• S.

    315

    die Leidenssymptome zu unterdrücken, wie es bei der hypnotischen
    Suggestion geschieht. Ferner, daß es irrig wäre zu glauben, dies
    Moment sei durchaus der Träger und Förderer der Behandlung. Zu
    Anfang wohl; aber später widersetzt es sich unseren analytischen
    Absichten und nötigt uns zu den ausgiebigsten Gegenmaßnahmen.
    Auch möchte ich Ihnen an einem Beispiel zeigen, wie ferne der
    analytischen Technik das Ablenken und Ausreden liegt. Wenn unser
    Patient an einem Schuldgefühl leidet, als ob er ein schweres Ver-
    brechen begangen hätte, so raten wir ihm nicht, sich unter Be-
    tonung seiner unzweifelhaften Schuldlosigkeit über diese Gewissens-
    qual hinwegzusetzen; das hat er schon selbst erfolglos versucht.
    Sondern wir mahnen ihn daran, daß eine so starke und anhaltende
    Empfindung doch in etwas Wirklichem begründet sein muß, was
    vielleicht aufgefunden werden kann.

    „Es sollte mich wundern,“ meint der Unparteiische, „wenn Sie
    durch solches Zustimmen das Schuldgefühl Ihres Patienten be-
    schwichtigen könnten. Aber was sind denn Ihre analytischen Ab-
    sichten und was nehmen Sie mit dem Patienten vor?“

    II

    Wenn ich Ihnen etwas Verständliches sagen soll, so muß ich
    Ihnen wohl ein Stück einer psychologischen Lehre mitteilen, die
    außerhalb der analytischen Kreise nicht bekannt ist oder nicht
    gewürdigt wird. Aus dieser Theorie wird sich leicht ableiten lassen,
    was wir von dem Kranken wollen und auf welche Art wir es
    erreichen. Ich trage sie Ihnen dogmatisch vor, als ob sie ein fertiges
    Lehrgebäude wäre. Glauben Sie aber nicht, daß sie gleich als solches
    wie ein philosophisches System entstanden ist. Wir haben sie sehr
    langsam entwickelt, um jedes Stückchen lange gerungen, sie in
    stetem Kontakt mit der Beobachtung fortwährend modifiziert, bis
    sie endlich eine Form gewonnen hat, in der sie uns für unsere

  • S.

    316

    Zwecke zu genügen scheint. Noch vor einigen Jahren hätte ich
    diese Lehre in andere Ausdrücke kleiden müssen. Ich kann Ihnen
    natürlich nicht dafür einstehen, daß die heutige Ausdrucksform
    die definitive bleiben wird. Sie wissen, Wissenschaft ist keine Offen-
    barung, sie entbehrt, lange über ihre Anfänge hinaus, der Charaktere
    der Bestimmtheit, Unwandelbarkeit, Unfehlbarkeit, nach denen sich
    das menschliche Denken so sehr sehnt. Aber so wie sie ist, ist sie
    alles, was wir haben können. Nehmen Sie hinzu, daß unsere Wissen-
    schaft sehr jung ist, kaum so alt wie das Jahrhundert, und daß
    sie sich ungefähr mit dem schwierigsten Stoff beschäftigt, der
    menschlicher Forschung vorgelegt werden kann, so werden Sie
    sich leicht in die richtige Einstellung zu meinem Vortrag versetzen
    können. Unterbrechen Sie mich aber nach Ihrem Belieben jedes-
    mal, wenn Sie mir nicht folgen können oder wenn Sie weitere
    Aufklärungen wünschen.

    „Ich unterbreche Sie, noch ehe Sie beginnen. Sie sagen, Sie
    wollen mir eine neue Psychologie vortragen, aber ich sollte meinen,
    die Psychologie ist keine neue Wissenschaft. Es hat genug Psycho-
    logie und Psychologen gegeben, und ich habe auf der Schule von
    großen Leistungen auf diesem Gebiete gehört.“

