• S.

    II

    Vom Jahre 1902 an scharte sich eine Anzahl jüngerer Ärzte
    um mich in der ausgesprochenen Absicht, die Psychoanalyse zu
    erlernen, auszuüben und zu verbreiten. Ein Kollege, welcher die
    gute Wirkung der analytischen Therapie an sich selbst erfahren
    hatte, gab die Anregung dazu. Man kam an bestimmten Abenden
    in meiner Wohnung zusammen, diskutierte nach gewissen Regeln,
    suchte sich in dem befremdlich neuen Forschungsgebiete zu
    orientieren und das Interesse anderer dafür zu gewinnen. Eines
    Tages führte sich ein absolvierter Gewerbeschüler durch ein Manu-
    skript bei uns ein, welches außerordentliches Verständnis verriet.
    Wir bewogen ihn die Gymnasialstudien nachzuholen, die Uni-
    versität zu besuchen und sich den nichtärztlichen Anwendungen
    der Psychoanalyse zu widmen. Der kleine Verein erwarb so einen
    eifrigen und verläßlichen Sekretär, ich gewann an Otto Rank1)
    den treuesten Helfer und Mitarbeiter.

    Der kleine Kreis dehnte sich bald aus, wechselte im Laufe der
    nächsten Jahre vielfach in seiner Zusammensetzung. Im ganzen
    durfte ich mir sagen, in dem Reichtum und der Mannigfaltigkeit
    der Begabungen, die er umschloß, stand er kaum hinter dem
    Stab eines beliebigen klinischen Lehrers zurück. Von Anfang an
    waren jene Männer darunter, die in der Geschichte der psycho-
    analytischen Bewegung später so bedeutungsvolle, wenn auch nicht


    1)Gegenwärtig Leiter des Intern. Psychoanalyt. Verlages und Redakteur der
    „Intern. Zeitschr. f. Psychoanalyse“ und der „Imago“ von beider Beginnen an.

  • S.

    431

    immer erfreuliche Rollen spielen sollten. Aber diese Entwicklung
    konnte man damals noch nicht ahnen. Ich durfte zufrieden sein,
    und ich meine, ich tat alles, um den anderen zugänglich zu
    machen, was ich wußte und erfahren hatte. Von übler Vor-
    bedeutung waren nur zwei Dinge, die mich endlich dem Kreise
    innerlich entfremdeten. Es gelang mir nicht, unter den Mit-
    gliedern jenes freundschaftliche Einvernehmen herzustellen, das
    unter Männern, welche dieselbe schwere Arbeit leisten, herrschen
    soll, und ebensowenig die Prioritätsstreitigkeiten zu ersticken, zu
    denen unter den Bedingungen der gemeinsamen Arbeit reichlicher
    Anlaß gegeben war. Die Schwierigkeiten der Unterweisung in der
    Ausübung der Psychoanalyse, die ganz besonders groß sind und
    an vielen der heutigen Zerwürfnisse die Schuld tragen, machten
    sich bereits in der privaten Wiener psychoanalytischen Vereinigung
    geltend. Ich selbst wagte es nicht, eine noch unfertige Technik
    und eine im steten Fluß begriffene Theorie mit jener Autorität
    vorzutragen, die den anderen wahrscheinlich manche Irrwege und
    endliche Entgleisungen erspart hätte. Die Selbständigkeit der
    geistigen Arbeiter, ihre frühe Unabhängigkeit vom Lehrer, ist
    psychologisch immer befriedigend; ein Gewinn in wissenschaftlicher
    Hinsicht ergibt sich aus ihr nur, wenn bei diesen Arbeitern
    gewisse, nicht allzu häufig vorkommende persönliche Bedingungen
    erfüllt sind. Gerade die Psychoanalyse hätte eine lange und strenge
    Zucht und Erziehung zur Selbstzucht gefordert. Der Tapferkeit
    wegen, die sich in der Hingabe an eine so verpönte und aus-
    sichtslose Sache erwies, war ich geneigt, den Mitgliedern der
    Vereinigung mancherlei angehen zu lassen, woran ich sonst Anstoß
    genommen hätte. Der Kreis umfaßte übrigens nicht nur Ärzte,
    sondern auch andere Gebildete, welche in der Psychoanalyse
    etwas Bedeutsames erkannt hatten, Schriftsteller, Künstler usw.
    Die „Traumdeutung“, das Buch über den „Witz“ u. a. hatten
    von vornherein gezeigt, daß die Lehren der Psychoanalyse nicht
    auf das ärztliche Gebiet beschränkt bleiben können, sondern der

  • S.

    432

    Anwendung auf verschiedenartige andere Geisteswissenschaften
    fähig sind.

    Von 1907 an änderte sich die Situation gegen alle Erwartungen
    und wie mit einem Schlage. Man erfuhr, daß die Psychoanalyse
    in aller Stille Interesse erweckt und Freunde gefunden habe, ja,
    daß es wissenschaftliche Arbeiter gebe, welche bereit seien, sich
    zu ihr zu bekennen. Eine Zuschrift von Bleuler hatte mich
    schon früher wissen lassen, daß meine Arbeiten im Burghölzli
    studiert und verwertet würden. Im Jänner 1907 kam der erste
    Angehörige der Züricher Klinik, Dr. Eitingon,1) nach Wien, es
    folgten bald andere Besuche, die einen lebhaften Gedanken-
    austausch anbahnten; endlich kam es über Einladung von
    C. G. Jung, damals noch Adjunkt am Burghölzli, zu einer ersten
    Zusammenkunft in Salzburg im Frühjahre 1908, welche die
    Freunde der Psychoanalyse von Wien, Zürich und anderen Orten
    her vereinigte. Eine Frucht dieses ersten psychoanalytischen Kon-
    gresses war die Gründung einer Zeitschrift, welche als „Jahr-
    buch für psychoanalytische und psychopatho-
    logische Forschungen“, herausgegeben von Bleuler und
    Freud, redigiert von Jung, im Jahre 1909 zu erscheinen begann.
    Eine innige Arbeitsgemeinschaft zwischen Wien und Zürich fand
    in dieser Publikation ihren Ausdruck.

