Die Traumdeutung1900-001/1911
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    Transkription 222, 285-288:CD 2023-07-30

    Überschriften hierarchisiert

    222

    VI.
    Die Traumarbeit.

    Alle anderen bisherigen Versuche, die Traumprobleme zu er-
    ledigen knüpften direkt an den in der Erinnern gegebenen mani-
    festen Trauminhalt an und bemühten sich, aus diesem die Traum-
    deutung zu gewinnen, oder, wenn sie auf eine Deutung verzichteten,
    ihr Urteil über den Traum durch den Hinweis auf den Trauminhalt
    zu begründen. Nur wir allein stehen einem anderen Sachverhalt
    gegenüber; für uns schiebt sich zwischen den Trauminhalt und die
    Resultate unserer Betrachtung ein neues psychischen Material ein:
    der durch unser Verfahren gewonnene latente Trauminhalt oder
    die Traumgedanken. Aus diesem letzteren, nicht aus dem manifesten
    Trauminhalt entwickelten wir die Lösung des Traumes. An uns tritt
    darum auch als neu eine Aufgabe heran, die es vordem nicht ge-
    gegeben hat, die Aufgabe, die Beziehungen des manifesten Traum-
    inhalts zu den latenten Traumgedanken zu untersuchen und nach-
    zuspüren, durch welche Vorgänge aus den letzteren der erstere
    geworden ist.

    Traumgedanken und Trauminhalt liegen vor uns wie zwei Dar-
    stellungen desselben Inhalts in zwei verschiedenen Sprachen, oder
    besser gesagt, der Trauminhalt erscheint uns als eine Übertragung
    der Traumgedanken in eine andere Ausdrucksweise, deren Zeichen
    und Fügungsgesetze wir durch die Vergleichung von Original und
    Übersetzung kennen lernen sollen. Die Traumgedanken sind uns
    ohne weiteres verständlich, sobald wir sie erfahren haben. Der
    Trauminhalt ist gleichsam in einer Bilderschrift gegeben, deren Zeichen
    einzeln in die Sprache der Traumgedanken zu übertragen sind.
    Man würde offenbar in die Irre geführt, wenn man diese Zeichen
    nach ihrem Bilderwerte anstatt nach ihrer Zeichenbeziehung lesen
    wollte. Ich habe etwa ein Bilderrätsel (Rebus) vor mir: ein Haus,
    auf dessen Dach ein Boot zu sehen ist, dann ein einzelner Buchstabe,
    dann eine laufende Figur, deren Kopf wegapostrophiert ist u. dgl.
    Ich könnte nun in die Kritik verfallen, diese Zusammenstellung und
    deren Bestandteile für unsinnig zu erklären. Ein Boot gehört nicht
    auf das Dach eines Hauses, und eine Person ohne Kopf kann nicht

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    laufen; auch ist die Person größer als das Haus, und wenn das
    Ganze eine Landschaft darstellen soll, so fügen sich die einzelnen
    Buchstaben nicht ein, die ja in freier Natur nicht vorkommen. Die
    richtige Beurteilung des Rebus ergibt sich offenbar erst dann, wenn
    ich gegen das Ganze und die Einzelheiten desselben keine solchen
    Einsprüche erhebe, sondern mich bemühe, jedes Bild durch eine Silbe
    oder ein Wort zu ersetzen, welches nach irgend welcher Beziehung
    durch das Bild darstellbar ist. Die Worte, die sich so zusammen-
    finden sind nicht mehr sinnlos, sondern können den schönsten und
    sinnreichsten Dichterspruch ergeben. Ein solches Bilderrätsel ist
    nun der Traum, und unsere Vorgänger auf dem Gebiete der Traum-
    deutung haben den Fehler begangen, den Reben als zeichnerische
    Komposition zu beurteilen. Als solche erschien er ihnen unsinnig
    und wertlos.

    a) Die Verdichtungsarbeit.

    Das erste, was dem Untersucher bei der Vergleichung von
    Trauminhalt und Traumgedanken klar wird, ist, daß hier eine groß-
    artige Verdichtungsarbeit geleistet wurde. Der Traum ist
    knapp, armselig, lakonisch im Vergleich zu dem Umfang und zur
    Reichhaltigkeit der Traumgedanken. Der Traum füllt nieder-
    geschrieben eine halbe Seite; die Analyse, in der die Traumgedanken
    enthalten sind, bedarf das sechs-, acht-, zwölffache an Schriftraum.
    Die Relation ist für verschiedene Träume wechselnd; sie ändert
    soweit ich es kontrollieren konnte, niemals ihren Sinn. In der Regel
    unterschätzt man das Maß der statthabenden Kompression, indem man
    die ans Licht gebrachten Traumgedanken für das vollständige Material
    hält, während weitere Deutungsarbeit neue, hinter dem Traume ver-
    steckte Gedanken enthüllen kann. Wir haben bereits anführen
    müssen, daß man eigentlich niemals sicher ist, einen Traum voll-
    ständig gedeutet zu haben; selbst wenn die Auflösung befriedigend
    und lückenlos erscheint, bleibt es doch immer möglich, daß sich noch
    ein anderer Sinn durch denselben Traum kundgibt. Die Ver-
    dichtungsquote ist also — streng genommen — unbestimmbar.
    Man könnte gegen die Behauptung, daß aus dem Mißverhältnis
    zwischen Trauminhalt und Traumgedanken der Schluß zu ziehen
    sei, es finde eine ausgiebige Verdichtung des psychischen Materials
    bei der Traumbildung statt, einen Einwand geltend machen, der für
    den ersten Eindruck recht bestechend scheint. Wir haben ja so oft
    die Empfindung, daß wir sehr viel die ganze Nacht hindurch
    geträumt und dann das meiste wieder vergessen haben. Der Traum,
    den wir beim Erwachen erinnern, wäre dann bloß ein Rest der
    gesamten Traumarbeit, welche wohl den Traumgedanken an Umfang
    gleichkäme, wenn wir sie eben vollständig erinnern könnten. Daran
    ist ein Stück sicherlich richtig; man kann sich nicht mit der Beobach-
    tung täuschen, daß ein Traum am getreuesten reproduziert wird,

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    wenn man ihn bald nach dem Erwachen zu erinnern versucht, und
    daß seine Erinnerung gegen den Abend bin immer mehr und mehr
    lückenhaft wird. Zum anderen Teil aber läßt sich erkennen, daß
    die Empfindung, man habe sehr viel mehr geträumt als man repro-
    duzieren kann, sehr häufig auf einer Illusion beruht, deren Entstehung
    späterhin erläutert werden soll. Die Annahme einer Verdichtung
    in der Traumarbeit wird überdies von der Möglichkeit des Traum-
    vergessens nicht berührt, denn sie wird durch die Vorstellungsmassen
    erwiesen, die zu den einzelnen erhalten gebliebenen Stücken des
    Traumes gehören. Ist tatsächlich ein großes Stück des Traumes
    für die Erinnerung verloren gegangen, so bleibt uns hiedurch etwa der
    Zugang zu einer neuen Reihe von Traumgedanken versperrt. Es ist
    eine durch nichts zu rechtfertigende Erwartung, daß die unter-
    gegangenen Traumstücke sich gleichfalls nur auf jene Gedanken
    bezogen hätten, die wir bereits aus der Analyse der erhalten geblie-
    benen kennen.
    Angesichts der überreichen Menge von Einfällen, welche die
    Analyse zu jedem einzelnen Element des Trauminhalts beibringt,
    wird sich bei jedem Leser der prinzipielle Zweifel regen, ob man
    denn all das, was einem bei der Analyse nachträglich einfällt, zu
    den Traumgedanken rechnen darf, d. h. annehmen darf, all diese
    Gedanken seien schon während des Schlafzustandes tätig gewesen
    und hatten an der Traumbildung mitgewirkt? Ob nicht vielmehr
    während des Analysierens neue Gedankenverbindungen entstehen, die
    an der Traumbildung unbeteiligt waren? Ich kann diesem Zweifel nur
    bedingt beitreten. Daß einzelne Gedankenverbindungen erst während
    der Analyse entstehen ist allerdings richtig; aber man kann sich
    jedesmal überzeugen, daß solche neue Verbindungen sich nur zwischen
    Gedanken herstellen, die schon in den Traumgedanken in anderer
    Weise verbunden sind; die neuen Verbindungen sind gleichsam
    Nebenschließungen‚ Kurzschlüsse, ermöglicht durch den Bestand
    anderer und tiefer liegender Verbindungswege. Für die Überzahl
    der bei der Analyse aufgedeckten Gedankenmassen muß man zu-
    gestehen, daß sie schon bei der Traumbildung tätig gewesen sind,
    denn wenn man sich durch eine Kette solcher Gedanken, die außer
    Zusammenhang mit der Traumbildung scheinen, durchgearbeitet hat,
    stößt man dann plötzlich auf einen Gedanken, der, im Trauminhalt
    vertreten, für die Traumdeutung unentbehrlich ist und doch nicht
    anders als durch jene Gedankenkette zugänglich war. Man vergleiche
    hiezu etwa den Traum von der botanischen Monographie, der als
    das Ergebnis einer erstaunlichen Verdichtungsleistung erscheint,
    wenngleich ich seine Analyse nicht vollständig mitgeteilt habe.
    Wie soll man sich aber dann den psychischen Zustand während
    des Schlafens, der dem Träumen vorangeht, vorstellen? Bestehen alle
    die Traumgedanken nebeneinander, oder werden sie nacheinander
    durchlaufen oder werden mehrere gleichzeitige Gedankengänge von

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    verschiedenen Zentren aus gebildet, die dann zusammentreffen? Ich
    meine, es liegt noch keine Nötigung vor, sich von dem psychischen
    Zustand bei der Traumbildung eine plastische Vorstellung zu schaffen.
    Vergessen wir nur nicht, daß es sich um unbewußtes Denken
    handelt, und daß der Vorgang leicht ein anderer sein kann als der,
    welchen wir beim absichtlichen, von Bewußtsein begleiteten Nach-
    denken in uns wahrnehmen.

    Die Tatsache aber, daß die Traumbildung auf einer Verdich-
    tung beruht, steht unerschütterlich fest. Wie kommt diese Verdich-
    tung nun zu stande?

    Wenn man erwägt, daß von den angefundenen Traumgedanken
    nur die wenigsten durch eines ihrer Vorstellungselemente im Traume
    vertreten sind, so sollte man schließen, die Verdichtung geschehe
    auf dem Wege der Auslassung, indem der Traum nicht eine
    getreuliche Übersetzung oder eine Projektion Punkt für Punkt der
    Traumgedanken, sondern eine höchst unvollständige und lückenhafte
    Wiedergabe derselben sei. Diese Einsicht ist, wie wir bald finden
    werden, eine sehr mangelhafte. Doch fußen wir zunächst auf ihr
    und fragen uns weiter: Wenn nur wenige Elemente aus den Traum-
    gedanken in den Trauminhalt gelangen, welche Bedingungen be-
    stimmen die Auswahl derselben?

    Um hierüber Aufschluß zu bekommen, wendet man nun seine
    Aufmerksamkeit den Elementen des Trauminhalts zu, welche die
    gesuchten Bedingungen je erfüllt haben müssen. Ein Traum, zu
    dessen Bildung eine besonders starke Verdichtung beigetragen, wird
    für diese Untersuchung des günstigste Material sein. Ich wähle den
    auf Seite 122 mitgeteilten Traum von der botanischen Monographie.

    Trauminhalt: Ich habe eine Monographie über
    eine (unbestimmt gelassene) Pflanzenart geschrieben.
    Das Buch liegt vor mir, ich blättere eben eine ein-
    geschlagene farbige Tafel um. Dem Exemplar ist ein
    getrocknetes Spezimen der Pflanze beigebunden.

    Das augenfälligste Element dieses Traumes ist die botanische
    Monographie. Diese stammt aus den Eindrücken des Traumtages;
    in einem Schaufenster einer Buchhandlung hatte ich tatsächlich eine
    Monographie über die Gattung „Cyklamen“ gesehen. Die
    Erwähnung dieser Gattung fehlt im Trauminhalt, in dem nur die
    Monographie und ihre Beziehung zur Botanik übrig geblieben sind. Die
    „botanische Monographie" erweist sofort ihre Beziehung zu der
    Arbeit über Kokain, die ich einmal geschrieben habe; vom Kokain
    aus geht die Gedankenverbindung einerseits zur Festschrift und zu
    gewissen Vorgängen in einem Universitätslaboratorium, anderseits zu
    meinem Freunde, dem Augenarzte Dr. Königstein, der an der Ver-
    wertung des Kokains seinen Anteil gehabt hat. An die Person des Dr. K.
    knüpft sich weiter die Erinnerung an das unterbrochene Gespräch, das
    ich abends zuvor mit ihm geführt, und die vielfältigen Gedanken über

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    die Entlohnung ärztlicher Leistungen unter Kollegen. Dieses Gespräch
    ist nun der eigentliche aktuelle Traumerreger; die Monographie über
    Ciklamen ist gleichfalls eine Aktualität, aber indifferenter Natur; wie
    ich sehe, erweist sich die „botanische Monographie“ des Traumes als
    ein mittleres Gemeinsames zwischen beiden Erlebnissen des
    Tages, von dem indifferenten Eindruck unverändert übernommen, mit
    dem psychisch bedeutsamen Erlebnis durch ausgiebigste Assoziations-
    verbindungen verknüpft.

    Aber nicht nur die zusammengesetzte Vorstellung „botanische
    Monographie“
    , sondern auch jedes ihrer Elemente „botanisch“
    und „Monographie“ gesondert geht durch mehrfache Verbindungen
    tiefer und tiefer in das Gewirre der Traumgedanken ein. Zu „bo-
    tanisch“ gehören die Erinnerungen an die Person des Professors
    Gärtner, an seine blühende Freu, an meine Patientin, die Flora
    heißt, und en die Dame, von der ich die Geschichte mit den vergessenen
    Blumen erzählt habe. Gärtner führt neuerdings auf des Labora-
    torium und auf das Gespräch mit Königstein; in dasselbe Gespräch
    gehört die Erwähnung der beiden Patientinnen. Von der Frau mit
    den Blumen zweigt ein Gedankenweg zu den Lieblingsblumen
    meiner Frau ab, dessen anderer Ausgang im Titel der bei Tag flüchtig
    gesehenen Monographie liegt. Außerdem erinnert „botanisch“ an
    eine Gymnasialepisode und an ein Examen der Universitätszeit,
    und ein neues in jenem Gespräche angeschlagenes Thema, das meiner
    Liebhabereien, knüpft sich durch Vermittlung meiner scherzhaft so-
    genannten Lieblingsblume, der Artischocke an die von den
    vergessenen Blumen ausgehende Gedankenkette an; hinter „Arti-
    schocke" steckt die Erinnerung an Italien einerseits und an eine
    Kinderszene anderseits, in der ich meine seither intim gewordenen
    Beziehungen zu Büchern eröffnet habe. „Botanisch“ ist also ein
    wahrer Knotenpunkt, in welchem für den Traum zahlreiche Gedanken-
    gänge zusammentreffen, die, wie ich versichern kann, in jenem Ge-
    spräche mit Fug und Recht in Zusammenhang gebracht worden sind.
    Man befindet sich hier mitten in einer Gedankenfabrik, in der wie
    im Weber-Meisterstück

    „Ein Tritt tausend Fäden regt,
    Die Schifflein herüber, hinüber schießen,
    Die Fäden ungesehen fließen,
    Ein Schlag tausend Verbindungen schlägt.“

    „Monographie“ im Traume rührt wiederum an zwei Themata,
    en die Einseitigkeit meiner Studien und an die Kostspieligkeit meiner
    Liebhabereien.

    Aus dieser ersten Untersuchung holt man sich den Eindruck,
    daß die Elemente „botanisch“ und „Monographie“ darum in den
    Trauminhalt Aufnahme gefunden haben, weil sie mit den meisten
    Traumgedanken die aus ausgiebigsten Berührungen aufweisen können,
    also Knotenpunkte stellen, in denen sehr viele der Traum-

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    gedanken zusammentreffen, weil sie mit Bezug auf die Traumdeutung
    vieldeutig sind. Man kann die dieser Erklärung zu Grunde liegende
    Tatsache auch anders aussprechen und dann sagen: Jedes der Elemente
    des Trauminhalts erweist sich als überdeterminiert‚ als mehr-
    fach in den Traumgedanken vertreten.

    Wir erfahren mehr, wenn wir die übrigen Bestandteile des
    Traumes auf ihr Vorkommen in den Traumgedanken prüfen. Die
    farbige Tafel, die ich aufschlage, geht (vergl. die Analyse Seite
    125) auf ein neues Thema, die Kritik der Kollegen an meinen
    Arbeiten, und auf ein bereits im Trauma vertretenes, meine Lieb-
    habereien, außerdem auf die Kindererinnerung, in der ich ein Buch
    mit farbigen Tafeln zerpflücke; das getrocknete Exemplar der Pflanze
    rührt an das Gymnasialerlebnis vom Herbarium und hebt diese
    Erinnerung besonders hervor. Ich sehe also, welcher Art die Be-
    ziehung zwischen Trauminhalt und Traumgedanken ist: Nicht nur die
    Elemente des Traumes sind durch die Traumgedanken mehrfach
    determiniert, sondern die einzelnen Traumgedenken sind auch im
    Traume durch mehrere Elemente vertreten. Von einem Element des
    Traumes führt der Assoziationsweg zu mehreren Traumgedanken; von
    einem Traumgedanken zu mehreren Traumelementen. Die Traum-
    bildung erfolgt also nicht so, daß der einzelne Traumgedanke oder
    eine Gruppe von solchen eine Abkürzung für den Trauminhalt liefert,
    und dann der nächste Traumgedanke eine nächste Abkürzung als
    Vertretung, etwa wie aus einer Bevölkerung Volksvertreter gewählt
    werden, sondern die ganze Masse der Traumgedanken unterliegt einer
    gewissen Bearbeitung, nach welcher die meist- und bestunterstützten
    Elemente sich für den Eintritt in den Trauminhalt herausheben, etwa
    der Wahl durch Listenskrutinium analog. Welchen Traum immer
    ich einer ähnlichen Zergliederung unterziehe‚ ich finde stets die
    nämlichen Grundsätze bestätigt, daß die Traumelemente aus der
    ganzen Masse der Traumgedanken gebildet werden, und daß jedes von
    ihnen in Bezug auf die Traumgedanken mehrfach determiniert er-
    scheint.

    Es ist gewiß nicht überflüssig, diese Relation von Trauminhalt
    und Traumgedanken an einem neuen Beispiel zu erweisen, welches
    sich durch besonders kunstvolle Verschlingung der wechselseitigen Be-
    ziehungen auszeichnet. Der Traum rührt von einem Patienten her, den
    ich wegen Claustrophobie (Angst in geschlossenen Räumen) behandelte.
    Es wird sich bald ergeben, weshalb ich mich veranlaßt finde, diese aus-
    nehmend geistreiche Traumleistung in folgender Weise zu überschreiben:

    II. „Ein schöner Traum.”

    Er fährt mit großer Gesellschaft in die X-Straße,
    in der sich ein bescheidenes Einkehrwirtshaus be-
    findet (was nicht richtig ist). In den Räumen desselben wird
    Theater gespielt; er ist bald Publikum, bald Schau-

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    spieler. Am Ende heißt es, man müsse sich umziehen,
    um wieder in die Stadt zu kommen. Ein Teil des Per-
    sonals wird in die Parterreräume verwiesen, ein anderer
    in die des ersten Stockes. Dann entsteht och nicht fertig sind,
    so daß sie nicht herunter können. Sein Bruder ist oben,
    er unten und er ärgert sich über den Bruder, daß man
    so gedrängt wird. (Diese Partie unklar.) Es war übrigens
    schon beim Ankommen bestimmt und eingeteilt, wer
    oben und wer unten sein soll. Daein Streit. Die
    oben ärgern sich, daß die unten nnn geht er allein über
    die Anhöhe, welche die X-Straße gegen die Stadt hin
    macht, und geht so schwer, so mühselig, daß er nicht
    von der Stelle kommt. Ein älterer Herr gesellt sich zu
    ihm und schimpft über den König von Italien. Am
    Ende der Anhöhe geht er dann viel leichter.

    Die Beschwerden beim Steigen waren so deutlich, daß er nach
    dem Erwachen eine Weile zweifelte, ob es Traum oder Wirklich-
    keit war.

    Dem manifesten Inhalt nach wird man diesen Traum kaum
    loben können. Die Deutung will ich regelwidrig mit jenem Stücke
    beginnen, welches vom Träumer als das deutlichste bezeichnet wurde.
    Die geträumte und wahrscheinlich im Trauma verspürte Beschwerde,
    das mühselige Steigen unter Dyspnoe‚ ist eines der Symptome, die
    der Patient vor Jahren wirklich gezeigt hatte, und wurde damals im
    Vereine mit anderen Erscheinungen auf eine (wahrscheinlich hysterisch
    vorgetäuschte) Tuberkulose bezogen. Wir kennen bereits diese dem
    Trauma eigentümliche Sensation der Gehhemmung aus den Exhibitions-
    träumen und finden hier wieder, daß sie als eine allezeit bereit liegendes
    Material zu Zwecken irgend welcher anderen Darstellung verwendet
    wird. Das Stück des Trauminhalts, welches beschreibt, wie das Steigen
    anfänglich schwer war, und am Ende der Anhöhe leicht wurde, er-
    innerte mich bei der Erzählung des Traumes an die bekannte meister-
    hafte Introduktion der „Sappho“ von A. Daudet. Dort trägt ein
    junger Mann die Geliebte die Treppe hinauf, anfänglich wie feder-
    leicht; aber je weiter er steigt, desto schwerer lastet sie auf seinen
    Armen, und diese Szene ist vorbildlich für den Verlauf des Verhält-
    nisses, durch dessen Schilderung Daudet die Jugend mahnen will,
    eine ernstere Neigung nicht an Mädchen von niedriger Herkunft und
    zweifelhafter Vergangenheit zu verschwenden.*) Obwohl ich wußte,
    daß mein Patient vor kurzem ein Liebesverhältnis mit einer Dame
    vom Theater unterhalten und gelöst hatte, erwartete ich doch nicht,
    meinen Deutungseinfall berechtigt zu finden. Auch war es ja in der
    Sappho umgekehrt wie im Traume; in letzterem war das Steigen
    anfänglich schwer und späterhin leicht; im Roman diente es der Sym-

    *) [Man denke zur Würdigung dieser Darstellung des Dichters an die p. 210
    mitgeteilte Bedeutung der Stiegenträume.]

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    bolik nur‚ wenn das was zuerst leicht genommen wurde, sich am
    Ende als eine schwere Last erwies. Zu meinem Erstaunen bemerkte
    der Patient, die Deutung stimme sehr wohl zum Inhalt des Stückes,
    das er am Abend vorher im Theater gesehen. Das Stück hieß:
    „Rund um Wien“ und behandelte den Lebenslauf eines Mädchens,
    das zuerst anständig, dann zur Demimonde übergeht, Verhältnisse mit
    hochstehenden Personen anknüpft, dadurch „in die Höhe
    kommt
    “, endlich aber immer mehr „herunter kommt“. Das
    Stück hatte ihn auch an ein anderes, vor Jahren gespieltes, erinnert,
    welches den Titel trug: „Von Stufe zu Stufe“, und auf dessen
    Ankündigung eine aus mehreren Stufen bestehende Stiege zu
    sehen war.

    Nun die weitere Deutung. In der X-Straße hatte die Schau-
    spielerin gewohnt, mit welcher er das letzte, beziehungsreiche Ver-
    hältnis unterhalten. Ein Wirtshaus gibt es in dieser Straße nicht
    Allein, als er der Dame zuliebe einen Teil des Sommers in Wien
    verbrachte, war er in einem kleinen Hotel in der Nähe abgestiegen.
    Beim Verlassen des Hotels sagte er dem Kutscher: Ich hin froh, daß
    ich wenigstens kein Ungeziefer bekommen habe (übrigens auch eine
    seiner Phobien). Der Kutscher darauf: Wie kann man aber da ab-
    steigen! Das ist ja gar kein Hotel, eigentlich nur ein Einkehr-
    wirtshaus.

    An das Einkehrwirtshaus knüpft sich ihm sofort die Erinnerung
    eines Zitats:

    „Bei einem Wirte wundermild,
    Da war ich jüngst zu Geste.“

    Der Wirt im Uhlandschen Gedichte ist aber ein Apfelbaum.

    Nun setzt ein zweites Zitat die Gedankenkette fort:

    Faust (mit der Jungen tanzend).
    Einst hatt’ ich einen schönen Traum;

    Da sah ich einen Apfelbaum,
    Zwei schöne Äpfel glänzten dran,
    Sie reizten mich, ich stieg hinan.

    Die Schöne.

    Der Äpfelchen begehrt ihr sehr,
    Und schon vom Paradiese her.
    Von Freuden fühl' ich mich bewegt,
    Daß auch mein Garten solche trägt.

    Es ist nicht der leiseste Zweifel möglich, was unter dem Apfel-
    baume und dem Äpfelchen gemeint ist. Ein schöner Busen stand
    nach obenan unter den Reizen, durch welche die Schauspielerin meinen
    Träumer gefesselt hatte.

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    Wir hatten nach dem Zusammenhang der Analyse allen Grund
    anzunehmen, daß der Traum auf einen Eindruck aus der Kindheit
    zurückgehe. Wenn dies richtig war, so mußte er sich auf die Amme
    des jetzt bald fünfzigjährigen Mannes beziehen. Für das Kind ist
    der Busen der Amme tatsächlich das Einkehrwirtshaus. Die Amme
    sowohl als die Sappho Daudets erscheinen als Anspielung auf die
    vor kurzem verlassene Geliebte.

    Im Trauminhalt erscheint auch der (ältere) Bruder des Patienten,
    und zwar ist dieser oben, er selbst unten. Dies ist wieder eine
    Umkehrung des wirklichen Verhältnisses, denn der Bruder hat,
    wie mir bekannt ist, seine soziale Position verloren, mein Patient sie
    erhalten. Der Träumer vermied bei der Reproduktion des Traum-
    inhalts zu sagen: Der Bruder sei oben, er selbst „parterre“ gewesen.
    Es wäre eine zu deutliche Äußerung geworden, denn man sagt bei
    uns von einer Person, sie ist „parterre“, wenn sie Vermögen und
    Stellung eingebüßt hat, also in ähnlicher Übertragung, wie man
    „heruntergekommen“ gebraucht. Es muß nun einen Sinn haben,
    daß an dieser Stelle im Traume etwas umgekehrt dargestellt ist. Die
    Umkehrung muß auch für eine andere Beziehung zwischen Traum-
    gedanken und Trauminhalt gelten. Es liegt der Hinweis darauf vor,
    wie diese Umkehrung vorzunehmen ist. Offenbar am Ende des
    Traumes, wo es sich mit dem Steigen wiederum umgekehrt ver-
    hält wie in der Sappho. Dann ergibt sich leicht, welche Umkehrung
    gemeint ist: In der Sappho trägt der Mann das zu ihm in sexuellen
    Beziehungen stehende Weib; in den Traumgedanken handelt es sich
    also umgekehrt um ein Weib, das den Mann trägt, und da dieser
    Fall sich nur in der Kindheit ereignen kann, bezieht er sich wieder
    auf die Amme, die schwer an dem Säugling trägt. Der Schluß des
    Traumes trifft es also, die Sappho und die Amme in der nämlichen
    Andeutung darzustellen.

    Wie der Name Sappho vom Dichter nicht ohne Beziehung
    auf eine lesbische Gewohnheit gewählt ist, so deuten die Stücke des
    Traumes, in denen Personen oben und unten beschäftigt sind, auf
    Phantasien sexuellen Inhalts, die den Träumer beschäftigen und als
    unterdrückte Gelüste nicht außer Zusammenhang mit seiner Neurose
    stehen. Daß es Phantasien und nicht Erinnerungen der tatsächlichen Vor-
    gänge sind die so im Traume dargestellt werden, zeigt die Traum-
    deutung selbst nicht an; dieselbe liefert uns nur einen Gedankeninhalt
    und überläßt es uns, dessen Realitätswert festzustellen. Wirkliche und
    phantasierte Begebenheiten erscheinen hier — und nicht nur hier,
    auch bei der Schöpfung wichtigerer psychischer Gebilde als der
    Träume — zunächst als gleichwertig. Große Gesellschaft bedeutet,
    wie wir bereits wissen, Geheimnis. Der Bruder ist nichts anderes,
    als der in die Kindheitsszene durch „Zurückphantasieren“ eingetragene
    Vertreter aller späteren Nebenbuhler beim Weibe. Die Episode von
    dem Herrn, der auf den König von Italien schimpft, bezieht sich

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    durch Vermittlung eines rezenten und an sich gleichgültigen Erlebnisses
    wiederum auf das Eindringen von Personen niederen Standes in
    höhere Gesellschaft. Es ist, als ob der Warnung, welche Daudet
    dem Jüngling erteilt, eine ähnliche für das säugende Kind gültige,
    an die Seite gestellt werden sollte.*)

    Um ein drittes Beispiel für das Studium der Verdichtung bei der
    Traumbildung bereit zu haben, teile ich die partielle Analyse eines
    anderen Traumes mit, den ich einer älteren, in psychoanalytischer
    Behandlung stehenden Dame verdanke. Den schweren Angstzuständen
    entsprechend, an denen die Kranke litt, enthielten ihre Träume über-
    reichlich sexuelles Gedankenmaterial, dessen Kenntnisnahme sie anfangs
    ebenso sehr überraschte wie erschreckte. Da ich die Traumdeutung
    nicht bis ans Ende führen kann, scheint das Traummaterial in mehrere
    Gruppen ohne sichtbaren Zusammenhang zu zerfallen.

    III. Trauminhalt: Sie besinnt sich, daß sie zwei
    Maikäfer in einer Schachtel hat, denen sie die Freiheit
    geben muß; weil sie sonst ersticken. Sie öffnet die
    Schachtel, die Käfer sind ganz matt; einer fliegt zum
    geöffneten Fenster heraus, der andere aber wird vom
    Fensterflügel zerquetseht, während sie das Fenster
    schließt, wie irgend jemand von ihr verlangt (Äuße-
    rungen des Ekels)
    . 
    Analyse: Ihr Mann ist verreist, die vierzehnjährige Tochter
    schläft im Bette neben ihr. Die Kleine macht sie am Abend auf-
    merksam, daß eine Motte in ihr Wasserglas gefallen ist; sie versäumt
    es aber, sie herauszuholen, und bedauert das arme Tierchen am
    Morgen. In ihrer Abendlektüre war erzählt, wie Buben eine Katze
    in siedendes Wasser werfen, und die Zuckungen des Tieres geschildert.
    Dies sind die beiden an sich gleichgültigen Traumanlässe. Das Thema
    von der Grausamkeit gegen Tiere beschäftigt sie weiter. Ihre
    Tochter war vor Jahren, als sie in einer gewissen Gegend zum Sommer
    wohnten, sehr grausam gegen das Getier. Sie legte sich eine
    Schmetterlingssammlung an und verlangte von ihr Arsenik zur
    Tötung der Schmetterlinge. Einmal kam es vor, daß ein Nachtfalter
    mit der Nadel durch den Leib noch lange im Zimmer herumflog;
    ein andermal fanden sich einige Raupen, die zur Verpuppung auf-
    bewahrt wurden, verhungert. Dasselbe und pflegte in noch zarterem
    Alter Käfern und Schmetterlingen die Flügel auszureißen; heute
    würde sie vor all diesen grausamen Handlungen zurückschrecken; sie
    ist sehr gutmütig geworden.

    *) Die phantastische Natur der auf die Amme des Träumers bezüglichen
    Situation wird durch den objektiv erhobenen Umstand erwiesen, daß die Amme in
    diesem Falle die Mutter war. Ich erinnere übrigens an das auf Seite 140 erwähnte
    Bedauern des jungen Mannes der Anekdote, die Situation bei meiner Amme nicht
    besser ausgenützt zu haben, welches wohl die Quelle dieses Traumes ist.

  • S.

    232

    Dieser Widerspruch beschäftigt sie. Er erinnert an einen
    anderen Widerspruch, den zwischen Aussehen und Gesinnung, wie er
    in Adam Bede von der Eliot dargestellt ist. Ein schönes, aber
    eitles und ganz dummes Mädchen, daneben ein häßliches, aber edles. Der
    Aristokrat, der das Gänschen verführt; der Arbeiter, der adelig
    fühlt und sich ebenso benimmt. Man kann das den Leuten nicht an-
    sehen. Wer würde ihr ansehen, daß sie von sinnlichen Wünschen
    geplagt wird?
    In demselben Jahre, als die Kleine ihre Schmetterlingssammlung
    anlegte, litt die Gegend arg unter der Maikäferplage. Die Kinder
    wüteten gegen die Käfer, zerquetschten sie grausam. Sie hat da-
    mals einen Menschen gesehen, der den Maikäfern die Flügel ausriß
    und die Leiber dann verspeiste. Sie selbst ist im Mai geboren, hat
    auch im Mai geheiratet, Drei Tage nach der Hochzeit schrieb sie
    den Eltern einen Brief nach Hause, wie glücklich sie sei. Sie war es
    aber keineswegs.
    Am Abend vor dem Traume hatte sie in alten Briefen gekramt
    und verschiedene ernste und komische Briefe den Ihrigen vorgelesen,
    so einen höchst lächerlichen Brief einen Klavierlehrers, der ihr als
    Mädchen den Hof gemacht hatte, auch den eines aristokratischen
    Verehrers.*)
    Sie macht sich Vorwürfe, daß eine ihrer Töchter ein schlechtes
    Buch von Maupassant in die Hand bekommen.**) Der Arsenik,
    den ihre Kleine verlangt, erinnert sie an die Arsenikpillen, die
    dem Duc de Mora im Nabab die Jugendkraft wiedergeben.

    Zu „Freiheit geben“ fällt ihr die Stelle aus der Zauberflöte ein:

    „Zur Liebe kann ich dich nicht zwingen,
    Doch geb’ ich dir die Freiheit nicht.“

    Zu den „Maikäfern“ noch die Rede des Käthchens.***)

    „Verliebt ja bist du wie ein Käfer mir.“

    Dazwischen Tannhäuser: „Weil du von böser Lust beseelt —“

    Sie lebt in Angst und Sorge um den abwesenden Mann. Die
    Furcht, daß ihm auf der Reise etwas zustoße, äußert sich in zahl-
    reichen Phantasien des Tages. Kurz vorher hatte sie in ihren un-
    bewußten Gedanken während der Analyse eine Klage über seine
    „Greisenhaftigkeit“ gefunden. Der Wunschgedanke, welchen dieser
    Traum verhüllt‚ läßt sich vielleicht am besten erraten, wenn ich er-
    zähle, daß sie mehrere Tage vor dem Traume plötzlich mitten in ihren
    Beschäftigungen durch den gegen ihren Mann gerichteten Imperativ
    erschreckt wurde: Häng' dich auf. Es ergab sich, daß sie einige

    *) Dies ist der eigentliche Traumerreger.

    **) Zu ergänzen: Solche Lektüre sei Gift ein jungen Mädchen. Sie selbst
    hat in ihrer Jugend viel aus verbotenen Büchern geschöpft.

    ***) Ein weiterer Gedankengang führt nur Penthesileia desselben Dichters:
    Grausamkeit gegen den Geliebten.

  • S.

    238

    Stunden vorher irgendwo gelesen hatte, beim Erhängen stelle sich eine
    kräftige Erektion ein. Es war der Wunsch nach dieser Erektion, der
    in dieser schreckenerregenden Verkleidung aus der Verdrängung wieder
    kehrte. „Häng' dich auf“, besagte so viel als „Versehaff dir eine
    Erektion um Jeden Preis“. Die Arsenikpillen des Dr. Jenkins im
    Nabab gehören hieher; es war der Patientin aber auch bekannt,
    daß man das stärkste Aphrodisiakum, Kanthariden, durch Zer-
    quetschen von Käfern bereitet (sog. spanische Fliegen). Auf diesen
    Sinn zielt der Hauptbestendteil des Trauminhalts.

    Das Fensteröffnen und -schließen ist eine der ständigen Diffe-
    renzen mit ihrem Manne. Sie selbst schläft aerophil, ihr Mann aerophob.
    Die Mattigkeit ist des Hauptsymptom, über das sie in diesen tagen
    zu klagen gehabt hat.

    In allen drei hier mitgeteilten Träumen habe ich durch die
    Schrift hervorgehoben, wo eines der Traumelemente in den Traum-
    gedanken wiederkehrt, um die mehrfache Beziehung der ersteren
    augenfällig zu machen. Da aber ihr keinen dieser Träume die Analyse
    bis ans Ende geführt ist, verlohnt es sich wohl, auf einen Traum mit
    ausführlicher mitgeteilter Analyse einzugehen, um die Überdetermi-
    nierung des Trauminhalts an ihm zu erweisen. Ich wähle hiefür den
    Traum von Irmas Injektion. Wir werden an diesem Beispiel mühelos
    erkennen, daß die Verdichtungsarbeit bei der Traumbildung sich mehr
    als nur eines Mittels bedient.

    Die Hauptperson des Trauminhalts ist die Patientin Irma, die
    mit den ihr im Leben zukommenden Zügen gesehen wurde und also
    zunächst sich selbst darstellt. Die Stellung aber, in welcher ich sie
    beim Fenster untersuche, ist von einer Erinnerung an eine andere
    Person hergenommen, von jener Dame, mit der ich meine Patientin
    vertauschen möchte, wie die Traumgedanken zeigen. Insofern Irma
    einen diphtheritischen Belag erkennen läßt, bei dem die Sorge um
    meine älteste Tochter erinnert wird, gelangt sie zur Darstellung dieses
    meines Kindes, hinter welchem, durch die Namensgleichheit mit ihr
    verknüpft, sich die Person einer durch Intoxikation verlorenen Patientin
    verbirgt. Im weiteren Verlaufe des Traumes wandelt sich die Be-
    deutung von Irmas Persönlichkeit (ohne daß ihr im Traume gesehenes
    Bild sich änderte); sie wird zu einem der Kinder, die wir in der
    öffentlichen Ordination des Kinderkrankeninstituts untersuchen, wobei
    meine Freunde die Verschiedenheit ihrer geistigen Anlagen erweisen.
    Der Übergang wurde offenbar durch die Vorstellung meiner kindlichen
    Tochter vermittelt. Durch das Sträuben beim Mundöffnen wird die-
    selbe Irma zur Anspielung auf eine andere, einmal von mir unter-
    suchte Dame, ferner in demselben Zusammenhang auf meine eigene
    Frau. In den krankhaften Veränderungen, die ich in ihrem Halse
    entdecke, habe ich überdies Anspielungen auf eine ganze Reihe von
    noch anderen Personen zusammengetragen.

  • S.

    234

    All diese Personen, auf die ich bei der Verfolgung von „Irma“
    gerate, treten im Traume nicht leibhaftig auf; sie verbergen sich hinter
    der Traumpersonen „Irma“, welche so zu einem Sammelbild mit aller-
    dings widerspruchsvollen Zügen ausgestaltet wird. Irma wird zur Ver-
    treterin dieser anderen, bei der Verdichtungsarbeit hingeopferten Per-
    sonen, indem ich an ihr all das vorgehen lasse, was mich Zug für
    Zug an diese Personen erinnert.

    Ich kann mir eine Sammelperson auch auf andere Weise für
    die Traumverdichtung herstellen, indem ich aktuelle Züge zweier oder
    mehrerer Personen zu einem Traumbilde vereinige. Solcher Art ist
    der Dr. M. meines Traumes entstanden, er trägt den Namen des
    Dr. M., spricht und handelt wie er; seine leibliche Charakteristik und
    sein Leiden sind die einer anderen Person, meines ältesten Bruders;
    ein einziger Zug, das blasse Aussehen, ist doppelt determiniert, indem
    er in der Realität beiden Personen gemeinsam ist. Eine ähnliche Misch-
    person ist der Dr. R. meines Onkeltraumes. Hier aber ist das Traum-
    bild noch auf andere Weise bereitet. Ich habe nicht Züge, die dem
    einen eigen sind, mit Zügen des anderen vereinigt und dafür das Er-
    innerungsbild jedes einen um gewisse Züge verkürzt, sondern ich habe
    das Verfahren eingeschlagen, nach welchem Galton seine Familien-
    porträts erzeugt, nämlich beide Bilder aufeinander projiziert, wobei
    die gemeinsamen Züge verstärkt hervortreten, die nicht zusammen-
    stimmenden einander auslöschen und im Bilde undeutlich werden. Im
    Onkeltraume hebt sich so als verstärkter Zug aus der zwei Personen
    gehörigen und darum verschwommenen Physiognomie der blonde
    Bart hervor, der überdies eine Anspielung auf meinen Vater und
    auf mich enthält, vermittelt durch die Beziehung zum Ergrauen.

    Die Herstellung von Sammel- und Mischpersonen ist eines der
    Hauptarbeitsmittel der Traumverdichtung. Es wird sich bald der An-
    laß ergeben, sie in einem anderen Zusammenhange zu behandeln.

    Der Einfall „Dysenterie“ im Injektionstraume ist gleichfalls mehr-
    fach determiniert, einerseits durch den paraphrasischen Gleichklang mit
    Diphtherie, anderseits durch die Beziehung auf den von mir in den
    Orient geschickten Patienten, dessen Hysterie verkannt wird.

    Als ein interessanter Fall von Verdichtung erweist sich auch die
    Erwähnung von „Propylen“ im Traume. In den Traumgedanken
    war nicht „Propylen“, sondern „Amylen“ enthalten. Man könnte
    meinen, daß hier eine einfache Verschiebung bei der Traumbildung
    Platz gegriffen hat. So ist es auch, allein diese Verschiebung dient
    den Zwecken der Verdichtung, wie folgender Nachtrag zur Traum-
    analyse zeigt. Wenn meine Aufmerksamkeit bei dem Worte „Pro-
    pylen“ noch einen Moment Halt macht, so fällt mir der Gleichklang
    mit dem Worte „Propyläen“ ein. Die Propyläen befinden sich
    aber nicht nur in Athen, sondern auch in München. In dieser Stadt
    habe ich ein Jahr vor dem Traume meinen damals schwerkranken
    Freund aufgesucht, dessen Erwähnung durch das bald mf Propylen
    folgende Trimethylamin des Traumes unverkennbar wird.

  • S.

    235

    Ich gehe aber den auffälligen Umstand hinweg, daß hier und
    anderswo bei der Traumanalyse Assoziationen von der verschiedensten
    Wertigkeit, wie gleichwertig, zur Gedankenverbindung benützt werden,
    und gebe der Versuchung nach, mir den Vorgang bei der Ersetzung
    von Amylen in den Traumgedanken durch Propylen in dem
    Trauminhalt gleichsam plastisch vorzustellen.

    Hier befinde sich die Vorstellungsgruppe meines Freundes Otto,
    der mich nicht versteht, mir Unrecht gibt und mir nach Amylen
    duftenden Likör schenkt; dort durch Gegensatz verbunden die meines
    Freundes Wilhelm, der mich versteht, mir recht geben würde, und
    dem ich soviel wertvolle Mitteilungen, auch über die Chemie der
    Sexualvorgänge, verdanke.

    Was aus der Gruppe Otto meine Aufmerksamkeit besonders er-
    regen soll, ist durch die rezenten, den Traum erregenden Anlässe be-
    stimmt; des Amylen gehört zu diesen ausgezeichneten, für den Traum-
    inhalt prädestinierten Elementen. Die reiche Vorstellungsgruppe „Wil-
    helm“ wird geradezu durch den Gegensatz zu Otto belebt und die
    Elemente in ihr hervorgehoben, welche an die bereits erregten in Otto
    anklingen. In diesem ganzen Traume rekurriere ich ja von einer
    Person die mein Mißfallen erregt, auf eine andere, die ich ihr nach
    Wunsch entgegenstellen kann, rufe ich Zug für Zug den Freund
    gegen den Widersacher auf. So erweckt das Amylen bei Otto auch
    in der anderen Gruppe Erinnerungen aus dem Kreise der Chemie;
    des Trimethylamin, von mehreren Seiten her unterstützt, gelangt in
    den Trauminhalt. Auch „Amylen“ könnte unverwandelt in den
    Trauminhalt kommen, es unterliegt aber der Einwirkung der Gruppe
    „Wilhelm“, indem aus dem ganzen Erinnerungsumfang, den dieser
    Name deckt, ein Element hervorgesucht wird, welches eine doppelte
    Determinierung für Amylen ergeben kann. In der Nähe von Amylen
    liegt für die Assoziation „Propylen“; aus dem Kreise „Wilhelm“
    kommt ihm München mit den Propyläen entgegen. In Propylen-
    Propyläen treffen beide Vorstellungskreise zusammen. Wie durch
    einen Kompromiß gelangt dieses mittlere Element dann in den Traum-
    inhalt. Es ist hier ein mittleres Gemeinsames geschaffen wor-
    den, welches mehrfache Determinierung zuläßt. Wir greifen so mit
    Händen, daß die mehrfache Determinierung das Durchbringen in den
    Trauminhalt erleichtern muß. Zum Zwecke dieser Mittelbildung ist
    unbedenklich eine Verschiebung der Aufmerksamkeit von dem eigent-
    lich Gemeinten zu einem in der Assoziation nahe Liegenden vorge-
    nommen worden.

    Das Studium des Injektionstraumes gestattet uns bereits einige
    Übersicht über die Verdichtungsvorgänge bei der Traumbildung zu
    gewinnen. Wir konnten die Auswahl der mehrfach in den Traum-
    gedanken vorkommenden Elemente, die Bildung neuer Einheiten
    (Sammelpersonen, Mischgebilde) und die Herstellung von mittleren
    Gemeinsamen als Einzelheiten der Verdichtungsarbeit erkennen. Wozu

  • S.

    236

    die Verdichtung dient und wodurch sie gefordert wird, werden wir
    uns erst fragen, wenn wir die psychischen Vorgänge bei der Traum-
    bildung im Zusammenhange erfassen wollen. Begnügen wir uns jetzt
    mit der Feststellung der Traumverdichtung als einer bemerkens-
    werten Relation zwischen Traumgedanken und Trauminhalt.

    Am greifbarsten wird die Verdichtungsarbeit des Traumes, wenn
    sie Worte und Namen zu ihren Objekten gewählt hat. Worte werden
    vom Traume überhaupt häufig wie Dinge behandelt und erfahren dann
    dieselben Zusammensetzungen, Verschiebungen, Ersetzungen und also
    auch Verdichtungen wie die Dingvorstellungen. Komische und selt-
    same Wortschöpfungen sind das Ergebnis solcher Träume. Als mir
    einmal ein Kollege einen von ihm verfaßten Aufsatz überschickte, in
    welchem eine physiologische Entdeckung der Neuzeit nach meinem
    Urteil überschätzt und vor allem in überschwenglichen Ausdrücken
    abgehandelt war, da träumte ich die nächste Nacht einen Satz, der
    sich offenbar auf diese Abhandlung bezog: „Das ist ein wahr-
    haft norekdaler Stil
    .“ Die Auflösung des Wortgebildes bereitete
    mir anfänglich Schwierigkeiten; es war nicht zweifelhaft, daß es den
    Superlativen „kolossal, pyramidal“ parodistisch nachgeschaffen war;
    aber woher es stammte, war nicht leicht zu sagen. Endlich zerfiel mir
    das Ungetüm in die beiden Namen Nora und Ekdal aus zwei be-
    kannten Schauspielen von Ibsen. Von demselben Autor, dessen
    letztes Opus ich im Traume also kritisierte, hatte ich vorher einen
    Zeitungsaufsatz über Ibsen gelesen.

    II. Eine meiner Patientinnen teilt mir einen kurzen Traum mit,
    der in eine unsinnige Wortkombination ausläuft. Sie befindet sich mit
    ihrem Marine bei einer Bauernfestlichkeit und sagt dann: Das wird
    in einen allgemeinen
    „Maistollmütz“ ausgehen. Dabei im
    Traume der dunkle Gedanke, das sei eine Mehlspeise aus Mais, eine
    Art Polenta. Die Analyse zerlegt das Wort in Mais—toll—manns-
    toll—Olmütz, welche Stücke sich sämtlich als Reste einer Konver-
    sation bei Tisch mit ihren Verwandten erkennen lassen. Hinter Mais
    verbargen sich außer der Anspielung auf die eben eröffnete Jubiläums-
    ausstellung die Worte: Meißen (eine Meißner Porzellanfigur, die
    einen Vogel darstellt), Miß (die Engländerin ihrer Verwandten war
    nach Olmütz gereist), mies = ekel, übel im scherzhaft gebrauchten
    jüdischen Jargon, und eine lange Kette von Gedanken und An-
    knüpfungen ging von jeder der Silben des Wortklumpens ab.

    III. Ein junger Mann, bei dem ein Bekannter spät abends an-
    geläutet hat, um eine Besuchskarte abzugeben, träumt in der darauf-
    folgenden Nacht: Ein Geschäftsmann wartet spät abends,
    um den Zimmertelegraphen zu richten. Nachdem er
    weggegangen ist, läutet es noch immer nicht kontinuier-
    lich, sondern nur in einzelnen Schlägen. Der Diener
    holt den Mann wieder, und der sagt: Es ist doch merk-

  • S.

    237

    würdig, daß auch Leute, die sonst tutelrein sind, solche
    Angelegenheiten nicht zu behandeln verstehen.

