S.
174
Befriedigung bei anderen Frauen zu denken. Die Zweifel am
Andenken des Vaters und die Bedenken gegen den Wert der
Geliebten hatten sich gesteigert; in solcher Verfassung ließ er
sich zur Schmähung gegen beide hinreißen, und dann bestrafte
er sich dafür. Er wiederholte damit ein altes Vorbild. Wenn
er dann nach Schluß der Waffenübung so lange schwankt, ob
er nach Wien reisen oder bleiben und den Eid erfüllen solle,
so stellt er damit in einem die beiden Konflikte dar, die ihn
von jeher bewegt hatten, ob er dem Vater gehorsam und ob er
der Geliebten treu bleiben solle1).Noch ein Wort über die Deutung des Inhaltes der Sanktion:
sonst wird an den beiden Personen die Rattenstrafe vollzogen.
Sie ruht auf der Geltung zweier infantiler Sexualtheorien, über
die ich an anderer Stelle Auskunft gegeben habe2). Die erste
dieser Theorien geht dahin, daß die Kinder aus dem After
herauskommen; die zweite schließt konsequent mit der Möglich-
keit an, daß Männer ebensowohl Kinder kriegen können wie
Frauen. Nach den technischen Regeln der Traumdeutung kann
das Aus-dem-Darm-Herauskommen durch seinen Gegensatz: ein
In-den-Darm-Hineinkriechen (wie bei der Rattenstrafe) dar-
gestellt werden und umgekehrt.Einfachere Lösungen für so schwere Zwangs-ideen oder
Lösungen mit anderen Mitteln zu erwarten, ist man wohl nicht
berechtigt. Mit der Lösung, die sich uns ergab, war das Ratten-
delirium beseitigt.II.
a) Einige allgemeine Charaktere der Zwangs-bildungen3).
Meine im Jahre 1896 gegebene Definition der Zwangs-
vorstellungen, sie seien „verwandte, aus der Verdrängung1)Es ist vielleicht interessant hervorzuheben, daß der Gehorsam
gegen den Vater wiederum mit der Abwendung von der Dame zusammen-
fällt. Wenn er bleibt und dem A. das Geld zurückgibt, so hat er die Buße
gegen den Vater erfüllt und gleichzeitig seine Dame gegen die Anziehung
eines andern Magneten verlassen. Der Sieg in diesem Konflikte verbleibt
der Dame, allerdings mit Unterstützung der normalen Besinnung.2)Vgl. „Über infantile Sexualtheorien“ in der Zweiten Folge der
Sammlung usw. zur Neurosenlehre 1909.3)Verschiedene der hier und im nächsten Abschnitte behandelten
S.
175
wiederkehrende Vorwürfe, die sich immer auf eine sexuelle, mit
Lust ausgeführte Aktion der Kinderjahre beziehen1), erscheint
mir heute formal angreifbar, obwohl sie aus den besten Elementen
zusammengesetzt ist. Sie strebte zu sehr nach Vereinheitlichung
und nahm sich den Vorgang der Zwangskranken selbst zum
Muster, welche mit der ihnen eigenthümlichen Neigung zur Un-
bestimmtheit die verschiedenartigsten psychischen Bildungen als
„Zwangsvorstellungen“ zusammenwerfen2). Es ist in der Tat
korrekter, von „Zwangsdenken“ zu sprechen und hervorzuheben,
daß die Zwangsgebilde den Wert der verschiedenartigsten psychi-
schen Akte haben können. Sie lassen sich als Wünsche, Ver-
suchungen, Impulse, Reflexionen, Zweifel, Gebote und Verbote
bestimmen. Die Kranken haben im allgemeinen das Bestreben,
diese Bestimmtheit abzuschwächen und den seines Affektindex
beraubten Inhalt als Zwangsvorstellung zu führen. Ein Beispiel
für solche Behandlung eines Wunsches, der zur bloßen „Denk-
verbindung“ herabgesetzt werden sollte, bot uns unser Patient
in einer der ersten Sitzungen. (S. 142.)Man muß auch bald zugestehen, daß bisher nicht einmal
die Phänomenologie des Zwangsdenkens entsprechend gewürdigt
werden konnte. In dem sekundären Abwehrkampf, den der
Kranke gegen die in sein Bewußtsein eingedrungenen „Zwangs-
vorstellungen“ führt, kommen Bildungen zustande, die einer be-
sonderen Benennung würdig sind. Man denke z. B. an die Ge-
dankenreihen, die unseren Patienten während seiner Rückfahrt
von der Waffenübung beschäftigen. Es sind nicht rein ver-Punkte sind in der Literatur der Zwangsneurose bereits erwähnt worden,
wie man aus dem gründlichen Hauptwerke über diese Krankheitsform, dem
1904 veröffentlichten Buch von L. Löwenfeld, Die psychischen Zwangs-
erscheinungen, ersehen kann.1)Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre, 1893 bis 1906, S. 118.
2)Dieser Mangel der Definition wird im Aufsatze selbst verbessert.
Es heißt darin Seite 119: „Die wiederbelebten Erinnerungen und die aus
ihnen gebildeten Vorwürfe treten aber niemals unverändert ins Bewußtsein
ein, sondern was als Zwangsvorstellung und Zwangsaffekt bewußt wird, die
pathogene Erinnerung für das bewußte Leben substituirt, sind Kom-
promißbildungen zwischen den verdrängten und den verdrängenden Vor-
stellungen.“ In der Definition ist also ein besonderer Akzent auf das Wort
„verwandelt“ zu legen.S.
176
nünftige Erwägungen, die den Zwangsgedanken entgegengesetzt
werden, sondern gleichsam Mischlinge zwischen beiden Denkungs-
arten, sie nehmen gewisse Voraussetzungen des Zwanges, den
sie bekämpfen, in sich auf und stellen sich (mit den Mitteln
der Vernunft) auf den Boden des krankhaften Denkens. Ich
meine, solche Bildungen verdienen den Namen von „Delirien“.
Ein Beispiel, das ich an seine Stelle in der Krankengeschichte
einzufügen bitte, wird die Unterscheidung klarmachen. Als
unser Patient sich eine Zeitlang während seines Studiums dem
beschriebenen tollen Treiben hingegeben hatte, bis in die späte
Nacht zu arbeiten, dann für den Geist des Vaters die Türe zu
öffnen, dann seine Genitalien im Spiegel zu beschauen (S. 163),
suchte er sich mit der Mahnung zurecht zu bringen, was wohl
der Vater dazu sagen würde, wenn er wirklich noch am Leben
wäre. Aber dieses Argument hatte keinen Erfolg, solange es
in dieser vernünftigen Form vorgebracht wurde; der Spuk
hörte erst auf, nachdem er dieselbe Idee in die Form einer
deliriösen Drohung gebracht hatte: Wenn er diesen Unsinn noch
einmal übe, werde dem Vater im Jenseits ein Übel zustoßen.
Der Wert der sicherlich berechtigten Unterscheidung
zwischen primärem und sekundärem Abwehrkampf wird in un-
erwarteter Weise durch die Erkenntnis eingeschränkt, daß die
Kranken den Wortlaut ihrer eigenen Zwangs-
vorstellungen nicht kennen. Es klingt paradox, hat aber seinen
guten Sinn. Im Verlaufe einer Psychoanalyse wächst nämlich
nicht nur der Mut des Kranken, sondern gleichsam auch der
seiner Krankheit; sie getraut sich deutlichere Äußerungen.
