• S.

    18

    I

    In einem Kreise von Männern, denen es als ausgemacht gilt,
    daß die wesentlichsten Rätsel des Traumes durch die Bemühung
    des Verfassers1) gelöst worden sind, erwachte eines Tages die
    Neugierde, sich um jene Träume zu kümmern, die überhaupt
    niemals geträumt worden, die von Dichtern geschaffen und er-
    fundenen Personen im Zusammenhange einer Erzählung beigelegt
    werden. Der Vorschlag, diese Gattung von Träumen einer Unter-
    suchung zu unterziehen, mochte müßig und befremdend er-
    scheinen; von einer Seite her konnte man ihn als berechtigt
    hinstellen. Es wird ja keineswegs allgemein geglaubt, daß der
    Traum etwas Sinnvolles und Deutbares ist. Die Wissenschaft und
    die Mehrzahl der Gebildeten lächeln, wenn man ihnen die Auf-
    gabe einer Traumdeutung stellt; nur das am Aberglauben hän-
    gende Volk, das hierin die Überzeugungen des Altertums fortsetzt,
    will von der Deutbarkeit der Träume nicht ablassen, und der
    Verfasser der Traumdeutung hat es gewagt, gegen den Einspruch
    der gestrengen Wissenschaft Partei für die Alten und für den
    Aberglauben zu nehmen. Er ist allerdings weit davon entfernt,
    im Traume eine Ankündigung der Zukunft anzuerkennen, nach
    deren Enthüllung der Mensch seit jeher mit allen unerlaubten
    Mitteln vergeblich strebt. Aber völlig konnte auch er nicht die

    1)Freud, Die Traumdeutung, 1900 [Ges. Schriften, Bd. II].
    Freud, IX.

  • S.

    274

    Beziehung des Traumes zur Zukunft verwerfen, denn nach
    Vollendung einer mühseligen Übersetzungsarbeit erwies sich ihm
    der Traum als ein erfüllt dargestellter Wunsch des Träumers,
    und wer könnte bestreiten, daß Wünsche sich vorwiegend der
    Zukunft zuzuwenden pflegen.

    Ich sagte eben: der Traum sei ein erfüllter Wunsch. Wer
    sich nicht scheut, ein schwieriges Buch durchzuarbeiten, wer
    nicht fordert, daß ein verwickeltes Problem zur Schonung seiner
    Bemühung und auf Kosten von Treue und Wahrheit ihm als
    leicht und einfach vorgehalten werde, der mag in der erwähnten
    „Traumdeutung“ den weitläufigen Beweis für diesen Satz aufsuchen
    und bis dahin die ihm sicherlich aufsteigenden Einwendungen
    gegen die Gleichstellung von Traum und Wunscherfüllung zur
    Seite drängen.

    Aber wir haben weit vorgegriffen. Es handelt sich noch gar
    nicht darum, festzustellen, ob der Sinn eines Traumes in jedem
    Falle durch einen erfüllten Wunsch wiederzugeben sei, oder nicht
    auch ebenso häufig durch eine ängstliche Erwartung, einen Vor-
    satz, eine Überlegung usw. Vielmehr steht erst in Frage, ob
    der Traum überhaupt einen Sinn habe, ob man ihm den Wert
    eines seelischen Vorganges zugestehen solle. Die Wissenschaft ant-
    wortet mit Nein, sie erklärt das Träumen für einen bloß physio-
    logischen Vorgang, hinter dem man also Sinn, Bedeutung, Absicht
    nicht zu suchen brauche. Körperliche Reize spielen während des
    Schlafes auf dem seelischen Instrument und brächten so bald
    diese, bald jene der alles seelischen Zusammenhangs beraubten
    Vorstellungen zum Bewußtsein. Die Träume wären nur Zuckungen,
    nicht aber Ausdrucksbewegungen des Seelenlebens vergleichbar.

    In diesem Streite über die Würdigung des Traumes scheinen
    nun die Dichter auf derselben Seite zu stehen wie die Alten,
    wie das abergläubische Volk und wie der Verfasser der „Traum-
    deutung“. Denn wenn sie die von ihrer Phantasie gestalteten
    Personen träumen lassen, so folgen sie der alltäglichen Erfahrung,

  • S.

    275

    daß das Denken und Fühlen der Menschen sich in den Schlaf
    hinein fortsetzt und suchen nichts anderes, als die Seelenzustände
    ihrer Helden durch deren Träume zu schildern. Wertvolle Bundes-
    genossen sind aber die Dichter und ihr Zeugnis ist hoch an-
    zuschlagen, denn sie pflegen eine Menge von Dingen zwischen
    Himmel und Erde zu wissen, von denen sich unsere Schulweis-
    heit noch nichts träumen läßt. In der Seelenkunde gar sind sie
    uns Alltagsmenschen weit voraus, weil sie da aus Quellen schöpfen,
    welche wir noch nicht für die Wissenschaft erschlossen haben.
    Wäre diese Parteinahme der Dichter für die sinnvolle Natur der
    Träume nur unzweideutiger! Eine schärfere Kritik könnte ja ein-
    wenden, der Dichter nehme weder für noch gegen die psychische
    Bedeutung des einzelnen Traumes Partei; er begnüge sich zu
    zeigen, wie die schlafende Seele unter den Erregungen aufzuckt,
    die als Ausläufer des Wachlebens in ihr kräftig verblieben sind.

    Unser Interesse für die Art, wie sich die Dichter des Traumes
    bedienen, ist indes auch durch diese Ernüchterung nicht gedämpft.
    Wenn uns die Untersuchung auch nichts Neues über das Wesen
    der Träume lehren sollte, vielleicht gestattet sie uns von diesem
    Winkel aus einen kleinen Einblick in die Natur der dichterischen
    Produktion. Die wirklichen Träume gelten zwar bereits als zügellose
    und regelfreie Bildungen, und nun erst die freien Nachbildungen
    solcher Träume! Aber es gibt viel weniger Freiheit und Willkür
    im Seelenleben, als wir geneigt sind anzunehmen; vielleicht über-
    haupt keine. Was wir in der Welt draußen Zufälligkeit heißen,
    löst sich bekanntermaßen in Gesetze auf; auch was wir im See-
    lischen Willkür heißen, ruht auf – derzeit erst dunkel geahnten
    Gesetzen. Sehen wir also zu!

    Es gäbe zwei Wege für diese Untersuchung. Der eine wäre
    die Vertiefung in einen Spezialfall, in die Traumschöpfungen eines
    Dichters in einem seiner Werke. Der andere bestünde im Zu-
    sammentragen und Gegeneinanderhalten all der Beispiele, die sich
    in den Werken verschiedener Dichter von der Verwendung der

  • S.

    276

    Träume finden lassen. Der zweite Weg scheint der bei weitem
    trefflichere zu sein, vielleicht der einzig berechtigte, denn er be-
    freit uns sofort von den Schädigungen, die mit der Aufnahme
    des künstlichen Einheitsbegriffes „der Dichter“ verbunden sind.
    Diese Einheit zerfällt bei der Untersuchung in die so sehr ver-
    schiedenwertigen Dichterindividuen, unter denen wir in einzelnen
    die tiefsten Kenner des menschlichen Seelenlebens zu verehren
    gewohnt sind. Dennoch aber werden diese Blätter von einer Unter-
    suchung der ersten Art ausgefüllt sein. Es hatte sich in jenem
    Kreise von Männern, unter denen die Anregung auftauchte, so
    gefügt, daß jemand sich besann, in dem Dichtwerke, das zuletzt
    sein Wohlgefallen erweckt, wären mehrere Träume enthalten ge-
    wesen, die ihn gleichsam mit vertrauten Zügen angeblickt hätten
    und ihn einlüden, die Methode der „Traumdeutung“ an ihnen
    zu versuchen. Er gestand zu, Stoff und Örtlichkeit der kleinen
    Dichtung wären wohl an der Entstehung seines Wohlgefallens
    hauptsächlich beteiligt gewesen, denn die Geschichte spiele auf
    dem Boden von Pompeji und handle von einem jungen Archäologen,
    der das Interesse für das Leben gegen das an den Resten der
    klassischen Vergangenheit hingegeben hätte und nun auf einem merk-
    würdigen, aber völlig korrekten Umwege ins Leben zurückgebracht
    werde. Während der Behandlung dieses echt poetischen Stoffes rege
    sich allerlei Verwandtes und dazu Stimmendes im Leser. Die Dichtung
    aber sei die kleine Novelle „Gradiva“ von Wilhelm Jensen,
    vom Autor selbst als „pompejanisches Phantasiestück“ bezeichnet.
    Und nun müßte ich eigentlich alle meine Leser bitten, dieses
    Heft aus der Hand zu legen und es für eine ganze Weile durch
    die 1903 im Buchhandel erschienene „Gradiva“ zu ersetzen, damit
    ich mich im weiteren auf Bekanntes beziehen kann. Denjenigen
    aber, welche die „Gradiva“ bereits gelesen haben, will ich den
    Inhalt der Erzählung durch einen kurzen Auszug ins Gedächtnis
    zurückrufen, und rechne darauf, daß ihre Erinnerung allen dabei
    abgestreiften Reiz aus eigenem wiederherstellen wird.

  • S.

    277

    Ein junger Archäologe, Norbert Hanold, hat in einer
    Antikensammlung Roms ein Reliefbild entdeckt, das ihn so aus-
    nehmend angezogen, daß er sehr erfreut gewesen ist, einen
    vortrefflichen Gipsabguß davon erhalten zu können, den er in
    seiner Studierstube in einer deutschen Universitätsstadt aufhängen
    und mit Interesse studieren kann. Das Bild stellt ein reifes junges
    Mädchen im Schreiten dar, welches sein reichhaltiges Gewand ein
    wenig aufgerafft hat, so daß die Füße in den Sandalen sichtbar
    werden. Der eine Fuß ruht ganz auf dem Boden, der andere
    hat sich zum Nachfolgen vom Boden abgehoben und berührt ihn
    nur mit den Zehenspitzen, während Sohle und Ferse sich fast
    senkrecht emporheben. Der hier dargestellte ungewöhnliche und
    besonders reizvolle Gang hatte wahrscheinlich die Aufmerksam-
    keit des Künstlers erregt und fesselt nach so viel Jahrhunderten
    nun den Blick unseres archäologischen Beschauers.

    Dies Interesse des Helden der Erzählung für das geschilderte
    Reliefbild ist die psychologische Grundtatsache unserer Dichtung.
    Es ist nicht ohne weiteres erklärbar. „Doktor Norbert Hanold,
    Dozent der Archäologie, fand eigentlich für seine Wissenschaft an
    dem Relief nichts sonderlich Beachtenswertes.“ (Gradiva p. 3.)

