• S.

    XXXIV. VORLESUNG

    AUFKLÄRUNGEN, ANWENDUNGEN,

    ORIENTIERUNGEN

    Meine Damen und Herren! Darf ich einmal, sozu-
    sagen des trockenen Tones satt, über Dinge vor Ihnen
    reden, die sehr wenig theoretische Bedeutung haben, die
    Sie aber doch nahe angehen, insoferne Sie der Psycho-
    analyse freundlich gesinnt sind? Setzen wir z. B. den
    Fall, daß Sie in Ihren Mußestunden einen deutschen,
    englischen oder amerikanischen Roman zur Hand neh-
    men, in dem Sie eine Schilderung der Menschen und der
    Zustände von heute zu finden erwarten. Nach wenigen
    Seiten stoßen Sie auf eine erste Äußerung über Psycho-
    analyse und dann bald auf weitere, auch wenn der Zu-
    sammenhang es nicht zu erfordern scheint. Sie müssen
    nicht meinen, daß es sich dabei um Anwendungen der
    Tiefenpsychologie zum besseren Verständnis der Personen
    im Text oder ihrer Taten handelt; es gibt allerdings auch
    ernsthaftere Dichtungen, in denen das wirklich versucht
    wird. Nein, es sind meist spöttische Bemerkungen, mit
    denen der Verfasser des Romans seine Belesenheit oder
    seine intellektuelle Überlegenheit dartun will. Nicht
    immer bekommen Sie auch den Eindruck, daß er das
    wirklich kennt, worüber er sich ausspricht. Oder Sie
    gehen zu Ihrer Erholung in eine gesellige Vereinigung;

  • S.

    190

    es muß nicht gerade in Wien sein. Nach kurzer Zeit
    geht das Gespräch auf die Psychoanalyse, Sie hören die
    verschiedensten Leute ihr Urteil abgeben, meist im Tone
    unbeirrter Sicherheit. Dies Urteil ist ganz gewöhnlich ein
    geringschätzendes, oft eine Schmähung, zum Mindesten
    wieder eine Spötterei. Wenn Sie so unvorsichtig sind zu
    verraten, daß Sie etwas von dem Gegenstand verstehen,
    fallen Alle über Sie her, verlangen Auskünfte und Er-
    klärungen und geben Ihnen nach kurzer Zeit die Über-
    zeugung, daß alle diese strengen Urteile vor jeder Infor-
    mation gefällt worden waren, daß kaum einer von diesen
    Gegnern je ein analytisches Buch zur Hand genommen
    hat oder wenn doch, daß er nicht über den ersten Wider-
    stand beim Zusammentreffen mit einem neuen Stoff hin-
    weggekommen ist.

    Von einer Einführung in die Psychoanalyse erwar-
    ten Sie vielleicht auch eine Anweisung, welche Argu-
    mente man zur Richtigstellung der offenkundigen Irr-
    tümer über die Analyse verwenden, welche Bücher man
    zur besseren Information empfehlen, oder selbst, welche
    Beispiele aus Ihrer Lektüre oder Erfahrung Sie in der
    Diskussion anrufen sollen, um die Einstellung der Ge-
    sellschaft zu ändern. Ich bitte Sie, tun Sie nichts von
    alledem. Es wäre unnütz; am besten Sie verbergen über-
    haupt Ihre besseres Wissen. Wenn das nicht mehr mög-
    lich ist, so beschränken Sie sich darauf zu sagen, Sie
    meinen, soweit Sie orientiert sind, daß die Psychoana-
    lyse ein besonderer Wissenszweig sei, recht schwer zu
    verstehen und zu beurteilen, daß sie sich mit sehr ernst-
    haften Dingen beschäftige, sodaß man ihr mit ein paar

  • S.

    191

    Scherzen nicht nahekomme, und daß man sich für ge-
    sellschaftliche Unterhaltungen lieber ein anderes Spiel-
    zeug aussuchen solle. Natürlich beteiligen Sie sich auch
    nicht an Deutungsversuchen, wenn unvorsichtige Leute
    ihre Träume erzählen, und widerstehen auch der Ver-
    suchung, durch Berichte von Heilungen um Gunst für die
    Analyse zu werben.

    Sie können aber die Frage aufwerfen, warum diese
    Leute, sowohl die Bücher schreiben als die Konversation
    machen, sich so inkorrekt benehmen, und Sie werden
    zur Annahme neigen, daß dies nicht nur an den Leuten,
    sondern auch an der Psychoanalyse liegt. Das meine ich
    auch; was Ihnen in Literatur und Gesellschaft als Vor-
    urteil entgegentritt, ist die Nachwirkung eines früheren
    Urteils, – nämlich des Urteils, das die Vertreter der
    offiziellen Wissenschaft über die junge Psychoanalyse ge-
    fällt hatten. Ich habe mich schon einmal in einer histo-
    rischen Darstellung darüber beklagt und werde es nicht
    wieder tun, – vielleicht war schon dies eine Mal zuviel,
    – aber wirklich, es gab keine Verletzung der Logik,
    aber auch keine des Anstands und guten Geschmacks,
    die sich die wissenschaftlichen Gegner der Psychoanalyse
    damals nicht gestattet hätten. Es war eine Situation, wie
    sie im Mittelalter verwirklicht war, wenn ein Missetäter
    oder auch nur ein politischer Gegner an den Pranger
    gestellt und der Mißhandlung durch den Pöbel preis-
    gegeben wurde. Und Sie machen es sich vielleicht nicht
    klar, wie weit hinauf in unserer Gesellschaft die Pöbel-
    haftigkeit reicht und welchen Unfug sich die Menschen
    erlauben, wenn sie sich als Massenbestandteil und der

  • S.

    192

    persönlichen Verantwortung überhoben fühlen. Ich war
    zu Beginn jener Zeiten ziemlich allein, sah bald
    ein, daß Polemisieren keine Aussicht habe, daß aber
    auch das Sich-
    beklagen und die Anrufung besserer
    Geister sinnlos sei, da es ja keine Instanzen gäbe,
    bei denen die Klage anzubringen wäre. Somit ging
    ich einen anderen Weg; ich machte die erste An-
    wendung der Psychoanalyse, indem ich mir das Beneh-
    men der Masse als Phänomen desselben Widerstands
    aufklärte, den ich bei den einzelnen Patienten zu be-
    kämpfen hatte, enthielt mich selbst der Polemik und
    beeinflußte meine Anhänger, als sie allmählich hinzu-
    kamen, nach derselben Richtung. Das Verfahren war gut,
    der Bann, in den damals die Analyse getan wurde, ist
    seither aufgehoben worden, aber wie ein verlassener
    Glaube als Aberglaube fortlebt, eine von der Wissen-
    schaft aufgegebene Theorie als Volksmeinung erhalten
    bleibt, so setzt sich heute jene ursprüngliche Achtung der
    Psychoanalyse durch wissenschaftliche Kreise in der
    spöttischen Geringschätzung der Bücher schreibenden
    oder Konversation machenden Laien fort. Darüber wer-
    den Sie sich also nicht mehr verwundern.

    Nun erwarten Sie aber nicht, die frohe Botschaft
    zu hören, der Kampf um die Analyse sei zu Ende und
    habe mit ihrer Anerkennung als Wissenschaft, ihrer Zu-
    lassung als Lehrstoff zur Universität geendet. Es ist
    keine Rede davon, er setzt sich fort, nur in mehr ge-
    sitteten Formen. Neu ist auch, daß sich in der wissen-
    schaftlichen Gesellschaft eine Art von Pufferschicht zwi-
    schen der Analyse und ihren Gegnern gebildet hat, Leute,

  • S.