Um die bildliche Darstellung zu verlassen, es geht wohl so zu,
daß der Kranke, der sich bisher erschreckt von der Wahr-
nehmung seiner krankhaften Produktionen abgewendet hatte,
ihnen nun seine Aufmerksamkeit schenkt und sie deutlicher
und ausführlicher erfährt1).Eine schärfere Kenntnis der Zwangs-
bildungen gewinnt
man überdies auf zwei besonderen Wegen. Erstens macht man1)Bei manchen Kranken geht die Abwendung ihrer Aufmerksamkeit
so weit, daß sie den Inhalt einer Zwangsvorstellung überhaupt nicht an-
geben, eine Zwangshandlung, die sie unzählige Male ausgeführt, nicht be-
schreiben können.S.
177
die Erfahrung, daß die Träume den eigentlichen Text des
Zwangsgebotes u. dgl. bringen können, der im Wachen nur ver-
stümmelt und entstellt, wie in einer verunstalteten Depesche,
bekannt worden ist. Diese Texte treten im Traume als Reden
auf, entgegen der Regel, daß Reden im Traume von Reden am
Tage herrühren1). Zweitens gewinnt man in der analytischen
Verfolgung einer Krankengeschichte die Überzeugung, daß oft
mehrere aufeinander folgende, aber im Wortlaute nicht iden-
tische Zwangsvorstellungen im Grunde doch eine und dieselbe
sind. Die Zwangsvorstellung ist das erstemal glücklich ab-
gewiesen worden, sie kehrt nun ein andermal in entstellter Form
wieder, wird nicht erkannt und kann sich vielleicht gerade in-
folge ihrer Entstellung im Abwehrkampfe besser behaupten. Die
ursprüngliche Form aber ist die richtige, die oft ihren Sinn
ganz unverhüllt erkennen läßt. Hat man eine unverständliche
Zwangsidee mühselig aufgeklärt, so kann man nicht selten vom
Kranken hören, daß ein Einfall, Wunsch, Versuchung wie der
konstruierte, wirklich vor der Zwangsidee einmal aufgetreten
ist, aber sich nicht gehalten hat. Die Beispiele hiefür aus der
Geschichte unseres Patienten würden leider zu umständlich
ausfallen.Die offiziell so bezeichnete „Zwangsvorstellung“ trägt also
in ihrer Entstellung gegen den ursprünglichen Wortlaut die
Spuren des primären Abwehrkampfes an sich. Ihre Entstellung
macht sie nun lebensfähig, denn das bewußte Denken ist
genötigt, sie in ähnlicher Weise mißzuverstehen wie den Traum-
inhalt, der selbst ein Kompromiß- und Entstellungsprodukt ist
und vom wachen Denken weiter mißverstanden wird.Das Mißverständnis des Bewußten läßt sich nun nicht nur
an den Zwangs-ideen selbst, sondern auch an den Produkten
des sekundären Abwehrkampfes, z. B. an den Schutzformeln
nachweisen. Hierfür kann ich zwei gute Beispiele bringen. Unser
Patient gebrauchte als Abwehrformel ein rasch ausgesprochenes
Aber, von einer abweisenden Handbewegung begleitet. Er
erzählte dann einmal, diese Formel habe sich in letzter Zeit
verändert; er sage nicht mehr Aber, sondern Abér. Nach dem
1)Vgl. „Traumdeutung“, S. 255, 2. Aufl.
S.
178
Grunde dieser Fortentwicklung befragt, gab er an, das stumme e
der zweiten Silbe gebe ihm keine Sicherheit gegen die gefürchtete
Einmengung von etwas Fremdem und Gegensätzlichem, und
darum habe er beschlossen, das e zu akzentuieren. Diese Auf-
klärung, ganz im Stile der Zwangneurose gehalten, erwies-
sich doch als unzutreffend, sie konnte höchstens den Wert einer
Rationalisierung beanspruchen; in Wirklichkeit war das aber
eine Angleichung an Abwehr, welchen Terminus er aus den
theoretischen Gesprächen über die Psychoanalyse kannte. Die
Kur war also in mißbräuchlicher und deliriöser Weise zur Ver-
stärkung einer Abwehrformel verwendet worden. Ein andermal
sprach er von seinem Hauptzauberwort, das er zum Schutze
gegen alle Anfechtungen aus den Anfangsbuchstaben aller heil-
kräftigsten Gebete zusammengesetzt und mit einem angehängten
„Amen“ versehen hatte. Ich kann das Wort selbst nicht
hierhersetzen aus Gründen, die sich sogleich ergeben werden.
Denn, als ich es erfuhr, mußte ich bemerken, daß es vielmehr
ein Anagramm des Namens seiner verehrten Dame war; in
diesem Namen war ein S enthalten, welches er ans Ende und
unmittelbar vor das angehängte Amen gesetzt hatte. Er hatte
also – wir dürfen sagen: seinen Samen mit der Geliebten
zusammengebracht, d. h. mit ihrer Person in der Vorstellung
onanirt. Diesen aufdringlichen Zusammenhang hatte er aber
selbst nicht bemerkt; die Abwehr hatte sich vom Verdrängten
narren lassen. Übrigens ein gutes Beispiel für den Satz, daß
mit der Zeit das Abzuwehrende sich regelmäßig Eingang in
das verschafft, wodurch es abgewehrt wird.Wenn behauptet wird, daß die Zwangsgedanken eine Ent-
stellung erfahren haben ähnlich wie die Traumgedanken, ehe
sie zum Trauminhalte werden, so darf uns die Technik dieser
Entstellung interessieren, und es stünde nichts im Wege, die
verschiedenen Mittel derselben an einer Reihe von übersetzten
und verstandenen Zwangsideen darzulegen. Auch hiervon kann
ich aber unter den Bedingungen dieser Publikation nur einzelne
Proben geben. Nicht alle Zwangsideen unseres Patienten waren
so kompliziert gebaut und so schwer aufzuschließen wie die
große Rattenvorstellung. Bei anderen war eine sehr einfache
Technik gebraucht worden, die der Entstellung durch Aus-S.
179
lassung – Ellipse – , die beim Witz so vorzügliche Anwendung
findet, aber auch hier ihre Schuldigkeit als Schutzmittel gegen
das Verständnis tat.Eine seiner ältesten und beliebtesten Zwangs-
ideen (vom Wert einer Mahnung oder Warnung) lautete z. B.: Wenn ich
die Dame heirate, geschieht dem Vater ein Unglück
(im Jenseits). Setzen wir die übersprungenen und aus der
Analyse bekannten Zwischenglieder ein, so lautet der Gedanken-
gang: Wenn der Vater lebte, so würde er über meinen Vorsatz,
die Dame zu heiraten, ebenso wütend werden wie damals in
der Kinderszene, so daß ich wiederum eine Wut gegen ihn
bekäme und ihm alles Böse wünschte, was sich kraft der All-
macht1) meiner Wünsche an ihm erfüllen müßte.Oder ein anderer Fall von elliptischer Auflösung, gleich-
falls einer Warnung oder eines asketischen Verbotes. Er hatte
eine herzige kleine Nichte, die er sehr liebte. Eines Tages
bekam er die Idee: Wenn du dir einen Koitus gestattest,
wird der Ella ein Unglück geschehen (sterben). Mit Ein-
setzung des Ausgelassenen: Bei jedem Koitus, auch mit einer
Fremden, mußt du doch daran denken, daß der Sexualverkehr
in deiner Ehe nie ein Kind zur Folge haben wird (die Sterilität
seiner Geliebten). Das wird dir so leid tun, daß du auf die
kleine Ella neidisch werden und der Schwester das Kind nicht
gönnen wirst. Diese neidischen Regungen müssen den Tod des
Kindes zur Folge haben2).Die elliptische Entstellungstechnik scheint für die Zwangs-
neurose typisch zu sein; ich bin ihr auch bei den Zwangsge-1)Über diese Allmacht siehe später.
2)An die Verwendung der Auslassungstechnik beim Witz will ich
durch einige Beispiele erinnern, die ich einer Schrift von mir entnehme.
[Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten, 1905, S. 62.] „In Wien
lebt ein geistreicher und kampflustiger Schriftsteller, der sich durch die
Schärfe seiner Invektive wiederholt körperliche Mißhandlungen von seiten
der Angegriffenen zugezogen hat. Als einmal eine neue Missetat eines seiner
habituellen Gegner beredet wurde, äußerte ein Dritter: Wenn der X. das
hört, bekommt er eine Ohrfeige…. Der Widersinn vergeht, wenn
man in die Lücke einsetzt: Dann schreibt er einen so bissigen
Artikel gegen den Betreffenden, daß usw.“ – Dieser elliptische
Witz zeigt auch inhaltliche Übereinstimmung mit dem obigen ersten
Beispiel.S.
180
danken anderer Patienten begegnet. Besonders durchsichtig und
durch eine gewisse Ähnlichkeit mit der Struktur der Ratten-
vorstellung interessant war ein Fall von Zweifel bei einer
wesentlich an Zwangshandlungen leidenden Dame. Sie ging mit
ihrem Manne in Nürnberg spazieren und ließ sich von ihm in einen
Laden begleiten, in dem sie verschiedene Gegenstände für ihr
Kind, darunter auch einen Kamm, einkaufte. Der Mann, dem
das Wählen zu lange dauerte, gab an, er habe auf dem Wege
einige Münzen bei einem Antiquar gesehen, die er erwerben
wolle; er werde sie nach dem Kaufe aus diesem Laden ab-
holen. Er blieb aber nach ihrer Schätzung viel zu lange aus. Als
er wiederkam und auf die Frage, wo er sich aufgehalten, ant-
wortete: Eben bei jenem Antiquar, bekam sie in demselben
Momente den quälenden Zweifel, ob sie den fürs Kind ge-
kauften Kamm nicht vielmehr seit jeher besessen habe. Natürlich
verstand sie den simpeln Zusammenhang nicht aufzudecken. Wir
können gar nicht anders als diesen Zweifel für einen ver-
schobenen erklären und den vollständigen unbewußten Gedanken
in folgender Art konstruieren: Wenn es wahr ist, daß du nur
beim Antiquar warst, wenn ich das glauben soll, dann kann
ich ebenso glauben, daß ich diesen eben gekauften Kamm
schon seit Jahren besitze. Also eine höhnische persiflierende
Gleichstellung, ähnlich wie der Gedanke unseres Patienten: Ja
so gewiß die Beiden (Vater und Dame) Kinder bekommen
werden, so gewiß werde ich dem A. das Geld zurückgeben. Bei
der Dame hing der Zweifel an der ihr unbewußten Eifersucht,
die sie annehmen ließ, ihr Mann habe das Intervall zu einem
galanten Besuch benutzt.Eine psychologische Würdigung des Zwangsdenkens ver-
suche ich diesmal nicht zu unternehmen. Sie würde außer-
ordentlich wertvolle Ergebnisse bringen und zur Klärung unserer
Einsichten in das Wesen des Bewußten und Unbewußten mehr
leisten als das Studium der Hysterie und der hypnotischen
Erscheinungen. Es wäre sehr wünschenswert, daß die Philosophen
und Psychologen, welche vom Hörensagen her oder aus ihren
konventionellen Definitionen scharfsinnige Lehren über das Un-
bewußte entwickeln, sich vorher die entscheidenden Eindrücke
aus den Erscheinungen des Zwangsdenkens holten; man könnteS.
181
es beinahe fordern, wenn es nicht soviel mühseliger wäre als
die ihnen sonst vertrauten Arbeitsweisen. Ich werde hier nur
noch anführen, daß bei der Zwangsneurose gelegentlich die un-
bewußten seelischen Vorgänge in reinster, unentstellter Form
zum Bewußten durchbrechen, daß der Durchbruch von den
verschiedensten Stadien des unbewußten Denkprozesses her er-
folgen kann, und daß die Zwangsvorstellungen im Momente
des Durchbruches’ meist als längst bestehende Bildungen er-
kannt werden können. Daher die auffällige Erscheinung, daß
der Zwangskranke, wenn man mit ihm dem ersten Auftreten
einer Zwangsidee nachforscht, dieselbe im Laufe der Analyse
immer weiter nach rückwärts verlegen muß, immer neue erste
Veranlassungen für sie findet.b) Einige psychische Besonderheiten der Zwangskranken. –
Ihr Verhältniß zur Realität, zum Aberglauben und zum Tod.Ich habe hier einige seelische Charaktere der Zwangskranken
zu behandeln, welche an sich nicht wichtig scheinen, aber auf
dem Wege zum Verständnisse von Wichtigerem liegen. Sie
waren bei meinem Patienten sehr deutlich ausgesprochen, –
ich weiß aber, daß sie nicht seiner Individualität, sondern
seinem Leiden zuzurechnen sind und sich in ganz typischer
Weise bei anderen Zwangskranken wiederfinden.Unser Patient war in hohem Grade abergläubisch, und
dies zwar, obwohl er ein hochgebildeter, aufgeklärter Mann von
bedeutendem Scharfsinn war und zuzeiten versichern konnte,
daß er von all dem Plunder nichts für wahr halte. Er war also
abergläubisch und war es doch nicht und unterschied sich doch
deutlich von den ungebildeten Abergläubischen, die sich eins
mit ihrem Glauben fühlen. Er schien zu verstehen, daß sein
Aberglaube von seinem Zwangsdenken abhing, obwohl er sich
zuweilen voll zu ihm bekannte. Ein so widerspruchsvolles und
schwankendes Benehmen läßt sich am ehesten unter dem
Gesichtswinkel eines bestimmten Erklärungsversuches erfassen.
Ich habe nicht gezögert anzunehmen, daß er betreffs dieser
Dinge zwei verschiedene und entgegengesetzte Überzeugungen
hatte und nicht etwa eine noch unfertige Meinung. ZwischenS.
182
diesen beiden Meinungen oszillierte er dann in sichtbarer
Abhängigkeit von seiner sonstigen Stellung zum Zwangsleiden.
Sowie er eines Zwanges Herr geworden war, belächelte er seine
Leichtgläubigkeit mit überlegenem Verständniß, und es ereignete
sich ihm nichts, was ihn hätte erschüttern können, und sobald
er wieder unter die Herrschaft eines ungelösten Zwanges – oder
was gleichwerthig ist: eines Widerstandes – gekommen war,
erlebte er die sonderbarsten Zufälle, welche der gläubigen
Ueberzeugung zu Hilfe kamen.Sein Aberglaube war immerhin der eines gebildeten Mannes
und sah von Abgeschmacktheiten, wie die Angst vor dem Freitag,
vor der Zahl 13 u. dgl., ab. Er glaubte aber an Vorzeichen, an
prophetische Träume, begegnete beständig jenen Personen, mit
denen er sich unerklärlicherweise eben beschäftigt hatte, und
erhielt Briefe von Korrespondenten, die sich ihm nach den
längsten Pausen plötzlich in geistige Erinnerung gebracht hatten.
