• S.

    57

    III.

    Im weiteren Verlaufe der Erzählung findet sich noch
    ein anderer Traum, der uns vielleicht noch mehr als der
    erste verlocken kann, seine Übersetzung und Einfügung in
    den Zusammenhang des seelischen Geschehens beim Helden
    zu versuchen. Aber wir ersparen wenig, wenn wir hier die
    Darstellung des Dichters verlassen, um direkt zu diesem
    zweiten Traum zu eilen, denn wer den Traum eines anderen
    deuten will, der kann nicht umhin, sich möglichst ausführlich
    um alles zu bekümmern, was der Träumer äußerlich und
    innerlich erlebt hat. Somit wäre es fast das beste, wenn
    wir beim Faden der Erzählung verblieben und diese fort-
    laufend mit unseren Glossen versehen.

    Die Wahnneubildung vom Tode der Gradiva beim Unter-
    gang Pompejis im Jahre 79 ist nicht die einzige Nachwirkung
    des von uns analysierten ersten Traumes. Unmittelbar nach-
    her entschließt sich Hanold zu einer Reise nach Italien, die
    ihn endlich nach Pompeji bringt. Vorher aber begibt sich
    noch etwas anderes mit ihm; aus dem Fenster lehnend,
    glaubt er auf der Straße eine Gestalt mit der Haltung und
    dem Gange seiner Gradiva zu bemerken, eilt ihr trotz seiner
    mangelhaften Bekleidung nach, erreicht sie aber nicht, sondern
    wird durch den Spott der Leute auf der Straße zurück-
    getrieben. Nachdem er wieder in sein Zimmer zurückgekehrt
    ist, ruft das Singen eines Kanarienvogels, dessen Käfig an
    einem Fenster des Hauses gegenüber hängt, eine Stimmung
    in ihm hervor, als ob auch er aus der Gefangenschaft in die
    Freiheit wollte, und die Frühjahrsreise ist ebenso schnell be-
    schlossen wie ausgeführt.

    Der Dichter hat diese Reise Hanolds in ganz besonders
    scharfes Licht gerückt und ihm selbst teilweise Klarheit über
    seine inneren Vorgänge gegönnt. Hanold hat sich selbst-
    verständlich einen wissenschaftlichen Vorwand für sein Reisen
    angegeben, aber dieser hält nicht vor. Er weiß doch eigent-
    lich, daß »ihm der Antrieb zur Reise aus einer unnenbaren

  • S.

    58

    Empfindung entsprungen war«. Eine eigentümliche Unruhe
    heißt ihn mit allem, was er antrifft, unzufrieden sein und
    treibt ihn von Rom nach Neapel, von dort nach Pompeji,
    ohne daß er sich, auch nicht in dieser letzten Station, in
    seiner Stimmung zurechtfände. Er ärgert sich über die Tor-
    heit der Hochzeitsreisenden und ist empört über die Frech-
    heit der Stubenfliegen, die Pompejis Gasthäuser bevölkern.
    Aber endlich täuscht er sich nicht darüber, »daß seine Un-
    befriedigung wohl nicht allein durch das um ihn herum Be-
    findliche verursacht werde, sondern etwas ihren Ursprung
    auch aus ihm selbst schöpfe«. Er hält sich für überreizt,
    fühlt, »daß er mißmutig sei, weil ihm etwas fehle, ohne daß
    er sich aufhellen könne, was. Und diese Mißstimmung bringt
    er überallhin mit sich«. In solcher Verfassung empört er
    sich sogar gegen seine Herrscherin, die Wissenschaft; wie
    er das erstemal in der Mittagssonneglut durch Pompeji
    wandelt, »hatte seine ganze Wissenschaft ihn nicht allein
    verlassen, sondern ließ ihn auch ohne das geringste Be-
    gehren, sie wieder aufzufinden; er erinnerte sich ihrer nur
    wie aus einer weiten Ferne, und in seiner Empfindung war
    sie eine alte, eingetrocknete, langweilige Tante gewesen,
    das lederndste und überflüssigste Geschöpf auf der Welt«.
    (G. p. 55.)

    In diesem unerquicklichen und verworrenen Gemüts-
    zustand löst sich ihm dann das eine der Rätsel, welche an
    dieser Reise hängen, in dem Moment, da er zuerst die Gra-
    diva durch Pompeji schreiten sieht. Es kommt ihm »zum
    erstenmal zum Bewußtwerden: Er sei, ohne selbst von dem
    Antrieb in seinem Innern zu wissen, deshalb nach Italien und
    ohne Aufenthalt von Rom und Neapel bis Pompeji weiter-
    gefahren, um danach zu suchen, ob er hier Spuren von ihr
    auffinden könne. Und zwar im wörtlichen Sinne, denn bei
    ihrer besonderen Gangart mußte sie in der Asche einen von
    allen übrigen sich unterscheidenden Abdruck der Zehen
    hinterlassen haben«. (G. p. 58.)

    Da der Dichter so viel Sorgfalt auf die Darstellung dieser
    Reise verwendet, muß es auch uns der Mühe wert sein, deren

  • S.

    59

    Verhältnis zum Wahne Hanolds und deren Stellung im Zu-
    sammenhang der Begebenheiten zu erläutern. Die Reise ist
    ein Unternehmen aus Motiven, welche die Person zunächst
    nicht erkennt und erst später sich eingesteht, Motiven,
    welche der Dichter direkt als »unbewußte« bezeichnet. Dies
    ist gewiß dem Leben abgelauscht; man braucht nicht im
    Wahn zu sein, um so zu handeln; vielmehr ist es ein
    alltägliches Vorkommnis, selbst bei Gesunden, daß sie sich
    über die Motive ihres Handelns täuschen und ihrer erst nach-
    träglich bewußt werden, wenn nur ein Konflikt mehrerer
    Gefühlsströmungen ihnen die Bedingung für solche Verworren-
    heit herstellt. Die Reise Hanolds war also von Anfang an
    darauf angelegt, dem Wahne zu dienen, und sollte ihn
    nach Pompeji bringen, um die Nachforschung nach der
    Gradiva dort fortzusetzen. Wir erinnern, daß vor und un-
    mittelbar nach dem Traum diese Nachforschung ihn erfüllte,
    und daß der Traum selbst nur eine von seinem Bewußtsein
    erstickte Antwort auf die Frage nach dem Aufenthalt der
    Gradiva war. Irgend eine Macht, die wir nicht erkennen,
    hemmt aber zunächst auch das Bewußtwerden des wahnhaften
    Vorsatzes, so daß zur bewußten Motivierung der Reise nur
    unzulängliche, streckenweise zu erneuernde Vorwände er-
    übrigen. Ein anderes Rätsel gibt uns der Dichter auf, indem
    er den Traum, die Entdeckung der vermeintlichen Gradiva
    auf der Straße und die Entschließung zur Reise durch den
    Einfluß des singenden Kanarienvogels wie Zufälligkeiten ohne
    innere Beziehung auf einander folgen läßt.