    193

    die etwas an der Analyse gelten lassen, es auch unter
    ergötzlichen Verklasulierungen bekennen, dafür anderes
    ablehnen, wie sie nicht laut genug verkünden können.
    Was sie bei dieser Auswahl bestimmt, ist nicht leicht
    zu erraten. Es scheinen persönliche Sympathien zu sein.
    Der eine nimmt Anstoß an der Sexualität, der andere
    am Unbewußten; besonders unbeliebt scheint die Tat-
    sache der Symbolik zu sein. Daß das Gebäude der
    Psychoanalyse, obwohl unfertig, doch schon heute eine
    Einheit darstellt, aus der nicht jeder nach seiner Willkür
    Elemente herausbrechen kann, scheint für diese Eklek-
    tiker nicht in Betracht zu kommen. Von keinem dieser
    Halb- oder Viertelanfänger konnte ich den Eindruck
    bekommen, daß ihre Ablehnung auf Nachprüfung be-
    gründet war. Auch manche hervorragende Männer ge-
    hören zu dieser Kategorie. Sie sind freilich entschuldigt
    durch die Tatsache, daß ihre Zeit wie ihr Interesse an
    deren Dingen gehören, nämlich jenen, in deren Bewäl-
    tigung sie so Bedeutendes geleistet haben. Aber sollten
    sie dann nicht lieber mit ihrem Urteil zurückhalten an-
    statt so entschieden Partei zu nehmen? Bei einem dieser
    Großen gelang mir einmal eine rasche Bekehrung. Es war
    ein weltberühmter Kritiker, der den geistigen Strömun-
    gen der Zeit mit wohlwollendem Verständnis und pro-
    phetischem Scharfblick gefolgt war. Ich lernte ihn erst
    kennen, als er das achtzigste Jahr überschritten hatte,
    aber er war noch immer bezaubernd im Gespräch. Sie
    werden leicht erraten, wen ich meine. Ich war es auch
    nicht, der auf die Psychoanalyse zu reden kam. Er tat
    es, indem er sich auf die bescheidenste Weise an mir

  • S.

    194

    maß. „Ich bin nur ein Literat, sagte er, aber Sie sind
    ein Naturforscher und Entdecker. Aber das eine muß
    ich Ihnen sagen: ich habe nie sexuelle Gefühle für meine
    Mutter gehabt.“ „Aber das brauchen Sie ja gar nicht
    gewußt zu haben“, war meine Erwiderung, „das sind ja
    für den Erwachsenen unbewußte Vorgänge.“ „Ach, so
    meinen Sie das“, sagte er erleichtert und drückte meine
    Hand. Wir plauderten noch einige Stunden im besten
    Einvernehmen. Ich hörte später, daß er in dem kurzen
    Lebensrest, der ihm noch vergönnt war, sich wiederholt
    freundlich über die Analyse äußerte und gerne das ihm
    neue Wort „Verdrängung“ gebrauchte.

    Ein bekannter Spruch mahnt, man soll von seinen
    Feinden lernen. Ich gestehe, daß mir dies nie gelungen
    ist, aber ich dachte doch, es könnte für Sie lehrreich
    werden, wenn ich mit Ihnen eine Musterung aller der
    Vorwürfe und Einwendungen vornähme, die die Gegner
    der Psychoanalyse gegen sie erhoben haben, und dann
    auf die so leicht aufzudeckenden Ungerechtigkeiten und
    Verstöße gegen die Logik hinwiese. Aber „on second
    thoughts“ habe ich mir gesagt, das würde gar nicht inter-
    essant, sondern ermüdend und peinlich werden und grade
    das sein, was ich in all diesen Jahren sorgfältig ver-
    mieden habe. Entschuldigen Sie mich also, wenn ich
    diesen Weg nicht weiter verfolge und Sie mit den Ur-
    teilen unserer sogenannt wissenschaftlichen Gegner ver-
    schone. Handelt es sich doch fast immer um Personen,
    deren einziger Befähigungsnachweis die Unbefangenheit
    ist, die sie sich durch Fernhaltung von den Erfahrungen
    der Psychoanalyse bewahrt haben. Aber ich weiß, so

  • S.

    195

    leichten Kaufs werden Sie mich nicht in anderen Fällen
    entlassen. Sie werden mir vorhalten: Es gibt doch soviel
    Personen, für die Ihre letzte Bemerkung nicht zutrifft.
    Diese sind der analytischen Erfahrung nicht ausgewichen,
    haben Patienten analysiert, sind vielleicht selbst analy-
    siert worden, waren sogar eine Zeit lang Ihre Mitarbei-
    ter und sind doch zu anderen Auffassungen und Theo-
    rien gekommen, auf Grund deren sie von Ihnen abge-
    fallen sind und selbständige Schulen der Psychoanalyse
    begründet haben. Über die Möglichkeit und Bedeutung
    dieser in der Geschichte der Analyse so häufigen Ab-
    fallsbewegungen sollten Sie uns Aufklärung geben.

    Ja, ich will es versuchen; in Kürze zwar, denn es
    kommt dabei weniger für das Verständnis der Analyse
    heraus, als Sie erwarten mögen. Ich weiß, Sie denken
    in erster Linie an die Adlersche Individualpsychologie,
    die z. B. in Amerika als eine gleichberechtigte Neben-
    linie unserer Psychoanalyse betrachtet und regelmäßig
    mit ihr zusammen genannt wird. In Wirklichkeit hat
    sie sehr wenig mit ihr zu tun, führt aber in Folge ge-
    wisser historischer Umstände eine Art von parasitärer
    Existenz auf ihre Kosten. Auf ihren Gründen treffen die
    Bedingungen, die wir für die Gegner dieser Gruppe an-
    genommen haben, nur in geringem Ausmaß zu. Der Name
    selbst ist unpassend, scheint ein Produkt der Verlegen-
    heit; wir können uns seine berechtigte Verwendung als
    Gegensatz zu Massenpsychologie nicht stören lassen;
    auch was wir treiben ist zumeist und vor allem Psycho-
    logie des menschlichen Individuums. In eine objektive
    Kritik der Adlerschen Individualpsychologie werde ich

  • S.

    196

    heute nicht eingehen, sie liegt nicht im Plan dieser Ein-
    führung, auch habe ich sie schon einmal versucht und
    habe wenig Anlaß etwas an ihr zu ändern. Den Ein-
    druck, den sie hervorruft, will ich aber durch eine kleine
    Begebenheit in den Jahren vor der Analyse illustrieren.

    In der Nähe der mährischen Kleinstadt, in der ich
    geboren bin und die ich als Kind von drei Jahren ver-
    lassen habe, befindet sich ein bescheidener Kurort, schön
    im Grünen gelegen. In den Gymnasialjahren war ich
    mehrmals auf Ferien dort. Etwa zwei Jahrzehnte später
    wurde die Erkrankung einer nahen Verwandten der An-
    laß, diesen Ort wiederzusehen. In einer Unterhaltung
    mit dem Kurarzt, der meiner Verwandten Beistand ge-
    leistet hatte, erkundigte ich mich auch nach seinen Be-
    ziehungen, zu den – ich glaube – slowakischen Bauern,
    die im Winter seine einzige Klientel bildeten. Er erzählte,
    die ärztliche Tätigkeit spiele sich in folgender Weise ab:
    Zur Stunde seiner Ordination kommen die Patienten in
    sein Zimmer und stellen sich in einer Reihe auf. Einer
    nach dem anderen tritt dann hervor und klagt über seine
    Beschwerden. Er hat Kreuzschmerzen oder Magen-
    krämpfe oder Müdigkeit in den Beinen u. s. w. Dann
    untersucht er ihn und nachdem er sich orientiert hat,
    ruft er ihm die Diagnose zu, in jedem Fall die nämliche.
    Er übersetzte mir das Wort, es heiße soviel wie „ver-
    hext“. Ich fragte erstaunt, ob die Bauern denn keinen
    Anstoß daran nehmen, daß er bei allen Kranken den-
    selben Befund habe. O nein, erwiderte er, sie sind sehr
    zufrieden damit, es ist das, was sie erwartet haben.
    Jeder, der in die Reihe zurücktritt, deutet den anderen

  • S.