Dabei war er rechtschaffen genug oder vielmehr so weit seiner
offiziellen Ueberzeugung getreu, daß er Fälle nicht vergessen
hatte, in denen die intensivsten Ahnungen zu nichts gekommen
waren, z. B. einmal als er sich in den Sommeraufenthalt begab,
die sichere Ahnung, er werde nicht mehr lebend nach Wien
zurückkehren. Auch gab er zu, daß die größte Mehrzahl der
Vorzeichen Dinge betrafen, die keine besondere Bedeutung für
seine Person hatten, und daß, wenn er einem Bekannten be-
gegnete, an den er sehr lange nicht und gerade wenige Momente
vorher gedacht hatte, sich zwischen diesem wundersam Erschauten
und ihm weiter nichts zutrug. Natürlich war er auch nicht
imstande, es in Abrede zu stellen, daß alles Bedeutsame seines
Lebens sich ohne Vorzeichen zugetragen hatte, sowie er z. B.
vom Tode des Vaters ahnungslos überrascht worden war. Aber
alle solche Argumente änderten an dem Zwiespalt seiner Ueber-
zeugungen nichts und erwiesen nur den Zwangscharakter seines
Aberglaubens, der bereits aus dessen mit dem Widerstand gleich-
sinnigen Schwankungen zu erschließen war.Ich war natürlich nicht in der Lage, alle seine älteren
Wundergeschichten rationell aufzuklären, aber für das, was
sich von ähnlichen Dingen während der Zeit der Behandlung
ereignete, konnte ich ihm nachweisen, daß er selbst beständigS.
183
an der Fabrikation der Wunder betheiligt sei, und welcher Mittel
er sich dabei bediene. Er arbeitete mit dem indirekten Sehen
und Lesen, mit Vergessen und vor allem mit Gedächtnißtäuschungen.
Am Ende half er mir selbst die kleinen Taschenspielerkünste
aufdecken, durch welche jene Wunder gemacht wurden. Als
interessante infantile Wurzel seines Glaubens an das Eintreffen
von Ahnungen und von Vorhersagen ergab sich einmal die
Erinnerung, daß die Mutter so oft, wenn ein Termin gewählt
werden sollte, gesagt hatte: An dem und dem Tage kann ich
nicht; da werde ich liegen müssen. Und wirklich lag sie an dem
angekündigten Tage jedesmal zu Bett!Unverkennbar, daß es ihm ein Bedürfniß war, im Erleben
solche Stützpunkte für seinen Aberglauben zu finden, daß er
darum die bekannten unerklärlichen Zufälligkeiten des Alltags
so sehr beachtete und mit dem unbewußten Tun nachhalf, wo
diese nicht ausreichten. Dies Bedürfniß habe ich bei vielen
anderen Zwangskranken gefunden und vermute es bei noch
mehreren. Es scheint mir aus dem psychologischen Charakter
der Zwangsneurose gut erklärlich. Wie ich vorhin (S. 156) aus-
einandergesetzt, erfolgt bei dieser Störung die Verdrängung nicht
durch Amnesie, sondern durch Zerreißung von kausalen Zu-
sammenhängen infolge von Affektenziehung. Eine gewisse
mahnende Kraft – die ich an anderer Stelle mit einer ent-
optischen Wahrnehmung verglichen habe1) – scheint nun
diesen verdrängten Beziehungen zu verbleiben, so daß sie auf
dem Wege der Projektion in die Außenwelt eingetragen werden
und dort Zeugnis ablegen für das im Psychischen Unterbliebene.Ein anderes den Zwangskranken gemeinsames seelisches
Bedürfniß, das mit dem eben erwähnten eine gewisse Verwandt-
schaft hat und dessen Verfolgung tief in die Trieberforschung
führt, ist das nach der Unsicherheit im Leben oder nach dem
Zweifel. Die Herstellung der Unsicherheit ist eine der Methoden,
welche die Neurose anwendet, um den Kranken aus der Realität
zu ziehen und von der Welt zu isolieren, was ja in der Tendenz
jeder psychoneurotischen Störung liegt. Es ist wiederum über-
deutlich, wieviel die Kranken dazutun, um einer Sicherheit
1)Zur Psychopathologie des Alltagslebens, S. 117, 2. Aufl., 1907.
S.
184
auszuweichen und in einem Zweifel verharren zu können; ja,
bei einigen findet diese Tendenz einen lebendigen Ausdruck in
ihrer Abneigung gegen – Uhren, die wenigstens die Zeit
bestimmung sichern, und in ihren unbewußt ausgeführten Kunst-
stückchen, jedes solche den Zweifel ausschließende Instrument
unschädlich zu machen. Unser Patient hatte eine besondere
Geschicklichkeit in der Vermeidung von Auskünften entwickelt,
welche einer Entscheidung in seinem Konflikt förderlich ge-
wesen wären. So war er über die für die Eheschließung maß-
gebendsten Verhältnisse seiner Geliebten nicht aufgeklärt, wußte
angeblich nicht zu sagen, wer die Operation an ihr ausgeführt,
und ob sie ein- oder doppelseitig gewesen sei. Er wurde dazu
verhalten, das Vergessene zu erinnern und das Vernachlässigte
zu erkunden.Die Vorliebe der Zwangskranken für die Unsicherheit
und den Zweifel wird für sie zum Motiv, um ihre Gedanken
vorzugsweise an jene Themen zu heften, wo die Unsicherheit
eine allgemein menschliche ist, unser Wissen oder unser Urteil
durch Notwendigkeit dem Zweifel ausgesetzt bleiben mußte.
Solche Themen sind vor allem: Die Abstammung vom Vater,
die Lebensdauer, das Leben nach dem Tode und das Gedächtnis,
dem wir ja Glauben zu schenken pflegen, ohne für seine Ver-
läßlichkeit die mindeste Gewähr zu besitzen1).Der Unsicherheit des Gedächtnisses bedient sich die Zwangs-
neurose in ausgiebigster Weise zur Symptombildung; welche
Rolle Lebensdauer und Jenseits inhaltlich im Denken der
Kranken spielen, werden wir bald erfahren. Ich will als passendsten
1)Lichtenberg: „Ob der Mond bewohnt ist, weiß der Astronom
ungefähr mit der Zuverlässigkeit, mit der er weiß, wer sein Vater war,
aber nicht mit der, woher er weiß, wer seine Mutter gewesen ist.“ – Es
war ein großer Kulturfortschritt, als die Menschen sich entschlossen, den
Schluß neben das Zeugnis der Sinne zu stellen und vom Mutterrecht zum
Vaterrecht überzugehen. – Prähistorische Figuren, in denen eine kleinere
Gestalt auf dem Kopfe einer größeren sitzt, stellen die Abstammung vom
Vater dar; die mutterlose Athene entspringt aus dem Haupte des Zeus.
Noch in unserer Sprache heißt der Zeuge vor Gericht, der etwas beglaubigt,
nach dem männlichen Anteil am Geschäfte der Fortpflanzung, und schon
in den Hieroglyphen wird der Zeuge mit dem Bilde der männlichen
Genitalien geschrieben.S.