    Ich habe die großen Verdienste der Züricher psychiatrischen
    Schule um die Ausbreitung der Psychoanalyse, des besonderen
    die von Bleuler und Jung, wiederholt dankend anerkannt und
    stehe nicht an, dies heute, unter so veränderten Verhältnissen,
    von neuem zu tun. Gewiß war es nicht erst die Parteinahme
    der Züricher Schule, welche damals die Aufmerksamkeit der
    wissenschaftlichen Welt auf die Psychoanalyse richtete. Die
    Latenzzeit war eben abgelaufen und an allen Orten wurde die
    Psychoanalyse Gegenstand eines sich steigernden Interesses. Aber
    an allen anderen Orten ergab diese Zuwendung von Interesse


    1)Der spätere Gründer der „Psychoanalytischen Poliklinik“ in Berlin.

  • S.

    433

    zunächst nichts anderes, als eine meist leidenschaftlich akzentuierte
    Ablehnung, in Zürich hingegen wurde die prinzipielle Überein-
    stimmung der Grundton des Verhältnisses. An keiner anderen
    Stelle fand sich auch ein so kompaktes Häuflein von Anhängern
    beisammen, konnte eine öffentliche Klinik in den Dienst der
    psychoanalytischen Forschung gestellt werden, oder war ein
    klinischer Lehrer zu sehen, der die psychoanalytische Lehre als
    integrierenden Bestandteil in den psychiatrischen Unterricht auf-
    nahm. Die Züricher wurden so die Kerntruppe der kleinen, für
    die Würdigung der Analyse kämpfenden Schar. Bei ihnen allein
    war Gelegenheit, die neue Kunst zu erlernen und Arbeiten in
    ihr auszuführen. Die meisten meiner heutigen Anhänger und
    Mitarbeiter sind über Zürich zu mir gekommen, selbst solche, die
    es geographisch weit näher nach Wien hatten als nach der
    Schweiz. Wien liegt exzentrisch für den Westen Europas, der die
    großen Zentren unserer Kultur beherbergt; sein Ansehen wird
    seit vielen Jahren durch schwerwiegende Vorurteile beeinträchtigt.
    In der geistig so rührigen Schweiz strömen Vertreter der bedeut-
    samsten Nationen zusammen; ein Infektionsherd an dieser Stelle
    mußte für die Ausbreitung der psychischen Epidemie, wie Hoche
    in Freiburg sie genannt hatte, besonders wichtig werden.

    Nach dem Zeugnis eines Kollegen, der die Entwicklung im
    Burghölzli mitgemacht, kann man feststellen, daß die Psycho-
    analyse dort schon sehr frühzeitig Interesse erweckte. In Jungs
    1902 veröffentlichter Schrift über okkulte Phänomene findet sich
    bereits ein erster Hinweis auf die Traumdeutung. Von 1903 oder
    1904 an, berichtet mein Gewährsmann, stand die Psychoanalyse
    im Vordergrunde. Nach der Anknüpfung persönlicher Beziehungen
    zwischen Wien und Zürich bildete sich, Mitte des Jahres 1907,
    auch im Burghölzli ein zwangloser Verein, der in regelmäßigen
    Zusammenkünften die Probleme der Psychoanalyse diskutierte. Bei
    der Union, die sich zwischen der Wiener und der Züricher
    Schule vollzog, waren die Schweizer keineswegs der bloß empfangende

  • S.

    434

    Teil. Sie hatten selbst bereits respektable wissenschaftliche Arbeit
    geleistet, deren Ergebnisse der Psychoanalyse zugute kamen. Das
    von der Wundtschen Schule angegebene Assoziationsexperiment
    war von ihnen im Sinne der Psychoanalyse gedeutet worden und
    hatte ihnen unerwartete Verwertungen gestattet. Es war so möglich
    geworden, rasche experimentelle Bestätigungen von psycho-
    analytischen Tatbeständen zu erbringen und einzelne Verhältnisse
    dem Lernenden zu demonstrieren, von denen der Analytiker
    nur hätte erzählen können. Es war die erste Brücke geschlagen
    worden, die von der Experimentalpsychologie zur Psychoanalyse
    führte.

    Das Assoziationsexperiment ermöglicht in der psychoanalytischen
    Behandlung eine vorläufige qualitative Analyse des Falles, leistet
    aber keinen wesentlichen Beitrag zur Technik und ist bei der
    Ausführung von Analysen eigentlich entbehrlich. Bedeutsamer
    noch war eine andere Leistung der Züricher Schule oder ihrer
    beiden Führer Bleuler und Jung. Der erstere wies nach, daß
    bei einer ganzen Anzahl von rein psychiatrischen Fällen die
    Erklärung durch solche Vorgänge in Betracht käme, wie sie mit
    Hilfe der Psychoanalyse für den Traum und die Neurosen erkannt
    worden waren („Freudsche Mechanismen“). Jung wendete das
    analytische Deutungsverfahren mit Erfolg auf die sonderbarsten
    und dunkelsten Phänomene der Dementia praecox an, deren
    Herkunft aus der Lebensgeschichte und den Lebensinteressen der
    Kranken dann klar zutage trat. Von da an war es den Psychiatern
    unmöglich gemacht, die Psychoanalyse noch länger zu ignorieren.
    Das große Werk von Bleuler über die Schizophrenie (1911),
    in welchem die psychoanalytische Betrachtungs-
    weise gleichberechtigt
    neben die klinisch-systematische hingestellt wurde, brachte diesen
    Erfolg zur Vollendung.

    Ich will es nicht unterlassen, auf einen Unterschied hinzu-
    weisen, der schon damals in der Arbeitsrichtung der beiden
    Schulen deutlich war. Ich hatte bereits im Jahre 1897 die Analyse

  • S.

    435

    eines Falles von Schizophrenie veröffentlicht, der aber paranoides
    Gepräge trug, so daß seine Auflösung den Eindruck der Jungschen
    Analysen nicht vorwegnehmen konnte. Mir war aber nicht die
    Deutbarkeit der Symptome, sondern der psychische Mechanismus
    stimmung dieses Mechanismus mit dem bereits erkannten der
    Hysterie. Auf die Differenzen zwischen den beiden fiel damals
    noch kein Licht. Ich zielte nämlich bereits zu jener Zeit auf
    eine Libidotherapie der Neurosen hin, welche alle neurotischen
    wie psychotischen Erscheinungen aus abnormen Schicksalen der
    Libido, also aus Ablenkungen derselben von ihrer normalen Ver-
    wendung, erklären sollte. Dieser Gesichtspunkt ging den
    Schweizer Forschern ab. Bleuler hält meines Wissens auch
    heute an einer organischen Verursachung der Formen von
    Dementia praecox fest, und Jung, dessen Buch über diese
    Erkrankung 1907 erschienen war, vertrat 1908 auf dem Salzburger
    Kongresse die toxische Theorie derselben, die sich, allerdings
    ohne sie auszuschließen, über die Libidotheorie hinaussetzt. An
    dem nämlichen Punkte ist er dann später (1912) gescheitert, indem
    er nun zuviel von dem Stoffe nahm, dessen er sich vorher nicht
    bedienen wollte.

