• S.

    33

    die Verdrängung, die etwas Seelisches zugleich unzugänglich
    macht und konserviert, als die Verschüttung, wie sie Pompeji
    zum Schicksal geworden ist, und aus der die Stadt durch
    die Arbeit des Spatens wieder erstehen konnte. Darum mußte
    der junge Archäologe das Urbild des Reliefs, welches ihn an
    seine vergessene Jugendgeliebte mahnte, in der Phantasie nach
    Pompeji versetzen. Der Dichter aber hatte ein gutes Recht,
    bei der wertvollen Ähnlichkeit zu verweilen, die sein feiner
    Sinn zwischen einem Stück des seelischen Geschehens beim Ein-
    zelnen und einem vereinzelten historischen Vorgang in der Ge-
    schichte der Menschheit aufgespürt.

    II.

    Es war doch eigentlich nur unsere Absicht, die zwei oder
    drei Träume, die sich in der Erzählung „Gradiva“ eingestreut
    finden, mit Hilfe gewisser analytischer Methoden zu unter-
    suchen; wie kam es denn, daß wir uns zur Zergliederung der
    ganzen Geschichte und zur Prüfung der seelischen Vorgänge bei
    den beiden Hauptpersonen fortreißen ließen? Nun, das war
    kein überflüssiges Stück Arbeit, sondern eine notwendige Vor-
    arbeit. Auch wenn wir die wirklichen Träume einer realen
    Person verstehen wollen, müssen wir uns intensiv um den
    Charakter und die Schicksale dieser Person kümmern, nicht
    nur ihre Erlebnisse kurz vor dem Traume, sondern auch solche
    in entlegener Vergangenheit in Erfahrung bringen. Ich meine
    sogar, wir sind noch immer nicht frei, uns unserer eigentlichen
    Aufgabe zuzuwenden, müssen noch bei der Dichtung selbst ver-
    weilen und weitere Vorarbeiten erledigen.

    Unsere Leser werden gewiß mit Befremden bemerkt ha-
    ben, daß wir Norbert Hanold und Zoë Bertgang in allen
    ihren seelischen Äußerungen und Tätigkeiten bisher behandelt
    haben, als wären sie wirkliche Individuen und nicht Geschöpfe
    eines Dichters, als wäre der Sinn des Dichters ein absolut
    durchlässiges, nicht ein brechendes oder trübes Medium. Und
    um so befremdender muß unser Vorgehen erscheinen, als der
    Dichter auf die Wirklichkeitsschilderung ausdrücklich ver-
    zichtet, indem er seine Erzählung ein „Phantasiestück“ be-
    nennt. Wir finden aber alle seine Schilderungen der Wirk-
     

  • S.

    34

    lichkeit so getreulich nachgebildet, daß wir keinen Widerspruch
    äußern würden, wenn die „Gradiva“ nicht ein Phantasiestück,
    sondern eine psychiatrische Studie hieße. Nur in zwei Punkten
    hat sich der Dichter der ihm zustehenden Freiheit bedient, um
    Voraussetzungen zu schaffen, die nicht im Boden der realen
    Gesetzmäßigkeit zu wurzeln scheinen. Das erstemal, indem er
    den jungen Archäologen ein unzweifelhaft antikes Reliefbildnis
    finden läßt, welches nicht nur in der Besonderheit der Fuß-
    stellung beim Schreiten, sondern in allen Details der Gesichts-
    bildung und Körperhaltung eine so viel später lebende Person
    nachahmt, so daß er die leibliche Erscheinung dieser Person
    für das lebend gewordene Steinbild halten kann. Das zweite-
    mal, indem er ihn die Lebende gerade in Pompeji treffen läßt,
    wohin nur seine Phantasie die Verstorbene versetzte, während
    er sich eben durch die Reise nach Pompeji von der Lebenden,
    die er auf der Straße seines Wohnortes bemerkt hatte, ent-
    fernte. Allein diese zweite Verfügung des Dichters ist keine
    gewaltsame Abweichung von der Lebensmöglichkeit; sie nimmt
    eben nur den Zufall zur Hilfe, der unbestritten bei so vielen
    menschlichen Schicksalen mitspielt, und verleiht ihm überdies
    einen guten Sinn, da dieser Zufall das Verhängnis widerspie-
    gelt, welches bestimmt hat, daß man gerade durch das Mittel
    der Flucht sich dem ausliefert, vor dem man flieht. Phan-
    tastischer und völlig der Willkür des Dichters entsprungen er-
    scheint die erste Voraussetzung, welche alle weiteren Bege-
    benheiten trägt, die so weitgehende Ähnlichkeit des Stein-
    bildes mit dem lebenden Mädchen, wo die Nüchternheit die
    Übereinstimmung auf den einen Zug der Fußhaltung beim
    Schreiten einschränken möchte. Man wäre versucht, hier zur
    Anknüpfung an die Realität die eigene Phantasie spielen zu
    lassen. Der Name Bertgang könnte darauf deuten, daß sich
    die Frauen dieser Familie schon in alten Zeiten durch solche
    Eigentümlichkeit des schönen Ganges ausgezeichnet haben, und
    durch Geschlechtsabfolge hingen die germanischen Bertgang
    mit jenen Römern zusammen, von deren Stamm eine Frau den an-
    tiken Künstler veranlaßt hatte, die Eigentümlichkeit ihres Gan-
    ges im Steinbild festzuhalten. Da aber die einzelnen Variationen
    der menschlichen Gestaltung nicht unabhängig von einander

  • S.

    35

    sind, und thatsächlich auch in unserer Mitte immer wieder die
    antiken Typen auftauchen, die wir in den Sammlungen antref-
    fen, so wäre es nicht ganz unmöglich, daß eine moderne Bert-
    gang die Gestalt ihrer antiken Ahnfrau auch in allen an-
    deren Zügen ihrer körperlichen Bildung wiederholte. Klüger
    als solche Spekulation dürfte wohl sein, sich bei dem Dichter
    selbst nach den Quellen zu erkundigen, aus denen ihm dieses
    Stück seiner Schöpfung erflossen ist; es ergäbe sich uns dann
    eine gute Aussicht, wiederum ein Stück vermeintlicher Willkür
    in Gesetzmäßigkeit aufzulösen. Da uns aber der Zugang zu
    den Quellen im Seelenleben des Dichters nicht frei steht, so
    lassen wir ihm das Recht ungeschmälert, eine durchaus lebens-
    wahre Entwicklung auf eine unwahrscheinliche Voraussetzung
    aufzubauen, ein Recht, das z. B. auch Shakespeare im
    „King Lear“ in Anspruch genommen hat.

    Sonst aber, das wollen wir wiederholen, hat uns der
    Dichter eine völlig korrekte psychiatrische Studie geliefert, an
    welcher wir unser Verständnis des Seelenlebens messen dürfen,
    eine Kranken- und Heilungsgeschichte, wie zur Einschärfung
    gewisser fundamentaler Lehren der ärztlichen Seelenkunde be-
    stimmt. Sonderbar genug, daß der Dichter dies gethan haben
    sollte! Wie nun, wenn er auf Befragen diese Absicht ganz
    und gar in Abrede stellte? Es ist so leicht anzugleichen und
    unterzulegen; sind es nicht vielmehr wir, die in die schöne
    poetische Erzählung einen Sinn hineingeheimnissen, der dem
    Dichter sehr ferne liegt? Möglich; wir wollen später noch
    darauf zurückkommen. Vorläufig aber haben wir versucht, uns
    vor solch tendenziöser Ausdeutung selbst zu bewahren, indem
    wir die Erzählung fast durchwegs aus den eigenen Worten des
    Dichters wiedergaben, Text wie Kommentar von ihm selbst be-
    sorgen ließen. Wer unsere Reproduktion mit dem Wortlaut
    der „Gradiva“ vergleichen will, wird uns dies zugestehen müssen.