185
Übergang vorher noch jenen Zug des Aberglaubens bei unserem
Patienten besprechen, dessen Erwähnung an einer früheren
Stelle (S. 179) gewiß bei mehr als einem Leser Befremden
erregt haben wird.Ich meine die von ihm behauptete Allmacht seiner Ge-
danken und Gefühle, guten und bösen Wünsche. Die Versuchung,
diese Idee für einen Wahn zu erklären, welcher das Maß der
Zwangneurose überschreitet, ist gewiß nicht gering; allein ich
habe dieselbe Überzeugung bei einem andern Zwangskranken
gefunden, der seit langem hergestellt ist und sich normal betätigt,
und eigentlich benehmen sich alle Zwangsneurotiker so, als ob
sie diese Überzeugung teilten. Es wird unsere Aufgabe sein, diese
Überschätzung aufzuklären. Nehmen wir ohneweiters an, daß
in diesem Glauben ein Stück des alten Kindergrößenwahnes
ehrlich eingestanden wird, und befragen wir unseren Patienten,
worauf er seine Überzeugung stützt. Er antwortet mit der Be-
rufung auf zwei Erlebnisse. Als er zum zweitenmal in jene
Wasserheilanstalt kam, in welcher er die erste und einzige Be-
einflussung seines Leidens erfahren hatte, verlangte er das näm-
liche Zimmer wieder, welches seine Beziehungen zu einer der
Pflegerinnen durch seine Lage begünstigt hatte. Er erhielt die
Antwort: das Zimmer sei schon vergeben, ein alter Professor habe
es bereits bezogen, und er reagiert auf diese, seine Kuraussichten
sehr herabsetzende Nachricht mit den unfreundlichen Worten:
„Dafür soll ihn aber der Schlag treffen.“ Vierzehn Tage später
erwachte er aus dem Schlaf, durch die Vorstellung einer Leiche
gestört, und am Morgen hörte er, daß den Professor wirklich
der Schlag getroffen, und daß man ihn etwa um die Zeit seines
Erwachens aufs Zimmer gebracht habe. Das andere Erlebnis
betraf ein älteres, sehr liebebedürftiges Mädchen, welches sich
sehr entgegenkommend gegen ihn benahm und ihn einmal direkt
befragte, ob er sie nicht lieb haben könne. Er gab eine aus-
weichende Antwort; wenige Tage nachher hörte er, daß sich
das Mädchen aus dem Fenster gestürzt habe. Er machte sich
nun Vorwürfe und sagte sich, es wäre in seiner Macht gelegen,
sie am Leben zu erhalten, wenn er ihr seine Liebe geschenkt
hätte. Auf solche Weise gewann er die Überzeugung von der
Allmacht seiner Liebe und seines Hasses. Ohne die AllmachtS.
186
der Liebe zu leugnen, wollen wir hervorheben, daß es sich in
beiden Fällen um den Tod handelt, und werden uns der nahe
liegenden Erklärung anschließen, daß unser Patient wie andere
Zwangskranke gezwungen ist, die Wirkung seiner feindseligen
Gefühle in der Außenwelt zu überschätzen, weil seiner bewußten
Kenntnis ein großes Stück der innern psychischen Wirkung
derselben Gefühle entgeht. Seine Liebe – oder vielmehr sein
Haß – sind wirklich übermächtig; sie schaffen gerade jene
Zwangsgedanken, deren Herkunft er nicht versteht, und gegen die
er sich erfolglos wehrt.Zum Thema des Todes hatte unser Patient ein ganz be-
sonderes Verhältnis. Er nahm an allen Todesfällen warmen
Anteil, beteiligte sich pietätvoll an den Leichenbegängnissen,
so daß er von den Geschwistern spöttisch der Leichenvogel
genannt werden konnte; er brachte aber auch in der Phantasie
beständig Leute um, um herzliche Teilnahme mit den Hinter-
bliebenen zu äußern. Der Tod einer älteren Schwester, als er
zwischen 3 und 4 Jahren alt war, spielte in seinen Phantasien
eine große Rolle und war in die innigste Beziehung zu den
kindlichen Missetaten jener Jahre gebracht worden. Wir wissen
ferner, wie frühzeitig der Gedanke an den Tod des Vaters ihn
beschäftigt hatte, und dürfen seine Erkrankung selbst als Re-
aktion auf dieses 15 Jahre vorher im Zwange gewünschte
Ereignis auffassen. Nichts anderes als eine Kompensation für
diese Todeswünsche gegen den Vater ist die befremdliche Er-
streckung seiner Zwangsbeſürchtungen auf das „Jenseits“. Sie
wurde eingeführt, als die Trauer um den verstorbenen Vater
11/2 Jahre später eine Auffrischung erfuhr, und sollte, der
Realität zum Trotze und dem Wunsche, der sich vorher in
allerlei Phantasien versucht hatte, zuliebe, den Tod des Vaters
wieder aufheben. Wir haben den Zusatz „im Jenseits“ an mehreren
Stellen (S. 176, 179) übersetzen gelernt mit den Worten: „wenn
der Vater noch lebte“.Aber nicht viel anders als unser Patient benehmen sich
andere Zwangskranke, denen das Schicksal nicht ein erstes Zu-
sammentreffen mit dem Phänomen des Todes in so frühen Jahren
beschieden hat. Ihre Gedanken beschäftigen sich unausgesetzt
mit der Lebensdauer und der Todesmöglichkeit anderer, ihreS.
187
abergläubischen Neigungen hatten zuerst keinen andern Inhalt
und haben vielleicht überhaupt keine andere Herkunft. Vor allem
aber bedürfen sie der Todesmöglichkeit zur Lösung der von
ihnen ungelöst gelassenen Konflikte. Ihr wesentlicher Charakter
ist, daß sie der Entscheidung zumal in Liebessachen unfähig
sind; sie trachten jede Entscheidung hinauszuschieben und im
Zweifel, für welche Person oder für welche Maßregel gegen
eine Person sie die Entscheidung treffen sollen, muß das alte
deutsche Reichsgericht ihr Vorbild werden, dessen Prozesse
gewöhnlich durch den Tod der streitenden Parteien vor dem
Richterspruch beendigt wurden. So lauern sie in jedem Lebens-
konflikt auf den Tod einer für sie bedeutsamen, zumeist einer
geliebten Person, sei es eines Teiles der Eltern, sei es eines
Nebenbuhlers oder eines der Liebesobjekte, zwischen denen ihre
Neigung schwankt. Mit dieser Würdigung des Todeskomplexes
bei der Zwangsneurose streifen wir aber bereits an das Trieb-
leben der Zwangskranken, das uns nun beschäftigen soll.c) Das Triebleben und die Ableitung von Zwang und Zweifel.
Wenn wir zur Kenntnis der psychischen Kräfte gelangen
wollen, deren Gegenspiel diese Neurose aufgebaut hat, so müssen
wir auf das zurückgreifen, was wir bei unserem Patienten über
die Anlässe seiner Erkrankung im reifen Alter und in der
Kindheit erfahren haben. Er erkrankte in den zwanziger Jahren,
als er vor die Versuchung gestellt wurde, ein anderes Mädchen
als die von ihm längst Geliebte zu heiraten, und entzog sich
der Entscheidung dieses Konfliktes durch Aufschub aller für
deren Vorbereitung erforderlichen Tätigkeiten, wozu ihm die
Neurose die Mittel lieferte. Das Schwanken zwischen der Ge-
liebten und der andern läßt sich auf den Konflikt zwischen
dem Einfluß des Vaters und der Liebe zur Dame reduzieren,
also auf eine Konfliktwahl zwischen Vater und Sexualobjekt,
wie sie den Erinnerungen und Zwangseinfällen zufolge schon
in früher Kindheit bestanden hatte. Überdies ist durch sein
ganzes Leben unverkennbar, daß in bezug auf seine Geliebte
wie auf seinen Vater ein Widerstreit zwischen Liebe und Haß
bei ihm bestand. Rachephantasien und ZwangserscheinungenS.
188
wie der Verstehzwang oder die Hantierung mit dem Steine auf
der Landstraße bezeugen diesen Zwiespalt in ihm, der bis zu
einem gewissen Grade normal verständlich war, denn die Ge-
liebte hatte ihm durch eine erste Abweisung und durch spätere
Kühle Grund zu feindseligen Gefühlen gegeben. Aber die gleiche
Zwiespältigkeit der Gefühle beherrschte, wie wir durch die Über-
setzung seiner Zwangsgedanken erfahren haben, sein Verhältnis
zum Vater, und auch der Vater mußte ihm in Kinderzeiten
Grund zur Feindseligkeit gegeben haben, wie wir fast mit
Sicherheit feststellen konnten. Sein aus Zärtlichkeit und Feind-
seligkeit zusammengesetztes Verhältnis zur Geliebten fiel zum
großen Teile in seine bewußte Wahrnehmung. Er täuschte sich
höchstens über das Maß und über den Ausdruck des negativen
Gefühles, hingegen war die einst intensiv bewußt gewesene
Feindseligkeit gegen den Vater ihm längst entrückt, und konnte
nur gegen seinen heftigsten Widerstand ins Bewußtsein zurück-
gebracht werden. In der Verdrängung des infantilen Hasses
gegen den Vater erblicken wir jenen Vorgang, welcher alles
weitere Geschehen in den Rahmen der Neurose zwang.Die einzeln bei unserem Patienten aufgezählten Gefühls-
konflikte sind nicht unabhängig voneinander, sondern paarig
miteinander verlötet. Der Haß gegen die Geliebte mußte sich
zur Anhänglichkeit an den Vater summieren und umgekehrt.
