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    Prof. Dr. Freud Wien IX., Berggasse 19

    9. Okt 11

    Lieber Herr Doktor

    Ich fand Sie dießmal, wie ich auch gegen Jung äußerte, statt­lich und kräftig geworden u nahm auch daher die Anregung, Ihnen in der Christussache so hart zuzusetzen.  Nun ersehe ich aus Ihrem Schreiben mit Befriedigung, daß Ihr Aussehen der Wiederschein innerer Geschlossenheit ist, die den wirklichen Werten des Lebens nachgehen will.  Meine innigste Sympathie begleitet Sie dabei u bittet Sie nicht zu erlahmen.  Ein anderes Mal würden Sie den Entschluß nicht wieder aufbringen und Ihr Leben würde an der Unzulänglichkeit zu Grunde gehen.

    Ich habe keinen Moment Sorge für Ihre Existenz, wenn Sie die Pfarre aufgeben müßten; doch sähen wir alle es lieber, wenn Sie es blieben, u hoffe auch, daß Sie den Stoß aushalten werden.  Vielleicht gewöhnen sich die braven Zürcher am ehesten an den Gedanken, daß ein Gottesmann doch auch ein Mensch sein darf, "Mensch mit menschlichen Gefühlen".  Wäre Ihr Rücktritt die 

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    Folge, so würde das wahrscheinlich viele Ihrer Amtsbrüder von der PA abschrecken, aber schließlich kann man sich auch dieser diplomatischen Erwägung nicht opfern.  Ich erwarte also bald wieder von Ihnen zu hören.
    Frau Hirschfeld kann so lange bezaubernd sein, bis sie es erreicht hat, daß man nichts mehr von ihr verlangt.  Sagen Sie ihr einmal dreist, daß ihre ganze Zauberei darauf hinaus läuft, Zeit zu gewinnen oder zu verbrödeln.
    Was Schottländer von Ihnen gewollt hat, weiß ich nicht.  Gewiß nichts Gutes.
    Der traumhafte Charakter der schönen Tage in Zürich und Weimar ist durch den Kontrast mit der gelegentlich rauhen Wirklich­keit in Wien bei mir nur noch gehoben worden.  Immerhin ist das [...] Schöne das eigentliche Leben, das alle Ansprüche stellen darf.
    Morgen soll der Gründungstag der neuen Zeitschrift sein.  Favete linguis.

    Herzliche Grüße von Ihrem
    Freud