S.
29*
III
Mach es kurz!
Am Jüngsten Tag ist’s nur ein Furz.Goethe.
Zwei Jahre nach dem ersten fand der zweite Privatkongreß
der Psychoanalytiker, diesmal in Nürnberg, statt (März 1910).
In der Zwischenzeit hatte sich bei mir, unter dem Eindruck der
Aufnahme in Amerika, der steigenden Anfeindung in den deutschen
Ländern und der ungeahnten Verstärkung durch den Zuzug der
Züricher, eine Absicht gebildet, die ich mit Beihilfe meines
Freundes S. Ferenczi auf jenem zweiten Kongreß zur Aus-
führung brachte. Ich gedachte, die psychoanalytische Bewegung
zu organisieren, ihren Mittelpunkt nach Zürich zu verlegen und
ihr ein Oberhaupt zu geben, welches ihre Zukunft in acht
nehmen sollte. Da diese meine Gründung viel Widerspruch unter
den Anhängern der Analyse gefunden hat, will ich meine Motive
ausführlicher darlegen. Ich hoffe dann gerechtfertigt zu sein, auch
wenn sich herausstellen sollte, daß ich wirklich nichts Kluges
getan habe.Ich urteilte, daß der Zusammenhang mit Wien keine Empfehlung,
sondern ein Hemmnis für die junge Bewegung wäre. Ein Ort wie
Zürich, im Herzen von Europa, an welchem der akademische
Lehrer sein Institut der Psychoanalyse geöffnet hatte, erschien
mir weit aussichtsvoller. Ich nahm ferner an, ein zweites
Hindernis sei meine Person, deren Schätzung allzusehr durch
der Parteien Gunst und Haß verwirrt wurde; man verglich michS.
452
entweder mit Columbus, Darwin und Kepler oder schimpfte
mich einen Paralytiker. Ich wollte also mich ebenso in den
Hintergrund rücken wie die Stadt, von der die Psychoanalyse
ausgegangen war. Auch war ich nicht mehr jugendlich, sah einen
langen Weg vor mir und empfand es als drückend, daß mir in
so späten Jahren die Verpflichtung, Führer zu sein, zugefallen
war. Ein Oberhaupt, meinte ich aber, müsse es geben. Ich wußte
zu genau, welche Irrtümer auf jeden lauerten, der die Beschäfti-
gung mit der Analyse unternahm, und hoffte, man könnte viele
derselben ersparen, wenn man eine Autorität aufrichtete, die zur
Unterweisung und Abmahnung bereit sei. Eine solche Autorität
war zunächst mir zugefallen infolge des uneinbringlichen Vor-
sprunges einer etwa 15jährigen Erfahrung. Es lag mir also daran,
diese Autorität auf einen jüngeren Mann zu übertragen, der nach
meinem Ausscheiden wie selbstverständlich mein Ersatz werden
sollte. Dies konnte nur C. G. Jung sein, denn Bleuler war
mein Altersgenosse, für Jung sprachen aber seine hervorragende
Begabung, die Beiträge zur Analyse, die er bereits geleistet hatte,
seine unabhängige Stellung und der Eindruck von sicherer Energie,
den sein Wesen machte. Er schien überdies bereit, in freundschaft-
liche Beziehungen zu mir zu treten und mir zuliebe Rassen-
vorurteile aufzugeben, die er sich bis dahin gestattet hatte. Ich ahnte
damals nicht, daß diese Wahl trotz aller aufgezählten Vorzüge eine
sehr unglückliche war, daß sie eine Person getroffen hatte, welche,
unfähig, die Autorität eines anderen zu ertragen, noch weniger
geeignet war, selbst eine Autorität zu bilden, und deren Energie
in der rücksichtslosen Verfolgung der eigenen Interessen aufging.Die Form einer offiziellen Vereinigung hielt ich für notwendig,
weil ich den Mißbrauch fürchtete, welcher sich der Psychoanalyse
bemächtigen würde, sobald sie einmal in die Popularität geriete.
Es sollte dann eine Stelle geben, welcher die Erklärung zustände:
Mit all dem Unsinn hat die Analyse nichts zu tun, das ist nicht
die Psychoanalyse. In den Sitzungen der Ortsgruppen, aus denenS.
453
sich die internationale Vereinigung zusammen-
setzte, sollte gelehrt werden, wie die Psychoanalyse zu betreiben sei, und sollten Ärzte
ihre Ausbildung finden, für deren Tätigkeit eine Art von Garantie
geleistet werden konnte. Auch schien es mir wünschenswert, daß
sich die Anhänger der Psychoanalyse zum freundschaftlichen
Verkehr und zur gegenseitigen Unterstützung zusammenfänden,
nachdem die offizielle Wissenschaft den großen Bann über sie
ausgesprochen und den Boykott über die Ärzte und Anstalten
verhängt hatte, die sie übten.Dies alles und nichts anderes wollte ich durch die Gründung
der „Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung“ erreichen.
Es war wahrscheinlich mehr, als zu erreichen möglich war. Wie
meine Gegner die Erfahrung machen mußten, daß es nicht
möglich sei, die neue Bewegung aufzuhalten, so stand mir die
Erfahrung bevor, daß sie sich auch nicht auf die Wege leiten
lasse, die ich ihr anweisen wollte. Der von Ferenczi in Nürn-
berg vorgelegte Antrag wurde zwar angenommen, Jung zum
Präsidenten gewählt, der Riklin zu seinem Sekretär machte,
es wurde auch die Herausgabe eines Korrespondenzblattes beschlossen,
durch welches die Zentrale mit den Ortsgruppen verkehrte. Als
Zweck der Vereinigung wurde erklärt: „Pflege und Förderung
der von Freud begründeten psychoanalytischen Wissenschaft
sowohl als reiner Psychologie als auch in ihrer Anwendung in
der Medizin und den Geisteswissenschaften; gegenseitige Unter-
stützung der Mitglieder in allen Bestrebungen zum Erwerben
und Verbreiten von psychoanalytischen Kenntnissen.“ Allein von
seiten der Wiener war dem Projekt lebhaft opponiert worden.
Adler sprach in leidenschaftlicher Erregung die Befürchtung
aus, daß eine „Zensur und Einschränkung der wissenschaftlichen
Freiheit“ beabsichtigt sei. Die Wiener fügten sich dann, nachdem
sie durchgesetzt hatten, daß nicht Zürich zum Sitz der Vereinigung
erhoben wurde, sondern der Wohnort des jeweiligen, auf zwei
Jahre gewählten Präsidenten.S.
454
Auf dem Kongreß selbst konstituierten sich drei Ortsgruppen,
die in Berlin unter dem Vorsitz von Abraham, die in
Zürich, die ihren Obmann an die Zentralleitung der Vereinigung
abgegeben hatte, und die Wiener Gruppe, deren Leitung ich
Adler überließ. Eine vierte Gruppe, die in Budapest, konnte
sich erst später herstellen. Bleuler war, durch Krankheit ver-
hindert, vom Kongreß ferngeblieben, er zeigte dann später
prinzipielle Bedenken gegen den Eintritt in den Verein, ließ sich
zwar durch mich nach einer persönlichen Aussprache dazu be-
stimmen, war aber kurze Zeit nachher infolge von Mißhelligkeiten
in Zürich wieder außerhalb. Die Verbindung zwischen der Züricher
Ortsgruppe und der Anstalt Burghölzli war damit aufgehoben.Eine Folge des Nürnberger Kongresses war auch die Gründung
des „Zentralblattes für Psychoanalyse“, zu welcher sich Adler
und Stekel vereinigten. Es hatte offenbar ursprünglich eine
oppositionelle Tendenz und sollte Wien die durch die Wahl
Jungs bedrohte Hegemonie zurückgewinnen. Als aber die beiden
Unternehmer des Blattes unter dem Drucke der Schwierigkeit,
einen Verleger zu finden, mich ihrer friedlichen Absichten ver-
sicherten und mir als Unterpfand ihrer Gesinnung ein Vetorecht
einräumten, nahm ich die Herausgeberschaft an und beteiligte
mich eifrig an dem neuen Organ, dessen erste Nummer im
September 1910 erschien.Ich setze die Geschichte der psychoanalytischen Kongresse fort.
Der dritte Kongreß fand im September 1911 zu Weimar statt
und übertraf noch seine Vorgänger an Stimmung und wissen-
schaftlichem Interesse. J. Putnam, der dieser Versammlung bei-
gewohnt hatte, äußerte dann in Amerika sein Wohlgefallen und
seinen Respekt vor the mental attitude der Teilnehmer und zitierte
ein Wort von mir, das ich in Bezug auf diese letzteren gebraucht
haben soll: „Sie haben gelernt, ein Stück Wahrheit zu ertragen.“1)
1)On Freuds Psycho-Analytic Method and its evolution. Boston medical and
surgical Journal, 25. Jan. 1912.S.
