrängung, den Zustand des Verweilens im
Unbewussten durchgemacht haben, ehe sie bei
ihrer Wiederkehr so mächtige Wirkungen ent-
falten, die Massen in ihren Bann zwingen kann,
wie wir es an der religiösen Tradition mit Er-
staunen und bisher ohne Verständnis gesehen
haben. Und diese Überlegung fällt schwer ins
Gewicht, um uns glauben zu machen, dass die
Dinge wirklich so vorgefallen sind, wie wir zu
schildern bemüht waren, oder wenigstens so
ähnlich.S.
183
ZWEITER TEIL
ZUSAMMENFASSUNG UND WIEDER-
HOLUNGDer nun folgende Teil dieser Studie kann
nicht ohne weitläufige Erklärungen und
Entschuldigungen in die Öffentlichkeit
geschickt werden. Er ist nämlich nichts anderes
als eine getreue, oft wörtliche Wiederholung des
ersten Teils, verkürzt in manchen kritischen Un-
tersuchungen und vermehrt um Zusätze, die sich
auf das Problem, wie entstand der besondere
Charakter des jüdischen Volkes, beziehen. Ich
weiss, dass eine solche Art der Darstellung eben-
so unzweckmässig wie unkünstlerisch ist. Ich
missbillige sie selbst uneingeschränkt.Warum habe ich sie nicht vermieden? Die Ant-
wort darauf ist für mich nicht schwer zu finden,
aber nicht leicht einzugestehen. Ich war nicht
imstande, die Spuren der immerhin ungewöhn-
lichen Entstehungsgeschichte dieser Arbeit zu
verwischen.S.
184
III. Moses, sein Volk,
In Wirklichkeit ist sie zweimal geschrieben wor-
den. Zuerst vor einigen Jahren in Wien, wo ich
nicht an die Möglichkeit glaubte, sie veröffent-
lichen zu können. Ich beschloss, sie liegen zu las-
sen, aber sie quälte mich wie ein unerlöster Geist,
und ich fand den Ausweg, zwei Stücke von ihr
selbständig zu machen und in unserer Zeitschrift
„Imago“ zu publizieren, den psychoanalyti-
schen Auftakt des Ganzen („Moses ein Ägyp-
ter“) und die darauf gebaute historische Kon-
struktion („Wenn Moses ein Ägypter war...“).
Den Rest, der das eigentlich Anstössige und Ge-
fährliche enthielt, die Anwendung auf die Ge-
nese des Monotheismus und die Auffassung der
Religion überhaupt, hielt ich zurück, wie ich
meinte, für immer. Da kam im März 1938 die
unerwartete deutsche Invasion, zwang mich, die
Heimat zu verlassen, befreite mich aber auch
von der Sorge, durch meine Veröffentlichung
ein Verbot der Psychoanalyse dort heraufzube-
schwören, wo sie noch geduldet war. Kaum in
England eingetroffen, fand ich die Versuchung
unwiderstehlich, meine verhaltene Weisheit der
Welt zugänglich zu machen, und begann, das
dritte Stück der Studie im Anschluss an die beiden
bereits erschienenen umzuarbeiten. Damit war
natürlich eine teilweise Umordnung des Mate-
rials verbunden. Nun gelang es mir nicht, den
ganzen Stoff in dieser zweiten Bearbeitung un-S.
185
und die monotheistische Religion
terzubringen; anderseits konnte ich mich nicht
entschliessen, auf die früheren ganz zu verzich-
ten, und so kam die Auskunft zustande, dass ich
ein ganzes Stück der ersten Darstellung unver-
ändert an die zweite anschloss, womit eben der
Nachteil einer weitgehenden Wiederholung ver-
bunden war.Nun könnte ich mich mit der Erwägung trösten,
die Dinge, die ich behandle, seien immerhin so
neu und so bedeutsam, abgesehen davon, wie
weit meine Darstellung derselben richtig ist, dass
es kein Unglück sein kann, wenn das Publikum
veranlasst wird, darüber zweimal das Nämliche
zu lesen. Es gibt Dinge, die mehr als einmal ge-
sagt werden sollen und die nicht oft genug ge-
sagt werden können. Aber es muss der freie Ent-
schluss des Lesers dabei sein, bei dem Gegen-
stand zu verweilen oder auf ihn zurückzukom-
men. Es darf nicht in der Art erschlichen wer-
den, dass man ihm in demselben Buch das Glei-
che zweimal vorsetzt. Das bleibt eine Unge-
schicklichkeit, für die man den Tadel auf sich
nehmen muss. Die Schöpferkraft eines Autors
folgt leider nicht immer seinem Willen; das
Werk gerät, wie es kann, und stellt sich dem
Verfasser oft wie unabhängig, ja wie fremd, ge-
genüber.S.
186
III. Moses, sein Volk,
a) Das Volk Israel
Wenn man sich klar darüber ist, dass ein Ver-
fahren wie was unsrige, vom überlieferten Stoff
anzunehmen, was uns brauchbar scheint, zu ver-
werfen, was uns nicht taugt, und die einzelnen
Stücke nach der psychologischen Wahrschein-
lichkeit zusammenzusetzen, – dass eine solche
Technik keine Sicherheit gibt, die Wahrheit zu
finden, dann fragt man mit Recht, wozu man
eine solche Arbeit überhaupt unternimmt. Die
Antwort beruft sich auf ihr Ergebnis. Wenn
man die Strenge der Anforderungen an eine hi-
storisch-psychologische Untersuchung weit mil-
dert, wird es vielleicht möglich sein, Probleme
zu klären, die immer der Aufmerksamkeit wür-
dig schienen und die infolge rezenter Ereignisse
sich von neuem dem Beobachter aufdrängen.
Man weiss, von allen Völkern, die im Altertum
um das Becken des Mittelmeers gewohnt haben,
ist das jüdische Volk nahezu das einzige, das heute
dem Namen und wohl auch der Substanz nach
noch besteht. Mit beispielloser Widerstandsfä-
higkeit hat es Unglücksfällen und Misshandlun-
gen getrotzt, besondere Charakterzüge ent-
wickelt und sich nebstbei die herzliche Abnei-
gung aller anderen Völker erworben. Woher
diese Lebensfähigkeit der Juden kommt und wie
ihr Charakter mit ihren Schicksalen zusammen-
S.
187
und die monotheistische Religion
hängt, davon möchte man gerne mehr verste-
hen.
Man darf von einem Charakterzug der Juden
ausgehen, der ihr Verhältnis zu den Anderen be-
herrscht. Es ist kein Zweifel daran, sie haben
eine besonders hohe Meinung von sich, halten
sich für vornehmer, höher stehend, den anderen
überlegen, von denen sie auch durch viele ihrer
Sitten geschieden sind.1) Dabei beseelt sie eine
besondere Zuversicht im Leben, wie sie durch
den geheimen Besitz eines kostbaren Gutes ver-
liehen wird, eine Art von Optimismus; Fromme
würden es Gottvertrauen nennen.Wir kennen den Grund dieses Verhaltens und
wissen, was ihr geheimer Schatz ist. Sie halten
sich wirklich für das von Gott auserwählte
Volk, glauben ihm besonders nahe zu stehen, und
dies macht sie stolz und zuversichtlich. Nach
guten Nachrichten benahmen sie sich schon in
hellenistischen Zeiten so wie heute, der Jude war
also damals schon fertig, und die Griechen, unter
denen und neben denen sie lebten, reagierten auf
die jüdische Eigenart in der nämlichen Weise
wie die heutigen „Wirtsvölker“. Man könnte
meinen, sie reagierten, als ob auch sie an den1)Die in alten Zeiten so häufige Schmähung, die Juden
seien „Aussätzige (s. Manetho), hat wohl den Sinn einer
Projektion: Sie halten sich von uns so fern, als ob wir
Aussätzige wären.“S.
188
III. Moses, sein Volk,
Vorzug glaubten, den das Volk Israel für sich in
Anspruch nahm. Wenn man der erklärte Lieb-
ling des gefürchteten Vaters ist, braucht man
sich über die Eifersucht der Geschwister nicht
zu verwundern, und wozu diese Eifersucht füh-
ren kann, zeigt sehr schön die jüdische Sage von
Josef und seinen Brüdern. Der Verlauf der Welt-
geschichte schien dann die jüdische Anmaßung
zu rechtfertigen, denn als es später Gott gefiel,
der Menschheit einen Messias und Erlöser zu
senden, wählte er ihn wiederum aus dem Volke
der Juden. Die anderen Völker hätten damals
Anlass gehabt, sich zu sagen: Wirklich, sie ha-
ben recht gehabt, sie sind das von Gott auser-
wählte Volk. Aber es geschah anstatt dessen,
dass ihnen die Erlösung durch Jesus Christus nur
eine Verstärkung ihres Judenhasses brachte,
während die Juden selbst aus dieser zweiten Be-
vorzugung keinen Vorteil zogen, da sie den Er-
löser nicht anerkannten.Auf Grund unserer früheren Erörterungen dürfen
wir nun behaupten, dass es der Mann Moses
war, der dem jüdischen Volk diesen für alle Zu-
kunft bedeutsamen Zug aufgeprägt hat. Er hob
ihr Selbstgefühl durch die Versicherung, dass sie
Gottes auserwähltes Volk seien, er legte ihnen
die Heiligung auf und verpflichtete sie zur Ab-
sonderung von den anderen. Nicht etwa, dass es
den anderen Völkern an Selbstgefühl gemangelt
hätte.S.
189
und die monotheistische Religion
hätte. Genau wie heute hielt sich auch damals
jede Nation für besser als jede andere. Aber das
Selbstgefühl der Juden erfuhr durch Moses eine
religiöse Verankerung, es wurde ein Teil ihres
religiösen Glaubens. Durch ihre besonders inni-
ge Beziehung zu ihrem Gott erwarben sie einen
Anteil an seiner Grossartigkeit. Und da wir wis-
sen, dass hinter dem Gott, der die Juden ausge-
wählt und aus Ägypten befreit hat, die Person
Moses’ steht, die grade das, vorgeblich in sei-
nem Auftrag, getan hatte, getrauen wir uns zu
sagen: Es war der eine Mann Moses, der die Ju-
den geschaffen hat. Ihm dankt dieses Volk seine
Zählebigkeit, aber auch viel von der Feindselig-
keit, die es erfahren hat und noch erfährt.b) Der grosse Mann
Wie ist es möglich, dass ein einzelner Mensch
eine so ausserordentliche Wirksamkeit entfaltet,
dass er aus indifferenten Individuen und Fami-
lien ein Volk formt, ihm seinen endgültigen Cha-
rakter prägt und sein Schicksal für Jahrtausen-
de bestimmt? Ist eine solche Annahme nicht ein
Rückschritt auf die Denkungsart, die die Schöp-
fermythen und Heldenverehrung entstehen
liess, auf Zeiten, in denen die Geschichtsschrei-
bung sich in der Berichterstattung der Taten und
Schicksale einzelner Personen, Herrscher oderS.
190
III. Moses, sein Volk,
Eroberer erschöpfte? Die Neigung der Neuzeit
geht vielmehr dahin, die Vorgänge der Mensch-
heitsgeschichte auf verstecktere, allgemeine und
unpersönliche Momente zurückzuführen, auf
den zwingenden Einfluß ökonomischer Verhält-
nisse, den Wechsel in der Ernährungsweise, die
Fortschritte im Gebrauch von Materialien und
Werkzeugen, auf Wanderungen, die durch
Volksvermehrung und Veränderungen des Kli-
mas veranlaßt werden. Den Einzelpersonen fällt
dabei keine andere Rolle zu als die von Expo-
nenten oder Repräsentanten von Massenstre-
bungen, welche notwendigerweise ihren Aus-
druck finden mußten und ihn mehr zufälliger-
weise in jenen Personen fanden.