    Die ich nicht zu bestreiten gedenke. Aber wenn Sie näher prüfen,
    werden Sie diese großen Leistungen eher der Sinnesphysiologie
    einordnen müssen. Die Lehre vom Seelenleben konnte sich nicht
    entwickeln, weil sie durch eine einzige wesentliche Verkennung
    gehemmt war. Was umfaßt sie heute, wie sie an den Schulen
    gelehrt wird? Außer jenen wertvollen sinnesphysiologischen Ein-
    sichten eine Anzahl von Einteilungen und Definitionen unserer
    seelischen Vorgänge, die dank dem Sprachgebrauch Gemeingut
    aller Gebildeten geworden sind. Das reicht offenbar für die Auf-
    fassung unseres Seelenlebens nicht aus. Haben Sie nicht bemerkt,
    daß jeder Philosoph, Dichter, Historiker und Biograph sich seine
    eigene Psychologie zurecht macht, seine besonderen Voraussetzungen
    über den Zusammenhang und die Zwecke der seelischen Akte vor-

  • S.

    317

    bringt, alle mehr oder minder ansprechend und alle gleich un-
    zuverlässig? Da fehlt offenbar ein gemeinsames Fundament. Und
    daher kommt es auch, daß es auf psychologischem Boden sozusagen
    keinen Respekt und keine Autorität gibt. Jedermann kann da nach
    Belieben „wildern“. Wenn Sie eine physikalische oder chemische
    Frage aufwerfen, wird ein jeder schweigen, der sich nicht im
    Besitz von „Fachkenntnissen“ weiß. Aber wenn Sie eine psycho-
    logische Behauptung wagen, müssen sie auf Urteil und Widerspruch
    von jedermann gefaßt sein. Wahrscheinlich gibt es auf diesem
    Gebiet keine „Fachkenntnisse“. Jedermann hat sein Seelenleben
    und darum hält sich jedermann für einen Psychologen. Aber das
    scheint mir kein genügender Rechtstitel zu sein. Man erzählt, daß
    eine Person, die sich zur „Kinderfrau“ anbot, gefragt wurde, ob
    sie auch mit kleinen Kindern umzugehen verstehe. Gewiß, gab
    sie zur Antwort, ich war doch selbst einmal ein kleines Kind.
    „Und dies von allen Psychologen übersehene ‚gemeinsame Fun-
    dament‘ des Seelenlebens wollen Sie durch Beobachtungen an
    Kranken entdeckt haben?“

    Ich glaube nicht, daß diese Herkunft unsere Befunde entwertet.
    Die Embryologie z. B. verdiente kein Vertrauen, wenn sie nicht
    die Entstehung der angeborenen Mißbildungen glatt aufklären
    könnte. Aber ich habe Ihnen von Personen erzählt, deren Gedanken
    ihre eigenen Wege gehen, so daß sie gezwungen sind, über Probleme
    zu grübeln, die ihnen furchtbar gleichgültig sind. Glauben Sie, daß
    die Schulpsychologie jemals den mindesten Beitrag zur Aufklärung
    einer solchen Anomalie leisten konnte? Und endlich geschieht es
    uns allen, daß nächtlicherweile unser Denken eigene Wege geht
    und Dinge schafft, die wir dann nicht verstehen, die uns befremden
    und in bedenklicher Weise an krankhafte Produkte erinnern. Ich
    meine unsere Träume. Das Volk hat immer an dem Glauben fest-
    gehalten, daß Träume einen Sinn, einen Wert haben, etwas be-
    deuten. Diesen Sinn der Träume hat die Schulpsychologie nie
    angeben können. Sie wußte mit dem Traum nichts anzufangen;

  • S.

    318

    wenn sie Erklärungen versucht hat, waren es unpsychologische,
    wie Zurückführungen auf Sinnesreize, auf eine ungleiche Schlaf-
    tiefe verschiedener Hirnpartien u. dgl. Man darf aber sagen, eine
    Psychologie, die den Traum nicht erklären kann, ist auch für das
    Verständnis des normalen Seelenlebens nicht brauchbar, hat keinen
    Anspruch, eine Wissenschaft zu heißen.