    197

    durch Mienen und Gebärden: Ja, das ist einer, der’s
    versteht. Wenig ahnte ich damals, unter welchen Ver-
    hältnissen ich einer analogen Situation wieder begegnen
    würde.

    Ob nämlich einer ein Homosexueller ist oder ein
    Nekrophile, ein verängstigter Hysteriker, ein abgesperr-
    ter Zwangsneurotiker oder ein tobender Wahnsinniger,
    in jedem Fall wird der Individualpsychologe Adlerscher
    Richtung als das treibende Motiv seines Zustandes an-
    geben, daß er sich zur Geltung bringen, seine Minder-
    wertigkeit überkompensieren, oben bleiben, von der weib-
    lichen auf die männliche Linie gelangen will. Etwas ganz
    ähnliches hatten wir als junge Studenten auf der Klinik
    gehört, wenn einmal ein Fall von Hysterie vorgestellt
    wurde: Die Hysterischen erzeugen ihre Symptome, um
    sich interessant zu machen, die Aufmerksamkeit auf sich
    zu ziehen. Wie doch alte Weisheiten immer wiederkeh-
    ren! Aber dieses Stückchen Psychologie schien uns schon
    damals die Rätsel der Hysterie nicht zu decken, es ließ
    z. B. unerklärt, warum die Kranken sich keiner anderen
    Mittel zur Erreichung ihrer Absicht bedienen. Etwas an
    dieser Lehre der Individualpsychologen muß natürlich
    richtig sein, ein Partikelchen für das Ganze. Der Selbst-
    erhaltungstrieb wird versuchen, sich jede Situation zu
    Nutze zu machen, das Ich wird auch das Kranksein zum
    Vorteil wenden wollen. Man nennt das in der Psycho-
    analyse den „sekundären Krankheitsgewinn“. Freilich,
    wenn man an die Tatsachen des Masochismus denkt, des
    unbewußten Strafbedürfnisses und der neurotischen
    Selbstschädigung, die die Annahme von Triebregungen

  • S.

    198

    nahe legen, welche der Selbsterhaltung zuwiderlaufen,
    wird man auch an der Allgemeingiltigkeit jener banalen
    Wahrheit irre, auf der das Lehrgebäude der Individual-
    psychologie erbaut ist. Aber der großen Menge muß eine
    solche Lehre hoch willkommen sein, die keine Kompli-
    kationen anerkennt, keine neuen, schwer faßbaren Be-
    griffe einführt, vom Unbewußten nichts weiß, das auf
    Allen lastende Problem der Sexualität mit einem Hieb
    beseitigt, sich auf die Aufdeckung der Schliche be-
    schränkt, mit denen man sich das Leben bequem machen
    will. Denn die Menge ist selbst bequem, verlangt zur
    Erklärung nicht mehr als einen Grund, dankt der Wissen-
    schaft nicht für ihre Weitläufigkeiten, will einfache Lö-
    sungen haben und Probleme erledigt wissen. Erwägt man,
    wie sehr die Individualpsychologie diesen Anforderun-
    gen entgegenkommt, so kann man die Erinnerung an
    einen Satz im Wallenstein nicht zurückdrängen:

    „Wär’ der Gedank’ nicht so verwünscht gescheidt,
    Man wär’ versucht, ihn herzlich dumm zu nennen.“

    Die Kritik der Fachkreise, so unerbittlich gegen die
    Psychoanalyse, hat die Individualpsychologie im allge-
    meinen mit Samthandschuhen angefaßt. Es hat sich
    zwar in Amerika ereignet, daß einer der angesehensten
    Psychiater einen Aufsatz gegen Adler veröffentlichte,
    den er „Enough“ überschrieb, in dem er seinem Über-
    druß an dem „Wiederholungszwang“ der Individualpsy-
    chologen energischen Ausdruck gab. Wenn andere sich
    weit liebenswürdiger benommen haben, so hat wohl die
    Gegnerschaft gegen die Analyse viel dazu getan.

    Über andere Schulen, die von unserer Psychoanalyse

  • S.

    199

    abgezweigt haben, brauche ich nicht viel zu sagen. Daß
    es geschehen ist, läßt sich weder für noch gegen den
    Wahrheitsgehalt der Psychoanalyse verwerten. Denken
    Sie an die starken affektiven Momente, die es Vielen
    schwer machen, sich einzuordnen oder unterzuordnen,
    und an die noch größere Schwierigkeit, die der Spruch
    quot capita tot sensus mit Recht betont. Wenn die Mei-
    nungsverschiedenheiten ein gewisses Maß überschritten
    hatten, wurde es das Zweckmäßigste, sich zu trennen
    und von da an verschiedene Wege zu gehen, besonders
    wenn die theoretische Differenz eine Änderung des prak-
    tischen Handelns zur Folge hatte. Nehmen Sie z. B. an,
    daß ein Analytiker den Einfluß der persönlichen Ver-
    gangenheit geringschätzt und die Verursachung der Neu-
    rosen ausschließlich in gegenwärtigen Motiven und auf
    die Zukunft gerichteten Erwartungen sucht. Dann wird
    er auch die Analyse der Kindheit vernachlässigen, über-
    haupt eine andere Technik einschlagen und den Ausfall
    der Ergebnisse aus der Kindheitsanalyse durch Steigerung
    seines lehrhaften Einflusses und durch direkte Hinweise
    auf bestimmte Lebensziele wettmachen müssen. Wir an-
    deren werden dann sagen: Das mag eine Schule der Weis-
    heit sein, ist aber keine Analyse mehr. Oder ein anderer
    mag zur Einsicht gekommen sein, daß das Angsterlebnis
    der Geburt den Keim zu allen späteren neurotischen Stö-
    rungen legt; dann mag es ihm rechtmäßig erscheinen, die
    Analyse auf die Wirkungen dieses einen Eindrucks ein-
    zuschänken und therapeutischen Erfolg von einer drei-
    bis viermonatlichen Behandlung zu versprechen. Sie mer-
    ken, ich habe zwei Beispiele gewählt, die von diametral

  • S.