    Vielleicht erweisen wir unserem Dichter auch einen schlech-
    ten Dienst im Urteil der allermeisten, wenn wir sein Werk
    für eine psychiatrische Studie erklären. Der Dichter soll der
    Berührung mit der Psychiatrie aus dem Wege gehen, hören
    wir sagen, und die Schilderung krankhafter Seelenzustände den
    Ärzten überlassen. In Wahrheit hat kein richtiger Dichter je

  • S.

    36

    dieses Gebot geachtet. Die Schilderung des menschlichen Seelen
    lebens ist ja seine eigentlichste Domäne; er war jederzeit der
    Vorläufer der Wissenschaft und so auch der wissenschaftlichen
    Psychologie. Die Grenze aber zwischen den normal und krank-
    haft benannten Seelenzuständen ist zum Teil eine konventio-
    nelle, zum anderen eine so fließende, daß wahrscheinlich jeder
    von uns sie im Laufe eines Tages mehrmals überschreitet.
    Anderseits täte die Psychiatrie unrecht, wenn sie sich dauernd
    auf das Studium jener schweren und düsteren Erkrankungen
    einschränken wollte, die durch grobe Beschädigungen des
    feinen Seelenapparats entstehen. Die leiseren und ausgleichs-
    fähigen Abweichungen vom Gesunden, die wir heute nicht
    weiter als bis zu Störungen im psychischen Kräftespiel zurück-
    verfolgen können, fallen nicht weniger unter ihr Interesse; ja
    erst mittels dieser kann sie die Gesundheit wie die Erschei-
    nungen der schweren Krankheit verstehen. So kann der Dichter
    dem Psychiater, der Psychiater dem Dichter nicht ausweichen,
    und die poetische Behandlung eines psychiatrischen Themas darf
    ohne Einbuße an Schönheit korrekt ausfallen.

    Korrekt ist nun wirklich diese dichterische Darstellung
    einer Krankheits- und Behandlungsgeschichte, die wir nach
    Abschluß der Erzählung und Sättigung der eigenen Spannung
    besser übersehen können und nun mit den technischen Aus-
    drücken unserer Wissenschaft reproduzieren wollen, wobei uns
    die Nötigung zur Wiederholung von bereits Gesagtem nicht
    stören soll.

    Der Zustand Norbert Hanolds wird vom Dichter oft
    genug ein „Wahn“ genannt, und auch wir haben keinen Grund,
    diese Bezeichnung zu verwerfen. Zwei Hauptcharaktere können
    wir vom „Wahn“ angeben, durch welche er zwar nicht er-
    schöpfend beschrieben, aber doch von anderen Störungen kennt-
    lich gesondert ist. Er gehört erstens zu jener Gruppe von
    Krankheitszuständen, denen eine unmittelbare Einwirkung aufs
    Körperliche nicht zukommt, sondern die sich nur durch see-
    lische Anzeichen ausdrücken, und er ist zweitens durch die
    Tatsache gekennzeichnet, daß bei ihm „Phantasien“ zur Ober-
    herrschaft gelangt sind, d. h. Glauben gefunden und Einfluß
    auf das Handeln genommen haben. Erinnern wir uns uns der Reise

  • S.

    37

    nach Pompeji, um in der Asche nach den besonders gestalteten
    Fußabdrücken der Gradiva zu suchen, so haben wir in ihr
    ein prächtiges Beispiel einer Handlung unter der Herrschaft
    des Wahnes. Der Psychiater würde den Wahn Norbert Hanolds
    vielleicht der großen Gruppe Paranoia zurechnen und etwa als
    eine „fetischistische Erotomanie“ bezeichnen, weil ihm die Ver-
    liebtheit in das Steinbild das Auffälligste wäre, und weil seiner
    alles vergröbernden Auffassung das Interesse des jungen Ar-
    chäologen für die Füße und Fußstellungen weiblicher Personen
    als „Fetischismus“ verdächtig erscheinen muß. Indes haben alle
    solche Benennungen und Einteilungen der verschiedenen Arten
    von Wahn nach ihrem Inhalt etwas Miß-
    bares an sich.*)

    Der gestrenge Psychiater würde ferner unseren Helden als
    Person, die fähig ist, auf Grund so sonderbarer Vorliebe einen
    Wahn zu entwickeln, sofort zum Dégénéré stempeln und nach
    der Heredität forschen, die ihn unerbittlich in solches Schick-
    sal getrieben hat. Hierin folgt ihm aber der Dichter nicht;
    mit gutem Grunde. Er will uns ja den Helden näher bringen,
    uns die „Einfühlung“ erleichtern; mit der Diagnose „Dégénéré“,
    mag sie nun wissenschaftlich zu rechtfertigen sein oder nicht,
    ist uns der junge Archäologe sofort ferne gerückt; denn wir
    Leser sind ja die Normalmenschen und das Maß der Mensch-
    heit. Auch die hereditären und konstitutionellen Vorbedingun-
    gen des Zustandes kümmern den Dichter wenig; dafür vertieft
    er sich in die persönliche seelische Verfassung, die einem sol-
    chen Wahn den Ursprung geben kann.

    Norbert Hanold verhält sich in einem wichtigen Punkte
    ganz anders als ein gewöhnliches Menschenkind. Er hat kein
    Interesse für das lebende Weib; die Wissenschaft, der er dient,
    hat ihm dieses Interesse genommen und es auf die Weiber von
    Stein oder Bronze verschoben. Man halte dies nicht für eine
    gleichgültige Eigentümlichkeit; sie ist vielmehr die Grund-
    voraussetzung der erzählten Begebenheit, denn eines Tages er-
    eignet es sich, daß ein einzelnes solches Steinbild alles Inter-
     

    *)Der Fall N. H. müßte in Wirklichkeit als hysterischer, nicht als para-
    noischer Wahn bezeichnet werden. Die Kennzeichen der Paranoia werden
    hier vermißt.

  • S.

    38

    esse für sich beansprucht, das sonst nur dem lebenden Weib
    gebührt, und damit ist der Wahn gegeben. Vor unseren Augen
    entrollt sich dann, wie dieser Wahn durch eine glückliche
    Fügung geheilt, das Interesse vom Stein wieder auf eine Le-
    bende zurückgeschoben wird. Durch welche Einwirkungen unser
    Held in den Zustand der Abwendung vom Weibe geraten ist,
    läßt uns der Dichter nicht verfolgen; er gibt uns nur an,
    solches Verhalten sei nicht durch seine Anlage erklärt, die
    vielmehr ein Stück phantastisches – wir dürfen ergänzen: ero-
    tisches – Bedürfnis mit einschließt. Auch ersehen wir von
    später her, daß er in seiner Kindheit nicht von anderen Kin-
    dern abwich; er hielt damals eine Kinderfreundschaft mit
    einem kleinen Mädchen, war unzertrennlich von ihr, teilte mit
    ihr seine kleinen Mahlzeiten, puffte sie auch und ließ sich
    von ihr zausen. In solcher Anhänglichkeit, solcher Vereinigung
    von Zärtlichkeit und Aggression äußert sich die unfertige
    Erotik des Kinderlebens, die ihre Wirkungen erst nachträglich,
    aber dann unwiderstehlich äußert, und die während der Kinder-
    zeit selbst nur der Arzt und der Dichter als Erotik zu er-
    kennen pflegen. Unser Dichter gibt uns deutlich zu verstehen,
    daß auch er es nicht anders meint, denn er läßt bei seinem
    Helden bei geeignetem Anlaß plötzlich ein lebhaftes Interesse
    für Gang und Fußhaltung der Frauen erwachen, das ihn bei
    der Wissenschaft wie bei den Frauen seines Wohnortes in den
    Verruf eines Fußfetischisten bringen muß, das sich uns aber
    notwendig aus der Erinnerung an diese Kinderspielin ab-
    leitet. Dieses Mädchen zeigte gewiß schon als Kind die Eigen-
    heit des schönen Ganges mit fast senkrecht aufgestellter Fuß-
    spitze beim Schreiten, und durch die Darstellung eben dieses
    Ganges gewinnt später ein antikes Steinrelief für Norbert
    Hanold jene große Bedeutung. Fügen wir übrigens gleich
    hinzu, daß der Dichter sich bei der Ableitung der merkwür-
    digen Erscheinung des Fetischismus sich in voller Überein-
    stimmung mit der Wissenschaft befindet. Seit A. Binet
    versuchen wir wirklich, den Fetischismus auf erotische Kind-
    heitseindrücke zurückzuführen.