    „Er wußte sich nicht klarzustellen, was daran seine Aufmerksam-
    keit erregt habe, nur daß er von etwas angezogen worden und
    diese Wirkung sich seitdem unverändert forterhalten habe.“ Aber
    seine Phantasie läßt nicht ab, sich mit dem Bilde zu beschäftigen.
    Er findet etwas „Heutiges“ darin, als ob der Künstler den Anblick
    auf der Straße „nach dem Leben“ festgehalten habe. Er verleiht
    dem im Schreiten dargestellten Mädchen einen Namen: „Gradiva“,
    die „Vorschreitende“; er fabuliert, sie sei gewiß die Tochter
    eines vornehmen Hauses, vielleicht „eines patrizischen Aedilis,
    der sein Amt im Namen der Ceres ausübte“, und befinde sich
    auf dem Wege zum Tempel der Göttin. Dann widerstrebt es
    ihm, ihre ruhige, stille Art in das Getriebe einer Großstadt ein-
    zufügen, vielmehr erschafft er sich die Überzeugung, daß sie nach

  • S.

    278

    Pompeji zu versetzen sei und dort irgendwo auf den wieder aus-
    gegrabenen eigentümlichen Trittsteinen schreite, die bei regne-
    rischem Wetter einen trockenen Übergang von einer Seite der
    Straße zur anderen ermöglicht und doch auch Durchlaß für
    Wagenräder gestattet hatten. Ihr Gesichtsschnitt dünkt ihm
    griechischer Art, ihre hellenische Abstammung unzweifelhaft;
    seine ganze Altertumswissenschaft stellt sich allmählich in den
    Dienst dieser und anderer auf das Urbild des Reliefs bezüglichen
    Phantasien.

    Dann aber drängt sich ihm ein angeblich wissenschaftliches
    Problem auf, das nach Erledigung verlangt. Es handelt sich für
    ihn um eine kritische Urteilsabgabe, „ob der Künstler den Vor-
    gang des Ausschreitens bei der Gradiva dem Leben entsprechend
    wiedergegeben habe“. Er selbst vermag ihn an sich nicht hervor-
    zurufen; bei der Suche nach der „Wirklichkeit“ dieser Gangart
    gelangt er nun dazu, „zur Aufhellung der Sache selbst Beob-
    achtungen nach dem Leben anzustellen“. (G. p. 9.) Das nötigt
    ihn allerdings zu einem ihm durchaus fremdartigen Tun. „Das
    weibliche Geschlecht war bisher für ihn nur ein Begriff aus
    Marmor oder Erzguß gewesen, und er hatte seinen zeitgenös-
    sischen Vertreterinnen desselben niemals die geringste Beachtung
    geschenkt.“ Pflege der Gesellschaft war ihm immer nur als un-
    abweisbare Plage erschienen; junge Damen, mit denen er dort
    zusammentraf, sah und hörte er so wenig, daß er bei einer
    nächsten Begegnung grußlos an ihnen vorüberging, was ihn
    natürlich in kein günstiges Licht bei ihnen brachte. Nun aber
    nötigte ihn die wissenschaftliche Aufgabe, die er sich gestellt, bei
    trockener, besonders aber bei nasser Witterung eifrig nach den
    sichtbar werdenden Füßen der Frauen und Mädchen auf der
    Straße zu schauen, welche Tätigkeit ihm manchen unmutigen
    und manchen ermutigenden Blick der so Beobachteten eintrug;
    „doch kam ihm das eine so wenig zum Verständnis wie das
    andere.“ (G. p. 10.) Als Ergebnis dieser sorgfältigen Studien mußte

  • S.

    279

    er finden, daß die Gangart der Gradiva in der Wirklichkeit nicht
    nachzuweisen war, was ihn mit Bedauern und Verdruß erfüllte.

    Bald nachher hatte er einen schreckvoll beängstigenden Traum,
    der ihn in das alte Pompeji am Tage des Vesuvusausbruches ver-
    setzte und zum Zeugen des Unterganges der Stadt machte. „Wie
    er so am Rande des Forums neben dem Jupitertempel stand, sah
    er plötzlich in geringer Entfernung die Gradiva vor sich; bis
    dahin hatte ihn kein Gedanke an ihr Hiersein angerührt, jetzt
    aber ging ihm auf einmal und als natürlich auf, da sie ja eine
    Pompejanerin sei, lebe sie in ihrer Vaterstadt und, ohne daß
    er’s geahnt habe, gleichzeitig mit ihm.“ (G. p. 12.)
    Angst um das ihr bevorstehende Schicksal entlockte ihm einen
    Warnruf, auf den die gleichmütig fortschreitende Erscheinung
    ihm ihr Gesicht zuwendete. Sie setzte aber dann unbekümmert
    ihren Weg bis zum Portikus des Tempels fort, setzte sich dort
    auf eine Treppenstufe und legte langsam den Kopf auf diese
    nieder, während ihr Gesicht sich immer blasser färbte, als ob es
    sich zu weißem Marmor umwandelte. Als er nacheilte, fand er
    sie mit ruhigem Ausdruck wie schlafend auf der breiten Stufe
    hingestreckt, bis dann der Aschenregen ihre Gestalt begrub.

    Als er erwachte, glaubte er noch das verworrene Geschrei der
    nach Rettung suchenden Bewohner Pompejis und die dumpf
    dröhnende Brandung der erregten See im Ohre zu haben. Aber
    auch nachdem die wiederkehrende Besinnung diese Geräusche als
    die weckenden Lebensäußerungen der lärmenden Großstadt erkannt
    hatte, behielt er für eine lange Zeit den Glauben an die Wirk-
    lichkeit des Geträumten; als er sich endlich von der Vorstellung
    frei gemacht, daß er selbst vor bald zwei Jahrtausenden dem
    Untergang Pompejis beigewohnt, verblieb ihm doch wie eine
    wahrhafte Überzeugung, daß die Gradiva in Pompeji gelebt und
    dort im Jahre 79 mit verschüttet worden sei. Solche Fortsetzung
    fanden seine Phantasien über die Gradiva durch die Nachwirkung
    dieses Traumes, daß er sie jetzt erst wie eine Verlorene betrauerte.

  • S.

    280

    Während er, von diesen Gedanken befangen, aus dem Fenster
    lehnte, zog ein Kanarienvogel seine Aufmerksamkeit auf sich, der
    an einem offenstehenden Fenster des Hauses gegenüber im Käfig
    sein Lied schmetterte. Plötzlich durchfuhr etwas wie ein Ruck
    den, wie es scheint, noch nicht völlig aus seinem Traum Er
    wachten. Er glaubte, auf der Straße eine Gestalt wie die seiner
    Gradiva gesehen und selbst den für sie charakteristischen Gang
    erkannt zu haben, eilte unbedenklich auf die Straße, um sie ein-
    zuholen, und erst das Lachen und Spotten der Leute über seine
    unschickliche Morgenkleidung trieb ihn rasch wieder in seine
    Wohnung zurück. In seinem Zimmer war es wieder der singende
    Kanarienvogel im Käfig, der ihn beschäftigte und ihn zum Ver-
    gleiche mit seiner eigenen Person anregte. Auch er sitze wie im
    Käfig, fand er, doch habe er es leichter, seinen Käfig zu verlassen.
    Wie in weiterer Nachwirkung des Traumes, vielleicht auch unter
    dem Einflusse der linden Frühlingsluft gestaltete sich in ihm der
    Entschluß einer Frühjahrsreise nach Italien, für welche ein wissen-
    schaftlicher Vorwand bald gefunden wurde, wenn auch „der An-
    trieb zu dieser Reise ihm aus einer unbenennbaren Empfindung
    entsprungen war.“ (G. p. 24.)

    Bei dieser merkwürdig locker motivierten Reise wollen wir
    einen Moment Halt machen und die Persönlichkeit wie das Treiben
    unseres Helden näher ins Auge fassen. Er erscheint uns noch un-
    verständlich und töricht; wir ahnen nicht, auf welchem Wege
    seine besondere Torheit sich mit der Menschlichkeit verknüpfen
    wird, um unsere Teilnahme zu erzwingen. Es ist das Vorrecht
    des Dichters, uns in solcher Unsicherheit belassen zu dürfen; mit
    der Schönheit seiner Sprache, der Sinnigkeit seiner Einfälle lohnt
    er uns vorläufig das Vertrauen, das wir ihm schenken, und die
    Sympathie, die wir, noch unverdient, für seinen Helden bereit-
    halten. Von diesem teilt er uns noch mit, daß er schon durch
    die Familientradition zum Altertumsforscher bestimmt, sich in
    seiner späteren Vereinsamung und Unabhängigkeit ganz in seine

  • S.

    281

    Wissenschaft versenkt und ganz vom Leben und seinen Genüssen
    abgewendet hatte. Marmor und Bronze waren für sein Gefühl das
    einzig wirklich Lebendige, den Zweck und Wert des Menschen
    lebens zum Ausdruck Bringende. Doch hatte vielleicht in wohl-
    meinender Absicht die Natur ihm ein Korrektiv durchaus un-
    wissenschaftlicher Art ins Blut gelegt, eine überaus lebhafte
    Phantasie, die sich nicht nur in Träumen, sondern auch oft im
    Wachen zur Geltung bringen konnte. Durch solche Absonderung
    der Phantasie vom Denkvermögen mußte er zum Dichter oder
    zum Neurotiker bestimmt sein, gehörte er jenen Menschen an,
    deren Reich nicht von dieser Welt ist. So konnte es sich ihm
    ereignen, daß er mit seinem Interesse an einem Reliefbild hängen
    left">blieb, welches ein eigentümlich schreitendes Mädchen darstellte,
    daß er dieses mit seinen Phantasien umspann, ihm Namen und
    Herkunft fabulierte, und die von ihm geschaffene Person in das
    vor mehr als 1800 Jahren verschüttete Pompeji versetzte, endlich
    nach einem merkwürdigen Angsttraum die Phantasie von der
    Existenz und dem Untergang des Gradiva genannten Mädchens
    zu einem Wahn erhob, der auf sein Handeln Einfluß gewann.
    Sonderbar und undurchsichtig würden uns diese Leistungen der
    Phantasie erscheinen, wenn wir ihnen bei einem wirklich Lebenden
    begegnen würden. Da unser Held Norbert Hanold ein Geschöpf
    des Dichters ist, möchten wir etwa an diesen die schüchterne
    Frage richten, ob seine Phantasie von anderen Mächten als von
    ihrer eigenen Willkür bestimmt worden ist.

    Unseren Helden hatten wir verlassen, als er sich anscheinend
    durch das Singen eines Kanarienvogels zu einer Reise nach Italien
    bewegen ließ, deren Motiv ihm offenbar nicht klar war. Wir
    erfahren weiter, daß auch Ziel und Zweck dieser Reise ihm nicht
    feststand. Eine innere Unruhe und Unbefriedigung treibt ihn von
    Rom nach Neapel und von da weiter weg. Er gerät in den
    Schwarm der Hochzeitsreisenden und genötigt, sich mit den zärt-
    lichen „August“ und „Grete“ zu beschäftigen, findet er sich ganz

  • S.

