• S.

    125

    Vielleicht trägt auch nur unsere geringere Vertrautheit
    mit der Zwangneurose die Schuld daran, daß die Wirklichkeit
    jene Erwartung nicht bestätigt. Die Zwangneurotiker schweren
    Kahlbers stellen sich der analytischen Behandlung weit seltener
    als die Hysteriker. Sie dissimulieren auch im Leben ihre Zu-
    stände, so lange es angeht, und kommen zum Arzt häufig erst
    in so vorgeschrittenen Stadien des Leidens, wie sie bei der
    Lungentuberkulose z. B. die Aufnahme in eine Heilstätte aus-
    schließen würden. Ich ziehe aber diesen Vergleich heran, weil
    wir bei den leichten und den schweren, aber frühzeitig be-
    kämpften Fällen der Zwangneurose, ganz ähnlich wie bei jener
    chronischen Infektionskrankheit, auf eine Reihe glänzender Heil-
    erfolge hinweisen können.

    Unter solchen Umständen bleibt nichts anderes möglich,
    als die Dinge so unvollkommen und so unvollständig mitzu-
    teilen, wie man sie weiß und weiter sagen darf. Die hier ge-
    botenen, mühselig genug zutage geförderten Brocken von Er-
    kenntnis mögen an sich wenig befriedigend wirken, aber die
    Arbeit anderer Untersucher mag an sie anschließen, und der
    gemeinsamen Bemühung kann die Leistung gelingen, die für
    den einzelnen vielleicht zu schwer ist.

    I. Aus der Krankengeschichte.

    Ein jüngerer Mann von akademischer Bildung führt sich
    mit der Angabe ein, er leide an Zwangsvorstellungen schon seit
    seiner Kindheit, besonders stark aber seit vier Jahren. Haupt-
    inhalt seines Leidens seien Befürchtungen, daß zwei Per-
    sonen, die er sehr liebe, etwas geschehe, dem Vater und einer
    Dame, die er verehre. Außerdem verspüre er Zwangsimpulse,
    wie z. B. sich mit einem Rasiermesser den Hals abzuschneiden,
    und produziere Verbote, die sich auch auf gleichgültige Dinge
    beziehen. Er habe durch den Kampf gegen seine Ideen Jahre
    verloren und sei darum im Leben zurückgeblieben. Von den
    versuchten Kuren habe ihm nichts genützt als eine Wasser-
    behandlung in einer Anstalt bei **); diese aber wohl nur darum,
    weil er dort eine Bekanntschaft machte, die zu regelmäßigem
    Sexualverkehr führte. Hier habe er keine solche Gelegenheit,

  • S.

    126

    verkehre selten und in unregelmäßigen Intervallen. Vor Prosti
    tuierten empfinde er Ekel. Sein Sexualleben sei überhaupt küm
    merlich gewesen, Onanie habe nur eine geringe Rolle gespielt,
    im 16. oder 17. Jahre. Seine Potenz sei normal; erster Koitus
    mit 26 Jahren.

    Er macht den Eindruck eines klaren, scharfsinnigen Kopfes.
    Von mir befragt, was ihn veranlasse, die Auskünfte über sein
    Sexualleben in den Vordergrund zu rücken, antwortet er, das
    sei dasjenige, was er von meinen Lehren wisse. Er habe sonst
    nichts von meinen Schriften gelesen, aber vor kurzem beim
    Blättern in einem Buche von mir die Aufklärung sonderbarer
    Wortverknüpfungen gefunden1), die ihn so sehr an seine eigenen
    Denkarbeiten mit seinen Ideen gemahnt hätten, daß er beschlossen
    habe, sich mir anzuvertrauen.

    a) Die Einleitung der Behandlung.

    Nachdem ich am nächsten Tage auf die die einzige Bedingung
    der Kur verpflichtet, alles zu sagen, was ihm durch den Kopf
    gehe, auch wenn es ihm unangenehm sei, auch wenn es ihm
    unwichtig, nicht dazu gehörig oder unsinnig erscheine, und
    ihm freigestellt, mit welchem Thema er seine Mitteilungen er
    öffnen wolle, beginnt er wie folgt2):

    Er habe einen Freund, den er außerordentlich hochstelle.
    Zu dem gehe er immer, wenn ihn ein verbrecherischer Impuls
    plage, und frage ihn, ob er ihn als Verbrecher verachte. Der
    Freund halte ihn aufrecht, indem er ihm versichere, daß er ein
    tadelloser Mensch sei, der sich wahrscheinlich von Jugend auf
    gewöhnt habe, sein Leben unter solchen Gesichtspunkten zu
    betrachten. Einen ähnlichen Einfluß habe früher einmal ein
    anderer auf ihn geübt, ein Student, der 19 Jahre alt war,
    während er 14 oder 15 Jahre war, der Gefallen an ihm fand

    1)Zur Psychopathologie des Alltagslebens. 2. Aufl. 1907.

    2)Redigiert nach der Niederschrift am Abend des Behandlungstages
    in möglichster Anlehnung an die erinnerten Reden des Patienten. – Ich
    kann nur davor warnen, die Zeit der Behandlung selbst zur Fixierung des
    Gehörten zu verwenden. Die Ablenkung der Aufmerksamkeit des Arztes
    bringt dem Kranken mehr Schaden, als durch den Gewinn an Reproduk
    tionstreue in der Krankengeschichte entschuldigt werden kann.

  • S.

    127

    und sein Selbstgefühl außerordentlich hob, so daß er sich als
    Genie vorkommen durfte. Dieser Student wurde später sein
    Hauslehrer und änderte dann plötzlich sein Benehmen, indem
    er ihn zum Trottel herabsetzte. Er merkte endlich, daß jener
    sich für eine seiner Schwestern interessierte und sich mit ihm
    nur eingelassen habe, um Zutritt ins Haus zu gewinnen. Es
    war dies die erste große Erschütterung seines Lebens.
    Er fährt dann wie unvermittelt fort:

    b) Die infantile Sexualität.

    „Mein Sexualleben hat sehr früh begonnen. Ich erinnere
    mich einer Szene aus meinem 4. bis 5. Jahre (vom 6. Jahre an
    ist meine Erinnerung überhaupt vollständig), die mir Jahre
    später klar aufgetaucht ist. Wir hatten eine sehr schöne, junge
    Gouvernante, Fräulein Peter1). Die lag eines Abends leicht
    bekleidet auf dem Sofa und las; ich lag neben ihr und bat sie
    um die Erlaubnis, unter ihre Röcke zu kriechen. Sie erlaubte
    es, wenn ich niemand etwas davon sagen würde. Sie hatte wenig
    an und ich betastete sie an den Genitalien und am Leibe, der
    mir kurios vorkam. Seitdem blieb mir eine brennende, peinigende
    Neugierde, den weiblichen Körper zu sehen. Ich weiß noch, mit
    welcher Spannung ich im Bade, wohin ich noch mit dem Fräu-
    lein und den Schwestern gehen durfte, darauf wartete, bis das
    Fräulein ausgekleidet ins Wasser stieg. Mehr erinnere ich mich
    vom 6. Jahre an. Wir hatten dann ein anderes Fräulein, auch
    jung und schön, die Abszesse am Gesäß hatte, welche sie
    abends auszudrücken pflegte. Ich lauerte auf diesen Moment,

    1)Der frühere Analytiker Dr. Alfred Adler gedachte einmal in einem
    privaten Vortrag der besonderen Bedeutung, welche den allerersten Mit-
    teilungen des Patienten zukommt. Hier ein Beleg dafür. Die einleitenden
    Worte des Patienten betonen den Einfluß, den Männer auf ihn ausüben,
    die Rolle der homosexuellen Objektwahl in seinem Leben, und lassen gleich
    darauf ein zweites Motiv anklingen, welches später bedeutsam hervortreten
    wird, den Konflikt und Interessengegensatz zwischen Mann und Weib. Auch
    daß er die erste schöne Gouvernante mit ihrem Familiennamen erinnert,
    welcher zufällig einem männlichen Vornamen gleicht, ist in diesem Zu-
    sammenhang aufzunehmen. In Wiener Bürgerkreisen pflegt man eine Gou-
    vernante häufiger bei ihrem Vornamen zu nennen und behält eher diesen
    im Gedächtnis.

  • S.

    128

    um meine Neugierde zu stillen. Ebenso im Bade, obwohl Fräulein
    Lina zurückhaltender war als die erste. (Auf eine Zwischen-
    frage: Ich schlief nicht regelmäßig in ihrem Zimmer, meist bei
    den Eltern.) Ich erinnere eine Szene, bei der ich 7 Jahre ge-
    wesen sein muß1). Wir saßen am Abend, das Fräulein, die
    Köchin, ein anderes Mädchen, ich und mein um 11/2 Jahre
    jüngerer Bruder beisammen. Ich vernahm plötzlich aus dem
    Gespräche der Mädchen, wie Fräulein Lina sagte: Mit dem
    Kleinen könne man das schon machen, aber der Paul (ich) sei
    zu ungeschickt, er werde gewiß daneben fahren. Ich verstand
    nicht klar, was gemeint war, verstand aber die Zurücksetzung
    und begann zu weinen. Lina tröstete mich und erzählte mir,
    daß ein Mädchen, welches etwas derartiges mit einem ihr an-
    vertrauten Buben gemacht hatte, für mehrere Monat eingesperrt
    worden sei. Ich glaube nicht, daß sie etwas Unrechtes mit mir
    angestellt hat, aber ich nahm mir viel Freiheiten gegen sie
    heraus. Wenn ich zu ihr ins Bett kam, deckte ich sie auf und
    rührte sie an, was sie sich ruhig gefallen ließ. Sie war nicht
    sehr intelligent und offenbar geschlechtlich sehr bedürftig.
    23 Jahre alt, hatte sie schon ein Kind gehabt, dessen Vater
    sie später heiratete, so daß sie heute Frau Hofrat heißt. Ich
    sehe sie noch oft auf der Straße.“

    „Ich habe schon mit 6 Jahren an Erektionen gelitten und
    weiß, daß ich einmal zur Mutter ging, um mich darüber zu be-
    klagen. Ich weiß auch, daß ich dabei Bedenken zu überwinden
    hatte, denn ich ahnte den Zusammenhang mit meinen Vorstel-
    lungen und meiner Neugierde und hatte damals eine Zeitlang
    die krankhafte Idee, die Eltern wüßten meine Gedanken,
    was ich mir so erklärte, daß ich sie ausgesprochen,
    ohne es aber selbst zu hören. Ich sehe hierin den Beginn
    meiner Krankheit. Es gab Personen, Mädchen, die mir sehr ge-
    fielen, und die ich mir dringendst nackt zu sehen wünschte.
    Ich hatte aber bei diesen Wünschen ein unheimliches Ge-
    fühl, als müßte etwas geschehen, wenn ich das dächte,
    und ich müßte allerlei tun, um es zu verhindern.“

    1)Er gibt später die Wahrscheinlichkeit zu, daß diese Szene 1–2 Jahre später vorfiel.

  • S.

    129

    (Als Probe dieser Befürchtungen gibt er auf Befragen an:
    Z. B. mein Vater würde sterben.) „Gedanken an den Tod
    des Vaters haben mich frühzeitig und durch lange Zeit beschäf-
    tigt und sehr traurig gestimmt.“

    Ich vernehme bei dieser Gelegenheit mit Erstaunen, daß
    sein Vater, um den sich doch seine heutigen Zwangsbebürch-
    tungen kümmern, schon vor mehreren Jahren gestorben ist.

    Was unser Patient in der ersten Stunde der Behandlung
    aus seinem 6. oder 7. Jahre schildert, ist nicht nur, wie er
    meint, der Beginn der Krankheit, sondern bereits die Krankheit
    selbst. Eine vollständige Zwangsneurose, der kein wesentliches
    Element mehr abgeht, zugleich der Kern und das Vorbild des
    späteren Leidens, der Elementarorganismus gleichsam, dessen
    Studium allein uns das Verhältnis der komplizierten Organisa-
    tion der heutigen Erkrankung vermitteln kann. Wir sehen das
    Kind unter der Herrschaft einer sexuellen Triebkomponente,
    der Schaulust, deren Ergebnis der mit großer Intensität immer
    wieder von neuem auftretende Wunsch ist, weibliche Personen,
    die ihm gefallen, nackt zu sehen. Dieser Wunsch entspricht der
    späteren Zwangsidee; wenn er den Zwangscharakter noch nicht
    hat, so kommt dies daher, daß das Ich sich noch nicht in
    vollen Widerspruch zu ihm gesetzt hat, ihn nicht als fremd ver-
    spürt, doch regt sich bereits von irgendwoher ein Widerspruch
    gegen diesen Wunsch, denn ein peinlicher Affekt begleitet regel-
    mäßig das Auftauchen desselben1). Ein Konflikt ist offenbar in
    dem Seelenleben des kleinen Lüsternen vorhanden; neben dem
    Zwangswunsch steht eine Zwangsbebürchtung innig an den
    Wunsch geknüpft: so oft er so etwas denkt, muß er fürchten,
    es werde etwas Schreckliches geschehen. Dies Schreckliche
    kleidet sich bereits in eine charakteristische Unbestimmtheit,
    die fortan in den Äußerungen der Neurose niemals fehlen wird.
    Doch ist es beim Kinde nicht schwer, das durch solche Unbe-
    stimmtheit Verhüllte aufzufinden. Kann man für irgend eine der
    verschwommenen Allgemeinheiten der Zwangsneurose ein Bei-
    spiel erfahren, so sei man sicher, dies Beispiel ist das Ur-

    1)Es sei daran erinnert, daß man den Versuch gemacht hat, Zwangs-
    vorstellungen ohne Rücksicht auf die Affektivität zu erklären!

    Freud, Neurosenlehre. III.

  • S.

    130

    sprüngliche und Eigentliche selbst, das durch die Verallgemeine-
    rung versteckt werden sollte. Die Zwangsbeſürchtung lautete-
    also, ihrem Sinne nach wiederhergestellt: Wenn ich den
    Wunsch habe, eine Frau nackt zu sehen, muß mein
    Vater sterben. Der peinliche Affekt nimmt deutlich die Für-
    bung des Unheimlichen, Abergläubiſchen an und gibt bereits
    Impulsen den Ursprung, etwas zur Abwendung des Unheiles zu
    tun, wie sie sich in den späteren Schutzmaßregeln durch-
    setzen werden.

    Also: ein erotischer Trieb und eine Auflehnung gegen
    ihn, ein (noch nicht zwanghafter) Wunsch und eine (bereits
    zwanghafte) ihr widerstrebende Beſürchtung, ein peinlicher
    Affekt und ein Drang zu Abwehrhandlungen, das Inventar der
    Neurose ist vollzählig. Ja, es ist noch etwas anderes vorhanden,
    eine Art von Delir- oder Wahnbildung sonderbaren Inhalts:
    die Eltern wüßten seine Gedanken, weil er sie ausspreche, ohne
    sie selbst zu hören. Wir werden kaum irrgehen, wenn wir in
    dieſem kindlichen Erklärungsversuch eine Ahnung jener merk-
    würdigen seeliſchen Vorgänge vernehmen, die wir unbewußte
    heißen und deren wir zur wiſſenſchaftlichen Aufhellung des
    dunklen Sachverhaltes nicht entraten können. „Ich spreche meine
    Gedanken aus, ohne sie zu hören“ klingt wie eine Projektion
    nach außen unserer eigenen Annahme, daß er Gedanken hat,
    ohne etwas von ihnen zu wiſſen, wie eine endopsychiſche Wahr-
    nehmung des Verdrängten.

    Wir erkennen es nämlich klar: Dieſe infantile Elementar-
    neurose hat bereits ihr Problem und ihre scheinbare Absurdität
    wie jede komplizierte Neurose eines Erwachsenen. Was soll es
    heißen, daß der Vater sterben muß, wenn im Kinde jener
    lüsterne Wunsch rege wird? Ist das barer Unsinn, oder gibt es
    Wege, dieſen Satz zu verstehen, ihn als notwendiges Ergebnis
    früherer Vorgänge und Voraussetzungen zu erfassen?

    Wenn wir anderswo gewonnene Einsichten auf dieſen
    Fall von Kinderneurose anwenden, so müſſen wir vermuten,
    daß auch hier, also vor dem 6. Jahre, traumatiſche Erlebniſſe,
    Konflikte und Verdrängungen vorgefallen sind, die selbst der
    Amnesie verfielen, aber als Residuum dieſen Inhalt der Zwangs-
    beſürchtung zurückgelaſſen haben. Wir werden späterhin er-

  • S.

    131

    fahren, wieweit es uns möglich ist, diese vergessenen Erlebnisse
    wieder aufzufinden oder mit einiger Sicherheit zu konstruieren.
    Unterdes wollen wir noch als ein wahrscheinlich nicht gleich
    gültiges Zusammentreffen betonen, daß die Kindheitsamnesie
    unseres Patienten gerade mit dem 6. Jahre ihr Ende er-
    reicht.