Das sind durchaus berechtigte Gesichtspunkte,
aber sie geben uns Anlaß, an eine bedeutsame
Unstimmigkeit zwischen der Einstellung unse-
res Denkorgans und der Einrichtung der Welt
zu mahnen, die mittels unseres Denkens erfaßt
werden soll. Unserem allerdings gebieterischen
Kausalbedürfnis genügt es, wenn jeder Vorgang
eine nachweisbare Ursache hat. In der Wirk-
lichkeit außerhalb uns ist das aber kaum so der
Fall; vielmehr scheint jedes Ereignis überdeter-
miniert zu sein, stellt sich als die Wirkung meh-
rerer konvergierender Ursachen heraus. Durch
die unübersehbare Komplikation des Gesche-
hens geschreckt, ergreift unsere Forschung Par-S.
191
und die monotheistische Religion
tei für den einen Zusammenhang gegen einen
anderen, stellt Gegensätze auf, die nicht beste-
hen, nur durch die Zerreissung von umfassen-
den Beziehungen entstanden sind.1) Wenn uns
also die Untersuchung eines bestimmten Falles
den überragenden Einfluss einer einzelnen
Persönlichkeit beweist, so braucht uns unser Ge-
wissen nicht vorzuwerfen, dass wir mit dieser
Annahme der Lehre von der Bedeutung jener all-
gemeinen, unpersönlichen Faktoren ins Gesicht
geschlagen haben. Es ist grundsätzlich Raum für
beides. Bei der Genese des Monotheismus kön-
nen wir allerdings auf kein anderes äusseres Mo-
ment hinweisen als auf das bereits erwähnte,
dass diese Entwicklung mit der Herstellung inti-
merer Beziehungen zwischen verschiedenen Na-
tionen und dem Aufbau eines grosses Reiches
verknüpft ist.
Wir wahren also dem „grossen Mann“ seine
Stelle in der Kette oder vielmehr im Netzwerk
der Verursachungen. Aber vielleicht wird es1)Ich protestiere aber gegen das Missverständnis, als
wollte ich sagen, die Welt sei so kompliziert, dass jede
Behauptung, die man aufstellt, irgendwo ein Stück der
Wahrheit treffen muss. Nein, unser Denken hat sich die
Freiheit bewahrt, Abhängigkeiten und Zusammen-
hänge aufzufinden, denen nichts in der Wirklichkeit
entspricht, und schätzt diese Gabe offenbar sehr hoch,
da es innerhalb wie ausserhalb der Wissenschaft so
reichlichen Gebrauch von ihr macht.S.
192
nicht ganz zwecklos sein, zu fragen, unter wel
chen Bedingungen wir diesen Ehrennamen ver
geben. Wir sind überrascht, zu finden, dass es
nicht ganz leicht ist, diese Frage zu beantwor-
ten. Eine erste Formulierung: wenn ein Mensch
die Eigenschaften, die wir hochschätzen, in be-
sonders hohem Mass besitzt, ist offenbar nach
allen Richtungen unzutreffend. Schönheit z.B.
und Muskelstärke, so beneidet sie auch sein mö-
gen, geben keinen Anspruch auf „Grösse“. Es
müssten also geistige Qualitäten sein, psychische
und intellektuelle Vorzüge. Bei letzteren kommt
uns das Bedenken, dass wir einen Menschen, der
ein ausserordentlicher Könner auf einem be-
stimmten Gebiet ist, darum doch nicht ohne wei-
teres einen grossen Mann heissen würden. Ge-
wiss nicht einen Meister des Schachspiels oder
einen Virtuosen auf einem Musikinstrument,
aber auch nicht leicht einen ausgezeichneten
Künstler oder Forscher. Es entspricht uns, in sol-
chem Falle zu sagen, er sei ein grosser Dichter,
Maler, Mathematiker oder Physiker, ein Bahn-
brecher auf dem Feld dieser oder jener Tätig-
keit, aber wir halten mit der Anerkennung, er
sei ein grosser Mann, zurück. Wenn wir z.B.
Goethe, Leonardo da Vinci, Beethoven unbe-
denklich für grosse Männer erklären, so muss
uns noch etwas anderes bewegen als die Bewun-
derung ihrer grossartigen Schöpfungen. WärenS.
193
und die monotheistische Religion
nicht grade solche Beispiele im Wege, so würde
man wahrscheinlich auf die Idee kommen, der
Name „ein grosser Mann“ sei vorzugsweise für
Männer der Tat reserviert, also Eroberer, Feld-
herrn, Herrscher, und anerkenne die Grösse
ihrer Leistung, die Stärke der Wirkung, die von
ihnen ausging. Aber auch dies ist unbefriedigend
und wird voll widerlegt durch unsere Verurtei-
lung so vieler nichtswürdiger Personen, denen
man doch die Wirkung auf Mit- und Nachwelt
nicht bestreiten kann. Auch den Erfolg wird
man nicht zum Kennzeichen der Grösse wählen
dürfen, wenn man an die Überzahl von grossen
Männern denkt, die, anstatt Erfolg zu haben, im
Unglück zu Grunde gegangen sind.
So wird man vorläufig der Entscheidung geneigt,
es verlohnt sich nicht, nach einem eindeutig be-
stimmten Inhalt des Begriffs „grosser Mann“ zu
suchen. Es sei nur eine locker gebrauchte und
ziemlich willkürlich vergebene Anerkennung
der überdimensionalen Entwicklung gewisser
menschlicher Eigenschaften in ziemlicher An-
näherung an den ursprünglichen Wortsinn der
„Grösse“. Auch dürfen wir uns besinnen, dass
uns nicht so sehr das Wesen des grossen Mannes
interessiert als die Frage, wodurch er auf seine
Nebenmenschen wirkt. Wir werden aber diese
Untersuchung möglichst abkürzen, weil sie uns
weit von unserem Ziel abzuzuführen droht.S.
194
III. Moses, sein Volk
Lassen wir es also gelten, dass der grosse Mann
seine Mitmenschen auf zwei Wegen beeinflusst,
durch seine Persönlichkeit und durch die Idee,
für die er sich einsetzt. Diese Idee mag ein altes
Wunschgebilde der Massen betonen oder ihnen
ein neues Wunschziel zeigen oder in noch ande-
rer Weise die Masse in ihren Bann ziehen. Mit-
unter – und das ist gewiss der ursprünglichere
Fall – wirkt die Persönlichkeit allein und die
Idee spielt eine recht geringfügige Rolle. War-
um der grosse Mann überhaupt zu einer Bedeu-
tung kommen sollte, das ist uns keinen Augen-
blick unklar. Wir wissen, es besteht bei der Mas-
se der Menschen ein starkes Bedürfnis nach ei-
ner Autorität, die man bewundern kann, der
man sich beugt, von der man beherrscht, even-
tuell sogar misshandelt wird. Aus der Psycholo-
gie des Einzelmenschen haben wir erfahren, wo-
her dies Bedürfnis der Masse stammt. Es ist die
Sehnsucht nach dem Vater, die jedem von seiner
Kindheit her innewohnt, nach demselben Vater,
den überwunden zu haben der Held der Sage
sich rühmt. Und nun mag uns die Erkenntnis
dämmern, dass alle Züge, mit denen wir den
grossen Mann ausstatten, Vaterzüge sind, dass
in dieser Übereinstimmung das von uns vergeb-
lich gesuchte Wesen des grossen Mannes besteht.
Die Entschiedenheit der Gedanken, die Stärke
des Willens, die Wucht der Taten gehören demS.
195
und die monotheistische Religion
Vaterbilde zu, vor allem aber die Selbständig-
keit und Unabhängigkeit des grossen Mannes,
seine göttliche Unbekümmertheit, die sich zur
Rücksichtslosigkeit steigern darf. Man muss ihn
bewundern, darf ihm vertrauen, aber man kann
nicht umhin, ihn auch zu fürchten. Wir hätten
uns vom Wortlaut leiten lassen sollen; wer an
ders als der Vater soll denn in der Kindheit der
„grosse Mann“ gewesen sein!Unzweifelhaft war es ein gewaltiges Vater-
bild, das sich in der Person des Moses zu den ar-
men jüdischen Fronarbeitern herabliess, um ih-
nen zu versichern, dass sie seine lieben Kinder
seien. Und nicht minder überwältigend muss die
Vorstellung eines einzigen, ewigen, allmächti-
gen Gottes auf sie gewirkt haben, dem sie nicht
zu gering waren, um einen Bund mit ihnen zu
schliessen, und der für sie zu sorgen versprach,
wenn sie seiner Verehrung treu blieben. Wahr-
scheinlich wurde es ihnen nicht leicht, das Bild
des Mannes Moses von dem seines Gottes zu
scheiden, und sie ahnten recht darin, denn Mo-
ses mag Züge seiner eigenen Person in den Cha-
rakter seines Gottes eingetragen haben wie die
Zornmütigkeit und Unerbittlichkeit. Und wenn
sie dann einmal diesen ihren grossen Mann er-
schlugen, so wiederholten sie nur eine Untat, die
sich in Urzeiten als Gesetz gegen den göttlichen
König gerichtet hatte und die, wie wir wissen,S.
196
III. Moses, sein Volk,
auf ein noch älteres Vorbild zurückging.1)
Ist uns so auf der einen Seite die Gestalt des gros-
sen Mannes ins Göttliche gewachsen, so ist es
anderseits Zeit, sich zu besinnen, dass auch der
Vater einmal ein Kind gewesen war. Die grosse
religiöse Idee, die der Mann Moses vertrat, war
nach unseren Ausführungen nicht sein Eigen-
tum; er hatte sie von seinem König Ikhnaton
übernommen. Und dieser, dessen Grösse als Re-
ligionsstifter unzweideutig bezeugt ist, folgte
vielleicht Anregungen, die durch Vermittlung
seiner Mutter oder auf anderen Wegen – aus
dem näheren oder ferneren Asien – zu ihm ge-
langt waren.Weiter können wir die Verkettung nicht verfol-
gen, aber wenn diese ersten Stücke richtig er-
kannt sind, dann ist die monotheistische Idee
Boomerang-artig in das Land ihrer Herkunft
zurückgekommen. Es erscheint so unfruchtbar,
das Verdienst eines Einzelnen um eine neue Idee
feststellen zu wollen. Viele haben offenbar an
ihrer Entwicklung mitgetan und Beiträge zu ihr
geleistet. Anderseits wäre es offenkundiges Un-
recht, die Kette der Verursachung bei Moses ab-
zubrechen und zu vernachlässigen, was seine
Nachfolger und Fortsetzer, die jüdischen Pro-
pheten, geleistet haben. Die Saat des Monotheis-
mus war in Ägypten nicht aufgegangen. Das-
s1)Vgl. Frazer l. c.
S.
197
und die monotheistische Religion
selbe hätte in Israel geschehen können, nachdem
das Volk die beschwerliche und anspruchs-
volle Religion abgeschüttelt hatte. Aber aus dem jü-
dischen Volk erhoben sich immer wieder Män-
ner, die die verblassende Tradition auffrischten,
die Mahnungen und Anforderungen Moses’ er-
neuerten und nicht rasteten, ehe das Verlorene
wiederhergestellt war. In der stetigen Bemühung
von Jahrhunderten und endlich durch zwei
grosse Reformen, die eine vor, die andere nach
dem babylonischen Exil, vollzog sich die Ver-
wandlung des Volksgottes Jahve in den Gott,
dessen Verehrung Moses den Juden aufgedrängt
hatte. Und es ist der Beweis einer besonderen
psychischen Eignung in der Masse, die zum jüdi-
schen Volk geworden war, wenn sie so viele
Personen hervorbringen konnte, die bereit wa-
ren, die Beschwerden der Moses-Religion auf
sich zu nehmen, für den Lohn des Auserwählt-
seins und vielleicht noch andere Prämien von
ähnlichem Rang.c) Der Fortschritt in der Geistigkeit
Um nachhaltige psychische Wirkungen bei ei-
nem Volke zu erzielen, reicht es offenbar nicht
hin, ihm zu versichern, es sei von der Gottheit
auserlesen. Man muss es ihm auch irgendwie be-
weisen, wenn es daran glauben und aus demS.