    200

    entgegengesetzten Voraussetzungen ausgehen. Es ist ein
    fast allgemeiner Charakter dieser „Abfallsbewegungen“,
    daß eine jede sich eines Stücks aus dem Motivenreichtum
    der Psychoanalyse bemächtigt und sich auf Grund dieser
    Besitzergreifung selbständig macht, etwa des Machttriebs,
    des ethischen Konflikts, der Mutter, der Genitalität
    u. s. w. Wenn es Ihnen scheint, daß solche Sezessionen
    in der Geschichte der Psychoanalyse heute schon häu-
    figer sind als bei anderen geistigen Bewegungen, so weiß
    ich nicht, ob ich Ihnen Recht geben soll. Wenn es so ist,
    so muß man die innigen Beziehungen zwischen theoreti-
    schen Ansichten und therapeutischem Handeln dafür ver-
    antwortlich machen, die in der Psychoanalyse bestehen.
    Meinungsverschiedenheiten allein würden weit länger er-
    tragen werden. Man liebt es, uns Psychoanalytikern In-
    toleranz vorzuwerfen. Die einzige Äußerung dieser häß-
    lichen Eigenschaft war eben die Trennung von den an-
    ders Denkenden. Sonst wurde ihnen nichts angetan; im
    Gegenteile, sie sind auf die Butterseite gefallen, haben es
    seither besser als vorhin, denn bei ihrem Ausscheiden
    haben sie sich gewöhnlich von einer der Belastungen frei-
    gemacht, unter denen wir keuchen – vom Odium der
    kindlichen Sexualität etwa oder von der Lächerlichkeit
    der Symbolik – und gelten jetzt der Umwelt als halb-
    wegs ehrlich, was wir, die Zurückgebliebenen, noch
    immer nicht sind. Auch haben sie sich – bis auf eine
    bemerkenswerte Ausnahme – selbst ausgeschlossen.

    Was für Ansprüche erheben Sie noch im Namen
    der Toleranz? Daß, wenn jemand eine Meinung geäußert
    hat, die wir für grundfalsch halten, wir ihm sagen:

  • S.

    201

    „Danke Ihnen schön, daß Sie diesen Widerspruch ge-
    äußert haben. Sie schützen uns gegen die Gefahr der
    Selbstgefälligkeit und geben uns Gelegenheit, den Ameri-
    kanern zu beweisen, daß wir wirklich so „broadminded“
    sind, wie sie es immer wünschen. Wir glauben zwar kein
    Wort von dem, was Sie sagen, aber das macht nichts.
    Wahrscheinlich haben Sie ebenso Recht wie wir. Wer
    kann denn überhaupt wissen, wer Recht hat? Erlauben
    Sie uns, daß wir trotz der Gegnerschaft Ihre Ansicht in
    der Literatur vertreten. Wir hoffen, Sie werden die Lie-
    benswürdigkeit haben, sich dafür für unsere einzusetzen,
    die Sie verwerfen.“ Dies wird offenbar in der Zukunft
    die Gepflogenheit im wissenschaftlichen Betrieb werden,
    wenn sich der Mißbrauch der Einsteinschen Rela-
    tivität vollends durchgesetzt hat. Es ist wahr, vorläufig
    haben wir es noch nicht so weit gebracht. Wir beschrän-
    ken uns nach alter Manier darauf, nur unsere eigenen
    Überzeugungen zu vertreten, setzen uns der Gefahr des
    Irrtums aus, weil man sich dagegen nicht schützen kann,
    und lehnen ab, was uns widerspricht. Von dem Recht,
    unsere Meinungen abzuändern, wenn wir glauben, etwas
    Besseres gefunden zu haben, haben wir in der Psycho-
    analyse reichlich Gebrauch gemacht.

    Es war eine der ersten Anwendungen der Psycho-
    analyse, daß sie uns die Gegnerschaft verstehen lehrte,
    die uns die Mitwelt bewies, weil wir Psychoanalyse trie-
    ben. Andere Anwendungen, von objektiver Natur, kön-
    nen ein allgemeineres Interesse beanspruchen. Unsere
    erste Absicht war ja, die Störungen des menschlichen
    Seelenlebens zu verstehen, weil eine merkwürdige Erfah-

  • S.

    202

    rung gezeigt hatte, daß hier Verständnis und Heilung
    beinahe zusammenfallen, daß ein gangbarer Weg von
    dem einen zum anderen führt. Es war auch lange Zeit
    die einzige Absicht. Aber dann erkannten wir die nahen
    Beziehungen, ja die innere Identität zwischen den patho-
    logischen und den sogenannt normalen Vorgängen, die
    Psychoanalyse wurde zur Tiefenpsychologie, und da
    nichts, was Menschen schaffen oder treiben, ohne Mit-
    hilfe der Psychologie verständlich ist, ergaben sich die
    Anwendungen der Psychoanalyse auf zahlreiche Wissens-
    gebiete, besonders geisteswissenschaftliche, von selbst,
    drängten sich auf und forderten Bearbeitung. Leider stie-
    ßen diese Aufgaben auf Hindernisse, die, in der Sach-
    lage begründet, auch heute noch nicht überwunden sind.
    Eine solche Anwendung setzt fachliche Kenntnisse vor-
    aus, die der Analytiker nicht besitzt, während diejenigen,
    die sie besitzen, die Fachleute, von Analyse nichts wissen
    und vielleicht nichts wissen wollen. Es hat sich also er-
    geben, daß die Analytiker als Dilettanten mit mehr oder
    weniger zureichender Ausrüstung, oft in Eile zusammen-
    gerafft, Einfälle in jene Wissensgebiete unternommen
    haben wie Mythologie, Kulturgeschichte, Ethnologie, Re-
    ligionswissenschaft, u. s. w. Sie wurden von den dort an-
    sässigen Forschern nicht besser behandelt als Eindring-
    linge überhaupt, ihre Methoden wie ihre Resultate, soweit
    sie Aufmerksamkeit fanden, zunächst abgelehnt. Aber
    diese Verhältnisse sind in stetiger Besserung, auf allen
    Gebieten wächst die Anzahl der Personen, die Psycho-
    analyse studieren, um sie in ihrem Spezialfach zu ver-
    werten, als Kolonisten die Pioniere abzulösen. Wir dür-
     

  • S.

    203

    fen hier eine reiche Ernte an neuen Einsichten erwarten.
    Anwendungen der Analyse sind auch immer Bestätigun-
    gen derselben. Dort wo die wissenschaftliche Arbeit von
    einer praktischen Betätigung weiter entfernt ist, werden
    wohl auch die unvermeidlichen Meinungskämpfe weniger
    erbittert ausfallen.

    Ich empfinde es als eine starke Versuchung, Sie
    durch all die Anwendungen der Psychoanalyse auf die
    Geisteswissenschaften zu führen. Es sind Dinge, wissens-
    wert für jeden Menschen mit geistigen Interessen, und
    eine Zeit lang nichts von Abnormität und Krankheit zu
    hören, wäre eine verdiente Erholung. Aber ich muß dar-
    auf verzichten, es führte uns wiederum über den Rahmen
    dieser Vorträge hinaus und, ehrlich gestanden, ich wäre
    der Aufgabe auch nicht gewachsen. Auf einigen dieser
    Gebiete habe ich zwar selbst den ersten Schritt getan,
    aber heute übersehe ich die Fülle nicht mehr und hätte
    viel zu studieren um zu bewältigen, was seit meinen An-
    fängen hinzugekommen ist. Die unter Ihnen, die durch
    meine Absage enttäuscht sind, mögen sich an unserer
    Zeitschrift „Imago“ schadlos halten, die für die nicht
    medizinischen Anwendungen der Analyse bestimmt ist.

    Nur an einem Thema kann ich nicht so leicht vor-
    beigehen, nicht weil ich besonders viel davon verstehe
    oder selbst soviel dazu getan habe. Ganz im Gegenteil, ich
    habe mich kaum je damit beschäftigt. Aber es ist so über-
    aus wichtig, so reich an Hoffnungen für die Zukunft,
    vielleicht das Wichtigste von allem, was die Analyse be-
    treibt. Ich meine die Anwendung der Psychoanalyse auf
    die Pädagogik, die Erziehung der nächsten Generation.

  • S.