    „Sie werden aggressiv, also haben Sie wohl eine empfindliche
    Stelle berührt. Ich habe ja gehört, daß man in der Analyse großen
    Wert auf Träume legt, sie deutet, Erinnerungen an wirkliche Be-
    gebenheiten hinter ihnen sucht usw. Aber auch, daß die Deutung
    der Träume der Willkür der Analytiker ausgeliefert ist, und daß
    diese selbst mit den Streitigkeiten über die Art Träume zu deuten,
    über die Berechtigung, aus ihnen Schlüsse zu ziehen, nicht fertig
    geworden sind. Wenn das so ist, so dürfen Sie den Vorzug, den
    die Analyse vor der Schulpsychologie gewonnen hat, nicht so dick
    unterstreichen.“

    Sie haben da wirklich viel Richtiges gesagt. Es ist wahr, daß
    die Traumdeutung für die Theorie wie für die Praxis der Analyse
    eine unvergleichliche Wichtigkeit gewonnen hat. Wenn ich
    aggressiv erscheine, so ist das für mich nur ein Weg der Ver-
    teidigung. Wenn ich aber an all den Unfug denke, den manche
    Analytiker mit der Deutung der Träume angestellt haben, könnte
    ich verzagt werden und dem pessimistischen Ausspruch unseres
    großen Satirikers Nestroy recht geben, der lautet: Ein jeder Fort-
    schritt ist immer nur halb so groß als er zuerst ausschaut! Aber
    haben Sie es je anders erfahren, als daß die Menschen alles ver-
    wirren und verzerren, was in ihre Hände fällt? Mit etwas Vor-
    sicht und Selbstzucht kann man die meisten der Gefahren der
    Traumdeutung sicher vermeiden. Aber glauben Sie nicht, daß ich
    nie zu meinem Vortrag kommen werde, wenn wir uns so ab-
    lenken lassen?

    „Ja, Sie wollten von der fundamentalen Voraussetzung der neuen
    Psychologie erzählen, wenn ich Sie recht verstanden habe.“

  • S.

    319

    Damit wollte ich nicht beginnen. Ich habe die Absicht, Sie
    hören zu lassen, welche Vorstellung von der Struktur des seelischen
    Apparats wir uns während der analytischen Studien gebildet haben.
    „Was heißen Sie den seelischen Apparat und woraus ist er gebaut,
    darf ich fragen?“

    Was der seelische Apparat ist, wird bald klar werden. Aus
    welchem Material er gebaut ist, danach bitte ich nicht zu fragen.
    Es ist kein psychologisches Interesse, kann der Psychologie ebenso
    gleichgültig sein wie der Optik die Frage, ob die Wände des Fern-
    rohrs aus Metall oder aus Pappendeckel gemacht sind. Wir werden
    den stofflichen Gesichtspunkt überhaupt bei Seite lassen, den
    räumlichen aber nicht. Wir stellen uns den unbekannten Apparat,
    der den seelischen Verrichtungen dient, nämlich wirklich wie ein
    Instrument vor, aus mehreren Teilen aufgebaut, – die wir In-
    stanzen heißen, – die ein jeder eine besondere Funktion ver-
    sehen, und die eine feste räumliche Beziehung zueinander haben,
    d. h. die räumliche Beziehung, das „vor“ und „hinter“, „ober-
    flächlich“ und „tief“ hat für uns zunächst nur den Sinn einer Dar-
    stellung der regelmäßigen Aufeinanderfolge der Funktionen. Bin
    ich noch verständlich?

    „Kaum, vielleicht verstehe ich es später, aber jedenfalls ist das
    eine sonderbare Anatomie der Seele, die es bei den Naturforschern
    doch gar nicht mehr gibt.“

    Was wollen Sie, es ist eine Hilfsvorstellung wie soviele in den
    Wissenschaften. Die allerersten sind immer ziemlich roh gewesen.
    Open to revision, kann man in solchen Fällen sagen. Ich halte es
    für überflüssig, mich hier auf das populär gewordene „Als ob“ zu
    berufen. Der Wert einer solchen – „Fiktion“ würde der Philosoph
    Vaihinger sie nennen – hängt davon ab, wieviel man mit ihr
    ausrichten kann.

    Also um fortzusetzen: Wir stellen uns auf den Boden der Alltags-
    weisheit und anerkennen im Menschen eine seelische Organisation,
    die zwischen seine Sinnesreize und die Wahrnehmung seiner

  • S.