198
Glauben Konsequenzen ziehen soll. In der Mo-
ses-Religion diente der Auszug aus Ägypten als
dieser Beweis; Gott oder Moses in seinem Na-
men wurde nicht müde, sich auf diese Gunstbe-
zeugung zu berufen. Das Passahfest wurde ein-
gesetzt, um die Erinnerung an dies Ereignis fest-
zuhalten, oder vielmehr ein altbestehendes Fest
mit dem Inhalt dieser Erinnerung erfüllt. Aber
es war doch nur eine Erinnerung, der Auszug
gehörte einer verschwommenen Vergangenheit
an. In der Gegenwart waren die Zeichen von
Gottes Gunst recht spärlich, die Schicksale des
Volkes deuteten eher auf seine Ungnade hin.
Primitive Völker pflegten ihre Götter abzuset-
zen oder selbst zu züchtigen, wenn sie nicht ihre
Pflicht erfüllten, ihnen Sieg, Glück und Behagen
zu gewähren. Könige sind zu allen Zeiten nicht
anders behandelt worden als Götter; eine alte
Identität beweist sich darin, die Entstehung aus
gemeinsamer Wurzel. Auch moderne Völker
pflegen also ihre Könige zu verjagen, wenn der
Glanz ihrer Regierung durch Niederlagen mit
den dazugehörigen Verlusten an Land und Geld
gestört wird. Warum aber das Volk Israel sei-
nem Gott immer nur unterwürfiger anhing, je
schlechter es von ihm behandelt wurde, das ist
ein Problem, welches wir vorläufig bestehen las-
sen müssen.Es mag uns die Anregung geben, zu untersuchen.
S.
199
und die monotheistische Religion
ob die Moses-Religion dem Volke nichts ande-
res gebracht hatte als die Steigerung des Selbst-
gefühls durch das Bewusstsein der Auserwählt-
heit. Und das nächste Moment ist wirklich leicht
zu finden. Die Religion brachte den Juden auch
eine weit grossartigere Gottesvorstellung, oder,
wie man nüchterner sagen könnte, die Vorstel-
lung eines grossartigeren Gottes. Wer an diesen
Gott glaubte, hatte gewissermassen Anteil an
seiner Grösse, durfte sich selbst gehoben fühlen.
Das ist für einen Ungläubigen nicht ganz selbst-
verständlich, aber vielleicht erfasst man es leich-
ter durch den Hinweis auf das Hochgefühl eines
Briten in einem fremden durch Aufruhr unsi-
cher gewordenen Land, das dem Angehörigen
irgend eines kontinentalen Kleinstaates völlig
abgeht. Der Brite rechnet nämlich damit, dass
sein Government ein Kriegsschiff ausschicken
wird, wenn ihm ein Härchen gekrümmt wird,
und dass die Aufständischen es sehr wohl wis-
sen, während der Kleinstaat überhaupt kein
Kriegsschiff besitzt. Der Stolz auf die Grösse
des British Empire hat also auch eine Wurzel im
Bewusstsein der grösseren Sicherheit, des Schut-
zes, den der einzelne Brite geniesst. Das mag bei
der Vorstellung des grossartigen Gottes ähnlich
sein, und da man schwerlich beanspruchen wird,
Gott in der Verwaltung der Welt zu assistieren,
fliesst der Stolz auf die Gottesgrösse mit demS.
200
III. Moses, sein Volk,
auf das Auserwähltsein zusammen.
Unter den Vorschriften der Moses-
Religion fin-
det sich eine, die bedeutungsvoller ist, als man
zunächst erkennt. Es ist das Verbot, sich ein Bild
von Gott zu machen, also der Zwang, einen
Gott zu verehren, den man nicht sehen kann.
Wir vermuten, dass Moses in diesem Punkt die
Strenge der Aton-Religion überboten hat; viel-
leicht wollte er nur konsequent sein, sein Gott
hatte dann weder einen Namen noch ein Ange-
sicht, vielleicht war es eine neue Vorkehrung
gegen magische Missbräuche. Aber wenn man
dies Verbot annahm, musste es eine tiefgreifen-
de Wirkung ausüben. Denn es bedeutete eine
Zurücksetzung der sinnlichen Wahrnehmung ge-
gen eine abstrakt zu nennende Vorstellung, ei-
nen Triumph der Geistigkeit über die Sinnlich-
keit, streng genommen einen Triebverzicht mit
seinen psychologisch notwendigen Folgen.Um glaubwürdig zu finden, was auf den ersten
Blick nicht einleuchtend scheint, muss man sich
an andere Vorgänge gleichen Charakters in der
Entwicklung der menschlichen Kultur erinnern.
Der früheste unter ihnen, der wichtigste viel-
leicht, verschwimmt im Dunkel der Urzeit. Sei-
ne erstaunlichen Wirkungen nötigen uns, ihn zu
behaupten. Bei unseren Kindern, bei den Neuro-
tikern unter den Erwachsenen wie bei den pri-
mitiven Völkern finden wir das seelische Phä-S.
201
und die monotheistische Religion
nomen, das wir als den Glauben an die „All-
macht der Gedanken“ bezeichnen. Nach unserem
Urteil ist es eine Überschätzung des Einflusses,
den unsere seelischen, hier die intellektuellen,
Akte auf die Veränderung der Außenwelt üben
können. Im Grunde ruht ja alle Magie, die Vor-
läuferin unserer Technik, auf dieser Vorausset-
zung. Auch aller Zauber der Worte gehört hie-
her und die Überzeugung von der Macht, die
mit der Kenntnis und dem Aussprechen eines
Namens verbunden ist. Wir nehmen an, dass
die „Allmacht der Gedanken“ der Ausdruck des
Stolzes der Menschheit war auf die Entwick-
lung der Sprache, die eine so außerordentliche
Förderung der intellektuellen Tätigkeiten zur
Folge hatte. Es eröffnete sich das neue Reich der
Geistigkeit, in dem Vorstellungen, Erinnerungen
und Schlussprozesse massgebend wurden, im
Gegensatz zur niedrigeren psychischen Tätig-
keit, die unmittelbare Wahrnehmungen der Sin-
nesorgane zum Inhalt hatte. Es war gewiss eine
der wichtigsten Etappen auf dem Wege zur
Menschwerdung.Weit greifbarer tritt uns ein anderer Vorgang
späterer Zeit entgegen. Unter dem Einfluss äus-
serer Moment, die wir hier nicht zu verfolgen
brauchen, die zum Teil auch nicht genügend be-
kannt sind, geschah es, dass die matriarchalische
Gesellschaftsordnung von der patriarchalischenS.
202
abgelöst wurde, womit natürlich ein Umsturz
der bisherigen Rechtsverhältnisse verbunden
war. Man glaubt den Nachklang dieser Revolu-
tion noch in der Orestie des Äschylos zu ver-
spüren. Aber diese Wendung von der Mutter
zum Vater bezeichnet überdies einen Sieg der
Geistigkeit über die Sinnlichkeit, also einen
Kulturfortschritt, denn die Mutterschaft ist
durch das Zeugnis der Sinne erwiesen, während
die Vaterschaft eine Annahme ist, auf einen
Schluss und auf eine Voraussetzung aufgebaut.
Die Parteinahme, die den Denkvorgang über
die sinnliche Wahrnehmung erhebt, bewährt
sich als ein folgenschwerer Schritt.
Irgendwann zwischen den beiden vorerwähn-
ten Fällen ereignete sich ein anderer, der am mei-
sten Verwandtschaft zeigt mit dem von uns
in der Religionsgeschichte untersuchten. Der
Mensch fand sich veranlasst, überhaupt „geisti-
ge“ Mächte anzuerkennen, d.h. solche, die mit
den Sinnen, speziell mit dem Gesicht, nicht er-
fasst werden können, aber doch unzweifelhafte
sogar überstarke Wirkungen äußern. Wenn wir
uns dem Zeugnis der Sprache anvertrauen dürf-
ten, war es die bewegte Luft, die das Vorbild
der Geistigkeit abgab, denn der Geist entlehnt
den Namen vom Windhauch (animus, spiritus,
hebräisch: ruach, Hauch). Damit war auch die
Entdeckung der Seele gegeben als des geistigenS.
203
Prinzips im einzelnen Menschen. Die Beobach-
tung fand die bewegte Luft im Atmen des Men-
schen wieder, das mit dem Tode aufhört; noch
heute haucht der Sterbende seine Seele aus. Nun
aber war dem Menschen das Geisterreich eröff-
net; er war bereit, die Seele, die er bei sich ent-
deckt hatte, allem anderen in der Natur zuzu-
trauen. Die ganze Welt wurde beseelt, und die
Wissenschaft, die soviel später kam, hatte genug
zu tun, um einen Teil der Welt wieder zu ent-
seelen, ist auch noch heute mit dieser Aufgabe
nicht fertig geworden.Durch das mosaische Verbot wurde Gott auf
eine höhere Stufe der Geistigkeit gehoben, der
Weg eröffnet für weitere Abänderungen der
Gottesvorstellung, von denen noch zu berichten
ist. Aber zunächst darf uns eine andere Wir-
kung desselben beschäftigen. Alle solchen Fort-
schritte in der Geistigkeit haben den Erfolg, das
Selbstgefühl der Person zu steigern, sie stolz zu
machen, so dass sie sich anderen überlegen fühlt,
die im Banne der Sinnlichkeit verblieben sind.
Wir wissen, dass Moses den Juden das Hochge-
fühl vermittelt hatte, ein auserwähltes Volk zu
sein; durch die Entmaterialisierung Gottes kam
ein neues, wertvolles Stück zu dem geheimen
Schatz des Volkes hinzu. Die Juden behielten
die Richtung auf geistige Interessen bei, das po-
litische Unglück der Nation lehrte sie, den einzi-
genS.
204
III. Moses, sein Volk,
gen Besitz, der ihnen geblieben war, ihr Schrift-
tum, seinem Werte nach einzuschätzen. Unmit-
telbar nach der Zerstörung des Tempels in Je-
rusalem durch Titus erbat sich Rabbi Jochanan
ben Sakkai die Erlaubnis, die erste Thoraschule
in Jabne zu eröffnen. Fortan war es die heilige
Schrift und die geistige Bemühung um sie, die
das versprengte Volk zusammenhielt.Soviel ist allgemein bekannt und angenommen.
Ich wollte nur einfügen, dass diese charakteristi-
sche Entwicklung des jüdischen Wesens durch
das Verbot Moses’, Gott in sichtbarer Gestalt zu
verehren, eingeleitet wurde.Der Vorrang, der durch etwa 2000 Jahre im Le-
ben des jüdischen Volkes geistigen Bestrebungen
eingeräumt war, hat natürlich seine Wirkung
getan; er half, die Roheit und die Neigung zur
Gewalttat einzudämmen, die sich einzustellen
pflegen, wo die Entwicklung der Muskelkraft
Volksideal ist. Die Harmonie in der Ausbildung
geistiger und körperlicher Tätigkeit, wie das
griechische Volk sie erreichte, blieb den Juden
versagt. Im Zwiespalt trafen sie wenigstens die
Entscheidung für das Höherwertige.d) Triebverzicht
Es ist nicht selbstverständlich und nicht ohne
weiteres einzusehen, warum ein Fortschritt inS.