    Mit Hilfe der Aufklärungen, die wir den späteren Reden
    der Zoë Bertgang entnehmen, wird dieses dunkle Stück der
    Erzählung für unser Verständnis erhellt. Es war wirklich
    das Urbild der Gradiva, Fräulein Zoë selbst, das Hanold von
    seinem Fenster aus auf der Straße schreiten sah (G. p. 89),
    und das er bald eingeholt hätte. Die Mitteilung des Traumes:
    sie lebt ja am heutigen Tage in der nämlichen Stadt wie du,
    hätte so durch einen glücklichen Zufall eine unwiderstehliche
    Bekräftigung erfahren, vor welcher sein inneres Sträuben zu-
    sammengebrochen wäre. Der Kanarienvogel aber, dessen

  • S.

    60

    Gesang Hanold in die Ferne trieb, gehörte Zoë, und sein
    Käfig stand an ihrem Fenster, dem Hause Hanolds schräg
    gegenüber. (G. p. 135.) Hanold, der nach der Anklage des
    Mädchens die Gabe der „negativen Halluzination“ besaß, die
    Kunst verstand, auch gegenwärtige Personen nicht zu sehen
    und nicht zu erkennen, muß von Anfang an die unbewußte
    Kenntnis dessen gehabt haben, was wir erst spät erfahren.
    Die Zeichen der Nähe Zoës, ihr Erscheinen auf der Straße
    und der Gesang ihres Vogels so nahe seinem Fenster, ver-
    stärken die Wirkung des Traumes, und in dieser für seinen
    Widerstand gegen die Erotik so gefährlichen Situation – er-
    greift er die Flucht. Die Reise entspringt einem Auffraffen
    des Widerstandes nach jenem Vorstoß der Liebessehnsucht
    im Traum, einem Fluchtversuch von der leibhaftigen und
    gegenwärtigen Geliebten weg. Sie bedeutet praktisch einen
    Sieg der Verdrängung, die diesmal im Wahne die Oberhand
    behält, wie bei seinem früheren Tun, den „pedestrischen
    Untersuchungen“ an Frauen und Mädchen, die Erotik sieg-
    reich gewesen war. Überall aber ist in diesem Schwanken
    des Kampfes die Kompromißnatur der Entscheidungen ge-
    wahrt; die Reise nach Pompeji, die von der lebenden Zoë
    wegführen soll, führt wenigstens zu ihrem Ersatz, zur Gra-
    diva. Die Reise, die den latenten Traumgedanken zum Trotze
    unternommen wird, folgt doch der Weisung des manifesten
    Trauminhaltes nach Pompeji. So triumphiert der Wahn
    von neuem, jedesmal wenn Erotik und Widerstand von neuem
    streiten.

    Diese Auffassung der Reise Hanolds als Flucht vor der
    in ihm erwachenden Liebessehnsucht nach der so nahen Ge-
    liebten harmoniert allein mit den bei ihm geschilderten Ge-
    mütszuständen während seines Aufenthaltes in Italien. Die ihn
    beherrschende Ablehnung der Erotik drückt sich dort in seiner
    Verabscheuung der Hochzeitsreisenden aus. Ein kleiner Traum
    im Albergo in Rom, veranlaßt durch die Nachbarschaft eines
    deutschen Liebespaares, „August und Grete“, deren Abend-
    gespräch er durch die dünne Zwischenwand belauschen muß,
    wirft wie nachträglich ein Licht auf die erotischen Tendenzen

  • S.

    61

    seines ersten großen Traumes. Der neue Traum versetzt ihn
    wieder nach Pompeji, wo eben wieder der Vesuv ausbricht,
    und knüpft so an den während der Reise fortwirkenden Traum
    an. Aber unter den gefährdeten Personen gewahrt er diesmal
    – nicht wie früher sich und die Gradiva –, sondern den
    Apoll von Belvedere und die kapitolinische Venus, wohl als
    ironische Erhöhungen des Paares im Nachbarra-
    raum. Apoll
    hebt die Venus auf, trägt sie fort und legt sie auf einen Ge-
    genstand im Dunkeln hin, der ein Wagen oder Karren zu sein
    scheint, denn ein »knarrender Ton« schallt davon her. Der
    Traum bedarf sonst keiner besonderen Kunst zu seiner Deu-
    tung. (G. p. 31.)

    Unser Dichter, dem wir längst zutrauen, daß er auch
    keinen einzelnen Zug müßig und absichtslos in seiner Schil-
    derung aufträgt, hat uns noch ein anderes Zeugnis für die
    Hanold auf der Reise beherrschende asexuelle Strömung ge-
    geben. Während des stundenlangen Umherwanderns in Pom-
    peji kommt es ihm »merkwürdigerweise nicht ein einziges Mal
    in Erinnerung, daß er vor einiger Zeit einmal geträumt habe,
    bei der Verschüttung Pompejis durch den Kraterausbruch im
    Jahre 79 zugegen gewesen zu sein«. (G. p. 47.) Erst beim
    Anblick der Gradiva besinnt er sich plötzlich dieses Traumes,
    wie ihm auch gleichzeitig das wahnhafte Motiv seiner rätsel-
    haften Reise bewußt wird. Was könnte nun dies Vergessen
    des Traumes, diese Verdrängungsschranke zwischen dem Traum
    und dem Seelenzustand auf der Reise anders bedeuten, als
    daß die Reise nicht auf direkte Anregung des Traumes er-
    folgt ist, sondern in der Auflehnung gegen denselben, als
    Ausfluß einer seelischen Macht, die vom geheimen Sinne des
    Traumes nichts wissen will?

    Anderseits aber wird Hanold dieses Sieges über seine
    Erotik nicht froh. Die unterdrückte seelische Regung bleibt
    stark genug, um sich durch Mißbehagen und Hemmung an
    der unterdrückenden zu rächen. Seine Sehnsucht hat sich in
    Unruhe und Unbefriedigung verwandelt, die ihm die Reise
    sinnlos erscheinen läßt; gehemmt ist die Einsicht in die Moti-
    vierung der Reise im Dienste des Wahnes, gestört sein Ver-

  • S.

    62

    hältnis zu seiner Wissenschaft, die an solchem Orte all sein
    Interesse rege machen sollte. So zeigt uns der Dichter seinen
    Helden nach seiner Flucht vor der Liebe in einer Art von
    Krisis, in einem gänzlich verworrenen und zerfahrenen Zu-
    stand, in einer Zerrüttung, wie sie auf der Höhe der Krank-
    heitszustände vorzukommen pflegt, wenn keine der beiden
    streitenden Mächte mehr um so viel stärker ist als die andere,
    daß die Differenz ein strammes, seelisches Regime begründen
    könnte. Hier greift dann der Dichter helfend und schlichtend
    ein, denn an dieser Stelle läßt er die Gradiva auftreten,
    welche die Heilung des Wahnes unternimmt. Mit seiner Macht,
    die Schicksale der von ihm geschaffenen Menschen zum Guten
    zu lenken, trotz all der Notwendigkeiten, denen er sie ge-
    horchen läßt, versetzt er das Mädchen, vor dem Hanold nach
    Pompeji geflohen ist, ebendahin und korrigiert so die Tor-
    heit, die der Wahn den jungen Mann begehen ließ, sich von
    dem Wohnort der leibhaftigen Geliebten zur Todes-
    stätte der
    sie in der Phantasie ersetzenden zu begeben.