    Der indifferente Traumanlaß deckt, wie man sieht, nur eines
    der Elemente des Traumes. Zur Bedeutung ist er überhaupt nur ge-
    kommen, indem er sich an ein früheres Erlebnis des Träumers ange-
    reiht hat, das, an sich auch gleichgültig, von seiner Phantasie mit stell-
    vertretender Bedeutung ausgestattet wurde. Als Knabe, der mit seinem
    Vater wohnte, schüttete er einmal schlaftrunken ein Glas Wasser auf
    den Boden, so daß das Kabel des Zimmertelegraphen durchtränkt
    wurde, und. das kontinuierliche Läuten den Vater im Schlafe
    störte. Da das kontinuierliche Läuten dem Naßwerden entspricht, so
    werden dann „einzelne Schläge“ zur Darstellung des Tropfen-
    fallens verwendet. Das Wort „tutelrein“ zerlegt sich aber nach
    drei Richtungen und zielt damit auf drei der in den Traumgedanken
    vertretenen Materien: „Tutel“ = Kuratel bedeutet Vormundschaft;
    Tutel (vielleicht „Tuttel“) ist eine vulgäre Bezeichnung der weib-
    lichen Brust, und der Bestandteil „rein“ übernimmt die ersten Silben
    des Zimmertelegraphen, um „Zimmerrein“ zu bilden, was mit dem
    Naßmachen des Fußbodens viel zu tun hat und überdies an einen der
    in der Familie des Träumen vertretenen Namen anklingt.*)

    IV. In einem längeren wüsten Traume von mir, der eine Schiffs-
    reise zum scheinbaren Mittelpunkte hat, kommt es vor, daß die nächste
    Station Henning heißt, die nächst weitere aber Fließ. Letzteres
    ist der Name meines Freundes in B., der oft das Ziel meiner Reise
    gewesen ist. Hearsing aber ist kombiniert aus den Ortsnamen
    unserer Wiener Lokalstrecke, die so häufig auf ing ausgehen:
    Hietzing, Liesing, Mödling (Medelitz, „meae deliciae“ der alte
    Name, also „meine Freud”) und dem englischen Hearsay =
    Hörensagen, was auf Verleumdung deutet und die Beziehung zu dem

    *) Die nämliche Zerlegung und Zusammensetzung der Silben — eine wahre
    Silbenchemie — dient uns im Wachen zu mannigfachen Scherzen. „Wie gewinnt
    man auf die billigste Art Silber? Man begibt sich in eine Allee, in der Silberpappeln
    stehen, gebietet Schweigen, dann hört das ‚Pappeln‘ (Schwätzen) auf, und das Silber
    wird frei.“ Der erste Leser und Kritiker dieses Buches hat mir den Einwand ge-
    macht, den die späteren wahrscheinlich wiederholen werden, „daß der Träumer oft
    zu witzig erscheine“. Das ist richtig, so lange es nur nur auf den Träumer bezogen
    wird, involviert einen Vorwurf nur dann, wenn es auf den Traumdeuter übergreifen
    soll. In der wachen Wirklichkeit kann ich wenig Anspruch auf das Prädikat „witzig“
    erhaben; wenn meine Träume witzig erscheinen, so liegt es nicht an meiner Person,
    sondern an den eigentümlichen psychologischen Bedingungen, unter denen der Traum
    gearbeitet wird, und hängt mit der Theorie des Witzigen und Komischen intim zu-
    sammen. Der Traum wird witzig, weil ihm der gerade und nächste Weg zum Aus-
    druck seiner Gedanken gesperrt ist; er wird ne notgedrungen. Die Leser können
    sich überzeugen, daß die Träume meiner Patienten den Eindruck des Witzigen
    (Witzelnden) im selben und im höheren Grade machen wie die meinen. [Immerhin
    gab mir dieser Vorwurf Anlaß, die Technik des Witzes mit der Traumarbeit zu ver-
    gleichen, was in dem 1905 veröffentlichten Buche „Der Witz und seine Beziehung
    zum Unbewußten“ geschehen ist.]

  • S.

    238

    indifferenten Traumerreger des Tages herstellt, einem Gedichte in den
    „Fliegenden Blättern“ von einem verleumderischen Zwerge, „Sagter
    Hatergesagt“. Durch Beziehung der Endsilbe „ing“ zum Namen
    Fließ gewinnt man „Vlissingen“, wirklich die Station der Seemise,
    die mein Bruder berührt, wenn er von England zu uns auf Besuch
    kommt. Der englische Name von Vlissingen lautet aber Flushing,
    was in englischer Sprache Erröten bedeutet und an die Patienten mit
    „Ertötensangst“ mahnt, die ich behandle, auch an eine rezente Publi-
    kation Bechterews über diese Neurose, die mir Anlaß zu ärger-
    lichen Empfindungen gegebenen hat.

    V. Ein anderes Mal habe ich einen Traum, der aus zwei geson-
    derten Stücken besteht. Das erste ist das lebhaft erinnerte Wort
    „Autodidasker“, das andere deckt sich getreu mit einer vor Tagen
    produzierten, kurzen und harmlosen Phantasie des Inhalts, daß ich
    dem Professor N., wenn ich ihn nächstens sehe, sagen muß: „Der
    Patient, über dessen Zustand ich Sie zuletzt konsultiert habe, leidet
    wirkli nur an einer Neurose, ganz wie Sie vermutet haben.“ Das
    neugebildete „Autodidasker“ hat und nicht nur der Anforderung
    zu genügen, daß es komprimierten Sinn enthält oder vertritt, es soll
    auch dieser Sinn in gutem Zusammenhange mit meinem aus dem
    Wachen wiederholten Vorsatze stehen, dem Professor N. jene Genug-
    tuung zu gehen.

    Nun zerlegt sich Autodidasker leicht in Autor, Auto-
    didakt und Lasker, an den sich der Name Lasalle schließt. Die
    ersten dieser Worte fuhren zu der — dieses Mal bedeutsamen — Ver-
    anlassung des Traumes. Ich hatte meiner Frau mehrere Bände eines
    bekannten Autors mitgebracht, mit dem mein Bruder befreundet ist,
    und der, wie ich erfahren habe, aus demselben Orte stammt wie ich
    (J. J. David). Eines abends sprach sie mit mir über den tiefen Ein-
    druck, den ihr die ergreifend traurige Geschichte eines verkommenen
    Talents in einer der Davidschen Novellen gemacht hatte, und unsere
    Unterhaltung wendete sich darauf den Spuren von Begabung zu, die
    wir an unseren eigenen Kindern wahrnehmen. Unter der Herrschaft
    des eben Gelesenen äußerte sie eine Besorgnis, die sich auf die Kinder
    bezog, und ich tröstete sie mit der Bemerkung, daß gerade solche Ge-
    fahren durch die Erziehung abgewendet werden können. In der Nacht
    ging mein Gedankengang weiter, nahm die Besorgnisse meiner Frau
    auf und verwob allerlei anderes damit. Eine Äußerung, die der Dichter
    gegen meinen Bruder in bezug auf das Heiraten getan hatte, zeigte
    meinen Gedanken einen Nebenweg, der zur Darstellung im Traume
    führen konnte. Dieser Weg leitete nach Breslau, wohin eine uns sehr
    befreundete Dame geheiratet hatte. Für die Besorgnis, am Weibe zu
    Grunde zu gehen, die den Kern meiner Traumgedanken bildete, fand
    ich in Breslau die Exempel Lasker und Lasalle auf, die mir gleich-
    zeitig die beiden Arten dieser Beeinflussung zum Unheil darzustellen

  • S.

    239

    gestatteten.*) Das „Cherchez la femme“, in dem sich diese Gedanken
    zusammenfassen lassen, bringt mich in anderem Sinne auf meinen noch
    unverheirateten Bruder, der Alexander heißt. Nun merke ich, daß
    Alex, wie wir den Namen abkürzen, fast wie eine Umstellung von
    Lasker klingt, und daß dieses Moment mitgewirkt haben muß, meinen
    Gedanken die Umwegrichtung über Breslau mitzuteilen.

    Die Spielerei mit Namen und Silben, die ich hier treibe, enthält
    aber noch einen weiteren Sinn. Sie vertritt den Wunsch eines glück-
    lichen Familienlebens für meinen Bruder, und zwar auf folgendem
    Wege. In dem Künstlerroman L' oeuvre, der meinen Traumgedanken
    inhaltlich nahe liegen mußte, hat der Dichter bekanntlich sich selbst
    und sein eigenes Familienglück episodisch mitgeschildert und tritt
    darin unter dem Namen Sandoz auf. Wahrscheinlich hat er bei der
    Namensverwandlung folgenden Weg eingeschlagen. Zola gibt um-
    gekehrt (wie die Kinder so gern zu tun pflegen) Aloz. Das war ihm
    wohl noch zu unverhüllt; darum ersetzte sich ihm die Silbe A1, die
    auch den Namen Alexander einleitet, durch die dritte Silbe desselben
    Namens sand, und so kam Sandoz zu stande. So ähnlich entstand
    also auch mein Autodidasker.

    Meine Phantasie, daß ich Professor N. erzähle, der von uns
    beiden gesehene Kranke leide nur an einer Neurose, ist auf folende
    Weise in den Traum gekommen. Kurz vor Schluß meines Arbeits-
    jahres bekam ich einen Patienten, bei dem mich meine Diagnostik im
    Stiche ließ. Es war ein schweres organischen Leiden, vielleicht eine
    Rückenmarksveränderung, anzunehmen, aber nicht zu beweisen. Eine
    Neurose zu diagnostizieren wäre verlockend gewesen und hätte allen
    Schwierigkeiten ein Ende bereitet, wenn nicht die sexuelle Anamnese,
    ohne die ich keine Neurose anerkennen will, vom Kranken so ener-
    gisch in Abrede gestellt worden wäre. In meiner Verlegenheit rief
    ich den Arzt zur Hilfe, den ich menschlich am meisten verehre (wie
    andere auch), und vor dessen Autorität ich mich am ehesten beuge.
    Er hörte meine Zweifel an, hieß sie berechtigt und meinte dann:
    „Beobachten Sie den Mann weiter, es wird eine Neurose sein.“ Da
    ich weiß, daß er meine Ansichten über die Ätiologie der Neurosen
    nicht teilt, hielt ich meinen Widerspruch zurück, verbarg aber nicht
    meinen Unglauben. Einige Tage später machte ich dem Kranken die
    Mitteilung, daß ich mit ihm nichts anzufangen wisse, und riet ihm,
    sich an einen anderen zu wenden. Da begann er zu meiner höchsten
    Überraschung, mich um Verzeihung zu bitten, daß er mich belogen
    habe; er habe sich so sehr geschämt, und nun enthüllte er mir gerade
    das Stück sexueller Ätiologie, das ich erwartet hatte, und dessen ich
    zur Annahme einer Neurose bedurfte. Mir war es eine Erleichterung,
    aber auch gleichzeitig eine Beschämung ; ich mußte mir zugestehen,
    daß mein Konsiliarius, durch die Berücksichtigung der Anamnese un-

    *) Lasker starb an progressiver Paralyse, also an den Folgen der beim Weibe
    erworbenen Infektion (Lues); Lasalle, wie bekannt, im Duell wegen einer Dame.

  • S.

    240

    beirrt, richtiger gesehen hatte. Ich nahm mir vor, es ihm zu sagen,
    wenn ich ihn wiedersehe, ihm zu sagen, daß er recht gehabt habe
    und ich unrecht.

    Gerade dies tue ich nun im Traume. Aber was für Wunsch-
    erfüllung soll es denn sein, wenn ich bekenne, daß ich unrecht habe?
    Gerade das ist mein Wunsch; ich möchte unrecht haben mit meinen
    Befürchtungen, resp. ich möchte, daß meine Frau, deren Befürchtungen
    ich in den Traumgedanken mir angeeignet habe, unrecht behält. Das
    Thema, auf welches sich das Recht- oder Unrechtbehalten im Traume
    bezieht, ist von dem für die Traumgedanken wirklich Interessenten
    nicht weitab gelegen. Dieselbe Alternative der organischen oder der
    funktionellen Schädigung durch das Weib, an welch letztlich durch das Sexual-
    leben: Tabesparalyse oder Neurose, an welch letztere sich die Art des
    Untergangs von Lasalle lockerer anreiht.

    Professor N. spielt in diesem festgefügten (und bei sorgfältiger
    Deutung ganz durchsichtigen) Traume nicht nur wegen dieser Analogie
    und wegen meines Wunsches, unrecht zu behalten, eine Rolle — auch
    nicht wegen seiner nebenher gehenden Beziehungen zu Breslau und
    zur Familie unserer dorthin verheirateten Freundin—, sondern auch
    wegen folgender kleinen Begebenheit die sich an unsere Konsultation
    anschloß. Nachdem er mit jener Vermutung die ärztliche Aufgabe
    erledigt hatte, wandte sich sein Interesse persönlichen Dingen zu.
    „Wieviel Kinder haben Sie jetzt?“ — „Sechs.“ — Eine Gebärde von
    Respekt und Bedenklichkeit. — „Mädel, Buben?“ — „Drei und drei,
    das ist mein Stolz und mein Reichtum.“ — „Nun, geben Sie acht,
    mit den Mädeln geht es ja gut, aber die Buben machen einem später
    Schwierigkeiten in der Erziehung.“ — Ich wendete ein, daß sie bis
    jetzt recht zahm geblieben sind; offenbar behagte mir diese zweite
    Diagnose über die Zukunft meiner Buben ebenso wenig wie die früher
    gefällte, daß mein Patient nur eine Neurose habe. Diese beiden Ein-
    drücke, sind also durch Kontiguität, durch das Erleben in einem Zuge
    verbunden, und wenn ich die Geschichte von der Neurose in den
    Traum nehme, ersetze ich durch sie die Rede über die Erziehung, die
    noch mehr Zusammenhang mit den Traumgedanken aufweist, da sie
    so nahe an die später geäußerten Besorgnisse meiner Frau rührt. So
    findet selbst meine Angst, daß N. mit den Bemerkungen über die Er-
    ziehungsschwierigkeiten bei den Buben recht behalten möge, Eingang
    in den Trauminhalt, indem sie sich hinter der Darstellung meines
    Wunsches, daß ich mit solchen Befürchtungen unrecht haben möge,
    verbirgt. Dieselbe Phantasie dient unverändert der Darstellung beider
    gegensätzlichen Glieder der Alternative.

    Die Wortverbildungen des Traumes ähneln sehr den bei der
    Paranoia bekannten, die aber auch bei Hysterie und Zwangsvor-
    stellungen nicht vermißt werden. Die Sprachkünste der Kinder, die
    zu gewissen Zeiten die Worte tatsächlich wie Objekte behandeln, auch
    neue Sprachen und artefizielle Wortfügungen erfinden, sind für den
    Traum wir für die Psychoneurosen hier die gemeinsame Quelle.

  • S.

    241

    Wo in einem Traume Reden vorkommen, die ausdrücklich als
    solche von Gedanken unterschieden werden, da gilt als ausnahmslose
    Regel, daß Traumrede von erinnerter Rede im Traummaterial ab-
    stammt. Der Wortlaut der Rede ist entweder unversehrt erhalten oder
    leise im Ausdruck verschoben; häufig ist die Traumrede aus ver-
    schiedenen Redeerinnerungen zusammengestückelt; der Wortlaut dabei
    das sich gleich gebliebene, der Sinn womöglich mehr- oder anders-
    deutig verändert. Die Traumrede dient nicht selten als bloße An-
    spielung auf ein Ereignis, bei dem die erinnerte Rede vorfiel.*)

    b) Die Verschiebungsarbeit.

    Eine andere, wahrscheinlich nicht minder bedeutsame Relation
    mußte uns bereits entfallen, während wir die Beispiele für die Traum-
    verdichtung sammelten. Wir konnten bemerken, daß die Elemente,
    welche im Trauminhalt sich als die wesentlichen Bestandteile hervor-
    drängen, in den Traumgedanken keineswegs die gleiche Rolle spielen.
    Als Korrelat dazu kann man auch die Umkehrung dieses Satzes aus-
    sprechen. Was in den Traumgedanken offenbar der wesentliche Inhalt
    ist, braucht im Traume gar nicht vertreten zu sein. Der Traum ist
    gleichsam anders zentriert, sein Inhalt um andere Elemente als
    Mittelpunkt geordnet als die Traumgedanken. So z. B. ist im Traume
    von der botanischen Monographie Mittelpunkt des Trauminhalts offenbar
    das Element „botanisch“; in den Traumgedanken handelt es sich um die
    Komplikationen und Konflikte, die sich aus verpflichtenden Leistungen
    zwischen Kollegen ergeben, in weiterer Folge um den Vorwurf, daß
    ich meinen Liebhabereien allzu große Opfer zu bringen pflege, und
    das Element „botanisch“ findet in diesem Kerne der Traumgedanken
    überhaupt keine Stelle, wenn es nicht durch eine Gegensätzlichkeit
    locker mit verbunden ist, denn Botanik hatte niemals einen Platz
    unter meinen Lieblingsstudien. In dem Sapphotraume meines Patienten
    ist das Auf- und Niedersteigen, Oben- und Untensein zum
    Mittelpunkte gemacht; der Traum handelt aber von den Gefahren
    sexueller Beziehungen zu niedrig stehenden Personen, so daß nur
    eines der Elemente der Traumgedanken, dies aber in ungebührlicher
    Verbreiterung, in den Trauminhalt eingegangen scheint. Ähnlich ist
    im Traume von den Maikäfern, welcher die Beziehungen der Sexu-
    alität zur Grausamkeit zum Thema hat, zwar das Moment der Grau-
    samkeit im Trauminhalt wieder erschienen, aber in andersartiger Ver-
    knüpfung und ohne Erwähnung des Sexuellen, also aus dem Zu-
    sammenhang gerissen und dadurch zu etwas Fremden umgestaltet. In

    *) [Bei einem an Zwangsvorstellungen leidenden jungen Manne, mit übrigens
    intakten und hochentwickelten intellektuellen Funktionen, fand ich unlängst die ein-
    zige Ausnahme von dieser Regel. Die Reden, die in seinen Träumen vorkamen,
    stammen nicht von gehörten oder selbst gehaltenen Reden ab, sondern entsprachen
    dem unentstellten Wortlaute seiner Zwangsgedanken, die ihm im Wachen nur abge-
    ändert zum Bewußtsein kamen.]

  • S.

    242

    dem Onkeltraume wiederum scheint der blonde Bart, der dessen Mittel-
    punkt bildet, außer aller Sinnbeziehung zu den Größenwünschen, die
    wir als den Kern der Traumgedanken erkannt haben. Solche Träume
    machen dann mit gutem Rechte einen „verschobenen“ Eindruck.
    Im vollen Gegensatz zu diesen Beispielen zeigt dann der Traum von
    Irmas Injektion, daß bei der Traumbildung die einzelnen Elemente
    auch wohl den Platz behaupten können, den sie in den Traum-
    gedanken einnehmen. Die Kenntnisnahme dieser neuen, in ihrem
    Sinne durchaus inkonstanten Relation zwischen Traumgedanken und
    Trauminhalt ist zunächst geeignet, unsere Verwunderung zu erregen.
    Wenn wir bei einem psychischen Vorgang des Normallebens finden,
    daß eine Vorstellung aus mehreren anderen herausgegriffen wurde und
    für das Bewußtsein besondere Lebhaftigkeit erlangt hat, so pflegen
    wir diesen Erfolg als Beweis dafür anzusehen, daß der siegenden Vor-
    stellung eine besonders hohe psychische Wertigkeit (ein gewisser Grad
    von Interesse) zukommt. Wir machen nun die Erfahrung, daß diese
    Wertigkeit der einzelnen Elemente in den Traumgedanken für die
    Traumbildung nicht erhalten bleibt oder nicht in Betracht kommt. Es
    ist ja kein Zweifel darüber, welches die höchstwertigen Elemente der
    Traumgedanken sind; unser Urteil sagt es uns unmittelbar. Bei der
    Traumbildung können diese wesentlichen, mit intensivem Interesse
    betonten Elemente nun so behandelt werden, als ob sie minderwertig
    wären, und an ihre Stelle treten im Traume andere Elemente, die in
    den Traumgedanken sicherlich minderwertig waren. Es macht zu-
    nächst den Eindruck, als käme die psychische Intensität*) der ein-
    zelnen Vorstellungen für die Traumauswahl überhaupt nicht in Be-
    tracht, sondern bloß die mehr oder minder vielseitige Determinierung
    derselben. Nicht was in den Traumgedanken wichtig ist, kommt in
    den Traum, sondern was in ihnen mehrfach enthalten, könnte man
    meinen; das Verständnis der Traumbildung wird aber durch diese
    Annahme nicht sehr gefördert, denn von vornherein wird man nicht
    glauben können, daß die beiden Momente der mehrfachen Determi-
    nierung und der eigenen Wertigkeit bei der Traumauswahl anders als
    gleichsinnig wirken können. Jene Vorstellungen, welche in den Traum-
    gedanken die wichtigsten sind, werden wohl auch die am häufigsten
    in ihnen wiederkehrenden sein, da von ihnen wie von Mittelpunkten
    die einzelnen Traumgedanken ausstrahlen. Und doch kann der Traum
    diese intensiv betonten und nur die letztere unterstützten Elemente ablehnen
    und andere Elemente, denen nur die letztere Eigenschaft zukommt,
    in seinen Inhalt aufnehmen.

    Zur Lösung dieser Schwierigkeit wird man einen anderen Ein-
    druck verwenden, den man bei der Untersuchung der Überdetermi-
    nierung des Trauminhalts empfangen hat. Vielleicht hat schon mancher
    Leser dieser Untersuchung bei sich geurteilt, die Überdeterminierung

    *) Psychische Intensität, Wertigkeit. Interessbetonung einer Vorstellung ist
    natürlich von sinnlicher lntensität, lntensität des Vorgestellten, gesondert zu halten.

  • S.

    243

    der Traumelemente sei kein bedeutsamer Fund, weil sie ein selbst-
    verständlicher ist. Man geht ja bei der Analyse von den Traum-
    elementen aus und verzeichnet alle Einfälle, die sich an dieselben
    knüpfen; kein Wunder dann, daß in dem so gewonnenen Gedanken-
    material eben diese Elemente sich besonders häufig wiederfinden. Ich
    könnte diesen Einwand nicht gelten lassen, werde aber selbst etwas
    ihm ähnlich Klingendes zur Sprache bringen: Unter den Gedanken,
    welche die Analyse zu Tage fördert, finden sich viele, die dem Kern
    des Traumes fernerstehen, und die sich wie künstliche Einschaltungen
    zu einem gewissen Zweck annehmen. Der Zweck derselben ergibt
    sich leicht; gerade sie stellen eine Verbindung, oft eine gezwungene
    und gesuchte Verbindung, zwischen Trauminhalt und Traumgedanken
    her, und wenn diese Elemente aus der Analyse ausgemerzt würden,
    entfiele für die Bestandteile des Trauminhalts oftmals nicht nur die
    Überdeterminierung, sondern überhaupt eine genügende Determinierung
    durch die Traumgedanken. Wir werden so zum Schlusse geleitet, daß
    die mehrfache Determinierung, die für die Traumauswahl entscheidet,
    wohl nicht immer ein primäres Moment der Traumbildung, sondern
    oft ein sekundäres Ergebnis einer uns noch unbekannten psychischen
    Macht ist. Sie muß aber bei alledem für das Eintreten der einzelnen
    Elemente in den Traum von Bedeutung sein, denn wir können beob-
    achten, daß sie mit einem gewissen Aufwand hergestellt wird, wo sie
    sich aus dem Traummaterial nicht ohne Nachhilfe ergibt.

    Es liegt nun der Einfall nahe, daß bei der Traumarbeit eine
    psychische Macht sich äußert, die einerseits die psychisch hochwertigen
    Elemente ihrer Intensität entkleidet und anderseits auf dem Wege
    der Überdeterminierung aus minderwertigen neue Wertigkeiten
    schafft, die dann in den Trauminhalt gelangen. Wenn das so zugeht,
    so hat bei der Traumbildung eine Übertragung und Ver-
    schiebung der psychischen Intensitäten der einzelnen Ele-
    mente stattgefunden, als deren Folge die Textverschiedenheit von
    Trauminhalt und Traumgedanken erscheint. Der Vorgang, den wir so
    supponieren, ist geradezu das wesentliche Stück der Traumarbeit; er
    verdient den Namen der Traumverschiebung. Traumver-
    schiebung und Traumverdichtung sind die beiden Werk-
    meister, deren Tätigkeit wir die Gestaltung des Traumes hauptsächlich
    zuschreiben dürfen.

    Ich denke, wir haben es auch leicht, die psychische Macht, die
    sich in den Tatsachen der Traumverschiebung äußert, zu erkennen.
    Der Erfolg dieser Verschiebung ist, daß der Trauminhalt dem Kerne
    der Traumgedanken nicht mehr gleich sieht, daß der Traum nur eine
    Entstellung des Traumwunsches im Unbewußten wiedergibt. Die Traum-
    entstellung aber ist uns bereits bekannt; wir haben sie auf die Zensur
    zurückgeführt, welche die eine psychische Instanz im Gedankenleben
    gegen eine an am ausübt. Die Traumverschiebung ist eines der Haupt-
    mittel zur Erzielung dieser Entstehung. Is fecit‚ cui profuit. Wir dürfen

  • S.

    244

    annehmen, daß die Traumverschiebung durch den Einfluß jener Zensur,
    der eudopsychischen Abwehr, zu Stande kommt.*)

    In welcher Weise die Momente der Verschiebung, Verdichtung
    und Überdeterminierung bei der Traumbildung ineinander spielen,
    welches der übergeordnete und welches der nebensächliche Faktor
    wird, das würden wir späteren Untersuchungen vorbehalten. Vorläufig
    können wir als eine zweite Bedingung, der die in den Traum gelangen-
    den Elemente genügen müssen, angeben, daß sie der Zensur des
    Widerstandes entzogen seien
    . Die Traumverschiebung aber
    wollen wir von nun an als unzweifelhafte Tatsache bei der Traum-
    deutung in Rechnung ziehen.

    c) Die Darstellungsmittel des Traumes.

    Außer den beiden Momenten der Traumverdichtung und
    Traumverschiebung, die wir bei der Verwandlung des latenten
    Gedankenmaterials in den manifesten Trauminhalt als wirksam auf-
    gefunden haben, werden wir bei der Fortführung dieser Untersuchung
    noch zwei weiteren Bedingungen begegnen, die unzweifelhaften Einfluß
    auf die Auswahl des in den Traum gelangenden Materials üben. Vorher
    möchte ich, selbst auf die Gefahr hin, daß wir auf unserem Wege
    Halt zu machen scheinen, einen ersten Blick auf die Vorgänge bei

    *) [Da ich die Zurückführung der Traumentstellung auf die Zensur als den
    Kern meiner Traumführung bezeichnen darf‚ schalte ich hier das letzte Stück jener
    Erzählung „Träumen wie Wachen“ aus den „Phantasien eines Realisten“ von
    Lynkeus, Wien, 2. Auflage‚ 1900, ein, in dem ich diesen Hauptcharakter meiner
    Lehre wiederfinde:

    „Von einem Manne, der die merkwürdige Eigenschaft, niemals Unsinn zu
    träumen.“ — — — —

    „Deine herrliche Eigenschaft, zu träumen wie zu wachen, beruht auf deinen
    Tugenden, auf deiner Gute, deiner Gerechtigkeit, deiner Wahrheitsliebe; es ist die
    moralische Klarheit deiner Natur, die mir alles an dir verständlich machst“

    „Wenn ich es aber recht bedenke“, erwiderte der andere, „so glaube ich bei-
    nahe, alle Menschen seien so wie ich beschaffen, und gar niemand träume jemals
    Unsinn! Ein Traum, an den man sich so deutlich erinnert, daß man ihn nacherzählen
    kann, der also kein Fiebertraum ist, hat immer Sinn und es kann auch gar nicht
    anders sein! Denn was miteinander in Widerspruch steht, könnte sich ja nicht zu
    einem Ganzen gruppieren. Daß Zeit und Raum oft durcheinander gerüttelt werden,
    benimmt dem wahren Inhalt des Traumes gar nichts, denn sie sind beide gewiß ohne
    Bedeutung für seinen wesentlichen Inhalt gewesen. Wir machen es ja oft im Wachen
    such so; denke an das Märchen, an so viele kühne und sinnvolle Phantasiegebilde,
    zu denen nur ein Unverständiger sagen würde: ‚Das ist widersinnig! Denn das ist
    nicht möglich‘!“

    „Wenn man nur die Träume immer richtig zu deuten wüßte, so wie du das
    eben mit dem meinen getan hast!“ sagte der Freund.

    „Das ist gewiß keine leichte Aufgabe, aber es müßte bei einiger Aufmerksam-
    keit dem Träumenden selbst wohl immer gelingen. — Warum es meistens nicht
    gelingt? Es scheint bei Euch etwas Verstecktes in den Träumen zu liegen, etwa
    Unkeusches eigener und höherer Art, eine gewisse Heimlichkeit in Eurem Wesen,
    die schwer auszudenken ist; und darum scheint Euer Träumen so oft ohne Sinn, sogar
    ein Widersinn zu sein. Es ist aber im tiefsten Grunde durchaus nicht so; ja, es kann
    gar nicht so sein, denn es ist immer derselbe Mensch, ob er wacht oder träumt.“]

  • S.

    245

    der Ausführung der Traumdeutung werfen. Ich verhehle mir nicht,
    daß es am ehesten gelingen würde, dieselben klarstellen und ihre
    Zuverlässigkeit gegen Einwendungen zu sichern, wenn ich einen ein-
    zelnen Traum zum Muster nähme, seine Deutung entwickle, wie ich
    es in Abschnitt II bei dem Traume von Irmas Injektion gezeigt habe,
    dann aber die Traumgedanken, die ich aufgedeckt habe, zusammen-
    stelle, und nun die Bildung des Traumes aus ihnen rekonstruiere, also
    die Analyse der Träume durch eine Synthese derselben ergänze. Diese
    Arbeit habe ich an mehreren Beispielen zu meiner eigenen Belehrung
    vollzogen; ich kann sie aber hier nicht aufnehmen, weil mannigfache
    und von jedem billig Denkenden gutzuheißende Rücksichten auf das
    psychische Material zu dieser Demonstration mich daran verhindern.
    Bei der Analyse der Träume störten diese Rücksichten weniger, denn
    die Analyse durfte unvollständig sein und behielt ihren Wert, wenn
    sie auch nur ein Stück weit in das Gewebe des Traumes hineinführte.
    Von der Synthese wüßte ich es nicht anders, als daß sie, um zu über-
    zeugen, volIständig sein muß. Eine vollständige Synthese könnte ich
    nur von Träumen solcher Personen geben, die dem lesenden Publikum
    unbekannt sind. Da aber nur Patienten, Neurotiker, mir dazu die
    Mittel bieten, so muß dies Stück Darstellung des Traumes einen
    Aufschub erfahren, bis ich — an anderer Stelle — die psychologische
    Aufklärung der Neurosen so weit führen kann, daß der Anschluß an
    unser Thema herzustellen ist.*)

    Aus meinen Versuchen, Träume aus den Traumgedanken syn-
    thetisch herzustellen, weiß ich, daß das bei der Deutung sich ergebende
    Material von verschiedenartigem Werte ist. Den einen Teil desselben
    bilden die wesentlichen Traumgedanken, die also den Traum voll er-
    setzen und allein zu dessen Ersatz hinreichen würden, wenn es für
    den Traum keine Zensur gäbe. Den anderen Teil kann man unter
    dem Namen „Kollateralen“ zusammenfassen; in ihrer Gesamtheit
    stellen sie die Wege der, auf denen der wirkliche Wunsch, der sich
    aus den Traumgedanken erhebt, in den Traumwunsch übergeführt wird.
    Von diesen „Kollateralen“ besteht ein erster Anteil uns Anknüpfungen
    an die eigentlichen Traumgedanken, welche, schematisch genommen,
    Verschiebungen vom Wesentlichen aufs Nebensächliche entsprechen.
    Ein zweiter Anteil umfaßt die Gedanken, welche diese durch Ver-
    schiebung bedeutsam gewordenen, nebensächlichen Materialien unter
    sich verbinden und von ihnen bis zum Trauminhalt reichen. Ein
    dritter Anteil endlich enthält die Einfälle und Gedankenverbindungen,
    durch die man bei der Deutungsarbeit vom Trauminhalt zu den
    mittleren Kollateralen gerät, und die nicht notwendig sämtlich
    auch bei der Traumbildung beteiligt gewesen sein müssen.

    Uns interessieren an dieser Stelle ausschließlich die wesentlichen
    Traumgedanken. Diese enthüllen sich zumeist als ein Komplex von

    *) [Ich habe die vollständige Analyse und Synthese zweier Träume seither in
    dem „Bruchstück einer Hysterieanalyse“, 1905, gegeben.]

  • S.

    246

    Gedanken und Erinnerungen vom allerverwickeltsten Aufbau mit allen
    Eigenschaften der uns aus dem Wachen bekannten Gedankengänge.
    Nicht selten sind es Gedankenzüge‚ die von mehr als einem Zentrum
    ausgehen, aber der Berührungspunkte nicht entbehren; fast regelmäßig
    steht neben einem Gedankengang sein kontradiktorisches Widerspiel,
    durch Kontrastassoziation mit ihm verbunden.

    Die einzelnen Stücke dieses komplizierten Gebildes stehen natür-
    lich in den mannigfaltigsten logischen Relationen zueinander. Sie bilden
    Vorder- und Hintergrund, Abschweifungen und Erläuterungen, Bedin-
    gungen, Beweisgänge und Einsprüche. Wenn dann die ganze Masse
    dieser Traumgedanken der Pressung der Traumarbeit unterliegt, wobei
    die Stücke gedreht, zerbröckelt und zusammengeschoben werden, etwa
    wie treibendes Eis, so entsteht die Frage, was aus den logischen
    Banden wird, welche bishin das Gefüge gebildet hatten. Welche Dar-
    stellung erfahren im Traume das „Wenn, weil, gleichwie, obgleich,
    entweder — oder“ und alle anderen Konjunktionen, ohne die wir Satz
    und Rede nicht verstehen können?

    Man muß zunächst darauf antworten, der Traum hat für diese
    logischen Relationen unter den Traumgedanken keine Mittel der Dar-
    stellung zur Verfügung. Zumeist läßt er all diese Konjunktionen un-
    berücksichtigt und übernimmt nur den sachlichen Inhalt der Traum-
    gedanken zur Bearbeitung. Der Traumdeutung bleibt es überlassen,
    den Zusammenhang wieder herzustellen, den die Traumarbeit ver-
    nichtet hat.

    Es muß am psychischen Material liegen, in dem der Traum ge-
    arbeitet ist, wenn ihm diese Ausdrucksfähigkeit abgeht. In einer ähn-
    lichen Beschränkung befinden sich ja die darstellenden Künste, Malerei
    und Plastik, im Vergleich zur Poesie, die sich der Rede bedienen
    kann, und auch hier liegt der Grund des Unvermögens in dem Ma-
    terial, durch dessen Bearbeitung die beiden Künste etwas zum Aus-
    druck zu bringen streben. Ehe die Malerei zur Kenntnis der für sie
    gültigen Gesetze des Ausdrucks gekommen war, bemühte sie sich
    noch, diesen Nachteil auszugleichen. Aus dem Munde der gemalten
    Personen ließ man auf alten Bildern Zettelchen heraushängen, welche
    als Schrift die Rede brachten, die im Bilde darzustellen der Maler
    verzweifelte.

    Vielleicht wird sich hier ein Einwand erheben, der für den
    Traum den Verzicht auf die Darstellung logischer Relationen bestreitet.
    Es gibt ja Träume, in welchen die kompliziertesten Geistesoperationen
    vor sich gehen, begründet und widersprochen, gewitzelt und verglichen
    wird wie im wachen Denken. Allein auch hier trügt der Schein;
    wenn man auf die Deutung solcher Träume eingeht, erfährt man, daß
    dies alles Traummaterial ist, nicht Darstellung intellek-
    tueller Arbeit im Traume. Der Inhalt
    der Traumgedanken
    ist durch das scheinbare Denken des Traumes wiedergegeben, nicht
    die Beziehungen der Traumgedanken zueinander, in deren

  • S.

    247

    Feststellung das Denken besteht. Ich werde hiefür Beispiele erbringen.
    Am leichtesten ist es aber zu konstatieren, daß alle Reden, die in
    Träumen vorkommen und die ausdrücklich als solche bezeichnet werden,
    unveränderte oder nur nur wenig modifizierte Nachbildungen von Reden
    sind, die sich ebenso in den Erinnerungen des Traummaterials vorfinden.
    Die Rede ist oft nur eine Anspielung auf ein in den Traumgedanken
    enthaltenes Ereignis; der Sinn des Traumes ein ganz anderer.

    Allerdings werde ich nicht bestreiten, daß auch kritische Denk-
    arbeit, die nicht einfach Material aus den Traumgedanken wiederholt,
    ihren Anteil an der Traumbildung nimmt. Den Einfluß dieses Faktors
    werde ich zu Ende dieser Erörterung beleuchten müssen. Es wird sich
    dann ergeben, daß diese Denkarbeit nicht durch die Traumgedanken,
    sondern durch den in gewissem Sinne bereits fertigen Traum hervor-
    gerufen wird.

    Es bleibt also vorläufig dabei, daß die logischen Relationen zwi-
    schen den Traumgedanken im Traume eine besondere Darstellung
    nicht finden. Wo sich z. B. Widerspruch im Traume findet, da ist es
    entweder Widerspruch gegen den Traum oder Widerspruch aus dem
    Inhalt eines der Traumgedanken; einem Widerspruch zwischen den
    Traumgedanken entspricht der Widerspruch im Traume nur in höchst
    indirekt vermittelter Weise.

    Wie es aber endlich der Malerei gelungen ist, wenigstens die
    Redeabsicht der dar dargestellten Personen, Zärtlichkeit, Drohung, Ver-
    warnung u. dgl. anders zum Ausdruck zu bringen als durch den
    flatternden Zettel, so hat sich auch für den Traum die Möglichkeit
    ergeben, einzelnen der logischen Relationen zwischen seinen Traum-
    gedanken durch eine zugehörige Modifikation der eigentümlichen
    Traumdarstellung Rücksicht zuzuwenden. Mann kann die Erfahrung
    machen, daß die verschiedenen Träume in dieser Berücksichtigung
    verschieden weit gehen; wahrend sich der eine Traum über das
    logische Gefüge seines Materials völlig hinaussetzt, sucht ein anderer
    dasselbe möglichst vollständig anzudeuten. Der Traum entfernt sich
    hierin mehr oder weniger weit von dem ihm zur Bearbeitung vor-
    liegenden Text. Ähnlich wechselnd benimmt sich der Traum übrigens
    auch gegen das zeitliche Gefüge der Traumgedanken, wenn ein solches
    im Unbewußten hergestellt ist (wie z. B. im Traume von Irmas In-
    jektion).

    Durch welche Mittel vermag aber die Traumarbeit die schwer
    darstellbaren Relationen im Traummaterial anzudeuten? Ich werde
    versuchen, sie einzeln aufzuzählen.

    Zunächst wird der Traum dem unleugbar vorhandenen Zu-
    sammenhang zwischen allen Stücken der Traumgedanken dadurch im
    ganzen gerecht, daß er dieses Material in einer Zusammenfassung als
    Situation oder Vorgang vereinigt. Er gibt logischen Zusammen-
    hang wieder als Gleichzeitigkeit; er verfährt darin ähnlich wie
    der Maler, der alle Philosophen oder Dichter zum Bilde einer Schule

  • S.

    248

    von Athen oder des Parnaß zusammenstellt, die niemals in einer
    Halle oder auf einem Berggipfel beisammen gewesen sind, wohl aber
    für die denkende Betrachtung eine Gemeinschaft bilden.

    Diese Darstellungsweise setzt der Traum ins einzelne fort. So oft
    er zwei Elemente nahe beieinander zeigt, bürgt er für einen besonders
    innigen Zusammenhang zwischen ihren Entsprechenden in den Traum-
    gedanken. Es ist wie in unserem Schrittsystem: ab bedeutet, daß die
    beiden Buchstaben in einer Silbe ausgesprochen werden sollen, a und b
    nach einer freien Lücke läßt a als den letzten Buchstaben des einen
    Wortes und b als den ersten eines anderen Wortes erkennen. Dem-
    zufolge bilden sich die Traumkombinationen nicht aus beliebigen,
    völlig disparaten Bestandteilen des Traummaterials, sondern aus solchen,
    die auch in den Traumgedanken in innigerem Zusammenhang stehen.

    Die Kausalbeziehungen darzustellen, hat der Traum zwei
    Verfahren, die im Wesen auf dasselbe hinauslaufen. Die häufigere
    Darstellungsweise, wenn die Traumgedanken etwa lauten: Weil dies
    so und so war, mußte dies und jenes geschehen, besteht darin, den
    Nebensatz als Vortraum zu bringen und dann den Hauptsatz als
    Haupttraum anzufügen. Wenn ich recht gedeutet habe, kann die Zeit-
    folge auch die umgekehrte sein. Stets entspricht dem Hauptsatz der
    breiter ausgeführte Teil des Traumes.

    Ein schönes Beispiel von solcher Darstellung der Kausalität hat
    mir einmal eine Patientin geliefert, deren Traum ich späterhin voll-
    ständig mitteilen werde. Er bestand aus einem kurzen Vorspiel und
    einem sehr weitläufigen Traumstück, das in hohem Grade zentriert
    war und etwa überschrieben werden konnte: Durch die Blume. Der
    Vortraum lautete so: Sie geht in die Küche zu den beiden
    Mägden und tadelt sie, daß sie nicht fertig werden „mit
    dem Bissel Essen“. Dabei sieht sie sehr viel grobes
    Küchengeschirr zum Abtropfen umgestürzt in der Küche
    stehen, und zwar in Haufen aufeinander gestellt. Die
    beiden Mägde gehen Wasser holen und müssen dabei
    wie in einen Fluß steigen, der bis ans Haus oder in den
    Hof reicht.

    Dann folgt der Haupttraum, der sich so einleitet: Sie steigt
    von hoch herab, über eigentümlich gebildete Geländer,
    und freut sich, daß ihr Kleid dabei nirgends hängen
    bleibt u. s. w
    . Der Vortraum bezieht sich nun auf das elterliche
    Haus der Dame. Die Worte in der Küche hat sie wohl oft so von
    ihrer Mutter gehört. Die Haufen von rohem Geschirr stammen aus
    der einfachen Geschirrhandlung, die sich in demselben Hause befand.
    Der zweite Teil des Traumes enthält eine Anspielung auf den Vater,
    der sich viel mit Dienstmädchen zu schaffen machte und dann bei
    einer Überschwemmung — das Haus stand nahe am Ufer des Flusses
    — sich eine tödliche Erkrankung holte. Der Gedanke, der sich
    hinter diesem Vortraume verbirgt, heißt also: Weil ich aus diesem

  • S.

    249

    Hause, aus so kleinlichen und unerquicklichen Verhältnissen stamme.
    Der Haupttraum nimmt denselben Gedanken wieder auf und bringt
    ihn in durch Wunscherfüllung verwandelter Form: Ich bin von hoher
    Abkunft. Eigentlich also: Weil ich von so niedriger Abkunft bin, war
    mein Lebenslauf so und so.

    Soviel ich sehe, bedeutet eine Teilung des Traumes in zwei
    ungleiche Stücke nicht jedesmal eine kausale Beziehung zwischen den
    Gedanken der beiden Stücke. Oft scheint es, als ob in den beiden
    Träumen dasselbe Material von verschiedenen Gesichtspunkten aus dar-
    gestellt würde; oder die beiden Träume sind aus gesonderten Zentren
    im Traummaterial hervorgegangen und überschneiden einander im
    Inhalt, so daß in dem einen Traum Zentrum ist, was im anderen als
    Andeutung mitwirkt und umgekehrt. In einer gewissen Anzahl von
    Träumen bedeutet aber die Spaltung in kürzeren Vor- und längeren
    Nachtraum tatsächlich kausale Beziehung zwischen beiden Stücken.
    Die andere Darstellungsweise des Kausalverhältnisses findet Anwendung
    bei minder umfangreichem Material und besteht darin, daß ein Bild
    im Traume, sei es einer Person oder einer Sache, sich in ein anderes
    verwandelt. Nur wo wir diese Verwandlung im Traume vor sich
    gehen sehen, wird der kausale Zusammenhang ernstlich behauptet;
    nicht wo wir bloß merken, es sei an Stelle des einen jetzt das andere
    gekommen. Ich sagte, die beiden Verfahren, Kausalbeziehung darzu-
    stellen, liefen auf dasselbe hinaus; in beiden Fällen wird die Ver-
    ursachung dargestellt durch ein Nacheinander, einmal durch
    das Aufeinanderfolgen der Träume, das andere Mal durch die unmittel-
    bare Verwandlung eines Bildes in ein anderes. In den allermeisten
    Fällen freilich wird die Kausalrelation überhaupt nicht dargestellt,
    sondern fällt unter das auch im Traumvorgang unvermeidliche Nach-
    einander der Elemente.

    Die Alternative „Entweder — Oder“ kann der Traum überhaupt
    nicht ausdrücken; er pflegt die Glieder derselben wie gleichberechtigt
    in einen Zusammenhang aufzunehmen. Ein klassisches Beispiel hiefür
    enthält der Traum von Irmas Injektion. In dessen latenten Gedanken
    heißt es offenbar: Ich bin unschuldig an dem Fortbestand von Irmas
    Schmerzen; die Schuld liegt entweder an ihrem Sträuben gegen
    die Annahme der Lösung oder daran, daß sie unter ungünstigen
    sexuellen Bedienungen lebt, die ich nicht ändern kann, oder ihre
    Schmerzen sind überhaupt nicht hysterischer, sondern organischer
    Natur. Der Traum vollzieht aber alle diese einander fest ausschließen-
    den Möglichkeiten und nimmt keinen Anstoß, aus dem Traumwunsch
    eine vierte solche Lösung hinzuzufügen. Das Entweder — Oder habe
    ich dann nach der Traumdeutung in den Zusammenhang der Traum-
    gedanken eingesetzt.

    Wo aber der Erzähler bei der Reproduktion des Traumes ein
    Entweder — Oder gebrauchen möchte: war entweder ein Garten
    oder ein Wohnzimmer u. s. w., da kommt in den Traumgedanken

  • S.

    250

    nicht etwa eine Alternative, sondern ein „und“, eine einfache An-
    reihung, vor. Mit Entweder — Oder beschreiben wir zumeist einen noch
    auflösbaren Charakter von Verschwommenheit an einem Traumelement.
    Die Deutungsregel für diesen Fall lautet: Die einzelnen Glieder der
    scheinbaren Alternative sind einander gleich zu setzen und durch
    „und“ zu verbinden. Ich träume z. B., nachdem ich längere Zeit ver-
    geblich auf die Adresse meines in Italien weilenden Freundes ge-
    wartet habe, daß ich ein Telegramm erhalte, welches mir diese Adresse
    mitteilt. Ich sehe sie in blauem Druck auf den Papierstreifen des
    Telegramms; das erste Wort ist verschwommen,

    etwa via,

    oder Villa, das zweite deutlich: Sezerno.

    oder sogar (Casa).

    Das zweite Wort, das an italienische Namen anklingt, und mich
    an unsere etymologischen Besprechungen erinnert, drückt auch meinen
    Ärger aus, daß er seinen Aufenthalt solange vor mir geheim ge-
    halten; jedes der Glieder aber des Teamvorschlages zum ersten Worte
    läßt sich bei der Analyse als selbständiger und gleichberechtigter
    Ausgangspunkt der Gedankenverkettung erkennen.

    In der Nacht vor dem Begräbnis meines Vaters träume ich von
    einer bedruckten Tafel, einem Plakat oder Anschlagezettel — etwa
    wie die das Rauchverbot verkündenden Zetteln in den Wertesälen der
    Eisenbahnen, — auf dem zu lesen ist, entweder:

    Man bittet, die Augen zuzudrücken.
                                          oder
    Man bittet, ein Auge zuzudrücken,

    was ich in folgender Form darzustellen gewohnt bin:

                     die        
    Man bittet,       Auge(n) zuzudrücken.
                     ein

    Jede der beiden Fassungen hat ihren besonderen Sinn und führt
    in der Traumdeutung auf besondere Wege. Ich hatte das Zeremoniell
    möglichst einfach gewählt, weil ich wußte, wie der Verstorbene über
    solche Veranstaltungen gedacht hatte. Andere Familienmitglieder waren
    aber mit solch puritanischer Einfachheit nicht einverstanden; sie
    meinten, man werde sich vor den Trauergästen schämen müssen.
    Daher bittet der eine Wortlaut des Traumes, „ein Auge zuzudrücken“,
    d. h. Nachsicht zu üben. Die Bedeutung der Verschwommenheit, die
    wir mit einem Entweder — Oder beschrieben, ist hier besonders leicht
    zu erfassen. Es ist der Traumarbeit nicht gelungen, einen einheitlichen,
    aber dann zweideutigen Wortlaut für die Traumgedanken herzustellen.
    So sondern sich die beiden Hauptgedankenzüge schon im Trauminhalt
    voneinander.

    In einigen Fällen drückt die Zweiteilung des Traumes in zwei
    gleich große Stücke die schwer darstellbare Alternative aus.

  • S.

    251

    Höchst auffällig ist das Verhalten des Traumes gegen die Kategorie
    von Gegensatz und Widerspruch. Dieser wird schlechtweg ver-
    nachlässigt, das „Nein“ scheint für den Traum nicht zu existieren.
    Gegensätze werden mit besonderer Vorliebe zu einer Einheit zusammen-
    gezogen oder in einem dargestellt. Der Traum nimmt sich ja auch
    die Freiheit, ein beliebiges Element durch seinen Wunschgegensatz
    darzustellen, so daß man zunächst von keinem eines Gegenteils fähigen
    Elemente weiß, ob es in den Traumgedanken positiv oder negativ
    enthalten ist.*) In dem einen der letzterwähnten Träume, dessen Vor-
    dersatz wir bereits gedeutet haben („weil ich von solcher Abkunft
    bin“), steigt die Träumerin über ein Geländer herab und hält dabei
    einen blühenden Zweig in den Händen. Da ihr zu diesem Bilde einfällt,
    wie der Engel einen Lilienstengel auf den Bildern von Marie. Ver-
    kündigung (sie heißt selbst Maria) in der Hand trägt, und wie die weiß-
    gekleideten Mädchen bei der Fronleichnamsprozession gehen, während
    die Straßen mit grünen Zweigen geschmückt sind, so ist der blühende
    Zweig im Traume ganz gewiß eine Anspielung auf sexuelle Unschuld.
    Der Zweig ist aber dicht mit roten Blüten besetzt, von denen jede
    einzelne einer Kamelie gleicht. Am Ende ihres Weges heißt es im
    Traume weiter, sind die Blüten schon ziemlich abgefallen; dann folgen
    unverkennbare Anspielungen auf die Periode. Somit ist der nämliche
    Zweig, der getragen wird wie eine Lilie und wie von einem unschul-
    digen Mädchen, gleichzeitig eine Anspielung auf die Kameliendame,
    die, wie bekannt, stets eine weiße Kamelie trug zur Zeit der Periode
    aber eine rote. Der nämliche Blütenzweig („des Mädchens Blüten“
    in den Liedern von der Müllerin bei Goethe) stellt die sexuelle Un-
    schuld dar und auch ihr Gegenteil. Der nämliche Traum auch, welcher
    die Freude ausdrückt, daß es ihr gelungen, unbefleckt durchs Leben
    zu gehen, läßt an einigen Stellen (wie an der vom Abfallen der Blüten)
    den gegensätzlichen Gedankengänge durchschimmern, daß sie sich ver-
    schiedene Sünden gegen die sexuelle Reinheit habe zu Schulden kommen
    lassen (in der Kindheit nämlich). Wir könnten bei der Analyse des
    Traumes deutlich die beiden Gedankengänge unterscheiden, von denen
    der tröstliche oberflächlich, der vorwurfsvolle tiefer gelagert scheint,
    die einander schnurstracks zuwiderlaufen, und deren gleiche aber
    gegenteilige Elemente durch die nämlichen Traumelemente Darstellung
    gefunden haben.