205
und die monotheistische Religion
der Geistigkeit, eine Zurücksetzung der Sinn-
lichkeit, das Selbstbewußtsein einer Person wie
eines Volkes erhöhen sollte. Das scheint einen
bestimmten Wertmaßstab vorauszusetzen und
eine andere Person oder Instanz, die ihn hand-
habt. Wir wenden uns zur Klärung an einen
analogen Fall aus der Psychologie des Indivi-
duums, der uns verständlich geworden ist.
Erhebt das Es in einem menschlichen Wesen ei-
nen Triebanspruch erotischer oder aggressiver
Natur, so ist das Einfachste und Natürlichste,
dass das Ich, dem der Denk- und der Muskelap-
parat zur Verfügung steht, ihn durch eine Ak-
tion befriedigt. Diese Befriedigung des Triebes
wird vom Ich als Lust empfunden, wie die Un-
befriedigung unzweifelhaft Quelle von Unlust
geworden wäre. Nun kann sich der Fall ereig-
nen, dass das Ich die Triebbefriedigung mit
Rücksicht auf äußere Hindernisse unterlässt,
nämlich dann, wenn es einsieht, dass die betref-
fende Aktion eine ernste Gefahr für das Ich her-
vorrufen würde. Ein solches Abstehen von der
Befriedigung, ein Triebverzicht infolge äußerer
Abhaltung, wie wir sagen: im Gehorsam gegen
das Realitätsprinzip, ist auf keinen Fall lustvoll.
Der Triebverzicht würde eine anhaltende Un-
lustspannung zur Folge haben, wenn es nicht ge-
länge, die Triebstärke selbst durch Energiever-
schiebungen herabzusetzen. Der TriebverzichtS.
206
kann aber auch aus anderen, wie wir mit Recht
sagen inneren Gründen erzwungen werden. Im
Laufe der individuellen Entwicklung wird ein
Anteil der hemmenden Mächte in der Außen-
welt verinnerlicht, es bildet sich im Ich eine In-
stanz, die sich beobachtend, kritisierend und
verbietend dem übrigen entgegengestellt. Wir
nennen diese neue Instanz das Über-Ich. Von
nun an hat das Ich, ehe es die vom Es geforder-
ten Triebbefriedigungen ins Werk setzt, nicht
nur auf die Gefahren der Außenwelt, sondern
auch auf den Einspruch des Über-Ichs Rück-
sicht zu nehmen, und wird umsomehr Anlässe
haben, die Triebbefriedigung zu unterlassen.
Während aber der Triebverzicht aus äußeren
Gründen nur unlustvoll ist, hat der aus inneren
Gründen, aus Gehorsam gegen das Über-Ich,
eine andere ökonomische Wirkung. Er bringt
ausser der unvermeidlichen Unlustfolge dem Ich
auch einen Lustgewinn, eine Ersatzbefriedigung
gleichsam. Das Ich fühlt sich gehoben, es wird
stolz auf den Triebverzicht wie auf eine wert-
volle Leistung. Den Mechanismus dieses Lustge-
winns glauben wir zu verstehen. Das Über-Ich
ist Nachfolger und Vertreter der Eltern (und
Erzieher), die die Handlungen des Individuums
in seiner ersten Lebensperiode beaufsichtigt
hatten; es setzt die Funktionen derselben fast
ohne Veränderung fort. Es hält das Ich in dau-S.
207
und die monotheistische Religion
ernder Abhängigkeit, es übt einen ständigen
Druck auf dasselbe aus. Das Ich ist ganz wie in
der Kindheit besorgt, die Liebe des Oberherrn
aufs Spiel zu setzen, empfindet seine Anerken-
nung als Befreiung und Befriedigung, seine Vor-
würfe als Gewissensbisse. Wenn das Ich dem
Über-Ich das Opfer eines Triebverzichts ge-
bracht hat, erwartet es als Belohnung dafür, von
ihm mehr geliebt zu werden. Das Bewusstsein,
diese Liebe zu verdienen, empfindet es als Stolz.
Zur Zeit, da die Autorität noch nicht als Über-
Ich verinnerlicht war, konnte die Beziehung
zwischen drohendem Liebesverlust und Trieb-
anspruch die nämliche sein. Es gab ein Gefühl
von Sicherheit und Befriedigung, wenn man aus
Liebe zu den Eltern einen Triebverzicht zustan-
degebracht hatte. Den eigentümlich narzissti-
schen Charakter des Stolzes konnte dies gute
Gefühl erst annehmen, nachdem die Autorität
selbst ein Teil des Ichs geworden war.Was leistet uns diese Aufklärung der Befriedi-
gung durch Triebverzicht für das Verständnis
der Vorgänge, die wir studieren wollen, der He-
bung des Selbstbewusstseins bei Fortschritten der
Geistigkeit? Anscheinend sehr wenig. Die Ver-
hältnisse liegen ganz anders. Es handelt sich um
keinen Triebverzicht und es ist keine zweite
Person oder Instanz da, der zuliebe das Opfer
gebracht wird. An der zweiten BehauptungS.
208
wird man bald schwankend werden. Man kann
sagen, der große Mann ist eben die Autorität,
der zuliebe man die Leistung vollbringt, und da
der große Mann selbst dank seiner Ähnlichkeit
mit dem Vater wirkt, darf man sich nicht ver-
wundern, wenn ihm in der Massenpsychologie
die Rolle des Über-Ichs zufällt. Das würde also
auch für den Mann Moses im Verhältnis zum Ju-
denvolk gelten. Im anderen Punkte will sich
aber keine richtige Analogie herstellen. Der
Fortschritt in der Geistigkeit besteht darin, dass
man gegen die direkte Sinneswahrnehmung zu
Gunsten der sogenannten höheren intellektuel-
len Prozesse entscheidet, also der Erinnerungen,
Überlegungen, Schlussvorgänge. Dass man z.B.
bestimmt, die Vaterschaft ist wichtiger als die
Mutterschaft, obwohl sie nicht wie letztere
durch das Zeugnis der Sinne erweisbar ist. Dar-
um soll das Kind den Namen des Vaters tragen
und nach ihm erben. Oder: unser Gott ist der
größte und mächtigste, obwohl er unsichtbar ist
wie der Sturmwind und die Seele. Die Abwei-
sung eines sexuellen oder aggressiven Trieban-
spruches scheint etwas davon ganz Verschiede-
nes zu sein. Auch ist bei manchen Fortschritten
der Geistigkeit, z.B. beim Sieg des Vaterrechts,
die Autorität nicht aufzeigbar, die den Maßstab
für das abgibt, was als höher geachtet werden
soll. Der Vater kann es in diesem Falle nichtS.
209
sein, denn er wird erst durch den Fort-
schritt zur Autorität erhoben. Man steht also vor dem Phä-
nomen, dass in der Entwicklung der Menschheit
die Sinnlichkeit allmählich von der Geistigkeit
überwältigt wird und dass die Menschen sich
durch jeden solchen Fortschritt stolz und geho-
ben fühlen. Man weiss aber nicht zu sagen, war-
um das so sein sollte. Später ereignet es sich dann
noch, dass die Geistigkeit selbst von dem ganz
rätselhaften emotionellen Phänomen des Glau-
bens überwältigt wird. Das ist das berühmte
Credo quia absurdum, und auch wer dies zu-
standegebracht hat, sieht es als eine Höchstlei-
stung an. Vielleicht ist das Gemeinsame all die-
ser psychologischen Situationen etwas anderes.
Vielleicht erklärt der Mensch einfach das für
das Höhere, was das Schwierigere ist, und sein
Stolz ist bloss der durch das Bewusstsein einer
überwundenen Schwierigkeit gesteigerte Nar-
zissmus.Das sind gewiss wenig fruchtbare Erörterungen,
und man könnte meinen, sie haben mit unserer
Untersuchung, was den Charakter des jüdischen
Volkes bestimmt hat, überhaupt nichts zu tun.
Das wäre nur ein Vorteil für uns, aber eine ge-
wisse Zugehörigkeit zu unserem Problem verrät
sich doch durch eine Tatsache, die uns später
noch mehr beschäftigen wird. Die Religion, die
mit dem Verbot begonnen hat, sich ein Bild vonS.
210
Gott zu machen, entwickelt sich im Laufe der
Jahrhunderte immer mehr zu einer Religion der
Triebverzichte. Nicht dass sie sexuelle Absti-
nenz fordern würde, sie begnügt sich mit einer
merklichen Einengung der sexuellen Freiheit.
Aber Gott wird der Sexualität völlig entrückt
und zum Ideal ethischer Vollkommenheit erho-
ben. Ethik ist aber Triebinschränkung. Die
Propheten werden nicht müde zu mahnen, dass
Gott nichts anderes von seinem Volke verlange
als gerechte und tugendhafte Lebensführung,
also Enthaltung von allen Triebbefriedigungen,
die auch noch von unserer heutigen Moral als
lasterhaft verurteilt werden. Und selbst die For-
derung, an ihn zu glauben, scheint gegen den
Ernst dieser ethischen Forderungen zurückzu-
treten. Somit scheint der Triebverzicht eine her-
vorragende Rolle in der Religion zu spielen,
auch wenn er nicht von Anfang an in ihr her-
vortritt.Hier ist aber Raum für einen Einspruch, der ein
Missverständnis abwehren soll. Mag es auch
scheinen, dass der Triebverzicht und die auf ihn
gegründete Ethik nicht zum wesentlichen Inhalt
der Religion gehört, so ist er doch genetisch aufs
innigste mit ihr verbunden. Der Totemismus, die
erste Form einer Religion, die wir erkennen,
bringt als unerlässliche Bestände des Systems ei-
ne Anzahl von Geboten und Verboten mit sich,S.
211
und die monotheistische Religion
die natürlich nichts anderes als Triebver-
zichte bedeuten, die Verehrung des Totem, die das
Verbot einschliesst, ihn zu schädigen oder zu tö-
ten, die Exogamie, also den Verzicht auf die lei-
denschaftlich begehrten Mütter und Schwestern
in der Horde, das Zugeständnis gleicher Rechte
für alle Mitglieder des Brüderbundes, also die
Einschränkung der Tendenz zu gewalttätiger
Rivalität unter ihnen. In diesen Bestimmungen
müssen wir die ersten Anfänge einer sittlichen
und sozialen Ordnung erblicken. Es entgeht uns
nicht, dass sich hier zwei verschiedene Moti-
vierungen geltend machen. Die beiden ersten
Verbote liegen im Sinne des beseitigten Vaters,
sie setzen gleichsam seinen Willen fort; das drit-
te Gebot, das der Gleichberechtigung der Bun-
desbrüder, sieht vom Willen des Vaters ab, es
rechtfertigt sich durch die Berufung auf die
Notwendigkeit, die neue Ordnung, die nach der
Beseitigung des Vaters entstanden war, für die
Dauer zu erhalten. Sonst wäre der Rückfall in
den früheren Zustand unvermeidlich geworden.
Hier sondern sich die sozialen Gebote von den
anderen ab, die, wie wir sagen dürfen, direkt aus
religiösen Beziehungen stammen.
In der abgekürzten Entwicklung des menschli-
chen Einzelwesens wiederholt sich das wesent-
liche Stück dieses Her-
gangs. Auch hier ist es die
Autorität der Eltern, im wesentlichen die desS.
212
unumschränkten, mit der Macht zur Strafe dro
henden Vaters, die das Kind zu Triebverzichten
auffordert, die für dasselbe festsetzt, was ihm
erlaubt und was ihm verboten ist. Was beim
Kinde „brav“ oder „schlimm“ heisst, wird spä-
ter, wenn Gesellschaft und Über-Ich an die
Stelle der Eltern getreten sind, „gut“ und „bö-
se“, tugendhaft oder lasterhaft genannt werden,
aber es ist immer noch das nämliche, Triebver-
zicht durch den Druck der den Vater ersetzen-
den, ihn fortsetzenden, Autorität.