455
In der Tat mußte jedem, der wissenschaftliche Kongresse besucht
hatte, ein Eindruck zugunsten der Psychoanalytischen Vereinigung
verbleiben. Ich hatte die beiden früheren Kongresse selbst geleitet,
jedem Vortragenden Zeit für seine Mitteilung gelassen und die
Diskussion darüber auf den privaten Gedankenaustausch gewiesen.
Jung, der in Weimar als Präsident die Leitung übernahm, setzte
die Diskussion nach jedem Vortrage wieder ein, was sich aber
damals noch nicht störend erwies.Ein ganz anderes Bild bot der vierte Kongreß zu München
zwei Jahre später, im September 1913, der allen Teilnehmern noch
in frischer Erinnerung ist. Er wurde von Jung in unliebens-
würdiger und inkorrekter Weise geleitet, die Vortragenden waren
in der Zeit beschränkt, die Diskussionen überwucherten die Vor-
träge. Der böse Geist Hoche hatte infolge einer boshaften Laune
des Zufalls seinen Wohnsitz in demselben Hause aufgeschlagen, in
welchem die Analytiker ihre Sitzungen abhielten. Hoche hätte
sich ohne Mühe überzeugen können, wie sie seine Charakteristik
einer fanatischen Sekte, welche ihrem Oberhaupte blind ergeben
folgt, ad absurdum führten. Die ermüdenden und unerquicklichen
Verhandlungen brachten auch die Wiederwahl Jungs zum Prä-
sidenten der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung, welche
Jung annahm, wiewohl zwei Fünftel der Anwesenden ihm ihr
Vertrauen verweigerten. Man schied voneinander ohne das Bedürfnis,
sich wiederzusehen.Der Besitzstand der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung
war um die Zeit dieses Kongresses der folgende: Die Ortsgruppen
Wien, Berlin, Zürich hatten sich schon auf dem Kongreß in
Nürnberg 1910 konstituiert. Im Mai 1911 kam eine Gruppe in
München unter dem Vorsitz von Dr. L. Seif hinzu. In demselben
Jahre bildete sich die erste amerikanische Ortsgruppe unter dem
Namen „The New York Psychoanalytic Society“ unter dem Vor-
sitze von A. Brill. Auf dem Weimarer Kongreß wurde die
Gründung einer zweiten amerikanischen Gruppe genehmigt, dieS.
456
im Laufe des nächsten Jahres als „American Psychoanalytic
Association“ ins Leben trat, Mitglieder aus Kanada und ganz
Amerika umfaßte und Putnam zu ihrem Präsidenten, E. Jones
zum Sekretär wählte. Kurz vor dem Kongreß in München 1913
wurde die Budapester Ortsgruppe unter dem Vorsitze von
S. Ferenczi aktiviert. Bald nach demselben gründete der
nach London übersiedelte E. Jones dort die erste englische
Gruppe. Die Mitgliederzahl der nun vorhandenen acht Orts-
gruppen gibt natürlich keinen Maßstab für die Beurteilung der
Anzahl der nicht organisierten Schüler und Anhänger der Psycho-
analyse.Auch die Entwicklung der periodischen Literatur der Psycho-
analyse verdient eine kurze Erwähnung. Die erste periodische
Publikation, welche der Analyse diente, waren die „Schriften
zur angewandten Seelenkunde“, die in zwangloser Folge
seit 1907 erscheinen und gegenwärtig beim fünfzehnten Heft
angelangt sind. (Verleger zuerst H. Heller in Wien, dann
F. Deuticke.) Sie haben Arbeiten gebracht von Freud (1 und 7),
Riklin, Jung, Abraham (4 und 11), Rank (5 und 13),
Sadger, Pfister, M. Graf, Jones (10 und 14), Storfer
und v. Hug-Hellmuth.1) Die später zu erwähnende Gründung
der „Imago“ hat den Wert dieser Publikationsform einiger-
maßen herabgesetzt. Nach der Zusammenkunft in Salzburg 1908
wurde das „Jahrbuch für psychoanalytische und
psychopathologische Forschungen“ ins Leben gerufen,
welches unter der Redaktion von Jung fünf Jahrgänge erlebt
hat und nun unter neuer Leitung und etwas verändertem Titel
als „Jahrbuch der Psychoanalyse“ von neuem an die
Öffentlichkeit herantritt. Es will auch nicht mehr wie in den
letzten Jahren ein Archiv sein, welches einschlägige Arbeiten
sammelt, sondern seiner Aufgabe durch redaktionelle Tätigkeit
gerecht werden, welche alle Vorgänge und alle Erwerbungen auf
1)Später sind noch erschienen: Sadger (16 und 18), Kielholz (17).
S.
457
dem Gebiete der Psychoanalyse zu würdigen versucht.1) Das
„Zentralblatt für Psychoanalyse“, wie erwähnt, von
Adler und Stekel nach der Gründung des Internationalen
Vereines (Nürnberg 1910) entworfen, hat in kurzer Zeit bewegte
Schicksale durchgemacht. Schon die zehnte Nummer des ersten
Bandes bringt an ihrer Spitze die Nachricht, daß sich Dr. Alfred
Adler wegen wissenschaftlicher Differenzen mit dem Herausgeber
entschlossen hat, freiwillig aus der Redaktion auszuscheiden.
Dr. Stekel blieb von da an alleiniger Redakteur. (Sommer 1911.)
Auf dem Kongreß zu Weimar wurde das Zentralblatt zum offi-
ziellen Organ des Internationalen Vereines erhoben und allen
Mitgliedern gegen Erhöhung ihrer Jahresbeiträge zugänglich
gemacht. Von der dritten Nummer des zweiten Jahrganges an
(Winter 1912) ist Stekel für den Inhalt des Blattes allein ver-
antwortlich geworden. Sein in der Öffentlichkeit schwer darstell-
bares Verhalten hatte mich genötigt, die Herausgeberschaft nieder-
zulegen und der Psychoanalyse in aller Eile ein neues Organ in
der „Internationalen Zeitschrift für ärztliche
Psychoanalyse“ zu schaffen. Unter Mithilfe fast aller Mit-
arbeiter und des neuen Verlegers H. Heller konnte das erste Heft
dieser Zeitschrift im Jänner 1913 erscheinen und sich als offizielles
Organ der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung an die
Stelle des Zentralblattes setzen.
Inzwischen war mit Anfang 1912 von Dr. Hanns Sachs und
Dr. Otto Rank eine neue Zeitschrift „Imago“ (Verlag von
Heller) geschaffen worden, welche ausschließlich für die Anwen-
dungen der Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften bestimmt
wurde. „Imago“ befindet sich gegenwärtig in der Mitte ihres
dritten Jahrganges und erfreut sich des steigenden Interesses auch
solcher Leser, welche der ärztlichen Analyse fernstehen.2)
1)Mit Kriegsbeginn eingestellt.
2)Diese beiden Zeitschriften sind 1919 in den Internationalen Psycho-
analytischen Verlag übergegangen und befinden sich derzeit (1923) im
IX. Jahrgang. (Eigentlich befindet sich die „Internationale Zeitschrift“ in ihrem 11.,S.
458
Von diesen vier periodischen Publikationen („Schriften zur
angewandten Seelenkunde“, „Jahrbuch“, „Internationale Zeitschrift“
und „Imago“ abgesehen, bringen auch andere deutsche und fremd-
sprachige Journale Arbeiten, welche in der Literatur der Psycho-
analyse eine Stelle beanspruchen können. Das von Morton
Prince herausgegebene „Journal of abnormal psychology“ enthält
in der Regel so viele gute analytische Beiträge, daß es als Haupt-
vertretung der analytischen Literatur in Amerika eingeschätzt
werden muß. Im Winter 1913 haben White und Jelliffe in
New York eine neue, ausschließlich der Psychoanalyse gewidmete
Zeitschrift („The Psychoanalytic Review“) ins Leben gerufen,
welche wohl mit der Tatsache rechnet, daß den meisten der an
der Analyse interessierten Ärzte Amerikas die deutsche Sprache
eine Erschwerung ist.1) (die „Imago“ im 12. Lebensjahr; zufolge der Kriegsverhältnisse umfaßte jedoch der
IV. Bd. der „Zeitschrift“ mehr als ein Jahr, d. h. die Jahre 1916–1918, der V. Bd.
der „Imago“ die Jahre 1917–1918.) Im Titel der „Internationalen Zeitschrift für
Psychoanalyse“ entfiel mit Beginn des VI. Bandes die Bezeichnung „ärztliche“.Ich habe nun zweier Abfallsbewegungen zu gedenken, welche
sich innerhalb der Anhängerschaft der Psychoanalyse vollzogen
haben, die erste von ihnen zwischen der Vereinsgründung 1910
und dem Weimarer Kongreß 1911, die zweite nach diesem, so
daß sie in München 1913 zutage trat. Die Enttäuschung, welche
sie mir bereiteten, wäre zu vermeiden gewesen, wenn man besser
auf die Vorgänge bei den in analytischer Behandlung Stehenden
geachtet hätte. Ich verstand es nämlich sehr wohl, daß jemand
bei der ersten Annäherung an die unliebsamen analytischen
Wahrheiten die Flucht ergreifen kann, hatte auch selbst immer
behauptet, daß eines jeden Verständnis durch seine eigenen Ver-
drängungen aufgehalten wird (respektive durch die sie erhaltendenS.