    282

    außer stande, das Tun und Treiben dieser Paare zu verstehen.
    Er kommt zu dem Ergebnis, unter allen Torheiten der Menschen
    „nehme jedenfalls das Heiraten, als die größte und unbegreif-
    lichste, den obersten Rang ein, und ihre sinnlosen Hochzeitsreisen
    nach Italien setzten gewissermaßen dieser Narretei die Krone auf.“
    (G. p. 27.) In Rom durch die Nähe eines zärtlichen Paares in
    seinem Schlaf gestört, flieht er alsbald nach Neapel, nur um dort
    andere „August und Grete“ wiederzufinden. Da er aus deren
    Gesprächen zu entnehmen glaubt, daß die Mehrheit dieser Vogel-
    paare nicht im Sinne habe, zwischen dem Schutt von Pompeji zu
    nisten, sondern den Flug nach Capri zu richten, beschließt er, das
    zu tun, was sie nicht täten, und befindet sich „wider Erwarten
    und Absicht“ wenige Tage nach seiner Abreise in Pompeji.
    Ohne aber dort die Ruhe zu finden, die er gesucht. Die Rolle,
    welche bis dahin die Hochzeitspaare gespielt, die sein Gemüt
    beunruhigt und seine Sinne belästigt hatten, wird jetzt von den
    Stubenfliegen übernommen, in denen er die Verkörperung des
    absolut Bösen und Überflüssigen zu erblicken geneigt wird. Beiderlei
    Quälgeister verschwimmen ihm zu einer Einheit; manche Fliegen-
    paare erinnern ihn an Hochzeitsreisende, reden sich vermutlich
    in ihrer Sprache auch „mein einziger August“ und „meine süße
    Grete“ an. Er kann endlich nicht umhin zu erkennen, „daß seine
    Unbefriedigung nicht allein durch das um ihn herum Befindliche
    verursacht werde, sondern etwas ihren Ursprung auch aus ihm
    selbst schöpfe“. (G. p. 42.) Er fühlt, „daß er mißmutig sei, weil
    ihm etwas fehle, ohne daß er sich aufhellen könne, was.“
    Am nächsten Morgen begibt er sich durch den „Ingresso“ nach
    Pompeji und durchstreift nach Verabschiedung des Führers planlos
    die Stadt, merkwürdigerweise ohne sich dabei zu erinnern, daß
    er vor einiger Zeit im Traume bei der Verschüttung Pompejis
    zugegen gewesen. Als dann in der „heißen, heiligen“ Mittags-
    stunde, die ja den Alten als Geisterstunde galt, die anderen Be-
    sucher sich geflüchtet haben, und die Trümmerhaufen verödet

  • S.

    283

    und sonnenglanzübergoffen vor ihm liegen, da regt sich in ihm
    die Fähigkeit, sich in das versunkene Leben zurückzuversetzen,
    aber nicht mit Hilfe der Wissenschaft. „Was diese lehrte, war
    eine leblose archäologische Anschauung, und was ihr vom Mund
    kam, eine tote, philologische Sprache. Die verhalfen zu keinem
    Begreifen mit der Seele, dem Gemüt, dem Herzen, wie man’s
    nennen wollte, sondern wer danach Verlangen in sich trug, der
    mußte als einzig Lebendiger allein in der heißen Mittagsstille
    hier zwischen den Überresten der Vergangenheit stehen, um nicht
    mit den körperlichen Augen zu sehen und nicht mit den leib-
    lichen Ohren zu hören. Dann … wachten die Toten auf und
    Pompeji fing an, wieder zu leben.“ (G. p. 55.)

    Während er so die Vergangenheit mit seiner Phantasie belebt,
    sieht er plötzlich die unverkennbare Gradiva seines Reliefs aus
    einem Hause heraustreten und leichtbehend über die Lavatritt-
    steine zur anderen Seite der Straße schreiten, ganz so, wie er sie
    im Traume jener Nacht gesehen, als sie sich wie zum Schlafen
    auf die Stufen des Apollotempels hingelegt hatte. „Und mit dieser
    Erinnerung zusammen kommt ihm noch etwas anderes zum ersten-
    mal zum Bewußtsein: Er sei, ohne selbst von dem Antrieb in
    seinem Innern zu wissen, deshalb nach Italien und ohne Aufent-
    halt von Rom und Neapel bis Pompeji weitergefahren, um danach
    zu suchen, ob er hier Spuren von ihr auffinden könne. Und zwar
    im wörtlichen Sinne, denn bei ihrer besonderen Gangart mußte
    sie in der Asche einen von allen übrigen sich unterscheidenden
    Abdruck der Zehen hinterlassen haben.“ (G. p. 58.)

    Die Spannung, in welcher der Dichter uns bisher erhalten hat,
    steigert sich hier an dieser Stelle für einen Augenblick zu pein-
    licher Verwirrung. Nicht nur, daß unser Held offenbar aus dem
    Gleichgewicht geraten ist, auch wir finden uns angesichts der Er-
    scheinung der Gradiva, die bisher ein Stein- und dann ein Phanta-
    siebild war, nicht zurecht. Ist’s eine Halluzination unseres vom
    Wahn betörten Helden, ein „wirkliches“ Gespenst oder eine leib-

  • S.

    284

    haftige Person? Nicht daß wir an Gespenster zu glauben brauchten,
    um diese Reihe aufzustellen. Der Dichter, der seine Erzählung ein
    „Phantasiestück“ benannte, hat ja noch keinen Anlaß gefunden, uns
    aufzuklären, ob er uns in unserer, als nüchtern verschrieenen, von
    den Gesetzen der Wissenschaft beherrschten Welt belassen oder in
    eine andere phantastische Welt führen will, in der Geistern und
    Gespenstern Wirklichkeit zugesprochen wird. Wie das Beispiel des
    Hamlet, des Macbeth, beweist, sind wir ohne Zögern bereit,
    ihm in eine solche zu folgen. Der Wahn des phantasievollen
    Archäologen wäre in diesem Falle an einem anderen Maßstabe zu
    messen. Ja, wenn wir bedenken, wie unwahrscheinlich die reale
    Existenz einer Person sein muß, die in ihrer Erscheinung jenes
    antike Steinbild getreulich wiederholt, so schrumpft unsere Reihe
    zu einer Alternative ein: Halluzination oder Mittagsgespenst. Ein
    kleiner Zug der Schilderung streicht dann bald die erstere Mög-
    lichkeit. Eine große Eidechse liegt bewegungslos im Sonnenlichte
    ausgestreckt, die aber vor dem herannahenden Fuß der Gradiva
    entflieht und sich über die Lavaplatten der Straßen davonringelt.
    Also keine Halluzination, etwas außerhalb der Sinne unseres Träu-
    mers. Aber sollte die Wirklichkeit einer Rediviva eine Eidechse
    stören können?

    Vor dem Hause des Meleager verschwindet die Gradiva. Wir
    verwundern uns nicht, daß Norbert Hanold seinen Wahn dahin
    fortsetzt, daß Pompeji in der Mittagsgeisterstunde rings um ihn
    her wieder zu leben begonnen habe, und so sei auch die Gradiva
    wieder aufgelebt und in das Haus gegangen, das sie vor dem ver-
    hängnisvollen Augusttage des Jahres 79 bewohnt hatte. Scharf-
    sinnige Vermutungen über die Persönlichkeit des Eigentümers,
    nach dem dies Haus benannt sein mochte, und über die Beziehung
    der Gradiva zu ihm schießen durch seinen Kopf und beweisen,
    daß sich seine Wissenschaft nun völlig in den Dienst seiner Phanta-
    sie begeben hat. Ins Innere dieses Hauses eingetreten, entdeckt er
    die Erscheinung plötzlich wieder auf niedrigen Stufen zwischen

  • S.

    285

    zweien der gelben Säulen sitzend. „Auf ihren Knien lag etwas
    Weißes ausgebreitet, das sein Blick klar zu unterscheiden nicht
    fähig war; ein Papyrusblatt schien’s zu sein…“ Unter den Voraus-
    setzungen seiner letzten Kombination über ihre Herkunft spricht
    er sie griechisch an, mit Zagen die Entscheidung erwartend, ob
    ihr in ihrem Scheindasein wohl Sprachvermögen gegönnt sei. Da
    sie nicht antwortet, vertauscht er die Anrede mit einer lateinischen.
    Da klingt es von lächelnden Lippen: „Wenn Sie mit mir sprechen
    wollen, müssen Sie’s auf Deutsch tun.“

    Welche Beschämung für uns, die Leser! So hat der Dichter
    auch unser gespottet und uns wie durch den Widerschein der
    Sonnenglut Pompejis in einen kleinen Wahn gelockt, damit wir
    den Armen, auf den die wirkliche Mittagssonne brennt, milder
    beurteilen müssen. Wir aber wissen jetzt, von kurzer Verwirrung
    geheilt, daß die Gradiva ein leibhaftiges deutsches Mädchen ist, was
    wir gerade als das Unwahrscheinlichste von uns weisen wollten.
    In ruhiger Überlegenheit dürfen wir nun zuwarten, bis wir er-
    fahren, welche Beziehung zwischen dem Mädchen und ihrem Bild
    in Stein besteht, und wie unser junger Archäologe zu den Phanta-
    sien gelangt ist, die auf ihre reale Persönlichkeit hinweisen.

    Nicht so rasch wie wir wird unser Held aus seinem Wahn
    gerissen, denn „wenn der Glaube selig machte“, sagt der Dichter,
    „nahm er überall eine erhebliche Summe von Unbegreiflichkeiten
    in den Kauf“ (G. p. 140), und überdies hat dieser Wahn wahr-
    scheinlich Wurzeln in seinem Innern, von denen wir nichts
    wissen, und die bei uns nicht bestehen. Es bedarf wohl bei ihm
    einer eingreifenden Behandlung, um ihn zur Wirklichkeit zurück-
    zuführen. Gegenwärtig kann er nicht anders, als den Wahn der
    eben gemachten wunderbaren Erfahrung anpassen. Die Gradiva,
    die bei der Verschüttung Pompejis mit untergegangen, kann nichts
    anderes sein als ein Mittagsgespenst, das für die kurze Geister-
    stunde ins Leben zurückkehrt. Aber warum entfährt ihm nach
    jener in deutscher Sprache gegebenen Antwort der Ausruf: „Ich

  • S.

    286

    wußte es, so klänge deine Stimme?“ Nicht wir allein, auch das
    Mädchen selbst muß so fragen, und Hanold muß zugeben, daß
    er die Stimme noch nie gehört, aber sie zu hören erwartet, damals
    im Traum, als er sie anrief, während sie sich auf den Stufen des
    Tempels zum Schlafen hinlegte. Er bittet sie, es wieder zu tun
    wie damals, aber da erhebt sie sich, richtet ihm einen befrem-
    denden Blick entgegen und verschwindet nach wenigen Schritten
    zwischen den Säulen des Hofes. Ein schöner Schmetterling hatte
    sie kurz vorher einigemal umflattert; in seiner Deutung war es
    ein Bote des Hades gewesen, der die Abgeschiedene an ihre
    Rückkehr mahnen sollte, da die Mittagsgeisterstunde abgelaufen.
    Den Ruf: „Kehrst du morgen in der Mittagsstunde wieder hie-
    her?“ kann Hanold der Verschwindenden noch nachsenden. Uns
    aber, die wir uns jetzt mehr nüchterner Deutungen getrauen,
    will es scheinen, als ob die junge Dame in der Aufforderung,
    die Hanold an sie gerichtet, etwas Ungehöriges erblickte und ihn
    darum beleidigt verließ, da sie doch von seinem Traum nichts
    wissen konnte. Sollte ihr Feingefühl nicht die erotische Natur
    des Verlangens herausgespürt haben, das sich für Hanold durch
    die Beziehung auf seinen Traum motivierte?