Aber die zwei Konfliktströmungen, die nach dieser Vereinfachung
übrigen, der Gegensatz zwischen dem Vater und der Geliebten
und der Widerspruch von Liebe und Haß in jedem einzelnen
Verhältnisse haben inhaltlich wie genetisch nichts miteinander
zu schaffen. Der erste der beiden Konflikte entspricht dem
normalen Schwanken zwischen Mann und Weib als Objekten
der Liebeswahl, welches dem Kinde zuerst in der berühmten
Frage nahe gebracht wird: Wen hast du lieber, Papa oder
Mama?, und das ihn dann durchs Leben begleitet trotz aller
Verschiedenheiten in der Ausbildung der Empfindungsintensitäten
und in der Fixierung der endgültigen Sexualziele. Nur verliert
diese Gegensätzlichkeit normalerweise bald den Charakter des
scharfen Widerspruches, des unerbittlichen Entweder – oder:
es wird Raum für die ungleichen Ansprüche beider Teile ge-
schaffen, obwohl auch beim Normalen jederzeit die WertschätzungS.
189
des einen Geschlechtes durch die Entwerfung des anderen ge-
hoben wird.Fremdartiger berührt uns der andere der Konflikte, der
zwischen Liebe und Haß. Wir wissen, daß beginnende Ver-
liebtheit häufig als Haß wahrgenommen wird, daß Liebe, der
die Befriedigung versagt ist, sich leicht zum Teil in Haß um-
setzt, und hören von den Dichtern, daß in stürmischen Stadien
der Verliebtheit beide gegensätzliche Gefühle eine Zeitlang
nebeneinander wie im Wettstreite bestehen können. Aber ein
chronisches Nebeneinander von Liebe und Haß gegen dieselbe
Person, beide Gefühle von höchster Intensität, setzt uns in
Erstaunen. Wir hätten erwartet, daß die große Liebe längst
den Haß überwunden hätte oder von ihm aufgezehrt worden
wäre. Wirklich ist ein solcher Fortbestand der Gegensätze nur
unter besonderen psychologischen Bedingungen und durch Mit-
wirkung des unbewußten Zustandes möglich. Die Liebe hat
den Haß nicht auslöschen, sondern nur ins Unbewußte drängen
können, und im Unbewußten kann er, gegen die Aufhebung
durch die Bewußtseinswirkung geschützt, sich erhalten und
selbst wachsen. Die bewußte Liebe pflegt unter diesen Um-
ständen reaktionsweise zu einer besonders hohen Intensität an-
zuschwellen, damit sie der ihr konstant auferlegten Arbeit
gewachsen sei, ihr Gegenspiel in der Verdrängung zurückzu-
halten. Eine sehr frühzeitig, in den prähistorischen Kindheits-
jahren erfolgte Scheidung der beiden Gegensätze mit Ver-
drängung des einen Anteiles, gewöhnlich des Hasses, scheint
die Bedingung dieser befremdenden Konstellation des Liebes-
lebens zu sein1).Wenn man eine Anzahl von Analysen Zwangskranker
überschaut, so muß man den Eindruck gewinnen, daß ein solches
Verhalten von Liebe und Haß wie bei unserem Patienten zu
den häufigsten, ausgesprochensten und darum wahrscheinlich
bedeutsamsten Charakteren der Zwangsneurose gehört. Aber so
verlockend es wäre, das Problem der „Neurosenwahl“ auf das
Triebleben zu beziehen, man hat doch Gründe genug, dieser
Versuchung aus dem Wege zu gehen, und muß sich sagen, daß1)Vgl. Die Erörterungen hierüber in einer der ersten Sitzungen.
S.
190
man bei allen Neurosen die nämlichen unterdrückten Triebe
als Symptomträger aufdeckt. Der von der Liebe in der Unter-
drückung des Unbewußten zurückgehaltene Haß spielt doch
auch eine große Rolle in der Pathogenese der Hysterie und
der Paranoia. Wir kennen das Wesen der Liebe zu wenig, um
hier eine bestimmte Entscheidung zu treffen; insbesondere das
Verhältnis ihres negativen Faktors1) zur sadistischen Kom-
ponente der Libido ist völlig ungeklärt. Es hat daher etwa den
Wert einer vorläufigen Auskunft, wenn wir sagen: in den be-
sprochenen Fällen von unbewußtem Hasse sei die sadistische
Komponente der Liebe konstitutionell besonders stark ent-
wickelt gewesen, habe darum eine vorzeitige und allzu gründ-
liche Unterdrückung erfahren, und nun leiten sich die be-
obachteten Phänomene der Neurose einerseits von der durch
Reaktion in die Höhe getriebenen bewußten Zärtlichkeit, ander-
seits von dem im Unbewußten als Haß fortwirkenden Sa-
dismus ab.Wie immer aber dies merkwürdige Verhalten von Liebe
und Haß zu verstehen sein mag, sein Vorkommen ist durch die
Beobachtung an unserem Patienten über jeden Zweifel er-
haben, und es ist erfreulich zu sehen, wie leicht begreiflich nun
die rätselhaften Vorgänge der Zwangsneurose durch die Be-
ziehung auf dieses eine Moment werden. Steht einer intensiven
Liebe ein fast ebenso starker Haß bindend entgegen, so muß
die nächste Folge eine partielle Willenslähmung sein, eine Un-
fähigkeit zur Entschließung in all den Aktionen, für welche die
Liebe das treibende Motiv sein soll. Aber die Unentschlossenheit
bleibt nicht lange auf eine Gruppe von Handlungen beschränkt.
Denn erstens, welche Handlungen eines Liebenden träten nicht
mit seinem Hauptmotiv in Beziehung? Zweitens kommt dem
sexuellen Verhalten eine vorbildliche Macht zu, mit der es um-
formend auf die übrigen Reaktionen eines Menschen wirkt, und
drittens liegt es im psychologischen Charakter der Zwang-
neurose, von dem Mechanismus der Verschiebung den aus-1) „Ja oft habe ich den Wunsch, ihn nicht mehr unter den Lebenden
zu sehen. Und doch wenn das je einträfe, ich weiß, ich würde noch viel
unglücklicher sein, so wehrlos, so ganz wehrlos, bin ich gegen ihn,“ sagt
Alkibiades über den Sokrates im Symposion (übersetzt von R. Kassner).S.
