• S.

    79


    IV.

    Mit dem Auftreten der Zoë als Arzt erwache bei uns,
    sagten wir bereits, ein neues Interesse. Wir würden gespannt
    sein zu erfahren, ob eine solche Heilung, wie sie von ihr an
    Hanold vollzogen wird, begreiflich oder überhaupt möglich
    ist, ob der Dichter die Bedingungen für das Schwinden eines
    Wahnes ebenso richtig erschaut hat wie die seiner Entstehung.

    Ohne Zweifel wird uns hier eine Anschauung entgegen-
    treten, die dem vom Dichter geschilderten Falle solches prin-
    zipielle Interesse abspricht und kein der Aufklärung bedürf-
    tiges Problem anerkennt. Dem Hanold bleibe nichts anderes
    übrig, als seinen Wahn wieder aufzulösen, nachdem das Ob-
    jekt desselben, die vermeintliche »Gradiva« selbst, ihn der
    Unrichtigkeit all seiner Aufstellungen überführe und ihm die
    natürlichsten Erklärungen für alles Rätselhafte, z. B. woher
    sie seinen Namen wisse, gebe. Damit wäre die Angelegenheit
    logisch erledigt; da aber das Mädchen ihm in diesem Zu-
    sammenhang ihre Liebe gestanden, lasse der Dichter, gewiß
    zur Befriedigung seiner Leserinnen, die sonst nicht uninteres-
    sante Erzählung mit dem gewöhnlichen glücklichen Schluß,
    der Heirat, enden. Konsequenter und ebenso möglich wäre
    der andere Schluß gewesen, daß der junge Gelehrte nach der
    Aufklärung seines Irrtums mit höflichem Danke von der jungen
    Dame Abschied nehme und die Ablehnung ihrer Liebe damit
    motiviere, daß er zwar für antike Frauen aus Bronze oder
    Stein und deren Urbilder, wenn sie dem Verkehr erreichbar
    wären, ein intensives Interesse aufbringen könne, mit einem
    zeitgenössischen Mädchen aus Fleisch und Bein aber nichts
    anzufangen wisse. Das archäologische Phantasiestück sei eben
    vom Dichter recht willkürlich mit einer Liebesgeschichte zu-
    sammengekittet worden.

    Indem wir diese Auffassung als unmöglich abweisen,
    werden wir erst aufmerksam gemacht, daß wir die an Hanold
    eintretende Veränderung nicht nur in den Verzicht auf den
    Wahn zu verlegen haben. Gleichzeitig, ja noch vor der Auf-
    lösung des letzteren, ist das Erwachen des Liebesbedürfnisses

  • S.

    80

    bei ihm unverkennbar, das dann wie selbstverständlich in die
    Werbung um das Mädchen ausläuft, welches ihn von seinem
    Wahn befreit hat. Wir haben bereits hervorgehoben, unter
    welchen Vorwänden und Einkleidungen die Neugierde nach
    ihrer leiblichen Beschaffenheit, die Eifersucht und der brutale
    männliche Bemächtigungstrieb sich bei ihm mitten im Wahne
    äußern, seitdem die verdrängte Liebessehnsucht ihm den ersten
    Traum eingegeben hat. Nehmen wir als weiteres Zeugnis hinzu,
    daß am Abend nach der zweiten Unterredung mit der Gradiva
    ihm zuerst ein lebendes weibliches Wesen sympathisch er-
    scheint, obwohl er noch seinem früheren Abscheu vor Hoch-
    zeitsreisenden die Konzession macht, die Sympathische nicht
    als Neuvermählte zu erkennen. Am nächsten Vormittag aber
    macht ihn ein Zufall zum Zeugen des Austausches von Zärt-
    lichkeiten zwischen diesem Mädchen und seinem vermeintlichen
    Bruder, und da zieht er sich scheu zurück, als hätte er eine
    heilige Handlung gestört. Der Hohn auf „August und Grete“
    ist vergessen, der Respekt vor dem Liebesleben bei ihm her-
    gestellt.

    So hat der Dichter die Lösung des Wahnes und das Her-
    vorbrechen des Liebesbedürfnisses innigst miteinander ver-
    knüpft, den Ausgang in eine Liebeswerbung als notwendig
    vorbereitet. Er kennt das Wesen des Wahnes eben besser als
    seine Kritiker, er weiß, daß eine Komponente von verliebter
    Sehnsucht mit einer Komponente des Sträubens zur Entstehung
    des Wahnes zusammengetreten sind, und er läßt das Mädchen,
    welches die Heilung unternimmt, die ihr genehme Komponente
    im Wahne Hanolds herausfühlen. Nur diese Einsicht kann sie
    bestimmen, sich einer Behandlung zu widmen, nur die Sicher-
    heit, sich von ihm geliebt zu wissen, sie bewegen, ihm ihre
    Liebe zu gestehen. Die Behandlung besteht darin, ihm die
    verdrängten Erinnerungen, die er von innen her nicht frei-
    machen kann, von außen her wiederzugeben; sie würde aber
    keine Wirkung äußern, wenn die Therapeutin dabei nicht auf
    die Gefühle Rücksicht nehmen, und die Übersetzung des
    Wahnes nicht schließlich lauten würde: Sieh’, das bedeutet
    doch alles nur, daß du mich liebst.