Diese Einsichten erfahren eine weitere Vertie-
fung, wenn wir eine Untersuchung des merk-
würdigen Begriffs der Heiligkeit unternehmen.
Was erscheint uns eigentlich als „heilig“ in Her-
vorhebung von anderem, das wir hochschätzen
und als wichtig und bedeutungsvoll anerken-
nen? Einerseits ist der Zusammenhang des Hei-
ligen mit dem Religiösen unverkennbar, er wird
in aufdringlicher Weise betont; alles Religiöse
ist heilig, es ist geradezu der Kern der Heilig-
keit. Anderseits wird unser Urteil durch die
zahlreichen Versuche gestört, den Charakter der
Heiligkeit für soviel anderes, Personen, Institu-
tionen, Verrichtungen in Anspruch zu nehmen,
die wenig mit Religion zu tun haben. Diese Be-
mühungen dienen offenkundigen Tendenzen.
Wir wollen von dem Verbotcharakter ausgehen,
der so fest am Heiligen haftet. Das Heilige istS.
213
und die monotheistische Religion
offenbar etwas, was nicht berührt wer-
den darf. Ein heiliges Verbot ist sehr stark affektiv be-
tont, aber eigentlich ohne rationelle Begrün-
dung. Denn warum sollte es z.B. ein so beson-
ders schweres Verbrechen sein, Inzest mit Toch-
ter oder Schwester zu begehen, soviel ärger als
jeder andere Sexualverkehr? Fragt man nach
einer solchen Begründung, so wird man gewiss
hören, dass sich alle unsere Gefühle dagegen
sträuben. Aber das heisst nur, dass man das
Verbot für selbstverständlich hält, dass man es
nicht zu begründen weiss.Die Nichtigkeit einer solchen Erklärung ist leicht
genug zu erweisen. Was angeblich unsere heilig-
sten Gefühle beleidigt, war in den Herrscherfa-
milien der alten Ägypter und anderer frühen
Völker allgemeine Sitte, man möchte sagen ge-
heiligter Brauch. Es war selbstverständlich, dass
der Pharao in seiner Schwester seine erste und
vornehmste Frau fand, und die späten Nach-
folger der Pharaonen, die griechischen Ptole-
mäer, zögerten nicht, dies Vorbild nachzuahmen.
Soweit drängt sich uns eher die Einsicht auf, dass
der Inzest – in diesem Falle zwischen Bruder
und Schwester – ein Vorrecht war, das gewöhn-
lichen Sterblichen entzogen, aber den die Göt-
ter vertretenden Königen vorbehalten war, wie
ja auch die Welt der griechischen und der ger-
manischen Sage keinen Anstoss an solchen in-S.
214
III. Moses, sein Volk,
zestiiösen Beziehungen nahm. Man darf vermu-
ten, dass die ängstliche Wahrung der Ebenbür-
tigkeit in unserem Hochadel noch ein Residuum
dieses alten Privilegs ist, und kann feststellen,
dass infolge der über soviele Generationen fort-
gesetzten Inzucht in den höchsten sozialen
Schichten Europa heute nur von Mitgliedern ei-
ner und einer zweiten Familie regiert wird.Der Hinweis auf den Inzest bei Göttern, Köni-
gen und Heroen hilft auch mit zur Erledigung
eines anderen Versuches, der die Inzestscheu bi-
ologisch erklären will, sie auf ein dunkles Wis-
sen um die Schädlichkeit der Inzucht zurück-
führt. Es ist aber nicht einmal sicher, dass eine
Gefahr der Schädigung durch die Inzucht be-
steht, geschweige denn, dass die Primitiven sie
erkannt und gegen sie reagiert hätten. Die Un-
sicherheit in der Bestimmung der erlaubten und
der verbotenen Verwandtschaftsgrade spricht
ebensowenig für die Annahme eines „natürli-
chen Gefühls“ als Urgrund der Inzestscheu.
Unsere Konstruktion der Vorgeschichte drängt
uns eine andere Erklärung auf. Das Gebot der
Exogamie, dessen negativer Ausdruck die In-
zestscheu ist, lag im Willen des Vaters und setzte
diesen Willen nach seiner Beseitigung fort. Da-
her die Stärke seiner affektiven Betonung und
die Unmöglichkeit einer rationellen Begrün-
dung, also seine Heiligkeit. Wir erwarten zuver-
S.
215
sichtlich, dass die Untersuchung aller anderen
Fälle von heiligem Verbot zu demselben Ergeb-
nis führen würde wie im Falle der Inzestscheu,
dass das Heilige ursprünglich nichts anderes ist
als der fortgesetzte Wille des Urvaters. Damit
fiele auch ein Licht auf die bisher unverständ-
liche Ambivalenz der Worte, die den Begriff
der Heiligkeit ausdrücken. Es ist die Ambiva-
lenz, die das Verhältnis zum Vater überhaupt
beherrscht. „Sacer“ bedeutet nicht nur „heilig“,
„geweiht“, sondern auch etwas, was wir nur
mit „verrucht“, „verabscheuenswert“ überset-
zen können („auri sacra fames“). Der Wille des
Vaters aber war nicht nur etwas, woran man
nicht rühren durfte, was man hoch in Ehren
halten musste, sondern auch etwas, wovor man
erschauderte, weil es einen schmerzlichen Trieb-
verzicht erforderte. Wenn wir hören, dass Mo-
ses sein Volk „heiligte“ durch die Einführung
der Sitte der Beschneidung, so verstehen wir
jetzt den tiefen Sinn dieser Behauptung. Die Be-
schneidung ist der symbolische Ersatz der Ka-
stration, die der Urvater einst aus der Fülle sei-
ner Machtvollkommenheit über die Söhne ver-
hängt hatte, und wer dies Symbol annahm, zeig-
te damit, dass er bereit war, sich dem Willen des
Vaters zu unterwerfen, auch wenn er ihm das
schmerzlichste Opfer auferlegte.
Um zur Ethik zurückzukehren, dürfen wir ab-S.
216
schliessend sagen: Ein Teil ihrer Vorschriften
rechtfertigt sich auf rationelle Weise durch die
Notwendigkeit, die Rechte der Gemeinschaft
gegen den Einzelnen, die Rechte des Einzelnen
gegen die Gesellschaft und die der Individuen
gegen einander abzugrenzen. Was aber an der
Ethik uns grossartig, geheimnisvoll, in mysti-
scher Weise selbstverständlich erscheint, das
dankt diese Charaktere dem Zusammenhang
mit der Religion, der Herkunft aus dem Willen
des Vaters.e) Der Wahrheitsgehalt der Religion
Wie beneidenswert erscheinen uns, den Armen
im Glauben, jene Forscher, die von der Existenz
eines höchsten Wesens überzeugt sind! Für die-
sen grossen Geist hat die Welt keine Probleme,
weil er selbst alle ihre Einrichtungen geschaffen
hat. Wie umfassend, erschöpfend und endgültig
sind die Lehren der Gläubigen im Vergleich mit
den mühseligen, armseligen und stückhaften Er-
klärungsversuchen, die das Äusserste sind, was
wir zustandebringen! Der göttliche Geist, der
selbst das Ideal ethischer Vollkommenheit ist,
hat den Menschen die Kenntnis dieses Ideals ein-
gepflanzt und gleichzeitig den Drang, ihr We-
sen dem Ideal anzugleichen. Sie verspüren un-
mittelbar, was höher und edler, und was niedri-S.
217
und die monotheistische Religion
ger und gemeiner ist. Ihr Empfindungsleben ist
auf ihre jeweilige Distanz vom Ideal eingestellt.
Es bringt ihnen hohe Befriedigung, wenn sie, im
Perihel gleichsam, ihm näher kommen, es straft
sich durch schwere Unlust, wenn sie, im Aphel,
sich von ihm entfernt haben. Das ist alles so ein-
fach und so unerschütterlich festgelegt. Wir kön-
nen nur bedauern, wenn gewisse Lebenserfah-
rungen und Weltbeobachtungen es unmög-
lich machen, die Voraussetzung eines solchen
höchsten Wesens anzunehmen. Als hätte die Welt
der Rätsel nicht genug, wird uns die neue Auf-
gabe gestellt, zu verstehen, wie jene anderen den
Glauben an das göttliche Wesen erwerben konn-
ten und woher dieser Glaube seine ungeheure,
„Vernunft und Wissenschaft“ überwältigende
Macht bezieht.Kehren wir zu dem bescheideneren Problem zu-
rück, das uns bisher beschäftigt hat. Wir woll-
ten erklären, woher der eigentümliche Charak-
ter des jüdischen Volkes rührt, der wahrschein-
lich auch seine Erhaltung bis auf den heutigen
Tag ermöglicht hat. Wir fanden, der Mann Mo-
ses hat diesen Charakter geprägt, dadurch, dass
er ihnen eine Religion gab, welche ihr Selbstge-
fühl so erhöhte, dass sie sich allen anderen Völ-
kern überlegen glaubten. Sie erhielten sich dann
dadurch, dass sie sich von den anderen fern hiel-
ten. Blutvermischungen störten dabei wenig,S.
218
III. Moses, sein Volk,
denn was sie zusammenhielt, war ein ideelles
Moment, der gemeinsame Besitz bestimmter in-
tellektueller und emotioneller Güter. Die Moses-
Religion hatte diese Wirkung, weil sie 1) das
Volk Anteil nehmen liess an der Grossartigkeit
einer neuen Gottesvorstellung, 2) weil sie be-
hauptete, dass dies Volk von diesem grossen
Gott auserwählt und für die Beweise seiner be-
sonderen Gunst bestimmt war, 3) weil sie dem
Volk einen Fortschritt in der Geistigkeit aufnö-
tigte, der, an sich bedeutungsvoll genug, überdies
den Weg zur Hochschätzung der intellektuellen
Arbeit und zu weiteren Triebverzichten eröff-
nete.Dies ist unser Ergebnis, und obwohl wir nichts
davon zurücknehmen mögen, können wir uns
doch nicht verhehlen, dass es irgendwie unbe-
friedigend ist. Die Verursachung deckt sozusa-
gen nicht den Erfolg, die Tatsache, die wir er-
klären wollen, scheint von einer anderen Grös-
senordnung als alles, wodurch wir sie erklären.
Wäre es möglich, dass alle unsere bisherigen Un-
tersuchungen nicht die ganze Motivierung auf-
gedeckt haben, sondern nur eine gewissermassen
oberflächliche Schicht, und dahinter noch ein
anderes, sehr bedeutsames Moment auf Ent-
deckung wartet? Bei der ausserordentlichen
Komplikation aller Verursachung in Leben undS.
219
und die monotheistische Religion
Geschichte musste man auf etwas dergleichen
gefasst sein.Der Zugang zu dieser tieferen Motivierung er-
gäbe sich an einer bestimmten Stelle der vorste-
henden Erörterungen. Die Religion des Moses hat
ihre Wirkungen nicht unmittelbar geübt, son-
dern in einer merkwürdig indirekten Weise. Das
will nicht besagen, sie habe nicht sofort gewirkt,
sie habe lange Zeiten, Jahrhunderte gebraucht,
um ihre volle Wirkung zu entfalten, denn soviel
versteht sich von selbst, wenn es sich um die Aus-
prägung eines Volkscharakters handelt. Sondern
die Einschränkung bezieht sich auf eine Tatsa-
che, die wir der jüdischen Religionsgeschichte
entnommen, oder, wenn man will, in sie einge-
tragen haben. Wir haben gesagt, das jüdische
Volk warf die Moses-Religion nach einer ge-
wissen Zeit wieder ab – ob vollständig, ob
einige ihrer Vorschriften beibehalten wurden,
können wir nicht erraten. Mit der Annahme,
dass in den langen Zeiten der Besitzergreifung
Kanaans und des Ringens mit den dort wohnen-
den Völkern die Jahve-Religion sich nicht we-
sentlich von der Verehrung der anderen Baalim
unterschied, stehen wir auf historischem Boden
trotz aller Anstrengungen späterer Tendenzen,
diesen beschämenden Sachverhalt zu verschlei-
ern. Die Moses-Religion war aber nicht spurlos
untergegangen, eine Art von Erinnerung an sieS.