    320

    Körperbedürfnisse einerseits, seine motorischen Akte anderseits ein
    geschaltet ist und in bestimmter Absicht zwischen ihnen vermittelt.
    Wir heißen diese Organisation sein Ich. Das ist nun keine Neuig
    keit, jeder von uns macht diese Annahme, wenn er kein Philosoph
    ist, und einige selbst, obwohl sie Philosophen sind. Aber wir glauben
    nicht, damit die Beschreibung des seelischen Apparats erschöpft zu
    haben. Außer diesem Ich erkennen wir ein anderes seelisches Gebiet,
    umfangreicher, großartiger und dunkler als das Ich, und dies heißen
    wir das Es. Das Verhältnis zwischen den beiden soll uns zunächst
    beschäftigen.

    Sie werden es wahrscheinlich beanständen, daß wir zur Be
    zeichnung unserer beiden seelischen Instanzen oder Provinzen ein
    fache Fürwörter gewählt haben, anstatt vollautende griechische
    Namen für sie einzuführen. Allein wir lieben es in der Psycho
    analyse, im Kontakt mit der populären Denkweise zu bleiben und
    ziehen es vor, deren Begriffe wissenschaftlich brauchbar zu machen,
    anstatt sie zu verwerfen. Es ist kein Verdienst daran, wir müssen
    so vorgehen, weil unsere Lehren von unseren Patienten verstanden
    werden sollen, die oft sehr intelligent sind, aber nicht immer
    gelehrt. Das unpersönliche Es schließt sich unmittelbar an gewisse
    Ausdrucksweisen des normalen Menschen an. „Es hat mich durch-
    zuckt,“ sagt man; „es war etwas in mir, was in diesem Augen-
    blick stärker war als ich.“ „C’était plus fort que moi.“

    In der Psychologie können wir nur mit Hilfe von Vergleichen
    beschreiben. Das ist nichts Besonderes, es ist auch anderwärts so.
    Aber wir müssen diese Vergleiche auch immer wieder wechseln,
    keiner hält uns lange genug aus. Wenn ich also das Verhältnis
    zwischen Ich und Es deutlich machen will, so bitte ich Sie, sich
    vorzustellen, das Ich sei eine Art Fassade des Es, ein Vordergrund,
    gleichsam eine äußerliche, eine Rindenschicht desselben. Der letztere
    Vergleich kann festgehalten werden. Wir wissen, Rindenschichten
    verdanken ihre besonderen Eigenschaften dem modifizierenden
    Einfluß des äußeren Mediums, an das sie anstoßen. So stellen wir

  • S.

    321

    uns vor, das Ich sei die durch den Einfluß der Außenwelt (der Re-
    alität) modifizierte Schichte des seelischen Apparats, des Es. Sie sehen
    dabei, in welcher Weise wir in der Psychoanalyse mit räumlichen
    Auffassungen Ernst machen. Das Ich ist uns wirklich das Oberfläch-
    liche, das Es das Tiefere, von außen betrachtet natürlich. Das Ich
    liegt zwischen der Realität und dem Es, dem eigentlich Seelischen.

    „Ich will Sie noch gar nicht fragen, woher man das alles wissen
    kann. Sagen Sie mir zunächst, was haben Sie von dieser Trennung
    eines Ich und eines Es, was nötig Sie dazu?“

    Ihre Frage weist mir den Weg zur richtigen Fortsetzung. Das
    Wichtige und Wertvolle ist nämlich zu wissen, daß das Ich und das
    Es in mehreren Punkten sehr voneinander abweichen; es gelten im
    Ich andere Regeln für den Ablauf seelischer Akte als im Es, das Ich
    verfolgt andere Absichten und mit anderen Mitteln. Darüber wäre
    sehr viel zu sagen, aber wollen Sie sich mit einem neuen Vergleich
    und einem Beispiel abfinden lassen? Denken Sie an den Unterschied
    zwischen der Front und dem Hinterland, wie er sich während des
    Krieges herausgebildet hatte. Wir haben uns damals nicht gewundert,
    daß an der Front manches anders vorging als im Hinterland, und
    daß im Hinterland vieles gestattet war, was an der Front verboten
    werden mußte. Der bestimmende Einfluß war natürlich die Nähe
    des Feindes, für das Seelenleben ist es die Nähe der Außenwelt.
    Draußen – fremd – feindlich waren einmal identische Begriffe.
    Und nun das Beispiel: im Es gibt es keine Konflikte; Widersprüche,
    Gegensätze bestehen unbeirrt nebeneinander und gleichen sich oft
    durch Kompromißbildungen ab. Das Ich empfindet in solchen Fällen
    einen Konflikt, der entschieden werden muß, und die Entscheidung
    besteht darin, daß eine Streung zugunsten der anderen aufgegeben
    wird. Das Ich ist eine Organisation, ausgezeichnet durch ein sehr
    merkwürdiges Streben nach Vereinheitlichung, nach Synthese; dieser Charakter fehlt dem Es, es ist – sozusagen – zerfahren, seine
    einzelnen Strebungen verfolgen ihre Absichten unabhängig von
    und ohne Rücksicht aufeinander.