    204

    Ich freue mich wenigstens sagen zu können, daß meine
    Tochter Anna Freud sich diese Arbeit zur Lebens-
    aufgabe gesetzt hat, mein Versäumnis auf solche Art
    wieder gutmacht. Der Weg, der zu dieser Anwendung
    geführt hat, ist leicht zu übersehen. Wenn wir in der Be-
    handlung eines erwachsenen Neurotikers der Determinie-
    rung seiner Symptome nachspürten, wurden wir regel-
    mäßig bis in seine frühe Kindheit zurückgeleitet. Die
    Kenntnis der späteren Ätiologien reichte weder für das
    Verständnis noch für die therapeutische Wirkung aus.
    So wurden wir genötigt, uns mit den psychischen Beson-
    derheiten des Kindesalters bekannt zu machen, und er-
    fuhren eine Menge von Dingen, die anders als durch Ana-
    lyse nicht zu erfahren waren, konnten auch viele allge-
    mein geglaubte Meinungen über die Kindheit richtig
    stellen. Wir erkannten, daß den ersten Kinderjahren
    (etwa bis fünf) aus mehreren Gründen eine besondere
    Bedeutung zukommt. Erstens, weil sie die Frühblüte der
    Sexualität enthalten, die für das Sexualleben der Reife-
    zeit entscheidende Anregungen hinterläßt. Zweitens, weil
    die Eindrücke dieser Zeit auf ein unfertiges und schwa-
    ches Ich treffen, auf das sie wie Traumen wirken. Das
    Ich kann sich der Affektstürme, die sie hervorrufen, nicht
    anders als durch Verdrängung erwehren und erwirbt sol-
    cher Art im Kindesalter alle Dispositionen zu späteren
    Erkrankungen und Funktionsstörungen. Wir haben ver-
    standen, die Schwierigkeit der Kindheit liegt darin, daß
    das Kind in einer kurzen Spanne Zeit sich die Resultate
    einer Kulturentwicklung aneignen soll, die sich über Jahr-
    zehntausende erstreckt, Triebbeherrschung und soziale

  • S.

    205

    Anpassung, wenigstens die ersten Stücke von beiden. Nur
    einen Teil dieser Veränderung kann es durch seine eigene
    Entwicklung erreichen, vieles muß ihm von der Erzie-
    hung aufgedrängt werden. Wir verwundern uns nicht,
    wenn das Kind diese Aufgabe oft nur unvollkommen be-
    wältigt. Viele Kinder machen in diesen frühen Zeiten
    Zustände durch, die man den Neurosen gleichstellen darf,
    gewiß alle, die späterhin manifest erkranken. Bei man-
    chen Kindern wartet die neurotische Erkrankung nicht
    die Zeit der Reife ab, sie bricht schon in der Kinderzeit
    aus und macht Eltern und Ärzten zu schaffen.
    Wir haben kein Bedenken getragen, die analytische
    Therapie bei solchen Kindern anzuwenden, die entweder
    unzweideutige neurotische Symptome zeigen oder auf
    dem Weg zu einer ungünstigen Charakterentwicklung
    waren. Die Besorgnis, dem Kind durch die Analyse zu
    schaden, der Gegner der Analyse Ausdruck gegeben ha-
    ben, erwies sich als unbegründet. Unser Gewinn bei die-
    sen Unternehmungen war, daß wir am lebenden Objekt
    bestätigen konnten, was wir beim Erwachsenen sozusagen
    aus historischen Dokumenten erschlossen hatten. Aber
    auch der Gewinn für die Kinder war sehr erfreulich. Es
    ergab sich, daß das Kind ein sehr günstiges Objekt für
    die analytische Therapie ist; die Erfolge sind gründliche
    und halten an. Natürlich muß man die für Erwachsene
    ausgearbeitete Technik der Behandlung für das Kind
    weitgehend abändern. Das Kind ist psychologisch ein
    anderes Objekt als der Erwachsene, es besitzt noch kein
    Überich, die Methode der freien Assoziation trägt nicht
    weit, die Übertragung spielt, da die realen Eltern noch

  • S.

    206

    vorhanden sind, eine andere Rolle. Die inneren Wider-
    stände, die wir beim Erwachsenen bekämpfen, sind beim
    Kind zumeist durch äußere Schwierigkeiten ersetzt. Wenn
    sich die Eltern zu Trägern des Widerstandes machen,
    wird oft das Ziel der Analyse oder diese selbst gefährdet,
    daher ist es oft notwendig, mit der Analyse des Kindes
    ein Stück analytischer Beeinflussung der Eltern zu ver-
    binden. Anderseits werden die unvermeidlichen Abwei-
    chungen der Kinderanalyse von der Erwachsenener durch
    den Umstand verringert, daß manche unserer Patienten
    soviel infantile Charakterzüge bewahrt haben, daß der
    Analytiker, wiederum in Anpassung an das Objekt, nicht
    umhin kann, sich bei ihnen gewisser Techniken der Kin-
    deranalyse zu bedienen. Es hat sich von selbst ergeben,
    daß die Kinderanalyse die Domäne weiblicher Analytiker
    geworden ist, und dabei wird es wohl bleiben.

    Die Einsicht, daß die meisten unserer Kinder in
    ihrer Entwicklung eine neurotische Phase durchmachen,
    trägt den Keim einer hygienischen Forderung in sich.
    Man kann die Frage aufwerfen, ob es nicht zweckmäßig
    wäre, dem Kind mit einer Analyse zu Hilfe zu kommen,
    auch wenn es keine Anzeichen von Störung zeigt, als
    eine Maßregel der Fürsorge für seine Gesundheit, sowie
    man heute gesunde Kinder gegen Diphtherie impft, ohne
    abzuwarten, ob sie an Diphtherie erkranken. Die Dis-
    kussion dieser Frage hat heute nur ein akademisches
    Interesse; ich kann mir gestatten, sie vor Ihnen zu er-
    örtern; der großen Menge unserer Zeitgenossen würde
    schon das Projekt als ein ungeheurer Frevel erscheinen,
    und bei der Stellung der meisten Elternpersonen zur Ana-
     

  • S.

    207

    lyse muß man derzeit jede Hoffnung auf dessen Durch
    führung aufgeben. Eine solche Prophylaxe der Nervo-
    sität, die wahrscheinlich sehr wirksam sein würde, setzt
    auch eine ganz andere Verfassung der Gesellschaft vor
    aus. Das Stichwort für die Anwendung der Psycho-
    analyse auf die Erziehung fällt heute an anderer Stelle.
    Machen wir uns klar, was die nächste Aufgabe der Er-
    ziehung ist. Das Kind soll Triebbeherrschung lernen. Ihm
    die Freiheit geben, daß es uneingeschränkt allen seinen
    Impulsen folgt, ist unmöglich. Es wäre ein sehr lehrreiches
    Experiment für Kinderpsychologen, aber die Eltern
    könnten dabei nicht leben und die Kinder selbst würden
    zu großem Schaden kommen, wie es sich zum Teil so-
    fort, zum anderen Teil in späteren Jahren zeigen würde.
    Die Erziehung muß also hemmen, verbieten, unter
    drücken und hat dies auch zu allen Zeiten reichlich be-
    sorgt. Aber aus der Analyse haben wir erfahren, daß
    grade diese Triebunterdrückung die Gefahr der neuroti-
    schen Erkrankung mit sich bringt. Sie erinnern sich, wir
    haben eingehend untersucht, auf welchen Wegen dies ge-
    schieht. Die Erziehung hat also ihren Weg zu suchen
    zwischen der Scylla des Gewährenlassens und der Cha-
    rybdis des Versagens. Wenn die Aufgabe nicht über-
    haupt unlösbar ist, muß ein Optimum für die Erziehung
    aufzufinden sein, wie sie am meisten leisten und am
    wenigsten schaden kann. Es wird sich darum handeln
    zu entscheiden, wieviel man verbieten darf, zu welchen
    Zeiten und mit welchen Mitteln. Und dann hat man
    noch in Rechnung zu setzen, daß die Objekte der erzieh-
    lichen Beeinflussung sehr verschiedene konstitutionelle

  • S.

