TRAUMDEUTUNG
Freud war 1910 ›Die Traumdeutung‹ auch noch aus einem anderen Grunde gerade sehr präsent, denn er war gerade mit einer neuerlichen Revision beschäftigt, Dueticke hatte Freud bereits am 28. Mai 1910 mitgeteilt, „daß er im Herbst die dritte Auflage der Traumdeutg herausbringen wolle .“ (F-JCG/1910-05-30)
Via Regia: 2. Auflage 1909 (577), aber bereits 3.10.1907 im Notizbuch
(nach einem Jahr!) abgekündigt, daß er im Herbst eine dritte Auflage der Traumdeutung hdie ebenfalls 1911, bald nach den Prinzipien erschien, aus denen ein Traum in diese dritte Auflage Eingang fand. (Brief an Jung, 1.3.1911)
Im einem Zusatz vom 22. 6.10 an Jung (Mc Guires 368) finden wir einen ersten Hinwies, dass Freud mit dem Kapitel „Symbolik“ in seiner Traumdeutung nicht zufrieden war, er wird dies aber erst in einer späteren Revision berücksichtigen.
„Die Symbolik des Traums von Scherner! Gerade von der Symbolik habe ich: im Traumbuch zu wenig gegeben, was erst jetzt in den Stekelschen Arbeiten nachgeholt wird.“ (McGuires, 1974 368)
Siehe Freuds Brief vom 10.8.10 s. o.
War es in dem Gefolge der Neuauflage, dass er diese Stellen in der Trumdeutung (wieder.) endeckte?
Freud am 9.2.11:
„Die dritte Auflage der Traumdeutung wird jetzt gemacht. Haben Sie irgendwelche Wünsche, die ich in den Zusätzen befriedigen könnte?“ (F-JCG/1911-02-09)
(JCG/19011-02-14)
„Was die dritte Auflage anbetrifft, so habe ich allerdings Wünsche: Ich habe Morton Prince, Mechanism and Interpretation for Dreams sehr scharf und ausführlich kritisiert, ebenso habe ich meine Seminarschüler gedrilllt in strengster Freudscher ObservaIch habe nun bemerkt, daß meine Schüler (und ich auch) sich stoßen an folgenden Stellen: p. 92 (zweite Auflage) Die Träume der kleinen Kinder – im Gegensatz zu den Träumen
Erwachsener gar nicht interessant. Auf Grund der Freudschen Traumdeutung wird dieser Satz beanstandet; p. 94: Wenn wir die Kindheit glücklich preisen etc., beanstandet auf Grund der Freudschen Sexualtheorie.
Die Kinderträume p. 92 und 93. Scheinen mir ungenügend gedeutet zu sein, indem die Deutung nur eine oberflächliche Schicht des Traumes aufklärt, nicht aber das ganze, welches in beiden Träumen ein deutliche Sexualproblem ist, dessen Triebenergie allein den Traumdynamismus erklärt. Vielleicht haben Sie aber Gründe (didaktisch?), die tiefere Schicht der Deutung zu verschweigen, wie bei den vorhergehenden (Ihren eigenen) Träumen. Ich vermisse auch einen ausdrücklichen Hinweis auf die Tatsache, daß der (persönliche) Hauptsinn des Traumes (z. B. Irma, Onkel, Monographie etc.) nicht dargestellt ist. Ich halte sehr daran, daß meine Schüler den Traum vom Standpunkt der Libidodynamik verstehen lernen, infolgedessen vermissen wir schmerzlich das Persönlich-‚peinliche in Ihren eigenen Träumen. Dieser Umstand ließe sich vielleicht dadurch heben, daß Sie dem Irmatraum eine typische Analyse von einem Patiententraum an die Stelle stellten, wo schonungslos die letzten wirklichen Motive aufgedeckt sind, damit der Leser eine Ahnung bekomme (und zwar gleich eingangs), daß der Traum nicht in eine Reihe von Einzeldeterminationen zerfalle, sondern ein um ein zentrales Motiv höchster Peinlichkeit geschlossenes Gebilde ist. Wir beschäftigen uns mit meinem Seminar jeweils viele Wochen lang mit der Traumdeutung und ich habe noch jedes Mal konstatieren können, daß die Unvollständigkeit der Deutungen der Hauptbeispielträume der Grund von Mißverständnissen gibt und überhaupt das Verständnis dem Schüler erschwert, indem er sich nicht vorstellen kann, welche Art von Konflikten regelmäßig Traumquellen sind. (So fehlt z. B. im Monographietraum entscheidende Gesprächsthema mit Dr. Königsein, das man unbedingt wissen müßte, um den Traum wirklich zu verstehen.) Selbstverständlich kann man sich nicht nackt ausziehen, aber vielleicht besorgt das ein Modell. Sodann möchte ich wünschen, daß der Traumdeutung ein Verzeichnis der seitherigen Literatur, soweit sie sich mit Ihrer Arbeit bechäftigt, beigegeben werde.
