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    EINE TEUFELSNEUROSE IM 17. JAHRHUNDERT 2

    vom Teufel zu fordern habe". Auch diesmal verhalfen ihm die hei-
    lige Maria und die frommen Patres zur Erfüllung seiner Bitte. Aber
    der Bericht, wie das geschah, ist schweigsam. Es heißt nur mit kurzen
    Worten: qua iuxta votum reddita, Er betete wieder und er erhielt
    den Vertrag zurück. Dann fühlte er sich ganz frei und trat in den
    Orden der Barmherzigen Brüder ein.

    Man hat wiederum Anlaß anzuerkennen, daß die offenkundige
    Tendenz seiner Bemühung den Kompilator nicht dazu verführt hat,
    die von einer Krankengeschichte zu fordernde Wahrhaftigkeit zu ver-
    leugnen. Denn er verschweigt nicht, was die Erkundigung nach dem
    Ausgang des Malers beim Vorstand des Klosters der Barmherzigen
    Brüder im Jahre 1714 ergeben. Der R. P* Provincialis berichtet, daß
    Bruder Chrysostomus noch wiederholt Anfechtungen des bósen Gei-
    stes erfahren hat, der ihn zu einem neuen Pakt verleiten wollte, und
    zwar nur dann, „wenn er etwas mehrers von Wein getrunken“, durch
    die Gnade Gottes sei es aber immer müglich gewesen ihn abzuweisen.
    Bruder Chrysostomus sei dann im Kloster des Ordens Neustatt an der
    Moldau im Jahre 1 700 „san ft und trostreich an der Hektica verstorben.

    II. DAS MOTIV DES TEUFELSPAKTS

    Wenn wir diese Teufelsverschreibung wie eine neurotische Kranken-
    geschichte betrachten, wendet sich unser Interesse zunüchst der Frage
    nach ihrer Motivierung zu, die ja mit der Veranlassung innig zu-
    sammenhångt. Warum verschreibt man sich dem Teufel? Dr. Faust
    fragt zwar verüchtlich: Was willst du armer Teufel geben? Aber er hat
    nicht recht, der Teufel hat als Entgelt für die unsterbliche Seele allerlei
    zu bieten, was die Menschen hoch einschätzen: Reichtum, Sicherheit
    vor Gefahren, Macht über die Menschen und über die Krüfte der
    Natur, selbst Zauberkünste und vor allem anderen: GenuB, GenuB
    bei schónen Frauen. Diese Leistungen oder Verpflichtungen des Teufels

    1) Diese wire, im September 1668 ausgestellt, 9!/, Jahre später, im Mai 1678 längst ver-
    fallen gewesen.

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    8                                        SIGM. FREUD

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    pflegen auch im Vertrag mit ihm ausdrücklich erwähnt zu werden¹.
    Was ist nun für Christoph Haizmann das Motiv seines Pakts gewesen?

        Merkwürdigerweise keiner von all diesen so natürlichen Wün-
    schen. Um jeden Zweifel daran zu bannen, braucht man nur die kurzen
    Bemerkungen einzusehen, die der Maler zu den von ihm abgebildeten
    Teufelserscheinungen hinzusetzt. Z. B. lautet die Note zur dritten
    Vision:

        „Zum driten ist er mir in anderthalb Jahren in dißer abscheüh-
    lichen Gestalt erschienen, mit einen Buuch in der Handt, darin lauter
    Zauberey und schwarze Kunst war begrüffen . . .“

        Aber aus der Beischrift zu einer späteren Erscheinung erfahren
    wir, daß der Teufel ihm heftige Vorwürfe macht, warum er „sein vor-
    gemeldtes Buuch verbrennt“, und ihn zu zerreißen droht, wenn er
    es ihm nicht wieder beschafft.

        Bei der vierten Erscheinung zeigt er ihm einen großen gelben
    Beutel und einen großen Dukaten und verspricht ihm jederzeit soviel
    davon, als er nur haben will, „aber ich solliches gar nicht angenom-
    ben,“ kann sich der Maler rühmen.

        Ein anderes Mal verlangt er von ihm, er solle sich amüsieren, unter-
    halten lassen. Wozu der Maler bemerkt, „welliches zwar auch auf
    sein begehren geschehen aber ich yber drey Tag nit continuirt, vnd
    gleich widerumb außgelöst worden“.

        Da er nun Zauberkünste, Geld und Genuß zurückweist, wenn der
    Teufel sie ihm bietet, geschweige denn, daß er sie zu Bedingungen
    des Pakts gemacht hätte, wird es wirklich dringlich zu wissen, was
    dieser Maler eigentlich vom Teufel wollte, als er sich ihm verschrieb.
    Irgendein Motiv sich mit dem Teufel einzulassen, muß er doch ge-
    habt haben.

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        1) Siehe in Faust I, Studierzimmer.
                            Ich will mich hier zu deinem Dienst verbinden,
                            Auf deinen Wink nicht rasten und nicht ruhn;
                            Wenn wir uns drüben wieder finden,
                            So sollst du mir das Gleiche thun.

  • S.

