• S.

                                             Budapest, 15. März 1922

    Liebe Freunde,

    Es stellt sich heraus, daß die in kurzen Intervallen  
    zu empfangenden Botschaften mir bereits zur Notwendigkeit  
    geworden sind. Infolge der von Wien angeregten – sicher berechtigten –  
    Verlängerung des Intervalls um einige Tage verspüre ich bereits  
    Abstinenz-Erscheinungen!

    Von uns ist zu melden, daß Dr. Radó in etwa 8–10 Tagen mit  
    Frau und Kind zu kurzem Aufenthalte nach Wien reist, um  
    einer Einladung seiner ersten Frau und ihres Onkels (des amerik.  
    Millionärs) Folge zu leisten. Er will diese Gelegenheit dazu benutzen,  
    das Interesse des Herrn Kessler (so heißt der reiche Groß-Schlächter  
    aus New York) für die Psychoanalyse zu gewinnen.

    In einer hiesigen radikalen Zeitschrift, die von halb-  
    bolschewistischen Kathedersozialisten redigiert wird, erschien  
    vorige Woche ein gehässiger Ausfall gegen die Psychoanalyse  
    vom Standpunkte der Adler’schen Ideologie. Ich werde ihn  
    unbeantwortet lassen, gedenke aber demnächst in Ignotus’  
    Zeitschrift darzulegen, warum die Sozialisten, die an ihrer  
    rein materialistischen (a-psychologischen) Auffassung gescheitert 
    sind, sich nunmehr anschicken, der Adler’schen pseudo-psychologischen  
    Richtung zu verfallen.

    Ich arbeite jetzt an dem für ein Sammelwerk bestimmten  
    kurzen (ung.) Abriß der Psychoanalyse. (50 Druckseiten.)

    Im Verein herrscht etwas wie Ebbe, ebenso in der Praxis.  
    Hermann hält übermorgen in einem kleinen Kreis von Ärzten einen  
    Vortrag über die psychoanalytische Anamnese. Eine gute Idee;  
    ich überredete ihn, den Vortrag auch in der Zeitschrift zu veröffentlichen.  
    Solche populäre ärztliche Aufsätze sind für uns  
    gut brauchbar.
     

  • S.

    Ich glaube, daß ich seinerzeit vergaß, vom Ableben des ärgsten  
    Feindes der ung. psychoan. Bewegung, Prof. Jendrassik, Nachricht  
    zu geben. Es bleiben uns aber noch genug Feinde erhalten.  

    ad London. In der Vereinssitzung wird die Geburt des ersten  
    Sohnes unseres einzigen Ehrenmitgliedes feierlich promulgiert  
    werden, ich getraue mich im Vorhinein die herzlichen Glück-  
    wünsche aller Mitglieder zu übermitteln. Daß wir – meine  
    Frau und ich – diesen Zuwachs der Familie Jones mit Jubel auf-  
    nahmen, brauchen wir kaum zu versichern. Herzlichste Wünsche  
    auch an Mrs. Jones!  

    ad Berlin. Die Anzahl der aus Ungarn zu erwartenden  
    Kongreßteilnehmer wage ich auf 15–18 zu veranschlagen.  
    Also beinahe die ganze Vereinigung.  

    Frau Klein hätte ihren Austritt aus der Bp. Gruppe aus  
    verschiedenen Gründen auch bei uns annullieren sollen.  
    Ich informierte übrigens diesbezügl. Dr. Radó.  

    Frau Dr. Balint erzählte mir viel Interessantes über  
    das lebhafte ps.an. Treiben in Berlin.  

    ad Wien. Jetzt urgiert endlich Dick Eure Antwort  
    auf seinen Vorschlag. Bitte ihm zu antworten, damit ich  
    weiß, woran wir sind.  

                                  Herzlich Euer  
                                   Ferenczi  

    P.S.  
    Soeben erhalte ich einen Brief von Dr. Schönberger, einem mir  
    bekannten Literaten, Politiker und Zahnarzt in Temesvar  
    (d. z. Rumänien), der um die Ermächtigung zur Übersetzung Freu-  
    dscher Werke ins Rumänische bittet, obzwar dieses Recht der  
    Ausländer dort nicht geschützt ist. Vom Ausland eingeführte rumäni-
    sche Bücher stehen unter hohem Schutzzoll, so daß an den Druck 
    in Wien nicht zu denken ist. Dr. Sch. ist ein enthusiastischer Anhänger, aller-
    dings ein bolschewistisch angehauchter Sozialtheoretiker. 

    Als Mensch sympathisch und  anscheinend ehrlich. Seine Frau 
    war Patientin von mir. Bitte um Antwort, ob und unter welchen 
    (sehr mäßigen) Bedingungen die 5 Vorl[esungen]; 3 Abh[andlungen]; Kleiner Traum, ihm abzutreten wären.