    Der Zustand der dauernden Abwendung vom Weibe er-
    gibt die persönliche Eignung, wie wir zu sagen pflegen: die

  • S.

    39

    Disposition für die Bildung eines Wahnes. Die Entwicklung
    der Seelenstörung setzt mit dem Momente ein, da ein zufälli-
    ger Eindruck die vergessenen und wenigstens spurweise ero-
    tisch betonten Kindererlebnisse aufweckt. Aufweckt ist aber
    gewiß nicht die richtige Bezeichnung, wenn wir, was weiter
    erfolgt, in Betracht ziehen. Wir müssen die korrekte Darstel-
    lung des Dichters in kunstgerechter psychologischer Ausdrucks-
    weise wiedergeben. Norbert Hanold erinnert sich nicht beim
    Anblick des Reliefs, daß er solche Fußstellung schon bei seiner
    Jugendfreundin gesehen hat; er erinnert sich überhaupt nicht,
    und doch rührt alle Wirkung des Reliefs von solcher Anknüpfung
    an den Eindruck in der Kindheit her. Der Kindheitseindruck
    wird also rege, wird aktiv gemacht, so daß er Wirkungen zu
    äußern beginnt, er kommt aber nicht zum Bewußtsein, er
    bleibt „unbewußt“, wie wir mit einem in der Psychopatho-
    logie unvermeidlich gewordenen Terminus heute zu sagen pfle-
    gen. Dieses Unbewußte möchten wir allen Streitigkeiten der
    Philosophen und Naturphilosophen, die oft nur etymologische
    Bedeutung haben, entzogen sehen. Für psychische Vorgänge,
    die sich aktiv benehmen und dabei doch nicht zum Bewußtsein
    der betreffenden Person gelangen, haben wir vorläufig keinen
    besseren Namen, und nichts anderes meinen wir mit unserem
    „Unbewußtsein“. Wenn manche Denker uns die Existenz eines
    solchen Unbewußten als widersinnig bestreiten wollen, so glau-
    ben wir, sie hätten sich niemals mit den entsprechenden seeli-
    schen Phänomenen beschäftigt, stünden im Banne der regel-
    mäßigen Erfahrung, daß alles Seelische, was aktiv und inten-
    siv wird, damit gleichzeitig auch bewußt wird, und hätten
    eben noch zu lernen, was unser Dichter sehr wohl weiß, daß
    es allerdings seelische Vorgänge gibt, die, trotzdem sie inten-
    siv sind und energische Wirkungen äußern, dennoch dem Be-
    wußtsein ferne bleiben.

    Wir haben vorhin einmal ausgesprochen, die Erinnerungen
    an den Kinderverkehr mit Zoë befinden sich bei Norbert Ha-
    nold im Zustande der „Verdrängung“; nun haben wir sie
    „unbewußte“ Erinnerungen geheißen. Da müssen wir wohl
    dem Verhältnis der beiden Kunstworte, die ja im Sinne zu-
    sammenzufallen scheinen, einige Aufmerksamkeit zuwenden. Es

  • S.

    40

    ist nicht schwer, darüber Aufklärung zu geben. „Unbewußt“
    ist der weitere Begriff, „verdrängt“ der engere. Alles was
    verdrängt ist, ist unbewußt; aber nicht von allem Unbewußten
    können wir behaupten, daß es verdrängt sei. Hätte Hanold
    beim Anblick des Reliefs sich der Gangart seiner Zoë erinnert,
    so wäre eine früher unbewußte Erinnerung bei ihm gleichzeitig
    aktiv und bewußt geworden und hätte so gezeigt, daß sie
    früher nicht verdrängt war. „Unbewußt“ ist ein rein deskrip-
    tiver, in mancher Hinsicht unbestimmter, ein sozusagen sta-
    tischer Terminus, „verdrängt“ ist ein dynamischer Ausdruck,
    der auf das seelische Kräftespiel Rücksicht nimmt und be-
    sagt, es sei ein Bestreben vorhanden, alle psychischen Wir-
    kungen, darunter auch die des Bewußtwerdens, zu äußern, aber
    auch eine Gegenkraft, ein Widerstand, der einen Teil dieser
    psychischen Wirkungen, darunter wieder das Bewußtwerden, zu
    verhindern vermöge. Kennzeichen des Verdrängten bleibt eben,
    daß es sich trotz seiner Intensität nicht zum Bewußtsein zu
    bringen vermag. In dem Falle Hanolds handelt es sich also
    von dem Auftauchen des Reliefs an um ein verdrängtes Un-
    bewußtes, kurzweg um ein Verdrängtes.

    Verdrängt sind bei Norbert Hanold die Erinnerungen
    an seinen Kinderverkehr mit dem schön schreitenden Mädchen,
    aber dies ist noch nicht die richtige Betrachtung der psycho-
    logischen Sachlage. Wir bleiben an der Oberfläche, so lange
    wir nur von Erinnerungen und Vorstellungen handeln. Das
    einzig Wertbare im Seelenleben sind vielmehr die Gefühle; alle
    Seelenkräfte sind nur durch ihre Eignung, Gefühle zu erwecken,
    bedeutsam. Vorstellungen werden nur verdrängt, weil sie an
    Gefühlsentbindungen geknüpft sind, die nicht zu stande kom-
    men sollen; es wäre richtiger zu sagen, die Verdrängung be-
    treffe die Gefühle, nur sind uns diese nicht anders als in
    ihrer Bindung an Vorstellungen faßbar. Verdrängt sind bei
    Norbert Hanold also die erotischen Gefühle, und da seine
    Erotik kein anderes Objekt kennt oder gekannt hat, als in
    seiner Kindheit die Zoë Bertgang, so sind die Erinnerungen
    an diese vergessen. Das antike Reliefbild weckt die schlum-
    mernde Erotik in ihm auf und macht die Kindheitserinnerun-
    gen aktiv. Wegen eines in ihm bestehenden Widerstandes ge-

  • S.

    41

    gen die Erotik können diese Erinnerungen nur als unbewußte
    wirksam werden. Was sich nun weiter in ihm abspielt, ist
    ein Kampf zwischen der Macht der Erotik und den sie ver-
    drängenden Kräften; was sich von diesem Kampf äußert, ist
    ein Wahn.