Hoffentlich sind Sie mir nicht böse für meine kühnen Aussetzungen und Wünsche.“
(JCG/19011. 237+2
„Für die Auskünfte über die Traumdeutung herzlichen Dank! P. 128/129 (unten) befindet sich eine Stelle, wo Sie die Kinderträume ausnehmen von der allgemeinen Regel. (s. 189) Wie bedeutsam die Kinderträume sein können, davon hat mir mein Grethchen einen trefflichen Beleg gegeben: sie träumte von ihrem „kleinen Freunde, dem Hans, der hatte seine Filzmütze ganz über den Kopf gezogen (so daß der Kopf verhüllt war), und den mußte sie verschlucken“. Oder sie Träumt von einem Wolf, „der sitzt im Tunnel“. Sie ist jetzt fünf Jahre alt. Die Kenntnis von Vorhaut und Glans ist bemerkenswert. „Infolgedessen“ erbrach sie heftig (vier Jahre alt), als ihr Pate mit seiner Braut bei uns war. Grethe war furchtbar eifersüchtig.“
(F-JCG/1911. 238+2,3
„Ich danke Ihnen nochmals für Ihr Eingehen auf meine Anfragen über die Traumdeutung. Sie wissen, ich habe Ihnen in fast allen Punkten recht gegeben, nur die daraus folgernde Textveränderung nicht annehmen können und will auf andere Weise für die Erledigung Ihrer Beschwerden sorgen. Das Vorwort sende ich Ihnen, wenn ich durch Sie veranlaßte Einschaltung vorgenommen habe.
Ich sehe wenigstens mit partieller Befriedigung, daß die Traumdeutung im Begriffe ist überwunden zu werden, und etwas Besserem Platz machen muß, nachdem sie mir ein Dezenium lang als unantastbar erschienen ist. Wir sind also um ein schönes Stück vorwärtsgekommen.“
- 3.3.1911: „Seit vorgestern bin ich der Obmann …
(JCG/19011-03-08)
„Ich hoffe aber wirklich, daß Sie meine Beiträge zur dritten Auflage der Traumdeutung nicht als abfällige Kritik beurteilen. Ich glaube, daß die Traumdeutung noch weit davon entfernt ist, überwunden zu sein. Man ist noch nicht einmal am Anfang der Renovationen, jedenfalls ich nicht. „Der der ihn gemacht hat, bezwingt ihn mit dem Schwerte“ heißt’s im Hiob. Immerhin sind seit 1900 zehn reiche Arbeitsjahre vorübergegangen, welche Ihnen gewiß manche Probleme nähergebracht haben.“
(F-JCG/1911-03-14)
„Deuticke, dem ich heute die Traumdeutung übergeben, hat mir die ersten Korrekturen meiner Arbeit für morgen zugesagt und sonst auf den Druck geschimpft.“
(F-JCG/1911-03-14)
„Nachträge, die gestern keinen Raum fanden (Brief wurde absichtlich vordatiert)
- Heute erste Korrekturen von Deuticke.“
(F-JCG/1911-03-30)
„Die versprochene Vorrede für Traumdeutung wird, wie ich merke, erst ganz zum Schluß gesetzt. Bergmann verlangt von mir eine zweite Auflage des Traumes in den Grenzfragen.
Fußnote 4
(F-JCG/1911-04-11)
11.4.11
Lieber Freund
Ich habe jetzt die Arbeit von Silberer gelesen. Ich weiß nicht, was Bleuler in Harich gebracht hat. Es ist ein feinsinniges Stück psychologischer Kleinmalerei in der uns durch die früheren Arbeiten bekannten Art, so bescheiden und besonnen wie eine Arbeit über ein derartiges Thema nur sein kann. Ich muß sagen, das funktionale Phänomen scheint mir erst jetzt sichergestellt, und ich werde es fortan bei der Deutung von Träumen in Betracht ziehen. Es ist ja im Kern nichts anderes als meine endopsychische Wahrnehmung. Ich plädiere entschieden für die Aufnahme der Arbeit. – Was soll nun mit dem Manuskript geschehen?