459
nicht erwartet, daß jemand, der die Analyse bis zu einer gewissen
Tiefe verstanden hat, auf sein Verständnis wieder verzichten, es
verlieren könne. Und doch hatte die tägliche Erfahrung an den
Kranken gezeigt, daß die totale Reflexion der analytischen Erkennt-
nisse von jeder tieferen Schicht her erfolgen kann, an welcher
sich ein besonders starker Widerstand vorfindet; hat man bei
einem solchen Kranken durch mühevolle Arbeit erreicht, daß er
Stücke des analytischen Wissens begriffen hat und wie seinen
eigenen Besitz handhabt, so kann man an ihm doch erfahren,
daß er unter der Herrschaft des nächsten Widerstandes alles
Erlernte in den Wind schlägt und sich wehrt wie in seinen
schönsten Neulingstagen. Ich hatte zu lernen, daß es bei Psycho-
analytikern ebenso gehen kann wie bei den Kranken in der Analyse.Es ist keine leichte oder beneidenswerte Aufgabe, die Geschichte
dieser beiden Abfallsbewegungen zu schreiben, denn einerseits
fehlen mir dazu die starken persönlichen Antriebe – ich habe
weder Dankbarkeit erwartet, noch bin ich in einem wirksamen
Ausmaße rachsüchtig – andererseits weiß ich, daß ich mich
hiebei den Invektiven von wenig rücksichtsvollen Gegnern aus-
setze und den Feinden der Analyse das heißerwünschte Schauspiel
bereite, wie „die Psychoanalytiker sich untereinander zerfleischen.“Ich habe so viel Überwindung daran gesetzt, mich nicht mit den
Gegnern außerhalb der Analyse herumzuschlagen, und nun sehe
ich mich genötigt, den Kampf mit früheren Anhängern, oder
solchen, die es jetzt noch heißen wollen, aufzunehmen. Aber ich
habe da keine Wahl; Schweigen wäre Bequemlichkeit oder Feigheit
und würde der Sache mehr schaden als die offene Aufdeckung
der vorhandenen Schäden.Wer andere wissenschaftliche Bewe-
gungen verfolgt hat, wird wissen, daß ganz analoge Störungen
und Mißhelligkeiten auch dort vorzufallen pflegen. Vielleicht daß
man sie anderswo sorgfältiger verheimlicht; die Psychoanalyse, die
viele konventionelle Ideale verleugnet, ist auch in diesen Dingen
aufrichtiger.S.
460
Ein anderer, schwer fühlbarer Übelstand liegt darin, daß ich
eine analytische Beleuchtung der beiden Gegnerschaften nicht
gänzlich vermeiden kann. Die Analyse eignet sich aber nicht zum
polemischen Gebrauche; sie setzt durchaus die Einwilligung des
Analysierten und die Situation eines Überlegenen und eines Unter-
geordneten voraus. Wer also eine Analyse in polemischer Absicht
unternimmt, muß sich darauf gefaßt machen, daß der Analysierte
seinerseits die Analyse gegen ihn wendet, und daß die Diskussion
in einen Zustand gerät, in welchem die Erweckung von Über-
zeugung bei einem unparteiischen Dritten ausgeschlossen ist. Ich
werde also die Verwendung der Analyse, damit die Indiskretion
und die Aggression gegen meine Gegner, auf ein Mindestmaß
beschränken und überdies anführen, daß ich keine wissenschaft-
liche Kritik auf dieses Mittel gründe. Ich habe es nicht mit dem
etwaigen Wahrheitsgehalt der zurückzuweisenden Lehren zu tun,
versuche keine Widerlegung derselben. Das bleibe anderen
berufenen Arbeitern auf dem Gebiete der Psychoanalyse vorbe-
halten, ist auch zum Teil bereits geschehen. Ich will bloß zeigen,
daß – und in welchen Punkten – diese Lehren die Grundsätze
der Analyse verleugnen und darum nicht unter diesem Namen
behandelt werden sollen. Ich brauche also die Analyse nur dazu,
um verständlich zu machen, wie diese Abweichungen von der
Analyse bei Analytikern entstehen konnten. An den Ablösungs-
stellen muß ich allerdings auch mit rein kritischen Bemerkungen
das gute Recht der Psychoanalyse verteidigen.Die Psychoanalyse hat die Erklärung der Neurosen als nächste
Aufgabe vorgefunden, hat die beiden Tatsachen des Widerstandes
und der Übertragung zu Ausgangspunkten genommen und für
sie mit Rücksicht auf die dritte Tatsache der Amnesie in den
Theorien von der Verdrängung, den sexuellen Triebkräften der
Neurose und dem Unbewußten Rechenschaft gegeben. Sie hat
niemals beansprucht, eine vollständige Theorie des menschlichen
Seelenlebens überhaupt zu geben, sondern verlangte nur, daß ihreS.
461
Ermittlungen zur Ergänzung und Korrektur unserer anderswie
erworbenen Erkenntnis verwendet werden sollten. Die Theorie
von Alfred Adler geht nun weit über dieses Ziel hinaus, sie
will Benehmen und Charakter der Menschen mit demselben Griff
verständlich machen, wie die neurotischen und psychotischen
Erkrankungen derselben; sie ist in Wirklichkeit jedem anderen
Gebiete adäquater als dem der Neurose, welches sie aus den
Motiven ihrer Entstehungsgeschichte noch immer voranstellt. Ich
hatte viele Jahre hindurch Gelegenheit, Dr. Adler zu studieren,
und habe ihm das Zeugnis eines bedeutenden, insbesondere speku-
lativ veranlagten Kopfes nie versagt. Als Probe der „Verfolgungen“,
die er von mir erfahren zu haben behauptet, kann ich ja gelten
lassen, daß ich ihm nach der Vereinsgründung die Leitung der
Wiener Gruppe übertrug. Erst durch dringende Aufforderung
von seiten aller Vereinsmitglieder ließ ich mich bewegen, den
Vorsitz in den wissenschaftlichen Verhandlungen wieder anzu-
nehmen. Als ich seine geringe Begabung gerade für die Würdigung
des unbewußten Materials erkannt hatte, verlegte ich meine
Erwartung dahin, er werde die Verbindungen von der Psycho-
analyse zur Psychologie und zu den biologischen Grundlagen der
Triebvorgänge aufzudecken wissen, wozu seine wertvollen Studien
über die Organminderwertigkeit auch in gewissem Sinne berech-
tigten. Er schuf denn auch wirklich etwas Ähnliches, aber sein
Werk fiel so aus, als ob es – in seinem eigenen Jargon zu
reden – für den Nachweis bestimmt wäre, daß die Psycho-
analyse in allem unrecht habe, und die Bedeutung der sexuellen
Triebkräfte nur infolge ihrer Leichtgläubigkeit gegen die Darstellung
der Neurotiker vertreten hätte. Über das persönliche Motiv seiner
Arbeit darf man auch vor der Öffentlichkeit sprechen, da er es
selbst in Gegenwart eines kleinen Kreises von Mitgliedern der
Wiener Gruppe geoffenbart hat. „Glauben Sie denn, daß es ein
so großes Vergnügen für mich ist, mein ganzes Leben lang in
Ihrem Schatten zu stehen?“ Ich finde nun nichts VerwerflichesS.