    Unser Dichter hat zu motivieren unterlassen, woher die
    Verdrängung des Liebeslebens bei seinem Helden rührt; die
    Beschäftigung mit der Wissenschaft ist ja nur das Mittel,
    dessen sich die Verdrängung bedient; der Arzt müßte hier
    tiefer gründen, vielleicht ohne in seinem Falle auf den Grund
    zu geraten. Wohl aber hat der Dichter, wie wir mit Bewun-
    derung hervorgehoben haben, uns darzustellen nicht versäumt,
    wie die Erweckung der verdrängten Erotik gerade aus dem
    Kreise der zur Verdrängung dienenden Mittel erfolgt. Es ist
    mit Recht eine Antike, das Steinbild eines Weibes, durch wel-
    ches unser Archäologe aus seiner Abwendung von der Liebe
    gerissen und gemahnt wird, dem Leben die Schuld abzutragen,
    mit der wir von unserer Geburt an belastet sind.

    Die ersten Äußerungen des nun in Hanold durch das
    Reliefbild angeregten Prozesses sind Phantasien, welche mit
    der so dargestellten Person spielen. Als etwas „Heutiges“
    im besten Sinne erscheint ihm das Modell, als hätte der Künst-
    ler die auf der Straße Schreitende „nach dem Leben“ fest-
    gehalten. Den Namen „Gradiva“ verleiht er dem antiken
    Mädchen, den er nach dem Beiwort des zum Kampfe ausschrei-
    tenden Kriegsgottes, des Mars Gradivus, gebildet; mit immer
    mehr Bestimmungen stattet er ihre Persönlichkeit aus. Sie mag
    die Tochter eines angesehenen Mannes sein, vielleicht eines Pa-
    trizier-s, der mit dem Tempeldienst einer Gottheit in Ver-
    bindung stand, griechische Herkunft glaubt er ihren Zü-
    gen abzusehen, und endlich drängt es ihn, sie ferne vom Ge-
    triebe einer Großstadt in das stillere Pompeji zu versetzen,
    wo er sie über die Lavatrittsteine schreiten läßt, die den
    Übergang von einer Seite der Straße zur anderen ermöglichen.
    Willkürlich genug erscheinen diese Leistungen der Phantasie
    und doch wieder harmlos unverdächtig. Ja noch dann, als sich aus
    ihnen zum erstenmal ein Antrieb zum Handeln ergibt, als der
    Archäologe von dem Problem bedrückt, ob solche Fußstellung

  • S.

    42

    auch der Wirklichkeit entspreche, Beobachtungen nach dem
    Leben anzustellen beginnt, um den zeitgenössischen Frauen und
    Mädchen auf die Füße zu sehen, deckt sich dieses Tun durch ihm
    bewußte wissenschaftliche Motive, als wäre alles Interesse
    für das Steinbild der Gradiva aus dem Boden seiner fachlichen
    Beschäftigung mit der Archäologie entsprossen. Die Frauen
    und Mädchen auf der Straße, die er zu Objekten seiner Unter-
    suchung nimmt, müssen freilich eine andere, grob erotische
    Auffassung seines Treibens wählen, und wir müssen ihnen recht
    geben. Für uns leidet es keinen Zweifel, daß Hanold die Mo-
    tive seiner Forschung so wenig kennt wie die Herkunft seiner
    Phantasien über die Gradiva. Diese letzteren sind, wie wir
    später erfahren, Anklänge an seine Erinnerungen an die Ju-
    gendgeliebte, Abkömmlinge dieser Erinnerungen, Umwandlun-
    gen und Entstellungen derselben, nachdem es ihnen nicht ge-
    lungen ist, sich in unveränderter Form zum Bewußtsein zu
    bringen. Das vorgeblich ästhetische Urteil, das Steinbild stelle
    etwas „Heutiges“ dar, ersetzt das Wissen, daß solcher Gang
    einem ihm bekannten, in der Gegenwart über die Straße
    schreitenden Mädchen angehöre; hinter dem Eindruck „nach
    dem Leben“ und der Phantasie ihres Griechentums verbirgt sich
    die Erinnerung an ihren Namen Zoë, der auf Griechisch Leben
    bedeutet: Gradiva ist, wie uns der am Ende vom Wahn Ge-
    heilte aufklärt, eine gute Übersetzung ihres Familiennamens
    Bertgang, welcher so viel bedeutet wie „im Schreiten glän-
    zend oder prächtig“; die Bestimmungen über ihren Vater stam-
    men von der Kenntnis, daß Zoë Bertgang die Tochter eines
    angesehenen Lehrers der Universität sei, die sich wohl als
    Tempeldienst in die Antike übersetzen läßt. Nach Pompeji end-
    lich versetzt sie seine Phantasie, nicht „weil ihre ruhige, stille
    Art es zu fordern schien“, sondern weil sich in seiner Wissen-
    schaft keine andere und keine bessere Analogie mit dem merk-
    würdigen Zustand finden läßt, in dem er durch eine dunkle
    Kundschaft seine Erinnerungen an seine Kinderfreundschaft ver-
    spürt. Hat er einmal, was ihm so nahe liegt, die eigene Kind-
    heit mit der klassischen Vergangenheit zur Deckung gebracht,
    so ergibt die Verschüttung Pompejis, dies Verschwinden mit
    Erhaltung des Vergangenen, eine treffliche Ähnlichkeit mit der
     

  • S.

    43

    Verdrängung, von der er durch sozusagen „endopsychische“
    Wahrnehmung Kenntnis hat. Es arbeitet dabei in ihm die
    selbe Symbolik, die zum Schlusse der Erzählung der Dichter
    das Mädchen bewußterweise gebrauchen läßt.

    „Ich sagte mir, irgend etwas Interessantes würde ich wohl
    schon allein hier ausgraben. Freilich auf den Fund, den ich
    gemacht, . . . . . . . hatte ich mit keinem Gedanken gerechnet.“
    (G. p. 124.) – Zu Ende (G. p. 150) antwortet dann das Mädchen auf
    den Reisezielwunsch „ihres gewissermaßen gleichfalls aus der
    Verschüttung wieder ausgegrabenen Kindheitsfreundes“.

    So finden wir also schon bei den ersten Leistungen von
    Hanolds Wahnphantasien und Handlungen eine zweifache
    Determinierung, eine Ableitbarkeit aus zwei verschiedenen
    Quellen. Die eine Determinierung ist die, welche Hanold
    selbst erscheint, die andere die, welche sich uns bei der Nach-
    prüfung seiner seelischen Vorgänge enthüllt. Die eine ist, auf
    die Person Hanolds bezogen, die ihm bewußte, die andere, die
    ihm völlig unbewußte. Die eine stammt ganz aus dem Vor-
    stellungskreis der archäologischen Wissenschaft, die andere
    aber rührt von dem in ihm rege gewordenen verdrängten
    Kindheitserinnerungen und den an ihnen haftenden Gefühls-
    trieben her. Die eine ist wie oberflächlich und verdeckt die
    andere, die sich gleichsam hinter ihr verbirgt. Man könnte
    sagen, die wissenschaftliche Motivierung diene der unbewußten
    erotischen zum Vorwand, und die Wissenschaft habe sich ganz
    in den Dienst des Wahnes gestellt. Aber man darf auch nicht
    vergessen, daß die unbewußte Determinierung nichts anderes
    durchzusetzen vermag, als was gleichzeitig der bewußten wissen-
    schaftlichen genügt. Die Symptome des Wahnes – Phantasien
    wie Handlungen – sind eben Ergebnisse eines Kompromisses
    zwischen den beiden seelischen Strömungen, und bei einem Kom-
    promiß ist den Anforderungen eines jeden der beiden Teile
    Rechnung getragen worden; ein jeder Teil hat aber auch auf
    ein Stück dessen, was er durchsetzen wollte, verzichten müssen.
    Wo ein Kompromiß zu stande gekommen, da gab es einen Kampf,
    hier den von uns angenommenen Konflikt zwischen der unter-
    drückten Erotik und den sie in der Verdrängung erhaltenden
    Mächten. Bei der Bildung eines Wahnes geht dieser Kampf

  • S.