    Mit dem Erscheinen der Zoë Bertgang als Gradiva, wel-
    ches den Höhepunkt der Spannung in der Erzählung bezeichnet,
    tritt bald auch eine Wendung in unserem Interesse ein. Haben
    wir bisher die Entwicklung eines Wahnes miterlebt, so sollen
    wir jetzt Zeugen seiner Heilung werden und dürfen uns
    fragen, ob der Dichter den Hergang dieser Heilung bloß fa-
    buliert oder im Anschluß an wirklich vorhandene Möglich-
    keiten gebildet hat. Nach Zoës eigenen Worten in der Unter-
    haltung mit der Freundin haben wir entschieden das Recht,
    ihr solche Heilungsabsicht zuzuschreiben. (G. p. 124.) Wie
    schickt sie sich aber dazu an? Nachdem sie die Entrüstung
    zurückge-
    drängt, welche die Zumutung, sich wieder wie „damals“
    zum Schlafen hinzulegen, bei ihr hervorgerufen, findet sie
    sich zur gleichen Mittagsstunde des nächsten Tages am näm-
    lichen Orte ein und entlockt nun Hanold all das geheime
    Wissen, das ihr zum Verständnis seines Benehmens am Vor-
    tage gefehlt hat. Sie erfährt von seinem Traum, vom Relief-
    bild der Gradiva und von der Eigentümlichkeit des Ganges,
    welche sie mit diesem Bilde teilt. Sie akzeptiert die Rolle des

  • S.

    63


    für eine kurze Stunde zum Leben erwachten Gespenstes,
    welche, wie sie merkt, sein Wahn ihr zugeteilt, und weist ihm
    leise in mehrdeutigen Worten eine neue Stellung an, indem
    sie die Gräberblume von ihm annimmt, die er ohne bewußte
    Absicht mitgebracht, und das Bedauern ausspricht, daß er ihr
    nicht Rosen gegeben hat. (G. p. 90.)
    Unser Interesse für das Benehmen des überlegen klugen
    Mädchens, welches beschlossen hat, sich den Jugendgeliebten
    zum Manne zu gewinnen, nachdem sie hinter seinem Wahn
    seine Liebe als treibende Kraft erkannt, wird aber an dieser
    Stelle wahrscheinlich von dem Befremden zurückgedrängt,
    welches dieser Wahn selbst bei uns erregen kann. Dessen
    letzte Ausgestaltung, daß die im Jahre 79 verschüttete Gra-
    diva nun als Mittagsgespenst für eine Stunde mit ihm Rede
    tauschen könne, nach deren Ablauf sie versinke oder ihre
    Gruft wieder aufsuche, dieses Hirngespinst, welches weder
    durch die Wahrnehmung ihrer modernen Fußbekleidung noch
    durch ihre Unkenntnis der alten Sprachen und ihre Beherr-
    schung des damals nicht existierenden Deutschen beirrt wird,
    scheint wohl die Bezeichnung des Dichters »Ein pompejanisches
    Phantasiestück« zu rechtfertigen, aber jedes Messen an der
    klinischen Wirklichkeit auszuschließen. Und doch scheint mir
    bei näherer Erwägung die Unwahrscheinlichkeit dieses Wahnes
    zum größeren Teile zu zergehen. Einen Teil der Verschuldung
    hat ja der Dichter auf sich genommen und in der Voraus-
    setzung der Erzählung, daß Zoë in allen Zügen das Ebenbild
    des Steinreliefs sei, mitgebracht. Man muß sich also hüten,
    die Unwahrscheinlichkeit von dieser Voraussetzung auf deren
    Konsequenz, daß Hanold das Mädchen für die belebte Gra-
    diva hält, zu verschieben. Die wahnhafte Erklärung wird
    hier dadurch im Wert gehoben, daß auch der Dichter uns
    keine rationelle zur Verfügung gestellt hat. In der Sonnen-
    glut Kampaniens und in der verwirrenden Zauberkraft des
    Weines, der am Vesuv wächst, hat der Dichter ferner andere
    helfende und mildernde Umstände für die Ausschreitung des
    Helden herangezogen. Das wichtigste aller erklärenden und
    entschuldigenden Momente bleibt aber die Leichtigkeit, mit

  • S.

    64

    welcher unser Denkvermögen sich zur Annahme eines absurden
    Inhaltes entschließt, wenn stark affektbetonte Regungen dabei
    ihre Befriedigung finden. Es ist erstaunlich und findet meist
    viel zu geringe Würdigung, wie leicht und häufig selbst in
    telligenzstarke Personen unter solchen psychologischen Kon-
    stellationen die Reaktionen partiellen Schwachsinnes geben,
    und wer nicht allzu eingebildet ist, mag dies auch beliebig
    oft an sich selbst beobachten. Und nun erst dann, wenn ein
    wußten oder verdrängten Motiven haftet! Ich zitiere dabei
    gern die Worte eines Philosophen, der mir schreibt: »Ich
    habe auch angefangen, mir selbsterlebte Fälle von frappanten
    Irrtümern zu notieren, gedankenloser Handlungen, die man
    sich nachträglich motiviert (in sehr unvernünftiger Weise).
    Es ist erschreckend, aber typisch, wieviel Dummheit dabei
    zu Tage kommt.« Und nun nehme man dazu, daß der Glaube
    an Geister und Gespenster und wiederkehrende Seelen, der
    so viel Anlehnungen in den Religionen findet, denen wir alle
    wenigstens als Kinder angehängt haben, keineswegs bei allen
    Gebildeten untergegangen ist, daß so viele sonst Vernünftige
    die Beschäftigung mit dem Spiritismus mit der Vernunft ver-
    einbar finden. Ja selbst der nüchtern und ungläubig Gewor-
    dene mag mit Beschämung wahrnehmen, wie leicht er sich
    für einen Moment zum Geisterglauben zurückwendet, wenn
    Ergriffenheit und Ratlosigkeit bei ihm zusammentreffen. Ich
    weiß von einem Arzt, der einmal eine seiner Patientinnen an
    der Basedowschen Krankheit verloren hatte und einen leisen
    Verdacht nicht bannen konnte, daß er durch unvorsichtige
    Medikation vielleicht zum unglücklichen Ausgange beigetragen
    habe. Eines Tages, mehrere Jahre später, trat ein Mädchen
    in sein ärztliches Zimmer, in dem er, trotz alles Sträubens,
    die Verstorbene erkennen mußte. Er konnte keinen anderen
    Gedanken fassen als, es sei doch wahr, daß die Toten wieder-
    kommen können, und sein Schaudern wich erst der Scham,
    als die Besucherin sich als die Schwester jener an der gleichen
    Krankheit Verstorbenen vorstellte. Die Basedowsche Krankheit
    verleiht den von ihr Befallenen eine oft bemerkte, weitgehende

  • S.