462
darin, wenn ein jüngerer Mann sich frei zu dem Ehrgeiz bekennt,
den man als eine der Triebfedern seiner Arbeit ohnedies ver-
muten würde. Aber selbst unter der Herrschaft eines solchen
Motives müßte man es zu vermeiden wissen, daß man nicht
werde, was die Engländer mit ihrem feinen sozialen Takt unfair
heißen, wofür den Deutschen nur ein weit größeres Wort zur
Verfügung steht. Wie wenig dies Adler gelungen ist, zeigt die
Fülle von kleinlichen Bosheiten, die seine Arbeiten entstellen, und
die Züge von unbändiger Prioritätssucht, die sich in ihnen ver-
raten. In der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung bekamen
wir einmal direkt zu hören, daß er die Priorität für die Gesichts-
punkte der „Einheit der Neurosen“ und der „dynamischen Auf-
fassung“ derselben für sich beanspruche. Es war eine große
Überraschung für mich, da ich immer geglaubt hatte, diese beiden
Prinzipien seien von mir vertreten worden, ehe ich noch Adler
kennen gelernt hatte.Dies Streben Adlers nach einem Platz an der Sonne hat
indes auch eine Folge gehabt, welche die Psychoanalyse als
wohltätig empfinden muß. Als ich nach dem Hervortreten der
unvereinbaren wissenschaftlichen Gegensätze Adler zum Aus-
scheiden aus der Redaktion des Zentralblattes veranlaßte, verließ
er auch die Vereinigung und gründete einen neuen Verein, der
sich zuerst den geschmackvollen Namen „Verein für freie
Psychoanalyse“ beilegte. Allein die Menschen draußen, die der
Analyse ferne stehen, sind offenbar so wenig geschickt, die
Differenzen in den Anschauungen zweier Psychoanalytiker zu
würdigen, wie wir Europäer, die Nuancen zu erkennen, welche
zwei Chinesengesichter voneinander unterscheiden. Die „freie“
Psychoanalyse blieb im Schatten der „offiziellen“, „orthodoxen“
und wurde nur als Anhang an dieselbe abgehandelt. Da tat
Adler den dankenswerten Schritt, die Verbindung mit der
Psychoanalyse völlig zu lösen und seine Lehre als „Individual-
psychologie“ von ihr abzusondern. Es ist soviel Platz auf GottesS.
463
Erde und es ist gewiß berechtigt, daß sich jeder, der es vermag,
ungehemmt auf ihr herumtumle, aber es ist nicht wünschens-
wert, daß man unter einem Dach zusammenwohnen bleibe, wenn
man sich nicht mehr versteht und nicht mehr verträgt. Die
„Individualpsychologie“ Adlers ist jetzt eine der vielen psycho-
logischen Richtungen, welche der Psychoanalyse gegnerisch sind,
und deren weitere Entwicklung außerhalb ihres Interesses fällt.
Die Adlersche Theorie war von allem Anfang ein „System“,
was die Psychoanalyse sorgfältig zu sein vermied. Sie ist auch
ein ausgezeichnetes Beispiel einer „sekundären Bearbeitung“, wie
sie z. B. vom Wachdenken am Traummaterial vorgenommen
wird. Das Traummaterial wird in diesem Falle durch das neu-
gewonnene Material der psychoanalytischen Studien ersetzt, dies
wird nun durchwegs vom Standpunkte des Ichs erfaßt, unter
die dem Ich geläufigen Kategorien gebracht, übersetzt, gewendet
und genau so, wie es bei der Traumbildung geschieht, mißver-
standen. Die Adlersche Lehre ist denn auch weniger durch das
charakterisiert, was sie behauptet, als durch das, was sie verleugnet;
sie besteht demnach aus drei recht ungleichwertigen Elementen,
den guten Beiträgen zur Ichpsychologie, den – überflüssigen,
aber zulässigen – Übersetzungen der analytischen Tatsachen in
den neuen Jargon, und in den Entstellungen und Verdrehungen
der letzteren, soweit sie nicht zu den Ichvoraussetzungen passen.
Die Elemente der ersteren Art sind von der Psychoanalyse niemals
verkannt worden, wenngleich sie ihnen keine besondere Auf-
merksamkeit schuldig war. Sie hatte ein größeres Interesse daran
zu zeigen, daß sich allen Ichbestrebungen libidinöse Komponenten
beimengen. Die Adlersche Lehre hebt das Gegenstück hiezu
hervor, den egoistischen Zusatz zu den libidinösen Triebregungen.
Dies wäre nun ein greifbarer Gewinn, wenn Adler diese Fest-
stellung nicht dazu benützen würde, um jedesmal zugunsten der
Ichtriebkomponente die libidinöse Regung zu verleugnen. Seine
Theorie tut damit dasselbe, was alle Kranken und was unserS.
464
Bewußt-
denken überhaupt tut, nämlich die Rationalisierung, wie
Jones es genannt hat, zur Verdeckung des unbewußten Motives
gebrauchen. Adler ist hierin so konsequent, daß er die Absicht,
dem Weib den Herrn zu zeigen, oben zu sein, sogar als die
stärkste Triebfeder des Sexualaktes preist. Ich weiß nicht, ob er
diese Ungeheuerlichkeiten auch in seinen Schriften vertreten hat.Die Psychoanalyse hatte frühzeitig erkannt, daß jedes neurotische
Symptom seine Existenzmöglichkeit einem Kompromiß verdankt.
Es muß darum auch den Anforderungen des die Verdrängung
handhabenden Ichs irgendwie gerecht werden, einen Vorteil bieten,
eine nützliche Verwendung zulassen, sonst würde es eben dem
selben Schicksal unterliegen wie die ursprüngliche abgewehrte
Triebregung selbst. Der Terminus des „Krankheitsgewinnes“ hat
diesem Sachverhalt Rechnung getragen; man wäre noch berechtigt,
den primären Gewinn für das Ich, der schon bei der Entstehung
wirksam sein muß, von einem „sekundären“ Anteil zu unter-
scheiden, welcher in Anlehnung an andere Absichten des Ichs
hinzutritt, wenn sich das Symptom behaupten soll. Auch daß die
Entziehung dieses Krankheitsgewinnes oder das Aufhören des-
selben infolge einer realen Veränderung einen der Mechanismen
der Heilung vom Symptom ergibt, ist der Analyse längst bekannt
gewesen. Auf diese unschwer festzustellenden und mühelos ein-
zusehenden Beziehungen fällt in der Adlerschen Lehre der
Hauptakzent, wobei gänzlich übersehen wird, daß das Ich unge-
zählte Male bloß aus der Not eine Tugend macht, indem es
sich das unerwünschteste, ihm aufgezwungene Symptom wegen
des daran gehängten Nutzens gefallen läßt, z. B. wenn es die
Angst als Sicherungsmittel akzeptiert. Das Ich spielt dabei die
lächerliche Rolle des dummen August im Zirkus, der den
Zuschauern durch seine Gesten die Überzeugung beibringen will,
daß sich alle Veränderungen in der Manège nur infolge seines
Kommandos vollziehen. Aber nur die Jüngsten unter den
Zuschauern schenken ihm Glauben.S.
465
Für den zweiten Bestandteil der Adlerschen Lehre muß die
Psychoanalyse einstehen wie für eigenes Gut. Er ist auch nichts
anderes als psychoanalytische Erkenntnis, die der Autor aus den
allen zugänglichen Quellen während der zehn Jahre gemeinsamer
Arbeit geschöpft und dann durch Veränderung der Nomenklatur
zu seinem Eigentum gestempelt hat. Ich halte z. B. selbst
„Sicherung“ für ein besseres Wort als das von mir gebrauchte
„Schutzmaßregel“, aber ich kann einen neuen Sinn darin nicht
finden. Ebenso würden in den Adlerschen Behauptungen eine
Menge altbekannter Züge hervortreten, wenn man anstatt
„fingiert, fiktiv und Fiktion“ das ursprünglichere „phantasiert“
und „Phantasie“ wieder einsetzen würde. Von seiten der Psycho-
analyse würde diese Identität betont werden, auch wenn der
Autor nicht durch lange Jahre an den gemeinsamen Arbeiten
teilgenommen hätte.Der dritte Anteil der Adlerschen Lehre, die Umdeutungen
und Entstellungen der unbequemen analytischen Tatsachen, ent-
hält das, was die nunmehrige „Individualpsychologie“ endgültig
von der Analyse trennt. Der Systemgedanke Adlers lautet
bekanntlich, es sei die Absicht der Selbstbehauptung des Indivi-
duums, sein „Wille zur Macht“, der sich in der Form des
„männlichen Protests“ in Lebensführung, Charakterbildung und
Neurose dominierend kundgibt. Dieser männliche Protest, der
Adlersche Motor, ist aber nichts anderes als die von ihrem
psychologischen Mechanismus losgelöste Verdrängung, die über-
dies sexualisiert ist, was mit der gerühmten Vertreibung der
Sexualität aus ihrer Rolle im Seelenleben schlecht zusammen-
stimmt. Der männliche Protest existiert nun sicherlich, aber bei
seiner Konstituierung zum Motor des seelischen Geschehens hat
die Beobachtung nur die Rolle des Sprungbrettes gespielt, welches
man verläßt, um sich zu erheben. Nehmen wir eine der Grund-
situationen des infantilen Begehrens vor, die Beobachtung des
Geschlechtsaktes zwischen Erwachsenen durch das Kind. DannFreud, IV.
