• S.

    75

    Erfahrung, daß diese Rolle der Zweideutigkeit bei den Un-
    eingeweihten den größten Anstoß zu erregen und die gröbsten
    Mißverständnisse zu verursachen pflegt, aber der Dichter hatte
    jedenfalls recht, auch diesen charakteristischen Zug der Vor-
    gänge bei der Traum- und Wahnbildung in seiner Schöpfung
    zur Darstellung zu bringen.

    IV.

    Mit dem Auftreten der Zoë als Arzt erwache bei uns,
    sagten wir bereits, ein neues Interesse. Wir würden gespannt
    sein zu erfahren, ob eine solche Heilung, wie sie von ihr an
    Hanold vollzogen wird, begreiflich oder überhaupt möglich
    ist, ob der Dichter die Bedingungen für das Schwinden eines
    Wahnes ebenso richtig erschaut hat wie die seiner Ent-
    stehung.

    Ohne Zweifel wird uns hier eine Anschauung entgegen-
    treten, die dem vom Dichter geschilderten Falle solches prin-
    zipielle Interesse abspricht und kein der Aufklärung bedürf-
    tiges Problem anerkennt. Dem Hanold bleibe nichts anderes
    übrig, als seinen Wahn wieder aufzulösen, nachdem das Objekt
    desselben, die vermeintliche „Gradiva“ selbst, ihn der Unrich-
    tigkeit all seiner Aufstellungen überführe und ihm die natür-
    lichsten Erklärungen für alles Rätselhafte, z. B. woher sie
    seinen Namen wisse, gebe. Damit wäre die Angelegenheit logisch
    erledigt; da aber das Mädchen ihm in diesem Zusammenhange
    ihre Liebe gestanden, lasse der Dichter, gewiß zur Befriedigung
    seiner Leserinnen, die sonst nicht uninteressante Erzählung
    mit dem gewöhnlichen glücklichen Schluß, der Heirat, enden.
    Konsequenter und ebenso möglich wäre der andere Schluß
    gewesen, daß der junge Gelehrte nach der Aufklärung seines
    Irrtums mit höflichem Danke von der jungen Dame Abschied
    nehme und die Ablehnung ihrer Liebe damit motiviere, daß
    er zwar für antike Frauen aus Bronze oder Stein und deren
    Urbilder, wenn sie dem Verkehr erreichbar wären, ein inten-
    sives Interesse aufbringen könne, mit einem zeitgenössischen
    Mädchen aus Fleisch und Bein aber nichts anzufangen wisse.
    Das archäologische Phantasiestück sei eben vom Dichter recht
    willkürlich mit einer Liebesgeschichte zusammengekittet worden.

  • S.

    76

    Indem wir diese Auffassung als unmöglich abweisen, werden wir erst aufmerksam gemacht, daß wir die an Hanoldeintretende Veränderung nicht nur in den Verzicht auf denWahn zu verlegen haben. Gleichzeitig, ja noch vor der Auflösung des letzteren, ist das Erwachen des Liebesbedürfnissesbei ihm unverkennbar, das dann wie selbstverständlich in dieWerbung um das Mädchen ausläuft, welches ihn von seinemWahn befreit hat. Wir haben bereits hervorgehoben, unterwelchen Vorwänden und Einkleidungen die Neugierde nachihrer leiblichen Beschaffenheit, die Eifersucht und der brutalemännliche Bemächtigungstrieb sich bei ihm mitten im Wahneäußern, seitdem die verdrängte Liebessehnsucht ihm den erstenTraum eingegeben hat. Nehmen wir als weiteres Zeugnis hinzu,daß am Abend nach der zweiten Unterredung mit der Gradivaihm zuerst ein lebendes weibliches Wesen sympathisch erscheint, obwohl er noch seinem früheren Abscheu vor Hochzeitsreisenden die Konzession macht, die Sympathische nichtals Neuvermählte zu erkennen. Am nächsten Vormittag abermacht ihn ein Zufall zum Zeugen des Austausches von Zärtlichkeiten zwischen diesem Mädchen und seinem vermeintlichenBruder, und da zieht er sich scheu zurück, als hätte er eineheilige Handlung gestört. Der Hohn auf „August und Grete“ist vergessen, der Respekt vor dem Liebesleben bei ihm hergestellt.

    So hat der Dichter die Lösung des Wahnes und das Hervorbrechen des Liebesbedürfnisses innigst miteinander verknüpft, den Ausgang in eine Liebeswerbung als notwendig vorbereitet. Er kennt das Wesen des Wahnes eben besser alsseine Kritiker, er weiß, daß eine Komponente von verliebterSehnsucht mit einer Komponente des Sträubens zur Entstehungdes Wahnes zusammengetreten sind, und er läßt das Mädchen,welches die Heilung unternimmt, die ihr genehme Komponenteim Wahne Hanolds herausfühlen. Nur diese Einsicht kannsie bestimmen, sich seiner Behandlung zu widmen, nurdie Sicherheit, sich von ihm geliebt zu wissen, sie bewegen,ihm ihre Liebe zu gestehen. Die Behandlung besteht darin,ihm die verdrängten Erinnerungen, die er von innen her nichtfreimachen kann, von außen her wiederzugeben; sie würde

  • S.