    Einen derartigen Beginn einer chronischen Zwangsneurose
    in der frühen Kindheit mit solch lüsternen Wünschen, an die
    unheimliche Erwartungen und Neigung zu Abwehrhandlungen
    geknüpft sind, kenne ich von mehreren anderen Fällen. Er ist
    absolut typisch, wenn auch wahrscheinlich nicht der einzig mög-
    liche Typus. Noch ein Wort über die sexuellen Früherlebnisse
    des Patienten, ehe wir zum Inhalte der zweiten Sitzung über-
    gehen. Man wird sich kaum sträuben, sie als besonders reich-
    haltig und wirkungsvoll zu bezeichnen. So ist es aber auch in
    den anderen Fällen von Zwangsneurose, die ich analysieren
    konnte. Der Charakter der vorzeitigen sexuellen Aktivität wird
    im Gegensatze zur Hysterie hier niemals vermißt. Die Zwangs-
    neurose läßt viel deutlicher als die Hysterie erkennen, daß die
    Momente, welche die Psychoneurose formen, nicht im aktuellen,
    sondern im infantilen Sexualleben zu suchen sind. Das gegen-
    wärtige Sexualleben der Zwangsneurotiker kann dem oberfläch-
    lichen Erforscher oft völlig normal erscheinen; es bietet häufig
    weit weniger pathogene Momente und Abnormitäten als gerade
    bei unserem Patienten.

    c) Die große Zwangsbeſürchtung.

    „Ich denke, heute will ich mit dem Erlebnisse beginnen,
    welches der direkte Anlaß für mich war, Sie aufzusuchen. Es
    war im August während der Waffenübung in**). Ich war vor-
    her elend und hatte mich mit allerlei Zwangsgedanken gequält,
    die aber während der Übung bald zurücktraten. Es hat mich
    interessiert, den Berufsoffizieren zu zeigen, daß man nicht nur
    etwas gelernt hat, sondern auch etwas a

  • S.

    132

    zögern und verzichtete auf ihn, telegraphierte aber an meinen
    Optiker nach Wien, er solle mir umgehend einen Ersatz schicken.
    Auf derselben Rast nahm ich Platz zwischen zwei Offizieren,
    von denen einer, ein Hauptmann mit tschechischem Namen, für
    mich bedeutungsvoll werden sollte. Ich hatte eine gewisse Angst
    vor dem Manne, denn er liebte offenbar das Grausame.
    Ich will nicht behaupten, daß er schlecht war, aber er war
    während der Offiziersmenage wiederholt für die Einführung der
    Prügelstrafe eingetreten, so daß ich ihm energisch hatte wider-
    sprechen müssen. Auf dieser Rast nun kamen wir ins Gespräch
    und der Hauptmann erzählte, daß er von einer besonders schreck-
    lichen Strafe im Orient gelesen habe. . . . .“

    Hier unterbricht er sich, steht auf und bittet mich, ihm
    die Schilderung der Details zu erlassen. Ich versichere ihm, daß
    ich selbst gar keine Neigung zur Grausamkeit habe, ihn gewiß
    nicht gerne quälen wolle, daß ich ihm natürlich aber nichts
    schenken könne, worüber ich keine Verfügung habe. Ebensogut
    könne er mich bitten, ihm zwei Kometen zu schenken. Die
    Überwindung von Widerständen sei ein Gebot der Kur, über
    das wir uns unmöglich hinwegsetzen könnten. (Den Begriff
    „Widerstand“ hatte ich ihm zu Anfang dieser Stunde vor-
    getragen, als er sagte, er habe vieles in sich zu überwinden,
    wenn er sein Erlebnis mitteilen solle.) Ich fuhr fort: Was ich
    aber tun könnte, um etwas von ihm Angedeutetes voll zu er-
    raten, das solle geschehen. Ob er etwa die Pfählung meine? –
    Nein, das nicht, sondern der Verurteilte werde angebunden;
    er drückte sich so undeutlich aus, daß ich nicht sogleich er-
    raten konnte, in welcher Stellung – über sein Gesäß ein Topf
    gestülpt, in diesen dann Ratten eingelassen, die sich – er
    war wieder aufgestanden und gab alle Zeichen des Grauens
    und Widerstandes von sich – einbohrten.“ In den After,
    durfte ich ergänzen.

    Bei allen wichtigeren Momenten der Erzählung merkt
    man an ihm einen sehr sonderbar zusammengesetzten Gesichts-
    ausdruck, den ich nur als Grausen vor seiner ihm selbst
    unbekannten Lust auflösen kann. Er fährt mit allen Schwierig-
    keiten fort: „In dem Momente durchzuckte mich die Vor-
    stellung, daß dies mit einer mir teueren Person ge-
     

  • S.

    133

    schehe!1) Auf direktes Befragen gibt er an, daß nicht etwa
    er selbst diese Strafe vollziehe, sondern daß sie unpersönlich
    an ihr vollzogen werde. Nach kurzem Raten weiß ich, daß es
    die von ihm verehrte Dame war, auf die sich jene „Vor-
    stellung“ bezog.

    Er unterbricht die Erzählung, um mir zu versichern, wie
    fremd und feindselig sich diese Gedanken ihm gegenüberstellen,
    und mit welch außerordentlicher Raschheit alles in ihm ab-
    läuft, was sich weiter an sie knüpft. Mit der Idee gleichzeitig
    ist auch stets die „Sanktion“ da, d. h. die Abwehrmaßregel,
    der er folgen muß, damit sich eine solche Phantasie nicht er-
    fülle. Als der Hauptmann von jener gräßlichen Strafe sprach
    und jene Ideen in ihm aufstiegen, gelang es ihm, sich beider
    noch mit seinen gewöhnlichen Formeln zu erwehren, mit einem
    „aber“, das von einer wegwerfenden Handbewegung begleitet ist,
    und mit der Rede „Was fällt dir denn ein“.

    Der Plural machte mich stutzig, sowie er auch dem Leser
    unverständlich geblieben sein wird. Wir haben ja bisher nur
    von der einen Idee gehört, daß an der Dame die Rattenstrafe
    vollzogen werde. Nun muß er zugestehen, daß gleichzeitig die
    andere Idee in ihm auftauchte, die Strafe treffe auch seinen
    Vater. Da sein Vater vor vielen Jahren gestorben ist, diese
    Zwangsbeſürchtung also noch viel unsinniger ist als die erste,
    versuchte sie sich noch eine Weile vor dem Eingeständnis
    zu bergen.

    Am nächsten Abend überreichte ihm derselbe Hauptmann
    ein mit der Post angelangtes Paket und sagte: Der Ober-
    leutnant A.2) hat die Nachnahme für dich ausgelegt. Du mußt
    sie ihm zurückgeben. In dem Paket befand sich der telegraphisch
    bestellte Zwicker. In dem Moment aber gestaltete sich ihm eine
    „Sanktion“: Nicht das Geld zurückgeben, sonst geschieht
    das (d. h. die Phantasie von den Ratten verwirkliche sich an
    Vater und Dame). Und nach einem ihm bekannten Typus er-

    1)Er sagt: Vorstellung, die stärkere und wichtigere Bezeichnung
    Wunsch respektive Befürchtung ist offenbar durch Zensur gedeckt.
    Die eigentümliche Unbestimmtheit aller seiner Reden kann ich leider nicht
    wiedergeben.

    2)Die Namen sind hier fast indifferent.

  • S.

    134

    hob sich sofort zur Bekämpfung dieser Sanktion ein Gebot wie
    ein Eidschwur: Du mußt dem Oberleutnant A. die Kronen
    3·80 zurückgeben, was er beinahe halblaut vor sich hinsagte.

    Zwei Tage später hatte die Waffenübung ihr Ende ge-
    funden. Die Zeit bis dahin füllte er mit Bemühungen aus, dem
    Oberleutnant A. die kleine Summe zurückzustellen, wogegen
    sich immer mehr Schwierigkeiten anscheinend objektiver Natur
    erhoben. Zunächst versuchte er die Zahlung durch einen andern
    Offizier zu leisten, der zur Post ging, war aber sehr froh, als
    dieser ihm das Geld mit der Erklärung zurückbrachte, er habe
    den Oberleutnant A. nicht auf der Post angetroffen, denn dieser
    Modus der Eiderfüllung befriedigte ihn nicht, weil er dem Wort-
    laute: Du mußt dem Oberleutnant A. das Geld zurückgeben,
    nicht entsprach. Endlich traf er die gesuchte Person A., die
    aber das Geld mit dem Bemerken zurückwies, sie habe nichts
    für ihn ausgelegt, sie habe überhaupt nicht die Post, sondern
    Oberleutnant B. Er war nun sehr betroffen, daß er seinen Eid
    nicht halten könne, weil dessen Voraussetzung falsch sei, und
    klügelte sich sehr sonderbare Auskünfte aus: Er werde mit
    beiden Herren A. und B. zur Post gehen, dort werde A. dem
    Postfräulein Kronen 3·80 geben, das Postfräulein diese dem B.,
    und er werde nach dem Wortlaute des Eides dann dem A. die
    Kronen 3·80 zurückgeben.

    Ich werde mich nicht verwundern, wenn das Verständnis
    der Leser an dieser Stelle versagt, denn auch die ausführliche
    Darstellung, die mir der Patient von den äußeren Vorgängen
    dieser Tage und seiner Reaktionen auf sie gab, litt an inneren
    Widersprüchen und klang heillos verworren. Erst bei einer
    dritten Erzählung gelang es, ihn zur Einsicht in diese Unklar-
    heiten zu bringen, und die Erinnerungstäuschungen und Ver-
    schiebungen bloßzulegen, in die er sich begeben hatte. Ich er-
    spare mir die Wiedergabe dieser Details, von denen wir das
    Wesentliche bald nachholen können, und bemerke noch, daß
    er sich am Ende dieser zweiten Sitzung wie betäubt und ver-
    worren benahm. Er sprach mich wiederholt „Herr Hauptmann“
    an, wahrscheinlich, weil ich zu Eingang der Stunde bemerkt
    hatte, ich sei selbst kein Grausamer wie der Hauptmann M.
    und habe nicht die Absicht ihn unnötigerweise zu quälen.

  • S.

    Er

    135

    Ich erhielt von ihm m dieser Stunde nur noch die Auf-
    klirung, daß er von Anfang an, auch bei allen früheren Be-
    fiirchtungen, daß seinen Lieben etwas geschehen werde, diese
    Strafen nicht allein in die Zeitlichkeit, sondern auch in die
    Ewigkeit, ins Jenseits verlegt habe. Er war bis zum 14. oder
    15. Jahre sehr gewissenhaft religiös gewesen, von wo an er
    sich bis zu seinem heutigen Freidenkertum entwickelt hatte. Er
    gleiche den Widerspruch aus, indem er sich sage: Was weißt
    du vom Leben im Jenseits? Was wissen die anderen davon?
    Man kann ja doch nichts wissen, du riskierst ja nichts, also
    tu’s. Diese SchluBweise hält der sonst so scharfsinnige Mann
    für einwandfrei und nutzt die Unsicherheit der Vernunft in
    ‚dieser Frage solcher Art zugunsten der überwundenen frommen
    Weltanschauung aus.

    In der dritten Sitzung beendigt er die sehr charakteristische
    Erzählung seiner Bemühungen, den Zwangseid zu erfüllen: Am
    Abende fand die letzte Zusammenkunft der Offiziere vor dem
    Schlusse der Waffenübung statt. Ihm fiel es zu, für den Toast
    auf „die Herren von der Reserve“ zu, danken. Er sprach gut,
    aber wie im Schlafwandel, denn im Hintergrunde plagte ihn
    immer sein Eid, Die Nacht war entsetzlich; Argumente und
    Gegenargumente bekämpften einander; Hauptargument war natür-
    lich, daß die Voraussetzung seines Eides, Oberleutnant A. habe
    das Geld für ihn gezahlt, ja nicht zutråfe. Aber er trôstete sich
    «damit, daß es ja noch nicht vorüber sei, da A. den morgigen
    Ritt zur Bahnstation P. bis zu einer gewissen Stelle mitmachen
    werde, so daß er Zeit haben werde, ihn um die Gefilligkeit an-
    zusprechen. Er tat es nun nicht, ließ A. abschwenken, gab aber
    -doch seinem Burschen den Auftrag, ihm seinen Besuch für den
    Nachmittag anzukiindigen. Er selbst gelangte um 1/,10 Uhr vor-
    mittags zum Bahnhofe, legte sein Gepäck ab, machte in der
    kleinen Stadt allerlei Besorgungen und nahm sich vor, darauf
    den Besuch bei A. zu machen. Das Dorf, in dem A. stationiert
    war, lag etwa eine Stunde mit dem Wagen von der Stadt P.

    “entfernt. Die Eisenbahnfahrt nach dem Orte, wo sich das Post-

    amt befand, hätte drei Stunden betragen; so meinte er, es würde
    noch gerade gelingen, nach Ausführung seines komplizierten
    Planes den von P. nach Wien abgehenden Abendzug zu er-

  • S.

    136

    reichen. Die Ideen, die sich bekämpften, lauteten einerseits: es
    sei doch eine Feigheit von ihm, er wolle sich offenbar nur die
    Unbequemlichkeit ersparen, von A. dieses Opfer zu verlangen
    und vor ihm als Narr dazustehen, und setzte sich deshalb über
    seinen Eid hinweg; andererseits: es sei im Gegenteile eine Feig-
    heit, wenn er den Eid ausführe, da er sich dadurch nur Ruhe
    vor den Zwangsvorstellungen schaffen wolle. Wenn in einer
    Überlegung die Argumente einander so die Wage hielten, so
    lasse er sich gewöhnlich von zufälligen Ereignissen wie von
    Gottesurteilen treiben. Darum sagte er: Ja, als ein Gepäckträger
    ihn auf dem Bahnhofe fragte: Zum Zug um 10 Uhr, Herr
    Leutnant?, fuhr um 10 Uhr ab und hatte so ein Fait accompli
    geschaffen, das ihn sehr erleichterte. Beim Kondukteur des
    Speisewagens nahm er noch eine Marke für die Table d’hôte.
    In der ersten Station fiel ihm plötzlich ein, jetzt könne er noch
    aussteigen, den Gegenzug abwarten, mit diesem nach P. und an
    den Ort, wo Oberleutnant A. sich aufhielt, fahren, mit ihm dann
    die dreistündige Bahnfahrt zum Postamt machen usf. Nur die
    Rücksicht auf die Zusage, die er dem Kellner gegeben, hielt
    ihn von der Ausführung dieser Absicht ab; er gab sie aber nicht
    auf, sondern verschob das Aussteigen auf eine spätere Station.
    So schlug er sich von Station zu Station durch, bis er zu einer
    gelangte, in welcher ihm das Aussteigen unmöglich erschien,
    weil er dort Verwandte hatte, und er beschloß nach Wien durch-
    zufahren, dort seinen Freund aufzusuchen, ihm die Sache vor-
    zutragen und nach dessen Entscheidung noch mit dem Nacht-
    zug nach P. zurückzufahren. Meinem Zweifel, ob das zusammen-
    gegangen wäre, begegnet er mit der Versicherung, er hätte
    zwischen der Ankunft des einen und der Abfahrt des anderen
    Zuges eine halbe Stunde frei gehabt. In Wien angelangt, traf
    er den Freund aber nicht in dem Gasthause, wo er ihn zu
    treffen erwartet hatte, kam erst um 11 Uhr abends in die
    Wohnung seines Freundes und trug ihm noch in der Nacht
    seine Sache vor. Der Freund schlug die Hände zusammen,
    daß er noch immer zweifeln könne, ob es eine Zwangs-
    vorstellung gewesen sei, beruhigte ihn für diese Nacht, so
    daß er ausgezeichnet schlief, und ging mit ihm am nächsten
    Vormittag zur Post, um die Kronen 3·80 – an die Adresse

  • S.

    137

    des Postamtes, woselbst das Zwickerpaket angekommen war,
    aufzugeben.

    Letztere Mitteilung gab mir den Anhaltspunkt, die Ent-
    stellungen seiner Erzählung zu entwirren. Wenn er, durch den
    Freund zur Besinnung gebracht, die kleine Summe nicht an
    Oberleutnant A. und nicht an Oberleutnant B., sondern ans
    Postamt direkt absandte, so mußte er ja wissen und schon bei
    einer Abreise gewußt haben, daß er niemand anderem als
    dem Postbeamten die Nachnahmegebühr schuldig geblieben
    sei. Es ergab sich wirklich, daß er dies schon vor der Auf-
    forderung des Hauptmannes und vor seinem Eide gewußt hatte,
    denn er erinnerte sich jetzt, daß er einige Stunden vor der
    Begegnung mit dem grausamen Hauptmanne Gelegenheit hatte,
    sich einem andern Hauptmann vorzustellen, der ihm den rich-
    tigen Sachverhalt mitgeteilt hatte. Dieser Offizier erzählte ihm,
    als er seinen Namen hörte, er sei vor kurzem auf dem Postamt
    gewesen und vom Postfräulein befragt worden, ob er einen
    Leutnant H. (eben unseren Patienten) kenne, für den ein Paket
    mit Nachnahme angekommen sei. Er erwiderte verneinend, aber
    das Fräulein meinte, sie habe Zutrauen zu dem unbekannten
    Leutnant und werde unterdes die Gebühr selbst erlegen. Auf diese
    Weise kam unser Patient in den Besitz des von ihm bestellten
    Zwickers. Der grausame Hauptmann beging einen Irrtum, als er
    bei der Einhändigung des Pakets mahnte, die Kronen 3·80
    dem A. zurückzugeben. Unser Patient mußte wissen, daß dies
    ein Irrtum sei. Trotzdem leistete er den auf diesen Irrtum ge-
    gründeten Schwur, der ihm zur Qual werden mußte. Die Episode
    des andern Hauptmannes und die Existenz des vertrauensvollen
    Postfräuleins hatte er dabei sich und in der Wiedergabe auch
    mir unterschlagen. Ich gebe zu, daß sein Benehmen nach dieser
    Richtigstellung noch unsinniger und unverständlicher wird
    als vorher.