    65

    Ähnlichkeit der Gesichtszüge, und in diesem Falle war die
    typische Ähnlichkeit über der schwesterlichen aufgetragen.
    Der Arzt aber, dem sich dies ereignet, war ich selbst, und
    darum bin gerade ich nicht geneigt, dem Norbert Hanold die
    klinische Möglichkeit seines kurzen Wahnes von der ins Leben
    zurückgekehrten Gradiva zu bestreiten. Daß in ernsten Fällen
    chronischer Wahn-
    bildung (Paranoia) das Äußerste an geistreich
    ausgesponnenen und gut vertretenen Absurditäten geleistet
    wird, ist endlich jedem Psychiater wohlbekannt. –

    Nach der ersten Begegnung mit der Gradiva hatte Nor-
    bert Hanold zuerst in dem einen und dann im anderen der
    ihm bekannten Speisehäuser Pompejis seinen Wein getrunken,
    während die anderen Besucher mit der Hauptmahlzeit be-
    schäftigt waren. »Selbstverständlich war ihm mit keinem Ge-
    danken die widersinnige Annahme in den Sinn gekommen«,
    er tue so, um zu erfahren, in welchem Gasthof die Gradiva
    wohne und ihre Mahlzeiten einnehme, aber es ist schwer zu
    sagen, welchen anderen Sinn dies sein Tun sonst hätte haben
    können. Am Tage nach dem zweiten Beisammensein im Hause
    des Meleager erlebt er allerlei merkwürdige und scheinbar
    unzusammmenhängende Dinge: er findet einen engen Spalt in
    der Mauer des Portikus, dort, wo die Gradiva verschwunden
    war, begegnet einem närrischen Eidechsenfänger, der ihn wie
    einen Bekannten anredet, entdeckt ein drittes, versteckt ge-
    legenes Wirtshaus, den »Albergo del Sole«, dessen Besitzer
    ihm eine grünpatinierte Metallspange als Fundstück bei den
    Überresten eines pompejanischen Mädchens aufschwatzt, und
    wird endlich in seinem eigenen Gasthof auf ein neu ange-
    kommenes junges Menschenpaar aufmerksam, welches er als
    Geschwisterpaar diagnostiziert, und dem er seine Sympathie
    schenkt. Alle diese Eindrücke verweben sich dann zu einem
    »merkwürdig unsinnigen« Traum, der folgenden Wortlaut hat:

    »Irgendwo in der Sonne sitzt die Gradiva, macht aus
    einem Grashalm eine Schlinge, um eine Eidechse darin zu
    fangen, und sagt dazu: ,Bitte, halte dich ganz ruhig – die
    Kollegin hat recht, das Mittel ist wirklich gut, und sie hat
    es mit bestem Erfolge angewendet‘.«

    Freud, Der Wahn und die Träume.

  • S.

    66

    Gegen diesen Traum wehrt er sich noch im Schlafe mit
    der Kritik, das sei in der Tat vollständige Verrücktheit, und
    wirft sich herum, um von ihm loszukommen. Dies gelingt
    ihm auch mit Beihilfe eines unsichtbaren Vogels, der einen
    kurzen, lachenden Ruf ausstößt und die Lacerte im Schnabel
    fortträgt.

    Wollen wir den Versuch wagen, auch diesen Traum zu
    deuten, d. h. ihn durch die latenten Gedanken zu ersetzen,
    aus deren Entstellung er hervorgegangen sein muß? Er ist
    so unsinnig, wie man es nur von einem Traume erwarten
    kann, und diese Absurdität der Träume ist ja die Hauptstütze
    der Anschauung, welche dem Traum den Charakter eines voll-
    gültigen psychischen Aktes verweigert und ihn aus einer plan-
    losen Erregung der psychischen Elemente hervorgehen läßt.

    Wir können auf diesen Traum die Technik anwenden,
    welche als das reguläre Verfahren der Traumdeutung bezeich-
    net werden kann. Es besteht darin, sich um den scheinbaren
    Zusammenhang im manifesten Traum nicht zu bekümmern,
    sondern jedes Stück des Inhaltes für sich ins Auge zu fassen
    und in den Eindrücken, Erinnerungen und freien Einfällen
    des Träumers die Ableitung desselben zu suchen. Da wir aber
    Hanold nicht examinieren können, werden wir uns mit der
    Beziehung auf seine Eindrücke zufrieden geben müssen, und
    nur ganz schüchtern unsere eigenen Einfälle an die Stelle der
    seinigen setzen dürfen.

    »Irgendwo in der Sonne sitzt die Gradiva, fängt Eidechsen
    und spricht dazu« – an welchen Eindruck des Tages klingt
    dieser Teil des Traumes an? Unzweifelhaft an die Begegnung
    mit dem älteren Herrn, dem Eidechsenfänger, der also im
    Traum durch die Gradiva ersetzt ist. Der saß oder lag an
    »einem heißbesonnten« Abhang und sprach auch Hanold an.
    Auch die Reden der Gradiva im Traum sind nach der Rede
    jenes Mannes kopiert. Man vergleiche: »Das vom Kollegen
    Eimer angegebene Mittel ist wirklich gut, ich habe es schon
    mehrmals mit bestem Erfolg angewendet. Bitte, halten Sie
    sich ganz ruhig –.« Ganz ähnlich spricht die Gradiva im
    Traum, nur daß der Kollege Eimer durch eine unbenannte

  • S.

    67

    Kollegin ersetzt ist; auch ist das »mehrmals« aus der Rede
    des Zoologen im Traume weggeblieben und die Bindung der
    Sätze etwas geändert worden. Es scheint also, daß dieses Er-
    lebnis des Tages durch einige Abänderungen und Entstellungen
    zum Traume umgewandelt worden ist. Warum gerade dieses,
    und was bedeuten die Entstellungen, der Ersatz des alten
    Herrn durch die Gradiva und die Einführung der rätselhaften
    »Kollegin«?

    Es gibt eine Regel der Traumdeutung, welche lautet:
    Eine im Traum gehörte Rede stammt immer von einer im
    Wachen gehörten oder selbst gehaltenen Rede ab. Nun, diese
    Regel scheint hier befolgt, die Rede der Gradiva ist nur eine
    Modifikation der bei Tag gehörten Rede des alten Zoologen.
    Eine andere Regel der Traumdeutung würde uns sagen, die
    Ersetzung einer Person durch eine andere oder die Vermen-
    gung zweier Personen, indem etwa die eine in einer Situation
    gezeigt wird, welche die andere charakterisiert, bedeutet eine
    Gleichstellung der beiden Personen, eine Übereinstimmung
    zwischen denselben. Wagen wir es, auch diese Regel auf un-
    seren Traum anzuwenden, so ergäbe sich die Übersetzung: die
    Gradiva fängt Eidechsen wie jener Alte, versteht sich auf den
    Eidechsenfang wie er. Verständlich ist dieses Ergebnis gerade
    noch nicht, aber wir haben ja noch ein anderes Rätsel vor
    uns. Auf welchen Eindruck des Tages sollen wir die »Kolle-
    gin« beziehen, die im Traum den berühmten Zoologen Eimer
    ersetzt? Wir haben da zum Glück nicht viel Auswahl, es
    kann nur ein anderes Mädchen als Kollegin gemeint sein, also
    jene sympathische junge Dame, in der Hanold eine in Ge-
    sellschaft ihres Bruders reisende Schwester erkannt hatte.
    »Sie trug eine rote Sorrentiner Rose am Kleid, deren Anblick
    an etwas im Gedächtnis des aus seiner Stubenecke Hinüber-
    schauenden rührte, ohne daß er sich darauf besinnen konnte,
    was es sei.« Diese Bemerkung des Dichters gibt uns wohl
    das Recht, sie für die »Kollegin« im Traume in Anspruch zu
    nehmen. Das, was Hanold nicht erinnern konnte, war gewiß
    nichts anderes als das Wort der vermeintlichen Gradiva,
    glücklicheren Mädchen bringe man im Frühling Rosen, als sie

  • S.