  • S.

    322

    „Und wenn ein so wichtiges seelisches Hinterland existiert, wie
    können Sie mir begreiflich machen, daß es bis zur Zeit der Analyse
    übersehen wurde?“

    Damit sind wir zu einer Ihrer früheren Fragen zurückgekehrt.
    Die Psychologie hatte sich den Zugang zum Gebiet des Es ver-
    sperrt, indem sie an einer Voraussetzung festhielt, die nahe genug
    liegt, aber doch nicht haltbar ist. Nämlich, daß alle seelischen
    Akte uns bewußt sind, daß Bewußtsein das Kennzeichen des See-
    lischen ist, und daß, wenn es nichtbewußte Vorgänge in unserem
    Gehirn gibt, diese nicht den Namen seelischer Akte verdienen
    und die Psychologie nichts angehen.

    „Ich meine, das ist doch selbstverständlich.“

    Ja, das meinen die Psychologen auch, aber es ist doch leicht zu
    zeigen, daß es falsch, d. h. eine ganz unzweckmäßige Sonderung
    ist. Die bequemste Selbstbeobachtung lehrt, daß man Einfälle haben
    kann, die nicht ohne Vorbereitung zustande gekommen sein können.
    Aber von diesen Vorstufen Ihres Gedankens, die doch wirklich auch
    seelischer Natur gewesen sein müssen, erfahren Sie nichts, in Ihr
    Bewußtsein tritt nur das fertige Resultat. Gelegentlich können Sie
    sich nachträglich diese vorbereitenden Gedankenbildungen wie
    in einer Rekonstruktion bewußt machen.

    „Wahrscheinlich war die Aufmerksamkeit abgelenkt, so daß man
    diese Vorbereitungen nicht bemerkt hat.“

    Ausflüchte! Sie kommen so um die Tatsache nicht herum, daß
    in Ihnen Akte seelischer Natur, oft sehr komplizierte, vorgehen
    können, von denen Ihr Bewußtsein nichts erfährt, von denen Sie
    nichts wissen. Oder sind Sie zu der Annahme bereit, daß etwas
    mehr oder weniger von Ihrer „Aufmerksamkeit“ hinreicht, um
    einen nicht seelischen Akt in einen seelischen zu verwandeln?
    Übrigens wozu der Streit? Es gibt hypnotische Experimente, in
    denen die Existenz solcher nicht bewußter Gedanken für jeder-
    mann, der lernen will, unwiderleglich demonstriert wird.

    „Ich will nicht leugnen, aber ich glaube, ich verstehe Sie end-

  • S.

    323

    lich. Was Sie Ich heißen, ist das Bewußtsein und Ihr Es ist das
    sogenannte Unterbewußtsein, von dem jetzt so viel die Rede ist.
    Aber wozu die Maskerade durch die neuen Namen?“

    Es ist keine Maskerade, diese anderen Namen sind unbrauchbar.
    Und versuchen Sie nicht, mir Literatur anstatt Wissenschaft zu
    geben. Wenn jemand vom Unterbewußtsein spricht, weiß ich nicht,
    meint er es topisch, etwas, was in der Seele unterhalb des Bewußt-
    seins liegt, oder qualitativ, ein anderes Bewußtsein, ein unterirdi-
    sches gleichsam. Wahrscheinlich macht er sich überhaupt nichts
    klar. Der einzig zulässige Gegensatz ist der zwischen bewußt und
    unbewußt. Aber es wäre ein folgenschwerer Irrtum zu glauben,
    dieser Gegensatz fiele mit der Scheidung von Ich und Es zusammen.
    Allerdings, es wäre wunderschön, wenn es so einfach wäre, unsere
    Theorie hätte dann ein leichtes Spiel, aber es ist nicht so einfach.
    Richtig ist nur, daß alles, was im Es vorgeht, unbewußt ist und
    bleibt, und daß die Vorgänge im Ich bewußt werden können, sie
    allein. Aber sie sind es nicht alle, nicht immer, nicht notwendig
    und große Anteile des Ichs können dauernd unbewußt bleiben.

