S.

Budapest, 14. März, 1926

Liebe Freunde,

Ausnahmsweise kann ich so pünktlich sein, wie Ihr gewöhnlich.  

Persönliches:  
1) „The New School for Social Science“ in New York lud mich zu  
einer Serie von Vorträgen ein; ich bin noch stark im Zweifel, ob ich  
sie annehmen soll, da mich seinerzeit die Universitätsvorträge in Bu-  
dapest recht ermüdet haben. Wenn ich gehe, werde ich wahrscheinlich  
unsystematische Einzelvorträge vorziehen.  
2) In der gestrigen Sitzung hielt ich einen Vortrag über ge-  
wisse neue Denkmöglichkeiten über den Realitätssinn, anknüpfend zu  
Professors „Verneinung“.  
3) Die Wiener Gesellschaft für Medizinische Psychologie ließ  
mich durch Wittels einladen, aus Anlaß des Geburtstages des Prof. ei-  
nen Vortrag zu halten. Ich nahm die Einladung an.  

Sachliches:  

1) Dr. Elekes, ein von Alexander in Berlin analysierter Kollege,  
gewesener Universitäts-Assistent in Kolozsvár (derzeit „Cluj“ genannt  
und von Rumänien annektiert, früher Hauptstadt des ungarischen Tran-  
sylvanien) formierte eine kleine Gruppe, die recht fleißig zu arbei-  
ten beginnt. Die Gruppe steht mit mir in Verbindung. Ich will ihre  
Tätigkeit überwachen und darüber dem Komité berichten. Wenn sie auch  
weiterhin tüchtig bleiben, ist die Möglichkeit zur Gründung der ers-  
ten Zweigvereinigung in Rumänien gegeben. Alexander gab mir ziemlich  
befriedigende Auskunft über Elekes.  

2) Ich wurde von einem jungen Budapester Gynäkologen aufge­sucht,  
der mir erzählte, daß die junge Generation der Frauenärzte begierig  
ist, mehr über Ps.An. zu wissen. Sie gestehen, daß sie (abgesehen  
von der operativen Therapie) mit ihren medizinischen und Spülungs-  
behandlungen etc. Banquerotte gemacht haben, dagegen sehen sie immer  
deutlicher, daß sie bei Chlorose, bei Menstruations- und klimakteri-  
schen Beschwerden, sogar bei fluor albus auf Veränderung der psychi-  
schen Situation hin merkwürdige Besserungen erleben. Er wird hier-  
über in unserer Vereinigung einen Vortrag halten. Er sagt, (wie ich  
übrigens längst gesagt habe) daß sie sich unmöglich auf Jahre zu ei-  
nem ps.an. Lehrkurs binden können, dagegen macht er den sehr ver-  
ständigen Vorschlag, Psychoanalytiker in geeigneten Fällen zu Rate  
zu ziehen. Es ist zweifellos, daß das Lehren solcher Ärzte eine Auf-  
gabe der Vereinigungen ist. Sie kann nur in einer etwa 2–3 Monate  
dauernden Analyse ihrer Person, dann in theoret. Kursen bestehen. (Ei-  
ne Art „Mittelschule“ der Ps.An. im Gegensatz zur regelrechten Fach-  
ausbildung.)

Herzliche Grüße!  
Ferenczi