    44

    eigentlich nie zu Ende. Ansturm und Widerstand erneuern sich
    nach jeder Kompromißbildung, die sozusagen niemals voll ge-
    nügt. Dies weiß auch unser Dichter und darum läßt er ein
    Gefühl der Unbefriedigung, eine eigentümliche Unruhe dieses
    Stadium der Störung bei seinem Helden beherrschen, als Vor-
    läufer und als Bürgschaft weiterer Entwicklungen.

    Diese bedeutsamen Eigentümlichkeiten der zweifachen De-
    terminierung für Phantasien und Entschlüsse, der Bildung von
    bewußten Vorwänden für Handlungen, zu deren Motivierung
    das Verdrängte den größeren Beitrag geliefert hat, werden uns
    im weiteren Fortschritt der Erzählung noch öfters, vielleicht
    noch deutlicher, entgegentreten. Und dies mit vollem Rechte,
    denn der Dichter hat hiemit den niemals fehlenden Haupt-
    charakter der krankhaften Seelenvorgänge erfaßt und zur Dar-
    stellung gebracht.

    Die Entwicklung des Wahnes bei Norbert Hanold
    schreitet mit einem Traume weiter, der, durch kein neues Er-
    eignis veranlaßt, ganz aus seinem von einem Konflikt erfüllten
    Seelenleben zu rühren scheint. Doch halten wir ein, ehe wir
    daran gehen zu prüfen, ob der Dichter auch bei der Bildung
    seiner Träume unserer Erwartung eines tieferen Verständnisses
    entspricht. Fragen wir uns vorher, was die psychiatrische
    Wissenschaft zu seinen Voraussetzungen über die Entstehung
    eines Wahnes sagt, wie sie sich zur Rolle der Verdrängung
    und des Unbewußten, zum Konflikt und zur Kompromißbildung
    stellt. Im kurzen, ob die dichterische Darstellung der Genese
    eines Wahnes vor dem Richtspruch der Wissenschaft bestehen
    kann.

    Und da müssen wir die vielleicht unerwartete Antwort
    geben, daß es sich in Wirklichkeit leider ganz umgekehrt ver-
    hält: die Wissenschaft besteht nicht vor der Leistung des
    Dichters. Zwischen den hereditär-konstitutionellen Vorbedin-
    gungen und den als fertig erscheinenden Schöpfungen des Wahnes
    läßt sie eine Lücke klaffen, die wir beim Dichter ausgefüllt
    finden. Sie ahnt noch nicht die Bedeutung der Verdrängung,
    erkennt nicht, daß sie zur Erklärung der Welt psychopatho-
    logischer Erscheinungen durchaus des Unbewußten bedarf, sie
    sucht den Grund des Wahnes nicht in einem psychischen Kon-

  • S.

    45

    flikt und erfaßt die Symptome desselben nicht als Kompro-
    mißbildung. So stünde denn der Dichter allein gegen die ge-
    samte Wissenschaft? Nein, dies nicht, — wenn der Verfasser
    nämlich seine eigenen Arbeiten auch der Wissenschaft zu-
    rechnen darf. Denn er selbst vertritt seit einer Reihe von
    Jahren — und bis in die letzte Zeit ziemlich vereinsamt*) —
    alle die Anschauungen, die er hier aus der „Gradiva“ von
    W. Jensen herausgeholt und in den Fachausdrücken darge-
    stellt hat. Er hat, am ausführlichsten für die als Hysterie
    bekannten Zustände, als individuelle Be-
    dingung der psychischen Störung die Unterdrückung eines
    Stückes des Trieblebens und die Verdrängung der Vorstellun-
    gen, durch die der unterdrückte Trieb vertreten ist, aufgezeigt,
    und die gleiche Auffassung bald darauf für manche Formen
    des Wahnes wiederholt.**) Ob die für diese Verursachung in
    Betracht kommenden Triebe jedesmal Komponenten des Sexual-
    triebes sind oder auch andersartige sein können, das ist ein Pro-
    blem, welches nur gerade für die Analyse der „Gradiva“ gleich-
    gültig bleiben darf, da es sich in dem vom Dichter gewählten
    Falle sicherlich um nichts als um die Unterdrückung des ero-
    tischen Empfindens handelt. Die Gesichtspunkte des psychi-
    schen Konflikts und der Symptombildung durch Kompromisse
    zwischen den beiden miteinander ringenden Seelenströmungen
    hat der Verfasser an wirklich beobachteten und ärztlich behan-
    delten Krankheitsfällen in ganz gleicher Weise zur Geltung
    gebracht, wie er es an den vom Dichter erfundenen Norbert
    Hanold tun konnte.***) Die Rückführung der nervösen, spe-
    ziell der hysterischen Krankheitsleistungen auf die Macht un-
    bewußter Gedanken hatte vor dem Verfasser schon P. Janet,
    der Schüler des großen Charcot, und im Vereine mit dem
    Verfasser Josef Breuer in Wien unternommen.†)
    Es war dem Verfasser, als er sich in den auf 1893 fol-
    genden Jahren in solche Forschungen über die Entstehung der


    *) Siehe die wichtige Schrift von E. Bleuler, Affektivität, Suggestibilität,
    Paranoia und die Diagnostischen Assoziationsstudien von C. G. Jung, beide aus
    Zürich, 1906.

    **) Vgl. des Verfassers: Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre 1906.

    ***) Vgl. Bruchstück einer Hysterie-Analyse 1905.

    †) Vgl. Breuer u. Freud, Studien über Hysterie, 1895.

  • S.

    46

    Seelenstörungen vertiefte, wahrlich nicht eingefallen, Bekräf-
    tigung seiner Ergebnisse bei Dichtern zu suchen, und darum
    war seine Überraschung nicht gering, als er an der 1903 ver-
    öffentlichten „Gradiva“ merkte, daß der Dichter seiner Schöp-
    fung das nämliche zu Grunde lege, was er aus den Quellen
    ärztlicher Erfahrung als neu zu schöpfen vermeinte. Wie kam
    der Dichter nur zu dem gleichen Wissen wie der Arzt, oder
    wenigstens zum Benehmen, als ob er das gleiche wisse? –

    Der Wahn Norbert Hanolds, sagten wir, erfahre eine
    weitere Entwicklung durch einen Traum, der sich ihm mitten
    in seinen Bemühungen ereignet, eine Gangart wie die der Gra-
    diva in den Straßen seines Heimatsortes nachzuweisen. Den In-
    halt dieses Traumes können wir leicht in Kürze darstellen. Der
    Träumer befindet sich in Pompeji an jenem Tage, welcher der
    unglücklichen Stadt den Untergang brachte, macht die Schreck-
    nisse mit, ohne selbst in Gefahr zu geraten, sieht dort plötz-
    lich die Gradiva schreiten und versteht mit einem Male als
    ganz natürlich, da sie ja eine Pompejanerin sei, lebe sie in
    ihrer Vaterstadt und „ohne daß er’s geahnt habe, gleichzeitig
    mit ihm“. Er wird von Angst um sie ergriffen, ruft sie an,
    worauf sie ihm flüchtig ihr Gesicht zuwendet. Doch geht sie,
    ohne auf ihn zu achten, weiter, legt sich an den Stufen des
    Apollotempels nieder, und wird vom Aschenregen verschüttet,
    nachdem ihr Gesicht sich entfärbt, wie wenn es sich zu wei-
    ßem Marmor umwandelte, bis es völlig einem Steinbild gleicht.
    Beim Erwachen deutet er noch den Lärm der Großstadt, der
    an sein Bett dringt, in das Hilfegeschrei der verzweifelten Be-
    wohner Pompejis und in das Getöse des wild erregten Meeres
    um. Das Gefühl, daß das, was er geträumt, sich wirklich mit
    ihm zugetragen, will ihm noch längere Zeit nach dem Er-
    wachen nicht verlassen, und die Überzeugung, daß die Gra-
    diva in Pompeji gelebt und an jenem Unglückstage gestorben
    sei, bleibt als neuer Ansatz an seinen Wahn von diesem Traume
    übrig.