    Nach dem Verschwinden der Gradiva mustert unser Held
    sämtliche bei der Tafel anwesenden Gäste des Hotel Diomède
    und darauf ebenso die des Hotel Suisse und kann sich dann
    sagen, daß in keiner der beiden ihm allein bekannten Unter-
    kunftsstätten Pompejis eine Person zu finden sei, die mit der
    Gradiva die entfernteste Ähnlichkeit besitze. Selbstverständlich
    hätte er die Erwartung als widersinnig abgewiesen, daß er die
    Gradiva wirklich in einer der beiden Wirtschaften antreffen könne.
    Der auf dem heißen Boden des Vesuvs gekelterte Wein hilft
    dann den Taumel verstärken, in dem er den Tag verbracht.

    Vom nächsten Tage stand nur fest, daß Hanold wieder um
    die Mittagsstunde im Hause des Meleager sein müsse, und diese
    Zeit erwartend, dringt er auf einem nicht vorschriftsmäßigen

  • S.

    287

    Wege über die alte Stadtmauer in Pompeji ein. Ein mit weißen
    Glockenkelchen behängter Asphodeloschaft erscheint ihm als
    Blume der Unterwelt bedeutungsvoll genug, um ihn zu pflücken
    und mit sich zu tragen. Die gesamte Altertumswissenschaft aber
    dünkt ihm während seines Wartens das Zweckloseste und Gleich-
    gültigste von der Welt, denn ein anderes Interesse hat sich
    seiner bemächtigt, das Problem: „von welcher Beschaffenheit die
    körperliche Erscheinung eines Wesens wie der Gradiva sei, das
    zugleich tot, und, wenn auch nur in der Mittagsgeisterstunde,
    lebendig war.“ (G. p. 80.) Auch bangt er davor, die Gesuchte
    heute nicht anzutreffen, weil ihr vielleicht die Wiederkehr erst
    nach langen Zeiten verstattet sein könne, und hält ihre Erschei-
    nung, als er ihrer wieder zwischen den Säulen gewahr wird,
    für ein Gaukelspiel seiner Phantasie, welches ihm den schmerz-
    lichen Ausruf entlockt: „Oh, daß du noch wärest und lebtest!“
    Allein diesmal war er offenbar zu kritisch gewesen, denn die
    Erscheinung verfügt über eine Stimme, die ihn fragt, ob er ihr
    die weiße Blume bringen wolle, und zieht den wiederum Fas-
    sungslosen in ein langes Gespräch. Uns Lesern, welchen die Gra-
    diva bereits als lebende Persönlichkeit interessant geworden ist,
    teilt der Dichter mit, daß das Unmutige und Zurückweisende,
    das sich tags zuvor in ihrem Blick geäußert, einem Ausdruck von
    suchender Neugier und Wißbegierde gewichen war. Sie forscht
    ihn auch wirklich aus, verlangt die Aufklärung seiner Bemerkung
    vom vorigen Tag, wann er bei ihr gestanden, als sie sich zum
    Schlafen hingelegt, erfährt so vom Traum, in dem sie mit ihrer
    Vaterstadt untergegangen, dann vom Reliefbild und der Stellung
    des Fußes, die den Archäologen so angezogen. Nun läßt sie sich
    auch bereit finden, ihren Gang zu demonstrieren, wobei als ein-
    zige Abweichung vom Urbild der Gradiva der Ersatz der Sandalen
    durch sandfarbig helle Schuhe von feinem Leder festgestellt wird,
    den sie als Anpassung an die Gegenwart aufklärt. Offenbar geht
    sie auf seinen Wahn ein, dessen ganzen Umfang sie ihm entlockt,

  • S.

    288

    ohne je zu widersprechen. Ein einziges Mal scheint sie durch
    einen eigenen Affekt aus ihrer Rolle gerissen zu werden, als er,
    den Sinn auf ihr Reliefbild gerichtet, behauptet, daß er sie auf
    den ersten Blick erkannt habe. Da sie an dieser Stelle des Ge-
    sprächs noch nichts von dem Relief weiß, muß ihr ein Miß-
    verständnis der Worte Hanolds nahe liegen, aber alsbald hat sie
    sich wieder gefaßt, und nur uns will es scheinen, als ob manche
    ihrer Reden doppelsinnig klingen, außer ihrer Bedeutung im Zu-
    sammenhang des Wahnes auch etwas Wirkliches und Gegen-
    wärtiges meinen, so z. B. wenn sie bedauert, daß ihm damals
    die Feststellung der Gradivagangart auf der Straße nicht gelungen
    sei. „Wie schade, du hättest vielleicht die weite Reise hieher nicht
    zu machen gebraucht.“ (G. p. 89.) Sie erfährt auch, daß er ihr
    Reliefbild „Gradiva“ benannt, und sagt ihm ihren wirklichen
    Namen Zoë. „Der Name steht dir schön an, aber er klingt mir
    als ein bitterer Hohn, denn Zoë heißt das Leben.“ – „Man
    muß sich in das Unabänderliche fügen,“ entgegnet sie, „und ich
    habe mich schon lange daran gewöhnt, tot zu sein.“ Mit dem
    Versprechen, morgen um die Mittagsstunde wieder an demselben
    Orte zu sein, nimmt sie von ihm Abschied, nachdem sie sich noch
    die Asphodelosstaude von ihm erbeten. „Solchen, die besser daran
    sind, gibt man im Frühling Rosen, doch für mich ist die Blume der
    Vergessenheit aus deiner Hand die richtige.“ (G. p. 90.) Wehmut
    schickt sich wohl für eine so lang Verstorbene, die nur auf
    kurze Stunden ins Leben zurückgekehrt ist.

    Wir fangen nun an zu verstehen und eine Hoffnung zu fassen.
    Wenn die junge Dame, in deren Gestalt die Gradiva wieder auf-
    gelebt ist, Hanolds Wahn so voll aufnimmt, so tut sie es wahr-
    scheinlich, um ihn von ihm zu befreien. Es gibt keinen anderen
    Weg dazu; durch Widerspruch versperrte man sich die Möglich-
    keit. Auch die ernsthafte Behandlung eines wirklichen solchen
    Krankheitszustandes könnte nicht anders, als sich zunächst auf
    den Boden des Wahngäbäudes stellen und dieses dann möglichst

  • S.

    289

    vollständig erforschen. Wenn Zoë die richtige Person dafür ist,
    werden wir wohl erfahren, wie man einen Wahn wie den
    unseres Helden heilt. Wir wollten auch gern wissen, wie ein solcher
    Wahn entsteht. Es träfe sich sonderbar und wäre doch nicht
    ohne Beispiel und Gegenstück, wenn Behandlung und Erforschung
    des Wahnes zusammenfielen und die Aufklärung der Entstehungs-
    geschichte desselben sich gerade während seiner Zersetzung ergäbe.
    Es ahnt uns freilich, daß unser Krankheitsfall dann in eine „ge-
    wöhnliche“ Liebesgeschichte auslaufen könnte, aber man darf
    die Liebe als Heilpotenz gegen den Wahn nicht verachten,
    und war unseres Helden Eingenommensein von seinem Gradiva-
    bild nicht auch eine volle Verliebtheit, allerdings noch aufs Ver-
    gangene und Leblose gerichtet?

    Nach dem Verschwinden der Gradiva schallt es nur noch ein-
    mal aus der Entfernung wie ein lachender Ruf eines über die
    Trümmerstadt hinfliegenden Vogels. Der Zurückgebliebene nimmt
    etwas Weißes auf, das die Gradiva zurückgelassen, kein Papyrus-
    blatt, sondern ein Skizzenbuch mit Bleistiftzeichnungen verschie-
    dener Motive aus Pompeji. Wir würden sagen, es sei ein Unter-
    pfand ihrer Wiederkehr, daß sie das kleine Buch an dieser
    Stelle vergessen, denn wir behaupten, man vergißt nichts ohne
    geheimen Grund oder verborgenes Motiv.

    Der Rest des Tages bringt unserem Hanold allerlei merkwürdige
    Entdeckungen und Feststellungen, die er zu einem Ganzen zu-
    sammenzufügen verabsäumt. In der Mauer des Portikus, wo die
    Gradiva verschwunden, nimmt er heute einen schmalen Spalt
    gewahr, der doch breit genug ist, um eine Person von ungewöhn-
    licher Schlankheit durchzulassen. Er erkennt, die Zoë-Gradiva
    brauche hier nicht in den Boden zu versinken, was auch so ver-
    nunftwidrig sei, daß er sich dieses nun abgelegten Glaubens
    schämt, sondern sie benütze diesen Weg, um sich in ihre Gruft
    zu begeben. Ein leichter Schatten scheint ihm am Ende der Gräber-
    straße vor der sogenannten Villa des Diomedes zu zergehen. Im

  • S.

    290

    Taumel wie am Vortage und mit denselben Problemen beschäftigt,
    treibt er sich nun in der Umgebung Pompejis herum. Von welcher
    leiblichen Beschaffenheit wohl die Zoë-Gradiva sein möge, und
    ob man etwas verspüren würde, wenn man ihre Hand berührte.
    Ein eigentümlicher Drang trieb ihn zum Vorsatze, dieses Experi-
    ment zu unternehmen, und doch hielt ihn eine ebenso große Scheu
    auch in der Vorstellung davon zurück. An einem heißbesonnten
    Abhange traf er einen älteren Herrn, der nach seiner Ausrüstung
    ein Zoologe oder Botaniker sein mußte und mit einem Fange
    beschäftigt schien. Der wandte sich nach ihm um und sagte dann:
    „Interessieren Sie Sie auch für die Faraglionensis? Das hätte ich
    kaum vermutet, aber mir ist es durchaus wahrscheinlich, daß sie
    sich nicht nur auf den Faraglionen bei Capri aufhält, sondern
    sich mit Ausdauer auch am Festland finden lassen muß. Das vom
    Kollegen Eimer angegebene Mittel ist wirklich gut; ich habe es
    schon mehrfach mit bestem Erfolge angewendet. Bitte, halten Sie
    sich ganz ruhig –.“ (G. p. 96.) Der Sprecher brach dann ab
    und hielt eine aus einem langen Grashalm hergestellte Schlinge
    vor eine Felsritze, aus der das bläulich schillernde Köpfchen einer
    Eidechse hervorsah. Hanold verließ den Lacertenjäger mit der
    kritischen Idee, es sei kaum glaublich, was für närrisch merk-
    würdige Vorhaben Leute zu der weiten Fahrt nach Pompeji ver-
    anlassen konnten, in welche Kritik er sich und seine Absicht, in
    der Asche Pompejis nach den Fußabdrücken der Gradiva zu
    forschen, natürlich nicht einschloß. Das Gesicht des Herrn kam
    ihm übrigens bekannt vor, als hätte er es flüchtig in einem der
    beiden Gasthöfe bemerkt, auch war dessen Anrede wie an einen
    Bekannten gerichtet gewesen. Auf seiner weiteren Wanderung
    brachte ihn ein Seitenweg zu einem bisher von ihm nicht ent-
    deckten Haus, welches sich als drittes Wirtshaus, der „Albergo
    del Sole“ herausstellte. Der unbeschäftigte Wirt benützte die Ge-
    legenheit, sein Haus und die darin enthaltenen ausgegrabenen
    Schätze bestens zu empfehlen. Er behauptete, daß er auch zugegen

  • S.