    77

    aber keine Wirkung äußern, wenn die Therapeutin dabei nicht
    auf die Gefühle Rücksicht nehmen, und die Übersetzung
    des Wahnes nicht schließlich lauten würde: Sieh', das bedeutet
    doch alles nur, daß du mich liebst.

    Das Verfahren, welches der Dichter seine Zoë zur Heilung
    des Wahnes bei ihrem Jugendfreunde einschlagen läßt, zeigt
    eine weitgehende Ähnlichkeit, nein, eine volle Übereinstimmung
    im Wesen, mit einer therapeutischen Methode, welche Dr. J.
    Breuer und der Verfasser im Jahre 1895 in die Medizin ein-
    geführt haben, und deren Vervollkommnung sich der letztere
    seitdem gewidmet hat. Diese Behandlungsweise, von Breuer
    zuerst die „kathartische“ genannt, vom Verfasser mit Vorliebe
    als „analytische“ bezeichnet, besteht darin, daß man bei den
    Kranken, die an analogen Störungen wie der Wahn Hanolds
    leiden, das Unbewußte, unter dessen Verdrängung sie erkrankt
    sind, gewissermaßen gewaltsam zum Bewußtsein bringt, ganz
    so wie es die Gradiva mit den verdrängten Erinnerungen an
    ihre Kinderbeziehungen tut. Freilich, die Gradiva hat die Er-
    füllung dieser Aufgabe leichter als der Arzt, sie befindet sich
    dabei in einer nach mehreren Richtungen ideal zu nennenden
    Position. Der Arzt, der seinen Kranken nicht von vornherein
    durchschaut und nicht als bewußte Erinnerung in sich trägt,
    was in jenem unbewußt arbeitet, muß eine komplizierte Tech-
    nik zu Hilfe nehmen, um diesen Nachteil auszugleichen. Er
    muß es lernen, aus den bewußten Einfällen und Mitteilungen
    des Kranken mit großer Sicherheit auf das Verdrängte in ihm
    zu schließen, das Unbewußte zu erraten, wo es sich hinter
    den bewußten Äußerungen und Handlungen des Kranken ver-
    rät. Er bringt dann Ähnliches zu stande, wie es Norbert
    Hanold am Ende der Erzählung selbst versteht, indem er
    sich den Namen „Gradiva“ in „Bertgang“ rückübersetzt. Die
    Störung schwindet dann, während sie auf ihren Ursprung zu-
    rückgeführt wird; die Analyse bringt auch gleichzeitig die
    Heilung.

    Die Ähnlichkeit zwischen dem Verfahren der Gradiva und
    der analytischen Methode der Psychotherapie beschränkt sich
    aber nicht auf diese beiden Punkte, das Bewußtmachen des Ver-
    drängten und das Zusammenfallen von Aufklärung und Hei-

  • S.

    78

    lung. Sie erstreckt sich auch auf das, was sich als das We-
    sentliche der ganzen Veränderung herausstellt, auf die Er-
    weckung der Gefühle. Jede dem Wahne Hanolds analoge
    Störung, die wir in der Wissenschaft als Psychoneurose zu
    bezeichnen gewohnt sind, hat die Verdrängung eines Stückes
    des Trieblebens, sagen wir getrost des Sexualtriebes, zur Vor-
    aussetzung, und bei jedem Versuch, die unbewußte und ver-
    drängte Krankheitsursache ins Bewußtsein einzuführen, er-
    wacht notwendig die betreffende Triebkomponente zu erneutem
    Kampf mit den sie verdrängenden Mächten, um sich mit ihnen
    oft unter heftigen Reaktionserscheinungen zum endlichen Aus-
    gang abzugleichen. In einem Liebesrezidiv vollzieht sich der
    Prozeß der Genesung, wenn wir alle die mannigfaltigen Kom-
    ponenten des Sexualtriebes als „Liebe“ zusammenfassen, und
    dies Rezidiv ist unerläßlich, denn die Symptome, wegen deren
    die Behandlung unternommen wurde, sind nichts anderes als
    Niederschläge früherer Verdrängungs- oder Wiederkehrkämpfe
    und können nur von einer neuen Hochflut der nämlichen Leiden-
    schaften gelöst und weggeschwemmt werden. Jede psycho-
    analytische Behandlung ist ein Versuch, verdrängte Liebe zu
    befreien, die in einem Symptom einen kümmerlichen Kompro-
    mißausweg gefunden hatte. Ja, die Übereinstimmung mit dem
    vom Dichter geschilderten Heilungsvorgang in der „Gradiva“
    erreicht ihre Höhe, wenn wir hinzufügen, daß auch in der ana-
    lytischen Psychotherapie die wiedergeweckte Leidenschaft, sei
    sie Liebe oder Haß, jedesmal die Person des Arztes zu ihrem
    Objekte wählt.