    Einen dritten Beitrag der Schweizer Schule, der vielleicht ganz
    auf die Rechnung Jungs zu setzen ist, kann ich nicht so hoch
    einschätzen, wie es von Fernstehenden geschieht. Ich meine die
    Lehre von den Komplexen, die aus den „Diagnostischen
    Assoziationsstudien“ (1906 bis 1910) erwuchs. Sie hat weder
    selbst eine psychologische Theorie ergeben noch eine zwanglose
    Einfügung in den Zusammenhang der psychoanalytischen Lehren
    gestattet. Hingegen hat sich das Wort „Komplex“ als bequemer,
    oft unentbehrlicher Terminus zur deskriptiven Zusammenfassung
    psychologischer Tatbestände Bürgerrecht in der Psychoanalyse
    erworben. Kein anderer der von dem psychoanalytischen Bedürfnis
    neugeschaffenen Namen und Bezeichnungen hat eine ähnlich

  • S.

    436

    weitgehende Popularität erreicht und so viel mißbräuchliche
    Verwendung zum Schaden schärferer Begriffsbildungen gefunden.
    Man begann in der Umgangssprache der Psychoanalytiker von
    „Komplexrückkehr“ zu reden, wo man die „Rückkehr des Ver-
    drängten“ meinte, oder man gewöhnte sich zu sagen: Ich habe
    einen Komplex gegen ihn, wo es korrekter nur lauten konnte:
    einen Widerstand.

    In den Jahren von 1907 an, die auf den Zusammenschluß der
    Schulen von Wien und Zürich folgten, nahm die Psychoanalyse
    jenen außerordentlichen Aufschwung, in dessen Zeichen sie sich
    heute noch befindet, und der ebenso sicher bezeugt ist durch die
    Verbreitung der ihr dienenden Schriften und die Zunahme der
    Ärzte, welche sie ausüben oder erlernen wollen, wie durch die
    Häufung der Angriffe gegen sie auf Kongressen und in gelehrten
    Gesellschaften. Sie wanderte in die fernsten Länder, schreckte
    überall nicht nur die Psychiater auf, sondern machte auch die
    gebildeten Laien und die Arbeiter auf anderen Wissensgebieten
    aufhorchend. Havelock Ellis, der ihrer Entwicklung mit
    Sympathie gefolgt war, ohne sich jemals ihren Anhänger zu
    nennen, schrieb 1911 in einem Bericht an den Australasiatischen
    medizinischen Kongreß: „Freud’s psychoanalysis is now cham-
    pioned and carried out not only in Austria and in Switzerland,
    but in the United States, in England, in India, in Canada, and,
    I doubt not, in Australasia.“1) Ein (wahrscheinlich deutscher) Arzt
    aus Chile trat auf dem internationalen Kongreß in Buenos Aires
    1910 für die Existenz der infantilen Sexualität ein und lobte die
    Erfolge der psychoanalytischen Therapie bei Zwangssymptomen;2)
    ein englischer Nervenarzt in Zentralindien (Berkeley-Hill)
    ließ mir durch einen distinguierten Kollegen, der nach Europa
    reiste, mitteilen, daß die mohammedanischen Hindus, an denen er


    1)Havelock Ellis, The doctrines of the Freud School.

    2)G. Greve. Sobre Psicologia y Psicoterapia de ciertos Estados angustiosos.
    S. Zentralbl. f. Psychoanalyse, Bd. I, S. 594.

  • S.

    437

    die Analyse ausübe, keine andere Ätiologie ihre Neurosen erkennen
    ließen als unsere europäischen Patienten.

    Die Einführung der Psychoanalyse in Nordamerika ging unter
    besonders ehrenvollen Anzeichen vor sich. Im Herbst 1909 wurden
    Jung und ich von Stanley Hall, dem Präsidenten der Clark
    University in Worcester (bei Boston), eingeladen, uns an der
    zwanzigjährigen Gründungsfeier des Institutes durch Abhaltung
    von Vorträgen in deutscher Sprache zu beteiligen. Wir fanden zu
    unserer großen Überraschung, daß die vorurteilslosen Männer
    jener kleinen, aber angesehenen pädagogisch-philosophischen
    Universität alle psychoanalytischen Arbeiten kannten und in
    den Vorträgen für ihre Schüler gewürdigt hatten. In dem
    so prüden Amerika konnte man wenigstens in akademischen
    Kreisen alles, was im Leben als anstößig galt, frei be-
    sprechen und wissenschaftlich behandeln. Die fünf Vorträge,
    die ich in Worcester improvisiert habe, erschienen dann im
    American Journ. of Psychology in englischer Übersetzung, bald
    darauf deutsch unter dem Titel „Über Psychoanalyse“; Jung
    las über diagnostische Assoziationsstudien und über „Konflikte der
    kindlichen Seele“. Wir wurden dafür mit dem Ehrentitel von
    LL. D. (Doktoren beider Rechte) belohnt. Die Psychoanalyse war
    während jener Festwoche in Worcester durch fünf Personen ver-
    treten, außer Jung und mir waren es Ferenczi, der sich mir
    als Reisebegleiter angeschlossen hatte, Ernest Jones, damals an
    der Universität in Toronto (Kanada), jetzt in London, und A. Brill,
    der bereits in New York analytische Praxis ausübte.

    Die bedeutsamste persönliche Beziehung, die sich in Worcester
    noch ergab, war die zu James J. Putnam, dem Lehrer der
    Neuropathologie an der Harvard University, der vor Jahren ein
    abfälliges Urteil über die Psychoanalyse ausgesprochen hatte, sich
    jetzt aber rasch mit ihr befreundete und sie in zahlreichen inhalt-
    reichen wie formschönen Vorträgen seinen Landsleuten und
    Fachgenossen empfahl. Der Respekt, den sein Charakter ob seiner

  • S.