S.
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weist die Analyse bei jenen Personen, deren Lebensgeschichte
später den Arzt beschäftigen wird, nach, daß sich in jenem
Moment zwei Regungen des unmündigen Zuschauers bemächtigt
haben, die eine, wenn es ein Knabe ist, sich an die Stelle des
aktiven Mannes zu setzen, und die andere, die Gegenstrebung,
sich mit dem leidenden Weibe zu identifizieren. Beide Strebungen
erschöpfen miteinander die Lustmöglichkeiten, die sich aus der
Situation ergeben. Nur die erstere läßt sich dem männlichen
Protest unterordnen, wenn dieser Begriff überhaupt einen Sinn
behalten soll. Die zweite, um deren Schicksal sich Adler nicht
kümmert oder die er nicht kennt, ist aber die, welche es zu
einer größeren Bedeutung für die spätere Neurose bringen wird.
Adler hat sich so ganz in die eifersüchtige Beschränktheit des
Ichs versetzt, daß er nur jenen Triebregungen Rechnung trägt,
welche dem Ich genehm sind und von ihm gefördert werden;
gerade der Fall der Neurose, daß sich diese Regungen dem Ich
widersetzen, liegt außerhalb seines Horizonts.Bei dem durch die Psychoanalyse unabweisbar gewordenen
Versuch, das Grundprinzip der Lehre an das Seelenleben des
Kindes anzuknüpfen, haben sich für Adler die schwersten
Abweichungen von der Realität der Beobachtung und die tief
gehendsten Begriffsverwirrungen ergeben. Der biologische, soziale
und psychologische Sinn von „männlich“ und „weiblich“ sind
dabei zu hoffnungsloser Mischbildung vermengt. Es ist unmöglich
und durch die Beobachtung zurückzuweisen, daß das – männ-
liche oder weibliche – Kind seinen Lebensplan auf eine
ursprüngliche Geringschätzung des weiblichen Geschlechts
begründen und sich zur Leitlinie den Wunsch machen könne:
ich will ein rechter Mann werden. Das Kind ahnt die Bedeu-
tung des Geschlechtsunterschiedes anfänglich nicht, geht viel-
mehr von der Voraussetzung aus, daß beiden Geschlechtern das
nämliche (männliche) Genitale zukomme, beginnt seine Sexual-
forschung nicht mit dem Problem der Geschlechtsdifferenz undS.
467
steht der sozialen Minderschätzung des Weibes völlig ferne. Es
gibt Frauen, in deren Neurose der Wunsch, ein Mann zu sein,
keine Rolle gespielt hat. Was vom männlichen Protest zu
konstatieren ist, führt sich leicht auf die Störung des uranfäng-
lichen Narzißmus durch die Kastrationsdrohung, respektive auf
die ersten Behinderungen der Sexualbetätigung zurück. Aller
Streit um die Psychogenese der Neurosen muß schließlich auf
dem Gebiete der Kinderneurosen zum Austrage kommen. Die
sorgfältige Zergliederung einer Neurose im frühkindlichen Alter
macht allen Irrtümern in betreff der Ätiologie der Neurosen
und Zweifeln an der Rolle der Sexualtriebe ein Ende. Darum
mußte auch Adler in seiner Kritik der Jungschen Arbeit
„Konflikte der kindlichen Seele“ zu der Unterstellung greifen,
das Material des Falles sei „wohl vom Vater“ einheitlich
gerichtet worden.1)Ich werde nicht weiter bei der biologischen Seite der Adlerschen
Theorie verweilen und nicht untersuchen, ob die greifbare Organ-
minderwertigkeit oder das subjektive Gefühl derselben – man weiß
nicht, welches von beiden – wirklich imstande ist, als Grundlage
das Adlersche System zu tragen. Nur der Bemerkung sei Raum
gegönnt, daß die Neurose dann ein Nebenerfolg der allgemeinen
Verkümmerung würde, während die Beobachtung lehrt, daß
eine erdrückend große Mehrheit von Häßlichen, Mißgestalteten,
Verkrüppelten, Verelendeten es unterläßt, auf ihre Mängel mit
der Entwicklung von Neurose zu reagieren. Auch die interessante
Auskunft, die Minderwertigkeit ins Kindheitsgefühl zu verlegen,
lasse ich beiseite. Sie zeigt uns, in welcher Verkleidung das in
der Analyse so sehr betonte Moment des Infantilismus in der
Individualpsychologie wiederkehrt. Dagegen obliegt es mir, hervor-
zuheben, wie alle psychologischen Erwerbungen der Psychoanalyse
bei Adler in den Wind geschlagen worden sind. Das Unbewußte
tritt noch im „nervösen Charakter“ als eine psychologische Be-1)Zentralblatt für Psychoanalyse, Bd. I, S. 122.
S.
468
sonderheit auf, aber ohne alle Beziehung zum System. Später hat
er folgerichtig erklärt, es sei ihm gleichgültig, ob eine Vorstellung
bewußt oder unbewußt sei. Für die Verdrängung fand sich bei
Adler von vornherein kein Verständnis. In dem Referat über
einen Vortrag im Wiener Verein (Februar 1911) heißt es: „An
der Hand eines Falles wird darauf hingewiesen, daß der Patient
weder seine Libido verdrängt hatte, vor der er sich ja fortwährend
zu sichern suchte...“1) In einer Wiener Diskussion äußerte er bald
darauf: „Wenn Sie fragen, woher kommt die Verdrängung, so
bekommen Sie die Antwort: Von der Kultur. Wenn Sie aber
dann fragen: Woher kommt die Kultur?, so antwortet man Ihnen:
Von der Verdrängung. Sie sehen also, es handelt sich nur um
ein Spiel mit Worten.“ Ein kleiner Bruchteil des Scharfsinnes, mit
dem Adler die Verteidigungskünste seines „nervösen Charakters“
entlarvt hat, hätte hingereicht, ihm den Ausweg aus diesem
rabulistischen Argument zu zeigen. Es ist nichts anderes dahinter,
als daß die Kultur auf den Verdrängungsleistungen früherer
Generationen ruht, und daß jede neue Generation aufgefordert
wird, diese Kultur durch Vollziehung derselben Verdrängungen
zu erhalten. Ich habe von einem Kinde gehört, welches sich für
gefoppt hielt und zu schreien begann, weil es auf die Frage:
Woher kommen die Eier? zur Antwort erhalten hatte: Von den
Hühnern, auf die weitere Frage: Woher kommen die Hühner?
aber die Auskunft bekam: Aus den Eiern. Und doch hatte man
da nicht mit Worten gespielt, sondern dem Kinde etwas Wahres
gesagt.Ebenso kläglich und inhaltsleer ist alles, was Adler über den
Traum, dieses Schiboleth der Psychoanalyse, geäußert hat. Der
Traum war ihm zuerst eine Wendung von der weiblichen auf
die männliche Linie, was nichts anderes besagt, als die Über-
setzung der Lehre von der Wunscherfüllung im Traume in die
Sprache des „männlichen Protestes“. Später findet er das Wesen
1)Korrespondenzblatt Nr. 5, Zürich, April 1911.
S.
469
des Traumes darin, daß der Mensch sich durch ihn unbewußt
ermögliche, was bewußt versagt sei. Auch die Priorität für die
Verwechslung des Traumes mit den latenten Traumgedanken,
auf der die Erkenntnis seiner „prospektiven Tendenz“ ruht, ist
Adler zuzusprechen. Maeder ist ihm hierin später nachge-
kommen. Dabei übersieht man bereitwillig, daß jede Deutung
eines Traumes, der in seiner manifesten Erscheinung überhaupt
nichts Verständliches sagt, auf der Anwendung der nämlichen
Traumdeutung beruht, deren Voraussetzungen und Folgerungen
man bestreitet. Vom Widerstand weiß Adler anzugeben, daß
er der Durchsetzung des Kranken gegen den Arzt dient. Dies
ist gewiß richtig; es heißt soviel als: er dient dem Widerstande.