    Mit dem Bewußtwerden eines seelischen Vorganges ist es eine
    komplizierte Sache. Ich kann es mir nicht versagen, Ihnen –
    wiederum dogmatisch – darzustellen, was wir darüber annehmen.
    Sie erinnern sich, das Ich ist die äußere, peripherische Schicht des
    Es. Nun glauben wir, an der äußersten Oberfläche dieses Ichs be-
    finde sich eine besondere, der Außenwelt direkt zugewendete In-
    stanz, ein System, ein Organ, durch dessen Erregung allein das
    Phänomen, das wir Bewußtsein heißen, zustande kommt. Dies Organ
    kann ebensowohl von außen erregt werden, nimmt also mit Hilfe
    der Sinnesorgane die Reize der Außenwelt auf, wie auch von innen
    her, wo es zuerst die Sensationen im Es und dann auch die Vor-
    gänge im Ich zur Kenntnis nehmen kann.

    „Das wird immer ärger und entzieht sich immer mehr meinem
    Verständnis. Sie haben mich doch zu einer Unterredung über die
    Frage eingeladen, ob auch Laien = Nichtärzte analytische Behand-

  • S.

    324

    lungen unternehmen sollen. Wozu dann diese Auseinandersetzungen
    über gewagte, dunkle Theorien, von deren Berechtigung Sie mich
    doch nicht überzeugen können?“

    Ich weiß, daß ich Sie nicht überzeugen kann. Es liegt außer-
    halb jeder Möglichkeit und darum auch außerhalb meiner Absicht.
    Wenn wir unseren Schülern theoretischen Unterricht in der Psycho-
    analyse geben, so können wir beobachten, wie wenig Eindruck
    wir ihnen zunächst machen. Sie nehmen die analytischen Lehren
    mit derselben Kühle hin wie andere Abstraktionen, mit denen sie
    genährt wurden. Einige wollen vielleicht überzeugt werden, aber
    keine Spur davon, daß sie es sind. Nun verlangen wir auch, daß
    jeder, der die Analyse an anderen ausüben will, sich vorher selbst
    einer Analyse unterwerfe. Erst im Verlauf dieser „Selbstanalyse“
    (wie sie mißverständlich genannt wird), wenn sie die von der
    Analyse behaupteten Vorgänge am eigenen Leib – richtiger: an
    der eigenen Seele – tatsächlich erleben, erwerben sie sich die
    Überzeugungen, von denen sie später als Analytiker geleitet werden.
    Wie darf ich also erwarten, Sie, den Unparteiischen, von der Richtig-
    keit unserer Theorien zu überzeugen, dem ich nur eine unvoll-
    ständige, verkürzte und darum undurchsichtige Darstellung der
    selben ohne Bekräftigung durch Ihre eigenen Erfahrungen vorlegen
    kann?

    Ich handle in anderer Absicht. Es ist zwischen uns gar nicht
    die Frage, ob die Analyse klug oder unsinnig ist, ob sie in ihren
    Aufstellungen recht hat oder in grobe Irrtümer verfällt. Ich rolle
    unsere Theorien vor Ihnen auf, weil ich Ihnen so am besten klar-
    machen kann, welchen Gedankeninhalt die Analyse hat, von welchen
    Voraussetzungen sie beim einzelnen Kranken ausgeht, und was sie
    mit ihm vornimmt. Dadurch wird dann ein ganz bestimmtes Licht
    auf die Frage der Laienanalyse geworfen werden. Seien Sie übrigens
    ruhig, Sie haben, wenn Sie mir soweit gefolgt sind, das Ärgste
    überstanden, alles Folgende wird Ihnen leichter werden. Jetzt aber
    lassen Sie mich eine Atempause machen.