    438

    hohen Sittlichkeit und kühnen Wahrheitsliebe in Amerika genoß,
    kam der Psychoanalyse zugute und deckte sie gegen die Denun-
    ziationen, denen sie sonst wahrscheinlich zeitig erlegen wäre.
    Putnam hat dann später dem großen ethischen und philosophischen
    Bedürfnis seiner Natur allzusehr nachgegeben und an die Psychoanalyse
    die, wie ich meine, unerfüllbare Forderung gestellt, daß sie sich in
    den Dienst einer bestimmten sittlich-philosophischen Weltanschauung
    finden solle; er ist aber die Hauptstütze der psychoanalytischen
    Bewegung in seinem Heimatlande geblieben.1)
    Um die Ausbreitung dieser Bewegung erwarben sich dann
    Brill und Jones die größten Verdienste, indem sie in ihren
    Arbeiten in selbstverleugnender Emsigkeit die leicht zu beob-
    achtenden Grundtatsachen des Alltagslebens, des Traumes und
    der Neurose immer wieder von neuem ihren Landsleuten vor
    Augen führten. Brill hat diese Einwirkung durch seine ärztliche
    Tätigkeit und durch die Übersetzung meiner Schriften, Jones
    durch lehrreiche Vorträge und schlagfertige Diskussionen auf den
    amerikanischen Kongressen verstärkt.2)
    Der Mangel einer eingewurzelten wissenschaftlichen Tradition
    und die geringere Strammheit der offiziellen Autorität sind der
    von Stanley Hall für Amerika gegebenen Anregung entschieden
    vorteilhaft gewesen. Es war dort auch von allem Anfang an
    charakteristisch, daß sich Professoren und Leiter von Irrenanstalten
    in gleichem Maße wie selbständige Praktiker an der Analyse
    beteiligt zeigten. Aber gerade darum ist es klar, daß der Kampf
    um die Analyse dort seine Entscheidung finden muß, wo sich
    die größere Resistenz ergeben hat, auf dem Boden der alten
    Kulturzentren.


    1)S. J. J. Putnam, Addresses on Psycho-Analysis, Internat. Psycho-Analytical
    Library Nr. 1, 1921. – Putnam starb 1918.

    2)Die Publikationen beider Autoren sind gesammelt erschienen: Brill, Psycho-
    analysis, Its theories and practical applications, 1912, und E. Jones, Papers on
    Psychoanalysis, 1913. Vom ersten Buch ist 1914, vom anderen 1918 eine sehr ver-
    stärkte Second Edition (1923 eine dritte) erschienen.

  • S.

    439


    Von den europäischen Ländern hat bisher Frankreich sich am
    unempfänglichsten für die Psychoanalyse erwiesen, obwohl verdienst-
    volle Arbeiten des Züricher A. Maeder dem französischen Leser
    einen bequemen Zugang zu deren Lehren eröffnet hatten. Die
    ersten Regungen von Teilnahme kamen aus der französischen
    Provinz. Morichau-Beauchamp (Poitiers) war der erste
    Franzose, der sich öffentlich zur Psychoanalyse bekannte. Régis
    und Hesnard (Bordeaux) haben erst kürzlich (1913) in einer
    ausführlichen, nicht immer verständnisvollen Darstellung, die an
    der Symbolik besonderen Anstoß nimmt, die Vorurteile ihrer
    Landsleute gegen die neue Lehre zu zerstreuen gesucht. In Paris
    selbst scheint noch die Überzeugung zu herrschen, der auf dem
    Londoner Kongreß 1913 Janet so beredten Ausdruck gab, daß
    alles, was gut an der Psychoanalyse sei, mit geringen Abänderungen
    die Janetschen Ansichten wiederhole, alles darüber hinaus aber
    sei von Übel. Janet mußte sich noch auf diesem Kongreß
    selbst eine Reihe von Zurechtweisungen von E. Jones gefallen
    lassen, der ihm seine geringe Sachkenntnis vorhalten konnte. Seine
    Verdienste um die Psychologie der Neurosen können wir trotzdem
    nicht vergessen, auch wenn wir seine Ansprüche zurückweisen.

    In Italien blieb nach einigen vielversprechenden Anfängen die
    weitere Beteiligung aus. In Holland fand die Analyse durch
    persönliche Beziehungen frühzeitig Eingang; van Emden, van
    Ophuijsen, van Renterghem („Freud en zijn School“)
    und die beiden Stärcke sind dort theoretisch und praktisch
    mit Erfolg tätig.1) Das Interesse der wissenschaftlichen Kreise
    Englands für die Analyse hat sich sehr langsam entwickelt, aber
    alle Anzeichen sprechen dafür, daß ihr gerade dort, begünstigt von
    dem Sinn der Engländer für Tatsächliches und ihrer leidenschaft-
    lichen Parteinahme für Gerechtigkeit, eine hohe Blüte bevorsteht.

    1)Die erste offizielle Anerkennung, welcher Traumdeutung und Psychoanalyse in
    Europa teilhaftig wurden, spendete ihnen der Psychiater Jelgersma als Rektor
    der Universität Leiden in seiner Rektorrede vom 9. Februar 1914. („Unbewußtes
    Geistesleben“. Beihefte der Intern. Zeitschrift für Psychoanalyse, Nr. 1.)

  • S.

    440

    In Schweden hat P. Bjerre, der Nachfolger in der ärztlichen
    Tätigkeit Wetterstrands, die hypnotische Suggestion für die
    analytische Behandlung, wenigstens zeitweilig, aufgegeben. R. Vogt
    (Kristiania) hat bereits 1907 die Psychoanalyse in seinem
    „Psykiatriens grundtraek“ gewürdigt, so daß das erste Lehrbuch
    der Psychiatrie, welches von der Psychoanalyse Kenntnis nahm,
    ein in norwegischer Sprache geschriebenes war. In Rußland ist
    die Psychoanalyse sehr allgemein bekannt und verbreitet worden;
    fast alle meine Schriften sowie die anderer Anhänger der
    Analyse sind ins Russische übersetzt. Ein tieferes Verständnis der
    analytischen Lehren hat sich aber in Rußland noch nicht ergeben.
    Die Beiträge russischer Ärzte sind derzeit unbeträchtlich zu
    nennen. Nur Odessa besitzt in der Person von M. Wulff
    einen geschulten Analytiker. Die Einführung der Psychoanalyse
    in die polnische Wissenschaft und Literatur ist hauptsächlich das
    Verdienst von L. Jekels. Das Österreich geographisch so nahe
    verbundene, ihm wissenschaftlich so entfremdete Ungarn hat der
    Psychoanalyse bisher nur einen Mitarbeiter geschenkt, S. Ferenczi,
    aber einen solchen, der wohl einen Verein aufwiegt.1)