Woher er aber kommt, und wie es zugeht, daß seine Phänomene
der Absicht des Kranken zu Gebote stehen, das wird, als für das
Ich uninteressant, nicht weiter erörtert. Die Detailmechanismen
der Symptome und Phänomene, die Begründung der Mannig-
faltigkeit von Krankheiten und Krankheitsäußerungen finden
überhaupt keine Berücksichtigung, da doch alles in gleicher Weise
dem männlichen Protest, der Selbstbehauptung, der Erhöhung der
Persönlichkeit dienstbar ist. Das System ist fertig, es hat eine
außerordentliche Umdeutungsarbeit gekostet, dafür auch nicht
eine einzige neue Beobachtung geliefert. Ich glaube, gezeigt zu
haben, daß es mit Psychoanalyse nichts zu schaffen hat.
Das Lebensbild, welches aus dem Adlerschen System hervor-
geht, ist ganz auf den Aggressionstrieb gegründet; es läßt keinen
Raum für die Liebe. Man könnte sich ja verwundern, daß eine
so trostlose Weltanschauung überhaupt Beachtung gefunden hat;
aber man darf nicht daran vergessen, daß die vom Joch ihrer
Sexualbedürfnisse bedrückte Menschheit bereit ist, alles anzu-
nehmen, wenn man ihr nur die „Überwindung der Sexualität“
als Köder hinhält.
Die Adlersche Abfallsbewegung vollzog sich vor dem Kongreß
in Weimar 1911; nach diesem Datum setzte die der SchweizerS.
470
ein. Ihre ersten Anzeichen waren sonderbarerweise einige Äuße-
rungen Riklins in populären Aufsätzen der schweizerischen
Literatur, aus denen die Umwelt also früher als die nächsten
Fachgenossen erfuhr, daß die Psychoanalyse einige bedauerliche,
sie diskreditierende Irrtümer überwunden habe. 1912 rühmte
sich Jung in einem Briefe aus Amerika, daß seine Modifikationen
der Psychoanalyse die Widerstände bei vielen Personen über-
wunden hätten, die bis dahin nichts von ihr hatten wissen wollen.
Ich antwortete, das sei kein Ruhmestitel, und je mehr er von
den mühselig erworbenen Wahrheiten der Psychoanalyse opfere,
desto mehr werde er den Widerstand schwinden sehen. Die
Modifikation, auf deren Einführung die Schweizer sich so stolz
zeigten, war wiederum keine andere als die theoretische Zurück-
drängung des sexuellen Moments. Ich gestehe, daß ich von allem
Anfang an diesen „Fortschritt“ als eine zuweitgehende Anpassung
an die Anforderungen der Aktualität auffaßte.Die beiden rückläufigen, von der Psychoanalyse wegstrebenden
Bewegungen, die ich nun zu vergleichen habe, zeigen auch die
Ähnlichkeit, daß sie durch gewisse hochragende Gesichtspunkte
wie sub specie aeternitatis um ein günstiges Vorurteil werben.
Bei Adler spielt die Relativität aller Erkenntnis und das Recht
der Persönlichkeit, den Wissensstoff individuell künstlerisch zu
gestalten, diese Rolle; bei Jung wird auf das kulturhistorische
Recht der Jugend gepocht, Fesseln abzuwerfen, in welche sie das
tyrannische, in seinen Anschauungen erstarrte Alter schlagen
möchte. Diese Argumente machen einige abweisende Worte not-
wendig. Die Relativität unserer Erkenntnis ist ein Bedenken,
welches jeder anderen Wissenschaft ebensowohl entgegengesetzt
werden kann wie der Psychoanalyse. Es entstammt bekannten
reaktionären, der Wissenschaft feindlichen Strömungen der
Gegenwart und will den Schein einer Überlegenheit in Anspruch
nehmen, die uns nicht gebührt. Keiner von uns kann ahnen,
welches das endgültige Urteil der Menschheit über unsereS.
471
theoretischen Bemühungen sein wird. Man hat Beispiele dafür,
daß die Abweisung der nächsten drei Generationen noch von
der nächstfolgenden korrigiert und in Anerkennung verwandelt
wurde. Es bleibt dem einzelnen nichts übrig, als seine auf
Erfahrung gestützte Überzeugung mit all seinen Kräften zu
vertreten, nachdem er die eigene kritische Stimme sorgfältig und
die der Gegner mit einiger Aufmerksamkeit angehört hat. Man
begnüge sich damit, seine Sache ehrlich zu führen, und maße
sich nicht ein Richteramt an, das einer fernen Zukunft vorbehalten
ist. Die Betonung der persönlichen Willkür in wissenschaftlichen
Dingen ist arg; sie will der Psychoanalyse offenbar den Wert
einer Wissenschaft bestreiten, der allerdings durch die vorher
gehende Bemerkung bereits herabgesetzt ist. Wer das wissen-
schaftliche Denken hochstellt, wird eher nach Mitteln und
Methoden suchen, um den Faktor der persönlichen künstlerischen
Willkür dort möglichst einzuschränken, wo er noch eine über
große Rolle spielt. Übrigens darf man sich rechtzeitig erinnern,
daß aller Eifer der Verteidigung unangebracht ist. Diese Argumente
Adlers sind nicht ernst gemeinte; sie sollen nur gegen den
Gegner verwertet werden, respektieren aber die eigenen Theorien.
Sie haben auch Adlers Anhänger nicht abgehalten, ihn als den
Messias zu feiern, auf dessen Erscheinen die harrende Menschheit
durch so und so viel Vorläufer vorbereitet worden ist. Der Messias
ist gewiß nichts Relatives mehr.Das Jungsche Argument ad captandam benevolentiam ruht
auf der allzu optimistischen Voraussetzung, als hätte sich der
Fortschritt der Menschheit, der Kultur, des Wissens, stets in
ungebrochener Linie vollzogen. Als hätte es niemals Epigonen
gegeben, Reaktionen und Restaurationen nach jeder Revolution,
Geschlechter, die durch einen Rückschritt auf den Erwerb einer
früheren Generation verzichtet hätten. Die Annäherung an den
Standpunkt der Menge, das Aufgeben einer als unliebsam
empfundenen Neuerung, machen es von vornherein unwahr-S.
472
scheinlich, daß die Jungsche Korrektur der Psychoanalyse den
Anspruch auf eine befreiende Jugendtat sollte erheben können.
Endlich sind es nicht die Jahre des Täters, welche hierüber ent-
scheiden, sondern der Charakter der Tat.Von den beiden hier behandelten Bewegungen ist die
Adlersche unzweifelhaft die bedeutsamere; radikal falsch, ist sie
doch durch Konsequenz und Kohärenz ausgezeichnet. Sie ist auch
noch immer auf eine Trieblehre gegründet. Die Jungsche
Modifikation dagegen hat den Zusammenhang der Phänomene
mit dem Triebleben gelockert; sie ist übrigens, wie ihre Kritiker
(Abraham, Ferenczi, Jones) hervorgehoben, so unklar, undurch-
sichtig und verworren, daß es nicht leicht ist, Stellung zu ihr
zu nehmen. Wo man sie antastet, muß man darauf vorbereitet
sein, zu hören, daß man sie mißverstanden hat, und man weiß
nicht, wie man zu ihrem richtigen Verständnis kommen soll. Sie
stellt sich selbst in eigentümlich schwankender Weise vor, bald
als „ganz zahme Abweichung, die das Geschrei nicht wert sei,
das sich darum erhoben habe“ (Jung), bald als neue Heilsbotschaft,
mit der eine neue Epoche für die Psychoanalyse beginne, ja, eine
neue Weltanschauung für alle übrigen.Unter dem Eindruck der Unstimmigkeiten zwischen den einzelnen
privaten und öffentlichen Äußerungen der Jungschen Richtung
wird man sich fragen müssen, wie groß daran der Anteil der
eigenen Unklarheit und der der Unaufrichtigkeit sei. Man wird
aber zugestehen, daß sich die Vertreter der neuen Lehre in einer
schwierigen Situation befinden. Sie bekämpfen nun Dinge, welche
sie früher selbst verteidigt haben, und zwar nicht auf Grund
neuer Beobachtungen, von denen sie sich belehren lassen konnten,
sondern infolge von Umdeutungen, welche ihnen jetzt die Dinge
anders erscheinen lassen, als sie sie vorher sahen. Darum wollen
sie den Zusammenhang mit der Psychoanalyse, als deren Vertreter
sie der Welt bekannt wurden, nicht aufgeben und ziehen es vor
zu verkünden, daß die Psychoanalyse sich geändert hat. Auf demS.