    Weniger bequem wird es uns zu sagen, was der Dichter
    mit diesem Traum gewollt, und was ihn veranlaßt hat, die Ent-
    wicklung des Wahnes gerade an einen Traum zu knüpfen.
    Emsige Traumforscher haben zwar Beispiele genug gesammelt,

  • S.

    47


    wie Geistesstörung an Träume anknüpft und aus Träumen her-
    vorgeht,*) und auch in der Lebensgeschichte einzelner hervor-
    ragender Menschen sollen Impulse zu wichtigen Taten und
    Entschließungen durch Träume erzeugt worden sein. Aber
    unser Verständnis gewinnt gerade nicht viel durch diese Ana-
    logien; bleiben wir darum bei unserem Falle, bei dem vom
    Dichter fingierten Falle des Archäologen Norbert Hanold.
    An welchem Ende muß man einen solchen Traum wohl an-
    fassen, um ihn in den Zusammenhang einzuflechten, wenn er
    nicht ein unnötiger Zierat der Darstellung bleiben soll?

    Ich kann mir etwa denken, daß ein Leser an dieser Stelle
    ausruft: Der Traum ist ja leicht zu erklären. Ein einfacher
    Angsttraum, veranlaßt durch den Lärm der Großstadt, der von
    dem mit seiner Pompejanerin beschäftigten Archäologen auf
    den Untergang Pompejis umgedeutet wird! Bei der allgemein
    herrschenden Geringschätzung für die Leistungen des Traumes
    pflegt man nämlich den Anspruch auf die Traumerklärung da-
    hin einzuschränken, daß man für ein Stück des geträumten
    Inhaltes einen äußeren Reiz sucht, der sich etwa mit ihm
    deckt. Dieser äußere Anreiz zum Träumen wäre durch den
    Lärm gegeben, welcher den Schläfer weckt; das Interesse an
    diesem Traume wäre damit erledigt. Wenn wir nur einen
    Grund hätten anzunehmen, daß die Großstadt an diesem Mor-
    gen lärmender gewesen als sonst, wenn z. B. der Dichter nicht
    versäumt hätte, uns mitzuteilen, daß Hanold diese Nacht ge-
    gen seine Gewohnheit bei geöffnetem Fenster geschlafen.
    Schade, daß der Dichter sich diese Mühe nicht gegeben hat!
    Und wenn ein Angsttraum nur etwas so Einfaches wäre! Nein,
    so einfach erledigt sich dies Interesse nicht.

    Die Anknüpfung an einen äußeren Sinnesreiz ist nichts
    Wesentliches für die Traumbildung. Der Schläfer kann diesen
    Reiz aus der Außenwelt vernachlässigen, er kann sich durch
    ihn, ohne einen Traum zu bilden, wecken lassen, er kann ihn
    auch in seinen Traum verweben, wie es hier geschieht, wenn
    es ihm aus irgend welchen anderen Motiven so taugt, und
    es gibt reichlich Träume, für deren Inhalt sich eine solche
    Determinierung durch einen an die Sinne des Schlafenden ge-
     


    *)Sante de Sanctis, Die Träume, 1901.

  • S.

    48

    langenden Reiz nicht erweisen läßt. Nein, versuchen wir’s auf
    einem anderen Wege.

    Vielleicht knüpfen wir an den Rückstand an, den der
    Traum im wachen Leben Hanolds zurückläßt. Es war bisher
    eine Phantasie von ihm gewesen, daß die Gradiva eine Pom-
    pejanerin gewesen sei. Jetzt wird ihm diese Annahme zur
    Gewißheit, und die zweite Gewißheit schließt sich daran, daß
    sie dort im Jahre 79 mit verschüttet worden sei.*) Wehmütige
    Empfindungen begleiten diesen Fortschritt der Wahn-
    bildung. wie ein Nachklang der Angst, die den Traum erfüllt hatte.
    Dieser neue Schmerz um die Gradiva will uns nicht recht be-
    greiflich erscheinen; die Gradiva wäre doch heute auch seit
    vielen Jahrhunderten tot, selbst wenn sie im Jahre 79 ihr
    Leben vor dem Untergange gerettet hätte, oder sollte man in
    solcher Weise weder mit Norbert Hanold noch mit dem
    Dichter selbst rechten dürfen? Auch hier scheint kein Weg
    zur Aufklärung zu führen. Immerhin wollen wir uns anmer-
    ken, daß dem Zuwachs, den der Wahn aus diesem Traum be-
    zieht, eine stark schmerzliche Gefühlsbetonung anhaftet.

    Sonst aber wird an unserer Ratlosigkeit nichts gebessert.
    Dieser Traum erläutert sich nicht von selbst; wir müssen uns
    entschließen, Anleihen bei der „Traumdeutung“ des Verfassers
    zu machen und einige der dort gegebenen Regeln zur Auflösung
    der Träume hier anzuwenden.

    Da lautet eine dieser Regeln, daß ein Traum regelmäßig
    mit den Tätigkeiten am Tage vor dem Traum zusammenhängt.
    Der Dichter scheint اندeuten zu wollen, daß er diese Regel be-
    folgt habe, indem er den Traum unmittelbar an die „pede-
    strischen Prüfungen“ Hanolds anknüpft. Nun bedeuten letz-
    tere nichts anderes als ein Suchen nach der Gradiva, die er
    an ihrem charakteristischen Gange erkennen will. Der Traum
    sollte also einen Hinweis darauf, wo die Gradiva zu finden
    sei, enthalten. Er enthält ihn wirklich, indem er sie in Pom-
    peji zeigt, aber das ist noch keine Neuigkeit für uns.

    Eine andere Regel besagt: wenn nach einem Traum der
    Glaube an die Realität der Traumbilder ungewöhnlich lange
    anhält, so daß man sich nicht aus dem Traume losreißen kann,

    *)Vgl. den Text der „Gradiva“ p. 15.

  • S.

    49

    so ist dies nicht etwa eine Urteilstäuschung, hervorgerufen
    durch die Lebhaftigkeit der Traumbilder, sondern es ist ein
    psychischer Akt für sich, eine Versicherung, die sich auf den
    Trauminhalt bezieht, daß etwas darin wirklich so ist, wie man
    es geträumt hat, und man tut recht daran, dieser Versicherung
    Glauben zu schenken. Halten wir uns an diese beiden Regeln,
    so müssen wir schließen, der Traum gebe eine Auskunft über
    den Verbleib der gesuchten Gradiva, die sich mit der Wirk-
    lichkeit deckt. Wir kennen nun den Traum Hanolds; führt
    die Anwendung der beiden Regeln auf ihn zu irgend einem
    vernünftigen Sinne?