  • S.

    81


    Das Verfahren, welches der Dichter seine Zoë zur Heilung
    des Wahnes bei ihrem Jugendfreunde einschlagen läßt, zeigt
    eine weitgehende Ähnlichkeit, nein, eine volle Übereinstimmung
    im Wesen, mit einer therapeutischen Methode, welche Dr. J.
    Breuer und der Verfasser im Jahre 1895 in die Medizin ein-
    geführt haben, und deren Vervollkommnung sich der letztere
    seitdem gewidmet hat. Diese Behandlungsweise, von Breuer
    zuerst die »kathartische« genannt, vom Verfasser mit Vor-
    liebe als »analytische« bezeichnet, besteht darin, daß man bei
    den Kranken, die an analogen Störungen wie der Wahn
    Hanolds leiden, das Unbewußte, unter dessen Verdrängung sie
    erkrankt sind, gewissermaßen gewaltsam zum Bewußtsein
    bringt, ganz so wie es die Gradiva mit den verdrängten Er-
    innerungen an ihre Kinderbeziehungen tut. Freilich, die Gra-
    diva hat die Erfüllung dieser Aufgabe leichter als der Arzt,
    sie befindet sich dabei in einer nach mehreren Richtungen
    ideal zu nennenden Position. Der Arzt, der seinen Kranken
    nicht von vornherein durchschaut und nicht als bewußte Er-
    innerung in sich trägt, was in jenem unbewußt arbeitet, muß
    eine komplizierte Technik zu Hilfe nehmen, um diesen Nach-
    teil auszugleichen. Er muß es lernen, aus den bewußten Ein-
    fällen und Mitteilungen des Kranken mit großer Sicherheit
    auf das Verdrängte in ihm zu schließen, das Unbewußte zu
    erraten, wo es sich hinter den bewußten Äußerungen und
    Handlungen des Kranken verrät. Er bringt dann Ähnliches
    zu stande, wie es Norbert Hanold am Ende der Erzählung
    selbst versteht, indem er sich den Namen »Gradiva« in »Bert-
    gang« rückübersetzt. Die Störung schwindet dann, während
    sie auf ihren Ursprung zurückgeführt wird; die Analyse
    bringt auch gleichzeitig die Heilung.

    Die Ähnlichkeit zwischen dem Verfahren der Gradiva
    und der analytischen Methode der Psychotherapie beschränkt
    sich aber nicht auf diese beiden Punkte, das Bewußtmachen
    des Verdrängten und das Zusammenfallen von Aufklärung
    und Heilung. Sie erstreckt sich auch auf das, was sich als
    das Wesentliche der ganzen Veränderung herausstellt, auf
    die Erweckung der Gefühle. Jede dem Wahne Hanolds analoge

    Freud, Der Wahn und die Träume.

  • S.

    82

    Störung, die wir in der Wissenschaft als Psychoneurose zu
    bezeichnen gewohnt sind, hat die Verdrängung eines Stückes
    des Trieblebens, sagen wir getrost des Sexualtriebes, zur Vor-
    aussetzung, und bei jedem Versuch, die unbewußte und ver-
    drängte Krankheitsursache ins Bewußtsein einzuführen, er-
    wacht notwendig die betreffende Triebkomponente zu er-
    neutem Kampf mit den sie verdrängenden Mächten, um sich
    mit ihnen oft unter heftigen Reaktionserscheinungen zum
    endlichen Ausgang abzugleichen. In einem Liebesrezidiv voll-
    zieht sich der Prozeß der Genesung, wenn wir alle die
    mannigfaltigen Komponenten des Sexualtriebes als »Liebe«
    zusammenfassen, und dieses Rezidiv ist unerläßlich, denn die
    Symptome, wegen deren die Behandlung unternommen wurde,
    sind nichts anderes als Niederschläge früherer Verdrängungs-
    oder Wiederkehrkämpfe und können nur von einer neuen
    Hochflut der nämlichen Leidenschaften gelöst und weg-
    geschwemmt werden. Jede psychoanalytische Behandlung ist
    ein Versuch, verdrängte Liebe zu befreien, die in einem
    Symptom einen kümmerlichen Kompromißausweg gefunden
    hatte. Ja, die Übereinstimmung mit dem vom Dichter ge-
    schilderten Heilungsvorgang in der »Gradiva« erreicht ihre
    Höhe, wenn wir hinzufügen, daß auch in der analytischen
    Psychotherapie die wiedergeweckte Leidenschaft, sei sie Liebe
    oder Haß, jedesmal die Person des Arztes zu ihrem Objekte
    wählt.