    208

    Veranlagungen mitbringen, so daß das nämliche Vor
    gehen des Erziehers unmöglich für alle Kinder gleich
    gut sein kann. Die nächste Erwägung lehrt, daß die Er-
    ziehung bisher ihre Aufgabe sehr schlecht erfüllt und
    den Kindern großen Schaden zugefügt hat. Wenn sie
    das Optimum findet und ihre Aufgabe in idealer Weise
    löst, dann kann sie hoffen, den einen Faktor in der
    Ätiologie der Erkrankung, den Einfluß der akzidentellen
    Kindheitstraumen, auszulöschen. Den anderen, die Macht
    einer unbotmäßigen Triebkonstitution, kann sie auf kei-
    nen Fall beseitigen. Überlegt man nun die schwierigen
    Aufgaben, die dem Erzieher gestellt sind, die konstitu-
    tionelle Eigenart des Kindes zu erkennen, aus kleinen
    Anzeichen zu erraten, was sich in seinem unfertigen
    Seelenleben abspielt, ihm das richtige Maß von Liebe
    zuzuteilen und doch ein wirksames Stück Autorität auf
    recht zu halten, so sagt man sich, die einzig zweck-
    mäßige Vorbereitung für den Beruf des Erziehers ist
    eine gründliche psychoanalytische Schulung. Am besten
    ist es, wenn er selbst analysiert worden ist, denn ohne
    Erfahrung an der eigenen Person kann man sich die
    Analyse doch nicht zu eigen machen. Die Analyse der
    Lehrer und Erzieher scheint eine wirksamere prophy-
    laktische Maßregel als die der Kinder selbst, auch setzen
    sich ihrer Durchführung geringere Schwierigkeiten ent-
    gegen.

    Nur nebenbei sei einer indirekten Förderung der
    Kindererziehung durch die Analyse gedacht, die mit der
    Zeit zu größerem Einfluß kommen kann. Eltern, die
    selbst eine Analyse erfahren haben und ihr viel verdan-

  • S.

    209

    ken, darunter die Einsicht in die Fehler ihrer eigenen
    Erziehung, werden ihre Kinder mit besserem Verständnis
    behandeln und ihnen vieles ersparen, was ihnen selbst
    nicht erspart geblieben war. Parallel mit den Bemühun-
    gen der Analytiker um die Beeinflussung der Erziehung
    laufen andere Untersuchungen über die Entstehung und
    Verhütung der Verwahrlosung und der Kriminalität.
    Auch hier öffne ich Ihnen nur die Türe und zeige Ihnen
    die Gemächer dahinter, führe Sie aber nicht hinein. Ich
    weiß, wenn Ihr Interesse der Psychoanalyse treu bleibt,
    werden Sie über diese Dinge viel Neues und Wertvolles
    hören können. Ich mag aber das Thema der Erziehung
    nicht verlassen, ohne eines bestimmten Gesichtspunktes zu
    gedenken. Es ist – und gewiß mit Recht – gesagt wor-
    den, jede Erziehung sei eine parteiisch gerichtete, strebe
    an, daß sich das Kind der bestehenden Gesellschafts-
    ordnung einordne, ohne Rücksicht darauf, wie wertvoll
    oder wie haltbar diese an sich sei. Wenn man von den
    Mängeln unserer gegenwärtigen sozialen Einrichtungen
    überzeugt ist, kann man es nicht rechtfertigen, die psy-
    choanalytisch gerichtete Erziehung noch in ihren Dienst
    zu stellen. Man muß ihr ein anderes, höheres Ziel setzen,
    das sich von den herrschenden sozialen Anforderungen
    frei gemacht hat. Ich meine aber, dies Argument ist hier
    nicht am Platz. Die Forderung geht über die Funktions-
    berechtigung der Analyse hinaus. Auch der Arzt, der zur
    Behandlung einer Pneumonie gerufen wird, hat sich nicht
    darum zu kümmern, ob der Erkrankte ein braver Mann,
    ein Selbstmörder oder ein Verbrecher ist, ob er verdient
    im Leben zu bleiben und ob man es ihm wünschen soll.

  • S.

    210

    Auch dies andere Ziel, das man der Erziehung setzen
    will, wird ein parteiisches sein, und es ist nicht Sache
    des Analytikers, zwischen den Parteien zu entscheiden.
    Ich sehe ganz ab davon, daß man der Psychoanalyse
    jeden Einfluß auf die Erziehung verweigern wird, wenn
    sie sich zu Absichten bekennt, die mit der bestehenden
    sozialen Ordnung unvereinbar sind. Die psychoanalyti-
    sche Erziehung nimmt eine ungebetene Verantwortung
    auf sich, wenn sie sich vorsetzt, ihren Zögling zum Auf-
    rührer zu modeln. Sie hat das ihrige getan, wenn sie ihn
    möglichst gesund und leistungsfähig entläßt. In ihr selbst
    sind genug revolutionäre Momente enthalten, um zu ver-
    sichern, daß der von ihr Erzogene im späteren Leben
    sich nicht auf die Seite des Rückschritts und der Unter-
    drückung stellen wird. Ich meine sogar, revolutionäre
    Kinder sind in keiner Hinsicht wünschenswert.

    Meine Damen und Herren! Ich habe noch vor, Ihnen
    einige Worte über die Psychoanalyse als Therapie zu sagen.
    Das Theoretische darüber habe ich schon vor 15 Jahren
    besprochen und kann es heute auch nicht anders formulie-
    ren; die Erfahrung dieser Zwischenzeit soll nun auch zu
    Worte kommen. Sie wissen, die Psychoanalyse ist als
    Therapie entstanden, sie ist weit darüber hinaus gewach-
    sen, hat aber ihren Mutterboden nicht aufgegeben und
    ist für ihre Vertiefung und Weiterentwicklung immer
    noch an den Umgang mit Kranken gebunden. Die ge-
    häuften Eindrücke, aus denen wir unsere Theorien ent-
    wickeln, können auf andere Weise nicht gewonnen wer-
    den. Die Mißerfolge, die wir als Therapeuten erfahren,
    stellen uns immer wieder neue Aufgaben, die Anforde-

  • S.

    211

    rungen des realen Lebens sind ein wirksamer Schutz
    gegen das Überwuchern der Spekulation, die wir in un-
    serer Arbeit doch auch nicht entbehren können. Mit wel-
    chen Mitteln die Psychoanalyse den Kranken hilft, wenn
    sie hilft, und auf welchen Wegen, das haben wir schon
    vor Zeiten erörtert; heute wollen wir fragen, wieviel sie
    leistet.