473
Münchner Kongreß sah ich mich genötigt, dieses Halbdunkel
aufzuhellen, und tat es durch die Erklärung, daß ich die Neue-
rungen der Schweizer nicht als legitime Fortsetzung und Weiter-
entwicklung der von mir ausgehenden Psychoanalyse anerkenne.
Außenstehende Kritiker (wie Furtmüller) hatten diesen Sach-
verhalt schon vorher erkannt, und Abraham spricht mit Recht
davon, daß sich Jung auf dem vollen Rückzuge von der Psycho-
analyse befinde. Ich bin natürlich gern bereit zuzugestehen, daß
ein jeder das Recht hat, zu denken und zu schreiben, was er
will, aber er hat nicht das Recht, es für etwas anderes auszugeben,
als es wirklich ist.Wie die Adlersche Forschung der Psychoanalyse etwas Neues
brachte, ein Stück der Ichpsychologie, und sich dieses Geschenk
allzu teuer bezahlen lassen wollte durch die Verwerfung aller
grundlegenden analytischen Lehren, so haben auch Jung und
seine Anhänger ihren Kampf gegen die Psychoanalyse an eine
Neuerwerbung für dieselbe angeknüpft. Sie haben im einzelnen
verfolgt (worin ihnen Pfister vorangegangen war), wie das
Material der sexuellen Vorstellungen aus dem Familienkomplex
und der inzestuösen Objektwahl zur Darstellung der höchsten
ethischen und religiösen Interessen der Menschen verwendet wird,
also einen bedeutsamen Fall von Sublimierung der erotischen
Triebkräfte und Umsetzung derselben in nicht mehr erotisch zu
nennende Strebungen aufgeklärt. Dies stand im besten Einklang
mit den in der Psychoanalyse enthaltenen Erwartungen und
hätte sich vortrefflich mit der Auffassung vertragen, daß in
Traum und Neurose die regressive Auflösung dieser wie aller
anderen Sublimierungen sichtbar wird. Allein die Welt hätte
empört gerufen, man habe Ethik und Religion sexualisiert! Ich
kann es nun nicht vermeiden, einmal „final“ zu denken und
anzunehmen, daß sich die Entdecker diesem Entrüstungssturm
nicht gewachsen fühlten. Vielleicht begann er auch in der eigenen
Brust zu toben. Die theologische Vorgeschichte so vieler SchweizerS.
474
ist für ihre Stellung zur Psychoanalyse so wenig gleichgültig wie
die sozialistische Adlers für die Entwicklung seiner Psychologie.
Man wird an die berühmte Geschichte Mark Twains von den
Schicksalen seiner Uhr erinnert und an die Verwunderung, mit
der sie schließt: And he used to wonder what became of all
the unsuccessful tinkers, and gunsmiths, and shoemakers, and
blacksmiths; but nobody could ever tell him.Ich will den Weg des Gleichnisses betreten und annehmen,
in einer Gesellschaft lebe ein Emporkömmling, der sich der Ab-
stammung von uradeliger, aber ortsfremder Familie rühme. Nun
werde ihm nachgewiesen, daß seine Eltern irgendwo in der
Nähe leben und sehr bescheidene Leute seien. Jetzt steht ihm
noch ein Auskunftsmittel zu Gebote und zu diesem greift er auch.
Er kann die Eltern nicht mehr verleugnen, aber er behauptet,
die seien selbst hochadelig, nur herabgekommen, und verschafft
ihnen bei einem gefälligen Amt ein Abkunfts dokument. Ich meine,
so ähnlich haben sich die Schweizer benehmen müssen. Wenn
Ethik und Religion nicht sexualisiert werden durften, sondern
von Anfang an etwas „Höheres“ waren, die Herleitung ihrer
Vorstellungen aus dem Familien- und Ödipuskomplex aber unab-
weisbar erschien, so ergab sich nur eine Auskunft: diese Komplexe
selbst durften von Anfang an nicht bedeuten, was sie auszusagen
schienen, sondern jenen höheren, „anagogischen“ Sinn (nach
Silberers Namengebung) haben, mit dem sie sich in ihre Ver-
wendung in den abstrakten Gedankengängen der Ethik und der
religiösen Mystik einfügten.Ich bin nun gefaßt darauf, wiederum zu hören, daß ich Inhalt
und Absicht der Neu-Züricher Lehre mißverstanden habe, aber
ich verwahre mich von vornherein dagegen, daß die Widersprüche
gegen meine Auffassung, die sich aus den Veröffentlichungen
dieser Schule ergeben, mir, anstatt ihnen selbst zur Last gelegt
sein sollen. Auf keine andere Art kann ich mir das Ensemble der
Jungschen Neuerungen verständlich machen und im Zusammen-S.
475
hange begreifen. Von der Absicht, das Anstößige der Familien-
komplexe zu beseitigen, um dies Anstößige nicht in Religion
und Ethik wiederzufinden, strahlen alle die Abänderungen aus,
welche Jung an der Psychoanalyse vorgenommen hat. Die
sexuelle Libido wurde durch einen abstrakten Begriff ersetzt, von
dem man behaupten darf, daß er für Weise wie für Toren gleich
geheimnisvoll und unfaßbar geblieben ist. Der Ödipuskomplex
war nur „symbolisch“ gemeint, die Mutter darin bedeutete das
Unerreichbare, auf welches man im Interesse der Kultur-
entwicklung verzichten muß; der Vater, der im Ödipusmyth-
getötet wird, ist der „innerliche“ Vater, von dem man sich
freizumachen hat, um selbständig zu werden. Andere Stücke des
sexuellen Vorstellungsmaterials werden im Laufe der Zeit sicherlich
ähnliche Umdeutungen erfahren. An Stelle des Konfliktes zwischen
ichwidrigen erotischen Strebungen und der Ichbehauptung trat
der Konflikt zwischen der „Lebensaufgabe“ und der „psychischen
Trägheit“; das neurotische Schuldbewußtsein entsprach dem
Vorwurf, seiner Lebensaufgabe nicht gerecht zu werden. Ein
neues religiös-ethisches System wurde so geschaffen, welches ganz
wie das Adlersche die tatsächlichen Ergebnisse der Analyse
umdeuten, verzerren oder beseitigen mußte. In Wirklichkeit hatte
man aus der Symphonie des Weltgeschehens ein paar kulturelle
Obertöne herausgehört und die urgewaltige Triebmelodie wieder
einmal überhört.Um dieses System zu halten, war eine volle Abwendung von
der Beobachtung und von der Technik der Psychoanalyse not-
wendig. Gelegentlich gestattete die Begeisterung für die hehre
Sache auch eine Geringschätzung der wissenschaftlichen Logik,
wie wenn Jung den Ödipuskomplex nicht „spezifisch“ genug
für die Ätiologie der Neurosen findet und diese Spezifität der
Trägheit, also der allgemeinsten Eigenschaft belebter wie unbelebter
Körper zuerkennt! Dabei ist zu bemerken, daß der „Ödipus-
komplex“ nur einen Inhalt darstellt, an dem sich die SeelenkräfteS.
476
des Individuums messen, und nicht selbst eine Kraft ist, wie die
„psychische Trägheit“. Die Erforschung des einzelnen Menschen
hatte ergeben und wird immer von neuem ergeben, daß die
sexuellen Komplexe in ihrem ursprünglichen Sinne in ihm lebendig
sind. Darum wurde die Individualforschung zurückgedrängt und
durch die Beurteilung nach Anhaltspunkten aus der Völker-
forschung ersetzt. In der frühen Kindheit eines jeden Menschen
war man am ehesten der Gefahr ausgesetzt, auf den ursprüng-
lichen und unverhüllten Sinn der umgedeuteten Komplexe zu
stoßen, daher ergab sich für die Therapie die Vorschrift, bei
dieser Vergangenheit so kurz als möglich zu verweilen und den
Hauptakzent auf die Rückkehr zum aktuellen Konflikt zu legen,
an dem aber beileibe nicht das Zufällige und Persönliche, sondern
das Generelle, eben das Nichterfüllen der Lebensaufgabe, das
Wesentliche ist. Wir haben aber gehört, daß der aktuelle Konflikt
des Neurotikers erst verständlich und lösbar wird, wenn man ihn
auf die Vorgeschichte des Kranken zurückführt, den Weg geht,
den seine Libido bei der Erkrankung gegangen ist.Wie sich die Neu-Züricher Therapie unter solchen Tendenzen
gestaltet hat, kann ich nach den Angaben eines Patienten mit-
teilen, der sie an sich selbst erfahren mußte. „Diesmal keine
Spur von Rücksicht auf Vergangenheit und Übertragung. Wo
ich letztere zu greifen glaubte, wurde sie für reines Libidosymbol
ausgegeben. Die moralischen Belehrungen waren sehr schön und
ich lebte ihnen getreulich nach, aber ich kam keinen Schritt
vorwärts. Es war mir noch unangenehmer als ihm, aber was
konnte ich dafür? … Statt analytisch zu befreien, brachte jede
Stunde neue ungeheure Forderungen, an deren Erfüllung die
Überwindung der Neurose geknüpft wurde, z. B. innerliche
Konzentration durch Introversion, religiöse Vertiefung, neues
Gemeinschaftsleben mit meiner Frau in liebevoller Hingabe usw.