    Nachdem er seinen Freund verlassen hatte und zu seiner
    Familie zurückgekehrt war, befielen ihn die Zweifel von neuem.
    Die Argumente seines Freundes seien ja keine anderen gewesen
    als seine eigenen, und er täuschte sich nicht darüber, daß die
    zeitweilige Beruhigung nur auf den persönlichen Einfluß des
    Freundes zurückzuführen war. Der Entschluß, einen Arzt auf-

  • S.

    138

    zuzusuchen, wurde auf folgende geschickte Art in das Delir ver-
    woben. Er werde sich von einem Arzte ein Zeugnis ausstellen
    lassen, daß er eines solchen Aktes, wie er ihn mit Oberleutnant A.
    ausgedacht, zu seiner Herstellung bedürfe, und dieser werde
    sich durch das Zeugnis gewiß bewegen lassen, die Kronen 3·80
    von ihm anzunehmen. Der Zufall, der ihm gerade damals ein
    Buch von mir in die Hand spielte, lenkte seine Wahl auf mich.
    Bei mir war aber von jenem Zeugnis nicht die Rede, er forderte
    sehr verständig nur die Befreiung von seinen Zwangsvorstellungen.
    Viele Monate später tauchte auf der Höhe des Widerstandes
    wieder einmal die Versuchung auf, doch nach P. zu fahren,
    den Oberleutnant A. aufzusuchen und mit ihm die Komödie
    des Geldzurückgebens aufzuführen.

    d) Die Einführung ins Verständnis der Kur.

    Man erwarte nicht, so bald zu hören, was ich zur Auf-
    hellung dieser sonderbar unsinnigen Zwangsvorstellungen (von
    den Ratten) vorzubringen habe; die richtige psychoanalytische
    Technik heißt den Arzt seine Neugierde unterdrücken und läßt
    dem Patienten die freie Verfügung über die Reihenfolge der
    Themata in der Arbeit. Ich empfing also den Patienten in der
    vierten Sitzung mit der Frage: Wie werden Sie nun fortfahren?

    „Ich habe mich entschlossen, Ihnen mitzuteilen, was ich
    für sehr bedeutsam halte und was mich von Anbeginn an quält.“

    Er erzählt nun sehr breit die Krankengeschichte seines Vaters,
    der vor 9 Jahren an Emphysem verstarb. Eines Abends fragte
    er in der Meinung, es sei ein krisenhafter Zustand, den Arzt,
    wann die Gefahr als beseitigt gelten könnte. Die Antwort lautete:
    Übermorgen abends. Es kam ihm nicht in den Sinn, daß der
    Vater diesen Termin nicht erleben könnte. Er legte sich um
    1/2 Uhr nachts für eine Stunde zu Bette, und als er um
    1 Uhr erwachte, hörte er von einem ärztlichen Freunde, der
    Vater sei gestorben. Er machte sich den Vorwurf, daß er beim
    Tode nicht zugegen gewesen sei, der sich verstärkte, als ihm
    die Pflegerin mitteilte, der Vater habe in den letzten Tagen
    einmal seinen Namen genannt und an sie, als sie zu ihm trat,
    die Frage gerichtet: Sind Sie der Paul? Er glaubte bemerkt zu

  • S.

    139

    haben, daß die Mutter und die Schwestern sich ähnliche Vor
    würfe machen wollten; sie sprachen aber nicht darüber. Der
    Vorwurf war aber zunächst kein quälender; er realisirte lange
    Zeit die Thatsache seines Todes nicht; es passirte ihm immer
    wieder, daß er sich, wenn er einen guten Witz gehört hatte,
    sagte: Das muß ich dem Vater erzählen. Auch spielte seine
    Phantasie mit dem Vater, so daß er häufig, wenn es an die
    Thüre klopfte, meinte: Jetzt kommt der Vater, wenn er ein Zimmer
    betrat, erwartete, den Vater darin zu finden, und wiewohl er
    die Thatsache seines Todes nie vergaß, hatte die Erwartung
    solcher Geistererscheinung nichts Schreckhaftes, sondern etwas
    höchst Erwünschtes für ihn. Erst 1½ Jahre später erwachte
    die Erinnerung an sein Versäumnis und begann ihn entsetzlich
    zu quälen, so daß er sich als Verbrecher behandelte. Veran-
    lassung war der Tod einer angeheirateten Tante und sein Be-
    such im Trauerhause. Von da an fügte er seinem Gedanken-
    gebäude die Fortsetzung ins Jenseits an. Schwere Arbeits-
    unfähigkeit war die nächste Folge dieses Anfalles1). Da er er-
    zählt, nur die Tröstungen seines Freundes hätten ihn damals
    aufrecht gehalten, der diese Vorwürfe immer als arg übertrieben
    zurückgewiesen, bediene ich mich dieses Anlasses, um ihm den
    ersten Einblick in die Voraussetzungen der psychoanalytischen
    Therapie zu geben. Wenn eine Mesalliance zwischen Vor-
    stellungsinhalt und Affekt, also zwischen Größe des Vorwurfes
    und Anlaß des Vorwurfes vorliegt, so würde der Laie sagen,
    der Affekt sei zu groß für den Anlaß, also übertrieben, die aus
    dem Vorwurfe gezogene Folgerung, ein Verbrecher zu sein, sei
    also falsch. Der Arzt sagt im Gegentheile: Nein, der Affekt ist
    berechtigt, das Schuldbewußtsein ist nicht weiter zu kritisiren,
    aber es gehört zu einem andern Inhalte, der nicht bekannt
    (unbewußt) ist und der erst gesucht werden muß. Der bekannte

    1)Ein Verständniß dieser Einwirkung ergibt sich später aus der ge-
    naueren Beschreibung des Anlasses. Der verwitwete Onkel hat jammernd
    ausgerufen: „Andere Männer vergönnen sich alles Mögliche, und ich habe
    nur für diese Frau gelebt!“ Unser Patient nahm an, der Onkel spiele auf
    den Vater an und verdächtige dessen eheliche Treue, und obwohl der
    Onkel diese Deutung seiner Worte aufs entschiedenste bestritt, war deren
    Wirkung nicht mehr aufzuheben.

  • S.

    140

    Vorstellungsinhalt ist nur durch falsche Verknüpfung an diese
    Stelle geraten. Wir sind aber nicht gewohnt, starke Affekte
    ohne Vorstellungsinhalt in uns zu verspüren, und nehmen daher
    bei fehlendem Inhalt einen irgendwie passenden anderen als Sur-
    rogat auf, etwa wie unsere Polizei, wenn sie den richtigen
    Mörder nicht erwischen kann, einen unrechten an seiner Stelle
    verhaftet. Die Tatsache der falschen Verknüpfung erklärt auch
    allein die Ohnmacht der logischen Arbeit gegen die peinigende
    Vorstellung. Ich schließe dann mit dem Zugeständnisse, daß
    sich aus dieser neuen Auffassung zunächst große Rätsel ab-
    leiten, denn wie solle er seinem Vorwurf, ein Verbrecher gegen
    den Vater zu sein, recht geben, wenn er doch wissen müsse,
    daß er eigentlich nie etwas Verbrecherisches gegen ihn be-
    gangen habe.

    Er zeigt dann in der nächsten Sitzung großes Interesse für
    meine Darlegungen, gestattet sich aber einige Zweifel vorzu-
    bringen: Wie eigentlich die Mitteilung, daß der Vorwurf, das
    Schuldbewußtsein, recht habe, heilend wirken könne? – Nicht
    diese Mitteilung hat die Wirkung, sondern die Auffindung des
    unbekannten Inhaltes, zu dem der Vorwurf gehört. – Ja, ge-
    rade darauf beziehe sich seine Frage. – Ich erläutere meine
    kurzen Angaben über die psychologischen Unterschiede des
    Bewußten vom Unbewußten, über die Usur, der alles Be-
    wußte unterliegt, während das Unbewußte relativ unveränderlich
    ist, durch einen Hinweis auf die in meinem Zimmer aufgestellten
    Antiquitäten. Es seien eigentlich nur Grabfunde, die Verschüt-
    tung habe für sie die Erhaltung bedeutet. Pompeji gehe erst
    jetzt zugrunde, seitdem es aufgedeckt sei. – Ob es eine Garantie
    gebe, fragt er weiter, wie man sich gegen das Gefundene ver-
    halten werde. Der eine, meint er, wohl so, daß er dann den
    Vorwurf überwinde, der andere aber nicht. – Nein, es liege in
    der Natur der Verhältnisse, daß der Affekt dann jedesmal meist
    schon während der Arbeit überwunden werde. Pompeji bestrebe
    man sich eben zu erhalten, solche peinigende Ideen wolle man
    durchaus los werden. Er habe sich gesagt, ein Vorwurf kann
    ja nur durch Verletzung der eigensten persönlichen Sitten-
    gesetze, nicht der äußerlichen, entstehen. (Ich bestätige, wer
    bloß die verletzt, fühle sich ja oft als Held.) Ein solcher Vor-

  • S.

    141

    gang sei also nur möglich bei einem Zerfalle der Persön-
    lichkeit, der von Anfang an gegeben sei. Ob er die Einheit
    der Persönlichkeit wiedergewinnen werde? In diesem Falle ge-
    traue er sich vieles zu leisten, vielleicht mehr als andere. —
    Ich darauf: Ich sei mit dieser Spaltung der Persönlichkeit
    durchaus einverstanden, er möge diesen neuen Gegensatz zwischen
    der sittlichen Person und dem Bösen nur mit dem vorigen, dem
    Gegensatze zwischen Bewußtem und Unbewußtem, zusammen-
    löten. Die sittliche Person sei das Bewußte, das Böse un-
    bewußt1). — Er könne sich erinnern, daß er, obwohl er sich
    für eine sittliche Person halte, doch ganz bestimmt in seiner
    Kindheit Dinge getan habe, die von der andern Person aus-
    gegangen seien. Ich meine, er habe da so nebenbei einen Haupt-
    charakter des Unbewußten entdeckt, die Beziehung zum In-
    fantilen. Das Unbewußte sei das Infantile, und zwar jenes
    Stück der Person, das sich damals von ihr abgesondert, die
    weitere Entwicklung nicht mitgemacht habe und darum ver-
    drängt worden sei. Die Abkömmlinge dieses verdrängten Un-
    bewußten seien die Elemente, welche das unwillkürliche Denken
    unterhalten, in dem sein Leiden bestehe. Er könne jetzt noch
    einen Charakter des Unbewußten entdecken; das wolle ich ihm
    gerne überlassen. — Er findet direkt nichts Weiteres, dafür
    äußert den Zweifel, ob so lange bestehende Veränderungen
    rückgängig zu machen seien. Was wolle man speziell gegen die
    Idee vom Jenseits tun, die doch logisch nicht widerlegt werden
    könne? — Ich bestreite die Schwere seines Falles und die Be-
    deutung seiner Konstruktionen nicht, aber sein Alter sei ein
    sehr günstiges, und günstig sei auch die Intaktheit seiner Persön-
    lichkeit, wobei ich ein anerkennendes Urteil über ihn ausspreche,
    das ihn sichtlich erfreut.

    In der nächsten Sitzung beginnt er, er müsse etwas Tat-
    sächliches aus seiner Kindheit erzählen. Nach 7 Jahren hatte
    er, wie schon erzählt, die Angst, daß die Eltern seine Gedanken
    erraten, die ihm eigentlich durch das weitere Leben verblieben
    sei. Mit 12 Jahren liebte er ein kleines Mädchen, Schwester
    eines Freundes (auf Befragen: nicht sinnlich, er wollte sie nicht

    1)Das ist alles zwar nur im gröbsten richtig, reicht aber zur Ein-
    führung zunächst hin.

  • S.

    142

    nackt sehen, sie war zu klein), die aber mit ihm nicht so zärt-
    lich war, wie er es wünschte. Und da kam ihm die Idee, daß
    sie liebevoll mit ihm sein würde, wenn ihn ein Unglück träfe;
    als solches drängte sich ihm der Tod des Vaters auf. Er wies
    diese Idee sofort energisch zurück, wehrt sich auch jetzt gegen
    die Möglichkeit, es könne sich ein „Wunsch“ so geäußert haben.
    Es war eben nur eine „Denkverbindung“1). Ich wende ein:
    wenn es kein Wunsch war, wozu das Sträuben? – Ja, nur
    wegen des Inhaltes der Vorstellung, daß der Vater sterben
    könne. – Ich: Er behandle diesen Wortlaut wie den einer
    Majestätsbeleidigung, wobei es bekanntlich ebenso bestraft wird,
    wenn jemand sagt: Der Kaiser ist ein Esel, wie wenn er diese
    verpönten Worte einkleidet: Wenn jemand sagt . . . . . . , so
    hat er es mit mir zu tun. Ich könnte ihm ohne weiteres den
    Vorstellungsinhalt, gegen den er sich so sträubte, in einen Zu-
    sammenhang bringen, der dies Sträuben ausschließen würde;
    z. B.: Wenn mein Vater stirbt, töte ich mich auf seinem Grabe.
    Er ist erschüttert, ohne seinen Widerspruch aufzugeben, so daß
    ich den Streit mit der Bemerkung abbreche, die Idee vom Tode
    des Vaters sei ja in diesem Falle nicht zum ersten Male auf-
    getreten, sie stamme offenbar von früher her, und wir würden
    ihrer Herkunft einmal nachspüren müssen. – Er erzählte weiter,
    ein zweites Mal sei ihm ein ganz ähnlicher Gedanke blitzähnlich
    ein halbes Jahr vor dem Tode des Vaters gekommen. Er war
    bereits in jene Dame verliebt2), konnte aber wegen materieller
    Hindernisse nicht an eine Verbindung denken. Da habe die
    Idee gelautet: Durch den Tod des Vaters werde er viel-
    leicht so reich werden, daß er sie heiraten könne. In
    seiner Abwehr ging er dann so weit, daß er wünschte, der
    Vater solle gar nichts hinterlassen, damit kein Gewinn diesen
    für ihn entsetzlichen Verlust kompensiere. Ein drittes Mal kam
    dieselbe Idee, aber sehr gemildert, am Tage vor dem Tode des
    Vaters. Er dachte: Ich kann jetzt mein Liebstes verlieren und
    dagegen kam der Widerspruch: Nein, es gibt noch eine andere

    1)Mit solchen Wortabschwächungen gibt sich nicht allein der Zwangs-
    neurotiker zufrieden.

    2)Vor zehn Jahren.

  • S.

    143

    Person, deren Verlust dir noch schmerzlicher wäre1). Er ver-
    wundere sich sehr über diese Gedanken, da er ja ganz sicher
    sei, der Tod des Vaters könne nie Gegenstand seines Wunsches
    gewesen sein, immer nur einer Befürchtung. – Nach dieser
    mit voller Stärke ausgesprochenen Rede halte ich es für zweck-
    mäßig, ihm ein neues Stückchen der Theorie vorzuführen. Die
    Theorie behaupte, daß jede Angst einem ehemaligen, nun ver-
    drängten Wunsch entspreche, so daß man das gerade Gegenteil
    von seiner Beteuerung annehmen müsse. Es stimme dies auch
    zur Forderung, daß das Unbewußte der kontradiktorische Gegen-
    satz des Bewußten sein solle. Er ist sehr bewegt, sehr un-
    gläubig und wundert sich, wie dieser Wunsch bei ihm möglich
    gewesen sein solle, wenn ihm der Vater doch der liebste aller
    Menschen war. Es leide keinen Zweifel, daß er auf jedes per-
    sönliche Glück verzichtet hätte, wenn er dadurch des Vaters
    Leben hätte retten können. Ich antworte, gerade diese intensive
    Liebe sei die Bedingung des verdrängten Hasses. Bei indiffe-
    renten Personen werde es ihm gewiß leicht gelingen, die Motive
    zu einer mäßigen Neigung und ebensolchen Abneigung neben-
    einander zu halten, etwa wenn er Beamter sei und von seinem
    Bureauchef denke, er sei ein angenehmer Vorgesetzter, aber ein
    kleinlicher Jurist und inhumaner Richter. Ähnlich sage doch
    Brutus über Cäsar bei Shakespeare (III, 2): „Weil Cäsar
    mich liebte, wein’ ich um ihn; weil er glücklich war, freue ich
    mich; weil er tapfer war, ehr’ ich ihn; aber weil er herrsch-
    süchtig war, erschlug ich ihn.“ Und diese Rede wirke bereits
    befremdend, weil wir uns des Brutus Affektion für Cäsar inten-
    siver vorgestellt haben. Bei einer Person, die ihm näher stehe,
    seiner Frau etwa, werde er das Bestreben nach einer einheit-
    lichen Empfindung haben und darum, wie allgemein menschlich,
    ihre Fehler, die seine Abneigung hervorrufen könnten, vernach-
    lässigen, wie verblendet übersehen. Also gerade die große Liebe
    lasse es nicht zu, daß der Haß (karikiert so bezeichnet), der
    wohl irgend eine Quelle haben müsse, bewußt bleibe. Ein
    Problem sei es allerdings, woher dieser Haß stamme; seine


    1)Ein Gegensatz zwischen den beiden geliebten Personen, Vater und
    „Dame“, ist hier unverkennbar angezeigt.

  • S.