    Dann setzen freilich die Unterschiede ein, welche den Fall
    der Gradiva zum Idealfall machen, den die ärztliche Technik
    nicht erreichen kann. Die Gradiva kann die aus dem Unbe-
    wußten zum Bewußtsein durchdringende Liebe erwidern, der
    Arzt kann es nicht; die Gradiva ist selbst das Objekt der
    früheren, verdrängten Liebe gewesen, ihre Person bietet der be-
    freiten Liebesstrebung sofort ein begehrenswertes Ziel. Der
    Arzt ist ein Fremder gewesen und muß trachten, nach der
    Heilung wieder ein Fremder zu werden; er weiß den Geheilten
    oft nicht zu raten, wie sie ihre wiedergewonnene Liebesfähig-
    keit im Leben verwenden können. Mit welchen Auskunfts-

  • S.

    79

    mitteln und Surrogaten sich dann der Arzt behilft, um sich
    dem Vorbild einer Liebesheilung, das uns der Dichter ge-
    zeichnet, mit mehr oder weniger Erfolg zu nähern, das an-
    zudeuten, würde uns viel zu weit weg von der uns vorliegen-
    den Aufgabe führen. –

    Nun aber die letzte Frage, deren Beantwortung wir be-
    reits einigemal aus dem Wege gegangen sind. Unsere An-
    schauungen über die Verdrängung, die Entstehung eines Wahnes
    und verwandter Störungen, die Bildung und Auflösung von
    Träumen, die Rolle des Liebeslebens und die Art der Heilung
    bei solchen Störungen sind ja keineswegs Gemeingut der Wissen-
    schaft, geschweige denn bequemer Besitz der Gebildeten zu
    nennen. Ist die Einsicht, welche den Dichter befähigt, sein
    „Phantasiestück“ so zu schaffen, daß wir es wie eine reale
    Krankengeschichte zergliedern können, von der Art einer Kennt-
    nis, so wären wir begierig, die Quellen dieser Kenntnis kennen
    zu lernen. Einer aus dem Kreise, der, wie eingangs ausge-
    führt, an den Träumen in der „Gradiva“ und deren möglichen
    Deutung Interesse nahm, wandte sich an den Dichter mit der
    direkten Anfrage, ob ihm von den so ähnlichen Theorien in
    der Wissenschaft etwas bekannt worden sei. Der Dichter ant-
    wortete, wie vorauszusehen war, verneinend und sogar etwas
    unwirsch. Seine Phantasie habe ihm die „Gradiva“ eingegeben,
    an der er seine Freude gehabt habe; wem sie nicht gefalle,
    der möge sie eben stehen lassen. Er ahnte nicht, wie sehr sie
    den Lesern gefallen hatte.

    Es ist sehr leicht möglich, daß die Ablehnung des Dich-
    ters nicht dabei Halt macht. Vielleicht stellt er überhaupt
    die Kenntnis der Regeln in Abrede, deren Befolgung wir bei
    ihm nachgewiesen haben, und verleugnet alle die Absichten,
    die wir in seiner Schöpfung erkannt haben. Ich halte dies
    nicht für unwahrscheinlich; dann aber sind nur zwei Fälle
    möglich. Entweder wir haben ein rechtes Zerrbild der Inter-
    pretation geliefert, indem wir in ein harmloses Kunstwerk Ten-
    denzen verlegt haben, von denen dessen Schöpfer keine Ahnung
    hatte, und haben damit wieder einmal bewiesen, wie leicht
    es ist, das zu finden, was man sucht, und wovon man selbst
    erfüllt ist, eine Möglichkeit, für die in der Literaturgeschichte

  • S.