    Sie wissen vielleicht, ich war nie ein therapeutischer
    Enthusiast; es ist keine Gefahr, daß ich diesen Vortrag
    zu Anpreisungen mißbrauche. Ich sage lieber zu wenig
    als zu viel. Zur Zeit, als ich noch der einzige Analyti-
    ker war, pflegte ich von Personen, die meiner Sache an-
    geblich freundlich gesinnt waren, zu hören: Das ist alles
    recht schön und geistreich, aber zeigen Sie mir einen Fall,
    den Sie durch Analyse geheilt haben. Das war eine der
    vielen Formeln, die einander im Lauf der Zeiten in der
    Funktion abgelöst haben, die unbequeme Neuheit bei
    Seite zu schieben. Sie ist heute ebenso veraltet wie viele
    andere, – der Stoß von Dankbriefen geheilter Patienten
    findet sich auch in der Mappe des Analytikers. Dabei
    macht die Analogie nicht Halt. Die Psychoanalyse ist
    wirklich eine Therapie wie andere auch. Sie hat ihre
    Triumphe wie ihre Niederlagen, ihre Schwierigkeiten,
    Einschränkungen, Indikationen. Zu einer gewissen Zeit
    lautete eine Anklage gegen die Analyse, sie sei als Thera-
    pie nicht ernst zu nehmen, denn sie getraue sich nicht,
    eine Statistik ihrer Erfolge bekannt zu geben. Seither hat
    das von Dr. Max Eitingon gegründete psycho-
    analytische Institut in Berlin einen Rechenschaftsbericht
    über sein erstes Jahrzehnt veröffentlicht. Die Heilerfolge

  • S.

    212

    geben weder einen Grund, damit zu prahlen, noch sich
    ihrer zu schämen. Aber solche Statistiken sind überhaupt
    nicht lehrreich, das verarbeitete Material ist so heterogen,
    daß nur sehr große Zahlen etwas besagen würden. Man
    tut besser seine Einzelerfahrungen zu befragen. Da möchte
    ich sagen, ich glaube nicht, daß unsere Heilerfolge es mit
    denen von Lourdes aufnehmen können. Es gibt so-
    viel mehr Menschen, die an die Wunder der heiligen
    Jungfrau, als die an die Existenz des Unbewußten glau-
    ben. Wenden wir uns zur irdischen Konkurrenz, so haben
    wir die psychoanalytische Therapie mit den anderen Me-
    thoden der Psychotherapie zusammen zu stellen. Orga-
    nische physikalische Behandlungen neurotischer Zustände
    braucht man heute kaum zu erwähnen. Als psychothera-
    peutisches Verfahren steht die Analyse nicht im Gegen-
    satz zu den anderen Methoden dieses ärztlichen Spezial-
    fachs; sie entwertet sie nicht, schließt sie nicht aus. Es
    ginge in der Theorie sehr gut zusammen, daß ein Arzt,
    der sich Psychotherapeut nennen will, die Analyse neben
    allen anderen Heilmethoden bei seinen Kranken verwen-
    det, je nach der Eigenart des Falles und der Gunst oder
    Ungunst äußerer Verhältnisse. In der Wirklichkeit ist es
    die Technik, die die Spezialisierung der ärztlichen Tätig-
    keit erzwingt. So mußten sich auch Chirurgie und Ortho-
    pädie von einander sondern. Die psychoanalytische Tä-
    tigkeit ist schwierig und anspruchsvoll, sie läßt sich nicht
    gut handhaben wie die Brille, die man beim Lesen auf-
    setzt und fürs Spazierengehen ablegt. In der Regel hat
    die Psychoanalyse den Arzt entweder ganz oder gar
    nicht. Die Psychotherapeuten, die sich gelegentlich auch

  • S.

    213

    der Analyse bedienen, stehen nach meiner Kenntnis nicht
    auf sicherem analytischen Boden; sie haben nicht die
    ganze Analyse angenommen, sondern sie verwässert, viel-
    leicht „entgiftet“; man kann sie nicht zu den Analytikern
    zählen. Ich meine, das ist bedauerlich; aber ein Zusam-
    menwirken in der ärztlichen Tätigkeit eines Analytikers
    mit einem Psychotherapeuten, der sich auf die anderen
    Methoden des Fachs beschränkt, wäre durchaus zweck-
    mäßig.

    Mit den anderen Verfahren der Psychotherapie ver-
    glichen ist die Psychoanalyse das über jeden Zweifel
    mächtigste. Es ist auch recht und billig so, sie ist auch
    das mühevollste und zeitraubendste, man wird sie in
    leichten Fällen nicht anwenden; man kann mit ihr in
    geeigneten Fällen Störungen beseitigen, Änderungen her-
    vorrufen, auf die man in voranalytischen Zeiten nicht
    zu hoffen wagte. Aber sie hat auch ihre sehr fühlbaren
    Schranken. Der therapeutische Ehrgeiz mancher meiner
    Anhänger hat sich die größte Mühe gegeben, über diese
    Hindernisse hinwegzukommen, so daß alle neurotischen
    Störungen durch die Psychoanalyse heilbar würden. Sie
    haben versucht, die analytische Arbeit in eine verkürzte
    Dauer zu zwängen, die Übertragung so zu steigern, daß
    sie allen Widerständen überlegen wird, andere Arten der
    Beeinflussung mit ihr zu vereinigen, um die Heilung zu
    erzwingen. Diese Bemühungen sind gewiß lobenswert,
    aber ich meine, sie sind vergeblich. Sie bringen auch die
    Gefahr mit sich, daß man selbst aus der Analyse heraus-
    gedrängt wird und in ein uferloses Experimentieren
    gerät. Die Erwartung, alles Neurotische heilen zu kön-

  • S.

    214

    nen, ist mir der Abkunft verdächtig von jenem Laien
    glauben, daß die Neurosen etwas ganz Überflüssiges sind,
    was überhaupt kein Recht hat zu existieren. In Wahr-
    heit sind sie schwere, konstitutionell fixierte Affektionen,
    die sich selten auf einige Ausbrüche beschränken, meist
    über lange Lebensperioden oder das ganze Leben an-
    halten. Die analytische Erfahrung, daß man sie weit-
    gehend beeinflussen kann, wenn man sich der historischen
    Krankheitsanlässe und der akzidentellen Hilfsmomente
    bemächtigt, hat uns veranlaßt, den konstitutionellen Fak-
    tor in der therapeutischen Praxis zu vernachlässigen;
    wir können ihm ja auch nichts anhaben; in der Theorie
    sollten wir seiner immer gedenken. Schon die durch-
    gängige Unzugänglichkeit der Psychosen für die ana-
    lytische Therapie sollte bei deren naher Verwandtschaft
    mit den Neurosen unsere Ansprüche bei diesen letzteren
    einschränken. Die therapeutische Wirksamkeit der Psy-
    choanalyse bleibt durch eine Reihe von bedeutsamen und
    kaum angreifbaren Momenten beengt. Beim Kind, wo
    man auf die größten Erfolge rechnen könnte, sind es die
    äußerlichen Schwierigkeiten der Elternsituation, die aber
    doch zum Kindsein gehören. Beim Erwachsenen sind es
    in erster Linie zwei Momente, das Maß von psychischer
    Erstarrung und die Krankheitsform mit allem, was sie
    an tieferen Bestimmungen deckt. Das erste Moment wird
    mit Unrecht oft übersehen. So groß die Plastizität des
    seelischen Lebens und die Möglichkeit der Auffrischung
    alter Zustände auch ist, es läßt sich nicht alles wieder
    beleben. Manche Veränderungen scheinen endgültig, ent-
    sprechen Narbenbildungen nach abgelaufenen Prozessen.

  • S.