    291

    gewesen sei, als man in der Gegend des Forums das junge Liebes-
    paar aufgefunden, das sich bei der Erkenntnis des unabwendbaren
    Unterganges fest mit den Armen umschlungen und so den Tod
    erwartet habe. Davon hatte Hanold schon früher gehört und
    darüber als über eine Fabelfindung irgend eines phantasiereichen
    Erzählers die Achsel gezuckt, aber heute erweckten die Reden
    des Wirtes bei ihm eine Gläubigkeit, die sich auch weiter er-
    streckte, als dieser eine mit grüner Patina überzogene Metallspange
    herbeiholte, die in seiner Gegenwart neben den Überresten des
    Mädchens aus der Asche gesammelt worden sei. Er erwarb diese
    Spange ohne weitere kritische Bedenken, und als er beim Ver-
    lassen des Albergo an einem offenstehenden Fenster einen mit
    weißen Blüten besetzten Asphodelosschaft herabnicken sah, durch
    drang ihn der Anblick der Gräberblume wie eine Beglaubigung
    für die Echtheit seines neuen Besitztums.

    Mit dieser Spange hatte aber ein neuer Wahn von ihm Besitz
    ergriffen oder vielmehr der alte ein Stückchen Fortsetzung ge-
    trieben, anscheinend kein gutes Vorzeichen für die eingeleitete
    Therapie. Unweit des Forums hatte man ein junges Liebespaar
    in solcher Umschlingung ausgegraben, und er hatte im Traume
    die Gradiva in eben dieser Gegend beim Apollotempel sich zum
    Schlafe niederlegen gesehen. Wäre es nicht möglich, daß sie in
    Wirklichkeit vom Forum noch weiter gegangen sei, um mit
    jemand zusammenzutreffen, mit dem sie dann gemeinsam ge-
    storben? Ein quälendes Gefühl, das wir vielleicht der Eifersucht
    gleichstellen können, entsprang aus dieser Vermutung. Er be-
    schwichtigte es durch den Hinweis auf die Unsicherheit der Kom-
    bination und brachte sich wieder so weit zurecht, daß er die
    Abendmahlzeit im Hotel Diomède einnehmen konnte. Zwei neu-
    eingetroffene Gäste, ein Er und eine Sie, die er nach einer ge-
    wissen Ähnlichkeit für Geschwister halten mußte – trotz ihrer
    verschiedenen Haarfarbung – zogen dort seine Aufmerksamkeit
    auf sich. Die beiden waren die ersten ihm auf seiner Reise Be-

  • S.

    292

    gegnenden, von denen er einen sympathischen Eindruck empfing.
    Eine rote Sorrentiner Rose, die das junge Mädchen trug, weckte
    irgend eine Erinnerung in ihm, er konnte sich nicht besinnen,
    welche. Endlich ging er zu Bett und träumte; es war merkwürdig
    unsinniges Zeug, aber offenbar aus den Erlebnissen des Tages
    zusammengebraut. „Irgendwo in der Sonne saß die Gradiva,
    machte aus einem Grashalm eine Schlinge, um eine Eidechse
    drin zu fangen, und sagte dazu: „Bitte, halte dich ganz ruhig-
    die Kollegin hat recht, das Mittel ist wirklich gut und sie hat
    es mit bestem Erfolge angewendet.“ Gegen diesen Traum wehrte
    er sich noch im Schlafe mit der Kritik, das sei ja vollständige
    Verrücktheit, und es gelang ihm, den Traum loszuwerden mit
    Hilfe eines unsichtbaren Vogels, der einen kurzen lachenden Ruf
    ausstieß und die Eidechse im Schnabel forttrug.

    Trotz all dieses Spuks erwachte er eher geklärt und gefestigt.
    Ein Rosenstrauch, der Blumen von jener Art trug, wie er sie
    gestern an der Brust der jungen Dame bemerkt hatte, brachte
    ihm ins Gedächtnis zurück, daß in der Nacht jemand gesagt
    hatte, im Frühling gäbe man Rosen. Er pflückte unwillkürlich
    einige der Rosen ab, und an diese mußte sich etwas knüpfen,
    was eine lösende Wirkung in seinem Kopf ausübte. Seiner Men-
    schenscheu erledigt, begab er sich auf dem gewöhnlichen Wege
    nach Pompeji, mit den Rosen, der Metallspange und dem Skizzen-
    buch beschwert und mit verschiedenen Problemen, welche die
    Gradiva betrafen, beschäftigt. Der alte Wahn war rissig geworden,
    er zweifelte bereits, ob sie sich nur in der Mittagsstunde, nicht
    auch zu anderen Zeiten in Pompeji aufhalten dürfe. Der Akzent
    hatte sich dafür auf das zuletzt angefügte Stück verschoben, und
    die an diesem hängende Eifersucht quälte ihn in allerlei Ver-
    kleidungen. Beinahe hätte er gewünscht, daß die Erscheinung nur
    seinen Augen sichtbar bleibe und sich der Wahrnehmung anderer
    entziehe; so dürfte er sie doch als sein ausschließliches Eigentum
    betrachten. Während seiner Streifungen im Erwarten der Mittags-

  • S.

    293

    stunde hatte er eine überraschende Begegnung. In der Casa del
    fauno traf er auf zwei Gestalten, die sich in einem Winkel un-
    entdeckbar glauben mochten, denn sie hielten sich mit den Armen
    umschlungen und ihre Lippen zusammengeschlossen. Mit Verwun-
    derung erkannte er in ihnen das sympathische Paar von gestern
    abend. Aber für zwei Geschwister bedünkten ihn ihr gegenwär-
    tiges Verhalten, die Umarmung und der Kuß von zu langer
    Andauer; also war es doch ein Liebes-
    und vermutlich junges
    Hochzeitspaar, auch ein August. und eine Grete. Merkwürdiger-
    weise erregte dieser Anblick jetzt nichts anderes als Wohlgefallen
    in ihm, und scheu, als hätte er eine geheime Andachtsübung
    gestört, zog er sich ungesehen zurück. Ein Respekt, der ihm lange
    gefehlt hatte, war in ihm wiederhergestellt.

    Vor dem Hause des Meleager angekommen, überfiel ihn die
    Angst, die Gradiva in Gesellschaft eines anderen anzutreffen, noch
    einmal so heftig, daß er für ihre Erscheinung keine andere Be-
    grüßung fand als die Frage: Bist du allein? Mit Schwierigkeit
    läßt er sich von ihr zum Bewußtsein bringen, daß er die Rosen
    für sie gepflückt, beichtet ihr den letzten Wahn, daß sie das
    Mädchen gewesen, das man am Forum in Liebesumarmung ge-
    funden, und dem die grüne Spange gehört hatte. Nicht ohne
    Spott fragt sie, ob er das Stück etwa in der Sonne gefunden.
    Diese – hier Sole genannt – bringe allerlei derart zustande.
    Zur Heilung des Schwindels im Kopfe, den er zugesteht, schlägt
    sie ihm vor, ihre kleine Mahlzeit mit ihr zu teilen, und bietet
    ihm die eine Hälfte eines in Seidenpapier eingewickelten Weiß-
    brotes an, dessen andere sie selbst mit sichtlichem Appetit ver-
    zehrt. Dabei blitzten ihre tadellosen Zähne zwischen den Lippen
    auf und verursachen beim Durchbeißen der Rinde einen leicht
    krachenden Ton. Auf ihre Rede: „Mir ist’s als hätten wir schon
    vor zweitausend Jahren einmal so zusammen unser Brot gegessen.
    Kannst du dich nicht darauf besinnen?“ (G. p. 118) wußte er
    keine Antwort, aber die Stärkung seines Kopfes durch das Nähr-

  • S.

    294

    mittel und all die Zeichen von Gegenwärtigkeit, die sie gab,
    verfehlten ihre Wirkung auf ihn nicht. Die Vernunft erhob sich
    in ihm und zog den ganzen Wahn, daß die Gradiva nur ein
    Mittagsgespenst sei, in Zweifel; dagegen ließ sich freilich ein
    wenden, daß sie soeben selbst gesagt, sie habe schon vor zwei
    tausend Jahren die Mahlzeit mit ihm geteilt. In solchem Konflikt
    bot sich ein Experiment als Mittel der Entscheidung, das er mit
    Schlauheit und wiedergefundenem Mute ausführte. Ihre linke Hand
    lag mit den schmalen Fingern ruhig auf ihren Knien, und eine
    der Stubenfliegen, über deren Frechheit und Nutzlosigkeit er sich
    früher so entrüstet hatte, ließ sich auf dieser Hand nieder. Plötzlich
    fuhr Hanolds Hand in die Höh’ und klatschte mit einem keines-
    wegs gelinden Schlag auf die Fliege und die Hand der Gradiva
    herunter.

    Zweierlei Erfolg trug ihm dieser kühne Versuch ein, zunächst
    die freudige Überzeugung, daß er eine unzweifelhaft wirkliche,
    lebendige und warme Menschenhand berührt, dann aber einen
    Verweis, vor dem er erschrocken von seinem Sitz auf der Stufe
    aufflog. Denn von den Lippen der Gradiva tönte es, nachdem
    sie sich von ihrer Verblüffung erholt hatte: „Du bist doch offenbar
    verrückt, Norbert Hanold.“ Der Ruf beim eigenen Namen ist
    bekanntlich das beste Mittel, einen Schläfer oder Nachtwandler
    aufzuwecken. Welche Folgen die Nennung seines Namens, von
    dem er niemand in Pompeji Mitteilung gemacht, durch die
    Gradiva für Norbert Hanold mit sich gebracht hatte, ließ sich
    leider nicht beobachten. Denn in diesem kritischen Augenblick
    tauchte das sympathische Liebespaar aus der Casa del fauno auf,
    und die junge Dame rief mit einem Ton fröhlicher Überraschung:
    „Zoë! du auch hier? Und auch auf der Hochzeitsreise? Davon
    hast du mir ja kein Wort geschrieben!“ Vor diesem neuen Be-
    weis der Lebenswirklichkeit der Gradiva ergriff Hanold die Flucht.
    Die Zoë-Gradiva war durch den unvorhergesehenen Besuch,
    der sie in einer, wie es scheint, wichtigen Arbeit störte, auch

  • S.