220
III. Moses, sein Volk,
hatte sich erhalten, verdunkelt und entstellt,
vielleicht bei einzelnen Mitgliedern der Priester-
kaste durch alte Aufzeichnungen gestützt. Und
diese Tradition einer grossen Vergangenheit war
es, die aus dem Hintergrunde gleichsam zu wir-
ken fortfuhr, allmählich immer mehr Macht
über die Geister gewann und es endlich erreich-
te, den Gott Jahve in den Gott Moses’ zu ver-
wandeln und die vor langen Jahrhunderten ein-
gesetzte und dann verlassene Religion Moses’
wieder zum Leben zu erwecken.
Wir haben in einem früheren Abschnitt dieser
Abhandlung erörtert, welche Annahme unab-
weisbar scheint, wenn wir eine solche Leistung
der Tradition begreiflich finden sollen.f) Die Wiederkehr des Verdrängten
Es gibt nun eine Menge ähnlicher Vorgänge un-
ter denen, die uns die analytische Erforschung
des Seelenlebens kennen gelehrt hat. Einen Teil
derselben heisst man pathologisch, andere rech-
net man in die Mannigfaltigkeit der Normali-
tät ein. Aber darauf kommt es wenig an, denn
die Grenzen zwischen beiden sind nicht scharf
gezogen, die Mechanismen sind im weiten Aus-
mass die nämlichen, und es ist weit wichtiger, ob
die betreffenden Veränderungen sich am Ich
selbst vollziehen oder ob sie sich ihm fremd ent-
S.
221
und die monotheistische Religion
gegenstellen, wo sie dann Symptome genannt
werden. Aus der Fülle des Materials hebe ich zu-
nächst Fälle hervor, die sich auf Charakterent-
wicklung beziehen. Das junge Mädchen hat sich
in den entschiedensten Gegensatz zu seiner Mut-
ter gebracht, alle Eigenschaften gepflegt, die sie
an der Mutter vermisst, und alles vermieden,
was an die Mutter erinnert. Wir dürfen ergän-
zen, dass sie in früheren Jahren wie jedes weib-
liche Kind eine Identifizierung mit der Mutter
vorgenommen hatte und sich nun energisch ge-
gen diese auflehnt. Wenn aber dieses Mädchen
heiratet, selbst Frau und Mutter wird, dürfen
wir nicht erstaunt sein, zu finden, dass sie an-
fängt, ihrer befeindeten Mutter immer mehr
ähnlich zu werden, bis sich schliesslich die über-
wundene Mutteridentifizierung unverkennbar
wiederhergestellt hat. Das Gleiche ereignet sich
auch bei Knaben, und selbst der grosse Goethe,
der in seiner Geniezeit den steifen und pedanti-
schen Vater gewiss geringgeschätzt hat, entwik-
kelte im Alter Züge, die dem Charakterbild des
Vaters angehörten. Auffälliger kann der Erfolg
noch werden, wo der Gegensatz zwischen bei-
den Personen schärfer ist. Ein junger Mann,
dem es zum Schicksal wurde, neben einem nichts-
würdigen Vater aufzuwachsen, entwickelte sich
zunächst, ihm zum Trotz, zu einem tüchtigen,
zuverlässigen und ehrenhaften Menschen. AufS.
222
III. Moses, sein Volk
der Höhe des Lebens schlug sein Charakter um,
und er verhielt sich von nun an so, als ob er sich
diesen selben Vater zum Vorbild genommen
hätte. Um den Zusammenhang mit unserem
Thema nicht zu verlieren, muss man im Sinne
behalten, dass zu Anfang eines solchen Ablaufs
immer eine frühkindliche Identifizierung mit
dem Vater steht. Diese wird dann verstoßen,
selbst überkompensiert, und hat sich am Ende
wieder durchgesetzt.Es ist längst Gemeingut geworden, dass die Erleb-
nisse der ersten fünf Jahre einen bestimmenden
Einfluss auf das Leben nehmen, dem sich nichts
Späteres widersetzen kann. Über die Art, wie
sich diese frühen Eindrücke gegen alle Einwir-
kungen reiferer Lebenszeiten behaupten, wäre
viel Wissenwertes zu sagen, das nicht hierher ge-
hört. Weniger bekannt dürfte aber sein, dass die
stärkste zwangsartige Beeinflussung von jenen
Eindrücken herrührt, die das Kind zu einer
Zeit treffen, da wir seinen psychischen Apparat
für noch nicht vollkommen aufnahmefähig hal-
ten müssen. An der Tatsache selbst ist nicht zu
zweifeln, sie ist so befremdend, dass wir uns ihr
Verständnis durch den Vergleich mit einer pho-
tographischen Aufnahme erleichtern dürfen, die
nach einem beliebigen Aufschub entwickelt und
in ein Bild verwandelt werden mag. Immerhin
weist man gern darauf hin, dass ein phantasie-
S.
223
und die monotheistische Religion
voller Dichter mit der Poeten gestatteten Kühn-
heit diese unsere unbequeme Entdeckung vor-
weggenommen hat. E. T. A. Hoffmann pflegte
den Reichtum an Gestalten, die sich ihm für
seine Dichtungen zur Verfügung stellten, auf
den Wechsel der Bilder und Eindrücke während
einer wochenlangen Reise im Postwagen zurück-
zuführen, die er noch als Säugling an der Mut-
terbrust erlebt hatte. Was die Kinder im Alter
von zwei Jahren erlebt und nicht verstan-
ben, brauchen sie ausser in Träumen nie zu er-
innern. Erst durch eine psychoanalytische Be-
handlung kann es ihnen bekannt werden, aber
es bricht zu irgend einer späteren Zeit mit
Zwangsimpulsen in ihr Leben ein, dirigiert ihre
Handlungen, drängt ihnen Sympathien und An-
tipathien auf, entscheidet oft genug über ihre
Liebeswahl, die so häufig rationell nicht zu be-
gründen ist. Es ist nicht zu verkennen, in wel-
chen zwei Punkten diese Tatsachen unser Pro-
blem berühren. Erstens in der Entlegenheit der
Zeit,1) die hier als das eigentlich massgebende
Moment erkannt wird, z.B. in dem besonderen
Zustand der Erinnerung, die wir bei diesen
Kindheitserlebnissen als „unbewusst“ klassifi-1)Auch hierin darf ein Dichter das Wort haben. Um
seine Bindung zu erklären, erfindet er: Du warst in
abgelebten Zeiten meine Schwester oder meine Frau.
(Goethe, Bd. IV der Weimarer Ausgabe, S. 97).S.
224
III. Moses, sein Volk,
zieren. Wir erwarten hierin eine Analogie mit
dem Zustand zu finden, den wir der Tradition
im Seelenleben des Volkes zuschreiben möchten.
Freilich war es nicht leicht, die Vorstellung des
Unbewussten in die Massenpsychologie einzu-
tragen.Regelmässige Beiträge zu den von uns gesuchten
Phänomenen bringen die Mechanismen, die zur
Neurosenbildung führen. Auch hier fallen die
massgebenden Ereignisse in frühen Kinderzeiten
vor, aber der Akzent ruht dabei nicht auf der
Zeit, sondern auf dem Vorgang, der dem Ereig-
nis entgegentritt, auf der Reaktion gegen das
selbe. In schematischer Darstellung kann man
sagen: Als Folge des Erlebnisses erhebt sich ein
Triebanspruch, der nach Befriedigung verlangt.
Das Ich verweigert diese Befriedigung, entwe-
der weil es durch die Grösse des Anspruchs ge-
lähmt wird oder weil es in ihm eine Gefahr er-
kennt. Die erstere dieser Begründungen ist die
ursprünglichere, beide laufen auf die Vermei-
dung einer Gefahrsituation hinaus. Das Ich er-
wehrt sich der Gefahr durch den Prozess der
Verdrängung. Die Triebregung wird irgendwie
gehemmt, der Anlass mit den zugehörigen Wahr-
nehmungen und Vorstellungen vergessen. Da
mit ist aber der Prozess nicht abgeschlossen, der
Trieb hat entweder seine Stärke behalten oder
er sammelt sie wieder oder er wird durch einenS.
225
und die monotheistische Religion
neuen Anlass wieder geweckt. Er erneuert dann
seinen Anspruch, und da ihm der Weg zur nor-
malen Befriedigung durch das, was wir die Ver-
drängungsnarbe nennen können, verschlossen
bleibt, bahnt er sich irgendwo an einer schwa-
chen Stelle einen anderen Weg zu einer soge-
nannten Ersatzbefriedigung, die nun als Sym-
ptom zum Vorschein kommt, ohne die Einwilli-
gung, aber auch ohne das Verständnis des Ichs.
Alle Phänomene der Symptombildung können
mit gutem Recht als „Wiederkehr des Ver-
drängten“ beschrieben werden. Ihr auszeichnen-
der Charakter ist aber die weitgehende Entstel-
lung, die das Wiederkehrende im Vergleich zum
Ursprünglichen erfahren hat. Vielleicht wird
man meinen, dass wir uns mit der letzten Grup-
pe von Tatsachen zu weit von der Ähnlichkeit
mit der Tradition entfernt haben. Aber es soll
uns nicht gereuen, wenn wir damit in die Nähe
der Probleme des Triebverzichts gekommen
sind.g) Die historische Wahrheit
Wir haben alle diese psychologischen Exkurse
unternommen, um es uns glaubhafter zu ma-
chen, dass die Moses-Religion ihre Wirkung auf
das jüdische Volk erst als Tradition durchgesetzt
hat. Mehr als eine gewisse Wahrscheinlichkeit
haben wir wahrscheinlich nicht zustandege-S.
226
III. Moses, sein Volk,
bracht. Aber nehmen wir an, es sei uns der volle
Nachweis gelungen; es bliebe doch der Eindruck,
daß wir bloß dem qualitativen Faktor der An-
forderung genügt haben, nicht auch dem quan-
titativen. Allem, was mit der Entstehung einer
Religion, gewiß auch der jüdischen, zu tun hat,
hängt etwas Großartiges an, das durch unsere
bisherigen Erklärungen nicht gedeckt wird. Es
müßte noch ein anderes Moment beteiligt sein,
für das es wenig Analoges und nichts Gleich-
artiges gibt, etwas Einziges und etwas von der
gleichen Größenordnung wie das, was daraus
geworden ist, wie die Religion selbst.
Versuchen wir, uns dem Gegenstand von der
Gegenseite zu nähern. Wir verstehen, daß der
Primitive einen Gott braucht als Weltschöpfer,
Stammesoberhaupt, persönlichen Fürsorger. Die-
ser Gott hat seine Stelle hinter den verstorbenen
Vätern, von denen die Tradition noch etwas zu
sagen weiß. Der Mensch späterer Zeiten, unse-
rer Zeit, benimmt sich in der gleichen Weise.
Auch er bleibt infantil und schutzbedürftig
selbst als Erwachsener; er meint, er kann den
Anhalt an seinem Gott nicht entbehren. Soviel
ist unbestritten, aber minder leicht ist es zu ver-
stehen, warum es nur einen einzigen Gott geben
darf, warum grade der Fortschritt vom Heno-
theismus zum Monotheismus die überwältigende
Bedeutung erwirbt. Gewiß nimmt, wie wir esS.
