• S.

    Prof. Dr. Freud
    IX., Berggasse 19.

    21.5.07

    Verehrtester Herr

    Ihr so besonderes liebenswürdiges
    Schreiben macht mich kühn, ich fürchte:
    zu kühn. Aber es liegt ja ganz bei
    Ihnen, mir Antwort zu geben. Ich
    verspreche, dem Dichter der Gradiva,
    dem ich soviel Anregung und
    Bestärkung danke, nicht gram zu
    werden, wenn er auf diese neuerliche
    Aggression nicht reagirt.

    Ich darf sagen, dass sich schon jetzt ein
    nicht gewöhnliches Interesse bei den
    mir näher stehenden Fachgenossen f
    ür die kleine Analyse der Gradiva
    kundgibt. Bleuler in Zürich, z. B,
    der von den Übereinstim̄ungen zwischen
    dem Dichter u dem Psychoanalytiker
    sehr getroffen ist, behauptet doch, es
    könne keine solche Intuition geben,

  • S.

    „blos solche Erlebnisse“. Ich theile seine
    Ansicht nicht u freue mich Ihrer Zustim̄ung.

    Aber die Analyse ist ja unvollständig
    wenn sie nicht noch andere Auskünfte
    zur Verfügung hat, wenn sie nicht weiß,
    welche persönlichen Momente der Dichter
    bei der Schöpfung mit den zu erratenden
    unbewußten Mächten vereint wirken
    ließ. Würden Sie nun die große Gnade
    haben – ich kann es gar nichts anders
    heißen, – mir Aufschlüße hierüber
    nicht zu verweigern? Ich würde mich
    gerne zur absoluten Discretion ver-
    pflichten, wenn Sie es so wünschen; zufolge
    meines Berufes bin ich ja der Bewahrer
    vieler Geheimniße. Die Gelegenheit
    bei einem Dichter der Zusam̄enhang
    zwischen Anregung u Werk zu erfassen
    ist zu selten und zu kostbar, als daß
    ich nicht die Bitte wagen sollte.
    Ich würde freilich auch deren Nichtge-
    währung verstehen.

  • S.

    Ich greife ein paar Fragen heraus, obwol
    ich alles, was Sie mittheilen wollen, dank-
    barst annehme. Woher haben Sie das
    Motiv der Erzählung, die Erweckung
    einer Reminiscenz durch ein Relief?
    Wie setzen Sie sich über die phantastische
    Annahme der vollen Ähnlichkeit zwischen
    der Lebenden und dem antiken
    Bild hinaus? Welche Personen haben
    Ihnen, speciell für den in Sexualab-
    lehnung begriffenen Gelehrten, als
    Modelle gedient? Endlich, wo ver-
    birgt sich Ihre eigene Person, und
    wieweit reicht der Stoff in Ihrem
    Leben zurück?

    Denken Sie, was ich noch alles zu
    fragen hätte, wenn mir das
    Glück gegönnt wäre, in Ihrer
    Nähe zu sein und Ihr Vertrauen
    zu besitzen!

  • S.

    Da ich annehmen darf, daß Ihnen meine
    Person bis zur Zusendung des Heftes
    unbekannt war, so gestatten Sie mir
    zur Vorstellung die Mittheilung, daß
    ich 51 Jahre alt bin, Neurolog u Psychiater
    von Beruf, daß ich seit 15 Jahren
    den Problemen nachspüre, die mich
    jetzt zu Ihnen geführt haben, und
    daß ich – sonderbarer Weise, aber für
    Sie gewiß verständlich – seit dem
    Beginn dieser Interessen archaelog-
    ischen Studien liebgewonnen habe,
    wie unter dem Banne der Analogie
    zwischen „Verschüttung“ und „Ver-
    drängung“. Meine Lehren sind weit
    entfernt von Anerken̄ung, gerade
    jetzt Gegenstand heftigen Streites
    unter den Fachgenossen.

    Ihr in Verehrung ergebener
    Dr Freud