    295

    nicht aufs angenehmste überrascht. Aber bald gefaßt, beantwortet
    sie die Frage mit einer geläufigen Antwortsrede, in der sie der
    Freundin, aber mehr noch uns, Auskünfte über die Situation gibt,
    und mittels welcher sie sich des jungen Paares zu entledigen
    weiß. Sie gratuliert, aber sie ist nicht auf der Hochzeitsreise.
    „Der junge Herr, der eben fortging, laboriert auch an einem
    merkwürdigen Hirngespinst, mir scheint, er glaubt, daß ihm eine
    Fliege im Kopfe summt; nun, irgend eine Kerbtierart hat wohl
    jeder drin. Pflichtmäßig verstehe ich ich etwas auf Entomologie
    und kann deshalb bei solchen Zuständen ein bißchen von Nutzen
    sein. Mein Vater und ich wohnen im Sole, er bekam auch einen
    plötzlichen Anfall und dazu den guten Einfall, mich mit hieher
    zu nehmen, wenn ich mich auf meine eigene Hand in Pompeji
    unterhalten und an ihn keinerlei Anforderungen stellen wollte.
    Ich sagte mir, irgend etwas Interessantes würde ich wohl schon
    allein hier ausgraben. Freilich, auf den Fund, den ich gemacht,
    – ich meine das Glück, dich zu treffen, Gisa, hatte ich mit
    keinem Gedanken gerechnet.“ (G. p. 124.) Aber nun muß sie
    eilig fort, ihrem Vater am Sonnentisch Gesellschaft leisten. Und
    so entfernt sie sich, nachdem sie sich uns als die Tochter des
    Zoologen und Eidechsenfängers vorgestellt und in allerlei doppel-
    sinnigen Reden sich zur Absicht der Therapie und zu anderen
    geheimen Absichten bekannt hat. Die Richtung, die sie einschlug,
    war aber nicht die des Gasthofes zur Sonne, in dem ihr Vater
    sie erwartete, sondern auch ihr wollte scheinen, als ob in der
    Umgegend der Villa des Diomedes eine Schattengestalt ihren
    Tumulus aufsuche und unter einem der Gräberdenkmäler ver-
    schwinde, und darum richtete sie ihre Schritte mit dem jedesmal
    beinahe senkrecht aufgestellten Fuß nach der Gräberstraße. Dort
    hin hatte sich in seiner Beschämung und Verwirrung Hanold
    geflüchtet und wanderte im Portikus des Gartenraumes unablässig
    auf und ab, beschäftigt, den Rest seines Problems durch Denk-
    anstrengung zu erledigen. Eines war ihm unanfechtbar klar ge-

  • S.

    296

    worden, daß er völlig ohne Sinn und Verstand gewesen zu glauben,
    daß er mit einer mehr oder weniger leiblich wieder lebendig
    gewordenen jungen Pompejanerin verkehrt habe, und diese deut-
    liche Einsicht, seiner Verrücktheit bildete unstreitig einen wesent-
    lichen Fortschritt auf dem Rückweg zur gesunden Vernunft. Aber
    anderseits war diese Lebende, mit der auch andere wie mit einer
    ihnen gleichartigen Leibhaftigkeit verkehrten, die Gradiva, und
    sie wußte seinen Namen, und dieses Rätsel zu lösen, war seine
    kaum erwachte Vernunft nicht stark genug. Auch war er im
    Gefühl kaum ruhig genug, um sich solcher schwierigen Aufgabe
    gewachsen zu zeigen, denn am liebsten wäre er vor zweitausend
    Jahren in der Villa des Diomedes mitverschüttet worden, um nur
    sicher zu sein, der Zoë-Gradiva nicht wieder zu begegnen.

    Eine heftige Sehnsucht, sie wiederzusehen, stritt indessen gegen
    den Rest von Neigung zur Flucht, der sich in ihm erhalten hatte.

    Um eine der vier Ecken des Pfeilerganges biegend, prallte er
    plötzlich zurück. Auf einem abgebrochenen Mauerstücke saß da
    eines der Mädchen, die hier in der Villa des Diomedes ihren
    Tod gefunden hatten. Aber das war ein bald abgewiesener letzter
    Versuch, in das Reich des Wahnsinns zu flüchten; nein, die
    Gradiva war es, die offenbar gekommen war, ihm das letzte Stück
    ihrer Behandlung zu schenken. Sie deutete seine erste instinktive
    Bewegung ganz richtig als einen Versuch, den Raum zu verlassen,
    und bewies ihm, daß er nicht entrinnen könne, denn draußen
    hatte ein fürchterlicher Wassersturz zu rauschen begonnen. Die
    Unbarmherzige begann das Examen mit der Frage, was er mit
    der Fliege auf ihrer Hand gewollt. Er fand nicht den Mut sich
    eines bestimmten Pronomens zu bedienen, wohl aber den wert-
    volleren, die entscheidende Frage zu stellen:

    „Ich war – wie jemand sagte – etwas verwirrt im Kopf
    und bitte um Verzeihung, daß ich die Hand derartig – wie ich
    so sinnlos sein konnte, ist mir nicht begreiflich – aber ich bin
    auch nicht imstande zu begreifen, wie ihre Besitzerin mir meine

  • S.

    297

    meine Unvernunft mit meinem Namen vorhalten konnte.“
    (G. p. 134.)

    „So weit ist dein Begreifen also noch nicht vorgeschritten,
    Norbert Hanold. Wunder nehmen kann's mich allerdings nicht,
    da du mich lange daran gewöhnt hast. Um die Erfahrung wieder
    zu machen, hätte ich nicht nach Pompeji zu kommen gebraucht,
    und du hättest sie mir um gut hundert Meilen näher bestätigen
    können.“

    „Um hundert Meilen näher; deiner Wohnung schräg gegen-
    über, in dem Eckhaus; an meinem Fenster steht ein Käfig mit
    einem Kanarien-
    vogel“, eröffnet sie jetzt dem noch immer Ver-
    ständnislosen.

    Dies letzte Wort berührt den Hörer wie eine Erinnerung aus
    einer weiten Ferne. Das ist doch derselbe Vogel, dessen Gesang
    ihm den Entschluß zur Reise nach Italien eingegeben.

    „In dem Hause wohnt mein Vater, der Professor der Zoologie
    Richard Bertgang.“

    Als seine Nachbarin kannte sie also seine Person und seinen
    Namen. Uns droht es wie eine Enttäuschung durch eine seichte
    Lösung, die unserer Erwartungen nicht würdig ist.

    Norbert Hanold zeigt noch keine wiedergewonnene Selbständig-
    keit des Denkens, wenn er wiederholt: „Dann sind Sie – sind
    Sie Fräulein Zoë Bertgang? Die sah aber doch ganz anders
    aus . . .“

    Die Antwort des Fräuleins Bertgang zeigt dann, daß doch
    noch andere Beziehungen als die der Nachbarschaft zwischen den
    beiden bestanden hatten. Sie weiß für das trauliche „du“ einzu-
    treten, das er dem Mittagsgespenst natürlich geboten, vor der
    Lebenden wieder zurückgezogen hatte, auf das sie aber alte Rechte
    geltend macht. „Wenn du die Anrede passender zwischen uns
    findest, kann ich sie ja auch anwenden, mir lag nur die andere
    natürlicher auf der Zunge. Ich weiß nicht mehr, ob ich früher,
    als wir täglich freundschaftlich miteinander herumlieffen, gele-

  • S.

    298

    gentlich uns zur Abwechslung auch knufften und pufften, anders
    ausgesehen habe. Aber wenn Sie in den letzten Jahren einmal
    mit einem Blick auf mich acht gegeben hätten, wäre Ihren Augen
    vielleicht aufgegangen, daß ich schon seit längerer Zeit so aussehe.“
    Eine Kinderfreundschaft hatte also zwischen den beiden be-
    standen, vielleicht eine Kinderliebe, aus der das „Du“ seine
    Berechtigung ableitete. Ist diese Lösung nicht vielleicht ebenso
    seicht wie die erst vermutete? Es trägt aber doch wesentlich zur
    Vertiefung bei, daß uns einfällt, dies Kinderverhältnis erkläre in
    unvermuteter Weise so manche Einzelheit von dem, was während
    ihres jetzigen Verkehrs zwischen den beiden vorgefallen. Jener
    Schlag auf die Hand der Zoë-Gradiva, den sich Norbert Hanold
    so vortrefflich mit dem Bedürfnis motiviert, durch eine experi-
    mentelle Entscheidung die Frage nach der Leiblichkeit der Er-
    scheinung zu lösen, sieht er nicht anderseits einem Wieder-
    aufleben des Impulses zum „Knuffen und Puffen“ merkwürdig
    ähnlich, dessen Herrschaft in der Kindheit uns die Worte Zoës
    bezeugt haben? Und wenn die Gradiva an den Archäologen die
    Frage gerichtet, ob ihm nicht vorkomme, daß sie schon einmal
    vor zweitausend Jahren so die Mahlzeit miteinander geteilt hätten,
    wird diese unverständliche Frage nicht plötzlich sinnvoll, wenn
    wir anstatt jener geschichtlichen Vergangenheit die persönliche
    einsetzen, die Kinderzeit wiederum, deren Erinnerungen bei dem
    Mädchen lebhaft erhalten, bei dem jungen Manne aber vergessen
    zu sein scheinen? Dämmert uns nicht plötzlich die Einsicht, daß
    die Phantasien des jungen Archäologen über seine Gradiva ein
    Nachklang dieser vergessenen Kindheitserinnerungen sein könnten?
    Dann wären sie also keine willkürlichen Produktionen seiner
    Phantasie, sondern bestimmt, ohne daß er darum wüßte, durch
    das von ihm vergessene, aber noch wirksam in ihm vorhandene
    Material von Kindheitseindrücken. Wir müßten diese Abkunft der
    Phantasien im einzelnen nachweisen können, wenn auch nur
    durch Vermutungen. Wenn z. B. die Gradiva durchaus grie-

  • S.