    Dann setzen freilich die Unterschiede ein, welche den
    Fall der Gradiva zum Idealfall machen, den die ärztliche
    Technik nicht erreichen kann. Die Gradiva kann die aus dem
    Unbewußten zum Bewußtsein durchdringende Liebe erwidern,
    der Arzt kann es nicht; die Gradiva ist selbst das Objekt der
    früheren, verdrängten Liebe gewesen, ihre Person bietet der
    befreiten Liebesstrebung sofort ein begehrenswertes Ziel. Der
    Arzt ist ein Fremder gewesen und muß trachten, nach der
    Heilung wieder ein Fremder zu werden; er weiß den Ge-
    heilten oft nicht zu raten, wie sie ihre wiedergewonnene
    Liebesfähigkeit im Leben verwenden können. Mit welchen
    Auskunftsmitteln und Surrogaten sich dann der Arzt behilft,

  • S.

    83


    um sich dem Vorbild einer Liebesheilung, das uns der Dichter
    gezeichnet, mit mehr oder weniger Erfolg zu nähern, das
    anzudeuten, würde uns viel zu weit weg von der uns vor-
    liegenden Aufgabe führen. –

    Nun aber die letzte Frage, deren Beantwortung wir be-
    reits einigemal aus dem Wege gegangen sind. Unsere An-
    schauungen über die Verdrängung, die Entstehung eines
    Wahnes und verwandter Störungen, die Bildung und Auf-
    lösung von Träumen, die Rolle des Liebeslebens und die Art
    der Heilung bei solchen Störungen sind ja keineswegs Gemein-
    gut der Wissenschaft, geschweige denn bequemer Besitz der
    Gebildeten zu nennen. Ist die Einsicht, welche den Dichter
    befähigt, sein »Phantasiestück« so zu schaffen, daß wir es
    wie eine reale Krankengeschichte zergliedern können, von
    der Art einer Kenntnis, so wären wir begierig, die Quellen
    dieser Kenntnis kennen zu lernen. Einer aus dem Kreise, der,
    wie eingangs ausgeführt, an den Träumen in der »Gradiva«
    und deren möglichen Deutung Interesse nahm, wandte sich
    an den Dichter mit der direkten Anfrage, ob ihm von den
    so ähnlichen Theorien in der Wissenschaft etwas bekannt
    worden sei. Der Dichter antwortete, wie vorauszusehen war,
    verneinend und sogar etwas unwirsch. Seine Phantasie habe
    ihm die »Gradiva« eingegeben, an der er seine Freude ge-
    habt habe; wem sie nicht gefalle, der möge sie eben stehen
    lassen. Er ahnte nicht, wie sehr sie den Lesern gefallen hatte.

    Es ist sehr leicht möglich, daß der Dichter nicht dabei Halt
    macht. Vielleicht stellt er überhaupt die Kenntnis der Regeln
    in Abrede, deren Befolgung wir bei ihm nachgewiesen haben,
    und verleugnet alle die Absichten, die wir in seiner Schöpfung
    erkannt haben. Ich halte dies nicht für unwahrscheinlich;
    dann aber sind nur zwei Fälle möglich. Entweder wir haben
    ein rechtes Zerrbild der Interpretation geliefert, indem wir in
    ein harmloses Kunstwerk Tendenzen verlegt haben, von denen
    dessen Schöpfer keine Ahnung hatte, und haben damit wieder
    einmal bewiesen, wie leicht es ist, das zu finden, was man
    sucht, und wovon man selbst erfüllt ist, eine Möglichkeit, für die
    die in der Litera-
    tur

  • S.