    144

    Aussagen deuteten selbst auf die Zeit hin, in welcher er ge-
    fürchtet, daß die Eltern seine Gedanken erraten. Anderseits
    könne man auch fragen, warum die große Liebe nicht den
    Haß habe auslöschen können, wie man es so von gegensätz-
    lichen Regungen gewohnt sei. Man könne nur annehmen, daß
    der Haß doch mit einer Quelle, einem Anlaß in einer Verbin-
    dung stehe, die ihn unzerstörbar mache. Also einerseits schütze
    ein solcher Zusammenhang den Haß gegen den Vater vor dem
    Untergange, anderseits hindere die große Liebe ihn am Bewußt-
    werden, so daß ihm eben nur die Existenz im Unbewußten
    übrig bleibe, aus der er sich doch in einzelnen Momenten blitz-
    ähnlich vordrängen könne.

    Er gibt zu, daß dies alles ganz plausibel anzuhören ist,
    hat aber natürlich keine Spur von Überzeugung1). Er möchte
    sich die Frage erlauben, wie es zugehe, daß eine solche Idee
    Pausen machen könne, mit 12 Jahren für einen Moment komme,
    dann mit 20 Jahren wieder und zwei Jahre später von neuem, um
    von da an anzuhalten. Er könne doch nicht glauben, daß inzwischen
    die Feindseligkeit erloschen gewesen sei, und doch habe sich
    in den Pausen nichts von Vorwürfen gezeigt. Ich darauf: Wenn
    jemand so eine Frage stellt, so hat er auch schon die Antwort
    bereit. Man braucht ihn nur weitersprechen zu lassen. Er setzt
    nun in anscheinend lockerem Zusammenhange fort: Er sei der
    beste Freund des Vaters gewesen, wie dieser seiner; bis auf
    wenige Gebiete, auf denen Vater und Sohn einander auszuwei-
    chen pflegen (was meint er wohl?), sei die Intimität zwischen
    ihnen größer gewesen als jetzt mit seinem besten Freunde. Jene
    Dame, um deren wegen er den Vater in der Idee zurückgesetzt,
    habe er zwar sehr geliebt, aber eigentlich sinnliche Wünsche,
    wie sie seine Kindheit erfüllten, hätten sich in bezug auf sie
    nie geregt; seine sinnlichen Regungen seien in der Kindheit

    1) Es ist niemals die Absicht solcher Diskussionen, Überzeugung her-
    vorzurufen. Sie sollen nur die verdrängten Komplexe ins Bewußtsein ein-
    führen, den Streit um sie auf dem Boden bewußter Seelentätigkeit anfachen
    und das Auftauchen neuen Materials aus dem Unbewußten erleichtern. Die
    Überzeugung stellt sich erst nach der Bearbeitung des wiedergewonnenen
    Materials durch den Kranken her, und solange sie schwankend ist, darf
    man das Material als nicht erschöpft beurteilen.

  • S.

    145

    überhaupt viel stärker gewesen als zur Zeit der Pubertät. —
    Ich meine nun, er habe jetzt die Antwort gegeben, auf die wir
    warteten, und gleichzeitig den dritten großen Charakter des
    Unbewußten aufgefunden. Die Quelle, aus welcher die Feind-
    seligkeit gegen den Vater ihre Unzerstörbarkeit beziehe, sei
    offenbar von der Natur sinnlicher Begierden, dabei habe
    er den Vater irgendwie als störend empfunden. Ein solcher
    Konflikt zwischen Sinnlichkeit und Kindesliebe sei ein durchaus
    typischer. Die Pausen habe es bei ihm gegeben, weil infolge
    der vorzeitigen Explosion seiner Sinnlichkeit zunächst eine so
    erhebliche Dämpfung derselben eingetreten sei. Erst als sich
    wieder intensive verliebte Wünsche bei ihm eingestellt hätten,
    sei diese Feindseligkeit aus der analogen Situation heraus
    wieder aufgetreten. Ich lasse mir übrigens von ihm bestätigen,
    daß ich ihn weder auf das infantile noch auf das sexuelle
    Thema gelenkt habe, sondern daß er selbständig auf beide ge-
    kommen sei. — Er fragt nun weiter, warum er nicht zur Zeit
    der Verliebtheit in die Dame einfach bei sich die Entscheidung
    gefällt, die Störung dieser Liebe durch den Vater könne gegen
    seine Liebe zum Vater nicht in Betracht kommen. — Ich ant-
    wortete: Es ist schwer möglich, jemand in absentia zu erschla-
    gen. Um jene Entscheidung zu ermöglichen, hätte ihm der be-
    anständete Wunsch damals zum ersten Male kommen müssen;
    es war aber ein altverdrängter, gegen den er sich nicht an-
    ders benehmen konnte als vorher, und der darum der Vernich-
    tung entzogen blieb. Der Wunsch (den Vater als Störer zu be-
    seitigen) müßte in Zeiten entstanden sein, in denen die Ver-
    hältnisse ganz anders lagen, etwa daß er den Vater damals
    nicht stärker liebte als die sinnlich begehrte Person, oder daß
    er einer klaren Entscheidung nicht fähig war, also in sehr
    früher Kindheit, vor 6 Jahren, ehe seine kontinuierliche Er-
    innerung einsetzte, und das sei eben für alle Zeiten so ge-
    blieben. — Mit dieser Konstruktion schließt die Erörterung
    vorläufig ab.

    In der nächsten, der siebenten Sitzung, greift er dasselbe
    Thema wieder auf. Er könne nicht glauben, daß er je den
    Wunsch gegen den Vater gehabt habe. Er erinnere sich einer
    Novelle von Sudermann, die ihm einen tiefen Eindruck ge-
    macht habe.

    Freud, Neurosenlehre. III. 10

  • S.

    146

    macht, in welcher eine Schwester am Krankenbette der andern
    diesen Todeswunsch gegen sie verspüre, um deren Mann heiraten
    zu können. Sie töte sich dann, weil sie nach solcher Gemein-
    heit nicht verdiene zu leben. Er verstehe das, und es sei ihm
    ganz recht, wenn er an seinen Gedanken zugrunde gehe, denn
    er verdiene es nicht anders1). Ich bemerke, es sei uns wohl
    bekannt, daß den Kranken ihr Leiden eine gewisse Befriedi-
    gung gewähre, so daß sie sich eigentlich alle partiell sträuben,
    gesund zu werden. Er möge nicht aus den Augen verlieren,
    daß eine Behandlung wie die unserige unter beständigem
    Widerstande vor sich gehe; ich werde ihn immer wieder
    daran erinnern.

    Er will jetzt von einer verbrecherischen Handlung sprechen,
    in der er sich nicht erkenne, an die er sich aber ganz bestimmt
    erinnere. Er zitiert ein Wort von Nietzsche: „Das habe ich
    getan,“ sagt mein Gedächtnis, „das kann ich nicht
    getan haben“ – sagt mein Stolz und bleibt unerbitt-
    lich. Endlich – gibt das Gedächtnis nach2). „Darin hat
    also mein Gedächtnis nicht nachgegeben.“ – Eben weil Sie
    zur Selbstbestrafung aus Ihren Vorwürfen Lust ziehen. –
    „Mit meinem jüngeren Bruder – ich bin ihm jetzt wirklich
    gut, er bereitet mir gerade große Sorge, indem er eine Heirat
    machen will, die ich für einen Unsinn halte; ich hab’ schon die
    Idee gehabt, hinzureisen und die Person umzubringen, damit er
    sie nicht heiraten kann – habe ich als Kind viel gerauft.
    Daneben hatten wir einander sehr lieb und waren unzertrenn-
    lich, aber mich beherrschte offenbar Eifersucht, denn er war
    der stärkere, schönere und darum beliebtere.“ – Sie haben ja
    schon eine solche Eifersuchtsszene mit Fräulein Lina mitgeteilt.
    – „Also nach einer solchen Gelegenheit, gewiß vor 8 Jahren,
    denn ich ging noch nicht in die Schule, in die ich mit 8 Jahren
    gekommen bin, tat ich folgendes: Wir hatten Kindergewehre-
     

    1)Dieses Schuldbewußtsein enthält den offenbarsten Widerspruch gegen
    sein anfängliches Nein, er habe den bösen Wunsch gegen den Vater nie-
    gehabt. Es ist ein häufiger Typus in der Reaktion gegen das bekannt ge-
    wordene Verdrängte, daß sich an das erste Nein der Ablehnung alsbald die-
    zunächst indirekte Bestätigung anschließt.

    2)Jenseits von Gut und Böse, IV, 68.

  • S.

    147

    von der bekannten Konstruktion; ich lud meines mit dem Lad
    stock, sagte ihm, er solle in den Lauf hinein-
    schauen, er werde
    etwas sehen, und als er hineinschaute, drückte ich los. Es traf
    ihn auf die Stirne und machte ihm nichts, aber es war meine
    Ab-
    sicht gewesen, ihm sehr wehe zu tun. Ich war dann ganz
    außer mir, warf mich auf den Boden und fragte mich: „Wie
    habe ich das nur tun können? — Aber ich habe es getan.“ —
    Ich benutze die Gelegen-
    heit, um für meine Sache zu plaidieren.
    Wenn er eine solche, ihm so fremde Tat im Gedächt-
    nis be
    wahrt habe, so könne er doch nicht die Möglich-
    keit in Abrede
    stellen, daß in noch früheren Jahren etwas Ähnliches, was er
    heute nicht mehr erinnere, gegen den Vater vorgekommen sei.
    — Er wisse noch von anderen Regungen der Rach-
    sucht gegen
    jene Dame, die er so sehr verehre, und von deren Charakter er
    eine begeisterte Schilderung gibt. Sie könne vielleicht nicht
    leicht lieben, sie spare sich ganz für den einen auf, dem sie
    einmal angehören werde; ihn liebe sie nicht. Als er dessen
    sicher wurde, gestaltete sich ihm eine bewußte Phantasie, er
    werde sehr reich werden, eine andere heiraten und dann mit
    ihr einen Besuch bei der Dame machen, um sie zu kränken.
    Aber da versagte ihm die Phantasie, denn er mußte sich ein
    gestehen, daß ihm die andere, die Frau, ganz gleich-
    gültig sei,
    seine Gedanken verwirrten sich und am Ende wurde ihm klar,
    daß diese andere sterben solle. Auch in dieser Phantasie findet
    er, wie in dem Anschlag gegen den Bruder, den Charakter der
    Feigheit, der ihm so entsetzlich ist1). — Im weiteren Ge-
    spräche mit ihm mache ich geltend, daß er sich ja logischer-
    weise für ganz unverantwortlich für alle diese Charakter-
    züge
    erklären müsse, denn all diese verwerf-
    lichen Regungen stammten
    aus dem Kinderleben, entsprächen den im Unbewußten fort-
    lebenden Abkömm-
    lingen des Kinder-
    charakters, und er wisse
    doch, daß für das Kind die ethische Verantwort-
    lichkeit nicht
    gelten könne. Aus der Summe der Anlagen des Kindes entstehe
    der ethisch verantwort-
    liche Mensch erst im Laufe der Entwick-
    lung2). Er bezweifelt aber, daß alle seine bösen Regungen von

    1) Was späterhin seine Erklärung finden soll.

    2) Ich bringe diese Argumente nur vor, um mir wieder von neuem
    bestätigen zu lassen, wie ohnmächtig sie sind. Ich kann es nicht begreifen,

  • S.

    148

    dieser Herkunft sind. Ich verspreche, es ihm im Laufe der Kur
    zu beweisen.

    Er führt noch an, daß sich die Krankheit seit dem Tode
    des Vaters so enorm gesteigert hat, und ich gebe ihm insofern
    recht, als ich die Trauer um den Vater als Hauptquelle der
    Krankheitsintensität anerkenne. Die Trauer hat in der Krank-
    heit gleichsam einen pathologischen Ausdruck gefunden. Während
    eine normale Trauer in 1 bis 2 Jahren ihren Ablauf erreicht,
    ist eine pathologische wie seine in ihrer Dauer unbegrenzt.

    Soweit reicht, was ich aus dieser Krankengeschichte aus-
    führlich und in der Reihenfolge erzählen kann. Es deckt sich
    ungefähr mit der Exposition der über 11 Monate verlaufenden
    Behandlung.

    e) Einige Zwangsvorstellungen und deren Übersetzung.

    Zwangsvorstellungen erscheinen bekanntlich entweder un-
    motiviert oder unsinnig, ganz wie der Wortlaut unserer nächt-
    lichen Träume, und die nächste Aufgabe, die sie stellen, geht
    dahin, ihnen Sinn und Halt im Seelenleben des Individuums
    zu geben, so daß sie verständlich, ja eigentlich selbstverständlich
    werden. Man lasse sich in dieser Aufgabe der Übersetzung
    niemals durch den Anschein der Unlösbarkeit beirren; die
    tollsten oder absonderlichsten Zwangsideen lassen sich durch
    gebührende Vertiefung lösen. Zu dieser Lösung gelangt man
    aber, wenn man die Zwangsideen in zeitlichen Zusammenhang
    mit dem Erleben des Patienten bringt, also indem man er-
    forscht, wann die einzelne Zwangsidee zuerst aufgetreten ist,
    und unter welchen äußeren Umständen sie sich wiederholen
    pflegt. Bei Zwangsideen, die es, wie so häufig, zu keiner Dauer-
    existenz gebracht haben, vereinfacht sich dementsprechend auch
    die Lösungsarbeit. Man kann sich leicht überzeugen, daß nach
    der Aufdeckung des Zusammenhanges der Zwangsidee mit dem
    Erleben des Kranken alles andere Rätselhafte und Wissens-
    werte an dem pathologischen Gebilde, seine Bedeutung, der
    Mechanismus seiner Entstehung, seine Abkunft von den maß-
     

    wenn andere Psychotherapeuten berichten, daß sie mit solchen Waffen die
    Neurosen erfolgreich bekämpfen.

  • S.

    149

    gebenden psychischen Triebkräften unserer Einsicht leicht zu
    gänglich wird.

    Ich beginne mit einem besonders durchsichtigen Beispiel
    des bei unserem Patienten so häufigen Selbstmordimpulses,
    welches sich in der Darstellung beinahe von selbst analysiert:
    Er verlor einige Wochen im Studium infolge der Abwesenheit
    seiner Dame, welche abgereist war, um ihre schwer erkrankte
    Großmutter zu pflegen. „Mitten im eifrigsten Studium fiel ihm
    da ein: Das Gebot, sich den ersten möglichen Prüfungstermin
    im Semester zu nehmen, könne man sich ja gefallen lassen.
    Wie aber, wenn dir das Gebot käme, dir den Hals mit dem
    Rasiermesser abzuschneiden? Er merkte sofort, daß dieses Gebot
    bereits erflossen war, eilte zum Schrank, um das Rasiermesser
    zu holen, da fiel ihm ein: Nein, so einfach ist das nicht. Du
    mußt1) hinreisen und die alte Frau umbringen. Da fiel er vor
    Entsetzen auf den Boden.“

    Der Zusammenhang dieser Zwangs-
    idee mit dem Leben ist hier im Eingange des Berichtes enthalten. Seine Dame war ab-
    wesend, während er angestrengt für eine Prüfung studierte, um
    die Verbindung mit ihr eher zu ermöglichen. Da überfiel ihn
    während des Studiums die Sehnsucht nach der Abwesenden
    und der Gedanke an den Grund ihrer Abwesenheit. Und nun
    kam etwas, was bei einem normalen Menschen etwa eine un-
    mutige Regung gegen die Großmutter gewesen wäre: Muß die
    alte Frau gerade jetzt krank werden, wo ich mich nach ihr so
    schrecklich sehne! Etwas Ähnliches, aber weit Intensiveres muß
    man nun bei unserem Patienten supponieren, einen unbewußten
    Wutanfall, der sich gleichzeitig mit der Sehnsucht in den
    Ausruf kleiden könnte: Oh, ich möchte hinreisen und die alte
    Frau umbringen, die mich meiner Geliebten beraubt! Darauf
    folgt das Gebot: Bring dich selbst um, als Selbstbestrafung für
    solche Wut- und Mordgelüste, und der ganze Vorgang tritt
    unter heftigstem Affekt in umgekehrter Reihenfolge – das
    Strafgebot voran, am Ende die Erwähnung des strafbaren Ge-
    lüstes – in das Bewußtsein des Zwangskranken. Ich glaube
    nicht, daß dieser Erklärungsversuch gezwungen erscheinen kann
    oder viel hypothetische Elemente aufgenommen hat.

    1) Ich ergänze hier ein: vorher.

  • S.

    150

    Ein anderer langer anhaltender Impuls zum gleichsam in-
    direkten Selbstmord war nicht so leicht aufzuklären, weil er
    seine Beziehung zum Erleben hinter einer der äußerlichen
    Assoziationen, wie sie unserem Bewußtsein so sehr anstößig
    erscheinen, verbergen konnte. Eines Tages kam ihm im Sommer-
    aufenthalte plötzlich die Idee, er sei zu dick, er müsse ab-
    magern. Er begann nun, noch vor der Mehlspeise vom Tische
    aufzustehen, ohne Hut in der Sonnenglut des August auf die
    Straße zu rennen und dann im Laufschritt auf die Berge zu
    steigen, bis er schweißüberströmt Halt machen mußte. Hinter
    dieser Abmagerungssucht kam auch die Selbstmordabsicht ein-
    mal unverhüllt zum Vorschein, als ihm auf einem scharfen Ab-
    hang plötzlich das Gebot laut wurde, da herunterzuspringen,
    was sicherer Tod gewesen wäre. Die Lösung dieses unsinnigen
    Zwangshandelns ergab sich unserem Patienten erst, als ihm
    plötzlich einfiel, zu jener Zeit sei auch die geliebte Dame in
    dem Sommeraufenthalte gewesen, aber in Begleitung eines eng-
    lischen Vetters, der sich sehr um sie bemühte, und auf den er
    sehr eifersüchtig war. Der Vetter hieß Richard und wurde, wie
    in England allgemein üblich, Dick genannt. Diesen Dick
    wollte er nun umbringen, er war auf ihn viel eifersüchtiger und
    wütender, als er sich eingestehen konnte, und darum legte er
    sich zur Selbstbestrafung die Pein jener Abmagerungskur auf.
    So verschieden dieser Zwangsimpuls auch vom vorigen direkten
    Selbstmordgebot zu sein scheint, ein bedeutsamer Zug ist den
    beiden gemeinsam, die Entstehung als Reaktion auf eine unge-
    heure, vom Bewußtsein nicht zu erfassende Wut gegen eine
    Störerin der Liebe auftritt1).