    *) [Aus einer Arbeit von K. Abel, Der Gegensinn der Unworte, 1884 (S. mein
    Rekrut im Bleuler-Freud'schen Jahrbuch II. 1910] erfuhr ich die überraschende,
    auch von anderen Sprachforschern bestätigte Tatsache, daß die ältesten Sprachen
    sich in diesem Punkte ganz ähnlich benehmen wie der Traum. Sie haben anfänglich
    nur ein Wort für die beiden Gegensätze an den Enden einer Qualitäten- oder Tätig-
    keitsreihe (starkschwach, altjung‚ fernnah, binden-trennen) und bilden gesonderte
    Bezeichnungen für die beiden Gegensätze erst sekundär durch leichte Modifikationen
    des gemeinsames Urwortes. Abel weist diese Verhältnisse im großen Ausmaße im
    Altägyptisches nach, zeigt aber deutliche Reste derselben Entwicklung auch in den
    semitischen und indogermanischen Sprachen auf].

  • S.

    252

    Einer einzigen unter den logischen Relationen kommt der Mecha-
    nismus der Traumbildung im höchsten Ausmaße zu gute. Es ist dies
    die Relation der Ähnlichkeit, Übereinstimmung, Berührung, das
    „Gleichwie“, die im Traume wie keine andere mit mannigfachen
    Mitteln dargestellt werden kann  Die im Traumaterial vorhandenen
    Deckungen oder Fälle von „Gleichwie“ sind ja die ersten Stützpunkte
    der Traumbildung, und ein nicht unbeträchtliches Stück der Traum-
    arbeit besteht darin, neue solche Deckungen zu schaffen, wenn die
    vorhandenen der Widerstandszensur wegen nicht in den Traum ge-
    langen können. Das Verdichtungsbestreben der Traumarbeit kommt
    der Darstellung der Ähnlichkeitsrelation zu Hilfe.

    Ähnlichkeit, Übereinstimmung, Gemeinsamkeit wird
    vom Traume ganz allgemein dargestellt durch Zusammenziehung zu
    einer Einheit, welche entweder im Traummaterial bereits vorgefunden
    oder neu gebildet wird. Den ersten Fall kann man als Identifizie-
    rung, den zweiten als Mischbildung benennen. Die Identifizierung
    kommt zur Anwendung, wo es sich um Personen handelt; die Misch-
    bildung, wo Dinge das Material der Vereinigung sind, doch werden
    Mischbildungen auch von Personen hergestellt. Örtlichkeiten werden
    oft wie Personen behandelt.

    Die Identifizierung besteht darin, daß nur eine der durch ein
    Gemeinsames verknüpfen Personen im Trauminhalt zur Darstellung
    gelangt, während die zweite oder die anderen Personen für den Traum
    unterdrückt scheinen. Diese eine deckende Person geht aber im
    Traume in alle die Beziehungen und Situationen ein, welche sich von
    ihr oder von den gedeckten Personen ableiten. Bei der Mischbildung,
    die sich auf Personen erstreckt, sind bereits im Traumbild Züge, die
    den Personen eigentümlich, aber nicht gemeinsam sind, vorhanden,
    so daß durch die Vereinigung dieser Züge eine neue Einheit, eine
    Mischperson, bestimmt erscheint. Die Mischung selbst kann auf ver-
    schiedenen Wegen zu stande gebracht werden. Entweder die Traum-
    person hat von der einen ihrer Beziehungspersonen den Namen —
    wir wissen dann in einer Art, die dem Wissen im Wachen ganz analog
    ist, daß diese oder jene Person gemeint ist —, während die visuellen
    Züge der anderen Person angehören; oder das Traumbild selbst ist
    aus visuellen Zügen, die sich in Wirklichkeit auf beide verteilen,
    zusammengesetzt. Anstatt durch visuelle Züge kann der Anteil der
    zweiten Person auch vertreten werden durch die Gebärden, die man
    ihr zuschreibt, die Worte, die man sie sprechen läßt, oder die Situation,
    in welche man sie versetzt. Bei der letzteren Art der Kennzeichnung
    beginnt der scharfe Unterschied zwischen Identifizierung und Misch-
    personbildung sich zu verflüchtigen. [Es kann aber auch vorkommen,
    daß die Bildung einer solchen Mischperson mißlingt. Dann wird die
    Szene des Traumes der einen Person zugeschrieben und die andere
    — in der Regel wichtigere — tritt als sonst unbeteiligte Anwesende
    daneben hin. Der Träumer erzählt etwa: Meine Mutter war auch
    dabei (Stekel)].

  • S.

    253

    Das Gemeinsame, welches die Vereinigung der beiden Personen
    rechtfertigt, d. h. veranlaßt, kann im Traume dargestellt sein oder
    fehlen. In der Regel dient die Identifizierung oder Mischpersonbildung
    eben dazu, die Darstellung dieses Gemeinsamen zu ersparen. Anstatt
    zu wiederholen: A ist mir feindlieh gesinnt, B. aber auch, bilde ich
    im Träume eine Mischperson aus A und B, oder stelle mir A vor in
    einer andersartigen Aktion, welche sonst B charakterisiert. Die so ge-
    wonnene Traumperson tritt mir im Traum in irgend welcher neuen
    Verknüpfung entgegen, und aus dem Umstand, daß sie sowohl A als
    auch B bedeutet, schöpfe ich dann die Berechtigung, in die betreffende
    Stelle der Traumdeutung einzusetzen, was den beiden gemeinsam ist,
    nämlich das feindselige Verhältnis zu mir. Auf solche Weise erziele
    ich oft eine ganz außerordentliche Verdichtung für den Trauminhalt;
    ich kann mir die direkte Darstellung sehr komplizierter Verhältnisse,
    die mit einer Person zusammenhängen, ersparen, wenn ich zu dieser
    Person eine andere gefunden habe, die auf einen Teil dieser Beziehungen
    den gleichen Anspruch hat. Es ist leicht zu verstehen, inwiefern diese
    Darstellung durch Identifizierung auch dazu dienen kann, die Wider-
    standszensur zu umgehen, welche die Traumarbeit unter so harte Be-
    dingungen setzt. Der Anstoß für die Zensur mag gerade in jenen
    Vorstellungen liegen, welche im Material mit der einen Person ver-
    knüpft sind; ich finde nun eine zweite Person, welche gleichfalls Be-
    ziehungen zu dem beanständeten Material hat, aber nur zu einem Teile
    desselben. Die Berührung in jenem nicht zensurfreien Punkte gibt mir
    jetzt das Recht, eine Mischperson zu bilden, die nach beiden Seiten
    hin durch indifferente Züge charakterisiert ist. Diese Misch- und
    Identifizierungsperson ist nun als zensurfrei zur Aufnahme in den
    Trauminhalt geeignet, und ich habe durch Anwendung der Traum-
    verdichtung den Anforderungen der Traumzensur genügt.

    Wo im Traume auch ein Gemeinsames der beiden Personen dar-
    gestellt ist, da ist dies gewöhnlich ein Wink, nach einem anderen
    verhüllten Gemeinsamen zu suchen, dessen Darstellung durch die Zensur
    unmöglich gemacht wird. Es hat hier gewissermaßen zu Gunsten der
    Darstellbarkeit eine Verschiebung in Betreff des Gemeinsamen statt-
    gefunden. Daraus, daß mir die Mischperson mit einem indifferenten
    Gemeinsamen im Traume gezeigt wird, soll ich ein anderes keineswegs
    indifferentes Gemeinsame in den Traumgedanken erschließen.

    Die Identifizierung oder Mischpersonbildung dient demnach im
    Traume verschiedenen Zwecken, erstens der Darstellung eines beiden
    Personen Gemeinsamen, zweitens der Darstellung einer verschobenen
    Gemeinsamkeit, drittens aber noch, um eine bloß gewünschte
    Gemeinsamkeit zum Ausdrucke zu bringen. Da das Herbeiwünschen
    einer Gemeinsamkeit zwischen zwei Personen häufig mit einem Ver-
    tauschen derselben zusammenfällt‚ so ist auch diese Relation im
    Traume durch Identifizierung ausgedrückt. Ich wünsche im Traume
    von Irmas Injektion diese Patientin mit einer anderen zu vertauschen,

  • S.

    254

    wünsche also, daß die andere meine Patientin sein möge, wie es die
    eine ist; der Traum trägt diesem Wunsche Rechnung, indem er
    mir eine Person zeigt, die Irma heißt, die aber in einer Position
    untersucht wird, wie ich sie nur bei der anderen zu sehen Gelegenheit
    hatte. Im Onkeltraume ist diese Vertauschung zum Mittelpunkte des
    Traumes gemacht; ich identifiziere mich mit dem Minister, indem ich
    meine Kollegen nicht besser als er behandle und beurteile.

    Es ist eine Erfahrung, von der ich keine Ausnahme gefunden
    habe, daß jeder Traum die eigene Person behandelt. Träume sind
    absolut egoistisch. Wo im Trauminhalt nicht mein Ich, sondern nur
    eine fremde Person vorkommt, da darf ich ruhig annehmen, daß mein
    Ich durch Identifizierung hinter jener Person versteckt ist. Ich darf
    mein Ich ergänzen. Andere Male, wo mein Ich im Traume erscheint,
    lehrt mich die Situation, in der es sich befindet, daß hinter dem Ich
    eine andere Person durch Identifizierung sich verbirgt. Der Traum
    soll mich dann mahnen, in der Traumdeutung etwas, was dieser Person
    anhängt, das verhüllte Gemeinsame, auf mich zu übertragen. Es gibt
    auch Träume, in denen mein Ich nebst anderen Personen vorkommt,
    die sich durch Lösung der Identifizierung wiederum als mein Ich ent-
    hüllen. Ich soll dann mit meinem Ich vermittels dieser Identifizierungen
    gewisse Vorstellungen vereinigen, gegen deren Aufnahme sich die
    Zensur erhoben hat. Ich kann also mein Ich in einem Traume mehr-
    fach darstellen, das einemal direkt, das anderemal vermittels der
    Identifizierung mit fremden Personen. Mit mehreren solchen Identifi-
    zierungen läßt sich ein ungemein reiches Gedankenmaterial ver-
    dichten.*)

    Durchsichtiger noch als bei Personen gestaltet sich die Auf-
    lösung der Identifizierungen bei mit Eigennamen bezeichneten Örtlich-
    keiten, da hier die Störung durch das im Traume übermächtige Ich
    entfällt. In einem meiner Romträume (Seite 142) heißt der Ort, an
    dem ich mich befinde, Rom; ich erstaune aber über die Menge von
    deutschen Plakaten an einer Straßenecke. Letzteres ist eine Wunsch-
    erfüllung, zu der mir sofort Prag einfällt; der Wunsch selbst mag
    aus einer heute überwundenen deutschnationalen Periode der Jugend-
    zeit stammen. Um die Zeit, da ich träumte, war in Prag ein Zu-
    sammentreffen mit einem Freunde in Aussicht genommen; die Identi-
    fizierung von Rom und Prag erklärt sich also durch eine gewünschte
    Gemeinsamkeit; ich möchte meinen Freund lieber in Rom treffen als
    in Prag, für diese Zusammenkunft Prag und Rom vertauschen.

    Die Möglichkeit, Mischbildungen zu schaffen, steht obenan unter
    den Zügen, welche den Träumen so oft ein phantastisches Gepräge
    verleihen, indem durch sie Elemente in den Trauminhalt eingeführt

    *) Wenn ich Im Zweifel bin, hinter welcher der im Traume auftretenden Per-
    sonen ich mein Ich zu suchen habe, so halte ich mich an folgende Regel: Die
    Person, die im Traume einem Affekt unterliegt, den ich als Schlafender verspüre, die
    verbirgt mein Ich.

  • S.

    255

    werden, welche niemals Gegenstand der Wahrnehmung sein konnten.
    Der psychische Vorgang bei der Mischbildung im Traume ist offenbar
    der nämliche, wie wenn wir im Wachen einen Zentauren oder Drachen
    uns vorstellen oder nachbilden. Der Unterschied liegt nur darin, daß
    bei der phantastischen Schöpfung im Wachen der beabsichtigte Ein-
    druck des Neugebildes selbst das Maßgebende ist, während die Misch-
    bildung des Traumes durch ein Moment, welches außerhalb ihrer Ge-
    staltung liegt, das Gemeinsame in den Traumgedanken, determiniert
    wird. Die Mischbildung des Traumes kann in sehr mannigfaltiger
    Weise ausgeführt werden. In der kunstlosesten Ausführung werden
    nur die Eigenschaften des einen Dinges dargestellt, und diese Dar-
    stellung ist von einem Wissen begleitet, daß sie auch für ein anderes
    Objekt gelte. Eine sorgfältigere Technik vereinigt Züge des einen
    wie des anderen Objektes zu einem neuen Bilde und bedient sich
    dabei geschickt der etwa in der Realität gegebenen Ähnlichkeiten
    zwischen beiden Objekten. Das Neugebildete kann gänzlich absurd
    ausfallen oder selbst als phantastisch gelungen erscheinen, je nachdem
    Material und Witz bei der Zusammensetzung es ermöglichen. Sind
    die Objekte, welche zu einer Einheit verdichtet werden sollen, gar zu
    disparat, so begnügt sich die Traumarbeit oft damit‚ ein Mischgebilde mit
    einem deutlicheren Kerne zu schaffen, an den sich undeutlichere Be-
    stimmungen anfügen. Die Vereinigung zu einem Bilde ist hier gleichsam
    nicht gelungen; die beiden Darstellungen überdecken einander und
    erzeugen etwas wie einen Wettstreit der visuellen Bilder. Wenn man
    sich die Bildung eines Begriffes aus individuellen Wahrnehmungs-
    bildern verführen wollte, könnte man zu ähnlichen Darstellungen in
    einer Zeichnung gelangen.

    Es wimmelt natürlich in den Träumen von solchen Mischgebilden;
    einige Beispiele habe ich in den bisher analysierten Träumen bereits
    mitgeteilt; ich werde nun weitere hinzufügen. In dem Traume auf
    Seite 251, welcher den Lebenslauf der Patientin „durch die Blume"
    oder „verblümt“ beschreibt, trägt das Traum-Ich einen blühenden
    Zweig in der Hand, der wie wir erfahren haben, gleichzeitig Unschuld
    und sexuelle Sündigkeit bedeutet. Der Zweig erinnert durch die Art,
    wie die Blüten stehen, außerdem an Kirschblüten; die Blüten selbst,
    einzeln genommen, sind Kamelien, wobei dazu das ganze noch
    den Eindruck eines exotischen Gewächses macht. Das Gemeinsame
    an den Elementen dieses Mischgebildes ergibt sich aus den Traum-
    gedanken. Der blühende Zweig ist aus Anspielungen an Geschenke
    zusammengesetzt, durch welche sie bewogen wurde oder werden sollte,
    sich gefällig zu erweisen. So in der Kindheit die Kirschen, in späteren
    Jahren ein Kamelienstock; das Exotische ist eine Anspielung auf einen
    vielgereisten Naturforscher, welcher mit einer Blumenzeichnung um
    ihre Gunst werben wollte. Eine andere Patientin schafft sich im
    Traume ein Mittelding aus Badekabinen im Seebade, ländlichen
    Aborthäuschen und den Bodenkammern unserer städtischen

  • S.

    256

    Wohnhäuser. Den beiden ersten Elementen ist die Beziehung auf
    menschliche Nacktheit und Entblößung gemeinsam; es läßt sie aus
    der Zusammensetzung mit dem dritten Element schließen, daß (in
    ihrer Kindheit) auch die Bodenkammer der Schauplatz von Entblößung
    war. [Ein Träumer schafft sich eine Mischlokalität aus zwei Örtlich-
    keiten, in denen „Kur“ gemacht wird, aus meinem Ordinationszimmer
    und dem öffentlichen Lokal, in dem er zuerst seine Frau kennen
    gelernt hat]. Ein Mädchen träumt, nachdem der ältere Bruder ver-
    sprochen hat, sie mit Kaviar zu regalieren, von diesem Bruder, daß
    dessen Beine von den schwarzen Kaviarperlen übersät sind.
    Die Elemente „Ansteckung“ im moralischen Sinne und die Er-
    innerung an einen Ausschlag der Kindheit, der die Beine mit
    roten, anstatt mit schwarzen Pünktchen übersät erscheinen ließ,
    haben sich hier mit den Kaviarperlen zu einem neuen Begriff
    vereinigt, dessen, „was sie von ihrem Bruder bekommen
    hat
    “. Teile des menschlichen Körpers werden in diesem Traume
    behandelt wie Objekte, wie auch in sonstigen Träumen. [In einem
    von Ferenczi87) mitgeteilten Traume kam ein Mischgebilde vor,
    das aus der Person eines Arztes und aus einem Pferde zusammen-
    gesetzt war und überdies ein Nachthemd anhatte. Das Gemein-
    same dieser drei Bestandteile ergab sich aus der Analyse, nachdem
    das Nachthemd als Anspielung auf den Vater der Träumerin in einer
    Kindheitsszene erkannt war. Es handelte sich in allen drei Fällen
    um Objekte ihrer geschlechtlichen Neugierde. Sie war als Kind
    von ihrer Kindsfrau öfters in das militärische Gestüt mitgenommen
    werden, wo sie Gelegenheit hatte, ihre — damals noch ungehemmte
    — Neugierde ausgiebig zu befriedigen.]

    Ich habe vorhin behauptet, daß der Traum kein Mittel hat, die
    Relation des Widerspruches, Gegensatzes, das „Nein“ auszudrücken.
    Ich gehe daran, dieser Behauptung zum erstenmal zu widersprechen.
    Ein Teil der Falle die sich als „Gegensatz“ zusammenfassen lassen,
    findet seine Darstellung einfach durch Identifizierung, wie wir gesehen
    haben, wenn nämlich mit der Gegenüberstellung ein Vertauschen, an
    die Stelle setzen, verbunden werden kann. Davon haben wir wiederholt
    Beispiele erwähnt. Ein anderer Teil der Gegensätze in den Traum-
    gedanken, der etwa unter die Kategorie „Umgekehrt, im Gegen-
    teil“ fällt, gelangt zu seiner Darstellung im Traume auf folgende
    merkwürdige, beinahe witzig zu nennende Weise. Das „Umgekehrt“
    gelangt nicht für sich in den Trauminhalt, sondern äußert seine An-
    wesenheit im Material dadurch, daß ein aus sonstigen Gründen nahe
    liegendes Stück des schon gebildeten Trauminhalts — gleichsam nach-
    träglich — umgekehrt wird. Der Vorgang ist leichter zu illustrieren
    als zu beschreiben. Im schönen Traume von „Auf und Nieder“
    (Seite 228), ist die Traumdarstellung des Steigens umgekehrt wie das
    Vorbild in den Traumgedanken, nämlich die Introduktionsszene der
    Sappho Daudets; es geht im Traume anfangs schwer, später leicht,

  • S.

    257

    während in der Szene das Steigen anfangs leicht, später immer schwerer
    wird. Auch das „Oben“ und „Unten“ in bezug auf den Bruder ist
    verkehrt im Traume dargestellt. Dies deutet auf eine Relation von
    Umkekrung oder Gegensatz, die zwischen zwei Stücken des Materials
    in den Traumgedanken besteht, und die wir darin gefunden haben,
    daß in der Kindheitsphantasie des Träumers er von seiner Amme ge-
    tragen wird, umgekehrt wie im Roman der Held die Geliebte trägt.
    Auch mein Traum von Goethes Angriff gegen Herrn M. (Seite 292)
    enthält ein solches „Umgekehrt“, das erst redressiert werden muß,
    ehe man auf die Deutung des Traumes gelangen kann. Im Traume
    hat Goethe einen jungen Mann Herrn M. angegriffen; in der Realität,
    wie sie die Traumgedanken enthalten, ist ein bedeutender Mann, mein
    Freund, von einem unbekannten jungen Autor angegriffen worden.
    Im Traume rechne ich vom Sterbedatum Goethes an; in der Wirk-
    lichkeit ging die Rechnung vom Geburtsjahre des Paralytikers aus.
    Der Gedanke, der in dem Traummaterial maßgebend ist, ergibt sich
    als der Widerspruch dagegen, daß Goethe behandelt werden soll,
    als sei er ein Verrückter. Umgekehrt, sagt der Traum, wenn du das
    Buch nicht verstehst, bist du der Schwachsinnige, nicht der Autor.
    In all diesen Träumen von Umkehrung scheint mir überdies eine
    Beziehung auf die verächtliche Wendung („einem die Kehrseite
    zeigen“) enthalten zu sein (die Umkehrung in bezug auf den Bruder
    im Sapphotraum). [Es ist ferner bemerkenswert, wie häufig die Um-
    kehrung gerade in Träumen benötigt wird, die von verdrängten homo-
    sexuellen Regungen eingegeben werden.]

    [Die Umkehrung, Verwandlung ins Gegenteil, ist übrigens eines
    der beliebtesten, der vielseitigsten Verwendung fähigen Darstellungs-
    mittel der Traumarbeit. Sie dient zunächst dazu, der Wunscherfüllung
    gegen ein bestimmtes Element der Traumgedanken Geltung zu ver-
    schaffen. Wäre es doch umgekehrt gewesen! ist oftmals der beste
    Ausdruck für die Relation des Ich gegen ein peinliches Stück Er-
    innerung. Ganz besonders wertvoll wird die Umkehrung aber im
    Dienste der Zensur, indem sie ein Maß von Entstehung des Darzu-
    stellenden zu stande bringt, welches das Verständnis des Traumes zu-
    nächst geradezu lähmt. Man darf darum, wenn ein Traum seinen
    Sinn hartnäckig verweigert, jedesmal den Versuch der Umkehrung
    mit bestimmten Stücken seines manifesten Inhalts wagen, worauf nicht
    selten alles sofort klar wird.

    Neben der inhaltlichen Umkehrung ist die zeitliche nicht zu
    übersehen. Eine häufige Technik der Traumentstellung besteht darin,
    den Ausgang der Begebenheit oder den Schluß des Gedankenganges zu
    Eingang des Traumes darzustellen und am Ende desselben die Voraus-
    setzungen des Schlusses oder die Ursachen des Geschehens nachzu-
    tragen. Wer nicht an dieses technische Mittel der Traumentstellung

  • S.

    258

    gedacht hat, steht dann der Aufgabe der Traumdeutung ratlos gegen-
    über.*)

    Ja in manchen Fällen erhält man den Sinn des Traumes erst,
    wenn man an dem Trauminhalt eine mehrfache Umkehrung, nach
    verschiedenen Relationen, vorgenommen hat. So z. B. verbirgt sich
    im Traume eines jungen Zwangsneurotikers die Erinnerung an den
    infantilen Todeswunsch gegen den gefürchteten Vater hinter folgendem
    Wortlaut: Sein Vater schimpft mit ihm, weil er so spät
    nach Hause kommt
    . Allein der Zusammenhang der psychoana-
    lytischen Kur und die Einfälle des Träumers beweisen, daß es zu-
    nächst lauten muß: Er ist böse auf den Vater und sodann, daß
    ihm der Vater auf alle Fälle zu früh (d. h. zu bald) nach Hause
    kam. Er hätte es vorgezogen‚ daß der Vater überhaupt nicht nach
    Hause gekommen wäre, was mit dem Todeswunsch gegen den Vater
    identisch ist (v. S. 187). Der Träumer hatte sich nämlich als kleiner
    Knabe während einer längeren Abwesenheit des Vaters eine sexuelle
    Aggression gegen eine andere Person zu Schulden kommen lassen
    und war mit der Drohung gestraft worden: Na wart', bis der Vater
    zurückkommt!]

    Will man die Beziehungen zwischen Trauminhalt und Traum-
    gedanken weiter verfolgen, so nimmt man jetzt am besten den Traum
    selbst zum Ausgangspunkte und stellt sich die Frage, was gewisse
    formale Charaktere er Traumdarstellung in bezug auf die Traum-
    gedanken bedeuten. Zu diesen formalen Charakteren, die uns im
    Traume auffallen müssen, gehören vor allem die Unterschiede in der
    sinnlichen Intensität der einzelnen Traumgebilde und in der Deutlich-
    keit einzelner Traumpartien oder ganzer Träume untereinander ver-
    glichen. Die Unterschiede in der Intensität der einzelnen Traumgebilde
    umfassen eine ganze Skala von einer Schärfe der Ausprägung, die
    man — wiewohl ohne Gewähr — geneigt ist, über die der Realität
    zu stellen, bis zu einer ärgerlichen Verschwommenheit, die man als
    charakteristisch für den Traum erklärt, weil sie eigentlich mit keinem
    der Grade der Undeutlichkeit, die wir gelegentlich an den Objekten
    der Realität wahrnehmen, vollkommen zu vergleichen ist. Gewöhnlich
    bezeichnen wir überdies den Eindruck, den wir von einem undeut-

    *) [Derselben Technik der zeitlichen Umkehrung bedient sich manchmal der
    hysterische Anfall. um seinen Sinn dem Zuschauer zu verbergen. Ein hysterisches
    Mädchen hat z. B. in einem Anfalle einen kleinen Roman darzustellen, den sie sich
    im Anschluß an eine Begegnung in der Stadtbahn im Unbewußten phantasiert hat.
    Wie der Beteffende, durch die Schönheit ihres Fußes angezogen, sie, während sie
    liest, anspricht‚ wie sie dann mit ihm geht und eine stürmische Liebesszene erlebt.
    Ihr Anfall lehrt mit der Darstellung dieser Liebesszene durch die Körperzuckungen
    ein [dabei Lippenbewegungen fürs Küssen, Verschränkung der Arme für die Um-
    armung], darauf eilt sie ins andere Zimmer, setzt sich auf einen Stuhl, hebt das
    Kleid. um den Fuß zu zeigen, tut, als ob sie in einem Buche lesen würde, und spricht
    mich an (gibt mir Antwort)]

  • S.

    259

    lichen Traumobjekt empfangen, als „flüchtig“, während wir von den
    deutlicheren Traumbildern meinen, daß sie auch durch längere Zeit
    der Wahrnehmung stand gehalten haben. Es fragt sich nun, durch
    welche Bedingungen im Traummaterial diese Unterschiede in der Leb-
    haftigkeit der einzelnen Stücke des Trauminhaltes hervorgerufen werden.

    Man hat hier zunächst gewissen Erwartungen entgegenzutreten,
    die sich wie unvermeidlich einstellen. Da zu dem Material des Traumes
    auch wirkliche Sensationen während des Schlafes gehören können,
    wird man wahrscheinlich voraussetzen, daß diese oder die von ihnen
    abgeleiteten Traumelemente im Trauminhalt durch besondere Intensität
    hervorstechen, oder umgekehrt, daß, was im Traume ganz besonders
    lebhaft ausfällt auf solche reale Schlafsensationen zurückführbar sein
    wird. Meine Erfahrung hat dies aber niemals bestätigt. Es ist nicht
    richtig, daß die Elemente des Traumes, welche Abkömmlinge von
    realen Eindrücken während des Schlafes (Nervenreizen) sind, sich vor
    den anderen, die aus Erinnerungen stammen, durch Lebhaftigkeit aus-
    zeichnen. Das Moment der Realität geht für die Intensitätsbestimmung
    der Traumbilder verloren.

    Ferner könnte man an der Erwartung festhalten, daß die sinn-
    liche Intensität (Lebhaftigkeit) der einzelnen Traumbilder eine Bezie-
    hung habe zur psychischen Intensität der ihnen entsprechenden Ele-
    mente in den Traumgedanken. In den letzteren fällt Intensität mit
    psychischer Wertigkeit zusammen; die intensivsten Elemente sind keine
    anderen als die bedeutsamsten, welche den Mittelpunkt der Traum-
    gedanken bilden. Nun wissen wir zwar, daß gerade diese Elemente
    der Zensur wegen meist keine Aufnahme in den Trauminhalt finden.
    Aber es könnte doch sein, daß ihre sie vertretenden nächsten Abkömm-
    linge im Traume einen höheren Intensitätsgrad aufbringen, ohne daß
    sie darum das Zentrum der Traumdarstellung bilden müßten. Auch
    diese Erwartung wird indes durch die vergleichende Betrachtung von
    Traum und Traummaterial zerstört. Die Intensität der Elemente hier
    hat mit der Intensität der Elemente dort nichts zu schaffen; es findet
    zwischen Traummaterial und Traum tatsächlich eine völlige „Um-
    wertung aller psychischen Werte“ statt. Gerade in einem
    flüchtig hingehauchten, durch kräftigen Bilder verdeckten Element
    des Traumes kann man oft einzig und allein einen direkten Abkömmling
    dessen entdecken, was in den Traumgedanken übermäßig dominierte.

    Die Intenstät der Elemente des Traumes zeigt sich anders deter-
    miniert, und zwar durch zwei voneinander unabhängige Momente.
    Zunächst ist es leicht zu sehen, daß jene Elemente besonders intensiv
    dargestellt sind, durch welche die Wunscherfüllung sich ausdrückt.
    Dann aber lehrt die Analyse, daß von den lebhaftesten Elementen des
    Traumes auch die meisten Gedankengänge ausgehen, daß die lebhaftesten
    gleichzeitig die bestdeterminierten sin . Es ist keine Änderung des
    Sinnes, wenn wir den letzten empirisch genommenen Satz in nach-
    stehender Form aussprechen: Die größte Intensität zeigen jene Ele-

  • S.

    260

    mente des Traumes, für deren Bildung die ausgiebigste Verdich-
    tungsarbeit in Anspruch genommen wurde. Wir dürfen dann
    erwarten, daß diese Bedingung und die andere der Wunscherfüllung
    auch in einer einzigen Formel ausgedrückt werden können.

    Das Problem, das ich jetzt behandelt habe, die Ursachen der
    größeren oder geringeren Intensität oder Deutlichkeit der einzelnen
    Traumelemente, möchte ich vor Verwechslung mit einem anderen
    Problem schützen, welches sich auf die verschiedene Deutlichkeit
    ganzer Träume oder Traumabschnitte bezieht. Dort ist der Gegen-
    satz von Deutlichkeit: Verschwommenheit, hier Verworrenheit. Es
    ist allerdings unverkennbar, daß in beiden Skalen die steigenden und
    fallenden Qualitäten einander im Vorkommen begleiten. Eine Partie
    des Traumes‚ die uns klar erscheint, enthalt zumeist intensive Ele-
    mente; ein unklarer Traum ist im Gegenteil aus wenig intensiven
    Elementen zusammengesetzt. Doch ist das Problem, welches die
    Skala vom anscheinend Klaren bis zum Undeutlich — Verworrenen
    bietet, weit komplizierter als das der Lebhaftigkeitsschwankungen der
    Traumelemente; ja ersteres entzieht sich uns später anzuführenden
    Gründen hier noch der Erörterung. in einzelnen Fällen merkt man
    nicht ohne Überraschung, daß der Eindruck von Klarheit oder Un-
    deutlichkeit, den man von einem Traume empfängt, überhaupt nichts
    für das Traumgefüge bedeutet, sondern aus dem Traummaterial als
    ein Bestandteil desselben herrührt. So erinnere ich mich an einen
    Traum, der mir nach dem Erwachen so besonders gut gefügt, lücken-
    los und klar erschien, daß ich noch in der Schlaftrunkenheit mir vor-
    setzte, eine neue Kategorie von Träumen zuzulassen, die nicht dem
    Mechanismus der Verdichtung und Verschiebung unterlegen waren,
    sondern als „Phantasien während des Schlafens“ bezeichnet werden
    durften. Nähere Prüfung ergab, daß dieser rare Traum dieselben
    Risse und Sprünge in seinem Gefüge zeigte wie jeder andere; ich
    ließ darum die Kategorie der Traumphantasien auch wieder fallen.
    Der reduzierte Inhalt des Traumes war aber, daß ich meinem Freunde
    eine schwierige und lange gesuchte Theorie der Bisexualität vortrug,
    und die wunscherfüllende Kraft des Traumes hatte es zu verantworten,
    daß uns diese Theorie (die übrigens im Traume nicht mitgeteilt wurde)
    klar und lückenlos erschien. Was ich also für ein Urteil über den
    fertigen Traum gehalten hatte, war ein Stück, und zwar das wesent-
    liche Stück des Trauminhalts. Die Traumarbeit griff hier gleichsam
    in das erste wache Denken über und übermittelte mir als Urteil
    über den Traum jenes Stück des Traummaterials, dessen genaue
    Darstellung im Traume ihr nicht gelungen war. Ein vollkommenes
    Gegenstück hiezu erlebte ich einmal bei einer Patientin, die einen
    in die Analyse gehörigen Traum zuerst überhaupt nicht erzählen
    wollte, „weil er so undeutlich und verworren sei“, und endlich
    unter wiederholten Protesten gegen die Sicherheit ihrer Darstellung
    angab, es seien im Traume mehrere Personen vorgekommen, sie, ihr

  • S.

    261

    Mann und ihr Vater, und als ob sie nicht gewußt hätte, ob ihr Mann
    ihr Vater sei, oder wer eigentlich ihr Vater sei, oder so ähnlich.
    Die Zusammenstellung diesen Traumes mit ihren Einfällen in der
    Sitzung ergab als unzweifelhaft, daß es sich um die ziemlich alltägliche
    Geschichte eines Dienstmädchens handle, welches bekennen mußte,
    daß sie ein Kind erwarte, und nun Zweifel zu hören bekomme, „wer
    eigentlich der Vater (des Kindes) sei.“ *) Die Unklarheit, die der
    Traum zeigte, war also auch hier ein Stück nur dem traumerregenden
    Material. Ein Stück dieses Inhalts war in der Form das Traumes
    dargestellt worden. [Die Form des Traumes oder des Träumens wird
    in ganz überraschender Häufigkeit zur Darstellung des verdeckten
    Inhalts verwendet.

    Glossen über den Traum, anscheinend harmlose Bemerkungen zu
    demselben dienen oft dazu, ein Stück del Geträumten in der raffiniertesten
    Weise zu verhüllen‚ während sie es doch eigentlich verraten. So z.B.
    wenn ein Träumer äußert : Hier ist der Traum verwischt, und die Ana-
    lyse eine infantile Reminiszenz an das Belauschen einer Person ergibt,
    die sich nach der Defäkation reinigt. Oder in einem anderen Falle, der
    ausführliche Mitteilung verdient. Ein junger Mann hat einen sehr deut-
    lichen Traum, der ihn an bewußt gebliebene Phantasien seiner Knaben-
    jahre mahnt: Er befinde sich abends in einem Sommerhotel‚ irrt sich
    in der Zimmernummer und kommt in einen Raum, in dem sich eine
    ältere Dame und ihre zwei Töchter entkleiden, um zu Bette zu gehen.
    Er setzt fort: Dann sind einige Lücken im Traum, da fehlt
    etwas
    ‚ und am Ende war ein Mann im Zimmer, der mich hinauswerfen
    wollte, mit dem ich ringen mußte. Er bemüht sich vergebens dem
    Inhalt und die Absicht jener knabenhaften Phantasie zu erinnern, auf
    die der Traum offenbar anspielt. Aber; man wird endlich aufmerksam,
    daß der gesuchte Inhalt durch die Äußerung über die undeutliche
    Stelle des Traumes bereits gegeben ist. Die „Lücken“ sind die
    Genitalöffnungen der zu Bette gehenden Frauen; „da fehlt etwas" be-
    schreibt den Hauptcharakter des weiblichen Genitales. Er brannte in
    jenen jungen Jahren vor Wißbegierde, ein weibliches Genitale zu
    sehen und war noch geneigt, an der infantilen Sexualtheorie, die dem
    Weibe ein männliches Glied zuschreibt, festzuhalten].

    Alle Träume derselben Nacht gehören ihrem Inhalt nach zu dem
    nämlichen Ganzen; ihre Sonderung in mehrere Stücke, deren Gruppie-
    rung und Anzahl, all das ist sinnreich und darf als ein Stück Mittei-
    lung aus den latenten Traumgedanken aufgefaßt werden. [Bei der
    Deutung von Träumen, die aus mehreren Hauptstücken bestehen, oder
    überhaupt solchen, die derselben Nacht angehören, darf man auch an
    die Möglichkeit nicht vergessen, daß diese verschiedenen und aufein-
    ander folgenden Träume dasselbe bedeuten, die nämlichen Regungen in
    verschiedenem Material zum Ausdruck bringen. Der zeitlich voran-

    *) Begleitende hysterische Symptome: Ausbleiben der Periode und große Ver-
    stimmung‚ das Hauptleiden diese: Kranken.

  • S.

    262

    gehende dieser homologen Träume ist dann häufig der entstelltere
    schüchterne, der nachfolgende ist dreister und deutlicher.

    Schon der biblische Traum des Pharao von den Ähren und von
    den Kühen, den Joseph deutete, war von dieser Art. Er findet
    sich bei Josephus (Jüdische Altertümer‚ Buch II, Kap. 5 und 6)
    ausführlicher als in der Bibel berichtet. Nachdem der König
    den ersten Traum erzählt hat sagt er: „Nach diesem ersten Traum-
    gesicht wachte ich beunruhigt auf und dachte nach, was dasselbe
    wohl bedeuten möge, schlief jedoch hierüber allmählich wieder ein und
    hatte nun einen noch viel seltsameren Traum, der mich noch mehr in
    Furcht und Verwirrung gesetzt hat.“ Nach Anhören der Traumer-
    zählung sagt Joseph: „Dein Traum, o König, ist dem Anschein nach
    wohl ein zweifacher, allein beide Gesichte haben nur eine Bedeutung“.

    Jung99), der in seinem „Beitrag zur Psychologie des Gerüchtes“
    erzählt, wie der versteckt erotische Traum eines Schulmädchens von
    ihren Freundinnen ohne Deutung verstanden und in Abänderungen
    weitergeführt wurde, bemerkt zu einer dieser Traumerzählungen „daß
    der Schlußgedanken einer langen Reihe von Traumbildern genau das
    enthält, was schon im ersten Bild der Serie darzustellen versucht
    worden war. Die Zensur schiebt den Komplex so lange wie möglich
    weg durch immer wieder erneute symbolische Verdeckungen, Ver-
    schiebungen, Wendungen ins Harmlose u. s. w.“ (I. c. p. 87).
    Scherner58) hat diese Eigentümlichkeit der Traumdarstellung gut
    gekannt und beschreibt sie im Anschluß an seine Lehre von den
    Organreizen als ein besonderes Gesetz (p. 166). „Endlich aber be-
    obachtet die Phantasie in allen von bestimmten Nervenreize ausgehen-
    den symbolischen Traumbildungen das gemeingiltige Gesetz, daß sie
    bei Beginn des Traumes nur in den fernsten und freiesten Andeutungen
    des Reizobjekts malt, am Schlusse aber, wo der malerische Erguß sich
    erschöpft hatte, den Reiz selbst resp. sein betreffendes Organ oder
    dessen Funktion in Nacktheit hinstellt, womit der Traum seinen orga-
    nischen Anlaß selbst bezeichnend, das Ende erreicht — — —.“

    Eine schöne Bestätigung dieses Scherner'schen Gesetzes hat
    Otto Rank106) in seiner Arbeit: „Ein Traum, der sich selbst deutet“
    geliefert. Der von ihm dort mitgeteilte Traum eines Mädchens setzte
    sich aus zwei auch zeitlich gesonderten Träumen einer Nacht zusammen,
    von denen der zweite mit einer Pollution abschloß. Dieser Pollutions-
    traum gestattete eine bis ins einzelne durchgeführte Deutung unter
    sehr weitgehenden Verzicht auf die Beiträge der Träumerin und die
    Fülle der Beziehungen zwischen den beiden Trauminhalten ermöglichte
    es zu erkennen, daß der erste Traum in schüchterner Darstellung
    dasselbe zum Ausdruck bringe wie der zweite, an daß dieser der
    Pollutionstraum, zur vollen Aufklärung des ersteren verholfen hatte.
    Rank erörtert von diesem Beispiele aus mit gutem Recht die Be-
    deutung der Pollutionsträume für die Theorie des Träumens über-
    haupt.]

  • S.

    263

    In solche Lage, Klarheit oder Verworrenheit des Traumes auf
    Sicherheit oder Zweifel im Traummaterial umdeuten zu können,
    kommt man aber nach meiner Erfahrung nicht in allen Fällen. Ich
    werde späterhin den bisher nicht erwähnten Faktor bei der Traum-
    bildung aufzudecken haben, von dessen Einwirkung diese Qualitäten-
    skala des Traumes wesentlich abhängt.

    In manchen Träumen, die ein Stück weit eine gewisse Situation
    und Szenerie festhalten, kommen Unterbrechungen vor, die mit fol-
    genden Worten beschrieben werden: „Es ist dann aber, als wäre es
    gleichzeitig ein anderer Ort und dort ereignete sich dies und jenes.“
    Was in solcher Weise die Haupthandlung des Traumes unterbricht,
    die nach einer Weile wieder fortgesetzt werden kann, das stellt sich im Traum-
    material als ein Nebensatz, als ein eingeschobener Gedanke heraus.
    Die Kondition in den Traumgedanken wird im Traume durch Gleich-
    zeitigkeit dargestellt (wenn — wann).

    Was bedeutet die so häufig im Traume erscheinende Sensation
    der gehemmten Bewegung, die so nahe an Angst streift? Man will
    gehen und kommt nicht von der Stelle, will etwas herrichten und
    stößt fortwährend auf Hindernisse. Der Eisenbahnzug will sich in
    Bewegung setzen und man kann ihn nicht erreichen; man hebt die
    Hand, um eine Beleidigung zu rächen, und sie versagt u. s. w.
    Wir sind dieser Sensation im Traume schon bei den Exhibitions-
    träumen begegnet, haben ihre Deutung aber noch nicht ernstlich ver-
    sucht. Es ist bequem aber unzureichend, zu antworten, im Schlafe
    bestehe motorische Lähmung, die sich durch die erwähnte Sensation
    bemerkbar macht. Wir dürfen fragen: Warum träumt man dann
    nicht beständig von solchen gehemmten Bewegungen? und wir dürfen
    erwarten, daß diese im Schlafe jederzeit hervorzurufende Sensation
    irgend welchen Zwecken der Darstellung diene und nur durch das
    im Traummaterial gegebene Bedürfnis nach dieser Darstellung erweckt
    werde.

    Das Nichtzustandebringen tritt im Traume nicht immer als
    Sensation, sondern auch einfach als Stück des Trauminhalts auf. Ich
    halte einen solchen Fall für besonders geeignet, uns über die Bedeu-
    tung dieses Traumrequisits aufzuklären. Ich werde verkürzt einen
    Traum mitteilen, in dem ich der Unredlichkeit beschuldigt erscheine.
    Die Örtlichkeit ist ein Gemenge aus einer Privatheil-
    anstalt und mehreren anderen Lokalen. Ein Diener er-
    scheint, um mich zu einer Untersuchung zu rufen. Im
    Traume weiß ich, daß etwas vermißt wird, und daß die
    Untersuchung wegen des Verdachtes erfolgt, daß ich
    mir das Verlorene angeeignet. Die Analyse zeigt, daß
    Untersuchung zweideutig zu nehmen ist und ärztliche
    Untersuchung mit einschließt. Im Bewußtsein meiner
    Unschuld und meiner Konsiliarfunktion in diesem
    Hause gehe ich ruhig mit dem Diener. An einer Tür emp-

  • S.

    264
    fängt uns ein anderer Diener und sagt, auf mich deu-
    tend: Den haben Sie mir mitgebracht, der ist ja ein
    anständiger Mensch. Ich gehe dann ohne Diener in
    einen großen Saal, in dem Maschinen stehen, der mich
    an ein Inferno mit seinen höllischen Strafaufgaben er-
    innert. An einem Apparat sehe ich einen Kollegen
    eingespannt, der allen Grund hätte, sich um mich zu
    bekümmern; er beachtet mich aber nicht. Es heißt
    dann, daß ich jetzt gehen kann. Da finde ich meinen
    Hut nicht und kann doch nicht gehen.

    Es ist offenbar die Wunscherfüllung des Traumes, daß ich als
    ehrlicher Mann anerkannt werde und gehen darf; in den Traum-
    gedanken muß also allerlei Material vorhanden sein, welches den
    Widerspruch dagegen enthält. Daß ich gehen darf, ist das Zeichen
    meiner Absolution; wenn also der Traum am Ende ein Ereignis
    bringt, das mich im Gehen aufhält, so liegt es wohl nahe zu
    schließen, daß durch diesen Zug das unterdrückte Material des Wider-
    spruchs sich zur Geltung bringt. Daß ich den Hut nicht finde, be-
    deutet also: Du bist doch kein ehrlicher Mensch. Das Nichtzustande-
    bringen des Traumes ist ein Ausdruck des Widerspruches,
    ein „Nein“, wonach also die frühere Behauptung zu korrigieren ist,
    daß der Traum das Nein nicht auszudrücken vermag.*)

    In anderen Träumen, welche das Nichtzustandekommen der Bewe-
    gung nicht bloß als Situation, sondern als Sensation enthalten, ist derselbe
    Widerspruch durch die Sensation der Bewegungshemmung kräftiger aus-
    gedrückt als ein Wille, dem ein Gegenwille sich widersetzt. Die
    Sensation der Bewegungshemmung stellt also einen Willens-
    konflikt dar. Wir werden später hören, daß gerade die motorische
    Lähmung im Schlafe zu den fundamentalen Bedingungen des psychi-
    schen Vorganges während des Träumens gehört. Der auf die motorischen
    Bahnen übertragene Impuls ist nun nichts anderes als der Wille,
    und daß wir sicher sind, im Schlafe diesen Impuls als gehemmt
    zu empfinden, macht den ganzen Vorgang so überaus geeignet zur
    Darstellung des Wollens und das „Nein“, daß sich ihm entgegen-
    setzt. Nach meiner Erklärung der Angst begreift es sich auch
    leicht, daß die Sensation der Willenshemmung der Angst so nahe

    *) Eine Beziehung In einem Kindheitserlebnis ergibt sich in der vollständigen
    Analyse durch folgende Vermittlung: — Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan,
    der Mohr kann gehen. Und dann die Scherzfrage: Wie alt ist der Mohr, wenn
    er seine Schuldigkeit getan hat? Ein Jahr, dann kann er gehen. (Ich soll so viel
    wirres schwarzes Haar mit zur Welt gebracht haben, daß mich die junge Mutter
    für einen kleinen Mohren erklärte.) — Daß ich den Hut nicht finde, ist ein mehr-
    sinnig verwertetes Tageserlebnis. Unser im Aufbewahren geniales Stubenmädchen
    hatte ihn versteckt. — Auch die Ablehnung trauriger Todesgedanken verbirgt sich
    hinter diesem Traumende: Ich habe meine Schuldigkeit noch lange nicht getan;
    ich darf noch nicht gehen. — Geburt und Tod wie in dem kurz vorher erfolgten
    Traume von Goethe und dem Paralytiker (Seite 292).

  • S.

    265

    steht und sich im Traume so oft mit ihr verbindet. Die Angst ist
    ein libidinöser Impuls, der vom Unbewußten ausgeht und vom Vor-
    bewußten gehemmt wird. Wo also im Traume die Sensation der
    Hemmung mit Angst verbunden ist, da muß es sich um ein Wollen
    handeln, daß einmal fähig war Libido zu entwickeln, um eine sexuelle
    Regung.

    [Was die häufig während eines Traumes auftauchende Urteils-
    äußerung: „Das ist ja nur ein Traum“ bedeute und welcher psy-
    chischen Macht sie zuzuschreiben sei, werde ich an anderer Stelle
    (s. u. p. 329) erörtern. Ich nehme hier vorweg, daß sie zur Entwer-
    tung des Geträumten dienen soll. Das in der Nähe liegende‚ interessante
    Problem, was dadurch ausgedrückt wird, wenn ein gewisser Inhalt im
    Traum selbst als „geträumt“ bezeichnet wird, das Rätsel des „Traumes
    im Traume“ hat W. Stekel114) durch die Analyse einiger über-
    zeugender Beispiele in ähnlichem Sinne gelöst. Das „Geträumte“ des
    Traumes soll wiederum entwertet, seiner Realität beraubt werden;
    was nach dem Erwachen aus dem „Traum im Traume" weiter geträumt
    wird, das will der Traumwunsch an die Stelle der ausgelöschten
    Realität setzen. Man darf also annehmen, daß das „Geträumte“
    die Darstellung der Realität, die wirkliche Erinnerung, der fortsetzende
    Traum im Gegenteil die Darstellung des bloß vom Träumer Gewünschten
    enthält. Der Einschluß eines gewissen Inhalts in einen „Traum im Traume“
    ist also gleichzusetzen dem Wunsche, daß das so als Traum bezeichnete
    nicht hätte geschehen sollen. Die Traumarbeit verwendet das Träumen
    selbst als eine Form der Ablehnung.]

    d) Die Rücksicht auf Darstellbarkeit.

    Wir haben es bisher mit der Untersuchung zu tun gehabt, wie
    der Traum die Relationen zwischen den Traumgedanken darstellt,
    griffen dabei aber mehrfach auf das weitere Thema zurück, welche
    Veränderung das Traummaterial überhaupt für die Zwecke der Traum-
    bildung erfährt. Wir wissen nun, daß das Traummaterial, seiner Rela-
    tionen zum guten Teile entblößt, einer Kompression unterliegt, während
    gleichzeitig Intensitätsverschiebungen zwischen seinen Elementen eine
    psychische Umwertung dieses Materials erzwingen. Die Verschiebungen,
    die wir berücksichtigt haben, erwiesen sich als Ersetzung einer be-
    stimmten Vorstellung durch eine andere ihr in der Assoziation irgend-
    wie nahestehende und sie wurden der Verdichtung dienstbar gemacht,
    indem auf solche Weise anstatt zweier Elemente ein mittleres Gemein-
    sames zwischen ihnen zur Aufnahme in den Traum gelangte. Von
    einer anderen Art der Verschiebung haben wir noch keine Erwähnung
    getan. Aus den Analysen erfährt man aber, daß eine solche besteht
    und daß sie sich in einer Vertauschung des sprachlichen
    Ausdruckes
    für den betreffenden Gedanken kund gibt. Es handelt
    sich beidemale um Verschiebung längs einer Assoziationskette, aber
    der gleiche Vorgang findet in verschiedenen psychischen Sphären

  • S.

    266

    statt, und das Ergebnis dieser Verschiebung ist das einemal, daß ein
    Element durch ein anderes substituiert wird, während im andern
    Falle ein Element seine Wortfassung gegen eine andere vertauscht.