Groß hat seinen Artikel In eigener Sache wütend zurückverlangt und erhalten.
Ich treffe mich in den Ostertagen mit Ferenczi in Bozen.
Herzliche Grüße!
Ihr
Freud
(F-JCG/1911-04.11)
Der kleine Rank ist gestern überselig von der griechischen Universitätsreise zurückgekommen. Ich hatte ihm das Geld dafür gegeben, um ihn für seine große Arbeit bei der dritten Auflage der Traumdeutung zu entschädigen. Es war also wohlverdient, nichtsdestoweniger hat der arme Junge zwei gar nicht so billige griechische Gefäße mitgebracht, um sich dankbar zu zeigen. Das ist ein ordentlicher Mensch. Er hat mir jetzt auch eine prächtige Arbeit über den Lohengrinstoff für die Angewandten übergeben.“
(F-JCG/1911-05-12)
„Die Vorrede zur Traumdeutung werden Sie aber in den nächsten Tagen erhalten. Sie kann nicht so stehen bleiben, denn Deuticke protestierte gegen einen ungünstigen Eindruck, den sie machen könnte, und ich sage mir selbst, das Gesindel, das die Dinge liest, verdient auch keinen Schimmer von Aufrichtigkeit.
(JCG/19011-05-18)
„Was Ihre Vorrede zur Traumdeutung betrifft, so muß ich Deutickes Schmerzen wirklich verstehen. Das ist zuviel Ehrlichkeit, die sich nur im Himmel und nicht auf Erden lohnt. Letzteres dürfte Ihnen doch wohl auch als das Empfehlenswertere erscheinen.
(F-JCG/1911-06-15)
„Das Jahrbuch ist wirklich langwierig, meine Traumdeutung läßt sich auch noch Zeit.“
(JCG/19011 . 330
„Verzeihen Sie, bitte, noch einmal diese Offenheit. Ich leide nur hie und da am bloß menschlichen Wunsch, intellektuell verstanden zu werden, ohne am Maßstab der Neurose gemessen zu werden.
Was dieses Stück Neurose anbelangt, so darf ich Sie vielleicht darauf aufmerksam machen, daß Sie die Traumdeutung mit dem Mollakkord das Eingeständnisses der eigenen Neurose eröffnen – der Traum von Irmas Injektion – Identifikation mit dem behandlungsbedürftigen Neurotiker, was sehr vielsagend ist.“
1911-001:
"
Eine andere Art von Absurdität, die sich in Träumen von toten Angehörigen
findet, drückt nicht Spott und Hohn aus, sondern dient der äußersten Ablehnung, der
Darstellung eines verdrängten Gedankens, den man gerne als das Allerundenkbarste
hinstellen möchte. Träume dieser Art erscheinen nur auflösbar, wenn man sich erinnert,
daß der Traum zwischen Gewünschtem und Realem keinen Unterschied macht. So
träumt z. B. ein Mann, der seinen Vater in dessen Krankheit gepflegt und unter
dessen Tod schwer gelitten hatte, eine Zeit nachher folgenden unsinnigen Traum:
Der Vater war wieder um Leben und sprach mit ihm wie sonst, aber
(das Merkwürdige war), er war doch gestorben und wußte es nur nicht.
Man versteht diesen Traum‚ wenn man nach „er war doch gestorben“ einsetzt:
infolge des Wunsches des Träumers und zu „er wußte es nicht" ergänzt:
daß der Träumer diesen Wunsch hatte. Der Sohn hatte während der Kranken-
pflege wiederholt den Vater tot gewünscht, d. h. den eigentlich erbarmungsvollen
Gedanken gehabt, der Tod möge doch endlich dieser Qual ein Ende machen. In der
Trauer nach dem Tode wurde selbst dieser Wunsch des Mitleidens zum unbewußten
Vorwurf, als ob er durch ihn wirklich beigetragen hatte, das Leben des Kranken zu
verkürzen. Durch Erweckung der frühinfantilsten Regungen gegen den Vater wurde
es möglich, diesen Vorwurf als Traum auszudrücken‚ aber gerade wegen der welten-
weiten Gegensätzlichkeit zwischen dem Traumerreger und dem Tagesgedanken mußte
dieser Traum so absurd ausfallen (Vgl. hiezu: Formulierungen über die zwei Prinzipien
des seelischen Geschehens. Jahrbuch Bleuler‑Freud III. 1. 1911).] (1900-001/1911/6:286)"