    Merkwürdigerweise ja. Dieser Sinn ist nur auf eine be-
    sondere Art verkleidet, so daß man ihn nicht sogleich erkennt.
    Hanold erfährt im Traume, daß die Gesuchte in einer Stadt
    und gleichzeitig mit ihm lebe.‘ Das ist ja von der Zoë
    Bertgang richtig, nur daß diese Stadt im Traum nicht die
    deutsche Universitätsstadt, sondern Pompeji, die Zeit nicht die
    Gegenwart, sondern das Jahr 79 unserer Zeitrechnung ist. Es ist
    wie eine Entstellung durch Verschiebung, nicht die Gradiva ist
    in die Gegenwart, sondern der Träumer ist in die Vergangenheit
    versetzt; aber das Wesentliche und Neue, daß er mit der Ge-
    suchten Ort und Zeit teile, ist auch so gesagt. Woher wohl
    diese Verstellung und Verkleidung, die uns sowie den Träumer
    selbst über den eigentlichen Sinn und Inhalt des Traumes
    täuschen muß? Nun wir haben bereits die Mittel in der Hand,
    um eine befriedigende Antwort auf diese Frage zu geben.

    Erinnern wir uns an all das, was wir über die Natur
    und Abkunft der Phantasien, dieser Vorläufer des Wahnes,
    gehört haben. Daß sie Ersatz und Abkömmlinge von ver-
    drängten Erinnerungen sind, denen ein Widerstand nicht
    gestattet, sich unverändert zum Bewußtsein zu bringen, die
    sich aber das Bewußtwerden dadurch erkaufen, daß sie durch
    Veränderungen und Entstellungen der Zensur des Widerstandes
    Rechnung tragen. Nachdem dieses Kompromiß vollzogen ist,
    sind jene Erinnerungen nun zu diesen Phantasien geworden,
    die von der bewußten Person leicht mißverstanden, d. h. im
    Sinne der herrschenden psychischen Strömung verstanden wer-
    den können. Nun stelle man sich vor, die Traumbilder seien

  • S.

    50

    die sozusagen physiologischen Wahnschöpfungen des Menschen,
    die Kompromißergebnisse jenes Kampfes zwischen Verdrängtem
    und Herrschendem, den es wahrscheinlich bei jedem, auch tags-
    über völlig geistesgesunden Menschen gibt. Dann versteht man,
    daß man die Traumbilder als etwas Entstelltes zu betrachten
    hat, hinter dem etwas anderes, nicht Entstelltes, aber in ge-
    wissem Sinne Anstößiges zu suchen ist, wie die verdrängten
    Erinnerungen Hanolds hinter seinen Phantasien. Dem so er-
    kannten Gegensatz wird man etwa Ausdruck schaffen, indem
    man das, was der Träumer beim Erwachen erinnert, als mani-
    festen Trauminhalt unterscheidet von dem, was die
    Grundlage des Traumes vor der Zensurentstellung ausmachte,
    den latenten Traumgedanken. Einen Traum deuten heißt
    dann so viel als den manifesten Trauminhalt in die latenten
    Traumgedanken übersetzen, die Entstellung rückgängig machen,
    welche sich letztere von der Widerstandszensur gefallen lassen
    mußten. Wenden wir diese Erwägungen auf den uns beschäf-
    tigenden Traum an, so finden wir, die latenten Traumgedanken
    können nur gelautet haben: Das Mädchen, das jenen schönen
    Gang hat, nach dem du suchst, lebt wirklich in dieser Stadt.
    Mit dir. Aber in dieser Form konnte der Gedanke nicht be-
    wußt werden; es stand ihm ja im Wege, daß eine Phantasie
    als Ergebnis eines früheren Kompromisses festgestellt hatte,
    die Gradiva sei eine Pompejanerin, folglich blieb nichts übrig,
    wenn die wirkliche Tatsache des Lebens am gleichen Orte und
    zur gleichen Zeit gewahrt werden sollte, als die Entstellung
    vorzunehmen: du lebst ja in Pompeji zur Zeit der Gradiva,
    und dies ist dann die Idee, welche der manifeste Trauminhalt
    realisiert, als eine Gegenwart, die man durchlebt, darstellt.
    Ein Traum ist nur selten die Darstellung, man könnte
    sagen: Inszenierung eines einzigen Gedankens, meist einer Reihe
    von solchen, eines Gedankengewebes. Aus dem Traume Ha-
    nolds läßt sich noch ein anderer Bestandteil des Inhaltes her-
    vorheben, dessen Entstellung leicht zu beseitigen ist, so daß
    man die durch ihn vertretene latente Idee erfährt. Es ist dies
    ein Stück des Traumes, auf welches man auch noch die Ver-
    sicherung der Wirklichkeit ausdehnen kann, mit welcher der
    Traum abschloß. Im Traum verwandelt sich nämlich die

  • S.

    51

    schreitende Gradiva in ein Steinbild. Das ist ja nichts an-
    deres als eine sinnreiche und poetische Darstellung des wirk-
    lichen Herganges. Hanold hatte in der Tat sein Interesse
    von der Lebenden auf das Steinbild übertragen; die Geliebte
    hatte sich ihm in ein steinernes Relief verwandelt. Die laten-
    ten Traumgedanken, die unbewußt bleiben müssen, wollen dies
    Bild in die Lebende zurückverwandeln; sie sagen ihm etwa
    im Zusammenhang mit dem vorigen: Du interessierst dich doch
    nur für das Relief der Gradiva, weil es dich an die gegen-
    wärtige, hier lebende Zoë erinnert. Aber diese Einsicht würde,
    wenn sie bewußt werden könnte, das Ende des Wahnes be-
    deuten.

    Obliegt uns etwa die Verpflichtung, jedes einzelne Stück
    des manifesten Trauminhaltes in solcher Weise durch unbe-
    wußte Gedanken zu ersetzen? Strenggenommen, ja; bei der
    Deutung eines wirklich geträumten Traumes würden wir uns
    dieser Pflicht nicht entziehen dürfen. Der Träumer müßte uns
    dann auch in ausgiebigster Weise Rede stehen. Es ist be-
    greiflich, daß wir solche Forderung bei dem Geschöpf des
    Dichters nicht durchführen können; wir wollen aber doch nicht
    übersehen, daß wir den Hauptinhalt dieses Traumes noch nicht
    der Deutungs- oder Übersetzungsarbeit unterzogen haben.

    Der Traum Hanolds ist ja ein Angsttraum. Sein Inhalt
    ist schreckhaft, Angst wird vom Träumer im Schlafe verspürt
    und schmerzliche Empfindungen bleiben nach ihm übrig. Das
    ist nun gar nicht bequem für unseren Erklärungsversuch; wir
    sind wiederum zu großen Anleihen bei der Lehre von der
    Traumdeutung genötigt. Diese mahnt uns dann, doch ja nicht
    in den Irrtum zu verfallen, die Angst, die man in einem
    Traum empfindet, von dem Inhalt des Traumes abzuleiten, den
    Trauminhalt doch nicht so zu behandeln wie einen Vorstellungs-
    inhalt des wachen Lebens. Sie macht uns darauf aufmerksam,
    wie oft wir die gräßlichsten Dinge träumen, ohne daß eine
    Spur von Angst dabei empfunden wird. Vielmehr sei der wahre
    Sachverhalt ein ganz anderer, der nicht leicht zu erraten, aber
    sicher zu beweisen ist. Die Angst des Angsttraumes entspreche
    einem sexuellen Affekt, einer libidinösen Empfindung, wie
    überhaupt jede nervöse Angst, und sei durch den Prozeß der

  • S.

    52

    Verdrängung aus der Libido hervorgegangen.*) Bei der Deu-
    tung des Traumes müsse man also die Angst durch sexuelle
    Erregtheit ersetzen. Die so entstandene Angst übe nun-
    nicht regelmäßig, aber häufig - einen auswählenden Einfluß
    auf den Trauminhalt aus und bringe Vorstellungselemente in
    den Traum, welche für die bewußte und mißverständliche Auf-
    fassung des Traumes zum Angstaffekt passend erscheinen.
    Dies sei, wie gesagt, keineswegs regelmäßig der Fall, denn
    es gebe genug Angstträume, in denen der Inhalt gar nicht
    schreckhaft ist, wo man sich also die verspürte Angst nicht
    bewußterweise erklären könne.