    1)[Zusatz 1923:] Es kann nicht meine Absicht sein, diese 1914 entworfene Schil-
    derung up to date zu führen. Nur einzelne Bemerkungen sollen andeuten, wie sich
    in der Zwischenzeit, die den Weltkrieg einschließt, das Bild geändert hat. In
    Deutschland setzt sich eine langsame, nicht immer zugestandene Infiltration der
    analytischen Lehren in die klinische Psychiatrie durch; die in den letzten Jahren
    erschienenen französischen Übersetzungen meiner Schriften haben endlich auch in
    Frankreich ein starkes Interesse an der Psychoanalyse erweckt, das derzeit in
    literarischen Kreisen wirksamer ist als in wissenschaftlichen. In Italien sind M. Levi
    Bianchini (Nocera sup.) und Edoardo Weiss (Trieste) als Übersetzer und
    Vorkämpfer der Psychoanalyse aufgetreten („Biblioteca Psicoanalitica Italiana“). Der
    lebhaften Anteilnahme in den spanischredenden Ländern (Prof. H. Delgado
    in Lima) trägt eine in Madrid erscheinende Gesamtausgabe meiner Werke Rechnung
    (übersetzt von Lopez-Ballesteros). Für England scheint sich die oben
    ausgesprochene Vorhersage stetig zu erfüllen, in Britisch-Indien (Kalkutta) hat
    sich eine besondere Pflegestätte der Analyse gebildet. Die Vertiefung der Analyse
    in Nordamerika hält noch immer nicht Schritt mit ihrer Popularität. In
    Rußland hat die psychoanalytische Arbeit nach dem Umsturz an mehreren Zentren
    neu begonnen. In polnischer Sprache erscheint jetzt die „Polska Bibljoteka Psycho-
    analityczna“. In Ungarn ist unter der Leitung von Ferenczi eine glänzende ana-
    lytische Schule aufgeblüht. (Vgl. „Festschrift zum 50. Geburtstag von Dr. S. Ferenczi“.)
    Am abweisendsten verhalten sich derzeit noch die skandinavischen Länder.

  • S.

    441

    Den Stand der Psychoanalyse in Deutschland kann man nicht
    anders beschreiben, als indem man konstatiert, sie stehe im
    Mittelpunkte der wissenschaftlichen Diskussion und rufe bei
    Ärzten wie bei Laien Äußerungen entschiedenster Ablehnung
    hervor, welche aber bisher kein Ende gefunden haben, sondern
    sich immer wieder von neuem erheben und zeitweise verstärken.
    Keine offizielle Lehranstalt hat bisher die Psychoanalyse zugelassen,
    erfolgreiche Praktiker, die sie ausüben, sind nur in geringer
    Anzahl vorhanden; nur wenige Anstalten, wie die von Bins-
    wanger in Kreuzlingen (auf Schweizer Boden), Marcinowski
    in Holstein, haben sich ihr eröffnet. Auf dem kritischen Boden
    von Berlin behauptet sich einer der hervorragendsten Vertreter
    der Analyse, K. Abraham, ein früherer Assistent von Bleuler.
    Man könnte sich verwundern, daß dieser Stand der Dinge sich
    nun schon seit einer Reihe von Jahren unverändert erhalten hat,
    wenn man nicht wüßte, daß die obige Schilderung nur den
    äußeren Anschein wiedergibt. Man darf die Ablehnung der
    offiziellen Vertreter der Wissenschaft und der Anstaltsleiter sowie
    des von ihnen abhängigen Nachwuchses in seiner Bedeutung
    nicht überschätzen. Es ist begreiflich, daß die Gegner laut die
    Stimme erheben, während die Anhänger eingeschüchtert Ruhe
    halten. Manche der letzteren, deren erste Beiträge zur Analyse
    gute Erwartungen erwecken mußten, haben sich denn auch unter
    dem Drucke der Verhältnisse von der Bewegung zurückgezogen.
    Aber diese selbst schreitet im stillen unaufhaltsam fort, wirbt
    immer neue Anhänger unter den Psychiatern wie den Laien,
    führt der psychoanalytischen Literatur eine stetig sich steigernde
    Anzahl von Lesern zu und nötigt eben darum die Gegner zu
    immer heftigeren Abwehrversuchen. Ich habe etwa ein Dutzend
    Male im Laufe dieser Jahre, in Berichten über die Verhandlungen
    bestimmter Kongresse, und wissenschaftlicher Vereinssitzungen
    oder in Referaten nach gewissen Publikationen zu lesen bekommen:
    Nun sei die Psychoanalyse tot, endgültig überwunden und

  • S.

    442

    erledigt! Die Antwort hätte ähnlich lauten müssen wie das
    Telegramm Mark Twains an die Zeitung, welche fälschlich seinen
    Tod gemeldet hatte: Nachricht von meinem Ableben
    stark übertrieben. Nach jeder dieser Totsagungen hat die
    Psychoanalyse neue Anhänger und Mitarbeiter gewonnen oder
    sich neue Organe geschaffen. Totsagt war doch ein Fortschritt
    gegen Totgeschwiegen!