    And

  • S.

    151

    abkunft erkennen. Zur Zeit der Anwesenheit seiner Dame in
    seinem Sommeraufenthalte producirte er außer jener Abmage-
    rungssucht eine ganze Reihe von Zwangsthätigkeiten, die sich
    wenigstens teilweise direkt auf ihre Person bezogen. Als er ein-
    mal mit ihr auf einem Schiffe fuhr, während ein scharfer Wind
    ging, mußte er sie nötigen, seine Kappe aufzusetzen, weil sich
    bei ihm das Gebot gebildet hatte, es dürfe ihr nichts ge-
    schehen1). Es war eine Art von Schutzzwang, der auch andere
    Blüten trieb. Ein andermal stellte sich bei ihm während eines
    Zusammenseins im Gewitter der Zwang ein, zwischen Blitz und
    Donner bis 40 oder 50 gezählt zu haben, wofür ihm jedes
    Verständnis abging. Am Tage, als sie abreiste, stieß er mit dem
    Fuße gegen einen auf der Straße liegenden Stein und mußte
    ihn nun auf die Seite räumen, weil ihm die Idee kam, in
    einigen Stunden werde ihr Wagen auf derselben Straße fahren
    und vielleicht an diesem Stein zu Schaden kommen, aber einige
    Minuten später fiel ihm ein, das sei doch ein Unsinn, und er
    mußte nun zurückgehen und den Stein wieder an seine frühere
    Stelle mitten auf der Straße legen. Nach ihrer Abreise bemäch-
    tigte sich seiner ein Verstehzwang, der ihn allen den Seinigen
    unausstehlich machte. Er nötigte sich, jede Silbe, die irgend
    jemand zu ihm sprach, genau zu verstehen, als ob ihm sonst
    ein großer Schatz entginge. So fragte er immer: Was hast du
    jetzt gesagt? Und wenn man es ihm wiederholte, meinte er, es
    habe doch das erste Mal anders gelautet, und blieb unbefriedigt.
    Alle diese Erzeugnisse der Krankheit hängen von einer
    Begebenheit ab, welche damals sein Verhältnis zur Geliebten
    dominierte. Als er sich vor dem Sommer von ihr in Wien ver-
    abschiedete, legte er eine ihrer Reden so aus, als ob sie ihn
    vor der anwesenden Gesellschaft verleugnen wollte, und war
    darüber sehr unglücklich. Im Sommeraufenthalte gab es Ge-
    legenheit zur Aussprache, und da konnte die Dame ihm nach-
    weisen, daß sie mit jenen von ihm mißverstandenen Worten ihn
    vielmehr vor Lächerlichkeit bewahren wollte. Er war nun
    wiederum sehr glücklich. Den deutlichsten Hinweis auf diesen
    Vorfall enthält der Verstehzwang, der so gebildet ist, als ob er

    1)Zu ergänzen: woran er Schuld haben könnte.

  • S.

    152

    sich gesagt hätte: Nach dieser Erfahrung darfst du jetzt nie
    wieder jemanden mißverstehen, wenn du dir überflüssige Pein
    ersparen willst. Aber dieser Vorsatz ist nicht nur von dem einen
    Anlaß her verallgemeinert, er ist auch – vielleicht wegen der
    Abwesenheit der Geliebten – von ihrer hochgeschätzten Person
    auf alle anderen minderwertigen Personen verschoben. Der
    Zwang kann auch nicht allein aus der Befriedigung über die
    von ihr empfangene Aufklärung hervorgegangen sein, er muß
    noch etwas anderes ausdrücken, denn er läuft ja in den unbe-
    friedigenden Zweifel an der Wiedergabe des Gehörten aus.

    Die anderen Zwanggebote leiten auf die Spur dieses
    andern Elementes. Der Schutzzwang kann nichts anderes be-
    deuten als die Reaktion – Reue und Buße – gegen eine
    gegensätzliche, also feindselige Regung, die sich vor der Auf-
    klärung gegen die Geliebte gerichtet hatte. Der Zählzwang beim
    Gewitter deutet sich durch das beigebrachte Material als eine
    Abwehrmaßregel gegen Befürchtungen, welche Lebensgefahr
    bedeuteten. Durch die Analysen der ersterwähnten Zwangsvor-
    stellungen sind wir bereits darauf vorbereitet, die feindseligen
    Regungen unseres Patienten für besonders heftig, von der Art
    der sinnlosen Wut, zu schätzen, und dann finden wir, daß diese
    Wut gegen die Dame auch nach der Versöhnung ihren Beitrag
    zu den Zwangsbildugen stellt. In der Zweifelsucht, ob er richtig
    gehört, ist der fortwirkende Zweifel dargestellt, ob er wohl dies-
    mal die Geliebte richtig verstanden hat und ihre Worte mit
    Recht als Beweis ihrer zärtlichen Neigung auffassen darf. Der
    Zweifel des Verstehzwnages ist Zweifel an ihrer Liebe. Es tobt
    in unserem Verliebten ein Kampf zwischen Liebe und Haß, die
    der gleichen Person gelten, und dieser Kampf wird plastisch
    dargestellt in der zwanghaften, auch symbolisch bedeutsamen
    Handlung, den Stein von dem Wege, den sie befahren soll,
    wegzuräumen und dann diese Liebestat wieder rückgängig zu
    machen, den Stein wieder hinzulegen, wo er lag, damit ihr
    Wagen an ihm scheitere und sie zu Schaden komme. Wir ver-
    stehen diesen zweiten Teil der Zwanghandlung nicht richtig,
    wenn wir ihn nur als kritische Abwendung vom krankhaften
    Tun auffassen, wofür er sich selbst ausgeben möchte. Daß auch
    er sich unter der Empfindung des Zwanges vollzieht, verrät,

  • S.

    153

    daß er selbst ein Stück des krankhaften Tuns ist, welches aber
    von dem Gegensatz zum Motiv des ersten Stückes bedingt wird.

    Solche zweizeitige Zwangshandlungen, deren erstes Tempo
    vom zweiten aufgehoben wird, sind ein typisches Vorkommnis
    bei der Zwangsneurose. Sie werden vom Bewußtsein des Kranken
    natürlich mißverstanden und mit einer sekundären Motivierung
    versehen – rationalisiert1). Ihre wirkliche Bedeutung liegt
    aber in der Darstellung des Konfliktes zweier annähernd gleich
    großer gegensätzlicher Regungen, soviel ich bisher erfahren
    konnte, stets des Gegensatzes von Liebe und Haß. Sie bean
    spruchen ein besonders theoretisches Interesse, weil sie einen
    neuen Typus der Symptombildung erkennen lassen. Anstatt wie
    es bei Hysterie regelmäßig geschieht, ein Kompromiß zu finden,
    welches beiden Gegensätzen in einer Darstellung genügt, zwei
    Fliegen mit einem Schlag trifft2), werden hier die beiden Gegen
    sätze, jeder einzeln, befriedigt, zuerst der eine und dann der
    andere, natürlich nicht ohne daß der Versuch gemacht würde,
    zwischen den beiden einander feindseligen eine Art von logischer
    Verknüpfung – oft mit Beugung aller Logik – herzustellen3).

    Der Konflikt zwischen Liebe und Haß tat sich bei unserem
    Patienten auch durch andere Anzeichen kund. Zur Zeit seiner
    wiedererwachenden Frömmigkeit richtete er sich Gebete ein,
    die allmählich bis zu 1½ Stunden in Anspruch nahmen, weil
    sich ihm – ein umgekehrter Bileam – in die frommen Formeln

    1)Vgl. Ernest Jones, Rationalisation in every-day life. Journal of
    abnormal psychology, 1908.

    2)Vgl. Sammlung usw. zur Neurosenlehre. Zweite Folge 1909.
    V. Hysterische Phantasien und ihre Beziehung zur Bisexualität.

    3)Ein anderer Zwangskranker berichtete mir einmal, er sei im Parke
    von Schönbrunn mit dem Fuße auf einem im Wege liegenden Ast gestoßen,
    den er nun in die den Weg begrenzende Hecke schleuderte. Auf dem Heim-
    wege überkam ihn plötzlich die Sorge, in der neuen Lage könnte der jetzt
    vielleicht etwas vorragende Ast zum Anlasse eines Unfalles für jemand
    werden, der nach ihm an derselben Stelle vorbeigehe. Er mußte von der
    Trambahn abspringen, in den Park zurückeilen, die Stelle aufsuchen und
    den Ast in die frühere Lage zurückbringen, obwohl es jedem anderen als
    dem Kranken einleuchten würde, daß die frühere Lage doch für einen Pas-
    santen gefährlicher sein müßte als die neue im Gebüsche. Die zweite feind-
    selige Handlung, die sich als Zwang durchsetzte, hatte sich vor dem Be-
    wußtsein mit der Motivierung der ersten, menschenfreundlichen, geschmückt.

  • S.

    154

    immer etwas einmengte, was sie ins Gegentheil verkehrte. Sagte
    er z. B. Gott schütze ihn – so gab der böse Geist schnell
    ein: nicht dazu1). Einmal kam ihm dabei die Idee zu fluchen;
    da werde sich doch gewiß ein Widerspruch einschleichen; in
    diesem Einfalle brach sich die ursprüngliche, durch das Gebet
    verdrängte, Intention Bahn. In solcher Bedrängnis fand er den
    Ausweg, die Gebete abzustellen und sie durch eine kurze Formel
    zu ersetzen, die aus den Anfangsbuchstaben oder Anfangssilben
    verschiedener Gebete zusammengebraut war. Diese sprach er
    dann so rasch aus, daß ihm nichts dazwischenfahren konnte.

    Er brachte mir einmal einen Traum, der die Darstellung
    desselben Konfliktes in der Übertragung auf den Arzt enthielt:
    Meine Mutter ist gestorben. Er will kondolieren, fürchtet aber,
    daß er dabei das impertinente Lachen produzieren wird,
    das er schon wiederholt bei Todesfällen gezeigt hat. Er schreibt
    darum lieber eine Karte mit p. c., aber diese Buchstaben ver-
    wandeln sich ihm beim Schreiben in p. f.2)

    Der Widerstreit seiner Gefühle gegen seine Dame war
    zu deutlich, als daß er sich seiner bewußten Wahrnehmung
    gänzlich hätte entziehen können, wenngleich wir aus den Zwangs-
    äußerungen desselben schließen dürfen, daß er für die Tiefe
    seiner negativen Regungen die richtige Schätzung nicht besaß.
    Die Dame hatte seine erste Werbung vor zehn Jahren mit
    einem Nein beantwortet. Seither wechselten Zeiten, in denen er
    sie intensiv zu lieben glaubte, mit anderen, in welchen er gleich-
    gültig gegen sie fühlte, auch in seinem Wissen miteinander ab.
    Wenn er im Laufe der Behandlung einen Schritt tun sollte,
    welcher ihn dem Ziele der Bewerbung näher brachte, so äußerte
    sich sein Widerstand gewöhnlich zuerst in der Überzeugung, er
    habe sie eigentlich gar nicht so lieb, die freilich bald über-
    wunden wurde. Als sie einmal in schwerer Krankheit zu Bette
    lag, was seine äußerste Theilnahme hervorrief, brach bei ihrem
    Anblicke der Wunsch bei ihm durch: so soll sie immer liegen
    bleiben. Er deutete sich diesen Einfall durch das spitzfindige

    1)Vergleiche den ähnlichen Mechanismus der bekannten sakrilegischen
    Einfälle der Frommen.

    2)Dieser Traum gibt die Aufklärung des so häufigen und als räthsel-
    haft betrachteten Zwangslachens bei Traueranlässen.

  • S.

    155

    Mißverständnis, er wünsche nur darum ihr beständiges Krank-
    sein, damit er die Angst vor wiederholten Krankheitsanfällen
    los werde, die er nicht ertragen könne1)! Gelegentlich be-
    schäftigte er seine Phantasie mit Tagträumen, die er selbst als
    „Rachephantasien“ erkannte und deren er sich schämte. Weil
    er meinte, daß sie einen großen Wert auf die soziale Stellung
    eines Bewerbers legen würde, phantasierte er, daß sie einen
    solchen Mann in amtlicher Position geheiratet habe. Er tritt
    nun in dasselbe Amt ein, bringt es dort viel weiter als jener,
    der zu seinem Untergebenen wird. Eines Tages hat dieser Mann
    eine unlautere Handlung begangen. Die Dame fällt ihm zu
    Füßen, beschwört ihn, ihren Mann zu retten. Er verspricht es,
    eröffnet ihr, daß er nur aus Liebe zu ihr in das Amt ein-
    getreten sei, weil er einen solchen Moment vorausgesehen habe.
    Jetzt sei mit der Rettung ihres Mannes seine Mission erfüllt;
    er lege sein Amt nieder.

    In anderen Phantasien, des Inhaltes, daß er ihr einen
    großen Dienst leiste u. dgl. ohne daß sie erfahre, daß er es
    sei, anerkannte er bloß die Zärtlichkeit, ohne den zur Ver-
    drängung der Rachsucht bestimmten Edelmuth nach Muster des
    Dumasschen Grafen von Monte Christo nach dieser seiner
    Herkunft und Tendenz zu würdigen. Übrigens gestand er zu,
    daß er gelegentlich unter sehr deutlichen Impulsen stehe, der
    von ihm verehrten Dame etwas anzutun. Diese Impulse schwiegen
    meist in ihrer Gegenwart und traten in ihrer Abwesenheit hervor.

    f) Die Krankheitsveranlassung.

    Eines Tages erwähnte unser Patient flüchtig eine Be-
    gebenheit, in welcher ich sofort die Krankheitsveranlassung,
    wenigstens den rezenten Anlaß des noch heute anhaltenden
    Krankheitsausbruches vor etwa 6 Jahren erkennen mußte. Er
    selbst hatte keine Ahnung, daß er etwas Bedeutsames vor-
    gebracht hatte; er konnte sich nicht erinnern, der Begebenheit,
    die er übrigens niemals vergessen hatte, einen Wert beigelegt
    zu haben. Dieses Verhalten fordert eine theoretische Würdi-
    gung heraus.

    1)Ein Beitrag eines andern Motivs zu diesem Zwangs-
    einfalle ist nicht abzuzuweisen, des Wunsches, sie wehrlos gegen seine Absichten zu wissen.

  • S.

    156

    Bei Hysterie ist es Regel, daß die rezenten Anlässe der
    Erkrankung der Amnesie ebenso verfallen wie die infantilen
    Erlebnisse, mit deren Hilfe jene ihre Affektenergie in Symptome
    umsetzen. Wo ein völliges Vergessen unmöglich ist, da wird die
    rezente traumatische Veranlassung doch von der Amnesie an
    genagt und zum mindesten ihrer bedeutsamsten Bestandteile
    beraubt. Wir sehen in solcher Amnesie den Erweis der statt-
    gehabten Verdrängung. Anders ist es in der Regel bei der
    Zwangsneurose. Die infantilen Voraussetzungen der Neurose
    mögen einer – oft nur unvollständigen – Amnesie verfallen
    sein; die rezenten Anlässe der Erkrankung finden sich dagegen
    im Gedächtnis erhalten. Die Verdrängung hat sich hier eines
    andern, eigentlich einfacheren Mechanismus bedient; anstatt
    das Trauma zu vergessen, hat sie ihm die Affektbesetzung ent-
    zogen, so daß im Bewußtsein ein indifferenter, für unwesentlich
    erachteter Vorstellungsinhalt erübrigt. Der Unterschied liegt im
    psychischen Geschehen, das wir hinter den Phänomenen kon-
    struieren dürfen; der Erfolg des Vorganges ist fast der näm-
    liche, denn der indifferente Erinnerungsinhalt wird nur selten
    reproduziert und spielt in der Gedankenthätigkeit der Person
    keine Rolle. Zur Unterscheidung der beiden Arten der Ver-
    drängung können wir zunächst nur die Versicherung des Patienten
    verwenden, er habe die Empfindung, daß er das eine immer
    gewußt, das andere seit langer Zeit vergessen habe1).