    68

    die weiße Gräberblume von ihm verlangte. In dieser Rede lag
    aber eine Werbung verborgen. Was mag das nun für ein
    Eidechsenfang sein, der dieser glücklicheren Kollegin so gut
    gelungen?

    Am nächsten Tage überrascht Hanold das vermeintliche
    Geschwisterpaar in zärtlicher Umarmung und kann so seinen
    Irrtum vom Vortage berichtigen. Es ist wirklich ein Liebes-
    paar, und zwar auf der Hochzeitsreise begriffen, wie wir später
    erfahren, als die beiden das dritte Beisammensein Hanolds
    mit der Zoë so unvermutet stören. Wenn wir nun annehmen
    wollen, daß Hanold, der sie bewußt für Geschwister hält,
    in seinem Unbewußten sogleich ihre wirkliche Beziehung er-
    kannt hat, die sich tags darauf so unzweideutig verrät, so
    ergibt sich allerdings ein guter Sinn für die Rede der Gra-
    diva im Traume. Die rote Rose wird dann zum Symbol
    der Liebesbeziehung; Hanold versteht, daß die beiden das
    sind, wozu er und die Gradiva erst werden sollen, der
    Eidechsenfang bekommt die Bedeutung des Männerfanges,
    und die Rede der Gradiva heißt etwa: Laß mich nur machen,
    ich verstehe es ebenso gut, mir einen Mann zu gewinnen wie
    dies andere Mädchen.

    Warum mußte aber dieses Durchschauen der Absichten
    der Zoë durchaus in der Form der Rede des alten Zoologen
    im Traume erscheinen? Warum die Geschicklichkeit Zoës im
    Männerfang durch die des alten Herrn im Eidechsenfang dar-
    gestellt werden? Nun, wir haben es leicht, diese Frage zu be-
    antworten; wir haben längst erraten, daß der Eidechsenfänger
    kein anderer ist als der Zoologieprofessor Bertgang, Zoës
    Vater, der ja auch Hanold kennen muß, so daß sich ver-
    stehen läßt, daß er Hanold wie einen Bekannten anredet.
    Nehmen wir von neuem an, daß Hanold im Unbewußten den
    Professor sofort erkannt habe, »Ihm war’s dunkel, das Ge-
    sicht des Lacertenjägers sei schon einmal, wahrscheinlich in
    einem der beiden Gasthöfe, an seinen Augen vorübergegan-
    gen –«, so erklärt sich die sonderbare Einkleidung des der
    Zoë beigelegten Vorsatzes. Sie ist die Tochter des Eidechsen-
    fängers, sie hat diese Geschicklichkeit von ihm.

  • S.

    69

    Die Ersetzung des Eidechsenfängers durch die Gradiva
    im Trauminhalt ist also die Darstellung für die im Unbe-
    wußten erkannte Beziehung der beiden Personen; die Ein-
    führung der »Kollegin« an Stelle des Kollegen Eimer ge-
    stattet es dem Traum, das Verständnis ihrer Werbung um
    den Mann zum Ausdruck zu bringen. Der Traum hat bisher
    zwei der Erlebnisse des Tages zu einer Situation zusammen-
    geschweißt, »verdichtet«, wie wir sagen, um zwei Einsichten,
    die nicht bewußt werden durften, einen allerdings sehr un-
    kenntlichen Ausdruck zu verschaffen. Wir können aber
    weiter gehen, die Sonderbarkeit des Traumes noch mehr
    verringern und den Einfluß auch der anderen Tageserlebnisse
    auf die Gestaltung des manifesten Traumes nachweisen.

    Wir könnten uns unbefriedigt durch die bisherige Aus-
    kunft erklären, weshalb gerade die Szene des Eidechsenfanges
    zum Kern des Traumes gemacht worden ist, und vermuten,
    daß noch andere Elemente in den Traumgedanken für die
    Auszeichnung der »Eidechse« im manifesten Traum mit ihrem
    Einfluß eingetreten sind. Es könnte wirklich leicht so sein.
    Erinnern wir uns, daß Hanold einen Spalt in der Mauer ent-
    deckt hatte, an der Stelle, wo ihm die Gradiva zu ver-
    schwinden schien, der »immerhin breit genug war, um eine
    Gestalt von ungewöhnlicher Schlankheit« durchschlüpfen zu
    lassen. Durch diese Wahrnehmung wurde er bei Tag zu einer
    Abänderung in seinem Wahn veranlaßt, die Gradiva ver-
    sinke nicht im Boden, wenn sie seinen Blicken entschwinde,
    sondern begebe sich auf diesem Wege in ihre Gruft zurück.
    In seinem unbewußten Denken mochte er sich sagen, er habe
    jetzt die natürliche Erklärung für das überraschende Ver-
    schwinden des Mädchens gefunden. Muß aber nicht das sich
    durch enge Spalten Zwängen und das Verschwinden in solchen
    Spalten an das Benehmen von Lacerten erinnern? Verhält-
    sich die Gradiva dabei nicht selbst wie ein flinkes Eidechs-
    lein? Wir meinen also, diese Entdeckung des Spaltes in der
    Mauer habe mitbestimmend auf die Auswahl des Elementes
    »Eidechse« für den manifesten Trauminhalt gewirkt, die
    Eidechsensituation des Traumes vertrete ebensowohl diesen

  • S.

    70

    Eindruck des Tages wie die Begegnung mit dem Zoologen,
    Zoës Vater.

    Und wenn wir nun, kühn geworden, versuchen wollten
    auch für das eine, noch nicht verwertete Erlebnis des Tages,
    die Entdeckung des dritten Albergo »del Sole«, eine Ver-
    tretung im Trauminhalt zu finden? Der Dichter hat diese
    Episode so ausführlich behandelt und so vielerlei an sie ge-
    knüpft, daß wir uns verwundern müßten, wenn sie allein
    keinen Beitrag zur Traumbildung abgegeben hätte. Hanold
    tritt in dieses Wirtshaus, welches ihm wegen seiner abge-
    legenen Lage und Entfernung vom Bahnhofe unbekannt ge-
    blieben war, um sich eine Flasche kohlensauren Wassers
    gegen seinen Blutandrang geben zu lassen. Der Wirt benützt
    diese Gelegenheit, um seine Antiquitäten anzupreisen, und
    zeigt ihm eine Spange, die angeblich jenem pompejanischen
    Mädchen angehört hatte, das in der Nähe des Forums in
    inniger Umschlingung mit seinem Geliebten aufgefunden
    wurde. Hanold, der diese oft wiederholte Erzählung bisher
    niemals geglaubt, wird jetzt durch eine ihm unbekannte
    Macht genötigt, an die Wahrheit dieser rührenden Geschichte
    und an die Echtheit des Fundstückes zu glauben, erwirbt die
    Fibula und verläßt mit seinem Erwerb den Gasthof. Im
    Fortgehen sieht er an einem der Fenster einen in ein Wasser-
    glas gestellten, mit weißen Blüten behängten Asphodelosschaft
    herabnicken und empfindet diesen Anblick als eine Be-
    glaubigung der Echtheit seines neuen Besitztums. Die wahr-
    hafte Überzeugung durchdringt ihn jetzt, die grüne Spange
    habe der Gradiva angehört, und sie sei das Mädchen ge-
    wesen, das in der Umarmung ihres Geliebten gestorben sei.
    Die quälende Eifersucht, die ihn dabei erfaßt, beschwichtigt
    er durch den Vorsatz, sich am nächsten Tage bei der Gra-
    diva selbst durch das Vorzeigen der Spange Sicherheit wegen
    seines Argwohnes zu holen. Dies ist doch ein sonderbares
    Stück neuer Wahnbildung, und es sollte keine Spur im Traume
    der nächstfolgenden Nacht darauf hinweisen!