    Diese zweite Art der bei der Traumbildung vorkommenden
    Verschiebungen hat nicht nur großes theoretisches Interesse, sondern
    ist auch besonders gut geeignet, den Anschein phantastischer Absu-
    dität, mit dem der Traum sich verkleidet, aufzuklären. Die Ver-
    schiebung erfolgt in der Regel nach der Richtung, daß ein farbloser
    und abstrakter Ausdruck des Traumgedankens gegen einen bildlichen
    und konkreten eingetauscht wird. Der Vorteil und somit die Absicht
    dieses Ersatzes liegt auf der Hand. Das Bildliche ist für den Traum
    darstellungsfähig, läßt sich in eine Situation einfügen, wo der
    abstrakte Ausdruck der Traumdarstellung ähnliche Schwierigkeiten
    bereiten würde, wie etwa ein politischer Leitartikel einer Zeitung der
    Illustration. Aber nicht nur die Darstellbarkeit, auch die Interessen
    der Verdichtung und der Zensur können bei diesem Tausche gewinnen.
    Ist erst der abstrakt ausgedrückte, unbrauchbare Traumgedank in
    eine bildliche Sprache umgeformt, so ergeben sich zwischen diesem
    neuen Ausdruck und dem übrigen Traummaterial leichter als vorher
    die Berührungen und Identitäten, welcher die Traumarbeit bedarf.
    und die sie schafft, wo sie nicht vorhanden sind, denn die konkreten
    Termini sind in jeder Sprache ihrer Entwicklung zufolge anknüpfungs-
    reicher als die begrifflichen. Man kann sich vorstellen, daß ein gutes
    Stück der Zwischenarbeit bei der Traumbildung, welche die geson-
    derten Traumgedanken auf möglichst knappen und einheitlichen Aus-
    druck im Traume zu reduzieren sucht, auf solche Weise, durch passende
    sprachliche Umformung der einzelnen Gedanken vor sich geht. Der
    eine Gedanke, dessen Ausdruck etwa aus anderen Gründen feststeht,
    wird dabei verteilend und auswählend auf die Ausdrucksmöglichkeiten
    des anderen einwirken und dies vielleicht von vornherein, ähnlich
    wie bei der Arbeit des Dichters. Wenn ein Gedicht in Reimen ent-
    stehen soll, so ist die zweite Reimzeile an zwei Bedingungen ge-
    bunden; sie muß den ihr zukommenden Sinn ausdrücken und ihr
    Ausdruck muß den Gleichklang mit der Reimzeile finden. Die besten
    Gedichte sind wohl die, wo man die Absicht, den Reim zu finden,
    nicht merkt, sondern wo beide Gedanken von vornherein durch gegen-
    seitige Induzierung den sprachlichen Ausdruck gewählt haben, der
    mit leichter Nachbearbeitung den Gleichklang entstehen läßt.

    In einigen Fällen dient die Ausdrucksvertauschung der Traum-
    verdichtung noch auf kürzerem Wege, indem sie eine Wortfügung
    finden läßt, welche als zweideutig mehr als einem der Traumgedanken
    Ausdruck gestattet. Das ganze Gebiet des Wortwitzes wird so der
    Traumarbeit dienstbar gemacht. Man darf sich über die Rolle,
    welche dem Worte bei der Traumbildung zufällt‚ nicht wundern.
    Das Wort, als der Knotenpunkt mehrfacher Vorstellungen, ist sozu-
    sagen eine prädestinierte Vieldeutigkeit und die Neurosen (Zwangs-

  • S.

    267

    vorstellungen, Phobien) benützen die Vorteile, die das Wort so zur
    Verdichtung und Verkleidung bietet, nicht minder ungescheut wie
    der Traum.*) Daß die Traumverstellung bei der Verschiebung des
    Ausdruckes mitprofitiert‚ ist leicht zu zeigen. Es ist ja. irreführend,
    wenn ein zweideutiges Wort anstatt zweier eindeutiger gesetzt wird;
    und der Ersatz der alltäglich nüchternen Ausdrucksweise durch eine
    bildliche hält unser Verständnis auf, besonders da der Traum niemals
    aussagt, ob die von ihm gebrachten Elemente wörtlich oder im über-
    tragenen Sinne zu deuten sind, direkt oder durch Vermittlung ein-
    geschobener Redensarten auf das Traummaterial bezogen werden sollen.**)
    Beispiele von Darstellungen im Traume, die nur durch Zweideutigkeit
    des Ausdruckes zusammengehalten werden, habe ich bereits mehrere
    angeführt („Der Mund geht gut auf" im Injektionstraume; „Ich kann
    noch nicht gehen“ im letzten Traume, Seite 264 u. s. w.). Ich werde nun
    einen Traum mitteilen, in dessen Analyse die Verbildlichung des ab-
    strakten Gedankens eine größere Rolle spielt. Der Unterschied solcher
    Traumdeutung von der Deutung mittels Symbolik läßt sich noch immer
    scharf bestimmen; bei der symbolischen Traumdeutung wird der Schlüssel
    der Symbolisierung vom Traumdeuter willkürlich gewählt; in unseren
    Fällen von sprachlicher Verkleidung sind diese Schlüssel allgemein
    bekannt und durch feststehende Sprachübung gegeben. Verfügt man über
    den richtigen Einfall zur rechten Gelegenheit, so kann man Träume
    dieser Art auch unabhängig von den Angaben des Träumers ganz
    oder stückweise auflösen.

    Eine mir befreundete Dame träumt: Sie befindet sich in
    der Oper. Es ist eine Wagnervorstellung, die bis ¾8 Uhr
    morgens gedauert hat. Im Parkett und Parterre
    stehen Tische, an denen gespeist und getrunken wird.
    Ihr eben von der Hochzeitsreise heimgekehrter Vetter
    sitzt an einem solchen Tische mit seiner jungen Frau;
    neben ihnen ein Aristokrat. Von diesem heißt es, die
    junge Frau habe sich ihn von der Hochzeitsreise mit-
    gebracht, ganz offen, etwa wie man einen Hut von der
    Hochzeitsreise mitbringt. Inmitten des Parketts befindet
    sich ein hoher Turm, der oben eine Plattform trägt,
    die mit einem eisernen Gitter umgeben ist. Dort hoch

    *) [Vgl. Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten, 1905 — und die
    „Wortbrücken“ in den Lösungen neurotischer Symptome.]
    **) [Es ist im allgemeinen bei der Deutung eines jeden Traumelements zweifel-
    haft, ob es:

             a ) im positiven oder negativen Sinne genommen werden soll (Gegensatzrelation) ;

             b) historisch zu deuten ist (als Reminiszenz);

             c) symbolisch, oder ob

             d) seine Verwertung vom Wortlaute ausgehen soll. Trotz dieser Vieldeutigkeit
    darf man sagen, daß die Darstellung der Traumarbeit, die ja nicht beabsichtigt,
    verstanden zu werden, dem Übersetzer keine größeren Schwierigkeiten zumutet,
    als etwa die alten Hieroglyphenschreiber ihren Lesern.]

  • S.

    268

    oben ist der Dirigent mit den Zügen Hans Richters;
    er läuft beständig hinter seinem Gitter herum, schwitzt
    furchtbar und leitet von diesem Posten aus das unten
    um die Basis des Turmes angeordnete Orchester. Sie
    selbst sitzt mit einer
    (mir bekannten) Freundin in einer
    Loge. Ihre jüngere Schwester will ihr aus dem Parkett
    ein großes Stück Kohle hinaufreichen mit der Moti-
    vierung, sie habe doch nicht gewußt, daß es so lange
    dauern werde, und müsse jetzt wohl erbärmlich frieren.
    (Etwa als ob die Legen während der langen Vorstellung
    geheizt werden müßten).

    Der Traum ist wohl unsinnig genug, obwohl sonst gut auf eine
    Situation gebracht. Der Turm mitten im Parkett, von dem aus der
    Dirigent das Orchester leitet; vor allem aber die Kohle, die ihr die
    Schwester hinaufreicht! Ich habe von diesem Traume absichtlich keine
    Analyse verlangt ; mit etwas Kenntnis von den persönlichen Be-
    ziehungen der Träumerin, gelang es mir, Stücke von ihm selbständig
    zu deuten. Ich wußte, daß sie viel Sympathie für einen Musiker
    gehabt hatte, dessen Laufbahn vorzeitig durch Geisteskrankheit unter-
    brochen werden war. Ich entschloß mich also den Turm im Parkett
    wörtlich zu nehmen. Dann kam heraus, daß der Mann, den sie an
    Hans Richters Stelle zu sehen gewünscht hatte, die übrigen Mit-
    glieder des Orchesters turmhoch überragt. Dieser Turm ist als ein
    Mischgebilde durch Apposition zu bezeichnen; mit seinem
    Unterbau stellt er die Größe des Mannes dar, mit dem Gitter oben,
    hinter dem er wie ein Gefangener oder wie ein Tier im Käfig
    (Anspielung auf den Namen des Unglücklichen) herumläuft, das spätere
    Schicksal desselben. „Narrenturm“ wäre etwa das Wort, in dem
    die beiden Gedanken hätten zusammentreffen können.

    Nachdem so die Darstellungsweise des Traumes aufgedeckt war,
    konnte man versuchen, die zweite scheinbare Absurdität, die mit den
    Kohlen, die ihr von der Schwester gereicht werden, mit demselben
    Schlüssel aufzulösen. „Kohle“ mußte „heimliche Liebe“ bedeuten.

    „Kein Feuer, keine Kohle
    Kann brennen so heiß,
    Als wie heimliche Liebe,
    Von der niemand was weiß.“

    Sie selbst und ihre Freundin waren sitzen geblieben; die
    jüngere Schwester, die noch Aussicht hat zu heiraten, nicht ihr die
    Kohle hinauf, „weil sie doch nicht gewußt habe, daß es so lange
    dauern
    wird.“ Was so lange dauern wird, ist im Traume
    nicht gesagt; in einer Erzählung würden wir ergänzen: die Vor-
    stellung; im Traume dürfen wir den Satz für sich ins Auge fassen,
    ihn für zweideutig erklären und hinzufügen, „bis sie heiratet.“
    Die Deutung „heimliche Liebe“ wird dann unterstützt durch die Er-

  • S.

    269

    wähnung des Vetters, der mit seiner Frau im Parkett sitzt, und durch
    die dieser letzteren angedichtete offene Liebschaft. Die Gegen-
    sätze zwischen heimlicher und offener Liebe zwischem ihrem Feuer
    und der Kälte der jungen Frau beherrschen den Traum. Hier wie dort
    übrigens ein „Hochstehender“ als Mittelwort zwischen dem
    Aristokraten und dem zu großen Hoffnungen berechtigenden Musiker.

    Mit den vorstehenden Erörterungen haben wir endlich ein drittes
    Moment aufgedeckt, dessen Anteil bei der Verwandlung der Traum-
    gedanken in den Trauminhalt nicht gering anzuschlagen ist: Die
    Rücksicht auf die Darstellbarkeit in dem eigentüm-
    lichen psychischen Material, dessen sich der Traum

    bedient, also zumeist in visuellen Bildern. Unter den verschiedenen
    Nebenanknüpfungen an die wesentlichen Traumgedanken wird diejenige
    bevorzugt werden, welche eine visuelle Darstellung erlaubt, und die
    Traumarbeit scheut nicht die Mühe, den spröden Gedanken etwa zuerst
    in eine andere sprachliche Form umzugießen, sei diese auch die
    ungewöhnlichere, wenn sie nur die Darstellung ermöglicht und so der
    psychologischen Bedrängnis des eingeklemmten Denkens ein Ende macht.
    Diese Umleerung des Gedankeninhalts in eine andere Form kann sich
    aber gleichzeitig in den Dienst der Verdichtungsarbeit stellen und Bezie-
    hungen zu einem anderen Gedanken schaffen, die sonst nicht vorhanden
    wären. Dieser andere Gedanke mag etwa selbst zum Zwecke des Ent-
    gegenkommens vorher seinen ursprünglichen Ausdruck verändert haben.

    Angesichts der Rolle, welche Witzworte, Zitate, Lieder und
    Sprichwörter im Gedankenleben der Gebildeten spielen, wäre es voll-
    kommen der Erwartung gemäß, wenn Verkleidungen solcher Art
    überaus häufig für Darstellung der Traumgedanken verwendet werden
    sollten. Was deuten z. B. im Traume Wagen, von denen jeder mit
    anderem Gemüse angefüllt ist? Es ist der Wunschgegensatz von „Kraut
    und Rüben“, also „Durcheinander“ und bedeutet demnach „Unordnung“.
    Ich habe mich gewundert, daß mir dieser Traum nur ein einziges
    Mal berichtet worden ist. Nur für wenige Materien hat sich eine
    allgemein gültige Traumsymbolik herausgebildet, auf Grund allgemein
    bekannter Anspielungen und Wortersetzungen. Ein gutes Teil dieser
    Symbolik hat übrigens der Traum mit den Psychoneurosen, den Sagen
    und Volksgebräuchen gemeinsam.

    Ja, wenn man genauer zusieht, muß man erkennen, daß die
    Traumarbeit mit dieser Art von Ersetzung überhaupt nichts Originelles
    leistet. Zur Erreichung ihrer Zwecke, in diesem Falle der zensur-
    freien Darstellbarkeit, wandelt sie eben nur die Wege, die sie im un-
    bewußten Denken bereits gebahnt vorfindet, bevorzugt sie jene Um-
    wandlungen des verdrängten Materials, die als Witz und Anspielung auch
    bewußt werden dürfen, und mit denen alle Phantasien der Neurotiker
    erfüllt sind. Hier eröffnet sich dann plötzlich ein Verständnis für
    die Traumdeutungen Scherners, deren richtigen Kern ich an anderer
    Stelle verteidigt habe. Die Phantasiebeschäftigung mit dem eigenen

  • S.

    270

    Körper ist keineswegs dem Traume allein eigentümlich oder für ihn
    charakteristisch. Meine Analysen haben mir gezeigt, daß sie im un-
    bewußten Denken der Neurotiker ein regelmäßiges Vorkommnis ist
    und auf die sexuelle Neugierde zurückgeht, deren Gegenstand die
    Genitalien des anderen, aber doch auch des eigenen Geschlechtes für
    den heranwachsenden Jüngling oder für die Jungfrau werden. Wie
    aber Scherner und Volkelt ganz zutreffend hervorheben, ist das
    Haus nicht der einzige Vorstellungskreis, der zur Symbolisierung der
    Leiblichkeit verwendet wird — im Traume so wenig wie im un-
    bewußten Phantasieren der Neurose. Ich kenne Patienten, die aller-
    dings die architektonische Symbolik des Körpers und der Genitalien
    (reicht doch das sexuelle Interesse weit über das Gebiet der äußeren
    Genitalien hinaus) beibehalten haben, denen Pfeiler und Säulen Beine be-
    deuten (wie im Hohen Lied), die jedes Tor an eine der Körperöffnungen
    („Loch“), die jede Wasserleitung an den Harnapparat denken läßt u. s. w.
    Aber ebenso gern wird der Vorstellungskreis des Pflanzenlebens oder
    der Küche zum Versteck sexueller Bilder gewählt; im ersteren Falle
    hat der Sprachgebrauch, der Niederschlag von Phantasievergleichungen
    ältester Zeiten, reichlich vorgearbeitet (der „Weinberg" des Herrn der
    „Samen“, der „Garten“ des Mädchens im Hohen Lied). In scheinbar
    harmlosen Anspielungen an die Verrichtungen der Küche lassen sich
    die häßlichsten wie die intimsten Einzelheiten des Sexuallebens denken
    und träumen, und die Symptomatik der Hysterie wird geradezu un-
    deutbar, wenn man vergißt, daß sich sexuelle Symbolik hinter dem
    Alltäglichen und Unauffälligen als seinem besten Versteck verbergen
    kann. Es hat seinen guten sexuellen Sinn, wenn neurotische Kinder
    kein Blut und kein rohes Fleisch sehen wollen, bei Eiern und Nudeln
    erbrechen, wenn die dem Menschen natürliche Furcht vor der Schlange
    beim Neurotiker eine ungeheuerliche Steigerung erfährt, und überall
    wo die Neurose sich solcher Verhüllung bedient, wandelt sie die
    Wege, die einst in alten Kulturperioden die ganze Menschheit be-
    gangen hat, und von deren Existenz unter leichter Verschüttung heute
    noch Sprachgebrauch, Aberglaube und Sitte Zeugnis ablegen.

    Ich füge hier den angekündigten Blumentraum einer Patientin
    ein, in dem ich alles, was sexuell zu deuten ist, unterstreiche. Der
    schöne Traum wollte der Träumerin nach der Deutung gar nicht
    mehr gefallen.

    a) Vortraum: Sie geht in die Küche zu den beiden Mäd-
    chen und tadelt sie, daß sie nicht fertig werden „mit
    dem Bissel Essen“ und sieht dabei soviel umgestürztes
    Geschirr zum Abtropfen stehen, grobes Geschirr in
    Haufen zusammengestellt.
    Späterer Zusatz: Die beiden
    Mädchen gehen Wasser holen und müssen dabei wie in
    einen Fluß steigen, der bis ins Haus oder in den Hof
    reicht.
    *)

    ') Zur Deutung diese als „kausal“ zu nehmenden Vortraumes siehe S. 248.

  • S.

    271

    b) Haupttraum:*) Sie steigt von hoch herab**) über eigen-
    tümliche Geländer oder Zäune, die zu großen Carreaus
    vereinigt sind und aus Flechtwerk von kleinen Qua-
    draten bestehen.
    ***) Es ist eigentlich nicht zum Steigen
    eingerichtet; sie hat immer Sorge, daß sie Platz für
    den Fuß findet, und freut sich, daß ihr Kleid dabei
    nirgends hängen bleibt, daß sie im Gehen so anständig
    bleibt.
    †) Dabei trägt sie einen großen Ast in der Hand,††)
    eigentlich wie einen Baum, der dick mit
    roten Blüten
    besetzt ist, verzweigt und ausgebreitet. †††) Dabei ist die
    Idee Kirsch
    blüten, sie sehen aber auch uns wie gefüllte
    Kamelien, die freilich nicht auf Bäumen wachsen. Wäh-
    rend des Herabgehens hat sie zuerst
    einen, dann plötzlich
    zwei, später wieder
    einen.††††) Wie sie unten anlangt, sind
    die unteren
    Blüten schon ziemlich abgefallen. Sie sieht
    dann, unten angelangt, einen Hausknecht, der einen eben
    solchen Baum, sie möchte sagen — kämmt, d h. mit einem
    Holze
    dicke Haarbüschel, die wie Moos von ihm herab-
    hängen, rauft. Andere Arbeiter haben solche
    Äste aus
    einem
    Garten abgehauen und auf die Straße geworfen,
    wo sie
    herumliegen, so daß viele Leute sich davon nehmen.
    Sie fragt aber, ob das recht ist, ob man sich auch
    einen
    nehmen kann
    .§) Im Garten steht ein junger Mann (von
    ihr bekannter Persönlichkeit, ein Fremder), auf den sie zugeht,
    um ihn zu fragen, wie man solche
    Äste in ihren eigenen
    Garten umsetzen könne.§§) Er umfängt sie, worauf sie sich
    sträubt und ihn fragt, was ihm einfällt, ob man sie denn
    so umfangen darf. Er sagt, das ist kein Unrecht, das ist
    erlaubt.
    §§§) Er erklärt sich dann bereit, mit ihr in den
    anderen Garten zu gehen, um ihr das Einsetzen zu zeigen,
    und sagt ihr etwas, was sie nicht recht versteht: Es
    fehlen mir ohnedies drei
    Meter — (später sagt sie: Quadrat-
    meter) oder drei Klafter Grund. Es ist, als ob er für

    *) Ihr Lebenslauf.
    **) Hohe Abkunft, Wunschgegensatz zum Vortraume.

    **) Mischgebilde, das zwei Lokalitäten vereinigt, den sogenannten Boden des
    Vaterhauses‚ nur dem sie mit dem Bruder spielte, dem Gegenstand ihrer späteren
    Phantasien‚ und den Hof eines schlimmen Onkels, der sie In necken pflegte.

    †) Wunschgegensatz in einer realen Erinnerung vom Hofe des Onkels, daß
    sie sich im Schlafe zu entblößen pflegte.

    ††) Wie der Engel in der Verkündigung Mariä einen Lilienstengel.

    †††) Die Erklärung dieser Mischgebildes siehe S. 251: Unschuld, Periode, Ka-
    meliendame.

    †††††) Auf die Mehrheit der ihrer Phantasie dienenden Personen.
    §) Ob man sich auch einen herunterreißen darf i. e. masturbieren.
    §§) Der Ast hat Iängst die Vertretung des männlichen Genitales übernommen,
    enthält übrigens eine sehr deutliche Anspielung auf den Familiennamen.
    §§§) Bezieht sich wie das Nächstfolgende auf eheliche Vorsichten.

  • S.

    272

    seine Bereitwilligkeit etwas von ihr verlangen würde,
    als ob er die Absicht hätte, sich in
    ihrem Garten zu ent-
    schädigen
    ‚ oder als wollte er irgend ein Gesetz betrügen,
    einen Vorteil davon haben, ohne daß sie einen Schaden
    hat. Ob er ihr dann wirklich etwas zeigt, weiß sie nicht.
    *)

    Ich muß noch einen anderen Vorstellungskreis erwähnen, der
    im Träumen wie in der Neurose häufig zur Verhüllung sexuellen In-
    halts dient Ich meine den des Wohnungswechsels. Seine
    Wohnung wechseln ersetzt sich leicht durch Ausziehen, also durch
    ein mehrdeutiges Wort, das in den Vorstellungskreis der Kleidung
    führt. Ist dann noch im Traume ein Lift dabei, so erinnert man
    sich, daß „to lift“ im Englischen aufheben bedeutet, also „Kleider
    aufheben
    “. „

    Ich habe natürlich gerade an solchem Material Überfluß, aber
    dessen Mitteilung würde zu tief in die Erörterung neurotischer Ver-
    hältnisse führen. Alles leitete zum gleichen Schluß, daß man keine
    besondere symbolisierende Tätigkeit der Seele bei der Traumarbeit
    anzunehmen braucht, sondern daß der Traum sich solcher Symboli-
    sierungen, welche im unbewußten Denken bereits fertig enthalten
    sind, bedient, weil sie wegen ihrer Darstellbarkeit, zumeist auch wegen
    ihrer Zensurfreiheit, den Anforderungen der Traumbildung besser
    genügen.

    e) Beispiele. — Rechnen und Reden im Traume.

    Ehe ich nun das vierte der die Traumbildung beherrschenden
    Momente an die ihm gebührende Stelle setze, will ich aus meiner
    Traumsammlung einige Beispiele heranziehen, welche teils das Zu-
    sammenwirken der drei uns bekannten Momente erläutern, teils Be-
    weise für frei hingestellte Behauptungen nachtragen oder unabweisbare
    Folgerungen aus ihnen ausführen können. Es ist mir ja in der vor-
    stehenden Darstellung der Traumarbeit recht schwer werden, meine
    Ergebnisse an Beispielen zu erweisen. Die Beispiele für die einzelnen
    Sätze sind nur im Zusammenhange einer Traumdeutung beweiskräftig;
    aus dem Zusammenhange gerissen, büßen sie ihre Schönheit ein, und
    eine auch nur wenig vertiefte Traumdeutung wird bald so umfangreich,
    daß sie den Faden der Erörterung, zu deren Illustrierung sie dienen
    soll, verlieren läßt. Dieses technische Motiv mag entschuldigen, wenn
    ich nun allerlei aneinandereihe, was nur durch die Beziehung auf
    den Text des vorstehenden Abschnittes zusammengehalten wird.

    Zunächst einige Beispiele von besonders eigentümlichen oder von
    ungewöhnlichen Darstellungsweisen im Traume. Im Traume einer
    Dame heißt es: Ein Stubenmädchen steht auf der Leiter

    *) [Ein analoger „biographischer“ Traum ist der unter den Beispielen nur Traum-
    symbolik p. 215 als dritter mitgeteilte; ferner der von Rank106) ausführlichen mitgeteilte
    „Traum, der sieh selbst deutet“; einen anderen, der „verkehrt“ gelesen werden muß,
    siehe bei Stekel114) p. 486].

  • S.

    273

    wie zum Fensterputzen und hat einen Schimpanse und
    eine Gorillakatze
    (später korrigiert: Angorakatze bei sich.
    Sie wirft die Tiere auf die Träumerin; der Schimpanse
    schmiegt sich an die letztere an, und das ist sehr ekel-

    haft. Dieser Traum hat seinen Zweck durch ein höchst einfaches
    Mittel erreicht, indem er nämlich eine Redensart wörtlich nahm und
    nach ihrem Wortlaute darstellte. „Affe“ wie Tiernamen überhaupt
    sind Schimpfwörter, und die Traumsituation besagt nichts anderes als
    „mit Schimpfworten um sich werfen“. Diese selbe Samm-
    lung wird alsbald weitere Beispiele für die Anwendung dieses einfachen
    Kunstgriffes bei der Traumarbeit bringen.

    Ganzähnlich verfährt ein anderer Traum: Eine Frau mit einem
    Kinde, das einen auffällig mißgebildeten Schädel hat; von
    diesem Kinds hat sie gehört, daß es durch die Lage im
    Mutterleibe so geworden. Man könnte den Schädel,
    sagt der Arzt„ durch Kompression in eine bessere Form
    bringen, allein das würde dem Gehirn schaden. Sie denkt,
    da es ein Bub ist, schadet es ihm weniger.
    —Dieser Traum
    enthält die plastische Darstellung des abstrakten Begriffes: „Kinder-
    eindrücke
    “, den die Träumerin in den Erklärungen zur Kur ge-
    hört hat.

    Einen etwas anderen Weg schlägt die Traumarbeit im folgenden
    Beispiel ein. Der Traum enthält die Erinnerung an einen Ausflug
    zum Hilmteich bei Graz: Es ist ein schreckliches Wetter
    draußen; ein armseliges Hotel, von den Wänden tropft
    das Wasser, die Betten sind feucht.
    (Letzteres Stück des
    Inhalts ist minder direkt im Traume, als ich es bringe.) Der Traum
    bedeutet „überflüssig“. Das Abstraktum, das sich in den Traum-
    gedanken fand ist zunächst etwas gewaltsam äquivok gemacht
    worden, etwa durch „überfließend“ ersetzt oder durch „flüssig und
    überflüssig“, und dann durch eine Häufung gleichartiger Eindrücke
    zur Darstellung gebracht. Wasser draußen, Wasser innen an den
    Wänden. Wasser als Feuchtigkeit in den Betten, alles flüssig und
    „über“flüssig. — [Daß zu Zwecken der Darstellung im Traume die
    Orthographie weit hinter dem Wortklang zurücktritt, wird uns nicht
    gerade Wunder nehmen, wenn sich z. B. der Reim ähnliche Freiheiten
    gestatten darf. In einem weitläufigen von Rank106) mitgeteilten und
    sehr eingehend analysierten Traum eines jungen Mädchens wird er—
    zählt, daß sie zwischen Feldern spazieren geht, wo sie schöne Gerste-
    und Kornähren abschneidet. Ein Jugendfreund kommt ihr entgegen,
    und sie will es vermeiden, ihn anzutreffen. Die Analyse zeigt, daß es
    sich um einen Kuß in Ehren handelt (l. c. p. 491). Die Ähren, die
    nicht abgerissen, sondern abgeschnitten werden sollen, dienen in diesem
    Traum als solche und in ihrer Verdichtung mit Ehre, Ehrungen
    zur Darstellung einer ganzen Reihe von anderen Gedanken].

  • S.

    274

    Dafür hat die Sprache in anderen Fallen dem Traume die Dar-
    stellung seiner Gedanken sehr leicht gemacht, da sie über eine ganze
    Reihe von Worten verfügt, die ursprünglich bildlich und konkret ge-
    meint waren und gegenwärtig im abgeblaßten, abstrakten Sinne ge-
    braucht werden. Der Traum braucht diesen Worten nur ihre frühere
    volle Bedeutung wiederzugeben oder in den Bedeutungswandel des
    Wortes ein Stück weit herabzusteigen. Z. B. es träumt jemand, daß
    sein Bruder in einem Kasten steckt; bei der Deutungsarbeit ersetzt
    sich der Kasten durch einen „Schrank“ und der Traumgedanken
    lautet nun, daß dieser Bruder sich „einschränken“ solle, an seiner
    Statt nämlich. [Ein anderer Träumer „steigt auf einen Berg, von dem
    aus er eine ganz außerordentlich weite Aussicht hat. Er identifiziert
    sich dabei mit einem Bruder, der eine „Rundschau“ herausgibt,
    welche sich mit den Beziehungen zum fernsten Osten beschäftigt].

    Es wäre eine besondere Arbeit, solche Darstellungsweisen zu
    sammeln und nach den ihnen zu Grunde liegenden Prinzipien zu
    ordnen. [Manche dieser Darstellungen sind fast witzig zu nennen.
    Man hat den Eindruck, daß man sie niemals selbst ernten hätte, wenn
    der Träumer sie nicht mitzuteilen wüßte:

    1. Ein Mann träumt, man frage ihn nach einem Namen, an den
    er sich aber nicht besinnen könne. Er erklärt selbst, das wolle heißen:
    Es fällt mir nicht im Traume ein.

    2. Eine Patientin erzählt einen Traum, in welchem alle handeln-
    den Personen besonders groß waren. Das will heißen, setzt sie hinzu,
    daß es sich um eine Begebenheit aus meiner frühen Kindheit handeln
    muß, denn damals sind mir natürlich alle Erwachsenen so ungeheuer
    groß erschienen. Ihre eigene Person trat in diesem Trauminhalt
    nicht auf.

    Die Verlegung in die Kindheit wird in anderen Träumen auch
    anders ausgedrückt, indem Zeit in Raum übersetzt wird. Man sieht
    die betreffenden Personen und Szenen wie weit entfernt am Ende eines
    langen Weges oder so, als ob man sie mit einem verkehrt gerichteten
    Opernglas betrachten würde.

    3. Ein im Wachleben zu abstrakter und unbestimmter Ausdrucks-
    weise geneigter Mann, sonst mit gutem Witz begabt, träumt in ge-
    wissem Zusammenhange, daß er auf einen Bahnhof gehe, wie eben ein
    Zug ankomme. Dann werde aber der Perron an den stehenden
    Zug angenähert
    , also eine absurde Umkehrung des wirklichen Vor-
    gangs. Dieses Detail ist auch nichts anderes als ein Index, der daran
    mahnt daß etwas anderes im Trauminhalt umgekehrt werden solle.
    Die Analyse desselben Traumes führt zu Erinnerungen an Bilderbücher,
    in denen Männer dargestellt waren, die auf dem Kopf standen und
    auf den Händen gingen.

    4. Derselbe Träumer berichtet ein anderes Mal von einem kurzen
    Traum, der fest an die Technik eines Rebus erinnert. Sein Onkel

  • S.

    275

    gibt ihm im Automobil einen Kuß. Er fügt unmittelbar die Deutung
    hinzu, die ich nie gefunden hätte, das heiße: Autoerotismus.
    Ein Scherz im Wachen hätte ebenso lauten können].

    Der Traumarbeit gelingt oft auch die Darstellung von sehr
    sprödem Material, wie es etwa Eigennamen sind, durch gezwungene
    Verwertung sehr entlegener Beziehungen. In einem meiner Träume
    hat mir der alte Brücke eine Aufgabe gesteht. Ich fer-
    tige ein Präparat an und klaube etwas heraus, was wie
    zerknülltes Silberpapier aussieht. 
    (Von diesem Traume noch
    später mehr.) Der nicht leicht auffindbare Einfall dazu ergibt:
    „Stanniol“, und nun weiß ich, daß ich den Autonamen Stannius
    meine, den eine von mir in früheren Jahren mit Ehrfurcht betrachtete
    Abhandlung über das Nervensystem der Fische trägt. Die erste wissen-
    schaftliche Aufgabe, die mir mein Lehrer gestellt, bezog sich wirklich
    auf das Nervensystem eines Fisches, des Ammocoetes. Letzterer Name
    war im Bilderrätsel offenbar gar nicht zu gebrauchen.

    Ich will mir nicht versagen, hier noch einen Traum mit sonder-
    barem Inhalt einzuschalten, der noch noch als Kindertraum bemerkens-
    wert ist und sich durch die Analyse sehr leicht aufklärt. Eine Dame
    erzählt: ich kann mich erinnern, daß ich als Kind wiederholt geträumt
    habe, der liebe Gott habe einen zugespitzten Papierhut
    auf dem Kopfe
    . Einen solchen Hut pflegte man mir nämlich sehr
    oft bei Tische aufzusetzen, damit ich nicht auf die Teller der anderen
    Kinder hinschauen könne, wieviel sie von dem betreffenden Gericht
    bekommen haben. Da ich gehört habe, Gott sei allwissend, so be-
    deutet der Traum, ich wisse alles auch trotz des aufgesetzten Hutes.

    Worin die Traumarbeit besteht und wie sie mit ihrem Material,
    den Traumgedanken, umspringt, läßt sich in lehrreicher Weise an
    den Zahlen und Rechnungen zeigen, die in Träumen vorkommen. Gre-
    träumte Zahlen gelten überdies dem Aberglauben als besonders ver-
    heißungsvoll. Ich werde also einige Beispiele solcher Art aus meiner
    Sammlung heraussuchen.

    I. Aus dem Traume einer Dame, kurz vor Beendigung ihrer Kur:

    Sie will irgend etwasbezahlen; ihre Tochter nimmt
    ihr
    3 fl. 65 kr. aus der Geldtasche; sie sagt aber: Was
    tust du? Es kostet ja nur
    21 kr. Dieses Stückchen Traum war
    mir durch die Verhältnisse der Träumerin ohne weitere Aufklärung
    ihrerseits verständlich. Die Dame war eine Fremde, die ihre Tochter
    in einem Wiener Erziehungsinstitut untergebracht hatte und meine
    Behandlung fortsetzen konnte, so lange ihre Tochter in Wien blieb.
    In drei Wochen war deren Schuljahr zu Ende und damit endete auch
    die Kur. Am Tage vor dem Traume hatte ihr die Institutsvorsteherin
    nahe gelegt, ob sie sich nicht entschließen könnte, das Kind noch ein
    weiteres Jahr bei ihr zu lassen. Sie hatte denn offenbar bei sich diese
    Anregung dahin fortgesetzt, daß sie in diesem Falle auch die Be-
    handlung um ein Jahr verlängern könnte. Darauf bezieht sich nun

  • S.

    276

    der Traum, denn ein Jahr ist gleich 365 Tagen, die drei Wochen
    bis zum Abschluß des Schuljahres und der Kur lassen sich ersetzen
    durch 21 Tage (wenngleich nicht ebensoviele Behandlungsstunden).
    Die Zahlen, die in den Traumgedanken bei Zeiten standen, werden
    im Traume Geldwerten beigesetzt, nicht ohne daß damit ein tieferer
    Sinn zum Ausdruck käme, denn „Time is money“, Zeit hat Geld-
    wert. 365 Kreuzer sind dann allerdings 3 Gulden 65 Kreuzer. Die
    Kleinheit der im Traume erscheinenden Summen ist offenkundige
    Wunscherfüllung; der Wunsch hat die Kosten der Behandlung wie
    des Lehrjahres im Institut verkleinert.

    II. Zu komplizierteren Beziehungen führen die Zahlen in einem
    anderen Traume. Eine junge, aber schon seit einer Reihe von Jahren
    verheiratete Dame erfährt, daß eine ihr fast gleichalterige Bekannte,
    Elise L., sich eben verlobt hat. Daraufhin träumt sie: Sie sitzt
    mit ihrem Manne im Theater, eine Seite des Parketts ist
    ganz unbesetzt. Ihr Mann erzählt ihr, Elise L. und ihr
    Bräutigam hätten auch gehen wollen, hätten aber nur
    schlechte Sitze bekommen,
    3 für 1 fl. 50 ltr., und die
    konnten sie ja nicht nehmen. Sie meint, es wäre auch
    kein Unglück gewesen.

    Woher rühren die 1 fl. 50 in.? Aus einem eigentlich indiffe-
    renten Anlaß des Vortages. Ihre Schwägerin hatte von ihrem Manne
    150 fl. zum Geschenk bekommen und sich beeilt, sie los zu werden,
    indem sie sich einen Schmuck dafür kaufte. Wir wollen anmerken,
    daß 150 fl. 100 mal mehr als 1 fl. 50 kr. Woher die 3, die bei den
    Theatersitzen steht? Dafür ergibt sich nur die eine Anknüpfung‚ daß
    die Braut um ebensoviel Monate — drei — jünger ist als sie. Zur
    Auflösung des Traumes führt dann die Erkundigung, was der Zug im
    Traume, daß eine Seite des Parketts leer bleibt, bedeuten kann. Der-
    selbe ist eine unveränderte Ausspielung auf eine kleine Begebenheit,
    die ihrem Mann guten Grund zur Neckerei gegeben hat. Sie hatte sich
    vorgenommen, zu einer der angekündigten Theatervorstellungen der
    Woche zu gehen, und war so vorsorglich, mehrere Tage vorher
    Karten zu nehmen, für die sie Vorkaufsgebühr zu zahlen hatte. Als
    sie dann ins Theater kamen, fanden sie, daß die eine Seite des Hauses
    fast leer war; sie hatte es nicht nötig gehabt, sich so sehr zu
    beeilen.

    Ich werde jetzt den Traum durch die Traumgedanken ersetzen:
    „Ein Unsinn war es doch, so früh zu heiraten, ich hätte es nicht
    nötig gehabt, mich so zu beeilen; an dem Beispiele der Elise
    L. sehe ich, daß ich noch immer einen Mann bekommen hätte. Und
    zwar einen hundertmal besseren (Mann, Schatz), wenn ich nur ge-
    wartet hätte (Gegensatz zu dem Beeilen der Schwägerin). Drei
    solche Männer hatte ich für das Geld (die Mitgift) kaufen können!“
    Wir werden darauf aufmerksam, daß in diesem Traume die Zahlen
    in weit höherem Grade Bedeutung und Zusammenhang verändert

  • S.

    277

    haben, als im vorher behandelten. Die Umwandlungs- und Entstel-
    lungsarbeit des Traumes ist hier ausgiebiger gewesen, was wir so
    deuten, daß diese Traumgedanken bis zu ihrer Darstellung ein be-
    sonders hohes Maß von innerpsychischem Widerstand zu überwinden
    hatten. Wir wollen auch nicht übersehen, daß in diesem Traume ein
    absurdes Element enthalten ist, nämlich, daß zwei Personen drei
    Sitze nehmen sollen. Wir greifen in die Deutung der Absurdität im
    Traume über, wenn wir anführen‚ daß dieses absurde Detail des Traum-
    inhalts den meistbetonten der Traumgedanken darstellen soll: Ein Un-
    sinn
    war es, so früh zu heiraten. Die in einer ganz nebensächlichen
    Beziehung der beiden verglichenen Personen enthaltene 3 (3 Monate
    Unterschied im Alter) ist dann geschickt zur Produktion des für den
    Traum erforderlichen Unsinns verwendet werden. Die Verkleinerung
    der realen 150 fl. auf 1 fl. 50 kr. entspricht der Geringschätzung
    des Mannes (oder Schatzes) in den unterdrückten Gedanken der
    Träumerin.

    III. Ein anderes Beispiel führt uns die Rechenkunst des Traumes
    vor, die ihm soviel Mißachtung eingetragen hat. Ein Mann träumt:
    Er sitzt bei B. . (einer Familie seiner früheren Bekanntschaft)
    und sagt: Es war ein Unsinn, daß Sie mir die Mali nicht
    gegeben haben. Darauf fragt er das Mädchen: Wie alt
    sind Sie denn? Antwort: Ich bin
    1882 geboren. — Ah,
    dann sind Sie
    28 Jahre alt.

    Da der Traum im Jahre 1898 verfällt, so ist das offenbar
    schlecht gerechnet, und die Rechenschwäche des Träumers darf der
    des Paralytikers an die Seite gestellt werden, wenn sie sich etwa
    nicht anders aufklären läßt. Mein Patient gehörte zu jenen Personen,
    deren Gedanken kein Frauenzimmer, das sie sehen, in Ruhe lassen
    können. Seine Nachfolgerin in meinem Ordinationszimmer war einige
    Monate hindurch regelmäßig eine junge Dame, der er begegnete,
    nach der er sich häufig erkundigte, und mit der er durchaus höflich
    sein wollte. Diese war es, deren Alter er auf 28 Jahre schätzte.
    Soviel zur Aufklärung des Resultats; der scheinbaren Rechnung. 1882
    war aber das Jahr, in dem er geheiratet hatte. Er hatte es nicht
    unterlassen können, auch mit den beiden anderen weiblichen Personen,
    die er bei mir traf, Gespräche anzuknüpfen, den beiden keineswegs
    jugendlichen Mädchen, die ihm abwechselnd die Tür zu öffnen
    pflegten, und als er die Mädchen wenig zutraulich fand, sich die
    Erklärung gegeben, sie hielten ihn wohl für einen älteren „ge-
    setzten
    “ Herrn.

    [IV. Einen anderen Zahlentraum, der durch durchsichtige De-
    terminierung oder vielmehr Überdeterminierung ausgezeichnet ist,
    verdanke ich mitsamt seiner Deutung Herrn B. Dattner:

    „Mein Hausherr, Sieherheitswachmann in Magistratsdiensten,
    träumt, er stünde auf der Straße Posten, was eine Wunscherfüllung

  • S.

    278

    ist. Du kommt ein Inspektor auf ihn zu, der auf dem Ringkragen
    die Nummer 22 und 62 oder 26 trägt. Jedenfalls aber seien mehrere
    Zweier draufgewesen. Schon die Zerteilung der Zahl 2262 bei der
    Wiedergabe es Traumen läßt darauf schließen, daß die Bestandteile
    eine gesonderte Bedeutung haben. Sie hätten gestern im Amt über
    die Dauer ihrer Dienstzeit gesprochen, fällt ihm ein. Ursache gab
    ein Inspektor, der mit 62 Jahren in Pension gegangen sei. Der
    Träumer hat erst 22 Dienstjahre und braucht noch 2 Jahre 2 Monate,
    um eine 90% Pension zu erreichen. Der Traum spiegelt ihm nun
    zuerst die Erfüllung eines langgehegten Wunsches, den Inspektorsrang,
    vor. Der Vorgesetzte mit der 2262 auf dem Kragen ist er selbst, er
    versieht seinen Dienst auf der Straße, auch ein Lieblingswunsch, hat
    seine 2 Jahre und 2 Monate abgedient und kann nun wie der 62jährige
    Inspektor mit voller Pension aus dem Amte scheiden.“]

    Wenn wir diese und ähnliche (später folgende) Beispiele zu-
    sammenhalten, dürfen wir sagen: Die Traumarbeit rechnet überhaupt
    nicht, weder richtig noch falsch; sie fügt nur Zahlen, die in den
    Traumgedanken vorkommen und als Anspielungen auf ein nicht
    darstellbares Material dienen können, in der Form einer Rechnung
    zusammen. Sie behandelt dabei die Zahlen in genau der nämlichen
    Weise als Material zum Ausdruck ihrer Absichten wie alle anderen
    Vorstellungen, wie auch die Namen und die als Wortvorstellungen
    kenntlichen Reden.

    Denn die Traumarbeit kann auch keine Rede neu schaffen.
    Soviel von Rede und Gegenrede in den Träumen vorkommen mag,
    die an sich sinnig oder unvernünftig sein können, die Analyse zeigt
    uns jedesmal, daß der Traum dabei nur Bruchstücke von wirklich
    geführten oder gehörten Reden den Traumgedanken entnommen hat
    und höchst willkürlich mit ihnen verfahren ist. Er hat sie nicht nur
    aus ihrem Zusammenhange gerissen und zerstückt, das eine Stück
    aufgenommen, das andere verworfen, sondern auch oft neu zusammen-
    gefügt, so daß die zusammenhängend scheinende Traumrede bei der
    Analyse in drei oder vier Brocken zerfällt. Bei dieser Neuverwendung
    hat er oft den Sinn, den die Worte in den Traumgedanken hatten,
    bei Seite gelassen, und dem Wortlaute einen völlig neuen Sinn
    abgewonnen.*) Bei näherem Zusehen unterscheidet man an der Traum-

    *) [in der gleichen Weise wie der Traum verführt nach die Neurose. Ich
    kenne eine Patientin, die daran leidet, daß sie Lieder oder Stücke von solchen un-
    willkürlich und widerwillig hört [halluziniert], ohne deren Bedeutung für ihr Seelen-
    leben verstehen zu können. Sie ist übrigens gewiß nicht paranoisch. Die Analyse
    zeigt denn, daß sie den Text dieser Lieder mittels gewisser Lizenzen mißbräuchlich
    verwendet hat. „Leise, leise, fromme Weise.“ Das bedeutet für ihr Unbewußtes:
    Fromme Waise, und diese ist sie selbst. „O du seelige, O du fröhliche“ ist der
    Anfang einen Weihnachtsliedes; indem ein es nicht bis an „Weihnachtszeit“ fortsetzt‚
    macht sie daraus ein Brautlied u. dgl. — Derselbe Entstellungsmechanismus kann
    sich übrigens auch ohne Halluzination im bloßen Einfall durchsetzen. Warum wird
    einer meiner Patienten von der Erinnerung an ein Gedicht heimgesucht‚ das er in
    jungen Jahren lernen mußte:

  • S.

    279

    rede deutlichere, kompakte Bestandteile von anderen, die als Binde-
    mittel dienen und wahrscheinlich ergänzt worden sind, wie wir aus-
    gelassene Buchstaben und Silben beim Lesen ergänzen. Die Traum-
    rede hat so den Aufbau eines Brecciengesteines, in dem größere
    Brocken verschiedenen Materials durch eine erhärtete Zwischenmasse
    zusammengehalten werden.

    In voller Strenge richtig ist diese Beschreibung allerdings nur
    für jene Reden im Traume, die etwas vom sinnlichen Charakter der
    Rede haben und als „Reden“ beschrieben werden. Die anderen, die
    nicht gleichsam als gehört oder als gesagt empfunden werden (keine
    akustische oder motorische Mitbetonung im Traume haben), sind
    einfach Gedanken, wie sie in unserer wachen Denktätigkeit vor-
    kommen und unverändert in viele Träume übergehen. Für das
    indifferent gehaltene Redematerial des Traumes scheint auch die Lektüre
    eine reich fließende und schwer zu verfolgende Quelle abzugeben.
    Alles aber, was im Traume als Rede irgendwie auffällig hervortritt,
    unterwirft sich der Zurückführung auf reale, selbst gehaltene oder
    gehörte Rede.

    Beispiele für die Ableitung solcher Traumreden haben wir
    bereits bei der Analyse von Träumen gefunden, die zu anderen
    Zwecken mitgeteilt worden sind. So in dem „harmlosen Markt-
    traum“ auf Seite 134, in dem die Rede: Das ist nicht mehr zu
    haben
    , dazu dient, mich mit dem Fleischhauer zu identifizieren,
    während ein Stück der anderen Rede: Das kenne ich nicht, das
    nehme ich nicht
    , geradezu die Aufgabe erfüllt, den Traum harmlos
    zu machen. Die Träumerin hatte nämlich am Vortage irgend welche
    Zumutung ihrer Köchin mit den Worten zurückgewiesen: Das kenne
    ich nicht, benehmen Sie sich anständig, und nun von dieser
    Rede das indifferent klingende erste Stück in den Traum genommen,
    um mit ihm auf das spätere Stück anzuspielen, das in die Phantasie,
    welche dem Traume zu Grunde lag, sehr wohl gepaßt, aber auch die-
    selbe verraten hätte.

    Ein ähnliches Beispiel an Stelle vieler, die ja alle das nämliche
    ergeben:

    Ein großer Hof, in dem Leichen verbrannt werden.
    Er sagt: Du geh' ich weg, das kann ich nicht sehen.

    „Nächtlich am Busento lispeln . . .“?

    Weil sich seine Phantasie mit einem Stückchen Zitats:

    „Nächtlich am Busen“ begnügt.

    Es ist bekannt, daß der parodistische Witz auf dieses Stückchen Technik
    nicht verzichtet hat. Die „fliegenden Blätter“ brachten einst unter ihren Illustra-
    tionen an deutschen „Klassikern“ auch ein Bild zum Schillerschen „Siegefest“, zu
    dem du Zitat vorzeitig abgeschlossen war.

    „Und den frisch erkämpfen Weibes
    Freut sich der Atrid und strickt.“
    (Fortsetzung: Um den Reiz den schönen Leibes
    Seine Arme hochbeglückt.)]

  • S.

    280

    (Keine deutliche Rede.) Dann trifft er zwei Fleischhauer-
    buben und fragt: „Na, hat's geschmeckt?“ Der eine ant-
    wortet: Na, nöt gut war's. Als ob es Menschenfleisch
    gewesen wäre.

    Der harmlose Anlaß dieses Traumes ist folgender: Er macht
    nach dem Nachtmahl mit seiner Frau einen Besuch bei den braven,
    aber keineswegs appetitlichen Nachbarsleuten. Die gastfreund-
    liche alte Dame befindet sich eben bei ihrem Abendessen und
    nötigt ihn (man gebraucht dafür scherzhaft unter Männern ein zu-
    sammengesetztes, sexuell bedeutsames Wort) davon zu kosten. Er lehnt
    ab, er habe keinen Appetit mehr. „Aber gehen's weg, das werden
    Sie noch vertragen“ oder so ähnlich. Er muß also kosten und rühmt
    dann das Gebotene vor ihr. „Das ist aber gut.“ Mit seiner Frau
    wieder allein, schimpft er dann sowohl über die Aufdringlichkeit der
    Nachbarin, als auch über die Qualität der gekosteten Speise. „Das
    kann ich nicht sehen“, das auch im Traume nicht als eigentliche Rede
    auftritt, ist ein Gedanke, der sich auf die körperlichen Reize der ein-
    ladenden Dame bezieht, und zu übersetzen wäre, daß er diese zu
    schauen nicht begehrt.

    Lehrreicher wird sich die Analyse eines anderen Traumes ge-
    stalten, den ich wegen der sehr deutlichen Rede, die seinen Mittel-
    punkt bildet, schon an dieser Stelle mitteile, aber erst bei der Würdi-
    gung der Affekte im Traume aufklären werde. Ich träume sehr klar:
    Ich bin nachts ins Brückesche Laboratorium gegangen
    und öffne auf ein leises Klopfen an der Tür dem
    (ver-
    storbenen) Professor Fleischl, er mit mehreren Fremden
    eintritt und sich nach einigen Worten an seinen Tisch
    setzt. Dann folgt ein zweiter Traum: Mein Freund Fl. ist im
    Juli unauffällig nach Wien gekommen; ich begegne ihn
    auf der Straße im Gespräche mit meinem
    (verstorbenen)
    Freunde P. und gehe mit ihnen irgendwohin, wo sie
    einander wie an einem kleinen Tische gegenübersitzen,
    ich an der schmalen Seite des Tischchens vorn. Fl. er-
    zählt von seiner Schwester und sagt: In dreiviertel
    Stunden war sie tot, und dann etwas wie: Das ist die
    Schwelle. Du P. ihn nicht versteht, wendet sich Fl. an
    mich und fragt mich, wieviel von seinen Dingen ich P.
    denn mitgeteilt habe. Darauf ich, von merkwürdigen
    Affekten ergriffen, Fl. mitteilen will, daß P. (ja gar
    nichts wissen kann, weil er) gar nicht am Leben ist.
    Ich sage aber, den Irrtum selbst bemerkend: Non vixit.
    Ich sehe dann P. durchdringend an, unter meinem Blicke
    wird er bleich, verschwommen, seine Augen werden
    krankhaft blau — und endlich löst er sich auf. Ich bin
    ungemein erfreut darüber, verstehe jetzt, daß auch
    Ernst Fleischl nur eine Erscheinung, ein Revenant war,

  • S.

    281

    und finde es ganz wohl möglich, daß eine solche Person
    nur so lange besteht, als man es mag, und daß sie durch
    den Wunsch des anderen beseitigt werden kann.