    Es ist darum kein seltenes Vorkommnis, daß Zwangs-
    kranke, die an Selbstvorwürfen leiden und ihre Affekte an falsche Ver-
    anlassungen geknüpft haben, dem Arzt auch von den richtigen
    Mitteilung machen, ohne zu ahnen, daß ihre Vorwürfe nur von
    diesen letzteren abgetrennt sind. Sie äußern dabei gelegentlich

    1)Man muß also zugeben, daß es für die Zwangsneurose zweierlei
    Wissen und Kennen gibt, und darf mit dem gleichen Rechte behaupten,
    der Zwangskranke „kenne“ seine Traumen, wie er „kenne“ sie nicht. Er
    kennt sie nämlich, insofern er sie nicht vergessen hat, er kennt sie nicht,
    da er nicht ihre Bedeutung erkennt. Es ist im normalen Leben oft auch
    nicht anders. Die Kellner, die den Philosophen Schopenhauer in seinem
    Stammgasthaus zu bedienen pflegten, „kannten“ ihn in gewissem Sinne zu
    einer Zeit, da er sonst in und außerhalb Frankfurt unbekannt war; aber
    nicht in dem Sinne, den wir heute mit der „Kenntnis“ von Schopenhauer verbinden.

  • S.

    157

    verwundert oder selbst wie prahlerisch: Daraus mache ich mir
    aber gar nichts. So war es auch in dem ersten Falle von Zwangs-
    neurose, der mir vor vielen Jahren das Verständniß des Leidens
    eröffnete. Der Patient, ein Staatsbeamter, der an ungezählten
    Bedenklichkeiten litt, derselbe, von dem ich die Zwangshandlung
    an dem Ast im Schönbrunner Park berichtet habe, fiel mir da-
    durch auf, daß er mir für den Besuch in der Sprechstunde stets
    reine und glatte Papiergulden überreichte. (Wir hatten damals
    in Österreich noch kein Silbergeld.) Als ich einmal bemerkte,
    man erkenne doch gleich den Staatsbeamten an den nagel-
    neuen Gulden, die er von der Staatskasse beziehe, belehrte er
    mich, die Gulden seien keineswegs neu, sondern in seinem Hause
    gebügelt (geplättet) worden. Er mache sich ein Gewissen dar-
    aus, jemand schmutzige Papiergulden in die Hand zu geben;
    da klebten die gefährlichsten Bakterien daran, die dem Emp-
    fänger Schaden bringen könnten. Mir dämmerte damals bereits
    in unsicherer Ahnung der Zusammenhang der Neurosen mit
    dem Sexualleben, und so wagte ich es, den Patienten ein ander-
    mal zu befragen, wie er es in diesem Punkte hielte. Oh, alles
    in Ordnung, meinte er leichthin, ich leide keinen Mangel. Ich
    spiele in vielen guten Bürgerhäusern die Rolle eines lieben alten
    Onkels und die benutze ich, um mir von Zeit zu Zeit ein junges
    Mädchen für eine Landpartie auszubitten. Ich richte es dann so
    ein, daß wir den Zug versäumen und auf dem Lande über-
    nachten müssen. Ich nehme dann immer zwei Zimmer, ich bin
    sehr nobel; aber wenn das Mädchen zu Bett ist, komme ich zu
    ihr und masturbiere sie mit meinen Fingern. — Ja, fürchten Sie
    denn nicht, daß Sie ihr schaden, wenn Sie mit Ihrer schmutzigen
    Hand in ihren Genitalien herumarbeiten? — Da brauste er aber
    auf: Schaden? Was soll es ihr denn schaden? Keiner hat es
    noch geschadet und jeder war es recht. Einige von ihnen sind
    jetzt schon verheiratet und es hat ihnen nicht geschadet. — Er
    nahm meine Beanständung sehr übel auf und kam nie wieder.
    Ich konnte mir aber den Kontrast zwischen seiner Bedenklich-
    keit bei den Papiergulden und seiner Rücksichtslosigkeit beim
    Mißbrauch der ihm anvertrauten Mädchen nur durch eine Ver-
    schiebung des Vorwurfsaffekts erklären. Die Tendenz dieser
    Verschiebung war deutlich genug; wenn er den Vorwurf dort
     

  • S.

    158

    beließ, wohin er gehörte, so mußte er auf eine sexuelle Be-
    friedigung verzichten, zu der er wahrscheinlich durch starke in
    fantile Determinanten gedrängt war. Er erzielte also durch die
    Verschiebung einen namhaften Krankheitsgewinn.

    Auf die Krankheitsveranlassung bei unserem Patienten
    muß ich aber nun ausführlicher eingehen. Seine Mutter war als
    entfernte Verwandte in einer reichen Familie aufgezogen worden,
    die ein großes industrielles Unternehmen betrieb. Sein Vater
    trat gleichzeitig mit der Heirat in den Dienst dieses Unternehmens
    und gelangte so eigentlich infolge seiner Ehewahl zu ziemlichem
    Wohlstand. Durch Neckereien zwischen den in vortrefflicher
    Ehe lebenden Eltern hatte der Sohn erfahren, daß der Vater
    einem hübschen armen Mädchen aus bescheidener Familie den
    Hof gemacht hatte, eine Zeitlang bevor er die Mutter kennen
    lernte. Dies die Vorgeschichte. Nach dem Tode des Vaters
    teilte die Mutter eines Tages dem Sohne mit, es sei zwischen
    ihr und ihren reichen Verwandten die Rede von seiner Zukunft
    gewesen, und einer der Vettern haben seine Bereitwilligkeit aus
    gedrückt, ihm eine seiner Töchter zu geben, wenn er seine
    Studien beendigt habe; die geschäftliche Verbindung mit der
    Firma werde ihm dann auch in seinem Berufe glänzende Aus-
    sichten eröffnen. Dieser Plan der Familie entzündete in ihm
    den Konflikt, ob er seiner armen Geliebten treu bleiben oder
    in die Fußstapfen des Vaters treten und das schöne, reiche, vor-
    nehme Mädchen, das ihm bestimmt worden, zur Frau nehmen
    solle. Und diesen Konflikt, der eigentlich ein solcher zwischen
    seiner Liebe und dem fortwirkenden Willen des Vaters war, löste
    er durch Erkrankung, richtiger gesagt: er entzog sich durch die
    Erkrankung der Aufgabe, ihn in der Realität zu lösen1).

    Der Beweis für diese Auffassung liegt in der Tatsache, daß
    hartnäckige Arbeitsunfähigkeit, die ihn die Beendigung seiner
    Studien um Jahre aufschieben ließ, der Haupterfolg der Er-
    krankung war. Was aber der Erfolg einer Krankheit ist, das
    lag in der Absicht derselben; die anscheinende Krankheitsfolge
    ist in Wirklichkeit die Ursache, das Motiv des Krankwerdens.

    1)Es ist hervorzuheben, daß die Flucht in die Krankheit ihm durch
    die Identifizierung mit dem Vater ermöglicht wurde. Diese gestattete ihm
    die Regression der Affekte auf die Kindheitsreste.

  • S.

    159

    Meine Aufklärung fand begreiflicherweise bei dem Kranken
    zunächst keine Anerkennung. Er könne sich eine solche Wirkung
    des Heiratsplanes nicht vorstellen, derselbe habe ihm seinerzeit
    nicht den mindesten Eindruck gemacht. Im weiteren Verlaufe
    der Kur mußte er sich aber auf einem eigenthümlichen Wege
    von der Richtigkeit meiner Vermutung überzeugen. Er erlebte
    mit Hilfe einer Uebertragungsphantasie als neu und gegenwärtig,
    was er aus der Vergangenheit vergessen hatte, oder was nur
    unbewußt bei ihm abgelaufen war. Aus einer dunkeln und
    schwierigen Periode der Behandlungsarbeit ergab sich endlich,
    daß er ein junges Mädchen, welches er einmal auf der Stiege
    meines Hauses angetroffen, zu meiner Tochter erhoben hatte.
    Sie erregte sein Wohlgefallen und er imaginierte, daß ich nur
    darum so liebenswürdig und unerhört geduldig mit ihm sei, weil
    ich ihn zum Schwiegersohne wünsche, wobei er den Reichthum
    und die Vornehmheit meines Hauses bis zu dem ihm zum Vor-
    bild passenden Niveau erhöhte. Gegen diese Versuchung stritt
    aber in ihm die unauslöschliche Liebe zu seiner Dame. Nachdem
    wir eine Reihe der schwersten Widerstände und ärgsten Be-
    schimpfungen überwunden hatten, konnte er sich der über-
    zeugenden Wirkung der vollen Analogie zwischen der phanta-
    sierten Uebertragung und der damaligen Realität nicht entziehen.
    Ich gebe einen seiner Träume aus dieser Zeit wieder, um den
    Stil seiner Darstellung an einer Probe zu zeigen. Er sieht
    meine Tochter vor sich, aber sie hat zwei Dreckpatzen
    anstatt der Augen. Für jeden, der die Sprache der Träume
    versteht, wird die Uebersetzung leicht sein: Er heiratet meine
    Tochter nicht ihrer schönen Augen, sondern ihres
    Geldes wegen.

    g) Der Vaterkomplex und die Lösung der Rattenidee.

    Von der Krankheitsveranlassung reiferer Jahre führte ein
    Faden zurück in die Kindheit unseres Patienten. Er fand sich
    in einer Situation, wie sie nach seinem Wissen oder Vermuten
    der Vater vor seiner eigenen Eheschließung bestanden hatte,
    und konnte sich mit dem Vater identifizieren. Noch in anderer
    Weise spielte der verstorbene Vater in die rezente Erkrankung
    hinein. Der Krankheitskonflikt war im Wesen ein Widerstreit

  • S.

    160

    zwischen dem fortwirkenden Willen des Vaters und seiner
    eigenen verliebten Neigung. Nehmen wir Rücksicht auf die Mit-
    teilungen, die der Patient in den ersten Stunden der Behand-
    lung gemacht hatte, so können wir die Vermutung nicht ab-
    weisen, daß dieser Widerstreit ein uralter gewesen sei und sich
    schon in den Kinderjahren des Kranken ergeben habe.

    Der Vater unseres Patienten war nach allen Auskünften
    ein ganz vortrefflicher Mann. Er war vor der Heirat Unter-
    offizier gewesen und hatte eine aufrichtige soldatische Art so-
    wie eine Vorliebe für derbe Ausdrücke als Niederschlag aus
    diesem Stücke seines Lebens behalten. Außer den Tugenden,
    die der Leichenstein an jedermann zu rühmen pflegt, zeichnete
    ihn ein herzlicher Humor und eine gütige Nachsicht gegen
    seine Mitmenschen aus; es steht gewiß nicht im Widerspruche
    mit diesem Charakter, stellt sich vielmehr als Ergänzung zu ihm
    dar, daß er jäh und heftig sein konnte, was den Kindern, so-
    lange sie klein und schlimm waren, gelegentlich zu sehr emp-
    findlichen Züchtigungen verhalf. Als die Kinder heranwuchsen,
    wich er von anderen Vätern darin ab, daß er sich nicht zur
    unantastbaren Autorität emporheben wollte, sondern in gut-
    mütiger Offenheit die kleinen Verfehlungen und Mißgeschicke
    seines Lebens ihrer Mitwissenschaft preisgab. Der Sohn über-
    trieb gewiß nicht, wenn er aussprach, sie hätten miteinander
    verkehrt wie die besten Freunde, bis auf einen einzigen Punkt
    (vgl. S. 144). An diesem einen Punkte mußte es wohl gelegen
    sein, wenn den Kleinen der Gedanke an den Tod des Vaters
    mit ungewöhnlicher und ungebührlicher Intensität beschäftigte
    (S. 129), wenn solche Gedanken im Wortlaute seiner kindlichen
    Zwangs-ideen auftraten, wenn er sich wünschen konnte, der
    Vater möge sterben, damit ein gewisses Mädchen, durch Mit-
    leid erweicht, zärtlicher gegen ihn werde (S. 142).

    Es ist nicht zu bezweifeln, daß auf dem Gebiete der Sexua-
    lität etwas zwischen Vater und Sohn stand, und daß der Vater
    in einen bestimmten Gegensatz zu der frühzeitig erwachten Ero-
    tik des Sohnes geraten war. Mehrere Jahre nach dem Tode
    des Vaters drängte sich dem Sohne, als er zum ersten Male
    die Lustempfindung eines Coitus erfuhr, die Idee auf: das ist
    doch großartig; dafür könnte man seinen Vater ermorden! Dies

  • S.

    161

    zugleich ein Nachklang und eine Verdeutlichung seiner kind-
    lichen Zwangs-
    ideen. Kurz vor seinem Tode hatte der Vater
    übrigens direkt gegen die später dominierende Neigung unseres
    Patienten Stellung genommen. Er merkte, daß er die Gesell-
    schaft jener Dame aufsuche, und riet ihm von ihr mit den
    Worten ab, es sei nicht klug und er werde sich nur blamieren.

    Zu diesen vollkommen gesicherten Anhaltspunkten kommt
    anderes hinzu, wenn wir uns zur Geschichte der onanistischen
    Sexualbetätigung unseres Patienten wenden. Es besteht auf
    diesem Gebiete ein noch nicht verwerteter Gegensatz zwischen
    den Ansichten der Ärzte und der Kranken. Letztere sind alle
    darin einig, die Onanie, unter der sie die Pubertätsmasturbation
    verstehen, als Wurzel und Urquell all ihrer Leiden hinzustellen;
    die Ärzte wissen im allgemeinen nicht, wie sie darüber denken
    sollen, aber unter dem Eindrucke der Erfahrung, daß auch die
    meisten später Normalen in den Pubertätsjahren eine Weile onaniert
    haben, neigen sie in ihrer Mehrzahl dazu, die Angaben der
    Kranken als grobe Überschätzungen zu verurteilen. Ich meine,
    daß die Kranken auch hierin eher recht haben als die Ärzte.
    Den Kranken dämmert hier eine richtige Einsicht, während die
    Ärzte in Gefahr sind, etwas Wesentliches zu übersehen. Es ver-
    hält sich gewiß nicht so, wie die Kranken ihren Satz selbst
    verstehen wollen, daß die fast typisch zu nennende Pubertäts-
    onaníe für alle neurotischen Störungen verantwortlich zu machen
    sei. Der Satz bedarf der Deutung. Aber die Onanie der Puber-
    tätsjahre ist in Wirklichkeit nichts anderes als die Auffrischung
    der bisher stets vernachlässigten Onanie der Kinderjahre, welche
    zumeist in den Jahren von 3 bis 4 oder 5 eine Art von Höhe-
    punkt erreicht, und diese ist allerdings der deutlichste Ausdruck
    der sexuellen Konstitution des Kindes, in welcher auch wir die
    Ätiologie der späteren Neurosen suchen. Die Kranken be-
    schuldigen unter solcher Verhüllung also namentlich ihre in-
    fantile Sexualität, und darin haben sie vollauf recht. Das
    Problem der Onanie wird hingegen unlösbar, wenn man die
    Onanie als eine klinische Einheit auffassen will und daran ver-
    gißt, daß sie die Abfuhr der verschiedenartigsten Sexualkom-
    ponenten und der von ihnen gespeisten Phantasien darstellt. Die
    Schädlichkeit der Onanie ist nur zum geringen Anteil eine

  • S.

    162

    autonome, durch ihre eigene Natur bedingte. Der Hauptsache
    nach fällt sie mit der pathogenen Bedeutung des Sexuallebens
    überhaupt zusammen. Wenn soviele Individuen die Onanie, d. h.
    ein gewisses Ausmaß dieser Betätigung, ohne Schaden vertragen,
    so lehrt diese Tatsache nichts anderes, als daß bei ihnen die
    sexuelle Konstitution und der Ablauf der Entwicklungsvorgänge
    im Sexualleben die Ausübung der Funktion unter den kultu-
    rellen Bedingungen gestattet hat1), während andere infolge un-
    günstiger Sexualkonstitution oder gestörter Entwicklung an ihrer
    Sexualität erkranken, d. h. die Anforderungen zur Unterdrückung
    und Sublimierung der sexuellen Komponenten nicht ohne Hem-
    mungen und Ersatzbildungen erfüllen können.

    Unser Patient war in seinem Onanieverhalten recht auf-
    fällig; er entwickelte keine Pubertätsonanie und hätte also nach
    gewissen Erwartungen ein Anrecht darauf gehabt, frei von Neu-
    rose zu bleiben. Dagegen trat der Drang zur onanistischen Be-
    tätigung im 21. Jahre bei ihm auf, kurze Zeit nach dem Tode
    des Vaters. Er war sehr beschämt nach jeder Befriedigung
    und schwor ihr bald wieder ab. Von da an trat die Onanie nur
    bei seltenen und sehr merkwürdigen Anlässen wieder auf. „Be-
    sonders schöne Momente, die er erlebte, oder besonders schöne
    Stellen, die er las, riefen sie hervor. So z. B. als er an einem
    schönen Sommernachmittag einen Postillon in der Innern Stadt
    so herrlich blasen hörte, bis ein Wachmann es ihm untersagte,
    weil in der Stadt das Blasen verboten sei! Oder ein andermal,
    als er in Dichtung und Wahrheit las, wie sich der junge
    Goethe in zärtlicher Aufwallung von der Wirkung eines Fluches
    befreite, den eine Eifersüchtige über die ausgesprochen, welche
    nach ihr seine Lippen küssen würde. Lange hatte er sich wie
    abergläubisch durch diesen Fluch abhalten lassen, jetzt aber
    zerriß er die Fessel und küßte sein Lieb herzlich ab.“

    Er verwunderte sich nicht wenig, daß er gerade bei solchen
    schönen und erhebenden Anlässen zur Masturbation gedrängt
    worden sei. Ich mußte aber aus diesen beiden Beispielen als
    das Gemeinsame das Verbot und das Sichhinaussetzen über ein
    Gebot herausheben.

    1)Vgl. Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. 1905.

  • S.