    Es wird uns wohl der Mühe wert sein, uns die Ent-
    stehung dieses Wahnzuwachses verständlich zu machen, das

  • S.

    71

    neue Stück unbewußter Einsicht aufzusuchen, das sich durch
    das neue Stück Wahn ersetzt. Der Wahn entsteht unter dem
    Einfluß des Wirtes vom Sonnenwirtshaus, gegen den sich
    Hanold so merkwürdig leichtgläubig benimmt, als hätte er
    eine Suggestion von ihm empfangen. Der Wirt zeigt ihm
    eine metallene Gewandfibel als echt und als Besitztum jenes
    Mädchens, das in den Armen seines Geliebten verschüttet auf-
    gefunden wurde, und Hanold, der kritisch genug sein könnte,
    um die Wahrheit der Geschichte sowie die Echtheit der
    Spange zu bezweifeln, ist sofort gläubig gefangen und er-
    wirbt die mehr als zweifelhafte Antiquität. Es ist ganz un-
    verständlich, warum er sich so benehmen sollte, und es deutet
    nichts darauf, daß die Persönlichkeit des Wirtes selbst uns
    dieses Rätsel lösen könnte. Es ist aber noch ein anderes
    Rätsel in dem Vorfall, und zwei Rätsel lösen sich gern mit-
    einander. Beim Verlassen des Albergo erblickt er einen
    Asphodelosschaft im Glase an einem Fenster und findet in
    ihm eine Beglaubigung für die Echtheit der Metallspange.
    Wie kann das nur zugehen? Dieser letzte Zug ist zum Glück
    der Lösung leicht zugänglich. Die weiße Blume ist wohl die-
    selbe, die er zu Mittag der Gradiva geschenkt, und es ist
    ganz richtig, daß durch ihren Anblick an einem der Fenster
    dieses Gasthofes etwas bekräftigt wird. Freilich nicht die
    Echtheit der Spange, aber etwas anderes, was ihm schon bei
    der Entdeckung dieses bisher übersehenen Albergo klar ge-
    worden. Er hatte bereits am Vortage sich so benommen,
    als suchte er in den beiden Gasthöfen Pompejis, wo die
    Person wohne, die ihm als Gradiva erscheine. Nun, da er
    so unvermuteter Weise auf einen dritten stößt, muß er sich
    im Unbewußten sagen: Also hier wohnt sie; und dann beim
    Weggehen: Richtig, da ist ja die Asphodelosblume, die ich ihr
    gegeben; das ist also ihr Fenster. Dies wäre also die neue Ein-
    sicht, die sich durch den Wahn ersetzt, die nicht bewußt werden
    kann, weil ihre Voraussetzung, die Gradiva sei eine Lebende,
    von ihm einst gekannte Person, nicht bewußt werden konnte.
    Wie soll nun aber die Ersetzung der neuen Einsicht
    durch den Wahn vor sich gegangen sein? Ich meine so, daß

  • S.

    72

    das Überzeugungsgefühl, welches der Einsicht anhaftete, sich
    behaupten konnte und erhalten blieb, während für die be-
    wußtseinsunfähige Einsicht selbst ein anderer, aber durch
    Denkverbindung mit ihr verknüpfter Vorstellungsinhalt ein
    trat. So geriet nun das Überzeugungsgefühl in Verbindung
    mit einem ihm eigentlich fremden Inhalt, und dieser letztere
    gelangte als Wahn zu einer ihm selbst nicht gebührenden
    Anerkennung. Hanold überträgt seine Überzeugung, daß die
    Gradiva in diesem Hause wohne, auf andere Eindrücke, die
    er in diesem Hause empfängt, wird auf solche Weise gläubig
    für die Reden des Wirtes, die Echtheit der Metallspange und
    die Wahrheit der Anekdote von dem in Umarmung aufge-
    fundenen Liebespaar, aber nur auf dem Wege, daß er das
    in diesem Hause Gehörte mit der Gradiva in Beziehung
    bringt. Die in ihm bereitliegende Eifersucht bemächtigt
    sich dieses Materials, und es entsteht, selbst im Widerspruch
    mit seinem ersten Traum, der Wahn, daß die Gradiva jenes
    in den Armen ihres Liebhabers verstorbene Mädchen war, und
    daß ihr jene von ihm erworbene Spange gehört hat.
    Wir werden aufmerksam darauf, daß das Gespräch mit
    der Gradiva und ihre leise Werbung »durch die Blume« be-
    reits wichtige Veränderungen bei Hanold hervorgerufen haben.
    Züge von männlicher Begehrlichkeit, Komponenten der Libido,
    sind bei ihm erwacht, die allerdings der Verhüllung durch
    bewußte Vorwände noch nicht entbehren können. Aber das Pro-
    blem der »leiblichen Beschaffenheit« der Gradiva, das ihn
    diesen ganzen Tag über verfolgt, kann doch seine Ab-
    stammung von der erotischen Wißbegierde des Jünglings
    nach dem Körper des Weibes nicht verleugnen, auch wenn
    es durch die bewußte Betonung des eigentümlichen Schwebens
    der Gradiva zwischen Tod und Leben ins Wissenschaftliche
    gezogen werden soll. Die Eifersucht ist ein weiteres Zeichen
    der erwachenden Aktivität Hanolds in der Liebe; er äußert
    diese Eifersucht zu Eingang der Unterredung am nächsten
    Tage und setzt es dann mit Hilfe eines neuen Vorwandes
    durch, den Körper des Mädchens zu berühren und sie, wie in
    längst vergangenen Zeiten, zu schlagen.

  • S.