    Dieser schöne Traum vereinigt so viele der am Trauminhalt
    rätselhaften Charaktere, — die Kritik während des Traumes selbst,
    daß ich meinen Irrtum, Non vixit zu sagen anstatt Non vivit, selbst
    bemerke; den unbefangenen Verkehr mit Verstorbenen, die der Traum
    selbst für verstorben erklärt; die Absurdität der Schlußfolgerung und
    die hohe Befriedigung, die dieselbe mir bereitet‚ — daß ich „für mein
    Leben gern“ die volle Lösung dieser Rätsel mitteilen möchte. Ich
    bin aber in Wirklichkeit unfähig, das zu tun — was ich nämlich im
    Traume tue — die Rücksicht auf so teure Personen meinem Ehrgeiz
    aufzuopfern. Bei jeder Verhüllung wäre aber der mir wohlbekannte
    Sinn dies Traumes zu Schaden geworden. So begnüge ich mich denn,
    zuerst hier, und dann an späterer Stelle einige Elemente des Traumes
    zur Deutung herauszugreifen.

    Das Zentrum des Traumes bildet eine Szene, in der ich P. durch
    einen Blick vernichte. Seine Augen werden dabei so merkwürdig und
    unheimlich blau, und dann löst er sich auf. Diese Szene ist die un-
    verkennbare Nachbildung einer wirklich erlebten. Ich war Demon-
    strator um physiologischen Institut, hatte den Dienst in den Früh-
    stunden, und Brücke hatte erfahren, daß ich einigemal zu spät ins
    Schülerlaboratorium gekommen war. Da kam er einmal pünktlich
    zur Eröffnung und wartete mich ab. Was er mir sagte, war karg und
    bestimmt; es kam aber gar nicht auf die Worte an. Das Überwälti-
    gende waren die fürchterlichen blauen Augen, mit denen er mich an-
    sah, und vor denen ich verging — wie P. im Traume, der zu meiner
    Erleichterung die Rollen verwechselt hat. Wer sich an die bis ins hohe
    Greisenalter wunderschönen Augen des großen Meisters erinnern kann
    und ihn je im Zorne gesehen hat, wird sich in die Affekte des jugend-
    lichen Sünders von damals leicht versetzen können.

    Es wollte mir aber lange nicht gelingen, das „Non vixit“ ab-
    zuleiten, mit dem ich im Traume jene Justiz übe, bis ich mich besann,
    daß diese zwei Worte nicht als gehörte oder gerufene, sondern als
    gesehene so hohe Deutlichkeit im Traume besessen hatten. Dann
    wußte ich sofort, woher sie stammten. Auf dem Postament des Kaiser
    Josef-Denkmals in der Wiener Hofburg sind die schönen Worte zu
    lesen:

    Saluti patriae vixit

    non diu sed totus.

    Aus dieser Inschrift hatte ich herausgeklaubt, was zu der einen feind-
    seligen Gedankenreihe in meinen Traumgedanken paßte, und was
    heißen sollte: Der Kerl hat ja gar nichts dreinzureden, er lebt ja gar
    nicht. Und nun mußte ich mich erinnern, daß der Traum wenige
    Tage nach der Enthüllung des Fleischl-Denkmals in den Arkaden
    der Universität geträumt worden war, wobei ich den Denkmal

  • S.

    282

    Brückes wiedergesehen hatte und (im Unbewußten) mit Bedauern
    erwogen haben muß, wie mein hochbegabter, und ganz der Wissen-
    schaft ergebener Freund P. durch einen allzufrühen Tod seinen be-
    gründeten Anspruch auf ein Denkmal in diesen Räumen verloren. So
    setzte ich ihm dies Denkmal im Traume; mein Freund P. hieß mit
    dem Vornamen Josef.*)

    Nach den Regeln der Traumdeutung wäre ich nun noch immer
    nicht berechtigt, des non vivit, das ich brauche, durch non vixit,
    das mir die Erinnerung an das Josefs—Monument zur Verfügung stellt,
    zu ersetzen. Ein anderes Element der Traumgedanken muß dies durch
    seinen Beitrag ermöglicht haben. Es heißt mich nun etwas darauf
    achten, daß in der Traumszene eine feindselige und eine zärtliche
    Gedankenströmung gegen meinen Freund P. zusammentreffen, die
    erstere oberflächlich, die letztere verdeckt, und in den nämlichen
    Worten: Non vixit ihre Darstellung erreichen. Weil er sich um
    die Wissenschaft verdient gemacht hat, errichte ich ihm ein Denkmal;
    aber weil er sich eines bösen Wunsches schuldig gemacht hat (der am
    Ende des Traumes ausgedrückt ist), darum vernichtete ich ihn. Ich
    habe da einen Satz von ganz besonderem Klange bildet, bei dem
    mich ein Vorbild beeinflußt haben muß. Wo findet sich nur eine
    ähnliche Antithese, ein solches Nebeneinanderstellen zweier entgegen-
    gesetzter Reaktionen gegen dieselbe Person, die beide den Anspruch
    erheben, voll berechtigt zu sein, und doch einander nicht stören wollen?
    An einer einzigen Stelle, die sich aber dem Leser tief einprägt; in
    der Rechtfertigungsrede des Brutus in Shakespeares Julius
    Cäsar:
    „Weil Cäsar mich liebte, wein' ich um ihn; weil er glück-
    lich war, freue ich mich; weil er tapfer war, ehr' ich ihn, aber weil
    er herrschsüchtig war, erschlug ich ihn.“ Ist das nicht der nämliche
    Satzbau und Gedankengegensatz wie in dem Traumgedanken, den
    ich aufgedeckt habe? Ich spiele also den Brutus im Traume. Wenn
    ich nur von dieser überraschenden Kollateralverbindung noch eine
    andere bestätigende Spur im Trauminhalt auffinden könnte! Ich denke,
    dies könnte folgendes sein: Mein Freund Fl. kommt im Juli nach
    Wien. Diese Einzelheit findet gar keine Stütze in der Wirklichkeit.
    Mein Freund ist im Monat Juli meines Wissens niemals in Wien
    gewesen. Aber der Monat Juli ist nach Julius Cäsar benannt und
    könnte darum sehr Wohl die von mir gesuchte Anspielung auf den
    Zwischengedanken, daß ich den Brutus spiele, vertreten.**)

    Merkwürdigerweise habe ich nun wirklich einmal den Brutus
    gespielt. Ich im die Szene Brutus und Cäsar aus Schillers Gedichten
    vor einem Auditorium von Kindern aufgeführt, und zwar als 14jähriger
    Knabe im Vereine mit meinem um ein Jahr älteren Neffen, damals

    *) Als Beitrag nur Überdeterminierung: Meine Entschuldigung für mein Zu-
    -spätkommen lag darin, daß ich nach langer Nachtarbeit am Morgen den weiten
    Weg von der Kaiserr Josef-Straße in die Währingerstraße zu machen hatte.

    **) Dazu noch Cäsar-Kaiser.

  • S.

    283

    aus England zu uns gekommen war, — auch so ein Revenant —
    denn es war der Gespiele meiner ersten Kinderjahre, der mit ihm
    wieder auftauchte. Bis zu meinem vollendeten dritten Jahre waren wir
    unzertrennlich gewesen, hatten einander geliebt und miteinander
    gerauft, und diese Kinderbeziehung hat, wie ich schon einmal ange-
    deutet, überall meine späteren Gefühle im Verkehre mit Alters-
    genossen entschieden. ein Neffe John hat seither sehr viele Inkar-
    nationen gefunden, die bald diese, bald jene Seite seines in meiner
    unbewußten Erinnerung unauslöschlich fixierten Wesens wiederbelebten.
    Er muß mich zeitweilig sehr schlecht behandelt haben, und ich muß
    Mut bewiesen haben gegen meinen Tyrannen, denn es ist mir in
    späteren Jahren oft eine kurze Rechtfertigungsrede wiedererzählt
    werden, mit der ich mich verteidigte, als mich der Vater — sein
    Großvater — zur Rede stellte: Warum schlägst du den John? Sie
    lautete in der Sprache des noch nicht Zweijährigen: Ich habe ihn
    ge(sch)lagt‚ weil er mich ge(sch)lagt
    hat. Diese Kinderszene
    muß es sein‚ die non vivit zum non vixit ablenkt, denn in der
    Sprache späterer Kinderjahre heißt ja das Schlagen — Wichsen;
    die Traumarbeit verschmäht es nicht, sich solcher Zusammenhänge zu
    bedienen. Die in der Realität so wenig begründete Feindseligkeit
    gegen meinen Freund P. der mir vielfach überlegen war und darum
    auch eine Neuausgabe des Kindergespielen abgeben konnte, geht
    sicherlich auf die komplizierte infantile Beziehung zu John zurück.
    Ich werde also auf diesen Traum noch zurückkommen.

    f) Absurde Träume. Die intellektuellen Leistungen im
    Traume.

    Bei unseren bisherigen Traumdeutungen sind wir so oft auf das
    Element der Absurdität im Trauminhalt gestoßen, daß wir die
    Untersuchung nicht länger aufschieben wollen, woher dasselbe rührt,
    und was es etwa bedeutet. Wir erinnern uns ja, daß die Absurdität
    der Träume den Gegnern der Traumschätzung ein Hauptargument bot,
    um im Traume nichts anderes als ein sinnloses Produkt einer redu-
    zierten und zerbröckelten Geistestätigkeit zu sehen.

    Ich beginne mit einigen Beispielen, in denen die Absurdität des
    Trauminhalts nur ein Anschein ist, der bei besserer Vertiefung in
    den Sinn des Traumes sofort verschwindet. Es sind einige Träume,
    die — wie man zuerst meint, zufällig — vom toten Vater handeln.

    I. Der Traum des Patienten, der seinen Vater vor sechs Jahren
    verloren:

    Dem Vater ist ein großes Unglück widerfahren. Er
    ist mit dem Nachtzuge gefahren, da ist eine Entgleisung
    erfolgt, die Sitze sin zusammengekommen, und ihm
    ist der Kopf quer zusammengedrückt worden. Er sieht
    ihn dann auf dem Bette liegen, mit einer Wunde über
    dem Augenbrauenrand links, die vertikal verläuft. Er

  • S.

    284

    wundert sich darüber, daß der Vater verunglückt ist
    (da er doch schon tot ist,
    wie er bei der Erzählung ergänzt).
    Die Augen sind so klar.

    Nach der herrschenden Beurteilung der Träume hätte man
    sich diesen Trauminhalt so aufzuklären: Der Träumer hat zuerst,
    während er sich den Unfall seines Vaters vorstellt, vergessen, daß
    dieser schon seit Jahren im Grabe ruht; im weiteren Verlaufe des
    Träumens wacht diese Erinnerung auf und bewirkt, daß er sich
    über den eigenen Traum noch selbst träumend verwundert. Die
    Analyse lehrt aber, daß es vor allem überflüssig ist, nach solchen
    Erklärungen zu greifen. Der Träumer hatte bei einem Künstler eine
    Büste des Vaters bestellt, die er zwei Tage vor dem Traume in
    Augenschein genommen hat. Diese ist es, die ihm verunglückt
    vorkommt. Der Bildhauer hat den Vater nie gesehen, er arbeitet
    nach ihm vorgelegten Photographien. Am Tage vor dem Traume
    selbst hat der pietätvolle Sohn einen alten Diener der Familie ins
    Atelier geschickt, ob auch der dasselbe Urteil über den marmornen
    Kopf fällen wird, nämlich daß er zu schmal in der Querrichtung
    von Schläfe zu Schläfe ausgefallen ist. Nun folgt das Erinnerungs-
    material, das zum Aufbau dieses Traumes beigetragen hat Der Vater
    hatte die Gewohnheit, wenn geschäftliche Sorgen oder Schwierigkeiten
    in der Familie ihn quälten, sich beide Hände gegen die Schläfen zu
    drücken, als ob er seinen Kopf, der ihm zu weit würde, zusammen-
    pressen wollte. — Als Kind von vier Jahren war unser Träumer
    zugegen, wie das Losgehen einer zufällig geladenen Pistole dem Vater
    die Augen schwärzte (die Augen sind so klar). — An der Stelle,
    wo der Traum die Verletzung des Vaters zeigt, trug der Lebende,
    wenn er nachdenklich oder traurig war, eine tiefe Längsfurche zur
    Schau. Daß diese Furche im Traume durch eine Wunde ersetzt ist,
    deutet auf die zweite Veranlassung des Traumes hin. Der Träumer
    hatte sein kleines Töchterchen photographiert; die Platte war ihm aus
    der Hand gefallen und zeigte, als er sie aufhob, einen Sprung, der
    wie eine senkrechte Furche über die Stirn der Kleinen lief und bis
    zum Augenbrauenbogen reichte. Da konnte er sich abergläubischer
    Ahnungen nicht erwehren, denn einen Tag vor dem Tode der Mutter
    war ihm die photographische Platte mit deren Abbild gesprungen.

    Die Absurdität dieses Traumes ist also bloß der Erfolg einer
    Nachlässigkeit des sprachlichen Ausdruckes, der die Büste und die
    Photographie von der Person nicht unterscheiden will. Wir sind alle
    gewöhnt so zu reden: Findest du den Vater nicht getroffen? Freilich
    wäre der Anschein der Absurdität in diesem Traume leicht zu ver-
    meiden gewesen. Wenn man schon nach einer einzigen Erfahrung
    urteilen dürfte, so möchte man sagen, dieser Anschein von Absurdität
    ist ein zugelassener oder gewollter.

    II. Ein zweites, ganz ähnliches Beispiel aus meinen eigenen
    Träumen (ich habe meinen Vater im Jahre 1896 verloren):

  • S.

    285

    Transkription CD 2023-07-30

    Der Vater hat nach seinem Tode eine politische
    Rolle beiden Magyaren gespielt, sie politisch geeinigt,

    wozu ich ein kleines undeutliches Bild sehe: eine Menschenmenge
    wie im Reichstage; eine Person, die auf einem oder auf
    zwei Stühlen steht, andere um ihn herum. Ich erinnere
    mich daran, daß er auf dem Totenbette Garibaldi so
    ähnlich gesehen hat, und freue mich, daß diese Verhei-
    ßung doch wahr geworden ist.

    Das ist doch absurd genug. Es ist zur Zeit geträumt, da die
    Ungarn durch parlamentarische Obstruktion in den gesetzlosen
    Zustand gerieten und jene Krise durchmachten, aus der Koloman
    Szell
    sie befreite. Der geringfügige Umstand, daß die im Traume
    gesehene Szene aus so kleinen Bildern besteht, ist nicht ohne Be-
    deutung für die Aufklärung dieses Elements. Die gewöhnliche visuelle
    Traumdarstellung unserer Gedanken ergibt Bilder, die uns etwa den
    Eindruck der Lebensgröße machen; mein Traumbild ist aber die
    Reproduktion eines in den Text einer illustrierten Geschichte Österreichs
    eingeschobenen Holzschnittes, der Maria Theresia auf dem Reichstage
    von Preßburg darstellt; die berühmte Szene des „Moriamur pro rege
    nostro“*). Wie dort Maria Theresia, so steht im Traume der Vater
    von der Menge umringt; er steht aber auf einem oder zwei Stühlen,
    also als Stuhlrichter. (Er hat sie geeinigt: — hier vermittelt die
    Redensart: Wir werden keinen Richter brauchen.) Daß er auf
    dem Totenbette Garibaldi so ähnlich sah, haben wir Umstehenden
    wirklich alle bemerkt. Er hatte postmortale Temperatursteigerung,
    seine Wangen glühten rot und röter … unwillkürlich setzen wir
    fort: Und hinter ihm, in wesenlosem Scheine Iag, was uns alle bändigt‚
    das Gemeine.

    Diese Erhebung unserer Gedanken bereitet uns darauf vor, daß wir
    gerade mit dem „Gemeinen“ zu tun bekommen sollen. Das „ post-
    mortale
    “ der Temperaturerhöhung entspricht den Worten „nach
    seinem Tode
    “ im Trauminhalt. Das Quälendste seiner Leiden war
    die völlige Darmlähmung (Obstruktion) der letzten Wochen ge-
    wesen. An diese knüpfen allerlei unehrbietige Gedanken an. Einer
    meiner Altersgenossen, der seinen Vater noch als Gymnasiast verlor,
    bei welchem Anlaß ich ihm dann tief erschüttert meine Freundschaft
    antrug, erzählte mir einmal höhnend von dem Schmerze einer Ver-
    wandten, deren Vater auf der Straße gestorben und nach Hause ge-
    bracht worden war, wo sich dann bei der Entkleidung der Leiche
    fand, daß im Moment des Todes oder postmortal eine Stuhl-
    entleernng
    stattgefunden hatte. Die Tochter war so tief unglücklich

    *) Ich weiß nicht mehr, bei welchem Autor ich einen Traum erwähnt gefunden
    habe, in dem es von ungewöhnlich kleinen Gestalten wimmelte, und als dessen Quelle
    sich einer der Stiche Jacques Callots herausstellte, die der Träumer bei Tag
    betrachtet hatte. Diese Stiche enthalten allerdings eine Unzahl sehr kleiner Figuren;
    eine Reihe derselben behandelt die Greuel des Dreißigjährigen Krieges.

  • S.

    Transkription CD 2023-07-30

    286

    darüber, daß ihr dieses häßliche Detail die Erinnerung an den Vater
    stören mußte. Hier sind wir nun zu dem Wunsche vorgedrungen, der
    sich in diesem Traume verkörpert. Nach seinem Tode rein und
    groß vor seinen Kindern dastehen
    , wer möchte das nicht
    wünschen?  Wohin ist die Absurdität dieses Traumes geraten? Ihr
    Anschein ist nur dadurch zu stande gekommen, daß eine völlig zulässige
    Redensart, bei welcher wir gewöhnt sind über die Absurdität hinweg-
    zusehen, die zwischen ihren Bestandteilen vorhanden sein mag, im
    Traume getreulich dargestellt wird. Auch hier können wir den Eindruck
    nicht abweisen, daß der Anschein der Absurdität ein gewollter, absicht-
    lich hervorgerufener, ist.*)

    III. Indem Beispiel, das ich jetzt anführe, kann ich die Traumarbeit
    dabei ertappen, wie sie eine Absurdität, zu der im Material gar kein
    Anlaß ist, absichtlich fabriziert. Es stammt uns dem Traum, den mir
    die Begegnung mit dem Grafen Thun vor meiner Ferialreise ein-
    gegeben hat. „Ich fahre in einem Einspänner und gebe
    Auftrag zu einem Bahnhofe zu fahren. „Auf der Bahnstrecke

    *) Die Häufigkeit‚ mit welcher im Traume tote Personen wie lebend auftreten,
    handeln und mit uns verkehren, hat eine ungebührliche Verwunderung hervorgerufen
    und sonderbare Erklärungen erzeugt, aus denen unser Unverständnis für den Traum
    sehr auffällig erhellt. Und doch ist die Aufklärung dieser Traume eine sehr nahe-
    Iiegende. Wie oft kommen wir in die Lage uns zu denken: Wenn der Vater noch
    leben würde, was würde er dazu sagen? Dieses Wenn kann der Traum nicht anders
    darstellen als durch die Gegenwart in einer bestimmten Situation. So träumt z. B.
    ein junger Mann, dem sein Großvater ein großes Erbe hinterlassen hat, bei einer
    Gelegenheit von Vorwurf wegen einer bedeutenden Geldausgabe, der Großvater sei
    wieder am Leben und fordere Rechenschaft von ihm. Was wir für die Auflehnung
    gegen den Traum halten, der Einspruch aus unserem besseren Wissen, daß der Mann
    doch schon gestorben sei, ist in Wirklichkeit der Trostgedanke, daß der Verstorbene
    das nicht zu erleben brauchte, oder die Befriedigung darüber, daß er nichts mehr
    dreinzureden hat.

    [Eine andere Art von Absurdität, die sich in Träumen von toten Angehörigen
    findet, drückt nicht Spott und Hohn aus, sondern dient der äußersten Ablehnung, der
    Darstellung eines verdrängten Gedankens, den man gerne als das Allerundenkbarste
    hinstellen möchte. Träume dieser Art erscheinen nur auflösbar, wenn man sich erinnert,
    daß der Traum zwischen Gewünschtem und Realem keinen Unterschied macht. So
    träumt z. B. ein Mann, der seinen Vater in dessen Krankheit gepflegt und unter
    dessen Tod schwer gelitten hatte, eine Zeit nachher folgenden unsinnigen Traum:
    Der Vater war wieder um Leben und sprach mit ihm wie sonst, aber
    (das Merkwürdige war), er war doch gestorben und wußte es nur nicht.
    Man versteht diesen Traum‚ wenn man nach „er war doch gestorben“ einsetzt:
    infolge des Wunsches des Träumers und zu „er wußte es nicht" ergänzt:
    daß der Träumer diesen Wunsch hatte. Der Sohn hatte während der Kranken-
    pflege wiederholt den Vater tot gewünscht, d. h. den eigentlich erbarmungsvollen
    Gedanken gehabt, der Tod möge doch endlich dieser Qual ein Ende machen. In der
    Trauer nach dem Tode wurde selbst dieser Wunsch des Mitleidens zum unbewußten
    Vorwurf, als ob er durch ihn wirklich beigetragen hatte, das Leben des Kranken zu
    verkürzen. Durch Erweckung der frühinfantilsten Regungen gegen den Vater wurde
    es möglich, diesen Vorwurf als Traum auszudrücken‚ aber gerade wegen der welten-
    weiten Gegensätzlichkeit zwischen dem Traumerreger und dem Tagesgedanken mußte
    dieser Traum so absurd ausfallen (Vgl. hiezu: Formulierungen über die zwei Prinzipien
    des seelischen Geschehens. Jahrbuch Bleuler‑Freud III. 1. 1911).]

  • S.

    287

    selbst kann ich natürlich nicht mit Ihnen fahren“
    sage ich, nachdem er einen Einwand gemacht, als ob ich
    ihn übermüdet hatte; dabei ist es so, als wäre ich schon
    eine Strecke mit ihm gefahren, die man sonst mit der
    Bahn fährt.
    Zu dieser verworrenen und unsinnigen Geschichte gibt
    die Analyse folgende Aufklärungen: Ich hatte am Tage einen Ein-
    spänner genommen, der mich nach Dornbach in eine entlegene Straße
    führen sollte. Er kannte aber den Weg nicht und fuhr nach Art dieser
    guten Leute immer weiter, bis ich es merkte und ihm den Weg zeigte,
    wobei ich ihm einige spöttische Bemerkungen nicht ersparte. Von
    diesem Kutscher spinnt sich eine Gedankenverbindung zu den Aristo-
    kraten an, mit der ich später noch zusammentreffen werde. Vorläufig
    nur die Andeutung, daß uns bürgerlichem Plebs die Aristokratie
    dadurch auffällig wird, daß sie sich mit Vorliebe an die Stelle des
    Kutschers setzt. Graf Thun lenkt ja auch den Staatswagen von
    Österreich. Der nächste Satz im Traume bezieht sich aber auf
    meinen Bruder, den ich also mit dem Einspännerkutscher identifiziere.
    Ich hatte ihm heuer die gemeinsame Italienfahrt abgesagt („Auf die
    Bahnstrecke selbst kann ich mit Ihnen nicht fahren“), und diese
    Absage war eine Art Bestrafung für seine sonstige Klage, daß ich
    ihn auf diesen Reisen zu übermüden pflege (was unverändert in
    den Traum gelangt), indem ich ihm zu rasche Ortsveränderung,
    zuviel des Schönen an einem Tage, zumute. Mein Bruder hatte
    mich an diesem Abend zum Bahnhofe begleitet, war aber kurz vorher
    bei der Stadtbahnstation Westbahnhof ausgesprungen, um mit der
    Stadtbahn nach Purkersdorf zu fahren. Ich hatte ihm bemerkt, er
    könne noch eine Weile länger bei mir bleiben, indem er nicht mit
    der Stadtbahn‚ sondern mit der Westbahn nach Purkersdorf fahre.
    Davon ist in den Traum gekommen, daß ich mit dem Wagen eine
    Strecke gefahren bin, die man sonst mit der Bahn fährt. In
    Wirklichkeit war es umgekehrt (und „Umgekehrt ist auch ge-
    fahren
    “); ich hatte meinem Bruder gesagt: Die Strecke, die du mit
    der Stadtbahn fährst, kannst du auch in meiner Gesellschaft in der
    Westbahn fahren. Die ganze Traumverwirrung richte ich dadurch
    an, daß ich anstatt „Stadtbahn“ — „Wagen“ in den Traum einsetze,
    was allerdings zur Zusammenziehung des Kutschers mit dem Bruder
    gute Dienste leistet. Dann bekomme ich im Traume etwas Unsinniges
    heraus, was bei der Erklärung kaum entwirrbar scheint, und beinahe
    einen Widerspruch mit einer früheren Rede von mir („Auf die Bahn-
    strecke selbst kann ich mit Ihnen nicht fahren“) herstellt. Da ich
    aber Stadtbahn und Einspännerwagen überhaupt nicht zu verwechseln
    brauche, muß ich diese ganze rätselhafte Geschichte im Traume ab-
    sichtlich so gestaltet haben.

    In welcher Absicht aber? Wir sollen nun erfahren, was die
    Absurdität im Traume bedeutet, und aus welchen Motiven sie zugelassen
    oder geschaffen wird. Die Lösung des Geheimnisses im vorliegenden

  • S.

    Transkription CD 2023-07-30

    288

    Falle ist folgende: Ich brauche im Traume eine Absurdität und etwas
    Unverständliches in Verbindung mit dem „Fahren“, weil ich in den
    Traumgedanken ein gewisses Urteil habe, das nach Darstellung ver-
    langt. An einem Abend bei jener gastfreundlichen und geistreichen
    Dame, die in einer anderen Szene des nämlichen Traumes als „Haus-
    hälterin“ auftritt, hatte ich zwei Rätsel gehört, die ich nicht auflösen
    konnte. Da sie der übrigen Gesellschaft bekannt waren, machte ich
    mit meinen erfolglosen Bemühungen die Lösung zu finden eine etwas
    lächerliche Figur. Es waren zwei Äquivoke mit „Nachkommen“ und
    „Vorfahren“. Sie lauteten, glaube ich, so:

    Der Herr befiehlt’s,
    Der Kutscher tut’s.
    Ein jeder hat’s‚
    Im Grabe ruht’s.            (Vorfahren.)

    Verwirrend wirkte es, daß das zweite Rätsel zur einen Hälfte
    identisch mit dem ersten war:

    Der Herr befiehlt’s,
    Der Kutscher tut’s.
    Nicht jeder hat’s,
    In der Wiege ruht’s.        (Nachkommen.)

    Als ich nun den Grafen Thun so großmächtig vorfahren
    sah, in die Figaro-Stimmung geriet, die das Verdienst der hohen
    Herren darin findet, daß sie sich die Mühe gegeben haben, geboren
    zu werden (Nachkommen zu sein), wurden diese beiden Rätsel zu
    Zwischengedanken für die Traumarbeit. Da man Aristokraten leicht
    mit Kutschern verwechseln kann, und man dem Kutscher früher
    einmal in unseren Landen „Herr Schwager“ zu sagen pflegte, konnte
    die Verdichtungsarbeit meinen Bruder in dieselbe Darstellung einbe-
    ziehen. Der Traumgedanke aber, der dahinter gewirkt hat, lautet:
    Es ist ein Unsinn, auf seine Vorfahren stolz zu sein.
    Lieber bin ich selber ein Vorfahr, ein Ahnherr.
    Wegen
    dieses Urteils: Es ist ein Unsinn, also der Unsinn im Traume. Jetzt
    löst sich wohl auch das letzte Rätsel dieser dunklen Traumstelle, daß
    ich mit dem Kutscher schon vorher gefahren, mit ihm schon
    vorgefahren.

    Der Traum wird also dann absurd gemacht, wenn in den Traum-
    gedanken als eines der Elemente des Inhalts das Urteil vorkommt:
    Das ist ein Unsinn, wenn überhaupt Kritik und Spott einen der un-
    bewußten Gedankenzüge des Träumers motivieren. Das Absurde wird
    somit eines der Mittel, durch welches die Traumarbeit den Wider-
    spruch darstellt, wie die Umkehrung einer Materialbeziehung zwischen
    Traumgedanken und Trauminhalt, wie die Verwertung der motorischen
    Hemmungsempfindung. Das Absurde des Traumes ist aber nicht mit
    einem einfachen „Nein“ zu übersetzen, sondern soll die Disposition
    der Traumgedanken wiedergeben, gleichzeitig mit dem Widerspruch

  • S.

    289

    zu höhnen oder zu lachen. Nur in dieser Absicht liefert die Traum-
    arbeit etwas Lächerliches. Sie verwandelt hier wiederum ein Stück
    des latenten Inhalts in eine manifeste Form.
    *)

    Eigentlich sind wir einem überzeugenden Beispiel von solcher
    Bedeutung eines absurden Traumes schon begegnet. Jener ohne Ana-
    lyse gedeutete Traum von der Wagnervorstellung, die bis morgens
    ¾8 Uhr dauert, bei der das Orchester von einem Turme aus dirigiert
    wird usw. (siehe Seite 267) will offenbar besagen: Das ist eine ver-
    drehte
    Welt und eine verrückte Gesellschaft. Wer’s verdient, den
    trifft es nicht, und wer sich nichts daraus macht, der hat’s, womit sie
    ihr Schicksal im Vergleiche zu dem ihrer Kousine meint. — Daß sich
    uns als Beispiele für die Absurdität der Träume zunächst solche vom
    toten Vater dargeboten haben, ist auch keineswegs ein Zufall. Hier
    finden sich die Bedingungen für die Schöpfung absurder Träume in
    typischer Weise zusammen. Die Autorität, die dem Vater eigen ist,
    hat frühzeitig die Kritik des Kindes hervorgerufen; die strengen
    Anforderungen, die er gestellt, haben das Kind veranlaßt, zu seiner
    Erleichterung auf jede Schwäche des Vaters scharf zu achten; aber
    die Pietät, mit der die Person des Vaters besonders nach seinem Tode
    für unser Denken umgeben ist, verschärft die Zensur, welche die
    Äußerungen dieser Kritik vom Bewußtwerden abdrängt.

    IV. Ein neuer absurder Traum vom toten Vater:

    Ich erhalte eine Zuschrift vom Gemeinderat meiner
    Geburtsstadt betreffend die Zahlungskosten für eine
    Unterbringung im Spital im Jahre 1851, die wegen eines
    Anfalls bei mir notwendig war. Ich mache mich darüber
    lustig, denn erstens war ich 1851 noch nicht am Leben,
    zweitens ist mein Vater, auf den es sich beziehen kann,
    schon tot. Ich gehe zu ihm ins Nebenzimmer, wo er auf
    dem Bette liegt, und erzähle es ihm. Zu meiner Über-
    raschung erinnert er sich, daß er damals 1851 einmal
    betrunken war und eingesperrt oder verwahrt werden
    mußte. Es war, als er für das Haus T … gearbeitet. Du
    hast also auch getrunken, frage ich. Bald darauf hast
    du geheiratet? Ich rechne, daß ich ja 1856 geboren bin,
    war mir als unmittelbar folgend vorkommt.

    Die Aufdringlichkeit, mit welcher dieser Traum seine Absurditäten
    zur Schau trägt, werden wir nach den letzten Erörterungen nur als
    Zeichen einer besonders erbitterten und leidenschaftlichen Polemik in

    *) Die Traumarbeit parodiert also den ihr als lächerlich bezeichneten Gedanken,
    indem sie etwas Lächerliches in Beziehung mit ihm erschafft. So ähnlich verfährt
    Heine, wenn er die schlechten Verse des Bayerkönigs verspotten will. Er tut es in
    noch schlechteren:

    Herr Ludwig ist ein großer Poet,
    Und singt er, so stürzt Apollo
    Vor ihm auf die Knie und bittet und fleht,
    „Halt ein, ich werde sonst toll oh!"

  • S.

    290

    den Traumgedanken übersetzen. Mit um so größerer Verwunderung
    konstatieren wir aber, daß in diesem Traume die Polemik offen betrieben
    und der Vater als diejenige Person bezeichnet ist, die zum Ziele des
    Gespöttes gemacht wird. Solche Offenheit scheint unseren Voraus-
    setzungen über die Zensur bei der Traumarbeit zu widersprechen.
    Zur Aufklärung dient aber, daß hier der Vater nur eine vor-
    geschobene Person ist, während der Streit mit einer anderen geführt
    wird, die im Traume durch eine einzige Anspielung zum Vorschein
    kommt. Während sonst der Traum von Auflehnung gegen andere
    Personen handelt, hinter denen sich der Vater verbirgt, ist es hier
    umgekehrt; der Vater wird ein Strohmann zur Deckung anderer,
    und der Traum darf darum so unverhüllt sich mit seiner sonst ge-
    heiligten Person beschäftigen, weil dabei ein sicheres Wissen mitspielt,
    daß er nicht in Wirklichkeit gemeint ist. Man erfährt diesen Sach-
    verhalt aus der Veranlassung des Traumes. Er erfolgte nämlich,
    nachdem ich gehört hatte, ein älterer Kollege, dessen Urteil für un-
    antastbar gilt, äußere sich abfällig und verwundert darüber, daß einer
    meiner Patienten die psychoanalytische Arbeit bei mir jetzt schon
    ins fünfte Jahr fortsetze. Die einleitenden Sätze des Traumes
    deuten in durchsichtiger Verhüllung darauf hin, daß dieser Kollege
    eine Zeitlang die Pflichten übernommen, die der Vater nicht mehr
    erfüllen konnte (Zahlungskosten, Unterbringung im Spital);
    und als unsere freundschaftlichen Beziehungen sich zu lösen begannen,
    geriet ich in denselben Empfindungskonflikt, der im Falle einer Miß-
    helligkeit zwischen Vater und Sohn durch die Rolle und die früheren
    Leistungen des Vaters erzwungen wird. Die Traumgedanken wehren
    sich nun erbittert gegen den Vorwurf, daß ich nicht schneller
    vorwärts komme
    , der von der Behandlung dieses Patienten her
    sich dann auch auf anderes erstreckt. Kennt er denn jemanden, der
    das schneller machen kann? Weiß er nicht, daß Zustände dieser Art
    sonst überhaupt unheilbar sind und lebenslange dauern? Was sind
    vier bis fünf Jahre gegen die Dauer eines ganzen Lebens, zumal,
    wenn dem Kranken die Existenz während der Behandlung so sehr
    erleichtert worden ist?
    Das Gepräge der Absurdität wird in diesem Traume zum guten
    Teil dadurch erzeugt, daß Sätze aus verschiedenen Gebieten der Traum-
    gedanken ohne vermittelnden Übergang aneinander gereiht werden. So
    verläßt der Satz: Ich gehe zu ihm ins Nebenzimmer etc.
    das Thema, aus dem die vorigen Sätze geholt sind, und reproduziert
    getreulich die Umstände, unter denen ich dem Vater meine eigen-
    mächtige Verlobung mitgeteilt habe. Er will mich also an die vor-
    nehme Uneigennützigkeit mahnen, die der alte Mann damals bewies,
    und diese in Gegensatz zu dem Benehmen eines anderen, einer neuen
    Person, bringen. Ich merke hier, daß der Traum darum den Vater
    verspotten darf, weil er in den Traumgedanken in voller Anerkennung
    anderen als Muster vorgehalten wird. Es liegt im Wesen jeder Zensur,

  • S.

    291

    daß man von den unerlaubten Dingen das, was unwahr ist, eher sagen
    darf als die Wahrheit. Der nächste Satz, daß er sich erinnert, ein-
    mal betrunken und darum eingesperrt
    gewesen zu sein,
    enthält nichts mehr, was sich in der Realität auf den Vater bezieht.
    Die von ihm gedeckte Person ist hier niemand geringerer als der
    große — Meynert, dessen Spuren ich mit so hoher Verehrung ge-
    folgt bin, und dessen Benehmen gegen mich nach einer kurzen Periode
    der Bevorzugung in unverhüllte Feindseligkeit umschlug. Der Traum
    erinnert mich an seine eigene Mitteilung, er habe in jungen Jahren ein-
    mal der Gewohnheit gefrönt, sich mit Chloroform zu be-
    rauschen
    , und habe darum die Anstalt aufsuchen müssen, und
    an ein zweites Erlebnis mit ihm kurz vor seinem Ende. Ich hatte
    einen erbitterten literarischen Streit mit ihm geführt in Sachen der
    männlichen Hysterie, die er leugnete, und als ich ihn als Totkranken
    besuchte und nach seinem Befinden fragte, verweilte er bei der Be-
    schreibung seiner Zustände und schloß mit den Worten: „Sie wissen,
    ich war immer einer der schönsten Fälle von männlicher Hysterie.“
    So hatte er zu meiner Genugtuung und zu meinem Erstaunen
    zugegeben, wogegen er sich so lange hartnäckig gesträubt. Daß ich
    aber in dieser Szene des Traumes Meynert durch meinen Vater
    verdecken kann, hat seinen Grund nicht in einer zwischen beiden
    Personen aufgefundenen Analogie, sondern ist die knappe, aber völlig
    zureichende Darstellung eines Konditionalsatzes in den Traumgedanken,
    der ausführlich lautet: Ja, wenn ich zweite Generation, der Sohn eines
    Professors oder Hofrates, wäre, dann wäre ich freilich rascher
    vorwärts gekommen
    . Im Traume mache ich nun meinen Vater
    zum Hofrat und Professor. Die gröbste und störendste Absurdität
    des Traumes liegt in der Behandlung der Jahreszahl 1851, die mir
    von 1856 gar nicht verschieden vorkommt, als würde die Diffe-
    renz von fünf Jahren gar nichts bedeuten
    . Gerade dies soll
    aber aus den Traumgedanken zum Ausdruck gebracht werden. Vier
    bis fünf Jahre
    , das ist der Zeitraum, während dessen ich die
    Unterstützung des eingangs erwähnten Kollegen genoß, aber auch die
    Zeit, während welcher ich meine Braut auf die Heirat warten ließ,
    und durch ein zufälliges, von den Traumgedanken gern ausgenütztes
    Zusammentreffen auch die Zeit, während welcher ich jetzt meinen ver-
    trautesten Patienten auf die völlige Heilung warten lasse. „Was
    sind fünf Jahre?
    “ fragen die Traumgedanken. „Das ist für
    mich keine Zeit, das kommt nicht in Betracht
    . Ich habe
    Zeit genug vor mir, und wie jenes endlich geworden ist, was Ihr
    auch nicht glauben wolltet, so werde ich auch dies zu stande bringen.“
    Außerdem aber ist die Zahl 51, vom Jahrhundert abgelöst, noch
    anders, und zwar im gegensätzlichen Sinne determiniert; sie kommt
    darum auch mehrmals im Traume vor. 51 ist das Alter, in dem der
    Mann besonders gefährdet erscheint, in dem ich Kollegen plötzlich

  • S.

    292

    habe sterben sehen, darunter einen, der nach langem Harren einige
    Tage vorher zum Professor ernannt worden war.

    V. Ein anderer absurder Traum, der mit Zahlen spielt.

    Einer meiner Bekannten, Herr M., ist von keinem
    Geringeren als von Goethe in einem Aufsatze an-
    gegriffen worden, wie wir alle meinen, mit ungerecht-
    fertigt großer Heftigkeit. Herr M. ist durch diesen
    Angriff natürlich vernichtet. Er beklagt sich darüber
    bitter bei einer Tischgesellschaft; seine Verehrung für
    Goethe hat aber unter dieser persönlichen Erfahrung
    nicht gelitten. Ich suche mir die zeitlichen Verhältnisse,
    die mir unwahrscheinlich vorkommen, ein wenig auf-
    zuklären. Goethe ist 1832 gestorben; da sein Angriff
    auf M. natürlich früher erfolgt sein muß, so war
    Herr M. damals ein ganz junger Mann. Es kommt mir
    plausibel vor, daß er 18 Jahre alt war. Ich weiß aber
    nicht sicher, welches Jahr wir gegenwärtig schreiben,
    und so versinkt die ganze Berechnung im Dunkel. Der
    Angriff ist übrigens in dem bekannten Aufsatze von
    Goethe „Natur“ enthalten.

    Wir werden bald die Mittel in der Hand haben, den Blödsinn
    dieses Traumes zu rechtfertigen. Herr M., den ich aus einer Tisch-
    gesellschaft
    kenne, hatte mich unlängst aufgefordert, seinen
    Bruder zu untersuchen, bei dem sich Zeichen von paralytischer
    Geistesstörung
    bemerkbar machten. Die Vermutung war richtig;
    es ereignete sich bei diesem Besuche das Peinliche, daß der Kranke
    ohne jeden Anlaß im Gespräche den Bruder durch Anspielung auf
    dessen Jugendstreiche bloßstellte. Den Kranken hatte ich nach
    seinem Geburtsjahre gefragt und ihn wiederholt zu kleinen Be-
    rechnungen veranlaßt, um seine Gedächtnisschwächung klar zu legen;
    Proben, die er übrigens noch recht gut bestand. Ich merke schon,
    daß ich mich im Traume benehme wie ein Paralytiker. (Ich weiß
    nicht sicher, welches Jahr wir schreiben.
    ) Anderes Material
    des Traumes stammt aus einer anderen rezenten Quelle. Ein mir
    befreundeter Redakteur einer medizinischen Zeitschrift hatte eine
    höchst ungnädige, eine „vernichtende“ Kritik über das letzte
    Buch meines Freundes Fl. in Berlin in sein Blatt aufgenommen, die
    ein recht jugendlicher und wenig urteilsfähiger Referent verfaßt
    hatte. Ich glaubte ein Recht zur Einmengung zu haben und stellte
    den Redakteur zur Rede, der die Aufnahme der Kritik lebhaft be-
    dauerte, aber eine Remedur nicht versprechen wollte. Daraufhin
    brach ich meine Beziehungen zur Zeitschrift ab und hob in meinem
    Absagebriefe die Erwartung hervor, daß unsere persönlichen
    Beziehungen unter diesem Vorfalle nicht leiden würden.

    Die dritte Quelle dieses Traumes ist die damals frische Erzählung
    einer Patientin von der psychischen Erkrankung ihres Bruders, der

  • S.

    293

    mit dem Ausrufe „Natur, Natur“ in Tobsucht verfallen war. Die
    Ärzte hatten gemeint, der Ausruf stamme aus der Lektüre jenes
    schönen Aufsatzes von Goethe und deute auf die Überarbeitung
    des Erkrankten bei seinen naturphilosophischen Studien. Ich zog es
    vor, an den sexuellen Sinn zu denken, in dem auch die Minder-
    gebildeten bei uns von der „Natur“ reden, und daß der Unglückliche
    sich später an den Genitalien verstümmelte, schien mir wenigstens
    nicht Unrecht zu geben. 18 Jahre war das Alter dieses Kranken,
    als jener Tobsuchtsanfall sich einstellte.

    Wenn ich noch hinzufüge, daß das so hart kritisierte Buch
    meines Freundes („Man fragt sich, ist der Autor verrückt oder ist
    man es selbst," hatte ein anderer Kritiker geäußert) sich mit den
    zeitlichen Verhältnissen des Lebens beschäftigt und auch
    Goethes Lebensdauer auf ein Vielfaches einer für die Biologie be-
    deutsamen Zahl zurückführt, so ist es leicht einzusehen, daß ich
    mich im Traume an die Stelle meines Freundes setze. (Ich suche
    mir die zeitlichen Verhältnisse . . . ein wenig auf-
    zuklären.
    ) Ich benehme mich aber wie ein Paralytiker und der
    Traum schwelgt in Absurdität. Das heißt also, die Traumgedanken
    sagen ironisch: „Natürlich, er ist der Narr, der Verrückte, und Ihr
    seid die genialen Leute, die es besser verstehen. Vielleicht aber doch
    umgekehrt?“ Und diese Umkehrung ist nun ausgiebig im Traum-
    inhalt vertreten, indem Goethe den jungen Mann angegriffen hat,
    was absurd ist, während leicht ein ganz junger Mensch noch heute
    den unsterblichen Goethe angreifen könnte, und indem ich vom
    Sterbejahre Goetes an rechne, während ich den Paralytiker
    von seinem Geburtsjahre an rechnen ließ.

    Ich habe aber auch versprochen zu zeigen, daß kein Traum
    von anderen als egoistischen Regungen eingegeben wird. Somit muß
    ich es rechtfertigen, daß ich in diesem Traume die Sache meines
    Freundes zu der meinigen mache und mich an seine Stelle setze.
    Meine kritische Überzeugung im Wachen reicht hiefür nicht aus.
    Nun spielt aber die Geschichte des 18jährigen Kranken und die ver-
    schiedenartige Deutung seines Ausrufes „Natur“ auf den Gegensatz
    an, in den ich mich mit meiner Behauptung einer sexuellen Ätiologie
    für die Psychoneurosen zu den meisten Ärzten gebracht habe. Ich
    kann mir sagen: So wie deinem Freunde, so wird es auch dir mit der
    Kritik ergehen, ist dir zum Teil auch bereits so ergangen, und nun
    darf ich das „Er“ in den Traumgedanken durch ein „Wir“ ersetzen.
    „Ja, Ihr habt recht, wir zwei sind die Narren.“ Daß „mea res agitur“,
    daran mahnt mich energisch die Erwähnung des kleinen, unvergleichlich
    schönen Aufsatzes von Goethe, denn der Vortrag dieses Aufsatzes
    in einer populären Vorlesung war es, der mich schwankenden Abi-
    turienten zum Studium der Naturwissenschaften drängte.

    VI. Ich bin es schuldig geblieben, noch von einem anderen Traume,
    In dem mein Ich nicht vorkommt, zu zeigen, daß er egoistisch ist.

  • S.

    294

    Ich erwähnte auf Seite 195 einen kurzen Traum, daß Professor M.
    sagt: „Mein Sohn, der Myop. . .“ und gab an, das sei nur ein
    Vortraum zu einem anderen, indem ich eine Rolle spiele. Hier ist
    der fehlende Haupttraum, der uns eine absurde und unverständliche
    Wortbildung zur Aufklärung bietet:

    Wegen irgend welcher Vorgänge in der Stadt Rom
    ist es notwendig, die Kinder zu flüchten, was auch ge-
    schieht. Die Szene ist dann vor einem Tore, Doppel-
    tor nach antiker Art (die Porta romana in Siena, wie
    ich noch im Traume weiß). Ich sitze auf dem Rande eines
    Brunnens und bin sehr betrübt, weine fast. Eine weib-
    liche Person — Wärterin, Nonne — bringt die zwei
    Knaben heraus und übergibt sie dem Vater, der nicht
    ich bin. Der Ältere der beiden ist deutlich mein
    Ältester, das Gesicht des anderen sehe ich nicht; die
    Frau, die den Knaben bringt, verlangt zum Abschied
    einen Kuß von ihm. Sie zeichnet sich durch eine rote
    Nase aus. Der Knabe verweigert ihr den Kuß, sagt aber,
    ihr zum Abschied die Hand reichend:
    Auf Geseres und
    zu uns beiden
    (oder zu einem von uns): Auf Ungeseres.
    Ich habe die Idee, daß letzteres einen Vorzug bedeutet.

    Dieser Traum baut sich auf einem Knäuel von Gedanken auf,
    die durch ein im Theater gesehenes Schauspiel „Das neue Ghetto“
    angeregt wurden. Die Judenfrage‚ die Sorge um die Zukunft der
    Kinder, denen man ein Vaterland nicht geben kann, die Sorge, sie
    so zu erziehen, daß sie freizügig werden können, sind in den zuge-
    hörigen Traumgedanken leicht zu erkennen.

    „An den Wässern Babels saßen wir und weinten.“ —
    Siena ist wie Rom durch seine schönen Brunnen berühmt; für Rom
    muß ich im Traume (vergl. Seite 141) mir irgend einen Ersatz aus be-
    kannten Örtlichkeiten suchen. Nahe der Porta romana von Siena
    sahen wir ein großes, hell erleuchtetes Haus. Wir erfuhren, daß es
    das Manicomio, die Irrenanstalt sei. Kurz vor dem Traume hatte ich
    gehört, daß ein Glaubensgenosse seine mühselig erworbene Anstellung
    an einer staatlichen Irrenanstalt hatte aufgeben müssen.

    Unser Interesse erweckt die Rede. Auf Geseres, wo man nach
    der im Traume festgehaltenen Situation erwarten müßte: Auf Wieder-
    sehen, und ihr ganz sinnloser Gegensatz: Auf Ungeseres.

    Geseres ist nach den Auskünften, die ich mir bei Schrift-
    gelehrten geholt habe, ein echt hebräisches Wort, abgeleitet von einem

    Verbum „goiser“ und läßt sich am besten durch „anbefohlene Leiden,
    Verhängnis“, wiedergeben. Nach der Verwendung des Wortes im
    Jargon sollte man meinen, es bedeute „Klagen und Jammern“. Un-
    geseres
    ist meine eigenste Wortbildung und zieht meine Aufmerk-
    samkeit zuerst auf sich, macht mich aber zunächst ratlos. Die kleine
    Bemerkung zu Ende des Traumes, daß Ungeseres einen Vorzug gegen

  • S.

    295

    Geseres bedeute, öffnet den Einfällen und damit dem Verständnis die
    Pforten. Ein solches Verhältnis findet ja beim Kaviar statt; der
    ungesalzene wird höher geschätzt als der gesalzene. Kaviar
    fürs Volk, „noble Passionen“: darin liegt eine scherzhafte Anspielung
    an eine der Personen meines Haushaltes verborgen, von der ich hoffe,
    daß sie, jünger als ich, die Zukunft meiner Kinder in acht nehmen
    wird. Dazu stimmt es dann, daß eine andere Person meines Haus-
    haltes, unsere brave Kinderfrau, in der Wärterin (oder Nonne) vom
    Traume wohl kenntlich gezeigt wird. Zwischen dem Paar gesalzen-
    ungesalzen
    und Geseres-Ungeseres fehlt es aber noch an
    einem vermittelnden Übergang. Dieser findet sich in „gesäuert
    und ungesäuert“; bei ihrem fluchtartigen Auszug aus Ägypten
    hatten die Kinder Israels nicht die Zeit, ihren Brotteig gären zu lassen,
    und essen zur Erinnerung daran noch heute ungesäuertes Brot zur
    Osterzeit. Hier kann ich auch den plötzlichen Einfall unterbringen,
    der mir während dieses Stückes der Analyse gekommen ist. Ich er-
    innerte mich, wie wir in den letzten Ostertagen in den Straßen der
    uns fremden Stadt Breslau herumspazierten, mein Freund aus Berlin
    und ich. Ein kleines Mädchen fügte mich um den Weg in eine ge-
    wisse Straße; ich mußte mich entschuldigen, daß ich ihn nicht wisse,
    und äußerte dann zu meinem Freunde: Hoffentlich beweist die Kleine
    später im Leben mehr Scharfblick bei der Auswahl der Personen,
    von denen sie sich leiten läßt. Kurz darauf fiel mir ein Schild in
    die Augen: Dr. Herodes, Sprechstunde . . . Ich meinte: Hoffentlich
    ist der Kollege nicht gerade Kinderarzt. Mein Freund hatte mir
    unterdessen seine Ansichten über die biologische Bedeutung der bi-
    lateralen Symmetrie
    entwickelt und einen Satz mit der Einleitung
    begonnen: „ Wenn wir das eine Auge mitten auf der Stirn trügen wie
    der Kyklop. . .“ Das führt nun zur Rede des Professors im Vor-
    traume: Mein Sohn, der Myop. Und nun bin ich zur Haupt-
    quelle für das Geseres geführt worden. Vor vielen Jahren, als
    dieser Sohn des Professors M., der heute ein selbständiger Denker ist,
    noch auf der Schulbank saß, erkrankte er an einer Augenaffektion,
    die der Arzt für besorgniserweckend erklärte. Er meinte, solange sie
    einseitig bleibe, habe sie nichts zu bedeuten, sollte sie aber auch
    auf das andere Auge übergreifen, so wäre es ernsthaft. Das Leiden
    heilte auf dem einen Auge schadlos ab; kurz darauf stellten sich aber
    die Zeichen für die Erkrankung des zweiten wirklich ein. Die ent-
    setzte Mutter ließ sofort den Arzt in die Einsamkeit ihres Landauf-
    enthaltes kommen. Der schlug sich aber jetzt auf die andere
    Seite.
    „Was machen Sie für Geseres?“ herrschte er die
    Mutter an. „Ist es auf der einen Seite gut geworden, so wird es
    auch auf der anderen gut werden.“ Und so ward es auch.