227
und die monotheistische Religion
ausgeführt haben, der Gläubige Anteil an der
Größe seines Gottes, und je größer der Gott,
desto zuverlässiger der Schutz, den er spenden
kann. Aber die Macht eines Gottes hat nicht seine
Einzigkeit zur notwendigen Voraussetzung. Vie-
le Völker sahen nur eine Verherrlichung ihres
Obergottes darin, wenn er andere ihm unterge-
bene Gottheiten beherrschte, und nicht eine Ver-
kleinerung seiner Größe, wenn andere ausser
ihm existierten. Auch bedeutete es ja ein Opfer
an Intimität, wenn dieser Gott universell wurde
und sich um alle Länder und Völker beküm-
merte. Man teilte gleichsam seinen Gott mit den
Fremden und musste sich dafür durch den Vor-
behalt, dass man von ihm bevorzugt sei, ent-
schädigen. Man kann auch noch geltend ma-
chen, dass die Vorstellung des einzigen Gottes
selbst einen Fortschritt in der Geistigkeit bedeu-
te, aber man kann den Punkt so hoch unmög-
lich schätzen.Für diese offenkundige Lücke in der Motivie-
rung wissen nun die Frommgläubigen eine zu-
reichende Ausfüllung. Sie sagen, die Idee eines
einzigen Gottes hat darum so überwältigend auf
die Menschen gewirkt, weil sie ein Stück der
ewigen Wahrheit ist, die, lange verhüllt, endlich
zum Vorschein kam und dann alle mit sich fort-
reissen musste. Wir müssen zugeben, ein Mo-
ment dieser Art ist endlich der Größe des Ge-
S.
228
III. Moses, sein Volk,
genstands wie des Erfolgs angemessen.
Auch wir möchten diese Lösung annehmen.
Aber wir stossen auf ein Bedenken. Das from-
me Argument ruht auf einer optimisch-
idealistischen Voraussetzung. Es hat sich sonst nicht
feststellen lassen, dass der menschliche Intellekt
eine besondere feine Witterung für die Wahrheit
besitzt und dass das menschliche Seelenleben ei-
ne besondere Geneigtheit zeigt, die Wahrheit
anzuerkennen. Wir haben eher im Gegenteil er-
fahren, dass unser Intellekt sehr leicht ohne alle
Warnung irre geht, und dass nichts leichter von
uns geglaubt wird, als was, ohne Rücksicht auf
die Wahrheit, unseren Wunschillusionen entge-
genkommt. Darum müssen wir unserer Zustim-
mung eine Einschränkung anfügen. Wir glauben
auch, dass die Lösung der Frommen die Wahr-
heit enthält, aber nicht die materielle, sondern
die historische Wahrheit. Und wir nehmen uns
das Recht, eine gewisse Entstellung zu korrigie-
ren, welche diese Wahrheit bei ihrer Wiederkehr
erfahren hat. Das heisst, wir glauben nicht, dass
es einen einzigen grossen Gott heute gibt, son-
dern dass es in Urzeiten eine einzige Person ge-
geben hat, die damals übergross erscheinen muss-
te und die dann zur Gottheit erhöht in der Er-
innerung der Menschen wiedergekehrt ist.
Wir hatten angenommen, dass die Moses-
Religion zunächst verworfen und halb vergessenS.
229
und die monotheistische Religion
wurde und dann als Tradition zum Durch-
bruch kam. Wir nehmen jetzt an, dass dieser Vorgang
sich damals zum zweiten Mal wiederholte. Als
Moses dem Volk die Idee des einzigen Gottes
brachte, war sie nichts Neues, sondern sie be-
deutete die Wiederbelebung eines Erlebnisses aus
den Urzeiten der menschlichen Familie, das dem
bewussten Gedächtnis der Menschen längst ent-
schwunden war. Aber es war so wichtig gewe-
sen, hatte so tief einschneidende Veränderungen
im Leben der Menschen erzeugt oder angebahnt,
dass man nicht umhin kann, zu glauben, es habe
irgendwelche dauernden Spuren, einer Tradition
vergleichbar, in der menschlichen Seele hinter-
lassen.Wir haben aus den Psychoanalysen von Einzel-
personen erfahren, dass ihre frühesten Eindrük-
ke, zu einer Zeit aufgenommen, da das Kind
noch kaum sprachfähig war, irgend einmal Wir-
kungen von Zwangscharakter äußern, ohne
selbst bewusst erinnert zu werden. Wir halten
uns berechtigt, dasselbe von den frühesten Er-
lebnissen der ganzen Menschheit anzunehmen.
Eine dieser Wirkungen wäre das Auftauchen
der Idee eines einzigen grossen Gottes, die man
als zwar entstellte, aber durchaus berechtigte
Erinnerung anerkennen muss. Eine solche Idee
hat Zwangscharakter, sie muss Glauben finden.
Soweit ihre Entstellung reicht, darf man sie alsS.
230
III. Moses, sein Volk,
Wahn bezeichnen, insofern sie die Wiederkehr
des Vergangenen bringt, muß man sie Wahrheit
heißen. Auch der psychiatrische Wahn enthält
ein Stückchen Wahrheit, und die Überzeugung
des Kranken greift von dieser Wahrheit aus auf
die wahnhafte Umhüllung über.Was nun folgt, ist bis zum Ende eine wenig ab-
geänderte Wiederholung der Ausführungen im
ersten Teil.Im Jahre 1912 habe ich in „Totem und Tabu“
versucht, die alte Situation, von der solche Wir-
kungen ausgingen, zu rekonstruieren. Ich habe
mich dabei gewisser theoretischer Gedanken von
Ch. Darwin, Atkinson, besonders aber von W.
Robertson Smith bedient und sie mit Funden
und Andeutungen aus der Psychoanalyse kom-
biniert. Von Darwin entlehnte ich die Hypothe-
se, daß die Menschen ursprünglich in kleinen
Horden lebten, eine jede unter der Gewaltherr-
schaft eines älteren Männchens, das sich alle
Weibchen aneignete und die jungen Männer,
auch seine Söhne, züchtigte oder beseitigte. Von
Atkinson in Fortsetzung dieser Schilderung,
daß dies patriarchalische System sein Ende
fand in einer Empörung der Söhne, die sich ge-
gen den Vater vereinigten, ihn überwältigten
und gemeinsam verzehrten. Im Anschluß an dieS.
231
Totemtheorie von Robertson Smith nahm ich
an, dass nachher die Vaterhorde dem totemisti-
schen Brüderklan Platz machte. Um mit einan-
der in Frieden leben zu können, verzichteten die
siegreichen Brüder auf die Frauen, derentwegen
sie doch den Vater erschlagen hatten, und leg-
ten sich Exogamie auf. Die väterliche Macht
war gebrochen, die Familien nach Mutterrecht
eingerichtet. Die ambivalente Gefühlseinstellung
der Söhne gegen den Vater blieb über die ganze
weitere Entwicklung in Kraft. An Stelle des Va-
ters wurde ein bestimmtes Tier als Totem ein-
gesetzt; es galt als Ahnherr und Schutzgeist,
durfte nicht geschädigt oder getötet werden,
aber einmal im Jahr fand sich die ganze Män-
nergemeinschaft zu einem Festmahl zusammen,
bei dem das sonst verehrte Totemtier in Stücke
gerissen und gemeinsam verzehrt wurde. Nie-
mand durfte sich von diesem Mahle ausschlies-
sen, es war die feierliche Wiederholung der Va-
tertötung, mit der die soziale Ordnung, Sitten-
gesetze und Religion ihren Anfang genommen
hatten. Die Übereinstimmung der Robertson
Smithschen Totemmahlzeit mit dem christlichen
Abendmahl ist manchen Autoren vor mir auf-
gefallen.Ich halte an diesem Aufbau noch heute fest. Ich
habe wiederholt heftige Vorwürfe zu hören be-
kommen, dass ich in späteren Auflagen des Bu-S.
232
III. Moses, sein Volk,
ches meine Meinungen nicht abgeändert habe,
nachdem doch neuere Ethnologen die Aufstel-
lungen von Robertson Smith einmütig verwor-
fen und zum Teil andere, ganz abweichende
Theorien vorgebracht haben. Ich habe zu ent-
gegnen, dass mir diese angeblichen Fortschritte
wohl bekannt sind. Aber ich bin weder von der
Richtigkeit dieser Neuerungen noch von den
Irrtümern Robertson Smiths überzeugt worden.
Ein Widerspruch ist noch keine Widerlegung,
eine Neuerung nicht notwendig ein Fortschritt.
Vor allem aber, ich bin nicht Ethnologe, son-
dern Psychoanalytiker. Ich hatte das Recht, aus
der ethnologischen Literatur herauszugreifen,
was ich für die analytische Arbeit brauchen
konnte. Die Arbeiten des genialen Robertson
Smith haben mir wertvolle Berührungen mit
dem psychologischen Material der Analyse, An-
knüpfungen für dessen Verwertung gegeben.
Mit seinen Gegern traf ich nie zusammen.h) Die geschichtliche Entwicklung
Ich kann den Inhalt von „Totem und Tabu“
hier nicht ausführlicher wiederholen, aber ich
muss für die Ausfüllung der langen Strecke zwi-
schen jener angenommenen Urzeit und dem Sieg
des Monotheismus in historischen Zeiten sorgen.
Nachdem das Ensemble von Brüderklan, Mut-S.
233
und die monotheistische Religion
terrecht, Exogamie und Totemismus eingerichtet
war, setzte eine Entwicklung ein, die als lang-
same „Wiederkehr des Verdrängten“ zu be-
schreiben ist. Den Terminus „das Verdrängte“
gebrauchen wir hier im uneigentlichen Sinn. Es
handelt sich um etwas Vergangenes, Verscholle-
nes, Überwundenes im Völkerleben, das wir
dem Verdrängten im Seelenleben des Einzelnen
gleichzustellen wagen. In welcher psychologi-
schen Form dies Vergangene während der Zeit
seiner Verdunkelung vorhanden war, wissen wir
zunächst nicht zu sagen. Es wird uns nicht leicht,
die Begriffe der Einzelpsychologie auf die Psy-
chologie der Massen zu übertragen, und ich
glaube nicht, dass wir etwas erreichen, wenn wir
den Begriff eines „kollektiven“ Unbewussten
einführen. Der Inhalt des Unbewussten ist ja
überhaupt kollektiv, allgemeiner Besitz der Men-
schen. Wir behelfen uns also vorläufig mit dem
Gebrauch von Analogien. Die Vorgänge, die
wir hier im Völkerleben studieren, sind den uns
aus der Psychopathologie bekannten sehr ähn-
lich, aber doch nicht ganz die nämlichen. Wir
entschliessen uns endlich zur Annahme, dass die
psychischen Niederschläge jener Urzeiten Erb-
gut geworden waren, in jeder neuen Generation
nur der Erweckung, nicht der Erwerbung be-
dürftig. Wir denken hierbei an das Beispiel der
sicherlich „mitgeborenen“ Symbolik, die aus derS.
234
III. Moses, sein Volk,
Zeit der Sprachentwicklung stammt, allen Kin-
dern vertraut ist, ohne dass sie eine Unterwei-
sung erhalten hätten, und die bei allen Völkern
trotz der Verschiedenheit der Sprachen gleich
lautet. Was uns etwa noch an Sicherheit fehlt,
gewinnen wir aus anderen Ergebnissen der psy-
choanalytischen Forschung. Wir erfahren, dass
unsere Kinder in einer Anzahl von bedeutsamen
Relationen nicht so reagieren, wie es ihrem eige-
nen Erleben entspricht, sondern instinkt-
mäßig,
den Tieren vergleichbar, wie es nur durch phy-
logenetischen Erwerb erklärlich ist.