    84

    turgeschichte die seltsamsten Beispiele verzeichnet sind. Mag
    nun jeder Leser selbst mit sich einig werden, ob er sich dieser
    Aufklärung anzuschließen vermag; wir halten natürlich an
    der anderen, noch erübrigenden Auffassung fest. Wir meinen,
    daß der Dichter von solchen Regeln und Absichten nichts zu
    wissen brauche, so daß er sie in gutem Glauben verleugnen
    könne, und daß wir doch in seiner Dichtung nichts gefunden
    haben, was nicht in ihr enthalten ist. Wir schöpfen wahr-
    scheinlich aus der gleichen Quelle, bearbeiten das nämliche
    Objekt, ein jeder von uns mit einer anderen Methode, und
    die Übereinstimmung im Ergebnis scheint dafür zu bürgen,
    daß beide richtig gearbeitet haben. Unser Verfahren besteht
    in der bewußten Beobachtung der abnormen seelischen Vor-
    gänge bei anderen, um deren Gesetze erraten und aussprechen
    zu können. Der Dichter geht wohl anders vor; er richtet
    seine Aufmerksamkeit auf das Unbewußte in seiner eigenen
    Seele, lauscht den Entwicklungsmöglichkeiten desselben und
    gestattet ihnen den künstlerischen Ausdruck, anstatt sie mit
    bewußter Kritik zu unterdrücken. So erfährt er aus sich, was
    wir bei anderen erlernen, welchen Gesetzen die Betätigung
    dieses Unbewußten folgen muß, aber er braucht diese Gesetze
    nicht auszusprechen, nicht einmal sie klar zu erkennen, sie
    sind infolge der Duldung seiner Intelligenz in seinen Schöpfün-
    gen verkörpert enthalten. Wir entwickeln diese Gesetze durch
    Analyse aus seinen Dichtungen, wie wir sie aus den Fällen
    realer Erkrankung herausfinden, aber der Schluß scheint
    unabweisbar, entweder haben beide, der Dichter wie der Arzt,
    das Unbewußte in gleicher Weise mißverstanden, oder wir
    haben es beide richtig verstanden. Dieser Schluß ist uns sehr
    wertvoll; um seinetwegen war es uns der Mühe wert, die
    Darstellung der Wahnbildung und Wahnheilung sowie die
    Träume in Jensens »Gradiva« mit den Methoden der ärzt-
    lichen Psychoanalyse zu untersuchen. —

    Wir wären am Ende angelangt. Ein aufmerksamer Leser
    könnte uns doch mahnen, wir hätten eingangs hingeworfen,
    Träume seien als erfüllt dargestellte Wünsche und wären
    dann den Beweis dafür schuldig geblieben. Nun, wir erwidern,

  • S.

    IN W. JENSENS »GRADIVA« | E 85

    unsere Ausführungen könnten wohl zeigen, wie ungerecht-
    fertigt es wäre, die Aufklärungen, die wir über den Traum
    zu geben haben, mit der einen Formel, der Traum sei eine
    Wunscherfüllung, decken zu wollen. Aber die Behauptung
    besteht und ist auch für die Träume in der Gradiva leicht
    zu erweisen. Die latenten Traumgedanken — wir wissen jetzt,
    was darunter gemeint ist — können von der mannigfaltigsten
    Art sein; in der Gradiva sind es »Tagesreste«, Gedanken, die
    ungehört und unerledigt vom seelischen Treiben des Wachens
    übrig gelassen sind. Damit aber aus ihnen ein Traum ent-
    stehe, wird die Mitwirkung eines — meist unbewußten —
    Wunsches erfordert; dieser stellt die Triebkraft für die Traum-
    bildung her, die Tagesreste geben das Material dazu. Im
    ersten Traume Norbert Hanolds konkurrieren zwei Wünsche
    miteinander, um den Traum zu schaffen, der eine selbst ein
    bewußtseinsfähiger, der andere freilich dem Unbewußten an-
    gehörig und aus der Verdrängung wirksam. Der erste wäre
    der bei jedem Archäologen begreifliche Wunsch, Augenzeuge
    jener Katastrophe des Jahres 79 gewesen zu sein. Welches
    Opfer wäre einem Altertumsforscher wohl zu groß, wenn
    dieser Wunsch noch anders als auf dem Wege des Traumes
    zu verwirklichen wäre! Der andere Wunsch und Traumbildner
    ist erotischer Natur; dabei zu sein, wenn die Geliebte sich
    zum Schlafen hinlegt, könnte man ihn in grober oder auch
    unvollkommener Fassung aussprechen, Er ist es, dessen Ab-
    lehnung den Traum zum Angsttraum werden läßt. Minder
    augenfällig sind vielleicht die treibenden Wünsche des zweiten
    Traumes, aber wenn wir uns an dessen Übersetzung erinnern,
    werden wir nicht zögern, sie gleichfalls als erotische anzu-
    sprechen. Der Wunsch, von der Geliebten gefangen genommen
    zu werden, sich ihr zu fügen und zu unterwerfen, wie ér
    hinter der Situation des Eidechsenfanges konstruiert werden
    darf, hat eigentlich passiven, masochistischen Charakter. Am
    nächsten Tag schlägt der Träumer die Geliebte, wie unter der
    Herrschaft der gegensätzlichen erotischen Strömung. Aber wir
    müssen hier innehalten, sonst vergessen wir vielleicht wirklich,
    daß Hanold und die Gradiva nur Geschöpfe des Dichters sind.