    Und nun die Beziehung zu mir und den meinigen. Die Schul-
    bank
    , auf der der Sohn des Professors M. seine erste Weisheit er-
    lernt, ist durch Schenkung der Mutter in das Eigentum meines

  • S.

    296

    Ältesten übergegangen‚ dem ich im Traume die Abschiedsworte in den
    Mund lege. Der eine der Wünsche, die sich an diese Übertragung
    knüpfen lassen, ist nun leicht zu erraten. Diese Schulbank soll aber
    auch durch ihre Konstruktion das Kind davor schützen, kurzsichtig
    und einseitig zu werden. Daher im Traume Myop (dahinter
    Kyklop) und die Erörterungen über Bilateralität. Die Sorge
    um die Einseitigkeit ist eine mehrdeutige; Es kann neben der körper-
    lichen Einseitigkeit die der intellektuellen Entwicklung gemeint sein.
    Ja, scheint es nicht, daß die Traumszene in ihrer Tollheit gerade
    dieser Sorge widerspricht? Nachdem das Kind nach der einen
    Seite hin
    sein Abschiedswort gesprochen, ruft es nach der anderen
    hin
    das Gegenteil davon, wie um das Gleichgewicht herzustellen.
    Es handelt gleichsam in Beachtung der bilateralen
    Symmetrie!

    So ist der Traum oft am tiefsinnigsten, wo er am tollsten er-
    scheint. Zu allen Zeiten pflegten die, welche etwas zu sagen hatten
    und es nicht gefahrlos sagen konnten, gern die Narrenkappe aufzu-
    setzen. Der Hörer, für den die untersagte Rede bestimmt war, duldete
    sie eher, wenn er dabei lachen und sich mit dem Urteil schmeicheln
    konnte, daß das Unliebsame offenbar etwas Närrisches sei. Ganz so
    wie in Wirklichkeit der Traum, verfährt im Schauspiel der Prinz,
    der sich zum Narren verstellen muß, und darum kann man auch vom
    Traume aussagen, was Hamlet, wobei er die eigentlichen Bedingungen
    durch witzig-unverständliche ersetzt, von sich behauptet: „Ich bin nur
    toll bei Nord-Nord-West; weht der Wind aus Süden, so kann ich
    einen Reiher von einem Falken unterscheiden.“ *)

    Ich habe also das Problem der Absurdität des Traumes dahin
    aufgelöst, daß die Traumgedenken niemals absurd sind — wenigstens
    nicht von den Träumen geistesgesunder Menschen — und daß die
    Traumarbeit absurde Träume und Träume mit einzelnen absurden
    Elementen produziert, wenn ihr in den Traumgedanken Kritik, Spott
    und Hohn zur Darstellung in ihrer Ausdrucksform vorliegt. Es liegt
    mir nun daran zu zeigen, daß die Traumarbeit überhaupt durch das
    Zusammenwirken der drei erwähnten Momente — und eines vierten
    noch zu erwähnenden — erschöpft ist, daß sie sonst nichts leistet als
    eine Übersetzung der Traumgedanken unter Beachtung der vier ihr
    vorgeschriebenen Bedingungen, und daß die Frage, ob die Seele im
    Traume mit all ihren geistigen Fähigkeiten arbeitet oder nur mit
    einem Teile derselben, schief gestellt ist und an den tatsächlichen
    Verhältnissen abgleitet. Da es aber reichlich Träume gibt, in deren

    *) Dieser Traum gibt auch ein gutes Beispiel für den allgemein gültigen Satz,
    daß die Träume derselben Nacht, wenngleich in der Erinnerung gesondert. auf dem
    Boden des nämlichen Gedankenmaterials erwachsen sind Die Traumsituation, daß ich
    meine Kinder aus der Stadt Rom flüchte, ist übrigens durch die Rückbeziehung nur
    einen analogen, in meine Kindheit fallenden Vorgang entstellt. Der Sinn ist, daß
    ich Verwandte beneide, denen sich bereits vor vielen Jahren ein Anlaß geboten hat,
    ihre Kinder auf einen anderen Boden zu versetzen.

  • S.

    297

    Inhalt geurteilt, kritisiert und anerkannt wird, in denen Verwunderung
    über ein einzelnes Element des Traumes auftritt, Erklärungsversuche
    gemacht und Argumentationen angestellt werden, muß ich die Ein-
    wendungen, die aus solchen Vorkommnissen sich ableiten, an aus-
    gewählten Beispielen erledigen.

    Meine Erwiderung lautet: Alles, was sich als scheinbare
    Betätigung der Urteilsfunktion in den Träumen vor-
    findet, ist nicht etwa als Denkleistung der Traumarbeit
    aufzufassen, sondern gehört dem Material der Traum-
    gedanken an und ist von dorther als fertiges Gebilde
    in den manifesten Trauminhalt gelangt.
    Ich kann meinen
    Satz zunächst noch überbieten. Auch von den Urteilen, die man
    nach dem Erwachen über den erinnerten Traum fällt, den Emp-
    findungen, die die Reproduktion dieses Traumes in uns hervorruft,
    gehört ein guter Teil dem latenten Trauminhalt an und ist in die
    Deutung des Traumes einzufügen.

    I. Ein auffälliges Beispiel hiefür habe ich bereits angeführt.
    Eine Patientin will ihren Traum nicht erzählen, weil er zu unklar
    ist
    . Sie hat eine Person im Traume gesehen, und weiß nicht, ob es
    der Mann oder der Vater war
    . Dann folgt ein zweites Traum-
    stück, in dem ein „Misttrügerl“ vorkommt, an das folgende Erinne-
    rung sich anschließt. Als junge Hausfrau äußerte sie einmal scherz-
    haft vor einem jungen Verwandten, der im Hause verkehrte, daß ihre
    nächste Sorge die Anschaffung eines neuen Misttrügerls sein müsse.
    Sie bekam am nächsten Morgen ein solches zugeschickt, das aber mit
    Maiglöckchen gefüllt war. Dieses Stück Traum dient der Darstellung
    der Redensart „Nicht auf meinem eigenen Mist gewachsen“. Wenn
    man die Analyse vervollständigt, erfährt man, daß es sich in den
    Traumgedanken um die Nachwirkung einer in der Jugend gehörten
    Geschichte handelt, daß ein Mädchen ein Kind bekommen, von dem
    es unklar war, wer eigentlich der Vater sei. Die Traum-
    darstellung greift also hier ins Wachdenken über und läßt eines der
    Elemente der Traumgedanken durch ein im Wachen gefälltes Urteil
    über den ganzen Traum vertreten sein.

    II. Ein ähnlicher Fall: Einer meiner Patienten hat einen Traum,
    der ihm interessant vorkommt, denn er sagt sich unmittelbar nach
    dem Erwachen: Das muß ich dem Doktor erzählen. Der
    Traum wird analysiert und ergibt die deutlichsten Anspielungen auf
    ein Verhältnis, des er während der Behandlung begonnen, und von
    dem er sich vorgenommen hatte, mir nichts zu erzählen.*)

    III. Ein drittes Beispiel aus meiner eigenen Erfahrung:

    *) Die noch im Traume enthaltende Mahnung oder der Vorsatz: Die muß ich
    dem Doktor erzählen‚ bei Träumen während der psychoanalytischen Behandlung ent-
    spricht regelmäßig einem großen Widerstand gegen die Beichte des Traumes und
    wird nicht selten von Vergessen des Traumes gefolgt.

  • S.

    298

    Ich gehe mit P. durch eine Gegend, in der Häuser
    und Gärten vorkommen, ins Spital. Dabei die Idee, daß
    ich diese Gegend schon mehrmals im Traume gesehen
    habe. Ich kenne mich nicht sehr gut aus; er zeigt mir
    einen Weg, der durch eine Ecke in eine Restauration
    führt (Saal, nicht Garten); dort frage ich nach Frau
    Doni und höre, sie wohnt im Hintergrunde in einer
    kleinen Kammer mit drei Kindern. Ich gehe hin und
    treffe schon vorher eine undeutliche Person mit meinen
    zwei kleinen Mädchen, die ich dann mit mir nehme,
    nachdem ich eine Weile mit ihnen gestanden bin. Eine
    Art Vorwurf gegen meine Frau, daß sie sie dort ge-
    lassen hat.

    Beim Erwachen fühle ich denn große Befriedigung, die ich
    damit motiviere, daß ich jetzt aus der Analyse erfahren werde, was
    es bedeutet: Ich habe schon davon geträumt.*) Die Analyse
    lehrt mich aber nichts darüber; sie zeigt mir nur, daß die Befriedi-
    gung zum latenten Trauminhalt und nicht zu einem Urteile über den
    Traum gehört. Es ist die Befriedigung darüber, daß ich in
    meiner Ehe Kinder bekommen habe
    . P. ist eine Person, mit
    der ich ein Stück weit im Leben den gleichen Weg gegangen bin,
    die mich dann sozial und materiell weit überholt hat, die aber in ihrer
    Ehe kinderlos geblieben ist. Die beiden Anlässe des Traumes können
    den Beweis durch eine vollständige Analyse ersetzen. Tags zuvor las
    ich in der Zeitung die Todesanzeige einer Frau Dona A . . y (woraus
    ich Doni mache), die im Kindbett gestorben; ich hörte von meiner
    Frau, daß die Verstorbene von derselben Hebamme gepflegt worden
    sei wie sie selbst bei unseren beiden Jüngsten. Der Name Dona war
    mir aufgefallen, denn ich hatte ihn kurz vorher in einem englischen
    Roman zum erstenmal gefunden. Der andere Anlaß des Traumes
    ergibt sich aus dem Datum desselben; es war die Nacht vor dem Ge-
    burtstage meines ältesten, wie es scheint, dichterisch begabten Knaben.

    IV. Dieselbe Befriedigung verbleibt mir nach dem Erwachen aus
    dem absurden Traume, daß der Vater nach seinem Tode eine politische
    Rolle bei den Magyaren gespielt, und motiviert sich durch die Fort-
    dnuer der Empfindung, die den letzten Satz des Traumes begleitete:
    „Ich erinnere mich daran, daß er auf dem Totenbette
    Garibaldi so ähnlich gesehen, und 
    freue mich darüber, daß
    es doch wahr geworden ist . . . (Dazu eine vergessene
    Fortsetzung.)
    Aus der Analyse kann ich nun einsetzen, was in
    diese Traumlücke gehört. Es ist die Erwähnung meines zweiten
    Knaben, dem ich den Vornamen einer großen historischen Persönlich-
    keit gegeben habe, die mich in den Knabenjahren, besonders seit
    meinem Aufenthalt in England, mächtig angezogen. Ich hatte das

    *) Ein Thema, über welche sich eine weitläufige Diskussion in den letzten
    Jahrgängen der Revue philosophique angesponnen hat (Paramnesie im Traume).

  • S.

    299

    Jahr der Erwartung über den Vorsatz gerade diesen Namen zu ver-
    wenden, wenn es ein Sohn würde, und begrüßte mit ihm hoch be-
    friedigt
    schon den eben Geborenen. Es ist leicht zu merken, wie
    die unterdrückte Größensucht des Vaters sich in seinen Gedanken auf
    die Kinder überträgt; ja man wird gern glauben, daß dies einer der
    Wege ist, auf denen die im Leben notwendig gewordene Unterdrückung
    derselben vor sich geht. Sein Anrecht, in den Zusammenhang dieses
    Traumes aufgenommen zu werden, erwarb der Kleine dadurch, daß
    ihm damals der nämliche — beim Kinde und beim Sterbenden leicht
    verzeihliche — Unfall widerfahren war, die Wäsche zu beschmutzen.
    Vergleiche hiezu die Anspielung „Stuhlrichter“ und den Wunsch
    des Traumes: Vor seinen Kindern groß und rein dazustehen.

    V. Wenn ich nun Urteilsäußerungen, die im Traume selbst ver-
    bleiben, sich nicht ins Wachen fortsetzen oder sich dahin verlegen,
    heraussuchen soll, so werde ich's als große Erleichterung empfinden,
    daß ich mich hiefür solcher Träume bedienen darf, die bereits in
    anderer Absicht mitgeteilt worden sind. Der Traum von Goethe,
    der Herrn M. angegriffen hat. scheint eine ganze Anzahl von Urteils-
    akten zu enthalten. Ich suche mir die zeitlichen Verhält-
    nisse, die mir unwahrscheinlich vorkommen, ein wenig
    aufzuklären
    . Sieht das nicht einer kritischen Regung gegen den
    Unsinn gleich, daß Goethe einen jungen Mann meiner Bekanntschaft
    literarisch angegriffen haben soll? „Es kommt mir plausibel
    vor
    , daß er 18 Jahre alt war.“ Das klingt doch ganz wie des Er-
    gebnis einer allerdings schwachsinnigen Berechnung; und „Ich weiß
    nicht sicher, welches Jahr wir schreiben
    “ wäre ein Beispiel
    von Unsicherheit oder Zweifel im Traume.

    Nun weiß ich aber uns der Analyse dieses Traumes, daß diese
    scheinbar erst im Traume vollzogenen Urteilsakte in ihrem Wortlaute
    eine andere Auffassung zulassen, durch welche sie für die Traum-
    deutung unentbehrlich werden und gleichzeitig jede Absurdität ver-
    mieden wird. Mit dem Satzen: „Ich suche mir die zeitlichen
    Verhältnisse ein wenig aufzuklären
    “, setze ich mich an die
    Stelle meines Freundes, der wirklich die zeitlichen Verhältnisse des
    Lebens aufzuklären sucht. Der Satz verliert hiemit die Bedeutung
    eines Urteiles, welches sich gegen den Unsinn der vorhergehenden
    Sätze sträubt. Die Einschaltung, „die mir unwahrscheinlich
    vorkommt
    “, gehört zusammen mit dem späteren „Es kommt mir
    plausibel vor“.
    Ungefähr mit den gleichen Worten habe ich der
    Dame, die mir die Krankengeschichte ihres Bruders erzählte, erwidert:
    Es kommt mir unwahrscheinlich vor, daß der Ausruf „Natur,
    Natur“, etwas mit Goethe zu tun hatte; es ist mir viel plau-
    sibler
    , daß er die Ihnen bekannte sexuelle Bedeutung gehabt hat.“
    Es ist hier allerdings ein Urteil gefällt werden, aber nicht im Traume,
    sondern in der Realität, bei einer Veranlassung, die von den Traum-
    gedanken erinnert und verwertet wird. Der Trauminhalt eignet sich

  • S.

    300

    dieses Urteil im wie irgend ein anderes Bruchstück der Traum-
    gedanken.

    Die Zahl 18, mit der das Urteil im Traume unsinnigerweise in
    Verbindung gesetzt ist, bewahrt noch die Spur des Zusammenhanges,
    aus dem das reale Urteil gerissen wurde. Endlich daß „ich nicht
    sicher bin, welches Jahr wir schreiben
    “, soll nichts anderes
    als meine Identifizierung mit dem Paralytiker durchsetzen, in dessen
    Examen sich dieser eine Anhaltspunkt wirklich ergeben hatte.

    Bei der Auflösung der scheinbaren Urteilsakte des Traumes kann
    man sich an die eingangs gegebene Regel für die Ausführung der
    Deutungsarbeit mahnen lassen, daß man den im Traume hergestellten
    Zusammenhang der Traumbestandteile als einen unwesentlichen Schein
    beiseite lassen und jedes Traumelement für sich der Zurückführung
    unterziehen möge. Der Traum ist ein Konglomerat‚ das für die Zwecke
    der Untersuchung wieder zerbröckelt werden soll. Man wird aber
    anderseits aufmerksam gemacht, daß sich in den Träumen eine
    psychische Kraft äußert, welche diesen scheinbaren Zusammenhang
    herstellt, also das durch die Traumarbeit gewonnene Material einer
    sekundären Bearbeitung unterzieht. Wir haben hier Äußerungen
    jener Macht vor uns, die wir als das vierte der bei der Traumbildung
    beteiligten Momente später würdigen werden.

    VI. Ich suche nach anderen Beispielen von Urteilsarbeit in den
    bereits mitgeteilten Träumen. In dem absurden Traume von der Zu-
    schrift des Gemeinderates frage ich: Bald darauf hast du ge-
    heiratet? Ich rechne, daß ich ja 
    1856 geboren bin, was
    mir unmittelbar folgend vorkommt
    . Das kleidet sich ganz
    in die Form einer Schlußfolge. Der Vater hat bald nach dem
    Anfall im Jahre 1851 geheiratet; ich bin ja der Älteste, 1856 ge-
    boren; also das stimmt. Wir wissen, daß dieser Schluß durch die
    Wunscherfüllung verfälscht ist, daß der in den Traumgedanken
    herrschende Satz lautet: 4 oder 5 Jahre, das ist kein Zeit-
    raum, das ist nicht zu rechnen
    . Aber jedes Stück dieser
    Schlußfolge ist nach Inhalt wie nach Form aus den Traumgedanken
    anders zu determinieren: Es ist der Patient, über dessen Geduld der
    Kollege sich beschwert, der unmittelbar nach Beendigung der Kur zu
    heiraten gedenkt. Die Art, wie ich mit dem Vater im Traume ver-
    kehre, erinnert an ein Verhör oder ein Examen, und damit an
    einen Universitätslehrer, der in der Inskriptionsstunde ein vollstän-
    diges Nationale aufzunehmen pflegte. Geboren, wann? 1856. — Patre?
    Darauf sagte man den Vornamen des Vaters mit lateinischer Endung,
    und wir Studenten nahmen an, der Hofrat ziehe aus dem Vornamen
    des Vaters Schlüsse, die ihm der Vorname des Inskribierten nicht
    jedesmal gestattet hatte. Somit wäre das Schlußziehen des Traumes
    nur die Wiederholung des Schlußziehens, das als ein Stück Material
    in den Traumgedanken auftritt. Wir erfahren hieraus etwas Neues.
    Wenn im Trauminhalt ein Schluß vorkommt, so kommt er ja sicher-

  • S.

    301

    lich aus den Traumgedanken; in diesen mag er aber enthalten sein
    als ein Stück des erinnerten Materials oder er kann als logisches Band
    eine Reihe von Traumgedanken miteinander verknüpfen. In jedem
    Falle stellt der Schluß im Traume einen Schluß aus den Traum-
    gedanken dar.*)

    Die Analyse dieses Traumes wäre hier fortzusetzen. An das
    Verhör des Professors reiht sich die Erinnerung an den (zu meiner
    Zeit lateinisch abgefaßten) Index der Universitätsstudenten. Ferner an
    meinen Studiengang. Die fünf Jahre, die für das medizinische
    Studium vorgesehen sind, waren wiederum zu wenig für mich. Ich
    arbeitete unbekümmert in weitere Jahre hinein, und im Kreise meiner
    Bekannten hielt man mich für verbummelt, zweifelte man, daß ich
    „fertig“ werden würde. Da entschloß ich mich schnell, meine
    Prüfungen zu machen, und wurde doch fertig; trotz des Aufschubs.
    Eine neue Verstärkung der Traumgedanken, die ich meinen Kritikern
    trotzig entgegenhalte. „Und wenn Ihr es auch nicht glauben wollt,
    weil ich mir Zeit lasse; ich werde doch fertig, ich komme doch zum
    Schluß. Es ist schon oft so gegangen.“

    Derselbe Traum enthält In seinem Anfangsstück einige Sätze,
    denen man den Charakter einer Argumentation nicht gut absprechen
    kann. Und diese Argumentation ist nicht einmal absurd, sie könnte
    ebensowohl dem wachen Denken angehören. Ich mache mich im
    Traume über die Zuschrift des Gemeinderates lustig,
    denn erstens war ich 1851 noch nicht auf der Welt,
    zweitens ist mein Vater, auf den es sich beziehen kann,
    schon tot
    . Beides ist nicht nur an sich richtig, sondern deckt sich
    auch völlig mit den wirklichen Argumenten, die ich im Falle einer
    derartigen Zuschrift in Anwendung bringen würde. Wir wissen aus
    der früheren Analyse (Seite 290), daß dieser Traum auf dem Boden
    von tief erbitterten und hohngetränkten Traumgedanken erwachsen ist;
    wenn wir außerdem noch die Motive zur Zensur als recht starke an-
    nehmen dürfen, so werden wir verstehen, daß die Traumarbeit eine
    tadellose Widerlegung einer unsinnigen Zumutung nach
    dem in den Traumgedanken enthaltenen Vorbild zu schaffen allen
    Anlaß hat. Die Analyse zeigt uns aber, daß der Traumarbeit hier
    doch keine freie Nachschöpfung auferlegt worden ist, sondern daß
    Material aus den Traumgedanken dazu verwendet werden mußte. Es
    ist, als kämen in einer algebraischen Gleichung außer den Zahlen ein
    + und —, ein Potenz- und ein Wurzelzeichen vor, und jemand, der
    diese Gleichung abschreibt, ohne sie zu verstehen, nähme die Ope-
    rationszeichen wie die Zahlen in seine Abschrift hinüber, würfe aber
    dann beiderlei durcheinander. Die beiden Argumente lassen sich auf

    *) Diese Ergebnisse korrigieren in einigen Punkten meine früheren Angaben
    über die Darstellung der logischen Relationen (Seite 947). Letztere beschreiben das
    allgemeine Verhalten der Traumarbeit, berücksichtigen eher nicht die feinsten und
    sorgfältigsten Leistungen derselben.

  • S.

    302

    folgendes Material zurückführen. Es ist mir peinlich, zu denken, daß
    manche der Voraussetzungen, die ich meiner psychologischen Auf-
    lösung der Psychoneurosen zu Grunde lege, wenn sie erst bekannt
    geworden sind, Unglauben und Gelächter hervorrufen werden. So muß
    ich behaupten, daß bereits Eindrücke aus dem zweiten Lebensjahre,
    mitunter auch schon aus dem ersten, eine bleibende Spur im Gemüts-
    leben der später Kranken zurücklassen und — obwohl von der Er-
    innerung vielfach verzerrt und übertrieben — die erste und unterste
    Begründung für ein hysterisches Symptom abgeben können. Patienten,
    denen ich dies an passender Stelle auseinandersetze, pflegen die neu-
    gewonnene Aufklärung zu parodieren, indem sie sich bereit erklären,
    nach Erinnerungen aus der Zeit zu suchen, da sie noch nicht
    am Leben waren
    . Eine ähnliche Aufnahme dürfte nach meiner
    Erwartung die Aufdeckung der ungeahnten Rolle finden, welche bei
    weiblichen Kranken der Vater in den frühesten sexuellen Regungen
    spielt. (Vgl. die Auseinandersetzung Seite 186.) Und doch ist nach
    meiner gut begründeten Überzeugung beides wahr. Ich denke zur
    Bekräftigung an einzelne Beispiele, bei denen der Tod des Vaters in
    ein sehr früheres Alter des Kindes fiel, und spätere sonst unerklärbare
    Vorfälle bewiesen, daß das Kind doch Erinnerungen an die ihm so
    früh entschwundene Person unbewußt bewahrt hatte. Ich weiß, daß
    meine beiden Behauptungen auf Schlüssen beruhen, deren Gültigkeit
    man anfechten wird. Es ist also eine Leistung der Wunscherfüllung,
    wenn gerade das Material dieser Schlüsse, deren Beanständung
    ich fürchte, von der Traumarbeit zur Herstellung einwandfreier
    Schlüsse verwendet wird.

    VII. In einem Traume, den ich bisher nur gestreift habe, wird
    eingangs die Verwunderung über das auftauchende Thema deutlich
    ausgesprochen.

    Der alte Brücke muß mir irgend eine Aufgabe ge-
    stellt haben; sonderbar genug bezieht sie sich auf Prä-
    paration meines eigenen Untergestelle, Becken und
    Beine, das ich vor mir sehe wie im Seziersaal, doch ohne
    den Mangel am Körper zu spüren, auch ohne Spur von
    Grauen. Louise N. steht dabei und macht die Arbeit bei
    mir. Das Becken ist ausgeweidet, man sieht bald die
    obere, bald die untere Ansicht desselben was sich ver-
    mengt. Dicke, fleischrote Knollen (bei denen ich noch
    im Traume an Hämorrhoiden denke) sind zu sehen. Auch
    mußte etwas sorgfältig ausgeklaubt werden, was darüber
    lag und zerknülltem Silberpapier glich.
    *) Dann war ich
    wieder im Besitze meiner Beine und machte einen Weg
    durch die Stadt, nahm aber (aus Müdigkeit) einen Wagen.
    Der Wagen fuhr zu meinem Erstaunen in ein Haustor

    *) Stanniol, Anspielung auf Stannius, Nervensystem der Fische, vgl. S 275.

  • S.

    303

    hinein, das sich öffnete und ihn durch einen Gang pas-
    sieren ließ, der am Ende abgeknickt, schließlich weiter
    ins Freie führte.
    *) Schließlich wanderte ich mit einem
    alpinen Führer, der meine Sachen trug, durch wech-
    selnde Landschaften. Auf einer Strecke trug er mich
    mit Rücksicht auf meine müden Beine. Der Boden war
    sumpfig; wir gingen am Rande hin; Leute außen am
    Boden, ein Mädchen unter ihnen, wie Indianer oder
    Zigeuner. Vorher hatte ich auf dem schlüpfrigen Boden
    mich selbst weiter bewegt unter steter Verwunderung,
    daß ich es nach der Präparation so gut kann. Endlich
    kamen wir zu einem kleinen Holzhaus, das in ein offenes
    Fenster ausging. Dort setzte mich der Führer ab und
    legte zwei bereit stehende Holzbretter auf das Fenste r-
    brett, um so den Abgrund zu überbrücken, der vom
    Fenster aus zu überschreiten war. Ich bekam jetzt wirk-
    lich Angst für meine Beine. Anstatt des erwarteten Über-
    ganges sah ich aber zwei erwachsene Männer auf Holz-
    bänken liegen, die an den Wänden der Hütte waren, und
    wie zwei Kinder schlafend neben ihnen. Als ob nicht
    die Bretter, sondern die Kinder den Übergang ermög-
    lichen sollten. Ich erwache mit Gedankenschreck.

    Wer sich nur einmal einen ordentlichen Eindruck von der Aus-
    giebigkeit der Traumverdichtung geholt hat, der wird sich leicht vor-
    stellen können, welche Anzahl von Blättern die ausführliche Analyse
    dieses Traumes einnehmen muß. Zum Glück für den Zusammenhang
    entlehne ich dem Traume aber bloß das eine Beispiel für die Ver-
    wunderung im Traume, die sich in der Einschaltung „sonderbar
    genug
    “ kundgibt. Ich gehe auf den Anlaß des Traumes ein. Es ist
    ein Besuch jener Dame Louise N., die auch im Traume der Arbeit
    assistiert. „Leih’ mir etwas zum Lesen.“ Ich biete ihr „She" von
    Rider Haggard an. Ein „sonderbares Buch, aber voll von
    verstecktem Sinne“, Will ich ihr auseinandersetzen; „das ewig Weib-
    liche, die Unsterblichkeit unserer Affekte — —“. Da unterbricht sie
    mich: Das kenne ich schon. Hast du nichts eigenes? — „Nein, meine
    eigenen unsterblichen Werke sind noch nicht geschrieben.“ — Also
    wann erscheinen denn deine sogenannten letzten Aufklärungen, die,
    wie du versprichst‚ auch für uns lesbar sein werden?  fragt sie etwas
    anzüglich. Ich merke jetzt, daß mich ein anderen durch ihren Mund
    mahnen läßt, und verstumme. Ich denke an die Überwindung, die es
    mich kostet, auch nur die Arbeit über den Traum, in der ich soviel
    vom eigenen intimen Wesen preisgeben muß, in die Öffentlichkeit zu
    schicken. „Das beste, was du wissen kannst, darfst du den Buben
    doch nicht sagen.“ Die Präparation am eigenen Leib, die mir im

    *) Die Örtlichkeit im Flure meines Wohnhauses, wo die Kinderwagen der
    Parteien stehen; sonst aber mehrfach überbestimmt,

  • S.

    304

    Traume aufgetragen wird, ist also die mit der Mitteilung der Träume
    verbundene Selbstanalyse. Der alte Brücke kommt mit Recht
    hiezu; schon in diesen ersten Jahren wissenschaftlicher Arbeit traf es
    sich, daß ich einen Fund liegen ließ, bis sein energischer Auftrag mich
    zur Veröffentlichung zwang. Die weiteren Gedanken aber, die sich an
    die Unterredung mit Louise N. anspinnen, greifen zu tief, um bewußt
    zu werden; sie erfahren eine Ablenkung über das Material, das in mir
    nebstbei durch die Erwähnung der „She“ von Rider Haggard
    geweckt worden ist. Auf dieses Buch und auf ein zweites desselben
    Autors, „Heart of the world“, geht das Urteil „sonderbar genug“,
    und zahlreiche Elemente des Traumes sind den beiden phantastischen
    Romanen entnommen. Der sumpfige Boden, über den man getragen
    wird, der Abgrund, der mittels der mitgebrachten Bretter zu über-
    schreiten ist, stammen aus der „She“; die Indianer, das Mädchen, das
    Holzhaus aus „Heart of the world“. In beiden Romanen ist eine Frau
    die Führerin, in beiden handelt es sich um gefährliche Wanderungen,
    in She um einen abenteuerlichen Weg ins Unentdeckte, kaum je
    Betretene. Die müden Beine sind nach einer Notiz, die ich bei dem
    Traume finde, reale Sensation jener Tage gewesen. Wahrscheinlich
    entsprach ihnen eine müde Stimmung und die zweifelnde Frage: Wie.
    weit werden mich meine Beine noch tragen? In der „She“ endet das
    Abenteuer damit, daß die Führerin, anstatt sich und den anderen die Un-
    sterblichkeit zu holen, im geheimnisvollen Zentralfeuer den Tod findet.
    Eine solche Angst hat sich unverkennbar in den Traumgedanken
    geregt. Das „Holzhaus“ ist sicherlich auch der Sarg, also das
    Grab. Aber in der Darstellung dieses unerwünschtesten aller Gedanken
    durch eine Wunscherfüllung hat die Traumarbeit ihr Meisterstück
    geleistet. Ich war nämlich schon einmal in einem Grabe, aber es war
    ein ausgeräumtes Etruskergrab bei Orvieto, eine schmale Kammer
    mit zwei Steinbänken an den Wänden, auf denen die Skelette von
    zwei Erwachsenen gelagert waren. Genau so sieht das Innere des
    Holzhauses im Traume aus, nur ist Stein durch Holz ersetzt. Der
    Traum scheint zu sagen: „Wenn du schon im Grabe weilen sollst,
    so sei es das Etruskergrab“, und mit dieser Unterschiebung ver-
    wandelt er die traurigste Erwartung in eine recht erwünschte. Leider
    kann er, wie wir hören werden, nur die den Affekt begleitende Vor-
    stellung in ihr Gegenteil verkehren, nicht immer auch den Affekt
    selbst. So wache ich denn mit „Gedankenschreck“ auf, nachdem sich
    noch die Idee Darstellung erzwungen, daß vielleicht die Kinder er-
    reichen werden, was dem Vater versagt geblieben, eine neuerliche An-
    spielung an den sonderbaren Roman, in dem die Identität einer Person
    durch eine Generationsreihe von 2000 Jahren festgehalten wird.

    VIII. In dem Zusammenhang eines anderen Traumes findet sich
    gleichfalls ein Ausdruck der Verwunderung über des im Traume Er-
    lebte, aber verknüpft mit einem so auffälligen, weit hergeholten und
    beinahe geistreichen Erklärungsversuche, daß ich bloß seinetwegen den

  • S.

    305

    ganzen Traum der Analyse unterwerfen müßte, auch wenn der Traum
    nicht noch zwei andere Anziehungspunkte für unser Interesse besäße.
    Ich reise in der Nacht vom 18. auf den 19. Juli auf der Südbahn-
    strecke und höre im Schlafe: „Hollthurn, 10 Minuten“ aus-
    rufen. Ich denke sofort an Holothurien — ein natur-
    historisches Museum —, daß hier ein Ort ist, wo sich
    tapfere Männer erfolglos gegen die Übermacht ihres
    Landesherrn gewehrt haben. — Ja, die Gegenreformation
    in Österreich! — Als ob es ein Ort in Steiermark oder
    Tirol wäre. Nun sehe ich undeutlich ein kleines Museum,
    in dem die Reste oder Erwerbungen dieser Männer auf-
    bewahrt werden. Ich möchte aussteigen, verzögere es
    aber. Es stehen Weiber mit Obst auf dem Perron, sie
    kauern auf dem Boden und halten die Körbe so einladend
    hin. — Ich habe gezögert aus Zweifel, ob wir noch Zeit
    haben, und jetzt stehen wir noch immer. — Ich bin plötz-
    lich in einem anderen Coupé, in dem Leder und Sitze
    so schmal sind, daß man mit dem Rücken direkt an die
    Lehne stößt.
    *) Ich wundere mich darüber, aber ich kann
    ja im schlafenden Zustand umgestiegen sein.
    Mehrere Leute,
    darunter ein englisches Geschwisterpaar; eine Reihe
    Bücher deutlich auf einem Gestell an der Wand. Ich sehe
    „Wealth of nations“, „Matter and Motion“
    (von Maxwell),
    dick und in braune Leinwand gebunden. Der Mann fragt
    die Schwester nach einem Buche von Schiller, ob sie das
    vergessen hat. Es sind die Bücher bald wie die meinen,
    bald die der Beiden. Ich möchte mich du bestätigend
    oder unterstützend ins Gespräch mengen — — —.
    Ich
    wache, am ganzen Körper schwitzend, auf, weil alle Fenster geschlossen
    sind. Der Zug hält in Marburg.

    Wahrend der Niederschrift fällt mir ein Traumstück ein, das
    die Erinnerung übergehen wollte. Ich sage dem Geschwister-
    paare auf ein gewisses Werk: It is from . . ., korrigiere
    mich aber: It is by.. . Der Mann bemerkt zur Schwester:
    Er hat es ja richtig gesagt.

    Der Traum beginnt mit ein Namen der Station, der mich wohl
    unvollkommen geweckt haben muß. Ich ersetzte diesen Namen, der
    Marburg lautete, durch Hollthurn. Daß ich Marburg beim ersten
    oder vielleicht bei einem späteren Ausrufen gehört habe, beweist die
    Erwähnung Schillers im Traume, der ja in Marburg, wenngleich
    nicht im steirischen, geboren ist.**) Nun reiste ich diesmal, obwohl

    *) Diese Beschreibung ist für mich selbst nicht verständlich, aber ich folge
    dem Grundsatze, den Traum in jenen Worten widerzugeben, die mir beim Nieder-
    schreiben einfallen. Die Wortfassung ist selbst ein Stück der Traumdarstellung.

    **) [Schiller ist nicht in einem Marburg, sondern in Marbach geboren,
    wie jeder deutsche Gymnasiast weiß. und wie auch ich wußte. Es ist dies wieder

  • S.

    306

    erster Klasse, unter sehr unangenehmen Verhältnissen. Der Zug war
    überfüllt, in dem Coupé hatte ich einen Herrn und eine Dame an-
    getroffen‚ die sehr vornehm schienen und nicht die Lebensart besaßen
    oder es nicht der Mühe wert hielten, ihr Mißvergnügen über den
    Eindringling irgendwie zu verbergen. Mein höflicher Gruß wurde
    nicht erwidert; obwohl Mann und Frau nebeneinander saßen (gegen
    die Fahrtrichtung), beeilte sich die Frau doch, den Platz ihr gegenüber
    am Fenster vor meinen Augen mit einem Schirme zu belegen; die
    Tür wurde sofort geschlossen, demonstrative Reden über das Öffnen
    der Fenster gewechselt. Wahrscheinlich sah man mir den Lufthunger
    bald an. Es war eine heiße Nacht und die Luft im allseitig abge-
    schlossenen Coupé bald zum Ersticken. Nach meinen Reiseerfahrungen
    kennzeichnet ein so rücksichtslos übergreifendes Benehmen Leute, die
    ihre Karte nicht oder nur halb bezahlt haben. Als der Kondukteur
    kam und ich mein teuer erkauftes Billet vorzeigte, tönte es aus dem
    Munde der Dame unnahbar und wie drohend: Mein Mann hat Legi-
    timation. Sie was: eine stattliche Erscheinung mit mißvergnügten
    Zügen, im Alter nicht weit von der Zeit des Verfalls weiblicher
    Schönheit; der Mann kam überhaupt nicht zu Worte, er saß regungslos
    da. Ich versuchte zu schlafen. Im Traume nehme ich fürchterliche
    Rache an meinen unliebenswürdigen Reisegefährten; man würde nicht
    ahnen, welche Beschimpfungen und Demütigungen sich hinter den
    abgerissenen Brocken der ersten Traumhälfte verbergen. Nachdem dies
    Bedürfnis befriedigt war, machte sich der zweite Wunsch geltend, das
    Coupé zu wechseln. Der Traum wechselt so oft die Szene, und ohne
    daß der mindeste Anstoß an der Veränderung genommen wird, daß
    es nicht im geringsten auffällig gewesen wäre, wenn ich mir alsbald
    meine Reisegesellschaft durch eine an angenehmere aus meiner Erinnerung
    ersetzt hätte. Hier aber tritt der Fall ein, daß irgend etwas den
    Wechsel der Szene beanständete und es für notwendig hielt, ihn zu
    erklären. Wie kam ich plötzlich in ein anderes Coupé? Ich konnte
    mich doch nicht erinnern umgestiegen zu sein. Da gab es nur eine
    Erklärung: ich mußte im schlafenden Zustand den Wagen
    verlassen haben
    , ein seltenes Vorkommnis, wofür aber doch die
    Erfahrung des Neuropathologen Beispiele liefert. Wir wissen von
    Personen, die Eisenbahnfahrten in einem Dämmerzustand unternehmen,
    ohne durch irgend ein Anzeichen ihren abnormen Zustand zu
    verraten, bis sie an irgend einer Station der Reise voll zu sich kommen
    und dann die Lücke in ihrer Erinnerung bestaunen. Für einen
    solchen Fall von „Automatisme ambulatoire“ erkläre ich also
    noch im Traume den meinigen.

    Die Analyse gestattet eine andere Auflösung zu geben. Der Er-
    klärungsversuch, der mich so frappiert, wenn ich ihn der Traum-

    einer jener Irrtümer (vgl. Seite 148), die sich als Ersatz für eine absichtlich Ver-
    fälschung an anderer Stelle einschleichen‚ und deren Aufklärung ich in der „Psycho-
    pathologie des Alltagslebens“ versucht habe ]

  • S.

    307

    arbeit zuschreiben müßte, ist nicht originell, sondern aus der Neurose
    eines meiner Patienten kopiert. Ich erzählte bereits an anderer Stelle
    von einem hochgebildeten und im Leben weichherzigen Manne, der
    kurz nach dem Tode seiner Eltern begann, sich mörderischer Nei-
    gungen anzuklagen, und nun unter den Vorsichtsmaßregeln litt, die
    er zur Sicherung gegen dieselben treffen mußte. Es war ein Fall von
    schweren Zwangsvorstellungen bei voll erhaltener Einsicht. Zuerst
    wurde ihm das Passieren der Straße durch den Zwang verleidet, sich
    von allen Begegnenden Rechenschaft abzulegen, wohin sie verschwun-
    den seien; entzog sich einer plötzlich seinem verfolgenden Blicke, so
    blieb ihm die peinliche Empfindung und die Möglichkeit in Gedanken,
    er könnte ihn beseitigt haben. Es war unter anderem eine Kains-
    phantasie dahinter, denn „alle Menschen sind Brüder“. Wegen der
    Unmöglichkeit, diese Aufgabe zu erledigen, gab er das Spazierengehen
    auf und verbrachte sein Leben eingekerkert zwischen seinen vier
    Wänden. In sein Zimmer gelangten aber durch die Zeitung beständig
    Nachrichten von Mordtaten, die draußen geschehen waren, und sein
    Gewissen wollte ihm in der Form des Zweifeln nahe legen, daß er
    der gesuchte Mörder sei. Die Gewißheit, daß er ja seit Wochen seine
    Wohnung nicht verlassen habe, schützte ihn eine Weile gegen diese
    Anklagen, bis ihm eines Tages die Möglichkeit durch den Sinn fuhr,
    daß er sein Haus im bewußtlosen Zustand verlassen und
    so den Mord begangen haben könne, ohne etwas davon zu wissen.
    Von da an schloß er die Haustür ab, übergab den Schlüssel der alten
    Haushälterin und verbot ihr eindringlich, denselben auch nicht auf
    sein Verlangen in seine Hände gelangen zu lassen.

    Daher stammt also der Erklärungsversuch, daß ich im bewußt-
    losen Zustand umgestiegen bin —, er ist aus dem Material der Traum-
    gedanken fertig in den Traum eingetragen worden und soll im Traume
    offenbar dazu dienen, mich mit der Person jenes Patienten zu identi-
    fizieren. Die Erinnerung an ihn wurde in mir durch naheliegende
    Assoziation geweckt. Mit diesem Manne hatte ich einige Wochen vor-
    her die letzte Nachtreise gemacht. Er war geheilt, begleitete mich in
    die Provinz zu seinen Verwandten, die mich beriefen; wir hatten ein
    Coupé für uns, ließen alle Fenster die Nacht hindurch offen und hat-
    ten uns, so lange ich wach blieb, vortrefflich unterhalten. Ich wußte,
    daß feindselige Impulse gegen seinen Vater aus seiner Kindheit in
    sexuellem Zusammenhange die Wurzel seiner Erkrankung gewesen
    waren. Indem ich mich also mit ihm identifizierte, wollte ich mir
    etwas Analoges eingestehen. Die zweite Szene des Traumes löst sich
    auch wirklich in eine übermütige Phantasie auf, daß meine beiden
    ältlichen Reisegefährten sich darum so abweisend gegen mich benehmen,
    weil ich sie durch mein Kommen an dem beabsichtigten nächt-
    lichen Austausch von Zärtlichkeiten gehindert habe. Diese Phantasie
    aber geht auf eine frühe Kinderszene zurück, in der das Kind, wahr-
    scheinlich von sexueller Neugierde getrieben, in das Schlafzimmer der

  • S.

    308

    Eltern eindringt und durch des Machtwort des Vaters daraus ver-
    trieben wird.

    Ich halte es für überflüssig, weitere Beispiele zu häufen. Sie
    würden alle nur bestätigen, was wir aus den bereits angeführten ent-
    nommen haben, daß ein Urteilsakt im Traume nur die Wiederholung
    eines Vorbildes aus dem Traumgedanken ist. Zumeist eine übel an-
    gebrachte, in unpassendem Zusammenhange eingefügte Wiederholung,
    gelegentlich aber, wie in unseren letzten Beispielen, eine so geschickt
    verwendete, daß man zunächst den Eindruck einer selbständigen Denk-
    tätigkeit: im Traume empfangen kann. Von hier aus könnten wir
    unser Interesse jener psychischen Tätigkeit zuwenden, die zwar nicht
    regelmäßig bei der Traumbildung mitzuwirken scheint, die aber, wo
    sie es tut, bemüht ist, die nach ihrer Herkunft disparaten Traumele-
    mente widerspruchsfrei und sinnvoll zu verschmelzen. Wir empfinden
    es aber vorher noch als dringlich, uns mit den Affektäußerungen zu
    beschäftigen, die im Traume auftreten, und dieselben mit den Affekten
    zu vergleichen, welche die Analyse in den Traumgedanken aufdeckt.

    g) Die Affekte im Traume.

    Eine scharfsinnige Bemerkung von Stricker77) hat uns auf-
    merksam gemacht, daß die Affektäußerungen des Traumes nicht die
    geringschätzige Art der Erledigung gestatten, mit der wir erwacht den
    Trauminhalt abzuschütteln pflegen. „Wenn ich mich im Traume vor
    Räubern fürchte, so sind die Räuber zwar imaginär, aber die Furcht
    ist real,“ und ebenso geht es, wenn ich mich im Traume freue. Nach
    dem Zeugnisse unserer Empfindung ist der im Traume erlebte Affekt
    keineswegs minderwertig gegen den im Wachen erlebten von gleicher
    Intensität, und energischer als mit seinem Vorstellungsinhalte, erhebt
    der Traum mit seinem Affektinhalt den Anspruch, unter die wirkli-
    chen Erlebnisse unserer Seele aufgenommen zu werden. Wir bringen
    diese Einreihung nun im Wachen nicht zu Stande, weil wir einen
    Affekt nicht anders psychisch zu würdigen verstehen als in der Ver-
    knüpfung mit einem Vorstellungsinhalt. Passen Affekt und Vorstellung
    der Art und der Intensität nach nicht zueinander, so wird unser
    waches Urteil irre.

    An den Träumen hat immer Verwunderung erregt, daß Vor-
    stellungsinhalte nicht die Affektwirkung mit sich bringen, die wir als
    notwendig im wachen Denken erwarten würden. Strümpell äußerte,
    im Traume seien die Vorstellungen von ihren psychischen Werten
    entblößt. Es fehlt im Traume aber auch nicht am gegenteiligen Vor-
    kommen, daß intensive Affektäußerung bei einem Inhalt auftritt, der
    zur Entbindung von Affekt keinen Anlaß zu bieten scheint. Ich bin
    im Traume in einer gräßlichen, gefahrvollen, ekelhaften Situation, ver-
    spüre aber dabei nichts von Furcht oder Abscheu; hingegen entsetze
    ich mich andere Male über harmlose, und freue mich über kindische
    Dinge.

  • S.

    309

    Dieses Rätsel des Traumes verschwindet uns so plötzlich und so
    vollständig wie vielleicht kein anderes der Traumrätsel, wenn wir vom
    manifesten Trauminhalt zum latenten übergehen. Wir werden mit
    seiner Erklärung nichts zu schaffen haben, denn es besteht nicht mehr.
    Die Analyse lehrt uns, daß die Vorstellungsinhalte Ver-
    schiebungen und Ersetzungen erfahren haben, während
    die Affekte unverrückt geblieben sind.
    Kein Wunder, daß
    der durch die Traumentstellung veränderte Vorstellungsinhalt zum
    erhalten gebliebenen Affekt dann nicht mehr paßt; aber auch keine
    Verwunderung mehr, wenn die Analyse den richtigen Inhalt an seine
    frühere Stelle eingesetzt hat.

    An einem psychischen Komplex, welcher die Beeinflussung der
    Widerstandszensur erfahren hat, sind die Affekte der resistente Anteil,
    der uns allein den Fingerzeig zur richtigen Ergänzung geben kann.
    Deutlicher noch als beim Traume enthüllt sich dies Verhältnis bei den
    Psychoneurosen. Der Affekt hat hier immer Recht, wenigstens seiner
    Qualität nach; seine Intensität ist ja durch Verschiebungen der neuro-
    tischen Aufmerksamkeit zu steigern. Wenn der Hysteriker sich wun-
    dert, daß er sich vor einer Kleinigkeit so sehr fürchten muß, oder
    der Mann mit Zwangsvorstellungen, daß ihm aus einer Nichtigkeit ein
    so peinlicher Vorwurf erwächst, so gehen beide irre, indem sie den
    Vorstellungsinhalt — die Kleinigkeit oder die Nichtigkeit — für das
    Wesentliche nehmen, und sie wehren sich erfolglos, indem sie diesen
    Vorstellungsinhalt zum Ausgangspunkte ihrer Denkarbeit machen. Die
    Psychoanalyse zeigt ihnen dann den richtigen Weg, indem sie im Ge-
    genteil den Affekt als berechtigt anerkennt, und die zu ihm gehörige,
    durch eine Ersetzung verdrängte Vorstellung aufsucht. Voraussetzung
    ist dabei, daß Affektentbindung und Vorstellungsinhalt nicht diejenige
    unauflösbare organische Einheit bilden, als welche wir sie zu behan-
    deln gewöhnt sind, sondern daß beide Stücke aneinander gelötet sein
    können, so daß sie durch Analyse voneinander lösbar sind. Die Traum-
    deutung zeigt, daß dies in der Tat der Fall ist.

    Ich bringe zuerst ein Beispiel, in dem die Analyse das schein-
    bare Ausbleiben des Affekts bei einem Vorstellungsinhalt aufklärt‚
    der Affektentbindung erzwingen sollte.

    I. Sie sieht in einer Wüste drei Löwen, von denen
    einer lacht, fürchtet sich aber nicht vor ihnen. Dann
    muß sie doch vor ihnen geflüchtet sein, denn sie will
    auf einen Baum klettern, findet aber ihre Cousine, die
    französische Lehrerin ist, schon oben u. s. w.

    Dazu bringt die Analyse folgendes Material: Der indifferente
    Anlaß zum Traume ist ein Satz ihrer englischen Aufgabe geworden:
    Die Mähne ist der Schmuck des Löwen. Ihr Vater trug einen sol-
    chen Bart, der wie eine Mähne das Gesicht umrahmte. Ihre eng-
    lische Sprachlehrerin heißt Miß Lyons (Lions = Löwen). Ein Be-
    kannter hat ihr die Balladen von Loewe zugeschickt. Das sind also

  • S.