Die Wiederkehr des Verdrängten vollzieht sich
langsam, gewiss nicht spontan, sondern unter
dem Einfluss all der Änderungen in den Lebensbe-
dingungen, welche die Kulturgeschichte der
Menschen erfüllen. Ich kann hier weder eine
Übersicht dieser Abhängig-
keiten noch eine mehr
als lückenhafte Aufzählung der Etappen dieser
Wiederkehr geben. Der Vater wird wiederum
das Oberhaupt der Familie, längst nicht so unbe-
schränkt, wie es der Vater der Ur-
horde gewesen
war. Das Totemtier weicht dem Gotte in noch
sehr deutlichen Übergängen. Zunächst trägt der
menschenge-
staltige Gott noch den Kopf des Tie-
res, später verwandelt er sich mit Vorliebe in
dies bestimmte Tier, dann wird dies Tier ihm
heilig und sein Lieblingsbe-
gleiter oder er hat das
Tier getötet und trägt selbst den Beinamen da-
S.
235
und die monotheistische Religion
nach. Zwischen dem Totemtier und dem Gotte
taucht der Heros auf, häufig als Vorstufe der
Vergottung. Die Idee einer höchsten Gottheit
scheint sich frühzeitig einzustellen, zunächst nur
schattenhaft, ohne Einmengung in die täglichen
Interessen des Menschen. Mit dem Zusammen-
schluss der Stämme und Völker zu größeren
Einheiten organisieren sich auch die Götter zu
Familien, zu Hierarchien. Einer unter ihnen
wird häufig zum Oberherrn über Götter und
Menschen erhöht. Zögernd geschieht dann der
weitere Schritt, nur einem Gott zu zollen, und
endlich erfolgt die Entscheidung, einem einzigen
Gott alle Macht einzuräumen und keine ande-
ren Götter neben ihm zu dulden. Erst damit
war die Herrlichkeit des Urhordenvaters wie-
derhergestellt, und die ihm geltenden Affekte
konnten wiederholt werden.
Die erste Wirkung des Zusammentreffens mit
dem so lange Vermissten und Ersehnten war
überwältigend und so, wie die Tradi-
tion der Ge-
setzgebung vom Berge Sinai sie beschreibt. Be-
wunderung, Ehrfurcht und Dankbarkeit dafür,
dass man Gnade gefunden in seinen Augen –
die Moses-Religion kennt keine anderen als die-
se positiven Gefühle gegen den Vatergott. Die
Überzeugung von seiner Unwiderstehlichkeit,
die Unterwerfung unter seinen Willen können
bei dem hilflosen, eingeschüchterten Sohn desS.
236
Hordenvaters nicht unbedingter gewesen sein,
ja, sie werden erst durch die Versetzung in das
primitive und infantile Milieu voll begreiflich.
Kindliche Gefühlsregungen sind in ganz ande-
rem Ausmass als die Erwachsener intensiv und
unausschöpfbar tief, nur die religiöse Extase
kann das wiederbringen. So ist ein Rausch der
Gottesergebenheit die nächste Reaktion auf die
Wiederkehr des grossen Vaters.
Die Richtung dieser Vaterreligion war damit
für alle Zeiten festgelegt, doch war ihre Ent-
wicklung damit nicht abgeschlossen. Zum We-
sen des Vaterverhältnisses gehört die Ambiva-
lenz; es konnte nicht ausbleiben, dass sich im
Laufe der Zeiten auch jene Feindseligkeit regen
wollte, die einst die Söhne angetrieben, den be-
wunderten und gefürchteten Vater zu töten. Im
Rahmen der Moses-Religion war für den direk-
ten Ausdruck des mörderischen Vaterhasses kein
Raum; nur eine mächtige Reaktion auf ihn
konnte zum Vorschein kommen, das Schuld-
bewusstsein wegen dieser Feindseligkeit, das
schlechte Gewissen, man habe sich gegen Gott
versündigt und höre nicht auf, zu sündigen. Die-
ses Schuldbewusstsein, das von den Propheten
ohne Unterlass wach gehalten wurde, das bald
einen integrierenden Inhalt des religiösen Sy-
stems bildete, hatte noch eine andere, oberfläch-
liche Motivierung, die seine wirkliche HerkunftS.
237
und die monotheistische Religion
geschickt maskierte. Es ging dem Volke schlecht,
die auf Gottes Gunst gesetzten Hoffnungen
wollten sich nicht erfüllen, es war nicht leicht,
an der über alles geliebten Illusion festzuhalten,
dass man Gottes auserwähltes Volk sei. Wollte
man auf dieses Glück nicht verzichten, so bot
das Schuldgefühl ob der eigenen Sündhaftigkeit
eine willkommene Entschuldung Gottes. Man
verdiente nichts Besseres, als von ihm bestraft zu
werden, weil man seine Gebote nicht hielt, und
im Bedürfnis, dieses Schuldgefühl, das unersätt-
lich war und aus soviel tieferer Quelle kam, zu
befriedigen, musste man diese Gebote immer
strenger, peinlicher und auch kleinlicher werden
lassen. In einem neuen Rausch moralischer As-
kese legte man sich immer neue Triebverzichte
auf und erreichte dabei wenigstens in Lehre und
Vorschrift ethische Höhen, die den anderen al-
ten Völkern unzugänglich geblieben waren. In
dieser Höhenentwicklung erblicken viele Juden
den zweiten Hauptcharakter und die zweite
grosse Leistung ihrer Religion. Aus unseren Er-
örterungen soll hervorgehen, wie sie mit der er-
steren, der Idee des einzigen Gottes, zusammen-
hängt. Diese Ethik kann aber ihren Ursprung
aus dem Schuldbewusstsein wegen der unter-
drückten Gottesfeindschaft nicht verleugnen.
Sie hat den unabgeschlossenen und unabschliess-
baren Charakter zwangsneurotischer Reaktions-
S.
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III. Moses, sein Volk,
bildungen; man errät auch, dass sie den gehei-
men Absichten der Bestrafung dient.
Die weitere Entwicklung geht über das Juden-
tum hinaus. Das übrige, was von der Urvater-
tragödie wiederkehrte, war mit der Moses-Reli-
gion in keiner Art mehr vereinbar. Das Schuld-
bewusstsein jener Zeit war längst nicht mehr auf
das jüdische Volk beschränkt, es hatte als ein
dumpfes Unbehagen, als eine Unheilsahnung,
deren Grund niemand anzugeben wusste, alle
Mittelmeervölker ergriffen. Die Geschichts-
schreibung unserer Tage spricht von einem Al-
tern der antiken Kultur; ich vermute, sie hat
nur Gelegenheitsursachen und Beihilfen zu jener
Völkerverstimmung erfasst. Die Klärung der
bedrückten Situation ging vom Judentum aus.
Ungeachtet aller Annäherungen und Vorberei-
tungen ringsum war es doch ein jüdischer Mann
Saulus aus Tarsus, der sich als römischer Bürger
Paulus nannte, in dessen Geist zuerst die Er-
kenntnis durchbrach: Wir sind so unglücklich,
weil wir Gottvater getötet haben. Und es ist
überaus verständlich, dass er dies Stück Wahr-
heit nicht anders erfassen konnte als in der
wahnhaften Einkleidung der frohen Botschaft:
Wir sind von aller Schuld erlöst, seitdem einer
von uns sein Leben geopfert hat, um uns zu ent-
sühnen. In dieser Formulierung war die Tötung
Gottes natürlich nicht erwähnt, aber ein Ver-
S.
239
und die monotheistische Religion
brechen, das durch einen Opfertod gesühnt wer-
den musste, konnte nur ein Mord gewesen sein.
Und die Vermittlung zwischen dem Wahn und
der historischen Wahrheit stellte die Versiche-
rung her, dass das Opfer Gottes Sohn gewesen
sei. Mit der Kraft, die ihm aus der Quelle histo-
rischer Wahrheit zufloss, warf dieser neue Glau-
be alle Hindernisse nieder; an die Stelle der be-
seligenden Auserwähltheit trat nun die befreien-
de Erlösung. Aber die Tatsache der Vatertötung
hatte bei ihrer Rückkehr in die Erinnerung der
Menschheit grössere Widerstände zu überwin-
den als die andere, die den Inhalt des Monothe-
ismus ausgemacht hatte; sie musste sich auch
eine stärkere Entstellung gefallen lassen. Das un
nennbare Verbrechen wurde ersetzt durch die
Annahme einer eigentlich schattenhaften Erb-
sünde.Erbsünde und Erlösung durch den Opfertod
wurden die Grundpfeiler der neuen, durch Paulus
begründeten Religion. Ob es in der Brüder-
schar, die sich gegen den Urvater empörte,
wirklich einen Anführer und Anstifter der
Mordtat gegeben hat oder ob diese Gestalt von
der Phantasie der Dichter zur Heroisierung der
eigenen Person später geschaffen und in die Tra-
dition eingefügt wurde, muss dahingestellt blei-
ben. Nachdem die christliche Lehre den Rah-
men des Judentums gesprengt hatte, nahm sieS.
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Bestandteile aus vielen anderen Quellen auf, ver
zichtete auf manche Züge des reinen Monothe
ismus, schmiegte sich in vielen Einzelheiten dem
Rituale der übrigen Mittelmeervölker an. Es
war, als ob neuerdings Ägypten Rache nähme
an den Erben des Ikhnaton. Beachtenswert ist,
in welcher Weise die neue Religion sich mit der
alten Ambivalenz im Vaterverhältnis ausein
andersetzte. Ihr Hauptinhalt war zwar die Ver
söhnung mit Gottvater, die Sühne des an ihm
begangenen Verbrechens, aber die andere Seite
der Gefühlsbeziehung zeigte sich darin, dass der
Sohn, der die Sühne auf sich genommen, selbst
Gott wurde neben dem Vater und eigentlich an
Stelle des Vaters. Aus einer Vaterreligion her
vorgegangen, wurde das Christentum eine Soh
nesreligion. Dem Verhängnis, den Vater besei
tigen zu müssen, ist es nicht entgangen.Nur ein Teil des jüdischen Volkes nahm die
neue Lehre an. Jene, die sich dessen weigerten,
heissen noch heute Juden. Sie sind durch diese
Scheidung noch schärfer von den anderen abge
sondert als vorher. Sie mussten von der neuen
Religionsgemeinschaft, die ausser Juden Ägyp
ter, Griechen, Syrer, Römer und endlich auch
Germanen aufgenommen hat, den Vorwurf hö
ren, dass sie Gott gemordet haben. Unverkürzt
würde dieser Vorwurf lauten: Sie wollen es
nicht wahr haben, dass sie Gott gemordet ha-
ben.S.
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und die monotheistische Religion
ben, während wir es zugeben und von dieser
Schuld gereinigt worden sind. Man sieht dann
leicht ein, wieviel Wahrheit hinter diesem Vor-
wurf steckt. Warum es den Juden unmöglich
gewesen ist, den Fortschritt mitzumachen, den
das Bekenntnis zum Gottesmord bei aller Ent-
stellung enthielt, wäre Gegenstand einer beson-
deren Untersuchung. Sie haben damit gewisser-
massen eine tragische Schuld auf sich geladen;
man hat sie dafür schwer büssen lassen.
Unsere Untersuchung hat vielleicht einiges Licht
auf die Frage geworfen, wie das jüdische Volk
die Eigenschaften erworben hat, die es kenn-
zeichnen. Weniger Aufklärung fand das Pro-
blem, wieso sie sich bis auf den heutigen Tag als
Individualität erhalten konnten. Aber erschöp-
fende Beantwortungen solcher Rätsel wird man
billigerweise weder verlangen noch erwarten
dürfen. Ein Beitrag, nach den eingangs erwähn-
ten Einschränkungen zu beurteilen, ist alles, was
ich bieten kann.
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Der Mann Moses und die monotheistische Religion1939-001/1939
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