    EINE TEUFELSNEUROSE IM 17. JAHRHUNDERT                    9

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        Das Trophaeum gibt auch sichere Auskunft über diesen Punkt. Er
    war schwermütig geworden, konnte nicht, oder nicht recht arbeiten
    und hatte Sorge um die Erhaltung seiner Existenz, also melancholische
    Depression mit Arbeitshemmung und (berechtigter) Lebenssorge. Wir
    sehen, daß wir es wirklich mit einer Krankengeschichte zu tun haben,
    erfahren auch, welches die Veranlassung dieser Erkrankung war, die
    der Maler selbst in den Bemerkungen zu den Teufelsbildern gerade-
    zu eine Melancholie nennt („solte mich darmit belustigen und melan-
    coley vertreiben“). Von unseren drei Quellen erwähnt zwar die erste,
    der Geleitbrief des Pfarrers, nur den Depressionszustand („dum artis
    suae progressum emolumentumque secuturum pusillanimis perpen-
    deret“), aber die zweite, der Bericht des Abtes Franciscus weiß auch
    die Quelle dieser Verzagtheit oder Verstimmung zu nennen, denn
    hier heißt es „accepta aliquâ pusillanimitate ex morte parentis“ und
    dementsprechend auch in der Einleitung des Kompilators mit den
    nämlichen, nur umgestellten Worten: ex morte parentis accepta aliquâ
    pusillanimitate. Es war also sein Vater gestorben, er darüber in eine
    Melancholie verfallen, da näherte sich ihm der Teufel, fragte ihn,
    warum er so bestürzt und traurig sei, und versprach ihm „auf alle
    Weiß zu helfen und an die Handt zu gehen“¹.

        Da verschreibt sich also einer dem Teufel, um von einer Gemüts-
    depression befreit zu werden. Gewiß ein ausgezeichnetes Motiv nach
    dem Urteil eines jeden, der sich in die Qualen eines solchen Zustandes
    einfühlen kann und der überdies weiß, wie wenig ärztliche Kunst von
    diesem Leiden zu lindern versteht. Doch würde keiner, der dieser Erzäh-
    lung soweit gefolgt ist, erraten können, wie der Wortlaut der Verschrei-
    bung an den Teufel (oder vielmehr der beiden Verschreibungen, einer
    ersten, mit Tinte und einer zweiten, etwa ein Jahr später, mit Blut
    geschriebenen, beide angeblich noch in der Schatzkammer von Maria-
    zell vorhanden und im Trophaeum mitgeteilt), wie also der Wortlaut
    dieser Verschreibungen gelautet hat.

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        1) Bild 1 und Legende dazu auf dem Titelblatt, der Teufel in Gestalt eines „Ersamen
    Bürgers“.

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    10                                        SIGM. FREUD

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        Diese Verschreibungen bringen uns zwei starke Überraschungen. 
    Erstens nennen sie nicht eine Verpflichtung des Teufels, für deren 
    Einhaltung die ewige Seligkeit verpfändet wird, sondern nur eine 
    Forderung des Teufels, die der Maler einhalten soll. Es berührt uns 
    als ganz unlogisch, absurd, daß dieser Mensch seine Seele einsetzt 
    nicht für etwas, was er vom Teufel bekommen, sondern was er dem 
    Teufel leisten soll. Noch sonderbarer klingt die Verpflichtung des 
    Malers.

        Erste, mit schwarzer Tinte geschriebene „Syngrapha“:

    Ich Christoph Haizmann vndterschreibe mich diesen 
    Herrn sein leibeigener Sohn auff 9 Jahr. 1669 Jahr.

        Zweite, mit Blut geschrieben:

    Anno 1669 
    Christoph Haizmann. Ich verschreibe mich dißen 
    Satan, ich sein leibeigner Sohn zu sein, vnd in 
    9 Jahr ihm mein Leib und Seel zuzugeheren.

        Alles Befremden entfällt aber, wenn wir den Text der Verschrei- 
    bungen so zurechtrücken, daß in ihr als Forderung des Teufels dar- 
    gestellt wird, was vielmehr seine Leistung, also Forderung des Malers 
    ist. Dann bekäme der unverständliche Pakt einen geraden Sinn und 
    könnte solcher Art ausgelegt werden: Der Teufel verpflichtet sich, 
    dem Maler durch neun Jahre den verlorenen Vater zu ersetzen. Nach 
    Ablauf dieser Zeit verfällt der Maler mit Leib und Seele dem Teufel, 
    wie es bei diesen Händeln allgemein üblich war. Der Gedankengang 
    des Malers, der seinen Pakt motiviert, scheint ja der folgende zu sein: 
    Durch den Tod des Vaters hat er Stimmung und Arbeitsfähigkeit 
    eingebüßt; wenn er nun einen Vaterersatz bekommt, hofft er das 
    Verlorene wieder zu gewinnen.

        Jemand, der durch den Tod seines Vaters melancholisch geworden 
    ist, muß doch diesen Vater sehr lieb gehabt haben. Dann ist es aber 
    sehr sonderbar, daß ein solcher Mensch auf die Idee kommen kann, 
    den Teufel zum Ersatz für den geliebten Vater zu nehmen.