    299

    chischer Abkunft sein muß, die Tochter eines angesehenen
    Mannes, vielleicht eines Priesters der Ceres, so stimmte das nicht
    übel zu einer Nachwirkung der Kenntnis ihres griechischen Namens
    Zoë und ihrer Zugehörigkeit zur Familie eines Professors der
    Zoologie. Sind aber die Phantasien Hanolds umgewandelte Er-
    innerungen, so dürfen wir erwarten, in den Mitteilungen der
    Zoë Bertgang den Hinweis auf die Quellen dieser Phantasien zu
    finden. Horchen wir auf; sie erzählte uns von einer intimen
    Freundschaft der Kinderjahre, wir werden nun erfahren, welche
    weitere Entwicklung diese Kinderbeziehung bei den beiden ge-
    nommen hat.
    „Damals, so bis um die Zeit, in der man uns, ich weiß nicht
    weshalb, Backfische tituliert, hatte ich mir eigentlich eine merk-
    würdige Anhänglichkeit an Sie angewöhnt und glaubte, ich
    könnte nie einen mir angenehmeren Freund auf der Welt finden.
    Mutter und Schwester oder Bruder hatte ich ja nicht, meinem
    Vater war eine Blindschleiche in Spiritus bedeutend interessanter
    als ich, und etwas muß man, wozu ich auch ein Mädchen rechne,
    wohl haben, womit man seine Gedanken und was sonst mit ihnen
    zusammenhängt, beschäftigen kann. Das waren also Sie damals;
    doch als die Altertumswissenschaft über Sie gekommen war, machte
    ich die Entdeckung, daß aus dir – entschuldigen Sie, aber Ihre
    schickliche Neuerung klingt mir doch zu abgeschmackt und paßt
    auch nicht zu dem, was ich ausdrücken will – ich wollte sagen,
    da stellte sich heraus, daß aus dir ein unausstehlicher Mensch
    geworden war, der, wenigstens für mich, keine Augen mehr im
    Kopf, keine Zunge mehr im Mund und keine Erinnerung mehr
    da hatte, wo sie mir an unsere Kinderfreundschaft sitzen geblieben
    war. Darum sah ich wohl anders aus als früher, denn wenn ich
    ab und zu in einer Gesellschaft mit dir zusammenkam, noch im
    letzten Winter einmal, sahst du mich nicht, und noch weniger
    bekam ich deine Stimme zu hören, worin übrigens keine Aus-
    zeichnung für mich lag, weil du’s mit allen andern ebenso

  • S.

    300

    machtest. Ich war Luft für dich, und du warst, mit deinem
    blonden Haarschopf, an dem ich dich früher oft gezaust, so lang-
    weilig, vertrocknet und mundfaul wie ein ausgestopfter Kakadu
    und dabei so großartig wie ein – Archäopteryx heißt das
    ausgegrabene vorsintflutliche Vogelungentum ja wohl. Nur daß dein
    Kopf eine ebenfalls so großartige Phantasie beherbergte, hier in
    Pompeji mich auch für etwas Ausgegrabenes und wieder lebendig
    Gewordenes anzusehen – das hatte ich nicht bei dir vermutet,
    und als du auf einmal ganz unerwartet vor mir standest, kostete
    es mich zuerst ziemliche Mühe, dahinter zu kommen, was für
    ein unglaubliches Hirngespinst deine Einbildung sich zurecht-
    gearbeitet hatte. Dann machte mir’s Spaß und gefiel mir auch
    trotz seiner Tollhäusigkeit nicht so übel. Denn, wie gesagt, das
    hatte ich bei dir nicht vermutet.“

    So sagt sie uns also deutlich genug, was aus der Kinderfreund-
    schaft mit den Jahren bei ihnen beiden geworden war. Bei ihr
    steigerte sich dieselbe zu einer herzlichen Verliebtheit, denn etwas
    muß man ja haben, woran man als Mädchen sein Herz hängt.
    Fräulein Zoë, die Verkörperung der Klugheit und Klarheit, macht
    uns auch ihr Seelenleben ganz durchsichtig. Wenn es schon all-
    gemeine Regel für das normal geartete Mädchen ist, daß sie ihre
    Neigung zunächst dem Vater zuwende, so war sie ganz besonders
    dazu bereit, die keine andere Person als den Vater in ihrer
    Familie fand. Dieser Vater aber hatte für sie nichts übrig, die
    Objekte seiner Wissenschaft hatten all sein Interesse mit Beschlag
    belegt. So mußte sie nach einer anderen Person Umschau halten
    und hing sich mit besonderer Innigkeit an ihren Jugendspielen.
    Als auch dieser keine Augen mehr für sie hatte, störte es ihre
    Liebe nicht, steigerte sie vielmehr, denn er war ihrem Vater
    gleichgeworden, wie dieser von der Wissenschaft absorbiert und
    durch sie vom Leben und von Zoë ferngehalten. So war es ihr
    gestattet, in der Untreue noch treu zu sein, im Geliebten den
    Vater wiederzufinden, mit dem gleichen Gefühl die beiden zu

  • S.

    301

    umfassen oder, wie wir sagen können, die beiden in ihrem Fühlen
    zu identifizieren. Woher nehmen wir die Berechtigung zu dieser
    kleinen psychologischen Analyse, die leicht als selbstherrlich er-
    scheinen könnte? In einem einzigen, aber höchst charakteristi-
    schen Detail hat sie der Dichter uns gegeben. Wenn Zoë die für
    sie so betrübende Verwandlung ihres Jugendgespielen schildert,
    so beschimpft sie ihn durch einen Vergleich mit dem Archäopteryx,
    jenem Vogelungetüm, das der Archäologie der Zoologie angehört.
    So hat sie für die Identifizierung der beiden Personen einen
    einzigen konkreten Ausdruck gefunden; ihr Groll trifft den Ge-
    liebten wie den Vater mit demselben Worte. Der Archäopteryx
    ist sozusagen die Kompromiß- oder Mittelvorstellung, in welcher
    der Gedanke an die Torheit ihres Geliebten mit dem an die ana-
    loge ihres Vaters zusammenkommt.

    Anders hatte es sich bei dem jungen Manne gewendet. Die
    Altertumswissenschaft kam über ihn und ließ ihm nur Interesse
    für Weiber aus Stein und Bronze übrig. Die Kinderfreundschaft
    ging unter, anstatt sich zu einer Leidenschaft zu verstärken, und
    die Erinnerungen an sie gerieten in so tiefe Vergessenheit, daß
    er seine Jugendgenossin nicht erkannte und nicht beachtete, wenn
    er sie in Gesellschaft traf. Zwar, wenn wir das weitere über-
    blicken, dürfen wir in Zweifel ziehen, ob „Vergessenheit“ die
    richtige psychologische Bezeichnung für das Schicksal dieser Er-
    innerungen bei unserem Archäologen ist. Es gibt eine Art von
    Vergessen, welche sich durch die Schwierigkeit auszeichnet, mit
    welcher die Erinnerung auch durch starke äußere Anrufungen
    erweckt wird, als ob ein innerer Widerstand sich gegen deren
    Wiederbelebung sträubte. Solches Vergessen hat den Namen „Ver-
    drängung“ in der Psychopathologie erhalten; der Fall, den unser
    Dichter uns vorgeführt, scheint ein solches Beispiel von Verdrängung
    zu sein. Nun wissen wir ganz allgemein nicht, ob das Vergessen
    eines Eindruckes mit dem Untergang von dessen Erinnerungsspur
    im Seelenleben verbunden ist; von der „Verdrängung“ können

  • S.

    302

    wir aber mit Bestimmtheit behaupten, daß sie nicht mit dem
    Untergang, dem Auslöschen der Erinnerung zusammenfällt. Das
    Verdrängte kann zwar in der Regel sich nicht ohneweiters als
    Erinnerung durchsetzen, aber es bleibt leistungs- und wirkungs-
    fähig, es läßt eines Tages unter dem Einfluß einer äußeren Ein-
    wirkung psychische Abfolgen entstehen, die man als Verwandlungs-
    produkte und Abkömmlinge der vergessenen Erinnerung auffassen
    kann, und die unverständlich bleiben, wenn man sie nicht so
    auffaßt. In den Phantasien Norbert Hanolds über die Gradiva
    glaubten wir bereits die Abkömmlinge seiner verdrängten Er-
    innerungen an seine Kinderfreundschaft mit der Zoë Bertgang zu
    erkennen. Mit besonderer Gesetzmäßigkeit darf man eine derartige
    Wiederkehr des Verdrängten erwarten, wenn an den verdrängten
    Eindrücken das erotische Fühlen eines Menschen haftet, wenn
    sein Liebesleben von der Verdrängung betroffen worden ist. Dann
    behält der alte lateinische Spruch recht, der vielleicht ursprünglich
    auf Austreibung durch äußere Einflüsse, nicht auf innere Konflikte
    gemünzt ist: Naturam furca expellas, semper redibit. Aber er sagt nicht
    alles, kündigt nur die Tatsache der Wiederkehr des Stückes ver-
    drängter Natur an, und beschreibt nicht die höchst merkwürdige Art
    dieser Wiederkehr, die sich wie durch einen tückischen Verrat voll-
    zieht. Gerade dasjenige, was zum Mittel der Verdrängung gewählt
    worden ist, – wie die furca des Spruches, – wird der Träger
    des Wiederkehrenden; in und hinter dem Verdrängenden macht
    sich endlich siegreich das Verdrängte geltend. Eine bekannte
    Radierung von Félicien Rops illustriert diese wenig beachtete
    und der Würdigung so sehr bedürftige Tatsache eindrucksvoller,
    als viele Erläuterungen es vermöchten, und zwar an dem vor-
    bildlichen Falle der Verdrängung im Leben der Heiligen und
    Büßer. Ein asketischer Mönch hat sich – gewiß vor den Ver-
    suchungen der Welt – zum Bild des gekreuzigten Erlösers ge-
    flüchtet. Da sinkt dieses Kreuz schattenhaft nieder und strahlend
    erhebt sich an seiner Stelle, zu seinem Ersatze, das Bild eines

  • S.

    303

    üppigen nackten Weibes in der gleichen Situation der Kreuzigung.
    Andere Maler von geringerem psychologischen Scharfblick haben
    in solchen Darstellungen der Versuchung die Sünde frech und
    triumphierend an irgend eine Stelle neben dem Erlöser am Kreuze
    gewiesen. Rops allein hat sie den Platz des Erlösers selbst am
    Kreuze einnehmen lassen; er scheint gewußt zu haben, daß das
    Verdrängte bei seiner Wiederkehr aus dem Verdrängenden selbst
    hervortritt.

    Es ist des Verweilens wert, sich in Krankheitsfällen zu über-
    zeugen, wie feinfühlig im Zustande der Verdrängung das Seelen-
    leben eines Menschen für die Annäherung des Verdrängten wird,
    und wie leise und geringfügige Ähnlichkeiten genügen, damit
    dasselbe hinter dem Verdrängenden und durch dieses zur Wirkung
    gelange. Ich hatte einmal Anlaß, mich ärztlich um einen jungen
    Mann, fast noch Knaben, zu kümmern, der nach der ersten un-
    erwünschten Kenntnisnahme von den sexuellen Vorgängen die
    Flucht vor allen in ihm aufsteigenden Gelüsten ergriffen hatte
    und sich verschiedener Mittel der Verdrängung dazu bediente,
    seinen Lerneifer steigerte, die kindliche Anhänglichkeit an die
    Mutter übertrieb und im ganzen ein kindisches Wesen annahm.
    Ich will hier nicht ausführen, wie gerade im Verhältnis zur Mutter
    die verdrängte Sexualität wieder durchdrang, sondern den selteneren
    und fremdartigeren Fall beschreiben, wie ein anderes seiner Boll-
    werke bei einem kaum als zureichend zu erkennenden Anlasse
    zusammenbrach. Als Ablenkung vom Sexuellen genießt die Mathe-
    matik den größten Ruf; schon J. J. Rousseau hatte sich von
    einer Dame, die mit ihm unzufrieden war, raten lassen müssen:
    Lascia le donne e studia le matematiche. So warf sich auch unser
    Flüchtling mit besonderem Eifer auf die in der Schule gelehrte
    Mathematik und Geometrie, bis seine Fassungskraft eines Tages
    plötzlich vor einigen harmlosen Aufgaben erlahmte. Von zweien
    dieser Aufgaben ließ sich noch der Wortlaut feststellen: Zwei
    Körper stoßen aufeinander, der eine mit der Geschwindigkeit …

  • S.