    Gleichzeitig mit der geschilderten räumlichen Expansion der
    Psychoanalyse vollzog sich deren inhaltliche Ausdehnung durch
    Übergreifen auf andere Wissensgebiete von der Neurosenlehre
    und Psychiatrie her. Ich werde dieses Stück der Entwicklungs-
    geschichte unserer Disziplin nicht eingehend behandeln, weil eine
    vortreffliche Arbeit von Rank und Sachs (in den Löwen-
    feldschen „Grenzfragen“) vorliegt, welche gerade diese
    Leistungen der Analysenarbeit ausführlich darstellt. Es ist
    hier übrigens alles im ersten Beginn, wenig ausgearbeitet, meist
    nur Ansätze und mitunter auch nichts anderes als Vorsätze. Wer
    billig denkt, wird darin keinen Grund zum Vorwurf finden. Den
    ungeheuren Mengen der Aufgaben steht eine kleine Zahl von
    Arbeitern gegenüber, von denen die meisten ihre Haupt-
    beschäftigung anderswo haben und die Fachprobleme der fremden
    Wissenschaft mit dilettantischer Vorbereitung angreifen müssen.
    Diese von der Psychoanalyse herkommenden Arbeiter machen
    aus ihrem Dilettantentum kein Hehl, sie wollen nur Wegweiser
    und Platzhalter für die Fachmänner sein, und ihnen die ana-
    lytischen Techniken und Voraussetzungen empfohlen haben, wenn
    sie selbst an die Arbeit gehen werden. Wenn die erzielten Auf-
    schlüsse doch schon jetzt nicht unbeträchtlich sind, so ist dies
    Resultat einerseits der Fruchtbarkeit der analytischen Methodik,
    andererseits dem Umstande zu danken, daß es auch jetzt schon
    einige Forscher gibt, die, ohne Ärzte zu sein, die Anwendung
    der Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften zu ihrer Lebens-
    aufgabe gemacht haben.

  • S.

    443

    Die meisten dieser Anwendungen gehen, wie begreiflich, auf
    eine Anregung aus meinen ersten analytischen Arbeiten zurück.
    Die analytische Untersuchung der Nervösen und der neurotischen
    Symptome Normaler nötigte zur Annahme psychologischer Verhält-
    nisse, welche unmöglich nur für das Gebiet gelten konnten, auf
    dem sie kenntlich geworden waren. So schenkte uns die Analyse
    nicht nur die Aufklärung pathologischer Vorkommnisse, sondern
    zeigte auch deren Zusammenhang mit dem normalen Seelenleben
    auf und enthüllte ungeahnte Beziehungen zwischen der Psychiatrie
    und den verschiedensten anderen Wissenschaften, deren Inhalt
    eine Seelentätigkeit war. Von gewissen typischen Träumen aus
    ergab sich z. B. das Verständnis mancher Mythen und Märchen.
    Riklin und Abraham folgten diesem Winke und leiteten
    jene Forschungen über die Mythen ein, die dann in den allen
    fachmännischen Ansprüchen gerechten Arbeiten Ranks zur
    Mythologie ihre Vollendung fanden. Die Verfolgung der Traum-
    symbolik führte mitten in die Probleme der Mythologie, des
    Folklore (Jones, Storfer) und der religiösen Abstraktionen.
    Auf einem der psychoanalyti-
    schen Kongresse machte es allen
    Zuhörern einen tiefen Eindruck, als ein Schüler Jungs die
    Übereinstimmung der schizophrenen Phantasiebil-
    dungen mit den
    Kosmogonien primitiver Zeiten und Völker nachwies. Eine nicht
    mehr einwandfreie, doch sehr interessante Verarbei-
    tung fand
    später das Material der Mythologien in den Arbeiten Jungs,
    welche zwischen der Neurotik, den religiösen und den mytholo-
    gischen Phantasien vermitteln wollten.

    Ein anderer Weg leitete von der Traumforschung zur Analyse
    der dichterischen Schöpfungen und endlich der Dichter-
    und Künstler
    selbst. Auf seiner ersten Station ergab sich, daß von Dichtern erfundene
    Träume sich oft der Analyse gegenüber wie genuine verhalten
    („Gradiva“). Die Auffassung der unbewußten seelischen Tätigkeit
    gestattete eine erste Vorstellung vom Wesen der dichterischen
    Schöpfungsarbeit; die Würdigung der Triebregungen, zu der man in

  • S.

    444

    der Neurotik genügt war, ließ die Quellen des künstlerischen Schaffens
    erkennen und stellte die Probleme auf, wie der Künstler auf diese
    Anregungen reagiere und mit welchen Mitteln er seine Reaktionen
    verkleide (Rank: „Der Künstler“; Dichteranalysen von Sadger,
    Reik u. a., meine kleine Schrift über eine Kindheitserinnerung
    des Leonardo da Vinci, Abrahams Analyse von Segantini).
    Die meisten Analytiker mit allgemeinen Interessen haben in
    ihren Arbeiten Beiträge zur Behandlung dieser Probleme geliefert,
    der reizvollsten, die sich unter den Anwendungen der Psycho-
    analyse ergeben. Natürlich blieb auch hier der Widerspruch von
    Seite der nicht mit der Analyse Vertrauten nicht aus und äußerte
    sich in den nämlichen Mißverständnissen und leidenschaftlichen
    Ablehnungen, wie auf dem Mutterboden der Psychoanalyse. Es
    stand ja von vornherein zu erwarten, daß überall, wohin die
    Psychoanalyse dringe, sie den nämlichen Kampf mit den Ansässigen
    zu bestehen haben werde. Nur, daß die Invasionsversuche noch
    nicht auf allen Gebieten die Aufmerksamkeit geweckt haben, die
    ihnen in der Zukunft bevorsteht. Unter den strenge literarwissen-
    schaftlichen Anwendungen der Analyse steht das gründliche Werk
    von Rank über das Inzestmotiv obenan, dessen Inhalt der größten
    Unliebsamkeit sicher ist. Sprachwissenschaftliche und historische
    Arbeiten auf Basis der Psychoanalyse sind erst wenige vorhanden.
    Die erste Antastung der religions–psychologischen Probleme habe
    ich 1910 selbst gewagt, indem ich das religiöse Zeremoniell in
    Vergleich mit dem neurotischen zog. Der Pfarrer Dr. Pfister
    in Zürich hat in seiner Arbeit über die Frömmigkeit des Grafen
    von Zinzendorf (sowie in anderen Beiträgen) die Zurückführung
    religiöser Schwärmerei auf perverse Erotik durchgeführt; in den
    letzten Arbeiten der Züricher Schule kommt eher eine Durch-
    dringung der Analyse mit religiösen Vorstellungen als das beab-
    sichtigte Gegenteil zustande.

    In den vier Aufsätzen über „Totem und Tabu“ habe ich den
    Versuch gemacht, Probleme der Völkerpsychologie mittels der

  • S.