    73

    Nun aber ist es Zeit, uns zu fragen, ob denn der Weg
    der Wahnbildung, den wir aus der Darstellung des Dichters
    erschlossen haben, ein sonst bekannter oder ein überhaupt
    möglicher sei. Aus unserer ärztlichen Kenntnis können wir
    nur die Antwort geben, es sei gewiß der richtige Weg, viel-
    leicht der einzige, auf dem überhaupt der Wahn zu der un-
    erschütterlichen Anerkennnng gelang, die zu seinen klinischen
    Charakteren gehört. Wenn der Kranke so fest an seinen
    Wahn glaubt, so geschieht das nicht durch eine Verkehrung
    seines Urteilsvermögens, und rührt nicht von dem her, was
    am Wahne irrig ist. Sondern in jedem Wahn steckt auch
    ein Körnchen Wahrheit, es ist etwas an ihm, was wirklich
    den Glauben verdient, und dieses ist die Quelle der also so
    weit berechtigten Überzeugung des Kranken. Aber dieses
    Wahre war lange Zeit verdrängt; wenn es ihm endlich ge-
    lingt, diesmal in entstellter Form zum Bewußtsein durch-
    zudringen, so ist das ihm anhaftende Überzeugungsgefühl
    wie zur Entschädigung überstark, haftet nun am Entstellungs-
    ersatz des verdrängten Wahren und schützt denselben gegen
    jede kritische Anfechtung. Die Überzeugung verschiebt sich
    gleichsam von dem unbewußten Wahren auf das mit ihm
    verknüpfte, bewußte Irrige, und bleibt gerade infolge dieser
    Verschiebung dort fixiert. Der Fall von Wahnbildung, der
    sich aus Hanolds erstem Traum ergab, ist nichts als ein
    ähnliches, wenn auch nicht identisches Beispiel einer solchen
    Verschiebung. Ja, die geschilderte Entstehungsweise der
    Überzeugung beim Wahne ist nicht einmal grundsätzlich von
    der Art verschieden, wie sich Überzeugung in normalen
    Fällen bildet, wo die Verdrängung nicht im Spiele ist. Wir
    alle heften unsere Überzeugung an Denkinhalte, in denen
    Wahres mit Falschem vereint ist, und lassen sie vom ersteren
    aus sich über das letztere erstrecken. Sie diffundiert gleich-
    sam von dem Wahren her über das assoziierte Falsche und
    schützt dieses, wenn auch nicht so unabänderlich wie beim
    Wahn, gegen die verdiente Kritik. Beziehungen, Protektion
    gleichsam, können auch in der Normalpsychologie den eigenen
    Wert ersetzen. –

  • S.

    74

    Ich will nun zum Traum zurückkehren und einen kleinen,
    aber nicht uninteressanten Zug hervorheben, der zwischen
    zwei Anlässen des Traumes eine Verbindung herstellt. Die
    Gradiva hatte die weiße Asphodelosblüte in einen gewissen
    Gegensatz zur roten Rose gebracht; das Wiederfinden des
    Asphodels am Fenster des Albergo del Sole wird zu einem
    wichtigen Beweisstück für die unbewußte Einsicht Hanolds,
    die sich im neuen Wahn ausdrückt, und dem reiht sich an,
    daß die rote Rose am Kleid des sympathischen jungen
    Mädchens Hanold im Unbewußten zur richtigen Würdigung
    ihres Verhältnisses zu ihrem Begleiter verhilft, so daß er sie
    im Traum als »Kollegin« auftreten lassen kann.

    Wo findet sich nun aber im manifesten Trauminhalt die
    Spur und Vertretung jener Entdeckung Hanolds, welche wir
    durch den neuen Wahn ersetzt fanden, der Entdeckung, daß
    die Gradiva mit ihrem Vater in dem dritten versteckten Gast
    hof Pompejis, im Albergo del Sole wohne? Nun, es steht
    ganz und nicht einmal sehr entstellt im Traume drin; ich
    scheue mich nur darauf hinzuweisen, denn ich weiß, selbst
    bei den Lesern, deren Geduld so weit bei mir ausgehalten
    hat, wird sich nun ein starkes Sträuben gegen meine Deutungs-
    versuche regen. Die Entdeckung Hanolds ist im Traum
    inhalt, wiederhole ich, voll mitgeteilt, aber so geschickt
    versteckt, daß man sie notwendig übersehen muß. Sie ist
    dort hinter einem Spiel mit Worten, einer Zweideutigkeit, ge-
    borgen. »Irgendwo in der Sonne sitzt die Gradiva«, das
    haben wir mit Recht auf die Örtlichkeit bezogen, an welcher
    Hanold den Zoologen, ihren Vater, traf. Aber soll es nicht
    auch heißen können: in der »Sonne«, d. i. im Albergo del
    Sole, im Gasthaus zur Sonne wohnt die Gradiva? Und klingt
    das »Irgendwo«, welches auf die Begegnung mit dem Vater
    keinen Bezug hat, nicht gerade darum so heuchlerisch un-
    bestimmt, weil es die bestimmte Auskunft über den Aufenthalt
    der Gradiva einleitet? Ich bin nach meiner sonstigen Er-
    fahrung in der Deutung realer Träume eines solchen Ver-
    ständnisses der Zweideutigkeit ganz sicher, aber ich getraute
    mich wirklich nicht, dieses Stückchen Deutungsarbeit meinen

  • S.

    75


    Lesern vorzulegen, wenn der Dichter mir nicht hier seine
    mächtige Hilfe leihen würde. Am nächsten Tage legt er dem
    Mädchen beim Anblick der Metallspange das nämliche Wort
    spiel in den Mund, welches wir für die Deutung der Stelle im
    Trauminhalt annehmen. »Hast du sie vielleicht in der Sonne
    gefunden, die macht hier solche Kunststücke.« Und da Ha-
    nold diese Rede nicht versteht, erläutert sie, sie meine den
    Gasthof zur Sonne, die sie hier »Sole« heißen, von woher
    auch ihr das angebliche Fundstück bekannt ist.
    Und nun möchten wir den Versuch wagen, den »merk-
    würdig unsinnigen« Traum Hanolds durch die hinter ihm
    verborgenen, ihm möglichst unähnlichen, unbewußten Ge-
    danken zu ersetzen. Etwa so: »Sie wohnt ja in der Sonne
    mit ihrem Vater, warum spielt sie solches Spiel mit mir?
    Will sie ihren Spott mit mir treiben? Oder sollte es möglich
    sein, daß sie mich liebt und mich zum Manne nehmen will?«
    – Auf diese letztere Möglichkeit erfolgt wohl noch im
    Schlaf die abweisende Antwort: das sei ja die reinste Ver-
    rücktheit, die sich scheinbar gegen den ganzen manifesten
    Traum richtet.
    Kritische Leser haben nun das Recht, nach der Herkunft
    jener bisher nicht begründeten Einschaltung zu fragen, die
    sich auf das Verspottetwerden durch die Gradiva bezieht.
    Darauf gibt die »Traumdeutung« die Antwort, wenn in den
    Traumgedanken Spott, Hohn, erbitterter Widerspruch vor-
    kommt, so wird dies durch die unsinnige Gestaltung des mani-
    festen Traumes, durch die Absurdität im Traume ausgedrückt.
    Letztere bedeutet also kein Erlahmen der psychischen Tätigkeit,
    sondern ist eines der Darstellungsmittel, deren sich der Traum
    arbeit bedient. Wie immer an besonders schwierigen Stellen
    kommt uns auch hier der Dichter zu Hilfe. Der unsinnige
    Traum hat noch ein kurzes Nachspiel, in dem ein Vogel einen
    lachenden Ruf ausstößt und die Lacerte im Schnabel davon
    trägt. Einen solchen lachenden Ruf hatte Hanold aber nach
    dem Verschwinden der Gradiva gehört. Er kam wirklich
    von der Zoë her, die den düsteren Ernst ihrer Unterweltsrolle
    mit diesem Lachen von sich abschüttelte. Die Gradiva hatte

  • S.

    76

    ihn wirklich ausgelacht. Das Traumbild aber, wie der Vogel
    die Lacerte davonträgt, mag an jenes andere in einem früheren
    Traum erinnern, in dem der Apoll von Belvedere die kapito-
    linische Venus davontrug.