    163

    In denselben Zusammenhang gehörte auch sein sonder-
    bares Benehmen zu einer Zeit, da er für eine Prü-
    fung studierte und mit der ihm liebgewordenen Phantasie spielte, der Vater
    lebe noch und könne jeden Moment wiederkommen. Er richtete
    es sich damals so ein, daß sein Studium auf die spätesten
    Nachtstunden fiel. Zwischen 12 und 1 Uhr nachts unterbrach
    er sich, öffnete die auf die Hausflur führende Tür, als ob der
    Vater davor stünde, und betrachtete dann, nachdem er zurück-
    gekommen war, im Spiegel des Vorzimmers seinen entblößten
    Penis. Dies tolle Treiben wird unter der Voraussetzung ver-
    ständlich, daß er sich so benahm, als ob er den Besuch des
    Vaters um die Geisterstunde erwartete. Zu seinen Lebzeiten
    war er eher ein fauler Student gewesen, worüber sich der Vater
    oft gekränkt hatte. Nun sollte er Freude an ihm haben, wenn
    er als Geist wiederkam und ihn beim Studieren traf. An dem
    andern Teile seines Tuns konnte der Vater aber unmöglich
    Freude haben; damit trotzte er ihm also und brachte so in
    einer unverstandenen Zwangshandlung die beiden Seiten seines
    Verhältnisses zum Vater nebeneinander zum Ausdrucke, ähn-
    lich wie in der späteren Zwangshandlung vom Steine auf der
    Straße gegen die geliebte Dame.

    Auf diese und ähnliche Anzeichen gestützt, wagte ich die
    Konstruktion, er habe als Kind im Alter vor 6 Jahren irgend
    eine sexuelle Missetat im Zusammenhange mit der Onanie be-
    gangen und sei dafür vom Vater empfindlich gezüchtigt worden.
    Diese Bestrafung hätte der Onanie allerdings ein Ende gemacht,
    aber anderseits einen unauslöschlichen Groll gegen den Vater
    hinterlassen und dessen Rolle als Störer des sexuellen Genusses
    für alle Zeiten fixiert. (Vgl. die ähnlichen Vermutungen in einer
    der ersten Sitzungen S. 130.) Zu meinem großen Erstaunen
    berichtete nun der Patient, ein solcher Vorfall aus seinen ersten
    Kinderjahren sei ihm von der Mutter wiederholt erzählt worden
    und offenbar darum nicht in Vergessenheit geraten, weil sich
    so merkwürdige Dinge an ihn knüpften. Seine eigene Erinnerung
    wisse allerdings nichts davon. Die Erzählung aber lautete: Als
    er noch sehr klein war – die genauere Zeitbestimmung ließe
    sich noch durch das Zusammentreffen mit der Todeskrankheit
    einer älteren Schwester gewinnen – soll er etwas Arges an-
     

  • S.

    164

    gestellt haben, wofür ihn der Vater prügelte. Da sei der kleine
    Knirps in eine schreckliche Wut geraten und habe noch unter
    den Schlägen den Vater beschimpft. Da er aber noch keine
    Schimpfwörter kannte, habe er ihm alle Namen von Gegen-
    ständen gegeben, die ihm einfielen, und gesagt: du Lampe, du
    Handtuch, du Teller usw. Der Vater hielt erschüttert über diesen
    elementaren Ausbruch im Schlagen inne und äußerte: Der
    Kleine da wird entweder ein großer Mann oder ein großer
    Verbrecher1)! Er meint, der Eindruck dieser Szene sei sowohl
    für ihn wie für den Vater ein dauernd wirksamer gewesen. Der
    Vater habe ihn nie wieder geprügelt; er selbst leitet aber ein
    Stück seiner Charakterveränderung von dem Erlebnisse ab.
    Aus Angst vor der Größe seiner Wut sei er von da an feige
    geworden. Er hatte übrigens sein ganzes Leben über schreck-
    liche Angst vor Schlägen und verkroch sich vor Entsetzen und
    Empörung, wenn eines seiner Geschwister geprügelt wurde.

    Eine erneuerte Nachfrage bei der Mutter brachte außer
    der Bestätigung dieser Erzählung die Auskunft, daß er damals
    zwischen 3 und 4 Jahre alt war, und daß er die Strafe ver-
    dient, weil er jemanden gebissen hatte. Näheres erinnerte auch
    die Mutter nicht mehr; sie meinte recht unsicher, die von dem
    Kleinen beschädigte Person möge die Kinderfrau gewesen sein;
    von einem sexuellen Charakter des Deliktes war in ihrer Mit-
    teilung nicht die Rede2).

    1)Die Alternative war unvollständig. An den häufigsten Ausgang so
    vorzeitiger Leidenschaftlichkeit, an den in Neurose, hatte der Vater nicht
    gedacht.

    2)Man hat es in den Psychoanalysen häufig mit solchen Begeben-
    heiten aus den ersten Kinderjahren zu tun, in denen die infantile Sexual-
    tätigkeit zu gipfeln scheint und häufig durch einen Unfall oder eine Be-
    strafung ein katastrophales Ende findet. Sie zeigen sich schattenhaft in
    Träumen an, werden oft so deutlich, daß man sie greifbar zu besitzen ver-
    meint, aber sie entziehen sich doch der endgültigen Klarstellung, und wenn
    man nicht mit besonderer Vorsicht und mit Geschick verfährt, muß man es
    unentschieden lassen, ob eine solche Szene wirklich vorgefallen ist. Auf die
    richtige Spur der Deutung wird man durch die Erkenntnis geführt, daß
    von solchen Szenen mehr als eine Version, oft sehr verschiedenartige, in
    der unbewußten Phantasie des Patienten aufzuspüren sind. Wenn man in
    der Beurteilung der Realität nicht irregehen will, muß man sich vor allem
    daran erinnern, daß die „Kindheitserinnerungen“ der Menschen erst in einem

  • S.

    165

    Indem ich die Diskussion dieser Kindheitsszene in die
    Fußnote verweise, führe ich an, daß durch deren Auftauchen
    seine Weigerung, an eine prähistorisch erworbene und später
    latent gewordene Wut gegen den geliebten Vater zu glauben,
    zuerst ins Wanken geriet. Ich hatte nur eine stärkere Wirkung
    erwartet, denn diese Begebenheit war ihm so oft auch vom
    Vater selbst erzählt worden, daß ihre Realität keinem Zweifel
    unterlag. Mit einer Fähigkeit, die Logik zu beugen, welche bei

    späteren Alter (meist zur Zeit der Pubertät) festgestellt und dabei einem
    komplizierten Umarbeitungsprozeß unterzogen werden, welcher der Sagen-
    bildung eines Volkes über seine Urgeschichte durchaus analog ist. Es läßt
    sich deutlich erkennen, daß der heranwachsende Mensch in diesen Phantasie-
    bildungen über seine erste Kindheit das Andenken an seine autoero-
    tische Betätigung zu verwischen sucht, indem er seine Erinnerungs-
    spuren auf die Stufe der Objektliebe hebt, also wie ein richtiger Geschicht-
    schreiber die Vergangenheit im Lichte der Gegenwart erblicken will. Daher
    die Überfülle von Verführungen und Attentaten in diesen Phantasien, wo
    die Wirklichkeit sich auf autoerotische Betätigung und auf Anregung dazu
    durch Zärtlichkeiten und Strafen beschränkt. Ferner wird man gewahr, daß
    der über seine Kindheit Phantasierende seine Erinnerungen sexuali-
    siert, d. h. daß er banale Erlebnisse mit seiner Sexualbetätigung in Be-
    ziehung bringt, sein Sexualinteresse über sie ausdehnt, wobei er wahr-
    scheinlich den Spuren des wirklich vorhandenen Zusammenhanges nach-
    fährt. Daß es nicht die Absicht dieser Bemerkungen ist, die von mir be-
    hauptete Bedeutung der infantilen Sexualität nachträglich durch die Re-
    duktion auf das Sexualinteresse der Pubertät herabzusetzen, wird mir jeder
    glauben, der die von mir mitgeteilte „Analyse der Phobie eines 5jährigen
    Knaben“ im Gedächtnis hat. Ich beabsichtige nur, technische Anweisungen
    zur Auflösung jener Phantasiebildungen zu geben, welche dazu bestimmt
    sind, das Bild jener infantilen Sexualbetätigung zu verfälschen.

    Nur selten ist man wie bei unserem Patienten in der glücklichen
    Lage, die tatsächliche Grundlage dieser Dichtungen über die Urzeit durch
    das unerschütterliche Zeugnis eines Erwachsenen festzustellen. Immerhin
    läßt die Aussage der Mutter den Weg für mehrfache Möglichkeiten offen.
    Daß sie die sexuelle Natur des Vergehens, für welches das Kind gestraft
    wurde, nicht proklamierte, mag einen Grund in ihrer eigenen Zensur haben,
    welche bei allen Eltern gerade dieses Element aus der Vergangenheit ihrer
    Kinder auszuschalten bemüht ist. Es ist aber ebenso möglich, daß das Kind
    damals wegen einer banalen Unart, nicht sexueller Natur von der Kinder-
    frau oder der Mutter selbst zurechtgewiesen und dann wegen seiner ge-
    walttätigen Reaktion vom Vater gezüchtigt wurde. Die Kinderfrau oder
    eine andere dienende Person wird in solchen Phantasien regelmäßig durch
    die vornehmere der Mutter ersetzt. Wenn man sich in die Deutung der

  • S.

    166

    den sehr intelligenten Zwangskranken jedesmal höchst be-
    fremdend wirkt, machte er aber immer wieder gegen die Be-
    weiskraft der Erzählung geltend, er erinnere sich doch nicht
    selbst daran. Er mußte sich also die Überzeugung, daß sein
    Verhältnis zum Vater wirklich jene unbewußte Ergänzung er-
    forderte, erst auf dem schmerzhaften Wege der Übertragung
    erwerben. Es kam bald dazu, daß er mich und die Meinigen
    in Träumen, Tagesphantasien und Einfällen aufs gröblichste
    beschimpfte, während er mir doch mit Absicht
    niemals etwas anderes als die größte Ehrerbietung entgegen-
    brachte. Sein Benehmen während der Mitteilung dieser Be-
    schimpfungen war das eines Verzweifelten. „Wie kommen Herr
    Professor dazu, sich von einem schmierigen, hergelaufenen Kerl
    wie ich so beschimpfen zu lassen? Sie müssen mich hinaus-
    werfen; ich verdiene es nicht besser.“ Bei diesen Reden pflegte

    diesbezüglichen Träume des Patienten tiefer einließ, fand man die deut-
    lichsten Hinweise auf eine episch zu nennende Dichtung, in welcher sexuelle
    Gelüste gegen Mutter und Schwester und der frühzeitige Tod dieser Schwester
    mit jener Züchtigung des kleinen Helden durch den Vater zusammengebracht
    wurden. Es gelang nicht, dieses Gewebe von Phantasieumhüllungen Faden
    für Faden abzuspinnen; gerade der therapeutische Erfolg war hier das
    Hindernis. Der Patient war hergestellt und das Leben forderte von ihm,
    mehrfache, ohnedies zu lange aufgeschobene, Aufgaben in Angriff zu nehmen,
    die mit der Fortsetzung der Kur nicht verträglich waren. Man mache mir
    also aus dieser Lücke in der Analyse keinen Vorwurf. Die wissenschaftliche
    Erforschung durch die Psychoanalyse ist ja heute nur ein Nebenerfolg der
    therapeutischen Bemühung, und darum ist die Ausbeute oft gerade bei
    unglücklich behandelten Fällen am größten.

    Der Inhalt des kindlichen Sexuallebens besteht in der autoerotischen
    Betätigung der vorherrschenden Sexualkomponenten, in Spuren von Objekt-
    liebe und in der Bildung jenes Komplexes, den man den Kernkomplex
    der Neurosen nennen könnte, der die ersten zärtlichen wie feindseligen
    Regungen gegen Eltern und Geschwister umfaßt, nachdem die Wißbegierde
    des Kleinen, meist durch die Ankunft eines neuen Geschwisterchens, ge-
    weckt worden ist. Aus der Uniformität dieses Inhaltes und aus der Kon-
    stanz der späteren modifizierenden Einwirkungen erklärt es sich leicht, daß
    im allgemeinen stets die nämlichen Phantasien über die Kindheit gebildet
    werden, gleichgültig wieviel oder wie wenig Beiträge das wirkliche Erleben
    dazu gestellt hat. Es entspricht durchaus dem infantilen Kernkomplex, daß
    der Vater zur Rolle des sexuellen Gegners und des Störers der autoero-
    tischen Sexualbetätigung gelangt, und die Wirklichkeit hat daran zumeist
    einen guten Anteil.

  • S.

    167

    er vom Diwan aufzustehen und im Zimmer herumzulaufen, was
    er zuerst mit Feinfühligkeit motivirte; er bringe es nicht über
    sich, so gräßliche Dinge zu sagen, während er behaglich da-
    liege. Er fand aber bald selbst die triftigere Erklärung, daß er
    sich meiner Nähe entziehe, aus Angst von mir geprügelt zu
    werden. Wenn er sitzen blieb, so benahm er sich wie einer, der
    sich in verzweifelter Angst vor maßlosen Züchtigungen schützen
    will; er stützte den Kopf in die Hände, deckte sein Gesicht
    mit dem Arme, lief plötzlich mit schmerzlich verzerrten Zügen
    davon usw. Er erinnerte, daß der Vater jähzornig gewesen war
    und in seiner Heftigkeit manchmal nicht mehr wußte, wieweit
    er gehen durfte. In solcher Schule des Leidens gewann er all-
    mählich die ihm mangelnde Überzeugung, die sich jedem andern
    nicht persönlich Beteiligten wie selbstverständlich ergeben hätte;
    dann war aber auch der Weg zur Auflösung der Rattenvor-
    stellung frei. Eine Fülle von bisher zurückgehaltenen tatsäch-
    lichen Mitteilungen wurde nun auf der Höhe der Kur zur Her-
    stellung des Zusammenhanges verfügbar.
     

    In der Darstellung desselben werde ich, wie angekündigt,
    aufs äußerste verkürzen und resümieren. Das erste Rätsel war
    offenbar, weshalb die beiden Reden des technischen Haupt-
    mannes, die Rattenerzählung und die Aufforderung, dem Ober-
    leutnant A. das Geld zurückzugeben, so aufregend auf ihn ge-
    wirkt und so heftige pathologische Reaktionen hervorgerufen
    hatten. Es war anzunehmen, daß hier „Komplexempfindlich-
    keit“ vorlag, daß durch jene Reden hyperästhetische Stellen
    seines Unbewußten unsanft berührt worden waren. So war es
    auch; er befand sich, wie jedesmal im militärischen Verhältnisse,
    in einer unbewußten Identifizierung mit dem Vater, der selbst
    durch mehrere Jahre gedient hatte und vieles aus seiner Soldaten-
    zeit zu erzählen pflegte. Nun gestattete der Zufall, der bei der
    Symptombildung mithelfen darf wie der Wortlaut beim Witz,
    daß eines der kleinen Abenteuer des Vaters ein wichtiges
    Element mit der Aufforderung des Hauptmannes gemeinsam
    hatte. Der Vater hatte einmal eine kleine Summe Geldes, über
    die er als Unteroffizier verfügen sollte, im Kartenspiele ver-
    loren (Spielratte) und wäre in arge Bedrängnis gekommen,
    wenn ein Kamerad sie ihm nicht vorgestreckt hätte. Nachdem
     

  • S.

    168

    er das Militär verlassen und wohlhabend geworden war, suchte
    er den hilfreichen Kameraden auf, um ihm das Geld zurück-
    zugeben, fand ihn aber nicht mehr. Unser Patient war nicht
    sicher, ob ihm die Rückerstattung überhaupt je gelang; die Er-
    innerung an diese Jugendsünde des Vaters war ihm peinlich,
    da doch sein Unbewußtes von feindseligen Ausstellungen am
    Charakter des Vaters erfüllt war. Die Worte des Hauptmannes:
    Du mußt dem Oberleutnant A. die Kronen 3·80 zurückgeben,
    klangen ihm wie eine Anspielung an jene uneingelöste Schuld
    des Vaters.

    Die Mitteilung aber, daß das Postfräulein in Z. die Nach-
    nahme mit einigen für ihn schmeichelhaften Worten selbst er-
    legt hatte1), verstärkte die Identifizierung mit dem Vater auf
    einem andern Gebiete. Er trug jetzt nach, daß in dem kleinen
    Orte, wo sich auch das Postamt befand, die hübsche Wirts-
    tochter dem schmucken jungen Offizier viel Entgegenkommen
    gezeigt hatte, so daß er sich vornehmen konnte, nach Schluß
    der Manöver dorthin zurückzukommen, um seine Chancen bei
    dem Mädchen zu verfolgen. Nun war ihr in dem Postfräulein
    eine Konkurrentin erstanden; er konnte, wie der Vater in seinem
    Eheroman, schwanken, welcher von beiden er nach dem Ver-
    lassen des Militärdienstes seine Gunst zuwenden sollte. Wir
    merken mit einem Male, daß seine sonderbare Unschlüssigkeit,
    ob er nach Wien reisen oder an den Ort des Postamtes zurück-
    kehren solle, seine beständigen Versuchungen, auf der Reise
    umzukehren (vgl. S. 136), nicht so sinnlos waren, wie sie uns
    zuerst erscheinen mußten. Für sein Bewußtsein war die An-
    ziehung des Ortes Z., an dem sich das Postamt befand, durch
    das Bedürfnis motiviert, den Oberleutnant A. zu sehen und mit
    seiner Hilfe seinen Eid zu erfüllen. In Wirklichkeit war das im
    nämlich Ort befindliche Postfräulein der Gegenstand seiner
    Sehnsucht und der Oberleutnant nur ein guter Ersatz für sie,
    da er am selben Ort wohnte und selbst den militärischen Post-
    dienst

    1)Vergessen wir nicht, daß er dies erfahren hatte, ehe der Haupt-
    mann die (unberechtigte) Aufforderung der Rückzahlung an Oberleutnant A.
    an ihn richtete. Es ist dies der für das Verhältnis unentbehrliche Punkt,
    durch dessen Unterdrückung er sich die heilloseste Verwirrung bereitete
    und mir eine Zeitlang den Einblick in den Sinn des Ganzen verwehrte.