    445

    Analyse zu behandeln, welche unmittelbar zu den Ursprüngen
    unserer wichtigsten Kulturinstitutionen führen, der staatlichen
    Ordnungen, der Sittlichkeit, der Religion, aber auch des Inzest-
    verbotes und des Gewissens. Inwieweit die Zusammenhänge, die
    sich dabei ergeben haben, der Kritik standhalten werden, läßt
    sich heute wohl nicht angeben.

    Von der Anwendung analytischen Denkens auf ästhetische
    Themata hat mein Buch über den „Witz“ ein erstes Beispiel
    gegeben. Alles Weitere harrt noch der Bearbeiter, die gerade auf
    diesem Gebiete reiche Ernte erwarten dürfen. Es fehlt hier
    überall an den Arbeitskräften aus den entsprechenden Fachwissen-
    schaften, zu deren Anlockung Hanns Sachs 1912 die von ihm
    und Rank redigierte Zeitschrift „Imago“ gegründet hat. Mit
    der psychoanalytischen Beleuchtung von philosophischen Systemen
    und Persönlichkeiten haben Hitschmann und v. Winter-
    stein daselbst einen Anfang gemacht, dem Fortführung und
    Vertiefung zu wünschen bleibt.

    Die revolutionär wirkenden Ermittlungen der Psychoanalyse
    über das Seelenleben des Kindes, die Rolle der sexuellen Regungen
    in demselben (v. Hug-Hellmuth) und die Schicksale solcher
    Anteile der Sexualität, welche für das Fortpflanzungsgeschäft
    unbrauchbar werden, mußten frühzeitig die Aufmerksamkeit auf
    die Pädagogik lenken und den Versuch anregen, auf diesem
    Gebiete analytische Gesichtspunkte in den Vordergrund zu rücken.
    Es ist das Verdienst des Pfarrers Pfister, diese Anwendung der
    Analyse mit ehrlichem Enthusiasmus angegriffen und sie Seel-
    sorgern und Erziehern nahegelegt zu haben. (Die psychoanalytische
    Methode, 1913. Erster Band des Pädagogiums von Meumann
    und Messmer.) Es ist ihm gelungen, eine ganze Reihe von
    Pädagogen in der Schweiz zu Teilnehmern an seinem Interesse
    zu gewinnen. Andere seiner Berufsgenossen sollen angeblich seine
    Überzeugungen teilen, haben es aber vorgezogen, sich vorsichtiger-
    weise im Hintergrunde zu verhalten. Ein Bruchteil der Wiener

  • S.

    446

    Analytiker scheint auf dem Rückweg von der Psychoanalyse bei
    einer Art von ärztlichen Pädagogik gelandet zu sein (Adler und
    Furtmüller, Heilen und Bilden, 1913).
    In diesen unvollständigen Andeutungen habe ich versucht, auf
    die noch nicht übersehbare Fülle von Beziehungen hinzuweisen,
    welche sich zwischen der ärztlichen Psychoanalyse und anderen
    Gebieten der Wissenschaft ergeben haben. Es ist da Stoff für
    die Arbeit einer Generation von Forschern gegeben, und ich
    zweifle nicht, daß diese Arbeit geleistet werden wird, wenn erst
    die Widerstände gegen die Analyse auf ihrem Mutterboden über-
    wunden sind.1)

    Die Geschichte dieser Widerstände zu schreiben, halte ich
    gegenwärtig für unfruchtbar und unzeitgemäß. Sie ist nicht sehr
    ruhmvoll für die Männer der Wissenschaft unserer Tage. Ich
    will aber gleich hinzusetzen, es ist mir nie eingefallen, die Gegner
    der Psychoanalyse bloß darum, weil sie Gegner waren, in Bausch
    und Bogen verächtlich zu schimpfen. Von wenigen unwürdigen
    Individuen abgesehen, Glücksrittern und Beutehaschern, wie sie
    sich in Zeiten des Kampfes auf beiden Seiten einzufinden pflegen.
    Ich wußte mir ja das Benehmen dieser Gegner zu erklären und
    hatte überdies erfahren, daß die Psychoanalyse das Schlechteste
    eines jeden Menschen zum Vorschein bringt. Aber ich beschloß,
    nicht zu antworten und, soweit mein Einfluß reichte, auch
    andere von der Polemik zurückzuhalten. Der Nutzen öffentlicher
    oder literarischer Diskussion erschien mir unter den besonderen
    Bedingungen des Streites um die Psychoanalyse sehr zweifelhaft,
    die Majorisierung auf Kongressen und in Vereinssitzungen sicher,
    und mein Zutrauen auf die Billigkeit oder Vornehmheit der
    Herren Gegner war immer gering. Die Beobachtung zeigt, daß
    es den wenigsten Menschen möglich ist, im wissenschaftlichen
    Streit manierlich, geschweige denn sachlich zu bleiben, und der

    1)Vgl. noch meine beiden Aufsätze in der „Scientia“ (vol. XIV, 1913): Das
    Interesse an der Psychoanalyse. [Enthalten in diesem Band der Gesamtausgabe.]

  • S.

    447

    Eindruck eines wissenschaftlichen Gezänkes war mir von jeher
    eine Abschreckung. Vielleicht hat man dieses mein Benehmen
    mißverstanden, mich für so gutmütig oder so eingeschüchtert
    gehalten, daß man auf mich weiter keine Rücksicht zu nehmen
    brauchte. Mit Unrecht; ich kann so gut schimpfen und wüten
    wie ein anderer, aber ich verstehe es nicht, die Äußerungen der
    zugrunde liegenden Affekte literaturfähig zu machen, und darum
    ziehe ich die völlige Enthaltung vor.