    Vielleicht besteht noch bei manchem Leser der Eindruck,
    daß die Übersetzung der Situation des Eidechsenfanges durch
    die Idee der Liebeswerbung nicht genügend gesichert sei. Da
    mag denn der Hinweis zur Unterstützung dienen, daß Zoë
    in dem Gespräch mit der Kollegin das nämliche von sich
    bekennt, was Hanolds Gedanken von ihr vermuten, indem sie
    mitteilt, sie sei sicher gewesen, sich in Pompeji etwas
    Interessantes »auszugraben«. Sie greift dabei in den archäo-
    logischen Vorstellungskreis, wie er mit seinem Gleichnis vom
    Eidechsenfang in den zoologischen, als ob sie einander ent-
    gegenstreben würden und jeder die Eigenart des anderen an-
    nehmen wollte.

    So hätten wir die Deutung auch dieses zweiten Traumes
    erledigt. Beide sind unserem Verständnis zugänglich ge-
    worden unter der Voraussetzung, daß der Träumer in seinem
    unbewußten Denken all das weiß, was er im bewußten ver-
    gessen hat, all das dort richtig beurteilt, was er hier wahn-
    haft verkennt. Dabei haben wir freilich manche Behauptung
    aufstellen müssen, die dem Leser, weil fremd, auch befremd-
    lich klang, und wahrscheinlich oft den Verdacht erweckt, daß
    wir für den Sinn des Dichters ausgeben, was nur unser eigener
    Sinn ist. Wir sind alles zu tun bereit, um diesen Verdacht
    zu zerstreuen, und wollen darum einen der heikelsten Punkte
    — ich meine die Verwendung zweideutiger Worte und Reden
    wie im Beispiele: Irgendwo in der Sonne sitzt die Gradiva —
    gern ausführlicher in Betracht ziehen.

    Es muß jedem Leser der »Gradiva« auffallen, wie häufig
    der Dichter seinen beiden Hauptpersonen Reden in den Mund
    legt, die zweierlei Sinn ergeben. Bei Hanold sind diese Reden
    eindeutig gemeint, und nur seine Partnerin, die Gradiva,
    wird von deren anderem Sinn ergriffen. So, wenn er nach
    ihrer ersten Antwort ausruft: Ich wußte es, so klänge deine

  • S.

    77

    Stimme, und die noch unaufgeklärte Zoë fragen muß, wie
    das möglich sei, da er sie noch nicht sprechen gehört habe.
    In der zweiten Unterredung wird das Mädchen für einen
    Augenblick an seinem Wahne irre, da er versichert, er habe
    sie sofort erkannt. Sie muß diese Worte in dem Sinne ver-
    stehen, der für sein Unbewußtes richtig ist als Anerkennung
    ihrer in die Kindheit zurückreichenden Bekanntschaft, während
    er natürlich von dieser Tragweite seiner Rede nichts weiß
    und sie auch nur durch Beziehung auf den ihn beherrschenden
    Wahn erläutert. Die Reden des Mädchens hingegen, in deren
    Person die hellste Geistesklarheit dem Wahn entgegengestellt
    wird, sind mit Absicht zweideutig gehalten. Der eine Sinn
    derselben schmiegt sich dem Wahne Hanolds an, um in sein
    bewußtes Verständnis dringen zu können, der andere erhebt
    sich über den Wahn und gibt uns in der Regel die Über-
    setzung desselben in die von ihm vertretene unbewußte Wahr-
    heit. Es ist ein Triumph des Witzes, den Wahn und die Wahr-
    heit in der nämlichen Ausdrucksform darstellen zu können.

    Durchsetzt von solchen Zweideutigkeiten ist die Rede
    der Zoë, in welcher sie der Freundin die Situation aufklärt
    und sich gleichzeitig von ihrer störenden Gesellschaft befreit;
    sie ist eigentlich aus dem Buche herausgesprochen, mehr für
    uns Leser als für die glückliche Kollegin berechnet. In den
    Gesprächen mit Hanold ist der Doppelsinn meist dadurch her-
    gestellt, daß Zoë sich der Symbolik bedient, welche wir im
    ersten Traume Hanolds befolgt fanden, der Gleichstellung
    von Verdrängung und Verschüttung, Pompeji und Kindheit.
    So kann sie mit ihren Reden einerseits in der Rolle ver-
    bleiben, die ihr der Wahn Hanolds anweist, anderseits an
    die wirklichen Verhältnisse rühren und im Unbewußten
    Hanolds das Verständnis für dieselben wecken.

    »Ich habe mich schon lange daran gewöhnt, tot zu sein.«
    (G. p. 90.) – »Für mich ist die Blume der Vergessenheit aus
    deiner Hand die richtige.« (G. p. 90.) In diesen Reden meldet
    sich leise der Vorwurf, der dann in ihrer letzten Strafpredigt
    deutlich genug hervorbricht, wo sie ihn mit dem Archäo-
    pteryx vergleicht. »Daß jemand erst sterben muß, um lebendig

  • S.

    78

    zu werden. Aber für die Archäologen ist das wohl notwendig«
    (G. p. 141), sagt sie noch nachträglich nach der Lösung des
    Wahnes, wie um den Schlüssel zu ihren zweideutigen Reden
    zu geben. Die schönste Anwendung ihrer Symbolik gelingt
    ihr aber in der Frage: (G. p. 118) »Mir ist's, als hätten wir
    schon vor zweitausend Jahren einmal so zusammen unser
    Brot gegessen. Kannst du dich nicht darauf besinnen?«, in
    welcher Rede die Ersetzung der Kindheit durch die historische
    Vorzeit und das Bemühen, die Erinnerung an die erstere zu
    erwecken, ganz unverkennbar sind.

    Woher nun diese auffällige Bevorzugung der zweideutigen
    Reden in der »Gradiva«? Sie erscheint uns nicht als Zufällig-
    keit, sondern als notwendige Abfolge aus den Voraussetzungen
    der Erzählung. Sie ist nichts anderes als das Seitenstück zur
    zweifachen Determinierung der Symptome, insofern die Reden
    selbst Symptome sind und wie diese aus Kompromissen zwi-
    schen Bewußtem und Unbewußtem hervorgehen. Nur daß man
    den Reden diesen doppelten Ursprung leichter anmerkt als
    etwa den Handlungen, und wenn es gelingt, was die Schmieg-
    samkeit des Materials der Rede oftmals ermöglicht, in der
    nämlichsten Fügung von Worten jedem der beiden Rede-
    absichten guten Ausdruck zu verschaffen, dann liegt das vor,
    was wir eine »Zweideutigkeit« heißen.

    Während der psychotherapeutischen Behandlung eines
    Wahnes oder einer analogen Störung entwickelt man häufig
    solche zweideutige Reden beim Kranken, als neue Symptome
    von flüchtigstem' Bestand, und kann auch selbst in die Lage
    kommen, sich ihrer zu bedienen, wobei man mit dem für das
    Bewußtsein des Kranken bestimmten Sinn nicht selten das
    Verständnis für den im Unbewußten giltigen anregt. Ich weiß
    aus Erfahrung, daß diese Rolle der Zweideutigkeit bei den
    Uneingeweihten den größten Anstoß zu erregen und die
    größten Mißverständnisse zu verursachen pflegt, aber der
    Dichter hatte jedenfalls Recht, auch diesen charakteristischen
    Zug der Vorgänge bei der Traum- und Wahn-
    bildung in seiner
    Schöpfung zur Darstellung zu bringen.