  • S.

    169

    dienst versehen hatte. Als er dann hörte, nicht der Ober-
    leutnant A., sondern ein anderer Offizier B. habe an dem Tage
    bei der Post amtiert, zog er auch diesen in seine Kombination
    und konnte sein Schwanken zwischen den beiden ihm gnädig
    gesinnten Mädchen nun in den Delirien mit den beiden Offizieren
    wiederholen.

    Bei der Aufklärung der Wirkungen, welche von der Ratten-
    erzählung des Hauptmannes ausgingen, müssen wir uns enger
    an den Ablauf der Analyse halten. Es ergab sich zunächst eine
    außerordentliche Fülle von assoziativem Material, ohne daß vor-
    läufig die Situation der Zwangsbildung durchsichtiger wurde.
    Die Vorstellung der mit den Ratten vollzogenen Strafe hatte
    eine Anzahl von Trieben gereizt, eine Menge von Erinnerungen
    geweckt, und die Ratten hatten darum in dem kurzen Inter-
    valle zwischen der Erzählung des Hauptmannes und seiner
    Mahnung, das Geld zurückzugeben, eine Reihe von symbolischen
    Bedeutungen erworben, zu welchen in der Folgezeit immer neue
    hinzutraten. Mein Bericht über all dies kann freilich nur sehr
    unvollständig ausfallen. Die Rattenstrafe rüttelte vor allem die
    Analerotik auf, die in seiner Kindheit eine große Rolle ge-
    spielt hatte und durch jahrelang fortgesetzten Wurmreiz unter-
    halten worden war. Die Ratten kamen so zur Bedeutung: Geld1),
    welcher Zusammenhang sich durch den Einfall Raten zu
    Ratten anzeigte. Er hatte sich in seinen Zwangsdelirien eine
    förmliche Rattenwährung eingesetzt; z. B. als ich ihm auf Be-
    fragen den Preis einer Behandlungsstunde mitteilte, hieß es bei
    ihm, was ich ein halbes Jahr später erfuhr: Soviel Gulden
    soviel Ratten. In diese Sprache wurde allmählich der ganze
    Komplex der Geldinteressen, die sich an die Erbschaft nach
    dem Vater knüpften, umgesetzt, d. h. alle dahin gehörigen Vor-
    stellungen wurden über diese Wortbrücke Raten – Ratten
    ins Zwanghafte eingetragen und dem Unbewußten unterworfen.
    Diese Geldbedeutung der Ratten stützte sich überdies auf die
    Mahnung des Hauptmannes, den Betrag der Nachnahme zurück-
    zugeben, mit Hilfe der Wortbrücke Spielratte, von der aus
    der Zugang zur Spielverfehlung des Vaters aufzufinden war.

    1)Vgl. „Charakter und Analerotik“ in der Zweiten Folge der Samm-
    lung usw. zur Neurosenlehre, 1909.

  • S.

    170

    Die Ratte war ihm aber auch als Träger gefährlicher In-
    fektionen bekannt und konnte darum als Symbol für die beim
    Militär so berechtigte Angst vor syphilitischer Infektion
    verwendet werden, wohinter allerlei Zweifel an der Lebens-
    führung des Vaters während seiner militärischen Dienstzeit ver-
    steckt waren. In anderem Sinne: Träger der syphilitischen In-
    fektion war der Penis selbst, und so wurde die Ratte zum Ge-
    schlechtsglied, für welche Verwendung sie noch ein anderes An-
    recht geltend machen konnte. Der Penis, besonders der des
    kleinen Kindes, kann ohne weiteres als Wurm beschrieben
    werden, und in der Erzählung des Hauptmannes wühlten die
    Ratten im After, wie in seinen Kinderjahren die großen Spül-
    würmer. So ruhte die Penisbedeutung der Ratten wiederum auf
    der Analerotik. Die Ratte ist ohnedies ein schmutziges Tier,
    das sich von Exkrementen nährt und in Kanälen lebt, die den
    Abfall führen1). Es ist ziemlich überflüssig anzuführen, welcher
    Ausbreitung das Rattendelirium durch diese neue Bedeutung
    fähig wurde. „Soviel Ratten – soviel Gulden“, konnte z. B. als
    eine treffliche Charakteristik eines ihm sehr verhaßten weib-
    lichen Gewerbes gelten. Hingegen ist es wohl nicht gleichgültig,
    daß die Einsetzung des Penis für die Ratte in der Erzählung
    des Hauptmannes eine Situation von Verkehr per anum ergab,
    die ihm in ihrer Beziehung auf Vater und Geliebte besonders
    widerlich erscheinen mußte. Trat diese Situation in der Zwangs-
    androhung wieder auf, welche sich nach der Mahnung des
    Hauptmannes bei ihm gestaltete, so erinnerte dies unverkenn-
    bar an gewisse bei den Südslawen gebräuchliche Flüche, deren
    Wortlaut man in der von F. S. Krauß herausgegebenen „An-
    thropophyteia“ nachlesen kann. All dieses Material und noch
    anderes reihte sich übrigens mit dem Deckeinfall Heiraten in
    das Gefüge der Rattendiskussion ein.

    Daß die Erzählung von der Rattenstrafe bei unserem
    Patienten alle vorzeitlich unterdrückten Regungen eigensüchtiger
    und sexueller Grausamkeit in Aufruhr brachte, wird ja durch

    1)Wer diese Sprünge der neurotischen Phantasie kopfschüttelnd ab-
    lehnen will, der sei an ähnliche Capriccios erinnert, in denen sich die
    Phantasie der Künstler gelegentlich ergeht, z. B. an die Diableries éroti-
    ques von Le Poitevin.

  • S.

    171

    seine eigene Schilderung und durch seine Mimik bei der Wieder-
    erzählung bezeugt. Doch fiel trotz all dieses reichen Materials
    so lange kein Licht auf die Bedeutung seiner Zwangsidee, bis
    eines Tages die Rattenmamsell aus Ibsens Klein Eyolf
    auftauchte und die Folgerung unabweisbar machte, in vielen
    Ausgestaltungen seiner Zwangsdelirien bedeuteten die Ratten
    auch Kinder1). Forsch-te man nach der Entstehung dieser neuen
    Bedeutung, so stieß man sofort auf die ältesten und bedeutsamsten
    Wurzeln. Bei einem Besuche am Grabe des Vaters hatte er
    einmal ein großes Tier, das er für eine Ratte hielt, am Grab-
    hügel vorbeihuschen gesehen2). Er nahm an, sie käme aus dem
    Grabe des Vaters selbst und hätte soeben ihre Mahlzeit von
    seinem Leichnam eingenommen. Von der Vorstellung der Ratte
    bleibt als unzertrennlich, daß sie mit scharfen Zähnen nagt und
    beißt3); die Ratte ist aber nicht etwa ohne Strafe bissig, ge-
    fräßig und schmutzig, sondern sie wird von den Menschen, wie
    er oft mit Grausen gesehen hatte, grausam verfolgt und schonungs-
    los erschlagen. Oft hatte er Mitleid mit solchen armen Ratten
    verspürt. Nun war er selbst so ein ekelhafter, schmutziger,
    kleiner Kerl gewesen, der in der Wut um sich beißen konnte
    und dafür fürchterlich gezüchtigt worden war (vgl. Seite 164).
    Er konnte wirklich sein ganz „natürlich Ebenbild4) in der
    Ratte finden. Das Schicksal hatte ihm in der Erzählung des
    Hauptmannes sozusagen ein Komplexreizwort zugerufen, und er
    versäumte nicht, mit seiner Zwangsidee darauf zu reagieren.
    Ratten waren also Kinder nach seinen frühesten und
    folgenschwersten Erfahrungen. Und nun brachte er eine Mit-

    1)Ibsens Rattenmamsell ist ja sicherlich von dem sagenhaften Ratten-
    fänger von Hameln abgeleitet, der zuerst die Ratten ins Wasser lockt und
    dann mit denselben Mitteln die Kinder der Stadt auf Nimmerwiederkehr
    verführt. Auch Klein Eyolf stürzt sich unter dem Banne der Rattenmamsell
    ins Wasser. Die Ratte erscheint in der Sage überhaupt nicht so sehr als
    ekelhaftes, sondern als unheimliches, man möchte sagen chthonisches Tier,
    und wird zur Darstellung der Seelen Verstorbener verwendet.

    2)Eines der auf dem Wiener Zentralfriedhofe so häufigen Erdwiesel.

    3)„Doch dieser Schwelle Zauber zu zerspalten.
    Bedarf ich eines Rattenzahns.
    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    teilung, die er lange genug aus dem Zusammenhange fern-
    gehalten hatte, die aber jetzt das Interesse, das er für Kinder
    haben mußte, voll aufklärte. Die Dame, die er durch so lange
    Jahre verehrte und zu heiraten sich doch nicht entschließen
    konnte, war infolge einer gynäkologischen Operation, der Ent-
    fernung beider Ovarien, zur Kinderlosigkeit verurteilt; es war
    dies sogar für ihn, der Kinder außerordentlich liebte, der Haupt-
    grund seines Schwankens.

    Erst jetzt wurde es möglich, den unbegreiflichen Vorgang
    bei der Bildung seiner Zwangs-idee zu verstehen; mit Zuhilfe-
    nahme der infantilen Sexualtheorien und der Symbolik, die man
    aus der Deutung von Träumen kennt, ließ sich alles sinnreich
    übersetzen. Als der Hauptmann auf der Nachmittagsrast, bei
    der er seinen Zwicker einbüßte, von der Rattenstrafe erzählte,
    packte ihn zuerst nur der grausam lüsterne Charakter der vor-
    gestellten Situation. Aber sofort stellte sich die Verbindung
    mit jener Kinderszene her, in der er selbst gebissen hatte; der
    Hauptmann, der für solche Strafen eintreten konnte, rückte ihm
    an die Stelle des Vaters und zog einen Teil der wiederkehrenden
    Erbitterung auf sich, die sich damals gegen den grausamen
    Vater empört hatte. Die flüchtig auftauchende Idee, es könnte
    einer ihm lieben Person etwas dergleichen geschehen, wäre zu
    übersetzen durch die Wunschregung: Dir sollte man so etwas
    tun, die sich gegen den Erzähler, dahinter aber schon gegen
    den Vater richtete. Als ihm dann 1½ Tage später1) der Haupt-
    mann das mit Nachnahme angelangte Paket überreicht und ihn
    mahnt, die 3 Kronen 80 Heller dem Oberleutnant A. zurück-
    zugeben, weiß er bereits, daß der „grausame Vorgesetzte“ sich
    irrt, und daß er niemand anderem als dem Postfräulein ver-
    pflichtet ist. Es liegt ihm also nahe, eine höhnische Antwort zu
    bilden wie: Ja freilich, was fällt dir denn ein? oder: Ja,
    Schnecken, oder: Ja, einen Schmarren2) werd’ ich ihm das Geld

    1)Nicht am nächsten Abend, wie er zuerst erzählte. Es ist ganz un-
    möglich, daß der bestellte Zwicker noch am selben Tage angelangt wäre.
    Er verkürzt diese Zwischenzeit in der Erinnerung, weil in ihr die ent-
    scheidenden Gedankenverbindungen sich herstellten, und weil er die in sie
    fallende Begegnung mit dem Offizier verdrängt, der ihm vom freundlichen
    Benehmen des Postfräuleins erzählte.

    2)Wienerisch.

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    zurückgeben, Antworten, die er nicht hätte aussprechen müssen.
    Aber aus dem unterdes aufgeführten Vaterkomplex und der
    Erinnerung an jene Infantilszene gestaltet sich ihm die Ant-
    wort: Ja, ich werde dem A. das Geld zurückgeben, wenn mein
    Vater und meine Geliebte Kinder bekommen, oder: So wahr
    mein Vater und die Dame Kinder bekommen können, so ge-
    wiß werde ich ihm das Geld zurückgeben. Also eine höhnende
    Beteuerung an eine unerfüllbare absurde Bedingung geknüpft1).

    Aber nun war das Verbrechen begangen, die beiden ihm
    teuersten Personen, Vater und Geliebte, von ihm geschmäht;
    das forderte Strafe, und die Bestrafung bestand in dem Auf-
    erlegen eines unmöglich zu erfüllenden Eides, der den Wort-
    laut des Gehorsams gegen die unberechtigte Mahnung des Vor-
    gesetzten einhielt: Jetzt mußt du wirklich dem A. das
    Geld zurückgeben. Im krampfhaften Gehorsam verdrängte er
    sein besseres Wissen, daß der Hauptmann seine Mahnung auf
    eine irrige Voraussetzung gründe: „Ja, du mußt dem A.
    das Geld zurückgeben, wie der Stellvertreter des Vaters verlangt
    hat. Der Vater kann nicht irren.“ Auch die Majestät kann nicht
    irren, und wenn sie einen Untertan mit einem ihm nicht gebüh-
    renden Titel angesprochen hat, so trägt er fortan diesen Titel.

    Von diesem Vorgange gelangt in sein Bewußtsein nur
    undeutliche Kunde, aber die Auflehnung gegen das Gebot des
    Hauptmannes und der Umschlag ins Gegenteil sind auch im
    Bewußtsein vertreten. (Zuerst: Nicht das Geld zurückgeben,
    sonst geschieht das . . . [die Rattenstrafe], und dann die Ver-
    wandlung in den gegenteiligen Eidauftrag als Strafe für die
    Auflehnung.)

    Man vergegenwärtige sich noch die Konstellation, in
    welche die Bildung der großen Zwangs-idee fiel. Er war durch
    lange Abstinenz sowie durch das freundliche Entgegenkommen,
    auf das der junge Offizier bei den Frauen rechnen darf, libidi-
    nös geworden, war überdies in einer gewissen Entfremdung von
    seiner Dame zur Waffenübung eingerückt. Diese Libidosteigerung
    machte ihn geneigt, den uralten Kampf gegen die Autorität des
    Vaters wieder aufzunehmen, und er getraute sich an sexuelle

    1)Die Absurdität bedeutet also auch in der Sprache des Zwangs-
    denkens Hohn sowie im Traume. Siehe Traumdeutung, Seite 267, 2. Aufl. 1909.

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    Befriedigung bei anderen Frauen zu denken. Die Zweifel am
    Andenken des Vaters und die Bedenken gegen den Wert der
    Geliebten hatten sich gesteigert; in solcher Verfassung ließ er
    sich zur Schmähung gegen beide hinreißen, und dann bestrafte
    er sich dafür. Er wiederholte damit ein altes Vorbild. Wenn
    er dann nach Schluß der Waffenübung so lange schwankt, ob
    er nach Wien reisen oder bleiben und den Eid erfüllen solle,
    so stellt er damit in einem die beiden Konflikte dar, die ihn
    von jeher bewegt hatten, ob er dem Vater gehorsam und ob er
    der Geliebten treu bleiben solle1).

    Noch ein Wort über die Deutung des Inhaltes der Sanktion:
    sonst wird an den beiden Personen die Rattenstrafe vollzogen.
    Sie ruht auf der Geltung zweier infantiler Sexualtheorien, über
    die ich an anderer Stelle Auskunft gegeben habe2). Die erste
    dieser Theorien geht dahin, daß die Kinder aus dem After
    herauskommen; die zweite schließt konsequent mit der Möglich-
    keit an, daß Männer ebensowohl Kinder kriegen können wie
    Frauen. Nach den technischen Regeln der Traumdeutung kann
    das Aus-dem-Darm-Herauskommen durch seinen Gegensatz: ein
    In-den-Darm-Hineinkriechen (wie bei der Rattenstrafe) dar-
    gestellt werden und umgekehrt.

    Einfachere Lösungen für so schwere Zwangs-ideen oder
    Lösungen mit anderen Mitteln zu erwarten, ist man wohl nicht
    berechtigt. Mit der Lösung, die sich uns ergab, war das Ratten-
    delirium beseitigt.

    II.

    a) Einige allgemeine Charaktere der Zwangs-bildungen3).

    Meine im Jahre 1896 gegebene Definition der Zwangs-
    vorstellungen, sie seien „verwandte, aus der Verdrängung

    1)Es ist vielleicht interessant hervorzuheben, daß der Gehorsam
    gegen den Vater wiederum mit der Abwendung von der Dame zusammen-
    fällt. Wenn er bleibt und dem A. das Geld zurückgibt, so hat er die Buße
    gegen den Vater erfüllt und gleichzeitig seine Dame gegen die Anziehung
    eines andern Magneten verlassen. Der Sieg in diesem Konflikte verbleibt
    der Dame, allerdings mit Unterstützung der normalen Besinnung.

    2)Vgl. „Über infantile Sexualtheorien“ in der Zweiten Folge der
    Sammlung usw. zur Neurosenlehre 1909.

    3)Verschiedene der hier und im nächsten Abschnitte behandelten