    Vielleicht wäre es nach manchen Richtungen besser gewesen,
    wenn ich den Leidenschaften bei mir und denen um mich
    freien Lauf gelassen hätte. Wir haben alle den interessanten
    Erklärungsversuch der Entstehung der Psychoanalyse aus dem
    Wiener Milieu vernommen; Janet hat es noch 1913 nicht
    verschmäht, sich seiner zu bedienen, obwohl er gewiß stolz
    darauf ist, Pariser zu sein und Paris kaum den Anspruch erheben
    kann, eine sittenstrengere Stadt zu sein als Wien. Das Aperçu
    lautet, die Psychoanalyse, respektive die Behauptung, die Neurosen
    führen sich auf Störungen des Sexuallebens zurück, könne nur
    in einer Stadt wie Wien entstanden sein, in einer Atmosphäre
    von Sinnlichkeit und Unsittlichkeit, wie sie anderen Städten fremd
    sei, und stelle einfach das Abbild, sozusagen die theoretische
    Projektion dieser besonderen Wiener Verhältnisse dar. Nun, ich
    bin wahrhaftig kein Lokalpatriot, aber diese Theorie ist mir
    immer ganz besonders unsinnig erschienen, so unsinnig, daß ich
    manchmal geneigt war, anzunehmen, der Vorwurf des Wienertums
    sei nur eine euphemistische Vertretung für einen anderen, den
    man nicht gern öffentlich vorbringen wolle. Wenn die Voraus-
    setzungen die gegensätzlichen wären, dann ließe sich die Sache
    hören. Angenommen, es gäbe eine Stadt, deren Bewohner sich
    besondere Einschränkungen in der sexuellen Befriedigung auf
    erlegten und gleichzeitig eine besondere Neigung zu schweren
    neurotischen Erkrankungen zeigten, dann wäre diese Stadt aller-
    dings der Boden, auf dem ein Beobachter den Einfall bekommen

  • S.

    448

    könnte, diese beiden Tatsachen miteinander zu verknüpfen und
    die eine aus der anderen abzuleiten. Nun trifft keine der beiden
    Voraussetzungen für Wien zu. Die Wiener sind weder abstinenter
    noch nervöser als andere Großstädter. Die Geschlechtsbeziehungen
    sind etwas unbefangener, die Prüderie ist geringer als in den auf
    ihre Keuschheit stolzen Städten des Westens und Nordens. Diese
    wienerischen Eigentümlichkeiten müßten den angenommenen
    Beobachter eher in die Irre führen als ihn über die Verursachung
    der Neurosen aufklären.

    Die Stadt Wien hat aber auch alles dazugetan, um ihren
    Anteil an der Entstehung der Psychoanalyse zu verleugnen. An
    keinem anderen Orte ist die feindselige Indifferenz der gelehrten
    und gebildeten Kreise dem Analytiker so deutlich verspürbar wie
    gerade in Wien.

    Vielleicht bin ich mitschuldig daran durch meine, die breite
    Öffentlichkeit vermeidende Politik. Wenn ich veranlaßt oder
    zugegeben hätte, daß die Psychoanalyse die ärztlichen Gesell-
    schaften Wiens in lärmenden Sitzungen beschäftigte, wobei sich
    alle Leidenschaften entladen hätten, alle Vorwürfe und Invektiven
    laut geworden wären, die man gegeneinander auf der Zunge
    oder im Sinne trägt, vielleicht wäre heute der Bann gegen die
    Psychoanalyse überwunden und diese keine Fremde mehr in ihrer
    Heimatstadt. So aber – mag der Dichter recht behalten, der
    seinen Wallenstein sagen läßt:

    Doch das vergeben mir die Wiener nicht,
    daß ich um ein Spektakel sie betrog.

    Die Aufgabe, der ich nicht gewachsen war, den Gegnern der
    Psychoanalyse suaviter in modo ihr Unrecht und ihre Willkür-
    lichkeiten vorzuhalten, hat dann Bleuler 1911 in seiner
    Schrift „Die Psychoanalyse Freuds, Verteidigung und kritische
    Bemerkungen“ aufgenommen und in ehrenvollster Weise gelöst.
    Eine Anpreisung dieser nach zwei Seiten hin kritischen Arbeit

  • S.

    449

    durch meine Person wäre so selbstverständlich, daß ich mich
    beeilen will, zu sagen, was ich an ihr auszusetzen habe. Sie
    scheint mir noch immer parteiisch zu sein, allzu nachsichtig
    gegen die Fehler der Gegner, allzu scharf gegen die Verfehlungen
    der Anhänger. Dieser Charakterzug mag dann auch erklären,
    warum das Urteil eines Psychiaters von so hohem Ansehen, von
    so unzweifelhafter Kompetenz und Unabhängigkeit nicht mehr
    Einfluß auf seine Fachgenossen geübt hat. Der Autor der „Affek-
    tivität“ (1906) darf sich nicht darüber verwundern, wenn die
    Wirkung einer Arbeit sich nicht von ihrem Argumentwert,
    sondern von ihrem Affektton bestimmt zeigt. Einen anderen Teil
    dieser Wirkung – die auf die Anhänger der Psychoanalyse –
    hat Bleuler später selbst zerstört, indem er in seiner „Kritik
    der Freudschen Theorie“ (1913) die Kehrseite seiner Einstellung
    zur Psychoanalyse zum Vorschein brachte. Er trägt darin so viel
    von dem Gebäude der psychoanalytischen Lehre ab, daß die
    Gegner mit der Hilfeleistung dieses Verteidigers wohl zufrieden
    sein könnten. Als Richtschnur dieser Verurteilungen Bleulers
    dienen aber nicht neue Argumente oder bessere Beobachtungen,
    sondern einzig die Berufung auf den Stand der eigenen Erkenntnis,
    deren Unzulänglichkeit der Autor nicht mehr wie in früheren
    Arbeiten selbst bekennt. Hier schien der Psychoanalyse also ein
    schwer zu verschmerzender Verlust zu drohen. Allein in seiner
    letzten Äußerung (Die Kritiken der Schizophrenie 1914) rafft sich
    Bleuler, angesichts der Angriffe, welche ihm die Einführung
    der Psychoanalyse in sein Buch über die Schizophrenie eingetragen
    haben, zu dem auf, was er selbst eine „Überhebung“ heißt. „Jetzt
    aber will ich die Überhebung begehen: Ich meine, daß die ver-
    schiedenen bisherigen Psychologien zur Erklärung der Zusammen-
    hänge psychogenetischer Symptome und Krankheiten arg wenig
    geleistet haben, daß aber die Tiefenpsychologie ein Stück der
    jenigen erst noch zu schaffenden Psychologie gibt, welcher der
    Arzt bedarf, um seine Kranken zu verstehen und rationell zu

  • S.

    450

    heilen, und ich meine sogar, daß ich in meiner Schizophrenie
    einen ganz kleinen Schritt zu diesem Verständnis getan habe. Die
    ersten beiden Behauptungen sind sicher richtig, die letztere mag
    ein Irrtum sein.“

    Da mit der „Tiefenpsychologie“ nichts anderes gemeint ist als
    die Psychoanalyse, können wir mit solchem Bekenntnis vorder-
    hand zufrieden sein.