    Ich weiß, daß diese Aufklärung der Angst im Traume
    sehr befremdlich klingt und nicht leicht Glauben findet; aber
    ich kann nur raten, sich mit ihr zu befreunden. Es wäre
    übrigens recht merkwürdig, wenn der Traum Norbert Ha-
    nolds sich mit dieser Auffassung der Angst vereinen und
    aus ihr erklären ließe. Wir würden dann sagen, beim Träu-
    mer rühre sich nächtlicherweise die Liebessehnsucht, mache
    einen kräftigen Vorstoß, um ihm die Erinnerung an die Ge-
    liebte bewußt zu machen und ihn so aus dem Wahn zu reißen,
    erfahre aber neuerliche Ablehnung und Verwandlung in Angst,
    die nun ihrerseits die schreckhaften Bilder aus der Schul-
    erinnerung des Träumers in den Trauminhalt bringe. Auf diese
    Weise werde der eigentliche unbewußte Inhalt des Traumes,
    die verliebte Sehnsucht nach der einst gekannten Zoë, in den
    manifesten Inhalt vom Untergang Pompejis und vom Verlust
    der Gradiva umgestaltet.

    Ich meine, das klingt so weit ganz plausibel. Man könnte
    aber mit Recht die Forderung aufstellen, wenn erotische
    Wünsche den unentstellten Inhalt dieses Traumes bilden, so
    müsse man auch im umgeformten Traum wenigstens einen
    kenntlichen Rest derselben irgendwo versteckt aufzeigen kön-
    nen. Nun, vielleicht gelingt selbst dies mit Hilfe eines Hin-
    weises aus der später folgenden Erzählung. Beim ersten Zu-
    sammentreffen mit der vermeintlichen Gradiva gedenkt Ha-
    nold dieses Traumes und richtet an die Erscheinung die Bitte,

    *)Vgl. Sammlung kl. Schriften zur Neurosenlehre, V., und Traumdeutung
    p. 344.

  • S.

    53

    sich wieder so hinzulegen, wie er es damals gesehen.*) Darauf-
    hin aber erhebt sich die junge Dame entrüstet und verläßt
    ihren sonderbaren Partner, aus dessen wahnbeherrschten Reden
    sie den unziemlichen erotischen Wunsch herausgehört hat.
    Ich glaube, wir dürfen uns die Deutung der Gradiva zu eigen
    machen; eine größere Bestimmtheit für die Darstellung des
    erotischen Wunsches wird man auch von einem realen Traume
    nicht immer fordern dürfen.

    Somit hatte die Anwendung einiger Regeln der Traum-
    deutung auf den ersten Traum Hanolds den Erfolg gehabt,
    uns diesen Traum in seinen Hauptzügen verständlich zu ma-
    chen und ihn in den Zusammenhang der Erzählung einzufügen.
    Er muß also wohl vom Dichter unter Beachtung dieser Regeln
    geschaffen worden sein? Man könnte nur noch eine Frage
    aufwerfen, warum der Dichter zur weiteren Entwicklung des
    Wahnes überhaupt einen Traum einführe. Nun, ich meine, das
    ist recht sinnreich komponiert und hält wiederum der Wirk-
    lichkeit die Treue. Wir haben schon gehört, daß in realen
    Krankheitsfällen eine Wahnbildung recht häufig an einen
    Traum anschließt, brauchen aber nach unseren Aufklärungen
    über das Wesen des Traumes kein neues Rätsel in diesem Sach-
    verhalt zu finden. Traum und Wahn stammen aus derselben
    Quelle, vom Verdrängten her; der Traum ist der sozusagen
    physiologische Wahn des normalen Menschen. Ehe das Ver-brängte stark genug geworden ist, um sich im Wachleben als
    Wahn durchzusetzen, kann es leicht seinen ersten Erfolg unter
    den günstigeren Umständen des Schlafzustandes in Gestalt
    eines nachhaltig wirkenden Traumes errungen haben. Während
    des Schlafes tritt nämlich, mit der Herabsetzung der seelischen
    Tätigkeit überhaupt, auch ein Nachlaß in der Stärke des Wider-
    standes ein, den die herrschenden psychischen Mächte dem Ver-
    drängten entgegensetzen. Dieser Nachlaß ist es, der die Traum-
    bildung ermöglicht, und darum wird der Traum für uns der
    beste Zugang zur Kenntnis des unbewußten Seelischen. Nur,

    *)G. p. 70: Nein, gesprochen nicht. Aber ich rief dir zu, als du dich
    zum Schlafen hinlegtest, und stand dann bei dir – dein Gesicht war so ruhig-
    schön wie von Marmor. Darf ich dich bitten – leg’ es noch einmal wieder so
    auf die Stufe zurück.

  • S.

    54

    daß für gewöhnlich mit der Herstellung der psychischen Be-
    setzungen des Wachens der Traum wieder verfliegt, der vom
    Unbewußten gewonnene Boden wieder geräumt wird.

    III.

    Im weiteren Verlaufe der Erzählung findet sich noch ein
    anderer Traum, der uns vielleicht noch mehr als der erste
    verlocken kann, seine Übersetzung und Einfügung in den Zu-
    sammenhang des seelischen Geschehens beim Helden zu ver-
    suchen. Aber wir ersparen wenig, wenn wir hier die Darstellung
    des Dichters verlassen, um direkt zu diesem zweiten Traum
    zu eilen, denn wer den Traum eines anderen deuten will, der
    kann nicht umhin, sich möglichst ausführlich um alles zu be-
    kümmern, was der Träumer äußerlich und innerlich erlebt hat.
    Somit wäre es fast das beste, wenn wir beim Faden der Er-
    zählung verblieben und diese fortlaufend mit unseren Glossen
    versehen.

    Die Wahnneubildung vom Tode der Gradiva beim Untergang
    Pompejis im Jahre 79 ist nicht die einzige Nachwirkung des
    von uns analysierten ersten Traumes. Unmittelbar nachher ent-
    schließt sich Hanold zu einer Reise nach Italien, die ihn
    endlich nach Pompeji bringt. Vorher aber begibt sich noch
    etwas anderes mit ihm; aus dem Fenster lehnend, glaubt er
    auf der Straße eine Gestalt mit der Haltung und dem Gange
    seiner Gradiva zu bemerken, eilt ihr trotz seiner mangelhaften
    Bekleidung nach, erreicht sie aber nicht, sondern wird durch
    den Spott der Leute auf der Straße zurückgetrieben. Nachdem
    er wieder in sein Zimmer zurückgekehrt ist, ruft das Singen
    eines Kanarienvogels, dessen Käfig an einem Fenster des Hauses
    gegenüber hängt, eine Stimmung in ihm hervor, als ob auch
    er aus der Gefangenschaft in die Freiheit wollte, und die
    Frühjahrsreise ist ebenso schnell beschlossen wie ausgeführt.

    Der Dichter hat diese Reise Hanolds in ganz besonders
    scharfes Licht gerückt und ihm selbst teilweise Klarheit über
    seine inneren Vorgänge gegönnt. Hanold hat sich selbstver-
    ständlich einen wissenschaftlichen Vorwand für sein Reisen
    angegeben, aber dieser hält nicht vor. Er weiß doch eigent-
    lich, daß „ihm der Antrieb zur Reise aus einer unnennbaren