191
giebigsten Gebrauch zu machen. So breitet sich die Entschluß
lähmung allmählich über das gesammte Tun des Menschen
aus1).Damit ist die Herrschaft von Zwang und Zweifel,
wie sie uns im Seelenleben der Zwangskranken entgegen-
treten, gegeben. Der Zweifel entspricht der innern Wahr-
nehmung der Unentschlossenheit, welche, infolge der Hemmung
der Liebe durch den Haß, bei jeder beabsichtigten Handlung
sich des Kranken bemächtigt. Er ist eigentlich ein Zweifel an
der Liebe, die ja das subjektiv Sicherste sein sollte, der auf
alles übrige diffundiert und sich vorzugsweise auf das in-
differenteste Kleinste verschoben hat. Wer an seiner Liebe
zweifelt, darf, muß doch auch an allem andern, geringeren,
zweifeln2)?Es ist derselbe Zweifel, der bei den Schutzmaßregeln zur
Unsicherheit und zur fortgesetzten Wiederholung führt, um
diese Unsicherheit zu bannen, der es endlich zustande bringt,
daß diese Schutzhandlungen ebenso unvollziehbar werden wie
die ursprünglich gehemmte Liebesentschließung. Ich mußte an-
fangs meiner Erfahrungen eine andere und allgemeinere Ab-
leitung der Unsicherheit bei den Zwangskranken annehmen, die
sich näher an die Norm anzuschließen schien. Wenn ich z. B.
während der Abfassung eines Briefes durch Zwischenfragen
einer andern Person gestört worden bin, so empfinde ich her-
nach eine berechtigte Unsicherheit, was ich wohl unter dem
Einflusse der Störung geschrieben haben mag, und ich bin ge-
nötigt, zur Sicherheit den Brief, nachdem er fertig geworden
ist, nochmals durchzulesen. So konnte ich auch meinen, daß
die Unsicherheit der Zwangskranken, z. B. bei ihren Gebeten,
daher rühre, daß sich ihnen unaufhörlich unbewußte Phantasien
als Störer in die Tätigkeit des Betens mengten. Diese Annahme
war richtig und ist doch leicht mit unserer früheren Behauptung1)Vgl. Die Darstellung durch ein Kleinstes als Witztechnik, l. c. S. 64.
2)Hamlets Liebesverse an Ophelia:
„Doubt thou the stars are fire;
Doubt that the sun doth move;
Doubt truth to be a liar;
But never doubt I love.“ (II, 2.)S.
192
zu versöhnen. Es trifft zu, daß die Unsicherheit, eine Schutz-
maßregel vollzogen zu haben, von den störenden unbewußten
Phantasien herrührt, aber diese Phantasien enthalten eben den
gegenteiligen Impuls, der gerade durch das Gebet abgewehrt
werden sollte. Es wird dies einmal überdeutlich bei unserem
Patienten, indem die Störung nicht unbewußt bleibt, sondern
sich laut vernehmen läßt. Wenn er beten will: Gott schütze
sie, so stürzt plötzlich aus dem Unbewußten ein feindseliges:
nicht dazu heraus, und er hat erraten, daß es der Ansatz zu
einem Fluche ist. (S. 154.) Bliebe dieses „nicht“ stumm, so
befände auch er sich im Zustande der Unsicherheit und würde
sein Beten immer mehr verlängern; auf das Lautwerden hin
hat er endlich das Beten aufgegeben. Ehe er das tat, versuchte
er wie andere Zwangskranke allerlei Methoden, um die Ein-
mengung des Gegensatzes hintanzuhalten, die Verkürzung der
Gebete, das beschleunigte Aussprechen derselben; andere be-
mühen sich jede solche Schutzaktion sorgfältig von anderem
zu „isolieren“. Aber alle diese Techniken fruchten auf die
Dauer nichts; hat der liebevolle Impuls in seiner Verschiebung
auf eine geringfügige Handlung etwas durchführen können, so
wird ihm der feindselige bald auch dahinfolgen und sein Werk
wieder aufheben.Wenn dann der Zwangskranke die schwache Stelle in der
Sicherung unseres Seelenlebens, die Unverläßlichkeit des Gedächt-
nisses, entdeckt hat, so kann er mit ihrer Hilfe den Zweifel auf
alles ausdehnen, auch auf bereits vollzogene Handlungen, die
noch nicht in Beziehung zum Liebe-Haß-Komplex standen, und
auf die ganze Vergangenheit. Ich erinnere an das Beispiel jener
Frau, die eben im Laden einen Kamm für ihre kleine Tochter
gekauft hatte, und nach dem Argwohn an ihrem Mann zu
zweifeln begann, ob sie ihn nicht vielmehr schon längst besessen:
Sagt diese Frau nicht direkt: Wenn ich an deiner Liebe zweifeln
kann (und das ist nur eine Projektion ihres Zweifels an der
eigenen Liebe zu ihm), so kann ich auch daran, so kann ich
an allem zweifeln, und gibt so den verborgenen Sinn des neuro-
tischen Zweifels unserem Verständnisse Preis?Der Zwang aber ist ein Versuch zur Kompensation des
Zweifels und zur Korrektur der unerträglichen HemmungszuständeS.
193
von denen der Zweifel Zeugnis ablegt. Ist es endlich mit Hilfe
der Verschiebung gelungen, irgendeinen der gehemmten Vor-
sätze zum Entschluß zu bringen, so muß dieser ausgeführt
werden; es ist freilich nicht der ursprüngliche mehr, aber die
dort aufgestaute Energie wird auf die Gelegenheit, an der
Ersatzhandlung ihre Abfuhr zu finden, nicht mehr verzichten.
Sie äußert sich also in Geboten und Verboten, indem bald
der zärtliche, bald der feindliche Impuls diesen Weg zur
Abfuhr erobert. Die Spannung, wenn das Zwangsgebot nicht
ausgeführt werden soll, ist eine unerträgliche und wird als
höchste Angst wahrgenommen. Aber der Weg selbst zu der
auf ein Kleinstes verschobenen Ersatzhandlung wird so heiß
umstritten, daß diese meist nur als Schutzmaßregel im engsten
Anschlusse an einen abzuwehrenden Impuls durchgesetzt
werden kann.Durch eine Art von Regression treten ferner vorbereitende
Akte an die Stelle der endgültigen Entschließung, das Denken
ersetzt das Handeln, und irgendeine Gedankenvorstufe der Tat
setzt sich mit Zwangsgewalt durch anstatt der Ersatzhandlung.
Je nachdem diese Regression vom Handeln aufs Denken mehr
oder weniger ausgeprägt ist, nimmt der Fall von Zwangsneurose
den Charakter des Zwangsdenkens (Zwangsvorstellung) oder
des Zwangshandelns im engeren Sinne an. Diese eigentlichen
Zwangshandlungen werden aber nur dadurch ermöglicht, daß in
ihnen eine Art Versöhnung der beiden einander bekämpfenden
Impulse in Kompromißbildungen statt hat. Die Zwangshandlungen
nähern sich nämlich immer mehr, und je länger das Leiden
andauert, um so deutlicher, den infantilen Sexualhandlungen
nach Art der Onanie. So ist es bei dieser Form der Neurose
doch zu Liebesakten gekommen, aber nur mit Zuhilfenahme einer
neuen Regression, nicht mehr zu Akten, die einer Person gelten,
dem Objekte von Liebe und Haß, sondern zu autoerotischen
Handlungen wie in der Kindheit.Die erstere Regression, die vom Handeln aufs Denken,
wird durch einen andern an der Entstehung der Neurose be-
teiligten Faktor begünstigt. Ein fast regelmäßiges Vorkommnis
in den Geschichten der Zwangskranken ist das frühzeitige Auf-
treten und die vorzeitige Verdrängung des sexuellen Schau- undS.
194
Wißtriebes, der ja auch bei unserem Patienten ein Stück seiner
infantilen Sexualbetätigung dirigiert1).Wir haben der Bedeutung der sadistischen Komponente
für die Genese der Zwangsneurose bereits gedacht; wo der Wiß-
trieb in der Konstitution des Zwangskranken überwiegt, da wird
das Grübeln zum Hauptsymptome der Neurose. Der Denk-
vorgang selbst wird sexualisiert, indem die sexuelle Lust, die
sich sonst auf den Inhalt des Denkens bezieht, auf den Denk-
akt selbst gewendet wird, und die Befriedigung beim Erreichen
eines Denkergebnisses wird als sexuelle Befriedigung empfunden.