Es ging fast über die Kraft, lief es doch auf eine radikale
Umgestaltung des ganzen inneren Menschen hinaus. Man verließS.
477
die Analyse als armer Sünder mit den stärksten Zerkneirschungs-
gefühlen und den besten Vorsätzen, aber gleichzeitig in tiefster
Entmutigung. Was er mir empfahl, hätte jeder Pfarrer mir auch
geraten, aber woher die Kraft?“ Der Patient teilt zwar mit, er
habe gehört, daß die Vergangenheits-
vorangehen müsse. Ihm wurde gesagt, daß er davon genug gehabt
habe. Da sie nicht mehr geholfen hat, scheint mir der Schluß
gerechtfertigt, daß der Patient von der ersteren Art der Analyse
nicht genug bekommen hat. Keinesfalls hat das daraufgesetzte
Stück Behandlung mehr geholfen, welches auf den Namen einer
Psychoanalyse keinen Anspruch mehr hat. Es ist zu verwundern,
daß die Züricher den langen Umweg über Wien gebraucht haben,
um endlich nach dem so nahen Bern zu kommen, in dem
Dubois Neurosen durch ethische Aufmunterung in schonungs-
voller Weise heilt.1)Der völlige Zerfall dieser neuen Richtung mit der Psycho-
analyse erweist sich natürlich auch in der Behandlung der
Verdrängung, welche in den Schriften Jungs kaum mehr erwähnt
wird, in der Verkennung des Traumes, den sie wie Adler
unter Verzicht auf die Traumpsychologie mit den latenten
Traumgedanken verwechselt, in dem Verlust des Verständnisses
für das Unbewußte, kurz in all den Punkten, in welche ich die
Wesenheit der Psychoanalyse verlegen konnte. Wenn man von
Jung hört, der Inzestkomplex sei nur symbolisch, er habe
doch keine reale Existenz, der Wilde verspüre doch kein
Gelüste nach der alten Vettel, sondern ziehe ein junges und
schönes Weib vor, so ist man versucht anzunehmen, daß
„symbolisch“ und „keine reale Existenz“ eben das bedeuten, was
1)Ich kenne die Bedenken, welche der Verwertung einer Patientenaussage im
Wege stehen, und will darum ausdrücklich versichern, daß mein Gewährsmann eine
ebenso vertrauenswürdige wie urteilsfähige Persönlichkeit ist. Er hat mich informiert,
ohne daß ich ihn dazu aufgefordert, und ich bediene mich seiner Mitteilung, ohne
seine Zustimmung einzuholen, weil ich nicht zugeben kann, daß eine psychoanalytische
Technik den Schutz der Diskretion beanspruchen sollte.S.
478
man in der Psychoanalyse mit Rücksicht auf seine Äußerungen
und pathogenen Wirkungen als „unbewußt existent“ bezeichnet,
um auf solche Weise den scheinbaren Widerspruch zu erledigen.
Wenn man sich vorhält, daß der Traum noch etwas anderes
ist als die latenten Traumgedanken, die er verarbeitet, so wird
man sich nicht wundern, daß die Kranken von den Dingen
träumen, mit denen man ihren Sinn während der Behandlung
erfüllt hat, sei es die „Lebensaufgabe“ oder das „Oben-
und Untensein“. Gewiß sind die Träume der Analysierten lenkbar, in
ähnlicher Art, wie man Träume durch experimentell angebrachte
Reize beeinflussen kann. Man kann einen Teil des Materials be-
stimmen, welches in den Träumen vorkommt; am Wesen und am
Mechanismus des Traumes wird hiedurch nichts geändert. Ich
glaube auch nicht daran, daß die sogenannten „biographischen“
Träume sich außerhalb der Analyse ereignen. Analysiert man
hingegen Träume, die vor der Behandlung vorgefallen sind, oder
achtet man darauf, was der Träumer zu den ihm in der Kur
gegebenen Anregungen hinzufügt, oder kann man es vermeiden,
ihm solche Aufgaben zu stellen, so überzeugt man sich, wie
ferne es dem Traume liegt, gerade nur Lösungsversuche der
Lebensaufgabe zu liefern. Der Traum ist ja nur eine Form des
Denkens; das Verständnis dieser Form kann man nie aus dem
Inhalt seiner Gedanken gewinnen, dazu führt nur die Würdigung
der Traumarbeit.
Die faktische Widerlegung der Jungschen Mißverständnisse
und Abweichungen von der Psychoanalyse ist nicht schwierig.
Jede regelrecht ausgeführte Analyse, ganz besonders aber jede
Analyse am Kinde, bestärkt die Überzeugungen, auf denen die
Theorie der Psychoanalyse ruht, und weist die Umdeutungen des
Adlerschen wie des Jungschen Systems zurück. Jung selbst
hat in der Zeit vor seiner Erleuchtung eine solche Kinderanalyse
durchgeführt und publiziert; es ist abzuwarten, ob er eine neue
Deutung derselben mit Hilfe einer anderen „einheitlichen RichtungS.
479
der Tatsachen“ (nach dem hierauf bezüglichen Ausdruck Adlers)
vornehmen wird.Die Ansicht, daß die sexuelle Darstellung „höherer“ Gedanken
in Traum und Neurose nichts anderes als eine archaische Aus-
drucksweise bedeute, ist natürlich mit der Tatsache unvereinbar,
daß sich diese sexuellen Komplexe in der Neurose als die Träger
jener Libidoquantitäten erweisen, welche dem realen Leben
entzogen worden sind. Handelte es sich nur um einen sexuellen
Jargon, so könnte dadurch an der Ökonomie der Libido nichts
geändert worden sein. Jung selbst gesteht dies noch in seiner
„Darstellung der psychoanalytischen Theorie“ zu und formuliert
als therapeutische Aufgabe, daß diesen Komplexen die Libido-
besetzung entzogen werden solle. Dies gelingt aber niemals durch
Wegweisen von ihnen und Drängen zur Sublimierung, sondern
nur durch eingehendste Beschäftigung mit ihnen und durch
Bewußtmachen im vollen Umfange. Das erste Stück der Realität,
dem der Kranke Rechnung zu tragen hat, ist eben seine Krankheit.
Bemühungen, ihn dieser Aufgabe zu entziehen, deuten auf eine
Unfähigkeit des Arztes, ihm zur Überwindung der Widerstände
zu verhelfen, oder auf eine Scheu des Arztes vor den Ergebnissen
dieser Arbeit.Ich möchte abschließend sagen, Jung hat mit seiner „Modi-
fikation“ der Psychoanalyse ein Gegenstück zum berühmten
Lichtenbergschen Messer geliefert. Er hat das Heft verändert
und eine neue Klinge eingesetzt; weil dieselbe Marke darauf
eingeritzt ist, sollen wir nun dies Instrument für das frühere
halten.Ich glaube im Gegenteile gezeigt zu haben, daß die neue Lehre,
welche die Psychoanalyse substituieren möchte, ein Aufgeben der
Analyse und einen Abfall von ihr bedeutet. Man wird vielleicht
der Befürchtung zuneigen, daß dieser Abfall für ihr Schicksal
verhängnisvoller werden müsse als ein anderer, weil er von Personen
ausgeht, welche eine so große Rolle in der Bewegung gespieltS.
480
und sie um ein so großes Stück gefördert haben. Ich teile diese
Befürchtung nicht.Menschen sind stark, solange sie eine starke Idee vertreten;
sie werden ohnmächtig, wenn sie sich ihr widersetzen. Die
Psychoanalyse wird diesen Verlust ertragen und für diese Anhänger
andere gewinnen. Ich kann nur mit dem Wunsche schließen,
daß das Schicksal allen eine bequeme Auffahrt bescheren möge,
denen der Aufenthalt in der Unterwelt der Psychoanalyse
unbehaglich geworden ist. Den anderen möge es gestattet sein,
ihre Arbeiten in der Tiefe unbelästigt zu Ende zu führen.
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Zur Geschichte der Psychoanalytischen Bewegung1914-004/1924.2
1914-004/1924.2/3