    80

    die seltsamsten Beispiele verzeichnet sind. Mag nun jeder Leser
    selbst mit sich einig werden, ob er sich dieser Aufklärung
    anzuschließen vermag; wir halten natürlich an der anderen,
    noch erübrigenden Auffassung fest. Wir meinen, daß der
    Dichter von solchen Regeln und Absichten nichts zu wissen
    brauche, so daß er sie in gutem Glauben verleugnen könne,
    und daß wir doch in seiner Dichtung nichts gefunden haben,
    was nicht in ihr enthalten ist. Wir schöpfen wahrscheinlich
    aus der gleichen Quelle, bearbeiten das nämliche Objekt, ein
    jeder von uns mit einer anderen Methode, und die Überein-
    stimmung im Ergebnis scheint dafür zu bürgen, daß beide
    richtig gearbeitet haben. Unser Verfahren besteht in der be-
    wußten Beobachtung der abnormen seelischen Vorgänge bei
    Anderen, um deren Gesetze erraten und aussprechen zu
    können. Der Dichter geht wohl anders vor; er richtet seine
    Aufmerksamkeit auf das Unbewußte in seiner eigenen Seele,
    lauscht den Entwicklungsmöglichkeiten desselben und gestattet
    ihnen den künstlerischen Ausdruck, anstatt sie mit bewußter
    Kritik zu unterdrücken. So erfährt er aus sich, was wir bei
    Anderen erlernen, welchen Gesetzen die Betätigung dieses Un-
    bewußten folgen muß, aber er braucht diese Gesetze nicht aus-
    zusprechen, nicht einmal sie klar zu erkennen, sie sind infolge der
    Duldung seiner Intelligenz in seinen Schöpfungen verkörpert ent-
    halten. Wir entwickeln diese Gesetze durch Analyse aus sei-
    nen Dichtungen, wie wir sie aus den Fällen realer Erkrankung
    herausfinden, aber der Schluß scheint unabweisbar, entweder
    haben beide, der Dichter wie der Arzt, das Unbewußte in glei-
    cher Weise mißverstanden, oder wir haben es beide richtig
    verstanden. Dieser Schluß ist uns sehr wertvoll; um seinet-
    wegen war es uns der Mühe wert, die Darstellung der Wahn-
    bildung und Wahnheilung sowie die Träume in Jensens
    „Gradiva“ mit den Methoden der ärztlichen Psychoanalyse zu
    untersuchen.–

    Wir wären am Ende angelangt. Ein aufmerksamer Leser
    könnte uns noch mahnen, wir hätten eingangs hingeworfen,
    Träume seien als erfüllt dargestellte Wünsche, und wären dann
    den Beweis dafür schuldig geblieben. Nun, wir erwidern, un-
    sere Ausführungen könnten wohl zeigen, wie ungerechtfertigt

  • S.

    81

    es wäre, die Aufklärungen, die wir über den Traum zu geben
    haben, mit der einen Formel, der Traum sei eine Wunscherfül-
    lung, decken zu wollen. Aber die Behauptung besteht und ist
    auch für die Träume in der Gradiva leicht zu erweisen. Die
    latenten Traumgedanken – wir wissen jetzt, was darunter ge-
    meint ist – können von der mannigfaltigsten Art sein; in der
    Gradiva sind es „Tagesreste“, Gedanken, die ungehört und un-
    erledigt vom seelischen Treiben des Wachens übrig gelassen sind.
    Damit aber aus ihnen ein Traum entstehe, wird die Mitwirkung
    eines – meist unbewußten – Wunsches erfordert; dieser stellt
    die Triebkraft für die Traumbildung her, die Tagesreste ge-
    ben das Material dazu. Im ersten Traume Norbert Hanolds
    konkurrieren zwei Wünsche miteinander, um den Traum zu
    schaffen, der eine selbst ein bewußtseinsfähiger, der andere
    freilich dem Unbewußten angehörig und aus der Verdrängung
    wirksam. Der erste wäre der bei jedem Archäologen begreif-
    liche Wunsch, Augenzeuge jener Katastrophe des Jahres 79
    gewesen zu sein. Welches Opfer wäre einem Altertumsforscher
    wohl zu groß, wenn dieser Wunsch noch anders als auf dem
    Wege des Traumes zu verwirklichen wäre! Der andere Wunsch
    und Traumbildner ist erotischer Natur; dabei zu sein, wenn
    die Geliebte sich zum Schlafen hinlegt, könnte man ihn in
    grober oder auch unvollkommener Fassung aussprechen. Er ist
    es, dessen Ablehnung den Traum zum Angsttraum werden läßt.
    Minder augenfällig sind vielleicht die treibenden Wünsche des
    zweiten Traumes, aber wenn wir uns an dessen Übersetzung er-
    innern, werden wir nicht zögern, sie gleichfalls als erotische
    anzusprechen. Der Wunsch, von der Geliebten gefangen genom-
    men zu werden, sich ihr zu fügen und zu unterwerfen, wie er
    hinter der Situation des Eidechsenfanges konstruiert werden
    darf, hat eigentlich passiven, masochistischen Charakter. Am
    nächsten Tage schlägt der Träumer die Geliebte, wie unter
    der Herrschaft der gegensätzlichen erotischen Strömung. Aber
    wir müssen hier innehalten, sonst vergessen wir vielleicht wirk-
    lich, daß Hanold und die Gradiva nur Geschöpfe des Dich-
    ters sind.