S.

[Transkription Ernst Falzeder]

PROF. SIGM. FREUD        
20 MARESFIELD GARDENS
LONDON N.W. 3 
TEL: HAMPSTEAD 2002.

5 Nov 1938

Meine liebe Freundin

Erlauben Sie, dass ich all meine Gefühle beim Lesen Ihres Briefes unterdrücke und nur der Verwunderung Ausdruck gebe. Was können Sie angestellt haben?  Wozu Sie eine Lungentzündung [sic] entwickelt haben müssen und dass Sie noch immer bettlägerig sind!  Ich wollte soviel über Sie wissen, dass ich nur ungern im Weiteren von mir schreibe. Dass Ihr Arzt weggegangen ist, war mir bei seinen Beziehungen zu den Lichtenstein längst wahrscheinlich.

Wenn Sie mich also wieder hier besuchen, finden Sie mich in einem anderen Haus, so schön u geräumig, dass es den Unkundigen über meine Verhältnisse irre führen könnte.

Mein Sohn Ernst hat es für uns gefunden und umgebaut. Das Geheimnis ist natürlich, dass es zu zwei Dritteln der Bank gehört. Immerhin, es soll die wolfeilste Art sein, in dieser theuern Stadt zu leben.

Alle unsere Sachen sind unversehrt angekommen. Die Stücke meiner Sammlung haben mehr Platz u machen viel mehr Eindruck als in Wien. Freilich ist die Sammlung jetzt todt, es kommt nichts mehr dazu, und fast ebenso todt ist der Eigentümer, von dem unlängst wieder ein Stück weggekommen ist.

Meine letzte Operation ist nach fachlicher Aussage voll gelungen, in ihrer Folge habe ich also seit zwei Monaten keine gute Stunde gehabt, kann noch nicht ordentlich sprechen, essen und rauchen und die unausgesetzten Schmerzen machen einen müde, dumm und boshaft. Mit neuen Arbeiten geht es darum auch nicht. Der „Moses“ ist nach mehreren Ländern verkauft und wartet dort auf Übersetzung. Ich bin überzeugt, dass er grosses Misfallen erregen wird, ein „allgemeines Schütteln des Kopfes“ wie in der Jobsiade.

Ich versäume nicht hinzuzufügen, dass mir Herstellung versprochen worden ist, sobald ein gewisses, durch die Operation beleidigtes Knochenstückchen sich abgestossen hat. Mit der Skepsis des erfahrenen Patienten erwarte ich dies freudige Ereignis.

Ist das nicht genug von mir?  Sind Sie nicht zufrieden?  Aber ich wüsste so gern mehr von Ihnen. Muss ich da wirklich auf Ihren Besuch warten?

Mit herzlichsten Wünschen 
Ihr 
Freud