    310

    die drei Löwen; warum sollte sie sich vor ihnen fürchten? — Sie
    hat eine Erzählung gelesen, in welcher ein Neger, der die anderen
    zum Aufstand aufgehetzt, mit Bluthunden gejagt wird und zu seiner
    Rettung auf einen Baum klettert. Dann folgen in übermütigster Stim-
    mung Erinnerungsbrocken wie die: Die Anweisung, wie man Löwen
    fängt, aus den „Fliegenden Blättern“: Man nehme eine Wüste und
    siehe sie durch, dann bleiben die Löwen übrig. Ferner die höchst
    lustige, aber nicht sehr anständige Anekdote von einem Beamten, der
    gefragt wird, warum er sich denn nicht um die Gunst seines Chefs
    ausgiebiger bemühe, und der zur Antwort gibt, er habe sich wohl bemüht
    da hineinzukriechen, aber sein Vordermann war schon oben. Das
    ganze Material wird verständlich, wenn man erfährt, daß die Dame
    am Traumtage den Besuch des Vorgesetzten ihres Mannes empfangen
    hatte. Er war sehr höflich mit ihr, küßte ihr die Hand, und sie
    fürchtete sich gar nicht vor ihm
    , obwohl er ein sehr „großes
    Tier
    “ ist und in der Hauptstadt ihres Landes die Rolle eines Löwen
    der Gesellschaft“ spielt. Dieser Löwe ist also vergleichbar dem
    Löwen im Sommernachtstraume, der sich als Schnock, der Schreiner
    demaskiert‚ und so sind alle Traumlöwen, vor denen man sich nicht
    fürchtet.

    II. Als zweites Beispiel ziehe ich den Traum jenes Mädchens heran,
    das den kleinen Sohn ihrer Schwester als Leiche im Sarg liegen sah,
    dabei aber, wie ich jetzt hinzufüge, keinen Schmerz und keine Trauer
    verspürte. Wir wissen aus der Analyse, warum nicht. Der Traum
    verhüllte nur ihren Wunsch, den geliebten Mann wiederzusehen; der
    Affekt mußte auf den Wunsch abgestimmt sein und nicht auf dessen
    Verhüllung. Es war also zur Trauer gar kein Anlaß.

    In einer Anzahl von Träumen bleibt der Affekt wenigstens noch
    in Verbindung mit jenem Vorstellungsinhalt, welcher den zu ihm pas-
    senden ersetzt hat. In anderen geht die Auflockerung des Komplexes
    weiter. Der Affekt erscheint völlig gelöst von seiner zugehörigen Vor-
    stellung, und findet sich irgendwo anders im Traume untergebracht,
    wo er in die neue Anordnung der Traumelemente hineinpaßt. Es ist
    dann ähnlich, wie wir’s bei den Urteilsakten des Traumes erfahren
    haben. Findet sich in den Traumgedanken ein bedeutsamer Schluß,
    so enthält auch der Traum einen solchen; aber der Schluß im Traume
    kann auf ein ganz anderes Material verschoben sein. Nicht selten er-
    folgt diese Verschiebung nach dem Prinzip der Gegensätzlichkeit.

    Die letztere Möglichkeit erläutere ich an folgendem Traumbei-
    spiele, das ich der erschöpfendsten Analyse unterzogen habe.

    III. Ein Schloß am Meere, später liegt es nicht
    direkt am Meere, sondern an einem schmalen Kanal,
    der ins Meer führt. Ein Herr P. ist der Gouverneur. Ich
    stehe mit ihm in einem großen dreifenstrigen Salon,
    vor dem sich Mauervorsprünge wie Festungszinnen er-
    heben. Ich bin etwa als freiwilliger Marineoffizier der

  • S.

    311

    Besatzung zugeteilt. Wir befürchten das Eintreffen von
    feindlichen Kriegsschiffen, da wir uns im Kriegszustand
    befinden. Herr P. hat die Absicht wegzugehen; er er-
    teilt mir Instruktionen, was in dem befürchteten Falle
    zu geschehen hat. Seine kranke Frau befindet sich mit
    den Kindern im gefährdeten Schlosse. Wenn das Bom-
    bardement beginnt, soll der große Saal geräumt werden.
    Er atmet schwer und will sich entfernen; ich halte ihn
    zurück und frage, auf welche Weise ich ihm nötigen-
    falls Nachricht zukommen lassen soll. Darauf sagt er
    noch etwas, sinkt aber gleich darauf tot um. Ich habe
    ihn wohl mit den Fragen überfüssigerweise angestrengt.
    Nach seinem Tode, der mit weiter keinen Eindruck
    macht, Gedanken, ob die Witwe im Schlosse bleiben
    wird, ob ich dem Oberkommando den Tod anzeigen und
    als der nächste im Befehl die Leitung des Schlosses
    übernehmen soll. Ich stehe nun am Fenster und mustere
    die verbeifahrenden Schiffe; es sind Kauffahrer, die
    auf dem dunklen Wasser rapid vorbeisausen, einige mit
    mehreren Kaminen, andere mit bauschiger Decke (
    die
    ganz ähnlich ist, Wie die Bahnhofsbauten im [nicht erzählten] Vor-
    traume). Dann steht mein Bruder neben mir und wir schauen
    beide aus dem Fenster auf den Kanal. Bei einem Schiffe
    erschrecken wir und rufen: Da kommt das Kriegsschiff.
    Es zeigt sich aber, daß nur dieselben Schiffe zurück-
    kehren, die ich schon kenne. Nun kommt ein kleines
    Schiff, komisch abgeschnitten, so daß es mitten in seiner
    Breite endigt; auf Deck sieht man eigentümliche becher-
    oder dosenartige Dinge. Wir rufen wie aus einem Munde:
    Das ist des Frühstücksschiff.

    Die rasche Bewegung der Schiffe, das tiefdunkle Blau des Was-
    sers, der braune Rauch der Kamine, das alles ergibt zusammen einen
    hochgespannten, düsteren Eindruck.

    Die Örtlichkeiten in diesem Traume sind aus mehreren Reisen
    an die Adria zusammengetragen (Miramare, Duino, Venedig, Aquileja).
    Eine kurze, aber genußreiche Osterfahrt nach Aquileja mit meinem
    Bruder, wenige Wochen vor dem Traume, war mir noch in frischer
    Erinnerung. Auch der Seekrieg zwischen Amerika und Spanien und
    an ihn geknüpfte Besorgnisse um das Schicksal meiner in Amerika
    lebenden Verwandten spielen mit hinein. An zwei Stellen dieses
    Traumes treten Affektwirkungen hervor. An der einen Stelle bleibt
    ein zu erwartender Affekt aus, es wird ausdrücklich hervorgehoben,
    daß mir der Tod des Gouverneurs keinen Eindruck macht; an einer
    anderen Stelle, wie ich das Kriegsschiff zu sehen glaube erschrecke
    ich und verspüre im Schlafe alle Sensationen des Schreckens. Die
    Unterbringung der Affekte ist in diesem gut gebauten Traume so er-

  • S.

    312

    folgt, daß jeder auffällige Widerspruch vermieden ist. Es ist ja kein
    Grund, daß ich beim Tode des Gouverneurs erschrecken sollte, und
    es ist wohl angebracht, daß ich als Kommandant des Schlosses bei
    dem Anblicke des Kriegsschiffes erschrecke. Nun weist aber die
    Analyse nach, daß Herr P. nur ein Ersatzmann für mein eigenes Ich
    ist (im Traume bin ich sein Ersatzmann). Ich bin der Gouverneur,
    der plötzlich stirbt. Die Trenmgedanken handeln von der Zukunft
    der Meinigen nach meinem vorzeitigen Tode. Kein anderer peinlicher
    Gedanke findet sich in den Traumgedanken. Der Schreck, der im
    Traume an den Anblick des Kriegsschiffes gelötet ist, muß von dort
    losgemacht und hieher gesetzt werden. Umgekehrt zeigt die Analyse,
    daß die Region der Traumgedanken, aus der das Kriegeschiff genom-
    men ist, mit den heitersten Reminiszenzen erfüllt ist. Es war ein Jahr
    vorher in Venedig, wir standen an einem zauberthaft schönen Tage
    an den Fenstern unseres Zimmers auf der Riva Schiavoni und schau-
    ten auf die blaue Lagune, in der heute mehr Bewegung zu finden
    war als sonst. Es werden englische Schiffe erwartet, die feierlich emp-
    fangen werden sollten, und plötzlich rief meine Frau heiter wie ein
    Kind: Da kommt das englische Kriegsschiff! Im Traume
    ersehrecke ich bei den nämlichen Worten; wir sehen wieder, daß
    Rede im Traume von Rede im Leben abstammt. Daß auch das Ele-
    ment „englisch“ in dieser Rede für die Traumarbeit nicht verloren
    gegangen ist, werde ich alsbald zeigen. Ich verkehre also hier
    zwischen Traumgedanken und Trauminhalt Fröhlichkeit in Schreck,
    und brauche nur anzudeuten, daß ich mit dieser Verwandlung selbst
    ein Stück des latenten Trauminhalts zum Ausdruck bringe. Das Bei-
    spiel beweist aber, daß es der Traumarbeit freisteht, den Affektanlaß
    aus seinen Verbindungen in den Traumgedanken zu lösen und beliebig
    wo anders im Trauminhalt einzufügen.

    Ich ergreife die nebstbei sich bietende Gelegenheit, das „Früh-
    stücksschiff
    “, dessen Erscheinen im Traume eine rationell festgehaltene
    Situation so unsinnig abschließt, einer näheren Analyse zu unter-
    ziehen. Wenn ich das Treumobjekt besser ins Auge fasse, so fällt
    mir nachträglich auf, daß es schwarz war und durch sein Abschneiden
    in seiner größten Breite an diesem Ende eine weitgehende Ähnlich-
    keit mit einem Gegenstand erzielte, der uns in den Museen etrus-
    kischer Städte interessant geworden war. Es war dies eine rechteckige
    Tasse aus schwarzem Ton, mit zwei Henkeln, auf der Dinge wie
    Kaffee- oder Teetassen standen, nicht ganz unähnlich einem unserer
    modernen Service für den Frühstücktisch. Auf Befragen erfuhren
    wir, das sei die Toilette einer etruskischen Dame mit den Schminke-
    und Puderbüchsen darauf; und wir sagten uns im Scherze, es wäre
    nicht übel, so ein Ding der Hausfrau mitzubringen. Das Traumobjekt
    bedeutet also — schwarze Toilette, Trauer und spielt direkt auf
    einen Todesfall an. Mit dem anderen Ende mahnt das Traumobjekt
    an den „Nachen“ vom Stamme νέχυζ, wie mein spraehgelehrter Freund

  • S.

    313

    mir mitgeteilt, auf den in Vorzeiten die Leiche gelegt und dem Meere
    zur Bestattung überlassen wurde. Hieran reiht sich, warum im Traume
    die Schiffe zurückkehren.

    „Still, auf gerettetem Boote, treibt in den Hafen der Greis.“

    Es ist die Rückfahrt nach dem Schiffbruche, das Frühstücks-
    schiff ist ja wie in seiner Breite abgebrochen. Woher aber der Name
    „Frühstücks“schiff? Hier kommt nun das „Englische“ zur Verwendung,
    das wir bei den Kriegsschiffen erübrigt haben. Frühstück = break-
    fast, Fastenbrecher
    . Das Brechen gehört wieder zum Schiff-
    bruche, das Fasten schließt sich der schwarzen Toilette an.

    An diesem Frühstücksschiffe ist aber nur der Name vom Traume
    neugebildet. Das Ding hat existiert und mahnt mich an eine der
    heitersten Stunden der letzten Reise. Der Verpflegung in Aquileja
    mißtrauend, hatten wir uns von Görz Eßwaren mitgenommen, eine
    Flasche des vorzüglichen Istrianer Weines in Aquileja eingekauft und
    während der kleine Postdampfer durch den Kanal delle Mee langsam
    in die öde Lagunenstrecke nach Grado fuhr, nahmen wir, die ein-
    zigen Passagiere, in heiterster Laune auf Deck das Frühstück ein,
    das uns schmeckte wie selten eines zuvor. Das war also das „Früh-
    stücksschiff
    “, und gerade hinter dieser Reminiszenz frohesten
    Lebensgenusses verbirgt der Traum die betrübendsten Gedanken an
    eine unbekannte und unheimliche Zukunt.

    Die Ablösung der Affekte von den Vorstellungsmassen, die ihre
    Entbindung hervorgerufen haben, ist das Auffälligste, was ihnen bei
    der Traumbildung widerfährt, aber weder die einzige noch die wesent-
    lichste Veränderung, die sie auf dem Wege von den Traumgedanken
    zum manifesten Traume erleiden. Vergleicht man die Affekte in den
    Traumgedanken mit denen im Traume, so wird eines sofort klar: Wo
    sich im Traume ein Affekt findet, da findet er sich auch in den Traum-
    gedanken, aber nicht umgekehrt. Der Traum ist im allgemeinen
    affektärmer als das psychische Material, aus dessen Bearbeitung er
    hervorgegangen ist. Wenn ich die Traumgedanken rekonstruiert habe,
    so übersehe ich, wie in ihnen regelmäßig die intensivsten Seelen-
    regungen nach Geltung ringen, zumeist im Kampfe mit anderen, die
    ihnen scharf zuwiderlaufen. Blicke ich dann auf den Traum zurück,
    so finde ich ihn nicht selten farblos, ohne jeden intensiveren Gefühls-
    ton. Es ist durch die Traumarbeit nicht bloß der Inhalt, sondern auch
    oft der Gefühlston meines Denkens auf das Niveau des Indifferenten
    gebracht. Ich könnte sagen, durch die Traumarbeit wird eine
    Unterdrückung der Affekte zu stande gebracht. Man nehme
    z. B. den Traum von der botanischen Monographie  Ihm entspricht
    im Denken ein leidenschaftlich bewegtes Plaidoyer für meine Freiheit,
    so zu handeln, wie ich handle, mein Leben so einzurichten, wie es
    mir einzig und allein richtig scheint. Der daraus hervorgegangene
    Traum klingt gleichgültig: Ich habe eine Monographie geschrieben,
    sie liegt vor mir, ist mit farbigen Tafeln versehen, getrocknete

  • S.

    314

    Pflanzen sind jedem Exemplar beigelegt. Es ist wie die Ruhe eines
    Leichenfeldes; man verspürt nichts mehr vom Toben der Schlacht.

    Es kann auch andere ausfallen, in den Traum selbst können
    lebhafte Affektäußerungen eingehen; aber wir wollen zunächst bei der
    unbestreitbaren Tatsache verweilen, daß so viele Träume indifferent
    erscheinen, während man sich in die Traumgedanken nie ohne tiefe
    Ergriffenheit versetzen kann.

    Die volle theoretische Aufklärung dieser Affektunterdrückung
    während der Traumarbeit ist hier nicht zu geben; sie würde das
    sorgfältigste Eindringen in die Theorie der Affekte und in den
    Mechanismus der Verdrängung voraussetzen. Ich will nur zwei Ge-
    danken hier eine Erwähnung gönnen. Die Affektentbindung bin ich
    — aus anderen Gründen — genötigt mir als einen zentrifugalen,
    gegen das Körperinnere gerichteten Vorgang vorzustellen, analog den
    motorischen und sekretorischen Innervationsvorgängen. Wie nun im
    Schlafzustand die Aussendung motorischer Impulse gegen die Außen-
    welt aufgehoben erscheint, so könnte auch die zentrifugale Erweckung
    von Affekten durch das unbewußte Denken während des Schlafes
    erschwert sein. Die Affektregungen, die während des Ablaufes der
    Traumgedanken zu Stande kommen, wären also an und für sich
    schwache Regungen, und darum die in den Traum gelangenden auch
    nicht stärker. Nach diesem Gedankengange wäre die „Unterdrückung
    der Affekte“ überhaupt kein Erfolg der Traumarbeit, sondern eine
    Folge des Schlafzustandes. Es mag so sein, aber es kann unmöglich
    alles sein. Wir müssen auch daran denken, daß jeder zusammen-
    gesetztere Traum sich auch als das Kompromißergebnis eines Wider-
    streites psychischer Mächte enthüllt hat. Einerseits haben die wunsch-
    bildenden Gedanken gegen den Widerspruch einer zensurierenden
    Instanz anzukämpfen, anderseits haben wir oft gesehen, daß im un-
    bewußten Denken selbst ein jeder Gedankenzug mit seinem kontra-
    diktorischen Gegenteil zusammengespannt war. Da alle diese Ge-
    dankenzüge affektfähig sind, so werden wir im ganzen und großen
    kaum irre gehen, wenn wir die Affektunterdrückung auffassen als
    Folge der Hemmung, welche die Gegensätze gegeneinander, und die
    Zensur gegen die von ihr unterdrückten Strebungen übt. Die
    Affekthemmung wäre dann der zweite Erfolg der Traum-
    zensur, wie die Traumentstellung deren erster war.

    Ich will ein Traumbeispiel einfügen, in dem der indifferente
    Empfindungston des Trauminhalts durch die Gegensätzlichkeit in den
    Traumgedanken aufgeklärt werden kann. Ich habe folgenden kurzen
    Traum zu erzählen, den jeder Leser mit Ekel zur Kenntnis nehmen
    wird:

    IV. Eine Anhöhe, auf dieser etwas wie ein Abort im
    Freien, eine sehr lange Bank, an deren Ende ein großes
    Abortloch. Die ganze hintere Kante dicht besetzt mit
    Häufchen Kot von allen Größen und Stufen der Frische.

  • S.

    315

    Hinter der Bank ein Gebüsch. Ich uriniere auf die
    Bank; ein langer Harnstrahl spült alles rein, die Kot-
    patzen lösen sich leicht ab und fallen in die Öffnung.
    Als ob am Ende noch etwas übrig bliebe.

    Warum empfand ich bei diesem Traume keinen Ekel?

    Weil, wie die Analyse zeigt, an dem Zustandekommen dieses
    Traumes die angenehmsten und befriedigendsten Gedanken mitgewirkt
    hatten. Mir fällt in der Anal se sofort der Augiasstall ein, den
    Herkules reinigt. Dieser Herkules bin ich. Die Anhöhe und das
    Gebüsch gehören nach Aussee, wo jetzt meine Kinder weilen. Ich
    habe die Kindheitsätiologie der Neurosen aufgedeckt und dadurch
    meine eigenen Kinder vor Erkrankung bewahrt. Die Bank ist (bis
    auf das Abortloch natürlich) die getreue Nachahmung eines Möbels,
    das mir eine anhängliche Patientin zum Geschenk gemacht hat. Sie
    mahnt mich daran, wie meine Patienten mich ehren. Ja selbst das
    Museum menschlicher Exkremente ist einer herzerfreuenden Deutung
    fähig. So sehr ich mich dort davor ekle, im Traume ist es eine
    Reminiszenz an das schöne Land Italien, in dessen kleinen Städten
    bekanntlich die W. C. nicht anders ausgestattet sind. Der Harnstrahl,
    der alles rein abspült, ist eine unverkennbare Größenanspielung. So
    löscht Gulliver bei den Liliputanern den großen Brand; er zieht
    sich dadurch allerdings das Mißfallen der allerkleinsten Königin zu.
    Aber auch Gargantua, der Übermensch bei Meister Rabelais,
    nimmt so seine Rache an den Parisern, indem er auf Notre-Dame
    reitend seinen Harnstrahl auf die Stadt richtet. In den Garnierschen
    Illustrationen zum Rabelais habe ich gerade gestern vor dem
    Schlafengehen geblättert. Und merkwürdig wieder ein Beweis, daß
    ich der Übermensch bin! Die Plattform von Notre-Dame war mein
    Lieblingsaufenthalt in Paris; jeden freien Nachmittag pflegte ich auf
    den Türmen der Kirche zwischen den Ungetümen und Teufels-
    fratzen dort herumzuklettern. Daß aller Kot vor dem Strahle so
    rasch verschwindet, das ist das Motto: Afflavit et dissipati sunt,
    mit dem ich einmal den Abschnitt über Therapie der Hysterie über-
    schreiben werde.

    Und nun die wirksame Veranlassung des Traumes. Es war ein
    heißer Nachmittag im Sommer gewesen, ich hatte in den Abend-
    stunden meine Vorlesung über den Zusammenhang der Hysterie mit
    den Perversionen gehalten, und alles, was ich zu sagen wußte, miß-
    fiel mir so gründlich, kam mir alles Wertes entkleidet vor. Ich war
    müde, ohne Spur von Vergnügen an meiner schweren Arbeit, sehnte
    mich weg von diesem Wühlen im menschlichen Schmutze, nach meinen
    Kindern und dann nach den Schönheiten Italiens. In dieser Stimmung
    ging ich vom Hörsaal in ein Café, um dort in freier Luft einen be-
    scheidenen Imbiß zu nehmen, denn die Eßlust hatte mich verlassen.
    Aber einer meiner Hörer ging mit mir; er hat um die Erlaubnis
    dabei zu sitzen, während ich meinen Kaffee trank und an meinem

  • S.

    316

    Kipfel würgte, und begann mir Schmeicheleien zu sagen  Wie viel er
    bei mir gelernt, und daß er jetzt alles mit anderen Augen ansehe,
    daß ich den Augiasstall der Irrtümer und Vorurteile der Neuro-
    senlehre gereinigt, kurz daß ich ein sehr großer Mann sei. Meine
    Stimmung paßte schlecht zu seinem Lobgesange; ich kämpfte mit dem
    Ekel, ging früher heim, um mich los zu machen, blätterte noch vor
    dem Schlafengehen im Rabelais und las eine Novelle von C. F.
    Meyer „Die Leiden eines Knaben“.

    Aus diesem Material war der Traum hervorgegangen, die Novelle
    von Meyer brachte die Erinnerung an Kindheitsszenen hinzu (vergl.
    den Traum vom Grafen Thun, letztes Bild). Die Tagesstimmung
    von Ekel und Überdruß setzte sich im Traume insofern durch, als
    sie fast sämtliches Material für den Trauminhalt beistellen durfte.
    Aber in der Nacht wurde die ihr gegensätzliche Stimmung von
    kräftiger und selbst übermäßiger Selbstbetonung rege und hob die
    erstere auf. Der Trauminhalt mußte sich so gestalten, daß er in
    demselben Material dem Kleinheitswahn wie der Selbstüberschätzung
    den Ausdruck ermöglichte. Bei dieser Kompromißbildung resultierte
    ein zweideutiger Trauminhalt, aber auch durch gegenseitige Hemmung
    der Gegensätze ein indifferenter Empfindungston.

    Nach der Theorie der Wunscherfüllung wäre dieser Traum nicht
    ermöglicht worden, wenn nicht der gegensätzliche, zwar unterdrückte
    aber mit Lust betonte, Gedankenzug des Größenwahns zu dem des
    Ekels hinzugetreten wäre. Denn Peinliches soll im Traume nicht dar-
    gestellt werden; das Peinliche aus unseren Tagesgedanken kann nur
    dann den Eintritt in den Traum erringen, wenn es seine Einkleidung
    gleichzeitig einer Wunscherfüllung leiht.

    Die Traumarbeit kann mit den Affekten der Traumgedanken
    noch etwas anderes vornehmen, als sie zuzulassen oder zum Nullpunkte
    herabzudrücken. Sie kann dieselben in ihr Gegenteil ver-
    kehren
    . Wir haben bereits die Deutungsregel kennen gelernt, daß
    jedes Element des Traumes für die Deutung auch sein Gegenteil dar-
    stellen kann, ebensowohl wie sich selbst. Man weiß nie im vorhinein,
    ob das eine oder das andere zu setzen ist; erst der Zusammenhang
    entscheidet hierüber. Eine Ahnung dieses Sachverhalts hat sich offen-
    bar dem Volksbewußtsein aufgedrängt; die Traumbücher verfahren
    bei der Deutung der Träume sehr häufig nach dem Prinzip des Kon-
    trastes. Solche Verwandlung ins Gegenteil wird durch die innige
    assoziative Verkettung ermöglicht, die in unserem Denken die Vor-
    stellung eines Dinges an die seines Gegensatzes fesselt. Wie jede
    andere Verschiebung dient sie den Zwecken der Zensur, ist aber
    auch häufig das Werk der Wunscherfüllung, denn die Wunscherfüllung
    besteht ja in nichts anderem als in der Ersetzung eines unliebsamen
    Dinges durch sein Gegenteil. Ebenso wie die Dingvorstellungen
    können also auch die Affekte der Traumgedanken im Traume ins
    Gegenteil verkehrt erscheinen, und es ist wahrscheinlich, daß diese

  • S.

    317

    Affektverkehrung zumeist von der Traumzensur bewerkstelligt wird.
    Affektunterdrückung wie Affektverkehrung dienen ja
    auch im sozialen Leben, das uns die geläufige Analogie zur Traum-
    zensur gezeigt hat, vor allem der Verstellung. Wenn ich münd-
    lich mit der Person verkehre, vor der ich mit Rücksicht auferlegen
    muß, während ich ihr Feindseliges sagen möchte, so ist es beinahe
    wichtiger, daß ich die Äußerungen meines Affekts vor ihr verberge,
    als daß ich die Wortfassung meiner Gedanken mildere. Spreche ich
    zu ihr in nicht unhöflichen Worten, begleite aber diese mit einem
    Blicke oder einer Gebärde des Hasses und der Verachtung‚ so ist die
    Wirkung, die ich bei dieser Person erziele, nicht viel anders, als
    wenn ich ihr meine Verachtung ohne Schonung ins Gesicht geworfen
    hätte. Die Zensur heißt mich also vor allem meine Affekte unter-
    drücken, und wenn ich ein Meister in der Verstellung bin, werde ich
    den entgegengesetzten Affekt heucheln, lächeln, wo ich zürnen‚ und
    mich zärtlich stellen, wo ich vernichten möchte.

    Wir kennen bereits ein ausgezeichnetes Beispiel solcher Affekbt-
    verkehrung im Traume im Dienste der Traumzensur. Im Traume
    „von des Onkels Bart“ empfinde ich große Zärtlichkeit für meinen
    Freund R., während und weil die Traumgedanken ihn einen Schwach-
    kopf schelten. Aus diesem Beispiele von Verkehng der Affekte
    haben wir uns den ersten Hinweis auf die Existenz einer Traum-
    zensur geholt. Es ist auch hier nicht nötig anzunehmen, daß die
    Traumarbeit einen derartigen Gegenaffekt ganz von neuem schafft;
    sie findet ihn gewöhnlich im Material der Traumgedanken bereit-
    liegend und erhöht ihn bloß mit der psychischen Kraft der Abwehr-
    motive, bis er für die Traumbildung überwiegen kann. Im letzt-
    erwähnten Onkeltraume stammt der zärtliche Gegenaffekt wahrscheinlich
    aus infantiler Quelle (wie die Fortsetzung des Traumes nahe legt),
    denn das Verhältnis Onkel und Neffe ist durch die besondere Natur
    meiner frühesten Kindererlebnisse (vergl. die Analyse Seite 283) bei
    mir die Quelle aller Freundschaften und alles Hasses geworden.

    [Es gibt eine Klasse von Träumen, die auf die Bezeichnung als
    „heuchlerische“ einen besonderen Anspruch haben und die Theorie
    der Wunscherfüllung auf eine harte Probe stellen. Ich wurde auf sie
    aufmerksam, als Frau Dr. M. Hilferding in der „Wiener psycho-
    analytischen Vereinigung“ den im nachstehenden abgedruckten Traum-
    bericht Roseggers zur Diskussion brachte.

    Rosegger in „Waldheimat“ II. Band erzählt in der Geschichte
    „Fremd gemacht“ (p. 303): „Ich erfreue mich sonst eines gesunden
    Schlummers, aber ich habe die Ruhe von so mancher Nacht eingebüßt,
    ich habe neben meinem bescheidenen Studenten- und Literatendasein
    den Schatten eines veritabeln Schneiderlebens durch die langen Jahre
    geschleppt, wie ein Gespenst, ohne seiner los werden zu können.

    Es ist nicht wahr, daß ich mich tagsüber in Gedanken so häufig
    und lebhaft mit meiner Vergangenheit beschäftigt hätte. Ein der Haut

  • S.

    318

    eines Philisters entsprungener Welt- und Himmelsstürmer hat anderes
    zu tun. Aber auch an seine nächtlichen Träume wird der flotte
    Bursche kaum gedacht haben; erst später, als ich gewohnt worden
    war, über alles nachzudenken oder auch, als sich der Philister in mir
    wieder ein wenig zu regen begann, fiel es mir auf, wieso ich denn
    — wenn ich überhaupt träumte — allemal der Schneidergesell’ war
    und daß ich solchergestalt schon so lange Zeit bei meinem Lehrmeister
    unentgeltlich in der Werkstatt arbeitete. Ich war mir, wenn ich so
    neben ihm saß und nähte, und bügelte, sehr wohl bewußt, daß ich
    eigentlich nicht mehr dorthin gehöre, daß ich mich als Städter mit
    anderen Dingen zu befassen habe; doch hatte ich stets Ferien, war
    stets auf der Sommerfrische und so saß ich zur Aushilfe beim Lehr-
    meister. Es war mir oft gar unbehaglich, ich bedauerte den Verlust
    der Zeit, in welcher ich mich besser und nützlicher zu beschäftigen
    gewußt hätte. Vom Lehrmeister mußte ich mir mitunter, wenn etwas
    nicht ganz nach Maß und Schnitt ausfallen wollte, eine Rüge gefallen
    lassen; von einem Wochenlohn jedoch war gar niemals die Rede. Oft,
    wenn ich mit gekrümmtem Rücken in der dunkeln Werkstatt so
    dasaß, nahm ich mir vor, die Arbeit zu kündigen und mich fremd zu
    machen. Einmal tat ichs sogar, jedoch der Meister nahm keine Notiz
    davon, und nächstens saß ich doch wieder bei ihm und nähte.

    Wie mich nach solch' langweiligen Stunden das Erwachen be-
    glückte! Und da nahm ich mir vor, wenn dieser zudringliche Traum
    sich wieder einmal einstellen sollte, ihn mit Energie von mir zu
    werfen und laut auszurufen: es ist nur Gaukelpiel, ich liege im Bette
    und will schlafen . . . Und in der nächsten Nacht saß ich doch wieder
    in der Schneiderwerkstatt.

    So ging es Jahre in unheimlicher Regelmäßigkeit fort. Da war
    es einmal, als wir, der Meister und ich, beim Alpelhofer arbeiteten,
    bei jenem Bauern, wo ich in die Lehre eingetreten war, daß sich
    mein Meister ganz besonders unzufrieden mit meinen Arbeiten zeigte.
    „Möcht’ nur wissen, wo du deine Gedanken hast!“ sagte er und sah
    mich etwas finster an. Ich dachte, das Vernünftigste wäre, wenn ich
    jetzt aufstünde, dem Meister bedeutete, daß ich nur aus Gefälligkeit
    bei ihm sei, und wenn ich dann davon ging. Aber ich tat es nicht.
    Ich ließ es mir gefallen, als der Meister einen Lehrling aufnahm und
    mir befahl, demselben auf der Bank Platz zu machen. Ich rückte in
    den Winkel und nähte. An demselben Tag wurde auch noch ein Ge-
    selle aufgenommen, bigott, es war der Böhm, der vor neunzehn
    Jahren bei uns gearbeitet hatte und damals auf dem Wege vom Wirts-
    hause in den Bach gefallen war. Als er sich setzen wollte, war kein
    Platz da. Ich blickte den Meister fragend an, und dieser sagte zu
    mir: „Du hast ja doch keinen Schick zur Schneiderei, du kannst
    gehen, du bist fremd gemacht.
    “ — So übermächtig war hier-
    über mein Schreck, daß ich erwachte.

  • S.

    319

    Das Morgengrauen schimmerte zu den klaren Fenstern herein
    in mein trautes Heim. Gegenstände der Kunst umgaben mich; im
    stilvollen Bücherschrank harrte meiner der ewige Homer, der gigan-
    tische Dante, der unvergleichliche Shakespeare, der glorreiche Goethe
    — die Herrlichen, die Unsterblichen alle. Vom Nebenzimmer her
    klangen die hellen Stimmchen der erwachenden und mit ihrer Mutter
    schäkernden Kinder. Mir war zu Mute, als hätte ich dieses idyllisch
    süße, dieses friedensmilde und poesiereiche, helldurchgeistigte Leben,
    in welchem ich das beschauliche menschliche Glück so oft und tief
    empfand, von neuem wiedergefunden. Und doch wurmte es mich, daß
    ich mit der Kündigung meinem Meister nicht zuvorgekommen, sondern
    von ihm abgedankt worden war.

    Und wie merkwürdig ist mir das: Mit jener Nacht, da mich der
    Meister „fremd gemacht“ hatte, genieße ich Ruhe, träume nicht mehr
    von meiner in ferner Vergangenheit liegenden Schneiderzeit, die in
    ihrer Anspruchslosigkeit ja so heiter war und die doch einen so
    langen Schatten in meine späteren Lebensjahre herein geworfen hat.“

    In dieser Traumreihe des Dichters, der in seinen jungen Jahren
    Schneidergeselle gewesen war, fällt es schwer, das Walten der Wunsch-
    erfüllung zu erkennen. Alles Erfreuliche liegt im Tagesleben, während
    der Traum den gespenstigen Schatten einer endlich überwundenen
    unerfreulichen Existenz fortzuschleppen scheint. Eigene Träume von
    ähnlicher Art haben mich in den Stand gesetzt, einige Aufklärung
    über solche Träume zu geben. Ich habe als junger Doktor lange
    Zeit im chemischen Institut gearbeitet, ohne es in den dort erforderten
    Künsten zu etwas bringen zu können, und denke warum im Wachen
    niemals gerne an diese unfruchtbare und eigentlich beschämende
    Episode meines Lernens. Dagegen ist es bei mir ein wiederkehrender
    Traum geworden, daß ich im Laboratorium arbeite, Analysen mache,
    verschiedenes erlebe u. s. w.; diese Träume sind ähnlich unbehaglich
    wie die Prüfungsträume und niemals sehr deutlich. Bei der Deutung
    eines dieser Träume wurde ich endlich auf das Wort „Analyse“
    aufmerksam, das mir den Schlüssel zum Verständnis bot. Ich bin ja
    seither „Analytiker" geworden, mache Analysen, die sehr gelobt
    werden, allerdings Psycho-Analysen. Ich verstand nun, wenn
    ich auf diese Art von Analysen im Tagesleben stolz geworden bin,
    mich vor mir selbst rühmen möchte, wie weit ich es gebracht habe,
    hält mir nächtlicher Weile der Traum jene anderen mißglückten Ana-
    lysen vor, auf die stolz zu sein ich keinen Grund hatte; es sind Straf-
    träume des Emporkömmlings, wie die des Schneidergesellen, der ein
    gefeierter Dichter geworden war. Wie wird es aber dem Traume
    möglich, sich in dem Konflikt zwischen Parvenüstolz und Selbstkritik
    in den Dienst der letzteren zu stellen und eine vernünftige Warnung
    anstatt einer unerlaubten Wunscherfüllung zum Inhalt zu nehmen?
    Ich erwähnte schon, daß die Beantwortung dieser Frage Schwierig-

  • S.

    320

    keiten macht. Wir können erschließen, daß zunächst eine übermütige
    Ehrgeizphantasie die Grundlage des Traumes bildete, an ihrer statt
    ist aber ihre Dämpfung und Beschämung in den Trauminhalt gelangt.
    Man darf daran erinnern, daß es masochistische Tendenzen im Seelen-
    leben gibt, denen man eine solche Umkehrung zuschreiben könnte.
    Genaueres Eingehen auf einzelne dieser Träume läßt aber noch
    anderes erkennen. In dem undeutlichen Beiwerk eines meiner Labo-
    ratoriumsträume hatte ich gerade jenes Alter, welches mich in das
    düsterste und erfolgloseste Jahr meiner ärztlichen Laufbahn versetzt;
    ich hatte noch keine Stellung und wußte nicht, wie ich mein Leben
    erhalten sollte, aber dabei fand sich plötzlich, daß ich die Wahl
    zwischen mehreren Frauen hatte, die ich heiraten sollte! Ich war also
    wieder jung und vor allem, sie war wieder jung, die Frau, die alle diese
    schweren Jahre mit mir geteilt hatte. Somit war einer der unablässig
    nagenden Wünsche des alternden Mannes als der unbewußte Traum-
    erreger verraten. Der in anderen psychischen Schichten tobende Kampf
    zwischen der Eitelkeit und der Selbstkritik hatte zwar den Traum-
    inhalt bestimmt, aber der tiefer wurzelnde Jugendwunsch hatte ihn
    allein als Traum möglich gemacht. Man sagt sich auch manchmal im
    Wachen: Es ist ja sehr gut heute, und es war einmal eine harte
    Zeit; aber es war doch schön damals; du warst ja noch so jung.

    Bei der Beurteilung von Träumen, die ein Dichter mitteilt, darf
    man oft genug annehmen, daß er solche als störend empfundene und
    für unwesentlich erachtete Einzelheiten des Trauminhaltes von der
    Mitteilung ausgeschlossen hat. Seine Träume geben uns dann Rätsel
    auf, die bei exakter Wiedergabe des Trauminhaltes bald zu lösen
    wären.
    O. Rank machte mich auch aufmerksam, daß im Grimmschen
    Märchen vom tapferen Schneiderlein oder „Sieben auf einen Streich“
    ein ganz ähnlicher Traum eines Emporkömmlings erzählt wird. Der
    Schneider, der Heros und Schwiegersohn des Königs geworden ist,
    träumt eines Nachts bei der Prinzessin, seiner Gemahlin, von
    seinem Handwerk; diese mißtrauisch geworden bestellt nun Bewaffnete
    für die nächste Nacht, die das aus dem Traum Gesprochene anhören
    und sich der Person des Träumers versichern sollen. Aber das
    Schneiderlein ist gewarnt und weiß jetzt den Traum zu korrigieren.]

    Die Komplikation der Aufhebungs-, Subtraktions- und Ver-
    kehrungsvorgänge, durch welche endlich uns den Affekten der Traum-
    gedanken die des Traumes werden, läßt sich an geeigneten Syn-
    thesen vollständig analysierter Träume gut überblicken. Ich will hier
    noch einige Beispiele von Affektregung im Traume behandeln, die
    etwa einige der besprochenen Fälle als realisiert erweisen.

    V. In dem Traume von der sonderbaren Aufgabe, die mir der alte
    Brücke stellt, mein eigenes Becken zu präparieren, vermisse ich
    im Traume selbst das dazu gehörige Grauen
    . Dies ist
    nun Wunscherfüllung in mehr als einem Sinne. Die Präparation be-

  • S.

    321

    deutet die Selbstanalyse, die ich gleichsam durch die Veröffentlichung
    des Traumbuches vollziehe, die mir in Wirklichkeit so peinlich war,
    daß ich den Druck des bereitliegenden Manuskripts um mehr als ein
    Jahr aufgeschoben habe. Es regt sich nun der Wunsch, daß ich mich
    über diese anhaltende Empfindung hinaussetzen möge, darum ver-
    spüre ich im Traume kein „Grauen"‚ Das „Grauen“ im anderen
    Sinne möchte ich auch gern vermissen; es graut bei mir schon
    ordentlich, und dies Grau der Haare mahnt mich gleichfalls, nicht
    länger zurückzuhalten. Wir wissen ja, daß am Schlusse des Traumes
    der Gedanke zur Darstellung durchdringt‚ ich würde es den Kindern
    überlassen müssen, in der schwierigen Wanderung ans Ziel zu
    kommen.

    In den zwei Träumen, die den Ausdruck der Befriedigung in
    die nächsten Augenblicke nach dem Erwachen verlegen, ist diese
    Befriedigung das einemal motiviert durch die Erwartung, ich werde
    jetzt erfahren, was es heißt, „ich habe schon davon geträumt“, und
    bezieht sich eigentlich auf die Geburt der ersten Kinder, das andere-
    mal durch die Überzeugung, es werde jetzt eintreffen, „was sich
    durch ein Vorzeichen angekündigt hat“, und diese Befriedigung ist
    die nämliche, die seinerzeit den zweiten Sohn begrüßt hat. Es sind
    hier im Traume die Affekte verblieben, die in den Traumgedanken
    herrschen, aber es geht wohl in keinem Traume so ganz einfach zu.
    Vertieft man sich ein wenig in beide Analysen, so erfährt man,
    daß diese der Zensur nicht unterliegende Befriedigung einen Zuzug
    aus einer Quelle erhält, welche die Zensur zu fürchten hat, und
    deren Affekt sicherlich Widerspruch erregen würde, wenn er sich
    nicht durch den gleichartigen, gern zugelassenen Befriedigungsaffekt
    aus der erlaubten Quelle decken, sich gleichsam hinter ihm ein-
    schleichen würde. Ich kann dies leider nicht an dem Traumbeispiel
    selbst erweisen, aber ein Beispiel aus anderer Sphäre wird meine
    Meinung verständlich machen. Ich setze folgenden Fall: Es gäbe
    in meiner Nähe eine Person, die ich hasse, so daß in mir eine leb-
    hafte Regung zu stande kommt, mich zu freuen, wenn ihr etwas
    widerfährt. Dieser Regung gibt aber das Moralische in meinem
    Wesen nicht nach; ich wage es nicht, den Unglückswunsch zu
    äußern, und nachdem ihr unverschuldet etwas zugestoßen ist, unter-
    drücke ich meine Befriedigung darüber und nötige mich zu Äußerungen
    und Gedanken des Bedauerns. Jeder Mann wird sich in solcher Lage
    schon befunden haben. Nun ereigne es sich aber, daß die gehaßte
    Person sich durch eine Überschreitung eine wohlverdiente Unannehm-
    lichkeit zuziehe; dann darf ich meiner Befriedigung darüber freien
    Lauf lassen, daß sie von der gerechten Strafe getroffen werden ist,
    und äußere mich darin übereinstimmend mit vielen anderen, die un-
    parteiisch sind. Ich kann aber die Beobachtung machen, daß meine
    Befriedigung intensiver ausfällt als die der anderen; sie hat einen
    Zuzug aus der Quelle meines Hasses erhalten, der bis dahin von der

  • S.

    322

    inneren Zensur verhindert war‚ Affekt zu liefern, unter den geänderten
    Verhältnissen aber nicht mehr gehindert wird. Dieser Fall trifft in
    der Gesellschaft allgemein zu, wo antipathische Personen oder An-
    gehörige einer ungern gesehenen Minorität eine Schuld auf sich laden.
    Ihre Bestrafung entspricht dann gewöhnlich nicht ihrem Verschulden,
    sondern dem Verschulden vermehrt um das bisher effektlose Übel-
    wollen, das sich gegen sie richtet. Die Strafenden begehen dabei
    zweifellos eine Ungerechtigkeit; sie werden aber an der Wahrnehmung
    derselben gehindert durch die Befriedigung, welche ihnen die Auf-
    hebung einer lange festgehaltenen Unterdrückung in ihrem Innern
    bereitet. In solchen Fällen ist der Affekt seiner Qualität nach zwar
    berechtigt, aber nicht sein Ausmaß; und die in dem einen Punkte
    beruhigte Selbstkritik vernachlässigt nur zu leicht die Prüfung des
    zweiten Punktes. Wenn einmal die Türe geöffnet ist, so drängen
    sich leicht mehr Leute durch, als man ursprünglich einzulassen beab-
    sichtigte.

    Der auffällige Zug des neurotischen Charakters, daß affektfähige
    Anlässe bei ihm eine Wirkung erzielen, die qualitativ berechtigt,
    quantitativ über das Maß hinausgeht, erklärt sich auf diese Weise,
    soweit er überhaupt eine psychologische Erklärung zuläßt. Der Über-
    schuß rührt aber aus unbewußt gebliebenen, bis dahin unterdrückten
    Affektquellen her, die mit dem realen Anlaß eine assoziative Ver-
    bindung herstellen können, und für deren Affektentbindung die ein-
    spruchsfreie und zugelassene Affektquelle die erwünschte Bahnung er-
    öffnet. Wir werden so aufmerksam gemacht, daß wir zwischen der
    unterdrückten und der unterdrückenden seelischen Instanz nicht aus-
    schließlich die Beziehungen gegenseitiger Hemmung ins Auge fassen
    dürfen. Ebensoviel Beachtung verdienen die Fälle, in denen die
    beiden Instanzen durch Zusammenwirken, durch gegenseitige Ver-
    stärkung einen pathologischen Effekt zu stande bringen. Diese an-
    deutenden Bemerkungen über psychische Mechanik wolle man nun
    zum Verständnis der Affektäußerungen des Traumes verwenden. Eine
    Befriedigung, die sich im Traume kundgibt, und die natürlich alsbald
    an ihrer Stelle in den Traumgedanken aufzufinden ist, ist durch diesen
    Nachweis allein nicht immer vollständig aufgeklärt. In der Regel
    wird man für sie eine zweite Quelle in den Traumgedanken aufzu-
    suchen haben, auf welche der Druck der Zensur lastet, und die unter
    dem Drucke nicht Befriedigung, sondern den gegenteiligen Affekt
    ergeben hätte, die aber durch die Anwesenheit der ersten Traum-
    quelle in den Stand gesetzt wird, ihren Befriedigungsaffekt der
    Verdrängung zu entziehen und als Verstärkung zu der Befriedigung
    aus anderer Quelle stoßen zu lassen. So erscheinen die Affekte
    im Traume als zusammengefaßt aus mehreren Zuflüssen und als
    überdeterminiert in bezug auf das Material der Traumgedanken;
    Affektquellen, die den nämlichen Affekt liefern können,

  • S.

    323

    treten bei der Traumarbeit zur Bildung desselben zu-
    sammen.
    *)

    Ein wenig Einblick in diese verwickelten Verhältnisse erhält
    man durch die Analyse des schönen Traumes, in dem „Non vixit“
    den Mittelpunkt bildet (vergl. Seite 282). In diesem Traume sind die
    Affektäußerungen von verschiedener Qualität an zwei Stellen des
    manifesten Inhalts zusammengedrängt. Feindselige und peinliche
    Regungen (im Traume selbst heißt es „von merkwürdigen Affekten
    ergriffen“) überlagern einander dort, wo ich den gegnerischen Freund
    mit den beiden Worten vernichte. Am Ende des Traumes bin ich
    ungemein erfreut und urteile denn anerkennend über eine im Wachen
    als absurd erkannte Möglichkeit, daß es nämlich Revenants gibt, die
    man durch den bloßen Wunsch beseitigen kann.

    Ich habe die Veranlassung dieses Traumes noch nicht mitgeteilt.
    Sie ist eine wesentliche und führt tief in das Verständnis des Traumes
    hinein. Ich hatte von meinem Freunde in Berlin (den ich mit Fl. be-
    zeichnet habe) die Nachricht bekommen, daß er sich einer Operation
    unterziehen werde, und daß in Wien lebende Verwandte mir die
    weiteren Auskünfte über sein Befinden gehen würden. Diese ersten
    Nachrichten nach der Operation lauteten nicht erfreulich und machten
    mir Sorge. Ich wäre am liebsten selbst zu ihm gereist, aber ich war
    gerade zu jener Zeit mit einem schmerzhaften Leiden behaftet, das
    mir jede Bewegung zur Qual machte. Aus den Traumgedanken er-
    fahre ich nun, aß ich für das Leben des teuren Freundes fürchtete.
    Seine einzige Schwester, die ich nicht gekannt, war, wie ich wußte,
    in jungen Jahren nach kürzester Krankheit gestorben. (Im Traume:
    Fl. erzählt von seiner Schwester und sagt: in ¾
    Stunden war sie tot
    .) Ich muß mir eingebildet haben, daß seine
    eigene Natur nicht viel resistenter sei, und mir vorgestellt, daß ich
    auf weit schlimmere Nachrichten nun endlich doch reise — und zu
    spät komme, worüber ich mir ewige Vorwürfe machen könnte.**)
    Dieser Vorwurf wegen des Zuspätkommens ist zum Mittelpunkte des
    Traumes geworden, hat sich aber in einer Szene dargestellt, in der
    der verehrte Meister meiner Studentenjahre Brücke mir mit einem
    fürchterlichen Blicke seiner blauen Augen den Vorwurf macht. Was
    diese Ablenkung der Szene zu stande gebracht, wird sich bald er-
    geben; die Szene selbst kann der Traum nicht so reproduzieren, wie
    ich sie erlebt habe. Er läßt zwar dem anderen die blauen Augen,
    aber er gibt mir die vernichtende Rolle, eine Umkehrung, die offen-
    bar das Werk der Wunscherfüllung ist. Die Sorge um das Leben

    *) [Analog habe ich später die außerordentlich starke Lustwirkung der tenden-
    ziösen Witwe erklärt.]

    **) Diese Phantasie aus den unbewußten Traumgedanken ist es, die gebieterisch
    non vivit anstatt non vixit verlangt. „Du bist zu spät gekommen, er lebt nicht
    mehr.“ Daß mich die manifeste Situation des Traumes auf „non vivit“ zielt, ist
    Seite 283 angegeben worden.

  • S.

    324

    des Freundes, der Vorwurf, daß ich nicht zu ihm hinreise, meine
    Beschämung (er ist unauffällig (zu mir) nach Wien gekommen),
    mein Bedürfnis, mich durch meine Krankheit für entschuldigt zu
    halten, das alles setzt den Gefühlssturm zusammen, der im Schlafe
    deutlich verspürt, in jener Region der Traumgedanken tobt.

    An der Traumveranlassung war aber noch etwas anderes, was
    auf mich eine ganz entgegengesetzte Wirkung hatte. Bei den un-
    günstigen Nachrichten aus den ersten Tagen der Operation erhielt ich
    auch die Mahnung, von der ganzen Angelegenheit niemandem zu
    sprechen, die mich beleidigte, weil sie ein überflüssiges Mißtrauen in
    meine Verschwiegenheit zur Voraussetzung hatte. Ich wußte zwar,
    daß dieser Auftrag nicht von meinem Freunde ausging, sondern einer
    Ungeschicklichkeit oder Überängstlichkeit des vermittelnden Boten
    entsprach, aber ich wurde von dem versteckten Vorwurfe sehr peinlich
    berührt weil er — nicht ganz unberechtigt war. Andere Vorwürfe
    als solche, an denen „etwas daran ist“, haften bekanntlich nicht, haben
    keine aufregende Kraft. Zwar nicht in der Sache meines Freundes,
    aber früher einmal in viel jüngeren Jahren hatte ich zwischen zwei
    Freunden, die beide auch mich zu meiner Ehrung so nennen wollten,
    überflüssigerweise etwas ausgeplaudert, was der eine über den anderen
    gesagt hatte. Auch die Vorwürfe, die ich damals zu hören bekam,
    habe ich nicht vergessen. Der eine der beiden Freunde, zwischen
    denen ich damals den Unfriedensstifter machte, war Professor
    Fleischl; der andere kann durch den Vornamen Josef, den auch
    mein im Traume auftretender Freund und Gegner P. führte, ersetzt
    werden.

    Von dem Vorwurfe, daß ich nichts für mich zu behalten ver-
    möge, zeugen im Traume die Elemente unauffällig und die Frage
    Fls., wie viel von seinen Dingen ich P. denn mitgeteilt
    habe
    . Die Einmengung dieser Erinnerung ist es aber, welche den
    Vorwurf des Zuspätkommens aus der Gegenwart in die Zeit, da ich
    im Brückeschen Labotorium lebte, verlegt, und indem ich die zweite
    Person in der Vernichtungsszene des Traumes durch einen Josef
    ersetze, lasse ich diese Szene nicht nur den einen Vorwurf darstellen,
    daß ich zu spät komme, sondern auch den von der Verdrängung
    stärker betroffenen, daß ich kein Geheimnis bewahre. Die Verdichtungs-
    und Verschiebungsarbeit des Traumes sowie deren Motive werden hier
    augenfällig.