Diese Beziehung des Wißtriebeß zu den Denkvorgängen macht
ihn besonders geeignet, in den verschiedenen Formen der Zwangs-
neurose, an denen er Anteil hat, die Energie, die sich ver-
geblich zur Handlung durchzudringen bemüht, aufs Denken zu
locken, wo sich die Möglichkeit einer andern Art von Lust-
befriedigung bietet. So kann sich mit Hilfe des Wißtriebeß die
Ersatzhandlung durch vorbereitende Denkakte weiter ersetzen.
Der Aufschub im Handeln findet aber bald seinen Ersatz
durch das Verweilen im Denken, und der ganze Prozeß ist
schließlich mit Erhaltung all seiner Eigentümlichkeiten auf ein
neues Gebiet übersetzt, wie die Amerikaner ein Haus zu „moven“
vermögen.Ich würde mich nun getrauen, den lange gesuchten psycho-
logischen Charakter, der den Produkten der Zwangsneurose das
„Zwangsartige“ verleiht, in Anlehnung an die oben stehenden
Erörterungen zu bestimmen. Zwanghaft werden solche Denkvor-
gänge, welche (infolge der Gegensatzhemmung am motorischen
Ende der Denksysteme) mit einem – qualitativ wie quantitativ
– sonst nur für das Handeln bestimmten Energieaufwand unter-
nommen werden, also Gedanken, die regressiv Taten ver-
treten müssen. Die Annahme wird wohl keinen Widerspruch
erfahren, daß das Denken sonst aus ökonomischen Gründen mit
kleineren Energieverschiebungen (wahrscheinlich auf höherem
Niveau) betrieben wird als das zur Abfuhr und zur Veränderung
der Außenwelt bestimmte Handeln.1)Hiermit hängt wahrscheinlich auch die im Durchschnitt recht große
intellektuelle Begabung der Zwangskranken zusammen.S.
195
Was als Zwangsgendanke überstark zum Bewußtsein durch
gedrungen ist, muß nun gegen die auflösenden Bemühungen
des bewußten Denkens versichert werden. Wir wissen bereits,
daß dieser Schutz durch die Entstellung erreicht wird,
welche der Zwangsgedanke vor seinem Bewußtwerden er-
fahren hat. Doch ist dies nicht das einzige Mittel. Über-
dies wird selten versäumt, die einzelne Zwangsidee der Situation
ihrer Entstehung zu entrücken, in welcher sie trotz der Ent-
stellung am leichtesten dem Verständnisse zugänglich wäre. In
dieser Absicht wird einerseits ein Intervall zwischen die
pathogene Situation und die abfolgende Zwangsidee ein-
geschoben, welches die Kausalerforschungen des Bewußten
irre führt; anderseits wird der Inhalt der Zwangsidee durch
Verallgemeinerung aus seinen speziellen Beziehungen gelöst.Ein Beispiel hierfür gibt unser Patient im „Verstehzwan-
ge“ (S. 151); ein besseres vielleicht eine andere Kranke, die sich
verbot, irgendwelchen Schmuck zu tragen, obwohl die Veran-
lassung auf ein einziges Schmuckstück zurückging, um welches
sie ihre Mutter beneidet hatte, und von dem sie hoffte, es würde
ihr dereinst durch Erbschaft zufallen. Endlich dient noch zum
Schutze der Zwangsidee gegen die bewußte Lösungsarbeit der
unbestimmt oder zweideutig gewählte Wortlaut, wenn man diesen
von der inhaltlichen Entstellung absondern will. Dieser mißver-
standene Wortlaut kann nun in die Delirien eingehen und die
weiteren Fortbildungen oder Ersetzungen des Zwanges werden
an das Mißverständnis anknüpfen anstatt an den richtigen Text.
Doch kann man beobachten, daß diese Delirien bestrebt
sind, immer wieder neue Beziehungen zu dem nicht im Be-
wußtsein enthaltenen Gehalt und Wortlaut des Zwanges zu
gewinnen.Einer einzigen Bemerkung wegen möchte ich noch zum
Triebleben der Zwangsneurose zurückkehren. Unser Patient
erwies sich auch als ein Riecher, der nach seiner Behauptung
in der Kindheit wie ein Hund jeden Menschen nach dem Geruch
erkannt hatte, und dem auch heute noch Riechwahrnehmungen
mehr sagten als anderen1). Ich habe ähnliches auch bei anderen1)Ich füge hinzu, daß in seinen Kinderjahren starke koprophile
Neigungen gewaltet hatten. Dazu die bereits betonte Analerotik. (S. 169.)S.
196
Neurotikern, Zwangskranken und Hysterikern gefunden und
gelernt, der Rolle einer seit der Kindheit untergegangenen Riech-
lust in der Genese der Neurosen Rechnung zu tragen1). Ganz
allgemein möchte ich die Frage aufwerfen, ob nicht die mit
der Abkehrung des Menschen vom Erdboden unvermeidlich
gewordene Verkümmerung des Geruchsinnes und die so her-
gestellte organische Verdrängung der Riechlust einen guten
Anteil an seiner Befähigung zu neurotischen Erkrankungen
haben kann. Es ergäbe sich ein Verständnis dafür, daß
bei steigender Kultur gerade das Sexualleben die Opfer
der Verdrängung bringen muß. Wir wissen ja längst, welch
inniger Zusammenhang in der tierischen Organisation zwischen
dem Sexualtrieb und der Funktion des Riechorgans her-
gestellt ist.Zum Schlusse dieser Arbeit will ich die Hoffnung aus-
sprechen, daß meine in jedem Sinne unvollständigen Mittei-
lungen wenigstens anderen die Anregung bringen mögen, durch
weitere Vertiefung in das Studium der Zwangsneurose mehr
Zutage zu fördern. Das Charakteristische dieser Neurose, das,
was sie von der Hysterie unterscheidet, ist meines Erachtens
nicht im Triebleben, sondern in den psychologischen Verhält-
nissen zu suchen. Ich kann meinen Patienten nicht verlassen,
ohne dem Eindrucke Worte zu leihen, daß er gleichsam in drei
Persönlichkeiten zerfallen war; ich würde sagen: in eine un-
bewußte und zwei vorbewußte, zwischen denen sein Bewußtsein
oszillieren konnte. Sein Unbewußtes umschloß die frühzeitig
unterdrückten, als leidenschaftlich und böse zu bezeichnenden
Regungen; in seinem Normalzustande war er gut, lebensfroh,
überlegen, klug und aufgeklärt, aber in einer dritten psychischen
Organisation huldigte er dem Aberglauben und der Askese, so
daß er zwei Überzeugungen haben und zweierlei Weltanschau-
ungen vertreten konnte. Diese vorbewußte Person enthielt vor-
wiegend die Reaktionsbildungen auf seine verdrängten Wünsche,
und es war leicht vorherzusehen, daß sie bei weiterem Bestande
der Krankheit die normale Person aufgezehrt hätte. Ich habe1)Z. B. bei gewissen Formen des Fetischismus.
S.
197
jetzt Gelegenheit, eine an schweren Zwangshandlungen leidende
Dame zu studiren, die in ähnlicher Weise in eine tolerante,
heitere und in eine schwer verdüsterte, asketische Persönlichkeit
zerfallen ist, die erstere als ihr offizielles Ich vorschiebt, während
sie von der letzteren beherrscht wird. Beide psychischen Organisa-
tionen haben Zugang zu ihrem Bewußtsein, und hinter der aske-
tischen Person ist das ihr völlig unbekannte Unbewußte ihres
Wesens aufzufinden, bestehend aus uralten, längst verdrängten
Wunschregungen.
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Bemerkungen über einen Fall von Zwangsneurose1909-004/1921
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