    304

    u. s. w. — Und: Einem Zylinder vom Durchmes-
    ser ist ein Kegel einzuschreiben u. s. w. Bei diesen für einen
    anderen gewiß nicht auffälligen Anspielungen an das sexuelle
    Geschehen fand er sich auch von der Mathematik verraten und
    ergriff auch vor ihr die Flucht.

    Wenn Norbert Hanold eine aus dem Leben geholte Persönlich-
    keit wäre, die so die Liebe und die Erinnerung an seine Kinder-
    freundschaft durch die Archäologie vertrieben hätte, so wäre es
    nur gesetzmäßig und korrekt, daß gerade ein antikes Relief die
    vergessene Erinnerung an die mit kindlichen Gefühlen Geliebte in
    ihm erweckte; es wäre sein wohlverdientes Schicksal, daß er sich
    in das Steinbild der Gradiva verliebte, hinter welchem Vermöge
    einer nicht aufgeklärten Ähnlichkeit die lebende und von ihm ver-
    nachlässigte Zoë zur Wirkung kommt.

    Fräulein Zoë scheint selbst unsere Auffassung von dem Wahn
    des jungen Archäologen zu teilen, denn das Wohlgefallen, dem sie
    am Ende ihrer „rückhaltlosen, ausführlichen und lehrreichen Straf-
    rede“ Ausdruck gegeben, läßt sich kaum anders als durch die Be-
    reitwilligkeit begründen, sein Interesse für die Gradiva von allem
    Anfang an auf ihre Person zu beziehen. Dieses war es eben, was
    sie ihm nicht zugetraut hatte, und was sie trotz aller Wahnver-
    kleidung doch als solches erkannte. An ihm aber hatte nun die
    psychische Behandlung von ihrer Seite ihre wohltätige Wirkung
    vollbracht; er fühlte sich frei, da nun der Wahn durch dasjenige
    ersetzt war, wovon er doch nur eine entstellte und ungenügende
    Abbildung sein konnte. Er zögerte jetzt auch nicht, sich zu er-
    innern und sie als seine gute, fröhliche, klugsinnige Kameradin zu
    erkennen, die sich im Grunde gar nicht verändert habe. Aber etwas
    anderes fand er höchst sonderbar —

    „Daß jemand erst sterben muß, um lebendig zu werden,“ meinte
    das Mädchen. „Aber für die Archäologen ist das wohl notwendig.“
    (G. p. 141.) Sie hatte ihm offenbar den Umweg noch nicht ver-
    ziehen, den er von der Kinderfreundschaft bis zu dem neu sich

  • S.

    305

    knüpfenden Verhältnis über die Altertumswissenschaft eingeschlagen
    hatte.

    „Nein, ich meine dein Name... Weil Bertgang mit Gradiva
    gleichbedeutend ist und ‚die im Schreiten Glänzende‘ bezeichnet.“
    (G. p. 142.)

    Darauf waren nun auch wir nicht vorbereitet. Unser Held be-
    ginnt sich aus seiner Demütigung zu erheben und eine aktive
    Rolle zu spielen. Er ist offenbar von seinem Wahn völlig geheilt,
    über ihn erhoben, und beweist dies, indem er die letzten Fäden
    des Wahngespinstes selbständig zerreißt. Genau so benehmen sich
    auch die Kranken, denen man den Zwang ihrer wahnhaften Ge-
    danken durch Aufdeckung des dahintersteckenden Verdrängten ge-
    lockert hat. Haben sie begriffen, so bringen sie für die letzten und
    bedeutsamsten Rätsel ihres sonderbaren Zustandes selbst die Lösungen
    in plötzlich auftauchenden Einfällen. Wir hatten ja bereits ver-
    mutet, daß die griechische Abkunft der fabelhaften Gradiva eine
    dunkle Nachwirkung des griechischen Namens Zoë sei, aber an
    den Namen „Gradiva“ selbst hatten wir uns nicht herangewagt,
    ihn hatten wir als freie Schöpfung der Phantasie Norbert
    Hanolds gelten lassen. Und siehe da, gerade dieser Name erweist
    sich nun als Abkomme, ja eigentlich als Übersetzung des ver-
    drängten Familiennamens der angeblich vergessenen Kinderge-
    liebten!

    Die Herleitung und die Auflösung des Wahnes sind nun voll-
    endet. Was noch beim Dichter folgt, darf wohl dem harmonischen
    Abschluß der Erzählung dienen. Es kann uns im Hinblick auf
    Zukünftiges nur wohltuend berühren, wenn die Rehabilitierung
    des Mannes, der früher eine so klägliche Rolle als Heilungsbe-
    dürftiger spielen mußte, weiterschreitet und es ihm nun gelingt,
    etwas von den Affekten, die er bisher erduldet, bei ihr zu er-
    wecken. So trifft es sich, daß er sie eifersüchtig macht durch die
    Erwähnung der sympathischen jungen Dame, die vorhin ihr Bei-
    sammensein im Hause des Meleager gestört, und durch das Ge-
     

  • S.

    306

    ständnis, daß diese die erste gewesen, die ihm vortrefflich gefallen
    hat. Wenn Zoë dann einen kühlen Abschied mit der Bemerkung
    nehmen will: jetzt sei ja alles wieder zur Vernunft gekommen,
    sie selbst nicht am wenigsten: er könne Gisa Hartleben, oder
    wie sie jetzt heiße, wieder aufsuchen, um ihr bei dem Zweck
    ihres Aufenthaltes in Pompeji wissenschaftlich behilflich zu sein;
    sie aber müsse jetzt in den Albergo del Sole, wo der Vater mit
    dem Mittagessen auf sie warte; vielleicht sähen sie sich beide
    noch einmal in einer Gesellschaft in Deutschland oder auf dem
    Monde: so mag er wieder die lästige Fliege zum Vorwand nehmen,
    um sich zuerst ihrer Wange und dann ihrer Lippen zu bemächtigen
    und die Aggression, die nun einmal Pflicht des Mannes im Liebes-
    spiel ist, ins Werk zu setzen. Ein einziges Mal noch scheint ein
    Schatten auf ihr Glück zu fallen, als Zoë mahnt, jetzt müsse sie
    aber wirklich zu ihrem Vater, der sonst im Sole verhungert. „Dein
    Vater – was wird der –?“ (G. p. 147.) Aber das kluge Mäd-
    chen weiß die Sorge rasch zu beschwichtigen: „Wahrscheinlich
    wird er nichts, ich bin kein unentbehrliches Stück in seiner
    zoologischen Sammlung; wär’ ich das, hätte sich mein Herz viel-
    leicht nicht so unklug an dich gehängt.“ Sollte der Vater aber
    ausnahmsweise anderer Meinung sein wollen als sie, so gäbe es
    ein sicheres Mittel. Hanold brauchte nur nach Capri hinüberzu-
    fahren, dort eine Lacerta faraglionensis zu fangen, wofür er die
    Technik an ihrem kleinen Finger einüben könne, das Tier dann
    hier freizulassen, vor den Augen des Zoologen wieder einzufangen
    und ihm die Wahl zu lassen zwischen der Faraglionensis auf dem
    Festlande und der Tochter. Ein Vorschlag, in dem der Spott, wie
    man leicht merkt, mit Bitterkeit vermengt ist, eine Mahnung
    gleichsam an den Bräutigam, sich nicht allzu getreu an das Vor-
    bild zu halten, nach dem ihn die Geliebte ausgewählt hat. Norbert
    Hanold beruhigt uns auch hierüber, indem er die große Umwand-
    lung, die mit ihm vorgefallen ist, in allerlei scheinbar kleinen
    Anzeichen zum Ausdruck bringt. Er spricht den Vorsatz aus, die

  • S.

    307

    Hochzeitsreise mit seiner Zoë nach Italien und nach Pompeji zu
    machen, als hätte er sich niemals über die Hochzeitsreisenden
    August und Grete entrüstet. Es ist ihm ganz aus dem Gedächtnis
    geschwunden, was er gegen diese glücklichen Paare gefühlt, die
    sich so überflüssiger Weise mehr als hundert Meilen von ihrer
    deutschen Heimat entfernt haben. Gewiß hat der Dichter recht,
    wenn er solche Gedächtnisschwächung als das wertvollste Zeichen
    einer Sinnesänderung aufführt. Zoë erwidert auf den kundge-
    gebenen Reisezielwunsch ihres „gewissermaßen gleich-
    falls aus der Verschüttung wieder ausgegrabenen
    Kindheitsfreundes“ (G. p. 150), sie fühle sich zu solcher
    geographischen Entscheidung doch noch nicht völlig lebendig
    genug.

    Die schöne Wirklichkeit hat nun den Wahn besiegt, doch harrt
    des letzteren, ehe die beiden Pompeji verlassen, noch eine Ehrung.
    An dem Herkulestor angekommen, wo am Anfang der Strada
    consolare alte Trittsteine die Straße überkreuzen, hält Norbert
    Hanold an und bittet das Mädchen voranzugehen. Sie versteht
    ihn, „und mit der Linken das Kleid ein wenig raffend, schreitet
    die Gradiva rediviva Zoë Bertgang von ihm mit traumhaft drein-
    blickenden Augen umfaßt, in ihrer ruhig-behenden Gangart durch
    den Sonnenglanz über die Trittsteine zur anderen Straßenseite
    hinüber.“ Mit dem Triumph der Erotik kommt jetzt zur Aner-
    kennung, was auch am Wahne schön und wertvoll war.

    Mit dem letzten Gleichnis von dem „aus der Verschüttung aus-
    gegrabenen Kindheitsfreunde“ hat uns aber der Dichter den Schlüssel
    zur Symbolik in die Hand gegeben, dessen sich der Wahn des
    Helden bei der Verkleidung der verdrängten Erinnerung bediente.
    Es gibt wirklich keine bessere Analogie für die Verdrängung, die
    etwas Seelisches zugleich unzugänglich macht und konserviert, als
    die Verschüttung, wie sie Pompeji zum Schicksal geworden ist,
    und aus der die Stadt durch die Arbeit des Spatens wieder er-
    stehen konnte. Darum mußte der junge Archäologe das Urbild des

  • S.

    308

    Reliefs, welches ihn an seine vergessene Jugendgeliebte mahnte,
    in der Phantasie nach Pompeji versetzen. Der Dichter aber hatte
    ein gutes Recht, bei der wertvollen Ähnlichkeit zu verweilen, die
    sein feiner Sinn zwischen einem Stück des seelischen Geschehens
    beim Einzelnen und einem vereinzelten historischen Vorgang in
    der Geschichte der Menschheit aufgespürt.