    215

    Andere Male empfängt man den Eindruck einer allge-
    meinen Erstarrung des Seelenlebens; die psychischen
    Vorgänge, die man sehr wohl auf andere Wege weisen
    könnte, scheinen unfähig, die alten Wege zu verlassen.
    Aber vielleicht ist das dasselbe wie vorhin, nur anders
    gesehen. Gar zu häufig glaubt man zu verspüren, daß
    es der Therapie nur an der erforderlichen Triebkraft
    fehlt, um die Änderung durchzusetzen. Eine bestimmte
    Abhängigkeit, eine gewisse Triebkomponente ist zu stark
    im Vergleich mit den Gegenkräften, die wir mobil machen
    können. Ganz allgemein ist es so bei den Psychosen. Wir
    verstehen sie soweit, daß wir wohl wüßten, wo die Hebel
    anzusetzen wären, aber sie könnten die Last nicht be-
    wegen. Hier knüpft sogar die Zukunftshoffnung an, daß
    die Kenntnis der Hormonwirkungen – Sie wissen, was
    das ist – uns die Mittel leiht, mit den quantitativen
    Faktoren der Erkrankungen erfolgreich zu ringen, aber
    heute sind wir davon weit entfernt. Ich verstehe, daß die
    Unsicherheit in all diesen Verhältnissen einen ständigen
    Antrieb gibt, die Technik der Analyse und besonders die
    Übertragung zu vervollkommnen. Besonders der Anfänger
    in der Analyse wird bei einem Mißerfolg im Zweifel
    bleiben, ob er die Eigenheiten des Falles oder seine un-
    geschickte Handhabung des therapeutischen Verfahrens
    beschuldigen soll. Aber ich sagte schon, ich glaube nicht,
    daß man durch die Bemühungen nach dieser Richtung
    viel erreichen kann.

    Die andere Einschränkung der analytischen Erfolge
    wird durch die Krankheitsform gegeben. Sie wissen schon,
    das Anwendungsgebiet der analytischen Therapie sind

  • S.

    216

    die Übertragungsneurosen, Phobien, Hysterien, Zwangs-
    neurosen, außerdem noch Abnormitäten des Charakters,
    die an Stelle solcher Erkrankungen entwickelt worden
    sind. Alles was anders ist, narzißtische, psychotische Zu-
    stände, ist mehr oder weniger ungeeignet. Nun wäre es ja
    durchaus legitim, sich durch sorgfältige Ausschließung
    solcher Fälle vor Mißerfolgen zu schützen. Die Statisti-
    ken der Analyse würden durch diese Vorsicht eine große
    Aufbesserung erfahren. Ja, aber das hat einen Haken.
    Unsere Diagnosen erfolgen sehr häufig erst nachträglich,
    sie sind von der Art wie die Hexenprobe des Schotten-
    königs, von der ich bei Victor Hugo gelesen habe.
    Dieser König behauptete, im Besitz einer unfehlbaren
    Methode zu sein, um eine Hexe zu erkennen. Er ließ sie
    in einem Kessel kochenden Wassers abbrühen und kostete
    dann die Suppe. Danach konnte er sagen: das war eine
    Hexe oder: nein, das war keine. Ähnlich ist es bei uns,
    nur daß wir die Geschädigten sind. Wir können den
    Patienten, der zur Behandlung, oder ebenso den Kandi-
    daten, der zur Ausbildung kommt, nicht beurteilen, ehe
    wir ihn durch einige Wochen oder Monate analytisch
    studiert haben. Wir kaufen tatsächlich die Katze im
    Sack. Der Patient brachte unbestimmte, allgemeine Be-
    schwerden mit, die eine sichere Diagnose nicht gestatteten.
    Nach dieser Probezeit mag sich herausstellen, daß es ein
    ungeeigneter Fall ist. Wir schicken dann den Kandi-
    daten weg, versuchen dann beim Patienten noch eine
    Weile, ob wir ihn nicht in günstigerem Licht sehen kön-
    nen. Der Patient rächt sich dadurch, daß er die Liste
    unserer Mißerfolge vergrößert, der abgewiesene Kandidat,

  • S.

    217

    wenn er ein Paranoider ist, etwa indem er selbst psycho-
    analytische Bücher verfaßt. Sie sehen, unsere Vorsicht
    hat uns nichts genützt.

    Ich besorge, diese detaillierten Ausführungen gehen
    über Ihr Interesse hinaus. Aber noch mehr müßte es mir
    leid tun, wenn Sie meinen sollten, es sei meine Absicht,
    Ihre Achtung vor der Psychoanalyse als Therapie herab-
    zusetzen. Vielleicht habe ich es wirklich ungeschickt an-
    gefangen; ich wollte nämlich das Gegenteil, die thera-
    peutischen Beschränkungen der Analyse durch den Hin-
    weis auf deren Unvermeidlichkeit entschuldigen. In der
    selben Absicht wende ich mich zu einem anderen Punkt,
    zum Vorwurf, daß die analytische Behandlung unver-
    hältnismäßig lange Zeiten in Anspruch nimmt. Darauf
    ist zu sagen, psychische Veränderungen vollziehen sich
    eben nur langsam; wenn sie rasch, plötzlich eintreten,
    ist es ein übles Zeichen. Es ist wahr, die Behandlung
    einer schwereren Neurose zieht sich leicht über mehrere
    Jahre, aber legen Sie sich im Fall des Erfolgs die Frage
    vor, wie lange das Leiden gedauert hätte. Wahrschein-
    lich ein Dezennium für jedes Jahr Behandlung, das heißt
    das Kranksein wäre, wie wir es so oft an unbehandelten
    Kranken sehen, überhaupt nie erloschen. In manchen
    Fällen haben wir Grund eine Analyse nach vielen Jahren
    wieder aufzunehmen, das Leben hatte auf neue Anlässe
    neue krankhafte Reaktionen entwickelt, in der Zwischen-
    zeit war unser Patient gesund gewesen. Die erste Analyse
    hatte eben nicht alle seine pathologischen Dispositionen
    zum Vorschein gebracht und es war natürlich, daß die
    Analyse eingestellt wurde, nachdem der Erfolg erreicht

  • S.

    218

    war. Es gibt auch schwer benachteiligte Menschen, die
    man ihr ganzes Leben über in analytischer Obhut hält
    und von Zeit zu Zeit wieder in Analyse nimmt, aber
    diese Personen wären sonst überhaupt nicht existenzfähig
    und man muß froh sein, daß man sie mit dieser fraktio-
    nierten und rekurrierenden Behandlung aufrecht halten
    kann. Auch die Analyse von Charakterstörungen nimmt
    lange Behandlungszeiten in Anspruch, aber sie ist oft er-
    folgreich, und kennen Sie eine andere Therapie, mit der
    man diese Aufgabe auch nur in Angriff nehmen könnte?
    Therapeutischer Ehrgeiz mag sich durch diese Angaben
    unbefriedigt fühlen, allein wir haben am Beispiel der
    Tuberkulose und des Lupus gelernt, daß man Erfolg erst
    haben kann, wenn man die Therapie den Charakteren
    des Leidens angepaßt hat.

    Ich sagte Ihnen, die Psychoanalyse begann als eine
    Therapie, aber nicht als Therapie wollte ich sie Ihrem
    Interesse empfehlen, sondern wegen ihres Wahrheits-
    gehalts, wegen der Aufschlüsse, die sie uns gibt über das,
    was den Menschen am nächsten geht, sein eigenes Wesen,
    und wegen der Zusammenhänge, die sie zwischen den
    verschiedensten seiner Betätigungen aufdeckt. Als The-
    rapie ist sie eine unter vielen, freilich eine prima inter
    pares. Wenn sie nicht ihren therapeutischen Wert hätte,
    wäre sie nicht an Kranken gefunden und durch mehr
    als dreißig Jahre entwickelt worden.