    Der in der Gegenwart geringfügige Ärger über die Mahnung,
    nichts zu verraten, holt sich aber Verstärkungen aus in der Tiefe
    fließenden Quellen und schwillt so zu einem Strome feindseliger
    Regungen gegen in Wirklichkeit geliebte Personen an. Die Quelle,
    welche die Verstärkung liefert, fließt im Infantilen. Ich habe schon
    erzählt, daß meine warmen Freundschaften wie meine Feindschaften
    mit Gleichaltrigen auf meinen Kinderverkehr mit einem um ein Jahr
    älteren Neffen zurückgehen, in dem er der Überlegene war, ich mich

  • S.

    525

    frühzeitig zur Wehre setzen lernte, wir unzertrennlich miteinander
    lebten und einander liebten, dazwischen, wie Mitteilungen älterer
    Personen bezeugen, uns rauften und — verklagten. Alle meine
    Freunde sind in gewissem Sinne Inkarnationen dieser ersten Gestalt,
    die „früh sich einst dem trüben Blick gezeigt“, Revenants. Mein
    Neffe selbst kam in den Jünglingsjahren wieder, und damals führten
    wir Cäsar und Brutus miteinander auf. Ein intimer Freund und ein
    gehaßter Feind waren mir immer notwendige Erfordernisse meines
    Gefühlslebens; ich wußte beide mir immer von neuem zu verschaffen,
    und nicht selten stellte sich das Kindheitsideal so weit her, daß
    Freund und Feind in dieselbe Person zusammenfielen, natürlich nicht
    mehr gleichzeitig oder in mehrfach wiederholter Abwechslung, wie es
    in den ersten Kinderjahren der Fall gewesen sein mag.

    Auf welche Weise bei so bestehenden Zusammenhängen ein
    rezenter Anlaß zum Affekt bis auf den infantilen zurückgreifen kann,
    um sich durch ihn für die Affektwirkung zu ersetzen, das möchte
    ich hier nicht verfolgen. Es gehört der Psychologie des unbewußten
    Denkens an und fände seine Stelle in einer psychologischen Auf-
    klärung der Neurosen. Nehmen wir für unsere Zwecke der Traum-
    deutung an, daß sich eine Kindererinnerung einstellt oder eine solche
    phantastisch gebildet wird etwa folgenden Inhalts: Die beiden Kinder
    geraten in Streit miteinander um ein Objekt, — welches, lassen wir
    dahingestellt, obwohl die Erinnerung oder Erinnerungstäuschung ein
    ganz bestimmtes im Auge hat; — ein jeder behauptet er sei
    früher
    gekommen, habe also das Vorrecht darauf; es kommt
    zur Schlägerei, Macht geht vor Recht; nach den Andeutungen des
    Traumes könnte ich gewußt haben, daß ich im Unrecht hin (den
    Irrtum selbst bemerkend
    ); ich bleibe aber diesmal der Stärkere,
    behaupte das Schlachtfeld, der Unterlegene eilt zum Vater, respektive
    Großvater, verklagt mich, und ich verteidige mich mit den mir durch
    die Erzählung des Vaters bekannten Worten: Ich habe ihn ge-
    lagt, weil er mich gelagt hat
    ; so ist diese Erinnerung od er
    wahrscheinlicher Phantasie, die sich mir während der Analyse des
    Traumes — ohne weitere Gewähr, ich weiß selbst nicht wie — auf-
    drängt, ein Mittelstück der Traumgedanken, das die in den Traum-
    gedanken waltenden Affektregungen‚ wie eine Brunnenschale die zu-
    gleiteten Gewässer, sammelt. Von hier aus fließen die Traumgedanken
    in folgenden Wegen: Es geschieht dir ganz recht, daß du mir den
    Platz hast räumen müssen; warum hast du mich vom Platze ver-
    drängen wollen? Ich brauche dich nicht, ich werde mir schon einen
    anderen verschaffen, mit dem ich spiele u. s. w. Dann eröffnen sich
    die Wege, auf denen diese Gedanken wieder in die Traumdarstellung
    einmünden. Ein solches „ôte-toi que je m’y mette“ mußte ich seiner-
    zeit meinem verstorbenen Freunde Josef zum Vorwurfe machen. Er
    war in meine Fußstapfen als Aspirant im Brückeschen Laboratorium
    getreten, aber dort war das Avancement langwierig. Keiner der beiden

  • S.

    325

    Assistenten rückte von der Stelle, die Jugend wurde ungeduldig. Mein
    Freund, der seine Lebenszeit begrenzt wußte, und den kein intimes
    Verhältnis an seinen Vordermann band, gab seiner Ungeduld
    gelegentlich lauten Ausdruck. Da dieser Vordermann ein schwer
    Kranker war, konnte der Wunsch, ihn beseitigt zu wissen, außer dem
    Sinne: durch eine Beförderung auch eine anstößige Nebendeutung zu-
    lassen. Natürlich war bei mir einige Jahre vorher der nämliche
    Wunsch, eine frei gewordene Stelle einzunehmen, noch viel lebhafter
    gewesen; wo immer es in der Welt Rangordnung und Beförderung
    gibt, ist ja der Weg für der Unterdrückung bedürftige Wünsche er-
    öffnet. Shakespeares Prinz Hal kann sich nicht einmal am
    Bett des kranken Vaters der Versuchung entziehen, einmal zu
    probieren, wie ihm die Krone steht. Aber der Traum straft, wie be-
    greiflich, diesen rücksichtslosen Wunsch nicht an mir, sondern
    an ihm.*)

    „Weil er herrschsüchtig war, darum erschlug ich ihn.“ Weil
    er nicht erwarten konnte, daß ihm der andere den Platz räume, darum
    ist er selbst hinweggeräumt worden. Diese Gedanken hege ich un-
    mittelbar, nachdem ich in der Universität der Enthüllung des dem
    anderen gesetzten Denkmals beigewohnt habe. Ein Teil meiner im
    Traume verspürten Befriedigung deutet sich also: Gerechte Strafe; es
    ist dir recht geschehen.

    Bei dem Leichenbegängnis dieses Freundes machte ein junger
    Mann die unpassend scheinende Bemerkung: Der Redner habe so
    gesprochen, als ob jetzt die Welt ohne den einen Menschen nicht
    mehr bestehen könne. Es regte sich in ihm die Auflehnung des
    wahrhaften Menschen, dem man den Schmerz durch Übertreibung
    stört. Aber an diese Rede knüpfen sich die Traumgedanken an: Es
    ist wirklich niemand unersetzlich; wie viele habe ich schon zu Grabe
    geleitet; ich aber lebe noch, ich habe sie alle überlebt, ich behaupte
    den Platz. Ein solcher Gedanke im Moment, da ich fürchte, meinen
    Freund nicht mehr unter den Lebenden anzutreffen, wenn ich zu ihm
    reise, läßt nur die weitere Entwicklung zu, daß ich mich freue wieder
    jemanden zu überleben, daß nicht ich gestorben bin, sondern er,
    daß ich den Platz behaupte, wie damals in der phantasierten Kinder-
    szene. Diese aus dem Infantilen kommende Befriedigung darüber,
    daß ich den Platz behaupte, deckt den Hauptanteil des in den Traum
    aufgenommenen Affekts. Ich freue mich darüber, daß ich überlebe,
    ich äußere das mit dem naiven Egoismus der Anekdote zwischen
    Ehegatten: „Wenn eines von uns stirbt, übersiedle ich nach Paris.“
    Es ist für meine Erwartung so selbstverständlich, daß nicht ich der
    eine bin.

    *) Es wird aufgefallen sein, daß der Name Josef eine so große Rolle in
    meinen Träumen spielt (siehe den Onkeltraum). Hinter den Personen, die so heißen,
    kann ich mein Ich im Traume besonders leicht verbergen, denn Josef hieß auch
    der aus der Bibel bekannte Traumdeuter.

  • S.

    327

    Man kann sich's nicht verbergen, daß schwere Selbstüberwindung
    dazu gehört, seine Träume zu deuten und mitzuteilen. Man muß
    sich als den einzigen Bösewicht enthüllen unter all den Edlen, mit
    denen man das Leben teilt. Ich finde es also ganz begreiflich, daß
    die Revenants nur so lange bestehen, als man sie mag, und daß
    sie durch den Wunsch beseitigt werden können. Das ist also das,
    wofür mein Freund Josef gestraft worden ist. Die Revenants sind
    aber die aufeinander folgende Inkarnationen meines Kindheitsfreundes,
    ich bin also auch befriedigt darüber, daß ich mir diese Person immer
    wieder ersetzt habe, und auch für den, den ich jetzt zu verlieren im
    Begriffe bin, wird sich der Ersatz schon finden. Es ist niemand un-
    ersetzlich.

    Wo bleibt hier aber die Traumzensur? Warum erhebt sie nicht
    den energischesten Widerspruch gegen diesen Gedankengang der
    rohesten Selbstsucht und verwandelt die an ihm haftende Befriedigung
    nicht in schwere Unlust? Ich meine, weil andere einwurfsfreie
    Gedankenzüge über die nämlichen Personen gleichfalls in Befriedigung
    ausgehen un mit ihrem Affekt jenen aus er verbotenen infantilen
    Quelle decken. In einer anderen Schicht von Gedanken habe ich
    mir bei jener feierlichen Denkmalsenthüllung gesagt: Ich habe so
    viele teure Freunde verloren, die einen durch Tod, die anderen durch
    Auflösung der Freundschaft; es ist doch schön, daß sie sich mir er-
    setzt haben, daß ich den einen gewonnen habe, der mir mehr bedeutet,
    als die anderen konnten, und den ich jetzt in dem Alter, wo man
    nicht mehr leicht neue Freundschaften schließt, für immer festhalten
    werde. Die Befriedigung, daß ich diesen Ersatz für die verlorenen
    Freunde gefunden habe, darf ich ungestört in den Traum hinüber-
    nehmen, aber hinter ihr schleicht sich die feindselige Befriedigung
    aus infantiler Quelle mit ein. Die infantile Zärtlichkeit hilft sicher-
    lich die heute berechtigte verstärken; aber auch der infantile Haß hat
    sich seinen Weg in die Darstellung gebahnt.

    Im Traume ist aber außerdem ein deutlicher Hinweis auf einen
    anderen Gedankengang enthalten, der in Befriedigung auslaufen darf.
    Mein Freund hat kurz vorher nach langem Warten ein Töchterchen
    bekommen. Ich weiß, wie sehr er seine früh verlorene Schwester
    betrauert hat, und schreibe ihm, auf dieses Kind wurde er die Liebe
    übertragen, die er zur Schwester empfunden; dieses kleine Mädchen
    würde ihn den unersetzlichen Verlust endlich vergessen machen.

    So knüpft auch diese Reihe wieder an den Zwischengedanken
    des latenten Trauminhalts an, von dem die Wege nach entgegen-
    gesetzten Richtungen auseinandergehen: Es ist niemand unersetzlich.
    Sieh, nur Revenants; alles was man verloren hat, kommt wieder.
    Und nun werden die assoziativen Bande zwischen den widerspruchs-
    vollen Bestandteilen der Traumgedanken enger angezogen durch den
    zufälligen Umstand, daß die kleine Tochter meines Freundes denselben
    Namen trägt wie meine eigene kleine Jugendgespielin, die mit mir

  • S.

    328

    gleichalterige Schwester meines ältesten Freundes und Gegners. Ich
    habe den Namen „Pauline“ mit Befriedigung gehört, und um auf
    dieses Zusammentreffen anzuspielen, habe ich im Traume einen Josef
    durch einen anderen Josef ersetzt und fand es unmöglich, den gleichen
    Anlaut in den Namen Fleischl und Fl. zu unterdrücken. Von hier
    aus läuft denn ein Gedankenfaden zur Namengebung bei meinen
    eigenen Kindern. Ich hielt darauf, daß ihre Namen nicht nach der
    Mode des Tages gewählt, sondern durch des Andenken an teure
    Personen bestimmt sein sollten. Ihre Namen machen die Kinder zu
    „Revenants“. Und schließlich, ist Kinder haben nicht für uns alle
    der einzige Zugang zur Unsterblichkeit?

    Über die Affekte des Traumes werde ich nur noch wenige Be-
    merkungen von einem anderen Gesichtspunkte aus anfügen. In der
    Seele des Schlafenden kann eine Affektneigung — was wir Stimmung
    heißen — als dominierendes Element enthalten sein und dann den
    Traum mitbestimmen. Diese Stimmung kann uns den Erlebnissen und
    Gedankengängen des Tages hervorgehen, sie kann somatische Quellen
    haben; in beiden Fällen wird sie von ihr entsprechenden Gedanken-
    gängen begleitet sein. Daß dieser Vorstellungsinhalt der Traum-
    gedanken das einemal primär die Affektneigung bedingt, das andere Mal
    sekundär durch die somatisch zu erklärende Gefühlsdisposition geweckt
    wird, bleibt für die Traumbildung gleichgültig. Dieselbe steht allemal
    unter der Einschränkung, daß sie nur darstellen kann, was Wunsch-
    erfüllung ist, und daß sie nur dem Wunsche ihre psychische Trieb-
    kraft entlehnen kann. Die aktuell vorhandene Stimmung wird dieselbe
    Behandlung erfahren wie die aktuell während des Schlafes auftauchende
    Sensation (vergl. Seite 170), die entweder vernachlässigt wird oder
    im Sinne einer Wunscherfüllung umgedeutet. Peinliche Stimmungen
    während des Schlafes werden zu Triebkräften des Traumes, indem sie
    energische Wünsche wecken, die der Traum erfüllen soll. Das Material,
    an dem sie haften, wird so lange umgearbeitet, bis es zum Ausdruck
    der Wunscherfüllung verwendbar ist. Je intensiver und je dominieren-
    der das Element der peinlichen Stimmung in den Traumgedanken ist,
    desto sicherer werden die stärkst unterdrückten Wunschregungen die
    Gelegenheit zur Darstellung zu kommen benützen, da sie durch die
    aktuelle Existenz der Unlust, die sie sonst aus Eigenem erzeugen
    mußten, den schwereren Teil der Arbeit für ihr Durchdringen zur
    Darstellung bereits erledigt finden, und mit diesen Erörterungen streifen
    wir wieder das Problem der Angstträume, die sich als der Grenzfall
    für die Traumleistung herausstellen werden.

    h) Die sekundäre Bearbeitung.

    Wir wollen endlich an die Hervorhebung des vierten der bei der
    Traumbildung beteiligten Momente gehen.

    Setzt man die Untersuchung des Trauminhalts in der vorhin
    eingeleiteten Weise fort, indem man auffällige Vorkommnisse im

  • S.

    329

    Trauminhalt auf ihre Herkunft aus den Traumgedanken prüft, so stößt
    man auch auf Elemente, für deren Aufklärung es einer völlig neuen
    Annahme bedarf. Ich erinnere an die Fälle, wo man sich im Traume
    wundert, ärgert, sträubt, und zwar gegen ein Stück des Trauminhalts
    selbst. Die meisten dieser Regungen von Kritik im Traume sind nicht
    gegen den Trauminhalt gerichtet, sondern erweisen sich als über-
    nommene und passend verwendete Teile des Traummaterials, wie ich
    an geeigneten Beispielen dargelegt habe. Einiges der Art fügt sich
    aber einer solchen Ableitung nicht; man kann das Korrelat dazu im
    Traummaterial nicht auffinden. Was bedeutet z. B. die im Traume
    nicht gar seltene Kritik: Das ist ja nur ein Traum? Dies ist eine
    wirkliche Kritik des Traumes, wie ich sie im Wachen üben könnte.
    Gar nicht selten ist sie auch nur die Vorläuferin des Erwachens; noch
    häufiger geht ihr selbst ein peinliches Gefühl vorher, das sich nach
    der Konstatierung des Traumzustandes beruhigt. Der Gedanke: „Das
    ist ja nur ein Traum“ während des Traumes beabsichtigt aber dasselbe,
    was er auf offener Bühne im Munde der schönen Helena von Offen-
    bach
    besagen soll; er will die Bedeutung des eben Erlebten herab-
    drücken und die Duldung des Weiteren ermöglichen. Er dient zur
    Einschläferung einer gewissen Instanz, die in dem gegebenen Moment
    alle Veranlassung hätte, sich zu regen und die Fortsetzung des
    Traumes — oder der Szene — zu verbieten. Es ist aber bequemer
    weiter zu schlafen und den Traum zu dulden, „weil’s doch nur ein
    Traum ist“. Ich stelle mir vor, daß die verächtliche Kritik: Es ist
    ja nur ein Traum, dann im Traume auftritt, wenn die niemals ganz
    schlafende Zensur sich durch den bereits zugelassenen Traum über-
    rumpelt fühlt. Es ist zu spät ihn zu unterdrücken, somit begegnet sie
    mit jener Bemerkung der Angst oder der peinlichen „Empfindung,
    welche sich auf den Traum hin erhebt. Es ist eine Äußerung des
    esprit d'escalier von seiten der psychischen Zensur.

    An diesem Beispiel haben wir aber einen einwandfreien Beweis
    dafür, daß nicht alles, was der Traum enthält, aus den Traumgedanken
    stammt, sondern daß eine psychische Funktion, die von unserem wachen
    Denken nicht zu unterscheiden ist, Beiträge zum Trauminhalt liefern
    kann. Es fragt sich nun, kommt dies nur ganz ausnahmsweise vor
    oder kommt der sonst nur als Zensur tätigen psychischen Instanz ein
    regelmäßiger Anteil an der Traumbildung zu?

    Man muß sich ohne Schwanken für das letztere entscheiden. Es
    Ist unzweifelhaft, daß die zensurierende Instanz, deren Einfluß wir
    bisher nur in Einschränkungen und Auslassungen im Trauminhalt
    erkannten, auch Einschaltungen und. Vermehrungen desselben ver-
    schuldet. Diese Einschaltungen sind oft leicht kenntlich; sie werden
    zaghaft berichtet, mit einem „als ob“ eingeleitet, haben an und für
    sich keine besonders hohe Lebhaftigkeit und sind stets an Stellen an-
    gebracht, wo sie zur Verknüpfung zweier Stücke des Trauminhalts,
    zur Anbahnung eines Zusammenhanges zwischen zwei Traumpartien

  • S.

    330

    dienen können. Sie zeigen eine geringere Haltbarkeit im Gedächtnis
    als die echten Abkömmlinge des Traummateriales; unterliegt der Traum
    dem Vergessen, so fallen sie zuerst aus, und ich hege eine starke Ver-
    mutung, daß unsere häufige Klage, wir hätten soviel geträumt, das
    meiste davon vergessen und nur Bruchstücke behalten, auf den als-
    baldigen Ausfall gerade dieser Kittgedanken beruht. Bei vollständiger
    Analyse verraten sich diese Einschaltungen manchmal dadurch, daß
    sich zu ihnen kein Material in den Traumgedanken findet. Doch muß
    ich bei sorgfältiger Prüfung diesen Fall als den selteneren bezeichnen;
    zumeist lassen sich die Schaltgedanken immerhin auf Material in den
    Traumgedanken zurückführen, welches aber weder durch seine eigene
    Wertigkeit noch durch Überdeterminierung Anspruch auf Aufnahme in
    den Traum erheben könnte. Die psychische Funktion bei der Traum-
    bildung, die wir jetzt betrachten, erhebt sich, wie es scheint, nur im
    äußersten Falle zu Neuschöpfungen; so lange es noch möglich ist, ver-
    wertet sie, was sie Taugliches im Traummaterial auswählen kann.

    Was dieses Stück der Traumarbeit auszeichnet und verrät, ist
    seine Tendenz. Diese Funktion verfährt ähnlich, wie es der Dichter
    boshaft vom Philosophen behauptet; mit ihren Fetzen und Flicken
    stopft sie die Lücken im Aufbau des Traumes. Die Folge ihrer Be-
    mühung ist, daß den Traum den Anschein der Absurdität und Zu-
    sammenhanglosigkeit verliert und sich dem Vorbilde eines verständ-
    lichen Erlebnisses annähert. Aber die Bemühung ist nicht jedesmal
    vom vollen Erfolge gekrönt. Es kommen so Träume zu stande, die
    für die oberflächliche Betrachtung tadellos logisch und korrekt er-
    scheinen mögen; sie gehen von einer möglichen Situation aus, führen
    dieselbe durch widerspruchsfreie Veränderungen fort und bringen es,
    wiewohl dies am seltensten, zu einem nicht befremdenden Abschluß.
    Diese Träume haben die tiefgehendste Bearbeitung durch die dem
    wachen Denken ähnliche psychische Funktion erfahren; sie scheinen
    einen Sinn zu haben, aber dieser Sinn ist von der wirklichen Bedeutung
    des Traumes auch am weitesten entfernt. Analysiert man sie, so über-
    zeugt man sich, daß hier die sekundäre Bearbeitung des Traumes am
    freiesten mit dem Material umgesprungen ist, am wenigsten von dessen
    Relationen beibehalten hat. Es sind das Träume, die sozusagen schon
    einmal gedeutet werden sind, ehe wir sie im Wachen der Deutung
    unterziehen In anderen Träumen ist diese tendenziöse Bearbeitung nur
    ein Stück weit gelungen; so weit scheint Zusammenhang zu herrschen,
    dann wird der Traum unsinnig oder verworren, vielleicht um sich
    noch ein zweites Mal in seinem Verlaufe zum Anschein des Ver-
    ständigen zu erheben. In anderen Träumen hat die Bearbeitung über-
    haupt versagt; wir stehen wie hilflos einem sinnlosen Haufen von
    Inhaltsbrocken gegenüber.

    Ich möchte dieser vierten, den Traum gestaltenden Macht, die
    uns ja bald als eine bekannte erscheinen wird — sie ist in Wirklich-
    keit die einzige uns auch sonst vertraute unter den vier Traumbildnern;

  • S.

    331

    — ich möchte diesem vierten Moment also die Fähigkeit, schöpferisch
    neue Beiträge zum Traume zu liefern, nicht peremptorisch absprechen.
    Sicherlich aber äußert sich auch ihr Einfluß, wie der der anderen,
    vorwiegend in der Bevorzugung und Auswahl von bereits gebildetem
    psychischen Material in den Traumgedanken. Es gibt nun einen Fall,
    in dem ihr die Arbeit, an den Traum gleichsam eine Fassade anzu-
    bauen, zum größeren Teil dadurch erspart bleibt, daß im Material der
    Traumgedanken ein solches Gebilde, seiner Verwendung harrend,
    bereits fertig vorgefunden wird. Das Element der Traumgedanken, das
    ich im Auge habe, pflege ich als „Phantasie“ zu bezeichnen; ich
    gehe vielleicht Mißverständnissen aus dem Wege, wenn ich sofort als
    das Analoge aus dem Wachleben den Tagtraum namhaft mache.*)
    Die Rolle dieses Elements in unserem Seelenleben ist von den Psychiatern
    noch nicht erschöpfend erkannt und aufgedeckt werden: M. Benedikt
    hat mit dessen Würdigung einen, wie mir scheint, viel versprechenden
    Anfang gemacht. Dein unbeirrten Scharfblicke der Dichter ist die
    Bedeutung des Tagtraumes nicht entgangen, allgemein bekannt ist die
    Schilderung, die A. Daudet im Nabab von den Tagträumen einer
    der Nebenfiguren des Romans entwirft. Das Studium der Psycho-
    neurosen führt zur überraschenden Erkenntnis, daß diese Phantasien
    oder Tagträume die nächsten Vorstufen der hysterischen Symptome —
    wenigstens einer ganzen Reihe von ihnen — sind; nicht an den
    Erinnerungen selbst, sondern an den auf Grund der Erinnerungen
    aufgebauten Phantasien hängen erst die hysterischen Symptome. Das
    häufige Vorkommen bewußter Tagesphantasien bringt diese Bildungen
    unserer Kenntnis nahe; wie es aber solche bewußte Phantasien gibt,
    so kommen überreichlich unbewußte vor, die wegen ihres Inhalts und
    ihrer Abkunft vom verdrängten Material unbewußt bleiben müssen.
    Eine eingehendere Vertiefung in die Charaktere dieser Tagesphantasien
    lehrt uns, mit wie gutem Rechte diesen Bildungen derselbe Name
    zugefallen ist, den unsere nächtlichen Denkproduktionen tragen, der
    Name: Träume. Sie haben einen wesentlichen Teil ihrer Eigen-
    schaften mit den Nachtträumen gemein; ihre Untersuchung hätte uns
    eigentlich den nächsten und besten Zugang zum Verständnis der
    Nachtträume eröffnen können.

    Wie die Träume sind sie Wunscherfüllungen; wie die Träume
    basieren sie zum guten Teil auf den Eindrücken infantiler Erlebnisse;
    Wie die Träume erfreuen sie sich eines gewissen Nachlasses der Zensur
    für ihre Schöpfungen. Wenn man ihrem Aufbaue nachspürt, so wird
    man inne, wie das Wunschmotiv, das sich in ihrer Produktion betätigt,
    das Material, aus dem sie gebaut sind, durcheinander geworfen, um-
    geordnet und zu einem neuen Ganzen zusammengefügt hat. Sie stehen
    zu den Kindheitserinnerungen, auf die sie zurückgehen, etwa in dem-
    selben Verhältnis wie manche Barockpaläste Roms zu den antiken

    *) rêve, petit roman — day-dream, story.

  • S.

    332

    Ruinen, deren Quadern und Säulen das Material für den Bau in
    moderneren Formen hergegeben haben.

    In der „sekundären Bearbeitung“, die wir unserem vierten
    traumbildenden Moment gegen den Trauminhalt zu zugeschrieben haben,
    finden wir dieselbe Tätigkeit wieder, die sich bei er Schöpfung der
    Tagträume ungehemmt von anderen Einflüssen Italien darf. Wir
    könnten ohne weiteres sagen, dies unser viertes Moment sucht aus dem
    ihm dargebotenen Material etwas wie einen Tagtraum zu gestalten.
    Wo aber ein solcher Tagtraum bereits im Zusammenhange der Traum-
    gedanken gebildet ist, da wird dieser Faktor der Traumarbeit sich
    seiner mit Vorliebe bemächtigen und dahin wirken, daß er in den
    Trauminhalt gelange. Es gibt solche Träume, die nur in der Wieder-
    holung einer Tagesphantasie, einer vielleicht unbewußt gebliebenen,
    bestehen, so z. B. der Traum des Knaben, daß er mit den Helden des
    Trojanischen Krieges im Streitwagen führt. In meinem Traume
    „Autodidasker“ ist wenigstens das zweite Traumstück die getreue
    Wiederholung einer an sich harmlosen Tagesphantasie über meinen
    Verkehr mit dem Professor N. Es rührt aus der Komplikation der
    Bedingungen her, denen der Traum bei seinem Entstehen zu genügen
    hat, daß häufiger die vorgefundene Phantasie nur ein Stück des
    Traumes bildet, oder daß nur ein Stück von ihr zum Trauminhalt
    hin durchdringt. Im ganzen wird dann die Phantasie behandelt wie
    jeder andere Bestandteil des latenten Materials; sie ist aber oft im
    Traume noch als Ganzes kenntlich. In meinen Träumen kommen oft
    Partien vor, die sich durch einen von den übrigen verschiedenen
    Eindruck hervorheben. Sie erscheinen mir wie fließend, besser
    zusammenhängend und dabei flüchtiger als andere Stücke desselben
    Traumes; ich weiß, dies sind unbewußte Phantasien, die im Zusammen-
    hange in den Traum gelangen, aber ich habe es nie erreicht, eine
    solche Phantasie zu fixieren. Im übrigen werden diese Phantasien wie
    alle anderen Bestandteile der Traumgedanken zusammengeschoben,
    verdichtet, die eine durch die andere überlagert u. dgl.; es gibt aber
    Übergänge von dem Falle, wo sie fast unverändert den Trauminhalt
    oder wenigstens die Traumfassade bilden dürfen, bis zu dem entgegen-
    gesetzten Falle, wo sie nur durch eines ihrer Elemente oder eine entfernte
    Anspielung an ein solches im Trauminhalt vertreten sind. Es bleibt
    offenbar auch für das Schicksal der Phantasien in den Traumgedanken
    maßgebend, welche Vorteile sie gegen die Ansprüche der Zensur und
    des Verdichtungszwanges zu bieten vermögen.

    Bei meiner Auswahl von Beispielen für die Traumdeutung bin ich
    Träumen, in denen unbewußte Phantasien eine erheblichere Rolle
    spielen, möglichst ausgewichen, weil die Einführung dieses psychischen
    Elemente weitläufige Erörterungen aus der Psychologie des unbewußten
    Denkens erfordert hätte. Gänzlich umgehen kann ich jedoch die
    „Phantasie“ auch in diesem Zusammenhange nicht, da sie häufig voll
    in den Traum gelangt und noch häufiger deutlich durch ihn durch-

  • S.

    333

    schimmert. Ich will etwa noch einen Traum anführen, der aus zwei
    verschiedenen, gegensätzlichen und einander an einzelnen Stellen
    deckenden Phantasien zusammengesetzt erscheint, von denen die eine
    die oberflächliche ist, die andere gleichsam zur Deutung der ersteren
    wird. *)

    Der Traum lautet — es ist der einzige, über den ich keine
    sorgfältigen Aufzeichnungen besitze — ungefähr so: Der Träumer —
    ein unverheirateter junger Mann — sitzt in seinem, richtig gesehenen,
    Stammwirtshause; da erscheinen mehrere Personen, ihn abzuholen,
    darunter eine, die ihn verhaften will. Er sagt zu seinen Tischgenossen:
    Ich zahle später, ich komme wieder zurück. Aber die riefen hohn-
    lächelnd: Das kennen wir schon, das sagt ein jeder. Ein Gast ruft ihm
    noch nach: Du geht wieder einer dahin. Er wird dann in ein enges
    Lokal geführt, wo er eine Frauensperson mit einem Kinde auf dem
    Arme findet. Einer seiner Begleiter sagt: Das ist der Herr Müller.
    Ein Kommissar oder sonst eine Amtsperson blättert in einem Packe
    von Zetteln oder Schriften und wiederholt dabei: Müller, Müller,
    Müller. Endlich stellt er an ihn eine Frage, die er mit Ja beantwortet.
    Er sieht sich dann nach der Frauensperson um und merkt, daß sie
    einen großen Bart bekommen hat.

    Die beiden Bestandteile sind hier leicht zu sondern. Das Ober-
    flächliche ist eine Verhaftungsphantasie, sie scheint uns von der
    Traumarbeit neu gebildet. Dahinter aber wird als das Material, das
    von der Traumarbeit eine leichte Umformung erfahren hat, die Phan-
    tasie der Verheiratung
    sichtbar, und die Züge, die beiden ge-
    meinsam sein können, treten wieder wie bei einer Galtonschen
    Mischphotographie besonders deutlich hervor. Das Versprechen des
    bisherigen Junggesellen, seinen Platz am Stammtische wieder aufzu-
    suchen, der Unglaube der durch viele Erfahrungen gewitzigten
    Kneipgenossen, der Nachruf: Da geht (heiratet) wieder einer dahin,
    das sind auch für die andere Deutung leicht verständliche Züge.
    Ebenso das Jawort, das man der Amtsperson gibt. Due Blättern in
    einem Stoß von Papieren, wobei man denselben Namen wiederholt,
    entspricht einem untergeordneten, aber gut kenntlichen Zug aus den
    Hochzeitsfeierlichkeiten, dem Vorlesen der stoßweise angelangten
    Glückwunschtelegramme, die ja alle auf denselben Namen lauten.
    In dem persönlichen Auftreten der Braut in diesem Traume hat sogar

    *) [Ein gutes Beispiel eines solchen, durch Übereinanderlagerung mehrerer
    Phantasien entstandenen Traumes habe ich im „Bruchstück einer Hysterieanalyse“
    1905 analysiert. Übrigens habe ich die Bedeutung solcher Phantasien fur die Traum-
    bildung unterschätzt, solange ich vorwiegend meine eigenen Träume bearbeitete,
    denen seltener Tagträume, meist Diskussionen und Gedankenkonflikte zu Grunde
    liegen. Bei Anderen Personen ist die volle Analogie des nächtlichen Traumes
    mit dem Tagtraume
     oft viel leichter zu erweisen. Es gelingt häufig bei
    Hysterischen eine Attacke durch einen Traum zu ersetzen; man kann sich dann
    leicht überzeugen, daß für beide psychische Bildungen die Tagtraumphantasie die
    nächste Vorstufe ist.]

  • S.

    334

    die Heiratsphantasie den Sieg über die sie deckende Verhaftungs-
    phantasie davongetragen. Daß diese Braut am Ende einen Bart
    zur Schau trägt, konnte ich durch eine Erkundigung — zu einer
    Analyse kam es nicht — aufklären. Der Träumer war tags vorher
    mit einem Freunde, der ebenso ehefeindlich ist wie er, über die
    Straße gegangen und hatte diesen Freund auf eine brünette Schönheit
    aufmerksam gemacht, die ihnen entgegen kam. Der Freund aber
    hatte bemerkt: Ja, wenn diese Frauen nur nicht mit den Jahren Bärte
    bekämen wie ihre Väter.

    Natürlich fehlt es auch in diesem Traume nicht an Elementen,
    hei denen die Traumentstellung tiefer gehende Arbeit verrichtet hat.
    So mag die Rede: „Ich werde später zahlen“ auf das zu befürchtende
    Benehmen des Schwiegervaters in Betreff der Mitgift zielen. Offenbar
    halten den Träumer allerlei Bedenken ab, sich mit Wohlgefallen der
    Heiratsphantasie hinzugeben. Eines dieser Bedenken, daß man mit
    der Heirat seine Freiheit verliert, hat sich in der Umwandlung zu
    einer Verhaltungsszene verkörpert.

    Wenn wir nochmals darauf zurückkommen wollen, daß die
    Traumarbeit sich gern einer fertig vorgefundenen Phantasie bedient,
    anstatt eine solche aus dem Material der Traumgedanken erst zu-
    sammenzusetzen, so lösen wir mit dieser Einsicht vielleicht eines
    der interessanten Rätsel des Traumes. Ich habe auf Seite 18 den
    Traum von Maury48) erzählt, der von einem Brettchen im Genick
    getroffen mit einem langen Traume, einem kompletten Roman nun den
    Zeiten der großen Revolution, erwacht. Da der um für zusammen-
    hängend ausgegeben wird und ganz auf die Erklärung des Weck-
    reizes angelegt ist, von dessen Eintreffen der Schiefer nichts ahnen
    konnte, so scheint nur die eine Annahme übrig zu bleiben, daß der
    ganze reiche Traum in dem kurzen Zeitraume zwischen dem Auf-
    fallen des Brettes auf Maurys Halswirbel und seinem durch diesen
    Schlag erzwungenen Erwachen komponiert worden und stattgefunden
    haben muß. Wir wurden uns nicht getrauen, der Denkarbeit im
    Wachen eine solche Raschheit zuzuschreiben, und gelangten so dazu,
    der Traumarbeit eine bemerkenswerte Beschleunigung des Ablaufes
    als Vorrecht zuzugestehen.

    Gegen diese rasch populär gewordene Folgerung haben neuere
    Autoren (Le Lorrain45), Egger20) u. a.) lebhaften Einspruch er-
    hoben. Sie zweifeln teils die Exaktheit des Traumberichtes von seiten
    Mauryes an, teils versuchen sie darzutun, daß die Raschheit unserer
    wachen Denkleistungen nicht hinter dem zurückbleibt, was man der
    Traumleistung ungsechmälert lassen kann. Die Diskussion rollt prin-
    zipielle Fragen auf, deren Erledigung mir nicht nahe bevorzustehen
    scheint. Ich muß aber bekennen, daß die Argumentation, z. B.
    Eggers, gerade gegen den Guillotinentranm Maurys mir keinen
    überzeugenden Eindruck gemacht hat. Ich würde folgende Erklärung
    dieses Traumes vorschlagen: Wäre es denn so sehr unwahrscheinlich,

  • S.

    385

    daß der Traum Maurys eine Phantasie darstellt, die in seinem Ge-
    dächtnis seit Jahren fertig aufbewahrt war und in dem Moment geweckt
    — ich möchte sagen: angespielt — wurde, da er den Weckreiz
    erkannte? Es entfällt dann zunächst die ganze Schwierigkeit, eine so
    lange Geschichte mit all ihren Einzelheiten in dem überaus kurzen
    Zeitraume, der hier dem Träumer zur Verfügung steht, zu kom-
    ponieren; sie ist bereits komponiert. Hätte das Holz Maurys Nacken
    im Wachen getroffen, so wäre etwa Raum für den Gedanken gewesen:
    Das ist ja gerade so, als ob man guillotiniert würde. Da er aber
    im Schlafe von dem Brette getroffen wird, so benützt die Traumarbeit
    den anlangenden Reiz rasch zur Herstellung einer Wunscherfüllung,
    als ob sie denken würde (dies ist durchaus figürlich zu nehmen):
    „Jetzt ist eine gute Gelegenheit, die Wunschphantasie wahr zu machen,
    die ich mir zu der und der Zeit bei der Lektüre gebildet habe.“
    Daß der geträumte Roman gerade ein solcher ist, wie ihn der Jüngling
    unter mächtig erregenden Eindrücken zu bilden pflegt, scheint mir
    nicht bestreitbar. Wer hätte sich nicht gefesselt gefühlt — und zumal
    als Franzose und Kulturhistoriker — durch die Schilderungen aus der
    Zeit des Schrecken, in der der Adel, Männer und Frauen, die Blüte
    der Nation, zeigte, wie man mit heiterer Seele sterben kann, die
    Frische ihres Witzes und die Feinheit ihrer Lebensformen bis zur
    verhängnisvollen Abberufung festhielt? Wie verlockend, sich da mitten
    hinein zu phantasieren als einer der jungen Männer, die sich mit
    einem Handkuß von der Dame verabschieden, um unerschrocken das
    Gerüst zu besteigen! Oder wenn der Ehrgeiz das Hauptmotiv des
    Phantasierens gewesen ist sich in eine jener gewaltigen Individualitäten
    zu versetzen, die nur durch die Macht ihrer Gedanken und ihrer
    flammenden Beredsamkeit die Stadt beherrschen, in der damals das
    Herz, der Menschheit krampfhaft schlägt, die Tausende von Menschen
    aus Überzeugung in den Tod schicken und die Umwandlung Europas
    anbahnen, dabei selbst ihrer Häupter nicht sicher sind, und sie eines
    Tages unter das Messer der Guillotine legen, etwa in die Rolle eines
    der Girondisten oder des Heros Danton? Daß die Phantasie Maurys
    eine solche ehrgeizige gewesen ist, darauf scheint der in der Erinne-
    rung erhaltene Zug hinzuweisen „von einer unübersehbaren Menschen-
    menge begleitet“.

    Diese ganze seit langem fertige Phantasie braucht aber während
    des Schlafes auch nicht durchgemacht zu werden; es genügt, wenn
    sie sozusagen „angetupft“ wird. Ich meine das folgendermaßen:
    Wenn ein ein paar Takte angeschlagen werden und jemand wie im Don
    Juan dazu sagt: Das ist aus Figaros Hochzeit von Mozart, so
    wogt es in mir mit einem Male von Erinnerungen, aus denen sich
    im nächsten Moment nichts Einzelnes zum Bewußtsein erheben kann.
    Das Schlagwort dient als Einbruchsstation, von der aus ein Ganzes
    gleichzeitig in Erregung versetzt wird. Nicht anders brauchte es im
    unbewußten Denken zu sein. Durch den Weckreiz wird die psychische

  • S.

    336

    Station erregt, die den Zugang zur ganzen Guillotinenphantasie eröffnet.
    Diese wird aber nicht noch im Schlafe durchlaufen, sondern erst in
    der Erinnerung des Erwachten. Erwacht, erinnert man jetzt in ihren
    Einzelheiten die Phantasie, an die als Ganzes im Traume gerührt
    wurde. Man hat dabei kein Mittel zur Versicherung, daß man wirklich
    etwas Geträumtes erinnert. Man kann dieselbe Erklärung, daß es sich
    um fertige Phantasien handelt, die durch den Weckreiz als Ganzes in
    Erregung gebracht werden, noch für andere auf den Weckreiz ein-
    gestellte Träume verwenden, z, B. für den Schlachtentraum Napoleons
    vor der Explosion der Höllenmaschine. Ich will nicht behaupten, daß
    alle Weckträume diese Erklärung zulassen oder daß das Problem des
    beschleunigten Vorstellungsablaufes im Traume auf diese Weise über-
    haupt wegzuräumen ist.

    Es ist unvermeidlich, daß man sich hier um das Verhältnis
    dieser sekundären Bearbeitung des Trauminhalts zu den übrigen
    Faktoren der Traumarbeit bekümmere. Geht es etwa so vor sich,
    daß die traumbildenden Faktoren, das Verdichtungsbestreben, der
    Zwang der Zensur auszuweichen und die Rücksicht auf Darstellbar-
    keit in den psychischen Mitteln des Traumes vorerst aus dem Material
    einen vorläufigen Trauminhalt bilden, und daß dieser dann nachträg-
    lich umgeformt wird, bis er den Ansprüchen einer zweiten Instanz
    möglichst genügt? Das ist kaum wahrscheinlich. Man muß eher
    annehmen, daß die Anforderungen dieser Instanz von allem Anfänge
    an eine der Bedingungen abgeben, denen der Traum genügen soll,
    und daß diese Bedingung ebenso wie die der Verdichtung, der
    Widerstandszensur und der Darstellbarkeit gleichzeitig anf das große
    Material der Traumgedanken induzierend und auswählend einwirken.
    Unter den vier Bedingungen der Traumbildung ist aber die letzt-
    erkannte jedenfalls die, deren Anforderungen für den Traum am
    wenigsten zwingend erscheinen. Die Identifizierung dieser psychischen
    Funktion, welche die sogenannte sekundäre Bearbeitung es Traum-
    inhalts vornimmt, mit der Arbeit unseres wachen Denkens ergibt sich
    mit hoher Wahrscheinlichkeit aus folgender Erwägung: Unser waches
    (vorbewußtes) Denken benimmt sich gegen ein beliebiges Wahr-
    nehmungsmaterial ganz ebenso wie die in Frage stehende Funktion
    gegen den Trauminhalt. Es ist ihm natürlich, in einem solchen
    Material Ordnung zu schaffen, Relationen herzustellen, es unter die
    Erwartung eines intelligibeln Zusammenhanges zu. bringen. Wir
    gehen darin eher zu weit; die Kunststücke der Taschenspieler äffen
    uns, indem sie sich auf diese unsere intellektuelle Gewohnheit stützen.
    In dem Bestreben, die gebotenen Sinneseindrücke, verständlich zu-
    sammenzusetzen, begehen wir oft die seltsamsten Irrtümer oder
    fälschen selbst die Wahrheit des uns vorliegenden Materials. Die
    hieher gehörigen Beweise sind zu sehr allgemein bekannt, um breiter
    Anführung zu bedürfen. Wir lesen über sinnstörende Druckfehler-
    hinweg, indem wir das Richtige illusionieren. Ein Redakteur eines

  • S.

    337

    vielgelesenen französischen Journals soll die Wette gewagt haben, er
    werde in jeden Satz eines langen Artikels durch den Druck ein-
    schalten lassen, „von vom“ oder „von hinten“, ohne daß einer der
    Leser es bemerken würde. Er gewann die Wette. Ein komisches
    Beispiel von falschem Zusammenhange ist mir vor Jahren bei der
    Zeitungslektüre aufgefallen. Nach jener Sitzung der französischen
    Kammer, in welcher Dupuy durch das beherzte Wort: La séance
    continue den Schreck über das Platzen der von einem Anarchisten
    in den Saal geworfenen Bombe aufhob, wurden die Besucher der
    Galerie als Zeugen über ihre Eindrücke von dem Attentat vernommen.
    Unter ihnen befanden sich zwei Leute aus der Provinz, deren einer
    erzählte, unmittelbar nach Schluß einer Rede habe er wohl eine
    Detonation vernommen, aber gemeint, sei im Parlament Sitte,
    jedesmal, wenn ein Redner geendigt, einen Schuß abzufeuern. Der
    andere, der wahrscheinlich schon mehrere Redner angehört hatte, war
    in dasselbe Urteil verfallen, jedoch mit der Abänderung, daß solches
    Schießen eine Anerkennung sei, die nur nach besonders gelungenen
    Reden erfolge.

    Es ist also wohl keine andere psychische Instanz als unser nor-
    males Denken, welche an den Trauminhalt mit dem Anspruch heran-
    tritt, er müsse verständlich sein, ihn einer ersten Deutung unterzieht
    und dadurch das volle Mißverständnis desselben herbeiführt. Für unsere
    Deutung bleibt es Vorschrift, den scheinbaren Zusammenhang im
    Traume, als seiner Herkunft nach verdächtig, in allen Fällen unbeachtet
    zu lassen und vom Klaren wie vom Verworrenen den gleichen Weg
    des Rückgangs zum Traummaterial einzuschlagen.

    Wir merken aber dabei, wovon die oben, Seite 258, erwähnte
    Qualitätenskala der Träume von der Verworrenheit bis zur Klarheit
    wesentlich abhängt. Klar erscheinen uns jene Traumpartien, an denen
    die sekundäre Bearbeitung etwas ausrichten konnte, verworren jene
    anderen, wo die Kraft dieser Leistung versagt hat. Da die verworrenen
    Traumpartien so häufig auch die minder lebhaft ausgeprägten sind, so
    dürfen wir den Schluß ziehen, daß die sekundäre Traumarbeit auch
    für einen Beitrag zur plastischen Intensität der einzelnen Traumgebilde
    verantwortlich zu machen ist.

    Soll ich für die definitive Gestaltung des Traumes‚ wie sie sich
    unter der Mitwirkung des normalen Denkens ergibt, irgendwo ein
    Vergleichsobjekt suchen, so bietet sich mir kein anderes als jene
    rätselhaften Inschriften, mit denen die „Fliegenden Blätter“ solange
    ihre Leser unterhalten haben. Für einen gewissen Satz, des Kontrastes
    halber dem Dialekt angehörig und von möglichst skurriler Bedeutung,
    soll die Erwartung erweckt werden, daß er eine lateinische Inschrift
    enthalte. Zu diesem Zwecke werden die Buchstabenelemente der
    Worte aus ihrer Zusammenfügung zu Silben gerissen und neu an-
    geordnet. Hie und da kommt ein echt lateinisches Wort zu stande,
    an anderen Stellen glauben wir Abkürzungen solcher Worte vor uns

  • S.

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    zu haben, und an noch anderen Stellen der Inschrift lassen wir uns
    mit dem Anscheine von verwitterten Partien oder von Lücken der
    Inschrift über die Sinnlosigkeit der vereinzelt stehenden Buchstaben
    hinwegtäuschen. Wenn wir dem Scherze nicht aufsitzen wollen, müssen
    wir uns über alle Requisite einer Inschrift hinwegsetzen, die Buchstaben
    ins Auge fassen und sie unbekümmert um die gebotene Anordnung
    zu Worten unserer Muttersprache zusammensetzen.

    Ich gehe nun deren, diese ausgedehnten Erörterungen über die
    Traumarbeit zu resümieren. Wir fanden die Fragestellung vor, ob
    die Seele alle ihre Fähigkeiten in ungehemmter Entfaltung an die
    Traumbildung verwende oder nur einen in seiner Leistung gehemmten
    Bruchteil derselben. Unsere Untersuchungen leiten uns dazu, solche
    Fragestellung überhaupt als den Verhältnissen inadäquat zu ver-
    werfen. Sollen wir aber bei der Antwort auf demselben Boden
    bleiben, auf den uns die Frage drängt, so müssen wir beide, einander
    scheinbar durch Gegensatz ausschließenden Auffassungen bejahen. Die
    seelische Arbeit bei der Traumbildung zerlegt sich in zwei Leistungen:
    die Herstellung der Traumgedanken und die Umwandlung derselben
    zum Trauminhalt. Die Traumgedanken sind völlig korrekt und mit
    allem psychischen Aufwand, dessen wir fähig sind, gebildet; sie gehören
    unserem nicht bewußt gewordenen Denken an, aus dem durch eine
    gewisse Umsetzung auch die bewußten Gedanken hervorgehen. So viel
    an ihnen auch wissenswert und rätselhaft sein möge, diese Rätsel haben
    doch keine besondere Beziehung zum Traume und verdienen nicht,
    unter den Traumproblemen behandelt zu werden. Hingegen ist jenes
    andere Stück Arbeit, welches die unbewußten Gedanken in den Traum-
    inhalt verwandelt, dem Traumleben eigentümlich und für dasselbe
    charakteristisch. Diese eigentliche Traumarbeit entfernt sich nun von
    dem Vorbilde des wachen Denkens viel weiter, als selbst die ent-
    schiedensten Verkleinerer der psychischen Leistung bei der Traum-
    bildung gemeint haben. Sie ist nicht etwa nachlässiger‚ inkorrekter,
    vergeßlicher, unvollständiger als des wache Denken; sie ist etwas davon
    qualitativ völlig Verschiedenes und darum zunächst nicht mit ihm ver-
    gleichbar. Sie denkt, rechnet, urteilt überhaupt nicht, sondern sie
    beschränkt sich darauf, umzuformen. Sie läßt sich erschöpfend be-
    schreiben, wenn man die Bedingungen ins Auge faßt, denen ihr Erzeugnis
    zu genügen hat. Dieses Produkt, der Traum, soll vor allem der Zensur
    entzogen werden und zu diesem Zwecke bedient sich die Traumarbeit
    der Verschiebung der psychischen Intensitäten bis zur
    Umwertung aller psychischen Werte; es sollen Gedanken ausschließlich
    oder vorwiegend in dem Material visueller und akustischer Erinne-
    rungspuren wiedergegeben werden, und aus dieser Anforderung er-
    wächst für die Traumarbeit die Rücksicht auf Darstellbarkeit,
    der sie durch neue Verschiebungen entspricht. Es sollen (wahrschein-
    lich) größere Intensitäten hergestellt werden, als in den Traumgedanken
    nächtlich zur Verfügung stehen, und diesem Zwecke dient die aus-

  • S.

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    giebige Verdichtung, die mit den Bestandteilen der Traumgedanken
    vorgenommen wird. Auf die logischen Relationen des Gedanken-
    materials entfällt wenig Rücksicht; sie finden schließlich in formalen
    Eigentümlichkeiten der Träume eine versteckte Darstellung. Die
    Affekte der Traumgedanken unterliegen geringeren Veränderungen
    als deren Vorstellungsinhalt. Sie werden in der Regel unterdrückt;
    wo sie erhalten bleiben, von den Vorstellungen abgelöst und nach
    ihrer Gleichartigkeit zusammengesetzt. Nur ein Stück der Traumarbeit,
    die in ihrem Ausmaße inkonstante Überarbeitung durch das zum
    Teil geweckte Wachdenken, fügt sich etwa der Auffassung, welche die
    Autoren für die gesamte Tätigkeit der Traumbildung geltend machen
    wollten.